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bevor seine harmonische Entwicklung wirksam in die Wege gelei­ tet werden kann.« Schließlich erwähnt ein weiterer Absatz das Bestehen einer In­ stitutszeitschrift, die Berichte über alle Vorlesungen, Diskussionen und Vorkommnisse im Institutsleben bringt. Man fragt sich, wie Gurdjew es sich erlauben konnte, solche Projekte als bestehende Einrichtungen hinzustellen. Die fünftausend Anhänger lassen sich mit Sicherheit auf fünfhundert zurückschrauben. Die medizini­ schen, chemisch-analytischen und experimentalpsychologischen Abteilungen sind allen mit dem Institut vertrauten Personen eben­ so unbekannt wie mir, desgleichen die in »angepaßten« Lettern ge­ druckte Zeitschrift. Das »tiefschürfende Studium des Menschen und des Universums in allen ihren Bezügen« ist reines Geschwätz, während die medizinische Abteilung lediglich aus ein paar elektri­ schen Apparaten einfachster Art besteht und bestimmt nicht dafür geeignet ist, die wichtigen Ziele zu erreichen, die in jenem Heft­ chen aufgezählt werden. Wahrscheinlich wird jede dieser drei Theorien über Gurdjew weiterhin ihre Vertreter finden. Vielleicht reicht keine ganz aus, um diesen Menschen zu erklären; vielleicht müssen wir noch wei­ ter und tiefer suchen, um zu erfahren, was Gurdjew dazu trieb,

zu

dieses

gründen. Wie dem auch sei: Die Tatsachen an sich sind seltsam genug, um das Interesse zu rechtfertigen, das ihm in allen intellektuellen Kreisen entgegengebracht wird.

In stitu t

zu r

h arm on isch en

E n tw ic k lu n g

d e s

M e n sch en

II

Ich habe bereits weiter oben die wichtige Studie veröffentlicht, die Denis Saurat auf meinen Wunsch hin freundlicherweise über das

Buch A ll

Im November 1933 veröffentlichte Denis Saurat den Bericht über einen Besuch, den er 1923 in der Abtei von Avon gemacht hatte. Dieser Bericht ist - wie der von Bechofer - die gewissenhaf­ te Schilderung eines »unbefangenen Zuschauers«:

u n d

A lle s geschrieben hat.

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/in einem Sonnabendmorgen im Februar 1923 komme ich aus Pa­ ris, und am Bahnhof von Fontainebleau erwartet mich Orage. Orage ist ein großer Kerl aus Yorkshire mit irgendwelchen französischen Vorfahren, daher sein Name. Seit fünfzehn Jahren ist er in der literarischen Welt Englands eine wichtige Erschei­ nung. Ihm gehörte eine Wochenschrift, T h e N e w A g e , die - halb literarisch, halb poetisch - zwischen 1910 und 1914 das geistig le­ bendigste Element in England bildete. Orage hätte einer der großen Kritiker der englischen Literatur werden können. Aber —er hat T h e N e w A g e verkauft und lebt jetzt in Fontainebleau. Literatur interessiert ihn nicht mehr. Die erste Überraschung gibt es gleich beim Wiedersehen: Ich kenne ihn als einen beinahe fettleibigen Mann, der auf einem kräftig gebauten Knochengerüst die fünfundneunzig Kilo seines Körpers spazierentrug. Aber ich begegnete einem schlanken, ja, mageren Orage mit unruhigen Gesichtszügen. Einem Orage, der noch größer als früher wirkt, dessen Bewegungen schneller und kräftiger sind, der zwar gesünder, aber unglücklich wirkt. Orage ist ein Schüler Gurdjews, der in der Abtei eine Art ver­ schworenen Haufen - »so etwas wie die pythagoräische Gemein­ den«, behauptet Orage vage, »nur viel strenger« - gesammelt hat. Strenger, das stimmt. Auf meine Frage, wie es ihm gehe und warum er sich so verändert habe, antwortet mir Orage mit einem Bericht über sein jetziges Leben. Schlafen gegangen ist er um Mit­ ternacht oder um ein Uhr, aber seit vier Uhr ist er schon wieder auf den Beinen und arbeitet: Er leistet schwere Arbeit im Park der Abtei, wo gebuddelt und gebaut wird. In den kurzen Pausen wird schnell gegessen. Von Zeit zu Zeit wird vor dem Meister angetre­ ten, um gemeinsam Gymnastik zu treiben. Dann muß man wieder Gräben ausheben oder zuschütten. »Manchmal läßt uns Gurdjew den ganzen Tag lang einen Riesengraben im Park ausheben, und am nächsten Tag müssen wir den gleichen Graben mit der glei­ chen Erde, die wir gestern ausgehoben haben, wieder zuschütten.« Nach dem Warum frage ich umsonst. Orage weiß nicht, warum. Was ist denn nun dran an Gurdjew? Orage kann es nicht sagen. Vor zwei Jahren begann man in London, von einem gewissen Ouspensky zu sprechen. Dieser Russe arbeitete an einem T e rtiu m

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O r g a n u m , er akzeptierte also nur zwei Vorgänger: Francis Bacon und Aristoteles.1 Ouspensky hatte eine Schülergruppe gebildet, über die er eine absolute Herrschaft ausübte. Dann hatte er nach und nach durch- blicken lassen, daß er selbst nur der Wegbereiter eines Größeren sei. Aus Rußland oder noch weiter von Osten her werde Gurdjew

kommen. Auf den

Weg. So war das ein paar Monate gegangen, dann war Gurdjew in London erschienen. Aber Gurdjew konnte weder Englisch noch Französisch noch Deutsch. Er gab seine Befehle (denn das einzige, was er von sich gab, waren Befehle) auf russisch, und jemand aus seiner Umgebung übersetzte. Gurdjew wurde ein märchenhafter Reichtum nachgesagt. Er wollte eine große Universität für Okkultismus gründen und dort nicht für die von ihm verachtete Welt, sondern für seine erwählten

Schüler die »Einzige Lehre« entwickeln. Aber hier griff die Politik ein. Lloyd George ging den Sowjets gerade um den Bart. Gurdjew und seine Leute waren aber gegen die Sowjets. Und deshalb hat­ ten die englischen Stellen - auf Wunsch Moskaus, wie behauptet wurde - jede Aufenthaltsgenehmigung verweigert. Aber wenn Lloyd George ablehnte, so war doch Poincare dafür, und tatsächlich hat Poincare, weil er hoffte, damit den Ruin der Sowjets herbeizu­ führen, Gurdjew die nötigen Bewilligungen gegeben. Daraufhin hatte Gurdjew in Fontainebleau die Abtei - ein Schloß mit einem

Park -

gekauft, und hier richtete man die Schule letzter Weisheit

ein. Wer war nun aber als Gurdjew-Schüler zugelassen? In den Gruppen Ouspenskys gab es ein paar hundert Londoner. Eines Tages saß Gurdjew im Hintergrund und ließ die auf Un­ sterblichkeit erpichten Männer und Frauen an sich vorbeidefilie­ ren. Denn nur die Auserwählten, hieß es, haben eine unsterbliche Seele.

den

wartete Ouspensky, lehrte

und

bereitete

Unter den Auserwählten waren Orage und Katharine Mansfield.

1 Aristoteles’ O r g a n o n

tia ru n i.

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und Francis Bacons N o v u m

o r g a n u m

sc ie n -

Gurdjew sprach, konnte aber kein Englisch. Doch sein Blick er­ spähte die Möglichkeiten zu einer unsterblichen Seele, und auf sei­ nen Befehl hin wurden die ausgesondert, die nach Fontainebleau gehen sollten. Fast alle Auserwählten hatten Geld, aber manchmal nahm Gurdjew auch einen Armen. Das berichtete mir Orage, während er mich zur Abtei fährt. Katharine Mansfield ist vor einigen Wochen gestorben. Und ich bin gekommen, um nach Orage zu sehen, denn seine Briefe haben mich beunruhigt. Er war es, der Katharine Mansfield überredet hatte, zu Gurdjew zu gehen, und ihr dabei fast ein Heilungsver­ sprechen gemacht hatte. Und nun will er mir die Umgebung zei­ gen, in der Katharine Mansfield ihre letzten Tage verbracht hat. Das ist schon ein merkwürdiger Ort. Orage ist davon überzeugt, daß Gurdjew übernatürliche Kräfte besitzt, ln Moskau oder in Petersburg, jedenfalls in Rußland, war Gurdjew auf einer Zusammenkunft seiner Schüler erschienen, ob­ wohl er sich körperlich Hunderte von Kilometern oder Werst von dort entfernt aufhielt. Ouspensky hatte das gesehen. Aber seitdem Orage in Fontainebleau ist, hat ihn Gurdjew kei­ nes Wortes gewürdigt. Die gruppenweisen Tanzübungen sollen die notwendigen Vorbereitungen für das Anfangsstadium bilden. Gurdjew leitet sie auf russisch. Mit herzzerreißendem und trium­ phierendem Ausdruck erklären mir die Russen des Hauses, daß Gurdjew häufig in Zorn gerate und sich dann einer Sprache beflei­ ßige, bei der selbst Lenin rot werden würde. Es gibt hier etwa siebzig Russen, zwanzig Engländer, aber keine Franzosen. Ein Stall ist da - mit fünf oder sechs schmutzigen Kühen. In einem pythagoräischen Institut gibt es keine Dienerschaft, und die Leute der Gesellschaft oder gar die Literaturkritiker eignen sich nicht so recht zur Kuhpflege. Die Kühe liefern den hundert Schü­ lern Milch. Katharine Mansfield hatte Tuberkulose, und sie lebte in diesem Stall. Auch Kühe sind häufig tuberkulös, und mit der Milch wird die Krankheit übertragen. Die Decke ist hoch; vor dem Einzug des Meisters ist das hier kein Stall gewesen. Etwa zwei Meter unter der Decke hat einer der Russen eine Art Podium gebaut, zu dem man mit einer Leiter hinaufkommt. Auf dem Podium liegen eine Matratze und ein paar

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Kissen. Dort hat Katharine Mansfield gelebt. Der Meister scheint erklärt zu haben, die Kühe hätten bestimmte Ausdünstungen, mit denen man die Krankheit heilen könne. Es sei nicht einfach der Geruch der Kühe und des Stalles, sondern mehr eine geistige Aus­ dünstung. Katharine Mansfield ist tot, und niemand hat es gewagt, dem Meister die Frage nach dem Warum zu stellen. Außerdem kann er kein Englisch, man müßte ihm die Frage über einen sprachkundigen Russen vorlegen, und die Russen sind noch kriecherischer und fügsamer vor dem Meister als die Engländer. Es sind mehrere Ärzte unter den Schülern. Sie sagen, daß auch die medizinische Wissenschaft nichts für Katharine Mansfield hätte tun können. Sie ist, wie Orage sagt, wenigstens in Ruhe und sogar in einer Art Glück gestorben. Ein anderer Russe, der ein Maltalent besaß, hatte Katharine Mansfields letzte Lebenszeit etwas freundlicher gestaltet: Er hatte in knalligem Rot und Blau an die Stuckdecke über dem Podium viele Halbmonde, Strahlensonnen und Sterne gemalt. Ihm war zwar bald das nötige Gold ausgegangen, aber Rot und Blau ersetz­ ten die Vergoldung. Da war nun Katharine Mansfield Tag für Tag hingegangen und hatte sich diese Halbmonde und Sterne angese­ hen. Nur die Kühe hatten sie warmgehalten, denn jener Februar war sehr kalt und das Schloß kaum geheizt. Dann sitzen wir beim Essen in dem großen Speisesaal des Schlosses. Die Möbel sind verkommen. Die Küche wird von den Schülern betrieben. Grundsätzlich darf sich jeder selbst verpflegen. Eigentlich hat jeder mal Küchendienst, aber in Wirklichkeit haben ein paar Frauen diese Arbeit übernommen. Das läßt sich durchaus vertreten. Noch andere Besucher sind da: Russen, auch ein frühe­ rer zaristischer Minister. Man redet über Okkultismus. Es geht das Gerücht (genaues weiß niemand), Gurdjew habe behauptet, nur wenige Menschen besäßen eine unsterbliche Seele. Aber es gäbe eine Reihe von Menschen, die eine Art Embryo einer unsterblichen Seele haben. Und wenn dieser Embryo richtig nach Vorschrift behandelt werde, könne er sich entwickeln und bis zur Unsterblichkeit gelangen. Wenn nicht, dann sterbe er. Die dazu unentbehrlichen Methoden kennt nur Gurdjew. Immerhin haben alle, die er hierherbrachte, wenigstens diesen Embryo. Bei

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jener Visitation in London (bei Ouspensky) hat der Meister kraft übernatürlicher Schau die brauchbaren Anwärter entdeckt. Gro­ ßer Trost: Alle, die hier sind, haben echte Aussichten, unsterblich zu werden. Wenigstens die Schüler. Die Besucher mustern sich gegenseitig etwas unsicher. Wir sind etwa zwölf. Die Mehrzahl von Gurdjews Untertanen hat keine festen Essensstunden. Plötzlich wird eine Tür brutal geöffnet. Ein groß und kräftig wirkender Mann, der einen schweren Umhang mit dem Pelz nach außen, den Kopf aber unbedeckt trägt, kommt heftig herein. Der Kopf ist kahlrasiert. Das Gesicht hat einen Ausdruck von G rau­ samkeit, der jetzt von einer offensichtlich vorübergehenden Zärt­ lichkeit überdeckt ist: Der Mann hält ein schon ziemlich großes Lamm in den Armen. Die Zärtlichkeit gilt dem Lamm. Mit gro­ ßen Schritten durchmißt er den Raum, würdigt uns keines Blickes und verschwindet durch die andere Tür. Das war Gurdjew. Wir haben alle begriffen. Die Schüler sind sehr bewegt und sagen:

»So ist er immer. Er hat Sie gar nicht angesehen, aber er hat Sie doch gesehen. Er kennt Sie in- und auswendig.« Orage will mir den Park zeigen. Nach dem Essen gehen wir einige Alleen entlang. Gurdjew hat von militärischen Stellen eine Flugzeughalle kaufen lassen, und die Schüler mußten sie abtragen. Die riesenhaften schwärzlichen und schmutzigen Bauteile heben sich kraß vom Schloß und von den Überbleibseln der Gärten ab. Der Park ist tatsächlich von Gräben durchzogen. »Gurdjew hält uns ständig in Bewegung. Die Seele kann sich nicht entwickeln, ehe der Körper nicht völlig im Gleichgewicht ist. Man bringt uns Muskelbeherrschung bei: Wir lernen, die schwersten Arbeiten zu verrichten, aber auch, den linken Arm in einem anderen Rhyth­ mus zu bewegen als den rechten. Wir können mit dem rechten Arm einen Vierer- und mit dem linken Arm gleichzeitig einen Dreiertakt schlagen.« Am Ende der Allee steht in einem großen Loch eine Art riesiger Negerhütte, aber aus Ziegeln und Zement. Orage erklärte, das seien türkische Bäder. Männer und Frauen gehen dort getrennt hin. Überhaupt herrscht hier vollkommene Keuschheit. Es gibt aber auch verheiratete, normal lebende Paare - Gurdjew predigt

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oder lebt keine Askese. Doch sind seine Schüler von der schweren Arbeit wie von der seelischen Anstrengung völlig erschöpft. Plötzlich sehen wir Gurdjew. Er steht ein paar Meter von der Badehütte entfernt. Neben ihm wird Mörtel gemischt. Gurdjew greift ihn mit bloßen Händen, ballt ihn zur Kugel und wirft ihn in Richtung Hütte. Wir treten näher heran. Die von den wenig erfah­ renen Schülern erbaute Feuerstätte des Bades ist geborsten. Man sieht einen großen Spalt, durch den heftige und von einem starken Luftstrom getriebene kleine Flammen hervorbrechen. Keiner wuß­ te Rat - da kam Gurdjew. Infolge der Hitze kann man nicht an den Ofen heran. Also will Gurdjew den Spalt mit Mörtelkugeln stopfen. Er trifft gut; er hat oben am Spalt angefangen, und die Mörtelkugeln geben ein seltsames Geräusch von sich, wenn sie sich auf der kochendheißen Wand plattdrücken. Rechts und links flattert der knopflose Umhang, er stört und wird schließlich abge­ worfen. Uns sieht Gurdjew nicht. Von weitem schauen ein paar Schüler in einer Art Erschrecken zu. Der Mörtelmischer steht de­ mütig gebeugt daneben. Es ist uns peinlich. Mir ist, als hätte ich irgend etwas Unanstän­ diges mit ansehen müssen, und wir gehen wieder.

Ich werde eingeladen, zwei Tage zu bleiben. Abends nach dem Es­ sen schickt Gurdjew eine große Flasche in Orages Zimmer, wo ich mit einigen Engländern zusammen bin. Man erklärt mir, dies sei eine seltene Ehrung. Die Leute hier sind völlig durcheinander und gänzlich einem Gemisch aus Scham, Furcht und uneingestandener Hoffnung ausgeliefert. Ich mache den Vorschlag, man solle die Hälfte der Flasche aus dem Fenster gießen, damit Gurdjew glaubt, wir hätten sie getrunken. Denn keiner von uns hat auch nur die geringste Lust, mehr als ein paar Tropfen Wodka zu trin­ ken, und wir sehen uns außerstande, die Ehrung recht zu würdi­ gen. Aber mein Vorschlag wird nicht akzeptiert. Sie haben Angst vor Gurdjew. Bis spät in die Nacht hinein wird geredet. Ein paar in London gar nicht unbekannte Leute sind dabei: ein würdiger Arzt aus H a r le y S treet, ein Jurist und mehrere Schriftsteller. Jetzt erfahre ich, daß Gurdjew mich morgen nachmittag empfangen will und

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ein Dolmetscher vorhanden sei. Große Aufregung. Gurdjew hat noch nie jemand empfangen, heißt es. Die Engländer beauftragen mich, ihm zahlreiche Fragen zu stellen: Seit sie hier sind, das heißt seit einigen Monaten, hat Gurdjew nicht mit ihnen gespro­ chen. Sie wissen nicht, was sie hier sollen. Die Russen machen ih­ nen nur vage Andeutungen. Alle sind von dieser für sie viel zu schweren Arbeit abgestumpft. Im späteren Verlauf des Abends er­ fahren wir, daß Gurdjew eine mystische Nacht angesetzt hat, die in dem zum Tempel umgewandelten Flugzeugschuppen in der Nacht von Sonntag auf Montag stattfinden soll.

Sonntag, den 18. Februar. Von halb drei bis halb fünf bei Gur­ djew, mit einer russischen Dolmetscherin, Frau von Hartmann, die ein gutes Englisch spricht. Ich gebe die lange Unterhaltung hier schematisch und gekürzt wieder. Ich: »Welche Ergebnisse wollen Sie hier erzielen?« Gurdjew: »Eine körperliche Gesundung verleihen, die Intelli­ genz vergrößern und die Leute aus ihrem Trott herausreißen.« Ich: »Haben Sie das Angestrebte bei einigen schon erreicht?« G u r d je w : »Ja, in vier, fünf Jahren werden einige Schüler das Ziel erreicht haben.« Ich: »Wissen Sie, daß einzelne nahezu am Verzweifeln sind?« G u r d je w : »Ja, es ist etwas unheimlich in diesem Hause, aber das ist notwendig.« Ich: »Haben diese Leute den Wunsch, unsterblich zu werden«? G u r d je w : »Wünsche haben viele, aber (hämisch) wenige errei­ chen etwas. Jeder hat ein Ich und ein Sein. Viele möchten das Ich in das Sein wandeln und so unsterblich werden.« Ich: »Was ist mit all dieser körperlichen Arbeit beabsichtigt, wird das noch lange dauern?« (Die Engländer hatten mich sehr gebeten, ihn das zu fragen). G u r d je w : »Sie sollen damit die äußere Welt beherrschen lernen. Es ist das nur ein Übergang.« Ich: »Versuchen Sie, ihnen okkulte Kräfte zu verleihen?« G u r d je w : »Ja, ich versuche, ihnen alle Kräfte zu vermitteln. Zwischen okkulten und anderen Kräften ist kein Unterschied. Die Okkultisten von heute haben alle unrecht.«

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Ich: »Sie sind kein Mitglied einer Schule?« G u r d je w : »Nein, wir bilden eine Gruppe von Freunden. Vor etwa dreißig Jahren haben wir, ein Dutzend etwa, einige Jahre in Zentralasien zugebracht und haben die Lehre folgendermaßen wiederentdeckt: in Resten alter Überlieferungen, im Studium alter Gebräuche, in Volksliedern und auch in bestimmten Büchern. Diese Lehre hat es immer gegeben, aber ihre Überlieferung ist oft unterbrochen worden. In der Antike war sie einigen Gruppen und Kasten bekannt. Aber sie war unvollständig: die Alten haben zu­ viel Metaphysik getrieben, ihre Lehre war zu abstrakt.« Ich: »Warum sind Sie nach Europa gekommen?« G u r d je w : »Weil ich dem mystischen östlichen Geist den wissen­ schaftlichen Geist des Westens hinzufügen möchte. Der östliche Geist ist auf dem richtigen Wege, aber nur in seiner Richtung und mit seinen Grundideen. Der westliche Geist ist dagegen in seinen Methoden und Techniken auf dem richtigen Weg. Ich möchte eine Art von Weisheit schaffen, die den Geist des Ostens mit der Tech­ nik des Westens verbindet.« Ich: »Gibt es schon Weise dieser Art?«

G u r d je w : »Ja, ich kenne einige europäische Gelehrte, die dieses Ziel erreicht haben.«

»Lehren Sie, abgesehen von den Methoden, eine positive

Lehre?« G u r d je w : »Ja. Nur wenige Menschen haben eine Seele. Bei der Geburt hat niemand eine. Man muß sich eine Seele erwerben. Wem das nicht gelingt, der stirbt: Die Atome zerstreuen sich, es bleibt nichts mehr übrig. Bei manchen bildet sich eine Teilseele, und sie sind deshalb in einer Art Wiederverkörperung begriffen, die ihnen ein Aufwärtssteigen ermöglicht. Schließlich gibt es auch eine kleine Zahl von Menschen, die es zu einer unsterblichen Seele gebracht haben. Aber das sind nur wenige, kaum hie und da je­ mand. Die meisten, die etwas erreicht haben, besitzen vorerst nur Teilseelen.« Ich: »Glauben Sie an einen freien Willen?« (Weder die Dolmetscherin noch Gurdjew machen den Eindruck, als ob sie wüßten, was ein freier Wille ist. Meine Frage führt zu folgender Antwort:)

Ich:

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Gurdjew: »Jeder tut, was er will. Daran kann man niemand hindern. Aber die Menschen wissen nicht, was sie wollen.« Gurdjew ist außerordentlich höflich. Er macht während des ganzen Gesprächs niemals den Eindruck eines Scharlatans. Er scheint darauf bedacht, sich so knapp wie möglich auszudrücken, und geht keiner Frage aus dem Wege. Sein ungehobeltes Wesen hat sich offensichtlich in Überlegenheit verwandelt. Ich frage ihn, ob er noch mit jenen Freunden in Beziehung stünde, die die Lehre wieder aufgerichtet haben. Er gibt zu, zwei oder drei von ihnen wiedergesehen zu haben. Ich: »Was tun sie jetzt?« G u r d je w : »Sie haben verschiedene, normale Berufe.« Ich: »Lehren sie?« G u r d je w : »Nein, ich bin der einzige, der lehrt. Das ist mein Be­ ruf.« Dem fügen die Schüler noch hinzu, daß er sich selbst als einen Vermittler der Sonnenenergie bezeichne und daß sie das nicht ver­ stünden. Gibt es einen Gott? Ja, und Gurdjew steht zu ihm in einem ähnlichen Verhältnis wie ein ziemlich unabhängiger, hals­ starriger und sensibler Minister zu seinem König. Die Frauen, heißt es, haben wenig Aussicht, je eine Seele zu be­ kommen, es sei denn durch die Verbindung und geschlechtliche Vereinigung mit einem Mann.

Vor der großen abendlichen Zusammenkunft berichte ich meinen Engländern von dem Ergebnis meiner Befragung. Sie sind tief ent­ täuscht. Was sie am meisten beunruhigt, ist Gurdjews Bemerkung, daß man die Lehre in Büchern finden könne:

»Also«, sagt einer - es ist der Arzt aus H a rle y S tree t -, »wenn die Überlieferung in Büchern zu finden ist, warum sind wir dann noch hier?« »Demnach«, sagt ein anderer, »gibt es gar keine Geheimüberlie­ ferung.« Und sie kamen zu dem Schluß, daß dies unmöglich sei und ich falsch verstanden oder die Dolmetscherin falsch übersetzt haben müsse. Die einzige etwas tröstliche Nachricht für sie ist die Versiche­

r n

rung, daß ihre Erdarbeiten nicht ewig weitergehen würden. Sehr erstaunt sind sie darüber, daß Gurdjew zugibt, dieses Haus habe etwas absichtlich Unheimliches. Sie fragen sich ein wenig, ob sie denn die Betrogenen seien, aber noch ziehen sie es vor, Opfer zu sein. Aber dann haben sie auch wieder Angst, Gurdjew nutze sie zu okkulten Zwecken aus. Sie vertrauen auf sein Können, aber über seine Absichten ihnen selbst gegenüber sind sie nicht im kla­ ren. Um zehn Uhr im Flugzeugschuppen: Eine Aufmachung wie in Tausendundeiner Nacht. Ausgesprochen kostbar wirkende Teppi­

che bedecken Boden und Wände. Einer

sich an mich angehängt hat, behauptet, etwas von Teppichen zu verstehen. Demnach hätten sie insgesamt einen Wert von über einer Million. Zwischenwände und Boden sind vollkommen und teilweise in mehreren Schichten übereinander bedeckt. Etwa in halber Mannshöhe zieht sich eine kissenbesäte schmale Liege die ganze Wand entlang. Dutzende von Männern und Frauen haben sich dort ausgestreckt. Man ist auf eine spirituelle Orgie gefaßt. Mittendrin ein Springbrunnen aus Parfüm unter Farblicht. Eine Musik, die angeblich aus Mittelasien stammt. Jedenfalls ist sie außergewöhnlich.

der

von der D a ily

M a il,

Unter Gurdjews Leitung beginnen die Tänze. Es sind langsame Tänze, und die Ausführenden stehen weit auseinander. Bei be­ stimmten Kommandos erstarren alle unbeweglich in der eben ein­ genommenen Stellung und verharren so, bis der Befehl zum Weitermachen kommt. Wer gerade im Augenblick des Haltbefehls nicht im Gleichgewicht steht, darf die begonnene Bewegung nicht zu Ende führen und fällt um, so wie es das Schwergewicht gebie­ tet. Der Umgefallene darf sich nicht rühren. Der von der D a ily M a il ist außer sich - im wahrsten Sinne des Wortes. Diese parfümierte Luft, die farbigen Lichter, die kostba­ ren Teppiche, die seltsamen Bewegungen: Das ist Orientromantik, die sich endlich auf Erden verwirklicht hat. Um ihn wieder zu be­ ruhigen, erkläre ich dem Journalisten, daß ich Professor der Uni­ versität Bordeaux bin und diese Leute alle verrückt seien. Da denkt er eine Minute nach und ist dann sehr erleichtert. Ihm ist wieder klargeworden, daß e r richtig im Kopf ist. Aber am näch-

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sten Tage erzählt er treuloserweise meine tröstliche Bemerkung Orage, der ist tödlich verletzt und hat erst zehn Jahre später be­ gonnen, mir zu verzeihen.

III

So sehen also die Berichte der Sonntagsbesucher aus, die als Tou­ risten in die Abtei hineinguckten. Hernach wollen wir uns einmal die Eindrücke jener Menschen ansehen, die tagein, tagaus in der Abtei lebten und so ihre Erfahrungen mit Avon machten. Welche Schlüsse der einzelne auch jeweils aus diesen Erfahrungen zog - alle, die mit Gurdjew in Berührung kamen, sei es aus Neugier, sei es als Jünger alle waren von der Vielfalt des Vermittelten beein­ druckt, das körperliche Arbeit, Gymnastik, Tänze, Vorlesungen, Aussprachen, geistige Exerzitien usw. in sich schloß. Es war jedem klar, daß Gurdjew über die Struktur der Persönlichkeit, über den Bezug zwischen Mensch und Welt und über vieles andere Vorstel­ lungen besaß, die nur ihm gemäß und zu keinem der unbestimm­ ten, gerade in Mode befindlichen »spiritualistischen« Systeme in Beziehung zu setzen waren. Die von Ouspensky ebenso klar wie klug entwickelten Visionen lassen ein festgefügtes philosophisches System voraussetzen, eine Psychologie, eine Theologie, eine Weltschau, eine stark mit Ästhe­ tik verbundene Ethik, die in ihrer von Ouspensky versuchten west­ lichen Ausdrucksform durchaus dieselbe Beachtung verdienen, wie man sie bisher den wichtigsten philosophischen Systemen Europas schenkte. Aber es war unmöglich, in das Denksystem Gurdjews einzudringen, ohne eine Erfahrung durchschritten zu haben, die das ganze Sein erfaßte, und ohne ein gewisses geistiges oder kör­ perliches Anfangsstadium durchbrochen zu haben, in dem alles das, was wir »Intelligenz« oder »Kultur« nennen, verneint wird. Deshalb konnte man dort die Fachpsychologen, Ärzte, Schriftstel­ ler und die von unseren Universitäten kommenden geistigen Ar­ beiter aller Art beim Karrenschieben, Kühefüttern, Tanzen - und überhaupt beim »Verlernen« beobachten. Es war unmöglich, die­ ser ganzen Geschichte auf jener geistigen Betrachtungsebene

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