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Zwischen Kochtöpfen statt im Labor

Bei der Vorbereitung aufs Gymnasium kommen die Naturwissenschaften zu kurz

Von Thomas Dähler

Liestal. Drei Lektionen Hauswirtschaft, eine Lektion Physik: So sollen sich künftig die Achtklässler in der Sek Niveau P auf das Gymnasium vorbereiten, wenn es nach dem Willen des Baselbieter Bildungsrats geht. Im Vernehmlassungsverfahren über die Stundentafeln der Sekundarstufe I stösst dies mehrfach auf Kritik. Bei einer Umfrage des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland (LVB) halten nur zehn Prozent die Dotation von einer einzigen Lektion für die naturwissenschaftlichen Fächer für sinnvoll. Die Parteien sind ohnehin mehrheitlich dafür, dass mit der Einführung einer neuen Stundentafel zugewartet wird, bis der neue Volksschul-Lehrplan bereit ist.

Als «Hypothek» bezeichnet etwa die CVP die vom Bildungsrat propagierte identische Stundentafel für alle drei Sek-Niveaus. Ins Auge springt im Einheitsentwurf des Bildungsrats für alle drei Sek-Niveaus das krasse Missverhältnis zwischen dem hoch dotierten Hauswirtschaftsunterricht und den Einzelstunden-Fächern Physik, Chemie oder Biologie. Die Hauswirtschaft ist in der 8. Klasse mit drei und in der 9. Klasse mit zwei Lektionen in der Stundentafel, während für Physik, Chemie und Biologie je eine und für Geschichte und Geografie je eineinhalb Stunden vorgesehen sind. Dies erstaunt umso mehr, als das Stimmvolk die Initiative angenommen hat, mit der die Einzelfächer und deren separate Benotung im Bildungsgesetz verankert wurden.

Gymnasiums-Vorbereitung zwischen Kochtöpfen: Für die Niveau-P-Klassen, die sich auf den Übertritt vorbereiten, ist die höchst merkwürdige Gewichtung alles andere als einleuchtend. Sie steht im Widerspruch zu den Anforderungen, welche die zukünftigen Gymnasiasten erfüllen müssen.

Qualität leidet Die Rektoren der Gymnasien äussern sich dazu auf Anfrage diplomatisch. «Aus Sicht der Gymnasien wäre eine Stärkung der Naturwissenschaften zu begrüssen», sagt der Liestaler Rektor Thomas Rätz der BaZ, «das Verhältnis Physik-Hauswirtschaft ist in der Tat ungünstig.» Doch er verstehe die interne Sichtweise der Sekundarschulen, die darauf abzielten, dass alle in Hauswirtschaft ein gewisses Niveau erreichen. Es sei politisch nicht korrekt, gegen die Hauswirtschafts-Stunden zu opponieren, meint auch Isidor Huber, Rektor des Gymnasiums Laufental-Thierstein. Es ergebe sich jedoch «ein Zielkonflikt mit der Vorbereitung auf die weiterführenden Schulen».

Dies bestätigt auch Kollege Rätz: «Wir gehen davon aus, dass die Qualität in den Naturwissenschaften leiden wird.» Auch in Anbetracht der aktuellen politischen Diskussionen zur Förderung der Naturwissenschaften und der IT sei dies problematisch. Die identischen Stundentafeln für alle Niveaus der Sekundarstufe I seien zwar aus Sicht der Durchlässigkeit begrüssenswert. Doch sie haben Nachteile für das Niveau P, das in erster Linie als Zubringer der Gymnasien dient. «Die spezifische Vorbereitung auf das Gymnasium ist nicht mehr in gleicher Weise garantiert wie früher», spricht Rätz Klartext.

Kein Verständnis für die mit nur einer Lektion dotierten Fächer Biologie, Chemie und Physik haben die Lehrerinnen und Lehrer. Über 90 Prozent sprechen sich in einer Umfrage des LVB dagegen aus. Auf breite Ablehnung stösst auch die Reduktion bei den Fächern Geografie und Geschichte um je eine halbe Schulstunde pro Woche. Der LVB schlägt vor, dass der Bildungsrat bei der definitiven Stundentafel nochmal über die Bücher geht. Auch die «Starke Schule» verlangt Anpassungen.

Anders als Aargau und Solothurn Die CVP weist darauf hin, dass die geringen Stundenzahlen dazu führten, dass der Stoff nicht mehr experimentell und praktisch erarbeitet werden könne. Und mit Blick auf Geografie und Geschichte befürchtet die Partei, dass den Schülerinnen und Schülern künftig «kein tragfähiges politisches Bewusstsein mehr mitgegeben werden kann». Die Grünen halten die Fächerdotation zwar für eine «gesetzeskonforme» Umsetzung des Votums des Stimmvolks. Doch die Schulleitungen seien gefordert, «die vernünftige Einteilung in Hauswirtschaft, Biologie, Chemie und Physik effizient zu organisieren». Die FDP schlägt unterschiedliche Stundentafeln für die einzelnen Niveaus in den 9. Klassen vor.

Aus der Diskussion heraus hält sich die SP: «Wir vertrauen den Entscheiden des Bildungsrats und unterstützen diese.» Die SP empfiehlt allerdings eine «inhaltliche Absprache mit den anderen Kantonen des Bildungsraums Nordwestschweiz». Ein Blick auf die Stundentafeln der Kantone Solothurn und Aargau zeigt auf, dass beide Nachbarkantone für das Niveau P andere Stundentafeln vorsehen als für die Niveaus A und E. Lediglich Basel-Stadt schlägt alle Niveaus über eine Leiste.

Mehrere Votanten machen zudem darauf aufmerksam, dass einheitliche Stundentafeln zur Stärkung der Durchlässigkeit im Widerspruch zu den grossen Klassen des Niveaus P stehen. Diese erlaubten es kaum, zusätzliche Schülerinnen und Schüler aufzunehmen, die den Sprung im Verlaufe der Sekundarschule ins Niveau P schaffen.

Bei der Frage nach dem Zeitpunkt der Einführung neuer Stundentafeln erhält der Bildungsrat, der für sofort plädiert, keinen Applaus. Die Mehrheit unterstützt Bildungsdirektorin Monica Gschwind, die empfiehlt, bis zur Einführung des neuen Lehrplans zuzuwarten. Der LVB, die «Starke Schule», FDP, SVP, CVP und Grünunabhängige sind für diese Variante. Anderer Ansicht sind die Grünen. Die SP ist für «eine möglichst zeitnahe Einführung von Lehrplan und Stundentafel ohne Übergangslösung».