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Wü. 37

Wü. 37

Kurzgeschichten – Auf kleinem Raum ein ganzes Leben zeigen

Eine Unterrichtseinheit von Dr. Stefan Helge Kern

Stoffverteilung

3

Einführung

5

Unterrichtsstunden

9

1 / 2

Tiny Tales auf Twitter – Was ist eine Geschichte? Was ist „kurz“?

9

3/4

Robert Walser: Der Traum – Eine Kurzgeschichte vom Beginn

des 20. Jahrhunderts verstehen

14

5/6

Wolfgang Borchert: Die Küchenuhr – Produktionsorientierte

Auseinandersetzung mit einer klassischen Kurzgeschichte

20

7/8

Thomas Hürlimann: Der Filialleiter – Eine Kurzgeschichte

analysieren

25

9/10

Thomas Bernhard: Der junge Mann und Kurt Marti: Der

schrumpfende Raum – Kurzgeschichten vergleichen

31

11 / 12

Sibylle Berg: Nacht – Ein Literarisches Gespräch über eine

zeitgenössische Kurzgeschichte führen

35

13/14

Jugendliche schreiben Kurzgeschichten – Eine Kurzgeschichte

beurteilen

40

Material

43

1 Kopiervorlage: Florian Meimberg, Tiny Tales

43

2 Kopiervorlage: Merkmale der Gattung „Kurzgeschichte“ erarbeiten

44

3 Textgrundlage: Die Entwicklung der Kurzgeschichte – Medialer Wandel und geändertes Leseverhalten

45

4 Kopiervorlage / Farbfolie: Franz Marc, Traum (1913)

46

5 Kopiervorlage: Robert Walser, Der Traum (II) (1914)

48

6 Textgrundlage: Die Kurzgeschichte um 1900

49

7 Farbfolie/Folienvorlage: Ein Standbild untersuchen (die Farbfolie findet sich auf S. 47)

49

8 Kopiervorlage: Wolfgang Borchert, Die Küchenuhr (1947)

50

9 Kopiervorlage: Methodenblatt – Eine gestaltende Interpretation verfassen und reflektieren

52

10 Kopiervorlage: Methodenblatt – Ein Storyboard entwickeln

53

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Inhalt: Kurzgeschichten

11

Kopiervorlage: Die Hochzeit der Kurzgeschichte in der Nachkriegsliteratur

54

12

Kopiervorlage: Thomas Hürlimann, Der Filialleiter (1992)

55

13

Kopiervorlage: Analyseschema für Kurzgeschichten

56

14

a

Arbeitsblatt: Einen Schüleraufsatz zu Der Filialleiter überarbeiten

57

14

b

Lösungsblatt: Einen Schüleraufsatz zu Der Filialleiter überarbeiten (Beispiellösung)

58

15

Arbeitsblatt: Gespräche über Jugend und Alter – Thomas Bernhard: Der junge Mann (1969) und Kurt Marti: Der schrumpfende Raum (1958)

60

16

a

Textvorlage: Thomas Bernhard: Der junge Mann (1969)

61

16

b

Textvorlage: Kurt Marti: Der schrumpfende Raum (1958)

61

17

Kopiervorlage: Peter Bichsel: Die Tochter, Helga M. Novak:

Schlittenfahren und Reiner Kunze: Fünfzehn – Texte entwirren

62

18

Kopiervorlage: Methodenblatt – Ein Literarisches Gespräch führen

64

19

Kopiervorlage: Sibylle Berg, Nacht (2001)

65

20

Kopiervorlage: Lydia Dimitrow, Weg (2008)

66

21

Kopiervorlage: Lisa Frischemeier, Das Schicksal der Familie Schulz (2008)

66

22

Kopiervorlage: Einladung zur Mitarbeit – Das Literatur Labor Wolfenbüttel

67

23

Kopiervorlage: Methodenblatt – Kreatives Schreiben einer Kurzgeschichte

68

24

Kopiervorlage: Wimmelbild

70

25

Kopiervorlage: Methodenblatt – Eine Rezension verfassen

71

26

Kopiervorlage: Von nahen und fernen Verwandten – Gattungstypologische Unterschiede

72

Klausurvorschläge

73

 

Klausurvorschlag 1:

Margret Steenfatt, Im Spiegel Klausurvorschlag 2:

73

Wolfgang Borchert, Das Brot Klausurvorschlag 3:

76

Sybille Berg, Hauptsache weit

79

Bildnachweis S. 16, 46: Franz Marc: Traum (gemeinfrei); S. 41, 70: Wimmelbild. © SZ / Marian Schönfeld und Andreas Wehrheim; S. 43:

© Florian Meimberg; S. 48: picture-alliance / dpa; S. 30: 123rf.com, BArch, Bild 183-H26796 / CC-BY-SA; S. 51: akg-images; S. 53: https://www.flickr.com/photos/319/2564483596/CC-BY-SA 3.0 / Urheber: 3:19 / Rahmen beschnitten; S. 54: BArch, B 145 Bild-F062164-0004 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0 (Böll); picture-alliance / dpa (Aichinger), akg-images (Eich, Kaschnitz, Schnurre); S. 55: Illustrationen von Wolf Schröder; S. 64: Sergey Nivens. Shutterstock; S. 65: picture alliance / dpa-Zentralbild; S. 68: Pieter Bruegel der Ältere: Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (gemeinfrei), ayelet-keshet. Shutterstock, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:KernerKlecksographie.png (gemeinfrei), S. 69: Volodymyr Leus. Shutterstock, sellingpix. Shutterstock, Yuriy_fx.Shutterstock, S. 71: vectorlib.com. Shutterstock Wir danken allen Rechteinhabern für die Abdruckerlaubnis. Der Verlag hat sich bemüht, die Urheber der abgedruckten Bilder und Texte ausfindig zu machen. Wo dies nicht gelungen ist, bitten wir diese, sich ggf. an den Verlag zu wenden.

Stoffverteilung: Kurzgeschichten

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Stoffverteilung

Unterrichtsstunde

Thema der Stunde und Unterrichtsverlauf

Unterrichtsmittel

1./2. Stunde

1 Tiny Talesauf Twitter – Was ist eine Geschichte? Was ist kurz? Einstieg: Diskussion, ob der Text „Brautkleid zu verkau- fen. Ungetragen“ eine Geschichte ist (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung 1: Arbeitsteilige Untersuchung von vier Tiny Tales von Florian Meimberg (Gruppenarbeit) Präsentation: Erläuterung der Tiny Tales (Plenum) Erarbeitung 2: Beantworten der Fragen, was eine Geschichte ist und wodurch die Kürze der Tiny Tales erreicht wird (Unterrichtsgespräch) Vertiefung 1: Erarbeiten der Merkmale von Kurzgeschich- ten anhand von Sachtexten; Prüfen der Tiny Tales auf diese Merkmale (Einzelarbeit, Partnerarbeit, Unterrichts- gespräch) Vertiefung 2: Erläuterung der Entwicklung der Gattung „Kurzgeschichte“ (Lehrervortrag) Hausaufgabe: Verfassen einer kurzen Geschichte im Anschluss an eine der in der Stunde behandelten Kürzestgeschichten

Tafelanschrieb

MA 1

MA 1

Tafelbild

MA 1

MA 2

Tafelbild

MA 3

MA 1

3./4. Stunde

2 Robert Walser: Der Traum– Eine Kurzgeschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts verstehen Besprechung der Hausaufgabe: Vorstellen und Würdigen einiger zu Hause verfasster Geschichten (Plenum, Unter- richtsgespräch) Einstieg: Hinführung zu Robert Walsers Der Traum (II) über einen Bildimpuls (Franz Marc: Traum) und einen Ideenstern (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung 1: Anhören von Walsers Text (Lehrervortrag), erster Austausch über den Text und seine Wirkung (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung 2: Leitfragengestütztes Untersuchen des Textes hinsichtlich Form und Inhalt (Partnerarbeit, Unterrichtsgespräch) Vertiefung: Erläutern des historischen Entstehungskontex- tes (Lehrervortrag), Anwendung auf den Text, Bilden von Interpretationsthesen (Unterrichtsgespräch) Hausaufgabe: Reflektieren des Textverständnisses durch das Verfassen einer kurzen Geschichte aus dem Alltags- leben von Walsers Protagonisten

MA 4

Tafelbild

MA 5

MA 5

Tafelbild

MA 5

MA 6

5./6. Stunde

3 Wolfgang Borchert: Die Küchenuhr– Produktionsorientierte Auseinandersetzung mit einer klassischen Kurzgeschichte Besprechung der Hausaufgabe: Austausch über Ergebnisse aus der Hausaufgabe (Plenum) Einstieg: Beschreibung eines Standbildes, Spekulieren über eine Aussage einer der Figuren (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung: Erarbeiten eines Textverständnisses zu Wolfgang Borcherts Die Küchenuhr und produktions- orientierte Umsetzung in einem Dialog (Einzelarbeit) oder in einem Storyboard-Entwurf (Gruppenarbeit); Auswer- tung / Präsentation (Plenum) Hausaufgabe: Herstellen des Bezugs des Textes zum literaturgeschichtlichen Kontext

MA 7

MA 8

MA 9

MA 10

MA 8

MA 11

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Stoffverteilung: Kurzgeschichten

7./8. Stunde

4 Thomas Hürlimann: Der Filialleiter– Eine Kurzgeschichte analysieren Einstieg: Lektüre von Thomas Hürlimanns Der Filialleiter (Methode „Text kneten“) mit anschließendem Austausch (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung 1: Arbeitsteilige Analyse des Textes mithilfe eines Untersuchungsschemas (Gruppenarbeit) Erarbeitung 2: Zusammenführen der Analyse-Ergebnisse zu einer Interpretation (Unterrichtsgespräch) Vertiefung: Überarbeitung eines Schüleraufsatzes zur Kurzgeschichte (Einzelarbeit, Unterrichtsgespräch) Hausaufgabe: Verfassen eines Gutachtens zum Schüleraufsatz

MA 12

MA 12

MA 13

MA 12

Tafelbild

MA 12

MA 14 a und b

MA 12

MA 14 a

9./10. Stunde

5 Thomas Bernhard: Der junge Mannund Kurt Marti: Der schrumpfende Raum– Kurzgeschichten vergleichen Einstieg / Erarbeitung 1: Ordnen durcheinandergeratener Textteile von zwei Geschichten unter besonderer Berück- sichtigung formaler und sprachlicher Aspekte (Einzel- arbeit, Partnerarbeit, Plenum) Sicherung: Festhalten der Merkmale der Texte Der junge Mann von Thomas Bernhard und Der schrumpfende Raum von Kurt Marti (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung 2: Vertiefender Vergleich der Textinhalte mit Bezug zur Form (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung 3 / ggf. Hausaufgabe: Entwirren von drei ver- mischten Kurzgeschichten mit Fokus auf der Darstellungs- weise (Einzelarbeit, Unterrichtsgespräch) Hausaufgabe: Vorbereitendes Informieren über die Methode des Literarischen Gesprächs

MA 15

MA 16 a und b

MA 16 a und b

Tafelbild

MA 16 a und b

MA 17

MA 18

11./12. Stunde

6 Sibylle Berg: Nacht– Ein Literarisches Gespräch über eine zeitgenössische Kurzgeschichte führen Einstieg: Zusammentragen von Assoziationen zum Begriff „Nacht“ in einem Ideenstern (Unterrichtsgespräch) Erarbeitung 1: Vorbereitende Untersuchung der Kurz- geschichte Nacht von Sibylle Berg (Einzelarbeit, Partner- arbeit) Erarbeitung 2: Literarisches Gespräch über die Kurz- geschichte Sicherung (fakultativ): Zusammenfassung von Ergebnissen (Unterrichtsgespräch oder Protokoll der Lehrkraft) Hausaufgabe: Vorbereitende Lektüre zweier Texte (der nächsten Stunde)

MA 19

MA 19

MA 19

MA 20

MA 21

13./14. Stunde

7 Jugendliche schreiben Kurzgeschichten – Eine Kurzgeschichte beurteilen Einstieg: Informieren über das Literatur Labor Wolfenbüttel anhand eines Flyers (Einzelarbeit) Erarbeitung: Verfassen einer Kurzgeschichte (Einzel- arbeit), eines Statements zu einer Kurzgeschichte mit anschließender Redaktionskonferenz (Einzel- und Grup- penarbeit) oder einer Rezension zu zwei Kurzgeschichten (Einzel- und Partnerarbeit) Hausaufgabe / Weiterführendes Projekt (fakultativ):

MA 22

MA 20

MA 21

MA 23

MA 24

MA 25

MA 26

Erarbeiten eines Vortrags zu einem Text einer verwandten Gattung im Vergleich zur Kurzgeschichte

Einführung: Kurzgeschichten

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Einführung

Kurzgeschichten können in der Darstellung eines Moments ein ganzes Menschenleben zur Sprache bringen. Ihr geringer Umfang, die häufig ver- wendete Alltagssprache und eine eher schlichte Darstellungsweise sowie die zuerst unbedeutend erscheinenden alltäglichen Ereignisse, die oft die Hand- lung ausmachen, verdecken, dass sich auf kleinem Raum Großes zeigt: Die Kurzgeschichte sei „ein Stück herausgerissenes Leben“, hat der Kurz- geschichten-Autor Wolfdietrich Schnurre einmal gesagt (Deutsche Rund- schau 87/1961, H. 1, S. 61). Nicht jede kurze Geschichte gilt als eine Kurzgeschichte. Die deutsche Kurz- geschichte im engeren Sinn hat ihre Wurzeln in der amerikanischen short story. Begünstigt durch das Bedürfnis nach einem künstlerisch-ästhetischen Neuanfang nach dem Ende des Faschismus sowie veränderte Medienformate und Lesegewohnheiten hat sich die Gattung zu einem ambitionierten und be- liebten Genre der Literatur entwickelt. Die 50er- bis 70er-Jahre des 20. Jahr- hunderts gelten als ihre klassische Epoche. Doch auch in der Gegenwart reizt es Autoren, entscheidende Momente in einem beiläufigen Ton zu erzäh- len, in denen ein Mensch einen Wendepunkt seines Lebens erlebt, der auch zum Riss durch die Welt des Lesers werden kann. Ähnlich wie in der Lyrik bleibt in Kurzgeschichten Vieles ungesagt: Unver- mittelter Anfang und offenes Ende – wichtige Kennzeichen der Gattung – lassen offen, woher die Figuren kommen und wohin sie gehen. Es fehlt eine Erzählerfigur, die ihre Leser mit Kommentaren und Bewertungen durch die Erzählung lenkt. Es gibt selten ausführliche Beschreibungen von Figuren und Orten. Wesentliches bleibt unausgesprochen. Kurzgeschichten sind des- halb keine leicht zu verstehenden Texte, auch wenn sie sprachlich häufig zugänglich sind. Manchmal genügt es, ein Detail der Kurzgeschichte zu übersehen oder eine verborgen liegende Schlussfolgerung nicht zu ziehen, und man verpasst die Pointe – eine besondere Herausforderung für den Unterricht.

Vorbemerkung

„Die Hinwendung von Schriftstellern wie Robert Walser, Holz, Schlaf und Kafka zur Kurzgeschichte und der damit verbundene Verzicht auf epische Länge, Geschlossenheit und auf eine teleologische Entwicklung von Cha- rakteren ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen in der Mo- derne. Ein übergeordneter, weltanschaulicher oder religiöser Sinnhorizont, in den Geschehnisse eingeordnet werden könnten und durch den sie sich rechtfertigen oder erklären ließen, fehlt […].“ (MEYER 2014, S. 101) Anne- Rose Meyer deutet die erste Blüte kurzer Erzählungen im deutschen Sprach- raum als Folge eines Sinnverlustesin der Moderne. Als berühmtester Ver- treter dafür gilt Franz Kafka. Da dessen Texte über die Ohnmacht der isolier- ten Individuen gegenüber staatlicher Ordnung und gesellschaftlichem Zwang sehr bekannt sind und häufig auch schon im 10. Schuljahrgang bearbeitet werden, wurde in dieser Unterrichtsreihe mit dem 1878 geborenen Schweizer Robert Walser ein anderer Autor der gleichen Zeit gewählt, dessen Kurz- prosa erst seit einigen Jahren berechtigterweise mehr Aufmerksamkeit er- fährt. In seiner Erzählung Der Traum entwirft er ein Traumbild von Ohn-

Zur Textauswahl

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Einführung: Kurzgeschichten

macht und Unbehaglichkeit in der Welt. Die Erzählung wirft die Frage auf, inwiefern das Gefühl des Ausgestoßenseins im Traum die Realität spiegelt.

Die klassische deutsche Kurzgeschichte wurde nach dem Zweiten Welt- krieg aus dem Bedürfnis heraus entwickelt, die faschistische Vereinnahmung der Sprache zu beenden und Sprache und Literatur durch Versachlichung zu erneuern. Als stilbildend gilt die Orientierung am Vorbild der amerikani- schen short story (z. B. Edgar Allen Poe, Ernest Hemingway, John Stein- beck, William Faulkner; vgl. MEYER, S. 16 f., SPINNER, S. 15). Exemplarisch für die Kurzgeschichten in dieser Zeit wird in der Unterrichtseinheit Die Küchenuhr von Wolfgang Borchert behandelt. Darin geht es um einen jun- gen Mann, der im Krieg bis auf eine Küchenuhr alles verloren hat und für den diese deshalb eine große, existenzielle Bedeutung hat.

Die Alltagsroutine, Erstarrtheit und Lieblosigkeit in manchen Ehen und Be- ziehungen ist ein wiederkehrendes Thema in Kurzgeschichten. Peter Bich- sels bekannte Kurzgeschichte San Salvador von 1964 gehört in diese Reihe wie auch Der Filialleiter von Thomas Hürlimann aus dem Jahr 1992. Der spießigen, von Routine geprägten Gegenwart des Paares im Wohnzimmer wird ein Auftritt der Ehefrau in einer Fernseh-Talkshow gegenübergestellt, in der sie ihre negativen Gefühle gegenüber ihrem Mann schildert. An der verkrusteten, ritualisierten Beziehung ändert sich dadurch nichts.

Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und ihren Eltern sind typisch für die Adoleszenz. Die Alten halten sich dabei gerne wegen ihrer größeren Lebenserfahrung für weitsichtiger und überlegen, während die Jungen sich gerne überheblich zeigen gegenüber den festgefahrenen Gewohnheiten und Alltagsroutinen der Alten. Zwei Kurzgeschichten von Thomas Bernhard und Kurt Marti zeigen jeweils ein Gespräch zwischen einem alten und einem jungen Mann. In Bernhards Der junge Mann erzählt die Titelfigur dem alten Mann von seinen verzweifelten und erfolglosen Versuchen, Freunde zu fin- den. In Martis Der schrumpfende Raum ist es der ältere Mann, der das Ge- spräch mit seiner Angst vor schrumpfenden Lebensmöglichkeiten dominiert.

Die subtile Liebesgeschichte, die Sibylle Berg in der Kurzgeschichte Nacht erzählt, ist für Schüler wegen ihrer Lebensnähe außerordentlich anregend. Alltagsroutine und nächtliche Fluchten, Alleinsein und Zweisamkeit, Jungen und Mädchen, das sind die zentralen Themen der Kurzgeschichte und be- stimmende Polaritäten im Leben von Heranwachsenden. Die Geschichte, in der zwei junge Menschen auf einen Turm über der Stadt flüchten und sich finden, hat eine existenzielle Dimension.

Durch besondere Schülernähe zeichnen sich auch die zwei Kurzgeschichten aus, um die es am Ende der Einheit geht: Sie sind geschrieben von jungen Menschen, die zum Schreibzeitpunkt etwa so alt wie die Schüler selbst ge- wesen sind, und treffen die Interessen bzw. den Geschmack von Schülern. Scheinbar ist es der verlassene Ehemann, der in Lydia Dimitrows Weg bei seiner Heimkehr feststellt, dass seine Frau ausgezogen ist, dass sie „weg“ ist. Erst im letzten Satz erfährt der Leser, dass die Frau nicht nur ihren Mann, sondern auch ihren Sohn verlassen hat, aus dessen Perspektive der Auszug der Mutter beschrieben wird. In keinem Lebensbereich, weder im Hinblick auf Musik, Einrichtung noch Kleidung oder Essen hat offenbar das Leben der drei Menschen zusammengepasst. Die Mutter hat daraus mit ihrem

Einführung: Kurzgeschichten

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Auszug die Konsequenz gezogen, dessen emotionale Auswirkung auf Vater und Sohn eine Leerstelle bleibt. Der Bezug zur Lebenswelt vieler Schüler liegt auf der Hand. Das Schicksal der Familie Schulz von Lisa Frischemeier ist eine Kurz- geschichte mit einer schwarzen Pointe: Zuerst scheint es so, als würde lediglich das beliebte Kurzgeschichten-Thema eines lieblosen Ehepaars am Beispiel des Streits um Gardinen variiert. Doch dann fällt Herr Schulz tot um, als er endlich die Gardinen abhängt, die ihn so lange gestört haben. Der Konflikt des Paares setzt sich jedoch über seinen Tod hinaus fort, weil Frau Schulz nicht einmal bemerkt, dass ihr Mann verstorben ist.

Kurzgeschichten haben den scheinbaren didaktischen Vorteil, dass sie sich wegen ihres geringen Umfangs gut in einer einzelnen oder wenigen Schul- stunden bearbeiten lassen. Allerdings bringt ihre Kürze einen Grad an Ver- dichtung mit sich, der Kurzgeschichten den Schülern oft entweder als kryp- tisch oder als banal erscheinen lässt. Es ist reizvoll, aber auch eine didak- tische Herausforderung, mit den Schülern die Tiefe hinter der scheinbar belanglosen Oberfläche zu entdecken. Die vorliegende Unterrichtseinheit macht dazu didaktisch und methodisch vielfältige Angebote. Kurzgeschichten sind oft rätselhaft, aber dadurch auch anregend und sie er- lauben Auseinandersetzungen von Lesern über das je eigene Verständnis, also literarische Anschlusskommunikation. Voraussetzung dafür ist, dass Textsignale wahrgenommen und Deutungen versprachlicht werden. Hier lie- gen ebenfalls didaktische Herausforderungen, aber auch die Lernmöglichkei- ten, die Kaspar Spinner übersichtlich und zusammenfassend dargestellt hat (vgl. SPINNER, S. 25–32). Die Unterrichtsreihe ist für sieben Doppelstunden konzipiert, in denen die analytische und die produktionsorientierte Beschäftigung mit Kurzgeschich- ten einander ergänzen:

Grundwissen zu gattungstheoretischen (1. Doppelstunde) und gattungs- geschichtlichen (2./3. Doppelstunde) Aspekten wird dabei ebenso vermittelt wie – für die Vorbereitung von Klausuren besonders wichtige – Grundlagen der Analyse (4. Doppelstunde) und des Vergleichs themenverwandter Kurz- geschichten (5. Doppelstunde). Kreativ-gestaltende Zugänge sind bei Kurzgeschichten insofern besonders geeignet, als ihre gattungstypische Verdichtung und Ausschnitthaftigkeit den Leser geradezu auffordern, die Leerstellen zu füllen. Auch die Übertragung einer Kurzgeschichte in ein anderes Medium (3. Doppelstunde) – in ein Storyboard für einen Film – erfüllt einen beson- deren Zweck: Sie schärft den Blick für die szenische Anlage der meisten Kurzgeschichten. Die Unterrichtsmethode des Literarischen Gesprächs, die am Beispiel einer zeitgenössischen Kurzgeschichte von Sibylle Berg erprobt wird (6. Doppel- stunde), erlaubt im Sinne der oben angesprochenen literarischen Anschluss- kommunikation einen schülerorientierten Umgang mit einem Text dieser Gat- tung. Das Literarische Gespräch über diesen Text kann sich leicht zu einem Gespräch darüber entwickeln, was für jeden Einzelnen im Leben wirklich zählt – und warum es uns oft schwerfällt, unsere Sehnsucht nach Unabhän- gigkeit zu verfolgen.

Methodisch-

didaktische

Hinweise

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Einführung: Kurzgeschichten

Den Abschluss der Reihe bilden Fragen der literarischen Wertung bzw. der Literaturkritik (7. Doppelstunde). Hier stehen zwei Kurzgeschichten von Schülern im Zentrum, die in Schreibkursen an der Bundesakademie für kul- turelle Bildung in Wolfenbüttel entstanden sind. Um ein eigenverantwortliches und die Individualität der Schüler einbezie- hendes Arbeiten zu ermöglichen, können die Schüler an verschiedenen Stellen der Einheit selbstständig zwischen Aufgaben bzw. Aufgabenarten wählen. Am Ende der Einheit wird ein weiterführendes Projekt vorgeschlagen, um Fragen der Typologie und Abgrenzung von anderer kurzer Prosa vertieft zu beleuchten: Schüler stellen Texte verwandter Gattungen vor und grenzen diese von der Kurzgeschichte ab. Ganz nebenbei werden dabei auch die lite- rarischen Kenntnisse der Schüler erweitert. Die umfangreichen Debatten über Entstehung und Abgrenzung der Gattung Kurzgeschichte können in der wissenschaftlichen Literatur nachgelesen wer- den. Eine hilfreiche Übersicht und Typologien verschiedener Formen kurzer Prosa gibt Spinner in knapper Form (vgl. SPINNER, S. 9–19).

Lernziele

– Die Schüler erarbeiten die darstellerischen Merkmale von Kurzgeschich- ten induktiv und durch informierende Texte.

– Sie erschließen sich verschiedene Kurzgeschichten durch analytische und produktionsorientierte Verfahren.

– Sie üben sich in literarischer Anschlusskommunikation und tauschen sich begründet über individuelle Verstehensweisen eines literarischen Textes aus.

– Sie interpretieren gestaltend und üben das Verfassen eines Interpretations- aufsatzes.

– Sie verfassen und beurteilen eigene Kurzgeschichten.

Literaturhinweise

[1]

DURZAK, MANFRED: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart.

[2]

Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002. MARX, LEONIE: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Aufl. Metzler,

[3]

Stuttgart/Weimar 2005. MEYER, ANNE-ROSE: Die deutschsprachige Kurzgeschichte. Eine Ein-

[4]

führung. Erich Schmidt, Berlin 2014. QUINTEN, ROLAND: Die Kurzgeschichte im Deutschunterricht. Didak-

[5]

tische Überlegungen zu einem literarischen Unterrichtsgegenstand vor dem Hintergrund eines an Bildungsstandards und Kompetenzen orien- tierten Deutschunterrichts. Techn. Univ. Diss., Braunschweig 2010. SPINNER, KASPAR H.: Kurzgeschichten – Kurze Prosa. Grundlagen – Methoden – Anregungen für den Unterricht. Kallmeyer, Seelze 2012.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

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1./2. Unterrichtsstunde

1 „Tiny Tales“ auf Twitter – Was ist eine Geschichte? Was ist „kurz“?

Ziel der Einstiegsstunde ist es, die Modernität kurzer Prosa vorzuführen und durch die Auswahl zugespitzter, überraschender Texte Interesse für die Unterrichtsreihe zu wecken. Florian Meimbergs Tiny Tales“ sind auch aufgrund ihrer Herkunft aus dem Online-Medium Twitter ein schülernaher Zugang. Der Autor hat die Kürze seiner Geschichten wegen des durch die Technik begrenzten Zeichenumfangs von Twitter-Beiträgen („Tweets“) auf die Spitze getrieben. Er beweist, dass man in nur 140 Zeichen durchaus menschliche Schicksale greifbar machen, also Geschichten erzählen kann. Die Pointen der Kürzestgeschichten von Meimberg kann nur verstehen, wer die gegebenen Informationen verbindet, indem er Unausgesprochenes er- gänzt. Ähnlich einem Witz verstehen manche Schüler die Geschichte sofort, andere müssen erst eins und eins zusammenzählen. Eine Gruppenarbeit, in der sich die Schüler ihr jeweiliges Verständnis erklären und sich gegebenen- falls korrigieren, ist deshalb eine besonders geeignete Arbeitsform. So lernen die Schüler am Beispiel, wie in scheinbar Unbedeutendem, lakonisch-berich- tend Erzähltem eine menschliche Tragödie verborgen liegen kann. Um das exemplarisch Erarbeitete zu verallgemeinern und einen orientieren- den Überblick über die Gattung der Kurzgeschichte im engeren Sinn zu ver- mitteln, erarbeiten die Schüler im Anschluss Sachtextauszüge zur Gattung und beziehen sie auf Meimbergs Tiny Tales. Die kreative Seite der Schüler wird in der Hausaufgabe angesprochen, in der sie die Tiny Tales zu kleinen Geschichten erweitern. Mit dieser Aufgabe füllen sie Leerstellen der Texte und setzen sich so produktionsorientiert mit einem wichtigen Merkmal von Kurz- und Kürzestgeschichten auseinander.

– Die Schüler nähern sich über Tiny Tales aus dem schülernahen Medium Twitter dem Thema „Kurzgeschichten“.

– Sie leiten aus einer Kürzestgeschichte ihre Vorstellungen von bzw. Erwar- tungen an Geschichten ab.

– Sie untersuchen Tiny Tales, fassen sie in Überschriften zusammen und er- klären die Pointen.

– Sie erarbeiten aus Lexikonartikeln inhaltliche und formale Merkmale von Kurzgeschichten und prüfen die Tiny Tales auf diese Merkmale.

– Sie füllen mit der Ausformulierung einer Geschichte die Leerstellen einer Tiny Tale und reflektieren so ihr Textverständnis.

Methodisch-

didaktische

Hinweise

Lernziele

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Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Einstieg

Was ist eigentlich eine Geschichte? Wann sind Aussagen eine Erzählung? Diese Fragen lassen sich zu Beginn anreißen, um bei den Schülern ein Erkenntnisinteresse zu wecken und Einblick in deren Vorverständnis und den Lernstand zu bekommen. Dazu untersuchen sie im Unter- richtsgespräch einen aus nur vier Wörtern bestehenden Text.

Arbeitsauftrag

Tafelanschrieb

Brautkleid zu verkaufen. Ungetragen.

 

Beschreiben Sie den Text. Ist das eine Geschichte?

Lösungsvorschlag

Contra – das ist keine Geschichte

Verkaufsanzeige, keine Geschichte; keine Orte, keine Handlung, keine Figuren, nicht einmal vollständige Sätze

Pro – das ist eine Geschichte

Brautkleid verweist auf Braut und Bräutigam (Figuren) und Hochzeit (Handlung)

hinter einem ungetragenen Brautkleid können sich zahllose Geschichten verbergen:

– Ist die Hochzeit ausgefallen? Warum?

– Hat die Braut für ihre Hochzeit ein anderes Kleid gehabt? Warum?

– Hat ihr das Kleid nicht mehr gefallen oder gepasst? Warum?

– Ist das Kleid Diebesgut?

Erarbeitung 1

Vier exemplarische Tiny Tales werden arbeitsteilig in Gruppen bearbeitet. Die Form der Gruppenarbeit hat den Vorteil, dass Schüler im geschützten Rahmen der Kleingruppe Fragen zum Verständnis untereinander klären können. Um die gemeinsame Aufgabe lösen zu können, die Geschichte in einer Überschrift zusammenzufassen, müssen die Schüler ihr Verständnis artikulieren und unter Bezug auf den Text aushandeln, welche Formulierung den Inhalt am besten knapp zusammenfasst. Die Arbeitsgruppen sollten 3 bis 5 Schüler umfassen. Zufallsgruppen können so gebildet wer- den, dass die Texte mehrfach kopiert, ausgeschnitten und zufällig verteilt werden. Eine schöne Möglichkeit der Gruppenbildung sind auch 4-Ecken-Gespräche: Die Lehrkraft hängt die vier Geschichten in die vier Ecken des Unterrichtsraums und die Schüler stellen sich zu dem Text, den sie bearbeiten wollen.

Material MA 1

Arbeitsauftrag Arbeitsblatt: Florian Meimberg, „Tiny Tales“

 

Erklären Sie die Ihnen vorliegende Geschichte. Folgende Fragen helfen Ihnen dabei:

– Wer tut was wo und warum?

– Welche Fragen bleiben offen?

– Stellen Sie fest, welche Informationen ausdrücklich gegeben werden.

– Untersuchen Sie, welche Zusammenhänge wir als Leser selbst herstellen und welche Schlussfolgerungen wir aufgrund welcher Textsignale ziehen können.

Fassen Sie Ihre Lesart der Geschichte in einer Überschrift zusammen.

Lösungsvorschlag Vgl. nachstehenden Lösungsvorschlag.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

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Jede Gruppe erklärt ausgehend von der gefundenen Überschrift ihre Geschichte. Das kann im Plenum geschehen. Eine noch höhere Schüleraktivität wird initiiert, wenn die Schüler nach der Methode „Gruppen-Puzzle“ für die Präsentation neue Gruppen bilden, in denen für jede Geschichte ein Experte vertreten ist. Jeder Schüler stellt dann die Gruppenergebnisse der Er- arbeitung einer Kleingruppe vor. Die anschließende Erarbeitung sollte dann aber möglichst im Plenum erfolgen.

Präsentation

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Florian Meimberg, „Tiny Tales“

Material MA 1

Erläutern Sie Ihre Geschichte ausgehend von der gewählten Überschrift.

Lösungsvorschlag Tiny Tale 1:

Titelvorschläge: Auferstehung eines Toten; Gerald der Zombie Überlegungen zum Inhalt: Die Pointe besteht darin, dass der Handlungs- ort Friedhof erst am Schluss genannt wird. Von da ausgehend wird klar, dass der „lehmige Vorsprung“ die Kante eines Grabes ist. Dass alles noch aussieht „wie früher“, legt nahe, dass Gerald längere Zeit in der lehmigen Grube gelegen hat.

Tiny Tale 2:

Titelvorschläge: Das Halloween-Monster; Der hässliche Brian; Der So- zialphobiker Überlegungen zum Inhalt: Warum wagt sich Brian nur zu Halloween unter die Leute? Bei diesem Fest verkleiden sich Menschen als Monster, setzen Masken auf und erschrecken sich gegenseitig. Das legt den Schluss nahe, dass Brian immer ein schreckenerregendes Äußeres hat, mit dem er nur an Halloween nicht auffällt, weil es für eine Verkleidung gehalten wird.

Tiny Tale 3:

Titelvorschlag: Kapitän mit Flugangst Überlegungen zum Inhalt: Dass David wie andere Menschen auch Angst vorm Fliegen hat, wäre eine schlichte Information. Sie wird dadurch zu einer Geschichte, dass der Leser durch Davids abschließende Durchsage erfährt, dass er selbst der Flugkapitän ist.

Tiny Tale 4:

Titelvorschläge: Die Verstoßung des eigenen Vaters; Der verlorene Vater Überlegungen zum Inhalt: Zuerst verleugnet Max sich selbst, nachdem sein Vater ihn offenbar mit dem eigentlich richtigen Namen angesprochen hat. Für den Leser stellt sich die Frage, warum Max, der seinen Vater wahrscheinlich lange nicht gesehen hat, sich nicht zu erkennen geben will. Die Pointe besteht darin, dass erst im letzten Satz der Gesprächs- partner von Max als dessen Vater benannt wird.

Im gelenkten Unterrichtsgespräch abstrahieren die Schüler ihre Überlegungen zu den Ge- schichten im Hinblick auf die Frage, was eine Geschichte ausmacht und wie die kurze Form der Tiny Tales erreicht wird. Das Gespräch mündet in ein strukturiertes Tafelbild.

Erarbeitung 2

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Arbeitsauftrag Beantworten Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse folgende Fragen: Was ist eine Geschichte? Durch welche darstellerischen Mittel wird die Kürze der Geschichten erreicht?

Tafelbild

Lösungsvorschlag

Was ist eine Geschichte?

Geschichte: Erzählung eines Geschehens

Erzählungen / Geschichten sind doppelwertig, weil in ihnen das „Was?“ der Handlung mit dem „Wie?“ des Erzählens verbunden ist.

Dasselbe Geschehen kann durch unterschiedliche Erzählweisen zu einer anderen Geschichte werden.

Wodurch wird die Kürze in den „Tiny Tales“ erreicht?

– Ausschlaggebend ist die spärliche, aber andeutungsreiche Informationsvergabe, die vom Leser verlangt, dass er mitdenkt, Verbindungen herstellt, Ungesagtes erschließt, Schlussfolgerungen zieht und Leerstellen füllt.

– Es erfolgen keine Beschreibungen von Handlungsorten und Figuren, keine Erklärun- gen der Handlung, keine expliziten Wertungen einer Erzählerfigur etc.

Vertiefung 1

Zur Überprüfung, Verallgemeinerung und Vertiefung erarbeiten die Schüler anhand von drei Sachtextauszügen allgemeine Merkmale der Gattung Kurzgeschichte. Nach der Methode Think-Pair-Share bearbeitet jeder Schüler die Texte zunächst in Einzelarbeit. In Partner- arbeit klären die Schüler Verständnisschwierigkeiten und gleichen die gefundenen inhaltli- chen und formalen Merkmale von Kurzgeschichten miteinander ab. Diese werden dann im Unterrichtsgespräch in einem zusammenfassenden Tafelbild gebündelt. In leistungsstarken Lerngruppen kann die Moderation dabei auch von Schülern übernommen werden. Insbeson- dere wenn die Zeit knapp ist, kann die Vertiefung auch als Lehrervortrag realisiert werden. In diesem Fall schreibt die Lehrkraft das Tafelbild Punkt für Punkt an und erläutert es dabei.

Arbeitsauftrag

Kopiervorlage: Florian Meimberg, „Tiny Tales“

Kopiervorlage: Merkmale der Gattung „Kurzgeschichte“ erarbeiten

Material MA 1

Material MA 2

1. Fassen Sie stichpunktartig die inhaltlichen und formalen Merkmale von Kurzgeschichten zusammen.

2. Überprüfen Sie, ob und inwiefern diese Merkmale von Kurzgeschichten auch auf die behandelten „Tiny Tales“ zutreffen.

Tafelbild

Lösungsvorschlag

1. Folgendes Tafelbild könnte entstehen:

 

Merkmale von Kurzgeschichten in Stichworten

Begrenzter Umfang der Kurzgeschichte (wenige Druckseiten) hat Auswirkungen auf …

 

… Thema / Inhalt

… Form

Alltägliches erhält überindividuelle Bedeutung, wird zu ungewöhnlichen Situationen zugespitzt, unvermutete Pointe; in einem Moment scheint ein ganzes Lebensschicksal auf

Verdichtung: andeutende, verkürzende Darstellungsweise Leerstellen

Reduktion: Verzicht auf Erklärungen, Reflexionen, Beschreibungen begrenzte Perspektive, personale / Ich-Erzählhaltung

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

Figuren: Durchschnittsmenschen oder Außenseiter; keine „Helden“

Darstellung nur eines einzelnen Moments, oft Wendepunkt im Leben einer Figur

Ausschnitthaftigkeit, unvermittelter Anfang ohne Einleitung, offenes Ende

Mittel der Verdichtung: sprachliche Bilder, Wiederholungen, szenische Darstellung, einsträngige Handlung, Konzentration auf Einzelereignisse

Wirkungsaspekte:

Rätselhaftigkeit, Ambivalenz, Deutungsoffenheit durch Leerstellen

2. Die Tiny Tales erfüllen einige der Merkmale in extremer Weise. Beson- ders stechen die begrenzte Erzählperspektive, die unvermutete Pointe und die aus Leerstellen resultierende Rätselhaftigkeit hervor.

In einem Lehrervortrag erläutert die Lehrkraft die Entstehungsvoraussetzungen für die Kurz- geschichte. Als Grundlage dienen Sachttextauszüge. Falls noch genügend Zeit ist, kann man die Schüler den Text auch erarbeiten lassen, beispielsweise indem man sie eine Zeittafel er- stellen lässt.

Lehrervortrag Textgrundlage: Die Entwicklung der Kurzgeschichte – Medialer Wandel und geändertes Leseverhalten

Die Schüler entwickeln im Anschluss an eine der in der Stunde behandelten Kürzestgeschich- ten einen eigenen kurzen Text, mit dem sie Leerstellen füllen.

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Florian Meimberg, „Tiny Tales“

Wählen Sie die „Geschichte“ vom ungetragenen Brautkleid oder eine der Kürzestgeschichten von Meimberg aus. Erzählen Sie davon ausgehend eine eigene Geschichte. Entscheiden Sie sich für eine der folgenden Varianten:

– Beginnen Sie mit der Kürzestgeschichte und setzen Sie diese fort: Was geschieht? Wie geht es weiter?

– Erzählen Sie die Vorgeschichte: Wie ist es dazu gekommen? Nutzen Sie die ausgewählte Geschichte als letzte Sätze Ihrer eigenen Geschichte.

Vertiefung 2

Material MA 3

Hausaufgabe

Material MA 1

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

3./4. Unterrichtsstunde

2 Robert Walser: Der Traum“ – Eine Kurzgeschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts verstehen

Methodisch-

didaktische

Hinweise

Lernziele

In dieser Stunde befassen sich die Schüler mit dem Text Der Traum von Robert Walser. Nach der Besprechung der Hausaufgabe wird mithilfe eines Bildimpulses (Franz Marc: Traum) auf dessen Inhalt eingestimmt. Eine wei- tere inhaltliche Vorbereitung erfolgt mit der Aufgabe, Assoziationen zum Be- griff „Traum“ in einem Ideenstern zu sammeln. Die Erzählung von Walser soll von ihrer emotionalen Wirkung her erschlos- sen werden. Um die Aufmerksamkeit hierauf zu lenken, bietet sich die audi- tive Präsentationsform eines sinngestaltenden Lehrervortrags an, ohne dass den Schülern der Text vorliegt. Eine durch Leitfragen strukturierte Detail- untersuchung schließt sich in der nächsten Erarbeitungsphase an. Angesichts des Einstiegs mit Bildimpuls und Ideenstern drängt sich dabei die Frage auf, ob und welche Merkmale von Träumen Walser aufgegriffen hat. Auf der Grundlage eines Lehrervortrags erfolgt eine historische Kontextu- alisierung des Textes: Die Verdinglichung von Menschen als Fabrikarbeiter und das Gefühl, nur ein fremdbestimmtes Rädchen im Getriebe des Staates und der Welt zu sein, beherrscht den intellektuellen Diskurs am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dazu kommt die Erfahrung des Verlusts eines weltanschau- lichen Sinnhorizonts. Diese Hinweise eröffnen Deutungsperspektiven, die den Schülern Walsers Kurzgeschichte verständlich machen können. Die Interpretationsansätze werden in der Hausaufgabe produktionsorien- tiert reflektiert, indem die Schüler eine Geschichte aus dem Alltagsleben des Protagonisten verfassen.

– Die Schüler vergleichen ihre als Hausaufgabe geschriebenen Geschichten zu den Tiny Tales.

– Sie stimmen sich durch einen Bildimpuls sowie ein Brainstorming zum Be- griff „Traum“ thematisch auf eine Kurzgeschichte ein.

– Sie erschließen die Kurzgeschichte, indem sie den Gefühlen des Ich-Er- zählers die Beschreibungen von Menschen, Orten und Ereignissen gegen- überstellen.

– Sie interpretieren die Kurzgeschichte vor dem Hintergrund des literaturge- schichtlichen Entstehungskontextes.

– Sie reflektieren ihre Textdeutung durch eine gestaltende Interpretation.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

Im Plenum werden zwei bis drei der in der Hausaufgabe selbst geschriebenen Geschichten

Besprechung der

vorgelesen, möglichst auch solche zur selben Ausgangsgeschichte. Die Auswahl dieser Texte kann durch verschiedene Methoden in die Hand der Schüler gelegt werden: Die Geschichten werden einige Male weitergereicht, bis jeder Schüler drei oder vier fremde Texte gelesen hat. Die Leser schlagen nun eine Geschichte für die Diskussion im Plenum vor. Zeitlich aufwändi- ger ist die Methode des Museumsrundgangs, bei der die mitgebrachten Texte im Unterrichts- raum ausgelegt oder ausgehängt werden. Die Schüler lesen nun alle oder doch möglichst viele Geschichten und kennzeichnen ihre Lieblingsgeschichte mit einem Klebepunkt. Die zwei oder drei Texte mit den meisten Klebepunkten werden im Plenum vorgelesen und ausführlich ge- würdigt. Im Unterrichtsgespräch kann der Einfallsreichtum oder auch die sprachliche und literarische Qualität der Schülerarbeiten thematisiert werden. Im Hinblick auf die Unterrichtsreihe sollte der Aspekt der Deutungsoffenheit und die daraus folgende Vieldeutigkeit als Gattungsmerk- mal von Kurzgeschichten hervorgehoben werden.

Hausaufgabe

Arbeitsauftrag Tragen Sie den Text vor, den Sie ausgehend von den Kürzestgeschichten ge- schrieben haben.

Lösungsvorschlag Beispiel für eine Schülerlösung zur Geschichte des „ungetragenen Braut- kleides“:

„Willst Du, Anna Schmidt, diesen Mann zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen, um gemeinsam gemäß Gottes Gesetz im heiligen Stand der Ehe zu leben? Wirst du ihn trösten, ihn ehren und zu ihm stehen, in Krankheit wie in Gesundheit, allen anderen entsagen, nur ihm gehören, bis der Tod euch scheidet?“ „Ich, ich …“ „Schatz! Wach auf, ist alles okay? Anna? – Was ist passiert?“ Anna springt auf und merkt, wie ihr Herz immer schneller schlägt. Durch den Schweiß auf ihrer Stirn sieht sie aus wie im Fieber. „Ich denke, ich hatte einen Albtraum. Halb so schlimm.“ Mit einem Lächeln im Gesicht schaut Thomas Anna tief in die Augen und berührt mit seiner rechten Hand zärtlich ihre Wange. „Du musst dich aus- ruhen, immerhin heiratet man nicht jeden Tag, Liebling. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich bin: In weniger als 48 Stunden habe ich offiziell die beste und schönste Frau an meiner Seite. Dann gibt es kein Ich und Du mehr, sondern nur noch ein Wir.“ Anna atmet tief aus und wendet sich mit einem aufgesetzten Lächeln von Thomas ab. Langsam und vorsichtig legt sie sich wieder hin. Thomas beugt sich zu ihr. „Schatz, schlaf jetzt wieder. Wir reden morgen weiter.“ Mit einem zärtlichen Kuss auf die Stirn verabschiedet er Anna in den Schlaf. Als Thomas am nächsten Morgen erwacht, stellt er fest, dass das Bett neben ihm leer ist. Anna ist nicht mehr da. „Merkwürdig“, denkt Thomas, weil Anna für gewöhnlich keine Frühaufsteherin ist. Nach einem Kaffee und einem aus- gewogenen Frühstück geht er nach draußen, um die Zeitung zu holen, die er jeden Morgen liest. Nach dem Sportteil wendet er sich seinem Horoskop zu. Seite 3, rechts oben, Zwilling. „Sie werden in kürzester Zeit sehr enttäuscht sein. Suchen Sie nicht nach Antworten. Sie liegen direkt vor Ihrer Nase.“ Nachdenklich faltet er die Zeitung zusammen. Thomas zuckt zusammen, als sein Blick auf das Foto in einer Kleinanzeige fällt. „Das sieht ja genauso aus wie das von Anna!“ Beim Lesen des Anzeigentextes erstirbt sein Blick:

„Brautkleid zu verkaufen. Ungetragen.“

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Schülers.

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

 

Einstieg

Material MA 4

Kurzgeschichten   Einstie g ➞ Material MA 4 Das Farbbild finden Sie als eigene Datei auch

Das Farbbild finden Sie als eigene Datei auch auf www.stark- verlag-digital.de unter „Zu meinen Digitalpaketen“ im digitalen Ordner zu diesem Beitrag.

 

Tafelbild

Erarbeitung 1

Material MA 5

Das expressionistische Gemälde Traum von Franz Marc ist etwa zeitgleich mit der Erzählung von Robert Walser entstanden. Es ist ein guter Ausgangspunkt, um über das Thema „Traum“ ins Gespräch zu kommen, weil der Zusammenhang der Bildelemente dem Betrachter Rätsel aufgibt. Die unrealistische Verbindung für sich genommen realistischer Elemente kann am Bei- spiel des Bildes als ein Merkmal des Träumens herausgearbeitet werden. Die abstrakte, farb- kräftige Gestaltung von Schläfer, Landschaft und Elefanten regt das Vorstellungsvermögen an. Eine systematische Bildbeschreibung im Unterrichtsgespräch ist ein möglicher Zugang zu dem Bild. Motivierender ist aber der Auftrag, einen geeigneten Titel für das Bild zu finden, weil dann die eigene Deutung auf den Punkt gebracht und erklärt werden muss (Unterrichts- gespräch). Mithilfe eines Ideensterns werden Assoziationen zum Begriff Traum gesammelt.

Arbeitsauftrag

Kopiervorlage/Farbfolie: Franz Marc, „Traum“ (1913)

– Geben Sie dem Bild einen Titel und erläutern Sie diesen.

– Schreiben Sie Ihre Assoziationen zu dem Titel „Traum“ schlagwortartig in Form eines Ideensterns an die Tafel.

schlagwortartig in Form eines Ideensterns an die Tafel. Lösungsvorschlag – Individuelle Titelsuche. –

Lösungsvorschlag

– Individuelle Titelsuche.

– Möglicher Ideenstern:

– Individuelle Titelsuche. – Möglicher Ideenstern: Die Lehrkraft liest den Text von Robert Walser zunächst
Die Lehrkraft liest den Text von Robert Walser zunächst vor, ohne dass er den Schülern
Die Lehrkraft liest den Text von Robert Walser zunächst vor, ohne dass er den Schülern vor-
liegt. Im Unterrichtsgespräch wird auf dieser Grundlage die Wirkung des Textes themati-
siert.

Arbeitsauftrag

Kopiervorlage: Robert Walser, „Der Traum (II)“ (1914)

– Nennen Sie Ihre Höreindrücke.

– Beschreiben Sie, welche Wirkung die Erzählung auf Sie hat.

– Geben Sie wesentliche inhaltliche Aspekte wieder.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

Lösungsvorschlag

– Die meisten Schüler werden den Text verstörend finden.

– Die erzählte Welt wirkt kalt, unmenschlich, abweisend; der Protagonist wirkt in seiner Hilflosigkeit bemitleidenswert; das Ende ist überraschend; man freut sich mit dem Protagonisten, dass er endlich erwacht ist und die Schreckbilder des Traums verschwunden sind; die Traumerlebnisse er- innern an Erfahrungen, die man auf Ämtern noch heute wirklich machen kann, wenn man sich unwillkommen fühlt

Inhaltliche Aspekte: Traum eines Ich-Erzählers; kaum Geschehnisse oder Handlung, sondern Gefühle des Erzählers: Angst, Misstrauen, Kälte, Ab- weisung, Hilflosigkeit, Unmenschlichkeit, Fluchtwünsche; Szene in einem Amt/einer Behörde

Die Erarbeitung wird durch Leitfragen entlastet. Als Sozialform ist eine Partnerarbeit beson- ders geeignet. Die Ergebnisse werden im Unterrichtsgespräch abgeglichen und in einem Tafelbild festgehalten.

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Robert Walser, „Der Traum (II)“ (1914)

1. Stellen Sie den Gefühlen des Ich-Erzählers die Beschreibungen von Men- schen, Orten und Ereignissen tabellarisch gegenüber.

2. Welche sprachlichen Mittel kennzeichnen den Traum? Wird durch die sprachliche Gestaltung deutlich, dass es sich um einen Traum handelt?

3. Träume beinhalten Sinneseindrücke während des Schlafes, Unterbewuss- tes und Erlebnisse der vergangenen Tage. Was bedeutet das für den letz- ten Satz der Geschichte: „O wie freute ich mich, daß es nur ein Traum war.“?

Lösungsvorschlag

1. Folgendes Tafelbild könnte entstehen:

Gefühle des Ich-Erzählers

Beschreibung von Menschen, Orten, Ereignissen

„Elend“ (Z. 11)

„eine Art von Anstalt und Institut“ (Z. 7)

„eiskalter Schauder“ (Z. 12)

„verriegelte, unnatürliche Absonderung“

„entsetzte, angsterfüllte Seele“

(Z.

8 f.)

(Z.

12 f.)

„ringsum herrschende[] Ordnung“

„Ratlosigkeit und Hilflosigkeit“ (Z. 16)

(Z.

23)

„Angst“ (Z. 22)

„Beamten“ (Z. 29)

„mich mit Grauen erfüllte“ (Z. 24)

„zeigten sich sehr in Anspruch genommen“ (Z. 37)

„kummervoller, bittender Tonart“

(Z.

29 f.)

„viele Zimmer und Nebenzimmer“ (Z. 45)

„höchsten Herzbeklemmung“ (Z. 31)

„zu keinem dieser unverständlichen Menschen ein Vertrauen“ (Z. 53 f.)

„Jeder hatte seine strenge, enge,

„unaussprechlichen, fürchterlichen Bestürzung“ (Z. 40 f.)

„Meer der Befremdung“ (Z. 47 f.)

stumpfe, wohlabgemessene Beschäf- tigung“ (Z. 54 ff.)

„Ohne Erbarmen“ (Z. 57)

Nach dem Traum: „O wie freute ich mich“ (Z. 61)

„Tot, wie sie waren“ (Z. 59)

Erarbeitung 2

Material MA 5

Tafelbild

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Tafelbild

2. Folgendes Tafelbild könnte entstehen:

Ich-Erzähler benennt seine Gefühle explizit: Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Angst, Unfreiheit

Darstellung von geschäftig in einer Ver- waltung arbeitenden Menschen ist nicht extrem unrealistisch, könnte auch realisti- sche Erzählung sein; aber: Vagheit der Traumbilder („eine Art von“, „unnatürliche Absonderung“) und Abwertung („enge und kalte Umgrenzung“, „Tot, wie sie waren“)

Fazit:

Gefühl des Ausgestoßen- und Ausgeschlossenseins gegenüber einer unmenschlich und absurd erscheinenden Bürokratie

3. Zwei Deutungen des Schlusssatzes sind denkbar:

Variante 1: Mit dem Erwachen ist der Spuk der Traumbilder verschwun- den, der Ich-Erzähler freut sich buchstäblich, dass es nur ein Traum war. Er kann den Traum vergessen, weil er eben eine bloße Fantasie, ein blo- ßes Hirngespinst war. Dann würde sich aber die Frage stellen, warum dieses bloß geträumte Schreckbild einer unmenschlichen, verwalteten Welt überhaupt erzählt wird. Variante 2: Sofern Träume, wie im Einstieg thematisiert, Erlebnisse des Tages aufgreifen bzw. Alltagskonflikte in Traumbilder übersetzen oder sogar prophetische Anteile haben, wie in der Antike geglaubt wurde, ent- halten die Traumbilder Aussagen über die Lebenswirklichkeit des Träu- menden. Auch wenn er nicht buchstäblich am Tag zuvor das Geträumte in Wirklichkeit erlebt hat, lässt der Traum Rückschlüsse auf sein Gefühl in der Welt zu: Sie ist ihm fremd, tief in seinem Inneren fühlt er sich als bloßer Zuschauer oder sogar Ausgestoßener eines ihm unverständlichen Weltgetriebes.

Vertiefung

Um die Deutung der Kurzgeschichte um eine Facette zu erweitern, lohnt sich ein Blick auf ihren literaturgeschichtlichen Entstehungskontext. In Form eines Lehrervortrags (oder gege- benenfalls durch die Erarbeitung eines kurzen Sachtextes in Einzelarbeit) werden die ein- schneidenden Entwicklungen in der Moderne zusammengefasst, vor deren Hintergrund der Text von Walser nicht als böser Albtraum, sondern als Ausdruck des Verlusts eines Sinnhori- zonts in der Wirklichkeit verstanden werden kann. Dieser Deutungsansatz wird im Unter- richtsgespräch erarbeitet.

Lehrervortrag

Textgrundlage: Die Kurzgeschichte um 1900

Material MA 6

Arbeitsauftrag

Kopiervorlage: Robert Walser, „Der Traum (II)“ (1914)

Textgrundlage: Die Kurzgeschichte um 1900

Material MA 5

Material MA 6

1. Deuten Sie Walsers Kurzgeschichte vor dem Hintergrund der „Entwick- lungen in der Moderne“.

2. Untersuchen Sie, ob Meyers These von der bloß indirekten Darstellung starker Emotionen auf Robert Walsers Text „Der Traum (II)“ zutrifft.

3. Formulieren Sie eine übergreifende Interpretationshypothese für den Text.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

Lösungsvorschlag

1. Aus literaturgeschichtlicher Sicht kann man Walsers Text als Ausdruck des modernen Lebensgefühls von Isoliertheit und Verlorenheit in einer Welt lesen, in der übergeordnete religiöse oder weltanschauliche Sinnent- würfe ihre Bedeutung verloren haben (vgl. den Text von Meyer). In sei- ner Erzählung Der Traum (II) entwirft Walser ein Bild von Ohnmacht und Unbehaglichkeit in der Welt, das man als wirklichkeitsentlarvend ver- stehen kann – vor allem angesichts der Tatsache, dass das Traumgesche- hen selbst nicht besonders unrealistisch ist.

2. Entgegen der These von Meyer benennt der Protagonist seine starken Ge- fühle der Angst, des Grauens und der Ratlosigkeit explizit. Noch deutli- cher als diese ausdrücklichen Benennungen wirken aber die Beschreibun- gen von Menschen, Orten und Ereignissen, aus denen sich die Gefühle des Protagonisten erschließen lassen. Der ganze titelgebende „Traum“ kann als Symbol aufgefasst werden, durch das Aussagen über die Wirk- lichkeit gemacht werden: Der erzählte Traum lässt sich als eine Allegorie auf die Wirklichkeitserfahrung von Fremdheit in einer verwalteten Welt ohne menschlichen Sinn lesen.

3. In dem Text Der Traum (II) von Robert Walser aus dem Jahr 1914 …

– bringt der Autor eine Grunderfahrung des modernen Menschen in einem Traumbild zum Ausdruck.

– geht es um einen Traum des Ich-Erzählers, der viele Parallelen zu einem möglichen Alltag aufweist, wobei Gefühle des Ausgeschlossen- seins bzw. der Angst verstärkt wahrgenommen zu sein scheinen.

– geht es um die Verarbeitung von hoffnungslosen Erlebnissen eines Pro- tagonisten. Dabei werden dessen Gefühle durch die Beschreibung von Ereignissen und Menschen zum Ausdruck gebracht.

– wird die Absurdität und Unmenschlichkeit der Wirklichkeit gezeigt, in- dem die Realität als Albtraum beschrieben wird.

– wird in Form eines Traums die Absurdität der entfremdeten Arbeit im industriellen Zeitalter dargestellt.

In der Hausaufgabe verfassen die Schüler eine kurze Geschichte, in der das Alltagsleben des Protagonisten reflektiert wird.

Hausaufgabe

Arbeitsauftrag Erzählen Sie eine Geschichte aus dem (Alltags-)Leben des Protagonisten.

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

5./6. Unterrichtsstunde

3 Wolfgang Borchert: „Die Küchenuhr“ – Produktionsorientierte Auseinander- setzung mit einer klassischen Kurz- geschichte

Methodisch-

didaktische

Hinweise

Die berühmte Kurzgeschichte Die Küchenuhr von Wolfgang Borchert weist die klassischen Merkmale der Gattung auf: In einer scheinbar unbedeuten- den Alltagssituation ist die ganze Tragik des Zweiten Weltkrieges, Tod und Schmerz, ein zerstörtes Leben und eine ganze zerstörte Generation verdich- tet. Die einfache, kaputte Küchenuhr ist in Borcherts Text das Symbol eines verlorenen Paradieses. So wie der junge Mann, der sie mit sich führt, „sieht sie noch aus wie immer“, aber innerlich ist sie kaputt. Ihre beinahe absurde Wirkung bezieht die Geschichte aus der Unangemessenheit des Verhaltens des jungen Mannes hinsichtlich seiner realen Lebenssituation: dass er „freu- dig“ sagt, dass alles kaputt sei. Es ist der Erzähler, der das Geschehen vor- sichtig kommentiert: Er ist es, der das „alte Gesicht“ des jungen Mannes erwähnt, um die Gebrochenheit des Protagonisten zu zeigen. Als methodisch-didaktischer Ansatz sind in der Doppelstunde zwei produk- tionsorientierte Varianten der Auseinandersetzung mit Borcherts Text vor- gesehen, zwischen denen die Schüler selbstregulativ wählen können:

Nach der Besprechung der Hausaufgabe und der Untersuchung eines Stand- bilds zu der Kurzgeschichte Die Küchenuhr entwickeln die Schüler eigen- ständig ein Textverständnis und bringen es entweder in einem – Leerstellen des Textes füllenden – Dialog oder in einem Storyboard zu einer mögli- chen Verfilmung der Geschichte zum Ausdruck. Der Text von Borchert deutet nur an, welche Gefühle die in der Geschichte anwesenden Zuhörer angesichts der Verlustgeschichte des Protagonisten haben. Indem die Schüler ein Gespräch zwischen ihnen erfinden, erhalten sie die Gelegenheit, ihr Textverständnis zu belegen und ihre eigenen Empfin- dungen zu versprachlichen. Durch diese Aufgabe wird die Einfühlung in literarische Figuren besonders gefordert und gefördert. Bei der Aufgabe, eine filmische Umsetzung der Kurzgeschichte zu entwer- fen, geraten Aspekte der Erzähltechnik und Fragen der Intermedialität bzw. des Medientransfers in den Blick. Die Aufgabe leistet außerdem einen Beitrag zur Entwicklung der Medienkompetenz der Schüler. Gegebenenfalls lässt sich das Filmkonzept auch als Projekt umsetzen.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

– Die Schüler beschreiben ein Standbild, das die Figurenkonstellation einer Kurzgeschichte darstellt.

Lernziele

– Sie wählen nach eigenem Interesse eine von zwei Varianten produktions- orientierter Interpretation zur Kurzgeschichte aus:

Sie erfinden einen Dialog und füllen dadurch eine Leerstelle eines Textes.

Sie übertragen die drehbuchartige Darstellungsweise eines Textes in das Konzept einer Verfilmung der Geschichte (in Form eines Storyboards).

– Sie stellen eine Kurzgeschichte in ihren gattungsgeschichtlichen Kontext.

Zuerst wird die Hausaufgabe besprochen. Idealerweise haben einzelne Schüler ihre Lösung

Arbeitsauftrag

Besprechung der

schon vorher bei der Lehrkraft abgegeben, damit diese einen oder zwei Texte für die Bespre-

Hausaufgabe

chung im Plenum auswählen und für alle Mitschüler kopieren kann. Auch durch eine Kopie auf Folie oder mit einer Dokumentenkamera, die an einen Beamer angeschlossen wird, kann dafür gesorgt werden, dass die Schülertexte bei der Besprechung schriftlich vorliegen. Das ist erforderlich, damit eine genaue Textkritik vorgenommen werden kann.

Untersuchen Sie, inwiefern in der gestaltenden Interpretation Ihres Mitschü- lers Vorgaben aus Walsers Geschichte berücksichtigt worden sind und worin die eigene kreative Idee besteht.

Lösungsvorschlag Individuelle Ergebnisse. Hinweis: Wie bei jeder gestaltenden Interpretation soll in der Auswertung die künstlerisch-ästhetische Qualität der Schülerarbeiten gewürdigt werden. Entscheidend für das Gelingen gestaltender Interpretationen ist die Balance zwischen der Berücksichtigung der Vorgaben des Textes und der Textsignale einerseits und dem kreativen Erfinden andererseits. Im vorliegenden Fall ist es z. B. eine gute Lösung, die Erzählerfigur nach dem beschriebenen Traum morgens aus dem Haus gehen zu lassen und ihn dann die Traumhandlung, beispielsweise beim Besuch eines Amtes, in der Wirklichkeit noch einmal erleben zu lassen.

Ein Foto aus einem von Schülern zu Die Küchenuhr erstellten Storyboard ermöglicht einen motivierenden, schülerorientierten Zugang zu der Kurzgeschichte von Borchert (Unterrichts- gespräch). Am Ende der Stunde kann das Foto als Beispiel für die gleich folgende Aufgaben- variante „Storyboard“ erneut aufgelegt werden und die Stunde dadurch einrahmen.

Einstieg

Arbeitsauftrag Farbfolie/Folienvorlage: Ein Standbild untersuchen

Material MA 7

– Beschreiben Sie das Foto. Gehen Sie auf den Ausdruck und das Verhältnis der Personen zueinander ein.

– „Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war.“ Von was für einem Para- dies spricht der Mann in der Mitte? Stellen Sie Vermutungen an.

Lösungsvorschlag

– Auf einer Parkbank sitzen drei Menschen. Der junge Mann in der Bild- mitte schaut versonnen vor sich hin und wirkt abwesend, aber auch heiter.

versonnen vor sich hin und wirkt abwesend, aber auch heiter. Das Farbbild finden Sie als eigene

Das Farbbild finden Sie als eigene Datei auch auf www.stark- verlag-digital.de unter „Zu meinen Digitalpaketen“ im digitalen Ordner zu diesem Beitrag.

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Die junge Frau links und der junge Mann rechts wenden ihre Gesichter von dem Mann in der Mitte ab. Sie schauen ernst in die Ferne. Der Mann in der Mitte hält einen weißen Gegenstand in den Händen. Bäume und Büsche im Bildhintergrund wirken kahl. – Das Wort „Paradies“ passt gar nicht zu dem insgesamt eher unwirtlichen Eindruck des Fotos. Man könnte spekulieren, dass er ein religiöser Eiferer ist und vom göttlichen Paradies oder eher in übertragener Bedeutung vom Paradies spricht und damit einen Ort erfüllter Sehnsüchte meint. Das Foto lässt vermuten, dass er sich nach menschlicher Wärme und Nähe sehnt.

 

Erarbeitung

Die Schüler befassen sich nun kreativ-gestaltend mit dem Text Die Küchenuhr. Um unter- schiedlichen Vorlieben, Interessen und Fähigkeiten der Schüler entgegenzukommen, dürfen sie sich selbst für eine von zwei Aufgabenvarianten entscheiden. Falls es die Zeitplanung zu- lässt, kann – vor allem in schwächeren Lerngruppen – eine Phase der Texterschließung mit dem Formulieren einer Interpretationshypothese vorangehen. Hierfür kann gegebenenfalls be- reits das Analyse-Schema eingesetzt werden, das in der nächsten Stunde genutzt wird. Die Variante 1 (Einzelarbeit) besteht im Verfassen eines Dialogs zwischen Mann und Frau, der die Leerstelle schließt, wie die beiden auf die Erzählungen des jungen Mannes reagieren, was sie sich unter dem „Paradies“ vorstellen, ob sie ähnliche Kriegserfahrungen gemacht und wen sie gegebenenfalls verloren haben. Wenn die Aufgabenart der gestaltenden Interpretation noch nicht gut bekannt ist, eignet sich der Schülertext im Lösungsvorschlag sehr gut für eine Auseinandersetzung mit den Anforderungen dieser Textsorte. Als Aufgabe bietet es sich dann an, eine Reflexion der Gestaltung auf Grundlage der Leitfragen des Methodenblatts schreiben zu lassen. Zur Auswertung tragen die Autoren anschließend gemeinsam mit einem Partner ihre Dialoge im Plenum szenisch vor. Die Variante 2 (Gruppenarbeit) knüpft an die szenische, drehbuchartige Darstellungsweise der Kurzgeschichte an. Der neutrale Erzähler blickt beinahe so unbeteiligt wie eine Kamera auf das Geschehen. Deshalb lässt sich die Geschichte vom Handlungs- und Gesprächsverlauf her beinahe 1:1 in Filmbilder übertragen. Allerdings lassen sich einzelne Textstellen, wie vor allem der Gedanke im Schlusssatz, visuell gar nicht unmittelbar darstellen. Spätestens hier kann ein Filmkonzept nicht mehr bloß „abschreiben“, kann eine Kamera nicht einfach „draufhalten“, um das Erzählte filmisch darzustellen. Hier öffnet sich der Raum für indivi- duelle Interpretationen. Falls das Erstellen des Storyboards mithilfe des Fotohandys zu auf- wendig oder schwer realisierbar ist, kann dieses auch zeichnerisch umgesetzt werden. Die Präsentation und Auswertung der Storyboards hängt sowohl ein wenig von den techni- schen als auch von den zeitlichen Möglichkeiten ab. Im Idealfall werden die Standbilder als Diashow mit dem Beamer projiziert. Dazu kann dann eine Live-Lesung der Kurzgeschichte erfolgen. Denkbar ist es auch, dass sich die Lehrkraft die Fotos per E-Mail zuschicken lässt und dann etwa vier ausgewählte Bilder pro Storyboard auf Folie ausdruckt, kopiert oder proji- ziert (in einer späteren Stunde).

Material MA 9

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Methodenblatt – Eine gestaltende Interpretation verfassen

Material MA 10

und reflektieren Kopiervorlage: Methodenblatt – Ein Storyboard entwickeln

Material MA 8

Kopiervorlage: Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“ (1947)

Wählen Sie eine der beiden folgenden Aufgaben und bearbeiten Sie diese. Die erste Variante können Sie alleine erledigen, für die zweite Variante müs- sen Sie sich mit drei bis vier anderen Schülern zusammentun:

Variante 1: Einen Dialog verfassen

1. Stellen Sie sich vor: Am Ende der Begegnung, die in „Die Küchenuhr“ geschildert wird, gehen die Frau (Z. 26 ff., 34) und der Mann (Z. 43 ff.,

109 f.) gemeinsam ein Stück Weg. Dabei unterhalten sie sich über das Vor- gefallene und den Besitzer der Küchenuhr. Verfassen Sie das Gespräch.

2. Reflektieren Sie Ihre Gestaltung.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

Variante 2: Ein Storyboard ent- wickeln Entwickeln Sie ein Storyboard für die filmische Umsetzung der Kurzgeschichte „Die Küchen- uhr“ von Wolfgang Borchert.

WAS IST EIN STORYBOARD? Ein Storyboard ist die zeichnerische und skizzenhafte Umsetzung eines Drehbuchs. Mit
WAS IST EIN STORYBOARD?
Ein Storyboard ist die zeichnerische und
skizzenhafte Umsetzung eines Drehbuchs.
Mit ihnen werden einzelne Filmszenen
geplant, wobei Aspekte der filmerischen
Gestaltung wie z. B. die Perspektive und
die Einstellungsgröße berücksichtigt wer-
den. Bevor mit Kameras gedreht wird,
einigen sich Regisseure und Kameraleute
sowie gegebenenfalls auch Drehbuch-
autoren und die Schauspieler so auf die
Umsetzung der Vorlage. Deshalb spielen
Storyboards bei jeder Filmproduktion
eine wichtige Rolle.

Lösungsvorschlag Variante 1: Einen Dialog verfassen

1. Schülerbeispiel:

FRAU: Ein seltsamer Kauz, der sich da vorhin zu uns gesellte. Sein Auf- treten wirkte sehr jung, ich würde sagen, er war grade mal zwanzig und dennoch hatte er ein ganz altes Gesicht. Auch wie er redete war ganz erstaunlich, finden Sie nicht auch? MANN: Ja, da haben Sie Recht. Er wirkte sehr naiv, wie er da mit seiner kaputten Küchenuhr saß, sie bewunderte und sogar zu ihr sprach und doch hatte er etwas Reifes an sich. Ich glaube nicht, dass das nur an seinen alt wirkenden Gesichtszügen lag, dieser Junge hat viel erlebt, musste viel Schreckliches sehen und doch war er nicht voller Wut und Hass, sondern freute sich über das, was ihm noch geblieben ist. – Eine kaputte Küchenuhr. FRAU: Seltsam, was so ein Verlust aus einem Menschen machen kann. Er war ja nicht einmal in der Lage, über irgendetwas anderes zu sprechen als diese kaputte Küchenuhr. Schon komisch, wie manche Leute an Übriggebliebenem hängen. Als ob diese Uhr sein altes Leben wieder- bringen könnte. MANN: Ja, aber andererseits hat er immerhin irgendein Erinnerungsstück aus seinem alten Leben. Auch wenn es nur eine kaputte Küchenuhr ist. Seit ich mein Zuhause verlassen musste, ist von meinem alten Leben gar nichts mehr übrig, nicht mal so eine wertlose, kaputte Küchenuhr. Ich konnte nur mit Schuhen und meinem Schlafanzug entkommen, sonst hätte die nächste Bombe mich vielleicht umgebracht. Nicht mal die Kleider, die ich trage, sind aus meinem alten Leben. FRAU: Immerhin sind Sie noch bei klarem Verstand. Dieser Mann vorhin hörte sich an, als wäre er verrückt. Vor allem die Fröhlichkeit, mit der er sagte, dass er wirklich alles verloren habe, hat mich geängstigt. Er muss verrückt geworden sein und das ist ja auch kein Wunder. Ich glaube, dass ich mit dem Verlust von allem, was mir lieb ist, und allem, was einfach immer da war, nicht leben könnte. Sehen Sie meinen kleinen Jungen an, kein Jahr alt und das Wichtigste in meinem Leben. Über diesen Verlust könnte ich nicht hinwegkommen. Aber dieser Mann, er lachte sogar, obwohl er doch wissen muss, dass seine schö- nen Erinnerungen nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben. Aber über die schlimmen Dinge wollte er nicht reden. Er scheint über einen großen Optimismus zu verfügen. MANN: Optimismus? Ich weiß nicht. Grundsätzlich würde ich Ihnen zu- stimmen, aber mir geht diese eine Formulierung seinerseits nicht mehr aus dem Kopf. Er verglich sein altes, für ihn damals so selbstverständ- liches Leben mit dem Paradies. Und ist es nicht so, dass das Paradies

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

die Vollkommenheit darstellt? Einen Ort ohne Leiden, einen Ort an dem es nur das Schöne und Freudvolle gibt? Vor allem aber ist das Pa- radies ein Ort, den man niemals wieder betreten kann, nachdem man ihn einmal verlassen hat. Wie sollte er also optimistisch an eine glück- liche und gute Zukunft denken, wenn der Krieg ihn aus dem Paradies vertrieben hat? Nein, optimistisch der Zukunft gegenüber kann er nicht sein, er möchte sich nur sein Paradies in bester Erinnerung behalten. FRAU: Sie haben wohl Recht. Wahrscheinlich hat jeder von uns sein per- sönliches Paradies schon verloren. Der Krieg nimmt uns mehr als nur das Dach über dem Kopf.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Schüler.

2. Individuelles Reflektieren der Gestaltung.

Variante 2: Ein Storyboard entwickeln

Individuelle Storyboards. Inhaltlich sollte das Storyboard die In-sich-Gekehrtheit des Protagonisten und die eher ablehnende Haltung der Zuhörer darstellen. Neben der Totale sollten sich auch einige Nah- bzw. Detail-Einstellungen in dem Storyboard finden (z. B. zu Z. 11 ff., 23 f.). Die Erzählung aus der glücklichen Vergangenheit des Protagonisten vom Nachtmahl mit der Mutter (Z. 6490) kann entweder als Rückblende mit Mutter und Sohn inszeniert werden oder als Erzählung des Protagonisten auf der Bank mit seinen Zuhörern.

Hausaufgabe

Auf die kreativ-gestaltenden Auseinandersetzungen mit der Kurzgeschichte folgt in der Haus- aufgabe ein kognitiver Arbeitsschritt zur literaturgeschichtlichen Einordnung des Textes. Da Borcherts Kurzprosa als klassisch für die deutsche Kurzgeschichte gilt, ist es an dieser Stelle sinnvoll, die in der ersten Stunde erarbeiteten Merkmale der Gattung auf Borcherts Text anzu- wenden und die Merkmale auf diese Weise mit Anschauung zu füllen. Die Hausaufgabe kann in der Folgestunde eingesammelt werden und einen Einblick in den Lernstand geben.

Material MA 8 Material MA 11

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“ (1947) Kopiervorlage: Die Hochzeit der Kurzgeschichte in der Nachkriegsliteratur

Erläutern Sie die von Meyer beschriebenen Merkmale der Kurzgeschichte in der Nachkriegsliteratur am Beispiel von Wolfgang Borcherts „Die Küchen- uhr“. Untersuchen Sie, ob Borcherts Geschichte den in der ersten Stunde der Unterrichtsreihe erarbeiteten Merkmalen der Kurzgeschichte entspricht.

Lösungsvorschlag Borcherts Text erfüllt die Merkmale der Gattung, die Meyers Text darstellt und die in der ersten Stunde angesprochen wurden: Szenische Darstellung (wörtliche Rede ohne Anführungsstriche, begrenzte Perspektive, kaum Er- zählerkommentare oder Beschreibungen); Ausschnitthaftigkeit, fragmentari- scher Charakter (keine Einleitung, „in medias res“, Ende offen); im Moment eines zufälligen Gesprächs auf einer Parkbank kommt das Lebensschicksal des jungen Mannes und der ganzen Kriegsgeneration zum Ausdruck; All- tagsgegenstand (die kaputte Küchenuhr) ist das Symbol der Beschädigung der Menschen; lakonische, schlichte, berichtende Sprache

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

7./8. Unterrichtsstunde

4 Thomas Hürlimann: „Der Filialleiter“ – Eine Kurzgeschichte analysieren

Nach der produktionsorientierten Doppelstunde zu Borcherts Die Küchenuhr rückt nun ein analytischer Zugang zu Kurzgeschichten in den Vordergrund:

Die Schüler wenden ein Analyseschema für Kurzgeschichten, das ihnen auch als Grundlage für Textanalysen in Klausuren dienen kann, auf Thomas Hürlimanns Text Der Filialleiter an. Da es sich um ein umfassendes Schema handelt, bietet sich als Unterrichtsform ein (verkürztes) Gruppenpuzzle an, in dem die Schüler einzelne Aspekte untersuchen und ihre Ergebnisse dann (in neu gebildeten Gruppen) vorstellen und zusammentragen. Hürlimanns Geschichte, in der ein Ehemann seine Frau in einer Talkshow über ihn herzie- hen sieht, während diese neben ihm sitzt, zeigt die Unerschütterlichkeit von Alltagsroutinen eines Paares und dessen Kommunikations- und Lieblosig- keit. Die Bündelung und Fokussierung der Ergebnisse im Plenum bildet die Grundlage für eine Hypothesenbildung zur Interpretation des Textes. Da- bei sollten die Leerstellen des Textes offen thematisiert werden: Wie passen die beiden Perspektiven auf die Ehe, die in der Geschichte deutlich werden, zusammen? Wenn stimmt, was die Ehefrau über ihren Mann und ihre Ge- fühle für ihn sagt – warum bleibt sie dann mit ihm zusammen? Warum spricht der Filialleiter seine Frau nicht darauf an, was sie im Fernsehen über ihre Beziehung zu ihm gesagt hat? Um die Stunde nicht zu überfrachten, schließt sich im Folgenden nicht das Verfassen eines Interpretationsaufsatzes, sondern die Verbesserung und Korrektur eines Schüleraufsatzes an. Bei der Besprechung sollte insbeson- dere deutlich werden, an welchen Stellen der Schüler Deutungen vornimmt, die sich zu weit vom Text entfernen.

– Die Schüler „erlesen“ eine Kurzgeschichte mit der theaterpädagogischen Methode „Text kneten“.

– Sie analysieren eine Kurzgeschichte aspektorientiert.

– Sie erproben ein Schema zur Analyse von Kurzgeschichten.

– Sie entwickeln eine Interpretationshypothese als Ausgangspunkt und Leit- linie eines eigenen Interpretationsaufsatzes.

– Sie überarbeiten einen Schüleraufsatz sprachlich und inhaltlich.

Methodisch-

didaktische

Hinweise

Lernziele

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Einstieg

Material MA 12

Die Unangemessenheit der äußeren Reaktion der Figuren zu den erzählten Ereignissen ist ein wesentlicher Kern von Hürlimanns Kurzgeschichte. Eine unterhaltsame, motivierende Hin- führung ist das gemeinsame „Erlesen“ des Textes mit der theaterpädagogischen Methode „Text kneten“, bei der die Schüler immer nur einen Satz lesen und dann dem folgenden Schüler vorgeben, wie er den Satz lesen soll. Dabei kommt es nicht darauf an, dass der vorgegebene Ausdruck zu dem Satz passt. Ziel ist es vielmehr, dass die Schüler den geforderten Ausdruck mimen und sich dadurch „warmsprechen“. Anschließend werden erste Leseeindrücke im Plenum besprochen. Vermutlich wird es beim Textkneten Stellen gegeben haben, an denen der Ausdruck besonders gut oder gar nicht zu dem gesprochenen Satz gepasst hat. Die Erklärung solcher Eindrücke und Beobachtungen kann sehr gut zur Deutung des Textes hinführen. Im Unterrichtsgespräch können bereits Aspekte der Handlung und der Darstellungsweise besprochen und gegebenenfalls an der Tafel fixiert werden. Aus dem Gespräch heraus kann es sich auch schon ergeben, eine Tabelle mit den Spalten „Im Wohnzimmer“ und „Im Fernsehen“ anzulegen, die die genauere Analyse der Kurzgeschichte zu strukturieren hilft.

Arbeitsauftrag

Kopiervorlage: Thomas Hürlimann, „Der Filialleiter“ (1992)

1. Wir lesen den Text „Der Filialleiter“ mit der Methode „Text kneten“:

Reihum wird je ein Satz gelesen, wobei der Schüler, der einen Satz gelesen hat, dem nächsten Schüler vorgibt, wie er seinen Satz lesen soll – z. B. stotternd, schnell, fröhlich, erschrocken, singend, klagend, traurig etc.

2. Tauschen Sie sich über Ihre Leseeindrücke aus.

Lösungsvorschlag

1. Individuelle gemeinsame Lektüre des Textes.

2. Individueller Austausch über die Leseeindrücke.

Erarbeitung 1

Material MA 12

Material MA 13

Mithilfe eines Analyseschemas wird die Kurzgeschichte untersucht. In einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit setzen sich die Schüler mit jeweils 1 bis 3 Analyseaspekten auseinander, wo- bei diese binnendifferenzierend zugeteilt werden können. Anschließend bilden die Schüler neue Gruppen (im Sinne eines Gruppenpuzzles), in denen für jeden Analyseaspekt mindestens ein Schüler vertreten ist und in denen sie sich nun die Ergebnisse vorstellen.

Arbeitsauftrag

Kopiervorlage: Thomas Hürlimann, „Der Filialleiter“ (1992)

Kopiervorlage: Analyseschema für Kurzgeschichten

Analysieren Sie die Kurzgeschichte mithilfe des Analyseschemas. Machen Sie sich zu den einzelnen Aspekten kurze Notizen.

Lösungsvorschlag Thema und Problemgehalt:

– Titel/Überschrift: Benennung einer der Figuren bzw. des Berufs (und nicht des Themas des Textes)

– Konflikte: Diskrepanz zwischen „Medienrealität“ und Situation im Wohn- zimmer; offenbar nicht ausgetragener Konflikt zwischen den Ehepartnern

– Wirklichkeitsbezug/Gesellschaftsbezug: Medium des Fernsehens, TV-For- mat der Talkshow, Leere und Kommunikationslosigkeit in einer bürger- lichen Ehe

– Wirklichkeitsausschnitt/Lebenswelt der Figuren: abendliches gemeinsa- mes Fernsehen, private Situation (vs. öffentliche Situation in Talkshow)

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

Form und Stil:

Wortwahl:

Wortfelder: keine besonderen Wortfelder

Schlüsselwörter: „Haß“ (Z. 18), „Wirklichkeit!“ (Z. 34), „Affektever- kümmerung“ (Z. 28), „emotionale[s] Defizit“ (Z. 41)

Satzbau:

 

Ellipsen: „Kein Spuk Wirklichkeit!“ (Z. 34), „Ungeheuerlich!“ (Z. 40)

Komplexitätsgrad: vorwiegend kurze, einfache, parataktisch organisier- te Sätze; gelegentlich hypotaktische Konstruktionen

Stilebene/-höhe:

Schriftdeutsch; Berichtston, der z. T. durchbrochen wird (z. B. Z. 26)

auffällige rhetorische Gestaltungsmittel:

Gedankenstriche leiten kurze Erklärungen ein (Z. 3, 15, 53)

Neologismen („Bildschirm-Maria-Lisa“, Z. 17; „Was-darfs-denn-sein- Gesicht“, Z. 23 f.) komisch-ironische Wirkung

Ausrufe (Z. 10, 34, 40, 43) zeigen innerliche Erregung

Erzählweise:

– Darbietungsform bei Erzählerrede: kommentarlose Beschreibung der Vor- gänge mit Tendenz zum szenischen Erzählen

– Darbietungsform bei Figurenrede/Gedankenwiedergabe: vielfältige Dar- bietungsformen (direkte Rede: „Maria-Lisa!“ [Z. 10]; erlebte Rede: „Nein, er täuschte sich nicht“ [Z. 3]; indirekte Rede: „Dann erklärte sie, über den Haß […] sei sie schon hinaus.“ [Z. 17 ff.])

– Erzählform: Er/Sie

– Erzählperspektive: überwiegend Außenperspektive, aber z. B. in Z. 38 – 48 Innensicht des Mannes

– Erzählverhalten: neutrales (z. B. Z. 12–16) und personales (z. B. Z. 4043) Erzählen – das Geschehen wird eher aus der Sicht des Filialleiters erzählt

Ort/Schauplatz:

– konkreter Ort mit Realitätsbezug: Wohnzimmer eines Ehepaars

– enger/weiter Raum: begrenzter Raum des Wohnzimmers, aber in weite- rem Sinne öffentlicher bzw. weiter Raum des Mediums Fernsehen

– Ortswechsel: Ortswechsel nur im Sinne des Wechsels zwischen „Fernseh- realität“ und Situation im Wohnzimmer

– Innen-/Außenraum: Wechsel zwischen Innenraum (Ich des Filialleiters) und Außenraum (Geschehen um den Filialleiter herum)

Dramaturgie:

– Gliederung/Aufbau: Z. 1–26 (Ehefrau in Talkshow und erste Reaktionen des Filialleiters), Z. 27–37 (Prüfen der Wirklichkeit), Z. 3857 („Scho- ckiertheit“ des Filialleiters), Z. 58–61 (Übergehen zum Alltag)

– Tempo/Zeitgestaltung/Zeitsprünge/Verhältnis von Erzählzeit und erzähl- ter Zeit: weitgehend zeitdeckendes Erzählen; gegen Ende zeitraffend (Z. 52 f.: „minutenlang“) und Zeitsprung (Z. 58 f.: „Als die Spätausgabe der Tagesschau begann“)

– Spannungsbogen: Steigerung bis zum ersten Höhepunkt in Z. 25 f. durch die schockierenden Aussagen der Frau; Spannungsabfall durch Betrach- tung des Zimmers (vgl. Z. 27–39); erneuter Spannungsanstieg bei Verge- genwärtigung des Geschehens (vgl. Z. 39 f.); Spannungsabfall gegen Ende bei Rückkehr zum Alltag (vgl. Z. 4961)

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

– Anfang: unvermittelt, keine Einleitung, Geschichte beginnt mit dem Er- schrecken des Filialleiters

– Ende: offen, da unklar bleibt, ob und welche Konsequenzen der Fernseh- auftritt hat

Figuren:

– Konzeption:

direkte Charakterisierung: kaum vorhanden

indirekte Charakterisierung:

Filialleiter: eingeschliffener Alltag mit anstrengender Arbeit und tägli- chem Abendritual vor dem Fernseher; Genießen des Fußbads; kaum Kommunikation mit Ehefrau; Ahnungslosigkeit im Hinblick auf die Gefühle der Frau; große Bedeutung des Supermarkts Ehefrau: eingeschliffener Alltag mit anstrengender Arbeit und tägli- chem Abendritual vor dem Fernseher; Diskrepanz zwischen Auftreten im Fernsehen und normalem Verhalten zu Hause; hat offenbar keine Gefühle mehr für ihren Mann

äußeres Erscheinungsbild: wenige Informationen (Frau beim Fernseh- auftritt im „schicken Blauen“ [Z. 4 f.])

Verhalten:

Filialleiter: abendliche Routine; Fassungslosigkeit äußert sich im Ver- halten (vgl. Z. 10 ff., 20 ff.) Ehefrau: abendliche Routine; zu Hause verhält sie sich wie jeden Abend (fürsorglich Wasser nachgießend [vgl. Z. 36 f.]); im Fernsehen konträ- res Verhalten durch „Verrat“ der Ehe

Gedanken/Gefühle:

Filialleiter: Erschrecken/Fassungslosigkeit wegen Auftritt der Frau im Fernsehen; Reflexion über Motive der Frau (vgl. Z. 44–48) Ehefrau: nur die im TV geäußerten Gefühle (Gleichgültigkeit, Ekel)

Lebensumstände/soziales Milieu: Filialleiter eines Supermarkts, ver- mutlich recht gut verdienend; bürgerliche Ehe

– Konstellation:

Frau offenbar ein wenig untergeordnet (sie bedient ihren Mann und arbeitet in dem von ihm geleiteten Supermarkt)

vordergründige Harmonie des abendlichen Rituals im harten Kontrast zum Fernsehauftritt – Konflikthaftigkeit der Situation

Verhältnis der Eheleute scheint stabil zu sein – trotz des schockierenden Auftritts der Ehefrau im Fernsehen

– Haupt-/Nebenfiguren: Filialleiter und Ehefrau als Hauptfiguren; Modera- torin und „blonde Schönheit“ (Z. 27) als Nebenfiguren im Fernsehen

Gattungsmerkmale/Kennzeichen der Textsorte:

– Ausschnitthaftigkeit: unvermittelter Anfang, offenes Ende trifft zu

– Darstellung eines Moments/Wendepunkts trifft zu (auch wenn unklar bleibt, ob das Geschehen Auswirkungen auf die Zukunft hat)

– Alltägliches mit überindividueller Bedeutung trifft bedingt zu (Fern- sehauftritt ist nicht alltäglich, Abendritual schon; Geschehen deutet auf Leere in der bürgerlichen Ehe hin)

– verkürzende/verdichtende Darstellungsweise trifft zu (keine längeren Ausführungen, Begrenzung auf knappe Darstellung des Geschehens, Ver- dichtung eines „Ehedramas“ auf eine Situation)

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

– begrenzte Perspektive trifft zu (Perspektive des Filialleiters)

– Figuren: Durchschnittsmenschen trifft zu

– szenische Darstellung trifft bedingt zu (szenische Tendenzen durch direkte Rede und zeitdeckendes Erzählen)

– Leerstellen trifft zu (Unklarheit über Motive der Frau für ihren Auftritt)

Die Schüler sind nach den Gruppenarbeiten alle auf dem gleichen Kenntnisstand. Im Unter- richtsgespräch können die Ergebnisse nun zu einer Interpretation zusammengeführt werden, in der die besonders relevanten Aspekte thematisiert werden (Tafelbild). Dazu werden die beiden Erzählräume einander gegenübergestellt.

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Thomas Hürlimann, „Der Filialleiter“ (1992)

– Stellen Sie Figuren, Ereignisse und Einrichtungen des Wohnzimmers de- nen der Fernseh-Talkshow tabellarisch gegenüber und vergleichen Sie die beiden Erzählräume.

– Überlegen Sie, welche Bedeutung der letzte Satz der Geschichte haben könnte: „Maria-Lisa und der Filialleiter, Seite an Seite, er trank sein Bier und sie knabberte Salzstangen.“

– Formulieren Sie eine Interpretationshypothese.

Lösungsvorschlag Folgendes Tafelbild könnte entstehen:

Thomas Hürlimann: „Der Filialleiter“ Alltagsrealität: beide stehen im Supermarkt, er als Filialleiter, sie
Thomas Hürlimann: „Der Filialleiter“
Alltagsrealität: beide stehen im Supermarkt, er als
Filialleiter, sie vermutlich hinter der Theke
Wohnzimmer
Fernsehen
• „wie jeden Abend“, „Plastikeimerchen“,
„lauwarmes Kamillenbad“, „nebeneinan-
der vor dem Fernseher“ → Alltagsroutine
• Talkshow in der Fernsehöffentlichkeit
(→ Kontrast zur Schlichtheit der
Wohnzimmer-Szene)
• „Jedes Ding war an seinem Platz.“ (Z. 31),
Gummibaum und Kuckucksuhr (→ feste
Ordnung, wenig individuelle oder
liebevolle Einrichtung; Spießertum)
• Frau ist schick gekleidet, sie lächelt
• Frau sorgt für sich und ihren Mann
(heißes Wasser nachgießen)
→ Aus Gewohnheit? Aus Respekt?
Aufgrund von Erziehung?
• Frau empfindet nichts für ihren Mann
• Frau spricht erbarmungslos („Mein Willy
ekelt mich an.“ [Z. 25])
• Mann ist geschockt von den Aussagen
seiner Frau im Fernsehen
• für den Filialleiter wirkt seine Frau Maria-
Lisa im Fernsehen „flach“; sie ist auf der
Mattscheibe ja auch nur zweidimensional
Interpretationsaspekte
→ Routine, Gewohnheit, Ignoranz beherrschen den Tagesablauf, Lieblosigkeit und Kommu-
nikationsstörungen das Eheleben des Paares
→ der Frau ist der schlechte Zustand ihrer Ehe offenbar bewusst, sie berichtet davon in der
Fernsehtalkshow
→ Willy macht sich weniger Gedanken über die abweisenden Gefühle seiner Frau als
vielmehr über die Frage, warum sie davon im Fernsehen erzählt – vor allem aber sorgt er
sich um die Zukunft seines Supermarkts
→ Frau wirft Mann emotionale Verkümmerung vor – Mann bestätigt ihr Urteil durch sein Ver-
halten zu Hause (seine Erschütterung bezieht sich mehr auf den Supermarkt als auf Ehefrau)

Erarbeitung 2

Material MA 12

Tafelbild

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Fragen: Entspricht das offene Ansprechen der Beziehungsprobleme Lisa-Marias wahren Gefühlen? Oder ist die Skandal-Sendung bloß inszeniert?

Interpretationshypothesen:

Beide bestätigen durch ihr Verhalten im Wohnzimmer, dass das im Fernsehen Gesagte stimmt: Sie empfindet nichts für ihn, er hat verkümmerte Affekte.

Die Geschichte entlarvt die Scheinhaftigkeit einer nach außen harmonisch wirkenden bürgerlichen Ehe.

Die Kurzgeschichte verdeutlicht die Kommunikationslosigkeit, die in einer Ehe herrschen kann, an einem extremen Beispiel.

Thomas Hürlimann zeigt, wie eingeschliffen eheliche Rituale sein können.

Vertiefung

Material MA 14 a

Die Schüler überarbeiten in Einzelarbeit einen Interpretationsaufsatz eines Schülers. Im Unterrichtsgespräch werden die Ergebnisse besprochen.

Arbeitsauftrag

Arbeitsblatt: Einen Schüleraufsatz zu „Der Filialleiter“ überarbeiten

1. Unterstreichen Sie Thesen/Wertungen/Deutungen/Urteile.

2. Textbelege ergänzen:

Wo kommen diese Interpretationen zum Ausdruck (= Textverweise und -belege einfügen)? Wie kommen sie zum Ausdruck (= Form-/Struktur-/Aufbauanalyse er- gänzen bzw. einfügen)?

3. Korrigieren Sie ggf. die Thesen/Wertungen/Deutungen/Urteile.

4. Überarbeiten Sie den Aufsatz sprachlich (Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung, Stil).

Material MA 14 b

Hausaufgabe

Material MA 12

Material MA 14 a

Lösungsvorschlag

Lösungsblatt: Einen Schüleraufsatz zu „Der Filialleiter“ überarbeiten (Bei- spiellösung)

Die Schüler bringen ihre Beurteilung des Aufsatzes in einem Gutachten auf den Punkt.

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Thomas Hürlimann, „Der Filialleiter“ (1992)

Arbeitsblatt: Einen Schüleraufsatz zu „Der Filialleiter“ überarbeiten

Fassen Sie in einem kurzen Gutachtentext Gelungenes und Ihre wesentlichen Kritikpunkte an der Schülerarbeit zusammen.

Lösungsvorschlag Gelungen ist die Interpretationshypothese, die dem Leser Orientierung gibt und die Analyse strukturiert. Der Inhalt der Kurzgeschichte wird insgesamt richtig wiedergegeben, allerdings wird den Figuren eine Intentionalität des Handelns zugeschrieben, die der Kurzgeschichte so nicht zu entnehmen ist. Neben sprachlichen Mängeln werden wesentliche Aspekte einer Analyse nicht berücksichtigt: Eine Beschreibung der sprachlichen und erzählerischen Gestaltung fehlt, Merkmale der Textsorte werden gar nicht thematisiert. Deutungen werden zu wenig mit Zitaten und Textverweisen belegt.

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

9./10. Unterrichtsstunde

5 Thomas Bernhard: „Der junge Mann“ und Kurt Marti: „Der schrumpfende Raum“ – Kurzgeschichten vergleichen

Schülern fällt es häufig schwer, die Eigenart eines Textes wahrzunehmen und zu beschreiben. Das gilt insbesondere für seine Darstellungsweise und seine sprachliche Gestaltung. Für eine Textanalyse ist dies aber ein wichtiger As- pekt, denn Texte müssen im Interpretationsaufsatz nicht nur inhaltlich, son- dern auch formal beschrieben werden, bevor sie interpretiert werden können. Ein motivierender Zugang zu den erzählerischen und sprachlichen Beson- derheiten besteht darin, durcheinandergeratene Textteile zweier inhaltlich ähnlicher Geschichten zu ordnen, da hierfür auch formale Kriterien heran- gezogen werden müssen. In der anschließenden Erarbeitung gilt es, den Ver- gleich im Hinblick auf den Inhalt zu erweitern. Die ausgewählten Kurzgeschichten des Österreichers Thomas Bernhard und des Schweizers Kurt Marti erzählen jeweils Gespräche zwischen einem jun- gen und einem alten Mann. In der Geschichte Der junge Mann von Bernhard hat die Titelfigur ihren Platz unter den Menschen noch nicht gefun- den und ist damit unglücklich. Im Text Der schrumpfende Raum von Marti steht der ältere Mann mit seiner Klage über die mit zunehmendem Alter immer geringer werdenden Handlungsmöglichkeiten im Vordergrund. Im Sinne einer Anspruchssteigerung entwirren die Schüler im Anschluss drei Texte, die miteinander vermischt sind. Hier müssen die Schüler noch auf- merksamer die sprachlichen und darstellerischen Besonderheiten erfas- sen, um Brüche zu bemerken und die Textteile einander zuordnen zu können. Diese Art „Knobelaufgabe“ wirkt außerdem auf viele Schüler motivierend. Hinweis: Bei beiden Arbeitsblättern muss die Lehrkraft im Vorhinein die aus genehmigungsrechtlichen Gründen notwendigen Textnachweise wegkopieren.

– Die Schüler rekonstruieren in einem Textpuzzle aus vermischten Absätzen zweier Kurzgeschichten die ursprünglichen Texte und orientieren sich da- bei intuitiv nicht nur an inhaltlichen, sondern auch an sprachlichen und darstellerischen Besonderheiten.

– Sie vergleichen die beiden Geschichten aspektorientiert.

– Sie entwirren drei miteinander vermischte Geschichten und schärfen so den Blick für deren sprachlich-erzählerische Unterschiede.

Methodisch-

didaktische

Hinweise

Lernziele

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Einstieg /

Beim Einstieg, bei dem durcheinandergeratene Textteile der beiden Erzählungen geordnet

Erarbeitung 1

werden, bietet sich die Methode Think-Pair-Share an: Zuerst arbeitet jeder Schüler für sich allein. Eine Partnerarbeitsphase dient der Absicherung des eigenen Ergebnisses. Am Ende der Partnerarbeitsphase bekommen zwei Paare Folienschnipsel der Textteile, um ihr Ergebnis im Plenum zeigen zu können. Die Partner erläutern, aufgrund welcher Textsignale sie die Kurzgeschichten rekonstruiert haben. In dieser Phase muss die Lehrkraft v. a. Textbelege einfordern. Weniger wichtig ist es, dass sogleich die Originalfassungen entstehen. Zentraler ist die genaue Wahrnehmung und Beschreibung der sprachlichen und gestalterischen Merkmale.

Material MA 15

Material MA 16 a

Material MA 16 b

Sicherung

Material MA 16 a

Material MA 16 b

Arbeitsauftrag Arbeitsblatt: Gespräche über Jugend und Alter – Thomas Bernhard, „Der junge Mann“ (1969) und Kurt Marti, „Der schrumpfende Raum“ (1958)

Sie haben einzelne Teile zweier Texte vor sich. Schneiden Sie die Teile aus und stellen Sie die Originaltexte wieder her. Berücksichtigen Sie hierbei auch die sprachliche Gestaltung.

Lösungsvorschlag Vgl. die abgedruckten Kurzgeschichten im Materialteil:

Textvorlage: Thomas Bernhard, „Der junge Mann“ (1969)

Textvorlage: Kurt Marti, „Der schrumpfende Raum“ (1958)

Die Merkmale der Texte werden im Unterrichtsgespräch in einem Tafelbild gesichert.

Arbeitsauftrag

Textvorlage: Thomas Bernhard: „Der junge Mann“ (1969)

Textvorlage: Kurt Marti: „Der schrumpfende Raum“ (1958)

Stellen Sie die beiden Kurzgeschichten hinsichtlich der Darstellungsweise, Figurenkonstellation, des Themas und der Leitmotive sowie der Wirkung ein- ander gegenüber.

Lösungsvorschlag

Tafelbild

 

Thomas Bernhard:

Kurt Marti:

„Der junge Mann“ (1969)

„Der schrumpfende Raum“ (1958)

Darstellungs-

indirekte Rede, Redewieder- gabe im Konjunktiv; gehobe- nes Sprachniveau; Erzähl- tempus: Präsens

szenische Darstellung, wörtliche Rede ohne Anführungsstriche; umgangs- sprachlich, mündlich; Erzähltempus:

Präteritum

weise

Figuren-

„der junge Mann“ – „der alte Mann“; junger Mann redet auf älteren Mann ein, der sich gar nicht äußert

„der Jüngere“ – „der Ältere“; älterer Mann dominiert mit seinen Sorgen um den „schrumpfenden Raum“ das Gespräch, junger Mann versucht zu beschwichtigen

konstellation

Thema,

Erzählung des jungen Man- nes von seinen vergeblichen Versuchen, Menschen zu gewinnen, Freunde zu finden

Sorge des alten Mannes um den „schrumpfenden Raum“ (Leitmotiv), Abnahme der Zahl der Möglichkeiten mit zunehmendem Alter

Leitmotive

Wirkung

distanziert, kühl

nah dran, gegenwärtig, alltäglich, versponnen, betrunken

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

Ausgehend von den unterschiedlichen Wirkungen der Darstellungsweisen wird im Unter- richtsgespräch vertiefend auf den Inhalt der Geschichten eingegangen.

Arbeitsauftrag Textvorlage: Thomas Bernhard, „Der junge Mann“ (1969) Textvorlage: Kurt Marti, „Der schrumpfende Raum“ (1958)

Vergleichen Sie die beiden Kurzgeschichten hinsichtlich der Haltung, die die dominierenden Gesprächspartner jeweils einnehmen, und hinsichtlich der Frage, welche Rolle die Form spielt.

Erarbeitung 2

Material MA 16 a

Material MA 16 b

Lösungsvorschlag Als inhaltliche Gemeinsamkeit der Texte können der Pessimismus, die eher negative Grundhaltung sowie die weitgehende Beschränkung auf den Dia- log hervorgehoben werden. Allerdings unterscheiden sie sich darin, wer die Haltung einnimmt und worauf sich diese richtet: Bei Bernhard beklagt sich der Jüngere, da er keinen Platz unter den Menschen findet, bei Marti der Ältere, da er seine Lebensräume schwinden sieht. Während der Jüngere bei Bernhard gerade auf der Suche nach mehr sozialer Verbindlichkeit mit ande- ren Menschen ist, fühlt sich der Ältere angesichts solcher Verbindlichkeit eingeengt. Bernhard hat seine Geschichte über gestörte Beziehungen in einer Form erzählt, die durch ihre nüchterne Beschreibung von außen den Leser zu dem jungen Protagonisten auf Distanz hält – so wie auch der Gesprächspart- ner durch sein Schweigen distanziert bleibt. Die szenische Darstellung in Martis Geschichte vermittelt uns Lesern bei- nahe den Eindruck, als säßen wir mit am Kneipentisch. Die Sorgen des Älte- ren werden damit zu unseren: Auch der Raum unserer Lebensmöglichkeiten wird kleiner werden.

Die Schüler entwirren in Einzelarbeit drei miteinander vermischte Kurzgeschichten und ach- ten dabei erneut im besonderen Maße auf die Darstellungsweise. Im Unterrichtsgespräch werden die Ergebnisse abgeglichen. Bei Zeitknappheit kann die Aufgabe zu Hause fertig bear- beitet werden. Eine genauere Interpretation ist nicht vorgesehen, kann aber selbstverständlich angeschlossen werden, wenn noch genügend Zeit ist.

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Peter Bichsel, „Die Tochter“, Helga M. Novak, „Schlitten- fahren“ und Reiner Kunze, „Fünfzehn“ – Texte entwirren

1. Der vorliegende Text besteht aus drei Kurzgeschichten – entwirren Sie diese. Markieren Sie dazu Brüche in dem Text: Wo ändern sich Darstel- lungsweise, Figurendarstellung bzw. -konstellation oder thematische Ge- staltung? Berücksichtigen Sie dabei die Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

2. Notieren Sie zentrale Unterschiede zwischen den Erzählungen hinsicht- lich der Darstellungsweise, der Figurenkonstellation, des Inhalts und der Beziehung zwischen den Eltern und Kindern.

Erarbeitung 3 / ggf. Hausaufgabe

Material MA 17

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Lösungsvorschlag 1. Peter Bichsel: Z. 1–21; Z. 54–78; Z. 140–168. Helga M. Novak: Z. 22–36; Z. 79–100; Z. 169–176. Reiner Kunze: Z. 37–53; Z. 101–139; Z. 177–195.

2. Folgende Aufstellung zeigt die zentralen Unterschiede zwischen den Kurzgeschichten:

 

Peter Bichsel

Helga M. Novak

Reiner Kunze

Darstellungs-

Präteritum; wörtliche Rede mit Anführungs- strichen

Berichtsstil; sehr kurze Sätze; Präsens; wörtliche Rede ohne Anführungsstriche

Präsens; wörtliche Rede mit Anführungs- strichen; Vater als Ich-Erzähler; ironi- sche Elemente

weise

Figuren-

Eltern – berufstätige, unverheiratete Tochter Monika

Vater – zwei Kinder, eines (Andreas) kann noch nicht sprechen

Vater (und Mutter) – fünfzehnjährige Tochter

konstellation

Inhalt

Warten der Eltern; städtisches Leben der Tochter als Sekretä- rin; Angst der Eltern vor dem absehba- ren / bevorstehenden Auszug der Tochter

Kinder fahren im Gar- ten Schlitten; das Größere beschwert sich über das Klei- nere, da es immer fahren will; bei einem Unfall fällt das Klein- kind in einen Bach

Lebenswelt / Klei- dungsstil der jugend- lichen Tochter ist dem Vater fremd; Erzie- hungsversuche

Beziehung Eltern – Kind

Räumliche und emo- tionale Distanz; Fremdheit des Lebensentwurfs der Tochter; Eltern be- fürchten bevorstehen- de Trennung von der Tochter gestörte Kommu- nikation

Herrschender / stra- fender Vater, der sich vor allem maßre- gelnd / drohend an seine Kinder wendet – auch als es um Leben und Tod geht gestörte Kommu- nikation, mangel- haftes Eingehen auf die kleinen Kinder

Vater agiert liebevoll, vorsichtig, zurückhal- tend, Anteil nehmend, vorsichtig beeinflus- send Verständnis- schwierigkeiten / Kom- munikationsprobleme zwischen Eltern und Kindern werden wohl- wollend als unver- meidbare Phase der Entwicklung darge- stellt

Hausaufgabe

Material MA 18

Die Schüler lernen anhand eines Methodenblattes die Methode des Literarischen Gesprächs kennen, die in der nächsten Stunde zum Einsatz kommt.

Arbeitsauftrag Kopiervorlage: Methodenblatt – Ein Literarisches Gespräch führen

Informieren Sie sich anhand des Methodenblatts über Literarische Gespräche.

WAS IST EIN LITERARISCHES GESPRÄCH? Literarische Gespräche orientieren sich am Ablauf privater Lesekreise und
WAS IST EIN LITERARISCHES GESPRÄCH?
Literarische Gespräche orientieren sich am Ablauf privater
Lesekreise und unterscheiden sich insofern deutlich vom
fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch, in dem die
Lehrkraft die Schüler durch Fragen zur Deutung eines
Textes (an)leitet. Literarische Gespräche sind in höherem
Maße authentische Gespräche über Literatur.
VORBEREITUNG UND ABLAUF DES LITERARISCHEN GESPRÄCHS?
1. Zunächst machen sich alle Gesprächsteilnehmer mit dem literarischen Text vertraut.
2. Das „Erlesen“ des Textes wird gegebenenfalls durch Leitfragen unterstützt.
3. Die Teilnehmer notieren sich ihre Leseeindrücke stichpunktartig.
4. Nach der individuellen Erarbeitung wird die Sitzordnung möglichst zu einem Stuhlkreis
verändert.
5. Idealerweise beginnt das literarische Gespräch von selbst.
6. Im Idealfall wird auf das Melden und Aufrufen verzichtet. Nötigenfalls kann immer
der letzte Redner den nächsten aufrufen (Meldekette).

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

Wü. 37

11./12. Unterrichtsstunde

6 Sibylle Berg: „Nacht“ – Ein Literari- sches Gespräch über eine zeitgenös- sische Kurzgeschichte führen

Die Unterrichtsmethode des Literarischen Gesprächs rückt die fachdidakti- sche und curriculare Forderung nach literarischer Anschlusskommunika- tion in den Mittelpunkt. Indem im Klassenzimmer möglichst die Atmosphä- re eines privaten Lesekreises geschaffen wird, in dem die Lehrkraft die Rolle eines zurückhaltenden Moderators übernimmt, kann ein wichtiger Bei- trag zur literarischen Sozialisation der Schüler geleistet werden. In Literari- schen Gesprächen werden Texte nicht in erster Linie lehrbuchgerecht analy- siert. Vielmehr erhalten Assoziationen und individuelle Verstehensentwürfe in dieser Form einen größeren Raum, als es bei der systematischen Analyse literarischer Texte sonst der Fall ist. Gleichwohl gibt ein Literarisches Ge- spräch gegen Ende der Unterrichtsreihe und womöglich vor einer Klausur einen guten Einblick in den Lernstand der Schüler. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es sehr wichtig ist, die Sitzordnung zu ver- ändern, um ein klares Signal dafür zu setzen, dass das Literarische Gespräch nach anderen Regeln funktioniert als gewöhnlicher Unterricht. Bewährt hat sich die Form des Sitzkreises, da sich so alle Gesprächsteilnehmer an- schauen können und es nicht schon durch die Sitzordnung eine Form von Hierarchie gibt. Die Lehrkraft sollte sich möglichst zurückhalten, kann aber als Moderator sofern nötig Gespräche und Reaktionen der Schüler auf den Ausgangstext zurückführen, Formulierungshilfen anbieten, eventuell das Ge- spräch durch Zwischenfazits strukturieren und Schüler anregen, sich einzu- bringen. In jedem Fall muss sich die Lehrkraft wertender Reaktionen auf Schüleräußerungen enthalten. Im Idealfall wird auf das Melden verzichtet. Sollte es aufgrund der Gruppengröße unumgänglich sein, dass jemand das Wort erteilt, sollte diese Aufgabe besser von einem Schüler als von der Lehr- kraft übernommen werden. Einfacher ist aber eine Meldekette, bei der immer der letzte Redner den nächsten aufruft. In Gruppen mit über 25 Schülern kann es sinnvoll sein, zwei unabhängige Gesprächskreise zu bilden. Mit ihrer Darstellung der spontanen Weltflucht von zwei jungen Erwachse- nen stößt die Kurzgeschichte Nacht von Sibylle Berg bei Schülern auf großes Interesse. Die romantische Liebesgeschichte auf einem nächtlichen Turm sowie die Entgegensetzung von alltäglicher Buckelei im Hamsterrad und dem Ausbrechen aus Gewohnheiten und Pflichten treffen ins Zentrum adoleszen-

Methodisch-

didaktische

Hinweise

Wü. 37

Unterrichtsstunden: Kurzgeschichten

ter Fragen nach dem richtigen Leben. Diese thematisch bedingte Lese- motivation bildet eine gute Voraussetzung für ein Literarisches Gespräch. Zugleich ist Bergs Text hinreichend deutungsoffen, sodass er genug Anlass für Auseinandersetzungen bietet.

Lernziele

Einstieg

– Die Schüler erschließen leitfragengestützt eine Kurzgeschichte und berei- ten sich dadurch selbstständig auf ein Literarisches Gespräch vor.

– Sie formulieren eine Interpretationshypothese.

– In einem Literarischen Gespräch äußern sie sich zu selbstgewählten Aspek- ten der Kurzgeschichte, ihrer Wirkung und Bedeutung.

– Sie nehmen im Gespräch mit ihren Mitschülern die Vielfalt möglicher Deu- tungen der Geschichte wahr und begründen eigene Lesarten mit dem lite- rarischen Text.

Die Lehrkraft schreibt das Wort „Nacht“ in die Mitte der Tafel und lässt die Schüler (in Form eines Ideensterns) Assoziationen zu dem Be