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Reader zur

Kampagne gegen
Abschiebungen, Abschiebeknäste und
Abschiebelager

September 2002
Inhalt

Vorwort: Ein "read-me" zur bundesweiten Kampagne


Aufruf zur Kampagne gegen Abschiebungen, Abschiebeknäste und Abschiebelager

Teil I: Abschottung und Diskriminierung


Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft
(S. Dünnwald, Bayerischer Flüchtlingsrat)
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore
(B. Mesovic, Pro Asyl
Rechtlos im Niemandsland
(Thomas Assheuer, aus: Die Zeit)

Teil II: Abschiebehaft


Was ist das eigentlich: Abschiebehaft?
(Initiative gegen Abschiebehaft, Berlin)
Geschichte der Abschiebehaft
(Abschiebehaftgruppe Leipzig)
Die Abschiebehaft in der Praxis
(aus: H. Heinhold, Abschiebungshaft in Deutschland)

Teil III: Abschiebelager


Was sind eigentlich "Ausreisezentren"?
(res publica, München)
Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik
(S. Kreusel, Flüchtlingsrat Niedersachsen)
Intention eines "Modellversuchs"
(Martini-Emden, Leiter der Clearingstelle Flugabschiebung und Passbeschaffung)
Ohne Bürgerrechte bleibt nur das nackte Leben
(Interview mit Giorgio Agamben, aus: Jungle World)

Anhang:
Statistik der Luftabschiebungen 2001
Literaturtipps, Links und Adressen der beteiligten Gruppen
Aufruf zur Kampagne

Vorwort: Ein "read-me" zur Kampagne gegen


Abschiebungen, Abschiebeknäste und Abschiebelager
letztmögliche Eingriffsversuch, Flüchtlinge und Migran-
Abschiebungen – wieso? tInnen vor Ausgrenzung und Abschiebung zu schützen.
Viele Menschen werden gegen Abschiebungen aktiv, Dieses solidarische Engagement muss durch eine flankie-
wenn es um ihnen bekannte Familien oder Personen geht. rende Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden. Nur so kann
Andere unterstützen Bleiberechtskämpfe von Flüchtlingen. die eigentliche Intention unserer Arbeit, die Kritik der Ab-
Sie leisten dies meist unter großem Aufwand und zeitli- schiebungen, der Abschiebehaft und der Abschiebelager
chem Engagement, oft mit zivilem Ungehorsam. Die For- insgesamt und die Forderung nach Zuständen, in denen sie
derung nach einem generellen Ende aller Abschiebungen überflüssig wären, transportiert werden.
wird jedoch nur selten vertreten. Denn letztlich wird von Unsere Öffentlichkeitsarbeit beschränkt sich bisher über-
vielen akzeptiert, dass der Staat bestimmten Personen das wiegend auf den lokalen Bereich und stützt sich oft auf
Recht, hier zu leben, gewähren oder verweigern darf. Die- extreme “Einzelfälle”, um überhaupt Gehör zu erlangen.
ser entscheidet, nur die “Nützlichen” herein zu lassen und Doch sie ist überregional kaum wahrnehmbar und hat auf
alle “Unerwünschten” wieder loszuwerden. Darüber hin- Haftanordnungen, Vollzugsbestimmungen und Abschie-
aus maßt er sich an, festzulegen, wer schutzbedürftig ist bungen (oder gar deren Aussetzung) bisher nur geringen
und wer nicht. Mit dem Einsatz von Militär zur Flücht- Einfluss.
lingsabwehr erklären die Abschottungsstrategen den Unser erster Schritt auf einem noch unbestimmten Weg ist
Flüchtlingen den Krieg. die Schaffung von Öffentlichkeit. Öffentlichkeit deshalb,
Wir sind nicht bereit, in dieser Logik zu denken. Wir spre- weil die Praxis der Abschiebelager und deren Stellung in
chen den europäischen Regierungen grundsätzlich das der Abschottungspolitik noch nicht hinreichend bekannt ist
Recht ab, ihre (und unsere) Privilegien um jeden Preis zu und alle bisherigen Initiativen politischer Gruppen zur
verteidigen. Skandalisierung der Abschiebehaft nicht gefruchtet haben.
Aus der bundesweiten Vernetzung von Abschiebehaft- Abschiebehaft und Abschiebelager sollen nicht weiter ver-
gruppen entstand die Idee zu einer Kampagne gegen Ab- schwiegen werden können, sondern zu einer öffentlichen
schiebehaft und Abschiebungen. Denn wir wollen nicht Angelegenheit werden. Wir wollen die menschenunwürdi-
auf halbem Wege stehen bleiben und lediglich die Ab- gen und menschenrechtswidrigen Zustände, unter denen
schaffung der offensichtlichsten und brutalsten inländi- Flüchtlinge in Deutschland leiden, öffentlich anprangern.
schen Abschottungseinrichtungen – der Abschiebeknäste – Dadurch können wesentlich mehr Menschen dazu bewegt
fordern. Noch in der Planung begriffen, fusionierte diese werden, sich über Abschiebehaft und Abschiebelager zu
Idee mit Plänen zur Skandalisierung der neuen Abschie- empören und zu ihrer Abschaffung beizutragen.
belager (euphemistisch: “Ausreisezentren”) im Zusam-
menhang von kein mensch ist illegal. Denn der Kontext ist
klar: Mit der Aufnahme der Abschiebelager in das rot- Gebrauchsanweisung
grüne Schein-Einwanderungsgesetz, die ihre Aufwertung Die Kampagne gegen Abschiebungen, Abschiebeknäste
vom Modellprojekt zur bundesweiten Institution mit sich und Abschiebelager bietet ein breites Dach für alle, die
bringt, steigt einerseits der Bedarf nach Informationen und sich mit deren Motto und Hintergrund identifizieren kön-
folgt andererseits die Notwendigkeit des überregionalen nen. Durch die Verwendung des gemeinsamen Slogans,
Widerstands. Denn Abschiebelager erweitern den staatli- der Logos, der Plakate und insbesondere der Inhalte wer-
chen Zugriff auf Flüchtlinge und MigrantInnen, um sie den die vielfältigen Aktionen lokaler Gruppen und Initiati-
effizienter abschieben zu können. In das europäische Sys- ven in einem einheitlichen Zusammenhang wahrnehmbar.
tem des Wegsperrens und der Kontrolle von MigrantInnen Sorgen wir mit dezentralen, zeitgleichen, in unregelmäßi-
hält damit eine neue Form des Lagers Einzug, die als Er- gen Abständen folgenden Aktionen für Lärm, um Ab-
gänzung der Abschiebehaft einen weiteren staatlichen schiebehaft und Abschiebelagern Prominenz zu verschaf-
Zwangsapparat etabliert. fen! Prominenz als das, was sie sind: Kernstücke einer
Politik des Ausschlusses und der sozialen Stigmatisierung
von Flüchtlingen und MigrantInnen. Den kreativen Aktio-
„Abschiebehaft und Abschiebelager nen sind keine Grenzen gesetzt. Ob Demos, Blockaden,
gehören abgeschafft“ – nur wie? symbolische Aktionen, Veranstaltungen, etc. direkt an
und/oder in Abschiebeknästen und Abschiebelagern,
Die Abschiebehaft- und Abschiebelagergruppen verbindet
Amtsgerichten, Ausländerbehörden, Flughäfen und In-
trotz der teils unterschiedlichen Herangehens- und Sicht-
nenministerien oder Informationsveranstaltungen für die
weisen dasselbe Problem: Die notwendige Präsenz in den
breite Öffentlichkeit: Alle Aktionen, die sich gegen die
Gefängnissen und Lagern vor Ort nimmt die Kapazitäten
Politik der Fernhaltung, Aussonderung, Überwachung und
nahezu vollständig in Anspruch, so dass für eine politische
Abschiebung von Flüchtlingen und MigrantInnen und die
Öffentlichkeitsarbeit kaum mehr Zeit bleibt. Die Unter-
lange Kette der Verantwortlichen richten, haben Platz in
stützung der Inhaftierten bzw. der Insassen ist oft der
der Kampagne.

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Aufruf zur Kampagne

Aufruf zur Kampagne gegen


Abschiebungen, Abschiebeknäste und Abschiebelager

Abschottung & Ausgrenzung


Flüchtlinge und MigrantInnen werden in Europa mit einem nommene Opfer einer brutalen Abschiebepraxis. Diese hat
repressiven System konfrontiert. Deutschland will sich auch innerhalb des neuen “Zuwanderungsgesetzes” ihren
lediglich den erwünschten ArbeitsmigrantInnen im Sinne Platz: In Zukunft soll es nicht weniger, sondern mehr Ab-
der Standort-Logik des “Zuwanderungsgesetzes” bedingt schiebungen geben.
öffnen. Doch weiterhin gilt: Wer die technologisch und
militärisch hochgerüsteten Außengrenzen der EU über-
wunden hat, trifft auf deren Verwandte im Landesinneren. Abschiebehaft
Nicht territoriale, sondern sozial bestimmte Grenzen Der Begriff ”Abschiebehaft” spricht in der Verbindung
durchsetzen das Innere des Landes mit einem dichten von ”Abschiebung” und ”Haft” für sich. Denn allein zur
Kontrollnetz. Sie treffen Menschen, die aufgrund äußerli- Ermöglichung der Abschiebung von nicht aufenthaltsbe-
cher Kriterien als nicht deutsch kategorisiert werden. rechtigten Flüchtlingen und MigrantInnen nimmt man ih-
Flüchtlinge und MigrantInnen müssen ständig mit “ver- nen die Freiheit. In der Logik von Ausländerbehörden,
dachtsunabhängigen” Kontrollen auf öffentlichen Plätzen, HaftrichterInnen und Polizei sind abgelehnte Asylbewer-
Straßen und im Umfeld von Bahnhöfen rechnen. Sie wer- berInnen, aussortierte ArbeitsmigrantInnen oder ehemals
den durch zahlreiche, gesetzlich fixierte Sonderbehandlun- geduldete Bürgerkriegsflüchtlinge nur eins: potentielle
gen stigmatisiert und isoliert. Beispielsweise dürfen ”Illegale”, die sich vermutlich der Abschiebung entziehen
Flüchtlinge den ihnen zugewiesenen Landkreis nicht ver- wollen.
lassen. Viele sind in Sammelunterkünften untergebracht, Was aus behördlicher Sicht ein Akt der Verwaltung ist, ist
in denen sie durch das sogenannte Sachleistungsprinzip für die betroffenen Menschen fatal: Der Freiheitsentzug ist
bevormundet werden. Auch wer eine Wohnung hat, be- für sie nicht nachvollziehbar. Sie erleben ihn als Ein-
kommt in vielen Bundesländern statt Bargeld Gutscheine, schüchterungsversuch und als Bestrafung für ihr bloßes
Chip-Karten oder Lebensmittelpakete. Im Ausländerzent- Dasein. An ihrer Abschiebung in das Land, das sie aus Not
ralregister sind alle notiert, deren Herkunft nicht deutsch verließen, sollen sie unter Haftbedingungen mitwirken.
ist. Diese Stichpunktliste ließe sich lange fortsetzen – Ab- Tun sie das nicht, bleiben sie im Gefängnis. Die er-
schiebehaft und Abschiebelager reihen sich ein in den dis- schwerte Kontaktaufnahme nach draußen isoliert sie. Die
kriminierenden Umgang mit unerwünschten Menschen. Wahrnehmung ihrer Rechte, sei es auch nur das der Haft-
beschwerde, ist meist nicht möglich, da sie eine anwaltli-
che Unterstützung nicht finanzieren können. Revolten und
Abschiebungen Hungerstreiks sind die drastischsten, aber regelmäßig vor-
Wesentlicher Baustein der deutschen Migrationspolitik ist kommenden Versuche, aus der Gefangenschaft zu ent-
die Abschiebepraxis. Jährlich werden über 50 000 Men- kommen, auf ihre Situation aufmerksam zu machen und
schen aus Deutschland abgeschoben, die meisten von ih- gegen die zermürbende Ungewissheit zu protestieren.
nen per Flugzeug. Das sind jeden Tag 130 bis 140 Men- Doch häufig zieht der Aufenthalt in der Abschiebehaft
schen, die in die Situation zurückgezwungen werden, vor weniger sichtbare Begleiterscheinungen nach sich: Suizid-
der sie geflohen sind: Bürgerkrieg, ethnische oder sexisti- versuche, Depressionen, Schlaflosigkeit, Stress, Dauermü-
sche Unterdrückung, politische Verfolgung, fehlende Le- digkeit oder Angstzustände.. Denn am Ende wartet auf die
bensgrundlagen und -perspektiven. Wir halten dagegen: Abschiebehäftlinge nicht die Entlassung, sondern die Ab-
alle Menschen haben das Recht, selbst zu bestimmen, wo schiebung ins Herkunftsland. Wann und ob das geschieht,
und wie sie leben wollen. bleibt für die Insassen in der Regel nicht absehbar – ein
Abschiebungen werden häufig durch BGS-Beamte oder Zustand, der bis zu eineinhalb Jahren andauern kann. Seit
private Sicherheitsdienste begleitet, die auch bereit sind, 1993 haben sich bereits 99 Menschen angesichts ihrer dro-
Gewalt anzuwenden, um die Abschiebung zu erzwingen. henden Abschiebung aus Deutschland das Leben genom-
Wer sich wehrt, wird geschlagen, geknebelt und mit Psy- men oder starben bei dem Versuch, vor der Abschiebung
chopharmaka ruhiggespritzt. Dabei sind im Zusammen- zu fliehen, davon 45 in der Abschiebehaft. Abschiebehaft
hang mit Abschiebungen aus Deutschland bereits mehrere ist ein derart massiver Eingriff in die Freiheitsrechte und
Menschen getötet worden. Die Täter und die zuständigen die Integrität von Menschen, dass sie ersatzlos abgeschafft
Behörden wurden bisher nicht belangt, das Abschiebesys- werden muss.
tem nicht in Frage gestellt. Die toten und misshandelten
Flüchtlinge und MigrantInnen sind bewusst in Kauf ge

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Aufruf zur Kampagne

Abschiebelager Vertrauensverhältnisse durch Einbeziehung selbst von


SozialarbeiterInnen als Spitzel, die totale Beschäftigungs-
Als Ergänzung zur Abschiebehaft findet in Deutschland losigkeit und zermürbende Kontrollmechanismen wie re-
zur Zeit eine neues Modell von Zwangsmaßnahmen gegen gelmäßige Meldeauflagen und Verhöre, weitestgehende
Flüchtlinge Verbreitung: Abschiebelager, die verharmlo- Beschränkung des legalen Bewegungsradius und Haftstra-
send “Ausreisezentren” genannt werden. Dort werden fen als Folge von Sonderstraftatbeständen. Die offizielle
Flüchtlinge festgehalten, die aufgrund fehlender Papiere Behauptung von Regierungsseite, die “Ausreisezentren”
nicht abgeschoben werden können. Mit der unbefristeten wären eine Alternative zur Abschiebehaft, erweist sich als
Zwangseinweisung in Abschiebelager werden die betrof- nicht zutreffend, denn noch kein Bundesland hat nach Ein-
fenen Flüchtlinge aus ihrem sozialen Zusammenhang he- führung der Abschiebelager die Abschiebehaft abge-
rausgerissen, verlieren ihre Arbeit und müssen Wohnung schafft. Statt dessen dienen die Abschiebelager dazu, die
und Freunde verlassen. Damit sollen sie zur “Mitwirkung” Repressionsmöglichkeiten zur “Mitwirkung” bei der eige-
an ihrer eigenen Abschiebung gezwungen werden. nen Abschiebung oder Vertreibung auf eine immer größere
Nach den Erfahrungen mit bereits bestehenden Modellver- Zahl von Flüchtlingen auszuweiten. Aktuelle Entwicklun-
suchen in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein- gen in einigen Bundesländern zeigen, dass immer mehr
Westfalen und Sachsen-Anhalt ist nicht die massenhafte Flüchtlinge diesem neuen Lagerregime unterworfen wer-
Durchsetzung der “Ausreisepflicht”, sondern die massen- den.
hafte Illegalisierung von Flüchtlingen das Hauptergebnis
der Abschiebelager. Während durchschnittlich etwa zehn
Prozent der Flüchtlinge abgeschoben oder zur sog. “frei-
willigen” Ausreise gezwungen werden konnten, wurde fast
Wir wenden uns entschieden gegen das Universum der
die Hälfte in die Illegalität getrieben.
Lager und Knäste in Deutschland und Europa, das
In den bestehenden Abschiebelagern wird offensiv mit
Ausdruck einer Politik sozialer Apartheid ist. Für
psychischem Druck und Kriminalisierung gearbeitet, um
Freizügigkeit und Selbstbestimmung überall!
die Betroffenen, so die offizielle Formulierung, in eine
“Stimmung der Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit” zu
versetzen. Der Katalog von Repressionsmaßnahmen um-
fasst den völligen Entzug von Geld und Verdienstmög-
lichkeiten, die Zerstörung jeglicher Privatsphäre und der

Beteiligt Euch an der Kampagne


gegen Abschiebungen, Abschiebehaft und Abschiebelager!
Zum Auftakt rufen wir dazu auf, am 02.11.02 einen “Tag der offenen Türen” zu begehen! Haltet euch auf
dem Laufenden unter www.abschiebehaft.de, unterstützt Initiativen und Gruppen vor Ort und steht damit
ein gegen Abschiebungen, Abschiebeknäste und Abschiebelager!

Termine und Ankündigungen unter www.abschiebehaft.de

Die Informationsmaterialien zur Kampagne gegen Abschiebungen, Abschiebeknäste und Abschiebelager: Plakate, Flugblätter,
Aufkleber, etc. sind zu beziehen über:

Vernetzung der Abschiebehaftgruppen


c/o Flüchtlingsrat Leipzig
Sternwartenstraße 4
04103 Leipzig
Tel: 0341 – 25 77 242

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Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft

Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft


von Stephan Dünnwald

Im neuen Gesetzesentwurf der Rot-Grünen Bundesregie- vorläufig letzte Phase einer Tradition, Migranten bevor-
rung zur Zuwanderung ist die Einrichtung von Ausreise- zugt in Lagern oder lagerähnlichen Wohnformen unterzu-
zentren geplant. In einigen Bundesländern sind solche bringen. So schreibt Mathias Beer im Artikel ‚Lager als
Zentren schon eingerichtet und erprobt worden, deren Ziel Lebensform in der deutschen Nachkriegsgeschichte':
es ist, "die Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise zu för- "Als Flüchtlinge und Vertriebene die Lager nach Jahren
dern und die Beschaffung von Heimreisedokumenten zu verlassen konnten, folgten nicht selten Obdachlose, Räu-
beschleunigen" (Pressestelle Bundesministerium des Inne- mungsschuldner und ‚Asoziale', aber auch ‚Gastarbeiter'
ren). Wieder mal ein neues, euphemistisch umschriebenes als Bewohner. Bis in die Gegenwart kamen weitere Lager-
Abschreckungsinstrument. Mit den sogenannten Ausreise- arten hinzu. Spätestens die brennenden Asylbewerber- und
einrichtungen entstehen wieder neue Lager in Deutsch- Aussiedlerunterkünfte der neunziger Jahre erinnerten dar-
land, in denen ein Teil der Bevölkerung auf entwürdigende an, dass in Deutschland nach wie vor Menschen in Lagern
Weise einer Sonderbehandlung unterworfen wird, ausge- leben." (Beer 1999: 59)
schlossen von der Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Le-
ben zu führen, separiert von der "normalen" Wohnbevöl- Die Asylbewerberlager, die Anfang der 90er Jahre großes
kerung. Der Begriff des Lagers ruft hässliche Assoziatio- Aufsehen erregten, sind also keineswegs eine neue Er-
nen an nationalsozialistische Zwangsarbeits-, Konzentrati- scheinung. Angesichts der Pläne zur bundesweiten Ein-
ons- und Vernichtungslager hervor. Mit der Gründung der richtung von Ausreisezentren bietet es sich an, die Lager-
Bundesrepublik schworen die politisch Verantwortlichen unterbringung von Flüchtlingen mit allen bislang bekann-
alles zu tun, dass sich die Geschichte nicht wiederhole. ten Konsequenzen als eine traditionelle Form des Um-
Doch auch für die Bundesrepublik sind Lager kennzeich- gangs mit Migranten einzustufen. Es soll damit gezeigt
nend. Wenn nun neue Lager geplant werden, lohnt ein werden, welche besonderen Bedingungen sich aus der
Blick in die Geschichte der Bundesrepublik, um die Kon- Unterbringungsform Lager für die Bewohner, aber auch
tinuität wahrzunehmen, mit der auch in der jüngeren Ver- für die benachbarte Wohnbevölkerung ergeben. Dies soll
gangenheit Migrantinnen und Migranten in Lager gesteckt unter dem Vorzeichen einer Kontinuität betrachtet werden,
wurden. in der die Unterbringung in Lagern nur zum Teil eine Re-
aktion auf Notwendigkeiten, vor allem auch Ausdruck der
Kontinuität einer Unterbringungs- bewusst in Kauf genommenen oder gewollten Separierung
und Exklusion der Migranten von der Gesellschaft ist.
form Der Begriff Lager weckt, denkt man an die Lager der NS-
Die verstärkte Asylzuwanderung Anfang der 90er Jahre Zeit, ausgesprochen negative Assoziationen. Doch auch in
wurde in der Bundesrepublik als Problem wahrgenommen, den Jahrzehnten vor wie nach der NS-Zeit verbindet sich
auf das mit der forcierten Unterbringung von Asylsuchen- weder mit dem Begriff noch mit den darunter gefassten
den in provisorischen Unterkünften, Baracken und Contai- Unterkünften etwas Positives. Lager besitzen nach Anne
nerlagern reagiert wurde. Durch Brandanschläge auf diese von Oswald und Barbara Schmidt folgende allgemeine
Unterkünfte und ihre Bewohner und die bei der Errichtung Merkmale:
entstehenden Schwierigkeiten mit der Nachbarschaft die- "sie sind ein provisorisches, schnell und billig zu errich-
ser Unterkünfte, aber auch die daran geknüpften politi- tendes Massenquartier; die typische Behausung im Lager
schen Debatten um eine Einschränkung des Asylrechts ist die Baracke. Das Leben im Lager ist durch räumliche
wurde das Thema der Asylzuwanderung wieder in der Enge und niedrigen Komfort charakterisiert. Es wird ge-
öffentlichen Diskussion präsent. Die Unterkünfte oder kennzeichnet durch Isolation nach außen und eine
Lager bekamen eine Schlüsselrolle in der Diskussion um zwangsweise Vergesellschaftung nach innen, die sich in
Asylrecht und Asylpolitik, führten sie doch den Bewoh- der Einschränkung oder dem Verlust von Privatsphäre und
nern der Bundesrepublik lokal und weithin sichtbar die einem umfassenden formellen Reglement niederschlägt"
Präsenz von Flüchtlingen vor Augen. (von Oswald/Schmidt 1999:184).

Tatsächlich waren die Unterkünfte für Asylsuchende An- All dies ist wenig geeignet, dem Lager positive Seiten ab-
fang der neunziger Jahre keine neue Einrichtung, sondern zugewinnen. Der Begriff soll trotzdem verwendet werden.
ihre Existenz reichte in den Beginn der achtziger Jahre Zum einen, weil seine Bestimmung auf Asylbewerberun-
zurück, seit es zum ersten Mal eine nennenswerte Asylzu- terkünfte zutrifft (1), zum anderen, um die Vergleichbar-
wanderung in die Bundesrepublik gegeben hatte. Die La- keit mit anderen Unterbringungsformen für Migranten und
gerunterbringung von Asylsuchenden ist allerdings nur die Flüchtlinge in der Geschichte der Bundesrepublik heraus-

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Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft

zustellen. Im Vergleich beschränke ich mich auf die Un- baracken, in denen Vertriebene, Evakuierte und Flüchtlin-
terbringung von ‚Gastarbeitern' in den 50er und 60er Jah- ge untergebracht waren, firmierten nicht von ungefähr
ren und die Unterbringung von Asylsuchenden in den unter dem Schlagwort der ‚Schandfleckbeseitigung'" (von
90ern. Viele andere Formen des Lagers bleiben daher un- Oswald/Schmidt 1999: 187). Das Ministerium weigerte
berücksichtigt. sich jedoch, dafür Bundesmittel zur Verfügung zu stellen,
weil die Versorgung deutscher Staatsangehöriger mit fes-
Zwischen Notbehelf und Abschre- ten Wohnungen Priorität genoss. Stattdessen unterstützte
ckung: das Lager als Provisorium die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslo-
senversicherung den Bau von Unterkünften durch Darle-
Aus unterschiedlichen Gründen heraus war die Unterbrin- hen, weil italienische Stellen gegen die Zustände in den
gung von Arbeitsmigranten, den sogenannten ‚Gastarbei- Unterkünften mancher Firmen protestierten. Eine deutliche
tern' in den 50er und 60er Jahren sowie die Unterbringung Unterscheidung im Standard zwischen "Wohnheimen" für
von Asylsuchenden in den 90ern eine jeweils zu Anfang deutsche Arbeitskräfte und "Unterkünften" für ausländi-
höchst provisorische Angelegenheit. In beiden Fällen sche Arbeitnehmer blieb bis Anfang der siebziger Jahre
spielt dabei die Notwendigkeit der schnellen Unterbrin- gewahrt. Damit deutet sich, wie von Oswald und Schmidt
gung einer großen Zahl von Einwanderern eine Rolle. Für schreiben,
die Unterbringungsweise und vor allem die Kontinuität der "eine Kontinuität der diskriminierenden Unterbringungs-
Lagerunterbringung ist dies ein wichtiger, aber letztlich politik gegenüber Ausländern und Ausländerinnen der
nicht ausschlaggebender Faktor. Als solche erweisen sich vorangegangenen Jahrzehnte an, wenn etwa der Vizepräsi-
hinsichtlich der Arbeitsmigranten die Vermeidung von dent der Bundesanstalt im Oktober 1960 darlegte, bei den
Unterbringungskosten, bezüglich der Asylsuchenden die Unterkünften solle ‚der Heimcharakter nicht überbetont
unter dem Begriff der "Abschreckung" zusammenzufas- werden. Eine mittlere Ausstattung der Heime genüge, da
senden Maßnahmen, den Aufenthalt für Flüchtlinge in die Ausländer keine allzu großen Ansprüche stellten'" (von
Deutschland möglichst abweisend zu gestalten. Oswald/Schmidt 1999: 189).
Während also die Arbeitgeber sich weigerten, für eine bes-
sere Unterbringung zu sorgen, hielten sich die Behörden
"Wenn deutsche Wirtschaftswun- mit Auflagen zurück. Auch Kontrollen, ob die Mindestan-
der-Rekruten in solch armseligen forderungen an Unterkünfte wenigstens eingehalten wur-
den, waren eher die Ausnahme. So konnte es geschehen,
Zimmern hausen müssten" (2) – dass die Richtlinien in vielen Fällen drastisch unterschrit-
Die Unterbringung im 'Gastarbei- ten wurden. Erst Anfang der siebziger Jahre, "... mitbe-
dingt durch einen gestiegenen Lebensstandard und ein
terlager' verändertes politisches Klima" (von Oswald/Schmidt
Noch vor Abschluss der ersten Anwerbeverträge (mit Ita- 1999: 190f) war dies jedoch Anlass für Skandale, die
lien im Jahr 1955) wurden die Arbeitgeber zur "angemes- durch ihr großes öffentliches Aufsehen politisches Han-
senen" Unterbringung der Arbeitsmigranten in ihrem Be- deln erzwangen. 1973 wurden die Richtlinien in ein Gesetz
trieb verpflichtet (von Oswald/Schmidt 1999:186). überführt und Unterschiede zwischen deutschen und aus-
"Aber was hieß ‚angemessen'? Anfangs wurden die Richt- ländischen Arbeitnehmern aufgehoben, nur einige Monate
linien für Bauarbeiterwohnheime von 1934, also noch aus vor dem Anwerbestop im November1973 (von Os-
der Zeit des Nationalsozialismus, zugrunde gelegt. Neun wald/Schmidt 1999: 191).
Jahre nach dem ersten Anwerbevertrag mit Italien, 1964,
wurden neue Richtlinien für die italienischen Arbeiter ein- Baubude und Co.
geführt, um ‚nach der Verkehrssitte angemessene Unter-
In der Unterbringungspraxis lassen sich verschiedene re-
künfte' zu garantieren" (Dunkel/Stramaglia-Faggion 2000:
gulierende Faktoren ausmachen: eine gewisse Richtschnur
158).
gibt die 1934 verfasste und 1959 lediglich neu festge-
Der Arbeitskräfteknappheit stand der Unwillen der Unter-
schriebene sogenannte Baubudenverordnung ab, in der
nehmen gegenüber, die Kosten für die Unterbringung der
Mindestanforderungen festgelegt sind, die aber mangels
Arbeitskräfte zu übernehmen. Die Arbeitgeber konnten
Kontrolle häufig drastisch unterschritten werden (vgl. von
sich mit ihrem Versuch, die Unterbringungspflicht wieder
Oswald/Schmidt 1999: 191, 195-200; Dunkel/Stramaglia-
aufzuheben, nicht durchsetzen, und so waren sie "darauf
Faggon 2000: 165-177). Zudem verhindert die Wohnsitu-
bedacht, wenigstens billige und schnell zu errichtende
ation von deutschen Staatsbürgern eine Verbesserung die-
Unterkunftstypen zu nutzen" (von Oswald/Schmidt 1999:
ser Standards. Durchweg wird auf eine Unterscheidung
186).
zwischen der Unterbringung von Deutschen und Auslän-
Im Laufe der sechziger Jahre geriet die Unterbringung von
dern geachtet, so auch in den Förderrichtlinien der Bun-
Arbeitsmigranten in Barackenlagern in ein Dilemma di-
desanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversi-
vergierender politischer Zielrichtungen. Das Bundesbau-
cherung (von Oswald/Schmidt 1999: 188). Dadurch wurde
ministerium missbilligte die zunehmende Errichtung von
auch eine Obergrenze des Standards festgelegt, die sich als
Baracken, die sich nicht mit den Erfolgen des wirtschaftli-
deutliche Diskriminierung versteht. Begründet wurde diese
chen Aufschwungs in Deckung bringen ließ: "Die laufen-
Obergrenze unter anderem damit, dass "die ausländischen
den Programme zur Räumung der Wohnlager und Einzel-
Arbeitskräfte (...) nur vorübergehend in diesen Unterkünf-

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Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

ten lebten" (von Oswald/Schmidt 1999: 189). Das führt zu rung. Die wohnheimmäßige Unterbringung ist kostenin-
dem Schluss, dass die Barackenlager aus Kostengründen tensiv" (zit. nach Jürgens 1989:151)
provisorisch und billig errichtet und aber auch so gehalten Trotz dieses negativen Bescheides wurde in Baden-
wurden. Begründet und legitimiert wurde dies neben einer Württemberg nur ein gutes Jahr später die Lagerunterbrin-
beabsichtigten Diskriminierung der Arbeitsmigranten da- gung Aylsuchender durchgesetzt. Jürgens zitiert weiter
mit, dass auch die Anwesenheit der Arbeitsmigranten nur einen Vergleich der privaten mit der Sammelunterbrin-
als eine provisorische, vorübergehende, angesehen wurde. gung, den die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg
Es ist anzunehmen, dass auch mittels der Unterbringungs- 1985 publizierte. Danach sind die Kosten der Lagerunter-
politik weit über das Ende des Rotationsprinzips hinaus bringung mehr als dreimal so hoch wie die Unterbringung
die Rückkehrbereitschaft der Arbeitsmigranten gefördert von Asylsuchenden in Privatwohnungen (Jürgens
werden sollte. Dunkel und Stramaglia-Faggon stellen fest, 1989:151).
dass auch über die Anforderungen an die Unterkünfte als Die Lagerunterbringung für Asylsuchende wurde trotz der
Mittel der Migrationssteuerung eingesetzt werden konnten: hohen Kosten verfügt, allerdings nicht trotz, sondern gera-
"Häufig war es vom Arbeitsbedarf abhängig, was die Be- de wegen der negativen sozialen Konsequenzen der La-
hörden noch als angemessen akzeptierten. In Zeiten großen gerunterbringung vor allem für die Insassen. Mit der Ein-
Mangels an Arbeitern drückte man offenbar schon mal ein weisung in Lager sollte Asylsuchenden die Integration
Auge zu, wenn die Unterbringung nicht einmal im ent- verwehrt werden und die miserablen Lebensbedingungen
ferntesten den Anforderungen genügte. In Zeiten, in denen sollten abschreckende bzw. ‚anreizmindernde' Effekte zei-
sich ein Überangebot an Arbeitskräften abzuzeichnen be- tigen (vgl. Jürgens 1989:161)
gann, wurde insbesondere die Wohnungspolitik zu einem
indirekten Regulativ umfunktioniert; denn für die Gastar-
beiter war die Aufenthaltserlaubnis oder die Erlaubnis zum
Ausgrenzung per (Asylbewerber-
Familiennachzug an den Nachweis ‚ausreichenden' Wohn- leistungs-)gesetz
raums gebunden" (Dunkel/Stramaglia-Faggon 2000: 160). Parallel zur Zwangsunterbringung von Asylsuchenden in
Lagern wurden auch die Bewegungsfreiheit und die Mög-
lichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation von Asylsu-
"Das Lager soll nicht einladend chenden systematisch eingeschränkt. Die Unterbringung in
wirken " (3) – Unterbringung von Lagern bildete die Grundlage für eine Reihe weiterer
Maßnahmen, die auf eine gezielte Verschlechterung der
Asylsuchenden in den 80er und Lebensbedingungen von Asylsuchenden hinauslaufen.
90er Jahren Simone Wolken setzt den Beginn dieser Maßnahmen 1980
an. Das Ziel:
Nur wenige Jahre, nachdem die Unterbringungsweise von "Zur ‚Eindämmung des Zustroms der Wirtschaftsasylan-
Arbeitsmigranten gesetzlich geregelt und den Deutschen ten' und zur Verdeutlichung der Tatsache, ‚dass sich ein
wenigstens formal gleichgestellt worden war, wurde das unberechtigter Asylantrag in der Bundesrepublik schlicht
Lagerprinzip auf Asylsuchende übertragen. So schreibt nicht lohnt' wurde ab 1980 damit begonnen, die soziale
Jürgens (1989:150): "Ende der siebziger Jahre wurde ‚zur Situation der Asylbewerber auf dem Wege administrativer
Begegnung des massenhaften Asylmissbrauchs' die Forde- Maßnahmen so zu verschlechtern, dass der Aufenthalt in
rung der generellen Unterbringung von Asylsuchenden in der Bundesrepublik weder für die bereits Eingereisten
Sammellagern - nicht zum ersten Mal, aber mit zuneh- noch für potentielle Einreisewillige attraktiv sein kann"
mender Vehemenz - vertreten." Es sollte jedoch noch bis (Wolken 1988:47).
1982 dauern, bis bundesweit die Lagerunterbringung von
Asylsuchenden im Asylverfahrensgesetz festgeschrieben Zu diesen Maßnahmen gehörte ein generelles Arbeitser-
wurde. Dies hielt einzelne Bundesländer nicht davon ab, laubnisverbot für die Dauer eines Jahres, das bereits im
schon früher Erfahrungen mit der Errichtung von Lagern September 1981 auf zwei Jahre ausgedehnt wurde, zudem
zu sammeln. Die Vorreiterrolle in diesem Prozess hatte das die Möglichkeit der Ausländerbehörden, Asylsuchende zu
Bundesland Baden-Württemberg übernommen. Dort wur- verpflichten, "sich an einem gestimmten Ort aufzuhalten
de im September 1980 die Unterbringung von Asylsu- oder in einer bestimmten Gemeinde zu wohnen (§ 4
chenden in Sammellagern verfügt, im Wissen um die ne- 2.BschlG)" (Wolken 1988:49). Doch damit nicht genug:
gativen Konsequenzen für die so Untergebrachten und die "Im Rahmen der administrativen Begleitmaßnahmen zu
hohen Kosten, die mit der Lagerunterbringung verbunden dieser Novelle sollte Sozialhilfe wenn möglich nicht mehr
waren, denn erst im Vorjahr war die Einrichtung der in Geld, sondern in Sachleistungen gewährt werden, eine
Sammellager noch mit folgender Begründung abgelehnt Maßnahme, die gegenüber Obdachlosen immer wieder von
worden: den Gerichten als rechtswidrig verurteilt wird. Um dies
"Ausländer unterschiedlicher Nationalität, Kultur und Re- auch sicherstellen zu können, war eine Regelunterbringung
ligion werden zwangsläufig auf engem Raum unterge- der Asylsuchenden in ‚Gemeinschaftsunterkünften' vorge-
bracht. Dies kann sowohl zu erheblichen Schwierigkeiten sehen. Darüber hinaus wurde eine Kindergeldgewährung
innerhalb de Wohnheims als auch zu Störungen im Zu- während des Anerkennungsverfahrens ausgeschlossen.
sammenleben mit der deutschen Bevölkerung führen. (...) (Wolken 1988:50)
Die zentralisierte Unterbringung (...) führt zu einem ge-
steigerten subjektiven Sicherheitsbedürfnis der Bevölke-

9
Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft

Das Sachleistungsprinzip für Asylsuchende wurde im schaftsunterkünften weitgehend isoliert von ihrer Umwelt,
Bundessozialhilfegesetz festgeschrieben, und das gleiche durch die sogenannte Residenzpflicht auf ein kleines Ter-
Gesetz "ermächtigte die Sozialämter ausdrücklich zur ritorium beschränkt und durch das minimale Taschengeld
Kürzung der Geldleistungen für diesen Personenkreis ‚auf ohnehin daran gehindert, Freunde und Verwandte zu besu-
das zum Lebensunterhalt Unerlässliche" (Wolken chen oder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen - so
1988:50), was zum Teil rigide Kürzungen zur Folge hatte. leben viele Flüchtlinge" (Classen: 2000: 10)
Die damit festgeschriebenen Einschnitte in die Lebenssitu-
ation der Asylsuchenden wurden seitdem kontinuierlich Mit dem Asylbewerberleistungsgesetz wurde mit dem
ausgebaut und systematisiert festgelegt (4). Das Asylver- Ausschluss der Asylsuchenden aus bislang allgemein gül-
fahrensgesetz von 1982 bestimmt die Unterbringung von tigen gesellschaftlichen Bestimmungen die Exklusion von
Asylsuchenden in sogenannten Gemeinschaftsunterkünften Flüchtlingen aus der Gesellschaft systematisiert und defi-
als Regelfall (§ 53 AsylVfG) und führt die Aufenthalts- nitiv festgeschrieben. Auch wenn seitdem eine Reihe wei-
gestattung (§ 20 AsylVfG) für Asylsuchende ein, die auf terer Verschärfungen gegenüber Asylsuchenden umgesetzt
das Gebiet der ausstellenden Ausländerbehörde beschränkt wurden, ist die Verabschiedung dieses Gesetzes doch als
ist. markanter Einschnitt zu betrachten.
Die verabschiedeten Maßnahmen griffen in der Realität in
sehr unterschiedlicher Weise. Die Umsetzung der Maß-
nahmen oblag in weiten Bereichen den Ländern und Integration versus Ausgrenzung
Kommunen, die je nach geltenden Prinzipien und Mög- Vergleicht man die Entwicklung der ‚Gastarbeiter'-
lichkeiten mit Asylsuchenden verfuhren. So wurde bei- Unterbringung mit der Unterbringung von Asylsuchenden,
spielsweise die zwangsweise Unterbringung in Sammella- so lässt sich ein gegenläufiger Trend feststellen, der ver-
gern häufig von der Verfügbarkeit geeigneter Objekte ab- schiedene Aspekte umfasst. Während die Unterbringung
hängig gemacht. Erst mit steigender Zahl von Asylsuchen- der angeworbenen Arbeitsmigranten anfangs in Lagern mit
den in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wurden zu- zum Teil erbärmlicher Ausstattung erfolgte, dann aber
nehmend Baracken- und Containerlager für Flüchtlinge schrittweise Verbesserungen dieser Unterbringungsform
errichtet. stattfanden, so bildet die Unterbringung von Asylsuchen-
den in Lagern, verbunden mit einer kontinuierlich gestei-
gerten Verschlechterung der Lebensbedingungen, das Ziel
Asylbewerberleistungsverweige- und Ende eines gesellschaftlichen Ausschließungsprozes-
rungsgesetz ses. Die Wohn- und Lebensverhältnisse von Arbeits-
migranten wurden im Laufe der Jahre schrittweise ange-
Ein weiterer drastischer Schritt der Vereinheitlichung und hoben, und obwohl noch heute Baracken für Arbeits-
Verschlechterung der Lebenssituation von Asylsuchenden migranten existieren (Dunkel/Stramaglia-Faggon 2000:
wurde 1993 mit dem Inkrafttreten des Asylbewerberleis- 161), so konnten Arbeitsmigranten, wenn auch unter
tungsgesetzes vollzogen. Mit diesem Gesetz wurde erst- Schwierigkeiten, von der Lagerunterbringung in Wohn-
malig in der Geschichte der Bundesrepublik eine Perso- heime und Privatwohnungen überwechseln und so ihre
nengruppe aus dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) he- Wohnsituation verbessern. Die strukturelle Diskriminie-
rausgenommen und deutlich schlechter gestellt. Auch das rung, der Arbeitsmigranten anfangs ausgesetzt waren, weil
Prinzip der vorrangigen Ausgabe der Hilfe in Form von ihre Unterkunftsbedingungen einen deutlichen Qualitäts-
Sachleistungen wurde durch das Asylbewerberleistungsge- unterschied zu Wohnheimen für Deutsche aufweisen soll-
setz nochmals bekräftigt. Die verschiedenen Abschre- ten, wurde gesetzlich aufgehoben. Asylsuchende wurden
ckungsmaßnahmen, Zwangsunterbringung in Sammella- hingegen in zunehmendem Maße durch Zwangseinwei-
gern, Arbeitsverbot und Sachleistungsprinzip sind mitein- sungen in Sammellager und Arbeitsverbote aus anderen
ander verzahnt. Das Arbeitsverbot entzieht den Asylsu- Wohn- und Unterbringungsformen ausgesondert. Gegen-
chenden die Möglichkeit, sich zu ernähren, ohne auf die über Asylsuchenden waren es vor allem gesetzliche Be-
Sachleistungen zurückgreifen zu müssen Erst die Lager- stimmungen, die unter der Vorgabe, damit Asylan-
unterbringung ermöglicht eine effektive Umsetzung des tragsteller möglichst abzuschrecken, eine zunehmende
Sachleistungsprinzips inklusive der damit einhergehenden Diskriminierung zwischen Asylsuchenden und der übrigen
Kontrolle und Entmündigung. Bevölkerung der Bundesrepublik einführten. Bei der Un-
terbringung von Arbeitsmigranten waren es vor allem ö-
Georg Classen resümiert die Konsequenzen der gegenüber konomische Aspekte, die den schlechten Unterbringungs-
Flüchtlingen eingesetzten Maßnahmen folgendermaßen: standard begründeten; die Unterbringung von Asylsuchen-
"Flüchtlinge in Deutschland sind in einem umfassenden den in Lagern erfolgt, obwohl bekannt war, dass damit
Gespinst aus Bevormundung, Entmündigung und täglicher höhere Kosten verbunden sind.
Erniedrigung gefangen, das ihren Alltag prägt. In vielen
Regionen zwangsweise versorgt mit Sachleistungen, in Während anfangs jeweils in der Notwendigkeit, überhaupt
vielen Regionen abgespeist gar mit minderwertigen Le- eine Unterbringung zu gewährleisten, ein wichtiger Grund
bensmittelpaketen, wird jenen, die man durch ein Arbeits- für die Lagerunterbringung zu sehen ist, so verliert dieses
verbot hindert, zu ihrem Lebensunterhalt selbst beizutra- Argument im Verlauf der Unterbringung an Berechtigung.
gen, auch noch der Rest an Würde genommen: die alltägli- Das führt bei der Unterbringung von Arbeitsmigranten zu
che Sorge für sich selbst und die Familie. In Gemein-

10
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

einer Verbesserung der Wohnsituation und einer Diffun- Nach innen wurde die Ordnung in der Unterkunft durch
dierung der Migranten in den allgemeinen Wohnungs- eine strikte Reglementierung und Kontrolle durchgesetzt,
markt, bei der Unterbringung von Asylsuchenden zu einer die manchmal unsinnige Formen annahmen. So zitieren
instrumentalisierenden Begründung der Lagerunterbrin- Dunkel und Stramaglia-Faggon einen Auszug aus der
gung. Die Unterbringung und die damit einhergehende Hausordnung von MAN aus dem Jahr 1969:
Absenkung von Leistungen werden verfügt als, wie Stech "3. Es ist streng verboten, die Möbel zu verrücken. (...) 8.
das ausdrückt, "Steuerungsmittel gegen den weiteren Zu- Es ist nicht erlaubt, angezogen auf dem Bett zu liegen. (...)
strom von Asylsuchenden, die aus asylfremden Gründen in Es ist nicht erlaubt, Fotografien oder Zeitungsausschnitte
den Bundesrepublik Deutschland einreisten" (Stech 1991: auf den Mauern oder Möbeln der Zimmer anzuheften. (...)
11) In der Zusammenführung der Abschreckungsmaßnah- 16. Bevor Sie das Licht im Zimmer anmachen, müssen Sie
men auf der Grundlage der Lagerunterbringung von Asyl- die Vorhänge zuziehen. (...) 20. Den Besuch von Frauen
suchenden kann meines Erachtens von einem Lagersystem oder anderen Fremden können wir in den Gemeinschafts-
gesprochen werden, in dem die einzelnen Komponenten unterkünften nicht erlauben" (Dunkel/Stramaglia-Faggon
insgesamt die erwünschte Schlechterstellung der Asylsu- 2000: 171).
chenden ermöglichen.
Schließlich ist noch ein weiterer Bereich der Unterbrin-
Das Leben im Lager gung, die mangelnde Trennung der verschiedenen Lebens-
bereiche Arbeiten, Freizeitgestaltung und Wohnen, anzu-
Der Alltag im Lager ist durch Mangel gekennzeichnet, führen. Dies hatte zum Teil gravierende Nachteile für die
insbesondere durch den Mangel an Rückzugsmöglichkei- Arbeitsmigranten, die auf dem Werksgelände jederzeit für
ten, der zu gravierenden Beschränkungen der Privatsphäre den Arbeitgeber verfügbar waren (vgl. Dunkel/Stramaglia-
führt. Dies zeichnete gleichermaßen die Lebenssituation Faggon 2000: 166). Aber auch die Trennung zwischen
der Asylsuchenden in den Sammellagern und die in den öffentlicher und privater Sphäre wird dadurch weiter auf-
Baracken der Arbeitsmigranten aus. So schreiben von Os- gelöst. Für die Arbeitsmigranten wurde in den Unterkünf-
wald und Schmidt über die Bewohner der Unterkünfte von ten großer Unternehmen häufig eine Betreuung und ein
Opel in Rüsselsheim und VW in Wolfsburg: Freizeitangebot vorgehalten, wodurch sich Kontakte zu
"Wie typische Lagerbewohner lebten auch sie [die Ar- Einheimischen weiter minimierten.
beitsmigranten, St.D.] in einer Mangelgesellschaft, die In ihrem Resümee heben von Oswald und Schmidt hervor,
Einschränkung oder Verlust der individuellen Freiheit be- dass sich provisorische Form der Unterkunft und die Rede
deutete: Nicht nur Mangel an Platz und Bewegungsfrei- vom provisorischen, vorübergehenden Aufenthalt der Ar-
heit, sondern zwangsläufig auch Mangel an Ruhe, Rück- beitsmigranten gegenseitig abstützten. Das Verhalten der
zugsmöglichkeiten und Intimität führten in den Massen- Arbeitsmigranten, so stellen sie weiter fest,
unterkünften bis zum vollständigen Verlust der Privatsphä- "... war von der sie umgebenden Institution geprägt und
re. (...) Zu diesem Mangel an Privatsphäre gehörte auch zeigte Parallelen zu Bewohnern von anderen Lagern, aber
der Mangel an Sexualität, der sich aus der Trennung der auch zu Insassen von ‚totalen Institutionen' wie Kasernen
Geschlechter, der fehlenden Rückzugsmöglichkeit und den oder psychiatrischen Anstalten" (von Oswald/Schmidt
restriktiven Besuchsregeln in den Unterkünften ergab" 1999: 211).
(von Oswald/Schmidt 1999: 200).
Die soziale Situation der Unterkunftsbewohner ist außer- Die Lagerunterbringung von Arbeitsmigranten hatte nach-
dem von einer deutlichen räumlichen Segregation gekenn- haltige Auswirkungen auf das Leben der Bewohner und
zeichnet, die von innen wie von außen wahrgenommen brachte spezifische Umgangsweisen hervor. Das Lager
wird. Bei VW in Wolfsburg lebten 1966 6000 vor allem brachte eine Separation der Bewohner nach außen und eine
italienische Arbeitsmigranten und damit 86% der ausländi- Kontrolle ihres Lebens nach innen hervor, die zugleich mit
schen Arbeitnehmer in einem Lager aus 58 doppelstöcki- den engen Wohnverhältnissen zu einem weitgehenden
gen Holzbaracken (von Oswald/Schmidt 1999: 195; 202). Verlust der Privatsphäre führte. Was für die Unterbringung
Die Bewohner des Lagers sahen darin eine soziale Grenz- der Arbeitsmigranten galt, findet sich in fast identischer
ziehung, die sie vom Leben der Einheimischen ausschloss, Weise bei der Unterbringung von Asylsuchenden in Sam-
seitens der Einheimischen wurde das Lager als Ghetto mellagern seit den achtziger Jahren wieder. Ebenso wie
wahrgenommen. von Oswald und Schmidt greifen die meisten Arbeiten, die
"Die räumliche Trennung fand auch für Einheimische und sich mit der Wohn- und Lebenssituation von Flüchtlingen
Migranten ein deutlich sichtbares Zeichen. Eine zwei Me- befassen, auf Erving Goffmans Modell der totalen Institu-
ter hohe Umzäunung, ein bewachter Eingang mit Schlag- tion zurück, um die sozialen Strukturen, die sich im Lager
baum, kontrolliert vom Werkschutz bzw. von der Wohn- herausbilden, und die sozialen und psychischen Folgen für
heimverwaltung, waren sowohl in Rüsselsheim als auch in die Bewohner zu analysieren (5).
Wolfsburg errichtet worden. In beiden Städten legitimierte
die Werksleitung die Einzäunung mit dem Schutz der Be-
wohner vor Prostituierten und fliegenden Händlern" (von Lager und menschliche Würde
Oswald/Schmidt 1999: 203). Die Unterkünfte für Asylsuchende sind in ihrer Qualität,
was die Ausstattung und Verwaltung betrifft, außerordent-
lich unterschiedlich. Die Unterkunftsformen und die La-
gergröße hatte deutlichen Einfluss auf die Lebensqualität

11
Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft

in den Unterkünften, wobei kleinere Unterkünfte in der jeweiligen Bedingungen ist oder nicht - ist das zentrale
Regel ein deutlich besseres soziales Klima aufweisen als Faktum totaler Institutionen." (Goffman 1973: 15ff)
große Container- oder Barackenlager. Eine Reihe weiterer Diese allgemeinen Charakteristika, die auf die Sammella-
Aspekte, so zum Beispiel die Lage der Unterkünfte, die ger für Asylsuchende ebenso zutreffen wie auf das Leben
individuelle Qualität von Verwaltung und Betreuung etc. in den oben beschriebenen Unterkünften für die Gastar-
spielt hier ebenfalls stark hinein. Generalisierende Schluss- beiter der sechziger und siebziger Jahre, führen zu einer
folgerungen über die soziale Situation in Asylbewerber- deutlichen Trennung zwischen Innen- und Außenwelt der
unterkünften bleiben deshalb verhältnismäßig allgemein. totalen Institution und zu einem Bruch mit den Regeln, die
Die Eigenschaften, die Goffman unter dem Begriff "totale in der Außenwelt gültig sind. In der totalen Institution
Institutionen" zusammenstellt, treffen jedoch im großen gelten die Regeln, die von einer leitenden Person oder
und ganzen auf die Unterbringung auch von Asylsuchen- Gruppe durchgesetzt werden. Bestimmend ist damit für
den zu. totale Institutionen auch die Trennung in viele Insassen
Unter dem Titel "Lager und menschliche Würde" wurde einerseits und wenige Aufsichtspersonen andererseits.
1982 eine Studie über die psychischen Auswirkungen der "Für den Insassen gilt, dass er in der Institution lebt und
Gemeinschaftsunterkünfte auf die Asylsuchenden am Bei- beschränkten Kontakt mit der Außenwelt hat. Das Perso-
spiel einer Tübinger Unterkunft veröffentlicht. Die Studie nal arbeitet häufig auf der Basis des 8-Stundentages und ist
kam zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der Bewohner- sozial in die Außenwelt integriert. Jeder der Gruppen sieht
schaft Krankheitssymptome zeigte, die direkt mit der La- die andere durch die Brille enger, feindseliger Stereoty-
gerunterbringung in Zusammenhang stehen. Depression, pien." (Goffman 1973.18f)
Apathie, Aggressivität, Probleme mit der Sexualität, Iden-
titätsverlust bzw. Regression, Alkoholismus und psycho- In der totalen Institution fallen nicht nur die in der Au-
somatische Störungen (Schlafstörungen, Essstörungen, ßenwelt getrennten Lebensbereiche der Insassen zusam-
Kopf- oder Magenschmerzen, etc.) zeichnete den Zustand men, auch "... zwischen der totalen Institution und der fun-
von insgesamt mehr als der Hälfte der Bewohner aus. Ver- damentalen Arbeit-Lohn-Struktur unserer Gesellschaft
gleiche mit außerhalb von Unterkünften wohnenden Asyl- besteht (...) ein Widerspruch (...) Das Individuum, das
bewerbern zeigten bei diesen deutlich geringere Störungen draußen arbeitsorientiert war, wird - mag es nun zu viel
(Henning/Wießner 1982: 52). Unter den Krankheitsursa- oder zu wenig Arbeit geben - durch das Arbeitssystem der
chen führen die Verfasser der Studie die Auswirkungen totalen Institution demoralisiert" (Goffman 1973: 22). Das
der staatlich oktroyierten Lebenssituation für Asylbewer- für Asylsuchende geltende einjährige Arbeitsverbot sowie
ber an: neben Perspektivlosigkeit, langfristige Inaktivität die daran anschließenden strikten Einschränkungen der
durch weitgehendes Arbeitsverbot besonders die Wohn- Arbeitssuche verurteilen die Flüchtlinge in hohem Maße
bzw. Lagersituation. zur Untätigkeit und machen es ihnen dadurch unmöglich,
ihr Selbstwertgefühl durch Arbeit zu stabilisieren. Die
Versorgung mit Lebensmittelpaketen und Kleidern sowie
Totale Institution die Auszahlung eines Taschengelds (80,- DM für den
Haushaltsvorstand, 40,- DM für Familienangehörige)
Zur Verdeutlichung des Zusammenhangs zwischen Unter- schließt Flüchtlinge sogar davon aus, sich selbst um die
bringungsbedingungen und Krankheitsursachen nehmen grundlegendste Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu küm-
sie Bezug auf Erving Goffmans Begriff der totalen Institu- mern. Beides führt dazu, dass Flüchtlinge zur Untätigkeit
tion. Totale Institutionen haben nach Goffman folgende - gezwungen werden. Freizeiteinrichtungen sind nicht vor-
idealtypische - Merkmale: handen, selbst Aufenthaltsräume sind in der Regel nicht
"Ihr allumfassender oder totaler Charakter wird symboli- vorgesehen. Als Insassen der Unterkunft ist für Flüchtlinge
siert durch Beschränkungen des sozialen Verkehrs mit der das Leben strikt nach der Hausordnung geregelt, die Mög-
Außenwelt sowie der Freizügigkeit, die häufig direkt in die lichkeit persönlicher Habe beschränkt und die Räume wer-
dingliche Anlage eingebaut sind. (...) In der modernen den durch spärliches regierungs- oder gemeindeeigenes
Gesellschaft besteht eine grundlegende soziale Ordnung, Mobiliar bestimmt.
nach der der einzelne an verschiedenen Orten schläft,
spielt, arbeitet - und dies mit wechselnden Partnern, unter Die Aufnahme bzw. Einweisung eines Neulings in eine
verschiedenen Autoritäten und ohne einen umfassenden totale Institution beschreibt Goffman als "eine Reihe von
rationalen Plan. Das zentrale Merkmal totaler Institutionen Erniedrigungen, Degradierungen, Demütigungen und
besteht darin, dass die Schranken, die normalerweise die Entwürdigungen seines Ich. Sein Ich wird systematisch,
drei Lebensbereiche voneinander trennen, aufgehoben wenn auch häufig unbeabsichtigt, gedemütigt." (Goffman
sind: 1. Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein 1973: 25) Zunächst jedoch tritt für den Insassen ein Rol-
und demselben Ort, unter ein und derselben Autorität statt lenverlust ein. Bei Asylsuchenden setzt dieser Prozess
(...) 4. Die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten werden schon vor der Einweisung in eine sogenannte Sammelun-
in einem rationalen Plan vereinigt, der angeblich dazu terkunft ein. Mit dem Antrag auf Asyl treten sie in ein
dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen. (...) Verfahren ein, das sie ihrer vormals besessenen Identität
Die Handhabung einer Reihe von menschlichen Bedürf- entkleidet. Mit einer festgelegten Reihe von Verfahren, der
nissen durch die bürokratische Organisation ganzer Grup- Anhörung, der erkennungsdienstlichen Behandlung und
pen von Menschen - gleichgültig, ob dies ein notwendiges schließlich der Anweisung, sich in eine bestimmte Unter-
oder effektives Mittel der sozialen Organisation unter den

12
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

kunft zu begeben, wo ihnen Teller, Besteck, Kochtopf, permärkten, auf der Straße oder im Schwimmbad Einhei-
Bett, Bettwäsche und ein Spind zugewiesen werden, ist mische anzusprechen, werden auch die verschiedenen
ihre Identifikation und Klassifizierung unter die Rubrik multiethnischen Musik- und Tanzclubs der Stadt zu Kon-
Asylbewerber eingeleitet. Für die Zeit ihres Verfahrens taktaufnahmen genutzt.
wird Asylsuchenden eine Aufenthaltsgestattung erteilt. Schließlich ist es den Flüchtlingen manchmal möglich,
"Ein Formular mit Foto, da der Pass zur Sicherung der sich einen legalen Arbeitsplatz zu erkämpfen. Da dieser
Abschiebung vom Bundesamt verwahrt wird" (Classen Weg jedoch mit sehr hohen bürokratischen Hürden ver-
2000: 322). Das Reglement der Hausordnung sowie die bunden ist, weichen viele Flüchtlinge (und ihre Arbeitge-
Anweisungen der Verwaltung bilden fortan den Rahmen ber) auf irreguläre Beschäftigungsverhältnisse aus. Privat
ihrer Handlungsmöglichkeiten. Flüchtlinge kommen ohne organisierte Putz- oder Betreuungsjobs, illegale Beschäfti-
viel persönliche Habe an, und die Regelungen, denen sie gungen in Reinigungsfirmen, Restaurantküchen oder auf
unterworfen sind, sorgen dafür, dass das auch so bleibt. Baustellen sind die Regel. Aber auch kleine Formen des
Goffman schreibt: Ethnic business6 florierten: Flüchtlinge, die als Schneide-
"Bei der Aufnahme in eine totale Institution wird das Indi- rinnen oder Frisöre eine oft zahlreiche, wenn auch wenig
viduum jedoch meist seiner üblichen Erscheinung sowie zahlungskräftige Kundschaft besaßen.
der Ausrüstung und der Dienstleistungen zu deren Auf-
recherhaltung beraubt, wodurch es eine persönliche Ent- In der Summe stellen diese Bemühungen der Kontaktauf-
stellung erleidet. Kleidungsstücke, Kämme, Nadel und nahme eine Form der Integration gegen den Widerstand
Faden, Kosmetika, Handtücher, Seife, Rasierzeug, eine des Staates dar. Die Regelungen für Asylbewerber sehen ja
Badegelegenheit - all dies kann im weggenommen oder gerade vor, dass diese von der Aufnahmegesellschaft zu
verweigert werden ..." (Goffman 1973: 30). separieren sind. Für die Asylsuchenden heißt das, dass es
Asylbewerber werden ihrer "Identitätsausrüstung", wie große Anstrengung erfordert, sich den Zugang zur Auf-
Goffman die persönliche Kleidung nennt, nur schrittweise nahmegesellschaft zu erschließen. Zusätzlich zur Verar-
beraubt. Durch die Zuteilung von Sachleistungen, nor- beitung der Fluchterfahrung und zur Bewältigung des Le-
mierten Essens- und Hygienepaketen sowie Kleidung wird bens in der Fremde setzt dies einen radikalen Umlernpro-
den Bewohnern die Möglichkeit vorenthalten, ihr Ausse- zess in Gang, der für die Flüchtlinge mit einer enorm ho-
hen und Auftreten selbst zu bestimmen. hen psychischen Belastung verbunden ist. Flüchtlinge sind
darin nicht nur weitgehend auf sich allein gestellt, sondern
In unterschiedlichem Ausprägungsgrad lassen sich diese sie müssen auch lernen, dass ihnen der reguläre Zugang zu
Aspekte, die unter dem Begriff der totalen Institution nach den meisten Möglichkeiten, welche die Gesellschaft ihren
Goffman gefasst werden können, in den Unterkünften für Mitgliedern vorhält, versagt wird.
Asylsuchende wiederfinden. Andererseits gibt es jedoch
Tendenzen, die sowohl den deprimierenden Ergebnissen
der Tübinger Studie als auch den Auswirkungen und Pro-
Die Gefährlichkeit des Lagers: Un-
zessen einer totalen Institution widersprechen. Mehrere terbringung und die Nachbar-
Aspekte sprechen dagegen, Flüchtlingsunterkünfte voll-
ständig unter dem Begriff einer totalen Institution zu fas-
schaft
sen. In den meisten Unterkünften ist die Situation nicht so Zu den wesentlichen Aspekten der Unterbringung von
strikt der Kontrolle unterworfen, dass sich Flüchtlingen Migranten, Arbeitsmigranten ebenso wie Asylsuchenden
nicht doch gewisse Spielräume in der eigenständigen Or- und Flüchtlingen, gehört die Segregation in Lagern, wo-
ganisation ihres Alltagslebens eröffneten. Dies gilt sowohl durch die Bewohner vom Leben der sie umgebenden Ein-
für das Leben innerhalb der Unterkunft als auch für die heimischen abgegrenzt werden und wo sie innerhalb der
Beziehungen, die Flüchtlinge "nach draußen" aufnehmen Lager einer kontrollierenden und disziplinierenden Ord-
konnten. nung unterworfen werden. Diese in erster Linie die Insas-
sen der Unterkünfte betreffenden Verfahrensweisen hin-
Viele Flüchtlinge nutzen bestehende ethnische Netzwerke, terlassen jedoch auch ihren Eindruck in der Nachbarschaft
politische Vereine oder religiöse Gruppierungen. Häufig der Lager und prägen das Verhältnis zwischen Unter-
werden soziale Strukturen des Herkunftslandes im Auf- kunftsbewohnern und der ansässigen Wohnbevölkerung.
nahmeland kopiert. Fast schon privilegiert sind Flüchtlin- "Da es für das bürokratisch organisierte Zusammenleben
ge, die über Verwandtschaftsbeziehungen zu länger ansäs- großer Menschengruppen in einer normabweichenden
sigen Migranten verfügten. Diese Kontakte sicherten den Wohnform keine gesellschaftlichen Regeln und somit kei-
Flüchtlingen einen Bezugspunkt außerhalb der Unterkunft ne funktionierende Selbstregulierung gibt, reagiert die La-
und einen Zugang zur Gesellschaft. gerleitung mit starrem, von außen oktroyiertem formellen
Eine weitere und von vielen Flüchtlingen angestrebte Reglement. Auch in den Massenunterkünften für Arbeits-
Möglichkeit, der Isolation und Sinnentleertheit der Unter- migranten und Arbeitsmigrantinnen waren für die Unter-
kunft zu entkommen sind individuelle private Kontakte zu kunftsleitung Heimordnung und Kontrolle unabdingbar"
Einheimischen. Die Mitglieder von Nachbarschaftsgrup- (von Oswald/Schmidt 1999: 203).
pen sind hier häufig die erste Anlaufstation, woraus einige
private Kontakte, aber auch häufige Missverständnisse
resultierten. Neben der risikoreichen Möglichkeit, in Su-

13
Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft

Das Lager ist gefährlich, und zwar im doppelten Sinne. suggeriert, dass es die Bewohner sind, die der Lebensform
Zum einen löst diese Unterbringungsform den Kontakt zu Lager seine Gestalt geben.
sozialen Regeln, die das Zusammenleben in einem "nor- Bei der Lagerunterbringung von Arbeitsmigranten der
malen" Wohnumfeld außerhalb des Lagers organisieren. fünfziger bis siebziger Jahre wurde die Segregation der
Hinzu kommt noch die große räumliche Enge der Bele- Lagerbevölkerung und das Verhältnis zur einheimischen
gung, die häufig ungenügenden sanitären und hygieni- Wohnbevölkerung ebenfalls als problematisch angesehen.
schen Einrichtungen und die insgesamt karge Ausstattung Das Ghetto-Dasein der Arbeitsmigranten wurde als Quelle
der Unterkünfte. Das unter diesen bürokratischen Bedin- für Probleme und als Hindernis für eine Integration in die
gungen stattfindende Zusammenleben muss deshalb strikt ansässige Wohnbevölkerung erachtet. Von Oswald und
organisiert und kontrolliert werden. Trotz dieser diszipli- Schmidt zur Situation der Unterbringung bei Opel und
nierenden Kontrolle wird das Lager aber nicht nur für die Volkswagen:
Bewohner, sondern auch für die Umgebung des Lagers zu "Die soziale Problematik, die aus der räumlichen Isolie-
einer Gefährdung. Auf den Punkt bringt es die Beschrei- rung der Migranten resultierte, wurde in beiden Unterneh-
bung des Evangelischen Hilfswerks von 1946, nach dem men durchaus erkannt. So betrachtete die Leitung der Opel
Besuch mehrerer Flüchtlingslager in den westlichen Besat- Wohnheime Mitte der sechziger Jahre es als grundsätzli-
zungszonen. Die Lager, so der Bericht, sind ches Problem, in einer relativ kleinen Stadt ‚einer Vielzahl
"... die Keimzellen der Entwurzelung und Zerstörung der von Ausländern, die in einer geschlossenen Unterkunft
Familie. Sittliche Verwahrlosung und moralische Verwil- wohnen, die Integration zu ermöglichen (...) und sprach
derung werden hier gezüchtet. Menschen, die in diesen sogar von einem ‚Ghetto-Dasein' der Bewohner" (von Os-
Lagern zusammengepfercht leben müssen, werden immer wald/Schmidt 1999: 202).
Fremdkörper in der Gemeinde bleiben. (...) Gesundheitlich
sind diese Lager Ausgangspunkt von Infektionen und Seu- Direkte Befürchtungen der Verwaltung oder der Bevölke-
chen, bedingt durch enges Zusammenliegen, Mangel an rung hinsichtlich möglicher Verwahrlosung und der "Ge-
Waschgelegenheiten des Körpers und der Wäsche, fährlichkeit" von Arbeitsmigranten sind dort jedoch nicht
schlechter oder völlig ungenügender sanitärer Einrichtun- dokumentiert. Nicht die Gefährlichkeit des Lagers als Un-
gen. (...) Wenn es aber Sinn aller Flüchtlingsarbeit sein terbringungsform, sondern lediglich die Gefahr eines
soll, die Flüchtlinge einzuwurzeln, d.h. sie wirklich in der Ghettos wird befürchtet.
ansässigen Bevölkerung einheimisch werden zu lassen,
dann wird in solchen Lagern das Gegenteil erreicht. Hier Lager für ‚Asylanten'
entsteht ein wurzelloses Proletariat, das, krank an Leib und Die Unterbringung von Asylsuchenden in Sammellagern
Seele, von der Bevölkerung als Fremdkörper, als eine Art führte dagegen in vielen Fällen zu Abwehrreaktionen der
Zigeuner angesehen wird und schließlich die Bevölkerung lokalen Bevölkerung. Besonders drastisch sind die Über-
selbst vergiften wird" (zit.n. Beer 1999: 63). fälle und Anschläge auf Unterkünfte, die sich vor allem
Anfang der neunziger Jahre stark häuften8. Im Falle der
Die Gefährlichkeit des Lagers wirkt sich also nicht nur auf rassistischen Brand- und Mordanschläge lässt sich ein Zu-
seine Bewohner aus, sondern sie wird insbesondere auch sammenhang mit der Wahrnehmung der Flüchtlingslager
als Gefahr für die umgebende Bevölkerung und die Gesell- als Gefahr kaum belegen. Vielmehr richten sich diese An-
schaft betrachtet. Dieser Blick wird auch von der Verwal- schläge ganz fundamental gegen die Anwesenheit von
tung geteilt. Beer zitiert den damaligen Staatssekretär im Flüchtlingen (und Migranten) überhaupt. Die Lagerunter-
Bundesministerium für Vertriebene und Flüchtlinge Peter bringung von Asylsuchenden hat bei diesen Anschlägen
Paul Nahm: "An sich ist ein Lager die Auflösung natürli- den Effekt, dass Flüchtlinge leicht identifizierbar sind,
cher Gemeinschaften und eine Enthausung. Also kulturell denn sie sind die Bewohner der Lager. Die Lager machen
und sozial ein Rückfall in nomadenhaftes Kollektiv" (zit. Flüchtlinge sichtbar und deutlich abgrenzbar von der ein-
n. Beer 1999: 63). Hier kommen mehrere Aspekte zur heimischen Bevölkerung. Mit der Unterbringung von
Geltung, die unter dem Thema des Lagers als Provisorium Flüchtlingen in abgeschlossenen Lagern werden die
weiter oben schon angeführt wurden. Das Lager wird zum Flüchtlinge als Ziel von Anschlägen exponiert. Während
einen von der sesshaften Bevölkerung abgegrenzt. In den sich die extremen Angriffe gegen die Anwesenheit von
Zitaten ist von "Zigeunern" oder "nomadenhaftem Kollek- Flüchtlingen, von Fremden überhaupt richten, orientieren
tiv" die Rede, beides wird als Gefährdung der Wohnbevöl- sich die Proteste der Wohnbevölkerung gegen die Lager
kerung und als sozialer und kultureller Rückfall apostro- und ihre Bewohner in der unmittelbaren Umgebung. Es
phiert. Hier wird aus dem Lager als Unterbringungsform sind diese bürgerlichen Proteste und Protestformen, deren
eine kulturelle Unterscheidung und die Kategorie des Begründung darauf aufbaut, dass die Unterbringung von
Fremden eingeführt.7 Die Bewohner des Lagers werden Flüchtlingen in der Nachbarschaft zu Einheimischen eine
als Nomaden (oder Migranten) von der sesshaften Bevöl- Bedrohung darstelle und deren Protest sich auch auf die
kerung unterschieden und der Eindruck vermittelt sich, Form der Lagerunterbringung zurückführen lässt.
dass die Lager nicht eine bestimmte und bürokratisch ge-
regelte Einrichtung der modernen Gesellschaft, sondern Die Unterbringung von Asylsuchenden in Sammellagern
eine von den Bewohnern bestimmte Lebensform seien. ist gesetzlich als Regelfall vorgeschrieben, die Vorge-
Nicht das Lager prägt seine Bewohner, sondern hier wird hensweise ist zum Teil der Notwendigkeit geschuldet, für
ausreichend Unterbringungskapazitäten zu sorgen. Gerade

14
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

in den neunziger Jahren war die häufig demonstrative Un- Flüchtlinge stoßen in allen Fällen auf weit mehr Ableh-
terbringung von Asylsuchenden - so zum Beispiel die Er- nung als kleinere, in die Bebauung integrierte Unterkünfte,
richtung eines Containerlagers für 1500 Flüchtlinge auf zum Beispiel die Belegung ehemaliger Mietshäuser. Je
der Münchner Theresienwiese - ein Mittel, um Stimmung deutlicher ein Lagercharakter also hervortritt, desto hefti-
gegen Asylsuchende zu machen. In den Jahren 90 bis 92 ger fällt die Ablehnung durch die ansässige Bevölkerung
sollte dies dazu dienen, die Akzeptanz für die Einschrän- aus. Zusammengefasst lassen die Ergebnisse der Kuhn-
kung des Grundrechts auf Asyl zu steigern. Solcherlei Ak- Studie also darauf schließen, dass nicht nur die Asylsu-
tivitäten und das Medienecho, das sie hervorriefen, waren chenden als Zuwanderer mit einem bestimmten Status,
denkbar ungeeignet, die Akzeptanz der Bevölkerung für sondern auch die Unterbringungsformen einen bestim-
die notwendige Unterbringung von Asylsuchenden zu er- menden Einfluss auf die Wahrnehmung durch die Bevöl-
höhen. Die Unterbringung auf der traditionsreichen There- kerung haben. (9)
sienwiese führte jedoch nicht zum breiten Protest.
Genau lassen sich die Haltungen gegenüber Lagern und
Widerstand entzündete sich vielmehr an der Errichtung Asylsuchenden als Insassen derselben jedoch nicht ausei-
von Lagern für Asylsuchende im oder benachbart zu nanderhalten. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass in
Wohnbereichen in den einzelnen Stadtvierteln. In ver- der Wahrnehmung der Nachbarschaft Lager und Bewohner
schiedenen Münchner Vierteln gründeten sich Initiativen, aufeinander verweisen. Zum einen deuten die Bewohner
die sich über Eingaben an die Stadtverwaltung und öffent- auf das Lager hin. Kuhn nahm zum Beispiel eine Unter-
lichen Protest gegen die Einrichtung einer Unterkunft in kunft in seine Untersuchung auf, weil sie von vielen Afri-
ihrem Viertel aussprachen. Tatsächlich scheint es die un- kanern bewohnt war.
mittelbare Nähe zu einer Unterkunft zu sein, welche die "Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren dort relativ viele
meisten Befürchtungen der Anwohner weckt. Eine Unter- Asylbewerber aus Schwarzafrika untergebracht, die natür-
suchung unter der Leitung des Geographen Walter Kuhn, lich in der Umgebung deutlicher auffallen, zumal die Stra-
die 1993 in der Umgebung von sechs größeren Münchner ßen rund um das Heim ansonsten nicht besonders belebt
Unterkünften durchgeführt wurde, kommt jedenfalls zu sind" (Kuhn 1994: 320).
dem Schluss, dass die häufigsten Beschwerden, Klagen Die Anwesenheit afrikanischer Flüchtlinge ist also Indiz
gegenüber Schmutz- und Lärmbelästigung, aber auch die für die Unterkunft. Umgekehrt ist es die Unterkunft, wel-
Angst vor Asylsuchenden schon in einer Entfernung von che auf die Präsenz von Flüchtlingen bzw. Asylsuchenden
150 Metern deutlich abnehmen (Kuhn 1994: 324ff). Die hinweist. Von den ca. 30.000 Flüchtlingen 1993 kamen
Angst vor Asylsuchenden wertet Kuhn nicht als direkte mehr als die Hälfte, vorwiegend Flüchtlinge aus dem ehe-
Bedrohung, sondern als subjektives Sicherheitsempfinden, maligen Jugoslawien, privat bei Verwandten unter und
das durch die Unterbringung von Asylsuchenden beein- wurden in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Erst
trächtigt wird. Dies führte dazu, dass im wohlhabenden die Unterbringung in Lagern macht die Asylsuchenden zur
Vorstadtviertel Solln immerhin sieben von 69 Befragten deutlich identifizierbaren Gruppe, zu denen "aus dem
im Umkreis der Unterkunft ihre Häuser durch Alarmanla- Haus" oder "aus dem Lager".
gen oder Sicherheitsschlösser zusätzlich gesichert. Bei
anderen Unterkünften gaben zehn Prozent der Befragten
an, "dass man sich bei Spaziergängen auf der Straße etwas
Bedingungen der Akzeptanz
mehr in acht nähme" (Kuhn 1994: 329). Erheblichen Ein- Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie Kuhn kommen auch
fluss auf das Sicherheitsempfinden haben laut Kuhn lokale die Autoren eines Berichtes, der auf einer von der nord-
Interessensgruppen, die mit skandalisierenden Berichten rhein-westfälischen Landesregierung in Auftrag gegebenen
die Einrichtung von Unterkünften zu verhindern suchen. Forschung im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften ba-
Es ist plausibel, dass Klagen über die Lagerinsassen au- sierte. Zehn Unterkünfte wurden untersucht, je fünf in
ßerhalb der Sicht- und Hörweite der Unterkunft abnehmen. kreisfreien Städten und fünf in kreisangehörigen Gemein-
Aber auch andere Indikatoren aus Kuhns Studie weisen den. Die Art und Weise, wie die jeweils zuständigen Be-
darauf hin, dass Sichtbarkeit und Nähe zu Unterkünften hörden die Unterbringung von Flüchtlingen meistern, sie-
wichtige Kriterien für die generelle Akzeptanz von delt diese Studie zwischen den Polen "Abschreckung" und
Flüchtlingsunterkünften in der benachbarten Bevölkerung "Sozialverträglichkeit" an (Fokus 1994: 122f). Die Studie
sind: stellt einen Zusammenhang zwischen der Art der Unter-
"Aus den Augen, aus dem Sinn, so könnte auch das Er- bringung und den Reaktionen aus der Bevölkerung fest:
gebnis auf einen kurzen Nenner gebracht werden, dass "Von der jeweiligen Umsetzung der Konzepte hängt maß-
Probanden, die von ihrer Wohnung auf das ihnen benach- geblich die Akzeptanz ausländischer Flüchtlinge in der
barte Heim sehen konnten, eine im Durchschnitt deutlich Bevölkerung und ganz besonders bei den Nachbarn von
schlechtere Meinung zu Asylbewerbern äußerten, als Per- Übergangsheimen ab" (Fokus 1994: 39).
sonen, die keinen unmittelbaren Blickkontakt hatten (Kuhn Unter sozialverträglicher Unterbringung fassen die Auto-
1994: 334). ren Maßnahmen sowohl gegenüber Unterkunft und
Flüchtlingen als auch in der Nachbarschaft zusammen.
Neben der Distanz zur benachbarten Wohnbevölkerung Hinsichtlich der Unterbringung schlagen sie kleine Wohn-
spielen die Größe und Art der Unterbringung eine Rolle. einheiten mit guten Wohn- und Lebensbedingungen und
Eingezäunte Containerlager für mehr als dreihundert ein angemessenes Maß an regelmäßiger Betreuung der
Bewohner vor. Gegenüber der Nachbarschaft sehen sie es

15
Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft

als vordringlich an, die Bevölkerung auf die bevorstehende wird. Mit anderen Worten: je mehr die Unterbringung ei-
Errichtung einer Unterkunft vorzubereiten und durch in- nen Lagercharakter hat, je deutlicher sie abgeschottet ist
tensive Öffentlichkeitsarbeit Ängste und Vorurteile abzu- und je mehr die Abschreckung der Insassen das Ziel der
bauen. Auch diese Studie sieht eine Reihe Befürchtungen, Behörden ist, desto schlechter ist das soziale Klima in und
die aus der Nachbarschaft bezüglich der Unterkunft geäu- außerhalb der Unterkunft.
ßert werden. Die Angst vor steigender Kriminalität ran- In der von Kuhn erstellten Studie zur Unterbringungssitu-
giert auch bei den hier untersuchten Nachbarschaften ganz ation in München votierte 3/4 der Befragten für die Unter-
oben. Die Autoren fordern, die Befürchtungen der An- bringung der Flüchtlinge in kleinen, über das Stadtgebiet
wohner von Unterkünften ernst zu nehmen und abzubau- verteilten Unterkünften. Kuhn stellte jedoch auch fest,
en.(10) "... dass mit schwindendem Grad der Akzeptanz der Anteil
jener Befragten zunimmt, die Unterkünfte eher außerhalb
"Die Leitlinie lautet: Vertrauen schaffen durch Transpa- des Wohnbereichs haben wollen, was schließlich darin
renz! Die Stadt gibt der Bevölkerung Einblick in die Le- gipfelt, die Asylbewerber am liebsten in einem eigenen
bensverhältnisse der Flüchtlinge (z.B. Tag der Offenen ‚Dorf im Stadtgebiet' zu sehen, wie die Begriffe Ghetto
Tür), gibt ihnen Raum und Gelegenheit, ihre Ängste zu oder Konzentrationslager im Fragebogen umschrieben
benennen, Proteste zu äußern, Fragen zu stellen (Fokus waren. Nicht selten wurde beim Ausfüllen ‚im Stadtgebiet'
1994:48). auch ersetzt durch ‚außerhalb des Stadtgebietes'" (Kuhn
Gruppen, die sich für die Flüchtlinge engagieren, sollten 1994: 334).
nach Möglichkeit in die Beratung und Betreuung der
Flüchtlinge einbezogen werden. Die Stadt sollte die Arbeit
dieser Initiativen fördern und eng mit ihnen kooperieren.
Lager - staatlich verordnete Dis-
In ihrem Fazit plädieren die Autoren für eine sozialver- kriminierung
trägliche Unterbringung von Flüchtlingen, das heißt, eine Die geplanten Ausreisezentren, die der deutschen Lager-
Unterbringung, die sich nicht vom Abschreckungsprinzip kultur noch eine weitere Facette hinzufügen werden, sind
leiten lässt. deutlich und ausschließlich ein Instrument zur Diskrimi-
nierung und Disziplinierung von Migrantinnen und
"Bewusst oder unbewusst werden bei der Unterbringung Migranten. Wie die Lager für ‚Gastarbeiter' und Asylsu-
von Flüchtlingen Maßnahmen ergriffen, die u.U. der Ab- chende werden die Ausreisezentren damit zum Ausdruck
schreckung der Flüchtlinge dienen sollen (die für diese einer gesellschaftlichen und politischen Haltung, die
Situation verantwortlich gemacht werden), letztendlich Migranten Misstrauen und Feindseligkeit entgegenbringt.
aber massive Abwehrreaktionen der Anwohner/innen her- Soziale und gesundheitliche Schädigung der Lagerinsassen
vorrufen" (Fokus 1994: 46). wird dabei bewusst in Kauf genommen. Das Leben im
Die Verfasser der Fokus Studie stellen fest, dass es sich Lager ist entwürdigend, unterstützt die soziale Desintegra-
bei Bürgerinitiativen Pro oder Kontra Flüchtlinge um ein tion der Insassen und kann gravierende soziale und psychi-
Engagement handelt, dass sich auch gegen die unterbrin- sche Schäden für die Insassen hervorbringen. Letztlich ist
gende Kommune richten kann und deuten an, dass aus die Einweisung in Lager ein Akt der Entmündigung, der
diesem Grunde eine abschreckende Unterbringung nicht Migrantinnen und Migranten zum Objekt staatlicher Inte-
im Interesse der unterbringenden Behörde sein kann (Fo- ressen macht. Die Achtung der Persönlichkeit und der
kus 1994: 45). Menschenwürde wird damit der Durchsetzung politischer
Zwecke untergeordnet, deren Erfolg obendrein noch
Wenn die Ergebnisse der Nordrhein-Westfälischen Fokus- höchst zweifelhaft ist.
Studie richtig sind, dann sind insbesondere zwei Faktoren Schließlich führt die Separierung eines Teils der Bevölke-
für die Sozialverträglichkeit der Flüchtlingsunterbringung rung in Lager zur Stigmatisierung und bewirkt Spannun-
relevant. Einerseits eine möglichst gute Betreuung der gen zwischen der umgebenden Wohnbevölkerung und den
Flüchtlinge in Unterkünften, die soziale Mindeststandards Lagerinsassen. Lagerinsassen gelten als gefährlich, denn,
einhalten, andererseits eine umfassende Information der so schließt sich der Kreis, sonst würde man sie nicht in
lokalen Öffentlichkeit über die Flüchtlinge und die Koope- Lagern unterbringen. Eine Lagerunterbringung von
ration mit Initiativen, die sich zur Unterstützung und Migranten bringt also den Effekt, dass Migranten für ge-
Betreuung der Flüchtlinge gegründet haben. Maßnahmen, fährlich gehalten werden, erst hervor. Eine Kriminalisie-
die auf die Verschlechterung der Lebensbedingungen der rung durch die Politik führt zu einer Kriminalisierung
Flüchtlinge im Sinne einer Abschreckung zielen, fördern durch die Bevölkerung, die schließlich wieder zur Recht-
demnach nicht nur Abwehrreaktionen in der umliegenden fertigung der Politik herangezogen werden kann. Im Er-
Nachbarschaft, sondern polarisieren auch die Bevölkerung gebnis ist diese Politik zugleich Ausdruck und Quelle
in Pro- und Contra-Asyl Fraktionen. fremdenfeindlicher Einstellungen, die mit einer offenen
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dementspre- und demokratischen Gesellschaft nicht zu vereinbaren
chend nicht die Unterbringung an sich, sondern die Frage sind.
der Ausgestaltung der Lebensbedingungen, die Standort-
wahl und die Einbeziehung der umliegenden Bevölkerung
wesentliche Faktoren sind, ob und wie stark das Lager
seitens der Nachbarschaft als Gefährdung wahrgenommen (aus: Infodienst 2/2002)

16
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

Anmerkungen

(1) Seit der deutschen Erfahrung während der Zeit des (8) Überfälle und Anschläge auf Asylsuchende und Unter-
Nationalsozialismus hat der Begriff des Lagers einen üblen künfte fanden allerdings relativ kontinuierlich sowohl vor
Beigeschmack. So wurden im Alltag zwar durchaus die als auch nach den frühen neunziger Jahren statt, lediglich
Unterkünfte von Arbeitsmigranten wie Asylsuchenden als das jeweilige Medienecho könnte den Eindruck vermitteln,
Lager bezeichnet, doch aus dem öffentlichen Gebrauch dass es sich hier nur um verschiedene Episoden handelte.
versuchte man den Begriff herauszuhalten. Hinsichtlich (9) Dies dürfte auch dadurch zu belegen sein, dass An-
Asylsuchender vermied man die Bezeichnung Lager exakt wohnerproteste sich nicht allein auf Asylsuchende bezie-
seit der Zeit, als die Unterbringung von Flüchtlingen in hen, sondern gegen die Ansiedlung anderer Einrichtungen,
Sammellagern zum Zweck der Abschreckung verfügt wur- z.B. für Obdachlose oder Behinderte, in ganz ähnlicher
de. Im Asylverfahrensgesetz von 1982 wurde Sammellager Weise opponiert wird. So protestierten Anwohner gegen
durch den euphemistischen Begriff der "Gemeinschafts- die geplante Unterbringung von Obdachlosen in einem
unterkunft" ersetzt (Jürgens 1989: 152). Containerlager benachbart zu einer Reihenhaussiedlung.
(2) " ... so primitiv verpflegt würden, ginge ein Aufschrei "'Es geht uns vor allem darum, dass die Bedenken der
durch die Nation." Kommentar eines Reporters des Bürger ernst genommen werden', erklärt Brigitte Erdmann,
Münchner Merkur 1963 (Dunkel/Stramaglia-Faggon 2000: eine der Initiatoren der Interessensgemeinschaft. Erdmann,
165) selbst wohnhaft in der Woferlstraße, befürchtet wie viele
(3) "... sondern Scheinasylanten abschrecken. Auch das ist weitere Anlieger ‚dieses bisher intakte Wohngebiet mit
gemeint (...) lagermäßige Unterbringung, Zugangskon- Einfamilienhäusern und Eigentumswohnanlagen', dass in
trollen und Ausgangsbeschränkungen - ganz klar." (Griess, den Wohncontainer vor allem soziale Randgruppen einzie-
FDP 1980, zit. n. Jürgens 1989: 161) hen werden. In einer Siedlung, in der viele Familien mit
(4) Classen 2000 bietet einen sehr genauen und kritischen Kindern und ältere allein stehende Menschen wohnen,
Überblick über die Beschränkungen, die das Asylbewer- würden bei einer solchen Klientel berechtigte Sicherheits-
berleistungsgesetz beinhaltet und die hier nicht alle aufge- bedenken aufkommen" (SZ vom 23.8.2001: 41).
zählt werden können. (10) "Bedenken und Ängste der Anwohner/innen vor Kri-
(5) vgl. besonders Henning/Wießner 1982; Jürgens 1989 minalität der Flüchtlinge sollten ernstgenommen werden.
153ff; Zepf 1986: 96f. Doch eine angeblich hohe Kriminalitätsrate von Flüchtlin-
(6) Zum Begriff des ethnic business oder ethnisches Ge- gen bestätigt sich nicht. Hierbei handelt es sich offensicht-
werbe vgl. z. B. Rudolph und Hillmann (1997: 89) lich um ein hartnäckiges Vorurteil, das möglicherweise
(7) Was um so bemerkenswerter ist, als dass sich beide durch die Art der Berichterstattung in der Presse vor Ort
Zitate nicht auf ‚ethnisch fremde', sondern auf ‚deutsche' geschürt wird" (Fokus 1994: 43).
Vertriebene bzw. Flüchtlinge beziehen.

17
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft
und Abschiebungslabore
von Bernd Mesovic

einmal nicht mit dem verschleiernden Geschwätz von psy-


Die Sprache der deutschen Asylpolitik ist verschleiernd chosozialer Beratung und Betreuung getarnt haben, die in
und lügenhaft. Lager werden hierzulande Gemeinschafts- solchen Ausreiseeinrichtungen angeblich stattfindet. Dan-
unterkünfte genannt. Die Einschränkung der Bewegungs- ke, dass Sie das ausländerpolitische Lernziel, die brutal zu
freiheit von Menschen heißt vornehm Residenzpflicht. Ein erteilende Lektion dieses Ausreisezentrums hier in Ingel-
Gesetz, auf dessen Grundlage nach den Vorstellungen des heim so klar benennen: die Produktion von Hoffnungslo-
Bundesinnenministers erklärtermaßen weniger Menschen sigkeit. Menschen die Hoffnung zu nehmen – auf Schutz,
als zuvor in dieses Land kommen sollen, wird als Zuwan- den sie hierzulande gesucht haben, oder auf ein erträgli-
derungsgesetz tituliert. Ein Amt, dessen Haupttätigkeit in ches Leben.
den vergangenen Jahren darin bestand, Asylanträge abzu-
lehnen, hieß bislang Bundesamt für die Anerkennung aus- Herr Martini-Emden, Ihre Formulierung macht deutlich,
ländischer Flüchtlinge. Leistungsberechtigte (nach dem dass es neben der Bereitstellung von Gebäuden für Ausrei-
Asylbewerberleistungsgesetz), sind Menschen, denen man seeinrichtungen offenbar auch jener sattsam bekannten
das reguläre Existenzminimum vorsätzlich vorenthält und Überzeugungstäter bedarf, um Menschen – im gesetzlich
die man mit Sachleistungen abspeist. Flüchtlinge, die man vorgegebenen Rahmen natürlich – zu quälen.
bei der Flucht aus dem Herkunftsland immerhin noch als
solche bezeichnet hat, werden zu ‚illegalen Migranten‘, Mit ein wenig Schergenmentalität disqualifiziert man sich
wenn sie sich unseren Grenzen oder denen anderer EU- in diesem Land keineswegs für herausgehobene Positionen
Staaten nähern. im öffentlichen Dienst.

Wo immer wir auf diesen Orwellschen New-Speak treffen,


wissen wir: Die Verrohung der Sprache begleitet die Ent- Ausreiseeinrichtungen – die bruta-
rechtung der Menschen.
le Ergänzung der Abschiebungs-
haft
Erklärte Absicht: Menschen die Das neue Zuwanderungsgesetz sieht vor, dass die Länder
Hoffnung zu nehmen Ausreisezentren schaffen können. Damit werden die bis-
Mit der Verankerung der sogenannten Ausreiseeinrichtun- lang schon in einer rechtlichen Grauzone existierenden
gen im neuen Zuwanderungsgesetz ist die asylpolitische Modellprojekte auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Im
Rhetorik um einen Euphemismus reicher. Was für den Klartext: Unter einer rotgrünen Bundesregierung wird das
Laien klingen mag wie die Sonderform eines Reisebüros, erbärmliche und exzessiv genutzte System der Abschie-
ist in der Realität nichts anderes als eine Einrichtung zur bungshaft nicht eingeschränkt, geschweige denn abge-
Zermürbung und Demoralisierung von Menschen. schafft – es wird um ein Element erweitert. Die Einrich-
tung von Ausreisezentren und die Fortschreibung des Ab-
Zermürbung und Demoralisierung sind nicht Nebenpro- schiebungshaftsystems sind die dunkle - quasi vormoderne
dukte des Versuchs, Menschen zur Rückkehr ins Her- - Seite des Zuwanderungsgesetzes – eines Gesetzes, das
kunftsland und zur Kooperation bei der eigenen Abschie- Otto Schily unablässig als eines der modernsten in Europa
bung zu zwingen, sie sind politische Strategie, sie sind die preist.
Hauptaufgabe der Ausreisezentren. Niemand hat dies un-
verblümter und unverschämter formuliert als Dietmar Die geplanten Ausreisezentren werden der Öffentlichkeit
Martini-Emden, Leiter der Clearingstelle für Flugabschie- als quasi-pädagogisches Modell verkauft. Angeblich, so
bungen und Passbeschaffung hier in Rheinland-Pfalz, einer viele Politiker, sind sie die Alternative zur Abschiebungs-
Metastase des Abschiebungskomplexes, vor dem wir ste- haft, das mildere Mittel. Schaut man genau hin, stellt man
hen. Ausreisepflichtige sollen in eine gewisse Stimmung fest: Das ist eine Lüge.
der Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit versetzt wer-
den, so Martini-Emden in einem Strategiepapier. Tatsache ist: Keines der Bundesländer, in denen Ausreise-
zentren bereits existieren, hat die Abschiebungshaft abge-
Danke, Herr Martini-Emden, danke für Ihre Offenheit, mit schafft oder reduziert.
der Sie Ihre Absicht, Menschen zu zermürben, wenigstens

18
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

Überwiegend werden Menschen in die Ausreiseeinrich- Heute ist es wichtig, dass wir uns gemeinsam gegen die
tungen hineingezwungen, die aus rechtlichen Gründen Einrichtung weiterer Ausreisezentren wehren. Gibt es sie
nicht in Haft genommen werden dürfen. Denn der Zweck erst einmal, so zeigt die Praxis: Sie werden gefüllt - unter
von Abschiebungshaft ist lediglich die Sicherung der Ab- allen Umständen. Gegebenenfalls wird das Recht nach-
schiebung. Sie dient nicht dazu, die Inhaftierten zu einem träglich der experimentellen Praxis angepasst. Auf Zusa-
bestimmten Verhalten zu zwingen. Das sollen die Ausrei- gen von Politikern, diese oder jene Personengruppe von
sezentren leisten. der Quälerei im Ausreisezentrum auszunehmen, ist kein
Verlass. Der Kreis der Zwangseingewiesenen wird immer
Ausreisezentren sind deshalb nicht die Alternative zur Ab- mehr erweitert, das zeigen die Erfahrungen in Rheinland-
schiebungshaft, sondern ihre brutale Ergänzung. Der Will- Pfalz und Niedersachsen. Auch Kranke und Familien mit
kür der einweisenden Behörde sind Tür und Tor geöffnet. Kindern finden sich in Ausreisezentren. Das ist keine Pan-
Kein Richter befindet über die Zulässigkeit der Einwei- ne, kein Betriebsunfall. Die parlamentarische Staatssekre-
sung. Kein Gesetz regelt – anders als bei der Abschie- tärin im BMI, Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, hat sich kei-
bungshaft – die Höchstdauer der Unterbringung. Kein Ge- neswegs verplaudert, sondern formuliert mit geradezu
setz regelt ihre Rahmenbedingungen. Martini-Emdenscher Offenheit, wenn sie in einem Brief an
eine bayerische Flüchtlingsinitiative schreibt: „Den beson-
Der Alltag der Untergebrachten ist geprägt von einer Ma- deren Bedürfnissen von Frauen, Kindern und Jugendlichen
schinerie zur Produktion von Hoffnungslosigkeit. Es wir- sowie Traumatisierten muss bei der räumlichen und perso-
ken zusammen: Das Herausreißen der Untergebrachten aus nellen Ausstattung der Ausreisezentren Rechnung getragen
den bisherigen Lebensumständen, aus ihrer Wohnung, werden.“
manchmal aus einem Arbeitsverhältnis. Der Verlust von
gewachsenen Kontakten, die strenge Aufenthaltsbeschrän- Danke, Frau Sonntag-Wolgast, für das deutliche Bekennt-
kung. Die Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten nis zur geschlechtsspezifischen, kindgerechten und ärztlich
durch die drastische Kürzung der ohnehin geringen Sozi- begleiteten Zermürbung von Menschen. Niemand kann
alleistungen, die Zermürbung durch ständige Befragung nach Ihrem Schreiben mehr behaupten, er habe von nichts
und Behördentermine, Botschaftsvorführungen, Durchsu- gewusst, wenn Kinder, Jugendliche, Traumatisierte in
chungen der Habe. Ausreisezentren eingewiesen werden. Die erwartbaren
Schreckenszenarien sind politisch vorsätzlich herbeige-
führt.
Ein Illegalisierungsprogramm Wie wir alle inzwischen wissen, sind Herr Schily und Herr
Wenn man ganz zynisch sein wollte, dann könnte man die Beckstein ausländerpolitisch nicht weit auseinander. Gele-
Ausreisezentren in einem Sinne tatsächlich als Alternative gentlich passt nicht einmal die sprichwörtliche Bildzeitung
zur Abschiebungshaft bezeichnen. Eine Möglichkeit mehr zwischen unsere beiden Assimilations- und Abschie-
als in Abschiebungshaft bleibt den ins Ausreisezentrum bungstheoretiker und –praktiker. Deshalb sollte man auf-
Gezwungenen: das Abtauchen in die Illegalität. Statt die merksam zuhören, wenn Beckstein erklärt, wohin die aus-
alltägliche Entrechtung weiter zu ertragen, entscheiden sie länderrechtliche Reise in der nächsten Zeit geht. Das Mo-
sich für ein weitgehend rechtloses Leben. dell Bayern kann nämlich morgen das Modell Deutschland
sein. Es geht längst nicht mehr nur um die Zwangseinwei-
Ist das die politisch gewollte Alternative? Es scheint so. In sung von Ausreisepflichtigen in solche Zentren. Die baye-
den Leistungsbilanzen existierender Ausreisezentren wer- rischen Planungen zielen - wie auch die Praxis in Nieder-
den Abgetauchte umstandslos als Erfolg verbucht. Wir sachsen - erklärtermaßen darauf, Betroffene, für die Heim-
stehen hier in Ingelheim vor einer „Landesunterkunft zur reisedokumente zu beschaffen sind, zu einem möglichst
Illegalisierung von Flüchtlingen“. So hat sie der Arbeits- frühen Zeitpunkt in Ausreisezentren unterzubringen. In der
kreis Asyl Rheinland-Pfalz schon vor einiger Zeit zu Recht Praxis kann das bedeuten: Flüchtlinge, die im Asylverfah-
getauft. Wir erleben ein Crashprogramm der Politik: An- ren als offensichtlich unbegründet abgelehnt wurden,
gestanden hätte die Legalisierung wenigstens eines Teils Menschen aus bestimmten Herkunftsstaaten, die als prob-
der Hunderttausende, die in Deutschland ohne Status und lematisch gelten, sie alle könnten sich demnächst in Aus-
Papiere leben. Das wäre das Gebot der Stunde gewesen. reisezentren wiederfinden. Der Grundstein ist gelegt.
Stattdessen erleben wir ein Illegalisierungsprogramm.

Experimente im Abschiebungsla-
Auch im Visier: Frauen, Kinder, bor
Traumatisierte Ausreisezentren sind Abschiebungslabore. Im Asylverfah-
Es ist wichtig, dass wir die Menschen in diesem Lande ren abgelehnte Menschen werden, so die Sprache der
immer wieder über die Grauzonen, die verborgenen Orte, Technokraten, den Botschaften der angeblichen Herkunfts-
die no-go-areas deutscher Abschottungs- und Abschie- staaten „angeboten“. Mit welch fragwürdigen Methoden
bungspolitik informieren. Über das Elend an unseren Lan- dabei gearbeitet wird, belegt ein Beispiel aus dem Zustän-
desgrenzen, über die Situation der Menschen, die im Flug- digkeitsbereich des Herrn Martini-Emden.
hafentransit interniert werden, über die Unerträglichkeit In der Clearingstelle für Passbeschaffung und Flugab-
isolierter Sammellager. schiebungen in Trier wurde ein abgelehnter Asylbewerber

19
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore

Mitarbeitern des armenischen Konsulats vorgeführt. Ein


Sachbearbeiter dieser Behörde ging mit dem Betroffenen Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik
zur Toilette. Dort hatte der Flüchtling sein Geschlechtsteil
zu präsentieren – zwecks Prüfung, ob er beschnitten sei
und ihre tödlichen Folgen
oder nicht. Offenbar sollte über die via Penis vermutete Aus der Dokumentation der ARI (Berlin) über
Religionszugehörigkeit auf die Staatsangehörigkeit ge-
den Zeitraum 1.1.1993 - 31.12.2001
schlossen werden. Ein möglicherweise freiwilliges Be-
weisangebot des Opfers sei dies gewesen, rechtfertigte
Herr Martini-Emden später den Vorgang. So wird die kon-
krete Unmenschlichkeit mit grobem Unfug gerechtfertigt.
130 Flüchtlinge starben auf dem Wege in die Bundesrepu-
In Bezug auf die Klärung der Staatsangehörigkeit, den
blik Deutschland oder an den Grenzen, davon allein 100 an
ursprünglichen Zweck des Termins, blieb die Penisschau
den deutschen Ost-Grenzen,
selbstverständlich ergebnislos.
343 Flüchtlinge erlitten beim Grenzübertritt Verletzungen,
Dass so etwas in einer deutschen Behörde möglich ist, davon 209 an den deutschen Ost-Grenzen,
zeigt den Geist, der in Ausreisezentren und Clearingstellen 99 Flüchtlinge töteten sich angesichts ihrer drohenden Ab-
schiebung oder starben bei dem Versuch, vor der Abschie-
herrscht.
bung zu fliehen; davon 45 Menschen in Abschiebehaft,
Auch der beschriebene Exzess aber hat sich in Herrn Mar-
338 Flüchtlinge haben sich aus Angst vor der Abschiebung
tini-Emdens Strategiepapier bereits angedeutet. Zur künf-
oder aus Protest gegen die drohende Abschiebung (Risiko-
tigen Zusammenarbeit mit ausländischen Botschaften bei
der Passersatzpapierbeschaffung schlug er vor, es müsse in Hungerstreiks) selbst verletzt oder versuchten, sich umzu-
politischen Gesprächen eine Reduzierung der Anforderun- bringen; davon befanden sich 227 Menschen in Abschie-
behaft,
gen erreicht werden. Anforderungen an den Nachweis oder
5 Flüchtlinge starben während der Abschiebung und
die Glaubhaftmachung der Staatsangehörigkeit sollen, so
171 Flüchtlinge wurden durch Zwangsmaßnahmen oder
Martini-Emden, „auf einem möglichst niedrig gehaltenen
Misshandlungen während der Abschiebung verletzt,
Level vereinbart werden können, so dass auch Hilfskrite-
rien zu einer Übernahmeverpflichtung führen können.“ 16 Flüchtlinge kamen nach der Abschiebung in ihrem
Das nahmen seine Mitarbeiter offenbar wörtlich. Sie er- Herkunftsland zu Tode und
mindestens 321 Flüchtlinge wurden im Herkunftsland von
reichten den niedrigsten Level. Der Penis wurde offenbar
Polizei oder Militär misshandelt und gefoltert,
zum Hilfskriterium bei der Bestimmung der Staatsangehö-
46 Flüchtlinge verschwanden nach der Abschiebung
rigkeit.
spurlos,
Natürlich blieb das alles folgenlos: für die beteiligten Be- 11 Flüchtlinge starben bei abschiebeunabhängigen Poli-
zeimaßnahmen; 230 wurden durch Polizei oder Bewa-
amten und die Vorgesetzten. Schulterschluss und Corps-
chungspersonal verletzt,
geist in der Beamtenschaft und die Untätigkeit der poli-
58 Menschen starben bei Bränden in Flüchtlingsunter-
tisch Verantwortlichen haben Signalwirkung: weiter so.
künften, 511 Flüchtlinge wurden z.T. erheblich verletzt,
Zwei Bundesländer haben bisher erklärt, auf Ausreisezent-
ren auch künftig zu verzichten. Lasst uns nun alles dafür 11 Menschen starben durch rassistische Angriffe auf der
tun, damit es mehr werden. Straße.

Jede Zeit hat ihre Architektur. An ihren Bauten lässt sich


Ein Fazit:
der Geist einer Gesellschaft am leichtesten ablesen. Das
Durch staatliche Maßnahmen der BRD kamen mehr
hat Herbert Leuninger als Vertreter von PRO ASYL hier
vor einem Jahr gesagt – über die Mauer von Ingelheim. Flüchtlinge ums Leben (261 Flüchtlinge) als durch rassis-
Die Mauer vor uns ist eine barbarische Mauer der Festung tische Übergriffe (69 Flüchtlinge).
Europa.
Lasst uns dafür sorgen, dass diese Mauern, wie die Mauern
aller Abschiebungsknäste in diesem Lande, keine Zukunft
haben. Kämpfen wir dafür, dass neue Mauern nicht entste-
hen, in diesem Europa, das so lange schon von Mauern
geprägt ist. Die Mauern müssen weg. Die Mauer von In-
gelheim muss weg.
Die Dokumentation ist erhältlich bei:
ANTIRASSISTISCHE INITIATIVE
Yorckstr.59, 10965 Berlin;
Fon 030 - 785 72 81
ari@ipn.de

und im Netz unter


Bernd Mesovic, PRO ASYL; Rede zur Demonstration in
http://www.berlinet.de/ari
Ingelheim am 29. Juni 2002

20
Rechtlos im Niemandsland

Rechtlos im Niemandsland
von Thomas Assheuer

Das Flüchtlingslager Woomera, in der Wüste Südaustra- Bloß ein Körper. Ein Nichts
liens gelegen, ist ein "Höllenloch". Wem die Flucht aus Ob in den unklaren Zwischenzonen jemand als Mensch
dem Lager gelingt, der wird in der Hitze verdursten. Für oder als überflüssiger Körper behandelt wird, hängt oft nur
die Bearbeitung der Asylanträge lassen sich die australi- am seidenen Faden des Rechts und seiner Durchsetzung.
schen Behörden Zeit, viel Zeit, manchmal Jahre. Ob die Die Frage aber, welches Recht zur Anwendung kommt,
Zwangsinternierung der "Angeschwemmten", darunter unterliegt der Willkür des lokalen Souveräns. Im Zweifels-
viele Kinder, internationales Recht verletzt, ist umstritten. fall ist eine Kiste mit chinesischen Bohnen durch die "Lex
Das Rote Kreuz äußerte "große Besorgnis" über die Be- Mercatoria", das eng geknüpfte Netz internationaler
handlung der "Illegalen". Nachdem die Flüchtlinge vor Rechtsbeziehungen, besser geschützt als ein Schiff mit
zwei Wochen in den Hungerstreik getreten waren, sich den Flüchtlingen, das aus den schwarzen Löchern der Weltge-
Mund zugenäht und mit Selbstmord gedroht hatten, lenkte sellschaft auftaucht und "nach Fremdeinwirkung" auf ho-
die australische Regierung ein. Nun sollen die "Illegalen" her See für immer verschwindet. Während Warenströme
verlegt werden. weltweit von einem faszinierenden Regelwerk kanalisiert
In Italien fordern konservative Politiker, die Küstenpolizei sind, bleibt Menschen in den Indifferenzzonen des Rechts
solle Schusswaffen gegen Flüchtlingsboote und "Illegale" nur das "nackte Leben". Streng genommen sind auch die
einsetzen. Die katholische Kirche erinnert daran, dass "Illegalen" Träger von Menschenrechtstiteln; faktisch be-
Flüchtlinge Menschen seien. Auch die Flüchtlinge in der sitzen sie nur ihre Rechtlosigkeit. Die Bemerkung des a-
spanischen Enklave Ceuta in Nordmarokko sind in den merikanischen Justizministers Ashcroft, die Regierung
Augen des Gesetzes Nobodys, Illegale, Staatenlose. Nicht "diskutiere noch" darüber, welches Recht in Guantánamo
alle wurden in ihrer afrikanischen Heimat politisch ver- zur Anwendung komme, ist eine präzise Definition für die
folgt; zurücktreiben können die spanischen Behörden die neue Indifferenz des Rechts. Souverän verfügt die lokale,
Flüchtlinge nur, wenn sie deren Herkunftsländer kennen. mit sich selbst "diskutierende" Macht über Ausnahmezu-
Als Rechtlose, ohne Papiere, nach Marokko abgeschoben, stand und Rechtszustand. Es gilt das Recht, das im Augen-
drohen den Flüchtlingen Misshandlungen. blick der Entscheidung gesetzt wird. Bis dahin haben die
Strittig ist auch der rechtliche Status der Taliban- und Al- Gefangenen nur ihr Leben; sie werden das sein, was der
Qaida-Gefangenen auf dem amerikanischen Stützpunkt jeweils gewählte Rechtsbegriff aus ihnen macht. In wessen
Guantánamo in Kuba. Die amerikanische Regierung be- Namen auch immer, auch im Namen der "unendlichen
trachtet sie als "ungesetzliche Kämpfer", eine Rechtsfor- Gerechtigkeit".
mel, die aber die Genfer Konvention gar nicht kennt. Laut
US-Justizminister Ashcroft "diskutiert" die Regierung Warum die Rechtlosigkeit in die alten Räume des Rechts
noch, wie die Al-Qaida-Kämpfer rechtlich zu behandeln zurückkehrt, warum immer öfter das "bloße Leben" der
sind. Als Kombattanten der Taliban? Als Terroristen, die "nackten Macht" gegenübersteht, dafür wird in diesen Ta-
von einem (völkerrechtswidrigen) Militärtribunal abgeur- gen oft das Werk des italienischen Philosophen Giorgio
teilt werden? Als Kriegsgefangene, die nach dem Ende der Agamben bemüht. Sein 1995 veröffentlichtes Werk Homo
Kriegshandlungen sofort freizulassen wären? Bis zur Klä- Sacer, das Ende Februar endlich in deutscher Übersetzung
rung werden die gewaltbereiten Gefangenen der Weltöf- im Suhrkamp Verlag erscheint, ist in der Tat ein Schlüs-
fentlichkeit mit Ketten, schwarzen Brillen und verstopften selwerk für die Kritik an der Ambivalenz des Rechts. A-
Ohren vorgeführt: als rot verhüllte Körper in engen Käfi- gambens provozierende These lautet, dass die Rückkehr
gen, zwischen Recht und Unrecht, Land und Meer. der Rechtlosen keine Erscheinung der Gegenwart ist.
Das sind keine Einzelfälle. Überall, auch am Wohlstands- Schon in der Geburtsstunde des Rechts, in der Antike, sei
gürtel des weltweiten Westens, wuchern rechtliche Dun- eine Unterscheidung eingeführt worden, die noch heute
kelzonen, in denen der Übergang zwischen legal und ille- ihre verhängnisvolle Wirkung entfalte: die Unterscheidung
gal, Rechtlosigkeit und Unrecht gleitend ist. In einigen zwischen dem bloßen Dasein und der politischen Existenz,
Niemandsländern haben Menschen nicht einmal das Recht, die Unterscheidung zwischen dem rechtlosen Kreatürli-
Rechte zu haben. Rechtsfreie Räume entstehen vor allem chen (zoe) und dem guten Leben (bios). Schon die Antike
in Gebieten, wo der Terror des Krieges und der Horror des hat die Person in die Gemeinschaft eingeschlossen, indem
Friedens nicht mehr zu unterscheiden sind: in den no go sie, wiederum in einem politischen Setzungsakt, ihren
areas Afrikas, in all den innerstaatlichen und zwischen- Körper als "bloßes Leben" exkommuniziert. Weil der po-
staatlichen Dauerkonflikten, an den Rändern zerfallender litische Einschluss in die Gemeinschaft auf einem simulta-
Nationen. nen Ausschluss beruht, ist die Rechtlosigkeit in das Recht
schon eingebaut.

21
Rechtlos im Niemandsland

Agambens Pointe liegt auf der Hand. In dem Augenblick, dern aus den äußeren Innenräumen einer durchgesetzten
wo das Recht ausgesetzt und von der Person "abgezogen" Weltgesellschaft, die Menschen in ihr System einschließt -
wird, bleibt der bloße Körper zurück. Er ist ein Nichts, und zugleich einen großen Teil wieder ausgrenzt. Das ist
eine alphabetisierte Biomasse, die einen Menschen zu derselbe Mechanismus, den Agamben für das Recht auf-
nennen die Mühe nicht lohnt. zeigt: Während im "Inklusionsbereich Menschen als Per-
Heute, in den rechtsfreien Zwischenräumen der globali- sonen zählen, scheint es im Exklusionsbereich nur auf ihre
sierten Moderne, kehrt die antike Figur zurück. Der Körper anzukommen." Aus der kalten Sicht der kapitalisti-
Flüchtling, der von Schleppern an den Strand geworfen schen Weltgesellschaft handelt es sich um reine "Surplus-
wird oder im Tiefkühlcontainer erstickt, ist der Wieder- Populationen" (Hauke Brunkhorst), um funktional über-
gänger des Homo sacer; jener infame und verworfene flüssige, entbehrliche Subjekte.
Mensch, der eine Gesetz- und Rechtlosigkeit verkörpert,
die im Herzen des "abendländischen Rechts" immer schon Dass diese Verwerfungen von neuen Deregulierungsoffen-
angelegt war. siven aus der Welt geschafft werden, dass mit der ökono-
mischen Integration auch die rechtliche zu bewerkstelligen
Folgt man Agambens suggestiven Beschreibungen, dann ist - dies glauben ja nicht einmal die Spitzenfunktionäre
ist der Abgrund zwischen Recht und Gerechtigkeit nicht des Weltwirtschaftsgipfels. Doch selbst wenn es gelänge,
zu überbrücken. Alles Recht scheint unendlich weit von durch ein Weltbürgerrecht die rechtsfreien Räume zu
jeder Gerechtigkeit entfernt, wobei dann und wann aus "schließen", so bliebe immer noch das Problem dramatisch
dunklem Grund eine mysteriöse Gewalt aufsteigt, die sich wachsender Ungleichheit und sozialer Auflösung. Für bei-
über den Erdball wälzt und Ströme von Flüchtlingen hin- des sind die Akteure nicht in Sicht. Ein Internationaler
terlässt, unlawful combatants, Gestrandete und Rechtlose - Strafgerichtshof, der den Menschenrechten "Nachachtung"
das Treibgut der globalisierten Moderne. verschafft, würde sich ohnehin nur der "schwersten Fälle"
annehmen - das Verhalten der australischen Regierung, die
Und doch, es gibt nicht nur die Exklusion durch das Recht. Käfighaltung von Gefangenen, die "Maßnahmen" der ita-
So bestechend Agambens Analysen auch sind, so dürfen lienischen Küstenpolizei und die Abschiebepraxis auf dem
sie nicht den Blick auf die sozialen Verwerfungen der Frankfurter Flughafen wären nicht darunter.
Weltgesellschaft trüben - auf eine Ungerechtigkeit, die
selbst hartgesottene Systemtheoretiker aus der Fassung
bringt. Dieser Weltgesellschaft hat der Soziologe Niklas Amerikanischer Universalismus?
Luhmann schon vor Jahren eine unerbittliche Diagnose Fast scheint es, als sei mit den neuen Formen entstaatlich-
gestellt. Luhmann zeigte, dass unsere alten Unterscheidun- ter Kriege gleich beides, sowohl ein kosmopolitischer
gen zwischen moderner und vormoderner Welt in die Irre Rechtszustand wie auch eine gerechtere Ökonomie, wieder
führen. Denn auf der ganzen Welt, zwischen Kapstadt und in weite Ferne gerückt. Dabei hätte eine Weltgesellschaft,
Rio, Vancouver und Wladiwostok habe sich das eine Ge- die ihren Namen verdient, das zu leisten, was dem Natio-
setz der Modernisierung, die eine funktionale Logik nalstaat erst nach jahrhundertelangen blutigen Kämpfen
durchgesetzt und dabei die alten Hauswirtschaften aufge- gelungen ist. Sie müsste in ihren rechtsfreien Räumen den
löst. Überall sei ein dichtes Netz aus gegeneinander diffe- "Naturzustand" beenden und transnationale Institutionen
renzierten "Funktionssystemen" ausgespannt - Arbeits- schaffen, die nicht nur als Papiertiger ihr Dasein fristen
und Bildungs-, Wirtschafts- und Rechts-, Gesundheits- und die einflussreich genug sind, um das unbeschreibliche
und Kultursystem. Gerechtigkeitsgefälle der Weltwirtschaftsordnung zu min-
Luhmanns Schlussfolgerung ist dramatisch. Während fast dern. Aber dafür müssten die Vereinigten Staaten, die ja
die gesamte Weltbevölkerung auf Gedeih und Verderb von mit normativem Anspruch, im Namen von Freiheit und
den Funktionssystemen abhängig ist, vor allem von den Demokratie, Kriege führen, auf ihre Supermachtsattitüden
individuellen Chancen auf dem Markt, wird einem großen verzichten und einen Universalismus befördern, der nicht
Teil der Zutritt zu einzelnen Systemen verweigert - zu den nur ein amerikanischer ist.
politischen, rechtlichen und ökonomischen Errungen- Solange die Aussichten dafür trübe sind, solange Europa
schaften der Moderne. Wer nur aus einem System, etwa nicht über den eigenen Tellerrand schaut und ein politi-
der Schulbildung, ausgegrenzt wird, dem bleiben auch alle sches Gegengewicht bildet, bleibt nur der Gerichtshof der
anderen verschlossen. "Keine Arbeit, kein Geld, kein Weltöffentlichkeit: jener skandalisierende Appell an das
Ausweis, keine stabilen Intimbeziehungen, kein Zugang zu Unrechtsgefühl der Völkergemeinschaft, der sich immer
Verträgen und gerichtlichem Rechtsschutz, keine Mög- noch auf die berühmte Formel Immanuel Kants berufen
lichkeit, Wahlkampagnen von Karnevalsveranstaltungen kann, wonach eine "Rechtsverletzung an einem Platz der
zu unterscheiden, Analphabetentum und medizinische wie Erde an allen gefühlt" wird.
auch ernährungsmäßige Unterversorgung."

Wenn es so ist, wenn die ganze Welt dem einen Gesetz der
Modernisierung unterliegt, dann sind die Dunkelzonen von
Armut und Rechtlosigkeit nicht das Außen der Weltgesell-
schaft, sondern deren innere Peripherie. Dann kommen die
Flüchtlinge nicht als Fremde aus einer anderen Welt, son- aus: DIE ZEIT 07/2002

22
Was ist eigentlich Abschiebehaft

Was ist das eigentlich: Abschiebehaft?


(Initiative gegen Abschiebehaft)

Auch wer schon viele Jahre in Deutschland ist und nun


"Sie sind zur Ausreise verpflichtet ...“ nicht in das Herkunftsland „zurückkehren“ will, nachdem
Alle Menschen, die sich in Deutschland aufhalten möchten ein Asylantrag abgelehnt wurde oder die Lage sich in den
und keinen deutschen oder europäischen Pass besitzen, Augen des auswärtigen Amtes „normalisiert“ hat, kann zur
brauchen eine „Aufenthaltsgenehmigung“. Die bloße Da- Sicherheit in die Abschiebehaft gebracht werden. Es
Seins-Berechtigung muss von der Verwaltung genehmigt könnte ja sein, so wird regelmäßig argumentiert, dass er
werden. Wer dieses Dokument nicht besitzt, hält sich in oder sie sich der Abschiebung andernfalls „entziehen“
Deutschland unerlaubt, illegal, ohne Papiere auf und ist würde.
verpflichtet, das Land zu verlassen.
Diese sogenannten Papierlosen werden von den Behörden
mit allerhand Druckmitteln schikaniert, damit sie das Land
„freiwillig“ verlassen oder sich versteckt halten.
Wer „zur Ausreise verpflichtet ist“ aber Deutschland nicht Tausend Schicksale, ein Urteil
verlassen kann oder will, wird unter Umständen dazu ge- Diese menschenverachtende Verwaltungsmaßnahme wird
zwungen – auch unter Einsatz von Gewalt. Jedes Jahr wer- "Sicherungshaft" genannt. Gesichert werden soll die rei-
den über 50.000 Menschen vom Bundesgrenzschutz abge- bungslose Durchführung der Abschiebung.
schoben. Auf der Grundlage eines einzigen Paragraphen im Auslän-
In Deutschland gelten zweierlei Rechte. Deutsche genie- dergesetz entscheidet das Gericht über die Inhaftierung. Er
ßen die Grundrechte, "Ausländer" sind dem Ausländerge- macht möglich, dass ein Richter jedeN PapierloseN ins
setz unterworfen, mit seinen vielen einschränkenden, dis- Gefängnis schicken kann, sobald auch nur ein Verdacht
kriminierenden Regelungen. besteht, er oder sie werde sich "der Abschiebung entzie-
Denn zur Durchsetzung der „Ausreisepflicht“ sieht das hen".
deutsche Ausländergesetz ein spezielles Mittel vor, das in
Berlin besonders restriktiv eingesetzt wird: die Abschiebe- Die RichterInnen in Berlin sehen diesen Verdacht in nahe-
haft. zu allen Fällen als begründet an. Für ihre Entscheidung
brauchen sie nicht lange. In der Außenstelle des Amtsge-
richt, die effizienter Weise direkt in der Abschiebehaft
untergebracht ist, werden in meist nur minutenlangen An-
hörungen die immer gleichen Haftbeschlüsse ausgespro-
" … deshalb wird Haft zur Siche- chen.
rung der Abschiebung angeord- Dieses Fließbandverfahren kann nur schwer über den dis-
kriminierenden Charakter dieser Prozedur hinwegtäu-
net!" schen. Die Abschiebehäftlinge merken sehr bald, dass ihr
Damit die Abschiebung – ein behördlicher Verwaltungsakt Anliegen dort nicht geprüft wird. Für sie scheint Rechts-
– leichter durchgeführt werden kann, können diese Men- staatlichkeit überhaupt nicht vorgesehen zu sein.
schen vor der Abschiebung bis zu 18 Monate festgehalten
werden.
Die lange Inhaftierung verbringen sie in einem Gefängnis, § 57 Ausländergesetz: Abschiebungshaft
obwohl sie keine Verbrechen begangen haben, die eine "[…] (2) Ein Ausländer ist zur Sicherung der Ab-
Strafhaft rechtfertigen würden. Deutschlandweit werden schiebung auf richterliche Anordnung in Haft zu
jedes Jahr mehrere Tausend Menschen in der Abschiebe- nehmen (Sicherungshaft), wenn
haft festgehalten. 1. der Ausländer auf Grund einer unerlaubten Ein-
reise vollziehbar ausreisepflichtig ist, […]
Dort hin lassen die Ausländerbehörden zum Beispiel pol- 5. der begründete Verdacht besteht, daß er sich
nische Bauarbeiter bringen, die bei einer Razzia in die der Abschiebung entziehen will.
Hände der Polizei gefallen sind. Ihre Abschiebung nach […] Die Sicherungshaft ist unzulässig, wenn fest-
Polen soll durch die Haft sicher gestellt werden. Oder afri- steht, daß aus Gründen, die der Ausländer nicht
kanische Flüchtlinge, die durch den Bundesgrenzschutz zu vertreten hat, die Abschiebung nicht innerhalb
kontrolliert wurden und keine Dokumente bei sich hatten. der nächsten drei Monate durchgeführt werden
kann.

23
Was ist eigentlich Abschiebehaft

(3) Die Sicherungshaft kann bis zu sechs Monaten Oft klagen Häftlinge, dass sie bei der Verhaftung keinen
angeordnet werden. Sie kann in Fällen, in denen persönlichen Besitz mehr mitnehmen konnten, so dass sie
der Ausländer seine Abschiebung verhindert, um bei der Abschiebung oder der Entlassung nur das besitzen,
höchstens zwölf Monate verlängert werden. […] was sie bei der Verhaftung am Leibe hatten.
Auch um anwaltliche Unterstützung muss sich jeder Häft-
ling in der Regel selbst kümmern. Aber ihre Anwälte
müssten die Häftlinge selbst bezahlen, denn ihnen wird
nicht, wie im Falle von Straffälligen, ein Pflichtverteidiger
beigeordnet. So bleiben viele ohne Beratung, ohne Rechts-
vertretung, ohne Kontakt nach außen.

In den Fängen des Ausländerge-


setzes "Es war schrecklich da drinnen, weißt du, die
Die Lebensgeschichten der Inhaftierten sind so unter- Ausländerpolizei tut einfach alles, um dich total
schiedlich wie die Sprachen, in denen sie sich untereinan- zu frustrieren, dich total fertig zu machen. Damit
der und mit ihren Bewachern verständigen. In der Ab- du am Schluss nur noch sagst, bitte, macht mit
schiebehaft in Berlin sitzen zum Beispiel Jungendliche aus mir, was ihr wollt, schickt mich, wohin ihr wollt!
Sri Lanka, Frauen aus der Ukraine, Männer aus Tsche- Nur lasst mich hier raus."
tschenien oder Liberia. Sie sind zwischen 16 und 65 Jahre Ein ehemaliger Abschiebehäftling, der nach über
alt, haben schon lange in Deutschland gelebt oder sind erst sechs Monaten Haft entlassen wurde.
wenige Tage vor ihrer Inhaftierung zum ersten Mal in ih-
rem Leben nach Europa gekommen. Einige wurden schon
mehrfach aus Deutschland rausgeschmissen und werden
sicher wiederkommen, für andere wird die Abschiebehaft
mit einer Überführung in staatliche Folterkeller in der Tür-
kei, Algerien oder Russland enden.
Doch in den Fängen der Bürokratie haben sie alle eines Endstation Abschiebehaft?
gemeinsam: Ihr Aufenthalt in Deutschland ist laut Auslän- Oft können die Menschen, die in Abschiebehaft sitzen, gar
dergesetz nicht (länger) erlaubt. nicht abgeschoben werden, weil sie kein Reisedokument
Daher – und nur daher – sitzen sie bis zu anderthalb Jahren besitzen. Manchmal ist auch ihre Identität ungeklärt. Die
in Haft. Beschaffung der nötigen Dokumente durch die Ausländer-
behörde kann Monate dauern. Während dessen sitzen die
aus der Abschiebestatistik der Berliner Ausländerbe- Papierlosen in Haft.
hörde:
Da auch Personen inhaftiert werden, bei denen von
Monat: aus der
Dezember 01 Abschiebehaft
vornherein feststeht, dass die geplante Abschiebung
Albanien 11 kaum durchführbar sein wird – zum Beispiel auf-
Algerien 24 grund ihrer ungeklärten Identität, mangelnder Koope-
Bosnien 83 ration der Botschaften oder bürokratischer Wirrnisse
Bulgarien 392 im Heimatland – kommt es regelmäßig zu Entlassun-
Jugoslavien 125 gen nach einer Haft von drei bis 12 Monaten. Ge-
Lettland 37 setzlich hätten sie gar nicht inhaftiert werden dürfen.
Litauen 50 Die Ausländerbehörde statuiert an ihnen zur Ab-
schreckung ein Exempel, indem sie diese Menschen
festhält, ohne sie wirklich abschieben zu können. Die
Konsequenz dieser Praxis ist, dass der “illegale Auf-
enthalt“ auf diesem Wege ohne Strafverfahren “be-
Weggesperrt zum Abtransport straft“ wird.
Für Abschiebehäftlinge gibt es zumeist keinerlei Arbeits-
Gleichzeitig dient die Haft auch als “Beugehaft”, um
oder Beschäftigungsmöglichkeiten, lediglich einmal am die Betroffenen dazu zu bewegen, sich doch noch für
Tag eine Stunde Hofgang. Daher sitzen sie in ihren engen ihre eigene Abschiebung einzusetzen oder “freiwil-
Zellen – in einigen Bundesländern sogar in Einzelhaft – lig” auszureisen.
und warten auf ihr ungewisses Schicksal.

Geld und Besitz wird den Gefangenen bei der Inhaftierung


weggenommen und mit den Haftkosten verrechnet (ca. 50
Euro pro Tag).

24
Was ist eigentlich Abschiebehaft

Unerklärlich, unvorhersehbar, Ein Zwangsmittel mit Folgen


unkontrollierbar Viele Menschen in der Abschiebehaft stehen anfangs unter
Schock. Die allermeisten von ihnen waren vorher nie im
Viele Abschiebehäftlinge werden schon kurz nach der Ein- Gefängnis. Viele haben Angst vor der Abschiebung in ihr
reise aufgegriffen und haben bei der Inhaftnahme keine Herkunftsland.
Ahnung, was mit ihnen passiert. Die meisten verfügen Das hilflose Warten auf eine bedrohliche, vielleicht le-
nicht über ausreichende Sprachkenntnisse, um sich über bensgefährliche Zukunft wird für sie selbst zur Folter.
ihre Situation informieren zu können. Die verantwortli- Der Freiheitsentzug, die Rechtlosigkeit, die Behandlung
chen Behörden leisten kaum Aufklärungsarbeit. durch die Beamten, die Ungewissheit, das erzwungene
Diese Menschen wissen daher weder, wo sie sich genau Haftleben führen bei vielen zu einer extremen Anspannung
befinden noch wie lange sie festgehalten werden können mit gravierenden Folgen:
oder was ihnen vorgeworfen wird. Ihre Inhaftierung wird Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schwin-
ihnen unerklärbar. Meist denken sie fälschlicherweise, es delgefühle, Alpträume, Schlaflosigkeit,
werde ihnen eine Straftat vorgeworfen. Doch nicht der Schweißausbrüche, Apathie, Appetitlosigkeit, Stressge-
"illegale Aufenthalt" ist der Grund für die Abschiebehaft, fühle, Angstzustände, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Ver-
sondern ausschließlich die "Sicherung der Abschiebung"! zweiflung.
Sie verbringen den ganzen Tag damit, zu warten: auf die Depressive Stimmungen, Suizidgedanken und Selbst-
ungewissen Aussichten auf eine Entlassung oder auf den mordversuche, Selbstverletzungen und Hungerstreiks sind
ungewissen Termin ihrer Abschiebung. Die Dauer und das in der Abschiebehaft an der Tagesordnung. Jährlich treten
Ende der Haft, ihre allernächste Zukunft, ist in der Regel beispielsweise in Berlin allein etwa 400 Menschen (Ge-
unvorhersehbar. samtzahl: 5000 Abschiebehäftlinge pro Jahr) aus Protest
In der Abschiebehaft sieht kaum eine/r der Gefangenen für gegen ihre Inhaftierung in einen Hungerstreik.
sich noch wirkliche Handlungsmöglichkeiten – tatsächlich Selbst nach der Entlassung haben viele Abschiebehäftlinge
gibt es nur die "Wahl" zwischen Abschiebung und Fort- noch mit den psychosomatischen Spätfolgen ihrer Inhaftie-
dauer der unerträglichen Inhaftierung. Ihre Situation wird rung zu kämpfen.
für sie unkontrollierbar.

Sie sind der Behördenwillkür völlig ausgeliefert und haben


in vielen Fällen keinerlei soziale Unterstützung außerhalb
des Gefängnisses.

25
Geschichte der Abschiebehaft

Zur Geschichte der Abschiebehaft


Abschiebehaftgruppe Leipzig

„Die generelle Problematik der Internierung bestand frei- Bedrohung für die Wiedergesundung des deutschen Vol-
lich darin, dasdie Abschiebung der Gefangenen nur sehr kes und für den Wideraufbau Deutschlands.“
zögernd erfolgte und überlange Haftzeiten bis zu einem Am 25. Mai 1919 verabschiedeten die Ministerien für In-
halben Jahr keine Seltenheit waren. Der 16 jährige (...) neres und militärische Angelegenheiten die „Bekanntma-
Rubin Bardach (...) wurde am 2. März (...) am Regensbur- chungen über Aufenthalts- und Zuzugsbeschränkungen“,
ger Bahnhof beim Verlassen eines Zuges ohne Fahrkarte die das geltende Fremdenrecht unter der Maßgabe der Re-
und ohne Reisepaß aufgegriffen. Die örtliche Polizei volutionsprävention verschärften. Mit diesen Änderungen
steckte Bardach zunächst für einige Tage ins Landge- wurde der Grundstein für die heutige Abschiebehaftpraxis
richtsgefängnis, wo er die Strafe wegen illegalen Grenz- gelegt:
übertritts und Schwarzfahrens verbüßte. Anschließend 1) Fremde sind „sicher zu erfassen und ihre Bewegung im
erhielt Bardach den Ausweisungsbeschluß und wurde nach Lande möglichst genau zu verfolgen“ 2) Die Ausweisung
Ingolstadt ‘verschubt’. Die Ausstellung eines Grenzpa- kann verhängt werden, wenn „es die Erhaltung der öffent-
pierscheins verzögerte sich jedoch, so dass Bardach insge- lichen Sicherheit dringend erfordert“ 3) Die Ausgewiese-
samt vier Monate interniert blieb und erst am 15. Juli bei nen sind „unter Bestimmung einer knapp bemessenen Frist
Salzburg über die Grenze gestellt wurde. Immer wieder zur Abreise“ aufzufordern 4) „Der Vollzug ist wirksam zu
kamen Flucht- und Selbstmordversuche vor, auch einzelne überwachen.“ 5) Die Festnahme ist zulässig, „wenn An-
Todesfälle hat es im Lager Ingolstadt gegeben.“ haltspunkte dafür vorliegen, dass die Abreise nicht erfol-
Dirk Walter: Antisemitische Kriminalität und Gewalt, gen würde.“ 6) Entsprechende „Schutzlager“ sollen einge-
Dietz: 1999 richtet werden. Daran hat sich bis heute, abgesehen von
einigen unwichtigen Details, bis hin zu Formulierungsfra-
Obenstehende Zeilen beschreiben zutreffend das System gen nichts geändert.
der Abschiebehaft in der heutigen Zeit. Dass sie sich auf Bei der Abschiebung der OstjüdInnen ergaben sich aber
eine andere Zeit beziehen, wird erst deutlich, wenn wir in Probleme, vor allem war nicht klar, in welches der osteu-
die Auslassungen die Worte „Jude“, „aus Wien“ und ropäischen Länder abgeschoben werden kann. Die Frage
„1922“ einsetzen. des Transportes bereitete Schwierigkeiten. So kam es im
Wie sollte es in Deutschland auch anders sein – Abschie- Frühjahr 1920 zu Einrichtung des ersten Abschiebege-
behaft war ursprünglich eine Erfindung in Bayern zur rei- fängnisses – dem Internierungslager „Fort Prinz Karl“ in
bungslosen Abschiebung der OstjüdInnen, gedacht als Ingolstadt. Schon damals führte die antisemitische Hetze
präventives Mittel zur Aufstandsbekämpfung. Während in zu Fehlplanungen: Das Lager war für 600 Personen aus-
den Prozessen gegen die vermeintlichen AnführerInnen gelegt, inhaftiert waren aber nur zwischen 40 und 100 Per-
der Münchner Räterepublik nur wenige AusländerInnen sonen. Und schon damals regte sich der typisch deutsche
angeklagt waren, diskutierten Öffentlichkeit und die Be- Humanismus, der eine Abschiebung zwar nicht schlimm
hörden den „jüdischen Anteil“ an dem Aufstand. Der Re- findet, aber sehr wohl die Bedingungen in der Abschiebe-
gierungspräsident von Oberbayern äußerte im Januar 1920, haft. Der Kommandeur des Lagers drohte in einem Schrei-
dass „es vielfach die Ostjuden waren, welche in der Zeit ben an das Fremdenamt mit der Auflösung des Lagers,
der Räterepublik sich am meisten in der Aufstachelung der wenn nicht solche Fragen wie der medizinischen Versor-
Massen hervorgetan haben“. Schon im Juni 1919 erhielt gung, der Bettwäsche und der Portokosten geklärt würden.
die Polizei den Auftrag der Fremdenkontrolle. Alle Aus- Im Februar 1924 wurde das Lager in Ingolstadt aus Geld-
länderInnen mussten sich bei der Polizei melden, wurden mangel aufgelöst und Abschiebegefangene, wie auch
registriert und ihr Lebenswandel überprüft. Verstärkt wur- schon vor 1920, in normale Gefängnisse interniert.1
den Ausweisungsverfügungen, vor allem gegen OstjüdIn- In Preußen gingen 1920 die Hetzkampagnen gegen die
nen, ausgestellt. Die Verfügungen ergingen auch in Hin- OstjüdInnen weniger hysterisch über die Bühne und die
blick auf den „Schutz derjenigen einheimischen jüdischen Fremdengesetzgebung war im Vergleich zu Bayern libe-
Volksteile (...), die in ihrer Gesamtheit dem Treiben land- raler. Aber Preußen richtete schon 1921 ein Abschiebela-
fremder Rassegenossen durchaus ablehnend gegenüberste- ger in Cottbus und eins in Stargard (Pommern) ein. Sie
hen“. Anfang 1920 wurde die Zusammenarbeit der Grenz- entstanden auf dem Gelände ehemaliger Kriegsgefange-
polizei und Polizeidirektion intensiviert. Alle unliebsamen nenlager und hießen „Konzentrationslager“. Auch hier
Fremden sollten schon an der Grenze abgefangen werden waren hauptsächlich OstjüdInnen inhaftiert, bewacht von
und erst gar nicht nach Bayern gelangen. Die Festnahme Soldaten der Reichswehr. Die Äußerung des damaligen
von polnischen Juden auf „Schleich- und Schmugglerwe- preußischen Innenministers auf eine Anfrage im Landtag
gen“ begründete der leitende Grenzpolizist mit den Wor-
ten: „Eine Überschwemmung Deutschlands mit ostjüdi- 1 Alle Zitate und weitere Informationen finden sich in dem sehr
schem Gesindel bzw. Durchsetzung des deutschen Volkes empfehlenswerten Buch: Dirk Walter: Antisemitische Krimina-
mit diesen Parasiten der menschlichen Gesellschaft, er- lität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik,
scheint nicht nur als eine sittliche Gefahr, sondern eine Dietz: 1999 (gibt es im Antifa-Presse-Archiv)

26
Geschichte der Abschiebehaft

nimmt die ganzen Vertuschungsstrategien der heutigen Dauer der Sicherungshaft in besonderen Fällen von einer
Zeit vorweg: „Von der Preußischen Staatsregierung sind Woche auf zwei erhöht sowie die Möglichkeit der Freilas-
nicht nur keine Konzentrationslager errichtet worden, son- sung aus der Abschiebehaft nach Stellung eines A-
dern das einzige Konzentrationslager, das seit langem be- syl(erst)antrages abgeschafft. Festzuhalten bleibt also, dass
steht und zur Aufnahme jener Ausländer dient, die nicht es in den letzten 10 Jahren nach jahrelanger gesetzgeberi-
abgeschoben werden können, dieses einzige Konzentrati- scher Ruhe um den §57 AuslG eine ständige Verschärfung
onslager wird mit dem 31. dieses Monats (Dezember der Abschiebehaftbestimmungen gegeben hat. Diese Ent-
1923) geschlossen.“2 wicklung ist natürlich auch im Zusammenhang mit den
In der 1938 verabschiedeten Ausländerpolizeiverordnung veränderten Ausweisungsbestimmungen des Ausländerge-
fand die bayrische Regelung im §7 Eingang: „Der Auslän- setzes zu sehen, die immer breitere Kreise von Auslände-
der ist (...) durch Anwendung unmittelbaren Zwanges aus rInnen betreffen.
dem Reichsgebiet abzuschieben, wenn er das Reichsgebiet Die gesetzlichen Möglichkeiten fanden natürlich sofort
nicht freiwillig verlässt oder wenn die Anwendung unmit- ihre Umsetzung in der Praxis, sofern sie nicht schon lang
telbaren Zwanges aus anderen Gründen geboten erscheint. praktizierte Verfahrensweisen im Nachhinein legalisierten.
Zur Sicherung der Abschiebung kann der Ausländer in Zum einen stieg die Anzahl der Abschiebehäftlinge
Abschiebehaft genommen werden“. Diese Regelung der sprunghaft an (bundesweit: 1992: 700; 1993: 2.600; 1994:
Ausländerpolizeiverordnung galt in Westdeutschland un- 2.800; 1996: 1.900; 1997: 2.300 Sachsen: 1991: 15; 1992:
verändert bis 1965. 3 35; 1993: 89, 1994: 98; 1996: 63)4, zum anderen wurde
In den Jahren 1938/39 kam es zu einer Massenausweisung 1992 mit dem Bau der ersten Abschiebehaftanstalten be-
osteuropäischer JüdInnen aus Deutschland nach Polen. Im gonnen. Vorreiter dieser Entwicklung war und ist das rot-
Zusammenhang mit diesen Ausweisungen gab es Überle- grüne Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort gab es die
gungen, die betroffenen JüdInnen zu Vorbereitung in Kon- ersten, die größten und die meisten Abschiebeknäste. Dort
zentrationslagern zu internieren. Diese Überlegungen wur- wurden auch unkonventionelle Wege gegangen, um
den dann jedoch nicht mehr in die Praxis umgesetzt, da Flüchtlinge außer Landes zu schaffen. Dort wird das staat-
parallel dazu die jüdische Bevölkerung Deutschlands und liche Gewaltmonopol immer mehr aufgeweicht, indem
der später besetzten Länder in die Konzentrationslager Aufgaben der Inhaftierung und Abschiebung privatisiert
deportiert wurde, um sie zu auszulöschen. werden. Der Staat will sich die Finger nicht schmutzig
1965 trat in der BRD das neue Ausländergesetz in Kraft. machen, für die Todesfälle sollen private Wachschutzfir-
Aus dem §7 der Ausländerpolizeiverordnung von 1938 men verantwortlich sein. In Büren ist z.B. Sicherheitsun-
wurde der §16: „Ein Ausländer ist in Abschiebungshaft zu ternehmen für die Bewachung zuständig, dessen „Mitar-
nehmen, wenn die Haft zur Sicherung der Abschiebung beiter zahlreiche Fremdsprachen sprechen und nach Anga-
erforderlich ist. Die Abschiebungshaft kann bis zu sechs ben des Justizmininisteriums besonders gute Kontakte zu
Monaten angeordnet und bis zur Gesamtdauer von einem den Häftlingen haben“5 Das können wir uns so richtig
Jahr verlängert werden.“ Das Instrumentarium der Ab- lebhaft vorstellen... Der damalige NRW-Justizminister
schiebehaft kam jedoch bis 1990 kaum zu Anwendung. Es Rolf Krumsiek (SPD) ist sogar davon überzeugt, dass es
gab jährlich nur sehr wenige Fälle von Abzuschiebenden, den Flüchtlingen „in Abschiebehaft, wo sie sich frei bewe-
bei denen die Anordnung der Haft für notwendig erachtet gen können, oftmals besser geht als in ihrem Heimat-
wurde; in den meisten Fällen handelte es sich um Auslän- land.“6
derInnen, die vorher in U- oder Strafhaft saßen. Im Rahmen der „Harmonisierung“ des Ausländer- und
Im Zuge der Kampagne zur de-facto-Abschaffung des A- Asylrechts in Europa und unter Druck der deutschen Re-
sylrechts, der Änderung des Artikel 16 Grundgesetz, kam gierung folgten andere europäische Länder dem Beispiel
es zu mehreren Änderung im Ausländergesetz (AuslG) Deutschlands. So gibt es das gesetzliche Instrumentarium
und insbesondere auch im §57 AuslG, dem Abschiebe- der Abschiebehaft in der Schweiz, Frankreich und Däne-
haftparagraphen. So wurde 1990 die mögliche Gesamtdau- mark erst seit 1994 bzw. 1995; Italien wird es wohl erst in
er der Abschiebehaft auf 11/2 Jahre verlängert und der den nächsten Jahren einführen. Die Regelungen zur Ab-
Passus eingefügt, dass der „begründete Verdacht“, dass der schiebehaft sind in den meisten europäischen Ländern we-
Betreffende „sich der Abschiebung entziehen will“, aus- niger rigide als in der BRD. So beträgt die maximale Haft-
reicht, um Abschiebehaft anzuordnen. Damit wurde der zeit in den Niederlanden, Luxemburg und Frankreich nur
Willkür bei der Anordnung der Abschiebehaft Tür und Tor einige Wochen. Die osteuropäischen Länder zogen noch
geöffnet. 1992 kam es zu einer erneuten Änderung des §57 später nach, verfügen aber inzwischen dank tatkräftiger
AuslG: zwingende Haftgründe (wie unerlaubte Einreise; logistischer, finanzieller und personeller Unterstützung
Umzug, ohne der Ausländerbehörde dies mitzuteilen; von deutscher Seite über eine effektive Abschiebemaschi-
Nichterscheinen zu einem Abschiebungstermin; sonstiger nerie inklusive Abschiebeknäste.
Entzug der Abschiebung; begründeter Verdacht, sich der
Abschiebung entziehen zu wollen) wurden eingeführt, d.h.
die Anordnung der Abschiebehaft ist nicht mehr nur Er- 4 gerundete Werte; die Zahlen beziehen sich auf einen Stichtag in
messenssache, sondern muss unter den bestimmten Um- dem betreffenden Jahr. Diese Zahlen mit 10 multipliziert ergeben
ständen zwingend angeordnet werden. 1997 wurde die ungefähr die Gesamtzahlen der Abschiebehäftlinge in den betref-
fenden Jahren
5 Die Welt, 16.4.1996
2 Wolfgang Wippermann 1999, Konzentrationslager, S. 24 ff
6 taz, 30.8.1993
3 Abschiebehaftgruppe: Abschiebehaft in Sachsen, 1998, S. 42

27
Abschiebehaft in der Praxis

Die Abschiebehaft in der Praxis


aus: Hubert Heinhold, "Abschiebungshaft in Deutschland"

Die Ausländerbehörden verkürzen ihn deshalb oft - contra


1. Die Verhaftung legem.
Die Abschiebungshaft kann nur vom Richter angeordnet
werden. Zuständig ist das Amtsgericht als Gericht der In einem Beitrag äußert sich Karl Friedrich Piorreck,
freiwilligen Gerichtsbarkeit (§§ 1, 3 FEVG). Von der Richter am OLG Frankfurt am Main, zu diesem Problem
Ausländerbehörde muss ein Antrag auf Haftanordnung folgendermaßen:
vorgelegt worden sein, der durch das Gericht geprüft wird. "Die Praxis sucht und findet eigene Wege. Die Ausländer-
Es ist zwingend vorgeschrieben, bei dieser Prüfung den behörden lassen Ausländer zur Festnahme ausschreiben.
betroffenen Ausländer mündlich anzuhören. Auf diese Sie lassen Ausländer auch ganz gezielt - ohne Ausschrei-
Anhörung darf nicht verzichtet werden. Genauso wenig ist bung - festnehmen und bis zur Vorführung vor den Ab-
es zulässig, wenn das Gericht einen Eilbeschluss erlässt, schiebungshaftrichter im Polizeigewahrsam festhalten. Sie
um die Anhörung einige Zeit später nachzuholen. Dies entziehen Ausländern die Freiheit, um sie dem Abschie-
widerspräche dem Recht auf rechtliches Gehör (Art. 103 I bungshaftrichter vorzuführen bzw. vorführen zu lassen."
GG). Piorreck konstatiert, dass die Ausländerbehörden, da die
bundesrechtliche Gesetzgebung ihnen keinen Raum zur
Eine Anordnung zur Abschiebungshaft kann grundsätzlich Festnahme oder Ingewahrsamsnahme einräumt, auf straf-
nur dann erfolgen, wenn die Voraussetzungen des § 57 rechtliche oder polizeirechtliche Möglichkeiten auswei-
AuslG vorliegen. chen:
"Es haben sich dabei Amtshilfegewohnheiten eingebürgert,
Auch das Grundrecht auf rechtliches Gehör wird einem bei denen sich unterschiedliche Verwaltungsinteressen an
Ausländer nicht immer voll gewährt. Aus dem Bericht der einer Festnahme und einem Festhalten des Ausländers
Wuppertaler Betreuungsgruppe über einen von ihr betreu- ergänzen. Bei der auf Ersuchen der Ausländerbehörde
ten Abschiebungshäftling aus Zaïre: "M. berichtet von durchgeführten gezielten Festnahme eines Ausländers z. B.
seiner Verhaftung, als er in Abschiebungshaft kommen in der Unterkunft, beim Sozialamt oder sogar in Behör-
sollte: er bat den Richter um einen Dolmetscher, weil er denräumen auch der Ausländerämter leistet die Polizei
sich verteidigen wollte. Der Richter des Amtsgerichts Amtshilfe. Sie sieht in der Festnahme einen Akt der Gefah-
Wuppertal ließ ihm allerdings einen englischsprachigen renabwehr und vertraut darauf, daß das Amtshilfeersu-
Dolmetscher zukommen. Dieses Ereignis erfüllte M. mit chen der Ausländerbehörde rechtmäßig ist. (...) Nach einer
ohnmächtiger Wut." zufälligen Festnahme eines Ausländers durch die Polizei
z.B. bei einer Personenkontrolle leistet die Ausländerbe-
Die Ausländerbehörde spielt im Abschiebungsverfahren hörde häufig Amtshilfe, insbesondere wenn die Verfehlun-
die dominierende Rolle. Sie darf bei der tatsächlichen gen des Ausländers zur Erwirkung eines Untersuchungs-
Durchführung der Abschiebung vom letzten inländischen befehls nicht ausreichen. Sie erklärt sich bereit, einen Ab-
Aufenthaltsort des/der Abzuschiebenden bis zur Bundes- schiebungshaftantrag zu stellen und ersucht die Polizei
grenze unmittelbaren Zwang im freiheitsbeschränkenden darum, den Ausländer festzuhalten und dem Abschie-
Sinne anwenden. Es ist die Ausländerbehörde, die den bungshaftrichter vorzuführen. Die Gefahr, daß die Ab-
Antrag auf Anordnung der Abschiebungshaft stellt und die schiebungshaft zu einer Art Ersatzfreiheitsstrafe wird, liegt
durch ihr Handeln bzw. unterbleibendes Handeln be- auf der Hand."
stimmt, inwieweit auf die richterliche Anordnung zurück- Eine Folge kann sein, dass ein Ausländer selbst am über-
gegriffen wird. Sie hat jedoch keinerlei Machtbefugnis, nächsten Tag nach seinem Ergreifen noch festgehalten
selbst jemanden zur Sicherheit der Abschiebung vorläufig wird, obwohl die Polizei dies aus eigener Machtvollkom-
in Abschiebungshaft oder -gewahrsam zu nehmen. Zu je- menheit, also ohne eine richterliche Anordnung, nicht darf.
der mit der Abschiebung im Zusammenhang stehenden Liegt die so beschriebene Vorgehensweise vor, werden
Freiheitsentziehung bedarf es ausnahmslos einer vorheri- Ausländer aufgrund von Regelungen festgehalten, die
gen richterlichen Anordnung. Die Ausländerbehörde ist nicht dem Abschiebungshaftrecht entstammen. Dennoch
also weder ermächtigt, eine Person festzunehmen, wenn werden sie dem Abschiebungshaftrichter vorgeführt und
dies der unmittelbaren Durchführung der Abschiebung nicht dem Strafrichter, der die Zulässigkeit und Fortfüh-
dienen soll, noch um einen Ausländer dem Richter vorzu- rung der im Verwaltungsweg angeordneten und vollzoge-
führen. Auf die Dauer der Festhaltung kommt es nicht an. nen Freiheitsentziehung zu entscheiden hat, oder dem für
Doch der Alltag sieht oft anders aus. Die bundesrechtli- das Überprüfen des Freiheitsentzugs durch die Polizei zu-
chen Bestimmungen erschweren die Arbeit der Ausländer- ständigen Richter. Die letzteren prüfen gemäß § 128 StPO
behörde, denn der offizielle Behördenweg ist umständlich. oder nach dem jeweiligen Landesrecht die Rechtmäßigkeit
der vorausgegangenen polizeilichen Freiheitsentziehung.

28
Abschiebehaft in der Praxis

Dies ist beim Abschiebungshaftrichter nicht der Fall. Er


hat in seiner Entscheidung lediglich über die Vorausset-
3. Haftbedingungen
zungen der Haft nach § 57 AuslG zu befinden, bestimmt Die Haftbedingungen in den verschiedenen Bundesländern
also, ob und innerhalb welchen Zeitraums die Ausländer- sehen sehr unterschiedlich aus. Ausschlaggebend ist zu-
behörde ermächtigt sein soll, einen Ausländer in Haft zu nächst, ob es eine landesrechtliche Regelung zur Durch-
nehmen. führung des Vollzugs gibt (vgl. die Abschnitte zu den
Der Abschiebungshaftrichter hat (aus Rechtsgründen) we- Ländern Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Rheinland-
der einen Anlass, noch wäre er befugt, die vorangegangene Pfalz im 2. Kapitel) und in welcher Art von Einrichtung
Verwaltungsmaßnahme zu überprüfen, denn eine im Ver- die Häftlinge untergebracht sind.
waltungswege angeordnete vorläufige Abschiebungshaft Der Status der Abschiebungshäftlinge als Zivilgefangene
gibt es im Ausländerrecht nicht. Somit ist die Ausländer- erlaubt und gebietet es, die Abschiebungshaft weniger
behörde allein für den Verwaltungsgewahrsam verant- restriktiv zu gestalten als den normalen Strafvollzug. Sind
wortlich. Es unterbleibt die sonst durchzuführende richter- die Häftlinge jedoch in den allgemeinen Vollzug integriert
liche Kontrolle der Zulässigkeit der polizeilichen Frei- (also nicht in eigenen Abteilungen), ist es den oft überlas-
heitsentziehung. teten Justizvollzugsanstalten schon organisatorisch nicht
Natürlich hat der Ausländer das Recht zu einer förmlichen möglich, für die Abschiebungshäftlinge eine Sonderrege-
Anfechtung, doch hat er meist nicht die dazu nötige lung aufzustellen. Insbesondere die in die Untersuchungs-
Kenntnis der Rechtslage. haft integrierten Personen haben schwierige Bedingungen
zu ertragen, denn dem Untersuchungshäftling werden in
Deutschland teilweise weniger Rechte zuerkannt als dem
2. Zugangssituation schon Verurteilten. In der U-Haft wird der Kontakt unter
den Häftlingen unterbunden. Gemeinschaftliche Aktivitä-
Von Betreuern wird berichtet, daß gerade die ersten Tage
ten oder gemeinschaftlich genutzte Räume gibt es daher
der Haft für die Häftlinge besonders schwierig sind. Für
nicht, der Häftling verläßt die Zelle nur für den Hofgang.
viele Abschiebungsgefangene ist es das erste Mal, daß sie
In einigen Ländern gibt es separate Einrichtungen für die
mit dem Gefängnis in Kontakt kommen. Aufregung und
Abschiebungshaft. Dort ist es dann möglich, den Vollzug
Streß führen dazu, daß die Belehrungen beim Abschie-
dem Status der Abschiebungsgefangenen und dem Zweck
bungshaftrichter nur bedingt verstanden wurden. Auch
der Haft anzupassen, auch wenn dies oft nur ansatzweise
später, beim Zugangsgespräch in der Hafteinrichtung,
geschieht. Manchmal sind diese Abschiebungseinrichtun-
kennt er meist noch nicht die konkreten Gründe der Ab-
gen reine Provisorien, weil sie gar nicht für einen solchen
schiebungshaft. Hinzu kommen die einschränkenden Re-
Zweck geschaffen wurden. Dort können die Haftbedin-
geln der Haft wie die Verwahrung des Eigentums des
gungen härter als in den normalen Vollzugsanstalten sein
Häftlings oder die begrenzte Möglichkeit von Kontaktauf-
(vgl. Punkt 3.1).
nahmen und das Erlebnis des Eingesperrtseins.
Die meisten Häftlinge sind zum ersten Mal im Gefängnis.
Oft steht den Gefangenen kein dienstliches Telefon zu
Der Alltag ist geprägt von einer strengen Tages- und
Verfügung, für den öffentlichen Fernsprecher fehlt ihnen
Hausordnung und einer rigorosen Einschränkung jeglicher
aber das nötige Geld. So kommt es vor, daß Gefangene
Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit.
ihre Familien oder Betreuer in den Unterkünften von ihrer
Haft nicht benachrichtigen können. Es kommt auch vor,
Folgendes berichteten zwei Gefangene in einem Interview
daß Angehörige in verschiedenen Haftanstalten unterge-
des ZDF:
bracht werden und vom Verbleib des anderen nichts erfah-
"- kein Radio, guck mal, keine Uhr, kein Fernsehen, …gar
ren. Gerade eine Verbindung zu den, den Häftlingen ver-
nichts - was wollen machen 24 Stunden, wohin wir unser
trauten Personen wäre aber zu Beginn der Haft für die Ori-
Kopf stecken.
entierung und die Stimmung des Inhaftierten wichtig.
- Sie behandeln uns wie Tiere, wie Tiere. Ich bin hier seit
sechs Monaten, sechs Monate hier drin. Die Verwaltung
Verschiedene Anstalten versuchen, dem allgemeinen In-
sagt, alles geht nach Recht und Ordnung. Aber keiner von
formationsdefizit durch ausführliche Zugangsgespräche
uns kennt die Regeln, keiner weiß, was hier eigentlich ge-
oder Sprechstunden entgegenzuwirken. In manchen Län-
schieht."
dern wird von der Ausländerbehörde (z. B. Baden-
Abschiebungshäftlinge sind nicht wie Strafgefangene zur
Württemberg, Nordrhein-Westfalen) eine regelmäßige
Arbeit verpflichtet. Die Haftanstalt hat daher auch nicht
Sprechstunde angeboten, manche Haftanstalten verteilen
für einen Arbeitsplatz für einen Abschiebungshäftling zu
Informationsblätter (z.B. Thüringen, Berlin). Aber der
sorgen. Hinzu kommt, daß dies aus der Sicht der JVA bei
tatsächliche Betreuungs- und Informationsbedarf eines
Abschiebungshäftlingen mit kurzer Haftdauer (nur wer
Häftlings kann nicht von einem Informationsblatt oder
weiß denn, wie lange ein Häftling letztendlich in Haft
durch ein einmaliges Gespräch befriedigt werden. Erst
bleibt?) nicht unbedingt sinnvoll ist. Den Abschiebungs-
recht nicht, wenn Sprachprobleme die Übermittlung der
häftlingen, die gerne arbeiten würden, können die Haftan-
von vornherein komplizierten juristischen Vorgänge er-
stalten selten einen Arbeitsplatz zuweisen, da sie schon im
schweren.
Bereich der Strafhaft Schwierigkeiten haben, genügend
Plätze zu Verfügung zu stellen. Der Tagesablauf in der
Uelzener Hausordnung sieht daher für die Abschiebungs-
häftlinge so aus, daß sie zu den offiziellen Arbeitszeiten

29
Abschiebehaft in der Praxis

Freizeit haben, sich also in dem durch Umschluß zugängli- oder ähnliches muss von den Personen selbst gekauft wer-
chen Bereich (ein abgeriegelter Bereich, innerhalb dessen den. In einer Sendung in Kennzeichen D (ZDF) äußerte
die Zellen nicht verschlossen sind) bewegen und die ver- sich ein unzufriedener Häftling zu den hygienischen Be-
fügbaren Gemeinschaftseinrichtungen (Fernsehen) nutzen dingungen in der Berliner Abschiebungshaft:
können. "Man wird regelrecht schmutzig gemacht hier in der
Kruppstraße. Das geht so: man wird einfach eingesperrt,
monatelange, man hat kein Geld, kein Shampoo, keine
3.1 Örtlichkeiten Zahnbürste, nichts. Man hat nur die Kleidung, die man am
Frauen und Männer werden grundsätzlich in verschiedenen Leib trägt. Wie soll man sich da sauber halten!"
Einrichtungen untergebracht, Jugendliche in Jugendhaftan-
stalten. 3.3 Sicherstellen von Besitztum und Habe
In Bayern hatte ein mutiger Amtsrichter die Abschie- Bei der Verhaftung bleibt die persönliche Habe in den
bungshaft nur unter der Bedingung verfügt, dass die Fami- Unterkünften und wird dort oft sehr schnell entwendet.
lie zusammen inhaftiert wird und anderenfalls die umge- Wird sie jedoch von den Beamten sichergestellt, wird sie
hende Entlassung angeordnet und dies mit dem Vorrang von der Ausländerbehörde oder der JVA aufbewahrt.
der grundrechtlich geschützten Positionen der betroffenen Schwierig gestaltet sich dies bei jenen Häftlingen, die
Eltern bzw. Kinder/Jugendlichen begründet. Das Landge- schon einen eigenen Haushalt gegründet hatten. Vor der
richt München II hob den Beschluss umgehend auf. Abschiebung bleibt den Gefangenen wenig Zeit, das Zu-
Werden Familien getrennt, werden die Kinder oft in Hei- sammenstellen des Gepäcks zu organisieren. Mitgenom-
men untergebracht. Kleinkinder bleiben meist bei der men werden darf soviel Gepäck, wie im Transportmittel
Mutter. der Abschiebung ohne Erschwerung des Abschiebeablaufs
Die Standardunterbringung erfolgt in Gemeinschaftszellen. möglich ist, bei einer Flugreise beschränkt sich dies auf 20
Im Saarland können die Häftlinge wählen, ob sie Einzel- kg. Nicht immer bleibt bei schneller Abschiebung über-
oder Doppelzellen bevorzugen. Frauen und Jugendlichen haupt Zeit, Sorge für das Gepäck zu tragen (vgl. Beispiel
kann die "Wunschunterbringung" immer gewährt werden, in Kapitel 3.1).
den Männern je nach Belegung der Anstalten. In Berlin Manche der Abschiebungshäftlinge sind jedoch auch völ-
haben Häftlinge, deren Haftzeit mehr als sechs Monate lig mittellos. Sie besitzen kaum mehr als das, was sie am
beträgt, gemäß § 3 III des Gesetzes über den Abschie- Leibe tragen und sind damit sowohl für eine Abschiebung
bungsgewahrsam in Berlin ein Recht darauf, alleine in als auch schon für die Haft nicht ausgerüstet.
einem Haftraum untergebracht zu werden.
Meist kümmert man sich jedoch nicht um solche Wünsche 3.4 Vermögen
(bzw. kann es nicht). Wenn Gefangene sich Geld zusammengespart haben, wird
Größe und Einrichtung der Zellen hängen von der Haftan- dies auf einem Konto gutgeschrieben, von dem sich der
stalt ab. Dort, wo ein Umschluss nicht praktiziert wird, Häftling regelmäßig Geld abheben kann, um sich Waren
sind in den Hafträumen Toiletten und Waschbecken vor- des täglichen Bedarfs in der Verkaufsstelle der Haftanstalt
handen. zu erwerben. Ist er mittellos, steht ihm in den meisten
Es kommt immer wieder wegen der Überfüllung der Jus- Bundesländern ein monatliches Taschengeld zu, dessen
tizvollzugsanstalten und daraus resultierenden Provisorien Höhe jedoch unterschiedlich bemessen wird. Teils erhalten
zu unhaltbaren Zuständen. Ein Beispiel ist die (zwischen- die Abschiebungshäftlinge lediglich ein Taschengeld von
zeitlich abgestellte) Unterbringung in Bremen, die das circa 40,00 DM (wie Strafgefangene), teilweise erhalten
Landgericht in seinem Beschluss vom 05.08.94 als men- sie ein monatliches Taschengeld nach dem AsylbLG in
schenrechtswidrig und unverhältnismäßig kritisiert hatte. Höhe von 80,00 DM. Manchmal wird dieses Taschengeld
Der Betroffene war in einer Zelle mit vier weiteren Häft- nur für jeden vollen Monat gewährt, manchmal auch an-
lingen untergebracht. Diese Zelle war mit fünf Feldbetten teilig ausbezahlt.
sowie weiterem sperrigem Mobiliar ausgestattet. Ihre In manchen Ländern erhalten die Gefangenen zum Zeit-
Grundfläche betrug 2,7 x 7 m, die Zellenhöhe 2,9 m. punkt der Abschiebung einen kleinen Betrag (um die 50,00
Waschbecken und Toilette befanden sich ebenfalls in der DM) für die Reise, der aber nicht notwendigerweise die
Zelle. Die Toilette war durch eine kaum Sichtschutz ge- Kosten der Weiterreise (Flughafen - Heimatort) deckt.
währende, brusthohe schmale Blechwand abgetrennt. Die Kritisch wird es dort, wo Schmiergelder vonnöten sind,
beiden Zellenfenster bestanden jeweils aus 16 Glasbau- um gesund nach Hause zu kommen.
steinen. Gelüftet wurde die Zelle allein durch zwei aus vier "Am 2. Juni 1994 meldeten die ARD-Tagesthemen den Tod
Glasbausteinen bestehenden Kippfensteröffnungen. Ein von Kuldeep Singh. Er war aus der Abschiebungshaftan-
Luftschacht zum Abzug der von der Toilette ausgehenden stalt Wuppertal nach Neu-Delhi abgeschoben worden.
Gerüche existierte nicht. 1991 war er als Asylbewerber nach Niedersachsen ge-
kommen. Als der Asylantrag abgelehnt wurde, kam er
3.2 Hygiene nach NRW und lebte dort vom Rosenverkauf.
In vielen Zellen sind Waschbecken zu finden, Toiletten Am 9.5.94 - einen Tag vor seinem 21. Geburtstag - wurde
sind je nach Organisation der Anstalt in die Zellen integ- er bei einer Kontrolle in Langenfeld/Kreis Mettmann ver-
riert. Andernfalls befinden sich Gemeinschaftstoiletten im haftet und in Abschiebungshaft genommen. Am 27.5.94
Trakt. In den meisten Einrichtung können die Häftlinge wurde er nach Indien abgeschoben.
zweimal in der Woche duschen. Eigene Seife, Shampoo

30
Abschiebehaft in der Praxis

Aus dem Skript des Tagesthemenbeitrags des ARD-Büros


Delhi:
4. Frauen und Minderjährige in der
"Als Kuldeep Singh Deutschland verließ, war sein Ge- Haft
sundheitszustand in Ordnung. Sagen die Behörden. Auch Bei den Abschiebungshäftlingen handelt es sich größten-
bei seiner Ankunft in Indien war er gesund. Wissen die teils um Männer zwischen 20 und 40 Jahren, meist Anfang
Eltern. Und doch hat er die ungewollte Heimkehr keine 48 zwanzig. Der Frauenanteil beträgt bis zehn Prozent. Der
Stunden überlebt. Zu Tode gefoltert von der Flughafenpo- geringe Frauenanteil erklärt sich dadurch, dass schon unter
lizei - fast unmittelbar nach seiner Ankunft. Ein hier zwar den in Deutschland ankommenden Flüchtlingen der Anteil
nicht alltäglicher, aber doch öfters vorkommender Fall. der Männer stark überwiegt. Hinzu kommt, dass man bei
Denn Kuldeep wurde in ein Land abgeschoben, das auch Familien gelegentlich darauf verzichtet, alle Familienmit-
für deutsche Behörden nicht als sicheres Herkunftsland glieder in Haft zu nehmen und sich auf ein Elternteil be-
gilt. Seine Angehörigen zeigen warum. Elektroschocks und schränkt, wobei aus organisatorischen Überlegungen (Un-
Schläge haben auf dem gesamten Körper unwiderlegbare terbringung eines männlichen Häftlings ist einfacher; Ver-
Spuren hinterlassen. Fingergroße Foltermerkmale lassen sorgung der Kinder) oft die Wahl auf den Mann fällt.
auf die Verhörmethoden schließen." Viele der in Abschiebungshaft einsitzenden Frauen kom-
Die Flughafenpolizei versuchte zuerst von Kuldeep Singh men aus dem Bereich der (Zwangs?)Prostitution. Auf Be-
selbst, dann von seinen Eltern, die in Neu-Delhi leben, hördenseite neigt man daher zu Verallgemeinerung und
Geld (ca 400,-- DM) zu erpressen. Sie brachten ihn mit übersieht den individuellen Hintergrund der einzelnen
deutlichen Spuren von Schlägen zum Haus seiner Eltern Frauen. Die meisten Frauen sind noch sehr jung, zwischen
und drohten, ihn umzubringen, wenn diese das Geld nicht 18 und 28 Jahren alt. Typischerweise ist bei diesen Frauen
aufbrächten. Der Vater, ein Taxifahrer, versuchte bei ein starkes Schuld- und Schamgefühl zu finden. Dies al-
Kollegen und Bekannten das Geld zu beschaffen, konnte lerdings nicht nur wegen der Tatsache, im Gefängnis sit-
aber nur einen Teil zusammenbringen. In der Nacht vom zen zu müssen, sondern auch wegen des Erlebten. Sie
29. auf den 30. Mai starb Kuldeep Singh. Der Autopsiebe- fühlen sich verantwortlich dafür, gutgläubig einem
richt der indischen Behörden gibt an, er sei an Hitzeschlag Schlepper gefolgt zu sein, der eine gutbezahlte Arbeit ver-
verstorben, nicht an seinen Verletzungen. Die Verletzun- sprochen hatte. Sie müssen im Gefängnis mit den psychi-
gen selbst werden nicht bestritten. Die indischen Behörden schen Schäden alleine fertig werden und verspüren oft
berichteten weiterhin, der Paß Kuldeeps Singhs sei nicht Scham, ihrer Familie gegenüber zu treten.
in Ordnung gewesen, es hätten Seiten und ein Ausreise- Da der Anteil der Frauen unter den Abschiebungshäftlin-
stempel aus Neu-Delhi gefehlt. gen so gering ist, werden sie in den normalen Vollzug in-
Im Abschiebungsgefängnis Wuppertal-Barmen sitzen zur tegriert und erhalten daher keinen der Vorteile, der ihnen
gleichen Zeit sieben Inder - wie Kuldeep Singh Angehörige ihrem Status als Zivilhäftlinge nach eigentlich zustände.
des Volkes der Sikhs -, die auf ihre Abschiebung warten Die Inhaftierung von Hochschwangeren wird in allen Län-
und sich fürchten." dern vermieden.
Gefangene, die ein gewisses Geldpolster ihr eigen nennen Auch bei Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren wird
können, müssen selbst die Kosten für die Abschiebung, die Inhaftnahme vermieden, kommt jedoch vor. Sie wird
inklusive anteiliger Verwaltungs- und Haftkosten über- für rechtmäßig gehalten, obwohl sie mit der UN-
nehmen. Die festgesetzten Kosten werden von den vor- Kinderkonvention (Übereinkommen über die Rechte des
handenen Mitteln abgezogen. Rechtsgrundlage ist § 82 V Kindes vom 20.11.89; BGBl. 1992, II, S. 122) wohl kaum
AuslG. in Einklang steht. Zur Rechtfertigung dient, dass die Bun-
desregierung bei der Hinterlegung erklärt hat, "dass das
Übereinkommen innerstaatlich keine unmittelbare Anwen-
3.4 Die Interessen der Häftlinge
dung findet", sondern hierdurch völkerrechtliche Staaten-
Jede Besonderheit im Häftlingsalltag muss offiziell bean-
verpflichtungen begründet würden, "die die Bundesrepu-
tragt werden, sei es die Organisation einer Gemeinschafts-
blik nach näherer Bestimmung ihres mit dem Überein-
aktivität, die Verlängerung der Fernsehzeit wegen eines
kommen übereinstimmenden innerstaatlichen Rechtes er-
überlangen Films oder die Erfüllung individueller Wün-
füllt".
sche wie die nach einem besonderen Pflegemittel. Schon
Man kann darüber streiten, ob der Erklärungsvorbehalt
zur Durchsetzung kleinerer Wünsche bedarf es also eines
wirksam ist oder nicht. Kaum darüber streiten kann man
großen Einsatzes. Die Abschiebungshäftlinge bräuchten
jedoch, dass jedenfalls die Praxis der Abschiebungshaft an
aber gerade auch für die Belange, die über den Haftalltag
Kindern im Sinne der Konvention in Deutschland nicht
hinaus gehen, die Möglichkeit, ihre Interessen zu vertreten.
den Bestimmungen der Kinderkonvention genügt, auch
Diese wird ihnen nicht gegeben. Sie dürfen kein Organ
wenn die Abschiebungshaft an Kindern unter 14 Jahren in
bilden, durch das sie ihre Interessen artikulieren könnten.
Kinder- und Jugendheimen vollzogen wird und an Ju-
Die Abschiebungshäftlinge versuchen trotzdem, ihren
gendlichen und Heranwachsenden zwischen 14 und 18
Protest und Widerstand zum Ausdruck zu bringen. Ohne
Jahren in Jugend-Vollzugsanstalten. Regelmäßig liegt ein
ein offizielles Sprachrohr sieht dies oftmals so aus:
Verstoß gegen Art. 9 der Kinderkonvention vor. Wesentli-
che andere Rechte, beispielsweise aus Art. 12 ff. KK sind
regelmäßig erheblich eingeschränkt. Der Fürsorgepflicht
aus Art. 20 I KK wird nicht Genüge getan!

31
Abschiebehaft in der Praxis

5. Der Tod in der Abschiebungs- eine Große Anfrage mit, 1993 seien 70 von den 384 Ab-
schiebungsgefangenen wieder freigelassen worden und
haft 294 abgeschoben worden. Der Senat der Freien und Han-
Seit Inkrafttreten des neuen Asylrechtes im Jahre 1993 sestadt Hamburg antwortet auf eine Anfrage es sei ledig-
kamen mindestens 14 Menschen (nach Angaben von Pro lich bekannt, dass aus der Anstalt I (Suhrenkamp) zwi-
Asyl) in Abschiebungshaft ums Leben. Der Bundes- schen Juli und Dezember 1993 121 Abschiebungshaftge-
justitzminister zählt in seinem Situationsbericht vom fangene, aus der Anstalt III (Glasmoor) zwischen 14.12.93
08.10.96 seit 1992 insgesamt 18 Fälle von Selbsttötungen. und 30.09.94 73 Abschiebungshaftgefangene ohne nach-
Eine - so sehen dies auch die Verantwortlichen für die Haft folgende Abschiebung entlassen wurden. In Hessen wur-
- erschreckende Bilanz. Auch wenn diese Selbsttötungen den 1994 von 1.463 Abschiebungshäftlingen 964 abge-
natürlich in vielen Fällen ihren ersten Grund in der Psyche schoben und 274 entlassen. Da für die Zeiträume konkrete
der Menschen hatten, also einer psychischen Erkrankung Bezugszahlen fehlen, lässt sich eine prozentuale Quote
oder zumindest depressiven Struktur, ihren zweiten Grund nicht erstellen.
möglicherweise in persönlichen Problemen und Schwie- Als Gründe für die Beendigung der Abschiebungshaft oh-
rigkeiten, die sie bedrängten und für die sie keine Lösung ne Abschiebung benennt die Anfrage der Landesregierung
sahen, ist der dritte und die Selbsttötung dann auslösende Thüringen:
Grund in allen Fällen wohl die Abschiebungshaft gewesen. Aufhebung des gerichtlichen Beschlusses (53 Personen
Da jeder Freiheitsentzug schon für sich genommen eine von 70)
Unmenschlichkeit darstellt und einen psychisch labilen Ablauf der im gerichtlichen Beschluss genannten Frist (12
Menschen aus der Bahn werfen kann, ist eine strafrechtli- Personen von 70)
che Verantwortlichkeit in Form einer unterlassenen Hilfe- sonstige nicht bekannte Gründe (5 Personen von 70).
leistung oder gar einer Tötung durch Unterlassen seitens Der Hamburger Senat führt als Entlassungsgründe an:
der Vollzugsorgane oder der die Abschiebungshaft anord- Stellung eines Asylantrages aus der Abschiebungshaft;
nenden Individuen nur selten gegeben und bislang in kei- Stellung eines Asylfolgeantrages, wenn das Bundesamt ein
nem einzigen Falle ausgesprochen worden. weiteres Asylverfahren durchführt;
Gleichwohl ist in vielen Fällen eine moralische Verant- Änderung der Sachlage dahingehend, dass nicht nur vorü-
wortlichkeit zu bejahen. Der Grund liegt schon darin, dass bergehende tatsächliche oder rechtliche Abschiebungshin-
eine gründliche Eingangsuntersuchung keineswegs selbst- dernisse eingetreten sind;
verständlich ist und in vielen Fällen unterbleibt. Findet sie Rücknahme von Amtshilfeersuchen auswärtiger Auslän-
statt, spielt die psychische Befindlichkeit keine entschei- derbehörden;
dende Rolle. Depressionen werden nur allzu leicht als Ablehnung von Anträgen auf Verlängerung von Abschie-
zweckgerichtete Niedergeschlagenheit verharmlost. bungshaft;
Diese Nachlässigkeit setzt sich in der mangelhaften Beo- Verbringung in ein anderes Bundesland;
bachtung und Betreuung fort. Obwohl jeder kleine Regel- Hinzu kamen Fälle, in denen das Zielland die Aufnahme
verstoß eines Gefangenen während der Haft zu einem des Abzuschiebenden verweigert hat und Personen mit
Rapport und einer verschärften Beobachtung führt, wird ungeklärter und auf längere Zeit unklärbarer Staatsangehö-
eine apathische Niedergeschlagenheit bei einem Abschie- rigkeit.
bungshäftling oftmals als normal angesehen. Ein solcher Gleich, ob man unter Zugrundelegung dieser Zahlen von
Häftling macht - im Gegensatz zum randalierenden - kein gut 20 % ausgeht, oder, wie Praktiker meinen, von gut 40
Problem. % Fällen, in denen Abschiebungshaft nicht durch die Ab-
Die Überforderung der Beamten durch eine mangelnde schiebung, sondern durch Freilassung beendet wird: beide
Ausbildung und eine Überbelegung der Haftanstalten be- Zahlen machen deutlich, dass ein erheblicher Prozentsatz
günstigt eine solche Haltung. Wenn, wie vielerorts, keine der Abschiebungshäftlinge zu Unrecht inhaftiert ist.
oder keine ausreichende Betreuung durch Sozialarbeiter
6.2 Die Abschiebung
oder Seelsorger erfolgt, können sich die vorhandene
Die Abschiebung selbst wird in den meisten Bundeslän-
Struktur, die mitgebrachten Probleme und das Erlebnis der
dern durch eine zentrale Abschiebestelle durchgeführt.
Hoffnungslosigkeit in der Abschiebungshaft zu einem un-
Lediglich in Bayern initiieren die einzelnen Ausländerbe-
entwirrbaren Knäuel verknüpfen, aus dem der alleingelas-
hörden den Vollzug der Abschiebung, die jedoch technisch
sene Einzelne nur noch den Weg in den Freitod findet.
vom Grenzschutz durchgeführt wird.
Im Falle einer Landabschiebung werden die Häftlinge,
6. Beendigung der Haft teils im Einzeltransport, manchmal auch in Sammeltrans-
porten, zu den Grenzstationen verbracht und dort der
6.1 Beendigung der Haft ohne Abschiebung Nachbar-Polizei überstellt. Die Luftabschiebung wird vom
Eine erhebliche Zahl von Abschiebungshäftlingen wird Bundesgrenzschutz mit deutschen und ausländischen Li-
wieder freigelassen, ohne dass es zur Abschiebung kommt. nien- und Charterfluggesellschaften durchgeführt.
Ein genauer Prozentsatz lässt sich nicht angeben, weil die Kommt es zu Widerstandshandlungen, werden diese vom
Länder hierüber meist keine Statistiken führen. Wo Zah- Bundesgrenzschutz unter Verwendung von "Leibfesseln,
lenmaterial vorliegt, ist dieses unpräzise. Thüringen bei- Handschellen, Klettbändern und Plastikhandfesseln" un-
spielsweise teilt in einer Antwort der Landesregierung auf terbunden. Früher kam es auch zu Knebelungen der Ab-
schiebungshäftlinge. Am 30.08.94 sollte der nigerianische

32
Abschiebehaft in der Praxis

Staatsangehörige Kola Bankole vom Flughafen Frank- Augen weit aufgerissen, die Hose durch das Handgemenge
furt/Main aus abgeschoben werden. Er war mit zahlreichen tief heruntergezogen. Ein BGS-Beamter mit dem Knie auf
Fesseln, einschnürendem Brustgurt und bäuchlings über- der Brust des Nigerianers war damit beschäftigt, den hilf-
kreuzten Armen an einen Flugsitz geknebelt. Nach hefti- losen Mann mit einem Klebeband einzuwickeln. Die Na-
gem Kampf wurde bei ihm ein Knebel eingesetzt. Ihm senlöcher des Mannes waren gerade noch frei zum Luft-
wurden psychopharmakologische Medikamente injiziert. schnaufen. Blut am Klebeband. Auch die Beine wurden mit
Bankole starb bei der Abschiebung. Aufgrund dieses Vor- Tape umwickelt, Oberschenkel, die Füße und nochmals
falles erging am 11.11.94 eine Weisung, dass der BGS von oben nach unten, wie eine Rolle Teppichboden für den
Knebelungen zu unterlassen habe. Zu einem Verbot der Transport fertiggemacht. Auf meine Frage, was das alles
Verabreichung von Beruhigungsmitteln konnte sich die werden solle, entgegnete der BGS-Mann: "Wer Wider-
Bundesregierung jedoch nicht durchringen. In der Antwort stand leistet, fliegt halt so mit".
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke vom In einem am 30. März 1995 im Norddeutschen Rundfunk
15.03.96 (Drs. 13/4145) wird jede Stellungnahme unter ausgestrahlten Beitrag berichtete ein Lufthansa-Kapitän:
Hinweis auf die laufenden staatsanwaltschaftlichen Er- "Also fesseln geht nicht, weil das gegen sämtliche Sicher-
mittlungen verweigert, in der Antwort der Bundesregie- heitsbestimmungen an Bord verstoßen würde (...). Ich habe
rung vom 01.04.96 heißt es ausweichend, es würden keine gesagt: Wenn er sich vehement gegen seine Abschiebung
Medikamente "zu Abschiebungszwecken verabreicht" und wehrt, kann er nicht mitgenommen werden. Das verbieten
im übrigen sei die Verabreichung von sedierenden bzw. unsere Bestimmungen (...). Bei mir an Bord wird grund-
psychopharmakologischen Medikamenten weder im sätzlich niemand gefesselt, niemand geknebelt. Das gibt es
UZwG noch in den Verwaltungsvorschriften des BGS ge- überhaupt nicht, ich habe es bisher immer abgelehnt. Aus
regelt. Der Hinweis auf die ärztliche Verantwortung bei anderen Berichten weiß man, dass sie zum Teil wie Pakete
der Vergabe von Medikamenten legt nahe, daß auch künf- verschnürt werden. Es gibt zumindest einen Fall, der mir
tig Beruhigungsmittel während einer Abschiebung zum sehr deutlich geschildert wurde. Dass ihm der Mund ver-
Einsatz gebracht werden sollen - wenn auch von einem klebt wurde, nachdem vorher etwas hineingesteckt wurde
Arzt verabreicht. (…). Auch die Nasenlöcher werden zum Teil verklebt, nur
Aber auch ohne den Einsatz von Psychopharmaka sind die noch kurze Luftöffnungen werden freigelassen und auch an
Umstände, unter denen während der Abschiebung Wider- Händen und Beinen so verschnürt, dass er eigentlich völlig
stand gebrochen wird, mehr als fraglich. In ihrer Anfrage bewegungsunfähig ist. Also eine Kollegin sprach von ei-
an die Bundesregierung schildert die Abgeordnete Ulla nem Teppichpaket."
Jelpke diese Umstände wie folgt: Damit kein falscher Eindruck entsteht: nicht jede Luftab-
"Das Antirassismusbüro Bremen dokumentierte Ende des schiebung findet in dieser oder ähnlicher Weise statt. Zu
vergangenen Jahres den Fall des 25jährigen algerischen solchen Exzessen kommt es nur dann, wenn Widerstand
Staatsangehörigen Abdelouahab H. Zum Zwecke des Voll- tatsächlich oder vermeintlich zu brechen ist. In diesen
zugs der Abschiebung wurden ihm im November 1995 "die Fällen findet eine sogenannte "begleitete Abschiebung"
Hände auf den Rücken gebunden, während ihm ein BGS- statt. Im Jahre 1995 war dies bei 3.854 Abschiebungen (=
Beamter ein Klebeband von den Füßen bis zum Hals wi- 12,74 %) von insgesamt 30.252 Luftabschiebungen der
ckelte: H. konnte sich nicht mehr bewegen, er war ver- Fall. Die Begleitung erfolgt regelmäßig durch zwei BGS-
schnürt wie ein Paket. Etwa 15 bis 2O Abschiebungshäft- Beamte, die gegebenenfalls (bei Gefahr einer "Selbst- oder
lingen ging es genauso". Damit H. nicht auf die Toilette Fremdgefährdung") noch durch einen Arzt ergänzt wurde.
gehen müsse, habe er vor seiner Abfahrt aus Bremen stun- Trotz dieses massiven Personaleinsatzes ist nicht stets ge-
denlang nichts mehr zu essen oder zu trinken erhalten. währleistet, dass die Zielstaaten eine Einreise gestatten. In
Der leitende Polizeidirektor beim Grenzschutzamt Frank- etlichen Fällen mussten die BGS-Beamten mit den Ab-
furt/M. bestätigte gegenüber der "Frankfurter Rund- schiebungshäftlingen unverrichteter Dinge wieder zurück-
schau", daß der BGS abzuschiebenden Asylbewerbern "in fliegen.
Einzelfällen" nicht nur die Hände hinter dem Rücken zu-
sammenbinde, sondern auch ihre Beine von den Fußknö-
cheln bis zu den Knien mit "Klebebändern" umwickeln
würde. Zum Schutz der Haut werde Paketpapier unterge-
legt. Die bewegungsunfähigen Menschen würden dann von
Beamten ins Flugzeug getragen. (FR, 29. November 1995)
In einem im Hessischen Rundfunk im Herbst 1994 ausge-
strahlten Interview gab ein im April desselben Jahres auf
der Strecke Frankfurt/M. - Lagos eingesetzter Lufthansa-
Kapitän folgendes über die Abschiebung eines nigeriani-
schen Staatsangehörigen an: Bei mir erschienen zwei Ste-
wardessen (...) und zeigten sich völlig schockiert. Eine
Stewardess weinte große Tränen und schluchzte nur, sie
könne es sich nicht mehr mit ansehen was auf der Treppe (aus: Heinhold, Hubert 1997, Abschiebungshaft in
vor der hinteren Tür geschehe(...) (Da lag ein Nigerianer Deutschland. Eine Situationsbeschreibung, Karlsruhe, ge-
in Rückenlage, die Hände auf dem Rücken gefesselt, die kürzt)

33
Was sind eigentlich Ausreisezentren?

Was sind eigentlich "Ausreisezentren"?


von res publica

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.
Sie zu achten und zu schützen Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste
ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt. der Brüderlichkeit begegnen.
(Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz) (Art. 1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte)

zwungen – auch unter Einsatz von Gewalt. Jedes Jahr wer-


Besser reisen – mit “Ausreisezentren”? den über 50.000 Menschen vom Bundesgrenzschutz abge-
schoben. Dabei kommt es immer wieder zu Todesfällen,
“Sie wollen ausreisen? Dann kommen Sie in unser Ausrei- wie zuletzt am 28. Mai 1999, als der sudanesische Flücht-
sezentrum! Wir kennen die Verfahren, wir regeln die For- ling Aamir Ageeb bei seiner Abschiebung von Frankfurt
malitäten, wir helfen Ihnen, ihr Ausreisevorhaben am Main nach Karthoum von Beamten des Bundesgrenz-
schnellstmöglich in die Realität umzusetzen!” Aus diesem schutzes erstickt wurde.
Werbeslogan einen Radio- oder TV-Werbespot gemacht
und fertig ist die perfekte Illusion einer Service-Agentur
für Ausreisewillige.
“… und werden deshalb in ein Abschie-
Doch im Gegensatz zu dieser Illusion haben Ausreisezent- belager eingewiesen.”
ren nichts mit der Tourismus-Branche zu tun. Was zu- Flüchtlinge müssen, um als Asylberechtigte in Deutsch-
nächst harmlos klingt, da der Begriff “Ausreisezentren” land anerkannt zu werden, nachweisen können, daß sie als
stark an die Reisezentren der Deutschen Bahn erinnert, Person individuell verfolgt wurden. Es genügt also nicht,
entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Abschiebelager. zu einer bestimmten, von Verfolgung bedrohten gesell-
Aber warum gibt es diese Lager? Wer muß damit rechnen, schaftlichen Gruppe zu gehören. Wer diese individuelle
dort eingewiesen zu werden? Wie funktionieren sie und Verfolgung nicht nachweisen kann, kommt nicht in den
warum sollte es sie besser nicht geben? Antworten auf Genuß einer Aufenthaltsgenehmigung, hat kein Recht, in
diese Fragen bekommen Sie in diesem Text. Deutschland zu leben und ist ausreisepflichtig.

Viele dieser Menschen können jedoch trotz ihrer Ausrei-


“Sie sind zur Ausreise verpflichtet” sepflicht nicht abgeschoben werden oder ausreisen, z.B.
weil sie keine gültigen Papiere mehr haben oder weil in
Alle Menschen, die sich in Deutschland aufhalten möchten
bestimmte Länder aus humanitären Gründen nicht abge-
und keinen deutschen oder europäischen Paß besitzen,
schoben werden darf. Sie werden deshalb “vorüberge-
brauchen eine “Aufenthaltsgenehmigung”. Die bloße Da-
hend” geduldet und leben z.T. über Jahre hinweg mit der
Seins-Berechtigung muß von der Verwaltung genehmigt
stetigen Angst, in die Länder abgeschoben zu werden, aus
werden. Wer dieses Dokument nicht besitzt, hält sich in
denen sie geflüchtet sind.
Deutschland unerlaubt, illegal, ohne Papiere auf und ist
verpflichtet, das Land zu verlassen.
Die Abschiebelager wurden für Flüchtlinge konzipiert,
denen die Ausländerbehörden unterstellen, unwahre Anga-
Diese sogenannten Papierlosen werden von den Behörden
ben über ihr Herkunftsland oder Identität gemacht zu ha-
mit allerhand Druckmitteln schikaniert, damit sie das Land
ben oder an der Beschaffung neuer Pässe nicht mitzuwir-
“freiwillig” verlassen oder sich versteckt halten. Dabei
ken, um dadurch ihre Abschiebung zu verhindern. Um sie
stammen sie zumeist aus Ländern, in die die meisten Deut-
dazu zu zwingen, ihre ”wahre” Identität preiszugeben und
schen freiwillig keinen Fuß setzen würden, denn zu den
an der Beschaffung neuer Papiere mitzuwirken, werden sie
Hauptherkunftsländern von Asylsuchenden gehören seit
in die Abschiebelager eingewiesen. Dieser Vorgang heißt
Jahren z.B. Irak, Iran und Afghanistan.
im Behördenjargon ”Verfügung einer Wohnsitznahme-
verpflichtung als Auflage zur Duldung”.
Wer “zur Ausreise verpflichtet ist” aber Deutschland nicht
verlassen kann oder will, wird unter Umständen dazu ge-

34
Was sind eigentlich Ausreisezentren?

“Ohne Druck geht gar nichts!” Deshalb spielt sich auch der größte Teil des Lebens der
Wie zwingt man Menschen dazu, etwas zu tun, das sie Insassen in den Abschiebelagern selbst ab. Dort müssen
definitiv nicht tun wollen? Man setzt sie unter Druck, um sie ihre Zeit hinter hohen Zäunen verbringen, die zum Teil
sie mürbe zu machen. Dies ist der Alltag in den Abschie- mit Stacheldraht bewehrt sind und von Videokameras ü-
belagern, denn, so der zuständige Beamte im bayerischen berwacht werden.
Innenministerium, Ministerialrat Steiner: “Ohne Druck
geht gar nichts!” ▪ Die Menschen sind in Mehrbettzimmern (maximal 16
m² für 4 Personen) in Baracken oder Containern un-
Auch der rheinland-pfälzische Zuständige hat scheinbar tergebracht, die willkürlich in unregelmäßigen Ab-
nicht das geringste Problem damit, Flüchtlinge massiv ständen durchwühlt werden auf der Suche nach per-
unter Druck zu setzen und gesteht offen ein, dass das Ab- sönlichen Papieren, privaten Briefen oder anderen
schiebelager in Ingelheim am Rhein “im bisher bestehen- Dokumenten, die Hinweis auf die vermutete “wahre”
den System zwischen dem einzigen Druckmittel Abschie- Identität oder das angeblich verheimlichte Herkunfts-
behaft und letztendlicher Kapitulation eine wichtige Lücke land geben könnten.
geschlossen hat” (damit meint Herr Dietmar Martini- ▪ Bei der Durchsuchung gefundenes Geld oder Handys
Emden, Leiter des Amtes für Ausländerangelegenheiten werden konfisziert, da die Flüchtlinge durch die Vor-
und der Clearingstelle Rheinland-Pfalz für Flugabschie- enthaltung jeglicher Geldleistungen nach Meinung der
bung und Passbeschaffung bei der Stadtverwaltung Trier, Ausländerbehörden nicht rechtmäßig in ihren Besitz
das System der Zwangsmaßnahmen zur Durchsetzung der gelangt sein können.
Ausreisepflicht). Es ist sein erklärtes Ziel, die Betroffenen ▪ Mit Lebensmitteln versorgt werden sie aus einer
zur letztendlichen Kapitulation zu zwingen, und nutzt so- Großküche, die auf Vorlieben, Abneigungen, Aller-
wohl Abschiebehaft als auch Abschiebelager als Druck- gien u.a. keine Rücksicht nehmen kann.
mittel, um dies zu erreichen. ▪ Darüber hinaus werden die Lagerinsassen von Mitar-
beiterInnen der Ausländerbehörden und von Bot-
Wie sich der massive Druck auf die Betroffenen auswirkt, schaftsangehörigen der vermuteten Herkunftsländer
beschreibt er ebenso prägnant: “Bei den aufgenommenen verhört.
Personen zeigt sich, dass die deutlichen Leistungsein-
schränkungen, der Ausschluss einer Arbeitsaufnahme so- Selbst die Sozialdienste sollen in das Überwachungssys-
wie das sich in einem allmählichen Prozess entwickelnde tem integriert werden. Sie sollen mittels psycho-sozialer
Bewusstsein über die Ausweglosigkeit ihrer Lebensper- Betreuung den Insassen “die Perspektivlosigkeit ihres
spektive in Deutschland die Menschen in eine gewisse Aufenthaltes in Deutschland allgemein und in der Ein-
Stimmung der Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit ver- richtung speziell” vor Augen führen. Dies geschieht durch
setzt.” “regelmäßige Gespräche mit den Betroffenen [...], die
[darüber hinaus] dazu dienen, einen persönlichen Kontakt
aufzubauen, die Absichten und Erwartungen der Person
Ein ausgeklügeltes System aus kennen zu lernen, Rückkehrhemmnisse zu erforschen und
objektive Hinweise auf die tatsächliche Identität und den
Überwachung und Zwang Herkunftsstaat zu gewinnen” (Martini-Emden).
Abschiebelager arbeiten im Gegensatz zur Abschiebehaft Damit werden die SozialarbeiterInnen in den Abschiebela-
nicht mit physischem Druck, der durch den absoluten gern zu Handlangern der Ausländerbehörden gemacht, die
Freiheitsentzug per Inhaftierung entsteht. Sie setzen auf die Lagerinsassen nach dem Aufbau eines Vertrauensver-
ein ausgeklügeltes System psychischen Drucks. hältnisses ausspionieren und die gewonnenen Informatio-
nen trotz ihrer Schweigepflicht weitergeben sollen, um
▪ Die Insassen dürfen die Lager zwar verlassen, doch noch mehr Abschiebungen zu ermöglichen.
ihre Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Sie
unterliegen einer in der Regel täglichen Meldepflicht
und müssen sich beim Betreten oder Verlassen des Abschiebelager – wo gibt’s denn so
Lagers bei dem für die Kontrolle der Insassen zustän-
digen privaten Sicherheitsdienst an- bzw. abmelden.
was?
▪ Sie dürfen das Stadtgebiet nicht verlassen und verfü- Die ersten Abschiebelager wurden Anfang 1998 nach ei-
gen nicht über Ausweispapiere, was schikanöse Per- nem niederländischen Vorbild (in Ter Apel) in Nieder-
sonenkontrollen durch die Polizei zur Folge haben sachsen in Betrieb genommen. Sie firmieren unter dem
kann. Namen "Projekt X", befinden sich in Braunschweig und
▪ Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist für die Oldenburg, und bieten Platz für ca. 250 Personen.
Lagerinsassen nahezu unmöglich, da sie über keinerlei Im Mai 1998 folgte das Abschiebelager Minden-
finanzielle Mittel verfügen, denn einerseits ist ihnen Lübbecke, Nordrhein-Westfalen mit ca. 300 Plätzen. Der
jegliche Erwerbs- und gemeinnützige Arbeit verboten, Betrieb wurde jedoch nach nur 18 Monaten nach dem
andererseits erhalten sie noch nicht einmal das mehr Selbstmord eines Insassen eingestellt.
als dürftige Taschengeld von 40 € pro Monat nach Ende 1999 startete das Abschiebelager in Rheinland-Pfalz,
dem Asylbewerberleistungsgesetz. das in den Abschiebekomplex in Ingelheim am Rhein in-

35
Was sind eigentlich Ausreisezentren?

tegriert ist. Es grenzt direkt an das neu errichtete Abschie- Doch damit werden die Abschiebelager zu Beugemaß-
begefängnis und bietet Platz für ca. 180 Insassen. nahmen, die schlicht menschenunwürdig und rechtswidrig
Im September 2000 erweiterte die niedersächsische Lan- sind, da die Flüchtlinge ohne Ausweg, ohne Lebensper-
desregierung das "Projekt X" um das Lager in Bramsche- spektive und ohne Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer
Hesepe, das 200 Plätze bereithält. Hier werden über den Lebenssituation über Jahre bei “Wasser und Brot” in den
bisherigen Personenkreis hinaus bereits Flüchtlinge aufge- Lagern ihr Dasein fristen.
nommen, deren Asylanträge noch nicht abschließend ent-
schieden, von den Ausländerbehörden jedoch aus aus-
sichtslos eingeschätzt wurden. “Alle sind kaputt, wir sind fix und fertig”
2001 beschloss die sachsen-anhaltinische Landesregierung (Interview mit Hasta Bahadur Rai, Insasse im Abschiebe-
die Einrichtung eines eigenen “Ausreisezentrums”. Es lager Braunschweig)
nahm im Januar 2002 seine Arbeit in Halberstadt mit zu-
nächst 100 Insassen auf. Herr Rai, wie leben Sie im Heim?
Nachdem die Bundesländer Berlin und Schleswig-Holstein HASTA BAHADUR RAI: Wir haben zu viert ein vier
erklärten, auf die Einführung von Abschiebelagern ver- mal vier Meter großes Zimmer. Darin stehen vier Betten
zichten zu wollen, meldete sich Bayern zu Wort. Noch im und zwei Schränke.
Jahr 2002 wolle man mit der Einrichtung von Abschiebe-
lagern beginnen. Es zeichnet sich ab, dass in Bayern das Haben sie Privatsphäre?
flächendeckendste Lagersystem errichtet wird, um mit der Überhaupt nicht. Die kommen schon morgens um sechs
“Aufenthaltsbeendigung durch professionelle Rückführer” Uhr mit Kripo und Dolmetscher und beschlagnahmen un-
(Steiner) möglichst frühzeitig beginnen zu können. sere Sachen: Handys, Papiere, Notizen. Sie sagen, sie su-
Durch die Aufnahme der Abschiebelager in das neue Zu- chen Beweise.
wanderungsgesetz der rot-grünen Bundesregierung ist da-
mit zu rechnen, dass in Zukunft noch weitere Bundeslän- Wie verbringen Sie Ihren Tag? Arbeiten Sie?
der folgen werden. Nein, wir dürfen überhaupt nichts machen. Sogar Internet-
Kurse wurden verboten. Ich lese Zeitungen, so viel ich
kann, um noch besser Deutsch zu lernen. Was soll ich
Endstation Abschiebelager? sonst machen?
Das erklärte Ziel von Abschiebelagern ist es, ausreise-
pflichtige Personen zu zwingen, an ihrer “freiwilligen” Dürfen Sie raus?
Ausreise oder Abschiebung mitzuwirken. Doch dieses Wir dürfen uns zwar in Braunschweig frei bewegen. Aber
hochgegriffene Ziel wird nur in den seltensten Fällen er- an der Tür fragen sie immer gleich: Was haben Sie ge-
reicht: macht? Wo waren Sie? Und ohne Geld können wir ohne-
hin nicht raus: Wir bekommen nicht einmal die 40 Euro im
Aus dem "Projekt X" (Braunschweig und Oldenburg) Monat, die jeder Asylbewerber kriegt. Deswegen können
reiste von 248 eingewiesenen Flüchtlingen lediglich eine wir schon allein den Bus in die Stadt nicht zahlen.
Person aus, 29 konnten abgeschoben werden. Ein ähnli-
ches Bild ergibt sich für das Lager in Ingelheim, das bei Wie oft werden Sie befragt?
174 Insassen 5 “freiwillige” Ausreisen und 5 Abschiebun- Manchmal zweimal die Woche, manchmal gar nicht.
gen vorweisen kann. Manchmal schreien sie uns an. Sie stellen immer die glei-
che Frage: Wo kommen Sie her? Wie heißen Sie? Das ist
Auffällig ist die hohe Zahl von Menschen, die aufgrund psychologische Taktik.
des Einweisungsbescheids bzw. nach einiger Zeit des Auf-
enthalts im Lager in die Illegalität abtauchen: Alle Lager Antworten Sie?
verzeichnen Quoten von knapp 50 Prozent. Die Innenmi- Ja, klar. Ich bin aus Bhutan. Aber mein Volksstamm wur-
nisterien werten dies als Erfolg und weisen die Unterge- de zu Nicht-Bhutanesen erklärt und verfolgt. Jetzt fühlt
tauchten in ihren Statistiken als “unkontrolliert Ausge- sich keine Botschaft für mich zuständig, weder Bhutan
reiste” aus. Denn mit der unkontrollierten Ausreise werde noch Indien noch Nepal.
ebenfalls das Ziel der Aufenthaltsbeendigung erreicht und
finanzielle Mittel für soziale Leistungen gespart. Wie ist die Stimmung?
Alle sind kaputt, fix und fertig. Ich denke, die glauben,
Die verbleibenden Insassen bleiben über Jahre hinweg in wenn wir die Schnauze voll haben, tauchen wir unter und
den Lagern, da viele trotz ihres Mitwirkens nicht abge- gehen in ein anderes Land.
schoben werden können. Denn im Gegensatz zur Abschie-
behaft, die auf maximal 18 Monate verlängert werden darf, Und, wollen Sie das tun?
gibt es für die Dauer des Lageraufenthalts keine Höchst- Es ist überall besser als hier. Aber mir bleibt nichts übrig,
grenzen! Die einzig vorgesehene Möglichkeit, die Ab- als hier zu bleiben. Dabei will ich nur leben können wie
schiebelager zu verlassen, ist die Ausreise/Abschiebung, ein normaler Mensch, bis ich abgeschoben werde.
sonst würden sie ihren Charakter als Druckmittel verlieren.

36
Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik

Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik


von Silke Kreusel

Nach Angaben staatlicher Stellen stellen mittlerweile ca. keine andere Möglichkeit übrig bleibt -, dass sie in die
90% der AsylbewerberInnen „undokumentiert“, d.h. ohne Illegalität gedrängt werden“ - ein Konzept also, was im
für die Abschiebung „brauchbare“ Dokumente, die ihre Ergebnis dem niedersächsischen Projekt X sehr ähnlich ist.
Identität beweisen, einen Asylantrag. Pässe zu beschaffen, Interessant ist nun, dass das VC Ter Apel 4 Jahre nach der
mit denen die Abschiebung abgewickelt werden kann, ist Eröffnung, am 1. Juli 2000, wieder geschlossen wurde.
ein Problem für die Behörden. Schon 1993 wurde im Gleichzeitig wurde der Plan, fünf regionale Abschiebe-
Rahmen der Innenministerkonferenz die Arbeitsgruppe zentren, von denen Ter Apel eines hätte sein können, ein-
„Rückführung“ gegründet, die u.a. sogenannte Clearing- zurichten, auf Eis gelegt, da die vom Justizministerium ins
stellen für die Passersatzbeschaffung einrichtete, um diese Leben gerufene „projectgroep terugkeerbeleid“ (AG Ab-
zentralisiert durchzuführen. schiebung - freie Übersetzung) zu dem Schluss gekommen
Da diese jedoch immer auf die Mitwirkung der Betroffe- war, dass selbst fünf regionale Abschiebezentren keine
nen angewiesen sei, so wurde argumentiert, blieben oft- nennenswerte Erhöhung der Abschiebezahlen bringen
mals auch die Bemühungen der Clearingstellen ohne Er- würden.
gebnis. Nach Alternativen wurde gesucht, im Modell des Damit wird zumindestens der Argumentation antirassisti-
niederländischen „Ausreisezentrums“ Ter Apel wurden sie scher Gruppen, dass Abschiebezentren vornehmlich der
gefunden. Dieses Abschiebelager war Vorbild für die 1998 Illegalisierung von Flüchtlingen dienen, Recht gegeben.
von Niedersachsen und NRW und 1999 von Rheinland- Nicht verbessert hat sich jedoch die Situation der Flücht-
pfalz eingerichteten Modellprojekte. (siehe auch Artikel linge. Durch die Verabschiedung der „Terugkeernotitie“
„Abschiebelager Deutschland“) (Rückkehrverordnung) durch die niederländische Zweite
Kammer wurde die Praxis aus Ter Apel, Flüchtlingen nach
3 Monaten die Versorgung zu entziehen und sie auf die
VC Ter Apel (Verwijdercentrum = Strasse zu setzen, ausgeweitet. Seit dem 1. April 2000
Abschiebezentrum) können alle Flüchtlinge, deren Verfahren mit Ablehnung
abgeschlossen ist, auf die Strasse gesetzt werden, aus jeder
Ende April 1996 wurde das VC Ter Apel eröffnet, um Erstaufnahmeeinrichtung, aus jeder Gemeindewohnung.
Flüchtlinge „ungeklärter Identität“ oder ohne Staatsbürger-
schaft so zu „bearbeiten“, dass eine Ausweisung möglich
wird. Ter Apel ist ein kleines Dorf in der Nähe von Gro- Projekt X Oldenburg und Braun-
ningen. Das Lager liegt abgelegen, von hohen Zäune um-
ringt. Für die Flüchtlingskinder wurden eigene Unter- schweig
richtsmöglichkeiten geschaffen, damit sie nicht mit den Schon mehrfach habe wir über den niedersächsichen Mo-
einheimischen Kindern in Kontakt kommen und die einzi- dellversuch Identitätsklärung berichtet, der zum Ärger der
ge Dorfdisco bekam per Gericht die Erlaubnis, Flüchtlin- Behörden unter dem Begriff Projekt X bekannt ist.
gen generell den Einlass zu verweigern. (FLÜCHLINGSRAT 71/72; 64/65; 60/61). Wir erinnern
Ähnlich gruselig war die Situation in dem Lager: es gab uns: menschenunwürdige, unbefristete Zwangsunterbrin-
eine Stempelpflicht zweimal am Tag und die Anordnung, gung von Flüchtlingen nach dem Ende ihres Asylverfah-
24 Stunden am Tag der IND (Einwanderungsbehörde) für rens in der Oldenburger oder Braunschweiger ZASt, wo
Verhöre über die Identität oder etwaige Botschaftsvorfüh- „gut geschultes Personal auf sie einwirkt, damit sie ihren
rungen zur Verfügung zu stehen. Auf einen Bewohner Widerstand aufgeben“ (Frankfurter Rundschau vom
kamen drei Wachleute, die Post wurde geöffnet, Gesprä- 22.10.1999). Ziel ist (offiziell) die „Klärung“ der nicht
che abgehört, Besuch konnte ohne die Angabe von Grün- geglaubten und damit „ungeklärten“ Identität. Als Zer-
den verweigert werden. Insgesamt herrschte ein Zustand mürbungs-Instrumentarien werden dort folgende Maß-
von Rechtlosigkeit. Es gab keinen unabhängigen Rechts- nahmen angewandt:
beistand im Lager. Wer sich nach Definition des IND • Einschränkung der Bewegungsfreiheit (per Auflage)
„nicht-kooperativ“ verhielt oder die maximale Aufent- auf einen extrem kleinen Radius (Stadtgebiet)
haltsdauer von 3 Monaten überschritten hatte, konnte auf • völliger Entzug der Geldleistungen („Taschengeld“)
die Strasse gesetzt oder auf irgendeinem Bahnhof in den mit Verweis auf §1a AsylbLG per Erlass des Innen-
Niederlanden ausgesetzt werden. ministeriums vom 28.5. 99
Schon nach einem Jahr VC Ter Apel kam die Gruppe • völlige Beschäftigungslosigkeit: Verbot von Deutsch-
Werkgroep Vluchtelingen Vrij aus Groningen zu dem Fa- kursen, Verbot von gemeinnütziger Arbeit mit Erlass
zit, dass „die Justiz mit diesem Instrument versucht, vom 28.5. 99
Flüchtlinge mürbe zu machen - und zwar mit dem Ziel, • Reduzierung der „unabweisbaren Leistungen“ auf drei
dass sie sich selber zur Abreise „entschließen“ - dass diese (kohlenhydrat-dominierte) Mahlzeiten am Tag, eine
gegen ihren Willen deportiert werden können oder - wenn

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Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik

Pritsche im Mehrbettzimmer und die ärztliche Grund- Die Landesregierung jedoch hat nur „Erfolgsmeldungen“
versorgung in der ZASt über den „Modellversuch Identitätsfeststellung“ zu be-
• regelmäßige Verhöre: bis zu zwei Mal wöchentlich richten, an seiner sukzessiven Verschärfung wurde gear-
Befragungen („Interviews“ genannt) mit jeweils glei- beitet: War bisher den Behörden nur eine Einweisung von
chem Inhalt (Fragen zum Herkunftsland, Identität etc.) alleinstehenden, nicht erwerbstätigen Männern in das Pro-
• Zerstörung aller Vertrauensbeziehungen: Einbinden jekt X erlaubt, so trifft es seit dem Runderlass des nieder-
von SozialarbeiterInnen und DolmetscherInnen in das sächsischen Innenministeriums vom 24.08.00 auch Frauen,
Aufspüren von Hinweisen auf ein anderes Herkunfts- kinderlose Ehepaare und Familien mit nicht schulpflichti-
land gen Kindern. Auch Erwerbstätigkeit der Flüchtlinge, bis-
• Zerstörung der Intimsphäre: unregelmäßige Zimmer- lang ein Einweisungsschutz, ist mittlerweile kein Hinder-
durchsuchungen auf der Suche nach Papieren, persön- nis für eine Zwangseinweisung mehr: „Dabei steht eine
lichen Briefen oder anderen Dokumenten, die Aus- Erwerbstätigkeit der Aufnahme in die ZASt nicht entge-
kunft über Herkunftsländer geben könnten. Gefunde- gen, da es in derartigen Fällen sachgerecht ist, die Er-
nes Geld, Handys u.a. werden konfisziert werbstätigkeit durch eine entsprechende Auflage zur Dul-
• Schein-Illegalisierung: Verweigerung einer Duldung, dung zu untersagen“, so der Vertreter des zuständigen Re-
so dass Betroffene ohne Identitäts- und Aufenthalts- ferats 41. Zudem untersagte das VG Hannover den betrof-
nachweis sind. Manche Flüchtlinge besitzen nichts als fenen Flüchtlingen die Widerspruchsmöglichkeit gegen
die Essens-Ausgabe-Karte der ZASt, um sich bei ihre Einweisung in das Projekt X. Stattdessen verweist das
Kontrollen auszuweisen (laut Auskunft der Bezirksre- Gericht auf die Möglichkeit einer Klage. Damit wird der
gierung Weser-Ems, Dekanat Rückführung in Blan- für Flüchtlinge sowieso schon eingeschränkte Rechts-
kenburg, nur in Braunschweig praktiziert). Der se- schutz nochmals unterlaufen.
rienmäßige Eintrag in Duldungen „Gilt als Ausweiser- Nach der Antwort auf eine Kleine Anfrage der PDS im
satz“, wird bei denjenigen Flüchtlingen in Braun- niedersächsische Landtag befinden sich in Oldenburg der-
schweig, die eine Duldung ausgestellt bekommen ha- zeit 29 Männer, davon sind drei aus der Elfenbeinküste, 10
ben, per Hand geschwärzt. aus Liberia, jeweils einer aus Ägypten, Süd-Afrika, De-
• Kriminalisierung: Einige Ausländerbehörden erstatten mokratische Republik Kongo, Somalia, Nigeria, Israel,
gegen Flüchtlinge, die in das Modellprojekt eingewie- Niger und Irak und zwei Flüchtlinge aus Syrien. In der
sen werden, Anzeige wegen mittelbarer Falschbeur- ZASt Braunschweig befinden sich zur Zeit 30 Männer und
kundung („falsche Identitätsangaben“). Da ein Anwalt 2 Frauen, Angaben über ihre Herkunft liegen uns nicht
mangels Geld nicht zu finanzieren ist, kann weder vor. Illegalisierung Folgende zweifelhafte Erfolgsbilanz
Widerspruch eingelegt noch ggf. ein verhängtes Buß- wurde Ende Oktober 2000 in der Beantwortung der Klei-
geld bezahlt werden. Die Folge: Strafhaft. Ebenso bei nen Anfrage präsentiert: für die Aufnahme in Oldenburg
Bußgeldern wegen fehlender Fahrscheine (nachdem wurden 155 Personen vorgeschlagen, in Braunschweig
ihnen sämtliche Geldleistungen gestrichen wurden, 297, insgesamt sind das aus ganz Niedersachsen 452
verfügen die Flüchtlinge über kein Geld für Busti- Flüchtlinge. Davon sollten 227 in das Projekt X gesteckt
ckets, um von dem jeweils außerhalb der Stadt gele- werden, in Oldenburg 64, in Braunschweig 163 Flüchtlin-
genen ZASt-Gelände in die Stadt zu fahren). (vgl. Be- ge. Die Identität konnte in 51 Fällen „geklärt“ werden, 23
standsaufnahme: Flüchtlinge in Niedersachsen, Personen wurden abgeschoben, 18 wurden aus dem Pro-
FLÜCHLINGSTRAT 71/72. S. 75 ff) jekt X wegen Krankheit oder beabsichtigter Eheschließung
entlassen. Vor dem Zuzug ins Projekt X sind 42 Flüchtlin-
Die sog. Identitätsklärung soll mittels der verschiedenen ge untergetaucht, nach Zuzug 45, das sind insgesamt 87.
Repressionsebenen- und instrumentarien erreicht werden: Oder anders: In nahezu drei Jahren Projekt X konnte nur
Indem entweder Hinweise auf eine andere als die angege- bei 22% der Flüchtlinge „die Identität belegt“ werden,
bene Herkunft aufgespürt werden (z.b. mittels Sprachana- 10% von ihnen wurden abgeschoben, ca. 40% der Projekt
lysen durch externe Wissenschaftler, auf der Grundlage X Flüchtlinge sind untergetaucht. Projekt X als Projekt mit
von halbstündigen Gesprächsmitschnitten), oder aber eine der Zielvorgabe Identitätsklärung und Abschiebung von
verstärkte „Mitwirkung“ der betroffenen Flüchtlinge bei Flüchtlingen ist somit - gemessen an der offiziellen Auf-
der Passbeschaffung abgepresst wird. Juristisch heißt so gabenstellung - als Projekt gescheitert.
etwas „Beugemaßnahme“, was schlicht rechts- und verfas- Das Festhalten der Landesregierung an dieser Praxis legt
sungswidrig ist (s. Artikel: „Der Aufenthalt ist unbefris- den Schluss nahe, dass es ihr um andere Ziele geht. Die
tet“). Frage, wie denn die Tatsache des Untertauchens von ei-
Ende April 2001 belegt eine grauenvolle Meldung, dass es nem Großteil der Flüchtlinge von der Landesregierung
gute Gründe für Flüchtlinge gibt, an ihrer eigenen Ab- beurteilt wird, ist folgendermaßen beantwortet: „Die Lan-
schiebung nicht mitzuwirken: einer der aus dem Projekt X desregierung sieht in dieser Tatsache eine Bestätigung
abgeschobenen Flüchtlinge wurde nach Ankunft in seinem ihrer Auffassung, dass im Rahmen der Identitätsklärung in
Herkunftsland inhaftiert und gefoltert, es bestehen Be- den ZASTen eine effektive und erfolgreiche Arbeit ge-
fürchtungen, dass er an den Folgen der Folter ohne medi- leistet wird. Sie geht im übrigen davon aus, dass ein er-
zinische Behandlung gestorben ist. Sein Schicksal ist z.Zt. heblicher Anteil dieser Ausländer freiwillig ausgereist ist“
ungewiss (siehe unten). (Aus der Antwort zur Kleinen Anfrage im Niedersächsi-
schen Landtag). Diese Antwort offenbart den eigentlichen

38
Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik

Charakter des Projekt X. Es ist für die Landesregierung ein funktioniert, weil systematisch und komplett die Sichtwei-
Erfolg, weil ein Großteil der Flüchtlinge verschwindet. Es se von Flüchtlingen ausgeblendet wird. In solcher Bericht-
ist der Versuch, Flüchtlinge auf andere Art loszuwerden, erstattung findet sich kein Wort über Fluchtgründe oder
durch Druck und menschenunwürdige Behandlung. Denn gar über das Mitmischen europäischer Staaten an (Bürger-
über die Schwierigkeit und oft Unmöglichkeit, Papiere zu )Kriegen in aller Welt, kein Wort über die unsägliche deut-
beschaffen, ist sich die Landesregierung im Klaren, sche Asylrechtsprechung, die den meisten Flüchtlingen in
schließlich mussten bereits mehrere Flüchtlinge wieder aus Deutschland ein Bleiberecht verwehrt, kein Wort über
dem Projekt X entlassen werden, weil die „Identitätsklä- staatlichen und alltäglichen Rassismus, der Flüchtlingen
rung“ ein von den Behörden unerwünschtes Ergebnis zu- hier das Leben zur Hölle macht.
tage förderte: die Angaben der Flüchtlinge ließen sich Auf ihre Passlosigkeit haben viele Flüchtlinge keinen Ein-
zweifelsfrei belegen und/oder trotz Passersatzpapieren war fluss, man denke z.B. nur an libanesische oder palästinen-
eine Abschiebung nicht möglich (so der Leiter des Refe- sische Flüchtlinge, oder an Menschen, die mit falschen
rats 41, Bezirkregierung Hannover, im Dezember 2000 Papieren fliehen mussten, um ungefährdet ihr Land zu
gegenüber dem Flüchtlingsrat). Eine massive Pressehetze verlassen. Für manche Flüchtlinge ist aber auch ein „verlo-
versucht, das Projekt inklusive des unmenschlichen Um- rener“ Pass die allerletzte Möglichkeit, nicht in die Gefah-
gangs mit den Flüchtlingen zu legitimieren. Und das VG ren des Heimatlandes ausgeliefert zu werden - das Schick-
Hannover geht sogar soweit, die hohen Illegalisierungs- sal von Hussein Dauud belegt das auf entsetzliche Weise
zahlen den Flüchtlingen anzukreiden, indem „die man- (s.u.). Der zuständige Mitarbeiter im Innenministerium für
gelnde Rechtstreue zahlreicher ausländischer Flüchtlinge“ den Modellversuch Identitätsfeststellung, Gutzmer, be-
beklagt wird. Trotzdem sind die Zahlen für die Landesre- klagt die Passlosigkeit von Flüchtlingen bei der Einreise
gierung und ihr eigentliches Interesse entlarvend. im Spiegel-Artikel mit den Worten: „Man braucht keinen
In Ter Apel haben die Behörden zugegeben, dass solche Asylantrag mehr, um bis zum Lebensende hier zu bleiben.
Projekte nicht zu einer Erhöhung der Abschiebezahlen Man muss nur seine Papiere wegwerfen“ (Spiegel
führen. Die Konsequenz dort, abgelehnte AsylbewerberIn- 45/2000).
nen einfach auf die Strasse zu setzen, bedeutet für die Schön wärs. Angesichts der deutschen Asylgesetze, die so
Flüchtlinge ein unvorstellbares Schicksal. Sie werden zu vielen Flüchtlingen das Bleiberecht verwehren, auch wenn
Nicht-Personen gemacht, die weder bleiben, noch in ihr sie berechtigte Fluchtgründe haben, wäre ihnen die Nut-
Land zurückgehen können. Was ihnen bleibt, ist ein Leben zung eines solcherart „alternative Asylrechts“ dringend
als Illegalisierte. anzuraten. Doch wohl niemand würde Herrn Gutzmer
ernsthaft abnehmen, dass das Leben eines passlos gedul-
deten Flüchtlings in der BRD das ist, was jemand bis an
Pressehetze: „Alias aus An- sein oder ihr Lebensende durchhalten kann. Die vielen
geblichstan“ Flüchtlinge, die über Jahre in solch einer durch und durch
prekären Situation leben müssen - sie tun das nicht frei-
Flüchtlinge ohne Papiere sind im Zuge der neuen Flücht- willig.
lingspolitik zum Feindbild Nr.1 der bürgerlichen Presse Mit Abstand betrachtet ist die Hetze gegen Flüchtlinge
geworden. In der Aufteilung in „gute und „böse“ Flücht- ohne Papiere, sind die zahllosen Bemühungen der deut-
lingen, „verwertbare“, weil für den Arbeitsmarkt zu schen Behörden, Papiere zu beschaffen, das unmenschli-
gebrauchen, und „unnütze“ sind sie es, die am stärksten als che Projekt X, die unzähligen Botschaftsvorführungen,
Zielscheibe für die Pressehetze gegen Flüchtlinge herhal- völlig absurd. Ein typisches Stück deutscher Bürokratie,
ten müssen. Der Tenor der Berichterstattung gleicht sich: die auch noch das letzte und allerkleinste Loch stopfen
AsylbewerberInnen wird vorgeworfen, sie würden mit will, das es Flüchtlingen ermöglicht, in der BRD zu blei-
falschem Namen und verschwundenen Pässen die deut- ben. Und Projekt X funktioniert, nicht für die Identitätsklä-
schen Behörden zum Narren halten. rung, sondern als weitere Variante deutscher Abschre-
Auch das niedersächsische Innenministerium fährt hier ckungspolitik, Entrechtung und effektiver Vertreibung von
einen Offensivkurs, geht es doch darum, Projekt X, das Asylsuchenden.
einst als Modellversuch ins Leben gerufen wurde, nun als
feste Einrichtung zu verkaufen. Der bisherige Gipfel dieser
Berichterstattung war der Artikel im Spiegel 45/2000 mit Deutsche Abschiebelager - Mo-
dem für den Inhalt kennzeichnenden Titel „Alias aus An-
geblichstan“, der gleich in den ersten Zeilen suggeriert, dellversuch NRW: Minden-
dass alle Flüchtlinge ohne Papiere mit Drogen handeln und
genauso endet der Artikel. Dazwischen werden undoku-
Lübbecke
mentierte AsylbewerberInnen der Lüge bezichtigt, „ge- Ungefähr zeitgleich zum niedersächsischen Projekt X be-
platzte Abschiebungen“ bedauert und die für die Papier- gann im Mai 1998 der Modellversuch in NRW auf dem
ausstellung verantwortlichen Botschaften als willkürlich, Gelände der Landesunterkunft für Asylbewerber in Min-
korrupt und nicht-kooperativ dargestellt. Hier findet „Le- den-Lübbecke. Zunächst wegen „Erfolg“ um ein weiteres
gitimationsproduktion“ statt, d.h. es wird versucht, ein Jahr verlängert, wurde der Versuch zum 01.10.1999 vor-
Bild von Flüchtlingen zu konstruieren, die als Lügner und zeitig abgebrochen, da sich ein Insasse, der den großen
Drogenhändler keine andere als die (menschenunwürdige) Druck nicht mehr ausgehalten hatte, umbrachte. Trotzdem
Behandlung im Projekt X verdient hätten. Und das ganze aber wird der Modellversuch seitens der Behörden als er-

39
Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik

folgreich gewertet und derzeit nach einem neuen Standort Für die „soziale Betreuung“ der Flüchtlinge im Modellver-
für einen zweiten Anlauf gesucht. such hat das Land NRW die DRK Westfalen-Lippe Sozi-
In Minden-Lübbecke waren 100 Plätze für alleinstehende ale Beratungs- und Betreuungsdienste GmbH beauftragt.
Männer und Frauen vorgesehen, die durchschnittliche Be- Dieser wurde zusätzlich durch die europäische Kommissi-
legung lag bei 60 Personen. Durch eine Wohnsitzauflage on ein Projekt: „Perspektiven der Reintegration - ein Pilot-
wurden die Menschen verpflichtet, in der Landesunter- projekt zur Erhöhung der Rückkehrbereitschaft ausreise-
kunft zu wohnen, und zwar die, die zuvor schon länger als pflichtiger Ausländer“ bewilligt. In dem Auswertungsbe-
drei Monate in der Abschiebehaft waren; die, die in der richt der DRK werden Vorschläge zur Regelung auf inter-
Abschiebehaft zusagten, bei der Beschaffung von Passer- nationaler Ebene in Richtung Rückübernahmeabkommen
satzpapieren mitzuwirken und solche, die abgeschoben und Identitätsklärung im Heimatland stark forciert. Erst im
werden sollten, aber keine Papiere hatten. Dreimal in der Fluchtland solle die Identität überprüft werden und „ggf.
Woche mußten sich die Betroffenen bei den Vertretern der nur die Personen zurücksendet, die nachweislich nicht
Bezirksregierung Arnsberg melden. An zwei weiteren Ta- Landeskinder sind“. Außerdem würden mittlerweile einige
gen erfolgten weitere Gespräche mit den BetreuerInnen, Staaten dazu übergehen, in einem speziellen Fluchtland
mit dem Ziel die Flüchtlinge von der Perspektivlosigkeit eigene Ermittler zur Überprüfung konkreter Angaben, et-
ihres Aufenthalts in Deutschland zu überzeugen. Diese wa zu Adressen von BewerberInnen einzusetzen. „Solche
„psychosoziale Beratung und Betreuung“ sowie alleine die Überprüfungen nehmen zum Teil Botschaftsmitarbeiter,
Tatsache in der Landesunterkunft leben zu müssen, sollten zum Teil aber auch eigens beauftragte Personen vor.“
den Druck aufbauen, durch den eine Mitwirkung bei der Ganz offen wird auch die Verknüpfung der Rücknahme-
Passersatzbeschaffung und letzendlich eine freiwillige problematik mit Instrumenten der Entwicklungshilfe bzw.
Ausreise erreicht werden sollte. mit Aktivitäten der Technischen Zusammenarbeit vorge-
In der zusammenfassenden Auswertung des Modellver- schlagen.
suchs wird eine zweifelhafte Erfolgsbilanz präsentiert: Zudem scheint eine verstärkte Repression das Lösungs-
Vom 20.05.98 bis 30.09.99 waren in dem Modellversuch mittel des DRK zu sein: Das Vorhandensein zu weniger
insgesamt 221 Personen (7 Frauen und 214 Männer). Da- Sanktionsmittel wird beklagt und auf das Beispiel Däne-
von sind *10 (4,5%) kontrolliert freiwillig ausgereist, *28 mark verwiesen, wo die Option der Verhängung einer Art
(12,7%) wurden abgeschoben, *6 (2,7%) konnten eindeu- Beugehaft besteht, wenn eine Person keine oder erwiese-
tig identifiziert und Passersatzpapiere beschafft werden nermaßen falsche Angaben zu ihrer Identität macht. Unter
und *77 (34,8%) sind untergetaucht. Zu den Unterge- Umständen kann dabei sogar die täglich Nahrungsration
tauchten wird vermerkt, dass diese vermutlich weitgehend auf ein Minimum reduziert werden. Diese Vorschläge las-
unkontrolliert ausgereist seien und „damit haben oder wer- sen das schlimmste befürchten, sollte es in NRW eine
den ca. 20% der in der Rückkehreinrichtung betreuten Per- zweite Auflage des Modellversuchs geben. Dafür wurden
sonen nachweislich und ca. 30% vermutlich, insgesamt bislang 20 Standorte hinsichtlich ihrer Tauglichkeit ge-
somit ca. 50% das Land verlassen“. Als weitere Erfolgsas- prüft, von denen als potentiell geeignet die ehemalige Ka-
pekte wird genannt, dass 84 Personen schon nach Erhalt sernen in Münster - Handorf angesehen wird. Doch zur
der Einweisung untergetaucht sind, auch bei ihnen wird Zeit ist das Projekt erstmal auf Eis gelegt, da zunächst Er-
davon ausgegangen, dass sie das Land verlassen haben. fahrungen aus dem Ingelheimer Projekt abgewartet werden
„Hauptsache weg!“ scheint also der Erfolgsmaßstab für sollen.
den Modellversuch zu sein. Er wird damit zu einem Pro-
jekt, welches gezielt Flüchtlinge illegalisiert und sie ihrem
Schicksal überlässt. Ingelheim - „...eine gewisse Stim-
Eine andere bedenkliche Entwicklung ist die Tatsache,
dass es über den Kopf der Flüchtlinge hinweg eine zuneh-
mung der Hoffnungs- und Orien-
mende Kooperation zwischen deutschen Behörden und tierungslosigkeit“
Behörden der Herkunftsländer gibt. So wurden aus Min- Landesunterkunft Rheinland Pfalz (Lurp) - hinter diesem
den-Lübbecke 8 Menschen abgeschoben, bei denen - laut so harmlos klingenden Namen verbirgt sich ein bisher in
Behörden - bezüglich der Staatsangehörigkeit angeblich der BRD einzigartiger Abschiebekomplex. Er befindet sich
kein Zweifel bestand. Nach Absprache mit der Deutschen in Ingelheim und setzt sich aus drei Komponenten zusam-
Botschaft im vermuteten Herkunftsland und den dortigen men: 1.) Notunterkunft für Kommunen (300 Plätze), falls
Innenbehörden wurden sie ohne Heimreisedokument abge- diese in bestimmten Situationen nicht ausreichend Wohn-
schoben, die Identität wurde erst im Land „geklärt“. Die raum für Flüchtlinge bereitstellen können.
Frage bleibt offen, inwieweit diese Menschen wirklich 2.)Landesunterkunft für Ausreisepflichtige (Lufa) ein Mo-
Bürger des Landes in das sie abgeschoben wurden, waren. dellprojekt, welches vergleichbar mit den Modellversu-
Nicht erst seitdem der Fall der Ausländerbehörde Clop- chen in Niedersachsen und NRW darauf angelegt ist, aus-
penburg öffentlich wurde, die vorsätzlich Antragsformula- reisepflichtige Flüchtlinge ohne Reisepapiere durch physi-
re fälschte, um einen Mann aus der Elfenbeinküste in den schen und psychischen Druck zur Mitwirkung an ihrer
Kongo abzuschieben, muss es Misstrauen gegen die Praxis Abschiebung zu bewegen und 3.) die Gewahrsamsein-
geben, die durch zwischenstaatliche Kooperation Men- richtung für Ausreisepflichtige (GfA) - der neue Abschie-
schen mit nicht nachweisbarer Identität abschiebt. beknast mit 150 Plätzen. 50 Plätze sind schon jetzt für das
Saarland reserviert, eine Erweiterung auf 400 wird vom

40
Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik

Mainzer Innenministerium als denkbar eingestuft, um auch


den Bundesländern Hessen und Baden-Württemberg Platz Ein junges indisches Ehepaar kommt im Februar 1002 nach
anbieten zu können. Ab April 2001 soll das Gefängnis in Deutschland. Im Oktober 1992 wird ihr Kind in Ludwigshafen
Betrieb genommen werden. geboren. Das Standesamt zweifelt die autorisiert übersetzte indi-
sche Heiratsurkunde an. Auch die vom Ehemann beteuerte Va-
terschaft wird behördlich angezweifelt. In die Geburtsurkunde
Aufnahmeeinrichtungen werden wird kein Vater eingetragen. Ab 1994 gibt es eine Duldung und
Arbeitserlaubnis. Aushilfsarbeiten in einer Pizzeria sind nun
zu Abschiebelagern möglich. Steuern und Versicherung werden aufgrund der Hei-
ratsurkunde für Ledige abgeschlossen. Im Jahr 1999 stellt ein
Wie in Hannover (aus der ZASt Langenhagen wurde der
Anwalt für die Familie den Antrag auf ein Bleiberecht nach der
Knast Langenhagen) so nun auch in Ingelheim, denn auf Altfallregelung. Das Gerichtsverfahren endet im Mai 2000 mit
dem Gelände der jetztigen Lurp befand sich bis vor kur- einem negativen Bescheid und der Auflage, - jetzt plötzlich als
zem eine Aufnahemeinrichtung für Asylbewerber. Be- Familie - direkt nach Ingelheim in das Ausreisezentrum zu zie-
gründet wird der Umbau mit rückläufigen Asylbewerber- hen. Folge davon ist der Verlust der Arbeit, Wohnung, Hausstand
zahlen, die zulassen, Aufnahmeplätze zu reduzieren. Ab- und das achtjährige Kind wird mitten im Jahr aus der Schule
schiebeknastplätze aber werden erhöht - eine deutliche genommen. Im November 2000 erfolgt die “freiwillige Ausreise”
Aussage über den politische Trend. In der Lufa gibt es bis in Polizeibegleitung. Warum wurde eine Familie, die acht Jahre
zu 100 Plätze für Einzelpersonen und Familienverbände, in Deutschland gelebt hat, Wohnung und Arbeit hier hatte und ihr
hier geborenes Kind zur Schule gegangen ist, gezwungen in die
die per Wohnsitznahmeverpflichtung dorthin verwiesen
Lufa nach Ingelheim zu ziehen, wo sie zur Ausreise bewegt wur-
werden, um sie dort zur Kooperation bei der Passersatzpa- den? (Nach Angabe des AK Asyl Rheinland Pfalz)
pierbeschaffung zu zwingen. Auch hier bestätigt sich das
bekannte Bild, ca. die Hälfte der Leute taucht ab. Bis zum
5.9.00 wurden 82 Flüchtlinge in das Ausreisezentrum ein- 1993 floh ein chinesische Ehepaar nach Deutschland, da der E-
gewiesen, nur ca. 6 von ihnen sind „freiwillig ausgereist“. hemann an dem Studentenaufstand 1989 in Shanghai teilgenom-
Als „Druckstation“ betitelt der Ak Asyl Rheinland Pfalz men hatte, und er daraufhin eine zweijährige Haftstrafe absitzen
das Ausreiselager. In einem Bericht über erste Erfahrungen musste. Das Asylverfahren endet negativ. Im Oktober 1997 wird
mit dem Konzept schreibt Dietmar Martini-Emden (Leiter ihre gemeinsame Tochter geboren, und da die Sozialwohnung zu
des Amtes für Ausländerangelegenheiten und der Clea- klein ist, zieht die Familie in eine selbstfinanzierte Wohnung um.
ringstelle Rheinland-Pfalz für Flugabschiebung und Pass- Der Ehemann erhält eine Arbeitserlaubnis bei einem Winzer und
beschaffung bei der Stadtverwaltung Trier): „Bei den auf- in einem Chinarestaurant, die Ehefrau arbeitet als Zimmermäd-
chen im Hotel.
genommenen Personen zeigt sich, dass die deutlichen
Die Ausländerbehörde fordert den Ehemann auf, bei der Chinesi-
Leistungseinschränkungen, der Ausschluss einer Ar- schen Botschaft zur Passbeschaffung vorzusprechen. Der Ehe-
beitsaufnahme sowie das sich in einem allmählichen Pro- mann befolgt diese Aufforderung mehrfach (2 x 96, 97, 98). Er
zess entwickelnde Bewusstsein über die Ausweglosigkeit bekommt jeweils die schriftliche Information, dass “die An-
ihrer Lebensperspektive in Deutschland die Menschen in schrift...in China gleich wie die alte bleibt, die für falsch festge-
eine gewisse Stimmung der Hoffnungs- und Orientie- stellt worden ist. Wenn ... keine richtigen Personaldaten (über-
rungslosigkeit versetzt.“ Ganz unverhohlen stellt er in dem mittelt werden können), wäre die Ausstellung eines Heimreise-
Bericht der repressive Charakter des Konzeptes dar. Es zertifikats unmöglich. 1999 und 2000 erfolgt keine Aufforderung
wird sogar offen zugegeben, dass die Ausländerbehörde seitens der Ausländerbehörde mehr. Die freiwillige Ausreise und
Abschiebung ist aus tatsächlichen Gründen (keine Papiere) nicht
mit der Abschiebungshaft neben dem Sicherungscharakter
durchführbar.
für die Abschiebung regelmäßig noch die Hoffnung ver- Am 6. April 2000 wird die Familie von der Ausländerbehörde in
bindet, dass die Betroffenen „durch die Lebensbedingun- das Modellprojekt “Ausreisezentrum Ingelheim” eingewiesen
gen in einer Haftanstalt zur Einsicht gelangen könnten, und wohnt seitdem dort. Um die Einweisung realisieren zu kön-
dass es für sie besser ist mitzuwirken und wahrheitsgemä- nen, wurde dem Ehemann, trotz Arbeit und Wohnung Anfang
ße Angaben zu machen“. Februar zuerst das Aufenthaltsrecht und danach deswegen die
Doch wie der Fall des chinesischen Ehepaars zeigt (s. Arbeitserlaubnis entzogen. In Ingelheim ist seitdem nichts pas-
Kasten) müssen die Betroffenen oft monatelang in der siert, außer einer “ausländerrechtlichen Beratung”, die dazu füh-
Einrichtung bleiben, weil das Heimaltland sich weigert ren sollte, dass die Familie an der beabsichtigten Abschiebung in
irgendeiner Form mitwirkt. Obwohl nach Auffassung des AK
Reisedokumente auszustellen.
Asyl RLP die Voraussetzungen für die Erteilung einer Aufent-
Repressiv ist auch die Umsetzung: eine UnterstützerIn- haltsbefugnis nach der Bleiberechtsregelung vom 19.11.99 erfüllt
nengruppe berichtet davon, dass Haftbefehle gegen Leute sind, wird diese der Familie nicht nur vorenthalten, sondern sie
ausgestellt wurden, die der Meldepflicht nicht nachkom- wird zusätzlich wegen Nichterfüllung der Passpflicht nach Ingel-
men und von vereinzelten Übergriffen gegen Flüchtlinge, heim eingewiesen, wo sie jetzt mit ihrer Tochter in einem Zim-
die nachts von der Polizei aus ihren Betten geholt und mit- mer wissentlich und aus bürokratischen Gründen “vertrocknen”
genommen wurden, mit der Abschiebung bedroht und am sollen. (nach Angaben des AK Asyl Rheinland Pfalz)
nächsten Tag wieder freigelassen wurden.

aus: „Modernes Migrationsregime - Umkämpfte


(T)Räume“, FLÜCHTLINGSRAT 75/76, Mai 2001

41
Intention eines "Modellversuchs"

Intention eines "Modellversuchs"


– der Leiter der Clearingstelle Rheinland-Pfalz für Flugabschiebung und Passbeschaffung,
Dietmar Martini-Emden, über Betreuung und Beratung im Ausreisezentrum

che zu sprechen und behauptet, nur deutsch, englisch oder


Rückführungssituation bei undo- französisch zu sprechen oder aber vollkommen schweigt.
kumentierten Ausländern Entweder vor Einleitung der Passersatzbeschaffung oder
zu irgendeinem Zeitpunkt im Verlaufe des Verfahrens
Seit einigen Jahren ist festzustellen, dass immer weniger greift die Ausländerbehörde zum Mittel der Abschiebehaft,
Asylbewerber bei der Asylantragstellung Unterlagen vor- wenn sie die Hoffnung hat, dass die Passersatzbeschaffung
legen, aus denen sich eindeutige Hinweise auf ihre Perso- in irgendeiner Form möglich ist. Dabei verbindet die Aus-
nalien und ihre Staatsangehörigkeit ergeben. In der BRD länderbehörde mit der Abschiebungshaft neben dem Siche-
sind es in den letzten Jahren nur noch ca. 10 % der Asyl- rungscharakter für die Abschiebung regelmäßig noch die
bewerber, die über brauchbare Dokumente verfügen - also Hoffnung, dass der Betroffene durch die Lebensbedingun-
ca. 90 % per anno undokumentierte Fälle bzw. Personen. gen in einer Haftanstalt zur Einsicht gelangen könnte, dass
Ziel dieser behaupteten oder auch tatsächlichen Doku- es für ihn besser ist, mitzuwirken und wahrheitsgemäße
mentenlosigkeit ist es, eine Rückführung in den Heimat- Angaben zumachen. Je weiter jedoch die realistischen
staat unmöglich zu machen oder zumindest erheblich zu Chancen auf tatsächliche Durchführung einer Abschiebung
erschweren und damit zu verzögern. Dokumentenlosigkeit sinken, desto mehr kommt der Abschiebehaft der Charak-
- in der Regel in Verbindung mit Falschangaben zur Per- ter von unzulässiger Beugehaft zu, so dass dann die Haft-
son und häufig auch zum Herkunftsstaat - sind deshalb das beendigung geboten ist. Damit sind dann aber auch die
Mittel der Wahl, weil eine Rückübernahmebereitschaft Druckmittel der Ausländerbehörden erschöpft. Für eine
bzw. völkerrechtliche Rückübernahmeverpflichtung eines intensive weitere Betreibung des Verfahrens fehlen in der
Staates nur für seine eigenen Staatsangehörigen besteht. Es Regel die personellen und zeitlichen Ressourcen - mit der
muss daher dem potenziellen Aufnahmestaat gegenüber Konsequenz, dass der Ausländer selbstorganisiert in der
nachgewiesen oder glaubhaft gemacht werden können, Gemeinde lebt, regelmäßig seine auf 3 Monate befristete
dass es sich bei der betreffenden Person um einen Staats- Duldung erhält und von Zeit zu Zeit aufgefordert wird,
angehörigen seines Staates handelt. Im normalen internati- sich um seine Passersatzausstellung zu bemühen. (…)
onalen Rechtsverkehr dient als Nachweismittel für die
Staatsangehörigkeit ein gültiger Reisepass, ersatzweise
eine ID-Carte oder ein vergleichbares Ausweisdokument. Intention und Aufgabenstellung
Das Nichtvorhandensein derartiger Dokumente führt somit
zunächst einmal zu einer Unmöglichkeit der Abschiebung der Landesunterkunft für Ausrei-
auf Grund des Fehlens eines aufnahmepflichtigen bzw.
aufnahmebereiten Staates. (…)
sepflichtige – Unterbringungs- und
Passlosigkeit führt demnach auch nach Eintritt einer voll- Betreuungskonzept
ziehbaren Ausreiseverpflichtung zunächst zu einem unbe-
stimmten weiteren Aufenthalt, ausgestattet mit einer aus- Das Modellprojekt in Rheinland-Pfalz ist als offene Ein-
länderbehördlichen Duldungsbescheinigung und nach ei- richtung konzipiert mit einer durch Auflage zur Duldung
ner längeren Aufenthaltszeit zusätzlich mit der Möglich- verfügten Wohnsitznahmeverpflichtung. Durch die zent-
keit zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit. rale Unterbringung sollen die Voraussetzungen für inten-
Die Mittel der Ausländerbehörden, mit dieser Problem- sive Kontakte und Betreuungsmaßnahmen geschaffen
konstellation umzugehen, sind beschränkt. Sie kann zu- werden, die bei einer dezentralen Unterbringung in den
nächst versuchen, bei der Vertretung des angeblichen Gemeinden nicht geleistet werden können. Zentrale Unter-
Heimatstaates des Betroffenen mit den vorliegenden An- bringung mit der Möglichkeit zur intensiven Kontaktauf-
gaben oder aber auch durch eine Vorführung der Person nahme und Betreuung sind ansonsten nur noch in Ab-
ein Passersatzdokument zu erhalten. Die Erfolgsaussichten schiebehaftanstalten anzutreffen, so dass Ausreisezentren
und die Dauer des Verfahrens der Passersatzbeschaffung auch unter diesem Gesichtspunkt eine echte Alternative
sind sehr unterschiedlich und hängen ganz wesentlich von zur Abschiebungshaft darstellen.
der Mitwirkungsbereitschaft des Betroffenen und der Kor- Aufgenommen in die rheinland-pfälzische Landesunter-
rektheit seiner Angaben ab. Häufig verweigert der Betrof- kunft für Ausreisepflichtige werden bis zu 100 Personen
fene jedoch die notwendige Mitwirkung in dem er sich oder Familienverbände, für die eine vollziehbare Ausrei-
weigert, den Passantrag auszufüllen oder zu unterschrei- sepflicht durchsetzbar erscheint, weil - eine entsprechender
ben, falsche oder unsinnige Angaben macht oder sich wei- Mitwirkung der Person vorausgesetzt - eine realistische
gert, bei einem Botschaftsgespräch in seiner Heimatspra- Chance auf Beschaffung von Rückreisedokumenten be-
steht. (…)

42
Intention eines "Modellversuchs"

Der Aufenthalt in der Einrichtung soll grundsätzlich bis bereits seit mehreren Jahren erfolgreich mit dieser Strate-
zur freiwilligen Ausreise oder bis zur Abschiebung dauern. gie gefahren sind, war dies von vorneherein zu erwarten.
In der Einrichtung wird das vom Asylbewerberleistungs- Ohnehin kann man bei der vorhandenen Problemstellung
gesetz vorgeschriebene Sachleistungsprinzip konsequent nicht von schnellen Erfolgen ausgehen. Eine Verbesserung
umgesetzt, was in den Kommunen wegen der damit ver- dürfte dann eintreten, wenn künftig die Zeit zwischen Ein-
bundenen praktischen Schwierigkeiten nur eher selten der tritt der Ausreiseverpflichtung und Aufnahme in der Lan-
Fall ist. desunterkunft deutlich kürzer sein wird.
Das Betreuungskonzept innerhalb der Einrichtung sieht Auffallend ist bisher, dass eine anfänglich häufige Kon-
eine Kombination von ausländerrechtlicher Beratung und taktaufnahme mit den Sozialarbeitern sich stark reduziert,
psycho-sozialer Betreuung vor. Die ausländerrechtliche nachdem man feststellt, dass diese für eine grundlegende
Beratung umfasst neben den Hinweisen auf die Mitwir- Verbesserung ihrer Lebenssituation, bis hin zur ge-
kungspflichten nach dem Ausländer - und Asylverfahrens- wünschten Entlassung in eine Kommune, nicht zur Verfü-
gesetz hauptsächlich die Information über Fördermöglich- gung stehen - dies ist für die Betroffenen offensichtliche
keiten bei der freiwilligen Rückkehr wie REAG und Garp- eine neue Erfahrung.
Programme. Gleichzeitig wird auch über die ausländer- Trotz bestehender Residenzpflicht stellt sich die Anwesen-
rechtliche Perspektivlosigkeit was Integration und selbst- heitsfrequenz der Betroffenen sehr unterschiedlich dar. Ein
bestimmte Lebensführung anbetrifft, aufgeklärt. Die aus- Großteil beschränkt seinen Aufenthalt auf die festgelegten
länderrechtliche Beratung hat auch zur Aufgabe, Lösungen Meldetermine, andere entziehen sich nach anfänglichem
zu suchen und anzubieten, die eventuell bei den Betroffe- Daueraufenthalt gänzlich dem Blickfeld des Sozialdiens-
nen vorliegende Hemmnisse für eine freiwillige Rückkehr tes. Nur ganz wenige befinden sich ständig in der Ein-
beseitigen können. richtung.
Durch die psycho-soziale Betreuung soll den Betroffenen
geholfen werden, die durch die Perspektivlosigkeit ihres
Aufenthaltes in Deutschland allgemein und in der Ein- Bedeutung der Landesunterkunft
richtung speziell auftretenden Probleme und Frustrationen
in positive Ansätze für eine Reintegration in ihrer Heimat
für Ausreisepflichtige unter prakti-
umzuwandeln. Wichtig ist dabei, dass die Energien, die bis schen Gesichtspunkten
dahin auf die Frage konzentriert wurden, wie kann ich Auch wenn bisher die Landesunterkunft zahlenmäßig noch
meinen Aufenthalt in Deutschland verlängern, umgeleitet keine große Bedeutung erlangt hat, kann dennoch festge-
werden auf die Frage, wie kann ich meine in der Bundes- stellt werden, dass das Vorhandensein einer solchen Ein-
republik gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen sinn- richtung in dem bisher bestehenden System zwischen dem
voll für eine Verbesserung meiner Lebensbedingungen bei einzigen Druckmittel Abschiebehaft und letztendlicher
einer Reintegration in meiner Heimat verwerten. Kapitulation eine wichtige Lücke geschlossen hat. Wäh-
Das Betreuungskonzept sieht regelmäßige Gespräche mit rend bisher Fälle von hartnäckiger Identitätsverschleierung
den Betroffenen vor, die dazu dienen, einen persönlichen entweder zu dem ausländerbehördlichen Versuch führten,
Kontakt aufzubauen, die Absichten und Erwartungen der durch die Gerichte eine möglichst lange andauernde Ab-
Person kennen zu lernen, Rückkehrhemmnisse zu erfor- schiebehaft mit Beugehaftcharakter zu erwirken oder aber
schen und objektive Hinweise auf die tatsächliche Identität nach einiger Zeit resignierend die Bemühungen um Pass-
und den Herkunftsstaat zu gewinnen. Durch eine Kombi- ersatzbeschaffung einzustellen, stellt sich jetzt für die
nation alle dieser Erkenntnisse soll eine Bereitschaft zur Ausländerbehörden die konkrete Alternative, diesen Per-
wahrheitsgemäßen Mitwirkung erreicht werden bzw. aus- sonenkreis in die Landesunterkunft aufnehmen zu lassen,
reichende Anhaltspunkte für eine Passersatzbeschaffung mit der Gewissheit, dass dort unter optimierten Vorausset-
ohne Mitwirkung des Betroffenen gewonnen werden. (…) zungen an der Identitätsfeststellung bzw. der Rückkehrbe-
reitschaft gearbeitet werden kann. Gleichzeitig werden die
Kommunen finanziell und arbeitsmäßig entlastet. (…)
Erste Erfahrungen
(…) Bei den aufgenommenen Personen zeigt sich, dass die
deutlichen Leistungseinschränkungen, der Ausschluss ei-
ner Arbeitsaufnahme sowie das sich in einem allmählichen
Prozess entwickelnde Bewusstsein über die Ausweglosig-
keit ihrer Lebensperspektive in Deutschland die Menschen
in eine gewisse Stimmung der Hoffnungs- und Orientie-
rungslosigkeit versetzt.
Die bisher beobachteten Reaktionen auf die neuen Le-
bensverhältnisse sind unterschiedlich. aus: Martini-Emden, "Problemstellung und Intention des
Während bisher eine Person relativ schnell sich zu einer Modellversuchs einer Landesunterkunft für Ausreise-
Mitwirkung bereit erklärte und zwischenzeitlich auch pflichtige in Rheinland-Pfalz", im Netz unter:
freiwillig nach Indien zurückgekehrt ist, blieben die ande- http://migration.uni-
ren beharrlich bei ihrer bisherigen Identitätsversion. Ange- konstanz.de/german/veranstaltungen/Martini-Emden.htm
sichts des Umstandes, dass alle aufgenommenen Personen

43
Ohne Bürgerrechte

Ohne Bürgerrechte bleibt nur das nackte Leben


Giorgio Agamben über Abschiebung und Lager ohne Namen

Abschiebegefängnisse und Internierungslager für Flücht- des NS, die das Gesetz außer Kraft setzten; in ihnen war,
linge nehmen im Grenzregime der Länder der Europäi- wie Hannah Arendt schreibt, »schlechthin alles möglich«,
schen Union eine zentrale Stellung ein. Sie sind die Vor- und zwar gerade eben, weil das Gesetz annulliert war.
aussetzung, um die Ausweisung und Abschiebung einer Sie haben wiederholt darauf hingewiesen, dass es ein
großen Zahl von Menschen bürokratisch planen und Ritual des Entzugs der Menschen- und Bürgerrechte
durchführen zu können. Allein in Deutschland sind es Tag gibt, das der Internierung, dem Einschließen in Lagern
für Tag über 100 Personen. Mit der Einrichtung von La- vorausgeht, und dass dieses Ritual ganz und gar nicht
gern, darauf weist Giorgio Agamben im folgenden Inter- marginal ist, sondern für die Entrechtung zentral. Zü-
view hin, vollzieht sich ein entscheidender Schritt gesell- ge dieses makabren Akts finden wir, so scheint es, im
schaftlicher Ausgrenzung und Entrechtung, der Migran- Übergang der Bürger aus Mali, aus Marokko, aus Al-
tInnen und Flüchtlinge in den Status von »Illegalen« banien oder aus der Türkei in den Status von »Ab-
drängt. schiebehäftlingen« ...
Es ist, als ob eine Reihe von Einschnitten die Fährte mar-
Interview: Beppe Caccia, kieren würde, der die fortschreitende Entrechtung, der
aus dem Italienischen: Thomas Atzert Verlust der Stellung als Rechtssubjekt, folgt. Um es am
historischen Fall der Stellung der Juden in Nazideutsch-
land zu verdeutlichen: Die Nürnberger Gesetze begannen,
Beppe Caccia: In Triest haben wir gesehen, was sich Bürger zweiter Klasse zu schaffen, nämlich solche »nicht
hinter Einrichtungen verbirgt, die man euphemistisch arischer Abstammung«; ein weiterer Einschnitt war die
»Centri di permanenza temporanea« (Zentren für ei- Unterscheidung zwischen »Volljuden« und »Mischlin-
nen vorübergehenden Aufenthalt) nennt. Die dortige gen«; ein weiterer die Internierung. Wenn man jetzt die
Situation war paradigmatisch. Das »Zentrum« befand einschlägigen Rechtsverordnungen über Abschiebungen
sich innerhalb des alten Hafens, in einer umzäunten liest, so fällt auf, dass sie die Festgehaltenen als Personen
»freien«, das heißt als Zollfreigebiet deklarierten Zone, beschreiben, die bereits der Maßnahme der Abschiebung
die teilweise aufgelassen war und nicht mehr wirt- unterworfen sind, für die aber der Vollzug der Maßnahme
schaftlich genutzt wurde. Dort waren innerhalb einer nicht möglich gewesen ist. Wenn nun die Rechtssubjekte
weiteren, mit Stacheldraht, Gittern und verriegelten bereits abgeschoben sind, also sozusagen vom Standpunkt
Toren versehenen Umzäunung unter vollkommen un- des Rechts aus nicht auf dem Staatsgebiet existieren, wo
annehmbaren Bedingungen - selbst vom Standpunkt sie sich faktisch aufhalten, so ist der Ausnahmezustand,
der geltenden Gesetz aus - Immigranten eingesperrt, der hier geschaffen wird, dass den Festgehaltenen in die-
die ohne gültige Aufenthaltserlaubnis angetroffen und sen Abschiebezentren keinerlei Rechtsstellung zuerkannt
daraufhin festgenommen worden waren. wird. Es ist, als wäre ihre physische Existenz vollkommen
Giorgio Agamben, in Ihren Büchern, in Homo Sacer vom juridischen Status getrennt worden.
etwa oder in Quel che resta di Auschwitz, haben Sie Hinzu kommt ein weiteres Moment. Die Leute sind ohne
Begriffe entwickelt, die mir angemessen scheinen, um Papiere. Man muss bedenken, dass es einigen auch darum
zu verstehen, was in diesen Abschiebelagern vor sich geht, unter Umständen erneut zu immigrieren. Also ma-
geht. Finden wir hier nicht »Orte des Ausnahmezu- chen sie falsche Angaben zur Person. Oder sie verschleiern
stands«? aus verschiedenen Gründen ihr Herkunftsland. Gegenüber
Giorgio Agamben: Mich interessiert zunächst nicht das dem Staatsapparat entblößt auch dies ein nacktes Leben,
Problem der Benennung, sondern vielmehr, wie diese Orte eine Existenz, die der Aura des Staatsbürgers entkleidet ist.
juridisch verfasst sind. Die Bezeichnungen sind demge- Es ist kein Zufall, dass in den Gesetzestexten nicht von
genüber zweitrangig. So findet sich etwa das Rechtsinsti- »Bürgern« oder »Bürgerinnen«, und seien sie »ausländi-
tut, auf dessen Grundlage die nationalsozialistischen Lager sche Bürger«, die Rede ist. Man verwendet immer vage
eingerichtet wurden, in der Notstandsgesetzgebung; es Formulierungen wie »aufgegriffene Personen«. Sie gelten
hieß »Schutzhaft«. Man muss also eher fragen, existieren als bereits unterwegs, und sie werden daher als Personen
heute in Europa »Lager«? Und dies unabhängig von der behandelt, für deren Identifikation die grundlegenden
gleichermaßen bedeutenden Frage nach den materiellen Prinzipien der Nationalität und Staatsbürgerschaft nicht
Umständen. Besagte Orte sind von Anfang an als »Orte gelten und nicht gelten können. Und gleiches trifft für die
des Ausnahmezustands« gedacht worden, und zwar als Opfer von Vertreibungen zu. Jegliche Subjektposition im
Ausnahmebereiche in der juristisch-technischen Bedeu- bürgerlichen Recht ist ihnen entzogen.
tung, als Bereiche außerhalb der Geltung des Gesetzes. In Aus dieser Perspektive erscheint es mir, auch unter dem
einem absoluten Sinn waren es die Konzentrationslager Vorbehalt, solche Worte vorsichtig zu verwenden, ange-

44
Ohne Bürgerrechte

messen, heute von »Lagern« im wahren und eigentlichen stellung. Die »Insassen« der Nazi-Lager waren von allem
Sinn zu sprechen. Wenn das »Lager« einen Ort bezeichnet, ausgeschlossen, nicht länger Staatsbürger, gleichsam keine
an dem, insofern hier der Ausnahmezustand herrscht, nicht Menschen, nichts mehr - zu ermorden. Abschiebehäftlinge
Rechtssubjekte, sondern nackte Existenzen anzutreffen hingegen sind Abgeschobene, die nicht mehr da, doch in-
sind, dann können wir hier von einem »Lager« sprechen. haftiert sind.
In der gesetzlichen Frist ihres Zwangsaufenthalts in der Doch geht es hier nicht um Fragen der Logik. Das Paradox
Abschiebehaft bleibt den Internierten das nackte Leben, sie entsteht, weil gegenwärtig die juridische Struktur »Lager«
sind jedes rechtlichen Status entblößt. Das scheint mir der in erster Linie Mobilität traktiert. Die Struktur muss auf
entscheidende Sachverhalt zu sein. Singularitäten in Bewegung zielen. Der souveränen Macht
Die Abschiebelager kennzeichnen eine besondere Qua- geht es nicht um die Vernichtung, sondern vielmehr um
lität der Migrations- und Staatsbürgerrechtspolitik in die Kontrolle über Bewegungen, über Ströme. Ihre Souve-
den Ländern der europäischen Union. Im Gegensatz ränität leitet sich aus der Fähigkeit zur Regulierung dieser
und in Ergänzung zu einer Politik, die in Bezug auf die Ströme ab, nicht aus der Verfügung über Leben und Tod
Staatsbürgerschaft eine Art konzentrischer Differen- unbeweglicher Existenzen.
zierung institutionalisiert, akzentuiert die Abschiebe- Diese Singularitäten in Bewegung werden nun für eine
haft den Ausschluss von jedweder Staatsbürgerschaft. bestimmte Frist aufgehalten, sie werden lange genug in-
Wir müssen zugleich fragen, wer die Abgeschobenen sind, haftiert, um als nacktes Leben erkennbar zu werden. Es ist
was sie charakterisiert. Denn wenn es stimmt, dass sie also nicht einfach die Regulierung von Strömen. Es gibt
nicht länger Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind, son- darin, in dieser Regulierung, immer das Moment, in dem
dern vollkommen von der Staatsbürgerschaft Ausgeschlos- die Struktur als solche sich zu erkennen gibt. Der Augen-
sene, wer sind dann jene »Fremden« - sie sind ohne Na- blick des Stillstands, der Unterbrechung enthüllt diese
men, weil ihnen das Gesetz keine Namen zugesteht -, wer Struktur der Macht. Sie ist Macht, insofern sie über das
sind die Personen, die in der Abschiebehaft in einem nackte Leben verfügt, also die Bewegung in ihrer biopoli-
rechtsfreien Raum, an einem totalen Ort leben? Die Ab- tischen Grundlage reguliert. Als Interventionen der Macht
schiebegefängnisse sind Orte des Ausnahmezustands, an zeigen die »Lager« in der Regulierung der Bevölkerungs-
denen die Bürgerrechte außer Kraft gesetzt sind. Es ist ströme ihren im wesentlichen biopolitischen Einsatz.
notwendig, hier die Frage der Staatsbürgerschaft erneut als Auf der anderen Seite, gegen diese Monstrosität, stellen
Problem aufzuwerfen. jene, die fliehen, die weggehen, die emigrieren und immig-
Man kann die Internierten als »nacktes Leben ange- rieren, die sich insofern deterritorialisieren, sie also stellen
sichts der souveränen Macht« begreifen, um es mit Ih- die juridische Struktur der Bürgerschaft in Frage ... Und
ren Worten zu sagen. Aber was hat das zur Konse- sie tun es als nacktes Leben. Die Abschiebezentren könn-
quenz, zumal auch für uns, die wir »in Sicherheit« ten wir als eine Art Enklave interpretieren, in der sich die
bleiben und durch den Umstand geschützt sind, dass Krise der Bürgerrechte zeigt.
wir Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind und Besser und deutlicher gesagt: Ein Konflikt, der den Aus-
Rechte haben? Kann es uns, indem wir diese grundle- schluss und die Ausschlussmechanismen an diesen Orten
genden Unterschiede ernst nehmen, gelingen, unser stört, kann eine derartige Interpretation fördern. Tatsäch-
Denken und Handeln zu verändern? lich haben die Internierten das Wort ergriffen, indem sie
Zwei Dinge sind zu erwägen. Zum einen ist es der Aus- über die Willkürordnung, der sie unterworfen werden, be-
schluss von jedweder Rechtsstellung, der uns den Schutz richteten. Damit haben sie von ihrer Seite den Konflikt
und die Verteidigung der Betroffenen zur Aufgabe macht. eröffnet.
Zum anderen ist zu sehen, dass diese extremen Verhältnis- Ein weiteres Moment des Konflikts sind die Aktionen der
se tatsächlich entblößen, was Staatsbürgerschaft ausmacht. Tute Bianche, die als Bürger dieses Landes mit ihrer phy-
Von daher könnte man sie zum Ausgangspunkt von Über- sischen Anwesenheit oder indem sie als »menschliche
legungen machen, die in eine andere Richtung leiten. Das Schutzschilde« auftreten, jene Barriere angreifen, die
Ziel wäre es, die Konzepte der Staatsbürgerschaft und der maßgeblich den Ausnahmezustand an solchen Orten be-
Nationalität zu überwinden. stimmt, nämlich die Separation vom Alltag.
Doch vor allem bleiben Orte dieser Art unannehmbar. Ihre Wohlgemerkt, der Konflikt, der Angriff auf diese Grenz-
Einrichtung ruft die Persistenz der Konzentrationslager ziehungen bietet die Möglichkeit, das Wort zu ergreifen,
auf, verstreut über ganz Europa. Es sind Orte, an denen das eine Sprache zu finden ...
nackte Leben als solches interniert und inhaftiert gehalten Es geht also nicht bloß darum, Rechte zu schützen und
wird, und sei es auch nur für eine bestimmte Frist. wahrzunehmen. Was bedeutet es, eine Sprache zu fin-
Die Internierten sind hier und zugleich bereits anderswo, den, was heißt, sprechen zu können?
sie befinden sich nicht auf dem Territorium des National- Dadurch werden auch wir in Frage gestellt. Wenn ich
staats, nicht innerhalb der Nationalgrenzen. Sie sind »an »wir« sage, meine ich »Weiße«, Leute aus dem Norden
der Grenze«, formal bereits abgeschoben, sie haben zu (oder aus dem Westen), Staatsbürger in der Europäischen
erwarten, dass sich ihre Deportation auch praktisch voll- Union im Vollbesitz ihrer Rechte. Dieser Status wird radi-
zieht. kal in Frage gestellt. Und zwar weil die Beziehungen in
Man kann die Schwierigkeit begreifen, für die Personen, Erinnerung gerufen und in Frage gestellt werden, die zwi-
die unter diesen Bedingungen leben, einen Namen zu fin- schen dem nackten Leben, der physischen Existenz, und
den. Der »Abschiebehäftling« evoziert eine paradoxe Vor-

45
Ohne Bürgerrechte

dem Status als Staatsbürger existieren. Dieses Verhältnis Die (lange erwartete) deutsche Übersetzung dieses Buchs
wird freigelegt. ist für den Herbst 2001 vom Suhrkamp Verlag (Frankfurt)
angekündigt. In Quel che resta di Auschwitz (Turin 1998)
Im Herbst 1998 wurden, sechs Jahre später als in der begründet Agamben, warum allein die Zeugnisse über
BRD, auch in Italien erstmals Abschiebegefängnisse ein- Auschwitz zur Grundlage einer gesellschaftlich-ethischen
gerichtet. Die Mobilisierung antirassistischer Gruppen im Reflexion jenseits der traditionellen, sich an das individu-
Oktober 1998 führte unmittelbar nach der Eröffnung des elle Subjekt wendenden Moralphilosophie herangezogen
Lagers in Triest zu dessen Schließung und Auflösung. werden können.
Giorgio Agamben ist Philosoph, lebt in Venedig und lehrt Beppe Caccia ist in der Bewegung der Tute Bianche und
an der Universität Verona. In seinem Buch Homo Sacer in der Koordination der selbstverwalteten und autonomen
(Turin 1995) untersucht er die Unterwerfung des mensch- Zentren (Centri sociali) des italienischen Nordostens aktiv.
lichen Lebens unter die Souveränität, die er vor allem als
biopolitische Praxis - im historischen Auftreten von Ent-
rechtung, Lagern und der Verwaltung des Todes - erklärt. (aus: Jungle World Nr. 28/2001 vom 04. Juli 2001)

46
Luftabschiebungen 2001

(aus: Drucksache 14/8560 – 8 – Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode, Anlagen 1 und 2)

47
Literatur und Links

Literatur Rudolph, Hedwig; Felicitas Hillmann 1997: Döner contra


Boulette - Döner und Boulette: Berliner türkischer
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Dunkel, Franziska; Gabriella Stramaglia-Faggion 2000: walt, Dietz.
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Heinold, Hubert 2000, Recht für Flüchtlinge, Karlsruhe.
Links
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Horstkotte, Hartmuth 1999, Realität und notwendige
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▪ Internetportal zum Ausländerrecht:
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Seekers in Europe: Analysis and Perspectives, The ▪ Die Darstellung von Hubert Heinhold zur "Abschie-
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Initiative gegen Abschiebehaft 1998, Endstation Abschie-
▪ Eine eher tabellarische Übersicht zu Abschiebehaft in
behaft. Das Ende einer langen Kette von diskriminie- Westeuropa mit dem Titel "Schubhaft in Europa, Ein
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Jürgens, Bernd 1989: Asylrecht und Asylpolitik in der ▪ Zu den Verhältnissen in Abschiebegefängnissen in
Bundesrepublik Deutschland, hrsg. I. K. F. G. Haller. Polen, der Tschechischen Republik, Rumänien und
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Kuhn, Walter 1994: Asylbewerber in München. Ängste, berlin.de/deutsch/publik/publikindex.htm
Erfahrungen und Meinungen der Bevölkerung in der ▪ Dokumentationsseite Ageeb:
Nachbarschaft großer Aufnahmelager; in: Mitteilun- Am 28.5.1999 starb der Sudanese Aamir Ageeb wäh-
gen der Geographischen Gesellschaft in München, rend seiner Abschiebung von Frankfurt nach Khar-
Band 79, S.315-338. toum im Lufthansa-Flug LH 558 durch die Hand von
Oswald, Anne von; Barbara Schmidt 1999: "Nach BGS-Beamten. Ausführliche Informationen unter:
Schichtende sind sie immer in ihr Lager zurückgekehrt http://www.aamir-ageeb.de.vu
..." Leben in "Gastarbeiter"-Unterkünften in den sech- ▪ Dokumentationsseite Ausreisezentren
ziger und siebziger Jahren; in: 50 Jahre Bundesrepu- http://www.ausreisezentren.cjb.net
blik - 50 Jahre Einwanderung. Nachkriegsgeschichte
als Migrationsgeschichte, hrsg. v. Jan R. O. Motte,
Anne von Oswald, Frankfurt am Main; New York.

48
Adressen der beteiligten Gruppen

Abschiebehaftgruppe Leipzig
c/o Flüchtlingsrat Leipzig e.V.
Sternwartenstr. 4
04103 Leipzig
Tel: 0341/9613872 - Fax: 0341/9613872
ashg-lpz@gmx.de - Homepage:
www.fluechtlingsrat-lpz.org/ashg

Glasmoorgruppe
c/o Flüchtlingsrat Hamburg
Hein-Köllisch-Platz 12
D - 20359 Hamburg
Tel: 040/431587
www.nadir.org/nadir/initiativ/sz/glasmoor.shtml

Göttinger Arbeitskreis zur Unter-


stützung von Asylsuchenden e.V.
(Ak Asyl)
Lange Geismarstr. 73
37073 Göttingen
Fon: +490551 58894 - Fax: +490551 58898
akasylgoe@t-online.de

Initiative gegen Abschiebehaft


c/o KSG
Klopstockstr. 31
10557 Berlin
Anrufbeantworter: 030 / 41700915
Initiative.gegenAbschiebehaft@berlin.de
http://www.berlinet.de/ari/ini

Karawane-
UnterstützerInnengruppe Halle
c/o Info- und Lesecafé
Ludwigstr. 37
06110 Halle
Tel: 0345/1701242 - Fax: 0345/1701241
caravan.halle@gmx.net

res publica
c/o Florian Dotzler
Alte Alle 78a
81245 München
res.publica@gmx.net
www.ausreisezentren.cjb.net

49
"Read-me" zur bundesweiten Kampagne
Aufruf zur Kampagne gegen Abschiebungen, Abschiebeknäste und Ab-
schiebelager
Die Bundesrepublik als Lagergesellschaft
(S. Dünnwald, Bayerischer Flüchtlingsrat)
Ausreiseeinrichtungen, Abschiebungshaft und Abschiebungslabore
(B. Mesovic, Pro Asyl

Rechtlos im Niemandsland
(Thomas Assheuer, aus: Die Zeit)
Was ist das eigentlich: Abschiebehaft?
(Initiative gegen Abschiebehaft, Berlin)

Geschichte der Abschiebehaft


(Abschiebehaftgruppe Leipzig)

Die Abschiebehaft in der Praxis


(aus: H. Heinhold, Abschiebungshaft in Deutschland)

Was sind eigentlich "Ausreisezentren"?


(res publica, München)

Projekt X - Modellversuch Vertreibungspolitik


(S. Kreusel, Flüchtlingsrat Niedersachsen)

Intention eines "Modellversuchs"


(Martini-Emden, Leiter der Clearingstelle Flugabschiebung und Passbeschaffung)

Ohne Bürgerrechte bleibt nur das nackte Leben


(Interview mit Giorgio Agamben, aus: Jungle World)

Statistik der Luftabschiebungen 2001


Literaturtipps, Links und Adressen der beteiligten Gruppen