Wiss. Mit.

Peer Stolle
Kriminologie Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht, Kriminologie
WS 2004/05 Jur. Fakultät, TU Dresden, www.strafrecht-online.org

§ 10 Kriminalprävention als neuer regulativer Ansatz

I. Paradigmenwechsel in der Kriminalpolitik
Entwicklung von einem Rechtsstaat zu einem Sicherheits- oder Präventionsstaat

1. Ausgangspunkte
a. Die Ubiquität von strafbaren Handlungen
Æ jeder kann kriminell werden

b. Die Grenzen präventiver Wirksamkeit strafrechtlicher Intervention
Æ nothing works

2. Die neue Form der Kriminalprävention

Verhinderung von Risiken, Gefahren und Straftaten schon im Vorfeld
Æ Vermeidung von Straftat- und Strafübel
Nicht mehr: Prävention gekoppelt an strafrechtliche Reaktion (anlassabhängig)
Sondern: Polizeiliches Handeln anlassunabhängig
Siehe: vorbeugende Gefahrenvorsorge und Verbrechensbekämpfung als neue Aufgabenfelder
für die Polizei

3. Merkmale
Entpersonalisierung der Prävention
• In den Blickpunkt geraten Orte, Gruppen und Strukturen, Tendenzen
Entgrenzung des Adressatenkreises
• Aufenthalt an einen „gefährlichen Ort“ oder Zugehörigkeit zu einer „Risikogruppe“ reichen aus.
• Potentiell jeder Bürger (biometrische Daten im Personalausweis, Verbindungsdatenspeiche-
rung auf Vorrat).
• Tendenzielle Ausweitung des staatlichen Zugriffs.
Entgrenzung des Anbieterkreises
• Prävention wird zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe

4. Tendenzen

Lokalisierung
• Prävention knüpft an die Besonderheiten des konkreten Ortes an.
• Im Gegensatz zum Strafrecht, das eine einheitliche Struktur aufweist und weitestgehend for-
malisiert ist, ist Prävention uneinheitlicher.

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Technisierung
• Wegfahrsperren, Alarmanlagen und Videokameras.
Privatisierung und Vermarktung
• Privater Sicherheitsmarkt
• Sicherheit wird zur Ware
• Verlust des Gleichheitsanspruchs
Keine Verdrängung des Strafrechts
• Neue Präventionsformen ergänzen das Strafrecht

II. Kommunale Kriminalprävention

1. Konzept
Vielzahl von Maßnahmen mit kriminalpräventiven Charakter, die Entstehungsbedingungen von Krimi-
nalität auf lokaler Ebene ausmachen und minimieren sollen.
• ressortübergreifender Charakter
• Institutionalisierung der Maßnahmen und Träger
• Einbindung des Bürgers

Ziel
• Reduktion des tatsächlichen Kriminalitätsaufkommens
• Positive Beeinflussung des subjektiven Sicherheitsgefühles
• Stärkung der gesellschaftlichen Verantwortung

2. Maßnahmen und Akteure
differieren von Kommune zu Kommune

Maßnahmen (Beispiele)
• Vermittlung von „Patenopas“
• Einführung von Pausenfrühstück in der Schule
• Einrichtung von Jugendtreffs
• „Neighbourhood Watch-Programme“ und eine erhöhte Polizeipräsenz
• Installierung von Alarmanlagen

Akteure
• Jugend- und Sozialamt, Schulen
• Gewerkschaften
• Kommunalpolitiker
• Einzelhandel
• Polizei
• Bürgerinnen und Bürger

3. Theoretische Grundlagen

Rational-Choice-Ansatz
• Kriminelles Verhalten als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Abwägung.

Routine-Activity-Approach
• Sieht die Zunahme geeigneter Tatziele und die Abnahme sozialer Kontrollinstanzen als krimi-
nalitätsfördernd an

Kriminalökologie (Chicagoer Schule)
• Betrachtet strukturelle Beziehungen zwischen Raum, Kriminalität und Kriminalitätsangebot
und Fragen der Täter- bzw. Tatverdächtigenmobilität

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Broken-Windows-Theorie
• Unordnung und kleinere Regelverstöße sind der Anfang für große und schwere Verbrechen

Æ oft aber gar keine theoretische Grundlage

4. Folgen

Kriminalitätsfurcht und störendes Verhalten Æ Keine Beschränkung auf kriminelle Verhaltensweisen
Private oder Gruppeninteressen definieren, was unter Kriminalität, Sicherheit und Ordnung zu verste-
hen ist
Sozialpolitik findet nur noch unter dem Vorbehalt der Kriminalprävention statt
Polizei wird vermehrt zuständig für soziale Sachverhalte

5. Empirie

a. Zusammensetzung der Kommunalen Präventionsräte

Nordrhein-Westfalen Hessen
Gesamtheit der Nennungen 343 291
Ausländer-Vertreter 7 6
Gleichstellungsbeauftragte 7 3
Frauenhäuser 5 3
Seniorenvertreter 5 3
Vereinigung von Rußlanddeutschen 2
Kinder und Jugendliche 5 7
Bürgerbeauftragter 1
Behindertenvertretung 1
Gesamt Gruppen-Interessen 31 23
Polizei, Justiz, Behörden 146 116
Quelle: Hohmeyer, Kant, Pütter, Sicherheitspolitik im sozialen Kontext, in: Fehervary/Stangl (Hrsg.), Polizei-
arbeit zwischen Europa und den Regionen, Wien 2001, S. 155 ff.

Ebenso: Hohmeyer (Kommunale Kriminalpolitik S. 62) in ihrer Auswertung des Infopools Prävention des BKA:
in ca. 12% der 1.380 kriminalpräventiven Gremien sind Jugendliche, Frauen, Senioren und Ausländer und nur
in 4% allgemein „Bürger“ vertreten. Die Beteiligung der Polizei liegt dagegen bei fast 100%.

b. Die ergriffenen Präventionsmaßnahmen

Kategorien Die darunter fallenden Maßnahmen Anteil
Umfeldverbesserung Stadträumliche Maßnahme, 25 %
soziale Infrastruktur
Hilfsangebote Schlafräume für Obdachlose, 10%
Drogenräume, Wiedereingliederungshilfen
Aufklärung Informationsveranstaltungen, 25%
Konfliktschulungen
Kontrollstrategien Mobile Wachen, Razzien, Doppelstreifen 5%
Quelle: Hohmeyer, Kant, Pütter, Sicherheitspolitik im sozialen Kontext, in: Fehervary/Stangl (Hrsg.), Polizei-
arbeit zwischen Europa und den Regionen, Wien 2001, S. 155 ff.

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Umfeldverbesserung:
• Meist sehr kurzfristig
Hilfsangebote:
• teilweise werden die Maßnahmen nicht ergriffen, weil beeinträchtigten Personengruppen ge-
holfen werden muss, sondern weil die Personengruppen andere beeinträchtigen Æ keine hu-
manitären Motive, sondern rein ordnungs- und sicherheitsrechtliche
Kontrollstrategien
• viele polizeiliche Maßnahmen, die nicht originär unter dem Label Kommunale Kriminalpräven-
tion laufen

c. Gegenstand der Präventionsmaßnahmen
• Starke Ausrichtung auf Jugendkriminalität

III. Situative Kriminalprävention

1. Das Konzept der Situativen Kriminalprävention

SCP ist ein Kriminalitätspräventionskonzept mit dem Ziel der Veränderung der Tatgelegenheitsstruk-
tur.
Ausgangspunkt: Die konkrete räumlich-zeitliche Situation entscheidet über das Stattfinden von Strafta-
ten Æ Veränderung der Situation durch Erhöhung der Kosten für eine Tat und Verringerung des Nut-
zens

2. Die einzelnen Maßnahmen und ihre Klassifizierung (Clarke)

a. Erhöhung der wahrgenommenen Anstrengungen
• Lenkradschlösser in Kraftfahrzeugen
• Schutzwände für Busfahrer zur Abwehr von Angriffen oder vor Bankschaltern zum Schutz der
Angestellten vor Überfällen
• Zugangskontrollen (Pförtner, Wechselsprechanlagen, PIN-Systeme)

b. Erhöhung der wahrgenommenen Risiken
• Formelle Überwachung (Polizei, Private Sicherheitsdienste, Videoüberwachung, Radarfallen)
• Straßenbeleuchtung, niedrige Hecken oder Mauern um Grundstücke

c. Verringerung des erwarteten Ertrages
• Verringerung des Bargeldaufkommens
• Identifikationen von Eigentum

d. Hervorrufen von Schuld und Scham
• ständige Überprüfung des Warenbestandes, Einführung von Verhaltensstandards am Arbeits-
platz, um sexuelle Belästigungen einzuschränken
• Registrierung von Übernachtungen in Hotels und Herbergen

3. Die theoretischen Grundlagen

a. Theorie der Rationalen Wahl
b. Routine-Activity Approach
c. Lifestyle-Theory
• Lebensstil des Opfers beeinflusst das Viktimisierungsrisiko.
• Arbeits- und Freizeitaktivitäten beeinflussen die Verfügbarkeit des Opfers für den (potentiel-
len) Straftäter.
d. Environment Criminology
• Beschäftigt sich mit den Bedingungen und Ursachen der räumlichen Verteilung von Straftätern
und Straftaten (Kriminalökologie)

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• 4 Voraussetzungen
Eine Gesetz, das gebrochen werden kann
Einen Täter, der die Straftat begeht
Ein Opfer für die Straftat.
Und einen Ort in seiner räumlichen und zeitlichen Dimension wo sich die anderen drei Dimen-
sionen zusammenfinden.

4. Empirie

a. Vermutungen
Gewohnheits- oder Serientäter
• lassen sich zumindest zum Teil abschrecken, wenn sie die Sicherungsmaßnahmen registrie-
ren
• können sich aber auch darauf einstellen und verlagern ihre Delikte, auf andere Objekte, ande-
re Orte oder andere Begehungsweisen

Gelegenheitstäter
• lassen sich eher abschrecken und ziehen sich zurück
• sind stärker situationsabhängig, spontaner und unüberlegter
• Gefahr, dass Präventionsmaßnahme nicht registriert wird

Affekttäter/Emotionale Täter
• Das Hier und das Jetzt sind entscheidend
• Können auch Eskalationen in Kauf nehmen
• Vor allem bei Gewaltdelikten oder Vandalismus, Sachbeschädigung

b. Einige Ergebnisse

Relativ wirksam
• zusätzliches Personal in Läden (gegen Raubüberfälle)
• Veränderung des Designs der Auslagen (gegen Ladendiebstahl)
• Straßenbeleuchtung
• Abschließen von Straßen
• Metalldetektoren auf Flughäfen

Weniger wirksam
• Eigentumsmarkierungen
• Polizeistreifen

c. Nebenwirkungen
• Verdrängung
• Beschränkungen der allgemeinen Handlungsfreiheit und der informationellen Selbstbestim-
mung
• Manipulative Steuerung von Verhalten

IV. Privatisierung von Sozialkontrolle

Private Sicherheitsdienste
• ca. 140.000 Angehörige (ungefähr gleichviel wie die Polizei)

1. Aufgaben
Im privaten Auftrag
• Objekt- und Werkschutz, Shopping-Mall, Kaufhäuser, Großveranstaltungen
• Wahrnehmung des Hausrechts und Umsetzung der Hausordnung (Bsp.: Altmarkt Galerie
„Unnötiger Aufenthalt ist nicht gestattet“.

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• Privatnützlichkeit: nicht der allgemeinen Sicherheit und Ordnung verpflichtet, sondern den In-
teressen des Auftraggebers
• Agieren im öffentlichen Raum: Kompetenzprobleme
• Institutionelle Wahrnehmung von Ausnahmerechten (Notwehr und Notstand)

Im öffentlichen Auftrag
• Partieller Ersatz des öffentlichen Gewaltmonopols?
• Gefängnisaufsicht? Gemeinsame Streifen?

2. Gründe
Gesellschaftliche Entwicklungen
• Privatisierung und Kommerzialisierung betreffen sämtliche gesellschaftliche Bereiche.
Effizienz
• Einsparen von Kosten und Personal
Gestiegene Kriminalitätsfurcht
• Starke private Nachfrage aufgrund von Verunsicherungen.
Rechtliche Entbindung
• Outsourcing an Private erleichtert die Umgehung rechtlicher Bindungen.

V. Fazit
Neue Formen der Kriminalprävention sind nicht notwendig wirksamer.
Sie ersetzen nicht, sondern ergänzen das Strafrecht.
Präventionsmaßnahmen können als intensive Eingriffe ausgestaltet sein.
Sie betreffen potentiell alle Personen und umfassen alle gesellschaftlichen Bereiche.
Kriminalprävention tritt vermehrt an die Stelle von Sozialpolitik.

Lit.:
BOERS Ravensburg ist nicht Washington Neue Kriminalpolitik 1/1995 S. 16 ff.
DENNINGER Freiheit durch Sicherheit? Kritische Justiz 2002, S. 467 ff.
FREHSEE Politische Funktionen kommunaler Kriminalprävention, in Kaiser-Festschrift, S. 739 ff.
HEFENDEHL Wird der Staat zu schlank? Neue Kriminalpolitik 3/2001 S. 10 ff.
JASCH Kommunale Kriminalprävention in der Krise, MschrKrim 2003, S. 411 ff.
LINDENBERG/SCHMIDT-SEMISCH Komplementäre Konkurrenz in der Sicherheitsgesellschaft MschrKrim
2000, S. 306 ff.
OSTENDORF Chancen und Risiken der Kriminalprävention, ZRP 2001, S. 151 ff.
SACK Prävention – Ein alter Gedanke in neuem Gewand in: GÖSSNER Mythos Sicherheit (1995) S. 429 ff.
SACK u.a. (Hrsg.) Privatisierung staatlicher Kontrolle: Befunde, Konzepte, Tendenzen, Badeb-Baden 1994.
STOLLE/HEFENDEHL Gefährliche Orte oder gefährliche Kameras? KrimJ 2002 S. 257 ff.

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