Der Terroranschlag von Sankt

Petersburg nützt Putin ­ das nährt
einen bösen Verdacht
The Huffington Post  |  von Boris Reitschuster
Veröffentlicht: 03/04/2017 18:39 CEST  Aktualisiert: 03/04/2017 20:10 CEST

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Der Anschlag in Sankt Petersburg nützt Präsident Putin
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Kritiker äußern den Verdacht, der Kreml könnte in das Attentat
verwickelt sein

Andere werfen der Regierung vor, über die Bespitzelung der
Opposition die Terrorabwehr zu vernachlässigen

So unklar es ist, wer hinter dem Bomben­Terror in Sankt Petersburg steckt – so
offensichtlich ist, welche Folgen er haben wird: Die politischen Prioritäten in Russland
werden sich völlig ändern, ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen.

Statt Korruption und Willkür, Wirtschaftskrise und Massenprotesten werden Terror und
Sicherheit die wichtigsten Themen sein.

Der Anschlag erinnert an das Drama von 1999
Genauso wie 1999, als der damals kaum bekannte Waldimir Putin, Ziehsohn des greisen
Präsidenten Boris Jelzin, nach mehreren Bombenanschlägen auf Wohnhäuser mit mehr
als 300 Toten zum Hoffnungsträger der Nation wurde. Auch damals standen im
Folgejahr Präsidentschaftswahlen ins Haus.

Im russischen Internet löste der neue Terror von Petersburg denn auch viele
Spekulationen aus. Hier eine Übersicht:

"Terror passt zur Tagesordnung des Diktators"

http://www.huffingtonpost.de/2017/04/03/terror­petersburg­verdacht_n_15783848.html?utm_hp_ref=germany&ncid=fcbklnkdehpmg00000002 1/3
"Tragödie in Petersburg. 'Unbekannte
Terroristen' haben es zum wiederholten
Mal geschafft, sich genau an die politische
Tagesordnung des russischen Diktators zu
halten“, schreibt der bekannte
Oppositionspolitiker und frühere
Schachweltmeister Garri Kasparow – und
äußert damit verklausuliert den Verdacht,
der Kreml selbst könne hinter dem Terror
stecken.

Für die Ohren westlicher Beobachter
klingt das unerhört. Allerdings gab es
nach dem Bombenterror 1999, der
entscheidend war für Putins Weg in den Kreml, nie eine wirkliche Aufklärung, dafür
aber Spuren zum Geheimdienst FSB, dem früheren KGB.

Namhafte Kremlkritiker werfen dem Dienst vor, damals die Hände im Spiel gehabt zu
haben. Zwei Abgeordnete, die sich um eine Aufklärung bemühten, kamen ums Leben;
ebenso der Ex­Agent Alexander Litwinenko und der frühere Putin­Förderer und spätere
Intimfeind Boris Beresowski.

Vor lauter Abhören das Schützen vergessen?
Viele Blogger empören sich, dass die Geheimdienste offenbar zu sehr mit dem Kampf
gegen Andersdenkende beschäftigt waren, insbesondere Schüler und Studenten, die den
Großteil der Anti­Korruption­ Demonstranten am vorletzten Wochenende ausmachten.
"Es war ein großer Anschlag, am Tag von Putins Besuch in der Stadt“, schreibt der
Blogger Ilya Varlomov: "Die Geheimdienste haben das verpennt, während sie Jagd auf
Schüler machten.“

Michael Pojarsky schreibt: "Während die Dienste ihre Energie darauf verwendeten,
liberale Aktivisten abzuhören, die Stiftung für die Bekämpfung der Korruption zu
observieren und Schüler im Zentrum im Polizeigriff abzuführen, können andere leicht
unbemerkt Bomben machen und mit ihnen durch die Stadt spazieren.“

"Ihr fahrt nicht mit der U­Bahn"
"Nach diesem Anschlag hat die Gesellschaft das Recht, die Regierung zu fragen: Warum
zum Teufel schützt ihr uns nicht, wo ihr uns doch unter dieser Parole so viele Freiheiten
wegnehmt?“, schreibt Masha Makeeva auf Facebook: "Wieso zum Teufel hört der Terror
dann nicht auf? All diese Fragen werden nie beantwortet, und stattdessen hören wir von
der Regierung jedes Mal ein und dasselbe: Wir müssen jetzt noch enger
zusammenrücken, Freude, einig sein im Angesicht der Bedrohung, jetzt Vorwürfe und
Ansprüche zu erheben, das ist ein Frevel, wir haben es doch mit einer Tragödie zu tun.
Nein, Freunde, das ist nicht unsere Tragödie, denn ihr fahrt nicht mit der U­Bahn!“

Ähnliche Töne schlägt auch Nikolai Polozov an: "17 Jahre hat das Regime die
bürgerlichen Freiheiten um der Sicherheit willen eingeschränkt. Die heutige Explosion in
der Metro von Sankt Petersburg zeigt: Wir haben weder Freiheit, noch Sicherheit.“

http://www.huffingtonpost.de/2017/04/03/terror­petersburg­verdacht_n_15783848.html?utm_hp_ref=germany&ncid=fcbklnkdehpmg00000002 2/3
Sankt Petersburg galt als vergleichsweise sicher
Augenzeugen beklagen online, dass es sehr lange gedauert habe, bis die Polizei am Tatort
eintraf und ihn sicherte. Wie tief der Schock sitzt, zeigt der Blog­Kommentar von Andrey
Pivovarov: "Selbst während des Konflikts im Nordkaukasus gab es in unserer Stadt keine
Bombenanschläge.“ Petersburg, das oft auch als "zweite“ oder "heimliche“ Hauptstadt
Russlands bezeichnet wird, galt bei seinen Bewohnern als sicherer als andere Städte.

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Sergej Jeschow beklagt, dass nach dem Anschlag in Petersburg in der Moskauer Metro
keinerlei erhöhte Sicherheitsmaßnahmen zu erkennen gewesen sein. In der Moskauer
Untergrundbahn stehen seit Jahren Metallsuch­Rahmen – aber sie werden nicht
benützt. Angesichts der Menschenmassen, die dort unterwegs sind, wäre ein Einsatz der
Geräte wohl auch kaum möglich, ohne für massive Behinderungen zu sorgen.

Der bekannte russische Schriftsteller und Ultra­Nationalist Alexander Prochanow wies
im "Ersten Kanal“, Russlands zentralem Fernsehsender, auf einen möglichen
Zusammenhang zwischen den jüngsten Protesten gegen Putin, Korruptionsenthüllungen
und dem Terror hin: Alles habe eine gemeinsame Wurzel, sei koordiniert, und es gehe
darum, die Lage vor den Präsidentschaftswahlen zu destabilisieren, so der berüchtigte
Schriftsteller.

http://www.huffingtonpost.de/2017/04/03/terror­petersburg­verdacht_n_15783848.html?utm_hp_ref=germany&ncid=fcbklnkdehpmg00000002 3/3

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