Sie sind auf Seite 1von 1

10

Kultur

Mittwoch, 22. März 2017

Ein Äffchen sorgt für Ärger

Cham Das prächtige Hauptportal am Schulhaus Kirchbühl besticht mit reizendem Figurenschmuck. Dazu gehört ein kleiner Primat. An diesem hatte die Baukommission vor 100 Jahren gar keine Freude. Die Herren hatten die Botschaft nicht verstanden.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Gross ist die Zahl an Chamerin- nen und Chamern, welche das Schulhaus Kirchbühl mit ihren Kindheits- und Jugendjahren ver- binden. Seit 1917 steht das ein- drucksvolle Gebäude als «Mani-

Seit 1917 steht das ein- drucksvolle Gebäude als «Mani- Hingeschaut fest des Bildungsbürgertums» auf seiner

Hingeschaut

fest des Bildungsbürgertums» auf seiner Anhöhe – bald stehen die Festlichkeiten für sein 100-jähri- ges Bestehen an. Als die Bauplä- ne damals vorlagen, empfand man das entstehende Gebäude als etwas zu schlicht und nüchtern in der Erscheinung. Immerhin war man seinerzeit noch an die ornamentierten Formen des Spät- historismus und des Jugendstils gewohnt. So sollte das Gebäude entsprechend mit bildhaueri- schem Schmuck ausgestattet wer- den, damit es was hermache.

Im Sommer 1915 wandte sich die Baukommission an die Bildhauerin Ida Schär-Krause (1877–1957), gebürtige Berlinerin, in Zürich und später in Zug wohn- haft. Anno dazumal eine erstaun- liche Wahl: Ein so wichtiger künstlerischer Auftrag auf dem Gebiet der Bildhauerei sollte an ein «Frauenzimmer» gehen? Das war sehr ungewohnt, erst recht in einer ländlichen Region, wo man von der Gleichberechtigung von Mann und Frau noch gefühlte Lichtjahre entfernt war. So gehör- te Schär-Krause zu den Pionierin- nen in der Schweizer Bildhauer- szene. Sie schuf am und im Ge- bäude drei Eingangsportale und

Sie schuf am und im Ge- bäude drei Eingangsportale und Das kleine Äffchen am Portal des

Das kleine Äffchen am Portal des Schulhauses Kirchbühl ist Teil eines Bildprogramms. Das wusste die Baukommission nicht und regte sich über die Darstellung auf. Bilder: Andreas Faessler

vier Brunnen. Diese plastischen Werke zeugen bis heute davon, in welch hoher Qualität die Bild- hauerin ihre Arbeit ausführte.

Das augenfälligste Werk der Künstlerin am Schulhaus Kirchbühl ist das Hauptportal an der Schaufassade. In die barocki- sierende Fassung mit geschwun- genem Sprengwerk arbeitete sie eine reizende Schar an Tier- und auch Kinderfiguren ein. Bekrönt wird das Ganze vom Chamer Bä- ren. Neben Wassertieren, Eich- hörnchen und Gefiedertem ist

an der rechten Flanke neben der Tür auch ein Äffchen mit einem Schulbuch unter dem Arm und einem Apfel in der Hand abge- bildet. Dieses gefiel der Bau- kommission ganz und gar nicht. Sie sah darin eine unangebrach- te Parodie Mensch–Affe. Oder machte sich die Künstlerin etwa explizit lustig über die Schüler? In Stein gehauener Darwinismus am Schulhausportal? Ida Schär wurde angehalten, das un- erwünschte Äffchen wieder zu entfernen und durch etwas «Pas- senderes» zu ersetzen.

zu entfernen und durch etwas «Pas- senderes» zu ersetzen. Aber so einfach war das nicht. Wie

Aber so einfach war das nicht. Wie man es von einer ernstzu- nehmenden Künstlerin erwartet, hat Schär nicht einfach so ein paar zufällig gewählte Tiere im Stein verewigt, sondern das Figu- renprogramm einer ganz be-

stimmten Thematik unterstellt. Ihr Ansinnen versuchte sie in einem Schreiben an die Baukom- mission zu erläutern. Daraus geht deutlich ihr Unverständnis für die Bedenken derselben hervor. Ers- tens mal sei ein Affe ein Tier wie

jedes andere auch und dazu noch ein besonders lustiges, was eine «dezente Darstellung» rechtfer- tige. Zweitens sei das Äffchen un- verzichtbarer Bestandteil des Bildprogramms, welches die vier Temperamente darstelle, so führt die Künstlerin ihre Inten- tion im Brief aus. Es stehe der Adler für die hohe Begabung, die Nüsse knackenden Eichhörn- chen für den Fleiss, die Eule für Weisheit und Gedankentiefe, und die Bedeutung des Affen schliesslich erläutert die Künst- lerin mit den Worten: Das Äff- chen, das sein Schulbuch unter dem Arm fast vergisst über den Genuss des Apfels und das mitleidig la- chend auf die zwei ängstlichen klei- nen Mädchen herabsieht, die rechts unten sich nur zögernd in die Schu- le zu gehen getrauen, stellt das hei- tere Temperament dar.

Der Affe hat also seinen fes- ten Platz in der Botschaft, welche die Künstlerin mit dem Portal- schmuck vermitteln will. Es lasse sich aus dieser Kette kein Glied lösen, ohne das Ganze zu zerstö- ren, kommt sie zum Schluss. Sie könne sich die Gegnerschaft nur aus einem flüchtigen Betrachten der Figuren erklären. Sie hoffe, dass ihre Darlegung dazu beitra- ge, dass sich die Herren mit dem «armen, harmlosen Äffchen» zu versöhnen vermögen.

Diese Versöhnung scheint jedenfalls erfolgt zu sein: Der kleine Affe durfte bleiben, und bis heute lächelt der kecke Kerl aus Stein dem Hereinkommen- den entgegen – und dem Heraus- gehenden hinterher.

Hinweis Mit «Hingeschaut!» gehen wir De- tails mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.

Die Leichtigkeit des Seins

Baar Mit einem Wiener Schwer- punktprogramm zwischen Klas- sik und Biedermeier lädt das Baarer Kammerorchester unter der Leitung von Manuel Oswald am kommenden Sonntag zum nächsten Konzert. Gespielt wer- den Mozart und Hummel, wo- von Letzterer chronologisch spä- ter zu verorten ist. Johann Nepo- muk Hummel (1778–1837) war Schüler Mozarts und pflegte eine Freundschaft mit Beet- hoven. Von Hummel spielt das Baarer Kammerorchester das Potpourri für Bratsche und Or- chester in g-Moll Op.94. Als So- listin tritt hierbei die Bratschis- tin Lea Boesch in Erscheinung. Die Zürcherin spielt regelmässig mit renommierten Formationen im In- und Ausland. Als zweites Werk an diesem Nachmittag folgt die Sinfonie Nr. 29 in A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791). Komponiert im Jahre 1774, gehört sie zu Mozarts frühen Sinfonien. Das Konzert unter dem Motto «Die erträgliche Leichtigkeit des Seins» findet statt in der Pfarrkir- che St. Martin in Baar am Sonn- tag, 26. März, um 17 Uhr. (fae)

Episoden mitten aus der Gesellschaft

Literatur In «Bourgeoiserien» erzählt Giorgio Avanti skurrile Geschichten des Alltags. Diese leben nicht zuletzt durch seinen eigensinnigen Schreibstil.

Die Literatur und die Filmindus- trie neigen dazu, Episoden mit- ten aus dem Leben stets zu ro- mantisieren, auszuschmücken oder sie zu einer komplexen Ge- schichte auszubauen, die irgend- ein bemerkenswertes Ende nimmt. Ob heile Welt oder tota- les Desaster am Schluss – eine Pointe folgt fast immer. Ganz anders geht es Giorgio Avanti (*1946) an. Der in Walch- wil lebende und arbeitende Ma- ler, Jurist, Poet und Autor bringt in seinem neuen Buch «Bour- geoiserien» 31 Geschichten, Be- gebenheiten, fiktive und weniger fiktive Erlebnisse zu Blatte, die wie spontan aus Biografien ir- gendwelcher Menschen des mittleren und gehobeneren Bür- gertums gegriffen sind. Der einzige Anhaltspunkt re- spektive rote Faden innerhalb dieses Sammelsuriums an «Bür- gerlichkeiten» ist die Figur na- mens Jakob, welche in den meis- ten Episoden eine (immer ganz unterschiedliche) Rolle spielt.

Episoden eine (immer ganz unterschiedliche) Rolle spielt. Die Inhalte könnten unterschied- licher nicht sein. Ob

Die Inhalte könnten unterschied- licher nicht sein. Ob Peinlichkei- ten einer wenig erfolgreichen Vernissage, der schicksalhafte Sexualtrieb eines Transvestiten, Gleichgültigkeiten in einer ge- scheiterten Ehe, Durchfall in Vietnam, ein verfressener Köter

oder die folgenreiche Begeg- nung mit einer Fahrenden – der Autor bildet Episoden ab, wie sie mir, dir, dem Nachbarn, dem Arbeitskollegen und jedem er- denklichen anderen widerfahren könnten. Ungeschönt, beobach- tend, meist undramatisch, nüch- tern, aber so unterhaltsam wie süffig zugleich und voller geist- reicher Ironie. Immer wieder si- ckert durch: Auch die bessere Schicht – oder die, welche sich dafür hält – ist halt eben nicht immer ganz so fein, wie sie sich vordergründig gibt.

Charakteristische

Sprache

Zu einem wesentlichen Teil ist es auch die Sprache des Autors, welche den Lesegenuss aus- macht: Häufig in einem tempo- reichen Telegrammstil wie aus dem Moment heraus abgefasst, verwendet Avanti zahlreich po- etische Floskeln, baut Wortma- lereien ein, abstrahiert und for- muliert, sodass der Dichter in

ihm ebenso Platz erhält wie der Prosaist. Er versteht es, unaufre- gende Nichtigkeiten des Lebens zu einer plastisch erzählten Sto- ry zu flechten – wie die schluss- endlich ausgeht, ist in den meis- ten Fällen sekundär.

Menschliche

Abgründe

Avanti lässt tief in die Seele vie- ler seiner Protagonisten blicken, gibt menschlichen Abgründen einen prominenten Platz. Und dabei liegt es auf der Hand, dass der Autor zahlreiche Bestandtei- le der Geschichten wahren Be- gebenheiten entlehnt, die er ent- weder selbst erlebt hat oder die ihm auf irgendeine Weise zuge- tragen worden sind.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Hinweis «Bourgeoiserien» von Giorgio Avanti, Hardcover mit Umschlag, 124 Seiten, Bucher-Verlag, Fr. 19.80.

Pavel Pepperstein:

Expertengespräch

Zug «Die Auferstehung Pablo Picassos im Jahr 3111» – die ak- tuelle Ausstellung im Kunsthaus Zug befasst sich mit einer Art Wiederbelebung Pablo Picassos. Der russische Künstler und Na- mensvetter Pavel Pepperstein tritt hierbei in den geistigen Dia- log mit dem spanischen Maler (1881–1973), spinnt sein Werk weiter, interpretiert es zuweilen auf eigene Weise und lässt es auch neu aufleben.

Illustre

Runde

Am nächsten Sonntag, 26. März, um 16 Uhr gibt es im Kunsthaus Zug ein Expertengespräch zur Ausstellung. Daran teil nehmen Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Ilma Rakusa, «Kunstbulletin»-Chefredaktorin Claudia Jolles und Slawist Tomáš Glanc. Sie alle haben sich bereits intensiv mit Peppersteins Schaf- fen auseinandergesetzt und er- kunden im Rahmen dieses Ge- sprächs die aktuelle Ausstellung aus unterschiedlichen Perspekti- ven. Moderiert wird der Anlass von Kunsthaus-Direktor Matthias Haldemann. (fae)