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19.

Jahrgang · 2/2009

Informationen:

ihbs
Hamburger Berufliche Schulen

Schwerpunkt:
Individualisiertes
Lernen

Foto: fotolia

Interview Schulinspektion Neustadt a. Rbge.


Senatorin Christa Goetsch Erste Ergebnisse für 14 Hauptschule kooperiert eng
zu Berufsbildungsfragen Berufliche Schulen mit Beruflicher Schule
Mit Spitzer Feder gezeichnet

Scope (Schöningh Verlag)

BILDUNG aktuell, 1/2009

Im p r e ss u m
Herausgeber Rainer Schulz, HI (verantw.) Layout & Satz
Hamburger Institut Dr. Manfred Schwarz, HI S 1 zwei:c werbeagentur GmbH, Hamburg
für Berufliche Bildung (HIBB) Manfred Thönicke, HI 24 www.zwei-c.com
Rainer Schulz (Geschäftsführung) Dr. Annegret Witt-Barthel, HI S 2
Hamburger Straße 131, Druck
22083 Hamburg Redaktionskontakt Schüthedruck, www.schuethedruck.com
Telefon: 040 42863-2842
Redaktion Fax: 040 42863-4033 Auflage:
Uwe Grieger, HI S E-Mail: manfred.schwarz@hibb.hamburg.de 6.000
Simone Jasper, FSP 1
Helmuth Köhler, HI 1 Redaktionsassistenz Die „Informationen: Hamburger Berufliche
Ernst Lund, G 19 Gisela Weiß, HI-A Schu­len“ („ihbs“) erscheinen mehrmals pro Jahr.
Norbert Meincke, H 17 19. Jahrgang, Heft 2 / 2009

2 ihbs Nr. 2 · 2009


Editorial

Liebe Leserinnen, Liebe leser,

mit dieser zweiten Ausgabe in 2009 von „ihbs“ – „In-


formationen: Hamburger Berufliche Schulen“ – möch-
ten wir Sie aktueller und breiter informieren als in den
letzten Jahren: Aktueller, weil wir in Zukunft pro Jahr
mehrere Ausgaben herausgeben wollen. Breiter, weil
wir in Rücksprache mit den Schulleitungen die Auf-
lage vervierfachen, damit diese Zeitschrift deutlich
mehr Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen
erreicht.
Mit unserem Schwerpunkt „Individualisiertes Lernen“ haben wir ein Thema aufgegrif-
fen, das in den Schulen und in der Bildungspolitik sehr intensiv diskutiert wird. Hierbei
wird deutlich, wie wichtig eine Begriffsklärung und eine grundsätzliche Betrachtung der
Gelingensbedingungen sind. Hannelore Muster-Wäbs und Rainer Pillmann-Wesche vom
Landesinstitut ist das unserer Meinung nach so gut gelungen, dass wir trotz der – für die
„ihbs“ ungewöhnliche – Länge bei diesem Beitrag keine Abstriche machen wollten. Good-
Practice-Beispiele aus den Schulen und Unterstützungsleistungen vom Landesinstitut
bieten konkrete und praktische Anknüpfungspunkte für die Diskussion und Unterrichts-
entwicklung vor Ort. Eine Etablierung individualisierter Lehr- und Lernformen wird die
beruflichen Schulen in den nächsten Jahren vor große Herausforderungen stellen.
Dr. Martina Diedrich, Leiterin der Schulinspektion im Institut für Bildungsmonitoring,
hat für die beruflichen Schulen die „Trends“ aus dem kürzlich veröffentlichten 1. Jahresbe-
richt der Schulinspektion zusammengefasst. Sie finden die wichtigsten Ergebnisse in diesem
Heft und können diese möglicherweise mit Ergebnissen Ihrer eigenen Schule vergleichen.
Nach langer Zeit gibt es in dieser Ausgabe ein ausführliches Interview mit der Schulse-
natorin. Senatorin Christa Goetsch ist nicht nur mit vielen Details der beruflichen Schulen
vertraut. Im Gespräch werden ihr Interesse und ihre Begeisterung für unsere Themen und
Ideen deutlich. Grund genug, sie hierzu zu befragen.
Schwerpunktthema des letzten „ihbs“-Heftes war der Übergang Schule-Beruf. Während
wir hierin unter anderem die Eckpunkte der anstehenden Reform des Übergangssystems
präsentiert haben, wurde zwischenzeitlich auf der Landespressekonferenz am 16. Juni 2009
das Rahmenkonzept von der Senatorin, dem HIBB und den Vertretern der Kammern,
Agentur für Arbeit, dem UV Nord und den Gewerkschaften der Öffentlichkeit vorgestellt
(siehe auch www.hibb.hamburg.de). Zu Recht wurde dieses Reformvorhaben von allen Be-
teiligten als wichtig, notwendig und ehrgeizig angesehen. Alle haben ihre Unterstützung für
die weitere Umsetzung zugesagt.
In der neuen „ihbs“-Rubrik „Aus den Schulen“ wollen wir – zusätzlich zu den aktuellen
Internetnachrichten – zeitnah über besondere Ereignisse, Neuheiten und Leistungen der
Hamburger beruflichen Schulen berichten. Auch in diesem Zusammenhang sind wir für
Hinweise, Anregungen und Kritik dankbar.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine interessante Lektüre.


Mit herzlichem Gruß

Nr. 2 · 2009 ihbs 3


i n h a lt

Jahresbericht der Schulinspektion


Hamburg 2008

6 10 15

Konzept zur Senkung ersteR Jahresbericht der Thesen und Erfahrungen zum
der Abbrecherquote Hamburger Schulinspektion individualisierteN Lernen

Die Schulabbrecherquote an den berufli­ Die Schulinspektion hat mittlerweile 34 „Individualisiert lernt man am besten
chen Schulen ist – bei allen Differenzie­ Schulen besucht – davon 14 berufliche gemeinsam“ – das ist eine These, die nicht
rungsmöglichkeiten – besorgniserregend. Schulen. Der Jahresbericht liefert wich­ nur in Hamburg derzeit intensiv diskutiert
Diese Misserfolge gilt es, erheblich tige Erkenntnisse zur Qualität beruflicher wird. Dieses „ihbs“-Heft präsentiert eine
abzubauen. Dazu hat die FSP 1 ein Konzept Bildung in der Hansestadt. Deutlich werden ausführliche Analyse und grundsätzliche
entwickelt, das seit August 2008 in der Stärken und Schwächen. Ein relevantes Überlegungen. In den anschließenden
Wagnerstraße erprobt wird. Über erste Ergebnis der Inspektion: Unterschiede gibt Beiträgen berichten einzelne berufliche
Erfahrungen kann berichtet werden. es vor allem innerhalb einzelner Schul­ Schulen über im Projekt SELKO gemachte
standorte, weniger zwischen den Schulen. Erfahrungen.

Aus den Schulen S c h w e r p u nk t

6 FSP 1 12 H 14 15 Grundkonzept
Schulabbrecherzahlen senken Festakt: 50. Geburtstag Individualisiertes Lernen

9 G 8 13 H 11 21 Pädagogische Instrumente
Sieger bei Bundeswett­bewerb Qualitätssiegel für Individuelle Fördermöglichkeiten
Schulprozessentwicklung
10 Schulinspektion 22 Neues Netzwerk
Erste Ergebnisse für 13 H 1 LI-Angebote
14 berufliche Schulen Handelsschule gewinnt Filmpreis
23 Praxisbericht aus der W 3
12 Preise für beste Lehrer 14 G 20 SELKO-Erfahrungen
Wirtschaftsgymnasium St. Pauli Neue Ausstattung
auf dem Siegerpodest 25 H 17
14 W 2 SELKO: Erste Erfolge
12 G 15 8o-jähriges Bestehen
Richtfest: „Hamburg Centre 26 FSP 2
of Aviation Training” Good-Practice-Beispiele

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i n h a lt

28 30 33

Interview mit Hamburger Tagung: „Beste Hauptschule“ kooperiert


Senatorin Christa Goetsch Perspektiven Beruflicher Bildung mit Beruflicher Schule

Senatorin Christa Goetsch nimmt im Im März hatten die Handelskammer, Hand­ Der Bundespräsident hat den Hauptschul­
„ihbs“-Interview Stellung zur Rolle der werkskammer, der Unternehmensverband zweig der Kooperativen Gesamtschule
beruflichen Schule in der Hamburger Nord und das HIBB zu einer gemeinsamen (KGS) in Neustadt a. Rbge. ausgezeichnet.
Bildungsoffensive und zur Reform des Tagung eingeladen: Rund 230 leitende Besonderheit der Schule: Sie arbeitet eng
Übergangssystems Schule-Beruf. Die Berufsbildner berieten über Herausforde­ zusammen mit der dortigen berufsbilden­
„ihbs“ fragt auch nach der Verbesserung rungen im Berufsbildungssystem – zum den Schule. An zwei Tagen in der Woche
der Durchlässigkeit von der Berufsbildung Beispiel im Bereich „Übergang Schule- absolvieren die Lernenden eine praxis­
zu den Hochschulen und dem Zeitpunkt Berufliche Ausbildung“. Im Mittelpunkt: ein orientierte Ausbildung an der beruflichen
der Evaluation des HIBBs. Vortrag von Prof. Eckart Severing und eine Schule. Mit ihrem Schulabschluss erwer­
Podiumsdiskussion. ben sie auch das BGJ-Zertifikat.

Regionales und Überregionales Rubriken

28 Interview 32 Ausbildungsreport 2 Mit spitzer Feder


Senatorin Christa Goetsch Ausbildung und Arbeitsmarkt-
zur Berufsbildungspolitik chancen in der Hansestadt 3 Editorial

30 Tagung: Schulen und Wirtschaft 32 Aktionsplan für junge Migranten 34 Personalien


Perspektiven Senat, Wirtschaft, DGB, BA und
beruflicher Bildung team.arbeit.hamburg: 35 Kurzmeldungen
Mehr Patenschaften mit
31 FSP 2 Unternehmen 36 Zitat
Alt Altona:
Fest mit Stadtteil­initiativen 33 Neustadt am Rübenberge
„Beste Hauptschule Deutschlands“
32 Aktionsbündnis kooperiert eng mit beruflicher Schule
Gemeinsam für Bildung und
Beschäftigung 33 Buchtipp
Bertelsmann Stiftung: Leitbild zur
Berufsausbildung 2015

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Aus den Schulen

FSP 1: Konzept zur Senkung der Abbrecherquote

Schulabbrüche oder das Rätsel


des blockierten Lernprozesses
Die Abbrecherquote und damit Schulmisserfolg senken –
dies ist seit 2006 Entwicklungsziel und Qualitätskriterium an allen
Hamburger beruflichen Schulen, nachdem 2006 eine Abbrecherquote
von 38 Prozent Schulen und Schulbehörde alarmierte.

A lle beruflichen Schulen haben 2007


eine Ziel-Leistungs-Vereinbarung un­
terschrieben, die die Hamburger Schulen
1. Rahmenbedingungen

Das HIBB hat 2006 und 2007 Vorausset-


Idee war es, konkrete Abbruchgründe
zu identifizieren und ein Maßnahmen-
bündel zu entwickeln, mit dessen Hilfe
dazu verpflichtet, sich mit den Implikati­ zungen geschaffen, die es den Schulen diejenigen Schülerinnen und Schüler er-
onen scheiternder Bildungskarrieren ermöglichen, sowohl individuelle Ab- reicht, unterstützt und gefördert werden
aus­einanderzusetzen und die Abbre- brüche als auch die generierte Abbre- können, die gefährdet sind, ihre schuli-
cherquote vor dem Hintergrund eines cherquote zu analysieren und zu inter- sche Ausbildung abzubrechen und die
datengege­stütz­ten Konzepts nachhaltig pretieren. Denn: Nicht jeder Abbruch FSP 1 vorzeitig zu verlassen.
zu senken. an Beruflichen Schulen ist vermeidbar Unser Ziel war, mehr Bildungsge­
Der seit PISA offenkundig gewor- oder gar als Misserfolg des Systems zu rechtigkeit und eine Verbesserung der
dene Zusammenhang zwischen sozialer werten. So kann es auch unterjährig rat- individuellen Anschlussfähigkeit aller
Lage, lebensweltlichen Zusammenhän- sam und sinnvoll sein, eine Ausbildung Schülerinnen und Schüler zu erreichen
gen und Bildungsmisserfolg zeigt sich zu beginnen, wenn Schülerinnen oder und erfolglose Schulkarrieren zu redu-
insbesondere in den teilqualifizierenden Schüler als Nachrücker einen Platz in zieren.
Bildungsgängen. Zu viele Schülerinnen einem Ausbildungsbetrieb erhalten.
und Schüler verlassen unsere Schulen Andere Einflussfaktoren wie beispiel-
ohne qualifizierenden Bildungsabschluss. weise Schwangerschaften oder Wohn- 3. Zum Hintergrund
Viele von ihnen kommen aus sozial be- ortwechsel sind gar nicht beeinflussbar
nachteiligten Stadtteilen und zum Teil und führen zu einer verfälschenden Er- Abgebrochene Schulkarrieren haben
desolaten Familienverhältnissen. Der höhung der Quote. Daher ist eine aus- vielschichtige Ursachen, darüber wa-
Anteil von Schülerinnen und Schülern sagekräftige Datenbasis zur Analyse ren wir uns einig. Zwei große Ursa-
mit Migrationshintergrund ist hoch. der Abbrecherquote die erste Voraus- chenstränge lassen sich identifizieren:
Ihre Anschlussfähigkeit im Bildungssys- setzung zur Identifizierung, Bewertung Der Aspekt der „Lehre“, also des
tem und ihre Chancen auf dem Ausbil- und Steuerung des Abbruchverhaltens Unterrichts, seiner Methoden und Ar-
dungsmarkt sind dagegen gering. So setzt von Schülerinnen und Schülern. rangements und der Aspekt des „Ler-
sich soziale Bildungsbenachteiligung fort. nens“, also der Motivation zur aktiven
Die Fachschule für Sozialpädagogik Aneignung des angebotenen Lernstoffs
Wagnerstraße, FSP 1, erprobt ein Un­ 2. Das Konzept zur Senkung der verbunden mit der persönlichen Erfah-
terstützungssystem für Schülerinnen Abbrecherquote in der FSP 1 rung von Selbstwirksamkeit.
und Schüler, das an den Folgeerschei- Die Lehrforschung, will sagen: Die
nungen dieser sozialen Benachteiligung Vor dem Hintergrund dieser Diskussi- Erforschung der Gelingensbedingun-
ansetzt. Ziel ist es, die Entwicklung von on hat sich 2007 eine Arbeitsgruppe1) gen guten Unterrichts, hat spätestens
Sozial- und Selbstkompetenzen mit in der FSP 1 zusammengefunden, um seit dem PISA-Schock Hochkonjunk-
Hilfe eines breiten Spektrums psycho- über Ursachen für vorzeitige Abbrüche tur. Selbstorganisiertes Lernen, entde-
sozialer Hilfen anzustoßen. Mit einem an unserer Schule zu beraten. Unsere ckendes Lernen, Selbstwirksamkeit,
speziell auf die Schülerschaft zugeschnit- Methodenvielfalt, auch ein neuerdings
tenen Hilfesystem soll ein erfolgreicher zunehmend „multimedial präsentier-
Bil­dungsabschluss erleichtert und so Anmerkung: ter, erlebnispädagogisch angereicher-
auf die Anforderungen aufnehmender 1)  itglieder der Arbeitsgruppe waren Hiltrud Bock, Gitta
M ter Superspaßmachunterricht“ (Tho-
Carstensen, Lucia Niederwestberg, Sylvia Stehrenberg,
Schulen bzw. der Berufswelt vorbereitet Marlies Tatje und Dr. Annja Baisch-Weber.
mas Grüner / Franz Hilt: Bei Stopp ist
werden. Schluss, Buxtehude 2008, S. 9) laufen

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Aus den Schulen

Foto: Manfred Schwarz


Fachschule für Sozialpädagogik Wagnerstraße

jedoch bei abbruchgefährdeten Schü- weiligen Lehrkraft für sie stimmig ist, sen, nicht erworbenen Schlüsselquali-
lerinnen und Schülern unserer Erfah- d. h., sie lernen für „ihre Lehrerin oder fikationen und daraus resultierender
rung nach nicht selten ins Leere: Die ihren Lehrer“. Gelingt ein solcher Be- mangelnder Handlungs- und Problem-
Betreffenden lassen sich schlichtweg ziehungsaufbau nicht, entwickeln sich lösungskompetenz derart überlagert,
nicht darauf ein. Vielmehr fallen sie Disziplinprobleme und enorm hohe dass die Schülerinnen und Schüler
durch hohe Fehlzeiten auf. Sie stören Fehlzeiten, die schließlich im Schulver- keine Chancen hatten zu erfahren,
den Unterricht und gefährden damit sagen und dem Abbruch der Ausbil- dass sie etwas leisten können. Sie ste-
ihren eigenen Lernerfolg. Sie kommen dung münden können. cken sozusagen in einer Sinnbildungs-
zu spät, verweigern sich, bringen keine Denn ein erheblicher Anteil dieser krise. Die äußeren, Struktur gebenden
Arbeitsunterlagen mit zur Schule und Schülerinnen und Schüler sehen auf Kräfte bröckeln – die Schülerinnen
belasten mitunter das Klassenklima eine recht problematische individu- und Schüler stehen immerhin an der
durch aggressives und provozierendes elle Schulbiografie zurück, so dass in- Schwelle zum Erwachsenwerden – be-
Verhalten. Sie blockieren andere und trinsisch motiviertes Lernen nicht nur vor eine stabile innere Haltung ent-
vor allem sich selbst und lassen Lernen kaum entwickelt wird, sondern sogar wickelt werden konnte, die aus der
nicht zu. aktiv verhindert wird, um weitere Miss- Passivität und Verweigerung in eine
Worin besteht nun aber das Rät- erfolge zu vermeiden. sinnvolle Bildungsaktivität hätte mün-
sel dieses blockierten Lernprozesses? Wir gehen davon aus, dass sich hinter den können. An dieser Stelle setzt
Neuere Erkenntnisse aus dem Bereich diesen Lernblockaden eine mangelnde unser Konzept zur Reduzierung der
der Neurobiologie identifizieren neben psychosoziale Kompetenz verbirgt, sich Abbrecherquote an. Bildung selbst ist
methodischen Fragen einen weiteren selbst und den eigenen Schulbesuch so nicht machbar – aber die Bedingungen
wesentlichen Parameter für gelingen- zu organisieren, dass ein erfolgreicher für die Möglichkeiten von Bildung sind
de Bildung: den Beziehungsaufbau. Abschluss erreicht werden kann. Als machbar bzw. gestaltbar. Für sie wollen
Voraussetzung, dass Bildung gelingen Dimensionen dieser mangelnden Kom- wir an der FSP 1 pädagogisch Sorge
kann, ist eine gelingende Beziehung zu petenz begegnen uns immer wieder tragen.
den Schülerinnen und Schülern. Das folgende Bildungsrisiken: bildungsfer-
ist nicht eben neu. Und dennoch: Ein ne soziale Lagen, Migration, Religion,
großer Teil dieser Schülerinnen und geschlechtsspezifische Kontexte und 4. Konzeptionelle Eckpunkte
Schüler sind psychosozial ausgespro- Behinderung. Die Lernmotivation wird
chen bedürftig und lernen, wenn die von sozialer Benachteiligung, häusli- Fünf Instrumente bzw. Maßnahmen
Beziehung zwischen ihnen und der je- chen Problemen, Misserfolgserlebnis- sollen uns diesem Ziel näher bringen:

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Aus den Schulen

4.1 Unterstützung im Lern- und findet auf mehreren Ebenen statt. Hier gen zur Motivation und subjektiven
Leistungsbereich wählt jede Klassenleitung bzw. jedes Befindlichkeit, der eigenen Ziele
Im Stundenplan des betreffenden Bil- Klassenteam die Maßnahmen aus, die und Unterstützungsbedarfe thema-
dungsganges werden Stunden für För- auf die jeweilige Situation der Klasse tisiert werden.
derunterricht fest verankert. Diese passen. Das kann und wird sich unter Viertens gibt es die Möglichkeit zu
sollen helfen, Schwächen im Lern- und Umständen von Halbjahr zu Halbjahr regelmäßigem oder gelegentlichem
Leistungsbereich aufzufangen. ändern. Für die folgenden Maßnahmen Teamteaching zur Erreichung spezi-
stehen der Klassenleitung oder wahl- eller Ziele in einzelnen Lernfeldern
4.2 Hilfestellung zur Entwicklung weise dem Klassenteam 1,5 Stunden oder hinsichtlich besonderer The-
von Selbststeuerung der Wochenarbeitszeit zusätzlich zur men.
Mit dem gesamten Bildungsgang wurde Verfügung: Fünftens führen die Klassenleitungen
ein verbindliches Regelwerk mit Kon- Erstens führen die Klassenleitungen in jedem Halbjahr einen Projekttag zu
sequenzen für Regelverletzungen ent- drei Einführungstage durch, die be- folgenden Themen durch:
wickelt und vereinbart. Ziel ist es, den reits Themen wie soziales Lernen - Im ersten Halbjahr zum Thema kon-
Schülerinnen und Schülern zu helfen, und Lernenlernen aufgreifen und struktiver Umgang mit Konflikten;
für ihre spätere Ausbildung erforder- gleichzeitig viel Raum geben für ein - im zweiten Halbjahr zum Thema
liche Sekundärtugenden zu entwickeln gegenseitiges Kennenlernen und Klassengemeinschaft, soziales Ler-
und den eigenen Schulerfolg zu sichern. einen ersten Beziehungsaufbau. nen und Problemlösungskompe-
Das jeweilige Klassenteam strukturiert Zweitens hat jede Klasse eine fest tenz;
sich hierbei im Sinne des Teamgedan- verankerte Klassenlehrerstunde u. - im dritten Halbjahr eine klassenbe-
kens als „Netz und Geländer“. a. für Themen aus den Bereichen zogene Kinderaktion;
„soziales Lernen“, „Kon­fliktlösung“, - im vierten Halbjahr zum Thema
4.3 Psychosoziale Unterstützung der „Umgang miteinander“ und „Moti- Berufsorientierung.
Personal- und Sozialkompetenzen vation“.
Eine Verstärkung der psychosozialen Drittens bieten die Klassenleitungen 4.4 Erschließung externer Beratungs-
Unterstützung im oben entwickelten oder das Klassenteam regelmäßige und Unterstützungsangebote
Sinn war uns besonders wichtig. Sie Einzelberatungen an, in denen Fra- Reichen diese schulischen Maßnah-
men zur verstärkten psychosozialen
Unterstützung nicht aus, bemühen
sich die Klassenleitungen, den betref-
fenden Schüler bzw. die Schülerin an
externe Unterstützungsinstitutionen
weiterzuvermitteln.

4.5 Flankierende
Gelingensbedingungen
Außerdem wird zur Unterstützung die-
ses Vorhabens für möglichst wenig Leh-
rerwechsel in den Klassen gesorgt. Ziel
ist auch, im schulischen oder persönli-
chen Umfeld mehr Raum zu schaffen
für eine Weiterentwicklung der Team-
arbeit in den Klassenteams und einen
vermehrten Austausch zwischen den
Klassenleitungen.

5. Erste Erfahrungen

Das Konzept wird seit August 2008 an


der FSP 1 erprobt. Wir verfügen daher
Foto: Manfred Schwarz

lediglich über erste Erfahrungen hin-


sichtlich der Akzeptanz des Konzepts,
nicht aber hinsichtlich seiner Wirk-
samkeit zur Reduzierung der Abbre-
cherquote. Diese kann frühestens 2010
Haupteingang zur FSP 1 evaluiert werden. Schon jetzt lässt sich

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Aus den Schulen

aber sagen, dass das Konzept insgesamt 5.4 Beratungs- und Unterstützungs­ Bundeswettbewerb
auf ein durchweg positives Echo stößt, angebote „Sonnige Schule“
da es Raum bietet für die Modulation Die Inanspruchnahme externer Bera-
der Bedingungen, unter denen Bildung
geschieht.
tungs- und Unterstützungsangebote
erfolgt zunehmend und bewusst. Sie G 8 gewinnt
Im Folgenden seien unsere ersten
Erfahrungen kurz skizziert:
wird als wirksam erfahren, weil zahlrei-
che Schülerinnen und Schüler in einem
mit Konzept für
5.1 Förderunterricht
schwierigen häuslichen Umfeld leben
bzw. gesundheitliche Probleme haben.
Solaranlage
Der eingerichtete Mathematik- und Die Schülerinnen und Schüler erfahren
Englischförderunterricht wird als sehr unmittelbar, dass so etwas wie öffentli- Am Bundeswettbewerb „Sonnige Schu-
sinnvoll angesehen und sollte noch auf che Beratungsstellen überhaupt existie- le“ beteiligten sich in Deutschland über
das Fach Sprache und Kommunikati- ren und ihnen hier geholfen wird. Eine 50 Schulen mit einer eigenen Solaran-
on ausgedehnt werden. Dennoch ist es Konfliktlösung kann zudem oftmals al- lage. Gefragt waren clevere Konzepte,
notwendig, dass die Schülerinnen und lein durch ‚Bordmittel der Schule’ (den die eine schulische Photovoltaikanlage
Schüler immer wieder zur Teilnahme Klassenleiter, das Klassenteam und die in den Unterricht einbinden.
motiviert werden. Beratungslehrer) kaum geleistet wer- Es konnten schriftliche und gegen-
den. ständliche Beiträge eingereicht werden
5.2 Regelwerk – zum Beispiel Projektberichte, Poster
Die vereinbarten Hilfestellungen zur 5.5 Klassenteam PowerPoint Präsentationen, Internet-
Entwicklung von Selbststeuerung und Es gelingt überwiegend, in den Klas- seiten und Filme.
Sekundärtugenden durch ein verbindli- sen mit möglichst wenig Lehrerwechsel Die Preisverleihung fand am 14. Mai
ches Regelwerk und gemeinsam verein- auszukommen, was von den Klassen- 2009 in der Erich-Kästner Grundschule
barte Konsequenzen werden durchweg leitungen als positiv für das Klassen- in Königs Wusterhausen statt (Bran-
als sehr sinnvoll und wirksam erlebt, klima, die Arbeitsatmosphäre, für die denburg). Im Rahmen der Feier wurden
weil sie den Schülerinnen und Schülern, Weiterentwicklung der Teamarbeit und die Fotovoltaikanlage der Grundschule
die kaum Selbstdisziplin aufbringen, für gemeinsames Handeln gegenüber eingeweiht. Die Preise überreichten die
helfen, eine Struktur zu erlernen. Ein- Erziehungsberechtigten bewertet wird. Vertreterin des Bundesumweltministe-
schränkend sei angemerkt, dass ein Re- riums, Kim Jakobiak de Flores, und der
gelwerk allein, ohne flankierende Hil- Organisator des Wettbewerbs, Florian
fen, keine ausreichende Wirksamkeit 6. Ausblick Kliche (Unabhängiges Institut für Um-
entfaltet. weltfragen – UfU e.V.).
Unser Ziel ist es, als Teil eines leistungs- Die Gewinnerin des Wettbewerbs,
5.3 Psychosoziale Unterstützung fähigen Bildungssystems möglichst viele die Berufliche Schule für Recycling und
Die Maßnahmen zur psychosozialen Schülerinnen und Schüler anschlussfä- Umwelttechnik (G 8) aus Hamburg,
Unterstützung der Personal- und So- hig zu machen für den dualen Ausbil- erhielt als Belohnung 1.500 Euro. Den
zialkompetenz werden als wirksam dungsmarkt. Wir hoffen, nach unseren Preis hat für die G 8 Egbert Kutz ent-
und sinnvoll erfahren, weil sie die ersten positiven Erfahrungen, unser gegengenommen. An diesem Wettbe-
Möglichkeit eröffnen, Konflikte und Ziel mit Hilfe unserer Unterstützungs- werb hatten zwei Klassen der BFS tq
gruppendynamische Prozesse, die das instrumente erreichen zu können und Elektrotechnik und Informationstech-
Lernen behindern, aufzugreifen und werden gegebenenfalls 2010 erneut zum nik teilgenommen. Der Wettbewerbs-
zu lösen. Auch wird es möglich, per- Stand der Umsetzung berichten. beitrag der G 8 ist zum Beispiel unter
sönlichen Problemen der Schülerin- der Internetadresse www.solarlernen.de
nen und Schüler Raum zu geben. Der Dr. Annja Baisch-Weber veröffentlicht.
Kontakt zwischen Klassenleitungen (Abteilungsleiterin an der FSP I) MSz (HIBB)
und Schülern wird spürbar gestärkt.
Insbesondere Hilfe bei persönlichen
Problemen wird von Schülerinnen und Weitere Infos Weitere Infos
Schülern stark nachgefragt. Termine
zu Einzelgesprächen außerhalb des Das von der Arbeitsgruppe erstellte
Konzept zur Reduktion der Abbrecher­quote www.hibb.hamburg.de/index.php/article/
Unterrichts werden dankbar ange-
inklusive aller Materialien (Regelwerk detail/4858
nommen.
und Einführungswoche) kann auf der
Die Projekttage werden hinsichtlich Homepage der FSP 1 unter dem Bildungs­ www.solarlernen.de
ihrer Wirksamkeit noch uneinheitlich gang „Sozialpädagogische Dienstleistung
beurteilt. Übereinstimmend wird der teilqualifizierend“ heruntergeladen werden: www.gewerbeschule-8.de
Projekttag „Berufsorientierung“ als not- www.fsp1.de.
wendig und positiv bewertet.

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Aus den Schulen

Qualität Berufliche Bildung

1. Jahresbericht der
Schulinspektion: Trends für
die Beruflichen Schulen
Am 9. Juni 2009 ist der erste Jahresbericht der Hamburger Schulinspektion erschienen,
der einen übergreifenden und systematischen Blick auf die Qualität der Hamburger Schulen
wirft. Im Bericht werden wichtige Trends für die beruflichen Schulen deutlich.

G rundlage für die dortige Berichts-


legung ist die Ziehung einer reprä-
sentativen Stichprobe von 34 Schulen,
Verteilung be-
rufliche Schulen
Anteil innerhalb von
beruflichen Schulen
in Prozent in Prozent
die anhand der Kriterien Schulform
und soziale Voraussetzungen der Schü- Insgesamt Minimum Maximum
lerschaft (erhoben am KESS-Index) Stufe 1:
ermittelt wurde. Während die dort Lernklima und
gewonnenen Aussagen für das ge- pädagogische Strukturen sichern 6,20 % 1,20 % 15,50 %
samte allgemeinbildende Schulwesen
Stufe 2:
Hamburgs verallgemeinerbar sind,
Klassen effizient führen
gilt für den Bereich der beruflichen
und Methoden variieren 26,70 % 12,82 % 45,20 %
Schulen, dass die bislang inspizierten
14 Einrichtungen nicht den Anspruch Stufe 3:
der Repräsentativität erheben kön­- Schülerinnen und Schüler
nen, da vergleichbare Kennwerte feh- motivieren, aktives Lernen und
len. Wissenstransfer ermöglichen 36,80 % 26,20 % 53,70 %
Ein wesentlicher Baustein des In­ Stufe 4:
spektionsverfahrens ist die schriftliche, Differenzieren, Schülerinnen
onlinebasierte Befragung von Lehr- und Schüler wirkungs- und
kräften, Schülerinnen und Schülern kompetenzorientiert fördern 30,30 % 16,40 % 49,57 %
sowie den Betrieben. Die Fragebögen
decken sämtliche Bereiche des Orien- Tabelle 1: Verteilung der Unterrichtssequenzen auf die vier Stufen der Unterrichtsqualität
tierungsrahmens Schulqualität ab, der
die zentrale Grundlage für die Instru-
mente und Kriterien der Schulinspek- relevante Trends im berufsbildenden Zustimmungswerte erhalten tendenzi-
tion bildet. Die Fragebogenerhebung Schulwesen Hamburgs ausmachen. ell Fragen zur Personalentwicklung, zur
erhielt folgende Rückläufe: Von 940 empirischen Überprüfung schulischer
befragten Lehrerinnen und Lehrern Welche übergreifenden Stärken und Entwicklungsmaßnahmen, zur syste-
haben 513 die Fragebögen beantwor- Schwächen werden bei den matischen fachlichen und kollegialen
tet (54,6 Prozent). Weiter wurden Befragungen deutlich? Supervision, zur Berücksichtigung von
15.729 Schülerinnen und Schüler Als zentrale Ergebnisse aus der Analy- Ergebnissen aus der schulinternen Eva-
zur Teilnahme an der Befragung auf- se des Lehrerfragebogens kann konsta- luation sowie zur individuellen Förde-
gerufen, was 8.999 angenommen haben tiert werden, dass hohe Zustimmungs- rung von Schülerinnen und Schülern.
(57,2 Prozent). Von den 5.642 befrag- werte bei Fragen erreicht werden, die Bei der Schülerbefragung erzielen
ten Ausbildungsbetrieben haben 639 die Repräsentanz und Ansprechbarkeit an den beruflichen Schulen Fragen zur
die Fragebögen ausgefüllt. Angesichts der Schulleitung, die unterrichtsbezo- Unterrichtsgestaltung und zum Berufs-
dieses geringen Rücklaufs von 11,3 gene oder fachliche Zusammenarbeit bezug hohe Zustimmungswerte. Niedri-
Prozent ist eine weitere Auswertung im Kollegium, die systematische Un- ge Zustimmungswerte ergeben sich bei
nicht sinnvoll, weshalb auf eine Dar- terrichtsevaluation durch Schülerinnen Fragen zur Binnendifferenzierung, zur
stellung dieser Ergebnisse verzichtet und Schüler und die allgemeine Schul- Lernstandsdokumentation, zur Rück-
wird. Dies vorausgeschickt, lassen sich zufriedenheit thematisieren. Niedrige meldung über Unterricht, zum Schul-

10 ihbs Nr. 2 · 2009


Aus den schulen

8%
leben wie beispielsweise Feste, Wettbe- 92 % vorgefundenen Unterschiede auf Ebene
werbe etc. als auch zur Rückmeldung der Schule, 88 Prozent liegen innerhalb
über die Schule. von Schulen. Die restlichen fünf Prozent
gehen auf die Schulform zurück.
Bewertungen der Unterrichtsqualität
Ein wesentliches Augenmerk legt der Herausforderungen
diesjährige Jahresbericht auf die vor- Querliegend zu diesen standardisierten
findliche Unterrichtsqualität. Grundla- Erhebungen hat die Schulinspektion
ge hierfür sind die zahlreichen Unter- Thesen formuliert, welche Heraus-
richtsbesuche, die die Inspektorinnen forderungen sich auf der Grundlage
und Inspektoren während ihres drei- Schule Unterricht der Erkenntnisse über die inspizierten
tägigen Schulbesuchs abstatten. Zu Schulen ergeben. Zugespitzt lassen
berücksichtigen ist, dass der Fokus der sich drei zentrale Handlungsfelder er-
Schulinspektion nicht auf der Betrach- Abbildung 1: Anteil der Varianz auf Schul- kennen:
tung des einzelnen Unterrichts liegt – bzw. Unterrichtsebene. 1. Schulen müssen die Gelegenheit be-
dementsprechend auch keine Rückmel- kommen und fest etablieren, vonein-
dungen an einzelne Lehrkräfte möglich Schulen mit den allgemeinbildenden ander zu lernen und mit dem Ziel der
sind –, sondern die Unterrichtskultur, Schulen Hamburgs, so zeigen sich die Qualitätsentwicklung zu kooperie-
das Übergreifende, Verbindende im Stärken des Unterrichts vor allem in ren. Die Lehrkräfte sind noch zu oft
Unterricht einer Schule im Vordergrund den Bereichen der Motivierung von Einzelkämpfer, die gezwungen sind,
steht. 30 Kriterien, die unterschiedliche Schülerinnen und Schülern, des All- das Rad stets neu zu erfinden.
Facetten von Unterrichtsqualität abbil- tags- und Berufsbezugs sowie der Ein- 2. An den Schulen muss ein Qualitäts-
den, leiten dabei die Beobachtungen. beziehung von Interessen und Erfah- management für den Unterricht ein-
Mithilfe dieser Kriterien hat die Ham- rungen der Schülerinnen und Schüler. geführt werden. Die Schulen müssen
burger Schulinspektion ein Stufenmo- Insgesamt verhalten sich die Ergebnis- Know-how erwerben, wie Unterrichts-
dell der Unterrichtsqualität entwickelt, se allerdings ähnlich zu denen der all- qualität systematisch entwickelt und
das vier voneinander unterscheidbare, gemeinbildenden Schulen. die Erreichung der Ziele überprüft
aufeinander aufbauende Niveaustufen wird. Dies gilt allerdings für den allge-
identifiziert. So kann die Unterrichts- Große Spannbreiten bei der meinbildenden Bereich noch mehr als
kultur danach bewertet werden, ob sie Unterrichtsqualität für die berufsbildenden Schulen. Hier
lediglich grundlegende, basale Anfor- Auffällig ist bei genauem Hinsehen, werden offensichtlich erste Ergebnis-
derungen an Unterricht erfüllt (Stufe dass es enorme Spannbreiten der Unter- se entsprechender konzertierter Steu-
richtsqualität gibt. Damit ist zu fragen, erungsinitiativen seitens des HIBB,
worauf die gefundenen Unterschiede des Landesinstituts und der Schullei-
lediglich in einem kleinen Teil möglicherweise zurückgehen. Ein erster tungen sichtbar.
der beobachteten unterrichtssequenzen
Schritt liegt darin, die Ebene zu identi- 3. Nötig ist eine schlüssige, pragma-
(6,2 prozent) dominiert die sicherung
fizieren, auf der der größte Teil der Va- tische Gesamtstrategie der Schul-
pädagogisch-didaktischer Voraus-
rianz gebunden wird. Wie Abbildung 1 entwicklung. Schulprogramme, Bil-
setzungen (stufe 1).
zeigt, gehen lediglich acht Prozent der dungsstandards und Rahmenpläne
gefundenen Unterschiede in der Un- sowie das Ziel des individualisierten
terrichtsqualität auf Unterschiede zwi- Lernens stehen noch zu oft unver-
1), oder ob sie in methodisch-didaktisch schen den Schulen zurück. 92 Prozent bunden nebeneinander.
anspruchsvoller Weise ein individuali- der gefundenen Unterschiede liegen da-
siertes, kompetenzorientiertes Lernen gegen innerhalb der einzelnen Schulen. Dr. Martina Diedrich, Institut für
ermöglicht (Stufe 4). Tabelle 1 zeigt, Damit entspricht die Heterogenität der Bildungsmonitoring (ifbm) der BSB
wie sich die Unterrichtsbeobachtungen Unterrichtsqualität innerhalb der Schu-
in den beruflichen Schulen auf die vier len in etwa der der allgemeinbildenden
Stufen verteilen. Schulen. Dort liegen sieben Prozent der
Es wird deutlich, dass lediglich in ei-
nem kleinen Teil der beobachteten Un-
terrichtssequenzen (6,2 Prozent) die lediglich acht prozent der gefundenen
Sicherung pädagogisch-didaktischer unterschiede in der unterrichtsqualität
gehen auf unterschiede zwischen den WeITere Infos
Voraussetzungen dominiert (Stufe 1).
schulen zurück. 92 prozent der gefun-
Dagegen liegt jeweils etwa ein Drittel denen unterschiede liegen dagegen
des gesehenen Unterrichts auf Stu- www.schulinspektion.hamburg.de/
innerhalb der einzelnen schulen.
fe 3 (36,8 Prozent) bzw. Stufe 4 (30,3 jahresbericht
Prozent). Vergleicht man berufliche

nr. 2 · 2009 ihbs 11


Aus den Schulen

Wirtschaftsgymnasium St. Pauli „Hamburg Centre of Aviation Training“

Preise für Richtfest bei der


beste lehrer Gewerbeschule 15
Mit den drei ersten Plätzen für die Talente sind in der Luftfahrtindustrie
besten Berufsschullehrer ist das Wirt- die „Triebwerke“ der wirtschaftlichen
schaftsgymnasium St. Pauli Sieger der Entwicklung. Deshalb hat Hamburg vor
diesjährigen Verleihung des „Ausbil- neun Jahren die Qualifizierungsoffen-
dungs-Grammys“. Die Ver.di-Jugend sive Luftfahrtindustrie gegründet. Ein Schulleiter Helmut Knust-Bense
hatte die zweijährliche Auszeichnung Meilenstein in der Entwicklungsarbeit
für beispielhafte Leistungen in der Be- und bauliches Symbol für die besonde-
rufsausbildung zum achten Mal verge- re Vernetzung und Innovationskraft am H 14
ben. In der Kategorie „Bester Berufs- Luftfahrtstandort ist das neue „Hamburg
schullehrer“ überzeugte Ingo Koch die
Jury erneut. Bereits 2006 hatte ihm das
Centre of Aviation Training“ (HCAT).
Das Richtfest für das HCAT wurde
Festakt zum
Lob der Berufsschülerinnen und -schü- im April mit über hundert Gästen in 50-­jährigen
ler für seine Fachkompetenz, die profi- der Gewerbeschule G 15 gefeiert. Am
lierte Unterrichtsgestaltung und seine HCAT vernetzen die Luftfahrtindus- Jubiläum
motivierende Persönlichkeit den 1. Platz trie, die Hochschule und die G 15 in
eingebracht. Die diesjährigen Plätze einer „Public Private Partnership“ die Die Handelsschule 14 feierte ihren 50.
zwei und drei erreichten seine Kollegen bedarfsorientierte Qualifizierung. Schu- Geburtstag mit prominenten Gästen im
Reiner Hess und Stefan Thiele. lische, betriebliche und akademische „hamburgmuseum“. Schulleiter Helmut
In den Kategorien „Bester Ausbil- Ausbildung unter einem Dach – das ist Knust-Bense begrüßte rund 120 Gäste
dungsbetrieb“ prämierte die Dienstleis- ein in Europa einmaliger Ansatz. anlässlich des „50. Geburtstags“ der H
tungsgewerkschaft die Hanse Merkur Kooperationspartner sind die BSB, 14, die in den 50er-Jahren aus der Han-
Versicherung. „Beste Ausbilderin“ wur- das HIBB mit der G 15 sowie die Behör- delsschule 5 hervorgegangen ist. Am 1.
de Annette Güldner vom NDR. Zu den den für Wirtschaft und Arbeit (BWA), April 1959 wurde die Schule als Han-
Kriterien für die Auswahl der Preisträ- für Wissenschaft und Forschung (BWF) delsschule und Berufsschule für Spedi-
gerinnen und Preisträger zählen hier die und die HAW Hamburg. Als wichtige tionskaufleute, Reeder und Schiffsmak-
Qualität der Ausbildung, die Schaffung Unternehmen sind Lufthansa Techni- ler gegründet. Auch prominente Bürger
weiterer Ausbildungsplätze, die Intensi- cal Training und Airbus beteiligt. Ziel sind unter den vielen Schulabsolventen,
tät der Betreuung und die Übernahme ist es, in den Bereichen Weiterbildung, unter anderem „Uns Uwe“, Hans-Olaf
der Jugendlichen nach Abschluss ihrer Anpassungsqualifizierung und akademi- Henkel, Verona Pooth (alias Feldbusch)
Ausbildung. scher Ausbildung luftfahrtspezifisches und Jan Fedder.
AWB (HIBB) Personal zu qualifizieren. Ausbildungs- Heute ist die Berufschule für Logis-
schwerpunkte sind die Bereiche Avio- tikberufe – es geht um Logistik, Spedi-
nik/Elektronik, Kabine/Kabinensyste- tion und Verkehrsservice – die größte in
me und moderne Fertigungsverfahren/ der Bundesrepublik. Sie bildet immer-
Neue Werkstoffe. hin etwa 1800 Azubis aus – von rund
Schulsenatorin Christa Goetsch fas- 6000 in ganz Deutschland. Derzeit hat
zinierte „nicht nur die behördenüber- die Berufsfachschule etwa 130 Schüle-
greifende, sondern auch die lernort- rinnen und Schüler.
übergreifende Arbeit der beteiligten Die erste Rede hielt an diesem beson-
Partner (…)“. Wirtschaftssenator Axel deren Tag Senatorin Christa Goetsch, die
Gedaschko meinte: „Das HCAT wird darauf hinwies, dass die Schule in spezi-
Foto: privat

den Luftfahrtstandort Hamburg als in- fischer Weise den besonderen Charakter
ternationales Bildungszentrum im Luft- des Wirtschaftsstandortes Hamburg un-
Ingo Koch: „Bester Lehrer“ fahrtbereich etablieren.“ terstreicht. In der anschließenden Fest-
MSz (HIBB) rede sagte der Vorsitzende des Vereins
Hamburger Spediteure e.V. (VHSp),
Weitere Infos Weitere Infos Walter Stork: Es komme heute nicht nur
den fachlichen Kompetenzen eine hohe
www.wg-st.pauli.hamburg.de/index.php/ www.hibb.hamburg.de/index.php/article/ Bedeutung zu: „Vertrauen, Anstand und
article/detail/1281 detail/2824 Bescheidenheit – danach lasst uns stre-
ben!“ Nach einem besonders schönen

12 ihbs Nr. 2 · 2009


Aus den Schulen

und bunten Festprogramm wurde noch


bis in die frühen Morgenstunden gefei-
ert.
Text und Foto: MSz (HIBB)

„Qualitätszentrierte
Schulentwicklung-QZS“

Qualitätssiegel
für die H 11
Die Einführung des Qualitätsmanage-
ments in allen Hamburger beruflichen
Schulen in deren Ziel- und Leistungs-
vereinbarungen gilt als richtungswei-
send. Als erste Hamburger Schule hat
nun die Staatliche Handelsschule Holz-
damm (H 11) im Mai das QZS-Quali-
tätssiegel erhalten.
H11-Schulleiter Michael Gadow
stellte zufrieden fest: „Die Verleihung Die Gewinner des Wettbewerbs
des Qualitätssiegels ist ein gemeinsa-
mer Erfolg aller Beteiligten und wird
uns Ansporn auf dem weiteren Weg Bundesweiter Wettbewerb
der Schulentwicklung sein.“ In einem
Glückwunschschreiben gratulierte
Schulsenatorin Christa Goetsch der Handelsschule 1 gewinnt Filmpreis
Schule. Sie wies auf die Bedeutung des
Qualitätsmanagements für einen nach- 2008 machte das französische Film- Wettbewerb teilzunehmen. Die Schüle-
haltigen Schulentwicklungsprozess hin; drama „Die Klasse“ Schlagzeilen. Der rinnen und Schüler setzten sich in ihrem
die Senatorin hofft auf hilfreiche Anre- Filmverleih Concorde hat dazu einen Werk selbstkritisch mit ihrem Alltag in
gungen auch für andere Schulen und bundesweiten Filmwettbewerb für ihrer Klasse auseinander. Der Clou: Die
Kolleginnen und Kollegen. deutsche Schulen ausgeschrieben. jungen Filmschaffenden produzierten
Die H 11 hatte sich nach einer zwei- Den zweiten Preis gewann die Han- einen Kurzfilm, der darstellt, wie Unter-
jährigen Phase des schulischen Ent- delsschule 1 in Hamburg – mit einem ori- richt nicht ablaufen sollte: Eindrucksvoll
wicklungs- und Evaluationsprozesses ginellen Video. Die Unterstufenklasse spielen sie undisziplinierte, lernunwillige
auf der Basis des QZS-Leitfadens HH 08/4 (Höhere Handelsschule) hatte Schüler, die zu spät zur Schule kommen,
erfolgreich durch das Unternehmen sich im Französischunterricht den mit den Unterricht erheblich stören – und
MTO in Tübingen zertifizieren lassen. der „Goldenen Palme 2008“ prämier- Unterrichtserfolge verhindern. Nach der
Hierfür wurden den Projektleitern von ten französischen Spielfilm „Die Klasse“ Filmproduktion hat sich die Klassendis-
MTO durch die Schule umfangreiche („Entre les Murs“) im Kino angeschaut. ziplin erheblich verbessert.
Materialien und Dokumentationen des Der Film zeigt den schwierigen Schulall- Interessierte können den Film „Die
Entwicklungsprozesses bereitgestellt. tag eines Lehrers im 20. Pariser Arron- Klasse“ voraussichtlich ab Juli 2009 im
Mit dem QZS-Qualitätssiegel wird do- dissement, einem „Multi-Kulti-Viertel“ LI beim Medienverleih im Hartsprung
kumentiert, dass die Schule mit Erfolg – einem „Sozialen Brennpunkt“. Der ausleihen.
qualitätsorientierte Schulentwicklung Lehrer trifft auf eine Klasse mit etlichen
betreibt. Migrantenkindern. Viele seiner Schüler Text und Foto: MSz (HIBB)
UG (HIBB) haben noch nie ein Buch gelesen und
verstehen auch kein sauber gesprochenes
Weitere Infos Französisch. Trotz großer Turbulenzen Weitere Infos
und Auseinandersetzungen resigniert
http://www.hh.schule.de/h11/ der engagierte Lehrer jedoch nicht … www.hibb.hamburg.de/index.php/article/
http://www.mto.de/ Der Film motivierte die Klasse, mit ei- detail/4589
nem sechsminütigem Film an dem Film-

Nr. 2 · 2009 ihbs 13


Aus den Schulen

Schulleiter Horn: „Technisch und pädagogisch vorn“

Neue Produktionsküche
und CNC-Holzverarbeitung
Die Staatliche Gewerbeschule Verkehrstechnik – Arbeitstechnik –
Ernährung – G 20 – bildet ihre Schülerinnen und Schüler mit einer neuen Produktionsküche
und einem CNC1)-Holzverarbeitungszentrum innovativ aus.

I n der Gastronomie und Ernährung so-


wie der Holztechnik sind wir auf dem
Stand der betrieblichen Produktions-
Teilqualifizierungen oder Qualifi-
zierungsbausteine für anschließende
Ausbildungen erwerben“, erläutert
eneanforderungen wie dem HACCP-
Konzept2) sowie heutigen Qualitäts-
kriterien.
techniken“, sagte Schulleiter Wolfgang Horn. Wesentlich sei, differenziert In der Holzverarbeitung steht Si-
Horn bei der Einweihung mit Gästen auf die unterschiedlichen Lernvor- cherheit vorn. An der CNC-Anlage
aus Betrieben, Schulen und dem Ham- aussetzungen einzugehen. Die An- ist die Verletzungsgefahr gering, weil
burger Institut für Berufliche Bildung lage eigne sich gut für die Berufs­ sie bei Berührung der Plastiklamellen
(HIBB). Pädagogisch ermögliche die orientierung, die in der Kooperation sofort stoppt. „Das CNC-Zentrum ent-
produktionsorientierte Berufsvorberei- zwischen allgemeinbildenden und spricht der betrieblichen Technik, so
tung eine ganzheitlich kompetenz- und berufsbildenden Schulen entwickelt dass unsere Jugendlichen die Maschi-
handlungsorientierte Ausbildung nach werde. nen kennen, wenn sie sich um Praktika
Ausbildungsordnung. In der Produktionsküche bereiten oder Ausbildungen bewerben“, sagt
„Mit der CNC-Anlage können die Schülerinnen und Schüler aus der Horn. CNC-Zentrum und Absauganla-
Schülerinnen und Schüler zertifizierte Ausbildungsvorbereitung, Berufsvor- ge für Feinstaub kosteten rund 140.000
bereitung und Berufsfachschule ge- Euro.
meinsam das Büffet der Einweihungs- AWB (HIBB)
Anmerkungen: feier vor. In der Lehrküche lässt sich
1) CNC = Computerized Numerical Control = elektronische flexibel für große Gesellschaften ko-
Steuerung und Regelung von Werkzeugmaschinen chen und in speziellen Segmenten wie Weitere Infos
2) HACCP-Konzept (Hazard Analysis and Critical Con- dem Büffet arbeiten. Für rund 280.000
trol Point-Konzept, zu deutsch: Gefahrenanalyse Euro wurde die Küche saniert und um www.gewerbeschule20.hamburg.de
kritischer Kontrollpunkte) dient der Sicherheit von
Lebensmitteln und Verbrauchern.
Großküchenelemente erweitert. Sie
entspricht den Sicherheits- und Hygi-

Neue Photovoltaikanlage leckere Schlemmereien realisiert. So Berufsvorbereitungsjahr [BVJ])


wurde das Fest, trotz regnerischen Wet- Gastronomie / Gesundheit

W 2 feierte ters, zu einer heiteren Feier.


Zusätzlich nutzte die Schule den
BVS (BVJ) für Schüler/-innen mit
sonderpädagogischem Förderbe-
80. Geburtstag Festtag, ihre neue Photovoltaikanlage
einzuweihen.
darf
BVS (BVJ): Werkstätten für behin-
Die W 2 hat heute folgende Schwer- derte Menschen
Die Berufliche Schule Uferstraße punkte: Fachoberschule (FOS): Fachbe-
(W 2) hat am 11. Juni 2009 das 80-jäh- Berufsschule (BS) für Hauswirt- reich Sozialpädagogik.
rige Bestehen gefeiert. Die Feierlich- schaft MSz (HIBB)
keiten waren – im Gegensatz zu den BS für Hauswirtschaftshilfe
großen Festivitäten zum 75. Geburtstag Berufsfachschule (BFS) Hauswirt- Weitere Infos
– in diesem Jahr fast familiär: Es wur- schaft / Haus- und Familienpfle-
de eher „intern“ gefeiert. Schülerinnen ge / Hauswirtschaftshilfe / Gastro- www.bs-uferstrasse.hamburg.de
und Schüler hatten eine bunte Vielfalt nomie und Ernährung
von Aktionen und Projekten sowie Berufsvorbereitungsschule (BVS;

14 ihbs Nr. 2 · 2009


Schwerpunkt

Überlegungen zur Individualisierung von Unterricht

„Individualisiert lernt man am


besten gemeinsam“
Was ist am Thema der individuellen Förderung durch individualisierten Unterricht eigentlich neu?
Lernen ist stets ein individueller Prozess! Wir haben es doch schon immer angestrebt, jeden Schüler und jede
Schülerin zu fördern. Warum sollen die Lernchancen durch die Umsetzung von Konzepten der Individualisierung
von Unterricht größer werden? Worin besteht der Unterschied zu anderen Lernorganisationsformen?
Und: Mit welchen Widersprüchen und Zielkonflikten müssen wir uns auseinander setzen?

I n den nachfolgenden Ausführungen


werden wir diesen Fragen nachgehen.
Ausgehend von einer Arbeitsdefinition
zur Individualisierung von Unterricht
und einem konstruktivistisch und neuro-
wissenschaftlich begründeten Lernver-
ständnis, legen wir Prinzipien für einen
individualisierten Unterricht dar. An-
schließend folgen Ideen zu konkreten
Umsetzungsmöglichkeiten und Hinwei-
se auf Widersprüche und Zielkonflikte.

Verständnis von individualisiertem


Unterricht
Ziel der Individualisierung des Unter-
richts ist es, dass jede Schülerin und

Foto: fotolia
jeder Schüler optimale Bedingungen
für sein Lernen erhält. Jeder Lerner
soll sein Begabungspotential ausschöp- Individualisiertes Lernen findet auch in Gruppenarbeit statt
fen können. Die Kunst der Lehrenden
besteht darin, die Heterogenität einer
Lerngruppe angemessen in die Gestal- seinen Stärken und Entwicklungsbedar- derung schließt auch die Entwicklung
tung des Unterrichts einzubeziehen, fen in den Blick nehmen (diagnostizie- der sozialen und personalen Kompetenz
indem die Unterschiede im Vorwissen, ren) und im Lernprozess unterstützen. mit ein. Individualisierung des Unter-
den Interessen, der Leistungsfähigkeit Die Lernenden können ihren Lern- richts bedeutet nicht, dass die Lernen-
und der Lernstrategie berücksichtigt prozess individuell gestalten und über- den jetzt nur noch in Einzelarbeit lernen.
werden. Das muss sich niederschlagen nehmen Verantwortung für ihr Lernen. Vielmehr gilt es, eine auf den einzelnen
in der Gesamtkomposition von Un- Gefördert wird das selbstverantwortli- bezogene Balance zwischen individua-
terricht, d. h. die Makrostrukturierung che Lernen durch realistische Zielfor- lisierten und kooperativen Lernformen
muss so angelegt sein, dass individuali- mulierungen und die Unterstützung der (Einzelarbeit, Partnerarbeit, Kleingrup-
siertes Lernen auch Raum finden kann. Selbststeuerung zum Beispiel durch die pen, Gesamtklasse) herzustellen.
Die Systematik des Unterrichts wird Planung und Reflexion von Lernwegen Für Lehrpersonen, die einen so an-
dann nicht allein und nicht primär aus und -schritten. Fördert man auf diese spruchsvollen Unterricht gestalten
dem Unterrichtsgegenstand abgeleitet, Art, hilft man insbesondere, Lernerfol- wollen, ist eine plausible theoretische
sondern aus den Möglichkeiten der ge sichtbar werden zu lassen. Lehrerin- Begründung für diese Unterrichtsform
Aneignung (von der Groeben , S. 100). nen und Lehrer übernehmen in diesem hilfreich. Wir werden deshalb im nächs-
Individualisierung des Unterrichts Prozess eine weitere Rolle, nämlich die ten Abschnitt wesentliche Aspekte zum
bedeutet, dass Lehrerinnen und Lehrer eines Lerncoaches. Dieser verfügt über Lernverständnis skizzieren, aus denen
jede einzelne Schülerin  bzw.  jeden ein- eine umfangreiche Diagnose- und Bera- sich Prinzipien für individualisierten
zelnen Schüler intensiv mit ihren bzw. tungskompetenz. Die individuelle För- Unterricht herleiten.

Nr. 2 · 2009 ihbs 15


Schwerpunkt

Gelingensbedingungen Nutzung verstärkt und verändert (neu- „neu zu Lernendem“ eine neuronale
Schule muss einen Lebensraum bieten, ronale Plastizität). Jedes Mal, wenn Verbindung herstellen. Neue Lern-
in dem die geistigen und emotionalen eine Nervenbahn benutzt wird, werden reize müssen etwas Bekanntes haben,
Grundbedürfnisse des Menschen nach die Synapsen, über die die Nervenzel- anschlussfähig sein, damit das Gehirn
guten Beziehungen und der Möglich- len miteinander in Kontakt stehen, mit seinen entsprechenden Teilen „an-
keit des Wachstums erfüllt werden.1) vergrößert und damit in ihrer Über- springt“ und durch die gleichzeitige Ak-
Die Rahmenbedingungen müssen so ge- tragungsfähigkeit für Signale verbes- tivierung eine Verbindung hergestellt.
staltet sein, dass die Schülerin oder der sert. So führt ein bewusstes mehrfaches
Schüler erkennen kann, dass die Welt, Denken (Üben) über diesen Weg zum Bedeutsamkeit
die sie oder ihn umgibt grundsätzlich Erfolg. Ein nachhaltiges Lernen ist Damit neue Eindrücke und Lernange-
verstehbar ist, dass sie von ihr oder ihm damit an eine aktive geistige Ausein- bote gut gelernt und tief verankert wer-
gestaltet und kontrolliert werden kann andersetzung gebunden. Soll beispiels- den, müssen sie für die Lebensbewälti-
und das sie letztlich sinnvoll organisiert weise gelernt werden, selbständig in gung des Individuums bedeutsam sein,
ist.2) Anhand von fünf Gelingensbedin- logischen Zusammenhängen zu den- also Sinn geben. Nur wenn das Lernen
gungen skizzieren wir nachfolgend, wie ken, muss das Gehirn die Gelegenheit individuelle Bedeutung hat, kann ein
erfolgreiches und nachhaltiges Lernen bekommen, selbständig aktiv logisch starkes Erfolgsgefühl mit seinen mo-
in der Schule gelingt, sodass die Schü- zu denken. Neurologische Studien ha- tivierenden Begleiterscheinungen auf-
lerinnen und Schüler eine gesunde Ein- ben außerdem gezeigt, dass nachhalti- treten und das Grundbedürfnis nach
stellung zu ihrer Lebenswelt entwickeln ge Kompetenzbildung nur möglich ist, individuellem Wachstum befriedigt
können und ihrem Bedürfnis nach tra- wenn die Lernenden bewusst „Ja“ zum werden. Der Sinn eines Lerngegen-
genden Beziehungen und individuellem Lernen sagen, also selbstverantwort- standes ergibt sich nicht nur dadurch,
Wachstum nachgehen können: lich, autonom sich dem Problem oder dass er hilft, das biologische Leben zu
der Aufgabe zuwenden. Dies weist auf fristen (hilft, sich zu ernähren) sondern
Erfolgsorientierung die große Bedeutung der Emotionalität auch dadurch, dass man besser mit sei-
Das Gehirn schüttet bei erfolgreicher beim Lernen hin. nen Mitmenschen kommunizieren und
Problemlösung bestimmte Opiate und am gesellschaftlichen und kulturellen
Neurotransmitter aus. Diese versetzen Emotionalität Leben teilhaben kann. Diese Kommu-
das Gehirn in ein Gefühl der Begeiste- Alles, was der Mensch lernt, ist verbun- nikationsfähigkeit wiederum hilft dem
rung und des Wohlfühlens. Diesen Zu- den mit Gefühlen. Auch beim Lernen Einzelnen im Spiegelbild des Anderen,
stand will das Gehirn, um das eigene von sachlichen und sozialen Zusam- mit dem es sich auseinandersetzt, sich
Wachstum zu sichern, immer wieder menhängen sind Gefühle beteiligt. Da selbst zu erkennen. Denn die Antwort
herstellen und sucht nach entsprechen- das Gehirn Bereiche miteinander ver- auf die Frage, „Wer bin ich?“ bekommt
den Gelegenheiten und Herausforde- netzt, die gleichzeitig angesprochen man nur im Kontakt mit seinen Eltern,
rungen. Die beim Erfolgserlebnis ausge- sind (Hebbsche Bahnung: „Cells that Lehrerin bzw. Lehrern und anderen
schütteten Neurotransmitter (vor allem fire together wire together“; Storch/ Mitmenschen sowie in der Auseinan-
Dopamin) bewirken, dass die gerade Krause, S. 35) wird der Lerngegenstand dersetzung mit deren Bedeutungshori-
erfolgreich durchgeführten Schritte zur unlöschbar mit dem Gefühl verknüpft, zonten3).
Lösung des anstehenden Problems be- das gleichzeitig vorherrscht. Ruft die
sonders stark und nachhaltig im Gehirn bzw. der Lernende den Lerngegenstand Zudem hat sich in Untersuchungen
eingeschrieben werden. Das oft erlebte später wieder auf, wird auch das damit zu der Wirkung von „Spiegelneuro-
Gefühl des Erfolges führt bei der Schüle- abgespeicherte Gefühl wieder erinnert. nen“ gezeigt, dass Lernerfolge ganz
rin bzw. beim Schüler zu einem Vertrau- Die Neurowissenschaft hat zudem be- erheblich von der Vertrauenswürdig-
en in die eigenen Fähigkeiten. Es entsteht legt, dass im Zustand der Angst große keit des Gegenübers abhängen. Ähn-
das Gefühl der „Selbstwirksamkeit“. Bereiche des Gehirns blockiert werden liche Gedanken und Werthaltungen
und zu komplexen Denkvorgängen werden entwickelt, wie sie bei seinem
Selbstverantwortete Aktivität nicht mehr in der Lage sind. Gegenüber also dem Lehrenden bzw.
Beim Lernen werden bestehende neu- Vorbild beobachtet werden, wenn der
ronale Netze durch den Prozess der Anschlussfähigkeit Lernende dem Lehrenden vertraut,
Werden die Lernenden mit Anforde- sich von ihm wertgeschätzt und res-
Anmerkungen: rungen konfrontiert, die sie nicht ver- pektiert fühlt. Für unser Thema er-
1) Gerald Hüther beschreibt die Erfahrung guter Beziehun-
stehen, weil die Vorkenntnisse fehlen gibt sich daraus die Konsequenz, dass
gen und die Erfahrung des eigenen Wachstums als ele- und so keine weiter zu entwickelnde zu einem erfolgreichen individuellen
mentar für eine gesunde Entwicklung des Menschen. Netzwerke angeregt werden können, Lernen der vertrauensvolle und auf
2) Antonowski beschreibt in seinem Konzept der Salu-
togenese, dass diese Einstellung zur Welt zu entwi- kann letztlich nichts gelernt werden, gegenseitigem Respekt beruhende
ckeln ist, um gesund zu bleiben. und der dringend erhoffte Erfolg bleibt Kontakt zu Lehrern und Mitschülern
3) Hier wird die essentielle Bedeutung der „gesunden Be-
ziehung“ für die menschliche Entwicklung deutlich.
aus. Um sich weiter zu entwickeln muss gehört („Der Schüler lernt den Leh-
sie zwischen „schon Gelerntem“ und rer“ [H. R. Maturana]).

16 ihbs Nr. 2 · 2009


Schwerpunkt

Anschlussfähigkeit Erfolgsorientierung Emotionalität


L ernende müssen an Erfahrungen und L ernende arbeiten selbstverantwortlich L ernende befinden sich in vertrauens­
Vorwissen anknüpfen können. und erhalten Beratung und Unterstützung. vollen und wertschätzenden Beziehun-
Neue Informationen müssen mit bereits Lernende müssen im eigenen Lerntempo gen zu Mitschülern und Lehrern.
verarbeiteten verknüpft werden. arbeiten können.
Die Anforderungen müssen individuell zu
bewältigen sein.

Bedeutsamkeit Gelingensbedingungen Aktivität


F ür den Lernenden muss das Lern- für Lernen  er Lernende ist ganzheitlich (mit Kopf,
D
­an­gebot nützlich und wichtig sein. Herz und Hand) in den Lernprozess
Es muss sich um Problemstellungen einbezogen.
aus der Lebens- und Arbeitswelt Der Lernende muss auf seinem
handeln. eigenen Lernweg, in seinem eigenen
Für den Lernenden entwickelt sich die Tempo selbstverantwortlich handeln.
indi­viduelle Bedeutsamkeit von Lernange-
boten aus der Beziehung zu ihm wichtigen
Personen.
„Methoden für „Methoden für
individuelles Lernen“ Individuelles Lernen & Kooperatives Lernen kooperatives Lernen“
Die Lernangebote müssen auf das Individuum zugeschnitten sein und
in einem positiven sozialen Kontext berabeitet werden.

Fasst man die Konsequenzen, die wir zung von individualisiertem Unterricht? „ein stärker individualisierter Unterricht
aus den fünf Gelingensbedingungen Wir skizzieren nachfolgend Auswirkun- an das Interesse der Schüler an subjektiv
für erfolgreiches und nachhaltiges Ler- gen auf die Lehrerrolle, den Einsatz von bedeutungsvollem Lernen und am Kom-
nen gezogen haben, zusammen, wird möglichen Instrumenten und Methoden petenzerleben sowie an den Fähigkeiten
deutlich, dass in einer angstfreien Lern­ und gängige Organisationsformen. zur Reflexion der Lernprozesse anknüp-
atmosphäre, in intensivem vertrauens- Es ist unbestritten, dass sich die Auf- fen kann“ (Kunze 2008, S. 22). Aus un-
vollen Kontakt mit dem Lehrer und gaben von Lehrerinnen und Lehrern serer Sicht ist das nicht nur möglich, son-
den Mitschülern den Lernenden ein durch individualisierten Unterricht er- dern zwingend notwendig, wenn man die
individuell bedeutsames Lernangebot weitern. Zunächst wollen wir uns darauf Lernenden erreichen will.
gemacht werden muss, das durch eine besinnen, was wir an den beruflichen Ebenso ist der selbstverantworte-
präzise Anpassung an ihre Vorerfahrun- Schulen hinsichtlich der Umsetzung te schüleraktivierende Unterricht in
gen und Vorkenntnisse individuelle Er- der Gelingensbedingungen von Lernen handlungsorientierten Lernsituationen
folgserlebnisse ermöglicht. Dies gelingt schon gut machen, um dann herauszu- in uns­eren Schulen verankert. Auch die
in einer Schule, in der engagierte, kom- stellen, was weiter entwickelt werden Anschlussfähigkeit von neuen Informa-
petente und menschlich kontaktfähige muss  oder dazu kommt. Wir haben auch tionen ist uns bewusst und wir berück-
Lehrer ein Lernangebote gestalten und bisher schon für ein lernförderliches sichtigen sie zum Beispiel durch das
in denen die Schüler selbstverantwort- Unterrichtsklima gesorgt und Team- Thematisieren von Vorwissen oder die
lich aktiv sowohl individuell als auch fähigkeit gefördert. Die individuelle Visualisierung mit Hilfe von Lernland-
kooperativ erfolgreich lernen können. Bedeutsamkeit der Unterrichtsthemen karten sowie thematischen Strukturen.
Wie dies gelingen kann und welche war spätestens seit der Einführung des Allerdings beziehen wir uns dabei bis-
Voraussetzungen nötig sind, legen wir Lernfeldkonzepts mit der umfassenden her in der Regel auf die gesamte Lern-
im Folgenden dar. Kompetenzorientierung und dem Bezug gruppe bzw. den „Durchschnittsschü-
zur Arbeits- und Lebenswelt leitendes ler“, mit der Folge, dass die eine Gruppe
Gestaltung von Prinzip für die Gestaltung von Lernpro- von Lernenden unterfordert, die andere
individualisierenden Lernprozessen zessen. Von daher fällt uns das Bejahen überfordert ist und nur auf die dritte das
Was bedeuten die vorangegangenen und auch die Umsetzung der These von Lernangebot passt. Im individualisier-
Überlegungen für die konkrete Umset- Ingrid Kunze nicht schwer, dass auch ten Unterricht hingegen geht es zentral

Nr. 2 · 2009 ihbs 17


Schwerpunkt

um die Passung zwischen den jeweils  chülerfeedback


S  ernjobs im Zusammenhang mit
L
individuellen Lernvoraussetzungen des etc. Kompetenzrastern
Einzelnen und dem Lernangebot. Das etc.
erfordert einerseits diagnostische Kom- Instrumente für die
petenz auf der Basis planvoller systema- individuelle Beratung: Lern- und Arbeitstechniken:
tischer Beobachtung und andererseits Lernstandsgespräche Strukturieren
die Fähigkeit zu intensiver Lernbera­ Lernverträge Memorieren
tung / Lerncoaching. Hinter diesen schnell Lesen
hingeschriebenen Begriffen „diagnosti- Es ist uns wichtig, deutlich zu machen, Visualisieren
sche Kompetenz“ und „Lerncoaching“ dass bei individualisiertem Unterricht Arbeits- und Zeitplanung
stecken umfassende Kon­zepte, deren etwas hinzukommt, aber keinesfalls das etc.
Umsetzung auch eine Auseinanderset- über Bord geworfen werden muss, was
zung mit der eigenen Haltung bedeuten wir bisher für gut befunden haben. Dies Mit individualisiertem Lernen wird in
kann und in jedem Fall eine Erweite- gilt auch für die Methoden im Unter- der Regel eine Rhythmisierung des Un-
rung der Lehrerrolle erfordert. Hinzu richt. Die Arbeit im individualisierten terrichts verbunden, d. h. es werden feste
kommt, dass bei individualisiertem Ler- Unterricht ist gekennzeichnet durch eine Zeiten für Einzel- und Gruppenarbeit
nen als die radikalste Form der Binnen- sinnvolle Abwechslung von kooperativen sowie Arbeit im Klassenverband festge-
differenzierung die Aufgaben nicht nur und individuellen Lernformen. Kenn- legt. Dies kann jede einzelne Lehrkraft
auf einzelne Lerngruppen differenziert zeichnend für kooperativen Unterricht ist in ihrem Fach durchführen. Effektiver
zugeschnitten werden, sondern auch in- eine Abfolge, bei der die Erarbeitung von sind natürlich Formen der Teamarbeit mit
dividuell auf den einzelnen Lernenden. Themen immer vom Lernstand (Vorwis- allen in der Klasse unterrichtenden Lehr-
Auch die Gelingensbedingung Er- sen, Vorerfahrung, Kom­petenzen, Frage- kräften, sodass Lernen in längeren Pha-
folgsorientierung ist uns nicht neu. An- stellungen, Lerninteresse, Zielsetzung sen mit komplexen fächerübergreifenden
forderungen haben wir bisher auch so etc.) jedes einzelnen Lernenden ausgeht Aufgaben- und Problemstellungen mög-
gestellt, dass sie bewältigbar waren (vom und nach individuellen und kooperativen lich wird.
„Durchschnittsschüler“). Konzepte zur Lernphasen wie Einzelarbeit, Partnerar- Wenn in einem Lehrerteam diese Form
Individualisierung von Unterricht legen beit, Gruppenarbeit, Plenum wieder beim des individualisierten Unterrichts schon
den Focus auch hier auf den Einzelnen einzelnen Lerner endet („Sandwichstruk- gut klappt, kann auch ein klassenüber-
und sein Kompetenzerleben sowie die tur“). Partner- und Gruppenarbeit beim greifendes oder sogar ein jahrgangsüber-
Entwicklung seiner Selbstwirksamkeits­ kooperativen Lernen sind immer auch greifendes Arbeiten angestrebt wer­den.
überzeugung. Dies gelingt durch ein gekennzeichnet durch die gegenseitige In der jahrgangsübergreifenden Organi-
Lernangebot, das an den Stärken der Weitergabe von Expertenwissen und das sationsformen ist „Sitzen­bleiben“ oder
Schülerinnen bzw. Schüler anknüpft Erklären. Eine Voraussetzung für gelin- die Förderung besonders begabter Schü-
und eine Balance zwischen Strukturvor- gendes Lernen ist das Einüben von Lern- ler kein Problem mehr.
gaben durch die Lehrenden und Selbst- und Arbeitstechniken. Deshalb sollten Es wird deutlich, dass wirklich konse-
verantwortung der Lernenden beachtet. solche Techniken unterrichtsbegleitend quente Individualisierung nicht ohne Kon-
Entsprechende Planungsaspekte wer- mit den Schülerinnen und Schülern trai- sequenzen für die Struktur des Unterrichts
den auch schon im gängigen Konzept niert werden. Hier bietet sich die Eini- und die Organisation von Schule umzuset-
der Handlungsorientierung berücksich- gung auf ein Methodencurriculum für den zen ist. Hinzu kommt, dass die Komplexi-
tigt. Hinzu kommt im individualisierten jeweiligen Bildungsgang an, in dem das tät pädagogischen Handelns zunimmt.
Unterricht, dass sich die notwendigen Einüben bestimmter Arbeits- und Lern- Wenn das Problem der unzureichen-
Strukturvorgaben an den individuellen techniken mit bestimmten Themen und den Förderung des einzelnen Schülers
Lernständen der einzelnen Schülerinnen Fächern verbunden wird. durch individualisierten Unterricht ge-
bzw. Schüler orientieren und nicht am löst werden soll, muss man nach Watz-
Klassendurchschnitt. Für die dafür not- Methoden für die Unsetzung der lawick aufpassen, dass „ …  die Lösung
wendige intensive Beratung und Unter- „Sandwichstruktur“: nicht zum Problem wird“. Wird nämlich
stützung kommen Instrumente zur indi- Think-Pair-Square-Share die Individualisierung in dem beste-
viduellen Steuerung und Reflexion sowie Gruppenpuzzle henden Schulsystem mit den bestehen-
zur Beratung zum Einsatz. Lerntempoduett den gesetzlichen Rahmenbedingungen
Lernspiralen implementiert, entstehen Zielkonflikte
Instrumente zur individuellen problemorientierte und handlungs- und Widersprüche, von denen wir eini-
Steuerung und Reflexion: orientierte Lernsituationen ge nachfolgend darstellen.
Logbucharbeit
Portfolioarbeit Methoden für die Phasen der Widersprüche und Zielkonflikte
Lernpass individuellen Arbeit: Als vorrangige Begründung für in-
Kompetenzfeststellungstests Lernen an Stationen dividualisierten Unterricht wird oft
Kompetenzraster Wochenplanarbeit ­genannt, die Heterogenität innerhalb

18 ihbs Nr. 2 · 2009


Schwerpunkt

Hier wird ein weiteres Problem deut-


lich: Auch bei einer intensiven indivi-
duellen Förderung können nicht glei-
che Leistungen von allen Schülerinnen
und Schülern erwartet werden. Eine
Begründung für Individualisierung ist
aber auch, dass individuelle Förderung
als ein Weg angesehen wird, auf dem
alle Lernenden die Bildungsstandards,
also eine festgelegte Norm, erreichen.
(Kunze, S. 17) Das ist allerdings nicht
möglich, wenn die Standards so definiert
sind, dass schwächere Schülerinnen und
Schüler sie nicht erfüllen können und
wenn zugleich bei immer mehr flächen-
deckenden Kontrollen von allen das
Gleiche verlangt wird. (von der Groe-

Foto: fotolia
ben, S. 189). Es stellt sich so die Frage,
ob Leistungsbewertung im individua-
lisierten Unterricht nicht eher für das
Lernen und das individuelle Wachstum
förderlich ist, wenn sie die individuellen
Lernfortschritte misst. Als „gut“ würde
einer Lerngruppe nicht zu groß wer- jahrgangsübergreifenden Unterricht eine Leistung dann gelten, wenn eine
den zu lassen, die Schwächeren „mit anzubieten. Dies ist in vielen beruflichen Schülerin bzw. ein Schüler dem indivi-
zuziehen“ und Benachteiligungen aus- Bildungsgängen bei der kurzen Verweil- duell erreichbaren Optimum möglichst
zugleichen. Diese Intention strebt auch dauer der Lernenden in den beruflichen nahe kommt (von der Groeben, S. 101).
danach, Bedingungen zu schaffen, bei Schulen nur schwer möglich. Denkbar Da es aber definierte Standards für
denen gemeinsamer Unterricht über- ist es jedoch auch, Lernsituationen zu Abschlüsse und Berechtigungen gibt,
haupt noch möglich ist. konstruieren, in denen arbeitsteilig auf kommen wir nicht umhin, diese Stan-
Als eine andere vorrangige Begrün- verschiedenen Niveaustufen gearbeitet dards als Bezugsnorm für die Noten zu
dung für individualisierten Unterricht wird. Und natürlich bleibt es in bestimm- nehmen, was bei schwächeren Schülern
wird angeführt, dass jede Schülerin und ten Phasen des Unterrichts sinnvoll, leis- meist zu einer lernhemmenden Frus-
jeder Schüler ihre Begabungspotenti- tungsheterogene Gruppen zu bilden, in tration führt. Es sollte in diesem Zu-
ale ausschöpfen können und optimale denen die Leistungsstarken die Schwä- sammenhang über die Einführung von
Entwicklungsbedingungen erhalten. cheren unterstützen. Mindeststandards nachgedacht werden.
Damit wird jedoch die Heterogenität
nicht kleiner, sondern größer: „Stei-
gende Leistungsheterogenität ist das
Ergebnis erfolgreichen Unterrichts“
Lernen in Gemeinschaft Lernen allein
(Baumert 2006, S. 43; vgl. dazu von der L ernen mit gegenseitiger L ernen nach eigenem Interesse
Groeben, S.101). Wir haben es also mit Anregung und Unterstützung Lernen nach eigenem Lerntyp
einem Zielkonflikt zu tun: Sollen die Lernen mit gegenseitiger Lernen nach eigener
schwächeren Schüler gefördert werden Anerkennung und Rücksicht Lerngeschwindigkeit
und die leistungsstärkeren Schüler bei Lernen mit Regeln und Absprachen
der Förderung der Schwächeren ein-
gesetzt werden, damit auf einem ge-
meinsamen Level unterrichtet werden
kann und somit möglichst alle Schüler
die gesetzten Standards erreichen, oder
Entwertende Übertreibung Entwertende Übertreibung
sollen im individualisierten Unterricht
alle Schüler konsequent gefördert wer-  ivellierung von Individualität
N  lympiareife Einzelkämpfer
O
den, was sicherlich zu einer Verschär- Entwicklungshemmung besondere Nur an eigenem Fortkommen
fung der Leistungsheterogenität führen Begabungen interessiert
würde. Eine Möglichkeit, beide Ziele Vernachlässigung individueller Auf sich selbst fixiert
zu verfolgen, besteht darin, zu bestimm- Lernschwierigkeiten
ten Themen /Fächern / Schwerpunkten

Nr. 2 · 2009 ihbs 19


Schwerpunkt

literatur

Bauer, Joachim: Lob der Schule. Sieben


Perspektiven für Schüler, Lehrer und
Eltern. Hamburg 2007

Bernhart, Annette; Bernhart, Dominik:


Methodentraining: Kooperatives Lernen.
Ein Praxisbuch zum wechselseitigen lehren
und Lernen (WELL). Donauwörth 2007

Eschelmüller, Michele: Lerncoaching.


Vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter.
Grundlagen und Praxishilfen. Bern 2007

Green, Norm; Green, Kathy: Kooperatives


Lernen im Klassenraum und im Kollegium.

Foto: fotolia
Das Trainingsbuch. 3. Auflage, Großburg-
wedel 2007

Goleman, Daniel; Boyatzis, Richard: Soziale


Unseren Schülerinnen und Schülern ihre Lebensumstände problematisch Intelligenz – Warum Führung Einfühlung
werden wir sicher dann gerechter, wenn oder defizitär sind. Die Herausforde- bedeutet. In: Harvard Business manager
Berichte und Lernentwicklungsgesprä- rung für die Lehrkraft, gegenüber den Januar 2009, S. 35-44
che sich auf den individuellen Lernfort- Lernenden, die angemessene Balance
Hüther, Gerald: Biologie der Angst.
schritt beziehen und zugleich der Blick zwischen Fördern und Fordern zu fin-
Wie aus Stress Gefühle werden.
auf die Standards gerichtet ist. Wenn, den, die Verantwortlichkeiten in der
Vandenhoeck & Ruprecht 1997
wie oben gezeigt, beim Anlegen von Lehrer-Schüler-Beziehung so zu vertei-
Standards an die Lernentwicklung von len, dass die Schüler optimal wachsen Hüther, Gerald: Die Bedeutung sozialer
Schülern gerade für die schwächeren können, ist im individualisierten Unter- Erfahrung für die Strukturentwicklung des
Schüler immer wieder die Erfahrung richt besonders anspruchsvoll. Begegnen menschlichen Gehirns. In: Neurodidaktik.
des Scheiterns gegeben ist, ergibt sich können die Lehrkräfte dem nur durch Weinheim und Basel 2006
die Frage, wer für dieses Scheitern ver- große Sensibilität, Verständnis und Wert-
antwortlich ist. schätzung gegenüber dem „Menschen“ Kunze, Ingrid: Begründungen und Prob-
Individualisierter Unterricht schließt Schülerin bzw. Schüler und mit großem lembereiche indivdiueller Förderung in
für die Lehrkraft ein, den Schülerinnen didaktischem und pädagogischen Ge- der Schule – Vorüberlegungen zu einer
und Schülern motivierende Lernräume schick, wenn es darum geht, Unterricht empirischen Untersuchung. In: Kunze,
und Lernanlässe zu bieten, Wissenslü- so zu gestalten, dass die Schülerinnen Ingrid; Solzbacher, Claudia: Individuelle
cken und Könnensdefizite zu beachten und Schüler selbstverantwortlich aktiv Förderung in der Sekundarstufe I und II.
sowie bei Bedarf weitere Unterstüt- sein können und Erfolge haben. Baltmannsweiler 2008, S.13-25
zung zu organisieren (Kunze, S. 23). „Nur dort, wo sich Bezugspersonen
Maturana, Humberto R.; Pörksen,
Damit kann Förderung als „Bring- für das einzelne Kind persönlich inte-
Bernhard: Der Schüler lernt den Lehrer.
schuld“ der Lehrenden angesehen wer- ressieren, kommt es zu einem Gefühl,
Pädagogik 7-8, 2002
den und ein Scheitern der Schülerinnen dass ihm eine Bedeutung zukommt,
und Schüler wäre dann das persönliche dass das Leben einen Sinn hat und dass Roth, Gerhard: Aus Sicht des Gehirns.
Problem der Lehrenden, obwohl wir es sich deshalb lohnt, sich für Ziele an- Frankfurt am Main 2003
alle wissen, dass wir Lernen nur ermög- zustrengen. Kinder und Jugendliche
lichen und nicht erzeugen können. Die haben ein biologisch begründetes Be- Storch, Maja; Krause, Frank: Selbstma-
Personalisierung des Problems betrifft dürfnis, Bedeutung zu erlangen. Ohne nagement-ressourcenorientiert. Grundla-
aber andererseits auch die Schülerin- ihnen zufließende Beachtung können gen und Trainingsmanual für die Arbeit im
nen und Schüler: Wenn sie – trotz gege- sie nicht nur keine Motivation aufbau- Züricher Ressourcen Modell (ZRM). Bern
bener Förderung – nicht in der Lage en, sondern sich auch nicht gesund ent- 2007
sind, den Ansprüchen der Bildungsins- wickeln“ (Bauer 2007, S. 20).
titution zu genügen, so können sie ihr Von der Groeben, Annemarie: Verschieden-
Scheitern als persönlichen Versagen in Hannelore Muster-Wäbs heit nutzen. Besser lernen in heterogenen
ganz besonderem Maße verstehen (Kun- Rainer Pillmann-Wesche Gruppen. Berlin 2008
ze, S. 23). Die Verantwortung liegt bei Landesinstitut für Lehrerbildung
ihnen selbst und zwar auch dann, wenn und Schulentwicklung (LI)

20 ihbs Nr. 2 · 2009


Schwerpunkt

Ergebnisse: Projekte SELKO und KomLern

Pädagogische Instrumente zur Förderung


individualisierten Lernens
In den Projekten SELKO und KomLern haben Kolleginnen und Kollegen aus 26 Beruflichen Schulen mit
­Unterstützung des Referates Berufliche Bildung im LI in den letzten Jahren zum Erreichen der Ziele des individua­
lisierten Lernens ein Gesamtlernkonzept und die dazu notwendigen, unterstützenden Instrumente erarbeitet.

I m Folgenden werden die erarbeiteten


Instrumente aus den beiden Projek-
ten vorgestellt:
Im Lernbereich 1 wird dann die
Entwicklung dieser Kompetenzen
immer wieder besprochen und do-
notwendig. Diese Ressourcen sind
auch weiterhin notwendig. Aufga-
ben aus Schulbüchern sind keine
Individueller Lernentwicklungsplan: kumentiert: Hierfür hat jede bzw. Selbstlernmaterialien, weil sie im-
In diesem wird die Lernentwicklung jeder die eigene Kompetenztafel. mer die Lehrkraft als Vermittlerin
durch die Lehrkraft dokumentiert, Lernplan: Alle setzen sich auf der benötigen.
damit diese nachvollzogen werden Grundlage des Wissens über die ei- Rhythmisierung des Unterrichts im
kann. Darin ist dokumentiert: das genen Kompetenzen und mit Unter- Wochenplan: Zeiten für die verschie-
Aufnahmegespräch, die Ergebnis- stützung des Lernbegleiters eigene denen Lernformen, wie handlungs-
se der Lernstandserhebung und der Ziele. Eigene Ziele zu formulieren orientiertes Lernen, aktivierenden
Potentialanalyse und die Lernver- und diese auch zu verfolgen wird im Unterricht, Selbstlernzeit sind hier
einbarungen, welche die Schülerin Prozess langsam gelernt. Schüler- festgelegt. Die beteiligten Schulen
bzw. der Schüler mit der Lehrerin aussage: „Ziele sind schnell gesagt, haben vereinbart, dass 25 Prozent
bzw. dem Lehrer getroffen hat. aber es ist schwer für mich, auch der Zeit im Wochenplan in der Ver-
Hinführung zum Lernkonzept: Die wirklich dabei zu bleiben.“ antwortung der Schülerin bzw. des
Schülerinnen bzw. Schüler haben Portfolio: In diesem Ordner doku- Schülers liegen, also Selbstlernzeit ist.
bisher anders gelernt, deshalb be- mentiert jede Schülerin bzw. jeder Lerncoaching: Dieses Lernen braucht
darf es einer intensiven Hinführung Schüler für sich seine individuelle zielführende Unterstützung für jede
zu diesem individualisierten Lernen. Lernentwicklung. Damit ist sie bzw. Schülerin und jeden Schüler durch
Erfahrungsorientierte Einführungs- er jederzeit in der Lage, über die ei- die Lernbegleitenden. Für diese
tage haben sich dabei bewährt. gene Lernentwicklung Auskunft zu Gespräche muss ein Zeitfenster im
Lernstandserhebungen und individu- geben. Ein Portfolio stärkt die indi- Wochenplan vorhanden sein. Dort,
elle Rückmeldung gleich am Anfang, viduelle Selbstwirksamkeitserfah- wo es gelungen ist, diese Lernbera-
um den individuellen Lernstand im rung: „Ich weiß, was ich kann.“ Das tung zu etablieren, hat sich das
Referenzrahmen, z. B. Kom­petenz­ Wissen über die eigenen Kompeten- Lernverhalten schrittweise sehr po-
raster verorten zu können. Wichtig zen liegt in der Hand der Schülerin sitiv entwickelt.
bei diesem Lernen ist, dass die Schü- und des Schülers. Räume für individualisiertes Lernen
lerin bzw. der Schüler etwas über den Gute Selbstlernmaterialien geben enthalten variable Tischgruppen mit
eigenen Lernstand weiß und dann der und dem Einzelnen Material in schnell beweglichen Stühlen, Schrän-
mit dem Referenzrahmen den indi- die Hand, mit dessen Hilfe die in­ ke für jede Schülerin und jeden
viduellen Lernweg planen kann. dividuelle Kompetenzentwicklung Schüler, ein Bord mit den Ordnern
Potenzialanalyse (Personal- und gesteuert werden kann. Auf jedem für Selbstlernmaterialien, Pinwände,
Sozialkompetenz) und individuelle Selbstlernmaterial ist die jeweilige Flipchart und einen Laptopwagen.
Rückmeldung: Für die Schülerinnen Kompetenzstufe angegeben, auf der Michael Roschek,
und Schüler aus den BVS-Klassen gelernt wird. Diese Kompetenz­ Referatsleiter Berufliche
ist die Entwicklung dieser Kompe- stufen sind in einem übersichtlich Bildung im LI
tenzen besonders wichtig, um eine dargestellten Referenzrahmen be-
Betriebs- und Ausbildungsreife zu schrieben. Jeder kann sich in diesem Weitere Infos
erreichen. Deshalb wurde dieses Referenzrahmen verorten und auch
Verfahren erprobt. Die Rückmel- die nächsten zu erreichenden Kom- www.li-hamburg.de/rbb.
dung der Schülerinnen und Schüler petenzstufen erkennen. Die Erar- Auf diesen Seiten finden Sie auch An-
war durchweg positiv: „Noch nie beitung dieser Selbstlernmaterialien sprechpartner von den Schulen aus den
habe ich eine solch ausführliche erfordert viel Zeit. Dafür waren und Projekten SELKO und KomLern.
Rückmeldung zu mir erhalten.“ sind zusätzliche Personalressourcen

Nr. 2 · 2009 ihbs 21


Schwerpunkt

Untertstützungsangebote des Landesinstituts 6) Die Lernenden dokumentieren ihre


Lernentwicklung und ihre Lerner-

Netzwerk SELKO / KomLern folge unterrichtsbegleitend in einem


Lernportfolio. Sie werden hierbei
von den Lehrkräften unterstützt.
und besondere Unterstützungsangebote des Referats

Seminarangebote
Berufliche Bildung
Das Landesinstitut unterstützt die teil-
nehmenden Schulen bei der Umset-
Das HIBB hat den Auftrag, ein Rahmenkonzept zum zung und Weiterentwicklung des Lern-
konzepts durch Fortbildung, Beratung,
individualisierten Lernen zu entwickeln. Das Landesinstitut bietet für die Begleitung und Organisation der Ver-
beruflichen Schulen Unterstützung an im Rahmen eines neuen Netzwerkes netzung. Ihre Ansprechpartner sind
– zum Beispiel Seminare zur Gestaltung der Lernarrangements. Hilke Schwartz und Reinhard Kober.
Die teilnehmenden Schulen ergreifen
die entwickelten Maßnahmen, um die
Netzwerk SELKO / KomLern seinen Lernerfolgen ist. Hierbei wird beschriebenen Ziele zu erreichen. Um
ab August 2009 sie bzw. er durch Lerncoaching von voneinander zu lernen, ermöglichen sie
den Lehrkräften unterstützt (siehe Pra- – wie zurzeit begonnen – Hospitationen
Im Rahmen der Bildungsoffensive des xisbeispiele auf den folgenden Seiten, für interessierte Schulen und unterstüt-
Hamburger Senats ist das HIBB be- ausführliche Informationen finden Sie zen sich gegenseitig als so genannte
auftragt worden, ein Rahmenkonzept auch unter www.li-hamburg.de/rbb). Referenzschulen.
„Individualisiertes Lernen“ auf der Leitziel des Netzwerkes ist, dass die Die bisher in den Projekten betei-
Grundlage der Erfahrungen in den beteiligten Schulen auf der Grundlage ligten Schulen entscheiden sich bis
Projekten „SELKO“ und „KomLern“ des o. g. Lernkonzepts ihr schulisches Anfang Oktober 2009, ob sie dem
zu entwickeln. Dieses Konzept wird Umsetzungskonzept zum individuali- Netzwerk beitreten. „Neue“ Schulen,
federführend im HIBB entwickelt und sierten Lernen weiter entwickeln und die das vorhandene Lernkonzept um-
mit den Schulen bis zum 1. Mai 2010 dabei vorhandene Erfolge nutzen und setzen wollen, werden in das Netzwerk
abgestimmt. Beide Projekte werden ausbauen. Dabei werden folgende Teil- aufgenommen, wenn sie mit einem
ein wichtiger Bestandteil des Rahmen- ziele von den Beteiligten angestrebt: Quorum von 75 Prozent der beteiligten
konzeptes sein und ab August 2009 im 1) Verfahren zur Bestimmung des Lern- Lehrkräfte die Umsetzung des Lern-
Rahmen eines Netzwerkes zusammen stands, der Kompetenzentwicklung konzepts in der betroffenen Abteilung
geführt, das vom Referat Berufliche und Potenzialanalyse (AV) werden bzw. dem Bildungsgang bzw. der Stufe
Bildung des Landesinstituts koordi- regelhaft eingesetzt. befürworten.
niert wird. 2) Die Instrumente zur Referenzierung
Die Pilotphase des Projektes SEL- (Kompetenzraster und Checklisten)
KO ist bereits seit Juli 2008 beendet sind fester Bestandteil des Unter- Weitere Infos
und ausgewertet, während das Pilot- richts und werden weiterentwickelt.
www.li-hamburg.de/rbb
projekt von KomLern im Juli 2009 3) Selbstlernmaterialien (Lernjobs)
Ansprechpartner/-in im Referat
abgeschlossen und evaluiert sein wird. stehen in ausreichender Anzahl für Berufliche Bildung:
Beide Projekte arbeiten an der schul- den Lernenden zur Verfügung und Hilke Schwartz; Tel.: (040) 4 28 01-25 80;
genauen Umsetzung des Lernkonzepts werden von dem Lernenden ausge- ab 10.08.09 neue Tel. Nr.: 42 88 42-664;
„Individualisiertes kompetenzorien- wählt und bearbeitet, um seine per- E-Mail: hilke.schwartz@li-hamburg.de
tiertes Lernen mit Kompetenzrastern sönlichen Lernziele zu erreichen. Reinhard Kober; Tel.: (040) 4 28 01-2789;
und individueller Lernbegleitung“. Da 4) In der Unterrichtsorganisation sind ab 10.08.09 neue Tel. Nr.: 42 88 42-663
dieses Lernkonzept mit geringfügig un- die Selbstlernzeiten als ein Merkmal E-Mail: reinhard.kober@li-hamburg.de
terschiedlichen Ausprägungen die bei- der individualisierten Lernkultur
den Projekte verbindet, liegt es nahe, fest verankert und werden vom Ler-
die beteiligten Projektschulen in einem nenden zur Erreichung seiner per-
Netzwerk zusammenzuführen. Dieses sönlichen Lernziele genutzt. Seminarangebote zum
wird im Oktober 2009 im Rahmen ei- 5) Die Begleitung und Unterstützung Individualisierten Lernen
ner Auftaktveranstaltung gegründet. des Lernenden in seinem Lernpro-
Die Grundidee des Lernkonzeptes zess wird durch regelhafte Lerncoa- Das folgende Schaubild verdeutlicht
ist, dass die bzw. der Lernende selbst ching-Gespräche, die in der Unter- die Herausforderung für Lehrkräfte,
aussagefähig zu seinen Kompetenzen, richtsorganisation verankert sind, das individualisierte Lernen zu unter-
seinen Zielen, seinem Lernprozess und gewährleistet. stützen und Lernprozesse zu gestalten.

22 ihbs Nr. 2 · 2009


Schwerpunkt

Denn ein individualisierter kompeten- Praxisbericht aus der W 3


zorientierter Unterricht umfasst mehr

SELKO an der Beruflichen


als die Phasen des selbstverantworte-
ten Lernens.

Referenzrahmen
(zum Beispiel Kompetenzraster)
Schule Niendorf
Zunächst werden die Kompetenzen der Schüler1) mit Hilfe von
Kompetenzfeststellung Eingangstests und Selbsteinschätzungen eingeordnet. Die Zugehörigkeit
Phasen
selbst ver- handlungs- zu einer bestimmten Niveaustufe (Bepunktung) definiert den individuellen
antworteten orientierter
Startpunkt des Schülers für sein Lernen.
Lernens Unterricht

Das Lernen
gestalten
D urch die Bearbeitung von „Lern-
jobs“ kann jeder Schüler seinen
eigenen Lernweg gehen und wird da-
„Selbstlernzeit“
Für die BFStq-Schüler gibt es sechs
Stunden Selbstlernzeit in der Woche. In
Lerncoaching

Schüler bei durch Lernstandsgespräche und diesen Stunden entscheiden die Schüler
Lehrer- aktivie- Lerncoaching von Lehrern beratend selbst, ob sie sich mit Englisch, Deutsch
zentrierter render begleitet. Die Arbeit folgt folgender oder Mathematik beschäftigen. Haben
Unterricht Unterricht SELKO-Definition: SELKO bedeutet sie sich für einen Inhalt entschieden,
„Selbstverantwortetes individualisier- müssen sie Ziele und den Weg dorthin
tes Lernen mit Kompetenzrastern und in einem Wochenplan dokumentieren.
individueller Lernberatung“. Im Rah- Diese Wochenpläne dienen gemeinsam
Portfolio men der Arbeit sollten alle Beteiligten mit den Klausuren, erarbeiteten Lern-
eine Antwort geben können auf die jobs und Präsentationen als Grundla-
Mit den aufgeführten Seminarange- Frage: Wie funktioniert selbst verant- ge für das nächste Lernstandsgespräch
boten, die wir auf Nachfrage schulge- wortetes Lernen? Bei der schulischen und die nächste „Punktesetzung“ im
nau durchführen, unterstützen wir die Arbeit sollte allen Beteiligten jederzeit Kompetenzraster. SELKO bietet so die
Lehrkräfte in der Gestaltung ihrer Ler- klar sein: Möglichkeit, den unterschiedlichen Vo-
narrangements: „Ich weiß, wo ich stehe.“ raussetzungen der Schüler Rechnung zu
„Ich weiß, wo ich hin will.“ tragen und sie entsprechend ihrer Kom-
Anzustreben ist ein Schülerinnen und „Ich werde auf dem Weg begleitet.“ petenzen zu fördern oder zu fordern.
Schüler aktivierender Unterricht, ge- Durch das selbstständige Arbeiten
kennzeichnet durch Einführungswoche der Schüler gewinnt die jeweilige Lehr-
Handlungsorientierten Unterricht Für die Schüler beginnt das „neue Ler- kraft viel Zeit für die Einzelbetreuung.
Teamentwicklung im Klassenraum: nen“ an der W 3 mit einer Einführungs- „Input“ gibt es als Angebot des Lehrers
soziales und kooperatives Lernen woche. Dabei gilt es, sich mit der Ar- oder gemäß der Nachfrage der Schüler;
Förderung der Selbstlernkompetenz beit mit SELKO grundsätzlich vertraut dieser Input ist nicht unbedingt mehr
von Schülerinnen und Schülern zu machen. Die Schüler erhalten das auf die ganze Klasse orientiert, sondern
Lernentwicklungsgespräche führen (neue) Arbeitsmaterial für die zweijäh- bedient auch individuelle Nachfragen.
(die Lehrkraft in der begleitenden rige Ausbildung, das von den Kollegen
Rolle) der W 3 mit großem Arbeitseinsatz er- Rahmenbedingungen
Die Unterstützung der Lernent- arbeitet und zusammengestellt wurde. Die grundsätzlichen Rahmenbedingun-
wicklung mit einem Portfolio. Es finden Kompetenzfeststellungen gen an Schulen lassen sich meistens nur
und Einzelgespräche mit jedem Schü- schwer verändern.
Hilke Schwartz, Michaela Frede, LI ler statt, um seine bereits vorhandenen Es gibt aber zwei wichtige Vorausset-
Kompetenzen als Startpunkt für seine zungen für ein Gelingen in der Schule:
Weitere Infos weitere Arbeit festzuhalten. 1. Es braucht motivierte Kollegen, die
Dazu wurden Kollegen durch Fort- den Mut haben, sich auf etwas Neues
Ausführliche Seminarbeschreibungen bildungen, koordiniert durch das LI,
finden Sie unter www.li-hamburg.de/rbb in den Bereichen Lernstandsgespräche
Ansprechpartnerin im Referat Berufliche Anmerkung:
und Lerncoaching geschult. Dies war
Bildung: M. Frede; Tel.: (040) 4 28 01-25 80;
ab 10.08.09 neue Tel. Nr.: 42 88 42-664
für die Lehrkräfte die Voraussetzung 1) AusGründen der Lesefreundlichkeit wird nur die männ-
E-Mail: michaela.frede@li-hamburg.de für die Umsetzung ihrer neuen Rolle liche Schreibform verwendet. Gemeint sind aber in glei-
cher Weise beide Geschlechter.
als Lernberater bzw. Lernbegleiter.

Nr. 2 · 2009 ihbs 23


Schwerpunkt

einzulassen und einen Rollenwechsel


zu wagen (vom Lehrer zum Lernbe-
rater).
2. Die gesamte Schulleitung muss hinter
solch einem Projekt stehen und be-
reit sein, an notwendiger Stelle auch
für Entlastung Sorge zu tragen.

Erfahrungen nach anderthalb Jahren


Inzwischen lässt sich festhalten:
Schüler machen die Erfahrung, dass
das Selbstverantwortete Lernen sehr
viel mehr als „früher“ von Ihnen ab-
verlangt. Sie brauchen eine gewisse
Zeit, um mit den Tools Kompetenz-
rastern, Checklisten etc. vertraut zu
werden. Haben sie sich in die neue
Methode hineingefunden, schät-
zen sie es zumeist, dass man ihnen
Verantwortung übergibt. Durch die
intensive Betreuung der Schüler
(Lerncoaching) fühlen sie sich als
individuelle Person wertgeschätzt.
Foto: fotolia

Dies führt offenbar zu einem stark


verbesserten Sozialklima in den
Klassen.
Lehrer fühlen sich entlastet. Sie ha-
ben endlich Zeit für den einzelnen Die nächste Herausforderung ist, den werden müssen. Auch Schülerinnen
Schüler. Durch die notwendige, sehr Lernbereich I, die sozialpädagogischen und Schüler haben hier die direkte
enge Zusammenarbeit zwischen den Inhalte, selbstverantworteter und indi- Möglichkeit, Einfluss auf das zu ver-
Kolleginnen und Kollegen ist eine vidueller zu gestalten. Dazu überprüfen mittelnde Wissen zu nehmen, indem
neue Art von Teamarbeit entstan- wir gemeinsam, was im Lernbereich I sie Unterrichtseinheiten bewerten, re-
den, die zu positiven Synergieeffek- gut läuft und ausgebaut werden kann. flektieren und evaluieren. Durch diese
ten führt. Allerdings empfinden es Wir entwickeln die ersten fächerüber- Vernetzung von Wissensvermittlung
manche Kollegen immer noch als greifenden „Lernjobs“, bei denen die und aktive Teilhabe werden die indivi-
schwer, das „Gewohnte“ wirklich Lernenden die Möglichkeit haben, sich duelle Leistungsfähigkeit und Lernbe-
„loszulassen“, ein neues Rollenver- vor Beginn der Arbeit selbst einzu- reitschaft erhöht.
halten zu praktizieren. schätzen – im Hinblick auf die Fragen, Als Ziel gilt ebenfalls hier: Die Stär-
welches Wissen und welche Kompeten- kung der Schüler in ihrer individuellen
Ausblick zen sie schon besitzen und welche sie Selbstständigkeit durch den Aufbau
SELKO ist eine Unterrichtsmethode, noch erwerben wollen. von Handlungskompetenz.
die den Unterricht fördert, der als hand- Fertige „Lernjobs“ stellen wir allen Zum neuen Schuljahresbeginn wird
lungsorientiert bezeichnet werden kann Kollegen zur Verfügung. Dies bringt ein Treffen organisiert, um diese Ide-
und der den Schüler zu einem selbstver- mehrere Vorteile mit sich. en allen sozialpädagogischen Schulen
antworteten Lernen motiviert. Einerseits dienen sie zur Entlastung zugänglich zu machen; gegebenenfalls
Selbstverantwortung steht im Mit- der Kollegen, die auf „fertige“ Unter- geht es dann auch darum, Ideen ge-
telpunkt des Unterrichts; Selbstverant- richtsmaterialien zugreifen können. meinsam weiterzuentwickeln.
wortung ist auch eine Herausforderung Andererseits besteht die Möglichkeit,
im späteren Berufsleben. Hier steht der unterrichtete Lernjobs inhaltlich und Harriet Hoensch, W 3
Schule ein Unterrichtsinstrument zur methodisch zu überprüfen.
Verfügung, mit dem man auf die immer Dadurch findet ein reger kollegialer
unterschiedlicher werdenden Lernvor- Austausch von Informationen statt. Es Weitere Infos
aussetzungen von Schülern reagieren ist erwünscht, Neues anzustoßen, zu
kann. Unser Ziel: Das Lernen so weit benennen, zu spiegeln und zu inter- www.hh.shuttle.de/w3/index.html
wie möglich in die Hand des Lernenden pretieren. Es sollte geprüft werden, ob www.hh.shuttle.de/w3/html/
zu geben und diesem zu ermöglichen, Unterrichtsmethoden oder -materiali- page93427.html
sich als selbstwirksam zu erfahren. en brauchbar sind oder neu „gedacht“

24 ihbs Nr. 2 · 2009


Schwerpunkt

Projekt SELKO

Erste Erfolge an der


Staatlichen Handelsschule Bergedorf
Ein motiviertes Kollegium, begeisterte Schülerinnen und Schüler, ruhiges Arbeiten – mit dem
Projekt SELKO verbuchte die H 17 schon bald nach den ersten Versuchen Erfolge.

D as Lernen mit Kompetenzrastern


startete an der H17 im Schuljahr
2007 / 08. Schülerinnen und Schüler der
danach befasste sich das ganze Kolle-
gium auf einer Fortbildungsveranstal-
tung in der H 17 unter der Leitung von
SELKO-Konferenz ist der Infor-
mations- und Erfahrungsaustausch
zwischen Schulformen und Fach-
Oberstufe der teilqualifizierenden Be- Priska Fuchs vom Kaufmännischen Bil- richtungen. Die Konferenz setzt
rufsfachschule Wirtschaft und Verwal- dungszentrum Zug (Schweiz) mit dem sich aus Kolleginnen und Kollegen
tung sammelten von Oktober 2007 an individualisierten Lernen. Im Schuljahr zusammen, die im Lernbereich II
in den Fächern Sprache und Kommuni- 2006 / 07 starteten die ersten Versuche in der Höheren Handelsschule, der
kation, Fachenglisch und Mathematik in der teilqualifizierenden Berufsfach- vollqualifizierenden und teilqualifi-
(Lernbereich II) ihre ersten Erfahrun- schule Wirtschaft und Verwaltung. zierenden Berufsfachschule (BFS-
gen damit individualisiert zu lernen. In knapp einem Jahr machten sich vq, BFS-tq) sowie der Berufsvorbe-
Schon ein halbes Jahr später zeigten die am Projekt SELKO mitarbeitenden reitung (BVS) unterrichten.
sich die ersten Erfolge. In einer Umfra- Kolleginnen und Kollegen mit dieser Die mit dem individualisierten Ler-
ge im April 2008 konstatierten die am nen befassten Arbeitsgruppen wur-
Projekt mitarbeitenden Lehrkräfte eine den in SELKO-Fachgruppen umbe-
m
 otivierte und aufgeschlossene Mit- nannt. Diese organisatorische Einheit
arbeit der Schülerinnen und Schüler beschäftigt sich vorrangig damit, ein
ruhige Arbeitsatmosphäre Rahmenkonzept zur Unterrichtsor-
hohe Akzeptanz der Schülerinnen ganisation und dessen Evaluierung
und Schüler bei der Erprobung ei- zu erarbeiten sowie Selbstlernmate-
nes neuen didaktischen Konzepts. rialien zu entwickeln.
Es werden pädagogische Jahreskon-
Die Auswertung des Schüler-Feedbacks ferenzen durchgeführt.
löste einen weiteren Motivationsschub Seit August 2008 wurden drei
bei der Umsetzung von SELKO aus: A 14-Fachleiterstellen mit dem
Mehrheitlich bewerteten Schülerinnen Schwerpunkt selbstgesteuertes und
Foto: privat

und Schüler das individualisierte Ler- individualisiertes Lernen besetzt.


nen als positiv, weil sie beispielsweise Seit 2006 sind die Selbstständigkeit
ihr Lerntempo selbst bestimmen und Schülerinnen mit SELKO-Unterlagen fördernden Unterrichtsformen in
sich frei entscheiden können, ob sie ihre den Ziel- und Leistungsvereinba-
Lernjobs allein oder in einer Gruppe rungen verankert.
bearbeiten möchten. Möglicherweise neuen Unterrichtsform vertraut. Auf
gaben die Oberstufenschülerinnen und Workshops des Landesinstituts erstell- Die neuen Schülerinnen und Schüler
-schüler dieses positive Feedback, weil ten sie gemeinsam mit Kolleginnen und der Unterstufe der BFS-tq des Schuljah-
sie bereits in der Unterstufe gute Erfah- Kollegen weiterer SELKO-Schulen die res 2008 / 2009 erhielten Stahlschrank-
rungen mit dem handlungsorientierten Kompetenzraster und Checklisten. Da- Schließfächer und je vier Ordner für
Lernfeld-Unterricht und selbstständi- rüber hinaus konzipierten und entwi- die Aufbewahrung der SELKO-Mate-
ger Arbeitsweise gesammelt hatten. ckelten schulinterne Arbeitsgruppen rialien. Ein SELKO-Klassenraum wur-
komplexe Lernarrangements. de mit Laptops, Drucker und Beamer
Vorbereitungen des Kollegiums ausgestattet.
Eine Gruppe von Kolleginnen und Veränderungen in der Schule
Kollegen hatte 2005 begonnen, in der Die H 17 schuf für den Bereich „Selb- Entwicklung bei den Beteiligten
Berufsschule im Lernbereich I das ständigkeit fördernde Unterrichtsfor- Im Vergleich zum Vorjahr ergaben
selbstgesteuerte Lernen in einer koope- men“ neue Organisationsformen: sich weitere grundlegende Verände-
rativen Form (Skola) einzuführen. Bald Einer der Arbeitsschwerpunkte der rungen. Die Schüler der Unterstufe

Nr. 2 · 2009 ihbs 25


Schwerpunkt

beteiligten sich in der ersten Schulwo- das Fach Sprache und Kommunikation der Höheren Handelsschule und BFS-
che in den SELKO-Fächern an einem wurde geändert, denn die Lernjobs wer- vq einzuführen.
Eingangstest, um ihre Lernausgangslage den nicht mehr in geblockten Einheiten Es bleibt noch viel zu tun – auf dem
zu bestimmen. Ihnen wurde auf einer bearbeitet. Die Lernenden und ihre Be- Weg zu einer neuen Lehr- und Lernkul-
zentralen Einführungsveranstaltung das rater verfügen über zwei Wochenstunden tur.
SELKO-Konzept vorgestellt. Im Stun- für selbstorganisiertes Lernen, insgesamt Manfred Duttenhöfer (H 17)
denplan fest verankert ist eine Lerncoa- etwa 70 Stunden in der Unterstufe.
ching-Stunde. Jede Schülerin und jeder Im laufenden Schuljahr 2009/10 ar-
Schüler führt mit der entsprechenden beiten die Fachgruppen daran, das Ler- Weitere Infos
Fachlehrkraft pro Schulhalbjahr und nen mit Kompetenzrastern im Bereich
Fach ein verpflichtendes Lernentwick- der BFS-tq weiterzuentwickeln und das www.handelsschule-bergedorf.de/
lungsgespräch. Das Rahmenkonzept für Konzept SELKO auch in den Klassen

Arbeiten mit Lernlandkarten und Lernberatung

Lernsettings gestalten –
Lernvereinbarungen treffen
Einige Lehrerinnen und Lehrer betreiben allerlei Vorbereitungsfleiß für ihren Unterricht, ohne dadurch
notwendigerweise erfolgreich zu sein. Zum Teil hat das mit einem rezeptionsorientierten Lernverständnis zu tun,
das die Lernenden nicht in die Lage versetzt, den Lernsinn zu verstehen.
PRAXIS

D ie Autorin zeigt, was man tun


kann, um dem entgegenzuwirken,
z. B. durch Arbeit mit Lernlandkarten
Die Lernenden haben Gelegenheit, Arbeitsmaterialien und die Verwah-
unter räumlich guten Bedingungen zu rung der Portfolios gibt es Schränke.
lernen. Lernkarteikarte Die Schule kennt keine Klingelzeichen,
(Muster)
oder Lernberatung, um Anschlüsse Die
Name: Lernenden arbeiten in eigenen die den Arbeitsprozess unterbrechen.
Datum:
zum vorhandenen Wissen herzustel- Klassenräumen,
Klasse:
es gibt kleine Grup- Lernfeld: Die Lernzeiten am Tag für Selbstorga-
len. So wird Lernen zu einem subjek- penarbeitsräume
Was ich heute neu gelernt undWoranBesprechungs-
ich erkenne, dass ich nisiertes
Fragen, Lernen
die ich noch zum (SOL) sindwerde
An dieser Frage flexibel:
habe: erfolgreich gelernt habe: Thema habe: ich in der nächsten Stunde
tiven Konstruktionsprozess, indem zimmer. Internetzugänge sind vorhan- Der Tag enthält Selbstlernzeiten, weiterarbeiten: bietet
die Schülerinnen und Schüler aus den, obendrein eine Lernbibliothek Möglichkeiten zur Bildung selbst orga-
Fachinformationen schlüssiges Wissen (mit Bibliothekar)
Meilensteine, die es seit und ein im Aufbau
Schwierigkeiten und wie ich nisierter
Ich Lerngruppen
habe Beratungsbedarf: und der
Kommentar ausreichend
der letzten Lernberatung damit umgegangen bin: Lernberatung:
gewinnen. befindlicher
gegeben hat: Lernquellenpool. Für die Zeit für Lernberatung.
Lernberatung ist ein partizipati-
ver Prozess. Er ist für die Lernenden
überschaubar und immer nachzuvoll- Lernlandkarte
ziehen. Lernberatung setzt auf Frei- Lernlandkarte
willigkeit. Die Schüler und Schüle-
rinnen erleben in der Interaktion mit
ihren Lernberatern, dass sie eigene
Entscheidungen treffen, ihre Arbeit
Elterngespräch Ergebnis-
reflektieren und bilanzieren, eigene Lern- Internetrecherche dokumentation
wege finden und mit unterschiedlichen
Lernwegen experimentieren können.
Schule
Selbstgesteuerte und problemlö-
sungsorientierte Lernformen, wie sie Hauptinsel:
Recherche LF 1 Umgang mit Hochbegabung
in einigen Klassen der Fachschule für Bibliothek Projektplanung
Sozialpädagogik 2 in Hamburg prakti-
ziert werden, setzen besondere Lernset-
tings voraus, die die Selbsttreflexivität Hospitation Interview
Hochbegabtenzentrum
der Lernenden unterstützen und ihre Gymnasium Max Brauer

Selbstorganisationsfähigkeit fördern:

reflektieren und bilanzieren, eige- sichtbar am Arbeitsplatz angebracht. – „Viel und ungewohnte Arbeit.“
ne Lernwege finden und mit unter- Sie unterstützt die Lernenden, ihre – „Früher war das Arbeiten ein-
schiedlichen Lernwegen experimen- Lernwege im Blick zu behalten, und facher, aber nicht so erfolgreich.“
26 ihbs Nr. 2 · 2009 tieren können. sie bietet dem Lernberater die Mög- – „Ich werde besser unterstützt und
Ist das Schwerpunktthema für lichkeit, gezielt nachzufragen. Alle fühle mich ernstgenommen.“ ■
den nächsten Lernabschnitt gewählt, Dokumente, Verträge, Protokolle,
in der Lernberatung abgesprochen Arbeitsergebnisse, Kommentare der
Schwerpunkt

Lernkarteikarte (Muster)
Name: Datum:
Klasse: Lernfeld:

Was ich heute Woran ich erkenne, dass ich Fragen, die ich noch zum An dieser Frage werde
neu gelernt habe: erfolgreich gelernt habe: Thema habe: ich in der nächsten Stunde
weiterarbeiten:

Meilensteine, die es seit Schwierigkeiten und wie ich Ich habe Beratungsbedarf: Kommentar der
der letzten Lernberatung damit umgegangen bin: Lernberatung:
gegeben hat:

Die Lernenden erhalten eine prozess- die Transparenz der Entscheidungen Ist das Schwerpunktthema für den
begleitende Lernberatung. und eine Kultur des Vertrauens. nächsten Lernabschnitt gewählt, in der
Im Rahmen dieser fortlaufend verfüg- Lernberatung abgesprochen und in ei-
baren Lernberatung werden gegensei- Leitidee: nem Lernvertrag festgehalten, gestal-
tige Erwartungen geklärt. Ein wichti- Die im Lernvertrag vereinbarten ten die Schüler und Schülerinnen eine
ger Beitrag zu einer für selbstständige Ziele sind Grundlage für das Ler- Lernlandkarte (Beispiel siehe oben; LF
Arbeit förderlichen Lernkultur, die den nen im Bereich des selbstgesteuer- steht für Lernfeld).
Lernenden hilft, das individuelle und ten Lernens. Die Lernlandkarte zeigt unterschied-
kollektive Lernen selbst in die Hand zu Der Lernvertrag steht für die gute liche Pfade, die die Schülerin gehen
nehmen. Sie reflektieren den eigenen Zusammenarbeit zwischen Lernen- möchte, um das Thema der Hauptinsel
Lernprozess und entwickeln metakog- den und Lehrkräften. erfolgreich bearbeiten zu können. Die
nitive Kompetenzen. Die Lernberatung Die Lernenden übernehmen eine Landkarte wird gut sichtbar am Ar-
bietet eine Gesamtorientierung für den große Verantwortung für den eige- beitsplatz angebracht. Sie unterstützt
Lernprozess und stützt die Individuali- nen Lernerfolg. die Lernenden, ihre Lernwege im Blick
tät des Einzelnen. Mit ihrer Unterschrift dokumentie- zu behalten, und sie bietet dem Lern-
ren die Beteiligten den gegenseitigen berater die Möglichkeit, gezielt nach-
Der Lernvertrag Respekt und die gemeinsame Verant- zufragen. Alle Dokumente, Verträge,
Der Lernvertrag enthält Zielvereinba- wortung für das Lernergebnis. Protokolle, Arbeitsergebnisse, Kom-
rungen und klärt, welche Ressourcen mentare der Lernberatung usw. werden
zur Erreichung des Ziels notwendig Nach jeder Selbstlerneinheit füllen die in einem Portfolio festgehalten.
sind: Schüler und Schülerinnen eine Lernkar-
Welche personelle Unterstützung teikarte aus. Auf dieser wird der Ler- Schülerkommentare:
wird gewünscht? nerfolg und/oder der Beratungsbedarf „Ich kann endlich selbst entschei-
Welche Arbeitsmittel müssen be- dokumentiert und mit der Lehrkraft/ den, wie ich lernen will.“
reitgestellt werden? Lernberatung weitere Arbeitsschrit- „Das Verhältnis zur Lehrkraft ist
Wie viel Zeit ist zur Erreichung des te vereinbart. Die Lernkarteikarte ist sehr gut und intensiv geworden.“
Ziels notwendig? Grundlage für das Lernberatungsge- „Viel und ungewohnte Arbeit.“
spräch. „Früher war das Arbeiten einfacher,
Die Schülerinnen und Schüler des 2. Se- aber nicht so erfolgreich.“
meters der FSP2 kennen den Lehrplan, Das Lernberatungsgespräch vollzieht „Ich werde besser unterstützt und
sie verfügen über Praxiserfahrung, ha- sich in einem offenen dialogischen und fühle mich ernstgenommen.“
ben im ersten Ausbildungsabschnitt interaktiven Prozess, orientiert sich
Biografiearbeit geleistet und sich mit dennoch am Curriculum. Lernberatung Petra Stamer-Brandt
ihrem individuellen Zugang zum Ler- ist ein partizipativer Prozess. Er ist für Petra.Stamer-Brandt@bsb.hamburg.de
nen auseinandergesetzt. Auf dieser die Lernenden überschaubar und nach- Stellvertretende Schulleiterin der
Grundlage formulieren sie einen Lern- vollziehbar und setzt auf Freiwilligkeit. Fachschule für Sozialpädagogik
vertrag, der mit der Lernfeldlehrkraft Die Schüler und Schülerinnen erleben Hamburg-Altona FSP 2
abgestimmt wird. Die Lehrkraft ak- in der Interaktion mit ihren Lernbera-
zeptiert auch ungewöhnliche Lernwe- terInnen, dass sie eigene Entscheidun-
ge und -settings und ermutigt dadurch gen treffen, ihre Arbeit reflektieren Hinweis
zum Entdecken vorhandener Potenzia- und bilanzieren, eigene Lernwege fin- Der Beitrag ist zunächst im Friedrich Verlag
le. Grundvoraussetzung für gelingende den und mit unterschiedlichen Lernwe- (Seelze bei Hannover) erschienen.
Gespräche sind eine gute Atmosphäre, gen experimentieren können.

Nr. 2 · 2009 ihbs 27


In t e r v i e w

Interview mit Senatorin Christa Goetsch

„Berufliche Schulen sind Eckpfeiler


der Bildungsoffensive“
Am Donnerstagabend, am 14. Mai 2009, diskutierte Senatorin Christa Goetsch zum zweiten Mal binnen
eines Jahres aktuelle Fragen der Bildungspolitik mit den Schulleiterinnen und Schulleitern der beruflichen Schulen.
Im Mittelpunkt standen die Schulreform, die Gestaltung des Übergangs Schule-Beruf und die Weiterentwicklung
der Bildungsangebote der Berufsschulen. Grund genug, bei der Senatorin einmal nachzufragen. Es ist
übrigens seit Gründung des HIBB das erste Interview in „ihbs“ mit einer Senatorin.

ihbs: Frau Senatorin, im Gespräch mit


den Schulleitungen in der „Ehemaligen
Kaffeebörse“ spürte man bei Ihnen eine
gewisse Begeisterung für die beruflichen
Schulen. Woher rührt das?

Senatorin Christa Goetsch: (lacht) Un-


abhängig davon, ob es berufsbildende
oder allgemeinbildende Schulen sind:
Wo gute Arbeit geleistet wird, da soll
man das auch sagen. Und in wichtigen
Fragen der Weiterentwicklung von Un-
terrichtsqualität und Schulentwicklung
sind in den letzten Jahren von den Kol-
leginnen und Kollegen der beruflichen
Schulen Meilensteine gesetzt worden.
Als Beispiele fallen mir die Konzepte
der Lernfeldorientierung und des indi-
vidualisierten Lernens in den Projek-
ten Selko und KomLern ein. Auch die
Lernortkooperation und die Erfolge
in der Zusammenarbeit mit Betrieben
und Unternehmen sind einfach gut.
Dass die Einführung des Qualitätsma-
nagements mit allen Schulen in deren
Ziel- und Leistungsvereinbarungen
verabredet worden ist, finde ich vor-
bildlich. Zu deren Unterstützung gibt
es unter anderem ein gut funktionie-
rendes Netzwerk, an dessen Treffen im
Mai wieder rund 100 Lehrerinnen und bildungsoffensive nimmt an Fahrt auf. entwicklung oder auch bei den RSKs
Lehrer teilgenommen haben. Erhalten die beruflichen Schulen jetzt beteiligt gewesen. Das sehen Sie auch
mehr Aufmerksamkeit bei der Gestal- bei der Fortbildungsoffensive, an
ihbs: Mancherorts wurde aber beklagt, tung der Schulreform? den Eckpunkten für die Reform des
dass in der Diskussion der Schulreform Übergangs Schule-Beruf oder der
diese Themen kaum beachtet wurden. Goetsch: Unsere Schulreform hat Schulgesetznovellierung, mit der wir
Nun haben die Regionalen Schul­ das Ziel, alle Jugendlichen in ihren unter anderem eine sichtbare Stär-
entwicklungskonferenzen (RSK) ihre Talenten zu fördern, um sie für das kung der Beruflichen Oberstufe er-
Empfehlungen abgegeben, die Einfüh- Leben und einen Beruf fit zu machen. reichen wollen. Richtig ist allerdings,
rung der Primarschule verliert bei den Deswegen sind die Beruflichen Schu- dass in den Medien die Diskussion vor
Skeptikern an Schrecken und die Fort- len von Beginn an bei der Konzept- allem über die Primarschulen geführt

28 ihbs Nr. 2 · 2009


In t e r v i e w

wurde. Ich habe aber keinen Zweifel Übergang in die Berufswelt zu ermög-
daran aufkommen lassen: Die Beruf- lichen, wird aber auch ein Fachkräfte-
lichen Schulen sind ein Eckpfeiler der mangel befürchtet. Muss daher nicht
neuen Bildungsoffensive. auch mehr für die Attraktivität der Be-
rufsbildung und für die Durchlässigkeit
ihbs: Hamburg hat als Metropolregion zu den Hochschulen getan werden?
einen sehr hohen Anteil an bildungsbe-
nachteiligten Schülerinnen und Schü- Goetsch: Das ist richtig. Deswegen
lern. Es ist leider zu befürchten, dass wollen wir durch die Schulgesetzno-
vor allem Jugendliche mit schlechtem vellierung auch im Rahmen der dualen
oder fehlendem Schulabschlusses von Ausbildung den Zugang zur Hochschu-
der Arbeitsmarktentwicklung weiter ne- le erleichtern. Zukünftig wird es mög-
gativ betroffen sein werden. Aber viele lich sein, im Rahmen einer beruflichen
Herausforderungen können nicht erst Ausbildung eine Hochschulzugangsbe-

Foto: Stefan Malzkorn


von den beruflichen Schulen aufgefan- rechtigung zu erlangen bzw. durch den
gen können. Besuch der Berufsoberschule, die ein-
geführt wird, nach erfolgreicher Aus-
Goetsch: Deswegen setzen wir mit un- bildung das Abitur zu machen. Damit
seren Reformen schon früher an: Zum wird eine Lücke im Bildungssystem ge-
einen wollen wir mit einer verstärkten schlossen. Die beruflichen Schulen tra-
Berufsorientierung schon in der Se- gen dann – mit einer klaren beruflichen
kundarstufe I und einer verbesserten ihbs: Wir haben in der letzten Ausgabe Profilierung – noch stärker als bisher
Gestaltung des Übergangs Schule-Be- von ihbs über die Eckpunkte der Re- dazu bei, durch ihre Bildungsangebote
ruf frühzeitig lernschwächeren – aber form des Übergangssystems Schule-Be- das Bildungsniveau in Hamburg anzu-
auch lernstärkeren – Schülerinnen und ruf berichtet. Können Sie heute schon heben.
Schülern berufliche Perspektiven er- Konkreteres sagen?
öffnen. Zum anderen wollen wir soge- ihbs: Nach der Gründung des HIBB als
nannten noch nicht ausbildungsreifen Goetsch: Wir führen zurzeit (29. Mai, Landesbetrieb gab es zu Beginn einige
Schülerinnen und Schülern durch ein d. Red.) die letzten Abstimmungsge- „Aufs und Abs“, kommt da die im Juni
flexibles System von passgenauen Vor- spräche zum Rahmenkonzept, das im beginnende Evaluation, an deren Ende
bereitungsmaßnahmen in Kooperation Juni öffentlich vorgestellt werden soll. die Entscheidung über das Weiterbe-
mit Betrieben den Weg in die Berufs- Soviel kann ich aber schon jetzt sagen: stehen des Landesbetriebs stehen soll,
welt ebnen. Wir wollen eine systematische verbind- nicht etwas früh?
liche Beruforientierung an allen Stadt-
ihbs: Kritisiert wird aber nicht zu un- teilschulen und Gymnasien etablieren Goetsch: Das ist einerseits richtig, ande-
recht, dass es in diesem Übergangsbe- und verbindliche Kooperation mit be- rerseits hat das HIBB gerade im letzten
reich zu viele Maßnahmen und zu viele ruflichen Schulen auf- und ausbauen. Jahr spürbar an Fahrt aufgenommen.
Akteure gibt, die sehr engagiert sind, Auch gilt das Motto: Je früher desto Die Zentrale wurde neu aufgestellt, 10
aber im Endeffekt nicht wirksam genug. besser: Der Übergang Schule-Beruf Schulleiterstellen wurden im letzten
Muss hier nicht umgedacht werden? muss so schnell es geht Perspektiven bzw. werden in diesem Jahr neu besetzt,
eröffnen und Frustrationen vermeiden. 15 berufliche Schulen werden in den
Goetsch: Ich freue mich, dass es immer Dafür gilt es, das Interesse der Schüler nächsten fünf Jahren im Rahmen der
mehr Verbündete gibt, die dies nicht und Schülerinnen früh zu wecken und so genannten „HIBB-Tranche“ saniert
mehr ertragen wollen und ihre Kräf- zeitgleich den Kontakt zu den Betrie- bzw. neu gebaut. Es werden zusätzlich
te bündeln, um sich für bildungsbe- ben herzustellen. Hier spielt dann das ca. vier Millionen Euro an Baumitteln
nachteiligte Jugendliche einzusetzen. Know-how der Berufsschulkolleginnen aus dem Konjunkturprogramm zur
Besonders die neuen Kooperationen und -kollegen eine ganz entscheidende Verfügung gestellt. Ich bin mir sicher,
zwischen Schulen, Kammern, Gewerk- Rolle für das Gelingen. Ihre Erfahrun- dass die anstehende Evaluation des
schaften, Betrieben sowie zum Beispiel gen, Kompetenzen, ihre Nähe zu den HIBB bei dieser Entwicklung hilfrei-
der Agentur für Arbeit und der Be- Betrieben und die Lernortkooperation che Optimierungsvorschläge erbringen
hörde bieten wichtige Ansatzpunkte. der beruflichen Schulen sind bei der kann. Es ist großartig, was die Mann-
So habe ich vor ein paar Wochen den Unterrichts- und Schulentwicklung in- schaft des HIBB alles geschultert hat,
Startschuss für das Projekt „Kora“ ge- nerhalb der Stadtteilschulen, aber auch und ich wünsche mir, dass die Energie
geben. Hier wird regional die Arbeit der Gymnasien unverzichtbar. und der Elan auch weiter anhalten.
für diese Jugendlichen vernetzt und da-
bei unabhängig von ausgetretenen Pfa- ihbs: Neben den Schwierigkeiten, bil- Die Fragen stellte für die
den und Zuständigkeiten geholfen. dungsbenachteiligten Jugendlichen den „ihbs“ Uwe Grieger

Nr. 2 · 2009 ihbs 29


R e g i on a l e s & Ü b e r R e g i on a l e s

Andererseits hätten immer mehr leis-


tungsschwache Jugendliche – beson-
ders solche mit Migrationshintergrund
– Schwierigkeiten, eine Ausbildungs-
stelle zu finden: In einigen Regionen
schafften 30 Prozent der Jugendlichen
nicht den Übergang von der allgemein-
bildenden Schule in den Beruf. Für sie
müssten vermehrt zweijährige Ausbil-
dungsgänge auf reduziertem Niveau
angeboten werden. Sie entsprächen
auch dem Bedarf der Wirtschaft.
Für Leistungsstärkere sollten die
Übergänge zwischen dem Berufsbil-
dungssystem und dem Bereich der
Hochschule flexibilisiert werden. Jeder,
der erfolgreich eine qualifizierte Berufs-
ausbildung absolviert hat, müsse direkt
in eine Hochschule wechseln können.
So könnten Ausbildungsbausteine aus
einer stärker modularisierten Berufs-
ausbildung im Studium angerechnet
werden. Umgekehrt sollten junge Men-
Hamburger Tagung zu Perspektiven der Beruflichen Bildung schen, die ein Studium abbrechen, leich-
ter in eine duale Ausbildung wechseln

schulterschluss: können, indem Teile des Studiums als


Ausbildungsmodule anerkannt würden.

HIBB, Kammern, Einigkeit über Reformvorhaben


Auf der Podiumsdiskussion waren sich

Verbände und Betriebe Helly Bruhn-Braas, Robert Panz (Ge-


werbeschule 11), Rainer Schulz (Ge-
schäftsführer des HIBB), Prof. Eckardt
Severing und Kai Uther („Signal Iduna
Auf Einladung der Handelskammer Hamburg, der Handwerkskammer Gruppe“) in etlichen Kernpunkten ei-
Hamburg, des UV Nord und des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung nig. Die Reform des Übergangssystems
(HIBB) berieten im März 230 Berufsbildner über zukünftige Herausforderun- Schule – Beruf sei ein wichtiges Vor-
haben. Aber schon in den allgemein-
gen und die Neuorientierung des Übergangssystems Schule-Beruf.
bildenden Schulen müssten die Kom-
petenzen in den Bereichen Deutsch,

I n ihrer Eröffnungsrede vor Ver-


tretern der Bildungsbehörde, von
Verbänden, Kammern und berufli-
quetekommission und dem Koaliti-
onsvertrag zwischen CDU und GAL.
Englisch und Mathematik gestärkt
werden, damit die Schulabgänger im
Arbeitsleben Fuß fassen könnten. Die
chen Schulen hob Helly Bruhn-Braas Thesen von Prof. Eckart Severing geplante Schulform „Berufsoberschu-
(AGA Unternehmensverband) das In seinem Hauptvortrag analysierte le“ sei gut geeignet, die „vertikale Mo-
große Vertrauen zwischen dem HIBB Prof. Dr. Eckart Severing, Geschäfts- bilität“ zu fördern. Das HIBB könnte
und den beruflichen Schulen mit der führer des Forschungsinstituts Be- als Landesbetrieb mit seinen 45 beruf-
Wirtschaft hervor. Senatorin Chris- triebliche Bildung (f-bb) in Nürnberg, lichen Schulen Pionierarbeit für das
ta Goetsch betonte in ihrer Rede die Anforderungen an das Übergangs- deutsche Berufsschulwesen leisten.
die Bedeutung einer guten Berufs- system. Severing sieht das Berufsbil-
bildungspolitik für eine nachhaltige dungssystem von zwei Seiten her als Text und Foto:
wirtschaftliche Entwicklung. „Berufli- „bedroht“ an: Zum einen wählten im- Manfred Schwarz (HIBB)
che Schulen sind ein wesentlicher Be- mer mehr Abiturienten ein Bachelor-
standteil der Bildungsoffensive“. Die Studium. Es dauere vergleichbar lang Weitere Infos
kürzlich verabschiedeten „Eckpunkte wie eine duale Ausbildung und ent-
http://www.hibb.hamburg.de/index.php/
für die Reform des Übergangssystems wickle sich selbst zunehmend zu einer article/detail/4332
Schule – Beruf“ basierten auf der En- Berufsausbildung.

30 ihbs Nr. 2 · 2009


R e g i on a l e s & Ü b e r R e g i on a l e s

Quartier „Altstadt-Altona“

Tolles interkulturelles Fest –


mit der FSP 2
Das Altonaer „Parkfest 2009“ wurde wieder einmal zu einem
imponierenden Erfolg. Das schöne Samstag-Event wurde nicht zuletzt durch das
große Engagement der Altonaer Fachschule für Sozialpädagogik (FSP 2) möglich.

M it ungewöhnlichem Engagement,
viel Fantasie und großem Zeit-
aufwand präsentierten acht Stadtteil-
zurückkommen. Deswegen gab es am 25.
Juni 2009, gab es eine „Pflanzenbörse“ –
zum öffentlichen Verkauf der Produkte.
bzw. Erzieher. Weitere Schwerpunkte
sind die Berufsfachschulen für „Sozial-
pädagogische Assistenz“ und für „So-
Initiativen auf dem Familienfest im zialpädagogische Dienstleistungen“.
“August-Lütgens-Park“ vielfältige und Integration von Theorie und Praxis Außerdem bildet die FSP einige zu-
interessante Outdoor-Spiele sowie ein Die Event-Aktionen des Parkfestes künftige „Helferinnen in der Tagesstät-
buntes Bühnenprogramm mit inter- haben Schülerinnen und Schüler der te“ aus; dies ist eine „Qualifizierungs-
nationaler Musik und faszinierenden FSP 2 mit ihren Lehrkräften lange vor- maßnahme für Menschen mit geistiger
Tanzdarbietungen. Zusammen mit bereitet: In den Schulkulturkursen zum Behinderung“. Die Schule hat als eige-
vielen Anwohnern von „Altona-Alt- Parkfest verbinden sich alle zwei Jahre ne Praxis-Ausbildungsstätte eine Kita
stadt“ feierten zum sechsten Mal die Theorie und Praxis, Projektmanage- in der Gerritstraße. Insgesamt umfasst
am Park ansässigen Institutionen. Das ment und Kreativität. Der Bogen vom die FSP 2 rund 1000 Schülerinnen und
sind insbesondere die Fachschule für Stadtteilfest zur Arbeit in der Schule ist Schüler sowie 75 Lehrkräfte.
Sozialpädagogik, „Haus 3“, die Kita schnell hergestellt: An der FSP-Altona
Hospitalstraße, „Verikom“, die Türki- werden vor allem weibliche und männ- Text und Foto:
sche Gemeinde und die (italienische) liche Erzieher ausgebildet. Jährlich Manfred Schwarz (HIBB)
„Associazione Basilicata“. wird eine Klasse mit dem Schwerpunkt
Die Schülerinnen der FSP 2 waren „Internationale Klasse“ eingerichtet.
an den vielen, bunten Ständen und Ak- Die Fachschule ermöglicht ebenfalls Weitere Infos
tionen beteiligt. Ein ganz besonderes eine „Weiterbildung für Migrantinnen
www.hh.shuttle.de/hh/fsp2medien/
Projekt, das auf dem Fest für die Öf- zur staatlich anerkannten Erzieherin“ http://freenet-homepage.de/
fentlichkeit freigegeben wurde, ist die und die berufsbegleitende Ausbildung kitagerritstrasse
„Action Planting“ des FSP-Wahlpflicht- zur staatlich anerkannten Erzieherin
kurses „Kunst im öffentlichen Raum“.
Lange hatten 17 FSP-Schülerinnen
zusammen mit ihrer Kunstlehrerin
Soraya Löding im wahrsten Sinne des
Wortes „künstlerisch in der Erde ge-
wühlt“. An mehreren Tagen haben die
Schülerinnen auf der Rasenfläche vor
dem historischen Haupt-Schulgebäude
ein Pflanzenkunstwerk entstehen las-
sen. 500 Pflanzen – von der Grasnelke
und dem Phlox bis zu Sonnenröschen
und Alpenastern – wachsen nun an
der Max-Brauer-Allee 134. Das Natur-
kunstwerk zwischen schulischem und
öffentlichem Raum wurde mit einer
Rede der Schulleiterin Barbara Wol-
ter offiziell den Betrachtern überge-
ben. Für längere Zeit wurde es nun ein
„Hingucker“. Das Geld für die Pflan-
zen sollte freilich wieder in die Schule FSP-Künstlerinnen mit Fachlehrerin Soraya Löding und Schulleiterin Barbara Wolter

Nr. 2 · 2009 ihbs 31


R e g i on a l e s & Ü b e r R e g i on a l e s

Aktionsbündnis für Bildung und Beschäftigung Jahre an fünf Themenfeldern:


Übergangsmanagement
Koordination der Angebote Berufsorientierung
Maßnahmen für leistungsschwäche-
für Jugendliche re Schülerinnen und Schüler
Maßnahmen im Hinblick auf den
Doppel-Abiturjahrgang
Seit Dezember 2008 arbeiten alle maß- mer, der Unternehmensverband Nord, Beschäftigungspolitische Maßnah-
geblichen Akteure in einem „Aktions- der Deutsche Gewerkschaftsbund und men.
bündnis für Bildung und Beschäftigung die Bezirke. In dem Aktionsbündnis
in Hamburg“ an einer Verbesserung wollen sie ihre Angebote koordinieren, Auf regelmäßigen Spitzentreffen unter
des Übergangsprozesses von der Schu- um für die Jugendlichen den Übergang Schirmherrschaft des Ersten Bürger-
le in den Beruf. von der Schule in den Beruf übersicht- meisters Ole von Beust beschließt und
Beteiligt sind die Behörde für Schu- licher und effektiver zu gestalten. Das veröffentlicht das Aktionsbündnis die
le und Berufsbildung, die Behörde für Aktionsbündnis baut auf dem Projekt erarbeiteten Maßnahmen. Das erste
Wirtschaft und Arbeit, die Behörde für Hamburger Ausbildungsmoderation Spitzentreffen ist im Oktober 2009 ge-
Soziales, Familie, Gesundheit und Ver- auf, das von 2006 bis 2008 bereits einen plant.
braucherschutz, das Hamburger Institut entscheidenden Beitrag zur Vernet- Katja Horsmann (HIBB)
für Berufliche Bildung, die Agentur für zung der Akteure im Übergang von der
Arbeit, die Hamburger Arbeitsgemein- Schule in den Beruf geleistet hatte. Das Weitere Infos
schaft SGB II (team.arbeit.hamburg)‚ Aktionsbündnis für Bildung und Be- Katja.horsmann@hibb.hamburg.de
Handwerkskammer und Handelskam- schäftigung arbeitet zunächst für zwei

Ausbildungsreport 2009 Aktionsplan

Überblick über Förderung junger Menschen


Ausbildungslage mit Migrationshintergrund
Erstmals seit 2001 hat die BSB wie- Anfang Juni fiel im Gästehaus des Schülerinnen und Schüler bis hin zur
der einen Überblick über Ausbildung Senats der Startschuss für den neuen Beratung und Unterstützung von Part-
und Arbeitsmarktchancen Jugendlicher „Aktionsplan zur Bildung und Ausbil- ner-Schülerfirmen. Im Moment arbei-
in Hamburg vorgelegt. Zwar liegt die dungsförderung junger Menschen mit ten fast 60 Unternehmen mit einer oder
Hansestadt im Berichtsjahr 2008 beim Migrationshintergrund“. zwei Partnerschulen fest zusammen.
Zuwachs von Ausbildungsverträgen im Dazu trafen sich der Erste Bürger- Die zweite wichtige Säule des Akti-
dualen System bundesweit vorne, doch meister Ole von Beust und die Sena- onsplans sind Lehrer und Erzieher mit
die Chancen benachteiligter Jugendli- torin für Schule und Berufsbildung, Migrationshintergrund. Sie schlagen
cher für einen erfolgreichen Start ins Christa Goetsch, mit Vertretern der eine Brücke zwischen unterschiedli-
Berufsleben sind weiterhin oft gering. Agentur für Arbeit Hamburg, team. chen Kulturen und haben eine Vor-
Der Ausbildungsreport ist auch eine Be- arbeit.hamburg, Handelskammer, UV bildfunktion. Die Zahl der Referenda-
standsaufnahme des Übergangssystems, Nord, dem DGB und Hamburger Un- re mit Migranten-Background ist seit
das zur Zeit grundlegend reformiert wird ternehmen. November 2006 bereits von sechs auf
(vgl. „ihbs“ 1/2009). Er beleuchtet Im Fokus des Aktionsplans steht: inzwischen 17 Prozent gestiegen; diese
die Situation auf dem Ausbildungs- Unternehmenspatenschaften mit Schu- Zahl soll weiter erhöht werden. Eben-
markt, len sollen erheblich ausgeweitet sowie falls ein Vorbild können hier junge
strukturellen Besonderheiten, vermehrt Lehrer und Erzieher mit aus- Menschen mit Migrationshintergrund
Maßnahmen und Vorhaben zur Ver- ländischen „Wurzeln“ in Schulen und sein, die den Weg in das Berufsleben
besserung der Ausbildungssituation, Kitas eingestellt werden. bereits gemeistert haben.
Sicherung einer wettbewerbsfähigen Unternehmen können Schulen in
Berufsausbildung, vielfältiger Weise bei der Förderung BSB / MSz (HIBB)
Bilanz und Ausblick für Hamburg, junger Migranten unterstützen – von
Platzangebote in Ausbildungs- und Betriebsbesichtigungen und Prakti- Weitere Infos
Hilfsprogrammen (Anhang). kumsangeboten über die individuelle
http://www.hamburg.de/bsb/
AWB (HIBB) Beratung und Begleitung einzelner

32 ihbs Nr. 2 · 2009


R e g i on a l e s & Ü b e r R e g i on a l e s

Bundeswettbewerb „Starke Schule“ stehen auf dem Stundenplan – jeweils in


dem gewählten Berufsfeld Metalltech-
„Beste Hauptschule Deutschlands“ nik, Farb- und Raumgestaltung, Nah-
rung oder Körperpflege.
kooperiert eng mit Beruflicher Schule Mit dem Schulabschluss erhalten die
Schüler Zeugnisse beider Schulen; die
Anteile der beruflichen Qualifikation

D ie Kooperative Gesamtschule (KGS)


Neustadt am Rübenberge ist vom
Bundespräsidenten ausgezeichnet wor-
der Bundesvereinigung der Deutschen
Arbeitgeberverbände und der Deut-
schen Bank Stiftung vergeben wird.
sind aufgeführt. Durch den Besuch bei-
der Schulen und das „anwendungsrele-
vante“ Lernen ist die Lernmotivation
den. Etliche Zahlen sprechen für das erheblich gestiegen.
Besonderheit der Schule ist eine enge „Neustädter Modell“. Vor der Einfüh- Wichtig ist auch die von allen Lehr-
Zusammenarbeit zwischen der Haupt- rung des Modells im Jahr 2004 haben kräften praktizierte „Politik des Hin-
schul-Abteilung der KGS und der örtli- nur etwa 14 Prozent der Hauptschulab- schauens“: Es gibt klare Regeln und
chen Berufsbildenden Schule. Seit dem solventen einen Ausbildungsplatz ge- Streitschlichterkonzepte. Fehlzeiten gibt
Monat Mai darf sich der Hauptschul- funden. Nun seien es immerhin knapp es kaum noch. Das Schulmanagement
zweig der KGS „Beste Hauptschule 70 Prozent. Und: In den letzten zwei hat überdies einen hohen Qualitätsent-
Deutschlands“ nennen. In Berlin über- Jahren habe kein Schüler die Schule wicklungsanspruch. Eine enge Einbin-
reichte Bundespräsident Horst Köhler ohne Abschluss verlassen. dung von Eltern und Schülern sorgt für
dem KGS-Direktor Herwig Dowerk eine starke Identifikation mit der Schule.
den ersten Preis im Bundeswettbewerb Kennzeichen des Schulversuches Nach den beiden Jahren haben die Schü-
„Starke Schule“, der von der Hertie- Mit dem Schuljahr 2004/05 startete der ler auch das Berufsgrundbildungsjahres
Stiftung, der Bundesagentur für Arbeit, Schulversuch „Beschulungs- und Aus- (BGJ) absolviert. Damit haben sie ihren
bildungsverbund Abschluss im allgemein bildenden Be-
KGS-BbS Neustadt“ reich geschafft und gleichzeitig das erste
mit dem 9. Schuljahr Ausbildungsjahr in der Berufsschule ab-
(zwei Klassen) im geschlossen. Betriebe können das BGJ
Hauptschulzweig auf die Ausbildungszeit im dualen Be-
der KGS. Seither rufsbildungssystem anrechnen.
gibt es für die Schü-
lerinnen und Schü- Manfred Schwarz (HIBB)
ler im 9. und 10.
Schuljahr an zwei
Foto: KGS Neustadt

Tagen eine spezifi- Weitere Infos


sche Ausbildung in
der BbS: Zehn Stun- www.kgs-neustadt.de/index.
den Fach­praxis und php?option=com_frontpage&Itemid=1
vier Stunden Fach- www.bbs-nrue.de
Horst Köhler ehrt den Sieger theorie pro Woche

Buchtipp telfristige Reform der beruflichen Bil-


dung auszusprechen. Die Ergebnisse

Leitbild zur Berufsausbildung 2015 der Workshops wurden in einem online-


gestützten, interaktiven Prozess weiter
bearbeitet. Das Buch verdichtet die Er-
Was muss berufliche Bildung künftig leis- 2008 vier Expertenworkshops zu den gebnisse zu einem Leitbild „Berufsaus-
ten, um Anforderungen wie dem Wandel zentralen Entwicklungsbereichen bildung 2015“.
der Arbeitswelt, der Globalisierung oder Leitbild einer Berufsausbildung 2015  AWB (HIBB)
demographischen Veränderungen ge- Berufliche Kompetenzen in der
recht zu werden? Die Bertelsmann Stif- globalen Wirtschaft Weitere Infos
tung ergriff die Initiative, um ein Leitbild Qualitätsentwicklung in der Berufs-
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Berufsausbil-
der Berufsausbildung zu entwickeln ausbildung
dung 2015. Eine Entwicklungsperspektive
und Reformen anzustoßen. Aufbauend Durchlässigkeit im (Berufs-)Bil- für das duale System, Verlag Bertelsmann
auf den Ergebnissen einer Befragung dungssystem. Stiftung, Gütersloh 2009, 258 Seiten, Bro-
von 1.200 Akteuren und Experten ver- schur, ISBN 978-3-86793-029-1, 32 Euro
anstaltete die Bertelsmann Stiftung Ziel war, Empfehlungen für eine mit-

Nr. 2 · 2009 ihbs 33


p e r son a l i e n

Nach 37 Jahren geblich für die sozialpädagogischen Beruf zurückgreifen und freuen uns auf
Schulen bei der Formulierung neuer eine weiterhin gute Zusammenarbeit!“
Verabschiedung Bildungspläne und der Standards für
die Praxisausbildung beteiligt. Sie
Gerd Knop arbeitet unter anderem
im Bereich Personal der Otto Group
für Hella wirkte wesentlich mit bei der Institu­ (Hamburg) und für soziale Projekte. Ei-
tionalisierung des neuen Beruflichen
Eickenscheidt Gymnasiums Pädagogik / Psychologie in
Niendorf. Die Aufsichtsbeamte war fe-
Die frisch gebackene Pensionärin hinter- derführend bei der Reform der teilquali-

Foto: Bundesarbeitsministerium
lässt nachhaltige Spuren: Oberschulrätin fizierenden Berufsfachschule.
Hella Eickenscheidt hat zunächst die Rainer Schulz lobte ihre Rolle als
Realschule und dann das Wirtschafts- Analytikerin und merkte an: „Deine
gymnasium in Hildesheim besucht. Ihr Streitfähigkeit wird von vielen bewun-
Studium schloss sie als Diplom-Handels- dert – und von einigen eher harmonie-
lehrerin ab. Während ihrer Studienzeit süchtigen Männern gefürchtet. Dies
hat den Effekt, dass Du Dich häufig gar
nicht streiten musst …“ Olaf Scholz beglückwünscht Gerd Knop
Die G 7 war angeblich Hella Eicken-
scheidts Lieblingsschule. Dazu der
HIBB-Geschäftsführer: „Der Hambur- nes der wichtigsten ist dabei das „Ham-
ger Hafen mit seiner Ausrichtung auf burger Hauptschulmodell“, das vom
den Logistikbereich auf der einen Seite Hamburger Netzwerk der Initiative für
und seine maritime Tradition auf der Beschäftigung 1999 gemeinsam von
anderen Seite hat Dich immer fasziniert der Otto Group und Hapag-Lloyd AG
und sogar ins Schwärmen gebracht. Dies in enger Zusammenarbeit mit Schulen,
mag wohl auch vielleicht mit Deiner Behörden und Unternehmen ins Le-
Leidenschaft fürs Segeln zusammen­ ben gerufen wurde. Ziel der Projekt-
hängen.“ arbeit ist es vor allem, Schulabgängern
mit Hauptschulabschluss verstärkt in
Foto: privat

die – ungeförderte – betriebliche Aus-


bildung zu vermitteln. Durch die Ko-
operation von Lehrkräften, Berufsbe-
Hella Eickenscheidt Hamburger Hauptschulmodell ratern der Bundesagentur für Arbeit
und Unternehmen im Rahmen der Ar-

absolvierte sie verschiedene Praktika


Bundes­ beit zur Berufsorientierung und zum
Übergang Schule / Ausbildung konn-
und war insgesamt fast drei Jahre bei der verdienstkreuz te eine verbesserte Ausbildungsquote
Deutschen-Grammophon-Gesellschaft der Hamburger Hauptschulabgänger
tätig. Ihr Referendariat trat sie an in der für Gerd Knop erreicht werden. „Über 2.000 Schü-
H 8. Nach dem Vorbereitungsdienst leg- lerinnen und Schülern wurde bereits
te sie eine mehrjährige „Familienpau- Gerd Knop ist für sein langjähriges ein Ausbildungsplatz im Rahmen des
se“ ein. Dann, ab 1977, arbeitete sie an Engagement bei seiner Arbeit für das Modells vermittelt“, so Michael Picard,
den Schulen H 11 und H 4. 1991 wurde „Hamburger Hauptschulmodell“ mit Direktor Otto Personal.
Hella Eickenscheidt an der H 4 stellver- dem Bundesverdienstkreuz am Bande Mit viel Engagement berät Gerd
tretende Schulleiterin, drei Jahre später ausgezeichnet worden. Er arbeitet seit Knop seit längerer Zeit Schülerinnen
Leiterin. 1998 ist sie Nachfolgerin des in 2000 als Projektleiter des Hauptschul- und Schüler. Darüber hinaus referiert er
Pension gegangenen OSR Kurt Wübbe- Reformmodells. Das Projekt unterstützt zum Beispiel auf Fachtagungen von Ver-
ler geworden. Hauptschüler beim Übergang in die bänden und Behörden über seine Arbeit
HIBB-Leiter Rainer Schulz sagte am Berufsausbildung. Die Auszeichnung („Best-Practice-Beispiele“).
3. Juni in der Aula der W 2 in seiner Ver- wurde von Bundesarbeitsminister Olaf
abschiedungsrede zu Hella Eicken- Scholz am 21. April 2009 verliehen.
scheidt: „Ich habe Dich als Kollegin, HIBB-Geschäftsführer Rainer Schulz
kluge Ratgeberin, aber auch als emp- beglückwünschte Gerd Knop mit den Weitere Infos
findsame sowie nachdenkliche und krea- Worten: „Wir gratulieren Ihnen sehr
www.focus.de/schule/schule/schulwahl/
tive Kollegin kennen und schätzen ge- herzlich zu dieser hohen Auszeichnung. hauptschule/hauptschulmodell-runter-
lernt.“ Allein in den letzten Jahren war Auf Ihre guten Erfahrungen wollen wir vom-abstellgleis_aid_367698.html
OSRin Eickenscheidt zum Beispiel maß- bei der Reform des Übergangs Schule-

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P e r son a l i e n Kurzmeldungen

Vorläufige Einsetzungen Neue Leitungskräfte im HIBB


Im HIBB arbeiten mehrere neue Lei-
Neue Funktionen tungskräfte: Dr. Luise Martens, Rein-
hard Damm und Hartmut Schulze.
An den beruflichen Schulen haben einige Kolleginnen und Kollegen Neue Oberschulrätin (HI 11) ist in
neue Funktionen übernommen („Vorläufige Einsetzungen“): Kürze voraussichtlich Dr. Luise Martens.
Sie kommt aus der Bremer Behörde für
Bildung und Wissenschaft. Oberschul-
• Biste, Bettina • Friedewold, Babett rat Reinhard Damm (HI 13) war zuvor
W 2 W 8 lange an der Hamburger Handelsschule
Schulleitung Abteilungsleitung 14 und an der Staatlichen Fremdspra-
2. Januar 2009 1. März 2009 chenschule (hier als Schulleiter) tätig.
OSR Hartmut Schulze (HI 12) – ausge-
• Schön, Günter • Petersen, Hans-Joachim bildeter Diplom-Handelslehrer – war
G 13 G 13 vorher längere Zeit Leiter der Staatli-
Abteilungsleitung Abteilungsleitung chen Berufsschule Eidelstedt für Aus-
28. Januar 2009 1. März 2009 zubildende des Berufsbildungswerkes.
Die Oberschulräte sind in den Berei-
• Wolf, Thomas • Krüger-Moore, Renate chen „Steuerung/Beratung“ tätig.
H 12 H 19
Abteilungsleitung Schulleitung
1. Februar 2009 23. März 2009 A usstellung: Holz bewegt
– Tischler gestalten Möbel
• Albrecht, Olaf • Elsing, Wilma
H 7 G 3 Mit der Umschreibung des Tischlerhand-
Abteilungsleitung Schulleitung werkes als „Poesie“, „Leidenschaft“,
2. Februar 2009 1. April 2009 „Präzision“, „Kommunikation“, „Inspi-
ration“ und „Bewegung“ lädt die Ge-
• Ruge, Oliver • Ziegler, Anke werbeschule 6 zur Ausstellung mit den
H 13 W 8 Ergebnissen des 1. Norddeutschen
Abteilungsleitung Abteilungsleitung Nachwuchswettbewerbes der Tischler
9. Februar 2009 8. April 2009 ein. Die Ausstellung ist im Museum für
Kunst und Gewerbe Hamburg am Stein-
• Lübbe, Benno • Oldenbusch, Irmtraud torplatz bis zum 26. Juli 2009 zu besu-
H 20 H 6 chen. Die Tischler-Innung Hamburg
Schulleitung Schulleitung und die G 6 präsentieren beeindrucken-
25. Februar 2009 8. April 2009 de und auch innovative Ar­beiten des
Tischlernachwuches. Bei Anmeldung
• Peymann, Christian • Elsken, Wilhelm können von der G 6 Führungen unter
H 18 G 19 der Tel. Nr. 4288600 vereinbart wer-
Schulleitung Abteilungsleitung den. Weitere Informationen unter
25. Februar 2009 8. April 2009 www.mkg-hamburg.de

• Bruhn, Wolfgang • Jung, Jens


H 10 FSP II  berblick: Ausbildungsgänge
Ü
Schulleitung Abteilungsleitung
an 45 Beruflichen Schulen
25. Februar 2009 27. April 2009
Auf fünf DIN A 4-Seiten sind – geglie-
• Büttner, Annette • Pallmeier, Christoph dert nach den 45 Beruflichen Schulen
G 8 H 17 in Hamburg – die verschiedensten be-
Abteilungsleitung Abteilungsleitung rufsbildenden Ausbildungsgänge (mit
25. Februar 2009 4. Juni 2009 Schülerzahlen) nachzulesen.
Diese fünf differenzierten Übersich-
• Berben, Dr. Thomas • Ropeter, Stephan ten, womöglich in Farbe ausgedruckt,
G 10 W 8 dienen einer schnellen, grundsätzlichen
Schulleitung stellv. Schulleitung Information (www.hibb.hamburg.de/index.
25. Februar 2009 15. Juni 2009 php/article/detail/4736).

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Zitat

»Autorität wie Vertrauen werden


durch nichts mehr erschüttert
als durch das Gefühl,
ungerecht behandelt zu werden.«
Theodor Storm (1817-1888)