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Das Transzendentale bei Ibn SÊn§

Islamic Philosophy, Theology and Science

Texts and Studies

Edited by

Hans Daiber

Anna Akasoy

VOLUME LXXIX

Das Transzendentale bei Ibn SÊn§

Zur Metaphysik als Wissenschaft erster Begriffs- und Urteilsprinzipien

Von

Tiana Koutzarova

Ê n § Zur Metaphysik als Wissenschaft erster Begriffs- und Urteilsprinzipien Von Tiana Koutzarova LEIDEN •
Ê n § Zur Metaphysik als Wissenschaft erster Begriffs- und Urteilsprinzipien Von Tiana Koutzarova LEIDEN •

LEIDEN • BOSTON

2009

Umschlagabbildung: Turba philosophorum, Buchillustration von Girolamo da Cremona, in:

Aristotelis opera, zusammen mit dem Kommentar des Averroes, Druck auf Pergament von Andreas de Asula Torresanus, Venedig 1483; im Besitz der Pierpont Morgan Library and Museum, New York, Signatur PML 21195, f.1r. Mit freundlicher Genehmigung der Pierpont Morgan Library and Museum, New York, Photo: David A. Loggie.

This book is printed on acid-free paper.

Library of Congress Cataloging-in-Publication Data

Koutzarova, Tiana. Das Transzendentale bei Ibn S Ê n§ : zur Metaphysik als Wissenschaft erster Begriffs- und Urteilsprinzipien / von Tiana Koutzarova. p. cm. — (Islamic philosophy, theology and science ; v. 79) Includes bibliographical references. ISBN 978-90-04-17123-7 (hardback : alk. paper)

1. Avicenna, 980-1037. 2. Metaphysics. 3. Philosophy, Islamic. I. Title. II. Series.

B751.Z7K68 2009

181’.5—dc22

ISSN

0169-8729

ISBN

978 90 04 17123 7

2009003668

Copyright 2009 by Koninklijke Brill NV, Leiden, The Netherlands. Koninklijke Brill NV incorporates the imprints Brill, Hotei Publishing, IDC Publishers, Martinus Nijhoff Publishers and VSP.

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printed in the netherlands

inhalt

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Für Jens

In memoriam Димитър Марков Денев Марга Стоянова Денева Lotte Heimann

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inhalt

inhalt

vii

INHALT

Vorwort

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xiii

Einleitung

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1

ERSTER TEIL

DIE GEGENSTANDSBESTIMMUNG DER METAPHYSIK

I. Die Problemanzeige in der Autobiographie Ibn SÊn§s

 

13

II. al-F§r§bÊs Gegenstandsbestimmung der

 

17

1. Der Text des Traktats „Maq§lah fÊ "aÇr§· m§ ba#d

 
 

aã-ãabÊ#ah“ (Über die Ziele der Metaphysik)

 

17

2. Textanalyse

 

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a) „Das erste Subjekt dieser Wissenschaft ist das ‘Seiende als Seiendes’ (al-mawÆåd al-muãlaq) und das, was ihm in der Ordnung der Gemeinsamkeit gleichkommt, nämlich das ‘Eine’

 
 

(al-w§Èid)“

 

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b) Metaphysik und islamische Theologie

 

30

 

ZWEITER TEIL

 

DAS „SEIENDE ALS SEIENDES“ ALS ERSTES SUBJEKT DER METAPHYSIK

 

I. Die

systematische Einheit des Kit§b aà-àif§"

 

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II. Die Problemstellung in al-"Il§hÊy§t (Metaphysik) des Kit§b

 

aà-àif§"

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1.

Die Struktur der Wissenschaft

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a)

taßawwur und taßdÊq

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59

 

i.

Die Bedeutung des sprachlichen Zeichens

 
 

als intensionale

Größe

 

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viii

inhalt

 

α)

al-F§r§bÊs Kommentar zu Peri hermeneias

 

β)

(16a9-19) des Aristoteles al-#Ib§rah (Peri hermeneias) I 1 des Kit§b aà-àif§": "umår (reale Dinge), taßawwur§t (Begriffe) und "alf§í (sprachliche

 

65

 

Ausdrücke)

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ii.

Das Verhältnis zwischen der vorprädikativen Ebene des taßawwur und der Prädikations-

 
 

struktur des

taßdÊq

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b) Definitorisches Wissen und Beweis

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87

c) Wissenschaftstheorie

 

114

III. Die Problemlösung in al-"Il§hÊy§t (Metaphysik) des Kit§b .

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1. Das erste ausgezeichnete Seiende (Gott) gehört zu dem Gesuchten (maãlåb) in der

 

125

2. Die letzten Ursachen sind „Gesuchtes“ (maãlåb) der Metaphysik und als Gewußtes ihre

 
 

Vollkommenheit .

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3. Das „Seiende als Seiendes“ in seiner doppelten

 
 

Erstheit

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a) Das „Seiende“ als erstes Subjekt der washeit- lichen, den Subjekten aller partikularen Wissenschaften zugrundeliegenden Bestim- .

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b) Das „Seiende“ als erstes Subjekt der trans- kategorialen, den Subjekten der partikularen Wissenschaften gemeinsamen Bestimmungen

 

160

IV. Die Einheit der Ersten

Philosophie

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174

1.

„Prinzip-Sein“ als eigentümliche Eigenschaft des

 

„Seienden“

 

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2.

Die Teile der

 

181

 

DRITTER TEIL

 
 

DER BEGRIFF DES SEIENDEN (AL-MAW@—D)

 

I. al-F§r§bÊ über

 

189

inhalt

ix

1. Die Angleichung der allgemeinsprachlichen

Bedeutung von „mawÆåd“ an die des griechischen „estin“ bzw. des persischen „hast

 

189

2. Die verschiedenen Bedeutungen von „mawÆåd

 

198

3. Das Verhältnis

von „àay" “ und „mawÆåd

 

204

II. Die Begriffseinheit

des „Seienden“

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1. Univozität, Äquivozität,

 

211

a) al-Maqål§t (Kategorien) I 2 des Kit§b

 

213

b) taàkÊk als Prädikationsmodus des „Seienden“

 

220

2. Die transzendental-semantische Verteidigung der

 

Begriffseinheit des Seienden

 

230

a) al-Maqål§t (Kategorien) II 1 des Kit§b aà-àif§": das Verhältnis des Begriffes des Seienden zu den

 

zehn

Kategorien

 

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b) Die Allgemeinheit des „Seienden“ ist keine

 

generische

 

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247

c) Die Auseinandersetzung mit dem aristotelischen Argument dafür, daß das „Seiende“ keine

 

Gattung sein kann

 

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252

d) Jedwedes so-und-so Bestimmtes ist (mawÆåd)

 

oder ist nicht: die Einheit des „Seienden“ ist die eines notwendigen Attributs (l§zim) der

 

Washeiten

 

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255

III. Die Washeit der Dinge als Seinsmöglichkeit

 

259

1. al-Maqål§t (Kategorienschrift) III 1 des Kit§b aà-àif§":

 

Kontingenz und Bedürftigkeit als die Weise, in der das Wesen auf die Existenz bezogen ist

 

259

2. Der ontologische Status der Wesenheiten: Ibn SÊn§s Kommentar zu der pseudo-aristotelischen

 

Theologie

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277

IV. Die transzendentale Gemeinsamkeit des „Seienden“

 

289

VIERTER TEIL

AL-MAW@—D“, „A-AY" “, „A4-4ARR^Y“:

ERSTE PRINZIPIEN DES TAAWWUR UND IHRE TRANSZENDENTALE RECHTFERTIGUNG

x

inhalt

II. Analyse von Metaphysik (al-"Il§hÊy§t) I 5 des Kit§b

aà-àif§"

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1. Das „Aufmerksam-Machen“ (at-tanbÊh) als

 

Explikationsmodus von Möglichkeitsbedingungen

 

des

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2. Erste Begriffe und erste Urteile als Apriori geistiger

 

Erkenntnis

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3. Die transzendental-semantische Verteidigung der Distinktheit von „àay"“ und

 

339

a)

mawÆåd“ und „àay"“ als zwei aufeinander nicht zurückführbare, einander jedoch notwendig folgende (mutal§zim§n) Hinsichten auf das transzendentale „Seiende“

 

346

b)

Die Transzendentalien der Einheit und der

 

Abgegrenztheit

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c)

Zusammenfassung

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4. Die

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5. modale Explikation des

Die

„Seienden“

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SCHLUSSWORT

 

I. Metaphysik als Wissenschaft vom transzendental .

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II. Die Bedeutung des „Transzendentalen“ bei Ibn SÊn§

 

413

III. Ausblick: problemgeschichtliche Einordnung des ibn-sinischen Konzeptes

 

419

Epilog

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Verzeichnis der zitierten Literatur

 

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Namenverzeichnis

 

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Verzeichnis der zitierten Stellen aus den Werken Ibn SÊn§s

 

457

Sachverzeichnis

 

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inhalt

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„Denn das ‘Seiende’ wird durch sich selbst erfaßt und ist der einfachste ("absaãu) und erste aller Begriffe, es ist durch sich selbst bekannt. Sollte es [d. h. das ‘Seiende’] [aktual] zum Gegenstand des taßawwur gemacht werden, so geschieht dies nur in der Weise des Aufmerksam-Machens (#al§ sabÊli t-tanbÊhi), so daß es entweder durch ein Synonym wie ‘Existierendes’ (bit) und ‘Vorhandenes’ (ȧßil) oder durch seine [d. h. des ‘Seienden’ ‘Als-ob’-] Teile wie Substanz, Akzidens und Ähnliches, bekannt gemacht wird. In Wirklichkeit jedoch ist das ‘Seiende’ ein Durch-sich-selbst-Erfaßtes, nämlich das ‘Ob-es-ist’ und nicht das ‘Was-es-ist’.“ Ibn SÊn§, Ris§lat "aÆwibah #an #aàr mas§"il, (Antworten auf zehn Fragen), S. 82, Z. 11-15.

xii

inhalt

inhalt

xiii

VORWORT

Diese Arbeit wurde im Wintersemester 2007/08 als Inaugural- Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde von der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn angenommen. Für vielfältige Unterstützung und konstruktive Förderung sowie für die Übernahme des Gutachtens gilt Herrn Prof. Dr. Stephan Conermann (Bonn) mein herzlicher Dank. Die wesentlichen Anregungen zur Beschäftigung mit dem Metaphysikverständnis Avicennas verdanke ich Herrn Prof. Dr. Ludger Honnefelder (Berlin und Bonn), dem ich auch für seine zahlreichen, für die Konzeption meiner Dissertation maßgeblichen Vorschläge sowie für die Über- nahme des Gutachtens sehr verbunden bin. Dem Erlangener Gra- duiertenkolleg „Kulturtransfer im europäischen Mittelalter“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft danke ich für die Aufnahme in das dreijährige Stipendiumprogramm. Hierbei bin ich insbesondere Herrn Prof. Dr. Maximilian Forschner für vielfältige Anregungen verbunden. Für die Aufnahme in die Reihe Islamic Philosophy, Theology and Science, Texts and Studies und die Korrekturvorschläge gilt dem Herausgeber, Herrn Prof. Dr. Hans Daiber (Frankfurt am Main), mein herzlicher Dank. Für die Gewährung eines Druckkostenzuschusses bin ich dem Graduiertenkolleg „Kulturtransfer im europäischen Mittelalter“, insbesondere Herrn Prof. Dr. Hartmut Kugler (Erlangen) sehr verbunden. Schließlich möchte ich herzlich jenen danken, die mir bei der Abfassung der Arbeit zur Seite standen, allen voran meinem Mann Jens Bakker für die zahlreichen anregenden Diskussionen und die gründlichen Korrekturarbeiten. Ihm widme ich dieses Buch.

Tiana Koutzarova

xiv

inhalt

einleitung

1

EINLEITUNG

Die Entwicklung der Transzendentalienlehre in der lateinischen Scholastik des 13. und 14. Jh. stellt einen bedeutenden Schritt in der abendländischen Philosophiegeschichte dar. Die zunehmende Beschäftigung mit den großen Konzepten dieser Epoche führte nicht nur zu einer Differenzierung der einzelnen Entwürfe der lateinischen Autoren, sondern eröffnete auch den Blick für die historischen, unter anderem auch arabisch-islamischen Voraussetzungen. 1 Die Bedeutung eines dieser in den lateinischen Westen transferierten arabisch-isla- mischen Ansätze, nämlich die der Metaphysik Ibn SÊn§s (Avicenna), wurde in der Forschung bereits von älteren Autoren erkannt, in der Regel jedoch in einer zu allgemeinen und vom Blickwinkel eines bestimmten späteren Ansatzes geprägten Form betrachtet. Besonders hervorzuheben sind hier die Arbeiten von Amélie-Marie Goichon 2 , die als ein erster Versuch sowohl der Erschließung der arabisch- philosophischen Terminologie Avicennas als auch der Gesamtdarstel- lung seiner Metaphysik charakterisiert werden können. Die Bedeutung des ibn-sinischen Metaphysikkonzepts für die scholastische Transzen- dentalienlehre im Zusammenhang mit der im 12. Jh. einsetzenden Wiederaufnahme der aristotelischen Metaphysik, sowie dessen Einfluß auf maßgebliche Autoren wie Thomas von Aquin und Duns Scotus werden erst in neueren Untersuchungen differenzierter und deutlicher sichtbar, auch wenn das Ibn SÊn§ leitende Verständnis von Metaphysik dabei nur in Teilen, und auch hierbei lediglich in dem Maße angesprochen wird, in dem sich die scholastischen Autoren jeweils damit auseinandersetzen, ihn übernehmen und transformieren. Hier sind vor allem die Arbeiten L. Honnefelders 3 ,

1 Vgl. dazu etwa den Überblick bei P. Schulthess/R. Imbach: Die Philosophie im lateinischen Mittelalter, S. 134ff., 160ff.

2 Vgl. A.-M. Goichon: La philosophie d’Avicenne et son influence en Europe médiévale; The Philosopher of Being; Introduction à Avicenne, son épitre des défi- nitions. Traduction avec notes; Lexique de la langue philosophique d’Ibn SÊn§ (Avi- cenne); sowie ihr Hauptwerk: La distinction de l’essence et de l’existence d’après Ibn SÊn§ (Avicenne).

3 Vgl. L. Honnefelder: Ens inquantum ens; Scientia transcendens; Der zweite Anfang der Metaphysik.

2

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J. Aertsens 4 und W. Kühns 5 zu nennen. Die philosophiehistorische Erforschung der „arabischen“ Vorlagen, die als Ausgangsbedingungen die Formierung der mittelalterlichen scholastischen Metaphysik mit- bestimmen, wird damit in dem Maße als Desiderat erkannt, in dem diese in ihren verschiedenen Entwürfen erschlossen wird. Insbesondere aus der Perspektive der scotischen Metaphysik, die von Honnefelder sowohl systematisch als auch problemgeschichtlich bis zur Moderne untersucht wird, läßt sich, wie im Schlußwort gezeigt wird, 6 auf Grundlage der in der vorliegenden Untersuchung zu erbringenden Rekonstruktion des Metaphysikkonzepts des islamischen Philosophen sein wirkungsgeschichtlicher Einfluß überzeugend andeuten. Umgekehrt jedoch kann und darf das Metaphysikkonzept Ibn SÊn§s erst dann in seiner Bedeutung für den im lateinischen Westen an der Aristoteles-Rezeption ansetzenden „zweiten Anfang“ 7 der Metaphysik ermessen werden, wenn es selbst von seiner eigenen Pro- blemstellung her und in seiner Stellung im Prozeß der Ausbildung der arabisch-islamischen philosophischen Tradition erfaßt wird. Ibn SÊn§ steht nicht am Anfang dieser Entwicklung. Im Zuge eines gewaltigen, mehrschrittigen und durch die Syrer vermittelten Transfers des griechischen Gedankengutes 8 entsteht nicht nur eine arabische Wissenschaftssprache, 9 sondern auch eine intensive Aneignung der griechischen Wissenschaften, der dann recht früh und in zunehmendem Maße eine kritische Auseinandersetzung sowohl mit konkurrierenden Interpretationen bestimmter philosophischer Konzepte, als auch mit Positionen der islamischen spekulativen Theologie (kal§m) folgt. In diesem Zusammenhang sind drei bedeu-

4 Vgl. J. A. Aertsen: Being and One; Medieval Philosophy and the Transcenden- tals. The Case of Thomas Aquinas; What is First and Most Fundamental? The Beginnings of Transcendental Philosophy.

5 Vgl. W. Kühn: Das Prinzipienproblem in der Philosophie des Thomas von Aquin.

6 Vgl. das Schlußwort, Kapitel III.

7 Vgl. L. Honnefelder: Der zweite Anfang der Metaphysik.

8 Vgl. dazu R. Walzer: Greek into Arabic; #Abd ar-RaÈm§n BadawÊ: La Trans- mission de la Philosophie Grecque au Monde Arabe; F. E. Peters: Aristotle and the Arabs, S. 58; G. Endress: The Circle of al-KindÊ; R. Wisnovsky: Avicenna’s Meta- physics in Context, S. 99ff., A. Bertolacci: The Reception of Aristotle’s Metaphysics in Avicenna’s Kit§b al-if§", S. 5ff.

9 Vgl. dazu A.-M. Goichon: The Philosophy of Avicenna, S. 47ff., G. Endress:

The Circle of al-KindÊ, sowie die bereits erschienenen Teile des pionierhaften Pro- jekts eines griechisch-arabischen Wörterbuchs: G. Endress/D. Gutas (Eds.): A Greek and Arabic Lexicon. Materials for a Dictionary of the Mediaeval Translations from Greek into Arabic.

einleitung

3

tende Beiträge aus der neueren Forschung zu nennen: Dimitri Gutas „Avicenna and the Aristotelian Tradition“, Robert Wisnovskys „Avicenna’s Metaphysics in Context“ sowie Amos Bertolaccis „The Reception of Aristotle’s Metaphysics in Avicenna’s Kit§b al-if§"“. Alle Autoren verbinden altphilologische und arabistische Arbeit mit philosophiehistorischen Untersuchungen und erschließen so Teile des außerordentlich umfangreichen und bislang gänzlich unerforsch- ten Quellenmaterials, wodurch der Blick auf neue Fragestellungen ermöglicht wird. Die ibn-sinische Konzeption des Transzendentalen ist allerdings in den verschiedenen Texten und Zusammenhängen seiner zahlrei- chen Werke angelegt und kann nicht angemessen herausgearbeitet werden, wenn nur diejenigen Schriften berücksichtigt werden, die als Teile seiner mehrbändigen Enzyklopädie Kit§b aà-àif§" (Buch der Genesung) 10 ins Lateinische übersetzt wurden, auch wenn die daraus übertragenen Bücher, nämlich „Die Metaphysik“ (al-"Il§hÊy§t), „Die Isagoge“ (al-MadÉal) und „Die Seele“ (an-Nafs), zu seinen ausführ- lichsten und bedeutendsten Darstellungen der jeweiligen Disziplinen gehören. Ferner setzt die Metaphysik des Kit§b aà-àif§" der Sache nach und gemäß dem wissenschaftssystematischen Charakter des Werkes sowohl die Kategorienschrift (al-Maqål§t), als auch die Hermeneutik (al-#Ib§rah) und insbesondere die Zweite Analytik (al-Burh§n) voraus. Diese für das ibn-sinische Verständnis des Transzendentalen äußerst wichtigen Bücher wurden jedoch mit Ausnahme einiger weniger Kapitel nicht ins Lateinische übersetzt. 11 Die lateinische Übersetzung der Metaphysik 12 weist eine beachtlich hohe Qualität auf, weicht jedoch an einigen Stellen gewichtig von dem nunmehr kritisch und editorisch gesicherten Originaltext ab. Die erst 1983 unter der Leitung von Ibr§hÊm Madkår abgeschlossene kritische Edition des achtzehnbändigen Werkes Kit§b aà-àif§" (Buch der Genesung) ermög- licht nun die systematische Erschließung des arabischen Textes.

10 Vgl. dazu ausführlich Zweiter Teil, Kapitel I.

11 Vgl. dazu S. van Riet: „Avicenna: 12. The Impact of Avicenna’s Philosophical Works in the West“, S. 104-106.

12 In ihren mittelalterlichen lateinischen Versionen wurde die Metaphysik durch S. van Riet (vgl. Avicenna Latinus. Liber de philosophia prima sive scientia divina I-IV (1977); Liber de philosophia prima sive scientia divina V-X (1980)) editorisch gesichert und als Quelle erschlossen und ersetzt damit die lateinischen Editionen Venedig 1495 und Venedig 1508. Vgl. dazu S. van Riet: Traduction latine et prin- cipes d’édition, in: Avicenna Latinus. Liber de philosophia prima sive scientia divina I-IV, S. 123*ff.

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All dies macht deutlich, daß Fragen, die der Transfer-Begriff im Hinblick auf die Wirkungsgeschichte der Metaphysik Ibn SÊn§s im lateinischen Westen wesentlich impliziert, nämlich welche Funktion und welche Bedeutung hat das Transzendentale im ibn-sinischen Metaphysiksystem, was ist seine Problemstellung, was sind die mög- lichen Verschiebungen und Transformationen der Konzeption und der Funktion der transzendentalen Bestimmungen in den Entwürfen der lateinischen Autoren, erst dann beantwortet werden können, wenn die Position Ibn SÊn§s als solche herausgearbeitet ist. Umgekehrt läßt die philosophiehistorische Forschung die Eigen- leistung der scholastischen Denker im Hinblick auf Einordnung und Bewertung der gegenüber Aristoteles neuen Metaphysik Ibn SÊn§s in aller Deutlichkeit sichtbar werden. 13 Wie ungenügend der im 12. Jh. erfolgte materielle und ideelle Transfer dieser Metaphysik in den lateinischen Raum in den Kategorien fremdes „Kulturgebiet“, „Dialog zwischen den Kulturen“, „Bedürfnis“ oder „Mangel“ faßbar ist, zeigt sich im Überblick Verbekes 14 . Geht man, wie der Autor dies implizit tut, von einer prinzipiellen Verschiedenheit und Unüber- schneidbarkeit zweier Rationalitätstraditionen aus, dann kann man der Frage nach dem Grund dieses Transfers auch nicht mehr damit begegnen, „daß man diese Schriften wirklich brauchte, man konnte dieses Gedankengut nicht mehr entbehren. Das Bedürfnis war so groß, daß die übersetzten Texte sich sofort verbreiteten und einen bedeutenden Einfluß auf den Unterricht an den mittelalterlichen Universitäten ausübten“ 15 . Wie prekär diese undifferenzierte Sichtweise ist, wird auch an der Verwunderung Verbekes deutlich:

„Die großartige metaphysische Synthese, die Johannes Scotus Eriugena im 9. Jh. verfaßte, ist niemals durch die Philosophie und Theologie der lateinischen Denker aufgenommen worden, während die Metaphysik des Avicenna, das Werk eines Islamiten, der sich

13 Vgl. dazu z. B. A. De Libera: D’Avicenne à Averroès, et retour. Sur les sources arabes de la théorie scolastique de l’un transcendental, S. 141-179, ders.: Les sources gréco-arabes de la théorie médiévale de l’analogie de l’être, S. 319-345; É. Gilson:

Avicenne en occident au moyen âge, S. 89-121; ders.: Avicenne et le point de départ de Duns Scot, S. 89-149; S. F. Brown: Avicenna and the Unity of the Concept of Being. The Interpretations of Henry of Ghent, Duns Scotus, Gerard of Bologna and Peter Aureoli, S. 117-150.

14 Vgl. G. Verbeke: Avicenna, Grundleger einer neuen Metaphysik, S. 6-7.

15 ebd. S. 7.

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durch die griechische und arabische Philosophie inspirieren läßt, ungehindert in den christlichen Westen durchdringt.“ 16 Soll man der Möglichkeit des Transfers, insbesondere dessen Aspekt der bewußten Auseinandersetzung und Transformation, gerecht werden, so kann dies nur auf dem Boden dessen geschehen, was dem Problemfeld der mittelalterlichen islamischen und christli- chen Metaphysik gemeinsam ist. Als solche können die folgenden Bestimmungsmomente ausgewiesen werden: 1. Die dem Orient und Okzident gemeinsame Basis der aristotelischen Philosophie; 2. Das sowohl im Orient als auch im Okzident nicht ignorierbare Faktum der Offenbarung (Islam und Christentum); 3. Die daraus sich erge- bende Notwendigkeit, das Verhältnis einer auf der Vernunft gegrün- deten Metaphysik und einer aus Offenbarungssätzen erkennenden Theologie zu bestimmen. Auf Grund dieser Gemeinsamkeit konnte man im lateinischen Westen im Zuge der Übertragung eines die aristotelische Metaphysik bereits so systematisierenden Konzeptes wie das Ibn SÊn§s an eine ähnlich strukturierte, jedoch frühere Entwicklung anknüpfen. Der Transfer verweist damit der Sache nach auf die gemeinsame innere Systematik der Fragestellung. Die syste- matische Analyse der Konzeption des Transzendentalen bei Ibn SÊn§ ist in diesem Sinne unmittelbar auf den Transfer bezogen. Das Potential des Transzendentalen wurde bei der Frage nach der Möglichkeit der Ersten Philosophie erkannt und fruchtbar gemacht. Die mittelalterlichen islamischen und christlichen Philosophen sahen sich im Unterschied zu Aristoteles einer beiden gemeinsamen, ver- änderten Ausgangsbedingung gegenüber – an die Stelle der Ewigkeit der Welt tritt die Schöpfung aus dem Nichts. Die Möglichkeit einer Ersten, von keiner anderen Wissenschaft abhängigen, rein auf der Vernunft begründeten Philosophie mußte nicht nur an dem Anspruch der Metaphysik und Wissenschaftstheorie des Stagiriten, sondern auch an dem Anspruch der Offenbarung gemessen werden. Soll es also eine universale, alles Wirkliche betrachtende Wissenschaft geben, so mußte sie erstens deutlicher als bei Aristoteles von der Physik abgegrenzt werden. Denn das, was der physikalische Beweis des unbewegten Bewegers allenfalls vermag – unabhängig davon, daß, wenn die Metaphysik seine Gültigkeit anerkennen würde, sie dann ihren Anspruch auf Erstheit selbst aufheben würde – ist, ausgehend vom prozessualen Ereignis einen ersten Beweger zu beweisen, nicht

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aber ein erstes Seiendes. Ferner darf die Subjektgattung dieser Wissenschaft den Schöpfer nicht ausschließen, muß jedoch zugleich auch dessen Transzendenz wahren. Die Transzendenz Gottes aber verbietet jegliche kategoriale Einschränkung. Soll also der Weg zu einer rationalen Erkenntnis Gottes gangbar sein, so kann er allein auf der Ebene der transzendentalen Begriffe beschritten werden. Eben dieser Weg ist von Ibn SÊn§ (gest. 428/1037) eingeschlagen und in seiner bereits etwa hundert Jahre nach seinem Tod in Toledo von Dominicus Gundissalinus ins Lateinische übertragenen Metaphysik des Kit§b aà-àif§" 17 beschrieben worden. Die Wirkungs- geschichte dieses Metaphysikentwurfes im christlichen Westen erwies sich als außerordentlich. Die Antwort Ibn SÊn§s auf die oben erwähnte, den islamischen und christlichen Philosophen gemeinsame neue Problemstellung kann wie folgt formuliert werden: Die Metaphysik ist eine „allgemeine Wissenschaft“, die den ersten, weil auf nichts Früheres zurückführbaren Begriff des Seienden als Seienden (al-mawÆådu min Èaytu huwa mawÆådun) zum Gegenstand hat. Sie ist als solche Wissenschaft von den transkategorialen Möglichkeitsbedingungen jedweder Begriffs- und Urteilserkenntnis. Insofern sie jedoch dann auf Grund der modalen Explikation des „Seienden“ neben der Erkenntnis eines an sich nur Möglichseienden auch die eines Notwendigseienden ermöglicht, ist sie nur dann abge- schlossen, wenn sie zugleich auch Wissenschaft von jenem besonde- ren ersten Seienden (Gott) ist. Die lateinischen Autoren sahen sich also einer in dieser Weise verwissenschaftlichten Metaphysik gegen- über, die anknüpfend an die reiche Tradition der Aristoteles- Rezeption in der islamischen Welt, die Frage nach der Möglichkeit einer Metaphysik im Spannungsfeld der oben erwähnten gemeinsa- men inneren Problematik stellt und zu beantworten sucht. Drei für die späteren Transzendentalienlehren maßgebliche Momente wur- den in dem Metaphysikkonzept Ibn SÊn§s vorgefunden: 1) die Notwendigkeit einer systematischen Analyse dessen, wovon die Metaphysik handelt; 2) die ersten Verstandesbegriffe; und 3) die modale Explikation des „Seienden“. Die Auseinandersetzung der Scholastiker mit diesem Entwurf ist jedoch keineswegs als eine ein- heitliche zu betrachten. Sie muß vielmehr als ein Prozeß begriffen werden, in dem das Problembewußtsein des jeweiligen Autors als

17 Vgl. dazu S. van Riet: Traduction latine et principes d’édition, in: Avicenna Latinus. Liber de philosophia prima sive scientia divina I-IV, S. 123*ff.

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Indikator für den Grad der Aneignung der oben genannten Möglichkeitsbedingungen der Metaphysik fungiert. So lassen z. B. vor allem frühere lateinische Denker wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin die für die ontologische Metaphysikauslegung Ibn SÊn§s so maßgeblichen Disjunktionen ganz und gar außer Acht. Daß jedoch der Ansatz des islamischen Philosophen nicht nur „rich- tig“ verstanden, sondern auch noch konsequenter weitergeführt werden konnte, zeigt, wie bereits angedeutet, vor allem das Metaphy- sikverständnis von Duns Scotus. Nun soll nicht behauptet werden, daß Ibn SÊn§ bereits ein System transzendentaler Begriffe, Prinzipien oder Methoden als solcher benannt, oder seine Ausführungen gar mit dem Anspruch scholasti- scher Transzendentalienlehren vorgetragen hätte. Vergeblich würde man ferner nach dem Begriff des Transkategorialen oder gar nach einem diesen Begriff thematisierenden Traktat suchen. Eine Zusammenschau und Rekonstruktion transzendentaler Untersu- chungen in seiner Philosophie ist – wie sich noch zeigen wird – den- noch nicht bloß berechtigt, sondern sogar unumgänglich. Denn der Sache nach weist der islamische Philosoph nicht nur die Transkatego- rialität bestimmter Begriffe aus, sondern konzipiert eine Metaphysik, die Wissenschaft von den aller Erfahrung voraufgehenden und in diesem Sinne apriorischen Prinzipien des taßawwur (Begriff) und taßdÊq (Urteil) ist, deren Verteidigung daher immer nur a posteriori in Form einer transzendental-semantischen Aufmerksammachung (tanbÊh) möglich ist. Diese ersten Begriffe (Bereich des taßawwur) und Urteile (Bereich des taßdÊq) erfassen aber nicht nur Gedachtes, sondern auch Wirklichkeit an sich. Eine weiterführende inhaltlich-sachhaltige taß- awwur- und taßdÊq-Erkenntnis ist für Ibn SÊn§ damit nur dann mög- lich, wenn das, als was alles Erkennbare zu erfassen wäre, nämlich „Seiendes“, „Eines“ und „Abgegrenztes“, „Nichtwidersprüchliches“ und „ausgeschlossenes Widerspruchsmittleres“, vorweg zu aller Aktualisierung des Erkenntnisvermögens gegeben ist. Diese Kon- zeption ermöglicht schließlich die Durchführung einer Ersten Philosophie, die gemessen an ihrem Subjekt und seinen eigentümli- chen Eigenschaften als transzendental bezeichnet werden kann. Möglich wird ferner, wie bereits gesagt, auch der Erweis jenes beson- deren Seienden, das die Einheit und die Seiendheit in einer nicht mehr steigerbaren Form verwirklicht. Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist es, durch eingehende Analyse die ibn-sinische Konzeption des Transzendentalen systema-

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tisch zu rekonstruieren. Das erste und grundlegende Anliegen gilt aber gemäß dem eben Ausgeführten dem Aufweis der Transzen- dentalität seiner Ersten Philosophie. Die systematische Beschäftigung mit dem Transzendentalen setzt erst zwei Jahrhunderte nach Ibn SÊn§ (gest. 428/1037) im lateinischen Westen ein, etwa bei Philipp dem Kanzler (gest. 1236) in seiner Summa de bono. Die zu verfolgende Vorgehensweise dieser Arbeit kann daher als ein Annähern von Späterem her bezeichnet werden, ohne jedoch auf die Konzeption Ibn SÊn§s einen bestimmten Ansatz zu applizieren. Als Bereitstellung der Grundlage für den Vergleich des ursprünglichen Ansatzes und seiner späteren Umformungen leistet die vorliegende Untersuchung einen Beitrag zu einem der für die Metaphysikgeschichte wichtigsten Transfers im europäischen Mittelalter.

Gliederung

Zentraler Text für die als Ergebnis der Untersuchung zu erbringende Rekonstruktion des Transzendentalen ist al-"Il§hÊy§t (Metaphysik) I 5 des Kit§b aà-àif§", der im vierten Teil fast vollständig übersetzt (Kapitel I) und einer eingehenden Analyse (Kapitel II) unterworfen wird. Die voraufgehenden Teile widmen sich denjenigen Voraussetzungen, die die innere Ordnung von al-"Il§hÊy§t I 5 bestimmen. Im ersten Teil wird der unmittelbare historische Kontext für das ibn-sinische Problem der Gegenstandsbestimmung der aristotelischen Metaphysik behandelt. Ausgehend von einer autobiographischen Notiz (Kapitel I) wird dabei diejenige Vorlage untersucht, die Ibn SÊn§ selbst als maßgeblich für seine Lösung dieses Problems ansieht. Der Übersetzung (Kapitel II, 1) und der Analyse (Kapitel II, 2) der al-farabischen Schrift „Maq§lah fÊ "aÇr§· m§ ba#d aã-ãabÊ#ah“ (Über die Ziele der Metaphysik), folgt dann im zweiten Teil die Darlegung der Problemstellung Ibn SÊn§s in der Metaphysik des Kit§b aà-àif§" (Kapitel II). Daran anschließend und der eigentlichen Problemlösung (Kapitel III) vorangestellt wird dann all das erörtert, was die ibn-sinische Lösung der Frage nach dem Subjekt der Metaphysik voraussetzt. Dazu gehört die von Aristoteles übernommene Theorie dessen, was Wissen bzw. Wissenschaft (#ilm) ist (Kapitel II, 1, b und c), ferner die erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen taßawwur (Begriff) und taßdÊq (Urteil) (Kapitel II, 1, a), sowie auch die semantischen Grundbegriffe des sprachlichen Zeichens und des durch es Bedeuteten

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(Kapitel II, 1, a, i). Abschließend wird die Frage nach der Einheit der Ersten Philosophie im Lichte der gewonnenen Ergebnisse betrachtet (Kapitel IV). Im dritten Teil folgt die Darstellung des Begriffes des Seienden (al-mawÆåd): Im Anschluß an die al-farabische Darstellung der Entstehung von mawÆåd als philosophischer Terminus und seiner verschiedenen Bedeutungen (Kapitel I) wird die Lehre Ibn SÊn§s vom taàkÊk als Prädikationsmodus des „Seienden“ erörtert (Kapitel II, 1). Daran schließt sich die Untersuchung des für das ibn-sinische Metaphysikverständnis zentralen Theorems der strikten Begriffseinheit von „al-mawÆåd“ an, die vom islamischen Philosophen nur noch transzendental-semantisch verteidigt wird (Kapitel II, 2). Nach einer eingehenden Analyse des Verhältnisses der Washeit zur Existenz (Kapitel III) auf Grundlage von al-Maqål§t (Kategorienschrift) III 1 des Kit§b aà-àif§" (Kapitel III, 1) und von Ibn SÊn§s Kommentar zu der pseudo-aristotelischen Theologie (Kapitel III, 2) folgt schließlich die Prüfung dessen, ob sich die transzendentale Gemeinsamkeit des „Seienden“ nach Ibn SÊn§ lediglich auf Substanz und Akzidenz erstreckt, oder ob sie auch gegenüber dem Möglich- und dem Notwendigseienden besteht (Kapitel IV). Der vierte Teil behandelt, wie bereits gesagt, den für die vorlie- gende Arbeit maßgeblichen Text von Metaphysik (al-"Il§hÊy§t) I 5 des Kit§b aà-àif§". Im zweiten Kapitel wird auf Grundlage der in den ersten drei Teilen erarbeiteten Ergebnisse die Analyse dieser berühm- ten, zugleich jedoch außerordentlich schwierigen Textstelle vorge- nommen. Hierbei gilt es vorrangig, die Argumentationsebene zu bestimmen, denn nur so lassen sich einzelne Thesen des dort darge- legten Gedankengangs in ihrer Tragweite erfassen. Im letzten Teil (Schlußwort) wird schließlich die Synthese der wichtigsten Ergebnisse versucht. Dort findet sich zudem sowohl ein zusammenfassender Überblick über die verschiedenen Bedeutungen dessen, was in der Metaphysik Ibn SÊn§s der Sache nach „transzen- dental“ zu nennen wäre, als auch eine ausblickende Betrachtung der Tragweite und der problemgeschichtlichen Einordnung des ibn- sinischen Konzepts.

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die problemanzeige in der autobiographie ibn sÊn§s

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ERSTER TEIL

DIE GEGENSTANDSBESTIMMUNG DER METAPHYSIK

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die gegenstandsbestimmung der metaphysik

die problemanzeige in der autobiographie ibn sÊn§s

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I. DIE PROBLEMANZEIGE IN DER AUTOBIOGRAPHIE IBN S^N$S

Ganz im Gegensatz zu der außergewöhnlichen Leichtigkeit, mit der dem jungen Ibn SÊn§ das Studium der Medizin, der Logik, der Mathematik und der Physik gelingt, erweist sich für ihn die Gegenstandsbestimmung der aristotelischen Metaphysik zunächst als unlösbares Problem. So heißt es in seiner Autobiographie 1 :

„Ich las die ‘Metaphysik’ (Kit§b m§ ba#d aã-ãabÊ#ah) des Aristoteles, verstand jedoch das, was darin (m§ fÊhÊ) stand, nicht. Das Ziel des Verfassers war mir nicht klar (iltabasa #alayya Çara·u w§·i#ihÊ), so daß ich die Lektüre [des Buches] vierzig mal wiederholte und es am Ende auswendig konnte. Dennoch verstand ich weder das Buch noch das in ihm Intendierte (al-maqßåd). Ich verzweifelte an mir und sagte zu mir:

‘Es gibt keinen Weg, dieses Buch zu verstehen’. Eines Abends war ich bei den Buchhändlern und ein Ausrufer kam hervor und bot ein Buch, das er bei sich hatte, zum Verkauf an. Er bot es [auch] mir an. Ich lehnte es im Glauben, daß diese Disziplin keinen Nutzen hat, verärgert ab. Daraufhin sagte er mir: ‘Kaufe es, der Besitzer braucht das Geld, und es ist billig. Ich überlasse es dir für drei Dirham’. Also kaufte ich das Buch, und es stellte sich heraus, daß es das Buch von "Abå Naßr al-F§r§bÊ mit dem Titel: ‘Über die Ziele der Metaphysik’ (FÊ "aÇr§· kit§b m§ ba#d aã-ãabÊ#ah) war. Ich kehrte nach Hause zurück, las es eilig, und plötzlich erhellten sich mir die Zwecke ("aÇr§·) jenes Buches, denn ich hatte es ja auswendig gelernt. Ich freute mich darüber und

1 Bei dem Text handelt es sich nur teilweise um eine Autobiographie, da die Erzählung ab der Begegnung mit "Abå #Ubayd #Abdu l-W§Èid zƧnÊ, der sein Schüler wird, von diesem fortgeführt wird. Die Autobiographie/Biographie Ibn

SÊn§s muß ferner, wie G. Endress trefflich anmerkt (vgl. Endress: „Der erste Lehrer“,

S. 168), als ein „Modell des philosophus autodidactus“ verstanden werden. Sie wurde

bereits mehrfach gedruckt, die einzige kritische Edition jedoch ist die von

W. E. Gohlman: The Life of Ibn SÊn§. Die früheste und sehr sorgfältig ausgeführte Übersetzung stammt von P. Kraus: Eine arabische Biographie Avicennas. Auch

G. Strohmaiers Übersetzung (vgl. ders: Avicenna, S. 18ff.) ist sehr gelungen. Zum

Forschungsstand der Autobiographie/Biographie von Ibn SÊn§ vgl. insbesondere

D. Gutas: Avicenna and the Aristotelian Tradition, S. 22-30; ders.: „Avicenna: 2.

Biography“, S. 67-70; sowie auch D. C. Reisman: Stealing Avicenna’s Books.

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die gegenstandsbestimmung der metaphysik

am nächsten Tag spendete ich aus Dankbarkeit gegenüber Gott dem Erhabenen reichlich für die Armen.“ 2

Kaum einer der Autoren der neueren Forschung unterläßt es, diese Episode aus der Autobiographie Ibn SÊn§s zu erwähnen, ohne jedoch, wie Gutas kritisch anmerkt 3 , dabei die Frage nach ihrer Bedeutung zu stellen. Die biographische Notiz gewährt ja nicht nur Einblick in das Studium des jungen Ibn SÊn§, sondern erläutert auch die genann- ten Verständnisschwierigkeiten mit der aristotelischen Metaphysik explizit als solche, die sich auf das Ziel 4 dieser Wissenschaft beziehen. Das kann aber, legt man die Wissenschaftstheorie der zweiten Ana- lytiken des Ersten Lehrers 5 zugrunde – und eben so wird Ibn SÊn§ später zur Subjektsbestimmung der Metaphysik verfahren – nur bedeuten, daß der junge islamische Philosoph die entscheidende

2 W. E. Gohlman (Ed.): The Life of Ibn SÊn§, S. 32, Z. 1 – S. 34, Z. 4:

ﺭﺎﺻﻭ ﺓ ﺮﻣ ﻦﻴﻌﺑﺭﺃ ﻪﺗﺀﺍﺮﻗ ﺕﺪﻋﺃ ﻰ ﺘﺣ ﻪﻌﺿﺍﻭ ﺽﺮﻏ ﻰﻠﻋ ﺲﺒﺘﻟﺍﻭ ﻪﻴﻓ ﺎﻣ ﻢﻬﻓﺃ ﻢﻠﻓ ﺔﻌﻴﺒﻄﻟﺍ ﺪﻌﺑ ﺎﻣ ﺏﺎﺘﻛ ﺕﺃﺮﻗﻭ

ﻰﻟﺇ ﻞﻴﺒﺳ ﻻ ﺏﺎﺘﻛ ﺍﺬﻫ» ﺖﻠﻗ ﻭ ﻰﺴﻔﻧ ﻦﻣ ﺖﺴﻳﺃﻭ ﻪﺑ ﺩﻮﺼﻘﻤﻟﺍ ﻻﻭ ﻪﻤﻬﻓﺃ ﻻ ﻚﻟﺫ ﻊﻣ ﺎﻧﺃﻭ . ﺎﻇﻮﻔﺤﻣ ﻰﻟ

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ﻰﻟﺇ ﺖﻌﺟﺭﻭ . ﺔﻌﻴﺒﻄﻟﺍ ﺪﻌﺑ ﺎﻣ ﺏﺎﺘﻛ ﺽﺍﺮﻏﺃ ﻲﻓ ﻰﺑﺍﺮﻔﻟﺍ ﺮﺼﻧ ﻰﺑﺃ ﺏﺎﺘﻛ ﻮﻫ ﺍﺫﺈﻓ ﻪﺘﻳﺮﺘﺷﺎﻓ «. ﻢﻫﺍﺭﺩ ﺔﺛﻼﺜﺑ

ﺮﻬﻇ ﻰﻠﻋ ﺎﻇﻮﻔﺤﻣ ﻰﻟ ﺭﺎﺻ ﺪﻗ ﻥﺎﻛ ﻪ ﻧﻷ ﺏﺎﺘﻜﻟﺍ ﻚﻟﺫ ﺽﺍﺮﻏﺃ ﺖﻗﻮﻟﺍ ﻰﻓ ﻰﻠﻋ ﺢﺘﻔﻧﺎﻓ ﻪﺗﺀﺍﺮﻗ ﺖﻋﺮﺳﺃﻭ ﻯﺭﺍﺩ

. ﻰﻟﺎﻌﺗ ﷲ ﺍﺮﻜﺷ ﺀﺍﺮﻘﻔﻟﺍ ﻰﻠﻋ ﺮﻴﺜﻛ ﺊﺸﺑ ﻰﻧﺎﺜﻟﺍ ﻡﻮﻴﻟﺍ ﻰﻓ ﺖﻗ ﺪﺼﺗﻭ ﻚﻟﺬﺑ ﺖﺣﺮﻓﻭ . ﺐﻠﻘﻟﺍ

(=al-K§àÊ, YaÈy§ b. "AÈmad: Nukat fÊ "aÈw§l aà-àayÉ ar-ras Ibn SÊn§, S. 13, Z. 11-14, Z. 9).

3 Vgl. D. Gutas: Avicenna and the Aristotelian Tradition, S. 238ff.

4 In diesem Kontext wird der Begriff Çara· (=ǧyah, Ziel, Zweck) synonym zum wissenschaftstheoretischen maãlåb (wörtlich: das „Gesuchte“, gemeint sind die wissen- schaftliche Erkenntnisziele, wie „Was ist es?“, „Ob es überhaupt ist?“, „Ob es so- und-so ist?“, „Warum ist es?“) und zum erkenntnistheoretischen maqßåd (das Intendierte) verwendet und meint das, wonach in einer Wissenschaft „gesucht“ und was als Ergebnis gewußt wird, nämlich, daß dem jeweiligen Subjekt bestimmte wesentliche Eigenschaften zukommen.

5 Seit Ibn SÊn§ wird Aristoteles in der islamisch-arabischen Philosophietradition al-mu#allim al-"awwal genannt. Zu Stellen bei Ibn SÊn§ vgl. etwa: Kit§b aà-àif§":

al-Manãiq: I. al-MadÉal (Isagoge) I 10, S. 59, Z. 2; al-Manãiq: V. al-Burh§n (Zweite Analytik) I 2, S. 54, Z. 7; IV 10, S. 332, Z. 5, al-"Il§hÊy§t, VIII 2, S. 332, Z. 6. Vgl. dazu auch Gutas: Avicenna and the Aristotelian Tradition, S. 286ff.; al-F§r§bÊ wird im Anschluß daran als „der zweite Lehrer“ bezeichnet, Platon aber gilt als „der göttliche Philosoph“ (al-faylasåf al-"il§hÊ). Vgl. dazu etwa den Titel des Traktats al-F§r§bÊs Kit§b al-Æam# bayna ra"yay al-hakÊmain "Afl§ãån al-"ill§hÊ wa-"Arisãåã§lÊs, bzw. al-[az§lÊ, "Abå \§mid: Tah§fut al-fal§sifah, S. 76.

die problemanzeige in der autobiographie ibn sÊn§s

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Frage nach dem besonderen Gegenstand der Ersten Philosophie auf- grund des aristotelischen Metaphysikbegriffes nicht, oder zumindest nicht eindeutig, beantworten konnte. Da nun in der Autobiographie diesbezüglich keine weiteren Erläuterungen enthalten sind, kann an dieser Stelle lediglich das Folgende festgehalten werden: Die Metaphysik des Ersten Lehrers, die Ibn SÊn§ in einer der arabischen Übersetzungen 6 vorlag, bildete den Abschluß seiner umfangreichen, den gesamten aristotelischen Corpus umfassenden philosophischen Studien. Die Lektüre der Metaphysik des Aristoteles scheint weder durch einen Lehrer noch durch Kommentare begleitet gewesen zu sein. Schwierigkeiten hinsichtlich der Gegenstandsbestimmung dürf- ten sowohl die in der Metaphysik des Aristoteles selbst vorhandenen Divergenzen 7 als auch, wie der genannte Traktat des al-F§r§bÊ es nahe legt, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Metaphysik und islamischer Theologie bereitet haben. Die in der Autobiographie Ibn SÊn§s erwähnte Schrift al-F§r§bÊs ist nicht die einzige, in der die Frage nach der Subjektgattung der Metaphysik 8 zumindest ansatzweise erörtert wird, wohl aber dieje- nige, die sich, wie schon ihr programmatischer Titel verrät, ange- sichts der scheinbar in Frage gestellten Einheit der Metaphysik explizit um die Bestimmung des eigentlichen Gegenstandes der Ersten Philosophie bemüht. Ferner ist ihre Authentizität, im Unter- schied zu der zahlreicher anderer ihm zugeschriebener Schrif- ten 9 , gesichert. Was al-F§r§bÊs „Maq§lah fÊ "aÇr§· m§ ba#d aã-ãabÊ#ah“ für die Philosophiegeschichte von großem Interesse erschei- nen läßt, sind – wie noch gezeigt wird – nicht nur die von ihm selbst als pionierhaft gedeutete Systematisierung des aristotelischen Metaphysikkonzepts und die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Metaphysik und spekulativer Theologie, sondern auch die Tatsache,

6 Vgl. dazu Ibn an-NadÊm: Kit§b al-fihrist, S. 312. Zu Ibn SÊn§s Studien der aristotelischen Metaphysik vgl. den Versuch A. Bertolaccis (ders.: The Reception of Aristotle’s Metaphysics, S. 37ff.), die ibn-sinische Aneignung der Metaphysik auf Grundlage seiner Autobiographie differenziert als eine vielschichtige Entwicklung darzustellen.

7 Vgl. dazu etwa J. Owens: The Doctrine of Being in the Aristotelian ‘Metaphy- sics’, S. 16-27, 43-68, 239-241, 286ff., 299.

8 Vgl. dazu etwa al-F§r§bÊ, "Abå Naßr: Kit§b taÈßÊl as-sadah, ed. Hyderabad

(Dekkan), S. 12ff.; Kit§b "iÈߧ" al-#ulåm, Teil 4: fÊ l-#ilm aã-ãabÊ#Ê wa-l-#ilm al-"il§hÊ, hrsg. von #Utm§n "AmÊn, S. 91-101.

9 Zu

den

umstrittenen

Schriften

vgl.

die

kurze

Zusammenfassung

von

16

die gegenstandsbestimmung der metaphysik

daß er in dieser Schrift zur Charakterisierung der schlechthin gemein- samen Bestimmungen der Sache nach bereits jenes Separationsurteil 10 verwendet, von dem später in der Scholastik Thomas von Aquin als erster Gebrauch machen wird. 11

10 Vgl. al-F§r§bÊ, "Abå Naßr: Maq§lah fÊ "aÇr§· m§ ba#d aã-ãabÊ#ah, ed. Dieterici 1890, S. 36, Z. 2-9. Vgl. dazu die Ausführungen im folgenden Kapitel dieser Arbeit.

11 Zu Thomas von Aquin vgl. De Trinitate V 4, ed. Friedrich-von-Hardenberg- Institut, S. 229-230. Vgl. dazu L. Honnefelder: Der zweite Anfang der Metaphysik, S. 173ff.

al-f§r§bÊs gegenstandsbestimmung der metaphysik

17

II. AL-F$R$B^S GEGENSTANDSBESTIMMUNG DER METAPHYSIK

1. Der Text des Traktats „Maq§lah fÊ "aÇr§· m§ ba#d

aã-ãabÊ#ah (Über die Ziele der Metaphysik)

Die folgende Übersetzung des arabischen Texts richtet sich nach der Edition Dietericis, die Abweichungen der Hyderabader Edition wer- den vermerkt. 12

„Unser Ziel in diesem Traktat ist es, auf den Zweck (Çara·), der in dem als Metaphysik bekannten aristotelischen Buch enthalten ist, und auf seine [d. h. des Buches] ersten Teile hinzuweisen. Denn im Vor- verständnis (sabaqa "il§ wahmihim) vieler Leute, besteht der Inhalt dieses Buches in der Rede über den Schöpfer, gelobt sei Er, über den Intellekt, die Seele, und all das, was dazu gehört, und sind Metaphy- sik (#ilm m§ ba#d aã-ãabÊ#ah) und die theologische Disziplin #ilm al-tawÈÊd 13 ein und dieselbe Wissenschaft. Deshalb sind die meisten, die sich mit diesem Buch befassen, verwirrt und gehen in die Irre. Denn der größte Teil des Werkes handelt nicht davon, und es findet sich darüber hinaus außer in dem elften, mit dem Buchstaben ‘L§m’ (L) bezeichneten Buch, keine spezielle Abhandlung darüber. 14

12 Vgl. al-F§r§bÊ, "Abå Naßr: Maq§lah fÊ "aÇr§· m§ ba#d aã-ãabÊ#ah, ed. Hydera- bad (Dekkan) 1349 A. H., und entsprechend die Edition von F. H. Dieterici:

Maq§lah fÊ "aÇr§· al-ÈakÊm fÊ kull maq§lah min al-kit§b al-mawsåm bi-l