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0 Die Mathematisierung

der Menschenwürde
Ein mathematikdidaktischer Kommentar
zum „Hartz IV“-Urteil des Bundesverfassungsgerichts
Andreas Vohns

1 Keine Gesellschaft kann es sich leisten, 10 Prozent von ih- 34 verfassungsgericht gefällte Urteil zur Verfas-
2 ren Chancen auszuschließen, ohne moralischen Schaden 35 sungskonformität der Regelsätze für Hartz-IV-
3 zu nehmen [. . . ] Wenn wir in zivilisierten Gemeinwesen 36 Bezieher(innen) durch eine wohltuend unaufge-
4 leben wollen, dann müssen wir tun, was wir können, um 37 regte, gleichwohl im Detail überaus reflektierte
5 die Ausgeschlossenen hereinzuholen in die Chancenwelt des 38 Haltung gegenüber dem dabei vom parlamenta-
6 sozialen Lebens.
39 rischen Gesetzgeber zugrunde gelegten mathe-
7 (Ralf Dahrendorf, 2009 verstorbener Soziologe und
40 matischen Apparat aus. Es kann darüber hinaus
8 FDP-Politiker)1
41 als gehaltvoller Anlass genommen werden, über
42 die gesellschaftlichen Funktionen von Mathe-
9 Innerhalb der materiellen Bandbreite, welche die Evidenz-
10 kontrolle belässt, kann das Grundrecht auf Gewährleistung
43 matik nachzudenken. Insbesondere kann es aus
11 eines menschenwürdigen Existenzminimums keine quanti- 44 meiner Sicht dazu anregen, die Art und Weise
12 fizierbaren Vorgaben liefern.“ 45 zu überdenken, wie wir mit Mathematisierun-
13 (BVerfG, 1 BvL 1/09 vom 9.2.2010, Absatz 142)2 46 gen (bzw. dem „Modellbilden“) in Fachdidaktik
47 und Mathematikunterricht umgehen.

14 Zweck des Unternehmens PISA ist es verlaut-


15 barter Weise, festzustellen, inwiefern unsere 48 Wie(so) wird Menschenwürde (in Deutschland)
16 heranwachsenden Mitbürger(innen) über die 49 mathematisiert?
17 Fähigkeit verfügen,
50 Die Würde des Menschen ist unantast-
18 die Rolle zu erkennen und zu verstehen,
51 bar. Sie zu achten und zu schützen ist Ver-
19 die Mathematik in der Welt spielt, fundier-
52 pflichtung aller staatlichen Gewalt. (Art 1,
20 te mathematische Urteile abzugeben und
53 Absatz 1 GG).
21 sich auf eine Weise mit der Mathematik
22 zu befassen, die den Anforderungen des
23 gegenwärtigen und künftigen Lebens 54 Da die Bundesrepublik Deutschland „ein de-
55 mokratischer und sozialer Bundesstaat“ (Art
24 einer „Person als konstruktivem, engagier- 56 20, Absatz 1 GG) ist, hat der erste Artikel des
25 tem und reflektierendem Bürger entspricht“ 57 Grundgesetztes nicht bloß proklamatorischen
26 (OECD & PISA Deutschland 1999, S. 2). Wäh- 58 Charakter, er ist vielmehr „unmittelbar gelten-
27 rend manch eine Sonderauswertung der PISA- 59 des Recht“ (Art 1, Absatz 3 GG) und begründet
28 Daten (oder jedenfalls deren journalistische 60 indirekt die Notwendigkeit der Mathematisie-
29 Aufbereitung) Zweifel daran aufkommen lässt, 61 rung der Menschenwürde ebenso wie das Urteil
30 wie reflektiert der Einsatz von Mathematik zur 62 des Bundesverfassungsgerichts, dass die der-
31 Rechtfertigung wirtschaftspolitisch hochdra- 63 zeitige Mathematisierung gegen das Grundge-
32 matischer Pressemeldungen3 eigentlich er- 64 setz verstößt. Das Gericht hält zu diesem Recht
33 folgt, zeichnet sich das jüngst vom Bundes- 65 grundsätzlich fest:

1 Dahrendorf, R. 2007: Klassen ohne Kampf, Kampf ohne Klassen: Der moderne soziale Konflikt. In: Ders.: Auf der Suche nach einer
neuen Ordnung – Vorlesungen zur Politik der Freiheit für das 21. Jahrhundert. München: C. H. Beck, S. 89/90.
2 Urteil und Begründung sind vollständig zu finden unter: http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/ls20100209_
1bvl000109.html
Aufgrund der Aktualität des Themas lässt es sich nicht vermeiden, dass die politische Entwicklung Teile der Aussagen dieses Ar-
tikels zum Zeitpunkt des Erscheinens als überholt erscheinen lassen mag; die mathematikdidaktische Einschätzung des Urteils
sollte darunter kaum leiden.
3 „Bildung bringt Billionen-Rendite“, vgl. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,674100,00.html

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66 Wenn einem Menschen die zur Gewähr- 120 Nun zeigt nicht erst die vom derzeitigen Vize-
67 leistung eines menschenwürdigen Daseins 121 kanzler angeleierte Diskussion über „anstren-
68 notwendigen materiellen Mittel fehlen, 122 gungslosen Wohlstand“ und „spätrömische De-
69 weil er sie weder aus seiner Erwerbstätig- 123 kadenz“, dass sich trefflich darüber streiten
70 keit, noch aus eigenem Vermögen noch 124 lässt, welche materielle Grundlage im Regelfall
71 durch Zuwendungen Dritter erhalten kann, 125 für die Gewährung eines menschenwürdigen
72 ist der Staat im Rahmen seines Auftrages 126 Lebens hinreichend ist. Mathematik dient hier
73 zum Schutz der Menschenwürde und in 127 in geradezu typischer Weise dazu
74 Ausfüllung seines sozialstaatlichen Gestal- 128 – einerseits vom konkreten Einzelfall Abstand
75 tungsauftrages verpflichtet, dafür Sorge 129 zu nehmen, den Aufwand einer im Einzel-
76 zu tragen, dass die materiellen Vorausset- 130 fall verhafteten Bedarfsermittlung zu meiden,
77 zungen dafür dem Hilfebedürftigen zur 131 indem man zu einer Vorstellung davon ge-
78 Verfügung stehen. (BVerfG, 1 BvL 1/09 vom 132 langt, wie sich ein (konstruierter) Regelfall
79 9.2.2010, Absatz 134). 133 der Hilfsbedürftigkeit durch finanzielle Hilfe-
134 stellung bedarfsgerecht versorgen ließe und
80 Die Notwendigkeit der Mathematisierung von 135 – anderseits dazu, der konkret vorgefundenen
81 Menschenwürde ergibt sich insofern indi- 136 Höhe der Hilfsleistung eine gewisse Dignität
82 rekt, als es „dem parlamentarischen Gesetz- 137 zu verleihen, sie auf prinzipiell nachvollzieh-
83 geber“ obliegt, „ob er das Existenzminimum 138 baren Schritten der Objektivierung aufzu-
84 durch Geld-, Sach- oder Dienstleistungen si- 139 bauen und damit aus der Willkür, ja aus der
85 chert“ (ebd., Absatz 138). In einem roman- 140 Diskutierbarkeit herauszuhalten, indem sie
86 tisch-verklärten Paralleluniversum mit Kleinst- 141 als notwendige Quantifizierung allgemein
87 Gesellschaften, in denen auf zehn Hilfsbedürf- 142 akzeptierter Grundsätze erscheint, die nicht
88 tige zehn wohlmeinende Sozialfürsorger(innen) 143 in Frage gestellt werden und damit auch die
89 kommen und mathematikskeptische parlamen- 144 gefundene Höhe nicht mehr hinterfragbar
90 tarische Gesetzgeber(innen) ihre Gestaltungs- 145 machen sollen.
91 spielräume frei wahrnehmen, könnte in jedem 146 Diese Verwendungssituation für Mathematik ist
92 Einzelfall darüber entschieden werden, welche 147 typisch, insofern wir gewohnt sind, uns sol-
93 Sach- und Dienstleistungen man den einzelnen 148 chen mathematikhaltigen Urteilen zu unter-
94 Hilfsbedürftigen aktuell zukommen zu lassen 149 werfen. Wenn wir im Sinne der Allgemeinheit
95 hätte, um deren individuelle Existenz men- 150 akzeptieren, dass der öffentliche Straßenverkehr
96 schenwürdig abzusichern. Diese Lösung gin- 151 etwas ist, dass sich ohne Regulierung nicht im
97 ge mit der Rechtsauslegung des Bundesverfas- 152 Sinne einer einigermaßen sicheren Teilnahme
98 sungsgerichts zu 100 % konform, sie ist gesetz- 153 aller Verkehrsteilnehmer(innen) ausgestalten
99 lich verankert im Bundessozialhilfegesetz, hört 154 läßt, so müssen wir beinahe zwangsläufig die
100 auf den Namen „Individualisierungsgrundsatz“ 155 Notwendigkeit von Geschwindigkeitsbegrenzun-
101 und gilt als „zentrale Norm des Sozialhilfe- 156 gen als Mathematisierung angemessen vorsich-
102 rechts“, wobei „die konsequente Handhabung 157 tigen Autofahrens an Orten potenziell größerer
103 dieser Art der Bedarfsdeckung einen unüber- 158 Unfallgefährlichkeit als präventive Maßnahme
104 schaubaren Verwaltungsaufwand mit sich brin- 159 akzeptieren. Jede(r) Einzelne von uns kennt na-
105 gen“4 würde. 160 turgemäß dennoch Orte und Situationen, in de-
106 Für die Massengesellschaft Deutschland und 161 nen er sich aus bestimmten Gründen nicht an
107 das Massenphänomen der Förderungsbedürftig- 162 vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzungen
108 keit zwecks Sicherung eines menschenwürdigen 163 zu halten müssen glaubt. Wir sind dennoch
109 Existenzminimums sind daher aus pragmati- 164 gewohnt, für ein solches Verhalten bestraft zu
110 schen Gründen Standardisierungen nahezu un- 165 werden und kaum eine(r) von uns dürfte ob ei-
111 vermeidbar und in ihrem Zuge kommt es zur 166 nes noch so saftigen Bußgeldes prinzipiell die
112 mehr oder minder einfach durchschaubaren 167 Notwendigkeit von Verkehrsregulierung und
113 Mathematisierungen. Vom Bundesverfassungs- 168 in der Folge die von Geschwindigkeitsbegren-
114 gericht prinzipiell nicht beanstandet und in 169 zungen in Frage stellen. Dabei bleibt die ein-
115 der Bundesrepublik wenigstens seit 1962 gute 170 zelne Geschwindigkeitsbegrenzung, etwa auf 30
116 Tradition besitzen Regelsätze finanzieller Hilfs- 171 km/h in der Nähe einer Schule, zwar eine sehr
117 leistungen, die das Niveau einer im Regelfall für 172 bescheidene Mathematisierung eines angemes-
118 ein menschenwürdiges Leben notwendigen ma- 173 sen Fahrverhaltens, deren Willkürlichkeit nicht
119 teriellen Grundlage quantifizieren.

4 Maas, U. 1996: Soziale Arbeit als Verwaltungshandeln – Systematische Grundlegung für Studium und Praxis. Weinheim: Juventa,
S. 258.

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174 schon aufgrund der Verwendung von Mathe- 221 Haushaltstyp 1, das heißt Haushalte von
175 matik (hier: Grenzwert, also Größe / Zahl) prin- 222 zwei erwachsenen Personen, die Renten-
176 zipiell aufgehoben wird. Wird sind durch die 223 oder Sozialhilfeempfänger mit geringem
177 Mathematisierung, die eine einfache Entschei- 224 Einkommen waren (BVerfG, 1 BvL 1/09 vom
178 dung über Befolgen oder Nicht-Befolgen des 225 9.2.2010, Absatz 133)
179 Grundsatzes „angemessen vorsichtiges Fahren“
180 ermöglicht, grundsätzlich bereit, diese Will- 226 Dem Deutschen Verein oblag dabei die Aufga-
181 kür als Notwendigkeit hinzunehmen – in dem 227 be,
182 Wissen, dass 35 km/h oder 40 km/h grundsätz-
228 anhand eines Warenkorbs notwendiger Gü-
183 lich genauso gut denkbar wären. Mathematik
229 ter und Dienstleistungen mit anschließen-
184 hilft gleichwohl auch, die im Empfinden des
230 der Ermittlung und Bewertung der dafür zu
185 Einzelnen womöglich vernachlässigbaren 10
231 entrichtenden Preise (ebd., Absatz 166)
186 km/h mehr zum möglicherweise überlebens-
187 entscheidenden Unterschied werden zu lassen, 232 ein menschenwürdiges Existenzminimum mo-
188 zwischen rechtzeitig zum Stehen kommen und 233 netär zu bewerten. Was „notwendig“ ist, muss-
189 mit 35 km/h Restgeschwindigkeit auf den plötz- 234 te der Verein normativ entscheiden.
190 lich auf die Straße springenden jungen Men-
191 schen prallen5 . 235 Bereits 1980/81 konnte [dabei] aus Kosten-
192 Wenn wir also das Recht auf ein menschen- 236 gründen keine Einigung über das Ergebnis
193 würdiges Leben als „Gewährleistungsrecht“ mit 237 einer notwendigen Überarbeitung dieses
194 „dem absolut wirkenden Anspruch [. . . ] auf 238 Warenkorbs erzielt werden, da die Kos-
195 Achtung der Würde jedes Einzelnen“ (BVerfG, 239 tenträger erhebliche Bedenken wegen der
196 1 BvL 1/09 vom 9. 2. 2010, Absatz 133) anerken- 240 dadurch notwendigen Regelsatzerhöhung
197 nen und zugestehen, dass eine Ermittlung der 241 geltend machten6 .
198 Bedarfsdeckung allerdings pragmatisch nur da-
199 durch möglich ist, dass Regelsätze definiert 242 In der Folge einigte man sich Anfang der neun-
200 werden, so entsteht ein Bedarf an mathemati- 243 ziger Jahre des letzten Jahrhunderts darauf, den
201 schen Verfahren, die in transparenter Weise zu 244 Bedarf zur Gewährung eines menschenwürdi-
202 solchen Regelsätzen führen. Über diese Verfah- 245 gen Lebens weniger stark von den normativen
203 ren und deren mathematische Ausgestaltung 246 Vorstellungen des Vereins und deren Durchset-
204 lässt sich zwar ebenfalls streiten, kaum jedoch 247 zungsfähigkeit im politischen Prozess abhängig
205 über deren grundsätzliche Notwendigkeit für 248 zu machen, in dem künftig auf das sogenannte
206 eine funktionierende Sozialfürsorge. 249 Statistikmodell zurückgegriffen werden sollte.

250 Die Regelsätze wurden nunmehr aus-


207 Konkretes Vorgehen 251 schließlich nach dem Verbrauchsverhal-
208 Bis zum Jahr 1990 war dabei für die Mathema- 252 ten unterer Einkommensgruppen, wie
209 tisierung der Menschenwürde in Form eines fi- 253 es vor allem mit der Einkommens- und
210 nanziell quantifizierten Existenzminimums das 254 Verbrauchsstichprobe statistisch erfasst
211 sogenannte Warenkorbmodell ausschlaggebend: 255 wird, bemessen. (BVerfG, 1 BvL 1/09 vom
256 9. 2. 2010, Absatz 43).
212 Grundlage bildete ein vom Deutschen Ver-
213 ein für öffentliche und private Fürsorge 257 Wer sich das Erhebungsverfahren der
214 konzipierter Warenkorb, der sich an den 258 Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS)
215 Lebens- und Verbrauchsgewohnheiten un- 259 einmal näher ansehen möchte, der kann sich
216 terer Einkommensgruppen orientierte. Die 260 online relativ einfach die eingesetzten Instru-
217 Referenzgruppe bildete ausgehend von Er- 261 mente (Fragebögen und Haushaltsbuch) be-
218 hebungen des Statistischen Bundesam- 262 sorgen7 – Mitwirkung der Eltern vorausgesetzt
219 tes über die Wirtschaftsrechnung ausge- 263 steht einer klassen- bzw. schulinternen Erhe-
220 wählter privater Haushalte der sogenannte 264 bung also wenig im Wege.

5 Vgl. ausführlicher Jahnke, T. 1996: Beispiele für Themen in einem allgemeinbildenden Mathematikunterricht an Schule und Hoch-
schule. In: Biehler,R./ Heymann, H.W./ Winkelmann, B.: Mathematik allgemeinbildend unterrichten: Impulse für Lehrerbildung
und Schule. Köln: Aulis, S. 137–151.
6 Schneider U. 2003: Expertise zur Frage der bedarfsgerechten Fortschreibung des Regelsatzes für Haushaltsvorstände gem. § 22 BS-
HG. Überarbeitete und aktualisierte Fassung des Originalbeitrags erschienen in: Sozialer Fortschritt 50. Jg Heft 9/10 S. 239–244,
Internet: http://www.forschung.paritaet.org/uploads/media/Regelsatz2003.pdf
7 Die Unterlagen für das für die Höhe des aktuellen Regelsatzes maßgebliche Jahr 2003 findet man hier: https://www-ec.destatis.de/
csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls?cmspath=struktur,vollanzeige.csp\&ID=1017774, die aktualisierte Fassung von 2008 u. a.
hier: http://www.statistik.bayern.de/evs2008/02018/index.php

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265 Die tatsächliche Höhe der Regelleistungen nach 300 in der Regel ein menschenwürdiges Leben füh-
266 Hartz IV bemißt sich dabei nach dem tatsäch- 301 ren kann, der kann auch die Regelsätze nicht
267 lich statistisch erhobenen Verbrauchsverhalten 302 mehr in Frage stellen – weder nach oben noch
268 einer sogenannten „Referenzgruppe“. Das sta- 303 nach unten. Damit ist dem mühseligen Aus-
269 tistische Bundesamt ermittelt für diese Gruppe, 304 handlungsprozess über einen bedarfsdeckenden
270 zuletzt festgesetzt als die 305 Warenkorb ein Ende gesetzt, die Normativität
306 der Festlegung des „Notwendigen“ im Waren-
271 untersten 20 % der nach ihrem Nettoein- 307 korb weicht der Normativität des Faktischen in
272 kommen geschichteten Haushalte der 308 Gestalt der EVS.
273 Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 309 Fast jedenfalls, denn nach unten hält der parla-
274 (unterstes Quintil) nach Herausnahme der 310 mentarische Gesetzgeber den Regelsatz durch-
275 Empfänger von Leistungen der Sozialhilfe 311 aus für anpassungsfähig, insofern er für alle
276 (ebd., Absatz 57), 312 in der EVS aufgeschlüsselten Abteilungen „Re-
313 gelsatz relevante Anteile“ festgelegt hat, die
277 in einer Sonderauswertung der EVS die Summe
314 zwischen 0 % (Bildungswesen) und 96 % (Nah-
278 der Verbrauchsausgaben, die nach Prozentantei-
315 rungsmittel, Getränke, Tabakwaren) liegen (s.
279 len bestimmter Abteilungen (Nahrungsmittel,
316 Abbildung), weiters dadurch, dass er nur dem
280 Getränke, Tabakwaren und Ähnliches, Beklei-
317 „Haushaltsvorstand“ 100 %, dem „erwachsenen
281 dung und Schuhe, Gesundheitspflege etc.) auf-
318 Partner einer Bedarfsgemeinschaft“ 90 % sowie
282 geschlüsselt wird.
319 Kindern und Jugendlichen je nach Lebensalter
283 Durch diesen Schritt wird aus dem deskriptiven
320 zwischen 50 % und 90 % dieses Satzes zuge-
284 Modell, welches die EVS ursprünglich darstellt,
321 steht. Zudem wird der Satz lediglich in einem
285 ein normatives Modell: Die Ermittlung eines
322 fünfjährlichen Turnus entsprechend der Ent-
286 menschenwürdigen Existenzminimums auf Ba-
323 wicklung der Rentenhöhe angepasst und nicht
287 sis der tatsächlichen Verbrauchsausgaben des
324 ständig mit der EVS abgeglichen.
288 unteren Quintils der EVS setzt voraus, dass in
289 der Bundesrepublik Deutschland Dahrendorfs
290 eingangs zitiertes Postulat wenigstens halb als 325 Wieso ist die aktuelle Mathematisierung
291 erfüllt gelten kann, dass nämlich die unters- 326 verfassungswidrig?
292 ten 20 % unserer Gesellschaft mit ihrem Ein- 327 Die aktuelle Mathematisierung ist nicht auf-
293 kommen ein menschenwürdiges Auskommen 328 grund grundsätzlicher Erwägungen verfas-
294 haben. Der Einsatz von Mathematik (bzw. Sta- 329 sungswidrig, hingegen sehr wohl in einigen
295 tistik) soll hier erneut die Diskutierbarkeit des 330 Details der Gewinnung des „Regelsatz relevan-
296 gefundenen Regelsatzes erschweren – wer nicht 331 ten Anteils“ und der Ableitung der Regelsätze
297 glaubt, dass das untere Fünftel unserer Gesell- 332 für Nicht-Erwachsene sowie wenigstens in ei-
298 schaft (Dahrendorf hätte hier vermutlich ganz 333 nem Punkt, der der Mathematisierung der Men-
299 unverblümt von der Unterschicht gesprochen) 334 schenwürde durch Regelsätze eine Grenze setzt.

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335 Das Bundesverfassungsgericht betont zunächst, 385 Nachvollziehbarkeit des Umfangs der ge-
336 was die Höhe der Regelsätze anbelangt (bereits 386 setzlichen Hilfeleistungen sowie deren
337 anfangs zitiert), dass sich aus Artikel 1 und 20 387 gerichtliche Kontrolle zu gewährleisten,
338 GG deren absolute Höhe nicht bestimmen lässt. 388 müssen die Festsetzungen der Leistungen
339 Die Gewährung eines menschenwürdigen Exis- 389 auf der Grundlage verlässlicher Zahlen und
340 tenzminimums sei zwar 390 schlüssiger Berechnungsverfahren tragfähig zu
391 rechtfertigen sein. (ebd. Absatz 133)
341 dem Grunde nach unverfügbar und muss
342 eingelöst werden, bedarf aber der Konkreti- 392 Das Gericht erkennt damit sehr weitgehend
343 sierung und stetigen Aktualisierung durch 393 die Notwendigkeit der bürokratisch-diszipli-
344 den Gesetzgeber, der die zu erbringenden 394 nierenden Funktion mathematischer Verfahren
345 Leistungen an dem jeweiligen Entwick- 395 an – weiter als manchen politischen Beobach-
346 lungsstand des Gemeinwesens und den 396 ter(innen)8 und den Betroffenen lieb sein dürf-
347 bestehenden Lebensbedingungen auszu- 397 te. Dies äußert sich u. a. etwa darin, dass es
348 richten hat. Dabei steht ihm ein Gestal- 398 sowohl das Warenkorbmodell als auch das Sta-
349 tungsspielraum zu. (BVerfG, 1 BvL 1/09 vom 399 tistikmodell für grundsätzlich verfassungskon-
350 9. 2. 2010, Absatz 133) 400 form erklärt (ebd. Absatz 166). Zudem bestreitet
401 das Gericht nicht, dass die unteren 20 % der
351 Diesen Gestaltungsspielraum sieht das Gericht
402 Einkommens- und Verbrauchsstichprobe eine
352 vor allem gegeben durch den Unterschied zwi-
403 geeignete Referenzgruppe bilden.
353 schen der Gewährung eines (zum reinen Über-
404 Die Regelleistung von 345 Euro ist aus Sicht
354 leben notwendigen) physischen Existenzmini-
405 des Gerichts deshalb verfassungswidrig,
355 mums und der (sehr wohl ebenfalls zu gewäh-
356 renden) 406 weil von den Strukturprinzipien des Sta-
357 Sicherung der Möglichkeit zur Pflege zwi- 407 tistikmodells, das der Gesetzgeber selbst
358 schenmenschlicher Beziehungen und zu 408 gewählt und zur Grundlage seiner Bemes-
359 einem Mindestmaß an Teilhabe am gesell- 409 sung des notwendigen Existenzminimums
360 schaftlichen, kulturellen und politischen 410 gemacht hat, ohne sachliche Rechtferti-
361 Leben (ebd., Absatz 135). 411 gung abgewichen worden ist. (ebd., Absatz
412 173)
362 Der politische Gestaltungsspielraum sei
413 Was das Gericht hier kritisiert, ist – in den
363 enger, soweit der Gesetzgeber das zur Si- 414 Worten Roland Fischers – dass sich der Gesetz-
364 cherung der physischen Existenz eines 415 geber der Disziplinierungsfunktion der Mathe-
365 Menschen Notwendige konkretisiert, und 416 matik nur halbherzig unterworfen hat: Wenn
366 weiter, wo es um Art und Umfang der Mög- 417 ihr schon Mathematik einsetzt, dann „verhal-
367 lichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen 418 tet euch [gefälligst auch] mathematisch“9 . Kri-
368 Leben geht (ebd., Absatz 138). 419 tisiert wird folgend (in den Absätzen 174-187)
369 Seinen Gestaltungsspielraum überzogen hat der 420 nicht die Tatsache, dass gewisse Posten der EVS
370 Gesetzgeber nicht, weil der derzeitig 345 Euro 421 gekürzt wurden, erst Recht wird nicht die Hö-
371 betragende Regelsatz für den „Haushaltsvor- 422 he der Abschläge kritisiert. Kritisiert werden
372 stand“ aus Sicht des Gerichts „evident unzurei- 423 hingegen mangelnde Begründungen der Ab-
373 chend“ zur Gewährung eines menschenwürdi- 424 schläge sowie fehlende Transparenz in der Be-
374 gen Lebens wäre. Das Gericht sieht seine Auf- 425 stimmung der Höhe der Abschläge. So lässt das
375 gabe eher in einer 426 Gericht etwa nicht gelten, dass die „Ausgaben-
427 position Ersatzteile und Zubehör für Privatfahr-
376 Kontrolle der Grundlagen und der Methode 428 zeuge“ um 80% gekürzt wurde, weil darin aus
377 der Leistungsbemessung daraufhin, ob sie 429 Sicht des Gesetzgebers ein „Aufwand für nicht
378 dem Ziel des Grundrechts gerecht werden. 430 existenznotwendige Kraftfahrzeuge“ gesehen
379 Der Grundrechtsschutz erstreckt sich auch 431 werden könne. Die Zahl sei nicht empirisch
380 deshalb auf das Verfahren zur Ermittlung 432 belegt, wie überdies unklar bliebe, ob nicht
381 des Existenzminimums, weil eine Ergebnis- 433 etwa „bei Einsparung der Kosten eines Kraft-
382 kontrolle am Maßstab dieses Grundrechts 434 fahrzeugs die Kosten des Hilfebedürftigen für
383 nur begrenzt möglich ist. Um eine der Be- 435 den öffentlichen Personenverkehr ansteigen“
384 deutung des Grundrechts angemessene 436 (ebd., Absatz 179). Die prozentualen Anteile für

8 Vgl. etwa die Kritiken von Rainer Roth (http://www.trend.infopartisan.net/trd0210/trd510210.html) und Wolf-Dieter Narr (http:
//www.nachdenkseiten.de/?p=4678).
9 Fischer, R. 2006: Materialisierung und Organisation. München, Profil, S. 104

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437 Kinder und Jugendliche (medial am stärksten 490 wenn dies im Einzelfall für ein menschen-
438 kolportiert) werden ebenfalls nicht der Höhe 491 würdiges Existenzminimum erforderlich
439 oder der Sache nach kritisiert, sondern weil ih- 492 ist. [ebd., Absatz 206]
440 re Begründung auf unpassenden empirischen
441 Belegen beruhen und noch nicht einmal der 493 Das Gericht konkretisiert mit dieser Beurtei-
442 dort vorgeschlagenen Altersgruppenklassifi- 494 lung die Aussage, das Existenzminimum sei
443 zierung folgen (ebd., Absatz 193–194). Kritisch 495 ein „Gewährleistungsrecht“ mit „absolut wir-
444 anzumerken ist allerdings, dass sich das Ge- 496 kendem Anspruch [. . . ] auf Achtung der Wür-
445 richt nicht völlig von dem Vorwurf frei machen 497 de jedes Einzelnen“ (ebd., Absatz 133). Wenn
446 kann, mit zweierlei Maß zu messen: Wenn es 498 für ein bestimmtes Individuum also nachvoll-
447 sich seiner Rolle gemäß tatsächlich so weitge- 499 ziehbar eine Belastungssituation vorliegt, die
448 hend auf eine Normenkontrolle beschränken 500 höhere laufende Ausgaben zur Gewährung ei-
449 muss, dass es einerseits weder die Höhe noch 501 nes menschenwürdigen Existenzminimums
450 die Sache der Abschläge kommentieren mag, 502 rechtfertigen, dann ist der Individualisierungs-
451 sondern nur deren Begründung, durch welchen 503 grundsatz höher zu werten als der Standardi-
452 Maßstab ist es ihm dann anderseits möglich, 504 sierungsgrundsatz. Erneut argumentiert das
453 die derzeitige Gesamthöhe der Regelleistungen 505 Gericht damit, dass der parlamentarische Ge-
454 als „nicht evident unzureichend“ zur physi- 506 setzgeber sich eben gerade nicht auf das Sta-
455 schen Existenzsicherung zu beurteilen und was 507 tistikmodell berufen kann, wenn er laufenden
456 folgt daraus für die Höhe, wenn ja eigentlich 508 individuell höheren Bedarf grundsätzlich aus-
457 auch ein sozio-kulturelles Existenzminimum zu 509 schließt, schon „seiner Konzeption“ nach könne
458 gewähren wäre? 510 ein solcher Bedarf von „der Statistik nicht aus-
459 Diese Einwände gegen die Berechnung regel- 511 sagekräftig“ erfasst werden.
460 satzrelevanter Anteile und der abgeleiteten Sät-
461 ze für Partner(innen) in Bedarfsgemeinschaften 512 Das Urteil zeigt eine problematische Ten-
462 und im Haushalt lebende Kinder und Jugend- 513 denz hin zu einer übertriebenen Einzel-
463 liche sind weit weniger bemerkenswert10 als 514 fallbetrachtung statt zu einer vernünftigen
464 die grundsätzlichen Schranken, die das Bun- 515 Pauschalierung
465 desverfassungsgericht dem Standardisierungs-
466 grundsatz zur Bedarfsdeckung auferlegt hat. 516 konterte der CDU-Innenminister de Maiziè-
467 Unabhängig davon, inwiefern die Regelsätze als 517 re stante pede angesichts des nicht zu unter-
468 verfassungskonform gelten können, bezieht das 518 schätzenden Verwaltungsaufwands, der ent-
469 Gericht nämlich Stellung zur Frage, was die 519 stehen könnte, wenn es um die Prüfung be-
470 „Regel“ ist und welche Berücksichtigung ins- 520 sonderer Belastungssituationen geht. Das Ge-
471 besondere Abweichungen von der Regel finden 521 richt hält diesen Aufwand aufgrund des hohen
472 müssen. Dazu heißt es: 522 Rechtsguts (immerhin Artikel 1 der Verfassung)
523 gleichwohl für unausweichlich. Es geht ihm
524 dabei gerade nicht darum, dass man
473 Ein pauschaler Regelleistungsbetrag kann
474 [. . . ] nach seiner Konzeption nur den 525 den konkreten Einzelfallbedarf etwa für
475 durchschnittlichen Bedarf decken. Der 526 Kühlschränke oder Wintermäntel wieder
476 nach dem Statistikmodell ermittelte Fest- 527 stärker zu berücksichtigen11
477 betrag greift auf eine Einkommens- und
478 Verbrauchsstichprobe zurück, die nur die- 528 habe, derartige einmalige Sonderbelastungen
479 jenigen Ausgaben widerspiegelt, die im 529 hält das Gericht durchaus für abgedeckt (ebd.,
480 statistischen Mittel von der Referenzgrup- 530 Absatz 150). Es geht ausdrücklich um laufenden
481 pe getätigt werden. Ein in Sonderfällen auf- 531 höheren Bedarf. „Die regelleistungsrelevanten
482 tretender Bedarf nicht erfasster Art oder 532 Ausgabepositionen und -beträge“ des Statistik-
483 atypischen Umfangs wird von der Statistik 533 modells sind
484 nicht aussagekräftig ausgewiesen. Auf ihn
485 kann sich die Regelleistung folglich nicht 534 als abstrakte Rechengrößen konzipiert, die
486 erstrecken. Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung 535 nicht bei jedem Hilfebedürftigen exakt zu-
487 mit Art. 20 Abs. 1 GG gebietet jedoch, auch 536 treffen müssen, sondern erst in ihrer Sum-
488 einen unabweisbaren, laufenden, nicht nur 537 me ein menschenwürdiges Existenzmini-
489 einmaligen, besonderen Bedarf zu decken, 538 mum gewährleisten sollen.

10 Zur der Kritik im Detail gehört weiters der Modus der fünfjährlichen Anpassung der Höhe der Leistungen, ebd. Absatz 214, auf
den hier nicht näher eingegangen wird.
11 http://www.welt.de/news/article6329037/Unions-Politiker-fuer-niedrigere-Hartz-IV-Saetze.html

86 GDM-Mitteilungen 89 · 2010
539 Wenn das Statistikmodell verfassungsgemäß 588 genormter Darstellungsformen[. . . ] zu verges-
540 angewandt würde und insbesondere 589 sen“. Das ist einerseits nötig, weil Standardi-
590 sierung nicht möglich ist, ohne individuelle
541 ein Ausgleich zwischen verschiedenen Be- 591 Unterschiede zu vernachlässigen. Dabei besteht
542 darfspositionen möglich ist [. . . ], kann der 592 andererseits immer die Gefahr,
543 Hilfebedürftige in der Regel sein individuel-
544 les Verbrauchsverhalten so gestalten, dass
593 dass Wichtiges außer Acht gelassen wird,
545 er mit dem Festbetrag auskommt.
594 ohne dass man es merkt. [. . . ] Die Entschei-
546 Die Regelleistung vermag hingegen nicht 595 dung, Manches nicht zu berücksichtigen
596 wird nicht bewusst getroffen. (ebd., S. 78)
547 denjenigen besonderen, laufenden, nicht
548 nur einmaligen und unabweisbaren Bedarf 597 Was die Reflektiertheit gegenüber der gesell-
549 zu erfassen, der zwar seiner Art nach berück- 598 schaftlichen Bedeutung von Mathematik an-
550 sichtigt wird, dies jedoch nur in durchschnitt- 599 geht, hat das Bundesverfassungsgericht eine
551 licher Höhe. Tritt in Sondersituationen ein 600 durchaus nachvollziehbare Entscheidung ge-
552 höherer, überdurchschnittlicher Bedarf auf, 601 fällt: Es hat in einer Reihe von Punkten den
553 erweist sich die Regelleistung als unzurei- 602 Gesetzgeber dazu aufgefordert, seine Mathema-
554 chend. (ebd. Absatz 205–208). 603 tisierungsentscheidungen (Abschläge in einzel-
604 nen Ausgabepositionen, abgeleitete Sätze für
605 Kinder und Jugendliche) besser zu begründen.
555 Mathematisierungen in Gesellschaft, Unterricht und 606 Im Bewusstsein, dass es keinen durch objektive
556 didaktischer Forschung 607 Realität begründeten Zwang zu einer bestimm-
608 ten Form der Mathematisierung von Menschen-
557 Roland Fischer sieht eine längerfristige Per- 609 würde gibt, hat es dem Gesetzgeber bewusst
558 spektive des Mathematikunterrichts darin, sich 610 offen gelassen, welches Rechenmodell er anzu-
559 der Disziplinierungsfunktion von Mathematik 611 wenden hat (Warenkorb- oder Statistikmodell).
560 bewusster zu stellen. Mathematik dient (auch) 612 Es hat insbesondere nicht überprüft, ob die
561 dazu, „dass sie die Menschen in den Griff be- 613 Statistiker(innen) (bzw. die Gesetzgeber) bei
562 kommt“, durch Materialisierung, durch „das 614 Hartz IV „richtig gerechnet“ haben, indem es
563 Dinge-zum-Objekt-Machen“12 . Die Formulierung 615 weder zur absoluten Höhe der Regelleistungen
564 eines statistischen „Regelfalls“ ist so eine Ma- 616 noch zur absoluten Höhe der Abschläge Stel-
565 terialisierung: Der Regelfall ist hypothetisch, 617 lung nimmt. Es verhält sich vielmehr so, wie
566 ein rechnerisch ermittelter Durchschnittswert, 618 es Fischer von einem Menschen erwartet, der
567 für den eben nicht von vorneherein klar ist, ob 619 über eine höhere mathematische Allgemeinbil-
568 er die Bedürfnisse einzelner Hilfsbedürftiger 620 dung verfügt: Es hat nicht die Richtigkeit der
569 angemessen berücksichtigt. Dadurch, dass Re- 621 Rechnungen beanstandet, sondern die Regel-
570 gelausgaben als „abstrakte Rechengrößen“ kon- 622 satzberechnungsverordnung als „Expertenmei-
571 zipiert werden, erhofft man sich eine Objekti- 623 nung“ angenommen, „die einem aber die eige-
572 vierung, ja Distanzierung. Diese „Dinge“ wer- 624 ne Positionierung nicht ersparen“13 . Das Gericht
573 den „anscheinend von uns unabhängig“ (ebd., 625 akzeptiert, dass für die Erstellung der Statistik
574 S. 107). Fischer glaubt zwar, „dass Disziplinie- 626 selbst die Statistiker(innen), für die Entschei-
575 rung für soziale Systeme notwendig ist“, warnt 627 dung für ein bestimmtes statistisches Modell
576 aber gleichzeitig vor einer Überinterpretation 628 die politische Exekutive und für die Prüfung
577 der durch Mathematisierung geschaffenen Rea- 629 an den Normen des Grundgesetztes es selbst
578 litäten: „Wir dürfen [. . . ] nicht so tun, als gäbe 630 zuständig ist. Es liefert die Hilfsbedürftigen
579 es einen durch objektive Realität begründeten 631 sehr wohl weder der Politik noch den Statisti-
580 Zwang zu einer bestimmten Form der Diszipli- 632 ker(inne)n aus, in dem es grundsätzlich dem
581 nierung“ (Fischer 2006, S. 106). Disziplinierung 633 Dinge-Zur-Sache-Machen eine Grenze auferlegt,
582 und Objektivierung durch Mathematisierung 634 insofern es die Regelleistung (für die umfäng-
583 funktioniert in sozialen Kontexten durch Pau- 635 lich Details vergessen werden müssen) auf den
584 schalisierungen, durch das Absehen vom Ein- 636 Regelfall beschränkt, und prinzipiell jedem be-
585 zelfall, durch das Hineinsehen des Regelfalls. 637 troffenen Individuum das Recht zugesteht, der
586 Das Funktionieren der Mathematik hängt in 638 Verwaltung darzulegen, warum seine Belastung
587 hohem Maße davon ab „insbesondere im Wege 639 atypisch und daher besonders förderungswür-

12 Fischer, R. 2006: Materialisierung und Organisation. München, Profil, S. 104


13 Fischer, R. 2001: Höhere Allgemeinbildung. In Fischer, A. et al. (Hg.), Situation – Ursprung der Bildung. Franz-Fischer-Jahrbuch
der Philosophie und Pädagogik 6. Universitätsverlag, Leipzig, S. 152f

GDM-Mitteilungen 89 · 2010 87
640 dig ist. Selten dürfte die Vorbildfunktion des 665 Stellens unseres sozialen Sicherungssystems
641 Richterstandes für das, was Fischer von einem 666 durch einige exponierte politische Persönlich-
642 höher gebildeten Menschen an mathematischer 667 keiten16 wenig. Alternative Rechenmodelle, die
643 Bildung erwartet, so unmittelbar als Metapher 668 Warenkörbe im Umfang von 132 Euro schnü-
644 funktioniert haben. 669 ren, hält die Wirtschaftswissenschaft dankens-
645 Wie man das Urteil des Bundesverfassungsge- 670 werter Weise schon bereit17 . Bei diesen Körben
646 richts gesellschaftspolitisch beurteilen mag, 671 dürfte dem Verfassungsgericht aufgrund der
647 darüber lässt sich hingegen trefflich debattie- 672 faktischen Negation des sozio-kulturellen Exis-
648 ren. Anfänglichem Jubel14 von linker Seite folg- 673 tenzminimums allerdings ein Urteil über die
649 te sehr bald Ernüchterung15 : In der Tat lässt das 674 Dignität der mathematischen Methoden erspart
650 Urteil keinerlei Abschätzung zu, ob die Regel- 675 bleiben – eine solche Höhe (oder besser: Tie-
651 sätze steigen, fallen oder auf derselben Höhe 676 fe) der Leistungen erkennt hoffentlich selbst
652 verweilen. Das Urteil gesteht dem Gesetzgeber 677 der mathematisch ungebildete Laie als „evident
653 ausdrücklich zu, jede einzelne seiner Abwei- 678 unzureichend“ für irgendeine Form sozialer
654 chungen gegenüber dem Statistikmodell durch 679 Teilhabe.
655 eine transparente mathematische Modellierung 680 Im engeren Sinne mathematikdidaktisch ge-
656 zu heilen, allein im Falle der Ausgaben für das 681 wandt scheint mir die Frage berechtigt, inwie-
657 Bildungswesen sind Kürzungen aufgrund der 682 fern unser Mathematikunterricht mit Blick auf
658 bisherigen 0 %-Anrechnung schlechterdings 683 vielberedte „Modellierungskompetenzen“ die
659 mathematisch unmöglich. Bleiben die Repara- 684 Schüler(innen) ansatzweise in die Nähe der
660 turen systemimmanent, wird also das derzeit 685 Reflektiertheit des Bundesverfassungsgerichts
661 verfolgte Statistikmodell nicht grundsätzlich in 686 führt, was die Beurteilung der Rolle angeht,
662 Frage gestellt, scheinen Kürzungen in Summe 687 die Mathematik in unserer Gesellschaft spielt
663 dennoch eher unwahrscheinlich – von daher 688 und welche Formen der Normenkontrolle an-
664 verwundert die Grundsätzlichkeit des In-Frage- 689 gemessen erscheinen, um wohl begründete

14 http://www.jungewelt.de/2010/02-10/030.php
15 http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=8123&Itemid=44
16 http://www.pnp.de/nachrichten/artikel.php?cid=29-7016412&Ressort=pol&Ausgabe=a&RessLang=&BNR=0, http://www.welt.de/
debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html?print=yes#reqdrucken, Zur Kritik an den von Wes-
terwelle verwendeten Zahlen vgl. . Hier sind zur Dekonstruktion keineswegs komplexe mathematische Verfahren notwendig, was
umso mehr ein düsteres Bild auf die durchschnittliche mathematische Bildung im sogenannten „Qualitätsjournalismus“ wirft.
17 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28663/1.html

88 GDM-Mitteilungen 89 · 2010
690 mathematikhaltige Urteile zu fällen. Ich will 735 lässt, Reflexion und distanzierende Außenper-
691 nun gar nicht flächendeckend die Lektüre von 736 spektive hingegen kaum über eine Teilaufgabe
692 Urteilsbegründungen im originalen Wortlaut 737 / den Antwortsatz zur Validierung des mathe-
693 fordern. Ich will auch nicht behaupten, dass 738 matisch gewonnenen Produkts des „Modellie-
694 sehr wohl auch ein Urteil des Gerichts denk- 739 rungskreislaufs“ hinausgehen. Für diejenigen
695 bar gewesen wäre, das etwa das Statistikmodell 740 Mathematisierungen, die für den Großteil der
696 selbst stärker hinsichtlich seiner Eignung zur 741 Schüler(innen) tatsächlich „survival mathema-
697 Bestimmung eines Existenz sichernden Regel- 742 tics“21 darstellen, scheint mir unbestreitbar,
698 satzes hinterfragt hätte. Dennoch scheint mir 743 dass sie eben nicht etwas sind, das im späte-
699 bedenkenswert, ob sich auch nur eine Ahnung 744 ren Leben von den Schüler(inne)n selbst aktiv
700 von der gesellschaftlichen Bedeutung von Ma- 745 durchzuführen ist. Den überlebenswichtigen
701 thematisierungen einschleichen kann, wenn 746 Mathematisierungen sind sie vielmehr als Ob-
702 durchschnittliche Schrittlängen erwachsener 747 jekte der Mathematisierung ausgeliefert und
703 Männer18 und das Tankverhalten grenznaher 748 darauf zu hoffen, dass ein reflektierter Stand-
704 Kraftfahrer(innen)19 die typischen Anwendungs- 749 punkt zu solchen Mathematisierungen, ihren
705 fälle sind, die uns die Bildungsstandardisie- 750 Chancen und Grenzen sich quasi en passant
706 rer(innen) und PISA-Tester(innen) für den Un- 751 beim Durchexerzieren didaktisch verbrämter
707 terricht schmackhaft machen wollen. Mit Blick 752 Modellbildungs-Modelle automatisch einstellt,
708 auf die allgegenwärtigen „Modellierungskreis- 753 erscheint mir überaus bedenklich.
709 läufe“ scheint mir bedenklich, wenn beim ab- 754 Was die Reflektiertheit der Mathematisierung
710 schließenden „Validieren“-Schritt so getan wird, 755 betrifft, welcher sich die Mathematikdidaktik
711 als würde man die im Modell erzielten Ergeb- 756 selbst fortlaufend im Forschungsprozess be-
712 nisse an „der Realität“ oder „der erfolgten Pro- 757 dient, würde ich mir zudem manchmal eine
713 blemlösung“ prüfen. Wessen Realität ist eigent- 758 Instanz wie das Verfassungsgericht wünschen,
714 lich Thema, wenn das Bundesverfassungsge- 759 die eine Normen- und Evidenzkontrolle vor-
715 richt Hartz IV-Regelsätze prüft? Wessen Pro- 760 nimmt. So sakrosant, wie einige empirische
716 blem ist gelöst, wenn vom Warenkorbmodell 761 Verfahren und psychometrische Modelle et-
717 auf das Statistikmodell umgestellt wird? Das 762 wa im Zusammenhang mit der Festlegung von
718 der Betroffenen? Das der Wohlfahrtsverbände? 763 „Mindeststandards“ (dem „mathematischen“
719 Das der Politik? Das der Gesellschaft? 764 Existenzminimum?) daherkommen22 , darf man
720 Die Modellierung des Modellierungskreislaufes 765 jedenfalls Zweifel haben, inwiefern die kollegia-
721 selbst gehört m. E. reflektiert (etwa im Sinne 766 le Kontrolle unter Expert(inn)en noch im Blick
722 der „Landkarte“ von Yasukawa, s. Abbildung) 767 hat, dass es dabei keineswegs einen „durch ob-
723 – und zwar in der Fachdidaktik als solcher 768 jektive Realität begründeten Zwang zu einer
724 wie im Unterricht selbst. Eine „Neue Unter- 769 bestimmten Form der Disziplinierung“ gibt.
725 richtskultur“, die sich beinahe ausschließlich 770 Nicht weniger als die Aufgabe, die mit solchen
726 als „Neue Aufgabenkultur“ versteht, greift so- 771 Verfahren und Modellen erzielten Ergebnisse
727 lange zu kurz, solange sie nicht bereit ist zu 772 hinsichtlich ihrer Wichtigkeit, ihres mathema-
728 hinterfragen, dass Mathematikunterricht i.W. 773 tikdidaktischen Gehalts und ihres operativen
729 aus dem Be- bzw. Abarbeiten gestellter Proble- 774 und konstruktiven Potentials für die Gestal-
730 me besteht. Sie greift solange zu kurz, solange 775 tung des Mathematikunterrichts zu bewerten,
731 sie zwar forciert Alltagsbezüge einfordert und 776 käme in Fischers Konzept den mathematisch
732 dennoch – mit Dressler20 gesprochen – im Voll- 777 gebildeten Laien (hier also: den Mathematikdi-
733 zug von Mathematik verhaftet bleibt, beständig 778 daktiker(inn)en) durchaus zu.
734 weiter Modellbilden, Rechnen und Operieren

18 http://www.pisa.admin.ch/bfs/pisa/de/index/02/03.Document.90700.pdf, S. 4
19 http://www.iqb.hu-berlin.de/bista/aufbsp/masek1corn/bmk_1_2_5/bmk_1_2_5_ao.pdf
20 Dressler, B. 2007: Modi der Weltbegegnung als Gegenstand fachdidaktischer Analysen. In: Journal für Mathematikdidaktik, 28

(3/4), S. 249–262.
21 Vgl. Gellert, U.; Jablonka E. & Keitel C. 2000: Mathematical Literacy and Common Sense in Mathematics Education. In: B. Atweh,

H. Forgasz & B. Nebres (Hg.): Sociocultural Research Aspects in Mathematics Education: An International Research Perspective.
Lawrence Erlbaum, Hillsdale.
22 Vgl. Wynands, A. 2009: Diskussion über „Mindeststandards“ und „Risikogruppen“ im Mathematikunterricht. In: GDM Mitteilun-

gen 87, S. 15–18

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