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Deutsche Dramen

explosive Seiten

Sechs

Autorenlounge

zur

Umstürzende Bierflaschen

macht das Theater

das Festival

Wie

zur Party

Einsame Herzen

Der KFZ-Kleinanzeigenmarkt

D e r K F Z - K l e i n a n z e
# 3 1.Jahrgang 2010 Fr 16. - So 18.Juli
# 3
1.Jahrgang
2010
Fr 16. - So 18.Juli

Editorial

Editorial Liebe Kulturschaffende, liebe Partygemeinde, hallo Mama, wie geht es Dir/Euch? Uns geht es gut. Das

Liebe Kulturschaffende, liebe Partygemeinde, hallo Mama,

wie geht es Dir/Euch? Uns geht es gut. Das Wetter ist wechselhaft, das Essen lecker und das Theater super. In dieser Ausgabe der KFZ haben wir wieder gaaaanz viele Stücke rezensiert oder anderweitig als Textvorlage benutzt (Seiten 10 bis 13). Man rennt ja über dieses Festival wie über einen Jahrmarkt: Überall blinkt und ruft und klingelt es, man kommt irgendwann nachts nach Hause -- und schreibt dann ganz entspannt noch ein paar Artikel. Lies/Lesen Sie selbst!

Man kann sich aber natürlich auch mal einen Tag lang mit mehreren Stapeln eng bedruckter A-4-Blätter sowie einer schönen Tasse echtem Bohnenkaffee auf einen Gartenstuhl setzen und Theaterstücke lesen -- um sich anschließend den einen oder anderen Gedanken über den Zustand der Jungen Deutschen Dramatik zu machen (Seiten 8 und 9) -- schließlich ist am Freitag und Samstag die KALTSTART-AUTORENLOUNGE im Terrace Hill, mit Lesungen von Gerhild Steinbuch, Claudia Grehn und Darja Stocker, Dirk Laucke und David Richter, Pia Hierzegger, Laura Naumann, Ulrike Syha, Johan Heß, Ursula Kohlert, Jens Nielsen und Nora Mansmann. Toll! Wir haben sogar zwei Interviews zum Thema (Seiten 6 und 7)

Danach ist jeweils Party, jeweils im Terrace Hill. Mit DJ und Konzert und Getränken (nur Limo, Mama!). Wie ja eigentlich das ganze Festival eine Theaterfeier ist, mit (alkoholfreiem) Bier und Schifferklavier, draußen und drinnen, zu Fuß und zu Pferd (siehe Titel). Und irgendwie auch ein bisschen wie ein Konzert: live, laut, hand- gemacht. Mehr zum Thema auf den Seiten 3 und 14.

DISKURS gibt ZUR es HAND In diesem Sinne: Freude im Gebäude! Jede Ausgabe einen #3
DISKURS gibt
ZUR es HAND
In diesem Sinne: Freude im Gebäude!
Jede Ausgabe
einen #3 Diskurs
Nachspielen für
aus dem Heft zum
Die Red.
Zuhause.
Einfach ausschneiden,
schwarze Streifen
hinten zusammen-
kleben, über den
Finger ziehen und
losstreiten. Heute: Junge Dramatiker
vs. Regietheater (hier vertreten
von
Claus Peymann).

Theater auf dem Tanzflur

KALTSTART-Festivals

Über den Unplugged-Gedanken des

KFZ Thema
KFZ
Thema

von Clara Ehrenwerth Haus III&70, Anbau: Auf der Bühne wird geschillert und ge- räubert, was das Zeug hält, die Rüschenhemden blitzen weiß und rein, der Arm wird zum Monolog gehoben – aber dahinter steht keine naturalistische Waldkulisse und auch keine meta- phorische Waldkulisse aus Plastikflaschen oder so, dahinter steht nicht mal einfach gar nichts, was ja auch immer geht, assoziationsoffener Raum et cetera. Nein: Auf der Clubwand, die heute zur Bühnenrückwand umfunktioniert wurde, jagen und zerfleischen sich mehrere Monster in türkis und lila, Zeichenstil irgendwo zwischen Surrealismus und Soziokultur. Normalerweise wird hier unten Musik aufgelegt. Wir versu- chen, den Raum auszublenden, wegzudenken, wo er doch Teil des theatralen Superzeichens sein sollte. Wirkt das über- haupt noch, wenn einer vor den malerischen Überbleibseln einer verlorenen Neunzigerjahrejugend mit großer Geste re- zitiert: „Ich habe große Rechte, gegen die Natur ungehalten zu sein“? Wenn vor der Tür die Flipperhühner gickern? Wünscht man sich da nicht aller Zumutungen ledig ins klimatisierte und sitzgepolsterte Stadttheater zurück? Nirvana ohne Stecker? Legendär! Wer als Ensemble zu KALTSTART PRO oder zum FRINGE fährt, der fährt nicht einfach auf Gastspiel. Anderswo muss man vielleicht mit ein paar abgespeckten Lichtstimmungen rechnen, einem veränderten Abgang, einer kleineren Garde- robe. Wer zum KALTSTART fährt, der findet in den meisten Fällen eine Bühne vor, die im klassischen Sinne gar keine ist, sondern die im Alltag als Disco, als Schule, als Rumpelkeller oder als Jugendzentrum dient. Platz ist eher wenig, Licht- und Tontechnik beschränken sich auf ein Minimum. Da sind Im- provisation und künstlerischer Gestaltungswille gefragt: Die Schauspieler müssen sich aller Sicherheiten entledigen, sich stärker auf den eigenen Körper, die Stimme, die Wirkmächtig- keit der Sprache und der Bilder verlassen. Das KALTSTART- Festival hat sich für dieses Prinzip den Ausdruck „Unplugged“ aus der Musikszene ausgeliehen, in der das Steckerrauszie- hen einige der legendärsten Konzerte zu verantworten hat (Nirvana in New York, Die Ärzte in Hamburg), weil eine akustische Version - die Konzentration auf das Wesentliche - ganz neue Aspekte eines Songs zutage fördern kann. Hin und wieder fällt eine Flasche Indie-Limo um Wir sitzen auf weißen Klapppapphockern. Alle vier Minuten fährt die S-Bahn über unsere Köpfe hinweg, dann wird es ein bisschen schwierig, das zu verstehen, was da auf der Bühne gesprochen wird. Wir haben Bierflaschen und Indie-Limos in der Hand, wir dürfen sie hier mit reinnehmen, warum auch nicht, das ist ein Club, da wird getrunken, und hin und wieder

das ist ein Club, da wird getrunken, und hin und wieder fällt da auch eine Flasche

fällt da auch eine Flasche um, und hin und wieder klingelt auch ein Handy, weil man vor lauter Clubgefühl ganz vergisst, die Dinger auszuschalten. Aber wenn es schonmal klingelt, dann kann man ja auch rangehen, könnte ja wichtig sein. Das KALTSTART ist als Unplugged-Festival im deutschspra- chigen Gebiet einzigartig. Das Körber Studio Junge Regie fin- det in den altehrwürdigen Räumen des Thalia Theaters statt; die unzähligen Produktionen, die beim 100° Berlin gezeigt werden, gehen im Hebbel am Ufer und in den Sophiensälen auf die zwar jüngeren, aber ähnlich standardisierten Büh- nen. Beide Festivals ziehen in erster Linie ein theateraffines Publikum an – theaterferne Zuschauer werden nicht gezielt angesprochen. Das KALTSTART dagegen bespielt Lieblings- clubs und Schulen, Strandbars und Bibliotheken und geht (im OPEN AIR Special) auch auf die Straße. Die Leute müssen also nicht erst dahin kommen, wo das Theater sich die Ehre gibt – es reicht, sich auf dem Barhocker ein paar Zentimeter wei- ter zu drehen. So entsteht ein Publikum, das sich nicht immer wie ein Theaterpublikum verhält, sondern wie aufmerksame Clubgäste. Die umfallenden Bierflaschen, die telefonierenden Zuschauer, die quietschenden Stühle – Hintergrundge- räusche, die Teil des Geschehens sind, die die Bühne als Ort der heiligen Verkündung entmachten. Das lila Monster gehört jetzt dazu Dazu muss man sich als Schauspieler verhalten, genauso wie zu dem Raum, der seine eigene Präsenz einfordert. Wer versucht, das lila Monster zu überspielen, der scheitert. Denn das lila Monster, das gehört jetzt genauso zum Superzeichen wie der Schauspieler. Das als Herausforderung zu begrei- fen, als Chance, ist die Aufgabe, die das KALTSTART seinen Teilnehmern stellt: Eine neue, eine einmalige Variante des Stücks zu kreieren. In der Musik kann man ja mit herausgezo- genem Stecker auch nicht einfach das zupfen, was man sonst auf die E-Gitarre schrammt. Da sollte man schon mindestens ein kleines Cello daneben setzen.Und so entsteht in der Verbindung des Theaters mit dem ungewohnten Raum etwas Neues, Drittes. Wir gehen hinunter in den dunkel gefliesten, muffigen, düsteren Clubkeller des Haus III&70 oder steigen hinab in die beklemmende Enge eines nuklearen Strahlen- schutzbunkers. Wir sitzen im Waagenbau und verstehen in der Dunkelheit, wie traurig ein Ponyleben sein kann, in dem man mit der angeblich ultimativen Show durch Clubs wie die- sen tingelt. Wir schwitzen im 13ten Stock und stellen plötzlich fest, dass der tätowierte Barkeeper ebenso gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt mal gerade nicht ran.

gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt
gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt
gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt
gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt
gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt
gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt
gut ein Schau- spieler sein könnte. Und dann klingelt mein Handy. Aber da geh ich jetzt

Kaltstart

Termine

Freitag 16. Juli 2010

13:00 >Performance Rebecca – eine 48 Stunden Performance / DAP // siehe www.kaltstart-hamburg. de // Fringe // 18:00 >Theater Die Nacht kurz vor den Wäldern / Kam- merspiele Paderborn // Haus III&70 Club // Kaltstart Pro // 18:00 >Performance Today i am willing to understand / Maria Isabel Hagen // monsun theater – Werkstattraum // Fringe // 19:00 >Theater Komm, süsser Tod / Schauspiel Frankfurt // Haus III&70 Anbau // Kaltstart Pro // 19:00 >Performance dis-oriented / Julia Blawert // Waagenbau // Fringe // 19:00 >Theater Maria Stuart // The- aterakademie Zeisehallen // Finale // 19:00 >Gespräch Kick-Off Junge Dramatik // Terrace Hill // 20:00 >Autorenlounge Abend 1 / Syha-Naumann-Steinbuch / Mansmann-Hierzegger-Finger // Terrace Hill / Im Anschluss große Party mit Überraschungskonzert, DJ usw. / www.kaltstart-hamburg. de // Terrace Hill // 20:00 >Theater Das Schwert / Alsomirschmeckt´s!- Theater // Schule Altonaer Straße // Fringe // 20:00 >Theater Die Unterrichtsstunde / Das Hambur- gische Kulturkontor // Foolsgarden Theater e.V. // Fringe // 20:30 >Performance Today I am willing to understand / Maria Isabel Hagen // monsun theater – Werkstattraum // Fringe // 20:30 >Arbeitsproben Werkstatt // Theaterakademie Zei- sehallen // Finale // 21:00 >Theater Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten / vorschlag:hammer / Universität Hildesheim&Hochschule der Künste Bern (CH) // Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro // 22:00 >Performance Alte Sehnsucht / Per- formanzART – Vieux|Maram // 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe //

Samstag 17. Juli 2010

19:00 >Performance dis-oriented / Julia Blawert // Waagenbau // Fringe // 20:00 >Theater Glaube, Liebe, Hoffnung / Landungsbrücken Frankfurt // Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro // 20:00 >Theater Die Unterrichtsstun- de / Das Hamburgische Kulturkon-

Die Unterrichtsstun- de / Das Hamburgische Kulturkon- tor // Foolsgarden Theater e.V. // Fringe // 20:00
Die Unterrichtsstun- de / Das Hamburgische Kulturkon- tor // Foolsgarden Theater e.V. // Fringe // 20:00

tor // Foolsgarden Theater e.V. // Fringe // 20:00 >Theater Das kleine Hasen- stück oder Meister L. lernt laufen / Gestaltungsweise // monsun thea- ter – Werkstattraum // Fringe // 20:00 >Autorenlounge Abend 2 / Kohlert-Grehn&Stocker / Heß- Laucke& Richter-Nielsen // Terrace Hill // Im Anschluss große Party mit Überraschungskonzert, DJ usw. / www.kaltstart-hamburg. de // Terrace Hill 20:00 >Theater PHILOKTET mein hass gehört mir // Theaterakade- mie Zeisehallen // Finale // 20:30 >Theater Feuchtgebiete / Theater Liga // BiB - Bühne im Bürgertreff Altona-Nord // Fringe // Premiere + Hamburger Erstauffüh- rung// 21:30 >Theater Komm, süsser Tod / Schauspiel Frankfurt // Haus III&70 Anbau // Kaltstart Pro // 21:30 >Film Eieruhr // Theateraka- demie Zeisehallen // Finale // 22:15 >Theater end-station:

(wirklichkeit) // Theaterakade- mie Zeisehallen // Finale // Im Anschluss Abschlussparty Finale // Theaterakademie Zeisehallen

Die Einsamkeit der Smegma-Spielerin

Theater Liga inszeniert „Feucht- gebiete“ von Charlotte Roche

von Stephanie Drees

Was haben Ang Lees „Der Eissturm“ und

„Feuchtgebiete“ gemeinsam? Die Löcher

in den Werken sind tief. Nicht nur die

Öffnungen, in denen ganze Duschköpfe

verschwinden, sondern auch die emotio-

nalen Leerstellen. Denn Charlotte Roches

Roman ist weit mehr als ein skurriles

Wunderland der Muschimöglickeiten. Der

Meinung ist zumindest Regisseur Peter

Dorsch, der aus der Popoprosa eine Büh-

nenfassung gemacht hat und sie nun im

Rahmen von FRINGE zur Premiere bringt.

Theater Liga ist eine freie Gruppe, ein

Theaternetzwerk aus Schauspielern, Dra-

maturgen und Regisseuren. Ihr Anspruch

ist kein geringer: Von der Po-Ebene soll

es hoch gehen ins emotionale Bergland:

„Feuchtgebiete ist ein Buch über Ver-

drängung. Helen ist einsam. Deswegen

verschanzt sie sich mit ihrer Avocadofa-

milie“, sagt Peter Dorsch über das Stück.

Wer die Vorlage kennt, weiß: Die besagten

Kerne dürfen auch mal Helens „Vanil-

lekipferl“ streicheln. Das ist dann wohl

Früchtcheninzest.

Helen Memel, die Frau mit der Analfissur,

ist in relativ kurzer Zeit zu einer Galionsfi-

gur der glibberigen Körperkontemplation

geworden. Deutungen ernstzunehmender

Feuilletonisten dieses Landes gingen bis

zu einem Engel in weißem Krankenhaus-

Dress, der sich in einen Zustand der tran-

szendenten Meditation befindet. Wer da

sagt, das sei purer Mösen-Manierismus,

hat laut Theater Liga die zweite Ebene

nicht erkannt: Die Gruppe inszeniert den

Stoff als Coming-of-Age-Story und Fami-

liendrama.

Trotz seines ernsten Kerns ist die Büh-

nenfassung von „Feuchtgebiete“ alles

andere als trocken. Es wird Comedy- und

Slapstickelemente geben, Figuren agieren

comichaft oder mimen Figuren wie Bob,

den Baumeister. Statt auf dem obligato-

rischen Krankenhausbett aus der Vorlage

sitzt Helen auf einer Kuh. Kein Naturalis-

mus, dafür viel Trash. Und natürlich ein

paar Avocadobäume aus Gummi.

Sa. 17.07. und So. 18.07. | 20.30 Uhr | Bürgertreff Altona-Nord

Sonntag 18. Juli 2010

20:00 >Theater Firestarter / Ball- haus Ost (Berlin) // Terrace Hill // Kaltstart Pro // 20:00 >Theater Hausaufgaben / Landungsbrücken Frankfurt // Haus III&70 Club // Kaltstart Pro // 20:00 >Theater Das kleine Hasen- stück oder Meister L. lernt laufen /Gestaltungsweise // monsun thea- ter – Werkstattraum // Fringe // 20:00 >Theater Der Kick / Anika Lehmann // Foolsgarden Theater e.V. // Fringe // 20:30 >Theater Feuchtgebiete / Theater Liga // BiB – Bühne im Bürgertreff Altona-Nord // Fringe // 21:30 >Theater Während sie / PACK // 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe 22:00 >Theater Glaube, Liebe, Hoff- nung / Landungsbrücken Frankfurt // Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro // 22:00 >Theater Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen / Schwankhalle Bremen // Schule Altonaer Straße // Kaltstart Pro //

Wenn Kritikerinnen Wünsche frei hätten

Hoffnung auf einen witzigen „Philoktet“

von Alexandra Müller

„PHILOKTET mein hass gehört mir“ steht auf dem

Programm, von Christopher Rüping. Über ihn wurde

2007 geschrieben, er inszeniere mit „Witz, Ironie und

Ideereichtum“. Hier macht er nun Heiner Müller. Yes.

Müllers Texte sind politisch, verweislastig, gigantisch.

Brainfuck. Oder wie Peter Hacks es ausdrückt: „Keiner

handhabt so souverän wie Müller den Vers als Grenzer-

eignis. Wir lesen Philoktet und erkennen die Verbesse-

rungsbedürftigkeit unserer Gedanken über die Kunst.“

Was hat Rüping vor? Der Pressetext verrät nicht viel.

Ein Brief: Odysseus will Philoktet überreden, zusammen

mit ihm die Trojaner zu besiegen. Philoktet? Ein Grieche

mit göttlichem Bogen, aber mit einer stinkenden Wunde

– und darum von eben diesem Odysseus auf einer ein-

samen Insel ausgesetzt. So einen krassen Müller mit

Witz, Ironie und Ideenreichtum inszeniert – fantastisch!

Aber geht das überhaupt? Christopher Rüping, überra-

schen Sie mich.

Samstag 17.07. | 20 Uhr | Zeisehalle

Schwer angenagt

Eine Ein-Hasen-Revue im Monsuntheater

von Johannes Schneider

Mit Tierstücken haben wir bisher eher

schlechte Erfahrungen gemacht („König

der Löwen“, „Ponydressing“). Aber die Ein-

Hasen-Revue „Das kleine Hasenstück oder

Meister L. lernt laufen“ des deutsch-schwei-

zerisch-österreichischen Kollektivs Gestal-

tungsweise klingt doch sehr vielversprech-

end: Dürer soll vorkommen und Beuys,

tickende Uhren, falsche Zähne und: Hasen,

Hasen und nochmal Hasen.

Ein dreifach Hasi Palau!

Hasen, Hasen und nochmal Hasen. Ein dreifach Hasi Palau! Hattu Öhrchen? Sa 17.07., So 18.07. |

Hattu Öhrchen?

Sa 17.07., So 18.07. | 20:00 | Monsun-

Sa 17.07. und So 18.07. | 20:00 | Monsuntheater,

Werkstattraum

theater, Werkstattraum

KFZ

Vorschau

Erst mal schön Kaffee trinken
Erst mal schön Kaffee trinken

Schule ist absurd

Wir haben es schon immer gewusst

von Khesrau Behroz

Es geht um einen Professor, der eine Professorin

ist. Und es geht um seine Schülerin, die zum Opfer

wird. Es geht um Mord und darum, ein wenig ver-

rückt und ein wenig komisch zu sein. Und zwischen

den Zeilen, wenn der Prof lüstern blickt, geht es

vielleicht um mehr. So kennt man das absurde The-

ater, so kennt man Eugène Ionesco. Tjadea Marck-

mann spielt in “Die Unterrichtsstunde” die Schüle-

rin, die sich ihrem Professor hingibt. Sie ist 16 Jahre

alt und laut ihrer Mitspielerin Annabelle Krieg

“nicht so verkorkst” wie die Profis. Sie selbst ist

schon seit zehn Jahren dabei und hat zum Festival

über theaterjobs.de gefunden. Irgendwie absurd.

Fr. 16.07. und Sa. 17.07. | 20 Uhr | Foolsgarden

Letzte Abfahrt Realismus

Gernot Grünewald lässt Tennessee Williams näher kommen – „end-station:

(wirklichkeit)“ in den Zeisehallen

von Stephanie Drees

Eine Version von „Endstation Sehnsucht“ geht so:

Marlon Brando steht vor der dauergewellten Blan-

che, der Blick spöttisch, die Lippen feucht und das

Shirt durchgeschwitzt. Tennessee Williams‘ „End-

station Sehnsucht“ ist die realitätstreue Obduktion

einer gesellschaftlichen Ordnung im Amerika der

1940er Jahre. Eine andere Version geht so: In der

Ankündigung von „end-station: (wirklichkeit)“ des

Regisseurs Gernot Grünewald stehen Begriffe, die

breite Diskurs-Abzweigungen der Theaterfahrbahn

markieren: Authentizität. Selbst. Konstruktion. „Es

ging mir um die Frage, wie Realismus heute noch

auf der Bühne funktioniert“, sagt Grünewald. Auch

wenn er der Vorlage nicht zu viel Tribut zollen will,

finden sich doch narrative Elemente. Eingesperrt

in einen Glaskubus thematisieren die Schauspieler

immer die eigene Spielsituation mit. „End-station:

(wirklichkeit)“ hat zwar keinen verschwitzten Bran-

do, dafür aber Voyeurdiskurs und Anteilnahme.

Samstag 17.07. | 22.15 Uhr | Zeisehallen

Kaltstart

Erinnerung verändern, stilisieren, radikalisieren

Jens Nielsen ist einer der neun Autoren, die in der Kaltstart-Autorenlounge vorgestellt werden. Der gebürtige Schweizer spielt dort seinen Monolog „1 Tag lang alles falsch machen“. Die KFZ-Autorin Alexandra Müller traf ihn im Facebook-Chat.

KFZ Autoren spezial
KFZ
Autoren
spezial
Müller traf ihn im Facebook-Chat. KFZ Autoren spezial Jens Nielsen Chat-Verlauf löschen Jens 12:51 letztes

Jens Nielsen

Chat-Verlauf löschen

Jens 12:51 letztes mal, als ich gechattet habe, war noch ein anderes jahrhundert. aber ich kann es noch.

Me 12:52 mich würde erstmal interessieren, was das „Erzählte Mani- fest“ ist, mit dem du hier antrittst.

Jens 12:54 es ist eine erzählperformance. und ein „erzähltes manifest“, weil die figur, die auftritt, für sich das falschmachen als credo ausprobiert. es ist ein manifest, das nur für die figur gilt, aber ein wenig möchte sie diese absurde lebenshaltung auch propagieren.

Me 12:55 spielt das falschmachen auch in deinem leben eine rolle?

Jens 12:58 ja, aber ich mache es privat nicht extra. das privat-ich erlei- det die fehler, das autor-ich darf sie künstlerisch nutzen: die figur, die nicht ich ist, spielt die fehler, die mir unterlaufen, als kunstfigur aus, um zu untersuchen, wo das hinführt. ich überlege grad, ob mir ein schöner fehler einfällt …

Jens 13:08 ich wollte letzte woche einen sonnenhut kaufen. ging dazu ins warenhaus, wo ich sonst nie hingehe. ich sah einen hut, der mir gefiel, getragen von einer schaufensterpuppe, die mitten in der verkaufsfläche stand. ich fragte nach dem hut. aber niemand konnte ihn mir beschaffen. erst dachte ich, es sei die schuld des personals und habe mich sehr doof benommen, habe unverständliche fragen gestellt. ich habe meine ganze ablehnung für warenhäuser auf das arme per- sonal projiziert. jetzt habe ich einen sonnenschirm gekauft.

Me 13:13 wie ist es, etwas, das du schon erlebt und verarbeitet hast, zu spielen?

Jens 13:18 die gestalt der erinnerung wird beliebig verändert, stilisiert, radikalisiert. ich schreibe ja auch für die theaterformation „trainingslager“. ein stück letztes jahr hieß „die erbsenfrau“. da züchtet eine frau männer auf dem kompost. es ist eine traurige komödie über die vergeblichkeit der suche nach dem perfekten partner. da ist die groteske mir eine hilfe, all- tagsinhalte so zu überhöhen, dass sie parabelhaft werden. Me 13:20 bist du ein „lustiger“ autor? ich habe schon eine menge dis- kussionen darüber geführt, dass komödien in deutschland nicht so gut ankommen, in der schweiz aber schon.

Jens 13:27 was mich im theater interessiert, ist ein möglichst hohes gefälle zwischen humor und ernst. der moment, in dem man lacht, kann genutzt werden, weil der lachende zuschauer einen moment lang offen ist. so kann man, vielleicht, eine botschaft vermitteln, die tiefer in den zuschauer fällt, als wenn er von anfang bis ende nur mit reflektieren beschäf- tigt ist.bei der erbsenfrau gibt es einen moment, in dem sich die von ihr geschaffenen männer emanzipieren wollen. sie gewährt es ihnen, wenn auch nur aus erschöpfung. in diesem monolog redet sie „komisch“ und kippt dabei fast in den faschismus … im zuschauerraum wird es dann plötzlich ganz still. das sind meine lieblingsmomente im theater.

Me 13:30 die autorenlounge wurde bei kaltstart eingerichtet, weil man erkannt hat, dass viele junge theatermacherInnen vor allem „junge“ dramatik spielen.

Jens 13:35 mir sind kategorien des alters suspekt. ich selber war gar nie ein ganz junger autor, weil ich erst relativ spät angefan- gen habe, professionell zu schreiben. in der schweiz habe ich aber von den förderprogrammen für junge dramatik profitieren können. das kann sich, wie alles, mit der zeit totlaufen, aber dann kann man ja was neues beginnen. sehr junge dramatik zum beispiel.

Me 13:42 oft ist es ja so, dass ein neuer autor einen text vorlegt, der wird als uraufführung gebracht und verschwindet dann wieder.

Jens 13:44 ich habe keinen verlag. meine texte werden uraufgeführt von „trainingslager“ oder von mir selber. zu weiteren insze- nierungen kommt es in der regel nicht. ich nehme das aber gelassen, verweigere mich vielleicht auch ein stück weit den regeln des betriebs.

Me 13:46 erhoffst du dir etwas von kaltstart? kontakte, fans?

Jens 13:47 ja. ich würde gerne in norddeutschland spielen, und ich glaub, in norddeutschland hätten die zuschauer vielleicht ein interesse an meinen texten. da täusche ich mich eventu- ell, aber mal sehen.

Me 13:48 wieso norddeutschland?

Jens 13:50 ich habe das „vorurteil“ dass die menschen in norddeutsch- land eine affinität zur genauigkeit in der sprache haben, zu trockenem humor, und zu intellektbetonter kunst. ich gebe aber zu, wenn das festival in münchen stattfände, hätte ich nicht abgesagt :)

intellektbetonter kunst. ich gebe aber zu, wenn das festival in münchen stattfände, hätte ich nicht abgesagt

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Die schützende Hand KFZ Autoren spezial An ihnen muss jeder vorbei, der sein Glück als

Die schützende Hand

KFZ

Autoren

spezial

An ihnen muss jeder vorbei, der sein Glück als Dramatiker versuchen möchte: Die Lek- torinnen und Lektoren der Theaterverlage entscheiden neben den Preisrichtern der Nachwuchswettbewerbe häufig über Aufstieg und Fall junger Theaterautoren. Maren Zindel ist Lektorin beim Rowohlt Theater Verlag, der seinen Sitz in Reinbek bei Hamburg hat. Clara Ehrenwerth sprach mit ihr über Autorenförde- rung, gegenwärtige Tendenzen in der Dramatik und die Verantwortung der Lektoren.

KFZ Welche anderen Möglichkeiten der Förderung junger Dramatiker sehen Sie?

MZ Am meisten fördert man junge Autoren natürlich, indem man sie spielt. Unter den konkreten Fördermaßnahmen halte ich das Modell des Düsseldorfer Autorenlabors für eines der sinnvollsten. Dort wird eine Gruppe junger Auto- ren über einen längeren Zeitraum in ihrem Schreiben ge- fördert und begleitet. Aber langfristig gesehen sind Haus- autorschaften, die dem Autor über mehrere Stücke treu bleiben, also Sachen nicht nur zur Uraufführung bringen, sondern auch nachspielen und sich intensiv mit ihnen auseinandersetzen, die besten Förderungsmaßnahmen.

KFZ Was reizt Sie als Lektorin daran, bei der Autorenlounge des KALTSTART-Festivals dabei zu sein?

MZ Für mich ist es selbstverständlich zu kommen. Mit Laura Naumann, Gerhild Steinbuch und Ulrike Syha lesen gleich drei Autorinnen, die in unserem Verlag publizieren, und da nutze ich gerne diesen Ort, um denen mal wieder zu begegnen. Ob ich anreisen würde, wenn ich nicht in Ham- burg leben würde, weiß ich allerdings nicht, weil es sich ja um Produktionen handelt, die schon gespielt worden sind, und die Autoren, deren Stücke vorgestellt werden, bereits unter Vertrag sind. Für uns Lektoren ist die Autorenlounge weniger ein Entdeckerfestival als vielmehr eine Präsentati- onsplattform. Für Theaterschaffende ist es aber sicher sehr interessant, hier Entdeckungen zu machen.

KFZ Ist man als Lektorin auch für eine gewisse Art von Welpenschutz verantwortlich, um unerfahrene Autoren nicht an einen nimmersatten Markt zu verfüttern?

MZ Auf jeden Fall, ich sehe das als Teil unserer Arbeit. Die Autoren werden heute sehr früh aus ihren Studiengängen weggecastet, aber sie brauchen erstmal einen geschützten Raum, um sich und ihr Schreiben auszuprobieren. Das wird schwer, wenn man einmal auf den Markt geworfen ist, vielleicht einen Preis gewonnen hat und plötzlich unter dem Druck steht, sechs Stücke in drei Jahren zu schreiben. Da muss man tatsächlich ein bisschen seine schützende Hand über die Autoren halten, oder es zumindest versuchen.

KFZ Abseits vom Markt: Können Sie ästhetische Trends in der jungen Dramatik bestimmen?

KFZ Welche Chancen bietet die Autorenlounge für junge Dramatiker?

MZ Schwer zu sagen. Man sucht ja eigentlich immer die Aus- nahme und nicht die Regel. Ich bin froh, dass wir nicht mehr so viele WG- und Familienstücke bekomme wie noch vor zehn Jahren – es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass das nicht notwendigerweise interessant ist. Die Au- toren bemühen sich heute, ein größeres Themenspektrum in ihr Schreiben aufzunehmen. Aber es bleibt sehr schwie- rig, das eine Talent unter Vielen zu entdecken, das einen langfristig interessiert, und das ist ja kein rein inhaltliches, sondern auch ein sprachliches Interesse. Aber man muss merken, dass der Einfluss der Vorbilder sich schon zurück- gebildet hat. Jemand, der schreibt wie Sarah Kane, interes- siert mich nicht, denn die gibt es ja schon.

MZ Im Vordergrund steht der Gedanke der Plattform: Für die Autoren bietet KALTSTART die Möglichkeit,
MZ Im Vordergrund steht der Gedanke der Plattform: Für
die Autoren bietet KALTSTART die Möglichkeit, Kontakte zu
knüpfen, neue Begegnungen zu machen, sich gegenseitig
und dem Publikum die Texte zu präsentieren, und das finde
ich in jedem Fall sehr sinnvoll.

KFZ Was raten Sie den vielen unveröffentlichten Autoren, die Ihnen ihre Manuskripte zusenden?

MZ Ich bekomme sehr viele Stücke von Leuten, die keine Theatererfahrung haben oder deren Theatererfahrung sich auf Klassiker beschränkt. Aber Stückeschreiben bedeutet eben nicht, einen Roman in Dialogen zu schreiben. Jeder Theatertext braucht Subtext. Man braucht Bühnenimagina- tion, wenn auch nicht zwangsläufig eine realistische. Man muss Figuren vor Augen haben. Theater ist nicht Soap, Theater ist nicht Literatur, Theater ist eine eigene Kunst- form, und mit der muss man umzugehen wissen. Man muss eine eigene Form, eine eigene Sprache finden, und die findet man nur durch ein aktives Interesse an Theater. Man muss sich mit dem Theater auseinandergesetzt haben. Das ist eigentlich auch schon alles.

Kaltstart

K F Z Autoren spezial
K F Z
Autoren
spezial

Die Theaterautoren der KALTSTART- AUTORENLOUNGE haben mitbekommen, dass Krise ist. Das ist gut.

haben mitbekommen, dass Krise ist. Das ist gut. Drama als Ein sorgfältig abwägender Essay von Johannes

Drama als

Ein sorgfältig abwägender Essay von Johannes Schneider

Das Gute an der Krise ist, dass sie die Zeiten wieder existen- tiell werden lässt. Nicht von einem Tag auf den anderen und nicht für alle in gleichem Maße. Auch nicht im Sinne einer existentiellen Not. Mehr in Form einer existentiellen Ah- nung: Es wird anders werden in den nächsten zehn Jahren - und wahrscheinlich wird es schlechter. Beziehungsweise:

Es ist schon schlechter, es kriselt ja bereits, und wir warten wieder mal auf die Bombe, die diesmal nicht aus der UdSSR oder islamistischen Rollkoffern kommt. Diese hier wird aus dem Innern des Landes kommen, wo wir mit Zeitverträgen und ohne Rentenversicherung leben. Wo wir unsere Kinder besser gar nicht erst zeugen sollten.

Das ist jetzt natürlich arg katastrophierend und trifft ja gar nicht auf alle zu (Maschinenbauingenieure haben ein ganz anderes Ge- genwartsbild als freischaffende Künstler oder junge Journalisten). Aber wir brauchen Tendenzen. Wir können ja keinen Essay über Gegenwartsdramatik schreiben, und da steht dann: „Hü und Hott. Das Pony läuft im Kreis.“ Wir müssen ja irgendwie nach vorne. Weiter geht‘s

Für die Literatur brechen goldene Zeiten an. Wer heute re- levant schreiben möchte, muss nicht den Nazi-Opa aus dem Schrank holen und sich selbst kunstvoll ein Dritte-Genera- tions-Trauma konstruieren. Es reicht ja ein Blick ins eigene Leben, dahin, wo zur Jahrtausendwende noch die Dekadenz und tausend nölende Judith Hermanns zu Hause waren. Wo der Journalismus denkbar prosaisch die „Angst vor dem sozialen Abstieg“ erkennt, streicht der literarische Autor auf Themensuche fünf Worte und verharrt bei einem großen:

Angst.

Nonsens! Eine empirische Umfrage unter deutschen Gegenwarts- autoren würde wahrscheinlich ergeben, dass maximal drei Prozent (willkürliche Schätzung) „Angst“ als ihr vordergründiges Thema an- geben. 27 Prozent würden hingegen „Intersubjektive Beziehungen“ oder sowas sagen, und 70 Prozent „Irgendwie gedruckt werden“ - wenn sie ehrlich wären.

Wenn wir ehrlich wären, hätten wir längst zugegeben, dass wir nur irgendwie auf die elf Stücke hinleiten wollen, die in diesem Jahr zur KALTSTART-AUTORENLOUNGE eingeladen sind. So ist es kaum verwunderlich, wenn wir das, was wir bisher über die Literatur im Allgemeinen gesagt haben, hier wunderbar an der jungen Dramatik festmachen können. (Die abzubilden hat sich die Lounge ja zum ehrenwerten Ziel gesetzt.) Am meisten fällt uns auf (und es fällt uns sehr, sehr

angenehm auf!), was da alles nicht vorkommt: Generations- konflikte, Familiensagas, Hitler. Da verzweifelt niemand wahlweise an seinen 68er-Eltern oder 33er-Großeltern. Und niemand verzweifelt mehr daran, dass es nix mehr zum Ver- zweifeln gibt. Regieanweisungen wie „Ein Raum, zwei Stühle, er und sie“ (frei konstruiert aus leidvollen Lektüre- und Seh- erfahrungen) sucht man in dieser Auswahl vergeblich.

Bla, Bla, Bla: Es gehört wohl zu den billigsten rhetorischen Tricks, irgendwelche Pappkameraden zu konstruieren, gegen die sich die tatsächlichen Texte strahlend absetzen können. Außerdem ist es schon eine nackte Unverschämtheit, aus der Gruppe der Elf (Stücke in der Autorenlounge) irgendeine Tendenz rauslesen zu wollen, lie- gen uns doch zum momentanen Zeitpunkt aufgrund verschiedener logistischer Probleme nur derer sechs vor. Aber gut

logistischer Probleme nur derer sechs vor. Aber gut Genau, gut. Gut ist das (größtenteils), was man
logistischer Probleme nur derer sechs vor. Aber gut Genau, gut. Gut ist das (größtenteils), was man
logistischer Probleme nur derer sechs vor. Aber gut Genau, gut. Gut ist das (größtenteils), was man
logistischer Probleme nur derer sechs vor. Aber gut Genau, gut. Gut ist das (größtenteils), was man

Genau, gut. Gut ist das (größtenteils), was man da zu lesen kriegt: Reich an Welt, die - das ist ja unsere These - nicht mehr belanglos ist. Es gibt Stücke wie das von Ulrike Syha, das, obwohl es so provokant „Privatleben“ heißt, nichts, aber auch gar nichts Privates an sich hat, im Sinne einer behaupteten Intimität, einer ungesunden Nähe zu den Fi- guren. Das sind in diesem Fall „ER, SIE. Und ein Land, das schrumpft“ - und das Land, das schrumpft, bringt‘s total, viel mehr als ein Raum und zwei Stühle (s.o.). Ohne genau zu wissen, was mit dieser Volte im Dramatis Personae gemeint ist (so naiv, aus dem schrumpfenden Land nur den Verweis auf eine demographische Tendenz zu lesen, sind selbst wir nicht), spüren wir doch in jeder Zeile, wie das ungesunde Klima dieses Landes SIE und IHN bedrückt und formt, deren Wege sich bei einer Zugfahrt kreuzen und die sich fortan vor dem Hintergrund maximaler Unterschiedlichkeit (bei glei- cher Verzweiflung) grandios aneinander abarbeiten.

Stopp! Das wird jetzt unerträglich. Kommt die „Welt“ (und mit ihr die Angst) in diesem Text nicht - wenn überhaupt - etwas plump daher? „Der Weltwirtschaft geht es nach wie vor schlecht, während wir so beschäftigt sind“, denkt ER beim Sex mit IHR in einem Bahn- hofshotel. Das kann es doch nicht sein, die Angst. Das ist doch die übliche bräsige Lakonie

Wir wissen es doch auch nicht! Wir können doch auch nicht für jeden einzelnen Text, jeden Protagonisten, jede Zeile die Hand ins Feuer legen. Am wenigsten für uns, die wir völlig befangen sind in unserem Ansatz, die Stücktexte just in dem, was wir als den zeitlichen Kontext ausgemacht haben, ernst zu nehmen. Wenn die Österreicherin Gerhild Steinbuch ihr

Therapiebombe „Herr mit Sonnenbrille“ da spielen lässt, wo in einer „Fluss- furche“ unterhalb der Skigebiete

Therapiebombe

„Herr mit Sonnenbrille“ da spielen lässt, wo in einer „Fluss- furche“ unterhalb der Skigebiete vor der Bundeshauptstadt „früher die Stahlindustrie daheim“ war und jetzt „immer weniger Menschen Arbeit finden“, ist das für uns weniger morbides Setting einer düsteren, auf zwei verschränkten Zeitebenen erzählten Beziehungsgeschichte. Vielmehr wird die düstere Beziehungsgeschichte zur Illustration des morbi- den Settings.

Wir merken an dieser Stelle, wie uns der Essay - schon bei der Erwähnung des zweiten Stücks - endgültig entgleitet. Wir benutzen die Stücke ja nur für einen hanebüchenen Indizienprozess. Dabei können die so viel mehr

Jaja, die können ja gerne viel mehr können. Aber sie können eben auch das: eine bedrohliche Welt am Abgrund zur Kennt- lichkeit entstellen. Überhaupt: einen Abgrund ahnen lassen, der sich in alltäglichen Zugriffsroutinen nur zu gut ausblen- den lässt. David Richter und Dirk Laucke lassen „Start- und Landebahn“, ihre „Erzählung fürs Theater“, in einer so apostrophierten „Eiszeit“ (gemeint: das Jetzt) spielen und verfrachten uns zielbewusst dahin, wo wir sonst nicht jeden Tag hinschauen: in ein „fast ausgestorbenes Dorf am Flugha- fen, sorgsam umschlossen von den Start- und Landebahnen, einer ICE-Strecke und einem Autobahnkreuz“. Dort, wo die Zivilisation den Bodensatz derGesell- schaft jetzt schon so zerstört, wie sie es bald mit uns allen machen wird, erhal- ten wir mehr als nur eine Ahnung vom voraussichtlichen Ende der Welt. „vergiss den ganzen technischen schrott, den flughafen, die autobahn, die ärzte und das pflegeheim. genau dieser bekackte fortschritt hat dein ganzes dorf platt gemacht und dich in einen degenerierten menschen verwandelt“, sagt der Protagonist Bill zum Protagonisten Darius

Tod zurück, und aus Jens Nielsens selbstzerstörerischer Flanérie „1 Tag lang alles falsch machen“ können wir mit unserem Zugriff auch nichts „rausholen“ - spätestens hier scheitert der Versuch, den ästhetischen Texten einen diskursiven Gebrauchswert abzutrotzen.

Diskursiver Gebrauchswert in your face! An dieser Stelle müssen wir das Über-Ich hart ausbremsen, denn eins ist mal klar: So viele Artikel, Essays, Feuilletons, vielleicht sogar Romane können wir über die Krise gar nicht lesen, um uns annähernd so körperlich mies, durchgerockt und existentiell bedroht zu fühlen wie nach einem Lektüretag (plus Nacht) mit den Autorenlounge-Stücken. Huhn oder Ei, gesellschaftliche Krise oder düstere Dramatik, das ist doch jetzt völlig egal. Fakt ist: Es schwingt wieder was. Es gibt wieder eine Form von Furcht vor der Gegenwart jenseits von Wehleidigkeit. Der wir glauben. Und vielleicht - und jetzt beginnen wir zu träumen - kann eine derart politische (oder

politisch gelesene) Dramatik ja einen Effekt zeitigen, wie ihn KFZ-Kollegin Laura Naumann (ebenfalls bei der Autoren- lounge dabei) in ihrem „DEMUT VOR DEINEN TATEN BABY“ andeutet: Drei Frauen erleben da auf einer Flughafentoilette einen (vermeintlichen) Bombenanschlag und erfahren dabei, wie Angst zusammenschweißen kann. Sie beschließen, einen „Anschlagsimulator“ zu bauen, um auch anderen dieses Hochgefühl zu geben, beziehungsweise: „wir brauchen nicht mal was bauen wir machen das alles selbst wir su- chen die Orte aus wir spielen die Terro- risten wir machen die Leute erleben“. Drama als nicht-letale Therapie- bombe für die sich entsolidari- sierende Gesellschaft - das wäre doch was. Erst einmal reicht es aber zu sagen:

- das wäre doch was. Erst einmal reicht es aber zu sagen: Es ist Krise. Die

Es ist Krise. Die jungen Dramatiker haben das

mitge-

kriegt.

Das ist gut.

was mehr über die Nervensäge Bill aussagt als über sonst ir- gendwas. Es bringt nichts. Wir müssen an dieser Mammutaufgabe scheitern. Alles ist so - und alles ist anders. Alles ist gesellschaftlich und zugleich privat - vielleicht ist das ja die Tendenz, sonderlich neu wäre das nicht. Wie wenig weit wir so kommen, sieht man an zwei Stücken in der Auswahl, die mit alledem, mit der Krise, der verunsi- cherten Gesellschaft, der düsteren Zukunft, der Angst vor der Bombe nichts oder nur am Rande zu tun haben: Nora Mansmanns „herr tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem“ lässt uns ratlos mit Bonnie-und-Clyde-Fragmenten, zwei Kindern und dem

Kaltstart

Frauen spielen Frauen,

die Frauen spielen

K. und L. im Dialog über „Der Du“ von Julia Wolf, in einer Inszenierung von Sahar Amini vom Düsseldorfer Schauspielhaus, inspiriert von der Erzählweise des Stücks

Schauspielhaus, inspiriert von der Erzählweise des Stücks Nicht im Bild: Der Du. Foto: Lisa Kratz von

Nicht im Bild: Der Du. Foto: Lisa Kratz

von Laura Naumann und Khesrau Behroz

K.: Also, da sitzen wir beide, mit Pappe in unseren Händen, fächern die Luft und blicken auf die Bühne, streng. L. schaut strenger. L.: Interessiert hab ich geguckt, nicht streng. Ich hab da ganz entspannt gesessen und geguckt und gewedelt und dann ging es los. Da hast Du gleich die Arme vor der Brust verschränkt. Streng. K.: Ich wusste einfach nicht, wohin mit den Armen. Sind ja auch sperrig, die Dinger. Also habe ich sie einfach vor meiner Brust verschränkt. Strengfrei. L.: Gestritten wird später. Jetzt geht‘s erstmal los. Wir sehen: drei junge Frauen. Sie spielen: drei junge Frauen. Sie stellen sich vor. Ein Hotel kommt vor. Ein Anruf von einer Mutter. Eine Bar. K.: Nein. Ich würde das anders sagen. Wir sehen: drei junge Frauen. Sie spielen: Drei junge Frauen. Die spielen: Drei jun- ge Frauen, die von drei jungen Frauen berichten. Sie stellen sich vor. Sie haben schöne Stimmen. L.: Und es sind die gleichen Frauen. Immer nur drei. Sie erzählen sich gegenseitig und sich selbst. Mit ihren schönen Stimmen. K.: Die Gleichen sind es, nicht dieselben. In der Geschichte ging es um einen Kerl, der blutet, und um die drei jungen Frauen, die auf allen Ebenen die Gleichen sind. Sie flüchten mit ihm und es kommt zu einem Road Trip, oder? L.: Nee, anders. Wenn man die Schauspieler-Ebene, so nenn ich das jetzt mal, wegdenkt, dann waren sie ja schon diesel- ben. Immer Eve, Dora und Luzi, und die haben erzählt, was sie erlebt haben und haben das auch gespielt und im Spiel haben sie wieder erzählt, was sie gerade tun. Also dieselben. Jedenfalls flüchten sie mit dem Mann und es kommt zu einem Road Trip, jawoll. Luzi hat Verwandte im Taunus. Aber dann erreichen sie das Meer. K.: Dort ist es schön und der Kerl blutet immer noch. Also stellt Dora ihren Eltern den Du vor. So heißt er nämlich, Du. Und er sieht gut aus. Zu gut, um liegengelassen zu werden. L.: Außerdem ist er sehr warm, sagt zumindest Luzi. Sie ist

die, die am meisten mit dem Du anfangen kann. Sie will ihn eigentlich, aber dann doch nicht. Alle Drei haben mal gesagt:

„Ich habe es aus Liebe getan.“ Und dann hat Dora gesagt, Luzi wisse nicht, was das sei, Liebe. Und dann hat es Streit gegeben. K.: Warte mal. Ich glaube, L. wusste nicht, dass K. zucken musste als Luzi und Dora und Eve von Liebe gesprochen haben, als wäre sie eine außerordentlich große Liebe, eine Liebe, die ein Theaterstück sehr, sehr schwierig macht, ihm die Leichtigkeit nimmt, weil es ihrer Größe, also der Größe der Liebe, gar nicht gerecht werden kann. Wusstest Du das? L.: Nein, das wusste L. nicht. Allerdings war das hier, glaube ich, nicht so eine Liebe. Eher eine Sehnsucht danach. Davon waren die Figuren ja voll. Das hat man in jedem ihrer Sätze, in jeder ihrer Bewegungen sehen können. Luzi hat dem Du ihre Mutter vorgestellt, um ihm Hoffnung zu geben. So eine Liebe eher. Dann kam Polizei. K.: Wie sie so durch die Gegend gefahren sind, wie sie be- schossen wurden - das war gut gemacht. Das haben K. und L. hinterher ja auch festgestellt: Die etwas einfache Geschichte - das verzeiht man. L.: Ja, die war irgendwann egal, weil es einfach Spaß ge- macht hat, den Figuren zu folgen. Gute Sprache, guter Flow im Text und gute Schauspielerinnen: Lisa Arnold, Viola Pobitschka, Sabrina Tannen. Ich war auch Fan von den Pro- jektionen, die waren gut eingebunden und liefen nicht nur im Hintergrund. Geil, mit den Polizeiautos und die Schüsse auf die Frauen gegen Ende. Peng Peng Peng. Löcher. Blut. Da hab ich gelacht.

Ende. Peng Peng Peng. Löcher. Blut. Da hab ich gelacht. „Die Jungs sind fit“ Der Heimathafen

„Die Jungs sind fit“

Löcher. Blut. Da hab ich gelacht. „Die Jungs sind fit“ Der Heimathafen Neukölln zeigt die Ilias

Der Heimathafen Neukölln zeigt die Ilias mit Flüchtlingsfrauen aus Bosnien und Herzegowina und zwei Schauspielern

von Laura Naumann

Paris hat Helena aus Liebe dem Agamemnon geraubt. Aus Liebe ist der Krieg zwischen Griechenland und Troja ausge- brochen. „I love you, Helena!“, sagt Paris ihr immer wieder und es soll sie trösten darüber, dass ganz Troja sie hasst, weil Krieg ist, wegen ihr. Seit zehn Jahren belagern die Grie- chen nun Troja. Alle sind müde. Alle hassen den Krieg, aber immer findet er statt, zu allen Zeiten. Auch die vier Frauen haben ihn erlebt, in Bosnien und Herzegowina. Wirklich erlebt, bis sie nach Deutschland kamen. In der Inszenie- rung von Krzysztof Minkowski und Dirk Moras spielen sie sowohl Götter als auch Krieger und Kriegerfrauen. „Die Jungs sind fit“, sagt Agamemnon und schickt das Heer los. Es ist kein Mitleidstheater, kein Ausstellen von „Opfern“, da werden Parallelen gefunden zwischen der Antike und der Gegenwart, Laien und Profis sind so gut zusammen, wie es selten der Fall ist und alles wird gezeigt, wie es wohl immer ist: der Krieg und Angst und Vertreibung und Verlust, aber dazwischen wird gesoffen und getanzt und geweint und immer noch erzählt und immer noch gelacht und immer noch geliebt. Die verlorene Stadt zum Beispiel, die Familie, die Mädchen und die Götter, was soll’s.

Von Bottrop zu Adorno in 30 Sekunden „ „Erstmal schön hinsetzen“ ist eine grandiose Überraschung
Von Bottrop zu Adorno
in 30 Sekunden
„Erstmal
schön hinsetzen“ ist eine
grandiose Überraschung
Johannes Schneider
von
Wir wollen den
Moment feiern:
jenen, an dem
Susanne Plassmann
schließlich aufsteht und sich
des Polyester-Pullis, der Kurzhaarperücke und
der
breiten westfälischen Sprachfärbung
entledigt.
Jener Attribute,
die in den vorangegangenen Minuten
beim Publikum - distinguierte Hamburger Best-Ager
- für schamhafte Blicke
gen Boden gesorgt hat-
ten. Plötzlich
wird Susanne
Plassmann zur pinken
Sex-Bombe, während vom Monitor ein verrückter
Professor (ebenfalls
Plassmann) erklärt, was es da
endlosen Bramarbasieren einer
eben - im
Vorzeige-
Spießerin - gesehen hat:
eine Narrationsform, die in
ihrer Uferlosigkeit an Morton Feldman
erinnere und
auf Adornos Idee der musique informelle verweise.
Dann hopst die pinke Furie sinnlos zu
seichter Musik
vor den verstörten
Pfeffersäcken und ruft: „Ich bin
eine Allegorie!“ Toll!

Möhrchen im Maul

Pferde und Frivolität

bei „Ponydressing“

von Stephanie Drees

Der Schmollmund ist eine Art kleinster

gemein-

samer Frivolitätsnenner.

Wer

sich dazu eine Stange

zwischen die

Beine klemmt,

an deren Ende ein Pfer-

dekopf prangt, der

hat schon

alle Zutaten zusam-

men, um das Rezept

der Sexyness zu vollenden.

Die

Mädels von „Ponydressing“

reiten durch

eine Welt,

in denen Pferde-Liebe,

Rollschuhtanzeinlagen und

Call-Center-Reenactments zu

einer Revue

ver-

schmelzen. Sie verteilen im Publikum „Möhrchen-

Marys Vitaminsaft und

Wodka –

frei nach

dem

Motto: Geteilte Schmerzfreiheit

ist volle Schmerz-

freiheit. Zwei Nymphen im

schwarzen Retrobody

kreieren ein

neues Genre:

Den Try-and-Error-

Trash. Und

dabei passiert etwas durchaus

Faszi-

nierendes, etwas,

dass sich nur

in der geplanten, in

Schieflage geratenen

Erotik offenbart: Das Mittel

des Frivolen bleibt, anders als viele seine

ästhe-

tischen Geschwister, auch

in ironischer Brechung

es selbst. Hier heißt das: Frau auf Pferdestange

kann nicht nicht

zum Objekt

werden, egal ob

sie das

Objektivierende meta-reflektiert oder nicht.

Eine

besondere Form von Echtheit also.

Die Anzüglich-

keit dieser

Erde liegt auf

dem Rücken der

Pferde.

oder nicht. Eine besondere Form von Echtheit also. Die Anzüglich- keit dieser Erde liegt auf dem
oder nicht. Eine besondere Form von Echtheit also. Die Anzüglich- keit dieser Erde liegt auf dem

gewählte

allgemein

Mal so ganz

gutes Zwei-Personen-

Wie man ein verdammt

auf der Nebenbühne inszeniert

Stück

von Alexandra Müller und Clara Ehrenwerth

zwei gegensätzliche Charaktere, vor-

1. Man nehme

sie in eine aus-

Mann und Frau, und sperre

zugsweise

weglose Situation.

die Kostümbildnerin, auf sozialrealistische

2. Man bitte

Kostüme zu achten.

möglichst natürlich zu

3. Man halte die Schauspieler an,

spielen. Sie werden folgende Gesten aus ihrem Reper-

durch Schreien ausge-

abrufen: Aggression wird

toire

durch starkes Zittern, Zuneigung durch

drückt, Angst

körperliche Nähe.

Stück auf ein eskalie-

4. Man achte darauf, dass das

Beliebt sind

rendes Moment kurz vor dem Ende zuläuft.

Vergewaltigung, (Selbst-)Mordver-

hier insbesondere

Prinzipiell

such, Enthüllung eines Lebensgeheimnisses.

Ausbruch des Konflikts erlaubt, der

ist jeder lautstarke

im bisherigen Verlauf der Handlung bereits brodelte

und schwelte.

derart, dass es die Figuren

5. Man arbeite das Ende

sie zur Selbstre-

ein letztes Mal zusammen bringt, um

das

Hier sollte man darauf achten,

flexion anzuregen.

Thema noch einmal abschließend auszuleuch-

ten. Vorhang.
ten. Vorhang.

Kaltstart

KFZ Kritik
KFZ
Kritik
Dimenticano Uli Edel! den Terrorismus AKRteatro übersetzen aus dem Italienischen und zurück von Alexandra Müller
Dimenticano
Uli Edel!
den Terrorismus
AKRteatro übersetzen
aus dem
Italienischen und zurück
von Alexandra Müller
Uli Edels
Film „Baader
Meinhof Komplex“ stellt wenig
Fragen. Die
RAF spult sich
durch
eine Stefan-Aust-hi-
storisch
AKRteatro dagegen stel-
korrekte Handlung.
len jede
Menge
Fragen, inhaltlich
wie ästhetisch:
„Was
bringt
einen Terroristen dazu, Terrorist
zu werden?“
In „E.C.F.C
Das Beste: Sie geben keine Antworten.
eravamo
cosi folli che – wir waren
performt sich die
aus Rom
so verrückt, dass“
angereiste Gruppe durch
verschiedene Formen
des gewalttätigen Widerstands –
den Ter-
zweisprachig. Das kühle Deutsch rationalisiert
ror, Performer
Mikro. Das
Carsten Wilhelm raunt ins
emphatischer, Maria
Italienische klingt aufbrausender,
und Aurora
Kellermann treiben sich ge-
Laura De Bardi
genseitig durch
einen aufrührerischen Sprachfluss. Es
wird
hin und
der
her übersetzt: Viele Redenschnipsel
ihrem italienischen Pen-
RAF oder der Brigate Rosse,
dant.
Recht-
Szenische Gegenentwürfe flankieren die
fertigungsentwürfe
der 70er-Jahre-Terroristen:
Die
Performerinnen schmiegen sich in hautengen Bodys an
ihren männlichen
Counterpart, der
dann aufspringt und
brüllt: „Ich bin doch nicht
der Baader!“
„E.C.F.C.“ ist ein
theatrales Mind Map,
eine Assoziationsmaschine, die
zum Lachen
bringt
und Fragen
aufwirft. Dramaturgisch
perfekt durchgeplant
zu tap-
und ohne in die Moralfalle
eh
pen. Da steckt
noch immer
Uli Edel
drin.
KFZ Das beste, das sich an Kritik diesem Festival anmeldet!“ – „Wirklich?“ Vollstrecker kritisches
KFZ
Das beste,
das sich an
Kritik
diesem
Festival anmeldet!“
– „Wirklich?“
Vollstrecker
kritisches Kritikergespräch
Ein
im
Putzlicht
von Lobinger und
Reißer
Für Christian
Oncius Inszenierung
von
R: Was war eigentlich
kurz vor den Wäldern“
Koltès’
„Die Nacht
L: Ein Abgesang auf
das?
das Hirngewichse im Theater, ein
Kommentar zum vergeistigten
Diskurs, ein gelungener
gibt es keinen
Ort als die Schanze
besseren
von Jan Fischer
Man nennt das Putzlicht:
Scherz.
R: Aber war es nicht
eine Aneinanderreihung von plat-
Das unerbittliche Neonlicht,
ten Nummern?
wenn die Musik
vorbei ist.
Dan Florescu steht in diesem
L: Haben Sie schon mal erlebt, dass jemand auf
Licht, vor schwarzen
Kacheln. Der Keller
des Haus
der Bühne Pizza bestellt
oder
beim Verbeugen SMS
III&70 sieht aus wie das Negativ eines
Schlachthaus-
fotos. Eine rauschige Opernarie läuft.
Florescu zieht
schreibt?
R: Die Pizza war lecker, der
Wodka auch. Aber das wa-
die Straßenkleidung aus und einen Trenchcoat an. „Es
ren doch nur Effekte!
einer Evian-
L: Dann haben
Flasche regnet“, über sagt er, den und Kopf. kippt Dann sich geht Wasser es los: aus Bernard-Ma-
Sie anscheinend die intimen Momente
verpasst, in denen die Regisseure
der Selbstironie
kurz vor den Wäldern“ (Regie:
rie Koltès’
„Die Nacht
ihren persönlichen
Weg
zum Theater
nachgezeichnet
Camus trifft
Christian Onciu): Céline
trifft Salinger
trifft
haben.
R: Alles in allem hatte ich das Gefühl, außen vor zu
Fight Club
trifft Großstadttristesse.
Anderhalb Stunden
monolithischer Monolog eines Irren, ein Außenseiter-
sein.
text, in dem
einer versucht, zu sein wie alle anderen
L: Es ging
wohl weniger
darum,
eine Geschichte zu er-
zählen, als darum, das Theater zu entkrampfen. Gerade
und
seine Simulation zu weit
treibt,
und seinen Hass
nicht unter Kontrolle bringt:
Themen haben sich die Protagonisten char-
„Nennt mich
den Vollstre-
den großen
cker“, sagt
der Protagonist
über
sich selbst,
und will
sich selbst zum Mittelpunkt
mant entzogen, indem
sie
– und das ist das Gruse-
ständig
alle verprügeln. Aber
der Untersuchung
gemacht haben.
nicht: Florescu ist Schauspieler, der
lige – irre ist er
R: Aber sind die großen Themen
nicht gerade die ent-
der hin und wieder
irre spielt,
einen Texthänger hat und
sich aushelfen lassen muss, der
nicht
den Irrsinn
des
scheidenden?
L: Nur, wenn man sich zum Ziel
setzt, eine Situation zu
Textes herauskehrt, sondern seine Logik: Denn natür-
schaffen, die analysiert und
nicht emotional erfahren
Koltès’ Text nur den Anschein
lich erweckt
von Irrsinn
werden will.
und arbeitet
sorgsam gedrechselten
eigentlich mit
Mo-
R:
Die Fußspuren
aus Quark,
vorbei am Pool mit den
tivketten,
mit schimmernden Sätzen, mit ausgeklügel-
Luftschlangen drin, fand ich auch schön, aber waren
ten Überrumpelungstechniken: Da läuft kein Irrer über
das genug
Hinweise für
den Zuschauer,
um
der Suche
Bühne, sondern
die
einer,
der weiß, was er
tut, wenn er
nach
ihrem individuellen
Theater zu folgen?
das Publikum anspielt
und überrumpelt, wenn er seine
L: Folgen konnte der, der sich von Anfang an ihrem
Sätze mit
voller Absicht
leuchten lässt.
Konzept
öffnen konnte.
Angekommen ist er in einem
Das Wunderbare an genau dieser
und
keiner anderen
entspannten Verhältnis zum Diskurs. John Vorhaus
„Humor ist Wahrheit und Schmerz.“ Beides habe
Aufführung des Textes ist, dass es keinen besseren Ort
sagt:
für Koltès Hasstext
gibt als
das Herz der
Schanze. Dass
ich gesehen.
Koltès’ regnerische Pariser
Straßen
dem Schulter-
blatt ähneln,
dass der
Text plötzlich
aktuell wird. Dass
die Art, wie der Irre sich inszeniert, wie er
diejenigen,
die er „Lackaffen“ nennt und diejenigen,
die er „Ka-
meraden“ nennt, in ihrem Ausgehviertel
beschreibt,
umklappt und
sich eigenartig leicht
auf die Straßen da
draußen projizieren lässt. Plötzlich ist
alles
wie unter
Putzlicht: Die Gentrifizierungscrowd,
wie sie sich
selbst
dort schauspielt und
ihre Modebrause
trinkt, und dass
die einzige Antwort auf ihre Selbstherrlichkeit
tatsäch-
lich ist: Tu
so, als seist
du verrückt. Dann lassen sie
dich in Ruhe.
Köpper in den Themenpool!
Das Monster aus dem Käfig In „Der Kick“ zeigen Annika Lehmann und „ Anne Noack
Das Monster
aus dem Käfig
In „Der Kick“
zeigen Annika Lehmann und
Anne Noack einen
Kosmos aus Gewalt
Das stumme
der Körper
Schichten
von Stephanie
Drees
Potzlow, Brandenburg, 2002:
Die Brüder Marco und
kritisches Kritikergespräch über eine
Ein
Marcel Schönfeld foltern den
16-jährigen Marinus
Maria Umbach, Martin
Schöberl, lassen ihn auf die Kante
eines Schweine-
Performance von
Grünheit und Benjamin von Bebber
futtertrog beißen
und töten
ihn
mit einem
Sprung
von Jan Berning
ins Genick. Das Dorf schweigt.
Was Andres Veiel in
Einer
von
ihnen
wird
später
zum
Mörder:
Bennet
(Max
seinem dokumentarischen Theaterstück „Der Kick“
Gadow)
lässt
Apfelstücke
aus
dem
Mund
fallen,
geschafft hat, ist ein kleines Wunder: Nach und nach
oder
wirft
sie
ins
Publikum,
Lilly
(Jessica
Ohl)
isst,
Wil-
werden die Strukturen
kosmos offen gelegt.
eines hermetischen
Gewalt-
liam
(Martin
Winkelmann)
schlingt.
Und
Chatwick
(Paul
Die Schauspielerinnen Annika
Noack setzen in ihrer Inszenie-
Pötsch)
beobachtet
den
Fall
seines
Apfels
vom
Lehmann
und Anne
streckten
Arm
zum
Boden.
Die
Inszenierung
„The
Amok
rung
ganz reduziert auf die
Wirkungskraft des Textes
Society“
von
Lea
Connert
in
den
Zeisehallen
gibt
– und verwandeln sich binnen Minuten mit beein-
nicht
mit
dem
zufrieden,
was
die
Vorlage
„Punk
druckender Körperlichkeit vom
schwergewichtigen
von
Simon
Stephens
an
Charakterisierung
leistet.
Neonazi
zur gebrochenen Mutter des Opfers. Dabei
Im
Text
werden
die
Figuren
durch
grobe
Typologi-
des Stücks zu transpor-
schaffen sie es, die Qualität
sierungen
eingeführt:
Streber
Chatwick
will
wissen,
tieren:
Die vermeintlichen
Monster aus ihrem Käfig
was
außerhalb
des
Universums
ist,
William
fragt
sich,
zu holen.
warum
wir
träumen,
Lilly
beschäftigt
sich
mit
Pho-
So 18.07. | 20:00 | Foolsgarden
bien.
Stephens’
Stärke
ist
weniger,
den
Figuren
zu
geben,
als
die
perfiden
Machtspielchen
hinter
der
KFZ
Maske
der
Anteilnahme
zu
kaschieren:
Viel
wirkungs-
voller,
wenn
Bennett
Chatwick
quält,
indem
er
ihn
einen
Kritik
Erfolreich sein,
wie wär das fein
Geldschein
fangen
lässt,
den
er
ihm
zuvor
abgenommen
hat.
„Ich
spiel
doch
nur
das
Arschloch“,
oder:
„Bist
du
traurig,
weil
du
so
hässlich
bist?“
Face ergründen die Geheimnisse
Die
Aggressionen
und
Autoaggressionen,
von
denen
der
Dummet
Text
handelt,
führt
er
im
Subtext
mit.
Erst
durch
des Erfolgs
in
der freien Szene
in
die
Haut
oder
wenn
Chatwick
beim
Sprechen
von Alexandra Müller
Tick
entwickelt,
sich
mit
der
Zunge
übers
Zahnfleisch
Liebe Dummet
zu
fahren,
werden
sie
zu
Theater.
Immer
stiller
die
Face,
ihr habt euch eine ganze
Seite gewünscht, ich kann
Inszenierung,
immer
körperlicher,
intensiver.
Selbst
die
Morde
sind
nur
das
stumme
Schichten
bewegungsloser
euch aber nur
eine halbe
Spalte geben. (Hab ja auch in
Körper.
Eine
Inszenierung,
die
mit
klug
gesetzten
Bil-
Hildesheim studiert, wie sähe das denn aus?)
dern
und
beeindruckender
schauspielerischer
Leistung
Erstmal: Ich wünsche euch, dass ihr
„Das Erfolgspro-
jekt“ bald auf Kampnagel
vom
Alltagsterror
an
einer
Schule
erzählt.
spielen könnt, das habt ihr
echt verdient. Eure Idee, Interviews
Abstrakter
ist
der
Terror
bei
„Terrorgraphie“:
Eine
junge
mit Persönlich-
Mutter
leitet
einen
geheimen
Bericht
weiter,
weil
ihr
keiten aus
der Theaterszene zu machen,
um herauszu-
finden, ob es ein Erfolgsrezept für
Chef
sie
gedemütigt
hat,
ein
Geschwisterpaar
kämpft
freie Gruppen gibt,
finde ich super.
Es hat was Dokumentarisches und ist
mit
der
Leidenschaft
füreinander,
eine
alte
Frau
bei
Fremden
um
etwas
vom
Grill.
Aus
dem
Drang,
gleichzeitig für viele hier interessant. Das ganze als
bei dem man die Personen anhand
Rätsel aufzuziehen,
der
Isolation
(„vielleicht
ist
niemand
außer
mir
der
von Zitaten erraten muss, erweitert
die reine Informa-
ganzen
Stadt“)
zu
entkommen,
entsteht
Terror
sei
tion um eine Metaebene
– man kennt
ja die Pappenhei-
es
nur
der
Terror
plötzlicher
Stimmungsumschwünge,
Matzke, Lilienthal, Pilz. Eure Umfrage,
sei
es,
dass
man
kein
Mandelcroissant
bekommt.
mer
in der wir
zum Thema „Wie hat man im freien
Die
Vorlage
„Pornography“,
auch
von
Stephens,
Stellung
Theater
Erfolg?“ nehmen sollten, war angenehm unpeinlich. So
die
Regisseurin
Laura
Louise
Brunner
vor
die
Heraus-
bezieht man Publikum ein.
forderung,
lange,
eher
technische
und
eher
– in ausge- durch wird feine den Effekt Tiefe Rock“ stellt spuckt bittet Bisse und sich
auf
Eure persönlichen
Stellung-
nahmen und Witze, etwa über die Bewerbung
denn
auf
Atmosphäre
angelegte
Monologe
zu
inszenie-
an der
ren
und
dabei
dem
Text
die
Kühle
und
Unbewegtheit
der
Schauspielschule (ja, auch ich …) sind sympathisch,
ohne blöd zu sein.
Einsamkeit
zu
lassen.
Das
gelingt
ihr
durch
die
Ein entspannter Beitrag zum Authen-
Choreographie
von
Bewegung
und
Mimik,
das
gelingt
tizidings-Diskurs, der sich so langsam auf diesem Fe-
stival entwickelt. Manchmal könntet
nicht
zuletzt
ihren
Schauspielern
(Sebastian
Klein,
ihr auf
der Bühne
noch ein bisschen
André
Lassen,
Hannah
Müller,
Laura
Schuller)
ihr
lockerer sein, aber hey. Lasst euch
exaktes,
intensives
Spiel.
gegenseitig nicht so
viele Strafrunden laufen. Disziplin
für den Erfolg,
ist
zwar wichtig
aber sich gegenseitig zu
quälen doch nicht. Ihr schafft das auch so.
Eure Alexandra

Kaltstart

Ventilatoren im Kopf

Die OPEN-AIR-Sparte des FRINGE zeigt Stücke zum Atmen

p f Die OPEN-AIR-Sparte des FRINGE zeigt Stücke zum Atmen Continuous Shot: Bitte recht öffentlich! Foto:

Continuous Shot: Bitte recht öffentlich! Foto: Sven Heine

von Jan Fischer

„Wir sind kein Straßentheater“, sagt Lukas Bugiel, „aber weil wir draußen sind, haben sie uns zu OPEN AIR gesteckt.“ Lukas gehört zu Intermedia Orkestra, die ihre Zuschau- er zwei Minuten lang auf dem Vorplatz des Knust in einem schwarzen VW-Bus umherfahren, mit ein paar Zwischen- halten bei Tieren und Paparazzi. Zwei Minuten, die sich an- fühlen wie zwei Minuten Achterbahn: Schneller, und gleich- zeitig viel, viel länger. Der Flyer des OPEN AIR ist lose ins Programmheft ge- schoben, darin haben die einzelnen Auf-führungen keinen Ankündigungstext. Vielleicht ist das der Grund, dass an die- sem Tag nicht viel Publikum da ist: „Wir mussten Leute vom Platz wegholen, damit die mitmachen“, sagt Lukas. Denn Continuous Shot lebt vom Publikum: Die Zuschauer sind die Protagonisten des Musikvideos, das während der Auffüh- rung entsteht. Während Intermedia Orkestra noch darüber debattieren, wie eigentlich die PIN-Nummer der Karte des Vereinskontos ist, tragen Sturmzucker ein Schlauchboot und zwei Akkordeons auf den Vorplatz des Knust. Broder Zim- mermann und Marla Weedermann lösen das Publikumspro- blem auf ihre Art: Wer zufällig da ist, wird einfach zu Publi- kum erklärt. Sturmzucker basteln in ihrem Gummiboot aus fremden und eigenen Texten eine maritime Nummernrevue aus der Mythenmaschine Meer – inklusive einer großartig gehauchten Version der „Seeräuber-Jenny“. „Gerade“, sagt Broder Zimmermann in schönstem Hamburger Platt, „arbei- ten wir an einem abendfüllenden Programm“. Fürs OPEN AIR zeigen sie nur Ausschnitte. „Wir wollten uns mal an Publi- kum testen“, sagt er. Derweil arbeiten Intermedia Orkestra am Rohschnitt der drei Musikvideos des Tages, die im Knust gezeigt werden. „Von dir haben wir großartige Bilder, wie du versuchst, nicht umzufallen“, sagt eine blonde Frau mit Cowboyhut zu einem Zuschauer. Jedes der Videos hat ein ganz eigenes Setting, ganz eigene Musik: Was Poppiges, was Indieges, was dazwischen: Auch, wenn die Videos vorerst nur grob geschnitten sind, dürfte Continuous Shot das schnellste

Stück auf dem Kaltstart sein, aber wohl auch eines der technisch aufwändigsten und konzeptuell innovativsten. In zwei Wochen sollen die Endversionen der Videos fertig sein – die Zuschauer können sie sich dann im Internet anschauen. Mundoze machen es noch einmal anders. Sie erklären gleich die ganze Schanze zu ihrer Bühne: Die zwei Frauen von der Pantomimenschule und ein Zirkuspädagoge mit Spitzbart laufen durch die Straßen, improvisieren sich stumm durch ihre Commedia-dell’Arte-Rollen und jeder, der guckt, ist Publikum. Es funktioniert: Passanten werden angespielt und freuen sich, kurz einmal lachen zu können, und wenn es Mundoze zu langweilig wird, dann setzen sie sich, und trinken einen Kaffee. Sie sind dabei das eine Extrem: Klassisches Straßentheater. Das andere Extrem ist My favourite Thing von Anna Zaorska, eigentlich auch das Gegenteil von OPEN AIR, eine Kiste näm- lich. Drin sind die Endsechziger, inklusive der Beatles von Schallplatte, Original-Tapete und einer Auswahl von Sex- ratgebern. Jeweils ein Zuschauer kann sich da in Kissen räkeln. Die Installation ist wohl das Entspannendste, was das Festival zu bieten hat. Das einzige, was an Annas Kiste open air ist, ist der Ventilator, den sie mitliefert. Und der wäre, wollte man jetzt ein Bild finden für das, was OPEN AIR eigentlich ist, die richtige Wahl: nicht das Theater, das in stickigen Kellern und Industrieruinen vor sich hin gärt, son- dern das mit frischer Luft. Damit man auch mal atmen kann.

dern das mit frischer Luft. Damit man auch mal atmen kann. Sturmzucker: Seeräuber und Jenny. Foto:

Sturmzucker: Seeräuber und Jenny. Foto: Sven Heine

Kleinanzeigenmarkt

KFZ Service
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Service
Kleinanzeigenmarkt KFZ Service Willkommen im KFZ-Kleinanzeigenmarkt. Haben Sie Interesse an einem Angebot, einfach

Willkommen im KFZ-Kleinanzeigenmarkt. Haben Sie Interesse an einem Angebot, einfach Chiffre-Code auf einen Briefumschlag schreiben und in unseren Postkasten im Zwischengeschoss des Haus III&70 einwerfen.

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Skrupellosigkeit
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abendländischer
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KFZ-1234
Gesellschaften. Treffe dich gerne auf Bühne. KFZ-1234 Ehemalige Einzelkämpferin (29/179/71) sucht Partner zur
Ehemalige Einzelkämpferin (29/179/71) sucht Partner zur Grün- Scharfe Nixe sucht heißen Rochen, dung eines
Ehemalige Einzelkämpferin
(29/179/71) sucht Partner zur Grün-
Scharfe Nixe sucht heißen Rochen,
dung eines sprühenden Regieduos.
der ihr den Kanister
füllt. KFZ-6666
Wer hat Simon Stephens verstanden
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natu-
ralistischen Theaters zusammen mit
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machung. KFZ-8876
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mit Kylie Minogue-Affinität
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it‘s all I wanna
do so won‘t you
dance I‘m standing here with
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Facebook-Accounts
Optimierung
why won‘t you move I‘ll get inside
your groove cuz I‘m on fire fire fire
inaktive oder an zur Bezahlung selten Ernte.
von
durch Farmville-Spiel.
fire) sucht Partner
für gemeinsame
Beteiligung
KFZ-1111
Choreos und Schweißband-Sharing.
KFZ-9675
fire) sucht Partner für gemeinsame Beteiligung KFZ-1111 Choreos und Schweißband-Sharing. KFZ-9675 Kaltstart
fire) sucht Partner für gemeinsame Beteiligung KFZ-1111 Choreos und Schweißband-Sharing. KFZ-9675 Kaltstart

KaltstartFarmville-Spiel. fire) sucht Partner für gemeinsame Beteiligung KFZ-1111 Choreos und Schweißband-Sharing. KFZ-9675

KFZ Kolumne: Affektierte The body in me is the Body on you Effekte III von
KFZ
Kolumne:
Affektierte
The body in me
is the Body on you
Effekte III
von Alexandra Müller
Der Körper im Theater ist ein vielbeschriebener
– auch hier, in unserem kleinen Heftchen. Ob semi-
otisch oder erigiert, emphatisch oder verschwitzt,
der Körper (body) ist im Theater immer anwesend.
Meist ist dieser Theaterbody bekleidet, es gibt Men-
schen, die einen Beruf daraus gemacht haben, ihn zu
bedecken, mal historisch-akkurat mal, vintage-ge-
stylt, mal klassisch-abstakt. Für eine Weile war es
allerdings gang und gäbe, den body ganz unbedeckt
zu lassen, für Performancekünstler wurde es gar
zur Initiationspflicht, sich einmal vor Publikum zu
entkleiden. Regisseure landauf, landab sahen sich in
der Pflicht, mindestes einen nackten Körper in ihren
Shakespeare, Tschechow oder Schiller zu packen. Al-
les so pur, alles so authentisch, alles so schockierend.
Diese Zeiten sind nun endgültig vorbei, die Freizügig-
keit ist weg, die Nackten sind verschwunden: Der body
wird bedeckt – und zwar mit einem Body.
Dieses 80er-Jahre-Utensil aus den Kleiderschränken
unserer Mütter, einige Jahre lang Inbegriff der Unse-
xiness, ist einem Paradigmenwechsel unterworfen.
Auch hier beim Festival schützen plötzlich panzer-
artige Bodys die ausgestellten Performerinnenkör-
per, kürzlich zum Beispiel bei „Ponydressing“. Ein
verzückter Kollege: „Sie hatte so eine Art schwarzes
Babydoll an, mit einem transparenten Spitzenröck-
chen. Ständig sah man ihren Body durchblitzen, der
war rot mit schwarzen Punkten.“ Und auch die Per-
formerinnen von AKRteatro verhüllten ihre revolutio-
nierenden Körper mit knallengen Bodys (einer davon
gar in der Würgfarbe „Haut“). Da rutscht nichts, da
verschiebt sich nichts und schon gar kein Schamhaar
findet seinen Weg nach draußen. Bloß nichts riskie-
ren, nur sanfte Hinweise auf die bodys darunter: Bei
einer AKRteatro-Performerin leuchtet zurückhaltend
und gerade darum umso auffälliger ein schwarzer
Tanga unter dem schwarzen Body. Das ist keine ent-
fesselte Sexualität mehr, kein aufbegehrender Körper.
Alles schön kontrolliert, von einer Schicht Polyester
gebändigt: Der eingeschnürte Body-body bildet die
vielbesprochene „Twilight“-Erotik ab, die nach außen
hin prüde, in Wirklichkeit aber umso teenage-geiler
ist. Die Nacktheit der bodys findet im Kopf des Zu-
schauers statt. Auch geil.

IMPRESSUM

Die Festivalzeitung KFZ zum KALTSTART HAMBURG 2010 wird herausgegeben vom Kaltstart e.V.

Redaktion: Khesrau Behroz, Jan Berning, Stephanie Drees, Clara Ehrenwerth, Jan Fischer, Alexandra Müller, Laura Naumann, Jan Oberländer (V.i.S.d.P.), Johannes Schneider.

Titelfoto: Sven Heine

Gestaltung: www.kirschcake.net.

Auflage: 500.

Redaktionsblog unter www.kaltstart-hamburg.de/blog. Schreibt uns unter kfz@kaltstart-hamburg.de. Face-to-face: Lokal, Max-Brauer-Allee 207, 22765 Hamburg

Mit freundlicher Unterstützung von:

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