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Foto: Bodo Marks/dpa

T I T E L

Foto: Bodo Marks/dpa T I T E L Straßenkampf Eltern, Schüler und Lehrer demonstrieren gegen die

Straßenkampf Eltern, Schüler und Lehrer demonstrieren gegen die Bildungsreform in Hamburg. Die schwarz-grüne Regierung möchte eine

Kampf ums Gymnasium

Radikalreformer wollen den Bildungstempel zur Einheitsschule umbauen, zugleich drängt eine immer schwierigere Klientel in die höchste Schulform. Das Abi wird entwertet

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Quelle: Kultusministerkonferenz

Quelle: Kultusministerkonferenz Primarschule einführen, auf die alle Kinder gemeinsam bis zur sechsten Klasse gehen

Primarschule einführen, auf die alle Kinder gemeinsam bis zur sechsten Klasse gehen müssten

E s gab eine Zeit, da war Mareile Kirsch ganz auf der Linie jener, die sie heute erbittert bekämpft. Viele Jahre engagierte sich die

Hamburger Hausfrau und Mutter zweier Gym- nasiasten als Mitglied der CDU im Bildungsaus- schuss. Das Thema lag ihr am Herzen – inzwi- schen ist es der Grund, warum die 50-Jährige ihrer Partei den Rücken gekehrt hat. Heute sieht man Kirsch auf Marktplätzen der Hansestadt stehen, sie spricht Passanten an und verteilt Flugblätter. Kirsch und ihre Mitstreiter, die meisten aus der bürgerlichen Mitte, schicken

FOCUS 28/2010

sich an, die größte Schulreform in der Geschichte der Hansestadt zu kippen – und den schwarz- grünen Senat von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) womöglich gleich mit. Am 18. Juli stimmen die Hamburger darüber ab, ob ihre Kinder künftig sechs Jahre lang auf den vom Senat geplanten Primarschulen zusam- menbleiben oder, wie bisher, nach der vierten Klasse auf weiterführende Schulen wechseln. Das Gymnasium, fürchten die Reformgegner, verkomme so zur sechsjährigen „Rumpfschule“. „Wenn zwei weitere Jahre wegfallen, wird den

„Wenn zwei weitere Jahre wegfallen, wird den Höhere Bildung für alle Verteilung der Schüler auf die

Höhere Bildung für alle

Verteilung der Schüler auf die Schularten in Klassenstufe 8 in den Jahren 1999 und 2008 ����������

Gymnasium
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1999

Neue Volksschule Das Gymnasium besuchen inzwischen mehr Kinder und Jugendliche als jede andere Schulart

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Fotos: Marko Priske/FOCUS-Magazin, M. Hansen/action press

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Priske/F OCUS -Magazin, M. Hansen/action press T I T E L Bildungs-Stürmer Hamburgs Bürgermeister Ole von

Bildungs-Stürmer Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust könnte am Widerstand gegen seine Schulpläne scheitern

Schülern noch mehr Stress zugemutet“, glaubt Aktivistin Kirsch. Schon jetzt gebe es wegen der Verkürzung auf acht gymnasiale Jahre bei ihrer 16-jährigen Tochter Ta ge, „an denen sie von m or- gens acht bis abends acht in der Schule ist“. Er ist schicksalhaft, dieser Sonntag. Nicht nur für Ole von Beust und seine Koalition. Auch des- halb, weil die Bürger der Kaufmannsstadt darü- ber abstimmen dürfen, wie denn generell mit der höchsten deutschen Schulform zu verfahren sei. Das Gymnasium, einst der Deutschen heiligste Bildungsikone, es soll geschliffen werden. Am Fundament presslufthämmern die Egalitätsro- mantiker. Der Leistungsgedanke ist ihnen sus- pekt, eine Einheitsschule soll die Eliteeinrich- tung ersetzen. Mindestens zwei Jahre wollen sie dem Gymnasium für längeres gemeinsames Lernen abgraben. Von oben drückt rentenkassendienernder Re- formeifer – Abi bitte jetzt in zwölf Turbo-Jahren, egal zu welchem Preis. Zugleich drängt eine im- mer schwierigere Schülerschaft in die vormals heiligen Hallen, von Eltern geschubst, von der Wirtschaft gefordert. Und kaum ein Tag, an dem nicht in irgendeinem Kultusministerium eine neue Reformidee zur Zwangsbeglückung und weiteren Verbürokratisierung des gymnasialen Lehrbetriebs geboren wird. In Nordrhein-Westfalen will die neue rot-grü- ne Minderheitsregierung unter Hannelore Kraft (SPD) ein Drittel der weiterführenden Schulen zu

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Prozent der Eltern wünschen sich, dass ihr Kind auf das Gymnasium geht. Nur drei Prozent würden frei- willig die Hauptschule wählen

Gemeinschaftsschulen umbauen, in denen min- destens bis zur sechsten, wahlweise auch bis zur zehnten Klasse gemeinsam gelernt wird – was der Demontage vieler Gymnasien gleichkommt. Nach dem Willen der Reformer soll der Umbau möglichst unumkehrbar sein. Die Fraktionsvorsit- zende der Grünen, Sylvia Löhrmann, als Schulmi- nisterin in dem bevölkerungsreichsten Bundesland avisiert, ist überzeugt, dass die „Zusammenführung der Bildungsgänge nicht aufzuhalten sein wird“.

Bei den Linken steht das Gymnasium unter Privileg-Verdacht

Thüringen will die Gemeinschaftsschule auf freiwilliger Basis einführen, das Saarland die Grundschule bis zur Fünften verlängern. In Ber- lin schafft der rot-rote Senat noch in diesem Jahr Real- und Hauptschulen zu Gunsten sogenann- ter Sekundarschulen ab, die Schüler zu allen Ab- schlüssen führen – Abitur inklusive. Den Ansturm auf das Gymnasium will man per Losverfahren umverteilen. Auch weniger leistungsstarke Schü- ler sollen auf diese We ise einen Platz an attra kti- ven Abi-Schmieden erhalten, die sich bislang ihre Schüler selbst aussuchen konnten. Die Linken würden das unter Privileg-Verdacht stehende Gymnasium gern durch eine Einheits- schule ersetzen. 17 Modellschulen erproben der- zeit in der Stadt das gemeinsame Lernen bis Ende der zehnten Klasse, ohne Sitzenbleiben, ohne

FOCUS 28/2010

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Abi für alle In Berlin schafften 42 Prozent des Jahrgangs, hier Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, das Abitur

Abiturienten als Massenware

2000 bis 2020, alle Schulen mit Fachhochschul- und Hochschulreife�������� Absolventen � ����
2000 bis 2020, alle Schulen mit
Fachhochschul- und Hochschulreife��������
Absolventen
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493
488
464
446
443
431
2009
2010
2011
2012
2013
2014
Quelle: Kultusministerkonferenz

Absolventen-Berg Auf Grund der Verkür- zung der Gymnasialzeit kommt es in ver- schiedenen Bundes- ländern zu doppelten Abiturjahrgängen. So viele studierfähige junge Menschen wie nie zuvor verlassen dann die Schulen

Probezeit – und selbstverständlich ohne äußer- lich sichtbare Sortiererei zwischen guten und we- niger guten Schülern. Denn daran entzündet sich der Glaubenskrieg, dessen Gräben – siehe Hamburg – mitunter so- gar innerhalb der Parteilager verlaufen. Darf man Schüler schon nach der vierten Klasse in die Schul- typen-Töpfchen verteilen? Und wie fair ist diese Auswahl? Soll das Gymnasium seine Pforten noch weiter öffnen? Würde längeres gemeinsames Ler- nen den Schwachen mehr Chancen eröffnen? Und was bedeutet es für die Starken? Es ist das Credo der „Chancengerechtigkeit“, das diesen ideologischen Kampf betitelt. Ein Kampf der Worte auch, denn Zuordnungen wie faul und fleißig, dumm und schlau sind hier höchst unerwünscht. Lieber spricht man von unfair verteilten Privilegien. Angestoßen von den Pisa-Studien, die Deutsch- land einen vergleichsweise hohen Zusammen- hang zwischen Herkunft und Bildungskarriere bescheinigten, stürzen sich Bildungspolitiker in einen Reformrausch, der auch an den Grundfes- ten der höheren Schulbildung rüttelt. „Was derzeit geschieht, macht das Gymnasium kaputt“, warnt Rainer Stein-Bastuck, Vorsitzender der Bundes- Direktoren-Konferenz Gymnasien. „Eine längere Grundschulzeit schlägt dem Gymnasium den Fuß weg und zerstört alles, was gymnasiale Bildung ausmacht.“ Wer die Qualität steigern wolle, müs- se die Schulen endlich in Ruhe lassen.

was gymnasiale Bildung ausmacht.“ Wer die Qualität steigern wolle, müs- se die Schulen endlich in Ruhe

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Fotos: Wolf Heider-Sawall/FOCUS-Magazin

T I T E L

Fotos: Wolf Heider-Sawall/F OCUS -Magazin T I T E L Freude an alten Sprachen Elftklässler des

Freude an alten Sprachen Elftklässler des Wilhelmsgymnasiums übersetzen die „Apologie des Sokrates“ aus dem altgriechischen Original

„Apologie des Sokrates“ aus dem altgriechischen Original 5 2 46 Prozent eines Jahrgangs verfügen heute über

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Prozent eines Jahrgangs verfügen heute über die Hochschulreife. 32 Prozent haben das Abitur, der Rest ein Fachabitur

Straffes Programm Laura Hohoff, 14, be- sucht die achte Klasse des Wilhelmsgymna- siums. „Ich lerne nach- mittags ein bis zwei Stunden. Plus Vokabeln in den Ferien“

Die Reformer sehen das anders: Durchlässiger, schneller und vor allem einer größeren Masse zu- gänglich soll das Gymnasium werden. Die OECD – wohlgemerkt eine Wirtschaftsvereinigung und kein Bildungsgremium – tadelt Deutschland seit Jahren wegen seiner angeblich zu niedrigen Aka- demikerquote. Wenn aber immer mehr studieren sollen, benötigen immer mehr das Abitur. Mit fatalen Folgen für das Gymnasium. Die honori- ge Einrichtung, vormals Hort einer schmalen Bil- dungselite, ist inzwischen die neue Volksschule. Mehr als ein Drittel der deutschen Eleven besu- chen heute ein Gymnasium, Mitte der 60er war es nur jeder fünfte. „Wir platzen aus allen Nähten“ ist ein Satz, den man oft hört, wenn man mit Gymnasialdirektoren spricht. Mancherorts gerät der gymnasiale Schul- alltag darob zur Mängelverwaltung. Das Peter-Wust-Gymnasium im rheinland-pfäl- zischen Wittlich etwa beherbergt heute knapp 1000 Schüler – ausgelegt ist es für 350. Aus Raum- not findet der Unterricht für die Klassen fünf bis neun im fünf Kilometer entfernten Ortsteil Wen- gerohr statt, die Lehrer müssen zwischen beiden Standorten pendeln, die Unterrichtsstunden ver- kürzen sich dadurch von 45 auf 30 Minuten. „Die Gymnasien werden bewusst vernachläs- sigt“, glaubt Margit Bastgen, deren Tochter das Wittlicher Gymnasium besucht. Vor dem Oberver- waltungsgericht kämpft die Rechtsanwältin der- zeit um Zulassung einer Klage gegen die SPD-ge-

FOCUS 28/2010

führte Landesregierung, die, so Bastgen, „nichts tut, um die Situation zu entschärfen – auch weil

führte Landesregierung, die, so Bastgen, „nichts tut, um die Situation zu entschärfen – auch weil sie den Eltern auf diese Weise Real- und Gesamt- schulen schmackhafter machen will“. Allein: Die Rechnung scheint nicht aufzuge- hen. In Berlin bleiben die Anmeldezahlen an den neuen Sekundarschulen deutlich hinter den Er- wartungen zurück. Und das, obgleich diese mit kleineren Klassen – 25 Schüler statt 32 am Gym- nasium – und oft auch Ganztagsbetrieb aufwar- ten können. Auch in NRW – Hochburg der Gesamtschulen – wechseln weniger als fünf Prozent der Schüler mit gymnasialer Empfehlung auf eine Gesamtschule. Das Gros bevorzugt das Gymnasium.

Der Übertritt gerät zur Statuspassage

Mehr denn je genießt das Abitur bei Eltern den Ruf eines soliden Unterpfands für die unwägbare Zukunft. Ginge es allein nach deren Willen, wür- den fast zwei Drittel aller Grundschüler auf die höchste aller Schulformen wechseln. Der Übertritt gleicht einer Statuspassage: Mit aller Kraft, mit häuslichem Lernhauruck und nicht selten professioneller Nachhilfe versuchen Eltern, ihr Kind auf das Gymnasium zu bugsieren – als drohe jenseits davon das bildungsbiografische Aus. In manch bürgerlichem Großstadtviertel liegt die Übertrittsquote auf das „Gymi“ inzwi- schen bei 90 Prozent. Auch hier präsentiert sich die Bildungsrepub- lik in föderalem Chaos. In sechs von 16 Bundes- ländern entscheiden Noten und/oder Lehreremp- fehlung über den weiterführenden Schultyp (s. Grafik S. 55). Während Sachsen den notwendigen Notenschnitt soeben von 2,5 auf 2,0 verschärfte, will die neue NRW-Regierung die Übertrittsent- scheidung künftig allein den Eltern überlassen. In Berlin obliegt sie ihnen seit jeher. 42 Prozent des Altersjahrgangs – mehr denn je – legten dort heuer ihr Abitur ab, verkündete Bildungssenator Jürgen Zöllner soeben stolz. Aber bedeutet dies, dass die Schar der Schlauen unaufhörlich wächst? Oder eher das Ende eines vormals elitären Zu- gangszertifikats? Abiturfeier in der Aula der Albert-Schweitzer- Schule in Berlin-Neukölln Ende Juni. Ein Brenn- punkt-Gymnasium, der Migrantenanteil beträgt 90 Prozent. Die Reihen in dem abgewetzten Raum sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Eltern, Ge- schwister und 78 Abiturienten warten auf den fei- erlichen Schlussakkord ihrer Schullaufbahn: das Reifezeugnis. Tarik, Elif, Konstantinos heißen sie, Dilek, Fatma und Henriette. Es ist der größte Abiturjahrgang, den Direktor Georg Krapp bislang verabschiedete – noch vor fünf Jahren sollte das Gymnasium mangels Nach-

FOCUS 28/2010

Jahren sollte das Gymnasium mangels Nach- F OCUS 28/2010 Homer und Hesiod Schulleiter Hotz in der

Homer und Hesiod Schulleiter Hotz in der Bibliothek des Wilhelmsgymnasiums

Längeres

gemeinsames Lernen ist

Wunsch-

denken. Die Schwächeren bremsen die Starken“

Michael Hotz, Schulleiter des Wilhelms- gymnasiums in München

frage geschlossen werden, inzwischen besuchen es 690 Mädchen und Jungen. „Wir wissen“, sagt Krapp, gebürtiger Franke, nach der Feier in seinem Arbeitszimmer, „um die Defizite unserer Schüler.“ Die Eltern fielen als Un- terstützer weg, viele lebten von Hartz IV, andere sprächen kaum Deutsch. „Unsere Schüler können ihre Eltern nicht fragen, was ein Kurienkardinal oder eine Kaiserpfalz ist“, sagt Krapp. Und er sagt auch: „Wir machen unser Gymnasium für unsere Schüler tauglich – und nicht umgekehrt.“ Wie mühevoll das ist, wie groß die Kompro- misse und oft auch Rückschläge sind, es lässt sich aus dem Gesicht der Studienrätin Sabine Jacobs lesen, die seit fast 30 Jahren an der Schu- le Englisch, Chemie und Darstellendes Spiel unterrichtet. Vielen Eleven mangle es an den Primärkompetenzen wie Pünktlichkeit, Fleiß, Disziplin und Zuverlässigkeit, beklagt Jacobs. „Diese Tugenden, für die das Elternhaus ein- stehen sollte, müssen wir den Jugendlichen erst beibringen.“ Die Schüler hätten große Probleme, Aufga- ben zu verstehen und Aufträge auszuführen, ihr sprachliches Unvermögen kaschierten sie oft mit Frechheit. „Ich zwinge sie“, sagt Jacobs, „nicht jeden zweiten Satz mit dem Wort Scheiße oder an- deren Schimpfwörtern zu spicken.“ Und sie ver- teile keine Notengeschenke, nicht mal im Dar- stellenden Spiel. Viele Kollegen sind da offenbar großzügiger.

ver- teile keine Notengeschenke, nicht mal im Dar- stellenden Spiel. Viele Kollegen sind da offenbar großzügiger.

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Foto: Valéry Kloubert/FOCUS-Magazin

T I T E L

Foto: Valéry Kloubert/F OCUS -Magazin T I T E L Multikulti-Projekt An der Düsseldorfer Gesamtschule von

Multikulti-Projekt An der Düsseldorfer Gesamtschule von Direktorin Margret Rössler haben 70 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund

Ob sie ihren Eleven damit einen Gefallen tun, deren Zukunftschancen verbessern? Jacobs be- zweifelt es. „Selbst mit einem Abiturzeugnis werden es viele Absolventen sehr schwer haben, ihren Weg zu finden.“

Was bleibt vom Humboldt’schen Bildungsideal?

Es ist die Gretchenfrage der deutschen Bil- dungspolitik. Was bleibt vom Humboldt’schen Bildungsideal, „so viel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln“, wenn Gymnasi- en eine immer größere und schwierigere Klientel bedienen und diese in immer kürzerer Zeit zum Abitur schleusen sollen? „Ohne Qualitätsverlust ist das nicht machbar“, sagt Brigitte Röder, Leiterin des Kepler-Gymnasi- ums im baden-württembergischen Ulm. Bei den Eltern genießt das Kepler-Gymnasium hohes An- sehen, fünf fünfte Klassen musste Röder im Vor- jahr einrichten, für das kommende Schuljahr hat sie es auf vier begrenzt – und Absagen geschrie- ben. Dennoch gibt es immer wieder Schüler, „die nicht ans Gymnasium gehören und sich perma- nent quälen“. Am Kepler-Gymnasium versucht man, der neu- en Klientel durch verbesserte Förderung gerecht zu werden. Für die zweite Fremdsprache ab Klas- se sechs wird Förderunterricht angeboten, auch in Mathe und Naturwissenschaften können die

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Prozent der Deutschen sprachen sich in einer Umfrage dafür aus, das föderale Bildungssystem abzuschaffen und einheitliche Regelungen einzuführen

Schüler entsprechende Kurse besuchen, die täg- liche zweistündige Hausaufgabenbetreuung be- gleitet eine Lehrkraft. Die Sitzenbleiberquote sank in den letzten Jahren von vormals 4,8 auf 1,8 Prozent. Natürlich müsse sich das Gymnasium den modernen Anforderungen stellen, sagt Michael Hotz, Leiter des humanistischen Wilhelmsgym- nasiums in München. „Nur sollte es dabei sei- ne eigentliche Aufgabe der exzellenten Bildung nicht aus den Augen verlieren.“ Der 46-Jährige steht in der Bibliothek seiner 450 Jahre alten Schule und blättert in einem schweren ledergebundenen Atlas aus dem Jahr 1603 – eine von vielen Kostbarkeiten, die sich in den hohen Regalen reihen. Handkoloriert sind die Landkarten, und sie zeigen eine Welt, die trotz ihrer Unerfasstheit doch leichter zu be- greifen war als die Prozesse der globalisierten Moderne. Was soll ein junger Mensch heute lernen? Hotz hat sich lange damit befasst, er hat für das bay- erische Kultusministerium die Lehrpläne für das achtjährige Gymnasium G8 mitgestaltet. 30 Pro- zent der Vokabeln hat er allein in seinem Herz- fach Latein gestrichen, um jedes Wort hat es ihm leid getan. „Aber es geht ja nicht anders, wie sol- len das die Schüler sonst schaffen?“ Und wie die Gymnasien? Das G8 war politisch gewünscht, und wer mit Lehrern spricht, die sich seit einigen Jahren mühen, das nunmehr fast

politisch gewünscht, und wer mit Lehrern spricht, die sich seit einigen Jahren mühen, das nunmehr fast

FOCUS 28/2010

B R E M E N Vier Jahre Grundschule Übertritt ins Gymnasium: Grundschule erteilt verbindliche

B R E M E N

Vier Jahre Grundschule Übertritt ins Gymnasium: Grundschule

erteilt verbindliche Empfehlung. Erforderlicher Notendurchschnitt 2,4 (in Deutsch und Mathematik) Wege zum Abitur: G8 (acht Jahre) im Gymnasium; nach neun Jahren: in Oberschule oder bis 10. Kl. Oberschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium

HA M B U RG10. Kl. Oberschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium Sechs Jahre Primarschule* (drei Jahre Grundstufe, dann

Sechs Jahre Primarschule*

(drei Jahre Grundstufe, dann Unterstufe mit Fachunterricht) Übertritt: Eltern entscheiden über Besuch des Gymnasiums. Wege zum Abitur: In sechs Jahren:

im Gymnasium (7. bis 12. Klasse); nach sieben Jahren: in Stadtteilschule (7. bis 13. Klasse)

*Konzept/Schulreform, Volksentscheid 18. Juli 2010

S C H L E SW I G - H O L S T E I NKlasse) *Konzept/Schulreform, Volksentscheid 18. Juli 2010 Vier Jahre Grundschule Ü b e r t r i

Vier Jahre Grundschule

Übertritt: Eltern entscheiden. Allerdings kann kein Kind mit Hauptschul- empfehlung aufs Gymnasium. Wege zum Abitur: G8 im Gymnasium; Abitur in neun Jahren: in Gemeinschafts- schule oder sechs Jahre in Regionalschule bzw. Gemeinschaftsschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium

Gemeinschaftsschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium MECKLENB.-VORPOMMERN Vier Jahre Grundschule, Klasse 5 und 6

MECKLENB.-VORPOMMERN

Vier Jahre Grundschule, Klasse 5 und 6 Orientierungsstufe

(in der Regionalschule) Übertritt: Eltern entscheiden. Schullauf- bahnempfehlung am Ende Klasse 6 Wege zum Abitur: G8 im Gymnasium; in neun Jahren: sechs Jahre Regional- schule plus drei Jahre berufliches Gymnasium

N I E D E R SAC H S E NRegional- schule plus drei Jahre berufliches Gymnasium B R A N D E N B U

B R A N D E N B U RGdrei Jahre berufliches Gymnasium N I E D E R SAC H S E N Vier

Vier Jahre Grundschule

Übertritt: Eltern entscheiden über Besuch

des Gymnasiums. Wege zum Abitur: G8 (acht Jahre) im Gymnasium und in Gesamtschule; nach

neun Jahren: Realschule (bis Klasse plus drei Jahre Fachgymnasium

Jahren: Realschule (bis Klasse plus drei Jahre Fachgymnasium Vier Jahre Grundschule Ü b e r t

Vier Jahre Grundschule

Übertritt: Eltern entscheiden über Besuch des Gymnasiums*. Wege zum Abitur: G8 (acht Jahre) im Gymnasium; zum Schuljahr 2011/12 Rückkehr zu G9 möglich; nach neun Jahren: in Gesamtschule und Berufskolleg

*Pläne der neuen Landesregierung

und Berufskolleg *Pläne der neuen Landesregierung Vier Jahre Grundschule Ü b e r t r i

Vier Jahre Grundschule

Übertritt: Eltern entscheiden über Besuch des Gymnasiums. Wege zum Abitur: G8 (acht Jahre) im Gymnasium; nach neun Jahren:

Realschule (bis Klasse 10) plus drei berufliches Gymnasium

Realschule (bis Klasse 10) plus drei berufliches Gymnasium Vier Jahre Grundschule Übertritt ins Gymnasium: Eltern

Vier Jahre Grundschule Übertritt ins Gymnasium: Eltern ent-

scheiden über Besuch des Gymnasiums. Wege zum Abitur: G8 (acht Jahre), jedoch nur in Gymnasien mit Ganztagsschul- angebot. Nach neun Jahren: in Gymnasium oder mit mittlerem Abschluss

16 Länder, 16 Bildungssysteme

Sechs Jahre Grundschule

Übertritt: Grundschule erteilt Gymnasial-

 

10)

empfehlung. Erforderlicher Schnitt 2,33 (in Deutsch, Mathematik, erste Fremdsprache). Probeunterricht möglich Wege zum Abitur: Sechs Jahre: ab 7. Kl. im

 

Schleswig-

 

Holstein

40,3%

Hamburg

Mecklenburg-

Vorpommern

32,0%

 

Gymnasium (Begabte können nach 4. Kl. wechseln). Sieben Jahre: in Gesamtschule

oder Oberschule plus berufl. Gymnasium

N O R D R H E I N -W E S T FA L

E N

Bremen

 

53,2%

53,2%

Berlin

N O R D R H E I N -W E S T FA L E

B E R L I N

   

45,9%

    45,9%   45,7%    
 

45,7%

   
   

Sechs Jahre Grundschule

 

Nordrhein-

Niedersachsen

42,0%

Sachsen-

Anhalt

Brandenburg

47,1%

Übertritt: Eltern entscheiden über

Besuch des Gymnasiums.

Wege zum Abitur: In sechs Jahren:

Westfalen

33,2%

 

im Gymnasium (ab 7. Klasse); G8 (ab 5. Klasse in privaten und spezialisierten Gymnasien); nach neun Jahren:

54,1%

Sachsen

 

Hessen

Thüringen

36,7%

 

48,5%

40,2%

*Schulreform tritt ab Schuljahr 2010/11 in Kraft.

 

Rheinland-Pfalz

 

Quelle: Statistisches Bundesamt

 

H

E S S E N

 

44,9%

H E S S E N   44,9% SAC H S E N - A N

SAC H S E N - A N HA LT

   

Vier

Jahre Grundschule

 

Bayern

Übertritt: Eltern entscheiden über Besuch des Gymnasiums. Wege zum Abitur: G8 (acht Jahre) im Gymnasium oder nach Sekundarschule mit mittlerem Abschluss plus 11. und 12. Klasse Gymnasium; nach neun Jahren:

in Gesamtschule

 

73,0%

  73,0% Baden- Württemberg 37,0%

Baden-

Württemberg

37,0%

Jahre

Saarland

50,4%

 

R H E I N L A N D -P FA L Z

 
R H E I N L A N D -P FA L Z   SAC H

SAC H S E N

   

Vier

Jahre Grundschule

 

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Übertritt: Grundschule erteilt verbindliche Gymnasialempfehlung; ab 2010/2011:

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erforderlicher Notendurchschnitt 2,0 (in Deutsch, Mathematik und Sach- unterricht) Wege zum Abitur: G8 im Gymnasium;

 

Bildungspolitische Vielfalt bedeutet zuweilen auch Ungerechtigkeit

 

in integrierter Sekundarschule*; in Gemeinschaftsschule in 12. oder 13. Klasse

plus drei Jahren beruflichem Gymnasium oder in Integrierten Gesamtschulen

und provoziert Leistungsgefälle

in neun Jahren: sechs Jahre Mittelschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium

Jahre Mittelschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium SA A R L A N D Vier Jahre

SA A R L A N D

Vier Jahre Grundschule* Übertritt ins Gymnasium:

Eltern entscheiden über Besuch des Gymnasiums.

Wege zum Abitur: G8 (acht Jahre)

im Gymnasium; nach neun Jahren:

in Gesamtschule oder Realschule (bis 10. Klasse) plus drei Jahre berufliches Gymnasium

*Landesregierung plant fünf Jahre.

berufliches Gymnasium *Landesregierung plant fünf Jahre. BA D E N -W Ü R T T E

BA D E N -W Ü R T T E M B E R G

Vier Jahre Grundschule

Übertritt: Grundschule erteilt verbindliche Gymnasialempfehlung. Basis: Leistungen in Deutsch und Mathematik (Schnitt 2,5) sowie u. a. Lern- und Arbeitsverhalten. Aufnahmeprüfung möglich Wege zum Abitur: G8 im Gymnasium; in neun Jahren: sechs Jahre Realschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium

BAY E R NJahre Realschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium Vier Jahre Grundschule Ü b e r t r

Vier Jahre Grundschule

Übertritt: Grundschule erteilt verbindliche Gymnasialempfehlung. Erforderlicher Schnitt 2,33 (in Deutsch, Mathematik, Heimat- und Sachkunde); falls nicht erreicht: Aufnahmeprüfung möglich Wege zum Abitur: G8 im Gymnasium; in neun Jahren: sechs Jahre Realschule plus drei Jahre Fachoberschule

sechs Jahre Realschule plus drei Jahre Fachoberschule T H Ü R I N G E N

T H Ü R I N G E N

Vier Jahre Grundschule

Übertritt: Grundschule erteilt verbindliche Gymnasialempfehlung. Erforderliche Note: „gut“ in Deutsch, Mathematik, Heimat- und Sachkunde; falls nicht erreicht: Aufnahmeprüfung möglich Wege zum Abitur: G8 im Gymnasium; in neun Jahren: sechs Jahre Regelschule plus drei Jahre berufliches Gymnasium

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Fotos: Rainer Kwiotek/FOCUS-Magazin, Keystone Pressedienst

T I T E L
T I T E L

Elite-Anstalt Pennäler des Hamburger Johanneums haben 1953 den ersten Fernseher an einer deutschen Schule selbst gebaut

bundesweit verhängte Turbo-Diktat umzusetzen, hört meist ein zweckresigniertes „Es ist mach-

bar“. Fragt sich nur, zu welchem Preis. Die mas- siven Kürzungen bei den Lehrplänen, fürchtet Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerver- bands, führten zu einer „Verflachung von Bil- dung“ auf Kosten des breiten Wissens als „Vo- raussetzung für anspruchsvolles Denken, Urtei- len und Handeln“. Auf der anderen Seite: Dient es der Mensch- werdung und Reife, wenn für eine Sportklausur

25 klein bedruckte Seiten über Badminton und

Körperhaltung auswendig gelernt werden müs- sen, fragt sich Monika Kleppmeier bisweilen. Ihre Tochter besucht die elfte Klasse eines Münchner Gymnasiums. Samt der unumgänglichen Frei- stunden bringe die 17-Jährige 43 Wochenstun- den an der Schule zu, zu Hause lerne sie bis

23 Uhr. „Ungeheure Wissensmengen“, sagt die

Mutter, gelte es da in den Kopf zu stopfen. Zeit für Muße bleibt da kaum. An einem an- deren Münchner Gymnasium beginnt das Wahl- fach Chor in der nullten Stunde, morgens um sie- ben, die Theatergruppe versammelt sich nur noch abends, weil der Tag für das Lernen reserviert ist. „Realistisch betrachtet können die Kinder die An- forderungen gar nicht mehr erfüllen“, sagt der Schulleiter. Viele, vor allem die eher pflichtver- sessenen Mädchen, seien durch das G8 massiv psychisch belastet. Vier seiner Schüler befinden sich derzeit in der Psychiatrie. Denn der Auslese-

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80

Prozent der Schüler, die auf das Gymnasium wechseln, schaffen das Abitur. 1960 lag die bundes- weite Erfolgsquote noch bei unter 50 Prozent

druck bleibt ja auch nach dem Übertritt bestehen. Von 120 Fünftklässlern schaffen es etwa 60 bis zum Abitur, sagt der Direktor. Der Rest wandert auf Real- oder Haupt- oder Fachoberschule ab. Am Wilhelmsgymnasium beträgt die Quote et- was freundlichere zwei Drittel, schätzt Schullei- ter Hotz. Und das Lamento über das G8 fällt hier auch seitens der Schüler etwas leiser aus. Viele kommen aus bildungsbewussten Elternhäusern, oft besuchte schon der Vater das „WG“, der El- ternbeirat wartet mit einer beeindruckenden Pro- fessorendichte auf. Privilegiert? Bestimmt. Aber doch eher da- durch, sagt Hotz, dass zu Hause Anstrengungsbe- reitschaft vorgelebt wird und die große Freude an Sprachen, an Literatur, Kunst, Musik, Geschich- te. Auch Hotz verströmt diese Freude, wenn er in der Altgriechisch-Stunde seiner achten Klas- se mit den Schülern über die antiken Götter phi- losophiert und ihm, nach lauter Lektüre eines Textes von Hesiod (700 v. Chr.), ein strahlendes „Schön, gell?“, entfährt. „Pädagogische Augen- blicke“ nennt er diese kostbaren Momente, wenn die Funken fliegen zwischen Schüler und Lehren- dem, wenn der Raum ist, sich in Details des Den- kens und Fragens zu verlieren, und dass dies in aller Regel im Frontalunterricht geschieht, wen kümmert es? Es ärgert Hotz, dass sich immer häufiger Fragen der wirtschaftlichen Verwertbarkeit – durchaus auch bei den Eltern – in den Vordergrund schie-

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ben, wenn heute über Bildung räsoniert wird. Auf der anderen Seite bescheren ihm diese Nützlich-

ben, wenn heute über Bildung räsoniert wird. Auf der anderen Seite bescheren ihm diese Nützlich- keitserwägungen eine wachsende Schülerschar. „Viele Eltern verweigern sich dem Trend und las- sen ihre Kinder bewusst alte Sprachen lernen.“ Den Abi-Bonus im Berufsleben wird das kaum schmälern. Viele Job-Sparten, in denen früher die mittlere Reife genügte, sind heute auf das Abi abonniert. Bei den angehenden Bankkauf- leuten bilden die Abiturienten knapp zwei Drit- tel, unter den Steuerfachangestellten sind es 57 Prozent, bei Versicherungskaufleuten 56 Pro- zent. In einzelnen Ausbildungsberufen wie dem des Investmentfondskaufmanns oder des mathe- matisch-technischen Software-Entwicklers be- trägt die Quote sogar mehr als 90 Prozent. Auch für den weiteren Karriereweg bringt die Hochschulreife klare Vorteile. In einer Umfra- ge unter Personalverantwortlichen erklärten in diesem Frühjahr 50 Prozent der Manager, es sei wichtig, dass eine potenzielle Führungskraft das Abitur habe. Die Abiturnote als aussagekräftiges Auswahl- kriterium für Studium als auch Berufsausbildung heranzuziehen, scheint naheliegend. Handelt es sich dabei doch um einen Notenquerschnitt, der über zwei Jahre hinweg von verschiedenen Leh- rern anhand unterschiedlichster Prüfungen gebil- det worden ist und damit verlässliche Auskunft über den Leistungsstand der Abiturienten geben sollte.

Was zählt ein Hamburger Abitur, verglichen mit einem aus Stuttgart?

Tatsächlich klaffen enorme Unterschiede zwi- schen den Schülern aus einzelnen Bundesländern, wie der soeben veröffentlichte Leistungsvergleich des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) erneut offenbarte. So hatten bayerische Neuntklässler beim Lese- verständnis im Fach Deutsch gegenüber Gleich- altrigen aus Bremen einen Kompetenzvorsprung von mehr als einem Schuljahr. Beim mündlichen Textverständnis betrug der Abstand fast einein- halb Jahre. Bemerkenswert: Je mehr Schüler eines Jahrgangs Gymnasien besuchen, desto schlech- ter sind die Ergebnisse des Bundeslands. Auch bis zum Abitur gleichen sich die Unter- schiede zwischen den Ländern meist nicht aus. Laut einem vergleichenden Leistungstest, den das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Baden-Württemberg und Hamburg durchführte, betrug der Wissensvorsprung der süddeutschen Abiturienten gegenüber den hanseatischen Schü- lern im Fach Mathematik ein bis zwei Schul- jahre. Mehr als die Hälfte der Hamburger verfehl- ten das Niveau, das nach Expertenansicht von

FOCUS 28/2010

ten das Niveau, das nach Expertenansicht von F OCUS 28/2010 Voller Kalender Auf 38 Wochenstunden kommt

Voller Kalender Auf 38 Wochenstunden kommt die Ulmer Gymnasiastin Tatjana Beutel

Für einige Schüler wäre es besser gewesen, auf die Realschule zu wechseln“

Tatjana Beutel, 18, Gymnasiastin in Ulm

Abiturienten erwartet werden kann. Dennoch er- hielten die Schüler aus der Hansestadt für deut- lich schlechtere Leistungen vergleichsweise gute Noten. Wie verträgt es sich mit der viel zitierten Chan- cengerechtigkeit, wenn ein womöglich besser qualifizierter süddeutscher Zweier-Abiturient mit einem Hamburger Einser-Absolventen um einen Studienplatz in einem Numerus-clausus- Fach wie Medizin konkurrieren muss? „Wir brauchen einheitliche bundesweit gül- tige Bildungsstandards für das Abitur“, sagt Lena Behmenburg, Fachreferentin für Schulbildung beim Arbeitgeberverband BDA. Die Kultusminis- terkonferenz beauftragte das Berliner IQB mit der Entwicklung dieser Standards. Wann diese vorliegen, dazu will man sich beim IQB nicht fest- legen. Zu vielfältig und kontrovers sind die Vor- stellungen der beteiligten Länder. Massen-Abi versus Elite-Abi, Turbo- versus Spezial-Abi – nie- mand wird die Bildungswissenschaftler um die- sen Auftrag beneiden. „Auf keinen Fall“, warnt Wirtschaftsgesandte Behmenburg, „sollte man versuchen, die Zahl der Absolventen zu steigern, indem die Anforderungen gesenkt werden.“ Den Qualitätsverlust spüren Unternehmen schon jetzt. „Wer früher eine gute mittlere Reife gemacht hat, hat heute Abitur“, sagt Stephan Rudolph. Der Manager leitet das Referat Berufs- ausbildung bei der Allianz in München. Jedes Jahr bewerben sich knapp 10 000 Schüler, darunter

das Referat Berufs- ausbildung bei der Allianz in München. Jedes Jahr bewerben sich knapp 10 000

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Bürgerlicher Protest Mareile Kirsch engagiert sich gegen die Schulreform

viele Abiturienten, um einen Ausbildungsplatz bei dem Versicherungskonzern. „Wir mussten die Anforderungen in unserem Auswahlverfahren in den vergangenen Jahren nach unten schrauben, um noch genügend geeignete Bewerber zu fin- den“, berichtet Rudolph. Inzwischen hätten auch Abiturienten Probleme mit der Rechtschreibung oder scheiterten an einer Dreisatz-Rechnung. Der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein hat sich intensiv mit den zahlreichen Reformen deutscher Gymnasien befasst. Selbst eine ver- besserte Ausbildung an der Schule könne den Leistungsabfall qua Massenandrang nicht kom- pensieren, glaubt er. „Wenn Sie 15 Prozent der Schüler statt auf die Realschule aufs Gymnasium schicken, wird das Gymnasium schlechter. In der Realschule wiederum gehen die Besseren weg, und Hauptschüler kommen nach – mit dem Effekt, dass auch hier das Niveau sinkt. Alle Lehrer haben das Gefühl und haben wohl damit Recht, dass in ihrer Schulform alles ein wenig schlechter wird.“

Lehrer, die eine Fünf verteilen, gelten als unvertretbar

Bis zu

2 Jahre

hinken Hamburger

Abiturienten bei

den Leistungen

in Mathematik

ihren Altersgenossen

aus Baden-Württem-

berg hinterher

Laut sagen dürfe das keiner, beklagt ein Ober- studienrat aus Ostwestfalen, der seit 1979 an demselben Gymnasium unterrichtet. „Lehrer, die heute noch eine Fünf erteilen, gelten als unver- tretbar.“ Eine 3– sei in seinem Bundesland inzwi- schen der maximale Malus. „Es gilt das Prinzip:

Augen zu und durch.“

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Malus. „Es gilt das Prinzip: Augen zu und durch.“ 5 8 Dmitrij Sokolov hat an der

Dmitrij Sokolov hat an der Düsseldorfer Dieter- Forte-Gesamtschule sein Abitur soeben mit der Note 1,7 bestanden und ist damit so etwas wie ein Musterschüler der Verfechter des längeren gemeinsamen Lernens. Nach der vierten Klasse wechselte er, der als Achtjähriger mit seinen El- tern aus Kasachstan nach Deutschland überge- siedelt war, mit einer Hauptschulempfehlung auf die Gesamtschule. Dort paukte er sich hoch: drei Unterrichtsstunden Deutsch als Fremdsprache pro Woche – zusätzlich zu den regulären. „Von der Hauptschule hätte ich das nicht geschafft“, sagt er. Für die Spätentwickler und die Mittelstarken bauen auch die konservativ regierten Länder das Wegenetz zum Abitur weiter aus. Baden-Württem- berg produziert schon jetzt 30 Prozent seiner ho- hen Abiturientenquote über die beruflichen neun- jährigen Gymnasien, Bayern möchte die fünfte Jahrgangsstufe zu „Gelenkklassen“ ausbauen, in denen ebenfalls ein Wechsel aufs Gymnasium möglich ist. In Sachsen plant Bildungschef Roland Wöller (CDU) alternativ zur „Autobahn Gymna- sium“ ein dreijähriges berufliches Gymnasium, das an die Mittelschule anschließt. Am Ende, prognostiziert Oberstudiendirekto- ren-Chef Stein-Bastuck, steuere Deutschland auf angelsächsische Verhältnisse zu, wo die Entschei- dung über die Studierfähigkeit eines Schülers erst nach der Schule falle: in Form von Auswahl- verfahren, auf die auch deutsche Universitäten in zunehmendem Maße zurückgreifen. „Ich habe gerade den besten Abiturjahrgang verabschiedet, den ich in meiner 13-jährigen Amtszeit hatte“, sagt Schulleiter Stein-Bastuck. „Dass ihr Abschluss trotzdem weniger wert ist als noch vor wenigen Jahren, das tut mir weh.“

B. ESSER / H. GUDE / U. PLEWNIA / H. REINKE-NOBBE/ B. SCHINDLER / T. RÖ LL / T. V. ZÜTPHEN

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Ist das deutsche Bildungsniveau gefährdet?

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