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„Projekte

der Neid-
kultur“ Politik der klaren Worte
Gertrud Höhler
berät u. a. Kanzlerin
Angela Merkel und
Literaturprofessorin verschiedene Konzerne.
Gertrud Höhler warnt vor einer Ihr Buch „Götzen-
dämmerung“ über die
Gleichschaltung der Bildung Religion des Geldes
zu Lasten der Leistungsstarken erscheint im Herbst

ie zerstört man eine Marke? Ganz ein- wegs nur für Gymnasien. Es gilt für gute Schule

W fach: Man sorgt dafür, dass ihre Kontu-


ren verschwimmen. Wie geht das? Am
sichersten wirkt der Angriff auf den Markenkern.
insgesamt. Gute Schule in einer heterogenen Ge-
sellschaft muss liefern, was diese Vielfalt von Tem-
peramenten, von Neugierden und Interessen, von
Hier lagert die DNA der Marke, ihr Erfolgsver- Kleinmut und Selbstvertrauen braucht. In Zeiten
sprechen an alle Nutzer. wie diesen muss auch Schule sich differenzieren,
Das Gymnasium ist eine Marke. Ihr Erfolgsver- um den unterschiedlichen Startchancen und Leis-
„Einheits-
sprechen lautete ursprünglich: Stärken stärken. tungshaltungen gerecht zu werden. schule
Schlüssel liefern, die im nächsten Lebensabschnitt Vielfalt heißt eben auch: Der eine hat mehr
neues Wissen aufschließen: Lernen lernen, weil Lust, viel zu machen, der andere weniger. Warum organisiert
Schüler in eine Welt gehen, die ihre Lehrer noch
nicht kennen. Die Marke Gymnasium liefert An-
sollten wir den Leistungsnarren von seinem Ver-
gnügen abhalten, wenn es allen zugutekommt?
Wohlstands-
leitung zum Leistungsglück, das nur über Anstren- Das Gymnasium als Überholspur zu definieren verluste,
gung zu haben ist. Gymnasium ist Übungsraum: ist ein verhängnisvoller Irrtum. Schicken wir jetzt
Man erfährt, was die Leute, auf deren Schultern alle auf die Überholspur, dann kann keiner mehr weil sie
man steht, erkannt und erprobt haben. Man kriegt überholen – und alle fahren langsamer. Der Lang- Leistung
Lust, es selber noch viel besser zu machen. same bremst den Schnellen aus.
Die begehrte Marke Gymnasium wird von zwei Einheitsschule organisiert Wohlstandsverluste. deckelt“
Seiten unter Feuer genommen, und beide Fronten Warum? Weil sie Leistung deckelt – um eine neue
Gertrud Höhler
gehören zu einem einzigen politischen Projekt. Lieblingsvokabel der Politik zu verwenden. Ein- Publizistin
Das Projekt lebt von zwei ideologischen Legen- heitsschule und Überlastung des Gymnasiums
den. Die eine: Wenn das Gymnasium Privilegien sind Projekte der Neidkultur. Das Fatale: Sie
Fotos: Sebastian Har tz/F OCUS -Magazin, dpa

liefert, müssen alle Schüler aufs Gymnasium. Die schaden nicht nur wenigen, sondern uns allen.
andere: Haltet die Schüler länger vom Gymna- Der allgemeine Niveauverlust dezimiert lang-
sium fern, damit es keine Vorsprünge für wenige fristig jene Minderheit, die den Löwenanteil der
mehr gibt. Die Verpackung dieser Kampfansage Steuern zahlt, damit der verfettete Sozialstaat
gegen das Gymnasium wechselt. weiter liefern kann.
Mit oder ohne täuschende Verpackung ist das Eine Gesellschaft, die Schulpolitik per Ressen-
gesamte politische Projekt zur Planierung der timent macht, verspielt ihre Zukunft. Die Welt ist
Lernkultur ein folgenschwerer Irrtum. Wir leben zu kompliziert, um von einer Schule für alle er-
nämlich in einer kontrastreichen und vielstimmi- schlossen zu werden. Wer gleichschaltet, betreibt
gen Kultur. Das Erfolgsversprechen gilt ja keines- Qualitätsvernichtung – auf allen Ebenen. �

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T I TEL

„Berlin, Rumänien, Hamburg“


Wer hat das bessere System? Hamburgs Bildungssenatorin Christa Goetsch will die
Gemeinschaftsschule, Baden-Württembergs Kultusministerin Marion Schick das Gymnasium

Frau Goetsch, warum wollen Sie das Frau Goetsch. Der Bildungsforscher Wilfried
Gymnasium um zwei Jahre amputieren? Bos hat gesagt, die soziale Undurchlässigkeit
Goetsch: Ich war schockiert, als ich 1977 als des Systems sei am größten in Berlin, Rumä-
Referendarin in den Schuldienst kam. Begabte nien und Hamburg. In Bayern sei der soziale
Migrantenkinder landeten nach der vierten Wahl-Hanseatin Aufstieg durch Bildung am ehesten möglich.
Klasse automatisch auf der Hauptschule. Nur Da muss man schon fragen: Warum sind der
wenige schafften dann über mühsame Schul- Christa Goetsch, 57 Freistaat und wir hier viel besser?
wechsel noch die mittlere Reife oder das Abitur. Goetsch: Sie können ein Flächenland wie Bay-
Ihr Potenzial wurde zu spät erkannt. Das wollen � In der Münchner ern doch nicht mit einem Stadtstaat mit viel
wir mit der Primarschule ändern. Maria-Hilf-Grundschule mehr Kindern aus bildungsfernen Familien
In Hamburg sollen die Kinder jetzt sechs statt vier begann die Grünen-Poli- vergleichen.
Jahre zur Grundschule gehen. Erst in der Siebten aufs tikerin ihre Bildungskar- Schick: Ich glaube aber, dass das auch mit
Gymnasium – ziemlich spät für eine künftige Elite? riere. Die Mutter eines besserem Unterricht zu tun hat. Für mich ist
Goetsch: Noch bilden wir in den Gymnasien Sohnes studierte Che- die Frage nach der Struktur – länger gemein-
Herkunftseliten statt Leistungseliten aus. Die- mie und Biologie, wurde sames Lernen oder eine Trennung nach Klasse
ses Problem können wir natürlich nicht allein in Hamburg Lehrerin. vier – nicht die entscheidende. Viel spannen-
mit einer neuen Struktur lösen. Die Förderung � Die Bildungssenatorin der ist es doch, jeden einzelnen Schüler maß-
Schwächerer geht übrigens nicht zu Lasten der kämpft für die Schul- geschneidert zu fördern. In Baden-Württem-
Stärkeren, wenn individualisiert unterrichtet reform der schwarz-
wird. Ab der Vierten erhalten die Primarschü- grünen Koalition.
ler beispielsweise Fachunterricht. Jedes zweite
Kind, das bei uns eingeschult wird, hat einen
Einwanderungshintergrund. Wir können es uns
nicht erlauben, Bildungskarrieren falsch oder
vorschnell zu prognostizieren.
Sind die Schulen nicht damit überfordert,
soziale Probleme zu lösen?
Goetsch: Wir brauchen alle Talente. Es fehlen
doch schon heute die Fachkräfte. Das frühe
Aufteilen der Kinder ist undemokratisch und
nicht mit meinem Menschenbild vereinbar.
Schick: Das ist doch absurd, dass Sie hier die
Demokratie in Gefahr sehen. Es geht um Chan-
cen junger Menschen, nicht mehr und nicht
weniger. Ich frage mich immer noch, welche
Chancen bietet das Hamburger Bildungssys-
tem alter und neuer Prägung, die wir in Baden-
Württemberg nicht bieten?
Fotos: Mar tin Leissl/F OCUS -Magazin

Warum verweigert sich Baden-Württemberg


derlei Reformen und damit dem Zeitgeist?
Schick: Wir sind vom Erfolg unserer differen-
zierten Schulstruktur ab Klasse fünf überzeugt.
Alle Leistungsvergleiche bestätigen uns darin.
Zudem gibt es keinen einzigen wissenschaft-
lichen Beweis dafür, dass man ein bestimmtes
System präferieren müsste. Natürlich sehe ich
ein, dass Sie was ändern müssen in Hamburg,

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berg haben übrigens 13 Prozent der Abitu- schung stellte dazu fest: Die angeblich oft so
rienten des beruflichen Gymnasiums eine ungerechte Empfehlung der Grundschule wirkt
Zeit auf der Hauptschule verbracht. Rund weniger sozial selektiv, als wenn die Eltern die
50 Prozent der Jugendlichen, die bei uns Schulform bestimmen.
Abitur oder Fachhochschulreife erwerben, Wie das?
besuchten nicht das klassische allgemeinbil- Schick: Wenn Sie die Entscheidung völlig den
dende Gymnasium. Eltern überlassen . . .
Mehr als die Hälfte ging also nicht den . . . wie zum Beispiel in Berlin . . .?
traditionellen Weg zum Abitur? Schick: . . . dann trauen sich die Eltern aus einem
Schick: Das sind Schüler, die nach der mittleren bildungsfernen Umfeld oft nicht, den Nachwuchs
Reife zum Beispiel ein wirtschaftliches oder ein aufs Gymnasium zu schicken, weil sie denken,
technisches Gymnasium absolviert haben. dass es ihr Kind ohnehin nicht schafft. Bürgerli-
Sie behaupten, Baden-Württemberg habe bereits che Kreise haben da weniger Hemmungen.
heute ein gerechtes und durchlässiges Schulsystem? Also sehen Sie auch in diesem Punkt
Schick: Wir müssen einfach akzeptieren, dass keinerlei Veränderungsbedarf?
wir jeweils ganz andere Bedingungen haben. Südstaatlerin Schick: Wir wären mit dem Klammerbeutel ge-
Der Bildungsmonitor der Initiative Neue So- pudert, wenn wir Geld für eine teure Struktur-
ziale Marktwirtschaft besagt, dass Hamburg, Marion Schick, 51 reform ausgeben würden. Wir nehmen jeden
was die Qualität des Bildungssystems anbe- Cent für besseren Unterricht her. Ich wüsste ja
trifft, auf Platz 13 und wir auf Platz drei stehen. � Die frühere Chefin gern, was diese Reform kostet.
Ich möchte nicht arrogant klingen, aber wenn der Hochschule Mün- Goetsch: Genau dafür geben wir ebenfalls einen
ich mir allein die Klassengröße anschaue in chen und Ex-Vorständ- großen Teil aus – nicht nur für die Umstellung
Hamburg . . . lerin der Fraunhofer- auf sechs Klassen. Die genehmigten 74 Millio-
Goetsch: . . . die Klassen verkleinern wir ja Gesellschaft stammt nen Euro Betriebsmittel sind da für mehr Leh-
gerade . . . aus Schrobenhausen. rer, für Sprachförderung über die vierte Klasse
Schick: Es ist auch falsch, uns dafür anzugrei- � Schulministerin hinaus und – ganz wichtig – für mehr Ganz-
fen, dass bei uns die Lehrer und nicht die El- in Baden-Württemberg tagsschulen. Es gibt dann sechs Jahrgänge, die
tern entscheiden, ob ein Kind aufs Gymnasium und CDU-Mitglied wurde wirklich gemischt sind und in denen auch die
darf. Das Max-Planck-Institut für Bildungsfor- die Wirtschaftspäda- Leistungsfähigeren sitzen.
gogin und Mutter zweier Reformpädagogik mit Wochenplänen
Kinder erst dieses Jahr. für jedes Kind und Unterricht ohne Frontal-
beschallung könnte man doch einführen,
ohne die Struktur komplett umzukrempeln?
Goetsch: Diese endlosen Diskussionen versteht
im Ausland – wo die Grundschulzeit meistens
sinnvollerweise sechs Jahre und noch länger
dauert – kein Mensch mehr. Da sind wir mit
unserem Beharren auf ständischen Strukturen
längst Außenseiter.
Frau Goetsch, Ihre Gegner behaupten, Sie
legten es darauf an, die Gymnasien auszutrocknen,
um dann die Einheitsschule einzuführen . . .?
Goetsch: Dieses große Projekt gilt für die nächs-
ten zehn Jahre. Das haben in der Bürgerschaft
alle Fraktionen unterschrieben. Und natürlich
beschädigen wir nicht die Gymnasien, im Ge-
genteil: Auch sie müssen sich verbessern.
Schick: Da müssen Sie sich aber sehr anstren-
gen, denn selbst unsere beruflichen Gymna-
sien schneiden so gut ab wie Ihre allgemeinen
Gymnasien.
Goetsch: Unsere neuen Primarschulen legen
ein gutes Fundament, sodass die Kinder, falls
sie in der Fünften oder Sechsten in ein ande-
res Bundesland wechseln sollten, dort sehr gut
mithalten können. Sie werden ja sehen! �

MODERATION: ULRIKE PLEWNIA / BEATE SCHINDLER

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