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Deutschland

Protestierende Studenten

Der Föderalismus wird von der Politik nirgendwo so konsequent umgesetzt


wie bei der Bildung. Vorige Woche beleuchtete der SPIEGEL die Folgen der Klein-
staaterei für Lehrer, Schüler und Eltern. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Uni-
versitäten, in denen nach Einführung der Bachelor-Studiengänge alles einheitlicher
werden sollte. Erste Hochschulen gehen jedoch bereits Sonderwege.

BILDUNG

Siemens statt Humboldt


Wie Inkompetenz, Finanznot und Verantwortungslosigkeit das
Universitätsstudium ruinieren. Von Thomas Darnstädt Ingenieurstudenten in einem Massenhörsaal an

M
ontag: Aufstehen um 6.30 Uhr, Robert hat sich sein Studium anders offensteht, studieren Studenten wie Ro-
8 Uhr Experimentalphysikvorle- vorgestellt. „Physik war für mich die auf- bert Lohmeyer ins Leere. Schon jetzt di-
sung. 90 Minuten Stoff. Der Pro- regende Herausforderung, etwas ganz, stanzieren sich Wirtschaftsführer von der
fessor spricht mit der Tafel oder liest seine ganz Schwieriges zu lernen.“ Mit Physik konzeptionslosen und unterfinanzierten
Folien vor. kann man die Welt erklären, es geht um Bildungsreform – dem größten anzuneh-
Um 10 Uhr in die Bibliothek zum Ler- die Stringtheorie, um das große ungelöste menden Unglück des deutschen Bildungs-
nen: Zu jeder Vorlesung werden jede Wo- Problem der Vereinheitlichung von Quan- föderalismus.
che Übungsblätter verteilt, pro Übungs- tenfeldtheorie und Allgemeiner Relativi- 29 europäische Staaten hatten in Bolo-
blatt zehn Stunden Arbeit. tätstheorie: Es wäre so etwas wie eine gna 1999 beschlossen, die Universitätsaus-
13 Uhr: Leberkässemmel beim Metzger Weltformel. bildung dem globalen Wissen zu öffnen,
Vinzenz Murr. Ach was, Weltformel. den grenzüberschreitenden Austausch
13.30 Uhr: Wieder Übungsblatt in der „Es gibt so wenig Spielraum“, sagt von Forschung und Lehre und Lernen und
Bibliothek bis abends 8 Uhr. Zweitsemester Robert, „das macht hier Denken und Geist mit einer internationa-
Wenn die Fakultät schließt, Umzug mit- alles keinen Spaß.“ Nun versucht er tap- len Reform zu beflügeln. Doch dann kam
samt Übungsblättern in die Staatsbiblio- fer, trotzdem ein guter Student zu sein: der „Bologna-Prozess“ in die Hände deut-
thek, die hat bis Mitternacht geöffnet. „Ich habe ja keine Alternative.“ scher Kultusminister.
70 Stunden in der Woche, so rechnet Die neue Turbo-Bildung ist ohne Aus- Ohne dass das Ziel des Reformplans
Robert Lohmeyer, Physikstudent an der weg: das Bachelor-Studium. Sechs Semes- auch nur erkennbar war, beschloss die
Münchner Ludwig-Maximilians-Universi- ter Schmalspur-Wissenschaft sollen nach Kultusministerkonferenz in vorauseilen-
tät, müsse er schon investieren: Jedes dem Willen der bundesdeutschen Kultus- dem Gehorsam, was die Bologna-Erklä-
Übungsblatt wird eingesammelt und über- minister den Geist der humboldtschen rung von 1999 so strikt gar nicht vorgese-
prüft, jede Vorlesung endet mit einer Universität ersetzen, um den Deutsch- hen hatte: Die Verpflichtung der Länder,
Klausur zu Semesterende, manche Pro- land weltweit beneidet wurde. „flächendeckend“ bis 2010 den europäi-
fessoren verlangen sogar zwei. Kein Geist, nirgendwo: Generationen schen Standard bis zum letzten Credit
Wer nicht besteht, muss das im nächs- verunsicherter Nichts-richtig-Könner ste- Point an ihren Universitäten umzusetzen
ten Semester nachholen. „Das geht aber hen der „Bildungsrepublik Deutschland“ – in einem Schmalspur-Studium von drei
nicht“, sagt Robert, 20, denn im nächsten (Angela Merkel) ins Haus. Ohne einen Jahren, eine „traurige Mogelpackung“,
Semester sei gar keine Zeit für so etwas. Master-Abschluss, der längst nicht allen so der Deutsche Hochschulverband. „Ver-
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HERMANN BREDEHORST / POLARIS / LAIF (L.); MARTINA HENGESBACH / JOKER / ULLSTEIN BILD (R.)
der Ruhr-Universität Bochum: „Es gibt so wenig Spielraum, das macht hier alles keinen Spaß“

murkst“, so der Hochschulexperte der anschließende Master-Studium auf ein Bologna-Reform, weiß der Generalsekre-
Grünen im Bundestag Kai Gehring, wur- Jahr verkürzt werden. Dass damit der tär der Kultusministerkonferenz Erich
den vielerorts die Studiengänge, „ver- wissenschaftliche Teil der Studiengänge Thies, ist „außer Kontrolle“ geraten, weil
schult, verdichtet, überstrukturiert“. erheblich beschädigt würde, ficht nicht „viele Hochschullehrer ihre Steckenpferde
Deutsche Universitäten, weltweit an- alle an. Schließlich, so Frankenberg, seien durchgesetzt haben“.
erkannt in der Tradition Wilhelm von die Master-Studiengänge ohnehin nicht Robert Lohmeyers Dienstag: Mathe-
Humboldts, sehen sich am Rand der für alle Studenten vorgesehen. Das ent- Vorlesung von 10 bis 12 Uhr. Dann Tuto-
Funktionsfähigkeit: Hektisch werden nun spreche, sagt der Minister, der Logik der rium „Rechenmethoden“, Besprechung
in den meisten Bundesländern die Stu- Bologna-Studiengänge. der Übungsblätter wie in der Schule. 20
diengänge erneut reformiert, um die „Stu- Da ist es wieder, das schon bekannte Leute, eine Tutorin, man darf fragen. Bis
dierbarkeit“ wiederherzustellen. Problem der deutschen Bildungs-Klein- 16 Uhr Übung „Mathe für Physiker“, das
War nicht München einmal die Hoch- staaterei: Niemand kann etwas dafür. Übungsblatt wird vom Professor erklärt.
burg von Geist und Expertise? Die beiden Kein Geist, nirgends. Danach: Leberkässemmel. Alles schwirrt
großen Universitäten der Stadt belegten „Was qualifiziert Sie eigentlich für die im Kopf. Heute keine Bibliothek.
Spitzenplätze in den Rankings. Nun hat Hochschulpolitik?“, fragte die „Frankfur- Die Arbeitsbelastung der jungen Stu-
die Technische Universität, Gewinner im ter Rundschau“ die 2008 in Hessen ins denten, spöttelt Julian Nida-Rümelin,
Exzellenz-Wettbewerb, eigenmächtig die Amt gekommene CDU-Wissenschafts- Münchner Philosophieprofessor und ehe-
seit Bologna abgeschafften Diplom-Titel ministerin Silke Lautenschläger. Die Ex- mals Gerhard Schröders Kulturstaats-
beibehalten – aus Sorge um den Ruf der Rechtsanwältin antwortete: „Für mich ist minister, sei „ein Fall für den Menschen-
deutschen Ingenieurwissenschaft. es ein spannender neuer Bereich. Ich bin rechtsgerichtshof“.
Diese Sorge wird vielerorts geteilt. In sehr neugierig und finde es schön, neue Zu viel, zu schnell: „Teilweise höhere
fast allen Ländern arbeiten die Kultus- Aufgabengebiete kennenzulernen.“ Abbruchquoten“ als vor der Bologna-Re-
bürokraten daran, ihre Universitäten vor So reden sie fast alle, denen die Nation form meldete der Bildungsbericht 2008,
Schaden zu bewahren. In Stuttgart kün- das Wichtigste anvertraut, das sie hat: „Orientierungsprobleme“, „Entscheidungs-
digte Wissenschaftsminister Peter Fran- ihre Ressourcen an klugen Köpfen. Was unsicherheiten“, „Informationsdefizite“
kenberg (CDU) an, er möchte das Bache- Wunder, dass die Wissenschaftsminister haben Humboldts Universitäten zu Toll-
lor-Studium um ein Jahr verlängern; von den Hochschulprofessoren in der Re- häusern gemacht, schon jetzt sei das Image
dafür könnte, damit es schnell geht, das gel nicht ernst genommen werden. Die der Bachelor-Abschlüsse notleidend: Die
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Berufschancen bei den Geistes- und Sozial-
wissenschaftlern seien nun noch schlechter
geworden.
Zu viel, zu schnell: Wie schon bei der
übereilten Einführung des achtjährigen
Gymnasiums haben sich die Kultusminis-
ter auch bei der Bologna-Reform der Uni-
versitäten dem Zeitgeist der Beschleuni-
gung an den Hals geworfen, ohne Kon-
zept und vernünftiges Ziel.
Aber mit System. Am Beispiel Physik
skizziert der Bamberger Bildungssoziolo-
ge Richard Münch, wie die klassische deut-
sche Bildung der Menschen durch die
„Produktion von Humankapital“ abgelöst
wurde: Die im Auftrag der OECD struk-
turierten Pisa-Standards seien für den na-
turwissenschaftlichen Unterricht an den
Schulen so gemacht, dass die jungen Leute
auf das Physikstudium hin strukturiert
werden. Dieses Physikstudium aber werde
nun mit dem Ziel der „employability“
rein praxisbezogen ausgerichtet.
Nicht mehr Humboldt, Siemens setzt
die Maßstäbe. Das Bildungssystem ist in
die Pflicht genommen, den Ausstoß von Chinesische Uni-Absolventen in Wuhan, deutscher Student im Physiklabor an der TU Chemnitz:
Ingenieuren zu vergrößern: eine Aufgabe,
die früher überwiegend abseits der klas- retische Physik studieren, einfach weil es nik etwas vormachen ließe: „Die Inter-
sischen Universitäten von den Fachhoch- spannend ist, eine „Herausforderung“? pretation von Formeln ist eine Frage der
schulen erledigt wurde. Die Weltformel? Am Wissenschafts- Philosophie“, folglich hat sie das System
Schneller und effektiver lernen: Dieser standort München wird Paula sie nicht ausgetrickst und studiert nun heimlich
Zeitgeist ist tatsächlich eher bei Unter- finden. Nicht mal die einfachsten Zahlen doch die Wissenschaft der großen Fragen.
nehmensberatern wie McKinsey denn in bekommen die mit ihrem Bologna-Stu- Jetzt macht die Studentin ihren Bache-
deutschen Wissenschaftsministerien ent- dium auf die Reihe. „Keiner kann mir er- lor-Abschluss – und hat das Gefühl, dass
standen. „Die Wirtschaft hat das mit dem klären, warum man für das Modul ‚Theo- das Kurzstudium kaum mehr bringe als
schneller Lernen doch hauptsächlich vom rie 1 Mechanik‘ an dieser Uni 9 Credit das alte Diplom-Studium bis zum Ende
Zaun gebrochen“, klagt im Münchner Points bekommt, für das gleiche Modul des Grundstudiums: „Eine Einführung in
Kultusministerium der Amtschef Josef Er- an der TU da drüben nur 8. Ich glaube, die Grundlagen – das war’s.“
hard. Und in der Tat stehen junge Deut- dieses ganze System hat keinen Sinn.“ Zu viel, zu schnell. „In sechs Semestern“,
sche der Nation als Geldverdiener und Die Wirtschaft, der die Reform dienen sagt die Grünen-Politikerin Krista Sager,
Steuerzahler im internationalen Vergleich soll, kann damit jedenfalls wenig anfan- „kann nun mal nicht der gleiche Stoff be-
relativ spät zur Verfügung. gen. „Zu eindimensional“ findet Burk- wältigt werden wie in acht bis zehn.“
Der ehemalige McKinsey-Deutschland- hard Schwenker, der Chef der Unterneh- Verantwortlich? Keiner.
Chef Jürgen Kluge tritt schon lange in mensberatung Roland Berger, „die neuen, Verantwortung lag in den Händen der
Büchern und Aufsätzen gegen den ver- verschulten Studiengänge“. Wichtig wäre Arbeitsgruppe „Fortführung des Bologna-
mufften deutschen Föderalismus an. Un- nach Ansicht des Experten „ein breites, Prozesses“ unter Beteiligung des Bun-
ternehmensberater erschrecken nicht so interdisziplinäres Angebot in bester hu- desforschungsministeriums, der Kultus-
sehr vor den Lese- und Rechenschwächen manistischer Tradition“. Humboldt eben. ministerkonferenz, der Hochschulrektoren-
der abgebrochenen Hauptschüler als vor Die europäische Universitätsreform konferenz, des Deutschen Akademischen
dem Mangel an guten Ingenieuren und gebe vor, sich an den US-Elite-Unis zu Austauschdienstes, der Studierendenschaf-
jungen Naturwissenschaftlern. orientieren. Doch dort, weiß Nida-Rüme- ten und des Akkreditierungsrats. Die aller-
„Allein in China werden jährlich rund lin, der in den USA lehrte, gilt Humboldt dings trug die Verantwortung auch nicht
600 000 Ingenieure ausgebildet – mehr als noch etwas: „Die Bachelor-Studiengänge allein, weil sie die Überwachung der neuen
alle Ingenieure, die in Deutschland in den in den USA sind länger – und sie sind Studiengänge in Deutschland abzustimmen
letzten zehn Jahren die Hochschulen ver- konsequent bildungsorientiert, nicht aus- hatte mit den europäischen Beratungs- und
lassen haben“ warnt der SPD-Abgeord- bildungsorientiert.“ Koordinierungsnetzwerken, die unter Ab-
nete Karl Lauterbach. Wenn nicht umge- Das System ist dagegen, dass Physik- kürzungen wie ENQA und ECA ein macht-
hend mehr Physiker ausgebildet werden, studenten in München zu tief graben. Das volles Schattendasein führen.
so fürchten Wirtschaftsexperten, verliert Studium der Philosophie, nicht nur nach Was die europäischen Gremienmühlen
die Bildungsrepublik den Anschluss an Nida-Rümelins Ansicht unverzichtbar, ausspucken, wird nirgendwo so perfekt
den Weltstandard der IT-Wirtschaft. die Grenzfragen der Naturwissenschaft zermahlen wie im System der deutschen
„Ich will aber nicht in die Wirtschaft“, zu verstehen, hält für die Bachelor-Aus- Kultusministerkonferenz. Vernichtend
sagt Paula. bildung zu sehr auf. Der Physikstudent, das Urteil des Kölner Politologen Fritz
Paula Reichert, 23, studiert auch Physik der an der Ludwig-Maximilians-Uni im Scharpf: „Die horizontale Selbstkoordi-
an der Münchner Ludwig-Maximilians- digitalen Uni-System Philosophievorle- nation der Länder durch Institutionen wie
Universität, und zwar Hardcore, das sungen belegen will, wird wieder ausge- die Kultusministerkonferenz“ sei „die ri-
Theoretische, das Schwierigste, nicht wie spuckt: Error. Geht nicht. gideste und innovationsfeindlichste Form
an der TU, nebenan, die sind ihr zu pra- Paula Reichert wäre keine gute Physi- der Problembearbeitung im deutschen
xisbezogen. Kann man denn nicht Theo- kerin, wenn sie sich von plumper Elektro- politischen System“.
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Deutschland

Deutschland die Instanz, die beides mit-


einander gleichberechtigt abwägt.
Wie viel aus dem gemeinsamen Steu-
ertopf die Länder abbekommen, richtet
sich nicht nach ihren Aufwendungen für
Schulen und Universitäten, sondern nach
einem komplizierten Aushandlungspro-
zess, in dem politische Paketlösungen und
Kompromisse wichtiger sind als Überle-
gungen der Bildungsreform.
Die ganze Hilflosigkeit der Länder-
politik wird aus einer Rechnung der
Mainzer Kultusministerin Doris Ahnen
(SPD) deutlich: „Das Wachstumsbe-
schleunigungsgesetz des Bundes bringt
uns als Land im Schnitt 125 Millionen
Euro Mindereinnahmen pro Jahr. Das
sind 2000 Lehrerstellen.“ Nur mit eige-
nem Finanzaufkommen, so die Erkennt-
nis des noch amtierenden Düsseldorfer
ZHOU LIXIN / IMAGINECHINA

Wissenschaftsministers Andreas Pink-


wart (FDP), „können wir Schwerpunkte

JUERGEN LOESEL
in der Bildung setzen“.
Dennoch wurde bei der Föderalismus-
reform 2006 – auf Wunsch der Mehrheit
Die Bildungsrepublik Deutschland verliert den Anschluss an den Weltstandard der Ministerpräsidenten – das Finanzie-
rungssystem zu Lasten der Schulen und
Mit welcher Akribie jede politische Bil- Zwar dürfen die 16 Föderalstaaten das Universitäten noch enger: Im Rahmen
dungsinitiative ruiniert wird, zeigt ein Geld weitgehend selbständig ausgeben, umfassender Verfassungsänderungen ver-
Blick in das Innenleben der KMK-Ent- aber bei den Einnahmen sind sie vom lor der Bund nicht nur die Rahmenge-
scheidungsmaschinerie. Da ging es in der Bund abhängig, der die ergiebigen Steu- setzgebungskompetenz für die Hochschu-
internen Beratungsunterlage RS Nr. ern erhebt. Für die Kassenwarte in der len, die Länder mussten im Gegenzug
402/2005 um das Thema der Begabten- Hauptstadt ist die Bildung kein wesent- dem Bund auch die bis dahin bestehende
förderung an den Unis. Immerhin gab es licher Rechnungsposten, denn fürs Bil- Mitverantwortung für die Finanzierung
unter diesem Aktenzeichen einen kerni- dungsbudget ist in Berlin ja niemand abnehmen. Nun konnten die Länder mit
gen Beschluss: „Die Kultusministerkon- verantwortlich, von Forschungsgeldern ihren Unis machen, was sie wollten –
ferenz nimmt mit Befremden zur Kennt- mal abgesehen. mussten es aber auch bezahlen.
nis, dass die Finanzministerkonferenz mit Nida-Rümelin, der mal in Berlin mit- Ein Sieg für den Föderalismus? Natür-
Befremden zur Kenntnis genommen hat, zureden hatte, rechnet: „Eine Weltspit- lich ist keines der 16 Länder in der Lage,
dass die Kultusministerinnen und Kultus- zen-Universität wie Yale kostet im Jahr Spitzen-Unis selbst zu finanzieren. Hoch-
minister die Spitzenförderung von Stu- 2 Milliarden. Der Bund zahlt im Jahr 80 verschuldet und noch dazu unter dem
dierenden für notwendig erachten.“ Was Milliarden Zuschüsse für die Rentenver- neu in das Grundgesetz aufgenommenem
Wunder, dass nach jahrelangen Debatten sicherung – das wären 40 Spitzen-Unis.“ Verbot, weitere Schulden aufzunehmen
um öffentliche Stipendien für Begabte Niemand würde verlangen, dass das Geld („Schuldenbremse“), schaffen es zumin-
das Projekt vorige Woche im Bundesrat für die Rentenversicherung besser für dest die ärmeren Länder schon lange
vorläufig zerredet wurde. Universitäten ausgegeben werden soll. nicht mehr, allein die bestehenden Hoch-
Hilflos stehen die Landesminister vor Allein: Es fehlt in der Bildungsrepublik schulen in Schuss zu halten.
der von ihnen hartnäckig beanspruchten Viele Universitäten können den Lehr-
Aufgabe, die deutsche Bildung zu retten. betrieb nur noch aufrechterhalten, weil
Andere Mächte sind stets stärker, der
Geist von McKinsey, die Logik des euro-
Sparsamer Staat sie die Unterrichtung von Studenten per
Lehrauftrag an mehr oder weniger quali-
Öffentliche Bildungsausgaben in Prozent
päischen Prozesses, die Wucht des von des Bruttoinlandsprodukts (BIP), 2007 fizierte Billigkräfte vergeben, die für ein
der Weltwirtschaftsorganisation OECD paar Euro im Semester die Verantwor-
ausgelösten Pisa-Schocks, die wissen- Norwegen 6,8 tung für den Anschluss der Industrie-
schaftlichen Autoritäten der Bildungsfor- Frankreich 5,6 nation Deutschland übernehmen. Ande-
schung, die der Nation Humboldts eine re, wie vergangene Woche die Uni Lü-
„empirische Wende“ verschrieben haben. Österreich 5,4 beck, müssen mit Nothilfezahlungen des
Die systematische Unterlegenheit der Bundes in letzter Minute vor der Schlie-
Länderpolitik beruht nicht in allen Fällen Großbritannien 5,4 ßung teurer Fachbereiche gerettet wer-
auf Inkompetenz, stets aber auf dem Niederlande 5,3 den. Unterfinanziert war die mit großen
Mangel an Geld. Die gesamte deutsche Worten angekündigte Bologna-Reform
Bildungspolitik ist unterfinanziert – weil USA 5,3 von Anfang an. Bundesbildungsministe-
sie in der Hand der Länder liegt. Der rin Annette Schavan hat es gleich gesagt:
deutsche Föderalismus ist schon deshalb Deutschland 4,5 „Ohne zusätzliche Mittel geht es nicht.“
eine Fehlkonstruktion, weil die Bundes- Spanien 4,4 Doch niemand fühlte sich angesprochen.
länder sich zwar als eigene Staaten mit In diesem Macht- und Finanzvakuum,
eigener Hoheitsgewalt aufführen dürfen Italien 4,3 das nach der Föderalismusreform die
– ihnen aber die entscheidende, die Fi- Quelle: Eurostat deutschen Universitäten umgab, war der
nanzhoheit fehlt. Griechenland 4,0* *2004 Geist von McKinsey plötzlich sehr will-
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kommen. Viele Länder ga- aber er will sich dabei fotografieren
ben ihre teure, neuerrunge- lassen.“
ne Verantwortung zum gu- So sehen das die Länder: Wenn der
ten Teil an die Wirtschaft Bund den 16 Inhabern der Bildungshoheit
weiter. Vorgemacht hat das etwas Gutes tun will, soll er nicht so viel
der Düsseldorfer Liberale Wind machen, sondern einfach den An-
Pinkwart, der mit allein 14 teil der Länder am gemeinsamen Um-
mittelmäßigen Universitä- satzsteuertopf erhöhen – die Minister
ten und 16 Fachhochschulen wüssten dann schon, wie sie mit dem
tatsächlich die Hauptlast Geld umzugehen haben.
der Bildungsfinanzierung Natürlich lehnt die Kanzlerin so etwas
bewältigen muss: Er setzte rundweg ab: Wenn überhaupt Geld flie-
im Landtag ein „Hochschul- ßen kann, so macht der Bund deutlich,
freiheitsgesetz“ durch, das dann nur zweckgebunden für Landespro-
den staatlichen Anstalten jekte, die sich auch auf Bundesebene poli-
auferlegte, sich die fehlen- tisch verkaufen lassen.
den Gelder etwa durch Auf keinen Fall, sagt etwa der Schwe-
Kooperationsverträge mit riner Minister für Bildung und Wissen-
Wirtschaftsunternehmen zu schaft Henry Tesch (CDU), könne man
besorgen. Denn: „Hoch- sich auf so etwas einlassen: Die „Kofi-
schulen sind zwar keine Un- nanzierung“ konkreter Bildungsmaßnah-

QUIRIN LEPPERT
ternehmen, müssen aber men durch Bund und Länder „bindet zu
weit unternehmerischer ge- viele Mittel im Landeshaushalt“, da bleibt
führt werden als bisher.“ den Ländern ja kaum noch eigener Hand-
Das sieht nicht nur Pink- Physikabsolventin Reichert: „Ich will aber nicht“ lungsspielraum. Auch Teschs SPD-Kolle-
wart so. Zahlreiche Unis in gin Ahnen in Mainz sieht in solch zweck-
Deutschland wurden auf diese Weise aus dern befristete Zuschüsse zur Vermehrung gebundenen und befristeten Dreingaben
der Finanzverantwortung der Länder- der Studienplätze zu geben. Nun haben des Bundes „auf Dauer keine Lösung“.
ministerien befreit: „Die deutsche Wirt- sich die Länder in Berlin eine Verlänge- Als die Föderalismusreformkommis-
schaft ist dabei, ihren Einfluss auf die rung der Zahlungen erbettelt. sion 2007 darüber diskutierte, die kom-
Hochschulen massiv auszuweiten“, mel- Vollends in Verlegenheit hat Kanzlerin plizierte deutsche Finanzverfassung zu
dete das „Handelsblatt“. Überall wurden Merkel die 16 Inhaber der bildungspoliti- vereinfachen, warnte der Kommissions-
gesetzlich teilweise extern besetzte schen „Kernkompetenz“ (KMK) auf dem berater und Verfassungsrechtler Joachim
„Hochschulräte“ eingesetzt, oft mit weit- Bund-Länder-Bildungsgipfel 2008 ge- Wieland davor, den Ländern Kompeten-
reichenden Kompetenzen bis hin zur bracht. Eigentlich gibt es auf einem sol- zen für die Bildung „ohne aufgabenge-
Wahl des Uni-Präsidenten. An Paula Rei- chen Gipfel mangels Bundeskompetenz rechte Finanzausstattung“ zu geben.
cherts Uni sitzt beispielsweise Nikolaus nichts zu besprechen, aber die Kanzlerin Doch die Warnung blieb ungehört.
von Bomhard, der Chef der Munich Re, machte ein Angebot, das die Länder nicht Dabei ist die Abschottung der Schul-
im Hochschulrat, nebenan an der TU ist ablehnen konnten: Bis zum Jahr 2015 soll- und Universitätspolitik von den staat-
es BMW-Chef Norbert Reithofer. Über ten alle in einer gemeinsamen Kraftan- lichen Finanzquellen ein deutsches Uni-
die Uni Karlsruhe hält Daimler-Chef Die- strengung den Anteil der Bildungsausga- kum. In keiner anderen Föderation der
ter Zetsche seine Hand. ben auf zehn Prozent des Bruttoinlands- Welt, so ergab eine vergleichende Unter-
Doch an den Unis wächst die Wut dar- produkts (BIP) steigern. suchung des hannoverschen Föderalis-
über, dass sich Länder ihre so trotzig er- Dagegen war kaum anzugehen: Die öf- musexperten Hans-Peter Schneider, ha-
rungene Macht über die höhere Bildung fentlichen und privaten Ausgaben für Bil- ben die Gliedstaaten „weniger Einfluss
auf diese Weise veruntreuen: „Ohne uni- dung und Forschung sind in den vergan- auf die Gestaltung des Steuerrechts und
versitäre Sachkompetenz“ mischten sich genen Jahren deutlich unterproportional der Steuerverteilung als in Deutschland“.
Externe in Forschung und Lehre ein, zum Anstieg des BIP gewachsen, der An- Wie es anders gehen könnte, das will
zürnten die Rechtsprofessoren der Frank- teil lag 2008 bei 8,6 Prozent. Allein bei in der Mega-Föderation USA jetzt Präsi-
furter Goethe-Universität. Und der Ham- den öffentlichen Bildungsausgaben lag dent Barack Obama zeigen: Weil von ei-
burger Kollege Michael Köhler hat Ver- Deutschland 2007 sogar nur bei 4,5 Pro- nigen Bundesstaaten die pädagogische
fassungsbeschwerde erhoben, weil er zent – ganz weit hinten. Post-Pisa-Wende bisweilen ebenso zöger-
durch die Auslieferung der Uni an die Seit dem Herbst 2008 arbeitet eine von lich umgesetzt wird wie in Deutschland,
Wirtschaft die grundrechtlich garantierte Bund und Ländern beschickte „Strate- will er von oben herab die Umsetzung
Wissenschaftsfreiheit verletzt sieht. giegruppe“ daran, die Zahlungskonditio- der nationalen Bildungsvorgabe an den
Die prekäre Lage der Bildung wurde nen auszuhandeln. Im Gespräch ist eine Schulen mit finanziellen Belohnungen für
von den Ländern noch mutwillig ver- Summe von 13 bis 16 Milliarden Euro. jene Staaten, deren Schulen gute Ergeb-
schärft, indem sie bei der Föderalismus- Hessens Kultusministerin Dorothea nisse bringen. Umgekehrt bekommen die
reform ein finanzielles Kooperationsver- Henzler (FDP) zum Beispiel steht aber Verliererstaaten Strafabzüge. Wettbe-
bot mit dem Bund ins Grundgesetz auf- auf dem Standpunkt, ihr Land müsse gar werbsföderalismus auf Amerikanisch.
nehmen ließen: Ein bildungspolitischer nichts mehr beitragen: „Unser Finanz- Für den Verfassungsexperten Wieland
„crash“ (Schavan). minister sagt, Hessen hat das Zehn-Pro- ist klar, „dass an einer verstärkten Finan-
Weil dieser verfassungsrechtlich eher zent-Ziel längst erreicht.“ zierung der Bildungsaufgaben durch den
lächerliche Föderalradikalismus nicht Zerstritten ist die Kommission aller- Bund“ auch in Deutschland „kein Weg“
durchzuhalten war, einigten sich Bund dings weniger wegen der eigensinnigen vorbeiführe. Denn die Alternative, den
und Länder alsbald darauf, das mühsam Rechner in der Provinz als wegen ei- Ländern eigene ergiebige Finanzquellen
in die Verfassung geboxte Spendierverbot ner Grundsatzfrage, die der Münchner mit einem eigenen Steuererhebungsrecht
ein bisschen zu umgehen: Im „Hochschul- Amtschef Erhard so beschreibt: „Der zu erschließen, wurde schon in der Föde-
pakt“ verpflichtet sich der Bund, den Län- Bund ist gern bereit, Geld zu geben, ralismuskommission von der Mehrheit der
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Deutschland

Länder abgelehnt: Das könnte, so die Be- Humboldt nach Berlin: Weil der Alte es
fürchtung, wegen der unterschiedlichen Später Abschluss geschafft hat, die Bildung in Preußen zur
Finanzkraft zu einem ruinösen Wettbe- Abschlussalter von Hochschulabsolventen Chefsache zu machen, zur königlichen
werb im Bundesstaat führen. 2007 Staatsangelegenheit, konnte seine Bil-
Gerade in den armen östlichen Bun- Deutschland 24 bis 26 Jahre dungsidee zum Welterfolg werden. Nichts
desländern hat darum ein Nachdenken anderes sollte für die Bildung in der Bun-
eingesetzt, notfalls per erneuter Verfas- Österreich 22 bis 24 desrepublik gelten, die nach dem Krieg
sungsänderung Kompetenzen gegen Geld – zum Glück – nur dieses eine von den
an den Bund zu geben. Mecklenburg-Vor- Griechenland 22 bis 23 Preußen übernehmen konnte: Den Geist
pommerns SPD/CDU-Regierung verweist Norwegen 22 bis 23 der humboldtschen Bildungsidee, die Bil-
gern darauf, dass das strukturschwache dung nicht dem Gemeinwohl unterwarf,
Land schon 2006 bei der Föderalismus- Italien 23 sondern selbst zum Gemeinwohl, zum
reform im Bundesrat gegen die Über- Selbstzweck erhob. Der Bund als Nachfol-
nahme exklusiver Bildungskompetenzen Niederlande 21 bis 23 ger der Preußischen Bildungsnation, ver-
gestimmt habe. Heute wäre es wohl die gleichsweise mächtig und vergleichsweise
Mehrheit der Länder. Frankreich 20 bis 23 reich, muss die Verantwortung für die Bil-
Und der derzeitige Schweriner Bil- USA 22 dung und deren Finanzierung übernehmen.
dungsminister Tesch ist, bei allem Miss- Humboldt reloaded – es könnte ein
trauen gegen Bundeszuschüsse, „bereit, Großbritannien 20 bis 22 erneuter Welterfolg werden. Die Idee
Kompetenzen abzugeben, wenn es den stammt weder von der KMK noch von
Ländern hilft. Man muss nur sehr genau Spanien 20 Quelle: OECD der Bundesbildungsministerin, sie kommt
sehen, wie das gehen soll“. Bis dahin ver- von weit her.
schanzt sich der erfahrene Pragmatiker dungsidee in der Hand der rückständigen Liu Xiaofeng heißt der Mann, ein ein-
hinter diplomatischen Formeln: „Schrei- Militärmacht in Berlin den Weg in die In- flussreicher Pekinger Bildungspolitiker.
ben Sie: Bund und Länder können ge- dustrialisierung, zu Wohlstand und Macht Er hat kürzlich vorgeschlagen, im roten
meinsam mehr.“ öffnete? Reich Latein und Altgriechisch zu unter-
Ist die Bildungsrepublik Deutschland „Was ist einer Gesellschaft wichtig?“: richten – ganz im Geiste Humboldts. Ho-
noch zu retten? Das sei die Gretchenfrage, sagt der Kul- mer, Platon, Caesar und Cicero, alles soll
„Humboldt neu denken“, fordert Bun- turpolitiker Nida-Rümelin. Welchen Stel- drankommen. Nur wer die geistigen Wur-
desbildungsministerin Schavan. Vielleicht lenwert eine Gesellschaft der Bildung ein- zeln des Abendlands begreift, so legt der
würde es ja reichen, die alten Lehren zu räumen will, könne nicht in München und Professor nahe, kann es überholen.
beherzigen. War es nicht der preußische nicht in Erfurt, das müsse national ent- Die Deutschen sollten Humboldt be-
Reformer, der mit nichts als einer Bil- schieden werden. herzigen, bevor es andere tun. �