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AIDS - TEST FÜR DIE GEMEINDE

Der Artikel ist in den Zeitschriften Gemeindegruß, (Bund der


FEG der Schweiz), Nr. 11/1990 und Der Gärtner, Nr. 49/9.
Dez. 1990

1. Offenheit über sexualethische Fragen

Kaum eine Infektionskrankheit in der


Menschheitsgeschichte hat der Gemeinde Jesus so viel
Kopfzerbrechen bereitet wie die AIDS-Infektion und die
daraus resultierenden Folgen. Die AIDS Aids-Übertragung
geschieht überwiegend durch Geschlechtsverkehr, darum
wird ein Infizierter nolens volens verdächtigt, ein sexuelles
Vergehen begangen zu haben. Daß das nicht immer der Fall
zu sein braucht, wird von Vielen kaum zur Kenntnis
genommen. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen,
auf diese Tatsache näher einzugehen. Darum wollen wir uns
eingangs kurz mit der sexualethischen Frage befassen.

Nach der Sexualrevolution der sechziger Jahre wurden die


Christen herausgefordert, ihre Haltung zur Sexualität auf-
grund der Bibel neu zu überdenken, denn auch sie können
sich dem Widerspruch extremer gesellschaftlicher Wertnor-
men nicht entziehen, d.h. dem Konflikt zwischen dem
Wunsch nach totaler Lusterfüllung und ggf. der
bibelgemäßen Wirklichkeit von Aufschub und Verzicht. Die
Spannung zwischen den Erfahrungen von sexueller Ekstase,
Faszination, Lust, Zärtlichkeit und den Erfahrungen von
Distanz, Gewissensbissen, Tradition, Verzicht gemäß einer
jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung ist uralt und hat im
Laufe der Geschichte zu einer tiefen Spaltung geführt. Einer
Spaltung zwischen Wollen und Vollbringen, auch zwischen
äußerer Frömmigkeit und innerem Trieb, die gipfelte in der
gegenwärtigen Sexualrevolution, für die man weithin den
christlichen Glauben verantwortlich macht. Schuld ist freilich
nicht der Glaube, sondern die Gesetzlichkeit. Darum müssen
sich die Verkündiger der Frage stellen, in welchem Rahmen
sich die Konflikte und Krisen des heutigen Menschen
vollziehen; sie müssen die elementare Spannung zwischen
einer evangeliumsbezogenen und einer situationso-
rientierten Sexualethik ernstnehmen und ihre Gegensätze
aufzeigen. Sie haben keinen Anlaß, die Mitschuld an der
Sexualrevolution zu verdrängen und zum vermeintlichen
"rettenden Strohhalm" zu greifen, indem sie richten und von
der Kanzel verkündigen: "Seht Mal, was diese Revolution
letzten Endes bewerkstelligt hat, nämlich: AIDS." Die
Sexualrevolution ist auf keinen Fall die "Urheberin" von AIDS,

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jedoch hat die sexuelle Freizügigkeit dessen Verbreitung
begünstigt. Die Aids-Gefahr fordert Christen zur Offenheit
darüber heraus, was der Mensch geworden ist und was er als
ureigenster Entwurf Gottes werden sollte. Christen sollten
endlich einmal lernen, in aller Offenheit über die Fragen der
Sexualität zu sprechen. Je länger sie sie verdrängen, desto
größerer Gefahr setzen sie sich aus, Opfer ihrer eigenen
Triebe zu werden. Dann wird der Verbreitung von AIDS auch
in christlichen Kreisen Tür und Tor geöffnet. Im Lichte der
Wiederkunft Christi dürfen wir eine evangeliumsbezogene
Sexualethik für unser Leben und Überleben entfalten, die ein
Vorbild auch für unsere Mitmenschen werden kann. Die
Fragen der Sexualität dürfen in den Gemeinden nicht mehr
Tabuthemen bleiben, wenn wir der Verbreitung der Aids-
Seuche vorbeugen wollen.

2. Die Gefahr der Ausgrenzung

Wer die Hingabe an Jesus Christus vollzieht, verläßt den


gottlosen Weg, je nachdem also das Milieu der sexuellen
Freizügigkeit. Unter ihnen wird es vermehrt Aids-Infizierte
Menschen geben, und sie in die christlichen Kreise zu
integrieren, wird keine leichte Aufgabe sein. Die Evan-
gelikalen leben in einer "heilen Welt", in einer "frommen
Isolation", sie wollen sich nur ungern der Wirklichkeit
außerhalb ihrer "Domäne" stellen. Es fällt ihnen leichter, mit
Gerichtsdrohungen an die Mitmenschen zu gelangen, als
Jesus Ruf "Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und
Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben"
auszuposaunen. Darum mag es vorkommen, daß Aids-
Infizierte sich in unseren Gemeinden nicht angenommen und
ausgegrenzt fühlen werden. Denn die Angst vor AIDS ist
unter den Christen sehr groß. Diese Angst schafft Distanz
und Unbehagen im Umgang mit von AIDS geplagten
Menschen; sie kann die Nächstenliebe auslöschen. Die
Berührungsängste mit den Aids-Infizierten sollten aber
unbedingt überwunden werden. Ein Erlebnisbericht von Gabi
Meier und Yven Neuhaus aus der FEG Helvetiaplatz Zürich
mag einen Beitrag dazu leisten: "Unser Verkündiger, seine
Frau und sechs Jugendliche trafen sich vor dem Waid-Spital,
um mit einem gläubigen Seropositiven das Abendmahl zu
feiern. Der Pfarrer fragte uns, ob wir Berührungsängste
empfinden würden. "Nein, ich doch nicht," schoß es Gabi
durch den Kopf, und sie erzählt: "Auf dem Weg zum
Krankenzimmer aber merkte ich, daß ich trotzdem Angst
hatte. In einem Stoßgebet übergab ich sie dem Herrn Jesus
Christus und legte alles in seine Hände. Dennoch begegnete
ich dem Christen mit einer inneren Distanz. Ich hatte noch
Zeit, Gott innigst um Vergebung zu bitten. Und als ich R. die
Hand gab, war meine Kontaktangst völlig weg." Matthias
Heiniger, Physiotherapeut dieses Spitals, nahm die Gitarre
zur Hand und stimmte ein Lied an. Yven berichtet: "Unser

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Bruder lag halb gelähmt da, sang so gut es ging mit, zeigte
mehrmals mit dem 'Autostop-Zeichen' und einem herzlichen
Blick, wie gut es ihm gefiel." Gabi ergänzt: "R. freute sich so
sehr, daß ich echt mit den Tränen zu kämpfen hatte. Mir
wurde plötzlich bewußt, daß unser Herr Jesus stärker als der
Tod ist. Er kann jede Dunkelheit in strahlendes Licht verwan-
deln. "Bei der Abendmahlsfeier rief R. immer wieder aus:
"Halleluja. Danke vielmals, daß ihr gekommen seid. Das ist
aber lieb von euch. "Gabi erinnert sich: "Ich empfand eine
tiefe Verbundenheit mit diesem Bruder und unendlich viel
Sympathie für ihn." Yven schließt seinen Bericht mit dem
Satz: "Unser lieber R. ist ein echtes Zeugnis für uns alle.
Denn wir durften sehen, daß er seinen Blick einzig auf den
gerichtet hat, der ihn in seine Arme geschlossen hat,
nämlich: auf Jesus Christus." Die Ausgrenzung kann
schlimme Folgen haben. Meines Wissens haben nicht wenige
Aids-Infizierte sich das Leben aus der Angst vor Ausgrenzung
genommen. Jesus Christus setzte dagegen ein Exempel der
Solidarität mit den Ausgestoßenen bzw. mit dem "Abschaum"
der Gesellschaft seiner Zeit. Er brach keinen Stab über die
ihm vorgeführte Ehebrecherin im Tempel (Joh. 8,2-11) oder
über die Sünderin im Hause eines Pharisäers (Lk. 7,36-50), er
nahm sich der Ausgestoßenen an, verweilte in ihrer Mitte
(vgl. Mt. 26,6ff) und verlieh ihnen das Gefühl der
Geborgenheit und des Friedens (Lk. 7,50). Die Seropositiven
haben ein Anrecht auf eine Atmosphäre der Liebe und auf
die daraus resultierende Annahme, wie Paulus sie seine
Zeitgenossen auch gelehrt hatte (Röm. 15,7). Die
"bürgerliche Abgrenzung" von der Not der Betroffenen
schadet der Verbreitung des Evangeliums und macht
unfähig, dem Großen Auftrag Christi (Mt. 28,19f) gerecht zu
werden. Darum ist es die Aufgabe der Gemeindediener, alle
Vorurteile gegen Aids-Infizierte abzubauen und zum
Verständnis für deren Not beizutragen.

3. Seelsorge und AIDS

Professor Harald Brown hat davor gewarnt, "die


aussichtslose Lage der Aids-Kranken dadurch noch zu
verschlimmern, daß wir ihre Schuldgefühle steigern. Aus
unserer Sicht ist es nötig," führt Brown aus, "dies zu betonen:
Erstens darf die Kirche einen Aids-Kranken unter keinen
Umständen dadurch noch mehr in Verzweiflung
hineintreiben, daß sie ihm vorhält, seine Krankheit sei eine
Strafe für seinen Lebensstil. Zweitens aber darf die Kirche
gerade angesichts der Tatsache, daß ein Aids-Kranker fast
unvermeidbar mit großen Schuldgefühlen zu kämpfen haben
wird, nie den Fehler machen, ihm zu sagen: "'Dich trifft
keine Schuld'." ( H.O.J. Brown: "Eine neue Geißel Gottes?" in:
Welt am Sonntag, 22.2.1987). Menschen, die dem Herrn
Jesus Christus nachfolgen, erhalten tatsächlich die
Möglichkeit, nicht gegeneinander, nicht nebeneinander her,

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sondern miteinander zu leben. Man kann der Trauer, den
Klagen und der Verwundung der Aids-Opfer durch
theologische Richtigkeit bzw. Rechthaberei ihren
verletzenden Schmerz und ihre stechende Schärfe nicht
nehmen. Die Fragen der Kranken sind Klagen: Antworten
sind hier nicht gefragt, sondern Sich- Aussetzen, Stand-
halten, Mitfühlen, Mittrauern und Mitkämpfen. Die Ge-
meinden müssen sich üben, tragende Gemeinschaften im
Alltag zu sein, wie Jesus Christus sie vorgelebt hat, etwa
wenn er sagt: "... wer zu mir kommt, den werde ich nicht
hinausstoßen" (Joh. 6,37). Diese Verheißung verpflichtet die
Christen, einander anzunehmen und füreinander dazusein.
"Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen,
da bin ich in ihrer Mitte" (Mt.. 18,20). In dieser auf Christus
zentrierten Gemeinschaft kann auch die Grenze zwischen
Helfern und Hilfsbedürftigen fallen. Denn Gott hat die
Gemeinde "zusammengefügt und dabei dem Man-
gelhafteren größere Ehre gegeben, damit keine Spaltung im
Leib sei, sondern die Glieder dieselbe Sorge füreinander
hätten" (1Kor 12,24-25).

Eine "heilende Gemeinde" stößt niemanden hinaus,


sondern schafft Formen und Möglichkeiten der Integration.
Es ist kein Geheimnis mehr, daß Aids-Infizierte in den
Gemeinden an der Zahl zunehmen werden. Obschon das HIV
nicht nur in Blut und Sperma, sondern auch in Speichel,
Tränen, Schweiß, Muttermilch und in zerebrospinaler
Flüssigkeit lokalisiert wurde, besteht anscheinend keine
Gefahr der Ansteckung durch den gewöhnlichen Umgang mit
einem Aids-Opfer. Es wäre jedoch ratsam, aus hygienischen
Gründen den gemeinsamen Kelch beim Abendmahl
abzuschaffen und mit Einzelgläschen zu ersetzen. Der bei
HIV-Patienten durch Sproßpilze verursachte Soorbefall in
Form weißlicher Beläge auf der Mundschleimhaut kann
Spuren auf einem gemeinsamen Kelch hinterlassen und
einen gesunden Christen davon abhalten, am Abendmahl
teilzunehmen. Das wäre mit Einzelgläschen nicht der Fall.
Man sollte jedoch mit der "Reform" der Abendmahlspraxis
nicht erst dann beginnen, wenn bereits Aids-Opfer zur
Gemeinde gestoßen sind. Denn sie ertragen die
kontroversen "Reformdiskussionen" nicht und verlassen die
jeweilige Gemeinde wieder, wie es in einigen Fällen schon
geschehen ist.

Wenn die Aids-Krankheit ausgebrochen ist, bekommen


die meisten Opfer große Ängste vor Schmerzen oder vor dem
Ersticken. Sie werden ungeduldig und wollen sterben. Die
Sterbebegleitung erfordert sehr viel Offenheit, Geduld und
Liebe. Viele Worte können manchmal störend wirken. Oft
sind wir ja auch mit unserer sprachlichen Kommunikation am
Ende. Wir selbst werden sprachlos und damit hilfloser. Dann
können wir nur noch nonverbal handeln. Aber das stille
Gebet am Krankenbett vermag dem Kranken den Frieden

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wieder zurückzugeben. Sein Angst wird auch dann allmählich
weichen, wenn man Gelegenheit erhält, sich mit ihm über
Gott und die Welt, über Sterben und das Leben nach dem
Tod zu unterhalten. Als sehr hilfreich hat sich das Gespräch
über den Psalm 139 erwiesen. "Meine Urform sahen deine
Augen. Und in dein Buch waren sie alle eingeschrieben, die
Tage, die gebildet wurden, als noch keiner von ihnen da war"
(Vers 16). Der Hinweis auf die Allwissenheit Gottes und auf
die Tatsache, daß Gott sich nach unserer Bekehrung nicht
mehr an die Sünden des jeweiligen Menschen erinnert (Jer.
31,34), wirkt erfahrungsgemäß befreiend auf die Sterbenden,
so daß sie ruhig und still sterben konnten.

AIDS ist ein Test für die Gemeinde von heute. Ist sie für
diese Herausforderung genügend vorbereitet? Wird sie den
Aids-Opfern Christus gemäß begegnen und sie in ihre Reihen
integrieren können? Wird sie Barmherzigkeit üben oder sich
"bürgerlich" von den HIV-positiven abgrenzen? Wird sie
imstande sein, den Opfern dieser schrecklichen Krankheit
eine "heilende Gemeinschaft" zu bieten? Diesen Fragen und
anderen müssen wir uns stellen - hoffentlich nicht zu spät.

Hermann Hartfeld
Zürich, Herbst 1990