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Data ·September2014 CITATIONS 0 1author: UlrichSchultz-Venrath UniversitätWitten/Herdecke 155

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rie der Psychoanalyse entwickelt (Stolorow

und

Atwood

1996). Das

kommunikative

Verständnis der analytischen Situation wird

hierbei ins Zentrum gestellt. Mitchell (2000)

451

Ulrich Schultz-Venrath

spricht von einem »relational turn«, einem

Paradigmawechsel, mit dem die analytische

Situation neu konzeptualisiert werde. Inter

subjektivität ist aufdiese Weise eng mit der

relationalen Psychoanalyse verbunden. Die

analytische Beziehung wird alseineSubjekt-

Subjekt-Beziehung verstanden, deren Struk

tur mehr einer Gegenseitigkeit (»mutuali- ty«) und weniger einer polaren Subjekt-Ob- jekt-Komplementarität entspricht.

Intersubjektive Analytiker »betonen die

Unvermeidlichkeit einer gegenseitigen und

reziproken Beeinflussung zwischen Patient

und

Analytiker«

(Bohleber

2006, S.205)

und vertreten als »Grundannahme, dass die

psychoanalytische Begegnung von zwei ak

tiven Teilnehmern gemeinsam konstruiert (ko-konstruiert) wird« (Fonagy und Tar

get 2006, S.278). Sie setzen sich damit von

der klassischen Idee des Analytikers als Be

obachter ebenso ab wie von einer einseiti

gen Beeinflussung des Patienten durch den

Analytiker. Die intersubjektive Sichtweise

betont das »Zwischen« in der analytischen

Situation, vergleichbar mit dem »potential

space« von Winnicott

(Aron 1996), und

versteht die psychoanalytische Situation als

ein durch die Beiträge von Analytiker und Analysand gleichermaßen gestaltetes dy

namisches Feld, das - je nach theoretischer

Orientierung - mehr symmetrisch odermehr

asymmetrisch gesehen wird. Im Unterschied

zur klassischen Auffassung lassen sich nach

diesem Modell viele Phänomene der analy

tischen Situation nicht mehr linear-kausal

einem der beiden Beteiligten zuschreiben,

sondern

sind

durch

zirkulär

aufeinander

bezogene Beziehungsprozesse zu verstehen.

Während die meisten Psychoanalytiker

dieser Konzeptualisierung

wahrscheinlich

zustimmen, besteht eine geringere Überein

stimmung hinsichtlich der klinischen

Im

plikationen (Frie und Reis 2001): Sind die

Begriffe intersubjektiv, interaktionell und interpersonell austauschbar? Gibt es eine

intersubjektive Theorie oder mehrere? Ist die Subjektivität des Patienten und des Ana

452

lytikers nur ein Produkt der intersubjektiven

Dyade? Ist Intersubjektivität selbst ein Mo

tivationssystem, ähnlich dem Bindungssys

tem und der Sexualität, wie es Daniel Stern

(2007) sieht? Wegen dieser offenen Fragen

ist davon auszugehen, dass sich unter Inter

subjektivität relativ heterogene psychoana

lytische Vorstellungen versammeln.

2. Klassische Auffassung

Freud benutzte den Begriff »Intersubjektivi

tät« nicht. Gleichwohl handelt es sich beim

»relational turn« um eine Auffassung, die

sich im Ansatz bereits in Freuds Formulie

rung findet, dass »im Seelenleben des Ein

zelnen [

]

ganz regelmäßig der Andere als

Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Geg

ner in Betracht [kommt]«, weshalb »die In-

dividualpsychologie

von Anfangan auch

gleichzeitig Sozialpsychologie« sei (Freud

1921c, S. 73).

Der

Intersubjektivitätsbegriff

schiedene Wurzeln:

hat

ver

• Das nordamerikanische Modell der Per

sönlichkeitsentwicklung

nach

Sullivan

(1953);

dieser lehnte

es ab, Störungen

ausschließlich auf intrapsychische Me

chanismen

zurückzuführen. Stattdessen

vertrat er, dass man niemanden verste

hen könne, wenn man ihn nicht in seinen

Beziehungen zu anderen Menschen sehe.

• Mitchells (2000)

Entwurf einer relatio

nalen Psychoanalyse, in der die verschie

denen

theoretischen

Ansätze

von

Loe-

wald (1974),

(1978), Winnicott (1974) und Sullivan

hinsichtlich Individualität, Subjektivität

und Intersubjektivität integriert werden.

• Europäische Konzepte (Bohleber 2006),

zu

denen

die

sinnlich-symbolischen

Interaktionsformen

Lorenzers

ebenso

zählen wie Argelanders szenisches Ver

stehen.

Dieses

fand

seine am

weitesten

fortgeschrittene Explikation in der ana-

lytischen Gruppenpsychotherapie, in der

der Patient als »Sprecher einer gemein

samen

unbewussten

Aktion der Grup

pe«

gesehen wurde (Argelander

1968,

S.914).

Der

radikale

Konstruktivismus

der

1980er Jahre hat das Intersubjektivitäts-

theorem ebenfalls beeinflusst: »Wir kön

nen uns nicht sehen, wenn wir uns nicht

in unseren Interaktionen mit anderen se

hen lernen und dadurch, dass wir die an

deren als Spiegelungen unserer selbst se

hen, auch uns selbst als Spiegelung der

anderen sehen« (Maturana 1987, S. 117).

Patient und Analytiker interagieren überdie

Bedeutungsgehalte der Sprache, mit ihrer Stimme, Bewegung, Gestik. Sie beeinflussen

beispielsweise wechselseitig ihren Atem

rhythmus, indem sie leibhaftig und unmit

telbar sinnlich aufeinander einwirken, ohne dass ihnen das bewusst wird (Scharff 2010).

Soll dies konzeptuell gefasst werden, gerät

die Unmittelbarkeit intersubjektiver Begeg

nung in den Mittelpunkt. Stern (2007) kriti

sierte mehrfach, dass die psychoanalytische

Behandlungstechnik viel zu schnell das prä

sentische Moment der Begegnung und Er

fahrung verlasse, um nach Bedeutung zu

suchen. Aus Sicht der relationalen Psycho

analyse liegen aber diese präsentischen Er

fahrungen, die affektiv bedeutsam sind und

nur vorsprachlich erfahren werden, der Dy

namik von Übertragung und Gegenübertra

gung zugrunde. Ein Risiko der klassischen

Theorie der analytischen Beziehung beste

he darin, in der Suche nach Bedeutung die

se basalen Erfahrungsebenen auszublenden.

Der InterSubjektivismus wird klinisch aktu

ell am konsequentesten in Gestalt der men-

talisierungsbasierten Einzel- und Gruppen

therapie vertreten (Allen et al. 2011; Bate-

man und Fonagy 2011; Karterud und Ba-

teman 2011; Schultz-Venrath 2008; 2011;

Leszcz und Malat 2012; Schermer und Ri

ce 2012). Eine gewisse Unscharfe, entsteht

dadurch,

dass

bisher

nicht

systematisch

Intersubjektivität

zwischen den Begriffen »interaktiv«

und

»intersubjektiv« unterschieden wird (Whi-

tebook 2001, S. 781).

3.

Ideengeschichtlicher

Hintergrund

Freud (1905a, S.17) hatte den Analytiker

noch mit einem Bildhauer verglichen, der

anders als der Maler nichts aufsetze, son

dern eher etwas wegnehme. Gegen dieses Gleichnis kann eingewendet werden, dass

sich kein Patient gerne nach den Vorga

ben seines Analytikers zurechthauen lassen

mag. Nimmt man diesen Einwand ernst,

»dann wird nicht nur der Patient, sondern

auch der Analytiker zurecht gehauen - und

das ist fraglos ein ziemlich unterbelichteter

Teil in der Theorie, aber Alltag in der Er

fahrung« (Buchholz 2005, S.630).

Die intersubjektive Wende in der Psy

choanalyse ist ohne die

philosophischen

Entwicklungen im Europa der letzten bei

den Jahrhunderte nicht zu verstehen (Frie

und Reis 2001). Intersubjektive Psychoana

lytiker können sich aufdie phänomenologi

sche Philosophie und Psychologie, auch So ziologie und Wissenschaftstheorie des 20.

Jahrhunderts berufen, für die u.a. Husserl,

Wittgenstein, Davidson, Mead, aber auch

Cavell (1994, S.40) stehen: »Subjektivität

ist der Intersubjektivität nicht vorgängig,

sondern taucht gleichzeitig mit ihr auf«.

Diese Auffassung kulminiert in der philo

sophischen und medizinischen Anthropolo

gie der 1950er Jahre im Begriff der »Begeg

nung«. Sie gründet auf den philosophischen

Entwürfen des Dialogs, wie sie unter ande

rem von Martin Buber, Franz Rosenzweig

und Viktor von Weizsäcker seit den 1920er

Jahren

entwickelt

wurden

(Theunissen

1997). So beziehen sich die Vertreter der

Intersubjektivität u.a. auf Edmund Hus-

serls Phänomenologie, auf Martin Bubers

»Zwischen«

und

»Gegenseitigkeit«

einer

unmittelbaren »Ich-Du-Beziehung« (Buber

453

Ulrich Schultz-Venrath

1923) sowie nicht zuletzt auf Viktor von

Weizsäckers Gestaltkreis (1940) mit seinem

Verschränkungskonzept von »Wahrneh men und Bewegen«, in deren Theorien das

Ich, bzw. das Selbst, immer intersubjektiv

konstituiert wird. Diese Ansätze verbinden

darüber hinaus mit Intersubjektivität eine

Vorstellung von Intentionalität, mit der das

Bewusstsein von vornherein auf etwas ge

richtet ist (Bohleber 2006, S.209).

Thea Bauriedl (1980) versuchte lange vor

den

Arbeiten Mitchells, von dem Hinter

grund ihrer familientherapeutischen Erfah

rungen, mit ihrer Kritik an verschiedenen

intrapsychischen Begriffen

(z.B.

der

Ab

wehr oder der Abstinenz), die Psychoanaly

se als Beziehungswissenschaft aufzufassen.

»Dass das Handeln des Psychoanalytikers

so wenig gesehen werden kann, hat wohl

damit zu tun, dass man es lange Zeit für et

was Verbotenes hielt und deshalb nicht se

hen konnte, dass der Psychoanalytiker auf

der Beziehungsebene immer handelt, auch

wenn er schweigt« (Bauriedl 1994, S. 169).

Freud und seine Schüler hatten ihr Inte

resse ausschließlich auf das Unbewusste ge

richtet, wodurch Aspekte des verdrängten

»Gegenwartsmoments« und der phänome

nalen

Erfahrungen

weitgehend

unbelich-

tet blieben. Dieser Aspekt kam erst durch

die Ergebnisse der Bindungsforschung in

die psychoanalytische Theorie: Die Entde

ckung der äußeren Welt wird erst durch die

Psyche Anderer möglich (Fonagy und Tar

get 2007). Das Selbst-Gewahrsein und die

Selbstwirksamkeit (seif agency) des Säug

lings als Voraussetzung von Selbstbewusst-

heit eröffnen neue Perspektiven auch für die

Behandlungstechnik (z.B. Fragen statt Deu

ten). Unabhängig davon, dass (intersubjek

tives) Bewusstsein einer Art erweiterter dy-

adischer

oder

polyadischer

Beziehungen

(z.B. einer Gruppe) entstammt, kann heu

te davon ausgegangen werden, dass Gefüh

le wie Bewusstsein - und später die Sprache

- erst sozial durch Spiegelung konstruiert

werden. Insofern kann »reflexives Bewusst

454

sein erst auftauchen, sobald ein >Anderer<

anwesend ist,

um

zu

bezeugen, dass wir

eine phänomenale Erfahrung haben« (Stern

2007, S. 132 ff.). Dies erklärt, warum sich

Psychoanalytiker vermehrt mit der Bedeu

tung von Handlung, bzw. »acting in« und

Erleben als Teil der psychoanalytischen Si

tuation beschäftigten.

4. Wesentliche Erweiterungen,

Differenzierungen und

Modifikationen

Die Bezeichnung »inter-subjektiv« fasst im psychoanalytischen Diskurs inzwischen

unterschiedliche

meinen damit die

Phänomene.

Die

einen

Interaktionen

zwischen

den Subjekten, die anderen in Anlehnung

an einen neueren phänomenologischen Dis

kurs (Waldenfels 2002) den Zwischenraum

zwischen Subjekt und Anderen (Quinde-

au 2008, S.39). Während

psychoanalytische Theorie

die klassische

bezüglich

der

Selbstentwicklung von internalisierten Trie

ben ausgeht, betont der interpersonelle An

satz die von Beginn des Lebens an sich ent

wickelnden, vielfältigen Handlungen (»Am

Anfang war die Tat«, so Goethe!) und Be

ziehungen, welche gleichzeitig zur Entwick

lung des Subjekts und der Intersubjektivi

tät, beitragen. Insofern bekommen die bin

dungstheoretischen Befunde zur frühen

Entwicklung ein neues Gewicht für die psy choanalytische Theorie, ebenso die neuro

wissenschaftlichen

Entdeckungen

der

so

genannten

auch beim Menschen gefundenen - Spiegel

neuronen handelt es sich um Neuronen, die

sowohl feuern, wenn ein Individuum eine

bestimmte Handlung ausführt (z.B. nach

dem Futter griff), als auch, wenn es ein an

deres Individuum bei einer ähnlichen Hand

lung beobachtet (Rizzolatti und Sinigaglia

2008, S.89f.) Durch Spiegelneurone wer

den nicht nur Handlungen, sondern auch Emotionen (visuell) zwischen zwei Subjek-

Spiegelneurone.

Unter

den

-

ten unmittelbar geteilt: »Nehmen wir bei

anderen Schmerz oder Ekel wahr, werden

dieselben Bereiche der Großhirnrinde ak

tiviert, die beteiligt sind, wenn wir selbst

Schmerz oder Ekel empfinden. Dies zeigt,

wie tief verwurzelt und stark die Beziehung

ist, die uns mit anderen verbindet, oder wie

bizarr es ist, sich ein Ich ohne ein Wir vor

zustellen« (Rizzolatti und Sinigaglia 2008,

S. 15). Dies unterstützt auch Emdes (2009)

Vorschlag, den Ego-Begriff durch den We-

go-Begriff zu ersetzen.

Die

entwicklungspsychologischen

wie

neurobiologischen Ergebnisse werden aktu

ell am gründlichsten vom Mentalisierungs-

modell integriert: »das Selbst [existiert] nur

im Kontext des Anderen und die Selbst

entwicklung [ist] gleichbedeutend mit dem

Sammeln von »Erfahrungen des Selbst-in

Beziehungen«« (Fonagy etal. 2004, S.48).

Eine solche Position betont nicht nur die klinischen Dimensionen einer pluralen

Intersubjektivität,

sondern relativiert die

dyadische Mutter-Kind-Beziehung. Durch

diesen erweiterten Intersubjektivitätsbegriff

steht die

relationale/interpersonelle/inter

subjektive Psychoanalyse der Gruppenana

lyse (Foulkes 1973) und der neueren »social

neuroscience« deutlich näher als der tradi

tionellen Psychoanalyse.

Dies eröffnet ein neues Problem, da die

traditionellen Unterschiede zwischen intra

psychisch und intersubjektiv/interpersonell,

zwischen privat und öffentlich, innen und

außen einen wichtigen Teil unseres psycho

analytischen Vokabulars ausmachen, das

aus der Perspektive der Intersubjektivität

einer dringenden Überarbeitung bedarf.

5. Die Bedeutung des Begriffs

in den verschiedenen

psychoanalytischen Schulen

Alle großen psychoanalytischen Schulen,

selbst die postkleinianischen Vertreter, z. B.

Ogden (2006), haben sich mehr oder vve-

Intersubjektivität

niger in Richtung Intersubjektivität entwi

ckelt. Stern (1985) konnte noch kritisieren,

dass

die

traditionelle

Ich-psychologische

Entwicklungstheorie aufgrund der Überbe

tonung des autonomen Selbst in der Folge

eines

Separations-Individuationsprozesses

die Hervorbringung wechselseitiger »men

tal states« vernachlässigt habe. Er selbst

vertritt eine empirisch belegte Intersubjek-

tivitätstheorie von korrespondierenden Stu

fen des Selbstgewahrseins und -empfindens

(»self-with-other«), die in den psychoana

lytischen Schulen unterschiedliche Aufnah

me fanden: vom »self-with-a-self-regulating

other« (mit der das Selbst vom Anderen re

guliert wird) zur Stufe des »self-resonating-

with-another« im Sinne einer Resonanzbe

ziehung bis hin zum schlichten Zusammen

sein mit dem Anderen (»self-in-the-presen-

ce-of-the-other«)

2006).

(Altmeyer

und Thomä

Jessica Benjamin (1990, 2009) beton

te die gegenseitige Anerkennung als intrin

sischen Aspekt der Selbstentwicklung, was

allerdings so selbstverständlich sei, dass

dies im täglichen Leben fast nicht auffal

le. Trotzdem

würde nach Benjamin eine

genaue Beforschung der analytischen Situ

ation darauf abzielen, unsere Theorie und

Praxis dahingehend zu verändern, dass

dort, wo Objekte waren, Subjekte sein müs

sen. Eine solche Perspektive verweist auf

das technische und theoretische Problem, dass nur untersucht werden kann, was bei

de Beteiligten miteinander teilen und ihnen

gemeinsam ist.

6. Interdisziplinäre Beiträge

Die größte Bedeutung für das Intersubjek-

tivitätstheorem haben die frühen Bindungs-

interaktionen zwischen Säugling und pri

märer Bezugsperson als Grundlage sozio-

emotionaler

und

neurobiologischer Ent

wicklung des Individuums.

Hier kommt

dem imitativen Verhalten sowohl eine kon-

455

Ulrich Schultz-Venrath

tingente als auch nicht-kontingente

Rol

le zu, etwa beim Herausstrecken der Zun

ge, beim Stirnrunzeln, Hochziehen der Au

genbrauen, Vorwölben

der Lippen oder

beim Öffnen des Mundes, wobei die Wie

derholung für die Bildung von Selbst- und

Objekt-Repräsentanzen

wenn

durch

soziales

obligat

Feedback

ist.

Erst

Kontin-

genzbeziehungen

entstanden

sind,

kann

vom sich entwickelnden Säugling auf kog

nitive verfügbare

ter Ordnung zurückgegriffen werden, »in

denen sich die primären, nicht-bewuss-

ten und prozeduralen Basisemotions-Auto-

matismen des angeborenen konstitutionel

len Selbst abbilden« (Gergely und Unoka

Repräsentationen zwei

2011,

S. 873).

Zu

mentalistischen

Inter

pretationen solch

früher Interaktionen im

Sinne einer primären »Intersubjektivität«

gibt es mittlerweile eine Vielzahl von For schungsarbeiten.

Der Säugling vermag zunächst kaum

selbstregulierend auf sein Affektgeschehen

einzuwirken, etwa indem er sich von über

erregenden Stimuli abwendet. Erst die fein

fühlige, mimische, vokale und verbale Spie

gelung seines Affektausdrucks durch die

primäre Bindungsperson führt zu einer all

mählichen Differenzierung und Sensibilisie

rung der eigenen und fremden emotionalen

Zustände. Die Äußerungen des Kleinkindes

werden durch die Mutter blitzschnell anti

zipiert und sie reagiert auf diese. Es besteht

ein ständiges wechselseitiges Hin und Her

zwischen beiden. Neben der feinfühligen

und Fehler korrigierenden Spiegelung sind

vermutlich angeborene Schemata über die

zu erwartende Reaktion des anderen wirk

sam (Sharp und Fonagy 2008). Bereits we

nige Tage nach der Geburt kann ein Baby

einen iMenschen, nicht aber einen Gegen

stand, anlächeln, was durch das

Zurück

lächeln der primären Bindungsperson ver

stärkt wird. Heute kann davon ausgegan

gen

werden,

dass

die

Interaktionen

zwi

schen Säugling und primärer Bezugsperson

in einem sehr frühen Entwicklungsstadium

456

zu Vorläufern solcher neurobiologischen

Strukturen werden, die als Repräsentan

zen psychischen Erleben dienen (Fonagy

2005, S.36). Dabei scheinen für die Selbst-

Entwicklung vor allem Prozesse bedeutsam

zu sein, die nicht nur die Entwicklung, son

dern auch die Verknüpfung von Repräsen

tanzen

wie die

(»representational

mapping«)

so

Repräsentation rationaler Hand

lung (»rational action«) ermöglichen. Diese

Prozesse sind etwa zwischen dem sechsten

und 18. Lebensmonat angesiedelt. In die

ser Zeit nimmt die Fähigkeit des Kleinkinds

zu, seine eigenen psychischen Befindlichkei

ten mit denen seiner Bezugsperson im Hin

blick auf eine dritte Person oder ein Objekt in Einklang zu bringen. Dies wird etwa an

der Forderung des Kindes nach gemeinsa

mer Aufmerksamkeit (»Joint attention«) er

kennbar, oder daran, dass Säuglinge etwa

ab dem sechsten Monat beginnen, mit ihrer

Aufmerksamkeit der Blickrichtung von Er

wachsenen zu folgen. Wenig später kön

nen sie die Aufmerksamkeit ihrer Bezugs

personen wecken und steuern, indem sie vo-

kalisieren und mit dem Finger zeigen. Die

se Form der gemeinsamen Aufmerksamkeit

entspricht einer zielorientierten Kommuni

kation, die dadurch unterstützt wird, dass

Kleinkinder

schon

in

der

zweiten

Hälfte

des ersten Lebensjahres das Bemühen zei

gen, Aspekte

fehlgelaufener Kommunika

tion wieder »zurechtzurücken« (Golinkoff

1986), welches evident in den sogenannten

still-face-Experimenten belegt wird (Harn

und Tronick

2009).

Im

Laufe der ersten

18 Lebensmonate entwickelt sich nach und

nach die Fähigkeit, den Blickwinkel der an

deren einzunehmen (Sodian 2007). Insofern

sind Ansätze von Bewusstsein und Hand

lungsfähigkeit in Bezug auf das Selbst und

andere schon

früh vorhanden und werden

durch den intersubjektiven Prozess der Ent

wicklung von Repräsentanzen getragen.

Die Entwicklung

von

Repräsentanzen

zweiter Ordnung ist für die Bildung eines

affektiven Selbst und die zunehmende Fä-

higkeit der Affektregulation

Bedeutung. Es gibt

von größter

Be

heute

zahlreiche

lege, dass zwischen der Qualität der früh

kindlichen Bindung und der Entwicklung

der Mentalisierungsfähigkeit ein inhärenter kausaler und funktionaler Zusammenhang

besteht. Diese entscheidet letztlich darüber, ob Intersubjektivität sozial oder antisozial

gelebt werden kann.

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