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Schatten über Glückskirchen

Eines schönen Tages schlenderte Ludolfo Lachmalwieder durch die Gassen seines Heimatdorfes Glückskirchen und freute sich, wie immer. Er freute sich darüber, dass die Sonne schien und es angenehm warm war, er freute sich über jeden Dorfbewohner, den er unterwegs traf und mit dem er ein kleines Schwätzchen hielt und er freute sich über die spielenden Kinder auf der Straße. Glückskirchen war ein äußerst ruhiges, friedliches Dorf, umringt von Wäldern, Bächen und Seen, an denen sich die Bewohner oft trafen. Fast immer schien über Glückskirchen die Sonne und die Temperaturen lagen das ganze Jahr bei angenehmen 25 ° Celsius. Man brauchte also weder Jacke noch dicke Schuhe. Die meisten Bewohner trugen lockere Sandalen, dazu eine kurze Hose und ein buntes T-Shirt.

„Guten Morgen mein lieber Ludolfo“, ertönte eine Stimme neben Ludolfo. „Ach, du bist’s, Eddie Ewigfroh, alter Freund. Wie geht es dir?“ „Wie soll es mir gehen“, antwortete Eddie, „gut natürlich, wie immer. Und selbst?“ Ludolfo lachte und gab zurück: „Mir geht es auch immer gut, das weißt du doch, Eddie. Aber sag mal, wohin willst du eigentlich gerade?“ „Ich muss nur ein paar Besorgungen machen, nichts weiter. Also dann bis später, mein Freund!“ „Ja“, antwortete Ludolfo, „bis später!“ Ludolfo schlenderte weiter, vorbei an seiner Lieblingsbäckerei und dem Friseursalon von Gerlinde Glückselig, wo er sich nur allzu gerne seine langen, krausen, schwarzen Haare schneiden ließ, allerdings nur die Spitzen, da war Ludolfo sehr eigen. Gerlinde winkte wie jeden Tag aus dem Schaufenster und Ludolfo winkte lächelnd zurück. Wie verabredet stand sein Freund Martin Munter schon an der großen Eiche neben dem alten Brunnen. Jeder im Dorf kannte die alte Eiche, da sie einige unverwechselbare, schwarze, gespaltete Äste hatte. Nach einer herzlichen Begrüßung gingen die beiden Freunde ein Stück entlang des Weges, als sich plötzlich der Himmel über ihnen verdunkelte. Sie schauten erschrocken nach oben, konnten aber nicht feststellen, woher der Schatten kam. Ein kalter Schauer durchfuhr sie und sie sahen sich ratlos an. „Was ist hier los?“, fragte Martin Munter seinen Freund. „Ich weiß es auch nicht“, gab Ludolfo zurück. „Aber sicher verschwindet der Schatten bald wieder“. „Ja, hoffentlich“, fügte Martin hinzu. Sie hatten noch nie erlebt, dass die Sonne über Glückskirchen einfach verschwunden war, außer natürlich in der Nacht. Sie ruhten sich eine Weile auf einer Bank aus, doch dann wurde es ihnen ein wenig zu unheimlich – und auch zu kalt, denn schließlich trugen sie beide kurze Hose und T-Shirts. So gingen sie zurück ins Dorf, wo sich bereits einige Dorfbewohner am Marktplatz versammelt hatten und aufgeregt über die neuesten, unheimlichen Ereignisse redeten. Lola Lieblich und Frido Freundlich eilten auf Ludolfo und Martin zu und fragten: „Wisst ihr, was hier los ist? Es ist so kalt und so dunkel!“ „Nun beruhige dich erst einmal, Lilo“, antwortete Ludolfo, „mach dir keine Sorgen, sicherlich ist es bald wieder vorbei. Aber was es ist, weiß ich leider auch nicht.“ Lilo machte ein betrübtes Gesicht und Frido versuchte sie zu trösten. Die Bewohner wurden von Stunde zu Stunde unruhiger und mittlerweile hatte sich das ganze Dorf draußen versammelt. Kalt war es geworden, ungewohnt kalt und sie mussten sich mit Decken wärmen. Schließlich trat eine Gestalt hervor. Die Bewohner machten sofort Platz. In ihre Mitte trat mit großen, schweren Schritten eine alte, faltige Person:

Willy Weise, das Dorfoberhaupt und ältester Bewohner Glückskirchens. Er hob die Hand und plötzlich wurde es still. Alle Bewohner schwiegen und lauschten den Worten des alten Mannes. „Dorfbewohner von Glückskirchen, horcht auf! Ich muss euch etwas mitteilen! Sicher ist niemandem entgangen, dass es seit Stunden in unserem Dorf dunkel und kalt ist und sicher fragt ihr euch, warum.“ Sofort wurden Stimmen laut und einige Bewohner begannen, Fragen zu stellen und ihre Ängste

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kund zu tun. „Nun schweigt und lauscht!“, zischte Willy, der manchmal etwas forsch und unfreundlich rüberkam, aber tief in seinem Herzen war er ein herzensguter Mann, der stets helfen und seine Dorfbewohner vor allem Unheil schützen wollte. Die Menschen beruhigten sich wieder und hörten Willy gespannt zu. „Die Dunkelheit bricht nur alle 75 Jahre über unser Dorf herein. Ich selber habe sie auch erst ein einziges Mal erlebt, als ich selbst gerade mal 7 Jahre alt war. Doch zu jener Zeit war mein Urgroßvater der Dorfälteste, der uns über die Dunkelheit aufklärte. Sie kommt wie gesagt nur ein einziges Mal in 75 Jahren, doch dann sollte man sich in Acht vor ihr nehmen, denn sie hütet ein dunkles Geheimnis.“ Ein Raunen ging durch die Menschenmenge und die Bewohner schauten besorgt umher. Willy Weise fuhr fort: „Und doch, meine lieben Bewohner und Freunde, hat die Dunkelheit etwas Gutes. Sie holt uns ein, wenn Unheil droht, Unheil, das aus dem Schattenwald zu uns herüberkommt. Drum müssen wir nun zusammenhalten und gemeinsam als eine Einheit das Unheil abwehren. Bleibt zusammen und vertraut einander. Haltet euch gegenseitig fest und stützt die Schwächeren. Denn bald wird der große Sturm vom Wald über uns hereinbrechen. Es wird ein Unwetter ungeheuren Ausmaßes sein, das zerstörerische Kraft besitzt. Es kann alles mitreißen, was ihm im Weg steht, doch gemeinsam können wir dagegen halten. So wie damals, als mein Urgroßvater mir zeigte, was zu tun war. Das Gute daran ist, dass sie uns nichts anhaben kann, wenn wir alle an einem Strang ziehen, also los, ihr wisst, was zu tun ist!“

Alle Bewohner begannen sofort, die Fenster und Türen ihrer Häuser zu schließen und alles, was herumlag, sicher zu verstauen. Es herrschte ein großes Durcheinander auf dem Marktplatz und doch wusste jeder, was er zu tun hatte. Die Alten und Kranken sowie die Kinder standen in der Mitte. Um sie herum stand eine schützende Mauer aus kräftigen Männern und Frauen, eng aneinander und fest entschlossen, nichts und niemanden hindurch zu lassen. Der dunkelgraue Himmel färbte sich nun schwarz und es war, als würde die Nacht hereinbrechen. Man konnte nun kaum noch die Hand vor Augen sehen, doch jeder Einzelne war hellwach und bereit, den Kampf gegen die Dunkelheit aufzunehmen. Erste Böen erreichten das Dorf und die Bewohner wussten, dass es gleich losging. Angespannt warteten sie in ihrer Formation, bis die Böen stärker und stärker wurden und sich daraus ein Sturm entwickelte. Blätter flogen wirbelnd durch die Luft und es war nun sehr kalt. Die wenigen Decken, die die Bewohner hatten, schützten die Kranken und die Kinder. Der Sturm wurde zum Orkan und einige kleinere Gegenstände wurden mitgerissen und flogen durch die Luft. Zum Glück hatten sich die Bewohner Glückskirchens auf dem großen Marktplatz versammelt, so dass sie sich vollkommen außer Reichweite von fliegenden Gegenständen befanden. Der Orkan peitschte durch’s Dorf und wurde immer stärker. Plötzlich blitzte es. Der Himmel leuchtete so hell auf, dass die Bewohner erschraken. Nur wenige Sekunden später folgte ein ohrenbetäubender Donner. Regen setzte ein und es wurde immer ungemütlicher. Doch Willy ermutigte die Dorfbewohner: „Meine lieben Freunde, gebt nicht auf. Haltet stand und lasst die Dunkelheit nicht Herr unseres Dorfes werden, sonst sind wir für immer verloren! Kämpft, meine Freunde, kämpft und haltet durch!“ Er musste schreien, damit die Bewohner seine Worte überhaupt noch verstehen konnten. Der Wind pfiff ununterbrochen durch die Gassen und durch den Regen waren alle bis auf die Knochen nass. Sie froren erbärmlich, doch sie wollten keinesfalls aufgeben. Sie liebten ihr Dorf über alles und wollten es nicht kampflos der Dunkelheit übergeben. Sie holten noch einmal tief Luft und stemmten sich mit letzter Kraft gegen das herannahende Unheil. Die Macht des Orkans und das Gewitter machten es den

Schatten über Glückskirchen

Bewohner fast unmöglich, weiter auf ihren Beinen zu stehen. Plötzlich sackte einer der Männer, der in der vordersten Reihe stand, zusammen und ging zu Boden. Es war Eddie Ewigfroh. Sofort begann die gesamte Menschenkette zu schwanken und drohte, einzureißen und mit dem Orkan einfach wegzufliegen. Schnell versuchten die Männer neben Eddie, ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Sie schafften es und zum Glück konnte die Menschenmauer der ungeheuren Macht der Dunkelheit nun weiter standhalten. Plötzlich schlug ein Blitz in die alte am großen Brunnen ein und spaltete sie erneut. Ein dicker Ast wurde in zwei Stücke gespalten und fing Feuer, doch nach wenigen Sekunden erlosch das Feuer von selbst. Zurück blieb ein schwarzer, verkohlter, gespaltener Ast. Die Bewohner staunten nicht schlecht. Jetzt verstanden sie, warum die alte Eiche mehrerer solcher schwarzer, gespaltener Äste besaß. Schlagartig hörte der Regen auf und vom Gewitter war keine Spur mehr. Der orkanartige Wind ließ langsam aber sicher nach und die Bewohner brauchten sie nicht mehr gegen den Sturm lehnen. Als der Sturm sich in leichte Windböen aufgelöst hatte, brach der schwarze Himmel auf. Erst waren graue Wolken zu sehen, doch schon nach kurzer Zeit wurden auch diese beiseite geschoben und ein strahlend blauer Himmel kam zum Vorschein. Der Wind war nun vollkommen verschwunden und die Sonne zeigte sich plötzlich. Es war auf einmal so hell, dass die Bewohner blinzeln mussten. Die Kinder rissen sich die Decken von den Beinen und liefen lachend herum. Manche mussten sich kurz setzen, weil die Anstrengend des Kampfes ihnen das letzte Fünkchen Kraft geraubt hatte. Doch eines hatten sie alle gemein: Sie waren glücklich. Sie hatten es geschafft, sie hatten die Dunkelheit besiegt und sich und ihr Dorf gerettet. Nun feierten sie ausgelassen auf dem Marktplatz, hatten reichlich Getränke und Essen geholt, sangen und tanzten und genossen vor allem eines, die warme Sonne.

Willy Weise kletterte auf einen großen Stein, räusperte sich und verkündete: „Meine lieben Freunde, was soll ich sagen, wir haben es geschafft!“ Eine Welle des Jubels fuhr durch die Menge. „Leute, Leute, ruhig. Ich möchte nur noch eines sagen: Ich bin unendlich stolz auf uns und unser Dorf, dass wir gemeinsam, als eine große Gruppe uns gegen die mächtige Dunkelheit wehren konnten. Ich denke, ihr habt an den gespaltenen Ästen der großen Eiche gesehen, dass unser Dorf es schon mehrfach erfolgreich geschafft, das Unheil aus dem Schattenwald abzuwehren, das zu uns ins Dorf herüberzog. Aber lange Rede, kurzer Sinn: Lasst uns feiern!“ Er erhob seinen Becher und alle Bewohner taten es ihm gleich. „Auf uns!“ ertönte es aus jeder Ecke. Sie feierten ausgelassen bis in die frühen Morgenstunden. Gemeinsam waren sie eben ein unschlagbares Team.