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Baden-Württemberg

Für eine nachhaltige Hochschule

Forderungen von Campusgrün Baden-Württemberg an das


Programm von Bündnis 90/Die Grünen für die Landtagswahlen
2011 in Baden-Württemberg

Demokratisierung der Hochschulen


Verfasste Studierendenschaften
Studierenden muss die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst zu organisieren und als eigen-
ständiger Akteur auftreten zu können. Die 1977 in Baden-Württemberg abgeschafften Ver-
fassten Studierendenschaften müssen dementsprechend wieder eingeführt werden. Finanz- und
Satzungsautonomie sowie die Rechtsfähigkeit und ein allgemeinpolitisches Mandat, das nicht
im Widerspruch zum Recht auf freie Meinungsäußerung der einzelnen Studierenden steht, sind
dabei wesentliche und notwendige Bestandteile.

Der im baden-württembergischen Landeshochschulgesetz festgeschriebene AStA ist keine Stu-


dierendenvertretung. Wir lehnen dieses Gremium in seiner derzeitigen Form ab und fordern die
Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaften mit folgenden Kompetenzen:

1. der Satzungsautonomie
Das Recht auf Selbstverwaltung muss der Studierendenschaft zugesprochen werden.
Man darf Studierenden nicht vorschreiben, wie sie sich zu organisieren haben. Das
Recht, sich selbstbestimmt eine Satzung geben zu können, trägt nicht nur der Heteroge-
nität der baden-württembergischen Hochschulen und ihrer Studierendenschaften Rech-
nung, sondern bietet auch die notwendige Freiheit und Flexibilität, sich ändernden Um-
ständen schnell anzupassen.

2. der Finanzautonomie
Eine Verfasste Studierendenschaft, muss über das Recht verfügen, Beiträge von ihren
Mitgliedern zu erheben, um ihre Handlungs- und Arbeitsfähigkeit gewährleisten zu
können. Ihre Finanzen muss sie völlig unabhängig verwalten dürfen. Dies entbindet die
Studierendenschaft nicht von der Rechenschaftspflicht ihren Mitgliedern gegenüber.

ökologisch • sozial • basisdemokratisch • gewaltfrei


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3. die Rechtsfähigkeit
Um eine bestmögliche Vertretung studentischer Belange leisten zu können, bedarf es der
Rechtsfähigkeit. Verfasste Studierendenschaften müssen in der Lage sein, als Verhand-
lungspartnerinnen, sei es mit dem Studentenwerk, Verkehrsbetrieben oder sonstigen Un-
ternehmen, auftreten und Verträge abschließen zu können.

4. das allgemeinpolitische Mandat


Wir lehnen das Konstrukt eines hochschulpolitischen Mandats ab. Die Hochschule be-
greifen wir als untrennbar verbundenen Teil der Gesellschaft. Um die damit einherge-
hende Verantwortung wahrnehmen zu können, bedarf es des Rechts, auch über die
Hochschule hinausgehende Fragestellungen aufwerfen zu dürfen und kritisch zu hinter-
fragen.

Demokratisierung der Akademischen Selbstverwaltung


Die derzeitige Hochschulverfassung ist von oligarchischen Strukturen gekennzeichnet. Maßgeb-
lichen Einfluss auf die Entwicklung der Hochschule übt der Aufsichtsrat aus, dessen Mitglieder
mehrheitlich nicht der Hochschule selbst angehören und zudem zu einem großen Teil der
Wirtschaft entstammen. Einseitig besetzt und demokratisch äußerst schwach legitimiert kommt
diesem Gremium eine fragwürdig mächtige Stellung in der Hochschule zu. Die unmittelbare
Leitung der Hochschule hat der Vorstand inne. Formal kollegial verfasst wird er vom Vor-
standsvorsitzenden beherrscht, dem eine Richtlinienkompetenz zukommt. Der Senat als ehemals
höchstes beschlussfassendes Organ der Akademischen Selbstverwaltung ist auf kaum mehr als
ein bloßes Stellungnahmen abgebendes und vom Vorstand zu informierendes Gremium verkom-
men und dient der augenscheinlich problematischen Legitimierung längst getroffener
Entscheidungen. Der Anteil der Studierenden an den Entscheidungsprozessen innerhalb der
Hochschule ist verschwindend gering. ProfessorInnen verfügen im Senat über die Mehrheit und
können ihre Interessen über andere Statusgruppen hinweg durchsetzen. Dies wird durch das
Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit begründet und ist seit dem sog. Hochschulurteil des
Bundesverfassungsgerichts von 1973 herrschende Meinung der Rechtssprechung. Die Hoch-
schule ist demnach eine mehr oligarchisch, denn demokratisch organisierte Institution, in der
einer kleinen Gruppe die maßgebliche Entscheidungskompetenz zukommt. Zu einer Akademi-
schen Selbstverwaltung unter demokratischem Einbezug der Studierenden zählen wir die Vier-
telparität in Gremien der Akademischen Selbstverwaltung, die Abschaffung des Aufsichtsrates
in seiner derzeitigen Form sowie eine Direktwahl des/der Vorstandsvorsitzenden der Hoch-
schule.

Viertelparität in Gremien der Akademischen Selbstverwaltung

Als der Wissenschaft gewidmeten Institution kommt den Hochschulen eine Schlüsselposition in
der Bewältigung der großen Herausforderungen einer ökologisch zunehmend ins Abseits ge-
ratenden, durch und durch der Verwertungslogik unterworfenen und der gesamtgesellschaft-
lichen Solidarität immer mehr entbehrenden Gesellschaft zu. Klimawandel, Finanzkrise und die
fortschreitende Erosion des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalts fordern ein Umdenken
auch in den Hochschulen. Die Dominanz betriebswirtschaftlichen Denkens hat sich als unfähig
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erwiesen, adäquate Lösungsvorschläge für diese Probleme zu entwerfen. Effizienz wurde oft-
mals als bloße Beschleunigung von Entscheidungsprozessen verstanden, ohne die qualitative Di-
mension dieses Begriffs zu berücksichtigen. Die großen Reformen, die die Hochschulen in den
letzten Jahrzehnten ereilte, der sog. Bologna-Prozess, die Exzellenzinitiative sowie die weitge-
hende Entlassung der Hochschulen in die Autonomie, hatten bedeutende Auswirkungen auf das
Hochschulsystem. Eine kritische Begleitung dieser Reformen ist daher notwendiger denn je.

Die strukturelle Komponente der Reformen beherrschte oftmals die Diskussion. Nur zögerlich
hält eine Debatte über die Qualität eines Studiums Einzug. Dieser Diskurs kann nur zum Erfolg
führen, wenn er zum einen unter Beteiligung aller Betroffenen, zum andern aber auch auf Au-
genhöhe geführt wird. Die derzeitige Organisation der Akademischen Selbstverwaltung mit
ihren mehr oligarchisch denn demokratischen Strukturen hemmt die Entwicklung einer qualita-
tiven Studienreform. Die Bevorzugung einer Gruppe, nämlich die der ProfessorInnen, verhindert
eine breite Konsensbildung in der Hochschule und untergräbt damit auch die Tragfähigkeit sol-
cher Entscheidungen. Statusunterschiede werden zementiert und ein Großteil der Mitglieder
einer Hochschule in der Entscheidungsfindung oftmals übergangen. Aus Sicht der Mitarbeiter-
Innen des Akademischen Mittelbaus, der Technik und Verwaltung sowie der Studierenden
verkommt Gremienarbeit so häufig zu einem Erlebnis von Frustration und Machtlosigkeit.

Eine Zusammenarbeit der verschiedenen, gleichberechtigten Statusgruppen fördert den Dialog


zwischen diesen. Eine partizipatorisch und dialogorientierte Organisation der Akademischen
Selbstverwaltung ist unerlässlich für eine sich immer wieder neu den gesellschaftlichen An- und
Herausforderungen anpassende Bestimmung der Lernziele und einer zukunftsgewandten Aus-
richtung der Hochschule. Sie leistet zudem einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung
hochschulinterner Qualitätssicherungssysteme.

Abschaffung des Aufsichtsrates in seiner derzeitigen Form

Der Aufsichtsrat ist momentan das Gremium einer Hochschule mit den weitreichensten
Entscheidungskompetenzen. Besetzt durch mehrheitlich externe Mitglieder kann er unter ander-
em den/die VorstandsvorsitzendeN sowie alle weiteren hauptamtlichen Vorstandsmitglieder
vorschlagen. Dem Senat bleibt einzig die Zustimmung oder Ablehnung der KanditatInnen.
Maßgeblichen Einfluss kommt ihm vor allem in Bezug auf die Struktur- und Entwicklungs-
planung zu. Ein externer Blick auf die Entwicklung der Hochschule erscheint sinnvoll, doch
fordern wir die Ersetzung des Aufsichtsrates durch ein beratendes Gremium, welches die Gesell-
schaft in ihrer Vielfalt wiedergibt. Das bedeutet, dass VertreterInnen aus Wissenschaft, Kultur,
Gewerkschaften, Umweltverbänden und anderen gesellschaftlichen Gruppen verstärkt
herangezogen werden sollen, statt wie bisher vornehmlich VertreterInnen der Wirtschaft. Um
die Geschlechtergerechtigkeit auch in der Hochschule voranzutreiben, erscheint eine Quotierung
des Aufsichtsrates als wirksames Instrument. Da es sich weiterhin zum großen Teil um externe
Mitglieder handelt, soll sich die Zuständigkeit auf ein beratendes Gremium beschränken. Damit
einhergehend muss der Senat in seinen Kompetenzen wieder gestärkt werden, da dieses Gremi-
um durch Hochschulangehörige besetzt ist, die einen besseren Überblick über die zahlreichen
Abläufe einer Hochschule besitzen.

Direktwahl des/der Vorstandsvorsitzenden


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Der/die VorstandsvorsitzendeR vermittelt zwischen den einzelnen Gruppen und Interessen einer
Hochschule und vertritt sie nach außen. Die bisherige Wahl, mit Auswahlrecht des Aufsichtsrats
ist undemokratisch. Damit der/die VorstandsvorsitzendeR angemessen diese Aufgaben
wahrnehmen und dabei die Pluralität und große Bandbreite der Interessen einer Hochschule ver-
treten kann ist eine Direktwahl des/der Vorstandsvorsitzenden durch alle Mitglieder der Hoch-
schule notwendig.

Gebührenfreies Studium

Studiengebühren
Zahlreiche Studien unterstreichen die gravierende soziale Selektion im deutschen Bildungssys-
tem. Kindern aus Nicht-AkademikerInnenhaushalten wird der Zugang zu höherer Bildung durch
zahlreiche Barrieren erschwert.. Studiengebühren stellen eine weitere Zugangshürde dar, die,
wie Studien zeigen, insbesondere auf Menschen aus finanziell und sozial schlechter gestellten
Schichten sowie Frauen abschreckend wirkt und sie daran hindert, ein Studium aufzunehmen.
Da insbesondere der Staat von einer Erhöhung der AkademikerInnenquote profitiert, muss eine
ausreichende Finanzausstattung der Hochschulen durch ein gerechtes Steuersystem gewährleis-
tet werden. Daher lohnt es sich nicht zu fragen, inwieweit der/die Einzelne durch Gebühren
einen Teil seiner Bildung mitfinanzieren soll und kann. Dies ist in Anbetracht des relativen
geringen Beitrags, den die Studiengebühren in den Haushalten der Hochschulen einnehmen,
ohnedies für die Hochschulen kaum relevant. Die bedeutendere Frage ist vielmehr, wie ein
gerechteres Steuersystem auszusehen hat, dass SpitzenverdienerInnen unabhängig ihres Bil-
dungsabschlusses angemessen an der Finanzierung öffentlicher Ausgaben wie der Finanzierung
des Bildungssystems beteiligt. Die finanziellen Mehreinnahmen durch Studiengebühren stehen
zumindest in keinem Verhältnis zu ihrer sozial selektiven Wirkung.
Studiengebühren haben einen erheblichen Einfluss auf das Studierverhalten: ein schneller „Aus-
bildungs“weg wird strukturell gefördert, individuelle Lebensentwürfe und das Ideal des
selbstbestimmten Lernens nicht berücksichtigt. Die Möglichkeit, innerhalb seines Studiums
auch einmal „über den Tellerrand“ zu schauen, wird so beträchtlich eingeschränkt. Statt Bildug
im Sinne der Befähigung zu Reflexion, sei es des eigenen Handelns und Denkens oder bestehen-
der Strukturen, zu fördern, hemmen finanzielle Hürden die Persönlichkeitsbildung und das
selbstbestimmte Lernen. Eine zunehmende Beeinflussung bei der Wahl des Studiengangs nach
ökonomischen Gesichtspunkten, statt nach fachlichem Interesse oder persönlicher Neigung, ist
nicht auszuschließen. Betrachtet man den Umstand, dass ca. 2/3 aller Studierenden neben ihrem
Studium einer Erwerbsarbeit nachgehen, erscheint das Argument einer studienzeitverkürzenden
Wirkung zudem als widersinnig.
Durch zusätzliche Hürden kann die wissenschaftlich konstatierte soziale Selektion nicht abge-
baut werden. Weder ökonomische noch gerechtigkeitstheoretische Argumente sprechen für die
Erhebung von Studiengebühren.
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Nachlaufende Studiengebühren
Diese Effekte werden durch die Nachlagerung von Studiengebühren weder behoben, noch
entschärft. Fällt die finanzielle Last zwar nicht während des Studiums an, so belasten nachge-
lagerte Studiengebühren vor allem Studierende aus sozial und finanziell schlechter gestellten
Familien, da das Risiko einen Schuldenberg anzuhäufen, insbesondere auf diese Bevölkerungs-
gruppe eine abschreckende Wirkung entfaltet. Zudem werden Frauen in einem Modell nach-
laufender Studiengebühren besonders benachteiligt, da sie in der beruflichen Praxis nachweis-
lich weniger verdienen und damit länger die durch das Studium entstandenen Schulden abbauen
müssen.

Studienkontenmodelle
Dem Gedanken einer teils nachfrageorientierten Mittelzuweisung an die Hochschulen durch Bil-
dungsgutscheine liegen marktwirtschaftliche Prinzipien zugrunde. Die Nachfrage bestimmt das
Angebot. Erhofft werden sich durch eine „Abstimmung mit Füßen“ eine Verbesserung vor allem
der Qualität der Lehre. Unberücksichtigt bleibt jedoch die Auswirkung auf das Verhältnis des
Studierenden zur Hochschule. Statt als mitgliedschaftlich mit der Hochschule verbundener und
damit auch mit politischen Mitbestimmungsrechten ausgestatteter Angehöriger der Hochschule
tritt der Studierende in eine marktbasierte Beziehung zur Hochschule ein. Der Kunde / die
Kundin steht diversen Bildungsanbietern gegenüber. Durch seine Nachfragemacht steuert er /
sie das Angebot. Diese postulierte Nachfragemacht ist jedoch nicht mit wirklichen Partizipa-
tions- und Mitbestimmungsmöglichkeiten gleichzusetzen.
Um die postulierte Nachfragemacht in vollem Umfang anwenden zu können, muss der Kunde /
die Kundin in die Lage versetzt werden, nach rationalen Überlegungen zwischen den Angeboten
unterscheiden zu können. Hierzu bedarf es einer Transparenz des Marktes sowie Indikatoren,
die die Qualität eines Angebots bestimmbar machen. Auf die Hochschulen übertragbar ist dieser
Gedanke jedoch nicht: die Qualität eines Studiums lässt sich nicht in quantifizierbaren Größen
wie die Anzahl der StudienanfängerInnen oder der Abschlüsse pro Dozentin bemessen. Zudem
besteht die Gefahr zunehmender Ausgaben der Hochschulen für Marketingmaßnahmen; Mittel,
die anderswo sinnvoller verwendet würden.
Eine weitere Voraussetzung eines funktionierenden Marktes ist die Möglichkeit des Kunden /
der Kundin, zwischen verschiedenen Angeboten wählen zu können. Im Hochschulbereich be-
deutet dies die Möglichkeit, unkompliziert von Hochschule zu Hochschule wechseln zu können.
Diese Möglichkeit hängt in der Realität jedoch von verschiedenen Faktoren, wie z. B. die nicht
unmittelbar mit dem Studium verknüpften Entscheidungskriterien wie die Nähe zu den Eltern
oder die Lebensunterhaltungskosten in einer Hochschulstadt, ab und gestaltet sich nicht als der-
art einfach. Dies konterkariert auch die durch die Einführung nachfrageorientierter Mit-
telzuweisungen erhofften Effizienzgewinne. Das Modell operiert mit idealen Konstrukten, die in
der komplexen Realität nicht zu finden sind.
Nachfrageorientierte Steuerungselemente der Mittelzuweisung bergen des Weiteren die Gefahr
einer Konformisierung des Studienangebots, da die Hochschulen sich in zunehmenden Maße auf
stark nachgefragte und kostenarme Massenstudiengänge, wie z. B. BWL und Jura, konzentri-
eren. Inbesonders kleinen Orchideenfächern sowie teuren Studiengängen gerät dies zum
Nachteil, womöglich gar zum Verhängnis. Das Studienangebot wird zunehmend der Verwer-
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tungslogik unterworfen, statt es nach Forschungsinteresse oder gesellschaftlichem Nutzen


auszurichten. Die Gewährleistung einer Grundfinanzierung und die nachfrageorientierte Mit-
telzuweisung als ergänzende Komponente werden diesen Effekt nicht verhindern, sondern auss-
chließlich in seinen Auswirkungen geringfügig abschwächen.
Erhebliche Auswirkungen haben Studienkontenmodelle, ähnlich wie die Studiengebühren, auch
auf das Studierverhalten. Eine beschränkte Anzahl an Bildungsgutscheinen fördert einen
ökonomischen Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen: Studierende, die im
Sinne einer möglichst breiten Bildung mehr Veranstaltungen belegen möchten, die den „Blick
über den Tellerrand“ wagen, müssen befürchten, für ihren Eifer in Form von nach Verbrauch
aller Bildungsgutscheine anfallenden Gebühren bestraft zu werden. Ein Doppelstudium oder ein
Zweitstudium sind mit der Hypothek zu zahlender Gebühren belastet und tendenziell nur noch
für finanziell unbekümmerte Studierende möglich. Dies gilt zudem für zusätzliche Qualifikatio-
nen, wie z. B. Sprachkurse, oder interdisziplinäre Veranstaltungen, wie z. B. Kurse im Rahmen
eines Studium Generale.
Ein weiterer Negativeffekt ist des Weiteren eine Zunahme des bereits jetzt gravierenden Prü-
fungsstresses, da die Wiederholung eines Kurses weitere Bildungsgutscheine verbrauchen
würde. Untersuchungen zeigen, dass im Kontext der Umsetzung der Bologna-Reform die Zahl
der Studierenden, die während des Studiums psychologische Hilfe in Anspruch nehmen
mussten, stark zunahm. Eine weitere Verschlimmerung dieses Umstands ist durch die Angst vor
einem vorzeitig leeren Studienkonto zu befürchten.
Nicht zu verkennen ist, dass die Nachfrageorientierung des Studienangebots darüber hinaus die
Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse im bereits heute tendenziös prekär beschäftigten wis-
senschaftlichen Mittelbau bewirkt, da die Hochschulen verstärkt auf Nachfrageschwankungen
reagieren müssen. Wissenschaftliche Arbeit ist aber mit der ständigen Angst vor
Arbeitsplatzverlust kaum zu leisten.

Die Einführung einer nachfrageorientierten Mittelzuweisung sowie von Studienkonten treiben


die Unterwerfung des Studierverhaltens, der Studienwahl sowie des Studienangebots unter eine
Verwertungslogik voran und hemmen den Studierenden in der Möglichkeit des selbst-
bestimmten und reflektierten Lernens. Beide Konzepte operieren mit idealen Akteuren
unter ebenso idealen Bedingungen. Der realen Komplexität des Alltags an den Hochschulen
werden sie nicht gerecht. Für die Hochschulen bedeuteten sie ein nicht zu unterschätzendes
Hindernis bei der Entwicklung zukunftsweisender und nachhaltiger Konzepte. Sie hätten
eine fortschreitende Prekarisierung des wissenschaftlichen Mittelbaus zur Folge.
Die Studierenden würden mehr als Kunden eines dienstleistenden Wissenschaftsunternehmens
denn als Mitglieder einer Hochschule betrachtet, deren Ziel die umfassende Bildung eines
Menschen ist.

Freier Hochschulzugang
Um dem Ziel einer breiten Förderung und Hochschulbildung für möglichst viele Menschen
gerecht zu werden, sollte der Zugang zu Hochschulen so weit wie möglich erleichtert werden.
Die Gleichstellung des Meister mit anderen Hochschulzugangsberechtigungen wie dem Abitur
durch das 'Gesetz zur Verbesserung des Hochschulzugangs beruflich Qualifizierter und der
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Hochschulzulassung' verbessert die Durchlässigkeit zwischen beruflicher Bildung und Hoch-


schulbildung und ist somit ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Auch für anders beruf-
lich Qualifizierte sollten die Hürden zur Aufnahme eines Hochschulstudiums abgebaut werden.
Die vorgesehenen Eignungsprüfungen dürfen nicht zu strengen Aufnahmeprüfungen werden.
Diese verhindern weniger, dass Unqualifizierte Studienplätze belegen, als dass motivierte, quali-
fizierte und erfahrene Menschen von der Aufnahme eines Hochschulstudiums abgehalten wer-
den. Für Studiengänge, in denen dies inhaltlich Sinn ergibt, sollte Familienarbeit als Berufser-
fahrung angerechnet werden. Individuellen Bildungsbiographien muss Rechnung getragen wer-
den.

Aufnahmeprüfungen sind aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit abzulehnen. Bereits jetzt sieht
das 'Gesetz zur Verbesserung des Hochschulzugangs beruflich Qualifizierter und der Hoch-
schulzulassung' vor, dass mindestens ein anderes Kriterium als die Abschlussnote in die Aus-
wahl der Studienbewerberinnen mit einbezogen werden muss. Dies ist nur dann sinnvoll wenn
es zu einer Diversifizierung der StudienanfängerInnen führt, sowie die AbbrecherInnenquote
verringert. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Quellen der Bildungsungerechtigkeit in der Zeit
vor der Einschulung liegen, jedoch sollten die Hochschulen alles daran setzen diesen Trend
nicht zu verstärken. Obwohl mehr als ein Viertel der unter 25-Jährigen einen „Migrationshinter-
grund” hat, machen sie lediglich acht Prozent der Studierenden aus. In Auswahlgesprächen wer-
den diejenigen bevorzugt, die den Mitgliedern der Auswahlkomissionen, also den Hoch-
schullehrerInnen, am ähnlichsten sind. Somit sind junge Erwachsene aus Familien mit niedriger-
em Bildungsstand erneut benachteiligt. Wir fordern eine Zusammensetzung der Auswahlkom-
missionen nach sozialen Kriterien. Über eine Sozialquote sollte ernsthaft diskutiert und
nachgedacht werden. Orientierungstests sind im Gegensatz zu Aufnahmeprüfungen wün-
schenswert. Diese sollten über das Internet durchführbar sein um Reisekosten zu vermeiden. Ihr
Ergebnis soll den StudienbewerberInnen dazu dienen sich mit dem gewählten Fach zu beschäfti-
gen und eine informierte Studienwahl zu treffen. So kann die Zahl der AbbrecherInnern re-
duziert werden. Das Ergebnis des Tests darf nicht in die Zulassung mit einfließen.

Orientierungstest könnten digitalisiert und online automatisch ausgewertet werden, was für die
Hochschulen nur mit relativ wenig Mehraufwand verbunden wäre. Aufnahmeprüfungen dage-
gen sind für die Hochschulen nur mit einem enormen finanziellen Aufwand zu leisten. Da dies
kaum geleistet werden kann, vergibt der größte Teil der Hochschulen die Studienplätze nach wie
vor über die Abschlussnote der Hochschulzugangsberechtigung. Die dezentrale Vergabe hat al-
lerdings dazu geführt, dass Zulassungszeiten nicht mehr aufeinander abgestimmt sind, Bewer-
berInnen sich an mehreren Hochschulen parallel bewerben und somit ein nicht unerheblicher
Anteil an Studienplätzen nicht aufgefüllt wird. Die vom 'Gesetz zur Verbesserung des Hoch-
schulzugangs beruflich Qualifizierter und der Hochschulzulassung' vorgesehene Möglichkeit für
Hochschulen, Studienplätze über eine zentrale Vergabestelle vergeben zu können, muss weiter
ausgebaut werden. Mittelfristig muss eine zentrale Vergabestelle zumindest auf Landesebene
möglicherweise in engerer Kooperation mit den Hochschulen wieder alle Zulassungen regeln.

Weiterhin sollte die Anzahl der Studienplätze insgesamt ausgebaut werden, um dem Ziel, auch
bereits im Berufsleben Stehende, sowie junge Menschen mit Migrationshintergrund für ein
Hochschulstudium zu gewinnen, gerecht zu werden. Der derzeit im Rahmen von 'Hochschule
2010' vorgesehene Ausbau der Studienplätze berücksichtigt fast ausschließlich stark von
Wirtschaft und Arbeitsmarkt gewünschte Studienfächer. Es müssen auch kleinere Fächer, die
einen wichtigen Teil der deutschen Hochschullandschaft ausmachen, ausgebaut werden. Durch
den Ausbau wird die Sicherstellung angestrebt, dass die Studienberechtigten in den nächsten
Jahren, insbesondere die des Abiturjahrgangs 2012, die gleichen Chancen zur Aufnahme eines
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Studiums haben wie die SchulabsolventInnen früherer Jahre. Gleichzeitig wird ihnen jedoch mit
dem einseitigen Ausbau die freie Studienwahl genommen. Um alle zusätzlichen G8-Absolven-
tInnen zu berücksichtigen fehlen mindestens weitere 4 000 Studienplätze.

Mobilität
Verbesserung der studentischen Mobilität unter Berücksichtigung der sozialen Dimension

Obwohl es ein erklärtes Hauptziel des Bologna-Prozesses war, die studentische Mobilität zu er-
höhen, ist diese gleich in mehrerlei Hinsicht schlechter geworden. Die Hochschulen haben die
Anforderungen durch erhöhten Leistungsdruck und neue Studiengänge so spezifiziert, dass ein
Wechsel kaum mehr möglich ist. Diesem stehen des Weiteren bürokratische und finanzielle
Hürden im Weg. Noch schwieriger gestaltet sich die Anrechnung im Ausland erworbener Leis-
tungen. Campusgrün Baden-Württemberg unterstützt zwar ausdrücklich die unterschiedliche
Schwerpunktsetzung einzelner Hochschulen im Sinne freier Forschung und Lehre, fordert aber
das Einhalten grundsätzlicher „Spielregeln“ an den betroffenen Hochschulen. Innerhalb
Deutschlands sollte ein Wechsel zwischen zwei Hochschulen bei entsprechenden
Leistungsnachweisen problemlos erfolgen können, auch wenn die Schwerpunktsetzungen der
Hochschulen unterschiedlich sind. Darüber hinaus müssen Leistungen aus dem Ausland an-
erkannt werden, wenn sie an Gasthochschulen erbracht wurden, die die Hochschule in Deutsch-
land als Partner bewirbt.

Zugang zum Master für jedeN Bachelor-AbsolventIn

Durch die Unterteilung des Studiums in Bachelor und Master wurde eine sinnvolle Möglichkeit
der fachlichen Neuorientierung geschaffen. Dem widerspricht jedoch der Ansatz, dass einem
Teil der Studierenden der Zugang zum Master verwehrt bleiben soll. Sowohl einer beruflichen
Qualifikation als auch dem Ideal einer vielseitigen Bildung kann so nicht mehr entsprochen wer-
den. Die ausschließlich ökonomisch orientierten Argumente für eine verkürzte Bildungszeit
können diesen Verlust nicht aufwiegen. Campusgrün fordert daher, dass jeder Bachelorab-
solventin und jedem Bachelorabsolvent innerhalb der Landesgrenzen in Baden-Württemberg ein
Masterplatz zur Verfügung steht. Diese müssen von den Hochschulen angeboten werden.

Die Annahme, ein Masterplatz für alle würde den Bachelorabschluss abwerten ist ein Trug-
schluss. Im Gegenteil, nur bei der sicheren Möglichkeit einen Masterplatz zu erhalten können
sich Studierende bewusst dazu entscheiden nach ihrem ersten Abschluss ins Berufsleben ein-
zutreten. Sind Masterplätze knapp und bei Konkurrenzkampf um diese werden eine Bachelorab-
solventin und ein Bachelorabsolvent auf Jobsuche immer als die Verlierer im Kampf um einen
Masterplatz wahrgenommen werden. Genau dies wird den Bachelorabschluss abwerten. Nur
wenn ein möglicher Masterplatz sicher ist, kann ein junger Mensch, der sich nach seinem ersten
Abschluss gut ausgebildet, bestens vorbereitet und motiviert zum Eintritt in die Arbeitswelt fühlt
dem Vorurteil entgehen, er sei notgedrungen auf Jobsuche, denn er sei im ersten Studium wohl
nicht leistungsstark genug gewesen um einen hart umkämpften Masterplatz zu ergattern.
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Nicht zuletzt um dies zu verhindern, das Recht auf freie Bildung nicht zu verletzen und jeder
und jedem die Möglichkeit zu bieten seinen/ihren Lebens- und Ausbildungsweg frei zu wählen,
sollte die Möglichkeit eines Masterstudiums für alle ermöglicht werden. Erst wenn der Eintritt
ins Berufsleben eindeutig eine freiwillige Entscheidung ist wird der Bachelor vom Arbeitsmarkt
gewürdigt und anerkannt werden. Real ist nicht damit zu rechnen, dass tatsächlich mehr Master-
plätze benötigt werden. Für die öffentliche Wahrnehmung und die Wertschätzung der Absolven-
tinnen und Absolventen ist eine zumindest theoretische Masterplatzgarantie jedoch unabdingbar.

Soziale Infrastruktur
Die momentanen Verhältnisse an den Hochschulen im Land führen zu einer sozialen Selektion:
Besonders Alleinerziehende, Sozialschwache und MigrantInnen haben hohe Hürden zum Hoch-
schulzugang. Dieser Gruppen sind an den Hochschulen nicht in dem Maß vertreten, wie sie
sonst zur gesellschaftlichen Realität gehören. Eine Förderung dieser Gruppen ist notwendig und
kann nur durch einen Ausbau der sozialen Infrastruktur an Hochschulen gelingen. Dazu gehören
neben dem Teilzeitstudium, kostenloser Kinderbetreuung und günstigen Mensen und Wohnhei-
men auch Möglichkeiten zur Nachholung des Abiturs.

Die größte Barriere, die vom Studieren abhält, ist die Finanzierung des Studiums. Ein erster
Schritt diese Hürde abzubauen (neben der Abschaffung jeder Form von Studiengebühren) kann
durch die Möglichkeit eines Teilzeitstudiums geschaffen werden. Bei momentanem Workload
ist eine eigenständige Finanzierung des Studiums kaum möglich – noch weniger das gleichzei-
tige Aufziehen von Kindern. Eine erhöhte Familienfreundlichkeit kann aber nur durch den
gleichzeitigen Ausbau von Kinderbetreuungsstellen erreicht werden.

Durch eine stärkere und sichere Subventionierung von Mensen und Wohnheimen können
Studierende entlastet werden. Der alleinige Ausbau von Wohnheimplätzen reicht hierbei nicht
aus, es müssen sozialverträgliche Höchstmieten festgelegt werden. MigrantInnen stehen oft vor
dem Problem der unzureichenden Hochschulqualifizierung. Baden-Württemberg muss allen
seinen BewohnerInnen einen Aufstieg durch Bildung ermöglichen. Gerade MigrantInnen muss
die Möglichkeit gegeben werden das Abitur nachzuholen um so einen Zutritt zu Hochschulen zu
erreichen.

Studentenwerke müssen mehr Unterstützung vom Land bekommen. Nur so können Betreuung-
sangebote ausgebaut werden, Mensa-Essen zu fairen Preisen angeboten und Ausbau von
Wohnheimplätzen vorangetrieben werden. Eine Erhöhung des in den letzten Jahren reduzierten
Zuschusses des Landes bei der sozialen Betreuung der Studierenden ist daher unabdingbar. Das
Studentenwerksgesetz muss dahin geändert werden, dass die Finanzhilfe des Landes für die Stu-
dentenwerke erhöht wird, bisher gibt es nur eine Deckung von etwa 15% durch das Land.

2012 steht, bedingt durch das Achtjährige Gymnasium, eine große Studierendenwelle an. Diese
kann nur durch eine Bereitstellung von Investitionshilfen für Investitionen im Bereich Sozial-
betreuung und Wohnheimausbau bewältigt werden.

Hochschulen barrierefrei gestalten


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Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Teilhabe in der Mitte der Gesellschaft und
nicht an ihrem Rande. Die praktischen Erfahrungen, die Menschen mit Behinderung hierzulande
machen, sind heute jedoch noch immer viel zu oft von Etikettierung, Stigmatisierung und Aus-
sonderung geprägt.

Eine freie Studienwahl muss auch für Menschen mit Behinderungen gelten. Der Zugang zu
Hochschulen muss erleichtert werden. Alle Gebäude, Hörsäle, Seminarräume, Bibliotheken und
den Hochschulen angeschlossene Gebäude müssen uneingeschränkt und barrierefrei zugänglich
sein, darüber hinaus müssen auch genügend AssistentInnen – beispielsweise Zivildienstleistende
– zur Verfügung stehen, um den Studierenden mit Behinderung im Hochschulalltag behilflich zu
sein. Auch müssen die Studentenwerke ausreichend behindertengerechten Wohnraum zur Ver-
fügung stellen.

Das Informations- und Beratungsangebot der Hochschulen für HochschulbewerberInnen mit Be-
hinderung muss ausgebaut werden. Ferner müssen auch in den Prüfungsordnungen der Hoch-
schulen die besonderen Belange von Studierenden mit Behinderung berücksichtigt werden.

Der Zugang zu finanziellen Fördermöglichkeiten für StudentInnen mit Behinderung muss er-
leichtert werden, da ein Studium mit einem erhöhten finanziellen Aufwand verbunden ist und
Möglichkeiten sich selbst mittels Arbeit neben dem Studium Geld zur Finanzierung des
Studiums zu verdienen oft nicht gegeben sind.

Wir fordern die Einrichtung eines / einer Beauftragten für die Belange von Studierenden mit Be-
hinderung an allen baden-württembergischen Hochschulen, welcheR mit entsprechenden Mit-
teln ausgestattet sein muss. Der Begriff der Gleichstellung muss mittelfristig auch auf Studie-
rende mit Behinderung erweitert werden.

Ziel muss es sein, Studierenden mit Behinderung größtmögliche Autonomie im Lebens- und
Studienalltag zu ermöglichen. Eine barrierefreie Hochschule darf nicht nur mobilitäts-
eingeschränkten Studierenden den Hochschulzugang erleichtern, sondern muss auch seh- und
hörbehinderten Studierenden den freien Hochschulzugang ermöglichen.

Eine ökologisch nachhaltige Hochschule


Um einen möglichst weitgehenden Wandlungsprozess hin zum Ideal der modernen nachhaltigen
Hochschule anzustoßen und umzusetzen, halten wir drei Säulen für notwendig, die dieses
Konzept langfristig tragen: den ökologischen Fußabdruck einer Hochschule sowie die
ökologische Nachhaltigkeit in der Lehre und in der Forschung.

Die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks einer Hochschule kann unter anderem durch
den Bezug von Ökostrom, die Berücksichtigung ökologischer Kriterien bei baulichen Maßnah-
men oder Verbrauchsanweisungen (Umgang mit Strom, Wasser, Heizkraft, etc.) erreicht wer-
den. Eine Hochschule kann nur im Globalen nachhaltig sein. Somit müssen Maßnahmen in allen
Bereichen der Hochschule ergriffen werden. Ökologische Nachhaltigkeit in der Lehre ist eine
essenzielle Aufgabe der Hochschule um ihrem Bildungspolitischen Anspruch gerecht zu wer-
den. Wünschenswert ist hier vor allem die Auseinandersetzung aller Studierenden mit dem
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Thema, die auf einen bewussten Umgang mit Umwelt und Ressourcen hinwirken soll. Dies kann
in Veranstaltungen verschiedenster Art geschehen, die von den Hochschulen selbst auszugestal-
ten sind. Des Weiteren müssen neue Studiengänge, die sich mit dem Thema beschäftigen, aufge-
baut werden, um verstärkt wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen. Um die ökologische
Nachhaltigkeit wissenschaftlich voran zu bringen, ist die Einrichtung von Professuren, die im
Bereich des Umweltschutzes und Nachhaltigem Handeln forschen unabdingbar. Sie sind der
Hauptantrieb, wenn es um neue Impulse in der Nachhaltigkeit geht und daher dringend zu
fördern.

Als Anreize für die Umsetzung dieser Ziele sollten ökologische Indikatoren für die leistungs-
orientierte Mittelzuweisung des Landes geschaffen werden, zudem wäre zum Beispiel die
Schaffung eines Nachhaltigkeitsfonds vorstellbar. Im Rahmen der Zielvereinbarungen zwischen
Hochschulen und Land können außerdem konkrete Maßnahmen zur Förderung ökologischer
Nachhaltigkeit festgesetzt werden.

Der Betrieb der Mensen, Studentenwohnheime und anderer mit Hochschulen verbundener Ein-
richtungen müssen ebenfalls in der Entwicklung zu einer nachhaltigeren Gestaltung unterstützt
werden. Investitionshilfen sollten als projektbezogene und zweckgebundene Mitfinanzierung
durch das Land für die Studentenwerke für Investitionen im Bereich Umweltschutz und Nach-
haltigkeit zur Verfügung gestellt werden.

Um die ökologische Nachhaltigkeit einer Hochschule greifbar und vergleichbar zu machen und
zudem zu ständiger Verbesserung und Reflexion anzuregen, empfiehlt sich die Einführung eines
Umweltmanagementsystems (UMS), das im Folgenden erläutert werden soll.

Umweltmananagementsysteme (UMS) an Hochschulen


Ein Umweltmanagementsystem (UMS) hat zum Ziel, die Stoff- und Energieflüsse (Wasser,
Papier, Energie, etc.) des täglichen Betriebes einer Institution effizienter und nachhaltiger zu
gestalten und somit die negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu verringern.

Mit der Einführung eines UMS wird der aktuelle Zustand erfasst und analysiert, alle umweltrel-
evanten Bereiche des Betriebs werden dabei untersucht. Anschließend werden ambitionierte
Ziele zur Verringerung der negativen Umweltauswirkungen formuliert. Dabei müssen nicht alle
Themenbereiche gleichzeitig bearbeitet werden, es ist ebenso zulässig Schwerpunkte zu setzen
und sich beispielsweise verstärkt um Energieeffizienz und Verringerung des Papierverbrauchs
zu kümmern. Die selbstgesteckten Ziele werden in regelmäßigen Abständen überprüft und fort-
geschrieben. Damit soll eine kontinuierliche Verbesserung der Umweltsituation erreicht werden.
Um ein UMS möglichst transparent zu gestalten, ist eine Zertifizierung sinnvoll. Dies kann zum
Beispiel nach EMAS oder ISO 14001 erfolgen.

Ursprünglich wurden UMS und die zugehörigen Zertifizierungen für den privaten
Wirtschaftssektor eingeführt. Mittlerweile gibt es aber auch eine Vielzahl an öffentlichen Ein-
richtungen, die ein UMS betreiben. Dazu gehören auch Hochschulen wie die Universitäten in
Bremen, Lüneburg und einige andere. In Baden-Württemberg gibt es bisher nur an der Uni-
versität Tübingen Bestrebungen ein nach EMAS zertifiziertes UMS einzuführen, jedoch nur für
einzelne Gebäude.
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Gerade Hochschulen als Orte der Innovation sollten eine zukunftsorientierten Umgang mit Res-
sourcen vorleben. Veränderungen in den Hochschulen werden von der Gesellschaft besonders
wahrgenommen und erfordern dadurch eine gewisse Vorbildfunktion. Hinzu kommt, dass ein
UMS nur erfolgreich eingeführt werden kann, wenn Studierende und MitarbeiterInnen für diese
Themen sensibilisiert sind. Viele Hochschulen im Land sind selbst so große Einrichtungen, dass
eine Verringerung ihres ökologischen Fußabdrucks nicht ohne spürbare Auswirkungen bleibt.

Da die Einführung eines UMS zu Beginn einen höheren Aufwand und somit Kosten verursacht,
ist das Land verpflichtet, Hochschulen so gut wie möglich bei der Einrichtung eines UMS zu
unterstützen. Dies kann durch gezielte Förderprogramme, Anschubfinanzierungen und Beratung
der Hochschulen erreicht werden. Die Implementierung eines UMS sollte in Zielvereinbar-
ungen, die zwischen Hochschulen und dem Land abgeschlossen werden, aufgenommen werden.
Das Land muss darauf hinwirken, dass den Hochschulen die Einführung eines UMS erleichtert
wird.

Hochschulfinanzierung
Die Hochschulen als bedeutender Teil einer wissensbasierten Gesellschaft müssen in die Lage
versetzt werden, den zunehmenden Herausforderungen und Anforderungen einer wissensbasier-
ten Gesellschaft begegnen zu können. Daher bedarf es einer Anpassung der im Solidarpakt II bis
2015 garantierten staatlichen Mittelzuweisung an das steigende Interesse der Gesellschaft an
Forschung und Bildung.

Die weitgehende Autonomie der Hochschulen konkurriert mit der finanziellen Abhängigkeit der
Hochschulen vom Staat: mehr als 80 % der finanziellen Mittel, die den Hochschulen zur Verfü-
gung stehen, kommen aus dem Staatshaushalt. Daher ist in der Hochschulfinanzierung ein nicht
unerheblicher Gestaltungsspielraum des Landes zu sehen.

Leistungsorientierte Mittelzuweisung fördert zwar die Weiterentwicklung und Profilbildung der


Hochschulen, kann jedoch durch rein betriebswirtschaftliche Indikatoren zu einer strukturellen
Benachteiligung von Hochschulen und damit zu einer weiteren Zunahme der Differenzierung
der Hochschulen führen. Die in der Beurteilung angesetzten Parameter müssen unter Einbezug
aller Betroffenen partizipatorisch ausgehandelt werden. Die Anstrengungen der Hochschulen
hin zu einer qualitativen Studienreform sind dabei zu berücksichtigen.

Zusätzliche Anreizmodelle können die Orientierung der Hochschulen an Ökologie und Nach-
haltigkeit fördern.

Drittmittel können zur Erfüllung nicht grundständiger befristeter und klar umrissener Aufgaben
eingeworben werden. Die Mittelbewirtschaftung muss jedoch transparent erfolgen. Die Finan-
zierung grundständiger Aufgaben hat jedoch durch den Staat zu erfolgen.