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Widerspenstigkeit der Freiheit

Macht oder Machtbeziehungen sind Begriffe, deren Bedeutung nicht immer klar definiert zu sein scheinen. In „Analytik der Macht“ wird unter anderem beschrieben, wie Macht ausgeübt wird. BeimVersuch zu erläutern, worin die Besonderheit von Machtbeziehungen liegt, wird etwas interessantes angesprochen. Nämlich, dass Macht nur vorhanden sein kann, wenn es das Element der Freiheit gibt.Das klingt vielleicht ein wenig widersprüchlich. Auch ich finde diese Aussage Foucaults kurios. Damit soll nicht gesagt sein, dass diese Aussage keinen Sinn ergäbe. Vielmehr, dass sie impliziert, dass das Individuum sich dieser Vorgänge mehr oder weniger bewusst ist. Das ist auch die Frage. Inwiefern beeinflusst das Bewusstsein, also das Wissen darüber, dass der Einzelne sich in einer Machtbeziehung befindet, dessen Verhalten, also dessen Handeln. Denn Macht wird als ein auf Handeln ausgerichtetes Handeln verstanden (vgl. Analytik der Macht S. 256).

„Diese Machtform verwandelt die Individuen in Subjekte. Das Wort „Subjekt“ hat zwei Bedeutungen: Es bezeichnet das Subjekt, das der Herrschaft eines anderen unterworfen ist und in seiner Abhängigkeit steht; und es bezeichnet das Subjekt, das durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden ist.“ 1

Machtbeziehungen sind zwischen „freien Subjekten“(vgl. Analytik der Macht S. 257). Dieses Subjekt lebt in den meisten Fällen in einer Gesellschaft. Mithin befindet sie sich immer in einer Machtbeziehung. Das Einwirken auf das Handeln anderer kann durch verschiedene Mittel bewerkstelligt werden. Durch das System der Differenzierung, wobei sprachliche oder kulturelle Unterschiede festgelegt und gefestigt werden (vgl. Analytik der Macht S. 259). Hierbei handelt es sich um ein kollektives Einwirken.

„In Gesellschaft leben bedeutet: Es ist stets möglich, dass die einen auf das Handeln anderer einwirken.“ ²

Wenn das der Fall ist, dann heißt das auch, dass das Subjekt sich immer in einem Freiheitskampf befindet.

„Machtbeziehung und Widerspenstigkeit der Freiheit lassen sich […] nicht voneinander trennen.“ ³

1,2,3 Foucault, Michel (2005): »Das Subjekt und die Macht«, in. ders., Analytik der Macht, Frankfurt/M: Suhrkamp, S. 245, 257, 258

Wodurch drückt sich dieser aus? Zum einen kann sie sich zeigen durch offensichtliches Abwenden von den Normen der Gesellschaft durch unterschiedliche Kleidung oder Haare. Sie kann sich aber auch durch Verhalten zeigen. In der Regel hat man gelernt in welchen Situation welche Handlungsweise angebracht ist und welche nicht. Widersetzen kann man sich durch die Nichteinhaltung dieser „Regeln“. Doch ist dies nicht der Einfluss des einen über den anderen? Das heißt sind diese widerspenstigen Handlungen nicht Ausdruck der Einwirkung des Handels des einen über den anderen? Das könnte durchaus ein Ziel des einen über den anderen sein. Solche widerspenstigen Subjekte hervorzubringen, um sich dann auf das System der Differenzierung zu berufen und dadurch die Macht oder die Machtbeziehung zu verstärken sucht, indem die Menschen dadurch vereinigt werden zum Kollektiv, das eine gemeinsame Identität besitzt. Das passt aber nicht ganz. Wenn nämlich das Element der Freiheit in einer Machtbeziehung vorhanden ist und somit ein Bewusstsein der Subjekte darüber impliziert, dann fällt es schwer zu glauben, dass der beschriebene Fall zutreffen kann. Doch womöglich liegt das daran, dass die meisten Menschen sich dieser Freiheit nur bedingt bewusst sind, wohingegen die wenigen völlig. Mit der Zeit hat es sich so entwickelt, dass sich in den Machtbeziehungen dies als nützlich erwiesen hat, sodass es mittlerweile ein fester Bestandteil dieser ist überall dort, wo es um Machtbeziehungen zwischen vielen Menschen geht. Ursprünglich kann sich diese Machtbeziehung aus einer Gewaltbeziehung entwickelt haben.

In dieser Gewaltbeziehung gab es dann welche die sich widersetzt haben und somit haben die anderen ein kollektiv gebildet, weil sie gesehen haben, was geschieht, wenn man sich widersetzt. Dadurch haben sie vergessen, also sind unbewusst geworden, dass sie eigentlich in einer Machtbeziehung sind. Anfänglich wurde der Widerspenstigkeit mit Gewalt entgegnet, aber mit der Zeit hat sich gezeigt, dass das nicht mehr nötig ist, sondern hilfreich diese Individuen in Ruhe zulassen, weil sie zu hilfreichen Mitspielern beim Erhalt der Macht geworden sind.

Dennoch besteht die Frage danach, ob die widerspenstigen Individuen tatsächlich bewusst oder unbewusst dieser vorhandenen Freiheit sind und deshalb so handeln. Betrachtet man diesen Widerspenstigen, so könnte man denken, er handle wie ein Jugendlicher, der sich gegen die Autorität sträubt. Der Widerstand besteht aber nicht nur gegen die Autorität (vgl. Analytik der Macht S. 244). Aber das scheint nicht richtig zu sein. Diese Individuen würden, wenn sie sich der Beeinflussung, der sie zum Opfer gefallen sind, bewusst wären, nicht so handeln, weil sie dann wüssten, dass sie

genau dem helfen, wogegen sie eigentlich versuchen sich zu sträuben. Zur gleichen Zeit wollen sie

aber auch nicht Teil des Kollektivs sein und sich unterordnen. Es ist ein Dilemma. Wie kann man diesem Dilemma entrinnen? Diese Frage impliziert natürlich, dass Hoffnung besteht, man könne ihr entrinnen. Es könnte sein, dass sich dieses Dilemma gar nicht stellt.

Denn die Frage nach dem Bewusstsein ist die Entscheidende. Ich schreibe diesen Text mit dem Bewusstsein über diese Fragen und Problemstellungen. Zugleich scheine ich ein „freies Subjekt“ zu sein, dass ebenfalls in einer Gesellschaft lebt. Damit erfülle ich die Bedingungen, um als ein Subjekt zu gelten, das entweder in die eine Kategorie gehört, nämlich die des Subjekts, das kein oder nur wenig Interesse daran hat sich zu widersetzen, oder zu der Kategorie, die sich in der Tat zu widersetzen versucht. Doch auch hier ist es schwierig zu entscheiden in welche Kategorie ich gehöre. Gleichzeitig bin ich ein Individuum, das sich mit diesem Thema beschäftigt und darüber nachdenkt, aber zugleich sind bei mir keine äußerlichen Dinge feststellbar, die Ausdruck dieser Widerspenstigkeit sein könnten. Das kann man vielleicht als eine nicht so offensichtliche Art des Widerstands betrachten. Demnach bedeutet das, dass Widerstand nicht nur äußerlich durch die Weise, wie man auszusehen versucht, sondern auch innerlich durch die Gedanken, die man hat.

Also könnte das Individuum, das in dem Dilemma steckt, sich aus diesem befreien, indem es von einem externen zu einem internen Widerstand wechselt. Dadurch eröffnet sich dem Individuum die Möglichkeit des Widerstands zumindest geistlich Widerstand zu leisten und dadurch mehr oder weniger frei zu sein und gleichzeitig der Macht, die es wahrscheinlich nicht unterstützen will, zumindest nicht im gleichen Maße unterstützt.

Dadurch ist das Individuum nur noch durch äußere Bedingungen gezwungen die Machtbeziehungen zu unterstützen. Das heißt natürlich, dass sich die Widerspenstigkeit der Freiheit nicht bei allen Menschen zeigt. Heißt das auch, dass sie nicht bei allen vorhanden ist? Die zuvor geäußerten Gedanken lassen das vermuten. Doch ist die Widerspenstigkeit wirklich bei allen Menschen vorhanden oder trifft dieses Argument nur auf einige Menschen zu? Denn gibt es nicht auch Menschen, die völlig zufrieden mit ihrer derzeitige Lage, in der sie sich befinden, sind? Diesen Menschen ist womöglich nicht klar, dass sie sich in Machtbeziehungen befinden. In Lawrence Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung gibt es Stufenmodell nach dem sich

Menschen in unterschiedliche Kategorien einteilen lassen je nach Entwicklungsstand des Einzelnen. In diesem Modell gibt es eine Phase, in der die Menschen auf einer Stufe sind, wo sie die auf der

sogenannten konventionellen Stufe sind. Auf dieser orientieren sich Menschen allgemein betrachte am Verhalten der Gesellschaft. Das lässt vermuten, dass zumindest die Menschen, die sich auf dieses oder den unteren Stufen befinden sich der Freiheit nicht bewusst sind und somit nicht widerspenstig auf bewusster Ebene handeln können. Vielleicht tun sie aber doch und diese Menschen sind sich dessen nicht unbedingt in dem Sinne bewusst, dass der Einzelne weiß, was es ist, dass ihn zum handeln antreibt oder dazu bewegt sich widerspenstig zu verhalten. Aber ich glaube, dass vielen Menschen eine dunkles Empfinden vorliegt, dass sie zwar nicht dazu befähigt genau zu sagen, was es ist, dass sie antreibt, aber dennoch etwas, dessen sie bewusst sind, wie ein Traum an den man sich nicht mehr erinnert, aber einem trotzdem das Gefühl gibt von ihm beeinflusst zu sein. Andernfalls würde es diese Menschen in eine Position der Gewaltbeziehung bringen, dessen sie sich nicht einmal im Klaren sind. Wie bereits erwähnt lassen sich Machtbeziehungen und Widerspenstigkeit nicht voneinander trennen (vgl. Analytik der Macht S. 257). Will Michel Foucault demnach sagen, dass es nicht sein kann, dass Menschen sich der Machtbeziehung nicht bewusst sein können?

„Wo die Bedingungen des Handelns vollständig determiniert sind, kann es keine Machtbeziehung geben. […] sie ist es nur dann, wenn [der Einzelne] sich bewegen und letztlich auch entfliehen kann“ 4

Ihr entfliehen zu können heißt sich ihr bewusst sein. Vielleicht meinte Michel Foucault mit dem Entfliehen, dass der Mensch letztlich frei im Denken ist und dadurch widerspenstig. Denn wenn man es mit einem Subjekt zu tun hat, dann heißt das, dass man immer mit einem denkenden Wesen zu tun hat und als denkendes Wesen ist der Mensch vielleicht immer frei. Ich wage das zu bezweifeln. Wenn man die Natur des Menschen mit in Betracht zieht und die Gruppenpsychologie, dann erkennt man, dass Menschen oft nicht aus Überzeugung, sondern aus nur aus Gehorsamkeit oder nicht aufzufallen. Letztlich ist dies auf Grund sozialer Konditionierung. Der Mensch wird darauf konditioniert bestimmte Verhaltensweisen zu zeigen und andere zu unterlassen.

Aber letztlich kann man auch als nicht komplett freies Wesen dazu in der Lage sein Gedanken zu entwickeln, die sowohl einem selbst als auch anderen dabei helfen kann ein gewisses Maß an Freiheit zu gewinnen und entfliehen. Vielleicht meinte Michel Foucault dies.

4 Foucault, Michel (2005): »Das Subjekt und die Macht«, in. ders., Analytik der Macht, Frankfurt/M: Suhrkamp, S. 257

Im Laufe dieser Argumentation über die Widerspenstigkeit der Freiheit in Machtbeziehungen hat sich herausgestellt, dass es nicht ganz leicht ist, etwas derartiges zu diskutieren mit der Einbeziehung des Bewusstseins eines Menschen. Aber festgestellt habe ich, dass es nicht äußerlicher Dinge braucht, um sich in einer Machtbeziehung zu widersetzen. Dazu gehört auch, wenn nicht ausschließlich das Denken.

Ungeklärt ist immer noch inwiefern Menschen tatsächlich frei sind, auch wenn es eine Vermutung zum Schluss geäußert wurde.