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Filofej von Pskov und die Lehre von der Abfolge der Drei Rom

Ich verteidige die konventionelle, geistesgeschichtliche Losung“¨ des tiefgrundigen¨ Gelehrten Malinin und der ihm an Scharfsinn und Belesenheit ebenb urtigen¨ Hildegard Schaeder als im Wesentlichen richtig. Zur Summierung des auf Malinin und Schaeder folgenden Forschungsstandes bringe ich zwei Eigenzitate von 1989:

Die Hypothese A. L. G OL’DBERGs bedeutet: ,Moskau das Dritte Rom‘ ist in der antikatholischen Polemik der 1520er Jahre entstanden und w ahrend¨ der Reformperi- ode Ivans IV. durch den Klerus um Metropolit Makarij um 1550 wieder aktualisiert worden. Die Theorie vom Dritten Rom ist ein Produkt der von den Iosifljanen beherrschten imperialen Staatskirche.“

Die Hypothese von F. K AMPFER lautet: Die Lehre vom Dritten Rom ist in Nordwest- rußland aus der Konfrontation mit der Unionspropaganda zwischen 1453 und 1492 entstanden. Sie ist eine eschatologische Historiosophie ethnozentrischer Pr agung:¨ Sie erkl art¨ die Gegenwart aus der Vergangenheit und kennt nur die Bußfrist, jedoch keine Zukunft. Das Bewußtsein welthistorischer Exklusivitat¨ Rußlands wurde nach 1492 von Moskovitern, Metropolit Zosima und Fedor (Filofej) Kuricyn, zur Theorie von ,Moskau dem Dritten Rom‘ umgeformt.“ 7

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Wer war Filofej, Autor der Lehre von der Abfolge der Drei Rom?

Ist Filofej [ Филофей ] a ein M onch¨ gewesen, wie es sie um 1500 zu Tausenden gab? Die theologische Bildung des durchschnittlichen russischen M onches¨ d urfte¨ sich auf die Kenntnis der liturgischen Erfordernisse beschrankt¨ haben – daß viele nicht einmal das Pater noster [ Отче наш ] hersagen konnten, steht glaubw urdig¨ in westeurop aischen¨ Be- richten. Hat der bedeutende Kenner des altrussischen Schrifttums Dmitrij Tschi zewskijˇ recht, der den Autor Filofej als einen M onch¨ charakterisierte, der sich zwar einiges an- gelesen hatte, dessen Schriften aber von einer außerordentlichen – inhaltlichen wie formalen – Primitivitat“¨ gekennzeichnet sind? 8 Ein wesentliches Verdienst des dickleibigen Werkes von V. Malinin ist es, die er- staunliche Breite und Tiefe der Belesenheit Filofejs aufgewiesen zu haben. Ich selbst folge Malinin und gehe von einem gelehrten Starec Filofej [ Старец Филофей ] aus, der in mehreren aufeinander folgenden, im Empf angerbezug¨ differierenden, aber aufeinan- der aufbauenden Texten nicht nur eine tiefsinnige russische Historiosophie entwickelt, sondern auch die komplizierteste und anspruchsvollste Herrscher-Titulatur der gesam- ten russischen Ideologiegeschichte formuliert hat.

7 Frank K ampfer,¨ Autor und Entstehungszeit der Lehre Moskau das Dritte Rom“, in: Da Roma alla Terza Roma. IX seminario internazionale di studi storici. Relazioni e communicazioni. Voi. 1. Roma 1989, S. 63-83.

8 D. Tschi zewskij,ˇ Das heilige Rußland. Russische Geistesgeschichte. Band 1, 10.-17. Jahrhundert. Hamburg 1959, S. 100.

a Philotheus (or Filofei) (Russian: Филофей) (1465 – 1542) was a hegumen of the Yelizarov Monastery, near Pskov, in the 16th century. He is credited with authorship of the Tale of the White Cowl ( Повест о белом клобуке) and the Third Rome prophecy. According to the Tale of the White Cowl c. 1495) a white cowl was given to Pope Sylvester I (d.335) by Constantine the Great. Later another pope returned it to Constantinople and finally Patriarch Philotheus gave it to the archbishop of Novgorod, Vasilii Kalika, in the 14th century.

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Filofej von Pskov und die Lehre von der Abfolge der Drei Rom

Woher aber kommt das Gelehrtenwissen, das Malinin bei Filofej glaubhaft nachge- wiesen hat? Konnte er auf eine reichhaltige Klosterbibliothek zugreifen? Das Eleazar- Kloster [ Елеазаров монастырь] b (nicht in der Stadt Pskov [ Псков], sondern einst etwa 30 km von Pskov entfernt am Flußchen¨ Tolva [ Толва] gelegen) verfugte¨ sicher- lich nicht uber¨ eine Bibliothek, die das theologisch-religionsgeschichtliche Wissen Filofejs erkl aren¨ k onnte.¨ Es war allerdings ein ganz besonderes Kloster, in dem wichti- ge Texte des altrussischen Schrifttums entstanden sind: Der Klostergrunder,¨ der heilige Evfrosin [ Евфросии Псковский] c , schrieb dort den altesten¨ bekannten koinobitischen Kloster-Ustav Rußlands. Hinzu kommen seine (in der Vita uberlieferten)¨ Briefe. Um 1500 verfaßte der Abt Pamfil [ Памфил] eine Epistel an die Obrigkeit gegen die heid- nischen Gebr auche¨ der Bevolkerung¨ anl aßlich¨ der Sommersonnenwende. Noch vor 1510 entstand im Kloster auch die h ochst¨ bemerkenswerte, bisher von der russischen Geistesgeschichte vernachlassigte¨ Vita des heiligen Evfrosin. 9 Dennoch wird aus der Vita Evfrosins deutlich, daß ein karger Asketismus das Kloster charakterisierte, der einen umfangreichen und teuren Buchbestand ausschloß. Wenn wir also vermuten m ussen,¨ daß Filofej seine Belesenheit und seine geistigen Fahigkeiten¨ außerhalb des Klosters erworben bzw. geschult hat, steht die M oglichkeit¨ vor uns, daß er durch ein uns unbekanntes Vorleben in der russischen Elite – ob in Novgorod oder Moskau oder in einem bedeutenden Groß-Kloster – gepr agt¨ worden ist. Ich weise auf den Brief des Bojaren Fedor Karpov hin, in dessen preisenden Ton wir sicherlich kein leeres Get one¨ vermuten d urfen.¨ Karpov dankt f ur¨ die an ihn gerichtete (nicht uberlieferte)¨ Epistel Filofejs, sie sei in homerischer Sprache und mit rhetorischem Verstand“ verfaßt? Wem schrieb der prominente Hofling,¨ Diplomat und Publizist“ aus Moskau, der die Identit at¨ seines Briefpartners kannte, diese und weitere Lobesworte? Vor rund dreißig Jahren habe ich sorgfaltig¨ argumentierend auf die M oglichkeit¨ einer Identitat¨ von Fedor Kuricyn [ Фёдор Василевич Курицын] d und Filofej hingewiesen.

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Das Kloster spielte im Halleluja-Streit eine zentrale Rolle.

b

Yelizarov or Yeleazarov Convent ( Елеазаров монастырь) is a small convent founded as a monastery in 1447 to the north of Pskov, along the road leading to Gdov, by a local peasant named Eleazar. He constructed the wooden church of Three Holy Fathers, wherein he was interred upon his death on 15 May 1481. Eleazar was canonized at the Stoglavy Sobor in 1551.

c

Euphrosynus of Pskov (c. 1386 – May 15, 1481) was born as Eleazar in Videlebe, a village near Pskov. He entered the Snetogorsky monastery in Pskov, where he took the monastic name Euphrosynus. Around 1425 he began living in a hermitage, where he reported religious visions, and began attracting followers. In 1477, he built a church and instituted a monastic rule for the community, setting up his follower Ignatius as hegumenos. He died a few years later, in 1481.

d

Feodor Vasiliyevich Kuritsyn was a Russian statesman, philosopher and a poet. As a government official and a diplomat, Kuritsyn exerted great influence on the Russian foreign policy in the times of Ivan III. In 1482, he was sent to the Hungarian king Matthias Corvinus to conclude an anti- Polish alliance. In 1494, Kuritsyn was sent to Lithuania for the same purpose. He took part in many negotiations with foreign statesmen in Moscow. In 1485, Kuritsyn created a club, which later would be considered heretical. He was against monasteries and monasticism, expressed ideas about freedom of human will ( autocracy of the soul“), which he would interpret in a much broader sense than it was allowed by the orthodox theology. Kuritsyn’s name was last mentioned in 1500, when Ivan III gradually changed his attitude towards heretics thanks to hegumen Joseph Volotsky, who had been Kuritsyn’s staunch opponent. The tsar’s leniency gave way to persecution, which would put an end to activities of Kuritsyn’s club. Ivan III,

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Entscheidend ist, daß eine konkurrierende Meinung nicht publiziert worden ist. Darum gilt meine Hypothese vorlaufig¨ noch: der D’jak Fedor Kuricyn, langjahriger¨ Vertrauter des Großf ursten¨ Ivan III., hatte vom Herrscher das Privileg erhalten, sich in ein Kloster seiner Wahl zur uckzuziehen.¨ Aus politischen und jurisdiktionellen Gr unden¨ war das Eleazar-Kloster bei Pskov f ur¨ Fedor Kuricyn die beste L osung.¨ Aus Fedor (Theodoros) wurde Filofej (Philotheos).

Es bleibt die Frage offen, warum sich ein Mann des Moskauer Hofes nach Pskov, dicht an die livlandische¨ Grenze, nicht jedoch in eines der großen und ber uhmten¨ Kl oster¨ des Großf urstentums¨ Moskau begeben haben sollte. Das Eleazar-Kloster bei Pskov lag damals außerhalb des Moskauer Reiches, da Pskov bis 1510 formell selbst andig¨ war. Es hatte eine eigene Tradition, ein eigenes koinobitisches Typikon, das alter¨ war als die Klosterregel Iosif Volockijs. Es lag im Erzbistum Novgorod, jedoch im Pskover Land, das sich gegenuber¨ dem Erzbischof weitgehend unabhangig¨ hielt. Insgesamt war dieses Kloster wohl am wenigsten von allen in den Machtbereich der Staatskirche einbezogen und erm oglichte¨ am ehesten jemandem, der Grund hatte, der Moskauer und der Novgoroder Macht auszuweichen, ein ungestortes¨ Leben.

Wir wissen, daß in den Jahren um 1500 K ampfe¨ am Moskauer Hof ausgefochten wurden, K ampfe¨ zwischen Anh angern¨ der beiden potentiellen Nachfolger Ivans III., Dmitrij Ivanovicˇ und Vasilij Ivanovic,ˇ die auf undurchsichtige Weise mit religi osen¨ Fragen verquickt gewesen sind. Man wird es aus der Kenntnis des Zusammenhanges als moglich¨ anerkennen k onnen,¨ daß ein Akteur der unterlegenen Seite (Dmitrij Ivanovics)ˇ der drohenden Gefahr entkam, indem er entweder freiwillig in einem selbstgewahlten¨ Kloster der Welt entsagte oder von der uberlegenen¨ Partei dazu gezwungen wurde. Wir wissen von ahnlichen,¨ wenn auch nicht ganz entsprechenden Fallen.¨

Geht man von dieser Hypothese aus die Werke Filofejs durch, dann findet sich

Filofejs Briefverbindungen zu

Angehorigen¨ des diplomatischen Dienstes sprechen f ur¨ die Annahme, daß er fr uher¨ vielleicht selbst zu diesen geh orte.¨ Die Beobachtung, daß Filofej diplomatische Urkun- denformeln und bedeutungstr achtige¨ Titulaturen liebt und beherrscht, deutet ebenfalls auf eine diplomatische oder h ofische¨ Vergangenheit. Sein Verhalten gegenuber¨ Misjur’- Munechin wiederum l aßt¨ sich auch so erkl aren,¨ daß Filofej in dem Moskauer Beamten jemanden vermutete, der ihn in eine Falle seiner Gegner locken wollte – hatte inzwi- schen doch Iosif Volockij die Methode proklamiert, man solle die H aretiker¨ mit List und geheucheltem Interesse aus ihrer Reserve locken. Das Fehlen jeder Stellungnahme Filofejs zum Problem der H aresie¨ ist in der Forschung regelmaßig¨ angemerkt worden – im Zusammenhang der vorliegenden Hypothese erhielte das seinen Sinn. Der Beginn der T atigkeit¨ Filofejs unter Vasilij III. h angt¨ vielleicht damit zusammen, daß Dmitrij Ivanovi cˇ bereits im Jahre 1509 gestorben war, womit jede Verdachtigung¨ in dieser Hinsicht fur¨ einen fruheren¨ Parteiganger¨ Dmitrijs entfiel.“ 11

mancher Anhaltspunkt, der sie zu st utzen¨

scheint. [ ].

11 Frank Kampfer,¨

Beobachtungen zu den Sendschreiben Filofejs, in: JBfGOE 18 (1970) S. 43-44.

however, spared Kuritsyn due to Volotsky’s obvious exaggerations in his accusations. Zu Kuricyn vgl. E. Donnert, Altrussisches Kulturlexikon, 2 1988, S.173 f., wo er als Verfasser des «Laodizenischen Sendchreibens», eines authentischen Textes der Judaisierenden“, bezeichnet wird. Vgl auch Konrad Onasch, Grundz uge¨ der russischen Kirchengeschichte, 1967, S. 39 f. mit Anm. 11 auf S. 40.

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Filofej von Pskov und die Lehre von der Abfolge der Drei Rom

Nicht Translatio imperii, sondern Ecclesia fugax

Die Vorstellung von der Translatio imperii ist ein Topos der westlichen Medi avistik,¨

vermieden werden, denn eine

Ubertragung heilsgeschichtlicher Gnade ist in den Gedanken Filofejs zwar vorhanden,

jedoch keine Herrschaft im politisch-imperialen Sinn.

Das r omische¨ Kaiserreich ist im altrussischen Schrifttum eine eschatologische Me- tapher gewesen, viel mehr nicht. Das Toponym ROM wurde als Mnemotop gebraucht, etwa in derselben Weise wie Jerusalem und Babylon – sie enthalten gemeinsam ei- nerseits blaß-abstrakte Vorstellungen von Hauptstadt-Metropole“, gleichzeitig auch von Reich-Weltreich“. 12 Sekundar¨ wird den St adtenamen¨ dank der eschatologischen Schriften, vor allem der Kommentare zu den B uchern¨ der Propheten Daniel und He- sekiel, wie der Johannes-Apokalypse eine anagogisch-eschatologische Dimension zu-

er sollte in diesem Zusammenhang zumindest vorlaufig¨

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gewiesen. Seit der Ubersetzung der Vollbibel kommt auch dem zuvor in der Rus’

unbekannten Buch Esra III. (IV.) eine wichtige Rolle zu.

Ich selbst w urde¨ der Lehre vom Dritten Rom keine zentrale Rolle in Geschichte

und Historiographie Rußlands

Filofej als Historiosophie bezeichnet – das aber bezog sich nicht auf die immer wieder genannte Drei-Rom-Formel, sondern auf den Komplex von Gedanken, aus dem die Drei-Rom-Formel sekundar¨ herauspr apariert¨ und als politisches Schlagwort verwendet worden ist. Das wirkliche Schl usselwort¨ russischen Selbstverstandnisses¨ im 16. Jahrhundert ist der Ausdruck Heiliges Rußland“. Auf den russischen Bischofssynoden von 1547 und 1549 ist in gemeinsamer Anstrengung von geistlicher und weltlicher Elite ein ganz neuer, umfangreicher Heiligenkalender kanonisiert worden. Damit wurde die Vorstellung Heiliges Rußland“ in die religi ose¨ Realit at¨ umgesetzt. Ab sofort fand der Russe in erreichbarer Entfernung ein Kloster mit kanonisierten Reliquien, fand bald auch die passenden Schriften, die ihm aus dem Munde der M onche¨ vorgetragen werden konnten. Heilige wirkten nicht mehr nur in Griechenland oder im Heiligen Land“, Wunder und Visionen geschahen nicht mehr nur im fernen S uden¨ – nein, in den Kl ostern¨ und in den Einsiedlerzellen der russischen Walder¨ konnte man dasselbe finden. Josif von Volokolamsk war der Vater dieser Vorstellung – seine Sch uler¨ haben es in der Praxis durchgesetzt, allen voran Metropolit Makarij. Zwischen Formeln vom Dritten Rom“ und vom Neuen Jerusalem“ einerseits und dem halb-alphabetischen Kirchenvolk hingegen lag eine Bildungsschwelle: Beide Stadt-Vergleiche blieben im 16. Jahrhundert Metaphern der Gebildeten, das heißt der Geistlichkeit.

Wohl habe ich die Lehre des M onches¨

Frank K ampfer,¨ Die Lehre vom Dritten Rom – pivotal moment, historiographische Folklore? in:

Jahrb ucher¨ f ur¨ Geschichte Osteuropas, Neue Folge, Bd. 49, H. 3 (2001), S. 430-441, hier 432 ff. und

441.

Entscheidend sowohl f ur¨ die Textdatierung im engeren Sinne, als auch fur¨ die Frage, ob die Idee Drittes Rom“ prim ar¨ eine religi ose¨ oder eine politische Konzeption sei, ist die aus der Johannes- Apokalypse stammende Bildvorstellung des vor dem Drachen und der Flut des Unglaubens fliehenden Weibes (Apokalypse Kap. 12), gedeutet als Ecclesia.

12 Zum Toponym Rom vgl. auch K AMPFER Autor und Entstehungszeit S. 78 – 79.

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Ich pers onlich¨ meine nach wie vor, daß die Vorstellung vom himmlischen Weib, das mit dem neugeborenen Sohn im Arm vor der Flut des Unglaubens in die Rus’ flieht, fur¨ die Idee des Dritten Roms“ konstitutiv war. Doch die zentrale Frage bleibt strittig, ob Filofej von eschatologischen Sorgen (tats achlicher¨ Zustand der russischen Orthodoxie) beherrscht war oder aber prophetisch den Weg des russischen Reiches in ein – weltgeschichtliches? – Morgen voraussah. Seine Klagen uber¨ die Homosexualitat,¨ Sodomie, Onanie, die Hartherzigkeit der Russen und auch uber¨ das allzu fl uchtige¨ Schlagen des Kreuzzeichens – sie gehoren¨ in das Genre der Bußpredigt – denken wir auch an dieWerke von Metropolit Daniil oder die Thematik des Stoglav-Konzils! Die Spannung zwischen der Idealvorstellung namens Drittes Rom“ und dem wenig orthodoxen Alltag der Russen l aßt¨ sich in vielen Texten finden:

Die unaufl osbar¨ scheinende Aporie war vielen bewußt, darum auch die Mahnungen Filofejs. Wann die eschatologische Furcht in Rußland verebbt ist, l aßt¨ sich kaum mehr feststellen. Mit dem Verstreichen des Jahres 1492 (= 7000) wurde der Gedanke der Bußfrist bedeutsam – in der Verlangerung¨ der Ostertabellen um einige bzw. siebzig Jahre wird er faßbar. Die astrologischen Prophezeiungen aller Art, aber auch Erdbeben wie jenes von 1509, das Konstantinopel-Istanbul ersch utterte¨ (Filofej weist daraufhin), hielten die Spannung bis in die zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts aufrecht. Der Autor Filofej – ist er ein simpler Monch¨ und na cetˇ cik“ˇ in einem unbedeu- tenden Grenzkloster, dessen Schriften von einer außerordentlichen – inhaltlichen wie formalen Primitivitat“¨ gekennzeichnet sind (D. Tschi zevskij),ˇ ein religi oser¨ Denker mit reichem theologischem Wissen aus seiner vor-klosterlichen¨ Zeit oder ein Staatsdenker mit Auftr agen¨ aus Moskau? Die Idee »Drittes Rom« – bildet sie einen der historisch notwendigen Schritte von der Autokephalie 1448 zum Patriarchat 1589? Oder ist sie ein Glied in der Tradition religioser¨ Sinngebung der russischen Geschichte, von Metropolit Ilarions Die Letzten werden die Ersten sein“ bis zu Dostoevskij und Sol’zenicyn?ˇ

Rezesion von: Nina Vasil’evna Sinicyna, Tretij Rim. Istoki i evoljucija russkoj sredne-

vekovoj koncepcii (XV-XVI vv.) [Drittes Rom. Herkunft und Evolution einer mittelalterlichen russischen Konzeption (15.-16. Jahrhundert)], Moskau 1998, in: Jahrb ucher¨ f ur¨ Geschichte Osteuropas, Neue Folge, Bd. 48, H. 3 (2000), S. 435-438, hier 437 f.

Frank K ampfer,¨

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Filofej von Pskov und die Lehre von der Abfolge der Drei Rom

Iakov S. Lur’e repeatedly pointed out over the course of 30 years that there was no evidence that the idea of the Third Rome enjoyed any sort of popularity, and even Gol’dberg was convinced, correctly to my mind, that the paucity of Filofei manu- scripts before the 1590s implied that the notion lacked widespread popularity. Further, Gol’dberg noted (and Sinitsyna confirms) that the manuscripts of the three epistles mentioning the Third Rome ascribed to Filofei appear in a great variety of thematic miscellanies. Some are composed of eschatological works, but others are astronomical, anti-astrological, calendrical, grammatical, and other types. Some excerpts are even contained in miscellanies on sexual delinquencies. Can we be sure that the readers saw in the texts what Malinin or Sinitsyna saw in them? Or did they really care most about the argument against astrology and considered the Third Rome no more than an interesting embellishment? In the light of the absence of empirical evidence, it is difficult to grant the notion of the Third Rome the centrality which Malinin and (with all qualifications) Sinitsyna award it. There are other political and religious ideas of the period which tried to give meaning to Russia’s place in the world. Sinitsyna seems to be unaware of the work of Joel Raba and only peripherally of that of Daniel Rowland, both of whom demonstrate that New Jerusalem“ was a much more central metaphor for Russia than New Rome“ or Third Rome“ in the 16th century. 21 Clearly central statements of political ideology, such as the 1547 coronation ritual and the wall painting in the Kremlin palace, point to the New Jerusalem and the Tale of the Vladimir Princes (a dynastic legend, not Christian eschatology) as the central ideological components of the Russian elite’s understanding of its place in world history. 22 The Third Rome was simply not there at the moments when the Russian state of the 16th and 17th century felt compelled to depict or spell out its basic sense of itself. The story of the Third Rome in Russian historiography is a case of the triumph of the present over the past, of the anachronistic overemphasis placed by modern scholars, working from modern notions, on an idea of dubious importance in the 16th century.

Paul Bushkovitch, Rezension von: Nina Vasil’evna Sinicyna, Tretij Rim. Istoki i evoljucija russkoj srednevekovoj koncepcii (XV-XVI vv.) [Drittes Rom. Herkunft und Evolution einer mittelalterlichen russischen Konzeption (15.-16. Jahrhundert)], Moskau 1998, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 1, Number 2, Spring 2000 (New Series), pp. 391 – 399.

21 Joel Raba, Moscow – the Third Rome or the New Jerusalem,“ Forschungen zur osteurop aischen¨ Geschichte 50 (1995), 297-308, and Daniel Rowland, Moscow: The Third Rome or the New Israel,“ Russian Review 55: 4 (1996), 591-614.

22 Russian art historians have not discovered significant traces of the notion of Third Rome in the wall paintings of the throne and meeting rooms of the Kremlin palace.