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Ka l t s t a r t #4

K FlzZeitung
1.Jahrgang
2010

F e st i v a Mo 19. - Di 20
. Juli

Da g e h t wtaesn der Redaktion


is
Die Top-5-L

wa s
Da e n t st e hRtT durchbricht
A
Das K ALTST d
an
die Vier te W

as
Da sc h l ä f t „wHotel Pacific“
im
Ein Besuch
Editorial
Liebe Theaterfreunde, liebe Festivalgäste, liebe Laufkundschaft!

Eine Woche Festival ist rum — und was wir schon alles gesehen haben! Nicht nur einen gescheiterten Volks-
entscheid mit Public Viewing im Haus II&70, sondern auch dichtende Isländer, wütende Griechen und bittersü-
ße Österreicher (Kritiken S. 8-11).

Gegen so viele Eindrücke kann selbst die KFZ-Redaktion sich nicht wehren und zieht Bilanz: Unsere Top-5-
Festivalcharts, vom coolsten Kostüm über die nachhaltigste Publikumsreaktion bis zu den heißesten KALT-
START-Cuties (S. 14). Außerdem haben wir Publikum und Machern ins Gesicht geschaut und die ausdrucks-
stärksten Mimenminen gesammelt (S. 15). Wau!

Und jetzt? Jeder weiß: Nach dem Bergfest ist vor der Abschlussparty — aber bevor es soweit ist, gibt es noch
eine Woche lang so einiges mehr zu sehen und zu erleben (Vorschau S. 4-5). Und da im Theater jetzt auch
immer häufiger Getränke ausgeschenkt werden (siehe S. 3), kann man schon während der Vorstellung für die
After-Show-Party vorglühen.

Wir wünschen sehr viel Spaß dabei! Fahren Sie vorsichtig!

Die Red.

Diskurs z
ur H an d # 4
Jede Ausg
abe gibt e
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aus d e m iskurs
Heft zum
für Zuhau Nachspie
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Disco.

02 / 03
Pro bi er ’s m a l m it U n g em ü tl ich k ei t!
Das wissen auch
Wände werden überschätzt.
im KALTSTART-Festival -
die jungen Theatermacher be
. wo es nur geht.
und reißen die Vierte Wand ein
von Khesrau Behroz

In den eigenen vier Wänden ist es am gemütlichsten. Das gilt um zu verfremden, um dem Publikum die Illusion zu nehmen
auch im Theater. Die Figuren haben sich um das, was außer- und ihnen, laut Brecht, die Chance zu geben, ein Spiel kritisch
halb der Bühne vor sich geht, nicht zu kümmern. Der Schau- zu betrachten, auf den Inhalt zu schauen, zum Stück eine
spieler ist sich zwar der Tatsache bewusst, dass ein Publikum Distanz aufzubauen. Die Vierte Wand ist eine sensible Wand,
zuschaut - seine Figur jedoch nicht. Für den Zuschauer ist es eine, die auch bei kleinsten Windstößen umfällt.
so, als würde er durch eine transparente Wand sehen. Wird Wir sitzen doch alle im selben Boot
sie entfernt, diese “Vierte Wand”, dann ist Schluss mit der Theater hat sich gewandelt seit Stanislawski, seinem Mos-
Trennung zwischen Bühne und Welt, zwischen Schauspie- kauer Künstlertheater und dem Naturalismus. Nicht nur der
lern und Publikum. Bertolt Brechts Verfremdungseffekt ist Schauspieler ist sich - wie damals - bewusst, dass Publikum
der wohl am leichtesten zu produzierende Spezialeffekt, den anwesend ist - immer öfter wissen es auch die Figuren selbst.
das Theater zu bieten hat. Es muss nichts explodieren, keine Die Menschen werden nicht mehr allein gelassen mit dem
Rauchmaschine angeschmissen werden, Theaterblut wird Blick auf die Guckkastenbühne und den Schauspielern darauf,
nicht gebraucht. Ein Blickkontakt mit dem Zuschauer reicht die so tun, als befänden sie sich in einem realen Raum. Nein,
aus, die Vierte Wand fällt, die Bühne öffnet sich, und damit das Theater nähert sich dem Publikum an, kommentiert das
auch der Zuschauerraum. Geschehen, interagiert und kommuniziert mit den Menschen,
Ein Tässchen Tee gefällig? bezieht sie in die Dialoge ein.
Vielleicht, weil dieser Effekt so einfach zu erreichen ist, wird Das ist vor allem beim Nachwuchstheater der Fall, das sich
er auch so häufig genutzt – auch auf dem KALTSTART. Es gibt bei den Möglichkeiten, die das Theater ihnen bietet, üppig
unzählige Produktionen, in denen mehr oder weniger sinnvoll bedient. Das KALTSTART gibt jungen Theatermachern diese
die Vierte Wand nicht nur durchbrochen, sondern gerade- Möglichkeit. Das sieht man schon an den Spielstätten. Sie
zu zerstört wird. Die Performance “das beste dass sich an unterscheiden sich von Staatstheatern und Schauspielhäu-
diesem festival anmeldet (wirklich)” lässt die Zuschauer zu sern, sind kleiner und intimer. Da werden Konventionen
Beginn ihre Lieblingszutaten einer Pizza aufzählen - bevor gebrochen, wird geraucht und getrunken, da gehen Leute ein
diese dann tatsächlich bestellt und von einem verdutzen Lie- und aus. Gleichzeitig wird durch die Verfremdung aber nicht
feranten direkt auf die Bühne gebracht wird. In “India Simu- nur Distanz geschaffen, sondern auch eine Intimität erzeugt:
lator”, einem Kammerspiel aus Kassel über interkulturelle Schauspieler und Publikum sitzen im selben Boot.
Differenzen, setzt sich die Hauptdarstellerin in die Mitte der Vielleicht gibt es überhaupt keine Vierte Wand mehr, die man
Bühne und hält eine Kurzpräsentation, während ihr Kollege einreißen könnte. Das Theater ist nicht nur ein Ort der Re-
indischen Chai-Tee an alle Zuschauenden verteilt. Es wird zeption, sondern auch einer der (wenn auch vermeintlichen)
gemütlich im Saal, es bringt Bewegung in die Zuschauerrän- Kommunikation geworden. Das Anblicken der Zuschauer, die
ge. Der Effekt funktioniert aber auch weniger offensichtlich: Interaktion, die Berührung, das alles sorgt für eine Nähe,
In der Inszenierung von Büchners “Woyzeck” wird mit dem die man weder im Kino noch im Fernsehen spüren könnte.
Zuschauer geflirtet, lasziv in eine Orange gebissen, der Blick- Vielleicht reicht das als Alleinstellungsmerkmal für das Thea-
kontakt gesucht. In “keep on searching for a heart of gold”, ter völlig aus, das sich in einer Medienumgebung behaupten
einem experimentellen Stück, das im Grunde genommen nach muss, die mit 3-D und virtueller Realität aufwartet. Dort
einem Stück sucht, erzählen die Protagonistinnen locker-flo- „Industrial Light & Magic“, hier Bertolt Brecht. Die Effekte
ckig von ihrer Produktion und worauf sie bei der Recherche sind nicht überall gut, manchmal sind sie auch nur Gimmicks,
so alles gestoßen sind - betont lässig, betont kommunikativ. manchmal werden sie ungemütlich – immer aber sind sie eine
Viele andere Inszenierungen haben Essen und Getränke Einladung des Theaters an sein Publikum, die eigenen vier
verteilt – oder ließen zumindest ihre Schauspieler kurz in die Wände auch mal zu verlassen.
Augen der Zuschauer blicken und diese wahrnehmen – genug,

Kaltstart
Termine KFZ
Vorschau Aus’m Osten wasNeues
Montag 19. Juli 2010 (Schanzenstraße/Kleiner Schäfer-

16 - 21 Uhr // My favourite thing kamp) // Open Air Special Das PRAG SPEZIAL gibt einen Einblick
// Anna Zaorska // LOKAL // Open 20 Uhr // Sitz ich, die man nicht in die alternative Theaterszene
Air Special rief, die Siebte! // Irina Vikulina Tschechiens
18 Uhr / 19 Uhr // Les Eck Flash // // monsun theater Werkstattraum
von Alexandra Müller
Les Eck Flash // Schulterblatt 58 // // Fringe
Ein Strauß Rosen, Bücher, aufgestellt in Domino-
Open Air Special 20 Uhr // Werther in New York //
Reihen, hinten eine Leinwand. Am Bühnenrand
18 Uhr // Sturmzucker // Marla cinéma des étoiles // 13ter Stock
stehen ein Mann im Anzug, ein weiterer Mann in
Weedermann, Broder Zimmermann (Bar Rossi) // Fringe
einem undefinierbar ausgebeulten Ganzkörper-
// Neuer Kamp 30 (Vorplatz Knust) 20 Uhr // Jim Jones liebt Nelly
gummianzug und eine Frau in kurzem weißen
// Open Air Special Diener // Slackers // Foolsgarden
Kleid. Plötzlich hat der Anzugmann ein paniertes
18 Uhr // Weißt du, wer Mister Pink Theater e.V. // Fringe
Schnitzel in der Hand, das er an den Gummimann
kennt? // Mr. Pink // Haus III&70 20 Uhr // Liebesgeschichte // Max
weiterreicht, der es der Frau gibt. Sie umfasst es
Anbau // Fringe Reinhardt Seminar Wien // Haus
sanft, führt es an ihre Wange und streichelt sich.
18 Uhr / 20 Uhr // You Make Me III&70 Saal // Kaltstart Pro
Zu sehen sind Handa Gote, ein tschechisches
Want To Loose You // Antje Hilde- 21 Uhr // Emily // Handa Gote //
Kollektiv, das ab heute beim PRAG SPEZIAL zu
brandt // Eingang Schanzenpark Theaterakademie Zeisehallen //
sehen sein wird. „Das osteuropäische Theater ist
(Schanzenstraße/Kleiner Schäfer- Prag Spezial
in weiten Teilen sehr traditionell, sehr textori-
kamp) // Open Air Special 22 Uhr // Das Hotel // Theater
entiert. Ich habe nach der freien Szene gesucht,
20 Uhr // Bunbury - Ernst ist das K Aachen // Haus III&70 Club //
nach experimentellen, alternativen Formen“, sagt
Leben // Theaterdiscounter (Berlin) Kaltstart Pro
Andrea Tietz, die das Spezial kuratiert. Eingela-
// Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro
Mittwoch 21. Juli 2010 den ist neben Handa Gote auch ein Projekt der
20 Uhr // Werther in New York //
MeetFactory, einem interkulturellen, interdiszi-
cinéma des étoiles // 13ter Stock 16 - 21 Uhr // My favourite thing
plinären Kulturzentrum in Prag. „Die MeetFactory
(Bar Rossi) // Fringe // Anna Zaorska // LOKAL // Open
ist wie Kampnagel vor 20 Jahren. Einmalig in der
20 Uhr // Land ohne Worte / Zeme Air Special
Tschechischen Republik, zu deren Programm gibt
beze slov // MeetFactory Prag // 17 Uhr / 20 Uhr // Pissoirs //
es dort nichts Vergleichbares“, sagt Tietz.
Theaterakademie Zeisehallen // Schaufenstheater // Balkon (Susan-
Aus diesem Programm ist „Land ohne Worte“. Es
Prag Spezial nenstraße/Bartelsstraße) // Open
basiert auf einem Text von Dea Loher, in dem sie
22 Uhr // Firestarter – Prozess Air Special
eine Afghanistanreise verarbeitet: Eine Male-
wider die Brandstifter // Ballhaus 18 Uhr / 20 Uhr // Die Zofen // Lena
rin hat Krieg, Gewalt und Armut erlebt – und
Ost (Berlin) // Terrace Hill // Kalt- Schumacher, Franziska Boblenz //
stellt infrage, ob ihre Kunst überhaupt noch Sinn
start Pro Neuer Kamp 30 (Vorplatz Knust) //
haben kann. Das Stück ist von einem Deutschen
22 Uhr // Noise // Handa Gote // Open Air Special
inszeniert, die Hauptrolle spielt einer der Stars
Theaterakademie Zeisehallen // 18 Uhr // Weißt du, wer Mister Pink
des tschechischen Films und Theaters, Ivana
Prag Spezial kennt? // Mr. Pink // Haus III&70
Uhlířová. „Eigentlich ist es Sprechtheater, aber
22 Uhr // Paradies // Landestheater Anbau // Fringe
der Mix des Teams und wie sie das Stück ange-
Tübingen // Haus III&70 Club // 18 Uhr // Why I didn‘t become a
gangen haben, das fand ich spannend“, erläutert
Kaltstart Pro dancer – everyday you performed
Tietz ihre Auswahl.
for me // Evita Emersleben //
Dienstag 20. Juli 2010 Handa Gote sind der Gegenentwurf: Sie bewegen
Fußweg (Susannenstraße/Bartels-
sich irgendwo zwischen Tanztheater, Konzert,
16 - 21 Uhr // My favourite thing straße) // Open Air Special
Performance, Visual Art und Installation. Die
// Anna Zaorska // LOKAL // Open 19 Uhr // Warum das Kind in der
Gruppe kombiniert in ihren Shows High-Tech
Air Special Polenta kocht // Ballhaus Rixdorf
mit selbstgebastelten Instrumenten aus Schrott
17 Uhr / 20 Uhr // Pissoirs // (Berlin) // Haus III&70 Saal //
und Gefundenem „auf sehr tschechische Art und
Schaufenstheater // Balkon (Susan- Kaltstart Pro
Weise“. Daher auch der Name Handa Gote, japa-
nenstraße/Bartelsstraße) // Open 20 Uhr // Jim Jones liebt Nelly
nisch für „Lötkolben“. In einer ihrer Shows werfen
Air Special Diener // Slackers // Foolsgarden
sie Tonbandsalat in einen Mixer und streuen die
17 Uhr // You Make Me Want To Theater e.V. // Fringe
Stückchen dann im Kreis aus, während bizarre
Loose You // Antje Hildebrandt // 21 Uhr // Meer Rausch! // Lena
Klanglandschaften auf das Publikum eindrin-
Eingang Schanzenpark (Schanzen- Kußmann, Laura Jakschas // Bern-
gen. Hier sind sie nun mit „Noise“ und „Emily“ zu
straße/Kleiner Schäferkamp) // steinbar // Fringe
sehen.
Open Air Special 21 Uhr // Während sie // PACK //
Das Prag Spezial ist für KALTSTART ein kleiner
18 Uhr // Das Weiß und die sieben 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe
Blick über den Tellerrand des deutschen The-
Wege // Diasona // Waagenbau // 22 Uhr // Habe ich dir eigentlich
aters. Und gibt vielleicht auch eine Idee davon,
Fringe schon erzählt... // Theater Aachen
wo internationale Überschneidungen gefunden
18 Uhr // Koala Lumpur // Staats- // Haus III&70 Anbau // Kaltstart
werden können.
theater Innsbruck // Haus III&70 Pro
Anbau // Kaltstart Pro 22 Uhr // Nach Troja I // Theater Land ohne Worte Mo, 19.07. | 20:30 Uhr | Zeisehallen
19 Uhr // Les Eck Flash // Les Eck Bochum // Waagenbau // Kaltstart Noise Mo, 19.07. | 22 Uhr | Zeisehallen
Flash // Eingang Schanzenpark Pro Emily Di, 20.07. | 21 Uhr | Zeisehallen

04 / 05
Drei Tage wach „Jim Jones liebt Nelly Diener“
Das Max-Reinhardt-Seminar
Jim Jones: *1931, Gründer der Sekte People’s
zeigt eine „Liebesgeschichte“ Temple. organisierte 1978 ein Massenselbst-
von Clara Ehrenwerth mordevent, bei dem mindestens 900 Menschen
Die „Liebesgeschichte“ des österreichischen starben, darunter 270 Kinder.
Schriftstellers Franzobel feiert einen drei- Nelly Diener: *1912, die erste Flugbegleiterin
tägigen Liebesexorzismus mit österreichty-
Europas. Der Beruf war ihr größter Traum. Bei
ihrem 79. Flug stürzte sie ab.
pischem skurrilen Humor und „katholischer
Opulenz und Ausschweifung“, so Regisseur
von Laura Naumann
Sarantos Zervoulakos, frischer Reinhardt-
Mit Jim Jones liebt Nelly Diener zeigen die drei jungen
Seminar-Absolvent. Ihn faszinierte beson-
Männer von Slackers einen Abend über das Alle-Mög-
ders die hochmusikalische Sprache der
lichkeiten-Haben und Die-richtigen-Entscheidungen-
Vorlage, die er als Auftragswerk für das
Treffen. Slacker: Person, die durch geringe Leitung
Wiener „Zorn!“-Festival bearbeitete. Ein
und mangelnde Anpassungsfähigkeit negativ auffällt.
sprachlich-formaler Zugriff auf eine rasante
Timo Kocielnik, Luke Malchow und Max Mehlhose-
Story? Immer her damit!
Löffler verhandeln in ihrer Inszenierung die Themen
und Fragen junger Männer. Wofür soll man sich ent-
scheiden? Wie macht man es richtig? Wie macht man es
schön? Szenen aus eigenen und fremden Geschichten
fügen sich bei jeder Aufführung verschieden zusam-
men, enden wird es in der Zivilisierung der Figuren.
Man muss etwas finden, was man will. Oder nicht? Im
Titel werden zwei Personen genannt, die etwas so sehr
wollten, dass sie dafür, der eine aktiv, die andere eher
passiv, in den Tod gegangen sind.

Dienstag, 20.07 / 20:30 Uhr / Haus III&70, Saal Di und Mi, 20. und 21.07. | 20.30 Uhr | Foolsgarden

KFZ
Vorschau
Gut verdrängt ist halb gewonnen
Das Staatstheater Innsbruck inszeniert
David Lindemanns 9/11-Groteske
„Koala Lumpur“

von Alexandra Müller


Ende 2001 schreibt ein Soziologiestudent ein Stück,
das nicht von 9/11 handelt. Sondern vom Nicht-se-
hen-Wollen. „Mich interessiert, wie Menschen sich
abschotten, um ihre Identität zu behaupten – und
Traum vom stählernen Haar
wie das Außen doch immer Einlass findet”, sagt Zirkuskuppel als Parallelwelt:
David Lindemann, der 2002 den Dramatiker-Nach- „Warum das Kind in der Polenta kocht“
wuchspreis beim Theatertreffen gewann. „Koala
von Stephanie Drees
Lumpur“ nennt Start-Upperin Frau Schmidt den „Meine Mutter ist die Frau mit den Haaren aus
Ort, an dem bis 2004 noch das höchste Gebäude der Stahl – sie lebt in Ohnmacht“ – in Aglaja Veteranyis
Welt stand: Kuala Lumpur (heute: Dubai). Da fahren Roman geht es um das Werden in zwei Welten: Das
sie und ihr Praktikant Max allerdings nicht hin, die Zirkuszelt wird zum Sehnsuchtsort für ein Mäd-
beiden zelten in New York, sechs Tage nach dem chen, dessen rumänische Artistenfamilie versucht,
Anschlag auf das World Trade Center. In diesem sich einen Platz im neuen Land zu erkämpfen. Die
Drama steckt jede Menge: absurder Humor, schrä- Sprache war es, die Regisseur Fabian Sattler am
ge Situationskomik, die Dekonstruktivisten und jede meisten an dem Stoff gereizt hat. Daher ist die
Menge Verdrängungsmechanismen. „Es ist kein junge Erzählerin die einzige, die in der Bühnenad-
Stück über den 11. September“, sagt Lindemann, aption von „Warum das Kind in der Polenta kocht“
„sondern darüber, wie sich ein solches Ereignis in sprechen kann. Ihre Welt wird physisch erfahrbar
die Sprache hineindrängt.“ Na dann: guten Flug! gemacht - von zwei Artisten, deren Körper als
Traumfänger in der Kuppel hängen. Manege frei!
Dienstag 20.07. | 18.00 Uhr | Haus III & 70
Mittwoch 21.07. | 19:30 | Haus III &70 | Saal

Kaltstart
Mischpult, Kabel und Magie KFZ
Interview

Ohne sie läuft nichts. Die KALTSTART-Techni- Clemens Reichle: Und wir haben dieses Jahr viel dazu ge-
ker Bernd Welte und Clemens Reichle bringen lernt. Nächstes Jahr wird es einfacher.
im Haus III&70 und im Terrace Hill über 40 Pro- KFZ: Stress bedeutet auch: Losfahren, fehlendes Equip-
duktionen auf die Bühne. Mit KFZ-Redakteur ment organisieren, rumtelefonieren. Wo kommt denn die
Jan Berning sprachen sie über Stress, Spaß Technik her, die ihr verwendet?
und die Zusammenarbeit mit den Künstlern Bernd Welte: Wir haben uns hier vorab ein externes Lager
eingerichtet, hauptsächlich bestehend aus Technik, die wir
uns von Bekannten geliehen haben, damit wir nicht schon
am Anfang das Budget aufbrauchen. Und es hat auch bisher
für jede Produktion gereicht.

KFZ: Als technische Leitung seid ihr auch für das Büh-
nenbild zuständig. Ist es nicht schwierig, hier auf engem
Raum den künstlerischen Ansprüchen aller Bühnenbildner
gerecht zu werden?

Bernd Welte: Die besten Sachen entstehen, wenn Techniker


und Bühnenbildner eng zusammen arbeiten, wenn da ein
gemeinsames Werkverständnis entsteht. Beim Sammeln
Techniker, die begeistern: Bernd Welt und Clemens Reichle
der Ideen darf die Technik noch keine Rolle spielen. Wenn
KFZ: Ihr betreut während des Festivals über 40 Produkti- es dann um die Realisierung geht, wird oft zu schnell das
onen als technische Leitung. Wie kriegt ihr das hin? Konzept infrage gestellt. Dabei ist es oft möglich, auch mit
kleinen technischen Mitteln etwas Großes zu machen, wenn
Bernd Welte: Wir hatten drei Wochen Vorlauf, in denen wir
der Techniker das Kunstverständnis hat, den Künstler mit
mit den Künstlern telefoniert haben: Was können wir hier im
dem, was er auf der Bühne haben möchte, respektiert und
Haus zur Verfügung stellen, was brauchen sie? Dann haben
zusammen mit ihm an einer Lösung arbeitet. Bis jetzt haben
wir dafür einen Mittelweg gefunden. Da das Festival finan-
wir immer eine Lösung gefunden.
ziell nicht übermäßig stark aufgestellt ist, muss mit dem
Clemens Reichle: Es wird selten vorab realisiert, dass die
Budget so gehausgehaltet werden, dass es dann für die 46
Räume hier keine Theaterräume sind, sondern eher klei-
Produktionen, die wir betreuen, auch reicht
ne Räume, eher Partylocations. Beispielsweise sollte eine
KFZ: Betreut ihr die Künstler auch während der Auffüh- österreichische Aufführung hier im Anbau stattfinden, die
rung? aber so unglücklich waren, dass sie dort ihr Konzept nicht
Clemens Reichle: Wenn sie das explizit wünschen, ja, aber umsetzen können, dass wir nochmal die Pläne durchge-
oft ist das nicht nötig, dann sind wir wieder bei einer anderen gangen sind und mit einer anderen Produktion gesprochen
Produktion. Wenn wir immer dabei sein wollten, bräuchten haben, die oben im Saal spielen. Es ist jetzt ein wenig mehr
wir mehr Leute. Aufwand für alle, aber wir haben es ermöglicht, dass beide
Bernd Welte: Das ist auch im Vorfeld von uns kommuniziert Aufführungen im Saal stattfinden können.
worden: Hey, wir sind hier zu zweit, wir versuchen, mög- KFZ: Könnt ihr euch selber neben eurer Arbeit Auffüh-
lichst viel zu organisieren und zur Verfügung zu stellen. Wir rungen anschauen?
haben auch bisher alle mit einem Lächeln verabschiedet,
Bernd Welte: Klar, wenn wir zwischendurch mal Zeit haben,
bisher haben alle Spaß gehabt. Und meistens haben die ja
schauen wir uns auch Aufführungen an. Wir haben ja beide
auch Regieassistenten dabei, mit denen wir dann die Technik
schon in mehreren Positionen am Theater gearbeitet und
mit einrichten: Wir erklären am Mischpult, auf welchem
können das dann auch besser nachvollziehen als der Tech-
Regler welche Stimmung liegt und die fahren dann das Licht
niker, den nur seine Kabel und Signalwege interessieren und
und die Toneinspielungen während der Aufführung selbstän-
weniger das, was man auf der Bühne zeigen will.
dig. Die kennen die Stücke besser als wir. Klar ist immer
einer von uns im Terrace Hill oder im Haus III&70 vor Ort,
aber wir müssen da nicht 90 Minuten Händchen halten.

KFZ: Und für euch selber: mehr Stress oder mehr Spaß?

Bernd Welte: Bisher war es mehr Stress, als wir uns das
vorgestellt haben, weil es noch nicht die Struktur hat, die
man sich wünschen würde. Aber wir sind aus Spaß am The-
ater mit dabei, wir fühlen uns im Theater zuhause. Deshalb
unterstützen wir das Projekt und tragen unseren Teil dazu
bei.

06 / 07
KFZ
Yeah, yeah, yeah – aber leise Reportage

Ein Besuch im Hotel Pacific, dem Rückzugsort der KALTSTART-Künstler

der „niedrigsten Preiskategorie“ untergebracht, wie van


Riesen es nennt. Toilette und Dusche sind auf dem Gang,
„Duschbad“, steht in goldener Schrift an der ersten Tür in
dem langen Hotelgang mit dem blauen Teppich. Ganz hinten
arbeiten noch die Putzfrauen, Zimmer 107, eines der Künst-
lerzimmer, ist aber schon fertig. Auf dem Kopfkissen liegt
Schokolade, das Fenster geht zur Straße, ein Waschbecken
an der Wand, darüber ein Alibert-Badschrank. „Das ist schon
nett“, sagt Onciou, „das mit dem Waschbecken am Fußende
vom Bett. Besser als das Seemannsheim, in das wir eine
Nacht ausweichen mussten.“
„Ich habe auch den Eindruck“, sagt van Riesen, „dass die
KALTSTART -Künstler dankbar sind. Auch wenn es nicht die
von Jan Fischer luxuriösesten Zimmer sind.“ „In einem Luxusschuppen“, sagt
Thomas van Riesen macht noch schnell die Klotür im Früh- Onciou, „wäre ich mir falsch vorgekommen, das hätte auch
stücksraum zu und holt sich einen Kaffee. Die Gäste sind gar nicht zum KALTSTART gepasst.“  Von dem Festival
ausgeflogen in die Stadt. Im Hotel Pacific wird aufgeräumt.
Van Riesens Händedruck ist so solide wie der 60er-Jahre-
Bau, sein Lächeln subtil verspielt wie der gelb-orange Ne-
onschriftzug, der in Richtung Schulterblatt blickt, auch etwas
hanseatisch, wie der Frühstücksraum: maritimes Messing,
braunes Holz, leicht abgeschabte Sitzbankgarnituren. Die
Fragen beantwortet der Hotelmanager mit Hamburch in der
Stimme. Und mit Understatement: Wenn er sagt, dass das
Pacific „schon immer mit Klubs in der Umgebung“ zusam-
mengearbeitet habe, sagt er nicht, dass einer davon der Star-
Club war, und die Beatles hier Stammgäste. Ob die Beat-
les vielleicht hier, an diesem Tisch...? So lange sei er noch
nicht hier, sagt der mittelalte van Riesen mit angedeutetem
Lächeln. Aber mit Künstlern hätten sie gute Erfahrungen ge-
macht. Auch mit denen vom KALTSTART-Festival: „Die sind
eher leger“, sagt er, „und ruhig.“ Sowieso ist das Pacific einer
dieser Orte, an denen man sich kaum traut, laut zu sprechen.
Möglich, dass es mit seiner Geschichte zu tun hat. Vielleicht
istes aber auch nur ein Ort, an dem man niemand anderen
stören will, auch, wenn gerade keiner da ist außer denen, die
Fotos: Jan Fischer
gerade noch das Frühstück serviert haben. Von den Beatles
hätte er nichts gewusst, sagt Christian Onciou, Regisseur von selbst, sagt van Riesen, bekomme man im Pacific gar nicht

„Die Nacht vor den Wäldern“. „Aber beruhigend zu wissen, soviel mit. Von den Künstlern selbst übrigens auch nicht. Und

dass solche Leute hier auch mal gewohnt haben, als sie noch die Zeiten, in denen jemand mal spontan einen Fernseher aus

nicht soviel Geld hatten.“ Die KALTSTART-Künstler sind in dem Fenster wirft, sind auch vorbei. Genau wie van Riesens
Zeit – er verabschiedet sich, gleich hat er noch einen Termin.
Im Frühstücksraum wird jetzt nicht mehr geputzt, und als
van Riesens gegangen ist, ist niemand mehr da: Das ganze
Pacific liegt ruhig, dort, wo sich die meisten KALTSTART-
Wege kreuzen: Zwischen dem Haus III&70, dem Knust, in
Steinwurfweite zum Terrace Hill. Das Festival selbst kommt
aber nicht her. Nur die Ruhe nach dem Applaus, die Stille,
wenn die Musik vorbei ist, die Konzentration vor dem Auftritt:
Das Pacific ist der Rückzugsort für die Künstler des Festi-
vals, die das Glück haben, dort untergebracht zu sein. Zum
Abschied winkt der Pförtner nochmal kurz, und die Türgriffe
sind tatsächlich kleine Schiffssteuerräder. Direkt dahinter,
auf der Straße, in der Stadt, wird’s schon wieder laut.

Kaltstart
Goldene Paarungszeit
unter dunklen Discokugeln
Verpassen und
Die zwei Performances dis-oriented
Verstehen
und Alte Sehnsucht beschäftigen sich Das großartige „Today I am willing to
mit dem merkwürdigen Verhalten ge- understand“ von Maria Isabel Hagen
schlechtsreifer Großstädter zeigt: Es lohnt sich, auf die kleinen,
unauffälligen Produktionen zu schauen
von Jan Fischer

Dunkle Discokugeln sind Spiegel, die nichts spiegeln. Weil von Alexandra Müller
das Licht aufs Publikum gerichtet ist und rhythmisch an- und Bei einem übervollen Festival gehört es dazu, Dinge zu
ausgeht. Worin sich das Licht aber spiegelt, das sind die gol- verpassen. Man muss Entscheidungen treffen. Leider heißt
denen Leggins der Performer: Das ist das – wie Barthes es das auch, dass Orte, die weiter draußen liegen und Perfor-
nannte – Punctum: Das, was sich im Hirn verankert. mances, die keinen großen Namen haben, leicht verschwin-
Man Rays Fotomontage „Marquise Cassati“ ist Grundlage für den. Eine dieser Performances, die großartig, aber schlecht
dis-orientend, aber um das Bild, das die Marquise verwackelt besucht war, hieß „Today I am willing to understand“ von
mit drei Augenpaaren zeigt, geht es eigentlich kaum: Es geht Maria Isabel Hagen. Sie erarbeitete ihr Projekt in Reykjavík,
um Liebesverwicklungen und Machtverhältnisse: Die Per- während eines Studienaustausches. Willing to understand
former wickeln sich in Mullbinden und tanzen - sich aus- und waren aber nur vier Menschen (inklusive der Schreibenden),
einwickelnd - unter den toten Discokugeln. Später spielen sie die Freitag um 18 Uhr im Foyer des Monsuntheaters saßen.
mit Beamern: Das Gesicht einer Performerin – Lisa Schwab Hagen begrüßt die Anwesenden, zwei Männer und zwei
– wird auf das Gesicht des anderen – Christopher Hahn Frauen, und erklärt, dass es ihr nichts ausmachen würde
- projiziert: Man Rays Bild live. Ein anderer cooler Effekt: Sie zu spielen, man könne aber auch zur zweiten Vorstellung
pusten sich gegenseitig computeranimierte Bälle von einer wiederkommen. Die Vier wollen bleiben und Hagen führt sie
Leinwand weg. Das Punctum von Alte Sehnsucht des Duos zur Bühne. Dort: ein Holztisch mit Stuhl, um ihn herum ein
Vieux | Maram ist auch golden: eine Jacke mit glänzenden Quadrat. Dessen Eckpunkte: ein Hocker, auf dem ein Apfel
Pailletten, und wäre Vieux dicker, könnte man sagen, sie sei steht, eine schwarze Box, oben offen und zwei vom Publikum
eine Art Discokugel. Ist sie aber nicht, das lässt sich gut sa- abgekehrten Stühlen, mit noch mehr Requisiten.
gen, weil die Jacke halb offen ist und sie nichts drunter trägt. Was Hagen in der folgenden halben Stunde auf Englisch und
Zwischen zwei Projektionen, einer Kamera und zwei Laptops mit schelmischem Blick erklärt, ist eine Vom-Hölzchen-
tanzen die beiden durch eine Menge medialer Ebenen, zu aufs-Stöckchen-Rede, die aber immer um einen Kernpunkt
spanisch-südamerikanischer Musik. Auch hier wieder: Die kreist: Woher wissen wir, was wir wissen?
Anziehung und Abstoßung des Liebesmagnetismus, es geht Sie kommt von der klischeehaft deutschen Disziplin zu
weniger um Machtverhältnisse, eher um Erwartungen. Der Goethes leerem Schreibtisch, von da aus auf Kants Idee vom
Tanz, die beschriftete Plastikfolie auf dem Boden, die Kame- „Ding an sich“. Von Kant kommt sie zu ihren liebsten Kar-
ra, die die beiden filmt und an die Wand wirft, das Video, das toffelchips (Ringe, die man auf seine Finger stecken kann)
nebenbei läuft – „Alte Sehnsucht“ produziert mit Bedeutung und schließlich zu ihren kindlichen Unverständnis, warum „1
aufgeladene Bilder am laufenden Band, und treibt dabei (wie Apfel + 1 Apfel = 2 Äpfel“, obwohl die Äpfel doch furchtbar un-
auch „dis-oriented“) einen riesigen technischen Aufwand. terschiedlich seien. Und sich auch gar nicht zusammen brin-
Beide Produktionen basteln einen Haufen gewaltiger Rätsel- gen lassen, wie sie demonstriert, indem sie zwei Äpfel hart
bilder zusammen, mehr, als sich erzählen oder entschlüs- aneinander schlägt. So geht es weiter mit Schrödingers Kat-
seln ließe. Die darunter liegenden Geschichten müssen das ze, die vielleicht in der schwarzen Kiste sein könnte (tot oder
tragen – aber sie tun es nicht. Die Performances weiden sich lebendig), so lange, bis alle Gewissheiten samt Apfel und
lieber an ihren Bildern. Und die sind wie die dunklen Disco- Katze in der Kiste verschwunden sind und Hagen mit einem
kugeln: Cool anzusehen. Nur spiegeln sie kaum etwas wider. geheimnisvoll freundlichen Lächeln die Bühne verlässt. Oft
haben Stücke Fragen in ihren Ankündigungen, die man in der
eigentlichen Show umsonst sucht. Hagen aber hinterfragt
wirklich, spielerisch, ihr entspannter Vortrag wirkt nicht wie
Theater, ist aber theatral im eigentlichen Sinne: Es entsteht
eine Interaktion, egal ob Hagen nun Stücke einer selbst
gebackenen Zahl Zwei austeilt oder ihren Zuschauern in die
Augen schaut, während sie öffentlich nachdenkt.
Schade, dass „Today I am willing to understand“ eine der
Performances war, die untergegangen sind. Es lohnt sich,
beim Kaltstart-Festival auf die kleinen, unauffälligen Pro-
duktionen zu schauen. Hier passiert mehr, als man denkt.
Verstanden?

Performative Verwicklung. Foto: Sven Heine

08 / 09
Scheitern und Erkennen
Eine Erschütterung: “Vom Schlachten des gemästeten Lamms
und vom Aufrüsten der Aufrechten” im Haus III&70

von Khesrau Behroz


gig ist. Muss er sich entscheiden, wählt er seine Unabhän-
“Jetzt ist es wohl zu Ende”, sagt eine Zuschauerin, kurz nach-
gigkeit, wählt die Schafe, die ihm genau das zusichern, setzt
dem der Saal im Haus III&70 dunkel wird und die Geschichte
sie sogar über seine eigene Frau, die infolge dieser Extreme
von Bjartur und John ihren Schluss findet. Während des ge-
stirbt und ein kleines Kind hinterlässt. Kurz: Stephan Stocks
samten Stücks kommentiert sie alles, als säße man an einem
Bjartur ist sein eigener, selbstherrlicher Herr – bis zur letz-
Lagerfeuer und erzählte sich Anekdoten, als würde man
ten Konsequenz.
verstaubte Fotoalben herauskramen und sie mit anderen
John Kaltenbrunner, Kleinbauer aus den Vereinigten Staaten,
teilen, als würde man einer Gesprächsrunde beiwohnen, als
ist Opfer seiner Umwelt, jemand, der nicht zusammenbricht,
wäre man im Kreise der Familie.
sondern zusammengebrochen wird, jemand, der den Na-
Tatsächlich ist dieses vertraute Verhalten dieser Zuschau-
turen ausgesetzt ist, den Stürmen, aber auch den Menschen.
erin insofern verstörend, als dass das Geschehen auf der
Am Ende sucht er dann den Aufstand, als Müllmann, als
Bühne in den letzten 70 Minuten eher entfremdet, schockiert
Anführer der Gescheiterten.
und erschüttert hat. Kristofer Gudmundsson und die beiden
Bjartur und John gehören zusammen auf die Bühne. Auch
Spieler Gesine Hohmann und Stephan Stock erzeugen ein
wenn sie jeweils anders scheitern: sie scheitern. Sie treffen
sich nicht, laufen entweder parallel nebeneinander oder
sprechen in dialogischen Monologen, während im Hinter-
grund die jeweils andere Figur ihren Pflichten nachgeht und
auf das Sprechen des Anderen scheinbar reagiert. Gesine
Hohmann spielt nicht nur John Kaltenbrunner, sondern zum
Beispiel auch die verschüchterte Rosa, Bjarturs Frau.
Und dann ist da noch die Stimme aus dem Off. Robert McKee
ist kein Gott, aber er spricht vom großen Plan, vom Storytel-
ling, erzählt, dass in Geschichten die Darsteller eine Ent-
wicklung durchmachen müssen, er erzählt von Wendungen
und von Klimax, das erinnert ein wenig an Aristoteles, nur
moderner und mit mehr Schimpfwörtern zwischendrin. Nur:
Wie erzählt man eine Geschichte, in der nichts passiert?
Bjartur und John sind Persönlichkeiten, die sich nicht entwi-
Gesine Hohmann als John Kaltenbrunner. Foto: Sven Heine
ckeln, zwei Kleinbauern, die irgendwann stehen geblieben
faszinierendes Bild mit ein paar Holzlatten, einem Diapro- sind, entweder in ihrer Sturköpfigkeit oder in ihrem Frust.
jektor, mit Nägeln und Bäuchen. Dabei bedienen sie sich McKee ist sowas wie der Antagonist der Geschichte und,
bei zwei Romanvorlagen: “Sein eigener Herr” von Halldór wenn man so will, auch ein Gescheiterter: Bei den Figuren
Laxness und dem titelgebenden “Monument für John Kal- stoßen seine Worte auf taube Ohren.
tenbrunner: Vom Schlachten des gemästeten Kalbs und vom Erschütternd an diesem großartig gespielten Stück ist dann
Aufrüsten der Aufrechten” von Tristan Egolf. Der erste ist ein wohl tatsächlich die Einsicht, dass sie nicht so viel anders
isländischer Literaturpreisträger, der andere ein amerika- sind als wir: Wir alle kennen Trotz, wir alle kennen Frust. Die
nischer Schriftsteller, der durch Suizid gestorben ist. Beide Emotionen sind uns bekannt, Stock und Hohmann schreien,
Geschichten verstören zuerst durch Grausamkeit, man kann dichten, fluchen sich durch das Stück mit großen Gesten und
sich solche Leben nicht vorstellen, die nur funktionieren starker Präsenz, nutzen die Holzlatten, um Dinge zu bauen,
müssen, die keinen Platz mehr haben für Abweichungen, die die dann wieder zusammenfallen, nichts hält, alles fällt zu-
sich aber andererseits auch nichts vormachen, der Sinnlo- sammen. Am Ende greift Bjartur wieder zum Holz. Die Bühne
sigkeit dessen bewusst sind, was diese Welt ihnen bietet und wird dunkel - wir müssen selbst weiterbauen.
genau darin ihr Glück finden, genau danach streben.
Bjartur, ein sturköpfiger Kleinbauer aus Island, der aus dem
Stegreif reimen kann, ein unverbesserlicher Despot über
das eigene kleine bisschen Land, ein grausamer Idealist, der
das wohl nicht einmal merkt, schätzt seine Schafe, nennt Das ist gut.
sie Goldflöckchen, nennt sie Silberblick. Rennen sie ihm mal
weg, holt er sie wieder zurück, trotzt allen Widrigkeiten, trotz
aller Widrigkeiten. Seine Frau Rosa hingegen heiratet er, weil
es eben irgendwann mal sein muss, wenn das Land einiger-
maßen läuft, wenn man auf eigenen Beinen steht, unabhän

.Foto: Jan Hufnagel

Kaltstart
Süßer Sterben mit den Erben
Klaus Gehres Inszenierung von Wolf Haas’ „Komm, süßer Tod“
ist eine modellhafte Bühnenoffenbarung

von Stephanie Drees

Die Nicole ist eine Schicke. Verführerisch wiegt sie im bunten stab. Zwischen all dem Rettungswagen, die durch die Sze-
Blümchenoverall den Oberkörper und schüttelt das toupierte nerie brettern, als setze Plastikleim die StVO außer Kraft.
Haar. Man müsste schon blind und taub zugleich sein, um Rund um den Tisch des Geschehens sind Monitore aufgebaut,
nicht zu erkennen, dass der Brenner die Nicole heiß findet. die mit Kamera-Close-Ups eine weitere Wahrnehmungse-
Doch vor allem dient sie ihm als heiße Informationsquelle. bene ins Spiel bringen. Es ist ein Zoom der besonderen Art.
Also versucht er, sie auf andere Weise rumzukriegen: Wäh- Die Zuschauer können zwischen der filmischen Illusion und
rend die Nicole ihre Plastikärmchen ordentlich nach hinten der theatralen Ebene hin und her switchen. Figuren wer-
verbiegt, löchert der Brenner sie zu einem Thema, bei dem er den durch Puppen symbolisiert, deren Kunsthaar auch mal
nur bedingt Spaß versteht: Es geht um Mord. Gleich zwei Mal. kahle Stellen von der Chemotherapie aufweist, während die
Eine Kunststoffleiche nach der anderen: „Jetzt ist schon Bäckchen munter weiter grinsen. Barbiepuppenbeine stehen
wieder was passiert“, steht angemessen programmatisch im für die klischierte Sexyness von Bürofegern, die das dre-
Programmheft von „Komm, süßer Tod“, der Bühnenadaption ckige Dutzend, das da vor sich hin mauschelt, verwirren und
des Kriminalromans von Wolf Haas. Die Vorlage ist der in manipulieren. Bis auch so eine mal dran glauben muss. Das
Milieu der Rettungsvereine hat so einige Leichen im Keller.
„Kreuzretter“ und „Rettungsbund“ versuchen sich gegensei-
tig die Omas von der Dialyse weg zu klauen. Im Wort „Ster-
ben“ stecken nicht umsonst auch die Erben. Ein durch und
durch hartes Geschäft.
Gehre verzichtet - wie die Vorlage - glücklicherweise gänz-
lich auf jegliche politische Korrektheit. So heißt Brenners
Kollege aufgrund seiner Afromatte Bimbo, seine Liebe zu
schweren Goldketten wird ihm zum Verhängnis. Der Bimbo
wird zum Bimbo, indem Alleinunterhalter, Puppenspieler und
Krankenwagenkamikazee Torben Kessler sich eine Minipli-
Perücke auf den Kopf setzt. Kessler ist auch Hansi, der mit
riesigen Glasbausteinen auf der Nase leicht sabbernd mit
Brenner Diabetes-Touren fährt. Oder auch die im Samthand-
schuh steckende Hand der alten Frau Rupprecht. Oder auch
Torben Kessler als Alle. Foto: Sven Heine
eine sprechende Brust, die auf den Monitoren zum Leben
Buchstaben gefasste Nationalstolz, genauso der Film, in dem erwacht. „Komm, süßer Tod“ arbeitet stark mit Typisie-
Josef Hader den durch und durch verkorkst-verwienerten rungen. Figuren werden zum Teil auf comichafte Züge herun-
Rettungssanitäter Brenner mimt. Der ehemalige Bulle und ter gebrochen, ab und an sprudelt der Trash in Form einer
Privatdetektiv ist für manche das Beste, was Österreich zu ejakulierenden Bierflasche. Genau das ist die große Qualität
bieten hat. Und es scheint, als punkte man dort mit Brenner des Ganzen: Klischees werden clever gebrochen, indem ihre
als erstem wahren Popfiguren-Exportschlager nach Romy Darstellungsform so unerwartet daherkommt, dass sich eine
Schneiders Sissi. kaleidoskopische Perspektive auf das Bühnengeschehen
Dabei ist „Komm, süßer Tod“ als grobes Handlungsgeflecht ergibt. Die Inszenierung ist weit mehr als das Nachspielen
gar nicht so aufregend. Es passiert zwar am laufenden eines Romans. Sie funktioniert als eine Art theatraler Gen-
Band etwas, doch die Ereignisse sind in ihrer Lakonie eher remix. Puppenspiel, Live-Making-Of und Film vereinen sich
Beiwerk. Hier eine Leiche, da ein Zungenkuss, noch ein aufs Witzigste. Selten war Sterben süßer.
Leiche, viele, viele mögliche Mörder und einige Karambo-
lagen. Der wahre Star des Buches wie des Films ist der
grantelnde Wortwitz, schillernd im dunkelsten Schwarz und
trocken wie Sandkörner, die nach einem Sturm zwischen
den Zähnen knirschen. Der Regisseur und Bühnenkünstler
Klaus Gehre hat die für die Inszenierung von „Komm, süßer
Tod“, die am Schauspiel Frankfurt entstanden ist, etwas sehr
Kluges getan: Er lässt der Sprache ihren heruntergekom-
menen Charme und kontrastiert sie mit einer Kulisse, die
im wahrsten Sinne spielerisch funktioniert. Modellbauern
müsste der Anblick Tränen der Verzückung in die Augen trei-
ben: Häuser und Straßenzüge auf Miniatureisenbahn-Maß
Regisseur Klaus Gehre an der Kamera. Foto: Ole Westermann

10 / 11
Unter der Wunde der Hass
Christopher Rüpings Inszenierung von „Philoktet – mein hass gehört mir“ in den
Zeisehallen hinterlässt einen tiefen Eindruck

von Jan Berning


Wer verwundet ist, der versucht die Wunde zu ignorieren, lügt.“ So wird Neoptolemos zum Spielball, zum Mittelpunkt
bis sie sich schließt, die Schmerzen nachlassen, das Blut der Bühne, mal von Odysseus’ Rüstung im Klammergriff ge-
gestillt ist. Eine Wunde aber, die immer wieder aufreißt und halten, mal vom chorisch gesprochenen Text Philoktets und
aufgerissen wird, lässt sich nicht leugnen, sie nimmt Raum seiner Wunde unter Druck gesetzt. Und während der ange-
ein, übt Einfluss aus, auf das Denken des Verwundeten und spannte Körper Neoptolemos’ von den Streitenden gezerrt,
manchmal auf sein Handeln. Philoktet hat sich eine solche hochgehoben und ruhig gestellt wird, wird er immer mehr
Verletzung auf dem Kriegszug gegen Troja zugezogen, durch zur Projektionsfläche, hinterlässt die Unausweichlichkeit des
den Biss einer Natter. Weil Odysseus und seine Gefährten Scheiterns an der Moral einen entgeisterten Ausdruck auf
den Gestank der Wunde nicht mehr aushalten, setzen sie seinem Gesicht, wie ihn der Pathos des Textes allein nicht
Philoktet, ihren besten, mit dem Bogen des Herakles aus- herstellen könnte.
gestatteten Schützen, auf der Insel Lemnos aus. Nach zehn Es ist ein ungemein intensives, körperliches, fast gewalt-
Jahren erfolglosen Kampfes gegen die Trojaner wird ihnen tätiges Spiel, das unter der Regie von Christopher Rüping
geweissagt, dass sie nur mit Philoktets Bogen die Schlacht entstanden ist. Mal umkreisen die Antagonisten Philoktet auf
gewinnen können. Also beschwört Odysseus Neoptolemos, der Bühne, mal stürzen sie sich über die Gips-Brocken hinab,
den Sohn Achills, mit ihm nach Lemnos zu reisen und dem mal zerreißt ein Schrei das gleichmäßige Stampfen des
Verwundeten den Bogen abzuschwatzen. Textes. Es stehen sich Figuren gegenüber, die keine Sprache
mehr teilen, die sperrigen Fragmente der Vorlage von Heiner
Müller sich gegenseitig in die Körper stoßen. Sie machen die
Dinge über ihr Spiel, über das Metrum des Textes emotional
erfahrbar, auch wenn nicht alle Codes und Bilder sich sofort
entschlüsseln lassen.
Am Ende bestimmt das Publikum: Odysseus muss sterben
Dieser mit großer Anstrengung gehaltenen Spannung – nach
einer halben Stunde sind die beigen Overalls der Schauspie-
ler komplett vom Schweiß durchtränkt – wird immer wieder
eine Ebene zwischengeschaltet, die das Geschehen reflek-
tiert, Raum lässt für Spielereien, etwa eine Art Liebesszene
zwischen den zweiten Ichs von Philoktet und Odysseus– „Und
dann fragst du mich, ob das eine Geschichte wird mit Anfang,
Aufgerissener Schorf. Foto: Jonathan Merz Mitte und Ende, mit ganz viel Liebe“ – um dann umso härter
in das Ringen um das Recht auf Hass und das Recht auf Le-
Die Insel in der Inszenierung in den Zeisehallen (uraufge- ben einzusteigen. Der entscheidende dieser Meta-Momente
führt wurde des Stück auf Kampnagel) besteht aus einer ist der, in dem Neoptolemos die Zuschauer bittet, ihm zu
Tribüne inmitten der Zuschauer. Philoktet (Benedikt Greiner) helfen: Je eine schwarze Murmel, die sie vor der Aufführung
ist einsam, aber er hat sich arrangiert, findet es geil, wie er erhalten haben, sollen sie entweder einem Säckchen mit
sagt. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn Philoktet der Aufschrift „Philoktet“ oder „Odysseus“ zuteilen. Eine
besteht aus zwei Personen und wird von seinem alter Ego, Waage wird hervorgeholt: Die Abstimmung rettet Philoktet
seiner Wunde (Natalia Rudziewicz), bedrängt. Er wird zu- das Leben, Odysseus und die Griechen müssen sterben. Die
und abgerichtet, auf die Worte des Textes, das gleichmäßig Zuschauer werden am tragischen Dilemma des Protago-
zehrende Metrum, von seinem anderen Ich, das sein Kinn nisten beteiligt, machen die Last des Gewissens Neoptole-
festhält, ihn in den Zorn seiner Rolle zwingt. Auch Odysse- mos’ zu ihrer Last und schreiben die Geschichte um: „Keiner
us (Isabell Geibeler) tritt zu zweit auf, wirft sich mit seiner kehrt zurück, keiner schießt auf Troja, keiner erfindet ein
personalisierten Rüstung (Jacob Leo Stark) auf die Insel, um hölzernes Pferd, Geschichten werden überschrieben, Helden
mit schweren Stiefeln die Gipsplatte zu zerstören, schreiend gelöscht, unsere Geschichte wird nichts werden“.
– „brutal, genial, egal, anal“ – den Schorf aufzureißen, das „Philoktet“, ist eine der Inszenierungen des Festivals, die
Land aufzutrampeln. in Erinnerung bleiben werden, weil sie es vermag, einen
Ein intesives, körperliches, fast gewalttätiges Spiel tragischen Bühnen-Konflikt zu unserem privaten Konflikt
Zwischen den beiden Helden steht Neoptolemos (Wiebke werden lassen, weil sie ein neues, intuitiv erfahrbares Bild
Mollenhauer), der die Griechen retten will, aber nicht den findet für eine alte Geschichte. Und weil sie diese Geschichte
Philoktet betrügen. „Zum Helfer bin ich hier, zum Lügner nicht nur erzählt, sondern den Zuschauern einschreibt, sie in
nicht“, gibt er Odysseus Bescheid. Der aber fordert unbe- diese Geschichte hinein zwingt.
dingten Gehorsam: „Doch braucht es einen Helfer hier, der

Kaltstart
KFZ
Kritik Die Phänomenologie
des Rammlers
Gute Böse Gestaltungsweise suchen Meister Lampe
im Konfetti: „Das kleine Hasenstück“
„Glaube Liebe Hoffnung“ – Die Landungs-
im Monsun-Theater
brücken Frankfurt machen’s dichotomisch
von Stephanie Dreest

von Clara Ehrenwerth Für was muss der Hase als Projektionsfl äche alles her-
halten: Ängste und Triebhaftigkeit,
Im Theater, ach: in der ganzen Kunst wird ja immer
Opferposition, aber auch Schnelligkeit und Fruchtbar-
gerne an den gesellschaftlichen Verhältnissen geschei-
keit.Hier beginnt alles recht harmlos: Eine junge Frau
tert. Da steht dann ein kleines Individuum in der Mitte
fährt auf Rollschuhen, im Hasenganzkörperkostüm, auf
und reckt die Faust des Gerechten in die immer dünner
die Bühne. Mitgebracht hat sie ihren Zauberkoffer, ein
werdende Luft, während ringsherum ein Tableau von
bisschen Glitzerpuder und eine traurige Geschichte:
aus den unterschiedlichsten Gründen unsympathischen
Fast wäre sie im Kochtopf gelandet. Da liegt der Hase
und moralisch falsch eingestellten Figuren die Schlinge
im Konfetti: Die Tragik des Clowns wird thematisiert,
immer enger zieht, bis das Individuum ganz von selbst
inklusive manischem Ausbruch und einem leicht schizo-
vom Schemel springt. Vom Tableau darf man dann noch
phrenen Rein-Raus wie beim Boulevardtheater.
ein paar zynische Bemerkungen erwarten, denn, ach:
Doch was scheinbar vorhersehbar beginnt, wird in einer
die Welt, sie ändert sich nie.
skurrilen, körperlich präsenten Revue (Spiel: Anjor-
Die Blütezeit dieses Sujets war – nicht weiter verwun-
ka Strechel) immer vertrackter. Texte von über die
derlich – die Weimarer Republik; dem Umstand, dass
Herrschaft, die Mehrheit und die Minderheit werden mit
dies zugleich eine Blütezeit der satirischen Überhöhung
erigiertem Gewehr und bösem Jägergesicht rezitiert.
und sprachlichen Noblesse war, ist es zu verdanken,
Hier geht es immer auch um das Existentielle. Und
dass sich Stücke wie Ödön von Horváths „Glaube Liebe
das Existentielle, das ist nun mal von Grund auf etwas
Hoffnung“ noch immer großer Beliebtheit erfreuen.
Menschliches, denn auch wenn dieser Hase mindestens
Hier ist es wie anderswo: Auf der einen Seite die un-
so viel redet wie er rammelt, weiß er die Grenzen des
schuldige Unglückliche, auf der anderen ein Konglome-
eigenen Bewusstseins durchaus zu reflektieren. Und
rat sozialer Niederträchtigkeiten. In der Inszenierung,
so hindert ihn nichts, auch mal Nietzsche zu zitieren.
die die Landungsbrücken Frankfurt bei KALTSTART
Oder eine kleine Hierarchie der darstellenden Kunst
zeigen, wird diese Dichotomie im Bühnenaufbau über-
am Stadttheater aufzumachen: Mit Bunnys in ver-
betont: In der Mitte steht, mit blondem Haar und zarter
schiedenen Größen, die für die heilige Trias Intendant,
Geste, Elisabeth (Maja Hofmann), die von den Verhält-
Regisseur und Dramaturg stehen. Dann erst kommt der
nissen Untergebutterte; die Verhältnisse, die stehen ihr
Schauspieler, das arme Hasenschwein.
zur Linken und zur Rechten, zwei Schauspielerinnen,
In diesen Momenten funktioniert die Inszenierung am
die an diesem Abend alle anderen Figuren spielen, hoch
stärksten: Wenn Regisseurin Kathrin Mayr die Häsin
aufgeschossene Pferde mit festem Stand auf hohen
einen goldenen Passions-Bilderrahmen schultern lässt,
Stiefeletten, gebändigten Mähnen und bauchnabel-
dann zieht sich die Schraube der Absurdität soweit an,
kurzen Blusen. Die Innenseiten ihrer Augenhöhlen glän-
dass der Rammler selbst zum Ausgangspunkt für Asso-
zen silbern: aufgeschminkte Zwicker. Die hohen Rösser
ziationsketten wildester Art wird.
(Lisa Hofer und Sophie Melbinger) spielen als uner-
Falscher Hase? Mit Vergnügen!
schütterliches Duo chorisch, werfen sich gegenseitig
die Rollen zu und kosten jede Gemeinheit gegen die tief-
er sinkende Elisabeth genüsslich aus, so temporeich,
dass sich ob der geballten Fiesheit und Ignoranz ein
leichter Schwindel einstellt: Das sind keine Individuen
mehr – das ist eine Weltmaschine! Die Gesellschaft
als „Die Gesellschaft“ in zwei identischen, aufeinander
abgestimmten Körpern zu stereotypisieren, das ist der
Geniestreich der Inszenierung (Regie: Tim Egloff) – er
kann als Kommentar auf den ewigen „Gut – böse“-Auf-
bau des Sozialdramas gelesen werden.
„Ein kleiner Totentanz“ – so hat von Horváth sein Stück
1932 untertitelt. Den mittelalterlichen Darstellungen
entsprechend sprechen auch die drei Todgeweihten
dieses Abends meistens nach vorne, sprechen warm Anjorka Strechel hält die Ohren steif. Foto: Sven Heine

(Elisabeth) und kalt (Die Anderen) ins Leere, ins Gott-


verlassene – dem Zuschauer ist es eine Lust und ein
Schauer zugleich.

12 / 13
Mein Verstärker geht bis 11 Bitte die Darlings killen!
“end-station: (wirklichkeit)” ist nicht
von Stephanie Drees
Felix Meyer-Christian dreht
“Endstation: Sehnsucht”. Wirklich nicht.
in „Faust II – ende“ die Regler zu weit auf
von Khesrau Behroz

Der Schwanz war ganz sicher sehr real. Und auch


die Art, wie der Schauspieler hinterher durch den
Raum gegangen ist, nach der Aufführung, mit dem
Selbstbewusstsein einer Person, die gerade ihren
Schwanz auf der Bühne gezeigt hat, auch. Wie sie im
Stück Realität konstruierten, aus ihren Rollen gingen
und sich selbst beschrieben, von außen betrachteten,
die Bühne verließen: Da wurde von Regisseur Gernot
Grünewald wirklich alles ausprobiert: Projektionen,
intermediale Verwebungen, Geschrei, Blut, Ver-
gewaltigung - alles drin, knapp an der Grenze zum
Regie-Porno, wo man denkt, dass man da eigentlich
Faust dreht am Rad. Foto: Sven Heine auch ein paar Darlings hätte killen können. Alles
von Jan Fischer sah toll aus, wurde wunderbar gespielt, viele schöne
Auf der Bühne ist Faust zweimal. Klar: zwei Seelen, Ideen, Effekte, Effekte, Effekte. Aber der alte Tennes-
Brust, etc., aber das ist es dann eben, das Problem. see Williams ist dabei ein bisschen untergangen.
Der Reihe nach: Eine alte Frau setzt sich und liest den
Anfang vom Ende von Faust II vor. Dann betritt der Rest
der Bande die Bühne: Mephisto, Faust I (Sprecher),
Faust II (Tänzer), einer, der den ganzen anderen Kram
macht, ein Bassist. Felix Meyer-Christian inszeniert
Kopf an Fuß an Kopf
mit seiner Costa Compagnie in „Faust II – ende“ das Die Performance „Während sie“
Ende von Faust II, das ist, wo Faust –kurz gefasst – ein schlängelt sich in Richtung Individuum
Landgewinnungsunternehmen betreibt, sich gottgleich
von Clara Ehrenwerth
gebärdet und nochmal die Catchphrase mit dem Augen-
blick sagt. Meyer-Christian klopft den Text auf Kapita- Der 13te Stock, der dann doch nur im zweiten Stock
lismuskritik ab, im Großen und Ganzen funktioniert das über der Bar Rossi liegt, kommt an diesem Abend
ganz gut, manchmal wirkt es forciert und draufgesetzt, irgendwie regenzeitmäßig rüber. Hier oben ist die
unentschieden zwischen der Kritik an industrieller Luft frisch wie nach einem Tropenschauer, die Ter-
– was der Faust-Text hergibt - und postindustrieller rassenpflanzen werden von der matten Abendsonne
– was man erstmal reinbauen muss - Gesellschaft: Auf beleuchtet. Dazu passt auch der zehn Meter lange
der Bühne steht eine Alu-Fahrradfelge, an der immer Regenwurm, der sich die Wände entlang schlängelt.
mal jemand dreht: Das alte Industriebild. Faust I sagt Kopf an Fuß an Kopf finden fünf Spieler in dem grünen
was davon, dass alle Alt-68er verschwinden sollen, am Stretchstoffschlauch Platz, der sich kriechend in
Ende wird noch Bukowski gesprochen: Schönen Gruß an Bewegung setzt, sodass verzerrte Bilder eines kol-
die postindustrielle Gesellschaftskritikverwurstungs- lektiven Körpers entstehen, die Glieder zum großen
maschine. Währendessen steht die alte Frau auf der Leib verschmolzen. Anfangs läuft noch alles wie am
Bühne, kaspern Faust I und Mephisto ihr Ding ab, tanzt Schnürchen – bis ein Emanzipationsschub den Körper
Faust II seinen Körper schweißig, quält der Bassist erschüttert, sich das Kollektiv in Individuen spaltet.
seinen Saiten strange Sounds ab. Beide Fäuste werden Von deren anschließender Suche nach Identität und
im Laufe der Szene immer nackter, und das ist, wo das nach Möglichkeiten des freien Zusammenseins freier
Problem anfängt: Faust II, der Tänzer, zieht Hemd und Persönlichkeiten erzählt die schnalzende, brum-
Hose aus, drunter trägt er Hugo-Boss-Unterwäsche. mende und singende Performance „Während sie“.
Das Hemd hätte gereicht, um klarzumachen, wie sehr Die Gruppe PACK, hauptsächlich bestehend aus
er seinen Körper runterrockt. Mephisto trägt rote Leg- Theater- und Medienwissenschaftsstudenten
gins und steckt sich ständig Finger in den Mund. Eines verschiedener Universitäten, zeigt bilderstarkes,
davon hätte gereicht, um Mephisto zu sexualisieren. abstraktes Theater, das den Raum für eigene Asso-
Usw. usf.: Meyer-Christian inszeniert punktgenau und ziationen und Interpretationen ganz weit öffnet. Und
produziert ganz wunderbare Bilder – aber er ist immer weil am Mittwoch nochmal die Gelegenheit besteht,
eins drüber: Der Bass ist ein wenig zu pathetisch. Die die Körperstudie zu sehen, soll an dieser Stelle auch
physische Unfassbarkeit des Tanzes ist ein wenig zu nicht weiter rumgedeutet werden.
sehr ausgestellt. Als regelte da jemand seinen Verstär-
ker auf das Lauteste, was geht: Klingt stellenweise geil, Mi 21.07. / 21:30 Uhr / 13ter Stock (Bar Rossi)

kippt aber auch manchmal in übersteuerten Brei.

Kaltstart
KFZ
Listig,listig! Charts

Eine Woche rum – Wir feiern Bergfest! Die Top-5-Publikumssätze vor der Vorstellung
Hier gibt‘s das „KALTSTART so far“ in Listen 1. „Doch, mein Therapeut hat gesagt, dass mir das hier gut tut“
gesammelt von Laura Naumann und Johannes Schneider. - weil uns der Mut, „Woyzeck“ in jeder (aber auch wirklich jeder)
seelischen Verfassung zu sehen, sehr beeindruckt.
2. „Kann da nicht rauf, hab‘ Rücken“ - weil körperliche Gebrechen
zwar eigentlich ebenso wenig lustig sind wie seelische, wir der
Die Top-5-Kostüme Dame aber glücklicherweise sagen konnten, dass zum „Terrrace
1. Die haarigen Monstermasken von „Reckless Factory“ - weil ihre Hill“ ein Aufzug fährt.
rot leuchtenden Augen direkt die Seele der verderbten Seite der 3. „Heute wird‘s ein bißchen punkig“ (Regisseur Ralph Reichel in
Kulturwelt widerspiegeln. seiner Ansage vor „Schiller feiern“) - weil das den Unplugged-Ge-
2. Die gelben Handschuhe des Arztes bei „Woyzeck“ - weil der danken des Festivals auf den Punkt bringt.
Hausfrauencharme eine schöne Brechung zur anorganisch-men- 4. „Nach dem Theater ist vor dem Theater“ - weil es den Charakter
schenfeindlichen Rolle ist. des Festivals treffend beschreibt und zu jedem Zeitpunkt passt.
3. Die komplette Ausstattung von „Hell above and Heaven below“ 5. „Wo wird denn hier gleich eigentlich gespielt?“ - weil dito.
- weil sie es schafft, die Stimme von Tom Waits in Kostüme zu pa-
cken und dabei auch noch KISS zu zitieren.
Die Top-5-Publikumssätze nach der Vorstellung
4. Die vier nackten Geschwister im Schlussbild des „Zementgar- 1. „Ich glaube, die Analverletzung hat sie sich im Buch nicht auf
tens“ - weil es da mal nicht um Drastik, sondern um Intimität ging. einer Kuh zugezogen“ - weil der Abgleich zwischen Romanvorlage
5. Der Schlüpfer der „Ponydressing“-Spielerin – weil damit Cheerlea- und Inszenierung auch im Fall der „Feuchtgebiete“ diskutiert sein
der-Erotik endlich auf deutschen Bühnen angekommen ist. muss.
2. „Mein eigener Fußgeruch hat mich heute ein bisschen rausge-
bracht“ - weil man sich damit auch vor den Umsitzenden bekennt
Die Top-5-Zitate und (indirekt) entschuldigt.

1. „Ein Kaffee, ein Kognak, ein Stück Scheiße und ein normales 3. „Jetzt ist es wohl zu Ende“ beim Fade Out der Lichter am Ende

Gespräch, bitte!“ aus „WER...[binichich]“ - weil es exakt unsere von „Vom Schlachten...“ - weil man so ein echt schönes, ruhiges

Bedürfnislage trifft. Theaterende verderben kann.

2. „Die Jungs sind fit!“, gesagt von Agamemnon aus der „Ilias“, 4. „Schade, ich dachte, das wäre mit echten Ponys!“ – weil „Po-

während er den Playboy liest - weil als Antwort auf die Frage, wie nydressing“ ja gezeigt hat, dass man auf Dauer auf Steckenpferden

es mit dem Heer stehe, man müsse doch jetzt Troja angreifen. nicht reiten kann.

3. „Der Diskurs hat mich ganz angegriffen“ vom Hauptmann im 5. „LUFT!“ - weil das Leben in diesem Sommer an sich sehr existen-

Woyzeck - weil wer sich mit diesen Worten aus der Affäre zu ziehen tiell ist.

weiß, gute Chancen hat, Bundespräsident zu werden.


4. „Du bist auch Teil der Gesellschaft, Mama“, vom Tonband am Die Top-5-Places to be auf dem Festival
Anfang der Performance „das beste dass sich an diesem festival
1. Das HausIII&70 - weil es einem Festivalzentrum am nächsten
anmeldet (wirklich)“ - weil das die Wahrheit ist und Mama dann
kommt. Und weil man sich im Anbau den Monstern stellen muss.
irgendwas antwortet, das wie ein erstauntes „Ja“ klingt.
Und hinterm Haus dem lustigen Grillpersonal.
5. „ ... und wem das an dieser Stelle zu heiß wird, der kann jetzt
2. Die Terrasse vom Terrace Hill - weil wir ohne sie nie einen Über-
gerne gehen!“ (Vom Schlachten des gemästeten Lamms) - weil wir
blick über Hamburg bekommen hätten. Und weil man da mit einem
nie erfahren werden, ob das Text war oder den Memmen hinter-
Festivalgetränk und den Festivalfreunden glücklich und sentimental
hergeschrien wurde, die aus Schwitzgründen den Saal verlassen
in die Ferne gucken kann.
hatten.
3. Der Fotoautomat am Haus III & 70 - weil Sich-zu-viert-in-den-
Passfotoautomat-Quetschen schon immer der größte Spaß war.
4. Die Hamburger Botschaft - weil die Leute hier selbst beim Fuß-
Die Top-5-Festivaldrinks
ballgucken konzentriert sind. Und weil während der Vorstellung
1. Lütauer Rhabarberschorle - weil bodenständig, erfrischend, geil keine Getränke ausgeschenkt werden.
und sauer macht lustig. 5. Das „LOKAL e.V.“-Pressehaus in der Max-Brauer-Allee - weil es
2. Viva con Agua - weil das, worauf die Welt noch gewartet hat, ein das beste Zuhause ist, das man in Hamburg haben kann. Trotz
Szene-Mineralwasser ist. kaltem Wasser und einer Hexe im Keller.
3. Astra - weil es zwar nicht gut schmeckt (uns zumindest nicht),
aber der Kater am nächsten Morgen ein vertrauter Freund ist.
4. Gin Tonic - weil er so schön phony ist, aber mit Zitrone drin auch Die Top-5-Festivalgeheimnisse
wieder down to earth. 1. Dürfen wir leider nicht verraten - weil: siehe 2.
5. Piña Colada – weil Kokos und Frucht Sommer, Sommer, Sommer 2. Ist leider geheim - weil: siehe 3.
bedeutet. Jedenfalls für Mädchen. 3. Wie gesagt, leider geheim - weil: siehe 4.
4. Geheim! - weil: siehe 5.
5. Reicht jetzt!

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Zeig uns dein Gesicht! KFZ
People

Auch, wenn es sich nicht so anfühlt: Die Hälfte des KALTSTART ist schon vorbei.
Zum Bergfest haben wir Beteiligte, Besucher, und Leute, die wir zufällig auf der
Straße gefunden haben, gebeten, uns ihr KALTSTART-Gesicht zu zeigen.

Fotos: Jan Fischer

Kaltstart
KFZ
Kolumne:
Vegetarischer Fleischsalat Affektierte
Effekte IV
von Jo Schneider

Der Chefredakteur ist - neben vielem Anderen - auch wollen, lesen wir ihn, auch Dramen, sehr gern sogar.
ein Pragmatiker des Zeitungsmachens: Traumwand- Und wenn wir Theater erleben wollen, gehen wir ins
lerisch erkennt er die Notwendigkeiten einer kohä- Theater, und da hat bitteschön niemand ein Textblatt
renten Produktion, intuitiv weiß er, wann noch wie in der Hand zu haben, da hat niemand „Ähhh, Moment,
viel zu welchem Thema zu schreiben ist, mit welchem wo war das jetzt nochmal?“ zu sagen, es sei denn, es
Dreh und in welchem Rahmen. Die Berichterstattung bestünde eine konkrete theatrale Notwendigkeit. Ich
zur KALTSTART-Autorenlounge an diesem Wochenen- glaube, darauf können wir uns einigen. Prinzipiell.
de etwa möchte er eher knapp halten, da wir im Vor- Andererseits wären wir aber auch die Letzten, die
feld ausführlich über die Stücktexte berichtet haben sich nicht gelegentlich selbst zu den letzten Idioten
(siehe KFZ #3) und „bei den szenischen Lesungen ja erklären würden (etwa: „Gendertheoretisch versierte
so viel auch nicht dazu kommt“. Aber irgendwas „zum Clique – was soll denn der Scheiß schon wieder???“).
Abbinden“, sagt er (und er sagt nur so schöne Dinge), Wir wären auch die Letzten, die sich nicht gelegent-
wäre dann doch gut ... lich vom Gegenteil überzeugen ließen: etwa, wenn
Schreiben wir also im Rahmen dieser kleinen Monda- bei der KALTSTART-Autorenlounge Ivna Zic Laura
min-Kolumne zum Abbinden genau darüber: über sze- Naumanns „Demut vor deinen Taten Baby“ klug in den
nische Lesungen und wie wenig in ihnen noch „dazu Raum übersetzt. Wenn Josef Hader an der Seite von
kommt“. Denn in der Tat finden auch wir diese gerade Pia Hierzegger bei deren Stück „Schweinehunde. Im
bei den Stückemärkten landauf, landab (aus Kosten- Hintergrunde Grillparzer“ zeigt, dass ein guter Schau-
und Zeitgründen) so beliebte Form überaus zwei- spieler immer, immer, immer Spaß bereitet.
felhaft. Dass szenische Lesungen wie vegetarischer Oder wenn Claudia Grehn und Darja Stocker gemein-
Fleischsalat sind, haben unsere stetig fabulierenden sam mit den Schauspielerinnen Theresa Henning und
Hirne allzu oft gedacht, während vor unseren Augen Karen Dahmen die Lesung ihrer Stückentwicklung
Schauspieler mit Textblättern in der Hand eine karge „Die herrschende Meinung“ zu einer semi-dokumen-
Möblierung über Studiobühnen schubsten. Inszena- tarischen Agit-Prop-Nummer ausbauen. Wir fragen
torische Mayonnaise ist da, aber es fehlt an genuin uns an dieser Stelle natürlich sofort „Ist das über-
theatraler Fleischeinlage. Obwohl die Diskriminie- haupt noch eine szenische Lesung?“ Ebenso, wie wir
rung von Zwittern sonst nicht das Vereinslokal unser uns ja sonst immer in solchen Situationen fragen: „Ist
gendertheoretisch versierten Clique ist, müssen wir das noch Theater?“ Womit die beiden - theatrale In-
in diesem Fall doch Zweifel an der Existenzberechti- szenierung und szenische Lesung - noch etwas mehr
gung dieses Trans-Wesens anmelden. gemeinsam hätten als sowieso schon.
Denn: Wenn wir einen Text als Text erleben

IMPRESSUM

Die Festivalzeitung KFZ zum KALTSTART HAMBURG 2010


wird herausgegeben vom Kaltstart e.V.

Redaktion: Khesrau Behroz, Jan Berning, Stephanie Drees, Clara Ehrenwerth,


Jan Fischer, Alexandra Müller, Laura Naumann, Jan Oberländer (V.i.S.d.P.),
Johannes Schneider.

Titelfoto: Sven Heine

Gestaltung: www.kirschcake.net.

Auflage: 500.

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