Liberal 02/2017: Deutschlands Zukunft

2.

2017
www.libmag.de
2,90 EURO

JETZT KOSTENF
DA S M A G A Z I N F Ü R D I E F R E I H E I T ABONNIEREN REI
(siehe Seite 2)

DEUTSCHLANDS ZUKUNFT

DER
VORSPRUNG
SCHMILZT
Was sich jetzt in Politik, Wirtschaft
und Gesellschaft ändern muss

„WIR LEBEN VON DER SUBSTANZ“
KARL-HEINZ PAQUÉ ÜBER DEN STANDORT D

DAS ENDE DER FREIEN MÄRKTE?
THOMAS STRAUBHAAR ÜBER WELTHANDEL UNTER TRUMP

„WIR HABEN EIN EXEKUTIVPROBLEM“
WOLFGANG KUBICKI ZUR INNEREN SICHERHEIT
DAS M AG A Z I N F Ü R D I E F R E I H E I T

„LIBERAL BEKENNT
SICH ZU FREIHEIT, liberal bittet Freigeister
um ihre Meinung.
FAIRNESS UND
liberal ist laut Leserpost ein
FORTSCHRITT.“ „intelligentes und mit spitzer Feder
geschriebenes, exquisites Magazin“.

liberal wird herausgegeben von
der Friedrich-Naumann-Stiftung für
die Freiheit.

WOLFGANG GERHARDT
Herausgeber liberal

2.2017
www.lib mag.de

DA S M A G A 2,90 EURO
ZIN FÜR D
IE FREIHE
IT
JETZT
ABONNIE KOSTEN
FREI
(siehe Se REN
ite 2)

BESTELLUNG AN: liberal-Aboservice
DEUTSCH
LANDS Z
UKUNFT

DER
Dienstleistungen COMDOK GmbH VORSPRUNG
Eifelstraße 14 • 53757 Sankt Augustin SCHMILZT
per Fax: 030/69088102 | per E-Mail: service@freiheit.org
Was sich jetzt
in Politik, Wirts
und Gesellscha chaft
ft ändern muss

Online-Bestellung: https://shop.freiheit.org/#Liberal/ oder QR-Code scannen „WIR LEBEN
VON DER SUBS
TANZ “
KARL-HEIN
Z PAQU É ÜBER
DEN STAND
DAS ENDE ORT D
DER FREIE
N MÄRK TE?
THOM AS STRAU
BHAA R ÜBER

Ich hätte gerne ein Gratis-Abo (inkl. Porto und Versand)
WELT HAND
„WIR HABE EL UNTE R
N EIN EXEK TRUM P
WOLF GANG UTIVP ROBL
EM“
KUBIC KI ZUR
INNER EN SICHE
RHEIT

Ich bin damit einverstanden, dass die Daten elektronisch gespeichert werden, um von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit auf
ren
Cover_02.indd
1

nie
Kostenfrei abon
weitere Aktivitäten aufmerksam gemacht und über ihre Arbeit informiert zu werden. Wenn diese Mitteilungen nicht mehr gewünscht sind, 01.03.17 17:49

wird die Stiftung dies nach entsprechender Mitteilung beachten (§28, Abs. 4 BDSG)

Vorname Name

Straße Nr.
Erscheint 6x im Jahr
PLZ Ort
Auch als kostenfreie APP
Telefon

E-Mail
EDITORIAL

Schwerpunkt:
Deutschlands
Zukunft
„Make Sachverstand
Great Again“

E
in besonderes Wahljahr steht bevor – und das nicht
nur in Deutschland. Doch hierzulande ähneln die
Politiker und auch viele Wirtschaftsführer im Umgang
mit dem neuen starken Mann in den USA in ihrem
Verhalten allzu sehr dem Kaninchen im Angesicht der
Schlange. Dabei gibt es allen Grund zur Zuversicht
und zum Selbstvertrauen: Die USA sind von Deutschland
beispielsweise wirtschaftlich mindestens so abhängig wie wir von
ihnen. Wenn Trump die USA wieder „great again“ machen will,
braucht es dafür deutsche Maschinen und deutsches Know-how.
Zweifelsohne nehmen die Herausforderungen für Deutschlands
exportstarke Familienunternehmen zu. Doch Außenwirtschaftsex-
perte Professor Thomas Straubhaar bleibt im Interview mit uns
optimistisch. Er rät vor allem zu mehr Empathie. Es gilt, Menschen
zu ermutigen, mehr Chancen statt die Risiken zu sehen. Nur eine
bessere und breitere Bildung sowie durchlässigere Aufstiegs- KIRSTIN HÄRTIG,
möglichkeiten erlauben den sozialen Aufstieg und die ökonomi- CHEFREDAKTEURIN
sche Teilhabe.
Wesentlich mehr Sorgen als Trump sollten Deutschlands Bürgern
und Unternehmen das Nichtstun und das Aussitzen der Großen
Koalition bereiten. Durchregieren bis zur Wahl? Von wegen. CDU/
CSU und SPD haben längst auf Wahlkampfmodus geschaltet,
belagern und lähmen sich gegenseitig mehr denn je. Auch auf dem
Gebiet der inneren Sicherheit. Die bestehenden Gesetze – sei es
gegen Einbrecherbanden oder terroristische „Gefährder“ – müssen
endlich konsequent umgesetzt werden, statt öffentlichkeitswirk-
sam über neue nachzudenken. Dass Deutschland ein Exekutivprob-
lem hat, benennt FDP-Vize und Sicherheitsexperte Wolfgang
Kubicki schonungslos in dieser Ausgabe.
Nicht nur auf dem Gebiet der inneren Sicherheit gibt es in
Deutschland ein gravierendes Staatsversagen. Ein „Weiter so“
kann es auch bei den Staatsfinanzen, der Belastung durch Steuern
und Sozialabgaben oder bei der Rentenproblematik nicht geben.
Es fehlt an Mut, Ehrlichkeit und leider auch an Sachverstand. In
dieser Ausgabe hinterfragt Professor Karl-Heinz Paqué zum
Foto: Tina Merkau

Auftakt unseres Schwerpunkts „Deutschlands Zukunft“ kritisch, wie
gut und vor allem zukunftssicher das deutsche Wirtschafts- und
Gesellschaftsmodell wirklich ist, legt die Finger in die zahlreichen
vorhandenen Wunden und zeigt liberale Alternativen auf.

LIBERAL 02.2017 3
SCHWERPUNKT
DEUTSCHLANDS 10 
EINE NATION LEBT VON
DER SUBSTANZ
26 RENOVIERUNGSSTAU
Viele Straßen und Brücken in
ZUKUNFT Aktuell geht es Deutschland gut. Deutschland sind marode.
Schulgebäude vergammeln. Dabei ist
Doch das ist nur eine Momentauf-
nahme. Sieben Vorschläge, was zu Geld für die Sanierung vorhanden.
In Deutschland läuft die Konjunktur tun ist, damit das auf Dauer so bleibt. Eine Reportage in Bildern
verglichen mit großen europäischen Von Karl-Heinz Paqué
Nachbarländern erfreulich gut, und 30 RICHTIG AUFREGEN!
viel deutet darauf hin, dass das in den 16 
INTERVIEW MIT Es braucht heutzutage nur einen
kommenden Monaten so bleibt. Doch THOMAS STRAUBHAAR nichtigen Anlass, um die Volksseele
das wird nicht immer so weitergehen. zum Kochen zu bringen. Doch der
Die Zahl der Freihandelsgegner vermeintliche „Volkswille“ ist oft
Denn das Umfeld verschlechtert wächst rund um den Globus. Im gesteuert. Wie sich Scharfmacher
sich zusehends. Das exportlastige Gespräch erläutert der Ökonom, wie und Populisten demaskieren lassen.
Geschäftsmodell der Wirtschaftsnation es mit der Weltwirtschaft weitergeht. Von Thomas Volkmann
Deutschland kommt zunehmend Interview: Florian Flicke
unter Druck. Was kann dagegen getan
32 GELIEBTES VORURTEIL
werden? liberal hat sich bei Experten 22 
PACKEN WIR'S AN
umgehört und lässt sie in diesem Heft Viele Diskussionen sind beherrscht
Die Digitalisierung bringt eine neue von Klischees. Mit Fakten lassen sie
zu Wort kommen. Îhre Analyse ist Arbeitswelt. Die hat die Chance sich entlarven und die Deutungsho-
eindeutig: Es ist wertvolle Zeit vertan verdient, sich zu entwickeln. heit zurückgewinnen.
worden. Die Regierung hätte schon Von Thomas Sattelberger Von Fabian Disselbeck
längst beherzt gegensteuern und fällige

8
Reformen in Gang bringen müssen.

ab Seite
3 Editorial // 6 Kurz notiert // 50 Bücher //
52 Wolfgang Gerhardt // 54 Kolumne

4 LIBERAL 02.2017
INHALT
02 . 2 01 7

BLICKPUNKTE
34 POLITIK: FRANKREICH AUF DER 42 WIRTSCHAFT: DIE UNSICHERE
SUCHE NACH SICH SELBST ZUKUNFT DER FAMILIENFIRMEN
Die Bürger in unserem Nachbarland Auf den Weltmärkten oftmals top, bei
ringen um ihr politisches und potenziellen Bewerbern flop. Mit
gesellschaft­liches Selbstverständnis. welchen Rezepten Mittelständler den
Die anstehende Präsidentschaftswahl
ist ein Testlauf dafür.
Von Kersten Knipp
Fachkräftemangel und ihr Langweiler­
image bekämpfen.
Von Frank Burger
Seite 38
38 POLITIK: INTERVIEW MIT 46 G
 ESELLSCHAFT: DIGITALE BILDUNG „Sicherheit und Freiheit lassen
WOLFGANG KUBICKI Viele Eltern sind verunsichert von der sich nie losgelöst voneinander
Der stellvertretende FDP-Chef warnt zunehmenden Technisierung. Sie
vor einem Überwachungsstaat und fragen sich: Wie viel Smartphone und betrachten. Es gibt keine
sieht die Liberalen in der Pflicht. Internet ist gut für mein Kind? Freiheit ohne Sicherheit.“
Von Kirstin Härtig IT-Unternehmerin Verena Pausder
FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki
versucht den Kompromiss.
40 POLITIK: DER GUTE GAUCK Von Florian Sievers
Sätze, die vom Ex-Bundespräsidenten
in Erinnerung bleiben.

34 42 46 Bilder, Videos oder ­Texte als
Audio­datei – den Lesern der
App-Version von liberal steht
eine Fülle von zusätzlichem multi­
medialem Material zur Verfügung.
­Achten Sie auf das Symbol am Ende
Fotos: E. Merheim; liberale.de; E. Delacrois; BFFT; Annette Hauschild

des Artikels, das diesen zusätzlichen
Inhalt anzeigt. Die App in einer iPad-
und Android-Version steht im iTunes
Store und im Google Play Store kosten-
los für Sie zum Download bereit.

liberal • Das Magazin für die Freiheit Redaktion: Boris Eichler, Redaktionsleitung: Florian Flicke Namentlich gekennzeichnete Artikel
Thomas Volkmann, Annett Witte Gestaltung: Ernst Merheim, Andrea geben nicht unbedingt die Meinung von
Begründet von Karl-Hermann Flach
Adresse: Friedrich-Naumann-Stiftung für Goerke (Grafik), Achim Meissner Herausgeber und Redaktion wieder.
und Hans Wolfgang Rubin
die Freiheit, Reinhardtstraße 12, (Bild­redaktion), Getty Images/Bill Vertrieb: DPV Deutscher Pressevertrieb
10117 Berlin, Telefon 030/22 01 26 34, Diodato (Titelbild/Montage) GmbH, www.dpv.de
Herausgegeben von Dr. Wolfgang Fax 030/28 87 78 49
Gerhardt, Sabine Leutheusser-Schnarren- Projektleitung: Jana Teimann Bezugsbedingungen: Abonnement bis
redaktion@libmag.de, www.libmag.de
berger, Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, Gesamtherstellung: planet c GmbH Anzeigen: Tatjana Moos (Leitung), auf Widerruf kostenfrei; Preis des
Manfred Richter, Dr. Wolf-Dieter Postfach 10 11 02, 40002 Düsseldorf ­Georgios Giavanoglou (Media M ­ arketing), Einzelheftes 2,90 Euro (Inlandspreis, zzgl.
Zumpfort Tel.: 0211/542 27-700, www.planetc.co 0211/542 27-671, media@planetc.co 2,50 Euro Porto und Verpackung).
Beirat: Dr. Bernd Klaus Buchholz, Verlagsgeschäftsführung: Andrea Litho: TiMe GmbH Näheres über abo@libmag.de
Karl-Ulrich Kuhlo, Helmut Markwort ­Wasmuth (Vorsitzende), Thorsten Druck: Evers-Druck GmbH, liberal im kostenlosen Abonnement:
Chefredaktion: Kirstin Härtig Giersch, Holger Löwe 25704 Meldorf mehr auf Seite 2

5
KURZ NOTIERT

Der Mittelstand übernimmt
soziale Verantwortung
Unternehmer wollen einzig ihre Gewinne maximieren und
­denken nur an sich selbst, lautet ein gängiges Vorurteil. Stimmt
so aber nicht, hat die Förderbank KfW jetzt herausgefunden.
„Die Demokratie kann
N eun von zehn Mittelständlern in Industrie- und Schwellenländern haben
sich in den vergangenen zwei Jahren für soziale und ökologische Ziele
engagiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung der staatlichen För-
beschädigt werden, wenn wir
der Furcht nachgeben.“
derbank KfW. Die KfW-Experten haben dazu mehr als 3.100 Unternehmen Der frühere US-Präsident
in zehn wichtigen Volkswirtschaften Europas und der Welt zum Thema Barack Obama in seiner Abschiedsrede
Corporate Social Responsibility (CSR) befragt. Die Absicherung guter Ar-
beitsbedingungen ist für die Mehrheit demnach das wichtigste Handlungs-
feld. Aber auch für den schonenden Umgang mit Ressourcen setzen sich
viele Unternehmen ein. Deutsche Mittelständler waren im internationalen
Vergleich besonders häufig im Umwelt- und Klimaschutz aktiv.
3 MINUTEN
Gute Arbeitsbedingungen, gute Leistung – so wenig Zeit vergeht, bis in Deutschland eine
Anteil der Unternehmen, die sich in den vergangenen zwei weitere Wohnungs- oder Balkontür von Diebes-
Jahren in folgenden Bereichen von CSR engagiert haben:
banden aufgebrochen wird. Die Polizei müht sich
Sicherstellung guter 40,8 redlich. Doch die Aufklärungsquote bei
Arbeitsbedingungen 49,7
Verbesserung
Einbrüchen lag 2015 bei mageren 15 Prozent.
37,0
der Energieeffizienz 34,2 Und die Große Koalition? Stockt jetzt nur die
Klima- und 32,3 Fördermittel auf für alle Hausherren, die auf
Umweltschutz 26,5
Verbesserung der 27,8 eigene Faust und Rechnung mit dickeren Ketten
Materialeffizienz 36,4 und stabileren Fenstern etwas gegen Einbrecher
Entwicklung nach­- 24,1
haltiger Produkte 27,9 tun möchten. Bei aller Sympathie für private und
Soziale Mindeststan- 19,5 privatwirtschaftliche Lösungen: Im Bereich der
dards bei Lieferanten 22,0
Kriminalitätsprävention und -bekämpfung muss
Förderung 16,9
sozialer Projekte 23,7 das Gewaltmonopol nach Meinung der Liberalen
Transparenz / Bekämpfung 15,6 auch künftig allein beim Staat liegen. Deutsch-
von Unternehmenskriminalität 19,2
14,5 Deutschland lands Polizei muss zügig wieder handlungsfähig
Förderung von Wissenschaft,
Kultur, Kunst oder Sport 18,0
Durchschnitt über werden. Laut FDP-Chef Christian Lindner fehlen
Quelle: KfW Research alle zehn Länder bundesweit rund 15.000 Beamte.

Große Koalition erhöht die Steuern
Offiziell erhöhen will die CDU die Steuern vor der anstehenden 1,1 Milliarden Euro allein im Zeitraum bis zum Jahr 2022. Diese
Bundestagswahl nicht. Doch tatsächlich hat sie Ende Januar einen Summe ergibt sich aus Daten, die die Ministerialbeamten zu den
Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, nach der die Bemessungs- Unterlagen des ersten Gesetzentwurfs gelegt hatten. Die
grundlage der Kfz-Steuer geändert werden soll. Demnach wird in entsprechende Tabelle hat das Bundesfinanzministerium dann
Reaktion auf den Dieselskandal der Kohlendioxidausstoß nicht aber kurzfristig wieder rausgenommen aus dem Dokument, wie
mehr allein auf einem Teststand, sondern auch auf einem das Handelsblatt berichtete. Begründung der Ministeriums: Das
Praxis-Parcours ermittelt. Erfreulicher Nebeneffekt für Bundesfi- Steueraufkommen lasse sich derzeit noch nicht seriös beziffern.
nanzminister Wolfgang Schäuble: Mehreinnahmen von bis zu Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

6 LIBERAL 02.2017
TERMINVORSCHAU
Ungleich verteilt
Lebenslanges Lernen ist bei vielen Arbeitnehmern vor dem Rede zur Freiheit am 16.03.2017
Hintergrund der sich wandelnden Arbeitswelt fest verankert.
Doch an der Umsetzung hapert es. Einer Studie von KfW-­ Die Veranstaltungen der Friedrich-Naumann-Stiftung
Research zufolge hat im Jahr 2015 lediglich ein Drittel der für die Freiheit bieten Orientierung in Zeiten von
Erwerbstätigen in Deutschland an einer beruflichen Weiter­ Unsicherheit und weltweiten Krisen. Liberale
bildungsveranstaltung teilgenommen. Grundprinzipien hält auch der Redner der diesjährigen
Rede zur Freiheit in Düsseldorf hoch: Professor Dr.
Vertane Chance Michael Hüther. Der Direktor des Instituts der deutschen
Teilnahme an beruflicher Wirtschaft (IW) Köln gilt als einer der renommiertesten
Teilnahme an Wirtschaftsexperten in Deutschland. Trotz oder gerade
Weiterbildung im Jahr 2015* 32% beruflicher
wegen der globalen Herausforderungen für Wirtschaft
15,8 Mio Weiterbildung
und Politik verteidigt Professor Hüther die Ordnungs-
* bezogen auf die Erwerbsbevölkerung 68% prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Er zeigt
zwischen 18 und 64 Jahren 34,3 Mio intellektuell und inspirierend, dass es der Wert der
Keine
Quelle: KfW Research Teilnahme Freiheit ist, der uns Mut und Zuversicht geben sollte.
Hüther hält die Rede am 16. März im Areal Böhler, Altes
Kesselhaus, Düsseldorf. Interessierte können sich gerne
kostenlos für die Veranstaltung anmelden.
NACHRUF Alle Informationen dazu unter: freiheit.org

Ende Februar ist Hans D. Barbier verstorben.
21. März 2017 • Halle/Saale
Mit dem langjährigen Leiter des FAZ-Wirtschaftsressorts
Freiheit als Lebensaufgabe – Festveranstaltung
verliert die Bundesrepublik nicht nur einen ihrer renom- Gemeinsam mit der Martin-Luther-Universität
miertesten Journalisten, sondern die Friedrich-Naumann- Halle-Wittenberg erinnert die Stiftung für die Freiheit
Stiftung für die Freiheit auch einen langjährigen Weg­ an den bedeutenden liberalen Außenpolitiker
begleiter und Freund: Fast drei Jahrzehnte engagierte sich Hans-Dietrich Genscher.
Barbier im Kuratorium unserer Stiftung, mehr als zwei 13. Mai 2017 • Karlsruhe
Jahrzehnte dazu im Programmausschuss. Als Journalist Karlsruher Verfassungsdialog
verfocht er unbeirrbar einen klaren liberalen, ordnungs­ Gemeinsam mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
politischen Kurs. Im Ruhestand widmete er sich als widmen sich Experten den Herausforderungen des
Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung liberalen Verfassungsstaates durch populistische
dem Erbe und Andenken des Vaters des Parteien und Bewegungen.
Wirtschaftswunders. Vor diesem 29. Mai 2017 • Berlin
Hintergrund ergab sich fast automa- 11. Berliner Rede zur Freiheit
tisch eine Nähe zum organisierten Christian Lindner analysiert in der Bundeshauptstadt
Liberalismus. Otto Graf Lambsdorff drängende Herausforderungen der deutschen und
Fotos: U. Baumgarten via Getty Images; imago/Christian Thiel

gewann Barbier Mitte der 1980er-Jah- internationalen Politik und zeigt liberale Lösungsvor-
re für eine ehrenamtliche Mitarbeit bei schläge auf.
unserer Stiftung. Dass sich die Stiftung 22. bis 23. Juni 2017 • Nürnberg
zur Jahrtausendwende als ordnungspoliti- Nürnberger Sicherheitstagung
scher Thinktank profilierte, war nicht zuletzt Experten diskutieren über Perspektiven der deutsch-
Barbier zu verdanken. Gleiches galt für die Zeitschrift amerikanischen Beziehungen. Steht die internationale
liberal, deren Chefredaktion Barbier ein knappes Jahrzehnt Sicherheitspolitik vor einem Kurswechsel?
innehatte. Wer das Glück hatte, mit ihm dabei zusammen- 23. bis 25. Juni 2017 • Gummersbach
arbeiten zu dürfen, wird Barbiers unnachahmliche Art, die 8. Liberalismus-Konferenz
Dinge unbestechlich auf den Punkt zu bringen und immer In der Theodor-Heuss-Akademie stellen renommierte
den Blickwinkel des klassischen Liberalismus zu bewahren, Experten dar, wie Populismus, Fake News und Hate
nicht vergessen. Sein Tod ist nicht nur für die Friedrich- Speech Demokratie, Medien und Meinungsbildung
herausfordern und mit welchen Mitteln die offene
Naumann-Stiftung für die Freiheit und alle Liberalen in
Gesellschaft geschützt werden kann.
diesem Land ein großer Verlust.
Weitere Informationen und Anmeldung unter:
shop.freiheit.org

7
Schwerpunkt
Deutschlands
Zukunft

DEUTSCHLAND
DROHT
SCHLAGSEITE
Deutschlands Zukunft

Foto: AFP/Getty Images

8 LIBERAL 02.2017
Allein 2016 exportierte Deutschland nach Angaben des Statistischen Bun-
desamts Waren im Wert von 1.207,5 Milliarden Euro. Exporte und Export-
überschuss erreichten im vergangenen Jahr neue Rekordwerte und sorgten
auch beim Bruttoinlandsprodukt für ein ordentliches Plus. Doch wie lange
hält der Schwung noch an? Wie keine andere Nation weltweit ist Deutsch-
land von offenen Märkten abhängig. Spätestens mit dem Amtsantritt
­Donald Trumps gewinnen die Feinde des freien Handels an Oberhand. Das
Geschäftsmodell Deutschlands droht damit ausgebremst zu werden.
Erleben wir nur eine Wende oder vielmehr schon das Ende der
­Globalisierung? Top-Ökonom Professor Thomas Straubhaar analysiert im
Schwerpunkt „Deutschlands Zukunft“, wie es unter Trump & Co. mit dem
Welthandel speziell aus deutscher Sicht weitergehen könnte.
Sein Wissenschaftskollege Professor Karl-Heinz Paqué macht den ­­Herz-
und-Nieren-Check für den Standort D. Paqués Befund: Es geht uns im
internationalen Vergleich gut. Es könnte aber weitaus besser laufen,
wenn die Politik endlich notwendige Reformen am Arbeitsmarkt, bei
der Förderung von Gründern, in der Steuerpolitik, bei der Rente, bei der
­Infrastruktur, in Bildungsfragen und bei der Einwanderung angehen w ­ ürde.
In einem Sieben-Punkte-Plan listet er auf, wo und wie sich ­Deutschland
jetzt neu erfinden muss.
Das gilt auch und gerade für den Arbeitsmarkt. Die starren Regeln aus der
Bismarck-Zeit greifen für die Jobs von heute nicht mehr. Statt die neuen
Freiheiten gleich durch neue Vorschriften zu ersticken, ­sollte die Politik
erst einmal nachdenken, plädiert Bildungsexperte Thomas Sattelberger.
Das ewig satte „Weiter so“ der Politik in allzu vielen Bereichen wäre Anlass
genug, sich aufzuregen. Doch erregte bis abstoßende Debatten findet man
heute nur noch bei Protesten gegen Bahnhofsprojekte oder Flüchtlings­
heime. Und das wiederum regt Thomas Volkmann umso mehr auf.

9
SCHWERPUNKT

EINE NATION
DEUTSCHLAND ANNO 2017

LEBT VON
DER SUBSTANZ TEXT: KARL-HEINZ PAQUÉ

Aktuell geht es Deutschland gut. Doch das wird nicht so bleiben,
wenn sich nichts ändert. Der demografische Wandel verknappt
Fachkräfte, die Infrastruktur ist marode, und der Staat bremst
­junge, innovative Unternehmer aus. Was sich ändern muss, damit
die viertgrößte Wirtschaftsnation ihren Platz verteidigt.

D
ie Wirtschaftsgeschichte verläuft in langen Wellen. Deren muss sich ändern, und zwar dringend. Wir brauchen ein Konzept
Wendepunkte werden oft erst sehr spät bemerkt. So war für den Fortschritt im Deutschland des 21. Jahrhunderts.
es beim Ende des westdeutschen Wirtschaftswunders in
den frühen 70er-Jahren mit Ölkrise und einsetzender
FEHLENDE FACHKRÄFTE
Wachstumsschwäche. So war es nach dem Auslaufen des Booms der
Wiedervereinigung in den späten 90er-Jahren mit Arbeitslosigkeit
auf Rekordniveau. Und so ist es auch heute wieder.
Zugegeben, die Menschen leben in Deutschland derzeit gar nicht
D ie größte Herausforderung ist dabei der demografische Wandel.
Deutschland altert, schneller und stärker als die Vereinigten
Staaten, Großbritannien oder auch Frankreich. Zwischen 2020 und
Deutschlands Zukunft

schlecht: hoher Beschäftigungsstand, Überschuss der Leistungsbi- 2035 verabschiedet sich Schritt für Schritt die Generation der Baby-
lanz, sprudelnde Steuereinnahmen, ausgeglichene Haushalte und boomer vom Arbeitsmarkt. Das Potenzial der Erwerbspersonen wird
moderates Wachstum mit niedriger Inflation. Was will man eigentlich drastisch zurückgehen, in der Größenordnung von fünf Millionen
mehr? In der Tat schauen so manche Politiker aus europäischen Menschen. Das hat es hierzulande noch nie gegeben. Viel wichtiger
Nachbarländern mit neidvollem Blick auf die Nation der Stabilität in noch ist die qualitative Dimension: Es verlässt die bis dato bestaus-
der Mitte des Kontinents. gebildete Generation die deutsche Wirtschaft. Deren industrielles
Doch der Blick täuscht, jedenfalls mit Sicht auf die kommenden Rückgrat mit ihrer viel gerühmten Ingenieurskunst gerät ins Wan-
Jahre und Jahrzehnte. Deutschland lebt von der Substanz. Es fehlt ken.
die Nachhaltigkeit in der Entwicklung – und zwar in einem umfas- Es wird bald in jeder Branche an qualifiziertem Personal fehlen.
senden Sinn. Wer die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft Schon heute gibt es viel zu wenig Nachwuchs an Ingenieuren und
und Gesellschaft ins Visier nimmt, darf nicht einseitig nur auf Öko- technischen Fachkräften: zu wenige Lehrlinge, zu wenige Absolven-
logie setzen. Es sind grundlegende Herausforderungen, vor denen ten der sogenannten MINT-Fächer an den Universitäten und Fach-
das Land steht. Die Politik hat bisher keine Antwort darauf gefunden. hochschulen, zu wenige Zuwanderer mit passgenauen Berufsprofi-
Ja, vielleicht hat sie noch nicht einmal ernsthaft danach gesucht. Das len. Dabei schaffen es unsere Schulen nicht, genug junge Menschen

10 LIBERAL 02.2017
zu motivieren, den Weg einer formal anspruchsvollen Ausbildung dernster Informationstechnologie. Selbst die durchaus hoffnungs-
aufzunehmen und durchzuhalten. Es mangelt in den Klassenzim- volle Start-up-Szene in Berlin, die beste in Deutschland, ist noch weit
mern an Ausstattung und didaktischer Arbeit mit moderner Digital- davon entfernt, kalifornische Dimensionen zu erreichen.
technik. Noch mehr fehlt es an der Bereitschaft der Politik, die nö- Der Rückstand liegt in erster Linie an bürokratischen Hemmnis-
tigen Leistungen in Mathematik, Rechtschreibung und Spracherwerb sen und einer Besteuerung, die den bestraft, der Risiken eingeht.
präzise abzufordern und ohne Noteninflation angemessen zu be- Wer heute einen Start-up wagt, der verfängt sich schnell im komple-
werten – und zwar auf allen Ebenen des differenzierten Schulsys- xen Gestrüpp eines überregulierten Arbeits-, Sozial- und Baurechts,
tems. Hinzu kommt neuerdings ein akuter Lehrermangel und stei- das viel Geld, Zeit und vor allem Motivation kostet, bevor die Behör-
gender Unterrichtsausfall. Personalchefs, Handwerksmeister und den zufriedengestellt sind. Zudem ist der Rahmen für die Zusam-
Hochschullehrer sehen die Ergebnisse: Junge Menschen, die eine menarbeit zwischen Hochschulen und Wirtschaft viel zu kompliziert
Lehrzeit oder ein Studium beginnen, haben oft gravierende Mängel und bürokratisch. Ihn zu nutzen gelingt vor allem etablierten Un-
bei den grundlegenden Kulturtechniken, die später nur mehr ternehmen mit guten Rechtsabteilungen, nicht aber jungen Aus-
schwer zu korrigieren, geschweige denn zu beseitigen sind. gründungen. Und wer dann in der Frühphase eines Start-ups viel
Geld für die Forschung und Entwicklung ausgibt, dem fehlt die Mög-
lichkeit, dies steuerlich geltend zu machen über Steuergutschriften
SCHWACHE GRÜNDERKULTUR
und großzügige Verlustvorträge – und zwar auch beim frühzeitigen
Illustration: Ernst Merheim

D amit ist die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft gefährdet,
bisher der Garant für stabiles Wachstum. Es kommt hinzu, dass
es in Deutschland noch immer keine Gründerkultur gibt, die in glo-
Verkauf von Unternehmensanteilen, was in der Gründerszene zum
üblichen Geschäft gehört, um Kapital freizumachen für neue Pro-
jekte.
balen Maßstäben einem Vergleich standhält, zum Beispiel mit Israel Eine neue Gründerzeit wird nur kommen, wenn all diese Bedin-
und den Vereinigten Staaten. Es fehlt vor allem an der Experimen- gungen drastisch verbessert werden. Selbst das wird allerdings nicht
tierfreude, Risikobereitschaft und Schaffenskraft an der Front mo- genügen. Der Staat muss selbst investieren. Er muss den nötigen

11
SCHWERPUNKT
LIEBER ANGESTELTER ALS UNTERNEHMER
Anzahl der Firmengründungen in Deutschland

600.000

Quelle: Statistisches Bundesamt; ifM Bonn
500.000 452.521

400.000

300.000

264.953
200.000
1997 2015

Selbst die durchaus hoffnungsvolle
Start-up-Szene in Berlin, die ­beste in
Deutschland, ist noch weit davon
­entfernt, kalifornische Dimensionen
zu erreichen.

Nährboden für Starts-ups bereithalten und pflegen, und dazu zählen rung abzusteigen droht. Viel ist hierzulande die Rede von Industrie
an erster Stelle die Quellen des Grundlagenwissens: Universitäten, 4.0, aber viel zu wenig vom Bedarf an Datenautobahnen, die erst die
Fachhochschulen und öffentliche Forschungseinrichtungen. Da hat volle Entfaltung der neuen digitalen Arbeitsteilung des 21. Jahrhun-
sich zwar in den vergangenen Jahren einiges verbessert, aber am derts erlauben. Dies gilt nicht nur für die urbanen Zentren des Lan-
Ziel ist das Ausbildungssystem damit noch lange nicht. Es muss eine des, sondern eben auch für die entlegeneren ländlichen Regionen,
neue Dimension der Forschungskraft entstehen, die sich mit dem deren Schicksal maßgeblich davon abhängt, ob der Zugang zu mo-
Umfeld der amerikanischen Ivy-League-Schools messen kann. Die- dernsten Kommunikationsnetzen für ihre mittelständische Wirt-
se greifen auf Studiengebühren sowie die Erträge riesiger Vermö- schaft geschaffen und gesichert wird.
gensmassen zurück, was leider in Deutschland (noch) nicht möglich Ähnliches lässt sich für die Verkehrsinfrastruktur feststellen.
ist. Hauptadressat für die Finanzierung bleibt also hierzulande vor- Auch in Zeiten des Internets bleibt sie von größter Bedeutung für
erst der Staat. Ob Länder oder Bund, ist dabei zweitrangig. Jedenfalls die wirtschaftliche Standortqualität. Was das Straßen- und Schie-
darf die Qualität der Forschungslandschaft nicht am föderalen Ge- nennetz betrifft, gibt es in Deutschland einen gewaltigen Investiti-
rangel über Aufgaben, Finanzen und Pflichten scheitern. Nur so hat onsstau, der dringend aufgelöst werden muss. Über Jahre haben
Deutschland eine Chance, wieder in jene weltweite Spitzenposition abseitige populistische Randprojekte wie die Einführung einer Pkw-
Deutschlands Zukunft

von öffentlicher Forschung und privater Innovationstätigkeit zu Maut zur Belastung von Ausländern das eigentliche Kernthema ver-
rücken, die ihm im 19. Jahrhundert erst das Entstehen der viel ge- drängt: die Pflege, Modernisierung und, wenn nötig, Erweiterung
rühmten deutschen Industrie möglich machte. der vorhandenen Fernstraßen und Schienenwege. Die Kosten dafür
sind die Kehrseite der enormen Vorteile, die Deutschland aus seiner
zentralen Lage in Europa zieht, unter anderem als weltweit führen-
MITTELMÄSSIGE INFRASTRUKTUR
der Messestandort sowie Drehscheibe des Speditionsgewerbes mit

Z ur Standortexzellenz zählt heute vor allem auch die Infrastruktur
der Kommunikationsnetze. Auch sie muss in Deutschland drin-
gend einen Qualitätssprung machen. Ihr derzeitiger Zustand ver-
einer Fülle wichtiger Verteilerzentren, die den friktionslosen Trans-
port auf Straße, Schiene und Wasser ermöglichen.
Es ist schon merkwürdig: War unsere Nation im 19. Jahrhundert
dient im internationalen Vergleich gerade mal das Prädikat „mittel- durchweg ein Pionier der infrastrukturellen Vernetzung, so ist sie
mäßig“. Im Zeitalter der flächendeckenden Digitalisierung von heutzutage eher ein Nachzügler. Dies gilt selbst in jenen Bereichen,
Arbeit, Dienstleistungen und Produkten kann dies schnell zu einem in denen so gern eine deutsche Rolle als globaler Vorreiter beschwo-
gewaltigen Nachteil werden, durch den eine – noch – führende In- ren wird: in der Energiepolitik. Durch Zusatzabgaben der Stromkun-
dustrienation in wenigen Jahren in die zweite Liga der Globalisie- den hat die deutsche Politik eine Kapazität an erneuerbarer Energie

12 LIBERAL 02.2017
MEHR ZAHLEN, WENIGER RAUSBEKOMMEN
Beitragssatz und Sicherungsniveau
in der Rentenversicherung in Prozent

25 52
24 50
23 48
22 46

Quelle: BMAS 2016
21 44
20 42
19 40
18 38
2015 2030

Der ursprüngliche Gedanke der
gesetzlichen Rentenversicherung ist: Die
Alterbezüge der Ruheständler
finanzieren sich durch die Beiträge der
Beschäftigten. Diese Idee ist passé.

geschaffen, wie es sie sonst kaum auf der Welt gibt – und unzählige Das Ausmaß des Transfers ist inzwischen atemberaubend: Fast
clevere Betreiber von Wind- und Solaranlagen haben durch die Sub- ein Drittel des Bundeshaushalts wird zur Unterstützung der Renten-
ventionierung kräftig verdient. In dramatischem Rückstand ist aber kassen genutzt, so viel wie niemals zuvor. Der ursprüngliche Grund-
der Ausbau der Trassen, die den Strom von Regionen mit einem gedanke, dass sich die Altersbezüge der Rentner durch die Beiträge
Überschuss an Wind und Sonne in andere Regionen transportieren. der Beschäftigten selbst finanzieren, ist längst passé. Die Große Ko-
Fast absurd sind dabei die Nebenwirkungen auf das Ausland: Euro- alition hat seit 2013 diesen Transfertrend noch verstärkt. Die Be-
päische Nachbarländer leiden bei entsprechenden Witterungsbedin- schlüsse zur Mütterrente und zur Rente mit 63 Jahren belasten die
gungen unter dem stoßweisen deutschen Stromboom – ein Ergebnis Rentenkassen langfristig mit weiteren 10 Milliarden Euro pro Jahr.
jenes nationalen energiepolitischen Alleingangs, der vor allem auf Und damit nicht genug: Die aktuellen Pläne der Arbeits- und Sozial-
ideologischen Zielvorgaben beruht. Dass diese dann, was den Treib- ministerin zielen auf eine staatlich garantierte Lebensleistungsren-
hausgasausstoß betrifft, noch nicht einmal annähernd erreicht wer- te ab, und diese wird wohl für weitere Belastungen der öffentlichen
den, lässt die Politik überaus fragwürdig erscheinen. Das Ergebnis ist Haushalte sorgen. Die Altersvorsorge bewegt sich zunehmend in
eine massive Kapitalverschwendung. Auch ökologisch kann also von eine Schieflage, von Nachhaltigkeit keine Spur.
einer nachhaltigen Politik des Fortschritts keine Rede sein.
GLÜCK FÜR DEN STAAT
EROSION DER ALTERSVORSORGE

E s ist ein erfreulicher Trend: Die Lebenserwartung in Deutschland
steigt, jedenfalls derzeit noch. Da die Gesellschaft altert, entsteht
F azit: Seit Jahren steigen die konsumtiven Ausgaben und nicht die
Investitionen im Bundeshaushalt stark an. Äußerst glückliche
Umstände haben bisher verhindert, dass sich dieser ruinöse deut-
allerdings ein „Rentenproblem“, das seit Jahren die politische Dis- sche Mix noch nicht in einer Wirtschaftskrise niedergeschlagen hat.
kussion bestimmt: Immer weniger Beschäftigte finanzieren mit ih- Weltweit niedrige Zinsen und Ölpreise, ein schwacher Euro und
ren Beiträgen immer mehr Menschen im Altersruhestand. Soll die lange Zeit niedrige Lohnsteigerungen haben der deutschen Wirt-
beitragsfinanzierte Rente gesichert werden, gibt es nur drei Möglich- schaft ein stabiles, wenn auch moderates Wachstum erlaubt. Das hat
Fotos: Getty Images

keiten: Entweder die Beiträge werden erhöht oder die Renten ge- die Steuereinnahmen beflügelt. Sie legten von 2005 bis 2015 um
senkt oder die Lebensarbeitszeiten verlängert. Die Politik hat alle mehr als 200 Milliarden Euro – fast 50 Prozent – zu. Die öffentlichen
drei Möglichkeiten genutzt, aber nicht annähernd in ausreichendem Haushalte konnten dadurch im Wesentlichen ausgeglichen werden,
Maße, um die Rentenkassen zu konsolidieren. Stattdessen werden und Deutschland gilt im europäischen Vergleich als Hort der Stabi-
diese zunehmend aus dem Staatshaushalt subventioniert. lität. Die Bilanz geht allerdings zum einen auf Kosten der Investi-

13
SCHWERPUNKT
LESEN WIRD BESSER, RECHNEN SCHLECHTER
Deutschland und OECD im PISA-Vergleich
525
520
515
510
505
500
495
490

Quelle: OECD 2016
485
2000 2015
Naturwissenschaften Deutschland OECD-Durchschnitt
Lesen Deutschland OECD-Durchschnitt
Mathematik Deutschland OECD-Durchschnitt

Generell muss der Staat umdenken:
von der Gegenwart zur Zukunft, vom
Konsum zur Investition – vor allem mehr
Investitionen für eine bessere Bildung.

tionen – und damit der Zukunftsfähigkeit des Landes. Auf der anderen genen zehn Jahre, der Deutschland geholfen hat, wieder internati-
Seite werden die Bürger, die täglich hart arbeiten, vom Fiskus auf- onal wettbewerbsfähig zu werden. Und es ist für die Bürger und
grund der Progression immer stärker zur Kasse gebeten. Von 2005 ihre Familien eine Notwendigkeit, damit sie selbst investieren kön-
bis 2015 stiegen die Löhne um 23 Prozent, also gut 2 Prozent pro Jahr; nen: in die Bildung ihrer Kinder und trotz niedriger Zinsen in ihre
das Aufkommen der Lohn- und Einkommensteuer erhöhte sich da- Altersvorsorge – in welcher Form auch immer, vom Eigenheim bis
gegen um 77 Prozent, also um fast 6 Prozent pro Jahr. Eine gewaltige zum Aktienkapital. Nur so kann die Balance zwischen Bürger und
Schere hat sich zwischen Staat und Bürgern aufgetan, von der vor Staat wiederhergestellt werden.
allem diejenigen Bürger betroffen sind, die mit Haushaltseinkommen Generell muss der Staat in Deutschland umdenken: von der Ge-
von jährlich etwa 30.000 bis 80.000 Euro in den scharfen Progressi- genwart zur Zukunft, vom Konsum zur Investition. Noch ist Gelegen-
onsbereich hineinwachsen. Sie sind gleichzeitig jene Steuerpflichti- heit und Zeit, dies zu tun, denn der demografische Wandel mit all
gen, die hohe Sozialabgaben für Kranken- und Rentenversicherung seinen Nebenwirkungen setzt zwar unerbittlich, aber recht langsam
zahlen, deren Deckelung, die Beitragsbemessungsgrenze, erst bei und voraussehbar ein. Bessere Bildung der Kinder und Jugendlichen,
höheren Einkommen einsetzt und jährlich nach oben angepasst wird mehr durch Gesetz gesteuerte Zuwanderung qualifizierter ausländi-
– ganz anders als der Steuertarif, der seit Jahren unverändert geblie- scher Arbeitskräfte, eine neue Gründerzeit für junge Unternehmen
Deutschlands Zukunft

ben ist und bei jeder Lohnerhöhung seine Progressionswirkung voll mit weniger Bürokratie, Stärkung der Wissenschaft, Modernisierung
entfaltet. Kurzum: Die breite, fleißige Mittelschicht unserer Gesell- der Infrastruktur in den Bereichen Kommunikation, Verkehr und
schaft hat dem Staat die Expansion der Ausgaben erst ermöglicht. Energieversorgung und langfristige Weichenstellungen für ein nach-
haltiges Rentensystem – all dies sind die Aufgaben, die vor uns liegen.
All dies ist machbar. Und wenn es wirklich geschieht, wird es
MEHR INVESTIEREN
auch die Diskussion über wachsende Ungleichheiten in unserer Ge-

G laubt man den durchaus vorsichtigen Steuerschätzungen, so
setzt sich dieser Trend in den nächsten fünf Jahren noch fort
– mit einer weiteren kräftigen Zunahme der gesamten Steuerein-
sellschaft entschärfen. Denn es ist der Weg in eine Wirtschaft der
Vollbeschäftigung, in der auch jene eine gut bezahlte Tätigkeit finden
können, die nicht zu den Spitzenverdienern zählen. Der Weg zum
nahmen um 135 Milliarden Euro. Eigentlich allerbeste Vorausset- Fortschritt für alle führt eben nicht über die Alimentierung durch
zungen, um in der nächsten Legislaturperiode ab 2017 endlich bedingungslose Grundeinkommen, sondern über die Motivation,
umzusteuern und den Bürgern durch eine Steuersenkung einen aus den eigenen Talenten etwas zu machen, auf das man selbst stolz
angemessenen Teil dessen zurückzugeben, was sie geleistet haben. ist und die Gesellschaft auch. Der starke, liberale Staat muss alles
Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit nach dem Verzicht der vergan- tun, um genau diese Motivation zu stärken. ●

14 LIBERAL 02.2017
Was ist zu tun?

BILDUNG VERBESSERN!
Deutschland braucht Schulen, die junge Menschen zu lebens­
langem Lernen motivieren. Dies erfordert differenzierte
Schulformen, leistungsgerechte Benotung und qualitätsbewusste
Anforderungen auf allen Ebenen. Dazu gehört auch eine
moderne digitale Ausstattung.

EINWANDERUNG REGELN!
Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz. Dieses muss
dafür sorgen, dass qualifizierte Fachkräfte in großer, aber
begrenzter Zahl nach Deutschland einwandern können, um den
Bedarf der Wirtschaft zu decken und das Land auch kulturell zu
bereichern.

GRÜNDERKULTUR FÖRDERN!
Deutschland braucht den Abbau von Bürokratie, damit eine neue
Gründerkultur entstehen kann. Dazu gehören auch eine bessere
steuerliche Behandlung von Forschungsausgaben sowie die
Erleichterung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und
jungen Unternehmen.
Zur Person
Karl-Heinz Paqué ist Volkswirt und seit 1996
WISSENSCHAFT STÄRKEN! Inhaber des Lehrstuhls für Internationale
Deutschland braucht international wettbewerbsfähige Wirtschaft an der Otto-von-Guericke-­
Universitäten und Hochschulen. Dazu gehören eine auskömm­ Universität Magdeburg. Er ist seit 2010
liche staatliche Finanzierung sowie die Förderung der Exzellenz
Dekan der dortigen Fakultät für Wirtschafts-
in der Grund­lagenforschung, die auch für die wirtschaftliche
wissenschaft. Paqué war zuvor von 1991 bis
Innovationskraft unerlässlich ist.
1996 als Wissenschaftlicher Direktor und
INFRASTRUKTUR AUSBAUEN! Professor am Institut für Weltwirtschaft tätig.
Deutschland braucht Investitionen in allen Bereichen der Von 2002 bis 2006 war er Finanzminister des
Infrastruktur. Dies gilt für die digitale Kommunikation, den Landes Sachsen-Anhalt. Er ist Mitglied des
Verkehr auf Schienen und Straßen sowie die Netze einer Bundesvorstands der FDP und stellvertreten-
Energieversorgung, die stärker marktwirtschaftlich und der Vorstandsvorsitzender der Friedrich-
europäisch ausgerichtet sein muss. Naumann-Stiftung für die Freiheit sowie
Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats
ALTERSVORSORGE SICHERN! der Agenda Austria, eines liberalen Thinktank
Deutschland braucht eine Reform der gesetzlichen Renten­
smit Sitz in Wien. Paqué ist auch feder­
versicherung. Dazu gehören mehr Flexibilität beim Eintritt in den
führender Herausgeber der Perspektiven der
Ruhestand, mehr Anreize für eine längere Lebensarbeitszeit
sowie mehr Möglichkeiten der rentablen Vermögensanlage in Wirtschaftspolitik, der Zeitschrift der
Immobilien und Aktienfonds. Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozial­
wissenschaften (Verein für Socialpolitik).
Fotos: Getty Images/Westend61; Privat

BÜRGER ENTLASTEN!
Deutschland braucht eine gerechte Balance zwischen Bürger und
Staat. Dazu gehört die Senkung der Steuerlast, die durch die
Progression im Einkommensteuertarif in den vergangenen
Jahren drastisch zugenommen hat. Nur so können die Bürger für
sich und ihre Familien selbst sorgen.

Diverse Infos rund um den Standortcheck Deutschlands 15
SCHWERPUNKT

Der neue US-Präsident gilt als Totengräber des freien Handels. Das wäre
dann doch zu viel der Unehre. Die globale ­Arbeitsteilung stockte ­bereits
vor Trump. Wie es mit der Weltwirtschaft in Zeiten drohender Handels- und
Währungskriege und besonders mit deutschen Exportschlagern wie dem
Auto weitergeht, erläutert Topökonom Professor Dr. Thomas Straubhaar.

„Trump
ist Symptom,
nicht Ursache“
INTERVIEW: FLORIAN FLICKE

Herr Professor Straubhaar, Sie kennen die nun vorüber zu sein. Wir befinden uns an rung, WTO, NATO oder Weltklimaabkom­
USA bestens, haben selbst in Berkeley und der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Mei­ men – alles Multilaterale ist plötzlich infrage
Washington gelebt und gelehrt. Mit welcher ne Hauptsorge gilt dem Wiederaufflammen gestellt. Was danach kommt, wissen wir
Deutschlands Zukunft

Gemütslage verfolgen Sie die Entwicklung von Protektionismus und Renationalisie­ noch nicht. Multilateralismus hat kleine Län­
unter dem US-Präsidenten Donald Trump? rung. der groß gemacht. Bilateralismus schwächt
Thomas Straubhaar: Wie viele vermutlich: Ist Trump ein Unfall der Geschichte? Anders sie. Und gegenüber den USA sind mit Aus­
mit Staunen, mit Ungläubigkeit und wach­ gefragt: Könnten wir ihn alle nicht einfach nahme Chinas alle anderen Volkswirtschaf­
senden Bedenken. Donald Trump ändert nur erdulden und auf die Zeit hoffen? _ Ein ten klein.
normativ sehr viel und untergräbt die poli­ entschiedenes Nein. Trumps Präsident­ Kann ein Mann allein die Welt in den Ab-
tische und wirtschaftliche Grundordnung, schaft – egal, wie lange sie dauern mag – be­ grund ziehen?_Wir sollten Trump nicht
die lange Zeit die Nachkriegswelt zum Guten deutet eine historische und ökonomische unter-, aber auch nicht überschätzen und
bestimmt hat. Die Globalisierung hat in den Zäsur. Die Welt wird nach ihm nicht mehr so dämonisieren. Er ist weniger Ursache als
vergangenen 30 Jahren doch viel Positives sein, wie wir sie in den vergangenen Jahren Symptom einer Entwicklung, die sich ohne­
bewirkt. Sie hat die absolute Armut verrin­ und Jahrzehnten kannten. Die alte Welt­ hin bereits seit längerer Zeit vollzieht. Die
gert und mehr Menschen mehr Wohlstand (wirtschafts)ordnung implodiert gerade in Globalisierung stockte bereits seit geraumer
gebracht. Nicht zuletzt führte sie zum Fall atemberaubendem Tempo. Und was jetzt Zeit. Ökonomisch gesprochen ist der Grenz­
der Eisernen Vorhänge. Diese Phase scheint folgt, ist eine Weltunordnung. Ob Globalisie­ nutzen einer weiteren internationalen

16 LIBERAL 02.2017
USA: EXPORTMARKT NR. 1 STETIG STEIGEND, ZULETZT LEICHT ABGEKÜHLT
Dt. Exporte 2015 (in Mrd. €) Wert der weltweiten Exporte in Mrd. US-Dollar von 1971 bis 2015
USA 114 10.000
Frankreich 103 8.000
Foto: action press

UK 89 6.000
Niederlande 79 4.000
China 71
0
Quelle: Statistisches Bundesamt, 2016 1971 Quelle: Welthandelsorganisation (WHO), 2016 2015

17
SCHWERPUNKT

Arbeitsteilung immer weiter zurückgegan- Alle drei sind Befürworter des Protektionis- Wunschdenken mancher Politiker in Euro-
gen. Dafür sind die Risiken zunehmend ge- mus und haben auch bereits Erfahrung pa ist ja, dass Donald Trump mit seinen
stiegen. Größere Schiffe oder Flugzeuge damit, die Interessen amerikanischer Un- Angriffen und Ausfällen die Europäer stär-
bedeuten eben auch größere Risiken, wenn ternehmen gegen Konkurrenz aus Übersee ker zusammenschweißt und den Euro unge-
was schiefläuft. Das ist nur normal. Aufhän- zu verteidigen. Heißt all das, dass Handels- wollt damit sogar kräftigt. Diesen Gedanken
ger für die Globalisierung in den 1990er- kriege demnächst wieder zur Normalität halte ich für naiv. Ich erkenne in Europa
Jahren waren die weltweit sehr unterschied- gehören werden? _ Donald Trump ist in der keinen verstärkten Willen zum Schulter-
lichen Kosten für den Faktor Arbeit. Dieser Tat nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. schluss. Ganz im Gegenteil: Mit dem Brexit
Prozess hat klar an Schwung verloren – we- Aber auch in der Türkei, in Russland oder in nehmen die Fliehkräfte nur noch mehr
gen steigender politischer, rechtlicher und anderen Staaten Osteuropas gewinnt die Fahrt auf. Den Brexit halte ich übrigens für
auch sozioökonomischer Risiken sind die Autokratie an Fahrt. Das Pendel der Ge- Deutschland für die viel größere Gefahr als
effektiven Lohnkosten in fernen Welten schichte schlägt damit wieder zurück in „Trump“.
heute kaum niedriger als in den etablierten Richtung Nationalismus. Das macht Han- Das müssen Sie erklären. Schließlich sind
Industrienationen. Zudem ist die Bedeutung delskriege leider sehr wahrscheinlich. die USA unser wichtigster Handelspartner.
der Lohnkosten für qualitativ wettbewerbs- Drohen auch neue Währungsturbulenzen? _ Das Abnabeln der Briten von der EU wird
fähige Güter und Dienstleistungen im Zeit- _ Autokraten wie Trump lieben Handels- in einem schmutzigen Ablasshandel enden,
alter der Digitalisierung für die betriebswirt- kriege, weil sie hier symbolstarke öffentlich- der auch die Deutschen viel Geld kosten
schaftliche Standortentscheidung viel gerin- keitswirksame Zeichen, etwa in Gestalt ho- wird. Und zweitens würde ich unterscheiden
ger als früher. Die Produktion ist kapitalin- her Zölle, setzen können. Letztlich ist aber zwischen Investitions- und Konsum­gütern.
tensiver geworden. Und noch ein persönli- die Währung die viel schlagkräftigere Waffe Will Trump die USA wieder reindustrialisie-
ches Wort zu Trump selbst ... im Arsenal des Protektionismus. Ich be- ren und „America great again“ machen, so
... wir sind gespannt ..._ ... auch wenn ich fürchte, leider, dass wir in näherer Zukunft kommt er um deutsche Investitionsgüter
ihm nie meine Stimme gegeben hätte, muss einiges an Währungsturbulenzen und Wäh- nicht herum. Er würde sich also ins eigene
er ökonomisch nicht zwingend nur Negati- rungskriegen zu erwarten haben. Bein schießen, wenn er deutsche Hightech-
ves bedeuten. So wie einst Ronald Reagan Die USA werfen speziell Deutschland Wäh- Produkte oder Ingenieurslösungen vom US-
könnte er die USA, die US-Konjunktur und rungsdumping vor. Was ist da dran? _ Der Markt verdrängen möchte, denn sie können
letztlich auch die Weltwirtschaft anfeuern. Vorwurf des Trump-Lagers, Europa und nicht durch US-Firmen angeboten werden.
Vielleicht ist all das Disruptive derzeit ja speziell Deutschland würden einen schwa- Deshalb sind höchstens deutsche Konsum-
notwendig, um die neue Wachstumsrakete chen Euro billigend in Kauf nehmen – vor- güter, wie zum Beispiel Autos, durch Straf-
zu zünden. Die Wachstumskräfte waren eh rangig durch das inflationierende Anleihe- zölle gefährdet, nicht jedoch die im deut-
ins Stocken geraten und benötigt wird zwin- kaufprogramm der Europäischen Zentral- schen Handel mit den USA weit gewichtigere
gend ein neuer Impuls. Den könnte und bank seit 2014 –, ist tatsächlich nicht von der Investitionsgüterindustrie.
wird die Digitalisierung markieren. Impuls- Hand zu weisen. Der künstlich verbilligte Ausgerechnet der chinesische Präsident Xi
geber dafür, so paradox das klingt, könnte Euro ist eine verkappte protektionistische Jinping warb jüngst beim World Economic
gerade Donald Trump mit seiner unbere- Exportförderung europäischer und speziell Forum in Davos für die Globalisierung. Wie
chenbaren, sprunghaften Art sein. Ich er- deutscher Produkte und Dienstleistungen. ernst ist sein Plädoyer für die Freiheit ange-
Deutschlands Zukunft

warte für das laufende Jahr in den USA Den Unmut der Amerikaner kann ich verste- sichts der in China bestehenden (Handels-)
durchaus ein starkes Wachstum. Denn die hen. Protektionismus durch Währungsma- Restriktionen zu nehmen? Könnte China gar
„Trumponomics“ basieren auf drei Maßnah- nipulation gibt es übrigens nicht nur zwi- die Rolle der USA übernehmen? _ Nein,
men, die alle für mehr Wachstum sorgen schen den USA und Europa. Der wohl am diese Rolle wird China auf absehbare Zeit
werden: Infrastrukturmodernisierung, Steu- meisten abgeschottete Staat überhaupt nicht spielen können. China ist mit einer
ersenkungen, Deregulierung. Nur die vierte, weltweit ist Japan. Das fernöstliche Insel- durch eine Einheitspartei kontrollierten
der Protektionismus, wird sich als wachs- reich hat seit Ende 2014 den Yen massiv Marktwirtschaft nicht in der Lage, internati-
tumsfeindlich erweisen, aber erst längerfris- abgewertet, um den Export zu steigern. onal eine wirkliche Alternative zum westli-
tig und nicht sogleich. Auch die Schweizer haben eine zu billige chen Modell anzubieten. Darüber hinaus hat
Robert Lighthizer, Wilbur Ross und Peter Währung. Und Chinas Staatswirtschaft China selber mit eigenen gravierenden ma-
Navarro sind die Personen, die entweder als müsste den Renminbi ebenso längst aufge- kroökonomischen Herausforderungen zu
Trumps Kabinettsmitglieder oder in bera- wertet haben – tut es aber nicht. kämpfen, allen voran die teils immense
tender Funktion die zukünftige US-ameri- Was wird aus dem Projekt Euro, das schon Verschuldung von Staat, Provinzen und Ban-
kanische Handelspolitik prägen werden. vor Trumps Sieg auf der Kippe stand? _ Das ken. Auch die demografische Entwick-

18 LIBERAL 02.2017
ZUVERSICHTLICH FÜR DIE ZUKUNFT ... ... ABER ZURÜCKHALTENDER BEI NEUINVESTITIONEN
Engagement von befragten Mittelständlern mit So reagieren Unternehmen auf politische und
Auslands­tätigkeit in den nächsten drei bis fünf Jahren ökonomische Krisen*
1%
will es
reduzieren
71 % 68 % 66 %
Zurückhaltung bei Überprüfung Verschiebung von Investi-
48 % 51% Neuinvestitionen der Lieferketten tions- oder Absatzplänen
wollen es in
wollen es
ähnlichem
ausbauen
Umfang bei-
behalten

56 % 50 % 41 % 36 %
Zurückhaltung Verlagerung Konzentration Rückzug aus
bei Aufträgen auf andere auf das Inland dem betroffenen
Auslandsmärkte Markt
Quelle: DZ Bank * Mehrfachnennungen möglich; Quelle: DZ Bank

„Das Pendel der Geschichte schlägt wieder
­zurück in Richtung Nationalismus. Das macht
Handelskriege leider sehr wahrscheinlich.“

BLICK ÜBER DEN TELLERRAND ENG VERWOBEN: US-WARENHANDEL MIT DEM AUSLAND
Zahl der im Ausland tätigen Unternehmen Angaben in Milliarden US-Dollar
im Ländervergleich
430,9 484,1
Export
Deutschland 27.420 Import
302,7 303,3
273,9 281,3 235,8
USA 26.919
125,4 116,7
UK* 23.445 50,1

Japan 21.519 Deutschland EU Kanada Mexiko China

Quelle: OECD, 2016; Berichtsjahr 2013, *Berichtsjahr 2012 Quelle: US-Handelsministerium (2015)

19
SCHWERPUNKT

lung ist ein Problem: Die Bevölkerung wächst der Theorie der Betroffenheit. Viele Men- Cum-Ex-Geschäften oder dem Ausnutzen
nach wie vor stark, was die Schaffung neuer schen profitieren wenig und wenige Men- von Steueroasen. Nicht alles, was legal ist, ist
Arbeitsplätze erforderlich macht. Zugleich schen verlieren viel. Die meisten profitieren eben auch legitim. Rechtlich korrekt heißt
nimmt die Zahl der Alten zu, ohne dass de- von der Globalisierung, sind sich aber des- noch lange nicht moralisch akzeptiert. Zu-
ren soziale Absicherung geklärt ist. Das sen nicht immer bewusst. Wer aber seinen dem funktioniert das Haftungsprinzip nicht.
Stadt-Land-Gefälle ist immer noch gewaltig. Arbeitsplatz als Folge der Globalisierung Bei vielen hat sich seit der Finanzkrise der
Zudem muss sich China entscheiden, wie es verliert, spürt die negativen Folgen unmit- Eindruck verfestigt: Gewinne werden priva-
die Digitalisierung bewältigen will. Digitali- telbar. Das führt dazu, dass das Gros der tisiert, Verluste sozialisiert. Das darf nicht
sierung geht mit Dezentralität einher – ein Menschen glaubt, dass nur wenige die Vor- länger sein. Die Globalisierung ist unter dem
klarer Widerspruch zum jederzeitigen Füh- teile der Globalisierung einsacken, während Strich eine fantastische Erfolgsgeschichte.
rungsanspruch der KP-Kader. die Mehrheit leer ausgeht oder gar in Form Allerdings mit einem Manko: Die Gewinne
Woran ist eigentlich das Transatlantische von Jobverlust und sinkenden Einkommen sind nicht gleich verteilt, es gibt soziale und
Freihandelsabkommen TTIP letztlich ge- die Zeche zahlen muss. Zudem müssen sich auch ökologische Schlagseiten. Diese Er-
scheitert? Nur an Trump, am zögerlichen alle Entscheider hinterfragen: Haben wir kenntnis können auch Liberale nicht länger
Obama, an den vielen Gegendemonstranten genug getan, um die Vorteile der Globalisie- leugnen – und sollten entsprechend gegen-
oder schlichtweg an der Unfähigkeit der rung offensiv zu kommunizieren? Etwa die steuern.
Regierenden auf beiden Seiten des Atlan- viel größere Erwerbsquote von Frauen oder Was schlagen Sie vor? _ Vor allem mehr
tiks, die öffentliche Debatte weg vom leidi- die komplette berufliche Freizügigkeit in- Empathie. Sie können jemanden, der Angst
gen Chlorhühnchen hin zum Vorteil offener nerhalb der EU besonders für junge Men- vor Jobverlust durch die Globalisierung hat,
Handelsgrenzen zu verschieben? _Viele schen. nicht durch eine theoretisch-kühle Argu-
Trauerreden, die jetzt hierzulande auf TTIP Die größte Kritik an der Globalisierung ist mentation mit den Außenhandelslehrsätzen
gehalten werden, sind doch scheinheilige die angeblich zunehmende Ungleichheit. eines David Ricardo überzeugen. Sie müssen
Krokodilstränen. Die Europäer, allen voran Was entgegnet der Ökonom? _Fast jeder vielmehr die Sorgen ernst nehmen. Es gilt,
die Deutschen und die Franzosen, die auf profitiert hierzulande von der Globalisie- Menschen zu ermutigen, mehr die Chancen
Demonstrationen US-Fahnen verbrannten, rung, vor allem durch sinkende Preise und statt die Risiken zu sehen. Den Schlüssel
tragen Mitschuld am Scheitern. Wir hätten größere Auswahlmöglichkeiten. Vergleichen dazu stellt Bildung dar. Nur eine bessere und
Barack Obama, aus heutiger Sicht, diesen Sie nur mal die Preise für Hochleistungs- breitere Bildung sowie durchlässigere Auf-
Verhandlungserfolg gönnen sollen. Vielleicht computer von heute mit denen für klägliche stiegsmöglichkeiten erlauben den sozialen
hätte das Trumps Siegeszug verhindert. Rechenkisten aus den 80er- oder 90er-Jah- Aufstieg und die ökonomische Teilhabe.
Warum fällt es so schwer, gerade hierzulan- ren. Gleichwohl kann ich verstehen, dass Effektive Bildungspolitik ist die sozialste
de mehr Menschen für freie Weltmärkte zu viele Leute an den positiven Folgen der Politik überhaupt.
begeistern? Schließlich profitierte kaum ein Globalisierung zweifeln. Das liegt vor allem Mancher Ökonom wendet ein, Trumps Sieg
Land bisher so sehr davon wie das export- an den zahlenmäßig wenigen, aber medial sei die gerechte Strafe für eine deutsche
starke Deutschland. _Das ist eine gute und stark beachteten Gehalts- und Boni-Exzes- Exportpolitik, die Jahr für Jahr zulasten der
berechtigte Frage. Die Antwort findet sich in sen unmoralischer Eliten, an fragwürdigen Nachbarn und Partner ein Leistungsbilanz-
Deutschlands Zukunft

DAS MEISTE AUSLANDSGESCHÄFT VOR DER EIGENEN HAUSTÜR
Internationales Engagement deutscher Unternehmen *
Unternehmen mit
Auslands-
davon in der EU davon im rest­ davon in Asien davon in davon in davon in davon in Süd-/
engagement
lichen Europa (ohne China) China Nordamerika Russland/GUS Mittelamerika

58 % 55 % 33 % 23 % 22 % 20 % 16 % 12 %

* Mehrfachnennungen möglich; Quelle: DZ Bank

20 LIBERAL 02.2017
plus nach dem nächsten erzeugte. Ist an
dem Vorwurf aus Ihrer Sicht etwas dran?
Und müssen die vielen exportstarken Hid-
den Champions nun ihr Geschäftsmodell
ändern? _Dieser Vorwurf geht am Kern
vorbei. Wir wurden ja nicht durch eine stra-
tegische Entscheidung der Bundesregierung
auf Befehl zum Exportweltmeister. Vielmehr
ist die Innovationskraft der deutschen Kon-
zerne und vor allem die Wettbewerbsfähig-
keit der heimischen Mittelständler sehr
hoch. Sie stellen extrem attraktive, leistungs-
fähige Produkte und Dienstleistungen her.
Exwirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat
schon recht, wenn er den USA zuruft, sie
müssten halt selbst bessere Autos bauen,
statt die technisch überlegenen deutschen
Autos mit Strafzöllen zu belegen. Richtig ist
aber, dass der deutsche Export durch den
schwachen Euro beflügelt wurde.
Was folgt auf das Zeitalter der Globalisie-
rung? _Was die Welt jetzt braucht nach dem
Auslaufen der Globalisierung, ist ein neuer
Wachstumsschub. Den ermöglicht die Digi-
talisierung. Die Digitalisierung hat das Po-
tenzial, die Weltwirtschaft nachhaltig und
auf breiter Front voranzubringen. Sie wird
die Globalisierung beerben, vorantreiben,
teils aber auch umkehren. Die Rückkehr von
Adidas an den Standort Deutschland ist das
beste Beispiel für diese Rückkehr an die al-
Zur Person
ten Standorte. Modische Turnschuhe von Thomas Straubhaar ist seit 1999 Professor für
Adidas werden beispielsweise erstmals seit Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale
drei Dekaden nicht mehr in Billigfabriken im Wirtschaftsbeziehungen der Universität Hamburg.
Ausland hergestellt, sondern dank 3-D- Zwischen 2005 und Mitte 2014 stand der
Drucker daheim oder in den lokalen Shops 59-Jährige zudem an der Spitze des Hamburgi-
gefertigt. schen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Zuvor
Letzte Frage: Unterstellt, Sie wären deut- lehrte der hochdekorierte Ökonom unter anderem
scher Wirtschaftsminister. Was würden Sie an den Universitäten in Bern, Freiburg, Basel und
Ihrem neuen US-Kollegen Wilbur Ross beim Konstanz sowie an der Helmut-Schmidt-Universi-
ersten Treffen gern sagen? _„Good to see tät in Hamburg. In seiner Habilitationsschrift
you. And now let’s make business together!“ befasste sich Straubhaar 1987 mit dem Thema „On
Wobei ich gleich hinterherschicken möchte, the Economics of International Labour Migration“.
dass sich Politiker eigentlich gar nicht in die Seit September 2011 gehört er dem Kuratorium der
Foto: Henning Bode/laif

Außenwirtschaftspolitik einmischen sollten. Friedrich-Naumannn-Stiftung für die Freiheit an.
Die beste Außenwirtschaftspolitik besteht in Geboren wurde der verheiratete Vater von drei
der Schaffung attraktiver Rahmenbedingun- Kindern in Unterseen im Kanton Bern. Im Februar
gen, also Rechtsstaatlichkeit, Stabilität und erschien bei edition Körber-Stiftung sein neues
Berechenbarkeit. Auf Märkten konkurrieren Buch „Radikal gerecht: Wie ein bedingungsloses
Unternehmen, nicht Staaten.  ● Grundeinkommen den Sozialstaat revolutioniert“.

21
SCHWERPUNKT

PACKEN
WIR’S AN
Die moderne, digitalisierte Arbeitswelt wollen Regierung und G ­ ewerkschaften
an die Kette legen, bevor es überhaupt neue Formen von Beschäftigung gibt. Thomas
Sattelberger warnt vor solchen Schnellschüssen. Neue Formen der Beschäftigung brau-
chen Freiheit, sich zu entwickeln. Sonst werden ihre Chancen bereits im Keim erstickt.
TEXT: THOMAS SATTELBERGER

V
iele Menschen wissen noch, wo sie waren, als Wir haben uns damals den gesamten Handwerks-
am 11. September 2001 in New York zwei Flug- kasten der Kapazitätsanpassung und der Flexibilisie-
zeuge in die Twin Towers des World Trade rungsinstrumente vorgenommen: zusätzlich zum Abbau
Centers einschlugen. Ich kann mich besonders von Zeitarbeit, Überstunden, Einstellungsstopp und
gut erinnern. Denn ich war zu diesem Zeitpunkt für das Zwangsurlaub, um kurzarbeitsfähig zu werden. Hunder-
operative Servicegeschäft zuständiger Vorstand bei der te von Mitarbeitern wandelten ihre Vollzeitstellen in
Lufthansa Passage und verantwortlich für rund 20.000 Teilzeitstellen um. Wer ein mehrjähriges Sabbatical ein-
Deutschlands Zukunft

Mitarbeiter am Boden und in der Luft. legen wollte, erhielt eine Rückkehrgarantie. Das Cock-
Unsere Nachfrage ist damals schlagartig um fast ein pitpersonal verzichtete für ein Jahr auf eine bereits fest
Drittel eingebrochen. Und zwar in den darauffolgenden vereinbarte Gehaltserhöhung. Der Lufthansa-Vorstand
Monaten derart erratisch, dass jegliche Vorausplanung kappte seine Fixvergütung um sieben bis zehn Prozent,
unmöglich wurde. In dieser größten Krise der Luftfahrt den variablen Teil hatte eh schon die Krise gefressen.
seit dem Zweiten Weltkrieg verlor die Branche mehr, als Führungskräfte und außertarifliche Mitarbeiter erklär-
sie in den 20 Jahren davor an Gewinnen eingeflogen ten sich bereit, ihre Festbezüge um 7 bis 10 Prozent zu
hatte. reduzieren. Wir konnten unsere Personalkosten damit
Wir mussten handeln, und zwar rasch. Flugzeugüber- zeitlich befristet um rund 30 Prozent senken und die
Foto: Getty Images

kapazitäten kann man schnell in der Wüste Arizonas Personalkapazitäten weitgehend an die Kundennachfra-
abstellen. Menschen nicht. Aber es ist uns gelungen, die- ge anpassen.
se schwere Krise zu überstehen – vor allem dank der Warum erzähle ich das so ausführlich? Es ist uns
Leih- und Zeitarbeit, der befristeten Beschäftigung sowie damals gelungen, durch die Krise zu kommen, ohne dass
rund 140 Teilzeitmodellen. wir gut ausgebildetes und motiviertes Servicepersonal

22 LIBERAL 02.2017
in Massen entlassen musssten. Und zwar mit einem arbeitsrechtlich
angemessenen Instrumentarium, das die gegenwärtige Bundesre-
gierung gerade mit einer gehörigen Portion Chuzpe oder zumindest
Naivität Schritt für Schritt aushöhlt. Als ob Rezession, Krise und
wirtschaftlicher Umbruch nicht zur Marktwirtschaft gehören wür-
den, trimmt sie dieses Instrumentarium auf ewige Schönwetterzei-
ten hin.
So hat die Große Koalition Unternehmen und Arbeitnehmern
bereits einen Teil der Flexibilität am Arbeitsmarkt genommen und
arbeitet daran fleißig weiter. Allen voran Bundesarbeitsministerin
Andrea Nahles (SPD): Rente mit 63, Regulierung von Leih- und Zeit-
arbeit, Mindestlohn. Das gesamte beschäftigungsstrukturelle At-
mungspotenzial deutscher Unternehmen, welches in der Weltwirt-
schaftskrise 2007/08 zur Krisenbewältigung beitrug, schnürt die
Bundesregierung immer weiter ein. Der designierte Kanzlerkandidat
und SPD-Vorsitzende Martin Schulz attackiert mittlerweile sogar
befristete Verträge und will den Arbeitsmarkt zubetonieren.

Die Große Koalition nimmt den
Unternehmen Schritt für Schritt ihr Atmungspotenzial
Atmende, flexible Strukturen sowohl bei der Arbeitsorganisation als
auch bei den Beschäftigungsformen von Mitarbeitern sind das Rück-
grat krisenrobuster, agiler und wetterfester Unternehmen. So kön-
nen sie sich nach oben wie nach unten an wechselnde Marktbedin-
gungen anpassen und idealerweise einen kurzfristigen starken
Einbruch, aber auch einen Anstieg der Nachfrage verkraften – wenn
vorher die passenden Strukturbedingungen geschaffen wurden. So
haben wir damals Personalpolitik gestaltet.
Auch als Personalvorstand beim Automobilzulieferer Continen-
tal musste ich mir hinsichtlich Fabrikauslastung, Produktivität, Ar-
beitszeitverteilung und Flexibilität einiges einfallen lassen. Das Prin-
zip der „atmenden Fabrik“ war für uns damals ein Schlüsselthema,
entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte in
Deutschland, aber auch weltweit. Leih- und Zeitarbeit, Arbeitszeit-
konten, Überstundenmanagement, Krankenstand, Outsourcing,
Modularisierung der Produktion, Werkverträge – sämtliche Zahnrä-
der einer flexiblen Produktion mussten ineinandergreifen.
Wären wir damals nicht so flexibel gewesen, stünde heute kein

Der Standort Deutschland Reifenwerk mehr auf deutschem Boden. In Osteuropa betrugen die
Stundenlöhne nur ein Zehntel dessen, was in Deutschland gezahlt
gerät zunehmend in eine wurde. Und gegen betriebswirtschaftliche Zahlen lassen sich Ar-
beitsplätze nicht verordnen – auch wenn kleine und große Volkspar-
schwierige ­Sandwichposition teien und vor allem Populisten so tun, als ob das möglich wäre.

zwischen hohen Arbeitskosten Der Standort Deutschland gerät zunehmend in eine ganz schwie-
rige Sandwichposition zwischen hohen Arbeitskosten und Unbe-
und Unbeweglichkeit. weglichkeit. Gerade die Flexibilität der Unternehmen hat ja

23
SCHWERPUNKT

Nahles will außerdem
die alte Stechuhr in
digitaler Version
wieder einführen und
lässt Yasmin Fahimi
(SPD) von der
„Renaissance der
Zeiterfassung“
schwärmen.
bisher geholfen, den Anstieg der Arbeitskosten zu kom- sind. Mit der Realität in zahlreichen Volkswirtschaften
pensieren. Nun hat die Bundesarbeitsministerin die Leih- dieser Welt und der Bedürfnislage vieler Menschen hat
und Zeitarbeit auf 18 Monate befristet. Equal Pay wird die „Normalarbeit“ aber heute schon nichts mehr zu tun.
nach neun Monaten eingeführt. Nahles will sogar einen Gerade die Digitalisierung ermöglicht mehr und mehr
gesetzlichen Anspruch auf Rückkehr von der Teilzeit in Orts- und Zeitunabhängigkeit von Arbeit.
die Vollzeit einführen. Und sie hat Werkverträge so regu- Natürlich muss man differenzieren. Wer kein Krea-
liert, dass das Projektgeschäft deutlich erschwert wird. tiv- und Wissensarbeiter ist, sondern zum Beispiel in der
Dass die geplante Arbeitsstättenverordnung die mobile Produktion oder auf der Baustelle arbeitet, ist nicht in
Arbeit fast unmöglich gemacht hätte, ist ein Treppenwitz. der Situation, Homeoffice machen zu können und von
Damit zerstört die Bundesregierung jede Möglich- unterwegs aus zu arbeiten. Ich will Fabrikarbeitern we-
keit der Lohn-, Zeit- und Trennungsdifferenzierung. der Schutzrechte nehmen noch ihre tägliche Arbeitszeit
Schulz und Nahles mögen redliche Absichten haben. unnötig ausweiten.
Aber sie blenden dabei vollkommen aus: Für die deut- Aber wenn uns unsere Zukunft lieb ist, dürfen wir
sche Wirtschaft herrscht nicht permanent eitel Sonnen- nicht so tun, als arbeiteten alle gleichermaßen am selben
schein. Es wird neue Schlechtwetterzeiten geben. Wie Fließband. Es gibt verschiedene Aufgaben und Rollen
Deutschlands Zukunft

sollen dann Unternehmen anders reagieren als durch im Berufsleben, und dafür brauchen wir jeweils unter-
Stellenstreichungen und Massenentlassungen, wenn schiedliche Regulierungen, vor allem Deregulierungen.
ihnen für alle anderen Möglichkeiten die Hände gebun- Bei Continental gab es Forschungs- und Entwick-
den sind? Ebenso scheinen sie zu übersehen, dass Zeit- lungszentren, in denen die Entwickler die Freiheit hat-
arbeit für Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation – ten, mittags zu segeln, wenn sie es wollten, und nach
auch und gerade für die mit Migrationshintergrund – oft dem Abendessen von zu Hause aus zu arbeiten. Kreati-
die einzige Brücke in den Arbeitsmarkt ist. vität findet nicht im Zeitkorsett der „Normalarbeit“ statt.
Mehr Freiheit und mehr Freiräume in der Arbeit
Kreativ- und Wissensarbeiter sind nachweislich sinnvoll. Für alle Berufe. Soziale Inno-
brauchen Freiraum
Foto: Getty Images

vation ist der Zwilling technologischer Innovation. Wer
Ideologisch-populistisch abgesichert werden diese Re- durch die Digitalisierung ein höheres Maß an Souverä-
gulierungen durch den Begriff „Normalarbeitsverhält- nität und Mündigkeit erfahren hat, gibt das am Werkstor
nis“. Damit wird suggeriert, dass autonomere und flexi- nicht mehr ab. Das Herr-Knecht-Verhältnis ist auf vielen
blere Beschäftigungsformen atypisch und nicht normal Feldern durch Aushandlung auf Augenhöhe abgelöst.

24 LIBERAL 02.2017
Gute Unternehmensleitungen schätzen kreative Mit- Ausweitung der Mitbestimmung auch auf Solo-Selbst-
arbeiter, die in jeder Hinsicht über die vorgefundenen ständige und Clickworker. Nahles will außerdem die alte
Strukturen und gängigen Meinungen hinausdenken. Das Stechuhr in digitaler Version wieder einführen und lässt
können die Betriebe aber gar nicht mehr verlangen, ihre Staatssekretärin Yasmin Fahimi (SPD) von der „Re-
wenn sie all ihre talentierten Arbeitskräfte über den naissance der Zeiterfassung“ schwärmen.
„Normalarbeiter“-Kamm scheren und immer weiter ein- Der eigentliche Hintergrund ist natürlich die Be-
pferchen müssen. fürchtung der Gewerkschaften, der rasante Wandel in
der Arbeitswelt durch Digitalisierung werde ihren Ein-
Der Mittelstand ist auf neue fluss und den ihrer Betriebsräte reduzieren.
Arbeitsformen angewiesen
Neben der Notwendigkeit betriebswirtschaftlicher At- Regulierung „ex ante“ erstickt
mungspotenziale für Unternehmen und zunehmender jegliches Potenzial im Keim
Freiheitsräume für selbstbewusste Mitarbeiter ignorie- Bevor es überhaupt diese neuen Formen von Arbeit gibt,
ren Schulz und Nahles ein zweites Szenario: Die Digita- sind also die Regulierer schon wieder auf dem Plan. Geis-
lisierung wird unseren Arbeitsmarkt disruptiv umkrem- tig gefangen in Worst-Case-Szenarien legen sie der Ar-
peln – ob uns dies nun gefällt oder nicht. beitswelt Fesseln an, bevor wir überhaupt wissen, ob
Das betrifft übrigens sehr stark mittelständische Un- und wo die Auswüchse entstehen.
ternehmen jenseits der Metropolen. Firmen, die in der Klüger wäre es, der neuen Arbeitswelt Zeit und Frei-
Provinz sitzen, stehen zunehmend vor dem Problem, heit zu geben, um sich erst einmal zu entwickeln. Die
gute Mitarbeiter zu finden. Doch auf gut qualifiziertes digitale Ära bringt neue Modelle der Arbeitsorganisati-
Personal sind viele dieser Unternehmen dringend ange- on, der Arbeitszeit, ja auch der Führung. Auf viele wären
wiesen. Angesichts der voranschreitenden Digitalisie- wir vor einigen Jahren nie gekommen. Denken wir an
rung müssen viele von ihnen ihr Geschäftsmodell ganz Clickwork, an Uber, an Helpling und Rocket Internet und
oder in Teilen neu erfinden, um am Markt bestehen zu Amazon Fresh. Auswüchse werden hier und da entste-
können. Um diese herausfordernde Transformations- hen, keine Frage. Dann müssen wir alle handeln, um sie
aufgabe zu bewältigen, brauchen sie exzellente Informa- zu beseitigen.
tiker, Software-Entwickler, Techies – Menschen, die in Aber nicht ex ante wie die Freiheitsskeptiker bei den
digitalen Welten zu Hause sind. Mitarbeiter mit diesen Sozialdemokraten und Gewerkschaften, sondern ex
Qualifikationen zieht es jedoch erfahrungsgemäß in die post: Wir sollten schauen, wie sich die Arbeitswelt ent-
großen Städte und nicht aufs Land. Dafür braucht es wickelt und dann adjustieren. Wenn wir alles im Vorhi-
schon handfeste Anreize. nein regulieren, ersticken wir damit leider auch sämtli-
Einer davon ist ein flexibles Arbeiten. Viele dieser che Chancen bereits im Keim.
Innovationsarbeiter wollen weder Festanstellung noch Einfälle gelingen nicht mit Blick auf die Stechuhr.
eine dauerhafte Bindung an ein bestimmtes Unterneh- Fantasie braucht Freiraum. Wir müssen weg von der
men, sondern Unabhängigkeit und Freiraum. Eine Op- Präsenzkultur hin zur Ergebniskultur. Das kann Norma-
tion für sie ist häufig die zeitlich befristete Arbeit an larbeit nicht leisten.
langfristigen Projekten, die in einer Mischung aus mobi- Ein souveräner Beschäftigter der Arbeitswelt 4.0
ler Tätigkeit und ortsgebundener Anwesenheit gestaltet braucht keine verschärften Schutzregeln, sondern gut
wird. Doch genau solche modernen Beschäftigungsmög- ausgehandelte Freiräume. Nicht gesetzliche Anti-Stress-
lichkeiten behindert oder beseitigt die Große Koalition Richtlinien sorgen für weniger Stress – sondern gute
im großen Stil, wenn sie jetzt die Zeitarbeit massiv ein- Führung, klug vereinbarte Zeitmodelle und smarte Ar-
schränkt. Gut gemeint bleibt eben das Gegenteil von gut. beitsorganisation. ●
Digitale Arbeit ist nicht auf Ort und Zeit begrenzt.
Der fest angestellte Produktionsexperte einer modernen
Smart Factory kann in Zukunft bei Bedarf am Wochen-
ende vom Sofa aus mit seinem iPad in die Herstellung THOMAS SATTELBERGER arbeitete lange Zeit als
eingreifen und so Störungen beheben. Manager und war Vorstand von Lufthansa Passage, bei
Am liebsten wäre es vielen linken Arbeitsmarktpoli- Continental und zuletzt bei der Deutschen Telekom.
Heute ist er in zivilgesellschaftlichen Bildungs-, Arbeits-
tikern, wenn ab 17 Uhr und am Wochenende die Server welt- und Innovationsinitiativen tätig. Über den Stand
von Unternehmen abgeschaltet würden. SPD und Ge- der verschiedenen Projekte berichtet er unter anderem
werkschaften wollen zudem nach der Bundestagswahl auf twitter@th_sattelberger und www.sattelberger-
eine umfassende Reform des Betriebsverfassungsgeset- thomas.de.
zes durchsetzen. Verdi-Chef Frank Bsirske fordert die redaktion@libmag.de

Umfangreichen Mediathek mit zahlreichen Videos 25
SCHWERPUNKT

RENOVIERUNGS
STAU E I N E F O T O R E P O R TA G E Ü B E R D I E
MARODE INFRASTRUKTUR IN DEUTSCHLAND
Deutschlands Zukunft

Hinter der glänzenden Fassade Deutschlands bröckelt der Putz. Viele
Straßen und Brücken sind marode. Schulgebäude vergammeln. Der
­eigentliche Skandal: Geld für die Sanierung und Instandhaltung ist
vorhanden. Laut Bundesfinanzministerium sind von den 35 Milliarden
Euro, die 2016 für Investitionen geplant waren, nur 33,2 Milliarden Euro
abgerufen worden. Noch düsterer sieht es auf kommunaler Ebene aus.
Laut einem Bericht der Welt hatten Ende 2016 nur sieben Bundes­
länder die Mittel, die ihnen aus dem kommunalen Investitions­
programm des Bundes zustehen, bisher vollständig abgerufen. Berlin
nutzte nur knapp 60 Prozent der möglichen Mittel, NRW 34 Prozent,
Schleswig-Holstein gar nur acht Prozent des Kapitals.
Dabei hätten es die Schulen und Kitas allerorts dringend notwendig.

26 LIBERAL 02.2017
Fichtenberg-Gymnasium in
Berlin: Jahrelang haben
Lehrer, Eltern und Schüler
den maroden Zustand des
Gebäudes beklagt. Nun
geben Senat und Bezirk gut
20 Millionen Euro aus, damit
die Schule bis zum Jahr
2020 umfassend
saniert werden kann.

Fotos: wikimedia; picture alliance/JOKER; Davids/Laessig

27
SCHWERPUNKT

 Gigantische Fehlplanung: Die
Fluggesellschaft Germania zieht
sich vom Flughafen in Kassel
zurück und bietet ab Sommer
2017 keine Flüge mehr von dort
aus an. Folge: Der Airport droht
zu verwaisen.

No-go-Area Bahnhof: Seit der Trennung

von Netz und Betrieb investiert die
Deutsche Bahn nur noch das Nötigste in
die Sicherheit und den Komfort der
Passagiere an den Haltepunkten.

Fotos: picture alliance/dpa; imago/Jürgen Hanel; Rolf Zoellner/Getty Images; Andreas Reeg/Agentur Focus
Deutschlands Zukunft

28 LIBERAL 02.2017

Kapitaler Schaden: An der Fassade
der Fachhochschule Potsdam zeigen
Risse, wie schlecht es um die
Substanz des Gebäudes bestellt ist.

D
 auerbaustelle: Allein im
deutschen Fernstraßennetz
sind rund 300 Brücken
sanierungsbedürftig. Schon
die Staukosten sind enorm.

29
SCHWERPUNKT

Angst, A
ngewidert schaue ich mich um. Ich fen im Netz präsentieren, denken politisch
sehe Menschen vor einem Bus ste- extrem. Für viele mag ihre Wut darin be-
hen und die darin sitzenden, ver- gründet sein, dass sie es dem demokrati-

Lügen
ängstigten Geflüchteten anbrüllen. schen System übel nehmen, dass es ihnen
Ich sehe Menschen mit hassverzerrten Ge- die Ängste nicht nehmen kann.
sichtern, die den obersten Repräsentanten Der Grund, warum so viele Menschen
des Landes „Hau ab!“ entgegenschreien. Ich die Demokratie infrage stellen, ist: Angst.

und
höre Frauen und Männer mittleren Alters Angst vor dem oder den Fremden, Angst vor
über den Sexualtrieb von Nordafrikanern Statusverlust, Angst vor unbeherrschbaren
schwafeln. Ich sehe Männer fortgeschritte- Situationen im Alltagsleben.

Videos
nen Alters, die auf Demos Politikerpuppen Angst führt dazu, dass die Ängstlichen
an Galgen mitführen. Ich lese von Hassmails sich a) gleichgesinnte Partner und b) identi-
und Hassposts, auf die im direkten, persönli- fizierbare Gegner suchen, um ihre bis dahin
chen Umgang ein Gerichtsverfahren folgen ungesteuerte Angst zu kanalisieren. Das nut-
würde. Ich lese von brennenden Flüchtlings- zen Populisten aus, um a) sich als Gleich-
heimen. Ich lese von Serienbrandstiftungen gesinnte anzudienen und b) bei der Identi-
Was ist bloß los in unserem Land? auf Autos ab der Mittelklasse in Berlin. fikation der Gegner zu „helfen“.
Was ist bloß los in unserem Land? Es Dazu nutzen Populisten die Mittel der
Der Erregungszustand und das wird geschrien, gekreischt, gepöbelt, pau- direkten, sozusagen präintellektuellen In-
Erregungspotenzial erreichen schal beleidigt, niedergebrüllt, zum Teil formation, um ihre Botschaften möglichst
fast täglich neue Negativrekorde. auch Gewalt angewandt – was früher höchs- verknappt, vereinfacht und dadurch wieder-
Doch der vermeintliche „Volks- tens in Fußballstadien zu erleben war, hat holbar zu verbreiten. Mittel ist dabei, die
den Weg in die Straßen und in die digitalen gezielten Informationen nach dem Empfän-
wille“ ist gesteuert. Wie Liberale Medien gefunden. Jeder hat einen Grund, gerhorizont auszurichten – sodass der Kon-
die Scharfmacher und Populisten irgendjemanden anzumachen. Das Erre- sument scheinbar das bestätigt bekommt,
demaskieren. gungspotenzial schießt so hoch, als habe was er bereits vermutet hat.
Pfizer auch hierfür etwas erfunden. Der Nicht mehr eine breite Informationsba-
Deutschlands Zukunft

TEXT: THOMAS VOLKMANN
kleinste Anlass reicht. Einig ist man sich al- sis, aus der dann in eigener geistiger Leis-
lerdings darin, dass es nur einen Gesamt- tung eine Meinung gebildet wird, wird ge-
schuldigen gibt: die Politik. wünscht. Ziel ist die Behebung des Gefühls
von Unsicherheit durch Bestätigung der
I. Es wächst offensichtlich die Zahl derer, eigenen Meinung, auf jeden Fall aber Ver-
die das politische System verachten oder meidung zusätzlicher Verwirrung durch
zumindest geringschätzen. Mit dabei sind eine als unbeherrschbar angesehene Menge
einige, ob kahl geschoren oder mit bunten an Information. Das ist das Einfallstor der
Bürsten auf dem Kopf, ob neue Rechte oder Populisten in die Gedanken- und Gefühls-
alte Linke, die mit unserer Demokratie qua- welt der sich bedroht Fühlenden. Und wenn
si aus dem Grundgefühl heraus nichts anfan- es geschafft ist, die Presse grundsätzlich der
gen können. Aber nicht alle, die derzeit Lüge zu bezichtigen, dann ist der Weg frei
wütend auf den Straßen stehen oder ihre für die Schaffung eigener Wahrheiten – al-
geistige Haltung mitunter erschreckend of- ternativer Fakten, wie es neuerdings heißt.

30 LIBERAL 02.2017
Durch das Sich-Andienen als einzig ver- blem entsteht, weil die eigenen Ängste ab- Zukunft der EU, noch die Klimafrage, noch
lässlicher Informationsquelle wird zum ei- solut gesetzt werden: Die Unsicherheit ge- die Genderfrage oder die soziale Frage hal-
nen die eigene Position gestärkt und zum genüber allem Fremden führt zur Angst vor ten sie für unlösbar. Sie wollen sogar, dass
anderen die angstgeleitete Isolation der Überfremdung. Die Angst vor Verbrechen diese Fragen schnell und gut gelöst werden,
Menschen verstärkt. Der Erfolg dieser Kom- führt zur Verdächtigung aller anderen. Die damit wieder Zeit ist, ihre eigenen Probleme
munikationsstrategie hängt mit der geziel- Angst vor unbekannten Ländern führt zur ins Visier zu nehmen.
ten Nutzung der „neuen sozialen Medien“ Ablehnung der Globalisierung. Die Angst Sie mögen sich über viele Entscheidun-
zusammen, die durch isolierte Kommunika- vor Veränderung führt zur Ablehnung von gen der Politik wundern, sich fragen, was
tionskanäle die Beherrschbarkeit der sozia- Fortschritt und Innovation. das denn alles mit ihrer eigenen Lebenswelt
len Umwelt vorspiegelt. Die unterschiedlich begründeten Pau- zu tun hat. Aber sie haben sich nicht abge-
schalvorwürfe von ganz rechts und ganz wendet von der Politik – ganz im Gegenteil:
II. Es mag sozialpsychologisch verständ- links gegen „die Politik“ und „die Presse“ es gibt klare Signale, die auf eine Repolitisie-
lich sein, aber es ist gesellschaftspolitisch fügen sich zu einem bemerkenswerten Ge- rung vieler Menschen hindeuten. Die sich
verheerend, wenn die Menschen auf die samtbild der pauschalen Ablehnung des engagieren wollen für die Förderung von
Straße gehen, um gegen ihre Ängste zu pro- politischen, demokratischen, pluralisti- Mut und Optimismus, die Förderung von
testieren. Denn mit ihren diffusen Ängsten, schen Systems zusammen – durchaus ge- Fantasie, Einfallsreichtum, Pfiffigkeit, Be-
mit ihrer irrationalen Angststörung sind sie steuert von einer erstarkenden „neuen geisterung, Zielstrebigkeit und Selbstbe-
für notwendige, aber abstrakte Argumente Rechten“. Und das Gefühl der Einflusslosig- wusstsein, die Betonung des Vertrauens in
nur sehr schwer erreichbar. keit, so schreibt der Konfliktforscher Wil- die Fähigkeiten der Menschen oder in die
Ähnlich Platons Höhlengleichnis, sehen helm Heitmeyer, steigert sich zur Wut. Kraft zur Selbstorganisation. Die aber noch
die Menschen nur, was ihnen als real, als einen Fixpunkt suchen.
mehrheitlich geteilt, als geltend präsentiert III. Auf der Strecke blieben in einer von „Der Erfolg oder der Misserfolg der Lind-
wird, nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. neurechten Brüllaffen und altlinken Besser- ner-FDP wird dabei auch ein Indikator für
Die Grundausstattung zur Erkenntnis des wissern crossmedial dominierten Republik, die Frage sein, in was für einer Gesellschaft,
„großen Ganzen“ müsste mühsam erarbeitet so steht zu befürchten, die „Normalen“, die in was für einem Staat wir eigentlich leben
werden – wozu nicht alle bereit sind, in je- sich im „System“ zurechtfinden, die ihr Le- wollen“, schrieb zuletzt die Westdeutsche All-
derlei Wortsinn. ben frei wählen wollen. Diejenigen also, die gemeine Zeitung. Und fuhr fort: „Die Art des
Eine große Gruppe von Menschen kennt sich (wie der FDP-Vorsitzende Christian politischen Liberalismus will gerade jetzt
auf diesem Wege überhaupt nur die „Prob- Lindner es so treffend ausgeführt hat) um nicht in Zeiten von Fremdenangst und Ter-
leme“ der (eigenen) Gruppe, die sich laut- die Finanzierung ihres Eigenheims bemü- ror passen. Vielleicht aber ist es auch eine
stark, gezielt oder spezifisch äußert. Ein hen, die sich beschäftigen mit Unterrichts- spannende Marktlücke.“ ●
allgemeinpolitischer Anspruch wird als ab- ausfall, Altersvorsorge, Stau im Berufsver-
gehoben, als elitär, als „am Volk vorbei“ be- kehr, oder die Sorgen vor Einbrechern
wertet. Die eigenen Befindlichkeiten werden haben.
als „Volkswille“ interpretiert. Auch die finden sich nämlich in der ak- THOMAS VOLKMANN ist Mitglied der
Daraus entsteht Protest: Die Regierung tuellen Politik nicht wieder – aber deren Redaktion von liberal und leitet bei der
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Foto: Getty Images

ergreift nicht die Maßnahmen, die das eige- Sache sind Straßenprotest oder die Versen-
ne Meinungsnetzwerk für geboten erklärt. dung von Hassbotschaften nicht. den Fachbereich Politische Bildung.
Sie erklärt andere Probleme für wichtig. Sie Auch die finden sicherlich nicht alles redaktion@libmag.de
präsentiert andere Fakten. Dabei sieht man gut, was in der Politik derzeit geschieht.
sich selbst im Besitz der Wahrheit. Das Pro- Aber weder die Flüchtlingsfrage noch die

Studie im Auftrag der FNF zu Fake News 31
SCHWERPUNKT

r ktw i r t sc h a f t
Soziale Ma Klischee und
Wirklichkeit
Postfaktisch — das ist für die Gesellschaft für deutsche Klischee 1
Sprache in Wiesbaden das Wort des Jahres 2016
gewesen. Wohlgemerkt das „Wort“ und nicht das
Die Schere zwischen Arm und Reich
„Unwort“ des Jahres. Quasi als sprachlicher geht immer weiter auseinander
Jahresrückblick stellten die Philologen fest, dass es in
den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen W ann ist ein Mensch in Deutschland arm? Über diese Frage wer-
den kontroverse Debatten geführt. Einfache Analysen und
schnelle Urteile führen dabei leicht in die Irre. Nach der gängigsten
häufig um Emotionen statt um Fakten ging. Darum,
Tatsachen zu ignorieren. Postfaktisch stehe insofern Definition wird die Armutsgefährdung relativ zum mittleren Ein-
für einen tief greifenden politischen Wandel. kommen (Medianeinkommen) gemessen: Wer weniger als 60 Pro-
zent des mittleren Einkommens verdient, gilt als armutsgefährdet.
Es wäre naiv zu glauben, dass man allein durch die Diesem Richtwert zufolge liegt der Anteil der Armutsgefährdeten
Betonung von Fakten diese Entwicklung zurückdrehen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland bei aktuell 15,7 Prozent.
könnte. Tatsächlich ist emotionaler Streit der Dabei offenbart die relative Armutsmessung drei große Schwächen.
entscheidende Teil einer lebendigen Demokratie. Wenn Erstens, da Armutsgefährdung relativ gemessen wird, kann sie nur
man Freunde oder Familie fragt, was sie politisiert hat, schwer sinken. Ein einfaches Rechenbeispiel verdeutlicht dies: Wenn
sind es nie reine Fakten, sondern emotional alle Menschen in Deutschland 50.000 Euro mehr verdienen würden,
würde sich an der Armutsquote nichts ändern. Zweitens, fallen auch
aufgewertete Ereignisse oder Entwicklungen. Wenn
Studenten und Auszubildende unter diesen Armutsbegriff. Obwohl
also nicht die Emotionen das Problem sind: Was ist es
sie in der Regel nur vorübergehend ein geringes Einkommen haben,
dann? Es ist die Geschichtenerzählung, die allzu häufig mittelfristig jedoch von ihrer (Aus-)Bildung profitieren und beste
nicht auf Zuversicht setzt. Ein Narrativ, das gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Drittens, das Einkommen
Erfahrungen und Entwicklungen unter Details und alleine drückt die tatsächliche Situation vieler Menschen nur unzu-
Sonderfällen begräbt. reichend aus. Denn beispielsweise ein Eigenheim, das als Altersvor-
sorge dient, wird bei dieser Definition nicht berücksichtigt.
Dem soll an dieser Stelle etwas entgegensetzt werden:
Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
Deutschlands Zukunft

eine faktenbasierte Unterscheidung zwischen Klischee
kommt zu dem Ergebnis, dass 78 Prozent der Bevölkerung zur Mit-
und Wirklichkeit. Denn nur mit einer – im besten Sinne
telschicht in Deutschland gehören und die Ungleichheit der verfüg-
vernunftbasierten – Auseinandersetzung mit den baren Einkommen seit dem Jahr 2010 sogar rückläufig ist. Was viel
wesentlichen Fragen unserer Zeit wird es gelingen, die zu oft vernachlässigt wird, ist das hohe Maß an Umverteilung in
Deutungshoheit über Themen zurückzugewinnen. Und Deutschland. Zusammen mit den skandinavischen Ländern belegt
damit auch über die Frage, wo politischer Deutschland hier einen internationalen Spitzenplatz. Nach Steuern
Gestaltungswille und Gestaltungsmacht ansetzen und staatlichen Transferzahlungen liegt die Ungleichheit der Ein-
müssen. kommen deutlich unter dem Durchschnitt der Industrieländer. An-
TEXT: FABIAN DISSELBECK statt also gebetsmühlenartig die berühmte Schere zwischen Arm und
Reich zu bemühen, sollte der Fokus der Politik auf den Hauptrisiko-
gruppen der Armutsgefährdung liegen: Alleinerziehende, Ungelern-
te ohne Schulabschluss, Langzeitarbeitslose oder auch Familien mit
mehreren Kindern. Hier muss die Politik mit gezielten Maßnahmen
ansetzen, um die Ursachen für Armut wirksam zu bekämpfen.

32 LIBERAL 02.2017
Klischee 2 Klischee 4

Die Reichen zahlen keine Steuern Die Politik muss die
Managergehälter begrenzen!
Ü ber kaum ein Thema lässt sich so schön klischeehaft streiten
wie über Steuern. Deshalb ist es wichtig, die Fakten zu kennen:
Zehn Prozent der Haushalte mit dem höchsten Bruttoeinkommen D as Beispiel VW macht deutlich: Hohe Managergehälter und
Bonizahlungen wie beim Volkswagen-Konzern, der den Die-
tragen weit mehr als die Hälfte des Gesamtaufkommens der Ein- selskandal und ein Rekordverlustjahr zu verantworten hat, sind
kommensteuer. Wegen der kalten Progression trifft der Spitzen- kaum nachvollziehbar. Allerdings liegt die Verantwortung für die
steuersatz heute schon die Mittelschicht. Während 1960 ein Steu- unverhältnismäßig hohen Bonizahlungen beim Aufsichtsrat und
erzahler mindestens das 18fache des Durchschnittseinkommens letztlich bei der Hauptversammlung. Gerade bei VW stellt sich die
verdienen musste, um mit dem damaligen Spitzensteuersatz be- Frage, warum die Gewerkschaft IG Metall und die SPD-geführte
steuert zu werden, reicht heute bereits das 1,8-Fache. Das Problem Landesregierung im Aufsichtsrat die unverhältnismäßig hohen
ist also nicht, dass Reiche zu wenig Steuern zahlen, sondern dass Bonizahlungen nicht verhindert haben.
die Mitte in Deutschland unverhältnismäßig stark belastet wird. Die Aktionäre sind die Eigentümer des Unternehmens und müs-
Nach Berechnungen der OECD belegt Deutschland international sen auf der jährlich stattfindenden Hauptversammlung auch bei
einen Spitzenplatz bei der Steuer- und Abgabenlast. Während das der Vorstandsvergütung ein stärkeres Mitspracherecht erhalten.
Lohnniveau zwischen 2005 und 2015 um 23 Prozent gestiegen ist, Damit öffentlich und transparent über die Bezahlung von Mana-
erhöhte sich das Steueraufkommen des Staates um fast 50 Prozent. gern gesprochen werden kann, ist eine Publizitätspflicht denkbar,
Solidaritätszuschlag, kalte Progression und steigende Sozialabga- die für jede Vorstandsposition einen Gehaltskorridor festlegt.
ben führen in Zeiten niedriger Zinsen zu einer Enteignung der Grundsätzlich gilt jedoch die Vertragsfreiheit: Arbeitsverträge und
Mittelschicht in Deutschland. Vergütungen sind privatrechtliche Vereinbarungen, die autonom
zischen beiden Seiten getroffen werden – im Spitzensport ebenso
wie in Unternehmen. Statt Neiddebatten zu schüren, würde es hel-
fen, klare Verantwortlichkeiten festzulegen.
Klischee 3

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse Klischee 5
dominieren den Arbeitsmarkt
Investitionen lassen keinen
D er Blick auf den Arbeitsmarkt ist erfreulich: In Deutschland sind
derzeit über 31,7 Millionen Menschen sozialversicherungs- Spielraum für Steuersenkungen
pflichtig beschäftigt, so viele wie noch nie zuvor. Seit Beginn der
Hartz-Reformen 2005 ging die Zahl der Arbeitssuchenden in
Deutschland fast um die Hälfte zurück. In vielen Regionen Deutsch-
D ie öffentlichen Investitionen in Deutschland bewegen sich auf
verhältnismäßig niedrigem Niveau. Die inflationsbereinigten
Bruttoanlageinvestitionen des Staates lagen 2015 noch unter dem
lands herrscht mittlerweile Vollbeschäftigung, teilweise sogar Fach- Niveau von 2010. Dabei sind öffentliche Zukunftsinvestitionen in
kräftemangel. Der Vorwurf, die neuen Jobs seien vor allem prekäre Netze, Infrastruktur, Bildung und Forschung dringend geboten.
Beschäftigungsverhältnisse, lässt sich eindeutig widerlegen: Ledig- Das Geld dafür und für eine Stärkung der privaten Investitions-
lich acht Prozent aller Arbeitsverträge in Deutschland sind befristet, kräfte ist da: Bis zum Ende der kommenden Legislaturperiode 2021
mit rückläufiger Tendenz. Und die Zahl derjenigen, die trotz Voll- steigen die Steuereinnahmen um 140 Mrd. Euro. Der jährliche Zu-
zeitjob noch mit Hartz IV aufstocken, geht seit 2009 deutlich zu- wachs an Steuereinnahmen liegt zwischen 3,3 und 4,2 Prozent und
rück. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die übergroße Mehr- steigt damit deutlich schneller als die Wirtschaftskraft in Deutsch-
heit der aktuell rund 177.000 vollzeitbeschäftigten Aufstocker land. Die Zahlen zeigen: Investitionen und Steuerentlastungen sind
zusätzliche Leistungen bezieht, weil sie mehrere Personen in ihrem kein Widerspruch, sondern zwei Seiten einer nachhaltig verant-
Haushalt versorgen müssen. Und nicht, weil der Lohn für sie alleine wortungsvollen Wirtschaftspolitik. ●
zu niedrig ist. Besonders oft wird auch die Zeitarbeit als unsoziale
Ausbeute diffamiert. Tatsächlich ist sie jedoch vor allem Chancen-
geber. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit belegen, dass mehr als
FABIAN DISSELBECK arbeitet in Berlin als
zwei Drittel der neu eingestellten Zeitarbeiter zuvor arbeitslos wa- Referent für das Themengebiet Soziale
ren, jeder fünfte sogar langzeitarbeitslos oder noch nie beschäftigt. Marktwirtschaft im Liberalen Institut der
Zeitarbeit ermöglicht vielen Menschen einen (Wieder-)Einstieg in Friedrich-Naumann-Stiftung für die Frei-
den Arbeitsmarkt. Insgesamt betrachtet ist die Arbeitszufriedenheit heit.
in Deutschland besonders hoch: Über 92 Prozent der Befragten redaktion@libmag.de
waren 2012 mit ihrer Arbeit zufrieden oder sehr zufrieden. Für eine
Umkehr in der Arbeitsmarktpolitik gibt es keinen Grund.

33
BLICKPUNKTE

DER KAMPF UM
DIE REPUBLIK! TEXT: KERSTEN KNIPP
ILLUSTRATION: EUGÈNE DELACROIX, 1830

34 LIBERAL 02.2017
Im französischen Präsidentschaftswahlkampf geht es um viel
mehr als nur um den Sieg des einen oder anderen Kandidaten.
Zur Debatte steht vor allem das politische und gesellschaft­liche
Selbstverständnis der Republik. Die Zustimmung zu ihr hat
­zuletzt stark gelitten. Deutschland sollte die Entwicklung im
Nachbarstaat warnendes Beispiel sein.

35
BLICKPUNKTE

W
ie immer die politische Zukunft Frankreichs aussehen Sondern auch und vielleicht vor allem in denen ganz durchschnitt-
mag: Hauptsache, sie ähnelt nicht der Vergangenheit. licher Bürger, die das Vertrauen in den Staat verloren haben und
Den Präsidentschaftswahlkampf erleben unsere Nach- sich enttäuscht von ihm abwenden. Ihre Dissidenz mag lautlos und
barn in grimmiger Aufbruchsstimmung. Die Ära Hol- auf den ersten Blick unauffällig sein. Weniger gefährlich ist sie darum
lande geht nach nur einer Amtszeit kläglich zu Ende, und auch an nicht. Auf Dauer unterhöhlt sie die Fundamente der Republik.
dessen Vorgänger Nicolas Sarkozy erinnern sich die Wähler mit
bestenfalls verhaltener Begeisterung. Auf einer der zentralen Bau- „Nach mir nur noch Buchhalter“
stellen des Landes, der Wirtschaftspolitik, brachten beide Amtsin- Die Enttäuschung hat eine lange Vorgeschichte. Dass die Regierungs-
haber wenig zustande. Die Arbeitslosigkeit in Frankreich ist ver- arbeit schwieriger würde, hatte François Mitterrand als Erster er-
gleichsweise hoch, die Stimmung weiterhin gedrückt. Aus Sicht der kannt. Als er 1981 antrat, hatten sich die „trente glorieuses“, die 30
Parteien hilft hier nur eines: neue Ernsthaftigkeit. Und, rechts wie unbeschwerten Jahre der Nachkriegszeit, gerade ihrem Ende zuge-
links, die Rückkehr zur reinen Lehre. Entschlossener Ausbau des neigt. Fortan würden der erste Mann im Staat und seine Regierungs-
Sozialstaats aufseiten der Sozialisten, Anstrengungen für einen fle- mannschaft weniger aus dem Vollen schöpfen können. „Ich bin der
xiblen Arbeitsmarkt aufseiten der Republikaner. Beide versprechen letzte der großen Präsidenten“, erklärte Mitterrand am Ende seiner
ein Ende der „Crise“, der seit Jahrzehnten anhaltenden und darum Amtszeit. „Nach mir werden nur noch Buchhalter kommen.“

„Ich bin der
letzte der
großen
Präsidenten.
Nach mir
werden
nur noch
Buchhalter
kommen.“
François Mitterrand

schon sprichwörtlich gewordenen Krise. Die ist längst nicht mehr Mitterrand sah es deutlich: Die Globalisierung, ein zrusammen-
nur eine ökonomische, sondern mindestens ebenso sehr eine ideo- wachsendes Europa sowie die zunehmende Komplexität der politi-
logische und moralische. schen Institutionen schränkten die Gestaltungsmacht der Politik
Nicht nur die dschihadistischen Terrorakte der vergangenen empfindlich ein. Darauf reagiert er mit einem genialen Dreh: Diskret
Jahre haben den Franzosen gezeigt, was für das Land auf dem Spiel ersetzte er die harten politischen Debatten durch weiche, stärker
steht. Derart enthemmte Angriffe auf das Gemeinwesen kannte man ideologisch ausgerichtete Themen. Der Publizist Jacques Julliard
Foto: Getty Images

bislang nicht. Und doch spiegelt die islamistische Gewalt einen bemerkte diese Verschiebungen bereits 1988: „Die Philosophie der
Trend, der sich im Land auch auf andere Weise zeigt: Das republi- Menschenrechte ersetzt die Kapitalismuskritik, das Prinzip der
kanische Modell hat an Überzeugungskraft verloren, es muss mehr Wohltätigkeit rechtliche Ansprüche, das Ideal des persönlichen Auf-
als je zuvor um die Zustimmung der Bürger werben. Und zwar nicht stiegs das der Solidarität.“ Der Grund für den Wechsel vom politi-
nur in den Reihen religiös aufgepeitschter zorniger junger Männer. schen zum ideellen Register lag auf der Hand: Die Arbeit des Präsi-

36 LIBERAL 02.2017
denten und seines Premiers würden – Stichworte „Wachstum“ und samer Chronist des um Statuserhalt ringenden Mittelstands. Die
„Arbeitsmarkt“ – fortan immer weniger überzeugen. Da bot es sich Reallöhne bei weiten Teilen der abhängig Beschäftigten stagnierten
an, die Aufmerksamkeit des Wahlvolks auf weniger verbindliche seit Jahrzehnten, zugleich stiegen die Lebenshaltungskosten. Das
ideelle Fragen zu lenken. bringe beträchtliche Lebensrisiken mit sich: „Jede Änderung der
Mitterrands Nachfolger, auf der Linken ebenso wie auf der Rech- Immobilienpreise, der Zinssätze oder auch die schlichten Launen
ten, nahmen das Manöver dankbar auf. Spätestens seit der Jahrtau- des Lebens (Karriereknick, Scheidung, Tod eines Angehörigen etc.)
sendwende entfaltete sich ein neues ideologisches Großthema: die können ein ganzes Lebenswerks destabilisieren.“
multikulturelle Gesellschaft. Zuwanderung und Integration, natio-
nale Identität und „Differenz“, Hingabe an das „Fremde“ auf der ei- Überlebensziel: bürgerlich bleiben!
nen Seite und auf der anderen das Gefühl, im eigenen Land nicht Die Soziologin Anaïs Collet hat das Anliegen dieser Schicht im Titel
mehr zu Hause zu sein: Die Debatte um Wohl und Wehe der pluralen ihres jüngsten Buches auf eine prägnante Formel gebracht: „Rester
Gesellschaft erregte die Franzosen wie kein anderes Thema. bourgeois“ – „Bürgerlich bleiben“. Collet widmet sich den Sorgen vie-
ler Mittelständler, die bei den rasant steigenden Immobilienpreisen
Verhärtete Fronten in den Großstädten nicht mehr mithalten können und darum in die
Dem Land tat das nicht gut. Denn die ideologischen Fronten verlie- Vororte ziehen, auch solche, deren Ruf nicht der allerbeste ist. In der
fen parallel zu den sozialen. Die Apologeten des Multikulturalismus neuen Umgebung klammerten sie sich mit Macht an die Insignien
zählen nahezu ausschließlich zu den besser situierten Schichten, der Bürgerlichkeit: Ballettunterricht für die Tochter etwa und Ten-
während viele der Skeptiker sich nicht nur um das Land, sondern nisstunden für den Sohn. Der Kampf um den Statuserhalt wird längst
auch und vor allem um ihre eigene Existenz sorgen. auch mit kulturellen Mitteln gefochten. Für die Betroffenen aber
Der Sozialgeograf Christophe Guilluy hat auf diesen Riss in meh- mischt sich Aufbruchsstimmung mit Unmut. Sie plagt der schmerz-
reren viel beachteten Büchern hingewiesen. Vehement kritisiert er hafte Eindruck, letztlich abgestiegen zu sein, sich das Leben in den
die Verhärtung der Debatte ins Ideologische, die Verwandlung von In-Vierteln der Metropolen einfach nicht mehr leisten zu können.
Politik in Ideologie und Lebensstil. „Auf der einen Seite die Moder- Noch äußert sich diese Gruppe politisch moderat. Langfristig
nen, diejenigen, die den Sinn der Geschichte verstanden haben, die aber, warnt der Politanalyst Thierry Pech, könnte der republikani-
den Anderen respektieren, und auf der anderen die einfachen sche Konsens mehr und mehr zur Debatte stehen. Die europäische
Schichten, die Geringqualifizierten, die Kleingeister, die Menschen Integration, die ökonomische Öffnung, der politische Liberalismus
ohne Diplom.“ – all dies, so Pech, verliere bei nicht wenigen Bürgern an Zustim-
Solche weltanschaulichen Verhärtungen haben für alle Betrof- mung. „Diese Bewegung kristallisiert sich um populistische Kräfte,
fenen zunächst einen Vorteil: Sie müssen sich mit ihrem Gegenüber die Themen wie die Skepsis gegenüber dem Euro, nationale Souve-
nicht mehr befassen, können sich den Austausch von Argumenten ränität, Protektionismus, identitäre Selbstbehauptung und die Ver-
sparen. Der jeweils andere, so die Gewissheit auf beiden Seiten, sei teidigung der Grenzen gegenüber der Einwanderung aufgreifen –
ohnehin weder willens noch in der Lage, die vorgebrachten Argu- alles in allem das genaue Gegenteil dessen, was in den vergangenen
mente zu verstehen. Beide Seiten richteten sich in ihren Lagern ein Jahrzehnten Teil eines gemeinsamen Grundverständnisses war.“
und verkehrten vor allem unter ihresgleichen. Hier die um die nati- Der Gewinner dieser Entwicklung schien bislang der Front Na-
onalen Traditionen besorgten „Identitären“, dort die „Vielfalt“ pre- tional zu sein. Dessen Vorsitzende Marine Le Pen kommt in aktuellen
digenden Multikulturalisten. Umfragen zur Präsidentschaftswahl auf einen Stimmenanteil von
Diese Debatte, so Guilluy, habe das Land in eine gefährliche rund 25 Prozent. Sie könnte die Wahlen gewinnen, muss es aber
Schieflage gebracht. „La France Périphérique“ hat er sein bekann- nicht. Die Sozialisten und Republikaner setzen nach den unverbind-
testes Buch genannt, „Das randständige Frankreich“. Gemeint sind lichen, allzu oft verspielt anmutenden Regierungszeiten von Nicolas
damit zunächst konkret die an den geografischen Rändern des Lan- Sarkozy und François Hollande nun auf neue Ernsthaftigkeit. Doch
des gelegenen, ehemals industrialisierten Zonen, die sich von der in ganz gleich, ob die Wähler sich nun für die Kandidaten der alten
den 1970er-Jahren einsetzenden Rezession bis heute nicht erholt Parteien oder den unabhängigen Liberalen Emmanuel Macron ent-
haben. Gemeint sind aber auch all jene, die sich sozial an den Rand scheiden: Bei dieser Wahl geht es um mehr als nur um den Sieg des
gestellt fühlen, die an den Chancen und Segnungen des globalisier- einen oder anderen Kandidaten. Es geht um das Selbstverständnis
ten Frankreichs, dem schillernden Glanz der Metropolen, keinen der Republik. ●
Anteil haben.
Die mögen bislang noch stillhalten, sich vor allem durch Resig-
nation und Verweigerung, etwa Stimmenthaltung bei Wahlen, cha-
DR. KERSTEN KNIPP ist Journalist und
rakterisieren. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass diese Schicht ­ ublizist, unter anderem als freier außen­
P
sich alsbald politisch artikulieren könnte. Dies umso mehr, als dass politischer Autor der Deutschen Welle.
sich zur Masse der Abgehängten mehr und mehr jene gesellen, die Zuletzt erschien von ihm das Buch „Nervöser
mit ihrem sozialen Abstieg langfristig rechnen. Die Sorge sei begrün- Orient. Die arabische Welt und die Moderne“.
det, schreibt der Soziologe Louis Chauvet, seit Jahren ein aufmerk- redaktion@libmag.de

Kandidatenanalyse 37
BLICKPUNKTE

Den Rechtsstaat stärken
Es gibt keine Freiheit ohne Sicherheit, weiß der stellvertretende FDP-Chef Wolfgang
Kubicki. Im Interview warnt er aber vor einem Überwachungsstaat. Und er sagt, w ­ arum
es Aufgabe der Liberalen ist, sich denjenigen entgegenzustellen, die mit falschen
­Argumenten Grundrechte einschränken wollen. INTERVIEW: KIRSTIN HÄRTIG

Herr Kubicki, erschwert der Terror, der die bestehenden Gesetze konsequenter
leider nun auch Deutschland erreicht umgesetzt werden?
hat, das Comeback der Liberalen? Dass Union und SPD jetzt nach mehr Ge-
Nein. Seit Jahren zeichnet sich ab, dass wir setzen rufen, belegt nur ihre Hilflosigkeit.
es auch in Deutschland mit terroristischen ­ achgang haben gezeigt, dass Deutsch-
N Wir brauchen nicht mehr Gesetze, son-
Anschlägen und Gefahrenlagen zu tun be- land ­verwundbar ist. Was liegt im Argen dern müssen die bestehenden konsequent
kommen. Es war daher nur eine Frage der und was ist aus Ihrer Sicht jetzt zu tun? umsetzen und unserem Recht konsequent
Zeit, dass sich die Stimmungslage in Derzeit erleben wir bedauerlicherweise, Geltung verschaffen. Tun wir das nicht,
Deutschland verändern würde. Und es gibt dass sich die politischen Auseinanderset- verlieren die Menschen das Vertrauen in
politische Mitbewerber, die die Angst der zungen in Symboldebatten erschöpfen, die den Rechtsstaat. Wir können dies gerade
Menschen vor solchen und weiteren Be- die Menschen eher verängstigen, als dass in Schleswig-Holstein beobachten, wo die
drohungslagen für ihre Zwecke nutzen sie ihnen wieder Zuversicht geben und SPD-Grüne-SSW-Landesregierung vor Kur-
wollen. Wir betreiben Politik aber nicht mit Mut machen. Die Union redet über Flücht- zem angekündigt hat, einen pauschalen
Angstmache und Abschottung, sondern lingsobergrenzen, über eine grenzenlose Abschiebestopp nach Afghanistan zu ver-
bieten Lösungen an. Das kommt bei den Ausweitung der Videoüberwachung, Bur- hängen – entgegen der Sicherheitsein-
Menschen auch an. Wir erhalten enormen kaverbot und die Abschaffung der doppel- schätzung der schwarz-roten Bundesregie-
Zuspruch für unsere Politik, das erlebe ich ten Staatsbürgerschaft und begibt sich rung. Die Sozialdemokraten um Ralf
auf vielen Veranstaltungen. damit auf Pfade, die die AfD bereits betre- Stegner begründen das mit moralischen
ten hat. Das „Wir schaffen das“ der Kanzle- Grundsätzen. Es ist doch aber nicht akzep-
Wie lösen Sie den Zielkonflikt zwischen rin versuchen die Mitglieder der Bundes- tabel, wenn sich Minister und Regierungen
Sicherheit und Freiheit? regierung durch Aktionismus wieder über vorhandene gesetzliche Regelungen
Sicherheit und Freiheit lassen sich nie los- einzufangen. Die Menschen lassen sich unter Berufung auf vermeintlich höher-
gelöst voneinander betrachten. Es gibt kei- aber nicht für dumm verkaufen. rangige Überlegungen hinwegsetzen.
ne Freiheit ohne Sicherheit. Genauso ist Wichtig ist, dass die Menschen das Ge- Wenn wir Rechtstreue nach Gefühlslage
Sicherheit aber auch kein Selbstzweck, fühl haben, dass der Staat sie schützen betreiben, weil es möglicherweise poli-
sondern dazu da, Freiheit zu ermöglichen. kann. Das wiederum geht nur mit mehr tisch opportun erscheint, setzen wir die
Insbesondere konservative Politiker versu- Sicherheitspersonal, einer besseren Aus- Unterstützung für eine humanitäre Asyl-
chen, dieses Spannungsverhältnis für ihre stattung, einer intensiveren Zusammenar- politik aufs Spiel.
Forderung nach einer Ausweitung des beit der unterschiedlichen Sicherheitsbe- Und wenn Sie Fußfesseln für Gefährder
Überwachungsstaates zu nutzen. Entschei- hörden und auch einer entsprechenden ansprechen: Wir müssen hier elektroni-
dend ist die Verhältnismäßigkeit zwischen Analysefähigkeit. Es ist schlicht nicht hin- sche Aufenthaltsüberwachung ermög­
den Freiheitsrechten als Abwehrrechten nehmbar, dass sich der Attentäter von Ber- lichen, auch bei nur vorbereitenden Hand­
und der Schutzpflicht des Staates. lin mit 14 verschiedenen Identitäten durch lungen im Bereich des Terrorismus. Die
Deutschland bewegt hat, die Sicherheits- elektronische Fußfessel ist eine Maßnah-
Vor allem der Anschlag auf den behörden davon und auch von den ande- me, die die Strafprozessordnung ausdrück-
­Weihnachtsmarkt in Berlin und die ren, vielzähligen Rechtsverstößen Kennt- lich vorsieht, um Untersuchungshaft zu
behördlichen Pannen im Vor- und nis hatten, aber nicht reagiert haben. vermeiden. Selbstverständlich ist es eine
Foto: liberale.de

mildere Maßnahme, auch gegenüber Ge-
Konkret: Müssen die Gesetze verschärft fährdern, die man ansonsten in Abschiebe-
werden – Stichwort Fußfesseln im haft oder eine andere Einrichtung nehmen
Vorfeld für „Gefährder“, quasi eine muss. Sie ist aber auch nur dort möglich,
Vorabstrafe ohne Tat? Oder müssen nur

38 LIBERAL 02.2017
Im Sog der Anti-Terror-Debatte wird auch
die Vorratsdatenspeicherung aus interes-
sierten Kreisen wieder thematisiert.
Müssten Liberale hier nicht umdenken?
Gegenfrage: Was nützen uns mehr Vorrats-
daten und mehr Video-Bilder, wenn es uns
jetzt schon nicht gelingt, die bereits vorhan-
denen Informationen effizient auszuwer-
ten? Nein, Freie Demokraten müssen nicht
umdenken. Es ist vielmehr unsere Aufgabe
– gerade in diesem Jahr –, vor all denen zu
warnen, die Grundrechtseinschränkungen
vorantreiben und sie gleichzeitig mit fal-
schen Argumenten unterfüttern. Wir kön-
nen die Freiheit nur mit Mut verteidigen.
Wenn Angst unser Handeln bestimmt, ver-
lieren wir unsere Freiheit.

Der Bundesinnenminister fordert eine
massive Ausweitung der Video­
überwachung, wie wir sie etwa aus
­Groß­britannien oder den USA kennen.
Sinnvoll oder nicht aus Ihrer Sicht?
Der Bundesinnenminister streut den Men-
schen Sand in die Augen, wenn er behaup-
tet, dass sich mit einer Ausweitung der
Bürgerwehren. Es ist deshalb wichtig, dass Videoüberwachung Anschläge verhindern
wir unsere Sicherheitskräfte in die Lage ließen. Bedauerlicherweise gibt es etliche
versetzen, ihre Arbeit auch anständig erle- Beispiele dafür, dass dem nicht so ist. Bei
digen zu können. den Vorkommnissen in der Silvesternacht
wo ansonsten Haft angeordnet werden 2015 in Köln hat die Videoüberwachung
könnte, und nicht auf bloßen Verdacht. Das Es ist der Eindruck entstanden, dass des Hauptbahnhofs überhaupt nichts ge-
muss man wissen. beim Thema Polizei-Koordination und nützt. Und auch 2016 haben nur 1 700 Po-
Terrorabwehr die Länder nicht wissen, lizisten Schlimmeres verhindert. Der Weih-
Die Polizei nimmt hierzulande selbst was der Bund macht, der Bund nicht nachtsmarkt-Attentäter von Berlin wusste,
kleinste Verkehrsdelikte auf, jagt weiß, was die Länder machen. Und auf dass er gefilmt wird – das hat ihn nicht ab-
Gelegen­heitsraucher von Joints und Europaebene macht jede Polizei, was sie gehalten. Wer solche Schreckenstaten
bewacht Fußballstadien von Clubs, die will. Wie könnte es besser laufen? trotzdem benutzt, um alten Forderungen
genug Geld hätten für private Lösungen. Indem wir unsere Sicherheitsstrukturen wie der nach mehr Videoüberwachung
Täuscht der Eindruck, dass für die derzeit und damit den Rechtsstaat stärken. Wir Nachdruck zu verleihen, muss sich den
wirklich wichtigen Themen nicht genug müssen Doppelstrukturen vermeiden und Vorwurf gefallen lassen, die Opfer für die
Aufmerksamkeit und Personal da ist? die bestehenden Gesetze konsequent um- Durchsetzung der eigenen Interessen zu
Ich glaube nicht, dass wir hier nach „wich- setzen. Der Fall Amri hat bedauerlicher- missbrauchen. Denn auch 100 oder 1 000
tig“ oder „weniger wichtig“ einteilen soll- weise sehr deutlich gezeigt, wo die Proble- Überwachungskameras mehr hätten die
ten. Unrecht bleibt schließlich Unrecht. me liegen: Die Sicherheitsbehörden haben Angriffe nicht verhindert. Wir brauchen
Wenn die Menschen das Gefühl haben, der ihn lückenlos überwacht und wussten al- dementsprechend nicht mehr technische
Staat schützt sie nicht mehr – ob vor einem les über ihn. 40 Vertreter von Sicherheits- Überwachungsmaßnahmen. Was wir brau-
Verkehrsrowdy, einem Ladendieb, einem behörden saßen regelmäßig im Gemeinsa- chen, sind schlichtweg mehr Personal und
Hooligan oder Terroristen – dann verlieren men Terrorabwehrzentrum von Bund und eine bessere behördliche Zusammen­
sie das Vertrauen in den Staat und die Ländern zusammen und haben über das arbeit. ●
staatlichen Institutionen. Dann haben wir weitere Vorgehen beraten. Verhindert hat
ein Problem, weil sie sich abwenden und das den Anschlag nicht. Es handelt sich um
meinen, gegebenenfalls das Recht selbst in ein Staatsversagen katastrophalen Ausma-
die Hand nehmen zu müssen – Stichwort: ßes, das dringend aufgearbeitet werden
muss – auch, um Konsequenzen für die
Zukunft zu ziehen. 39
BLICKPUNKTE

Ab dem 19. März 2017 ist Joachim Gauck Ex-Staatsoberhaupt. An diesen Zusatz vor dem Titel des
elften Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland muss man sich erst gewöhnen. Zu sehr hat
der frühere evangelisch-lutherische Pastor, Kirchenfunktionär, DDR-Bürgerrechtsaktivist und erste
Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen mit seiner unvergleichlich menschlichen Art und seiner
warmen, einnehmenden Rhetorik in den vergangenen fünf Jahren dieses Land geprägt. Dafür gebührt
ihm an dieser Stelle Hochachtung und tief empfundener Dank. Gauck war, ist und bleibt vor allem
eines: ein unermüdlicher Kämpfer für die Freiheit. Das verbindet ihn aufs Engste mit allen Liberalen.
Zuletzt hielt Gauck auf der „Europäischen Zukunftskonferenz“ der Friedrich-Naumann-Stiftung für die
Freiheit Mitte Dezember in Berlin ein flammendes Plädoyer für das freie und freiheitliche Europa. Was
von seiner Amtszeit bleibt, sind vor allem die großen Worte. Ihm zu Ehren zitieren wir hier aus den
– subjektiv empfundenen – eindrücklichsten Reden von Joachim Gauck seit 2012.

„Ich empfinde mein Land vor allem als ein Land des
,Demokratiewunders‘.“ Antrittsrede nach der Vereidigung zum Bundespräsidenten, März 2012
„Speziell zu den rechtsextremen Verächtern unserer
Demokratie sagen wir mit aller Deutlichkeit: Euer Hass ist
unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir
schenken euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet
Vergangenheit sein, und unsere Demokratie wird
leben.“Antrittsrede, März 2012
„Dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern
den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt,
sondern das haben wir gelebt und gezeigt.“Antrittsrede, März 2012

„Wir werden wohl innehalten vor einer Schwelle, werden
neu nachdenken. Werden aber dann mit guten Ideen und
guten Gründen Vertrauen erneuern, Verbindlichkeit stärken
und werden weiter bauen, was wir gebaut haben – Europa.“
Rede zu Perspektiven der europäischen Idee, Februar 2013

Foto: Photothek via Getty Images
40 LIBERAL 02.2017
FOTO: SEAN GALLUP/GETTY IMAGES

„Es ist gerade das Wissen
um die eigene ­kulturelle
Identität, das uns die
­Erweiterung des Horizonts
als Bereicherung erfahren
Rede auf der „Europäischen
Zukunftskonferenz“ der Friedrich-
lässt.“
Naumann-Stiftung für die Freiheit, Dezember 2016

„Frieden und Wohlergehen
im eigenen Land sind
untrennbar verwoben mit
Frieden und Wohlergehen
Rede zum Ende der Amtszeit andernorts.“
zur Frage „Wie soll es aussehen, unser Land?“, Januar 2017

„Wir brauchen eine
Geneigtheit zur Freiheit
mit Kopf und Herz.“
Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor, April 2013

Die Abschiedsrede des liberalen Präsidenten 41
BLICKPUNKTE

UND WIR KRIEGEN
SIE DOCH Mittelständische Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, um
Fachkräfte zu gewinnen. Von der Politik werden sie alleingelassen.
Drei Hidden Champions machen vor, wie man Stärken ausspielt.

TEXT: FRANK BURGER

42 LIBERAL 02.2017
klusiven Schnellladestecker für Elektroau- Gute Öffentlichkeitswirkung ist nur eine
tos – und hat dafür einen Blickfang auf die davon. Die stärkste Waffe von Phoenix Con-
Bühne gestellt, der dem Präsidenten ein tact sind die außerordentlich zufriedenen
Lächeln ins Gesicht zaubert: ein extra einge- Mitarbeiter. Sie verbreiten den Ruf eines
flogenes Originalmodell des DeLorean DMC Unternehmens, das auf die Bedürfnisse sei-
12, des legendären Autos aus der Filmtrilogie ner Beschäftigten eingeht. Andere Firmen
„Zurück in die Zukunft“. Der Wagen wird im setzen auf innovative Recruiting-Methoden.
ersten Teil des Kultfilms aufgeladen mit der Dazu gehört die aktive Anwerbung mithilfe
elektrischen Energie eines Blitzes, um eine von Social-Media-Plattformen. Dritte wiede-
Zeitreise zu starten. Die Szene läuft in Dau- rum werben mit harmonischer Arbeitsat-
erschleife auf einem Bildschirm am Stand. mosphäre, persönlicher Nähe zu den Inha-
bern und verantwortungsvollen Aufgaben.
Trau schau wem Doch oft ist der Firmenstandort die
„Great Movie!“, so Obamas Kommentar. Die höchste Hürde zwischen den Mittelständ-
Bilder des strahlenden Staatsoberhauptes lern und ihren Wunschmitarbeitern. Gerade
gehen anschließend durch die Presse. „Bei sogenannten „Hidden Champions“, Markt-
uns sind an den folgenden Tagen deutlich führer in Deutschland, Europa oder gleich
mehr Bewerbungen eingegangen als sonst“, der ganzen Welt, deren Produkte oder
sagt Gunther Olesch, der bei Phoenix Con-
tact als Mitglied der Geschäftsführung ver-
antwortlich ist für den Bereich Personal. Seit
nunmehr 28 Jahren ist der promovierte Psy-
chologe unter anderem dafür zuständig,
öffentliche Aufmerksamkeit und damit auch
das Interesse potenzieller neuer Mitarbeiter 6 VON 10
auf das Unternehmen zu lenken. Das hat Stellensuchenden bewerten
zwar 14.000 Mitarbeiter in aller Welt, mach- Social-Media-Anwendungen in
te 2015 einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro der Rekrutierung als positiv.
und ist unangefochtener globaler Technolo-
gie- sowie Marktführer auf seinem Gebiet – Dienstleistungen in der Öffentlichkeit meist
„doch wir stellen Produkte her, die außer- wenig bekannt sind, sitzen häufig abseits der
halb der Branche kaum jemand kennt“, so Großstädte. „Rund zwei Drittel der so erfolg-
Olesch, „und auch von Blomberg, unserem reichen Mittelständler haben ihren Haupt-
Stammsitz, haben wohl die wenigsten schon sitz im ländlichen Raum“, sagt der Unterneh-
mal etwas gehört.“ mensberater Hermann Simon, der den
Im Kampf um die besten Talente müssen Begriff „Hidden Champion“ vor Jahren ge-

M
sich die Westfalen ordentlich ins Zeug legen, prägt hat. „Und viele Menschen, insbeson-
ontag, 25. April 2016: Bundeskanz- damit sie qualifiziertes Personal bekommen. dere jene, die gerade ihr Studium abge-
lerin Angela Merkel ist unterwegs Da darf es auch schon mal ein US-Präsident schlossen haben, finden die Provinz wenig
auf der Hannover Messe. Ihr Be- sein, mit dem sie Aufmerksamkeit erregen. anziehend“, weiß Simon.
gleiter ist kein Geringerer als Ba- Es gilt, auf die Pauke zu hauen – etwas ande- Abgeschiedenheit, geringe Bekanntheit,
rack Obama, Präsident der Vereinigten Staa- res bleibt Phoenix Contact wie dem gesam- die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt durch
ten, der eigens zur Branchenschau nach ten deutschen Mittelstand bei dem entschei- Konzerne, der demografische Wandel, steti-
Deutschland gereist ist – schließlich sind die denden Zukunftsthema Personal kaum ges Wachstum des Unternehmens und der
Illustration: Getty Images/Ikon Images

USA in jenem Jahr Partnerland der weltgröß- übrig. Zwar betonen die Spitzen der Großen damit einhergehende permanente zusätzli-
ten Industriemesse. Auf ihrer Runde durch Koalition gern, dass mittelständische Unter- che Personalbedarf – all diese Aspekte ver-
die Hallen machen die beiden Halt am Stand nehmen das Rückgrat der heimischen Wirt- dichten sich zu einer Bedrohung namens
von Phoenix Contact: Das mittelständische schaft seien – doch die Politik in Berlin küm- Fachkräftemangel. Laut der aktuellen Ausga-
Familienunternehmen aus dem ostwestfäli- mert sich eher um die Bedürfnisse der be der Studie „Mittelstand im Mittelpunkt“,
schen Blomberg ist Spezialist für elektrische Konzerne. die der Bundesverband der Volksbanken
Verbindungs- und elektronische Interface- So machen einige Mittelständler aus der und Raiffeisenbanken und die DZ Bank je-
technik. Die Firma präsentiert auf der Messe Not eine Tugend. Sie setzen auf verschiede- weils im Frühling und im Herbst vorlegt,
unter anderem einen brandneuen, weltex- ne Taktiken, um Mitarbeiter zu rekrutieren. blicken die meisten mittelständischen

43
BLICKPUNKTE
Unternehmen zwar optimistisch in die Zu-
kunft, doch erstmals betrachten sie den
Fachkräftemangel als ihr größtes Problem.
Viele Betriebe begegnen dieser Heraus-
forderung mit hoher Eigeninitiative. Das ist
gut so – aber auch die Politik könnte einiges
tun, um den Fachkräftemangel zu mindern.
Der Verband „Die Familienunternehmer“
hat dazu ein Zehn-Punkte-Papier vorgelegt.
Unter anderem fordert er die Stärkung der
MINT-Fächer in den Schulen, Lehrerprakti-
ka in der gewerblichen Wirtschaft, die Auf-
wertung der dualen Ausbildung im Bil-
dungssystem sowie eine bessere Vereinbar-
keit von Familie und Beruf, etwa durch den
Ausbau von Ganztagesschulen. Außerdem
plädiert der Verband dafür, die Beschäfti-
gung hoch qualifizierter ausländischer
Fachkräfte zu vereinfachen.
Auch bei Phoenix Contact hofft man auf
bessere Rahmenbedingungen in der Zu-
kunft, legt aber die Hände nicht in den
Schoß. Eine der wichtigsten Rollen bei der
Personalrekrutierung spielt die Belegschaft
selbst. Die Mitarbeiter stellen ihrer Firma auf
Arbeitgeberbewertungsportalen wie Kunu-
Prüfstandbau beim Automobilzulieferer BFFT nu Bestnoten aus. Das ist die moderne Form
der Mundpropaganda. Und diese Internet-
pPortale sind für die Generation Y, die Mill-

„Active Sourcing kann ennials, die Digital Natives, eine der wich-
tigsten Entscheidungshilfen.

viel Geld sparen.“ Zuhören und Handeln
Tobias Ortner, Leiter des Recruitings Die gute Stimmung der Mitarbeiter zeigt sich
beim Automobilzulieferer BFFT auch an den Platzierungen des Unterneh-
mens bei Wettbewerben wie „Great Place to
Work“, „Top Job“ oder „Top Employer“, die
Phoenix Contact mehrfach als beste Arbeit-
geber Deutschlands gewonnen hat. Und
warum sind die Mitarbeiter so zufrieden?
Weil Phoenix Contact sie seit 1994 regelmä-
ßig nach ihren Bedürfnissen fragt und den
Erhebungen Taten folgen lässt.
Nach diesem Schema hat das Unterneh-
men schon in den 1990er-Jahren flexible
Arbeitszeiten eingeführt. Die Geschäftsfüh-
rung beantwortet in Podcasts im Intranet
Fragen der Beschäftigten, und die Führungs-
mannschaft kommuniziert transparent die
Gründe für strategische Entscheidungen.
Der Lohn in Zahlen: 600 Initiativbewer-
Foto: BFFT

bungen pro Monat, eine Fluktuationsquote
von einem Prozent, 95 Prozent aller Positi-

44 LIBERAL 02.2017
onen für hoch qualifizierte Mitarbeiter kön- Erdacht hat das Konzept Tobias Ortner, Lei- versitäten und Fachhochschulen sowie Mes-
nen besetzt werden, während die durch- ter des Recruitings bei BFFT. „Wir machen sen. Als Nice-to-have-Punkte locken Bewer-
schnittliche Besetzungsquote deutscher das schon seit 2007 so“, sagt er. Damit ist der ber das hauseigene Fitnessstudio, die
Unternehmen nur 75 Prozent beträgt. Klingt Automobilzulieferer einer der Pioniere des Bezuschussung von Firmensportmannschaf-
nach einer luxuriösen Situation? Ist aber Active Sourcings, das immer noch ein Ni- ten, die Unterstützung bei der Kita-Suche
nötig, denn Phoenix Contact wächst seit schendasein in den Personalaktivitäten und natürlich flexible Arbeitszeiten.
Jahren rasant und ist auf den Nachschub deutscher Unternehmen fristet.
angewiesen. Obwohl klare Argumente dafür spre-
So geht es auch dem Automobilzuliefe- chen, wie Ortner erläutert: „Active Sourcing
rer BFFT aus Gaimersheim, einem Ort mit kann viel Geld sparen, aber die meisten Fir-
11.000 Einwohnern in der Nähe von Ingol- men erkennen das nicht. Sie betrachten die
stadt. Das 1998 gegründete Unternehmen externen Personaldienstleistungskosten

7 VON 10
entwickelt unter anderem Fahrerassistenz- getrennt von den Kosten der jeweiligen Ab-
systeme, Infotainment-Komponenten und teilung. Das sieht auf den ersten Blick zwar
Energiespeichersysteme. BFFT hat sich seit relativ sauber aus, ist aber im Endeffekt Au- Unternehmen bewerten
den Anfängen von einer Zwei-Mann-Show genwischerei. Bei großen Unternehmen Social-Media-Anwendungen
zu einem Mittelständler mit einem Umsatz können diese Kosten fünf bis zehn Millionen in der Rekrutierung als positiv.
von 76,4 Millionen Euro im Jahr 2015 und Euro betragen – wir als interne Abteilung
mehr als 800 Mitarbeitern gemausert. Die sind deutlich rentabler. Externe Personal- Zugkräftiger aber seien andere Faktoren,
Belegschaft ist in den vergangenen Jahren dienstleister könnten niemals einen ver- sagt Personalverantwortliche Hausen: „Es
stetig größer geworden, auch im aktuellen gleichbar wertvollen Talent-Pool aufbauen mag sich einfach anhören – aber für DELO
Geschäftsjahr ist ein Zuwachs im dreistelli- und betreuen.“ sprechen die Inhalte der Arbeit, die Atmo-
gen Bereich geplant. sphäre aus Stolz und Teamgeist und die
Jede andere Firma würde bei einem Fluch des wirtschaftlichen Erfolgs Wertschätzung. Die Inhaber nehmen sich
solch enormen Bedarf einen externen Per- Bei BFFT sorgt das erfolgreiche Recruiting- viel Zeit für jeden neuen Mitarbeiter, lernen
sonaldienstleister beauftragen – bei BFFT Modell außerdem für sehr zufriedene Mitar- jeden persönlich kennen, selbst wenn es mal
übernimmt den Job vollständig die hausei- beiter – kein Wunder, dass die Firma bei ver- 20 in einem Monat sind. Wir nehmen nur
schiedenen Arbeitgeber-Rankings den ersten diejenigen, die persönlich hundertprozentig
Platz belegt hat. Solche Lorbeeren trägt auch zu DELO passen. Und die Aufgaben, die In-
ein anderer bayerischer Mittelständler re- genieure hier erwarten, sind so vielfältig,
gelmäßig nach Hause: der Industriekleb- dass wir wie ein Magnet auf technikbegeis-
stoff-Spezialist DELO aus Windach im Land- terte, innovationsgetriebene Bewerber wir-
kreis Landsberg am Lech. Das Unternehmen ken. Wer einmal hier angefangen hat, geht

7 VON 10 stellt ausschließlich für Firmenkunden Kle-
ber her, die beispielsweise elektronische
in der Regel nicht mehr weg.“
Bei gerade mal 2,4 Prozent liegt die Fluk-
deutschen Mittelständlern Chips auf EC-Karten schützen – in dieser tuationsquote von DELO. Wenn doch mal
betrachten den Fachkräftemangel Sparte hat DELO einen Weltmarktanteil von einer der Mitarbeiter das beschauliche Win-
als größtes Problem. rund 80 Prozent. Andere Klebstoffe der Fir- dach verlässt, „ist das anschließend wochen-
ma kommen in Flugzeugen, Autos und Han- lang Firmengespräch“, sagt Hausen.  ●
gene, 18 Personen zählende Recruiting-Ab- dys zum Einsatz. Das Geschäft läuft. 2016 hat Datenquellen: Studie der Uni Bamberg und German
teilung. Die Größe der Einheit im Verhältnis DELO mit 500 Mitarbeitern 80 Millionen Graduate School of Management and Law (Seite 43 und
diese Seite oben); Studie der DZ Bank und des
zur Gesamtmitarbeiterzahl, die Vorgehens- Euro umgesetzt, seit Jahren geht es immer Bundesverbandes deutscher Volks- und Raiffeisenban-
weise und die Expertise der Protagonisten nur bergauf. Personalleiterin Heidrun Hau- ken (diese Seite links).
beim Einsatz moderner Recruiting-Techno- sen erklärt, warum der Erfolg durchaus eine
logien sind in Deutschland einzigartig. Herausforderung sein kann: „DELO verdop-
BFFT betreibt Active Sourcing: Das Per- pelt Umsatz und Belegschaft ungefähr alle FRANK BURGER ist freier Journalist in der
sonal-Team sucht im Internet und mithilfe fünf Jahre – wegen des schnellen Wachstums Metropole Hamburg abseits der Provinz.
der gängigen Social-Media-Kanäle potenziel- müssen wir jährlich mehrere Dutzend Mit- Er stammt aus Südbaden, einer Region, in
le Kandidaten und Bewerber, spricht sie an arbeiter einstellen, vor allem hoch qualifi- der besonders viele Hidden Champions
ihren Sitz haben. Burger ist zudem
und hält dauerhaft persönlichen Kontakt zu zierte Ingenieure und Facharbeiter.“
Co-Geschäftsführer eines erfolgreichen
den Talenten – ob sie nun für einen Wettbe- Dafür setzt DELO einerseits auf die übli- Kleinunternehmens, das er „Familie“
werber arbeiten, noch studieren oder gera- chen Verdächtigen: Social-Media-Portale, nennt.
de ihre ersten beruflichen Schritte planen. Anzeigen, Kooperationen mit Schulen, Uni- redaktion@libmag.de

45
BLICKPUNKTE

K
lick-Klack-Klick-Klack“, klingt es aus dem Keller. Verena Paus-
ders Jungs sind unten im Hobbyraum verschwunden und
spielen dort Tischtennis. Man hört ihre Ballwechsel bis in
den Eingangsbereich der geschmackvoll eingerichteten
Maisonette-Wohnung im Berliner Stadtteil Mitte. Die Mutter muss
ihre Jungs erst mal rufen, weil jetzt der Besuch da ist. Die Szene –
Kinder, die versunken ihrem Hobby nachgehen, bis ein Erwachsener
mal eine Pause anmahnt – wäre an sich nicht weiter bemerkenswert.
Doch Verena Pausder verdient ihr Geld mit etwas, das vielen hier-
zulande als Gift für klassische Kinderbeschäftigungen wie Tischten-
nis gilt: Ihre Firma Fox & Sheep ist deutscher Marktführer bei Spie-
le-Apps für Kinder unter sechs Jahren (siehe Kasten). Die kleinen
Programme, so die landläufige Meinung, nageln den Nachwuchs vor
dem Bildschirm fest, bis er quadratische Augen hat. Sport und Bas-
teln und Rumtoben sind dann abgehakt.
Natürlich können Pausders Jungs Henry und John, sechs und
neun Jahre alt, die meisten Apps von Mama fast im Blindflug spielen.
Dazu schreiben sie selber erste einfache Programme, drehen

SOUVERÄNE
GESTALTER
TEXT: FLORIAN SIEVERS • FOTOS: ANNETTE HAUSCHILD

Wie viel Surfen und Daddeln mit Smartphones
und Tablets ist schädlich, normal oder gar förderlich
für kleine Kinder? Lehrer, Erzieher und Eltern sind
­verunsichert. Es kommt auf den Mix, das Maß und
eine enge Begleitung durch Erwachsene an,
sagt die erfolgreiche Digitalunternehmerin und
mehrfache Mutter Verena Pausder.

46 LIBERAL 02.2017
„Mein Albtraum wäre es,
wenn meine Jungs
­stundenlang abgemeldet
vor den Geräten in der
Ecke hocken würden.“
Verena Pausder

47
BLICKPUNKTE

Filme am Computer oder steuern kleine Roboter. Aber sie spielen Dementsprechend sahen viele Beobachter bereits die Zukunft des
eben auch leidenschaftlich gern Tischtennis. Diese Mischung aus Wirtschaftsstandorts Deutschland in Gefahr, die Wirtschaftswoche
klassisch und neu, analog und digital ist charakteristisch für Pausder schrieb wegen der schlechten Schulausstattungen vom „digitalen
und ihre Familie. Sie ist erfolgreiche Start-up-Gründerin – aber sie Mittelalter“. Quasi als Mittel der Aufklärung wollen gemeinnützige
zieht auch drei Kinder groß, von denen eines ihr zweiter Mann mit Initiativen nun programmierbare Kleincomputer wie den Calliope
in die Familie gebracht hat. Ein viertes ist auf dem Weg. Und als mini bundesweit an Schulen verteilen. Doch als Bundesbildungsmi-
waschechter Digital-Nerd kann sie ausgiebig von Virtual Reality oder nisterin Johanna Wanka (CDU) kürzlich ankündigte, sie wolle fünf
neuen Apps schwärmen – aber sie legt als Mutter ebenso viel Wert Milliarden Euro für neue Schulcomputer sowie Breitbandinternet
auf die reale Welt, vom Kindersport bis zur guten Erziehung. „Mein und WLAN in den Klassenzimmern bereitstellen, schimpfte der Prä-
Albtraum wäre es, wenn meine Jungs stundenlang abgemeldet vor sident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, prompt über die
den Geräten in der Ecke hocken würden“, sagt sie und lächelt dabei „totale Zwangsdigitalisierung“.
verbindlich. Viele Elternvertreter werden ihm zugestimmt haben. Denn einer
Studie der Telekom zufolge befanden vor drei Jahren 70 Prozent der
Surfen, wischen, daddeln befragten Eltern, man solle seine Kinder nicht zu früh vor einen
Schon von ihren ersten Lebensjahren an haben Kinder heute un- Bildschirm setzen. Kein Wunder, schließlich warnen Kinderärzte
vermeidlich mit digitaler Technologie zu tun. Sie sehen ihre Eltern regelmäßig vor Kopfschmerzen, Entwicklungsstörungen und ADHS.
mit Touchscreens hantieren, werden bald darauf auch mal vor das Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer beharrt sogar darauf, dass
Tablet gesetzt, wenn etwa eine langweilige Bahnfahrt ansteht, und Smartphones und Tablets Kinder süchtig machen. Die Bildungsex-
kriegen nicht selten ihr erstes eigenes Smartphone in die Hand, be- perten Gerald Lembke und Ingo Leipner etwa fordern darum, dass
Eltern ihre Kinder bis zum zwölften Geburtstag komplett von jegli-
chen Geräten fernhalten. Sonst gehe nur wertvolle Lebenszeit ver-
loren, in der die Kinder Erfahrungen in der begreifbaren Wirklich-
keit machen könnten.

Das Digitale gehört zur Lebensrealität
Die Fronten sind also verhärtet. „Aber beide Extrempositionen sind
falsch“, findet die Softwareunternehmerin und mehrfache Mutter
Verena Pausder. Schließlich gehe es nicht um ein Entweder-oder.
„Niemand behauptet doch ernsthaft, die Kinder sollten besser den
ganzen Tag vor diesen Geräten sitzen, anstatt in den Wald zu gehen“,
sagt sie: „Die Mischung macht es.“ Das Digitale gehöre heute unum-
kehrbar zur Lebensrealität. Ihre Kinder sollen sich darum gleicher-
maßen sicher in der analogen wie in der digitalen Welt bewegen
können – und zwar von klein auf. Wenn Kinder bis zum zwölften
Lebensjahr noch nicht kreativ mit Computern gearbeitet hätten, so
Pausder, sinke die Chance, dass sie es danach noch tun. Schließlich
ließen sich viele ab diesem Alter längst nicht mehr alles von den
vor sie zehn Jahre alt sind. Aber wie viel Surfen, Wischen und Dad- Eltern sagen. Und Mädchen, die als kleine Kinder noch ohne falsche
deln ist schädlich, normal oder gar förderlich für kleine Kinder? Scheu mit Computern herumprobieren, würden mit zwölf schon
Eltern, Lehrer und Erzieher sind verunsichert, denn Bildungsexper- längst vermittelt bekommen haben, dass Technik eher etwas für
ten beschwören den bevorstehenden kulturellen und wirtschaftli- Jungen ist.
chen Untergang Deutschlands – und zwar entweder, weil der Nach- „Aus meiner Sicht gehört das Thema darum an jeden Familien-
wuchs hierzulande zu früh zu viel Zeit vor dem Bildschirm tisch“, betont Pausder, die Jahrgang 1979 und damit selber kein „di-
verbringe, anstatt sich im Wald die Knie dreckig zu machen, oder gital native“ ist. Wichtig seien dabei der Mix, das richtige Maß – und
weil er viel zu spät im Leben damit beginne, den Umgang mit Digi- eine enge Begleitung durch die Eltern. Die sollten zum Beispiel sorg-
taltechnologie zu üben. fältig die Spiele-Apps ihrer Kinder ausprobieren. Nur dann könnten
So bescheinigte die 2014 veröffentlichte Untersuchung „Interna- sie erkennen, ob ihre Kinder mit Billigware spielen oder mit seriö-
tional Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) den deut- sen, ansprechend gestalteten und gut gemachten Programmen.
schen Achtklässlern, dass sie bei der kompetenten Computernut- „Und wie in allen Bereichen brauchen Kinder hier Regeln und Kon-
zung im internationalen Vergleich nur Durchschnitt sind. trolle – das ist nicht anders als beim Fernsehen oder bei Süßigkeiten“,

48 LIBERAL 02.2017
Fox & Sheep und Digitalwerkstätten
Verena Pausder gründete 2012 zusammen mit einem Partner
die Fox & Sheep GmbH. Das Start-up stellt hochwertige Spiele-
Apps für Kinder von null bis sechs Jahren her. Die 30 Apps in
15 Sprachen wie etwa „Streichelzoo“ oder „Kleiner Fuchs
Tierarzt“ wurden weltweit bislang mehr als 15 Millionen Mal
heruntergeladen. Im Jahr 2015 setzte Fox & Sheep 1,5
Millionen Euro um. Im Jahr 2014 verkauften die Gründer ihr
Unternehmen an den fränkischen Spielzeughersteller Haba.
Pausder blieb jedoch weiter als Geschäftsführerin an Bord.
Mit Haba zusammen betreibt Pausder zudem mehrere
Digitalwerkstätten, in denen Kinder ab sechs Jahren erste
Schritte mit digitalen Anwendungen machen. So können sie in
diesen „Digitalwerkstätten“ zum Beispiel kleine Roboter
programmieren, mit 3-D-Druckern arbeiten oder Kurse wie
Creative Coding oder Animationsfilm belegen, die in
Zusammenarbeit mit Schulen und deren Lehrplänen
angeboten werden. Inzwischen gibt es zwei „Digitalwerkstät-
ten“ in Berlin und eine in München. Gespräche über weitere
Angebote in Frankfurt/Main, Köln, Düsseldorf und Hamburg
laufen.

sagt Pausder. So dürfen ihre Kinder die zwei Tablets der Familie nur die Technik nutzen lässt – und wo ihre Gefahren lauern. „Das sind
am Wochenende eine Stunde am Tag oder bei Auto- oder Zugfahrten Kernkompetenzen, die unsere Kinder für den Umgang mit ihrer Welt
nutzen. Im Urlaub lässt die Familie ihre Geräte auch mal ganz zu brauchen werden – wie Lesen, Schreiben, Rechnen“, betont Pausder.
Hause – vor allem bei Fernreisen etwa nach Mexiko oder Vietnam, Doch in Schulen gehörten kreative Anwendungen von digitaler
wenn es in der Realität genug Aufregendes zu sehen gibt. Technologie fast nie zum Lehrplan. Und es mangelt nicht nur an der
dafür notwendigen Infrastruktur – etwa schnellen Internetzugängen
Nicht nur konsumieren –, sondern meist auch an Interesse, Motivation und Qualifikation
Innerhalb dieser klaren Begrenzungen geht es Pausder natürlich seitens der Lehrer. Pausder wünscht sich denn auch mehr Mut und
auch darum, was genau ihre Kinder mit dem Computer anstellen. mehr Gelassenheit von der Politik – aber auch von Lehrern und El-
Bis zum Alter von sechs Jahren durften die beiden Jungs vor allem tern. Damit der Nachwuchs am Ende souverän die neuen Techno-
spielen, wenn auch häufig Lernspiele. „Aber seit sie angefangen ha- logien beherrscht. „Mein Anspruch ist es, dass meine Kinder Gestal-
ben zu lesen und zu schreiben, sollten sie auch mehr mit den Gerä- ter dieser digitalen Welt werden – und nicht manipulierbare
ten anstellen, als nur irgendwelche Apps zu konsumieren“, sagt die Konsumenten“, schließt sie das Gespräch ab, bevor ihr Nachwuchs
Unternehmerin. So verwenden John und Henry inzwischen nicht wieder im Tischtenniskeller verschwindet. ●
mehr nur Programme zum Mathetraining, sie erstellen bereits mit
einfachen Programmiersprachen eigene kleine Spiele, Webseiten
oder Grafiken.
Manchmal bekommen ihre Kinder den heimischen Tablet-Com-
FLORIAN SIEVERS, freier Journalist
puter für eine Stunde extra in die Hand gedrückt. Ihr Auftrag: mit aus Berlin, hat sich bislang noch nicht
ihren Legofiguren einen kleinen Animationsfilm zu drehen. Den dazu durchringen können, die ersten
führen sie schließlich ihrer stolzen Mama vor. „Das ist im Grunde Geräte für seine Kinder – vier und
digitales Basteln“, sagt Pausder. „Alle Eltern freuen sich, wenn ihre sieben Jahre alt – zu kaufen. Nach
dem Schreiben des Artikels denkt er
Kinder mit Schere und Papier basteln – und genauso stolz kann man
darüber aber nach.
doch sein, wenn die Kinder mit Software etwas Neues erschaffen.“ redaktion@libmag.de
Mit zwölf Jahren werden die Jungs ihre ersten eigenen Geräte be-
kommen. Bis dahin sollen sie ausreichend gelernt haben, wie sich

Bildergalerie 49
Ansporn für Liberale
„Redefreiheit“: Das ist der Titel des aktuellen Buches von Timothy Garton Ash.
Der britische Historiker und Schriftsteller nimmt sich eines Themas an, das – um
ein Wortspiel zu benutzen – in aller Munde ist. Ob Böhmermann-Affäre oder Fake
News: Die Zeiten werden unübersichtlicher und ungemütlicher. Wir haben Bedarf
nach (Selbst-)Vergewisserung. Gelten die alten Regeln noch, brauchen wir neue?
Garton Ash schlägt einen weiten Bogen. Er beschreibt, wie wir in einer
globalisierten und digitalisierten Welt kommunizieren, wer die Big Player sind und
wie deren hausgemachtes Regelwerk eine eigene Realität schafft. Eine Realität,
in der Empörung, Hass und Verschwörung leider viel zu oft die Treiber sind.
Garton Ash setzt der Netzwirklichkeit eigene Regeln entgegen. Und die richten
sich an uns alle. Denn Garton Ash ist zwar Brite, einer (geistigen) Verwandtschaft
mit Dolores Umbridge aber glücklicherweise nicht verdächtig. Kein Wahrheitsmi-
nisterium, wir selbst müssen die Redefreiheit verteidigen. Wird das einfach? Nein, Timothy Garton Ash
keinesfalls. Aber das spornt Liberale ja nur an. „Redefreiheit – Prinzipien
Annett Witte, Leiterin des Liberalen Instituts der für eine vernetzte Welt“,
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Hanser Verlag, 28,00 Euro

BUCHER
Die Generation Putin
„Spiegel Online“-Korrespondent Benjamin Bidder gelingt mit seinem Buch
„Generation Putin – Das neue Russland verstehen“ etwas Geniales: Durch sechs
scharfe Einzelporträts erfahren wir mehr über das heutige Russland als durch
die meisten Makroanalysen. Die jungen Menschen seines Buches verbindet,
Anfang der 1990er-Jahre geboren worden zu sein und sich dem übermächti-
gen Präsidenten Putin nie ganz entziehen zu können. Wera Kitschanowa, eine
Freundin der Stiftung für die Freiheit und liberale Oppositionsikone, verlässt
Russland nach erfolglosen Demonstrationen, um in Kiew einen Thinktank
aufzubauen. Die Kommunitaristin Lena aus dem Fernen Osten sucht ihr Glück
in der Kreml-Gruppe „Junge Garde“. Taissa aus dem von Krieg und Gewalt
traumatisierten Grosny will Modejournalistin werden, wird dann aber nach der
Hochzeit aus Vernunft Buchhalterin. Überall merkt man Spuren von Gewalt
und politischer Manipulation, von Hoffnungen, aber auch Missverständnissen
– oft mit dem Westen. Alle sechs Protagonistinnen und Protagonisten ringen
um ihr eigenes Leben. Marat sucht seine Freiheit als Roofer über den Dächern, Benjamin Bidder
Alexander im Kampf für seine Rechte als Behinderter in St. Petersburg und „Generation Putin – Das
Diana als armenischstämmige russische Patriotin in Sotschi am Schwarzen neue Russland verstehen“,
Meer. Ein sehr erhellendes und lesenswertes Buch. DVA, 16,99 Euro
Julius von Freytag-Loringhoven, Leiter des Moskauer
Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

50 LIBERAL 02.2017
sreihe
Veranstaltung

Innovationsoffensive.
Mittelstand und Gründer.
Die Innovationsoffensive ist eine bundesweite, kostenfreie Veranstaltungsreihe,
die mittelständische Unternehmen und Gründer bei der individuellen Entfaltung
ihres Innovationspotenzials unterstützt.

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Innovationstätigkeit mittel-
ständischer Unternehmen und Forschungseinrichtungen, diskutieren Sie

möglichkeiten. Entfalten Sie Ihr Innovationspotenzial und erhalten Sie
Impulse von regionalen Unternehmen, Initiativen und Netzwerken!

freiheit.org/innovationsoffensive2017

In Kooperation mit
WOLFGANG GERHARDT

ARGUMENTE
STATT MÄRCHEN-
ERZÄHLUNGEN
E
in Blick auf die verbleibenden Monate des Jahres 2017 lässt kommt es immer wieder vor, dass sie fassungslos vor manchen Af-
wenig Gutes vermuten. Die vor uns liegenden Herausforde- fekten stehen, vor unendlichen Ressentiments und Vorurteilen. Es
rungen erfordern in den anstehenden Wahlkämpfen eine ist, als müsse alles wieder von Beginn an durchgearbeitet und durch-
argumentative Auseinandersetzung. Die ist jedoch komplex gekämpft werden. Dabei kann es als ausgemachte Sache gelten, dass
– was viele Bürgerinnen und Bürger dazu veranlassen könnte, eher die Tendenz zu rückwärtsgewandten Politikansätzen schiefgeht. Es
die Märchenerzähler zu wählen. Argumente, wirkliche Sachverhal- gilt, die Zukunft offen zu halten und zu gestalten – und deshalb geht
te und vernünftiges Abwägen werden schnell als hinderlich emp- es um einen Mentalitätswandel. Über die Nachhaltigkeit der Pflege
funden. Vernunft wurde und wird ohnehin sehr oft als Herrschafts- des Waldes, die schädliche Wirkung des gemeinen schlimmen Bor-
instrument diffamiert. Weltweit sind daher die „Vereinfacher“, die kenkäfers, die Folgen des Ozonlochs und das Chlorhühnchen ist in
Autoritären auf dem Vormarsch, und auch in Deutschland gibt es Begleitung von Alarmismus in der deutschen Medienlandschaft
Bemühungen, den Menschen ein ethnisch-kulturelles Band als pro- ausführlich diskutiert worden. Über stabile Institutionen, über all
bates Rezept gegen die Mühen des Alltags und die Gefahren der Welt das, was unser Leben in Freiheit sichert, und das noch in einer Kom-
schmackhaft zu machen. fortzone in der Mitte Europas, wird viel zu wenig gesagt. Dabei gibt
Mit klassischen Parteiprogrammen allein kann keine Partei eine es Inhalte genug.
Wahl gewinnen. Deren Macher neigen dazu, den Lesern vorzuspie- Da ist zunächst unsere geschriebene Verfassung, das Grundge-
geln, auf alles eine Antwort geben zu können und sie haben häufig setz. Joachim Fest hat geschrieben, dass Verfassungen wichtig sind,
die Neigung, in vielen Spiegelstrichen auch noch den abseitigsten um manche menschlichen Neigungen zu zügeln und ihnen Grenzen
Aspekt zu behandeln. Oder sie schreiben Unsinn hinein, dann kann zu setzen. Dass eine Mehrheit nicht alles darf, dass es nicht nach
die entsprechende Partei die Wahl nur verlieren. Es wird daher auf dem Motto gehen kann: Ich bin das Volk, meine Wille geschehe! Dass
Überzeugungskraft, auf Charakter und Haltung ankommen, auf Minderheiten respektiert werden müssen, die Menschenwürde auch
Standfestigkeit, auf politische Klugheit, auf Fairness, auf die Bereit- für Fremde gilt und dass es immer auch darum geht, ein Auge für
schaft, Verantwortung zu übernehmen, bevor die, die gewählt wer- die anderen zu haben. Das alles macht die zivilisatorische Qualität
den wollen, etwas sagen - kurzum: auf ihre Glaubwürdigkeit. Dieje- einer Gesellschaft aus. Wer das alles nicht kann und nicht will, der
nigen, die sich darum bemühen, kommen nicht in Horden kann auch niemanden integrieren. Wer sich um seine Schwächen
dahergelaufen, obwohl doch alle davon überzeugt sind, dass sie nicht kümmert und bei seinen Stärken sorglos bleibt, macht einen
ausreichend Verstand mitbekommen hätten. Ein Sachverhalt übri- großen strategischen Fehler. Auch ein großes und wirtschaftlich
gens, der als einziger keinem Verteilungsstreit zu unterliegen scheint. erfolgreiches Land braucht Freunde. Wir brauchen Europa! Wir
Wenn dem so sein sollte, wie ist das dann mit der damit korrespon- haben nichts anderes und Besseres. Wenn wir es nicht hätten, müss-
dierenden Beobachtung in Einklang zu bringen, dass bedauerlicher- ten wir es erfinden. Da wir es haben, müssen wir es verbessern.
weise so wenige davon Gebrauch machen. „Europa ist unsere Zukunft. Wir haben keine andere“, sagte Hans-
Dietrich Genscher. Europa ist nicht nur ein Binnenmarkt, es ist ein

F ür Liberale bleibt der kategorische Imperativ von Immanuel Kant
auch und gerade in postfaktischen Zeiten deshalb täglich Aufga-
be. Weil sie aber ein gewisses Modernitätspensum für notwendig
erachten, werden sie schnell als Ruhestörer empfunden. Dennoch

52 LIBERAL 02.2017
Es gibt nirgends auf der Welt einen
Staat, der für die Menschen mehr
tun könnte und sollte, als sie für
sich selbst tun könnten und sollten.
Zivilisationsprojekt. Europa muss gegen Unsicherheiten wider- Dass ein reiches Land durch inkompetenten bolivianischen Sozia-
standsfähiger werden, auf Krisen besser reagieren, seine Werte nicht lismus an die Wand gefahren wird, ist ein Trauerspiel. Leser mit
dementieren, sondern besser kommunizieren. Es gilt nicht zuzuse- unerschütterlichem sozialistischen Impetus könnten jetzt entgeg-
hen, wie es zur Projektionsfläche für alles und jedes gemacht wird. nen, dass es in China anders sei. Kritische Leser könnten jetzt ent-
Es ist kein Spielball. Es ist überlebensnotwendig. Wir holen es nicht gegnen, dass es in China anders sei. Das mag richtig sein. Aber der
zurück, wenn wir es verloren geben. Preis, der dort gezahlt wird, ist hoch. Er geht auf Kosten der persön-
lichen Freiheit vieler. Und die ist für Liberale nicht verhandelbar,

D as eigentliche Ethos der Solidarität ist die Bereitschaft zum Ler-
nen und nicht das Kollektiv von Versicherungsgemeinschaften.
auch wenn die Wirtschaft dort besser läuft.

Leistung ist keine Kategorie der Ellbogengesellschaft und keine Kör-
perverletzung. Nichts führt vorbei an Anstrengungen und an der
Notwendigkeit, dass wir unsere eigenen Möglichkeiten mit kritischer
G ewiss: Es gibt bequemere Botschaften als die der Liberalen. Das
weiß auch die Redaktion dieses Magazins. Es geht den Liberalen
aber um etwas: um Überzeugungen und Anstrengungen in einer
Selbsteinschätzung überprüfen müssen. Das ständige Grundrau- Gesellschaft, die jenseits von materiellen Anreizen den Willen hat,
schen von Bildungsgipfeln überdeckt den wesentlichen Punkt: Die freiheitlich zu bleiben. Es gibt nirgendwo auf der Welt einen Staat,
Qualität des Unterrichts und die zivilisatorische Qualität der Eltern- der für die Menschen mehr tun könnte und sollte, als sie für sich
häuser sind entscheidend. Lehrerinnen und Lehrer müssen die selbst tun könnten und sollten. Eine Politik, die das aus Wählerbe-
Relevanz des Lernens erklären können und Elternhäuser müssen wirtschaftungsgründen dennoch versucht, gründet auf staatliche
ihren Kindern zivile Tugenden als Mitgift ins Leben geben. Die erste Kunden, nicht auf Staatsbürger. Wenn es wirtschaftlich einmal enger
Unterrichtsstunde, so sagte Pestalozzi, ist die Stunde der Geburt. Die werden sollte, verliert sie an Legitimität. Liberale sollten daher auf
Leserinnen und Leser dieses Magazins können diesen großen Päd- Menschen setzen, die ihre demokratische Grundhaltung nicht nur
agogen nahezu jeden Morgen verstehen. Wenn sie sehen, dass im in der Hochkonjunktur zeigen. ●
übertragenen Sinne Hemd oder Bluse obenrum falsch zugeknöpft
sind, dann geht es unten eben nicht gut aus.
Die einen glauben, dass das ethnisch-kulturelle Band uns ent-
scheidend helfen könnte, die Zukunft zu bewältigen. Andere sind
davon überzeugt, dass die Überwindung des Wettbewerbs, der
Marktwirtschaft, des Kapitalismus ganz hilfreich sei. Die Friedrich-
DR. WOLFGANG GERHARDT ist
Naumann-Stiftung für die Freiheit arbeitet in rund 60 Ländern. Es
Vorsitzender des Vorstands
gibt kein Land, das mit der Beseitigung des Wettbewerbs erfolgreich der Friedrich-Naumann-Stiftung
ist oder gewesen wäre. Auf ihn zu verzichten bedeutet nichts ande- für die Freiheit und
res als zu versuchen, ein Auto zu starten, dessen Motor ausgebaut Herausgeber von liberal.
worden ist. Auf deutschem Boden galt das für die frühere DDR, die redaktion@libmag.de
nicht, wie gerne behauptet wird, von der Treuhand ruiniert worden
ist. In Südamerika ist das gegenwärtig in Venezuela zu beobachten.
Foto: FNF

53
KOLUMNE

Dieter
Bohlen for
President!
TEXT: ROBERT GRIESS • ILLUSTRATION: JINDRICH NOVOTNY

Die Trumpisierung schreitet voran und wird
auch den Bundestagswahlkampf 2017 prägen.
Ich weiß, wovon ich rede, denn gestern ging
mein Facebook kaputt. Für eine Stunde lief SPD. Bohlen fordert, an der Grenze zu Holland eine
die Timeline umgekehrt und ich konnte Nach- Mauer zu bauen, damit keine Wohnwagen mehr
richten aus der Zukunft lesen: Am 30.März durch Deutschland rollen. Er stellt sein Schattenka-
verkündet Donald Trump seine Kanzlerkandi- binett vor: Thomas Anders, Expartner bei Modern
datur für die AfD. Auf Anhieb erreicht er in Um- Talking, wird First Lady, das Wirtschaftsministerium
fragen 20 Prozent. Bundespräsident Frank-Wal- übernehmen die Geissens und Peter Zwegat wird
ter Steinmeier sagt, das gehe gar nicht. Darauf Finanzminister. Im August demonstrieren in deut-
Trump: „Das haben in den USA auch alle gesagt. schen Städten eine Million Flüchtlinge als die letzten
Deutschland gehört als Kriegsbeute zu Amerika.“ Verteidiger der Demokratie und rufen: „Wir schaffen
Robert Griess ist Wirtschafts-
SPD-Kandidat Martin Schulz erklärt, er vertrete das!“ In Dresden demonstrieren zeitgleich 150 Deut-
und Finanzkabarettist und hat
auch schon satirische Beiträge die Interessen des kleinen Mannes. Insofern sei sche unter dem Motto: „Bier will das Volk!“
für das Handelsblatt erstellt. Trump in Deutschland völlig überflüssig. Trump Trump ruft bei seinem einzigen Wahlkampfauf-
Der Kölner tritt in Deutschland twittert: „Das haben in den USA auch alle gesagt.“ tritt in Deutschland: „Let's make Germany great
und Europa in Theatern, Radio Seehofer erklärt, er sei der deutsche Trump und die again!“ Deutschlands Nachbarn zucken zusammen.
und TV auf. Daneben ist er CSU trete bei der Bundestagswahl erstmals bundes- Trump fordert die Abschaffung der Rente, Armut
gefragter Gastredner bei
Tagungen, Kongressen und
weit an. Im Mai starten Die Grünen ihre Wahlkam- für alle. Seine Umfragewerte steigen laut Trump auf
Unternehmensveranstaltungen, pagne unter dem Motto: „Wir sind tolerant gegen 450 Prozent. Er twittert: Wenn er dennoch verlieren
da er auch komplexe Themen alles – außer gegen Laktose!“ Die Linke plakatiert: sollte, baut er eine Mauer um Berlin. Wahltag: Die
höchst unterhaltsam „Ihr habt die Wahl: Blöd, blöder oder links.“ Und die Massen stürmen mit Smartphones die Wahllokale.
präsentiert. Im Februar 2017 FDP wirbt mit „Wir waren dann mal weg – und sind Ein Riesenandrang, die Folge: Chaos! Weil 18 Millio-
startete sein neues Programm
wieder da!“ nen Deutsche ausgerechnet am Wahlsonntag auf
„Hauptsache, es knallt!“
www.robertgriess.de Im Juni sinken die SPD-Umfragewerte wieder Pokémon-Jagd gehen und die Pokémons ausgerech-
auf fünf Prozent. Schulz: „Trump lag in den Umfra- net in den Wahllokalen versteckt sind. Die Wahl fällt
gen auch immer hinten.“ Einen Tag später tritt er aus. Die Parteichefs treten gemeinsam vor die ver-
Foto: Robert Gries

doch zurück, um einem aussichtsreicheren Kandi- sammelte Presse, große Überraschung: Angela Mer-
daten den Weg frei zu machen, der aus dem Privat- kel wird zur Königin von Deutschland ausgerufen.
fernsehen bekannt und beim Prekariat höchst be- Queen Angie I. Ich hoffe, dass wirklich nur mein
liebt ist: Dieter Bohlen wird Kanzlerkandidat der Facebook kaputt war. ●

54 LIBERAL 02.2017
Wer kann Bildung?
Wie geht Sicherheit?
Was ist Freiheit?
Die Online-Heimat der Freiheit.

unter
e n S ie u n s
h
Besuc it.org
w w . freihe
w

Die Website der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit – wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Optimiert für Tablet, Smartphone und Desktop

Großer Bereich für Stipendiaten

Übersichtliche Darstellung von Nachrichten,
Meinungen und Analysen

Mit einem Klick zu unseren Veranstaltungen

Viele Themenseiten, u.a. zu Migration, TTIP und
Internationaler Politik

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful