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Dienstag, 20. Juli 2010 HBG Süddeutsche Zeitung Nr.

164 / Seite 5
POLITIK
Nach dem Hamburger Volksentscheid: Wie geht es in den Schulen weiter?

Klassenkampf Bildungsrepublik Deutschland Allein in


traditionell Hauptschule als eigenständige Kooperation von Haupt- und Dauer der Letztes Wort beim Übertritt von der schwerer See
und Kleinstaaterei ohne Hauptschule

Bremen
Schulform abgeschafft

Schleswig-Holstein
Realschulen an einzelnen Standorten

Hamburg
Grundschule Grundschule aufs Gymnasium…
Mecklenburg-Vorpommern
Nach der Niederlage ändert
Mittelschulen, Werkrealschulen, Stadtteilschulen – der Senat seine Reformpläne
4 Jahre Eltern 4 Jahre Eltern 4 Jahre Eltern 4 + 2 Jahre Eltern
jedes Bundesland bastelt am Erziehungssystem Alle Parteien stützen das Zwei-Säulen- Haupt- und Realschulen gehen in der Die sechsjährigen Primarschulen Regionalschulen vereinen Haupt- und Hamburg – Nein, Christa Goetsch sitzt
Modell: Neben Gymnasien gibt es Regionalschule auf. Daneben gibt es wurden im Volksentscheid abgelehnt. Realschule, daneben gibt es Gesamt-
Oberschulen, die auch bis zum Abitur außer dem Gymnasium Gemeinschafts- Dennoch: künftig einheitliche Stadt- schulen und Gymnasien. Gemeinsame an diesem Montagmorgen nicht allein im
Von Johann Osel Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt führen können. schulen (ehemals Gesamtschulen). teilschulen, parallel zum Gymnasium. Orientierungsstufen 5 und 6. Hamburger Rathaus. Zwar fehlt an der
und Ansprüche einer immer selbstbe- Seite der Zweiten Hamburger Bürger-
München – Der Erfolg des Hamburger wussteren Elternschaft an die Bildung ih- Niedersachsen meisterin der Erste Bürgermeister. Ole
Brandenburg
Volksentscheids hat die Gegner struktu- rer Kinder haben in fast allen Ländern von Beust war für diese Pressekonferenz
4 Jahre Eltern 6 Jahre Lehrer/Noten
reller Schulreformen bundesweit beflü- die Strukturen aufbrechen lassen. Das am Morgen nach dem schweren Schlag
Das dreigliedrige System wird verteidigt, Neben dem Gymnasium gibt es die
gelt. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzen- klassische dreigliedrige System aus neue Gesamtschulen dürfen gegründet
Schleswig-
Oberschule, das Abitur vergeben nur
zunächst angekündigt worden. Dann
der des Deutschen Philologenverbandes, Haupt-, Realschule und Gymnasium gibt Holstein aber kam sein Rücktritt und bald darauf
werden, die Bedingungen sind aber Gymnasien und Gesamtschulen.
sprach von einem „phantastischen Vo- es derzeit in dieser Form nur noch in Ba- schwer zu erfüllen. Mecklenburg- die Mitteilung, dass er nicht an der Seite
tum für den Erhalt eines leistungsfähi- den-Württemberg und Bayern – das deut- Ham
Ham
mburg Vorpommern von Goetsch erklären wird, wie es nach
Berlin
gen Gymnasiums“. Von Hamburg gehe sche Schulsystem gleicht mittlerweile Nordrhein-Westfalen der gemeinsamen Niederlage im Volks-
6 Jahre Eltern
nun „ein Signal an alle Landesregierun- reinster Kleinstaaterei. 4 Jahre Eltern Breme
meen
men entscheid mit den Hamburger Schulen
gen aus, endlich von teuren und unnüt- In Berlin tritt von August an die Schul- Haupt-, Real- und Gesamtschulen weitergehen wird. Er ist zwar noch im
Haupt- und Realschulen können derzeit Brandenburg fusionieren zum kommenden Schuljahr
zen Strukturreformen die Finger zu las- reform des rot-roten Senats in Kraft: als Verbundschulen unter einem Dach Niedersachsen zu Sekundarschulen. Dort ist Amt, aber doch weg, an diesem Morgen
sen“. Es gebe in Deutschland keine gesell- Haupt-, Real- und Gesamtschulen fusio- kooperieren. Rot-grün plant nun Gemein- auch das Abitur möglich. bei der Kanzlerin in Berlin, die seine Prä-
schaftsschulen ab der 5. Klasse. Berlin
schaftliche Mehrheit für längeres gemein- nieren zu Sekundarschulen, parallel zum senz dringender braucht.
sames Lernen, sagte Meidinger, in dessen Gymnasium, das dadurch nicht beschnit- Sachsen-Anhalt Goetsch aber braucht jetzt auch jeman-
Verband vor allem Gymnasiallehrer orga- ten werden soll. Da man zugleich auf den Hessen Sachsen- 4 Jahre Lehrer/Noten den an ihrer Seite. Das Fiasko beim
nisiert sind. Er forderte die Bildungspoli- Ausbau von Ganztagsangeboten sowie ei- 4 Jahre Eltern Anhalt Volksentscheid hat sie getroffen, sie hat
tiker auf, in den nächsten zehn Jahren ne breite Beteiligung der Bürger setze, ha- Im Zwei-Säulen-Modell gibt es neben als Schulsenatorin zwei Jahre lang all ih-
Das mehrgliedrige System soll erhalten Nordrhein- dem Gymnasium die Sekundar-
auf Eingriffe, die auf keinen breiten Kon- be man in Berlin eine weitaus größere Ak- bleiben. Traditionell gibt es viele Westfalen schule. Dort besuchen Schüler von re Energie in dieses Projekt gesteckt. Ih-
sens stießen, zu verzichten – und sich zeptanz der Reform als in Hamburg, sag- Gesamtschulen. In der Mittelstufe der 7. Klasse an Haupt- und rer Stimme ist die Verwundung anzuhö-
stattdessen auf bessere Unterrichtsquali- te Bildungssenator Jürgen Zöllner ist ab 2011/12 ein Abrücken vom Sachsen Realschulklassen. ren. Als Ersatz für Ole von Beust hat die
tät zu konzentrieren. Auch der Deutsche (SPD), der den Ausgang des Volksent- gegliederten System geplant. Thüringen schwarz-grüne Koalition sogar gleich
Hessen Sachsen
Lehrerverband begrüßte das Hamburger scheids dennoch bedauerte. Ein solches Rheinland-Pfalz drei Politiker aufgeboten, den Fraktions-
Votum gegen eine sechsjährige Primar- zweigliedriges Schulsystem ist auch in 4 Jahre Lehrer/Noten chef der Grünen, Jens Kerstan, den Par-
4 Jahre Eltern Pisa-Sieger Sachsen sieht keinen Grund
schule, es komme „einer bürgerlichen Re- den meisten ostdeutschen Ländern vor- Rheinland- tei- und Fraktionschef der CDU, Frank
volte gleich“. handen. Mit den „Stadtteilschulen“ wird Im Zwei-Säulen-Modell gibt es neben für Reformen, es gibt neben dem Gym- Schira, und einen seiner Stellvertreter.
dem Gymnasium die Realschule plus, Pfalz nasium die Mittelschule, die von der 7.
Die traditionell eher linke Bildungsge- es nun – unabhängig vom Volksentscheid an denen teilweise auch die Hochschul- Klasse an nach Leistung differenziert. Schira und Kerstan wirken nun, als ob
werkschaft GEW warf der siegreichen über die sechsjährige Grundschulzeit – reife erworben werden kann. Saar- sie besonders drängende Fragen am liebs-
Bürgerinitiative hingegen „eine Angst- aber auch in Hamburg dazu kommen. land ten fürsorglich für Goetsch beantworten
kampagne“ vor. „Es ist ihnen gelungen, In Rheinland-Pfalz gibt es neben dem Saarland Thüringen möchten. Als die Senatorin nach persönli-
bei vielen Menschen Verlustängste für Gymnasium eine „Realschule plus“, an 4 Jahre Lehrer/Noten chen Konsequenzen gefragt wird, ant-
5 Jahre (geplant) Eltern Bayern
die Lernbedingungen ihrer Kinder zu er- der Abitur gemacht werden kann. In Die Regelschule vereint Haupt- und wortet der CDU-Mann, dass es zwar mit
Haupt- und Realschulen wurden zur Realschule, von der 7. Klasse an gibt es
zeugen“, sagte GEW-Chef Ulrich Thöne. Mecklenburg-Vorpommern wurde be- Erweiterten Realschule zusammenge- Baden- teilweise getrennten Unterricht. Geplant der streitbaren Senatorin „nicht immer
Die Probleme der sozialen Ausgrenzung reits für die Klassen fünf und sechs ge- legt. Sie sollen Gemeinschaftsschulen Württemberg sind Gemeinschaftsschulen, in denen einfach gewesen ist“ für die Christdemo-
im mehrgliedrigen Schulsystem seien meinsames Lernen verwirklicht – durch werden, in denen die Kinder möglichst bis zur 8. Klasse gemeinsam kraten, dass aber an einen Rücktritt
aber nicht von der Hand zu weisen. eine Orientierungsstufe. Die Jamai- lange gemeinsam lernen. unterrichtet wird. nicht zu denken sei. Sie habe ausgezeich-
Außerdem dürfe es gerade für Flächen- ka-Koalition im Saarland will die Grund- nete Arbeit gemacht.
Baden-Württemberg Bayern
staaten wie Nordrhein-Westfalen keinen schulzeit auf fünf Jahre verlängern, bie- Dann spricht die Senatorin selbst, sie
Stopp in der Schulentwicklung geben, tet zugleich aber eine „Verfassungsgaran- 4 Jahre Lehrer/Noten 4 Jahre Lehrer/Noten will es „mal norddeutsch ausdrücken“
um trotz sinkender Schülerzahlen attrak- tie“ für den Erhalt des grundständigen Die Hauptschule wird zur Werkreal- Hauptschulen sollen als Mittelschulen und sagt, der Senat befinde sich in schwe-
schule umgebaut, die mit Berufs- die berufsorientierten Zweige Technik,
tive Schulstandorte in Wohnortnähe an- Gymnasiums. Selbst im konservativ re- schulen kooperiert und auch bis Wirtschaft und Soziales anbieten und bis rer See. „Da kann man nicht einfach das
bieten zu können. gierten Hessen soll es von 2011/12 an ei- zur mittleren Reife führt. zu einem mittleren Abschluss führen. Schiff verlassen.“ Sie müsse dafür sor-
An Rhein und Ruhr hatten SPD und ne Neuerung geben: die Mittelstufenschu- gen, dass es wieder an Land komme. Da
Grüne im Wahlkampf stark auf das The- le, bei der von der siebten Klasse an das SZ-Graphik; Foto: dpa; Quelle: SZ lachen die Journalisten. Eine Reporterin
ma Schulpolitik gesetzt. Die rot-grüne nach wie vor dreigliedrige System greift. will wissen, ob das eine Spitze gegen den
Regierung plant, Gemeinschaftsschulen Im Süden und Südwesten, wo man an Herrn von Beust sei. Goetsch weicht aus,
einzuführen, an denen Jugendliche bis der Dreigliedrigkeit festhält, reagiert sie habe nur eine Frage beantwortet. Spä-
zur zehnten Klasse unter einem Dach man vor allem auf die Kritik an den ter räumt sie ein, dass sie sich „für diesen
sind, in Stufe fünf und sechs gemeinsam Hauptschulen, deren Beiname „Restschu- Rücktritt sicherlich einen anderen Zeit-
unterrichtet werden. Ob die Klassen von le“ mittlerweile in der Öffentlichkeit fest punkt gewünscht hätte“.
der siebten Jahrgangsstufe an aufgeteilt verankert zu sein scheint. Baden-Würt- Goetsch will, nach der „sehr, sehr ent-
werden, sollen Eltern, Schule und Schul- temberg baut sie derzeit teilweise zu täuschenden Niederlage“, weitermachen
träger vor Ort entscheiden. Man gehe „ei- Werkrealschulen um. Von der fünften und zählt ein ganzes Paket von Aufgaben
nen sanften Weg“, betont die neue grüne Klasse an sollen diese dann zum mittle- auf, die jetzt in der Schulpolitik umzuset-
Schulministerin Sylvia Löhrmann. Das ren Bildungsabschluss führen. Kritiker zen seien. Tatsächlich gekippt ist dem-
Beispiel Hamburg zeige, „wie sensibel halten das für Etikettenschwindel, zu- nach nur die Primarschule, das längere
systematische Veränderungen in der dem würden nicht umgewandelte Haupt- gemeinsame Lernen bis Klasse sechs. Al-
Schulpolitik sind“. Gerade deshalb wol- schulen endgültig ausbluten. Und Bay- le Koalitionspolitiker versichern, dass
le man längeres gemeinsames Lernen ern bastelt sich aus Hauptschulen soge- sie den Ausgang des Volksentscheids auf
nicht von Düsseldorf aus verordnen, son- nannte Mittelschulen. „Da kommt in den jeden Fall respektieren werden und es
dern im regionalen Konsens gestalten. Ferien der Hausmeister und tauscht das keinen neuen Anlauf geben wird. Man
Nicht nur in NRW ist die Schulland- Klingelschild aus“, hat der Bayerische müsse nun „überplanen“, sagt Goetsch,
schaft in Bewegung. Geburtenrückgang, Lehrerverband kürzlich gespottet. die Schulstruktur soll neu sortiert wer-
den. Dabei wird es sogar Primarschulen
geben, denn 23 sogenannte Starterschu-

„Eltern und Kinder werden irre“ len haben in Hamburg bereits freiwillig
mit dem längeren gemeinsamen Lernen
begonnen. „Da stecken viel konzeptionel-
Bundesbildungsministerin Annette Schavan über lästige Sonderwege, die Probleme des Föderalismus und den Kampf um ein höheres Bafög le Arbeit und Herzblut drin“, sagt
Goetsch. Diese Schulen haben eine Be-
Als sie noch Kultusministerin in Ba- sien sehen sich schon durch den Wegfall entwickelt sich vor Ort automatisch. Schavan: Ich möchte ja gar nicht für Schavan: Das Kooperationsverbot standsgarantie.
den-Württemberg war, hat Annette Scha- der 13. Klasse (G 8) unter Druck. Als Am wichtigsten sind die Inhalte, das 44 000 Schulen in Deutschland zustän- ging vor allem auf den Druck der
van (CDU) die Macht der Länder in der Bil- Kultusministerin in Baden-Württem- Curriculum. dig sein. Mein Vorbild ist die Schweiz. Länder zurück. Eine neue Politikergene-
dungspolitik stets verteidigt. Als Bundes- berg haben Sie einst das „Turbo-Abi“ Dort gibt es starke Kantone, aber eine ration wird die Aufgabe der Verbin-
bildungsministerin zeigt sich die 55-Jähri- durchgesetzt. Sollte man die Gymnasien SZ: Müssen die Lehrpläne grundsätz- Zusammenarbeit mit dem Bund, wo es dung von globaler Welt und Föderalis-
ge nun enttäuscht vom föderalen Durch- jetzt mal in Ruhe lassen? lich reformiert werden? um national relevante Fragen geht. Das mus annehmen, davon bin ich über-
einander bei den Schulen. Im Ergebnis Schavan: Ja. Das G 8 ist überall da Schavan: Ich halte nichts davon, Kin- wünsche ich mir hierzulande auch. zeugt.
des Hamburger Volksentscheids sieht sie kein Problem, wo auch der Lernstoff ent- der und Jugendliche mit immer mehr
auch ein Signal dafür, dass Sonderwege sprechend angepasst wird. Im Übrigen: Wissen zu überhäufen. Jedes Fach muss SZ: Sie fordern das Ende des deut- SZ: Werden Sie zu der Generation
der Länder keinen Erfolg haben. Das Gymnasium ist die verlässliche und sich fragen, welche Inhalte wirklich bil- schen Kooperationsverbots, das es dem denn noch dazugehören?
weltweit anerkannte Konstante des den, ein Fundament legen und Neugier- Bund verbietet, in die Schulpolitik ein- Schavan: Ich habe dafür noch man-
SZ: Die CDU verliert einen Spitzen- deutschen Bildungssystems. Ich halte de wecken. zugreifen oder eine Universität direkt che Idee, ja.
politiker und Ministerpräsidenten nach wenig davon, diese Schulform abzuwer- zu finanzieren?
dem andern. Was ist da los? Ist es so ten. SZ: Noch immer hat jedes Bundes- SZ: Wann also kommt die Reform des
schwer, Politik zu machen? land eigene Lehrpläne. Und auch bei Föderalismus?
Schavan: Christian Wulff ist Bundes- SZ: Was ist für Sie konservative Bil- den Strukturen geht es wild durcheinan- „Bund und Länder Schavan: Darüber möchte ich nicht
präsident, Günther Oettinger EU-Kom- dungspolitik? der. Im Saarland plant die Jamaika-Ko- sollten die Qualität der Schulen spekulieren. Aber warum dürfen Bund
missar geworden. Ole von Beust hat per- Schavan: Sie geht vom Menschen, sei- alition, die Grundschule auf fünf Jahre gemeinsam sicherstellen.“ und Länder zusammen nur Studien in
sönliche Gründe für seine Entscheidung nen Bedürfnissen und Talenten aus. zu verlängern – bundesweit einmalig. Auftrag geben, um die Vergleichbarkeit
angegeben. Und daneben gibt es die vie- Struktur -und Organisationsfragen stel- Können Sie das den Bürgern überhaupt des Bildungssystems „festzustellen“?
len, die weiterhin engagiert für die CDU len sich erst später. Die Politik darf noch erklären? Schavan: Ja, das Kooperationsverbot Wir wollen die Qualität gemeinsam „si-
Bundes-, Landes- und Kommunalpoli- nicht den Eindruck erwecken, dass die Schavan: Das kann und will ich ihnen ist nicht Ausdruck eines föderalen cherstellen“. Schon diese kleine Grund-
tik machen. Schulstruktur das Entscheidende ist. nicht erklären. Ich halte die vielen Son- Selbstbewusstseins, sondern einer Blo- gesetzänderung hätte große Wirkung,
derwege ja selbst für falsch. Und ich ckade, die niemandem nützt. ohne dass den Ländern etwas wegge-
SZ: Manche sagen, Angela Merkel soll- SZ: Aber für den Schüler macht es ei- glaube nicht, dass diese Zustände noch nommen wird.
te den Parteivorsitz ablegen, Platz ma- nen Unterschied, ob er eine Hauptschule lange andauern werden. SZ: Die Kulturhoheit und das Koope- Demonstrationen für eine Schulreform
chen für jemanden, der emotionaler ist, besucht, eine Gesamtschule oder ein rationsverbot wurden aber in der jüngs- SZ: Reden wir über die Gegenwart: überzeugten die Hamburger nicht. dpa
der das Herz der Partei wieder wärmt. Gymnasium. SZ: Ihnen hängt der Föderalismus all- ten Föderalismusreform festgeschrie- Der Bundesrat hat die Bafög-Erhöhung
Schavan: Ich stelle keinen Wärmever- Schavan: Durch die demografische mählich zum Halse raus? ben. Sie waren zu der Zeit bereits Bun- vorerst gestoppt. Wann können die Stu- Ansonsten aber werden die Hambur-
lust fest. Angela Merkel ist die unange- Entwicklung werden in Zukunft weni- Schavan: Nein. Aber ich bin sicher, desbildungsministerin. Wann und wie denten nun mit mehr Geld rechnen? ger Schüler künftig wie bisher nach der
fochtene Nummer eins in der CDU und ger Schulformen nebeneinander existie- dass er besser werden kann. wollen Sie das denn noch einmal aufrol- Schavan: Hoffentlich bald, das Bafög vierten Klasse entweder aufs Gymna-
hält die Partei auch in schwieriger Zeit ren. Das finde ich unspektakulär, das SZ: Wie kann es besser werden? len und neu regeln? ist für die Studentinnen und Studenten sium oder eine der neugegründeten Stadt-
zusammen. sehr wichtig. Und ein wichtiger Bau- teilschulen gehen. Das entspricht den
stein für Bildungsgerechtigkeit. Vorstellungen der Volksinitiative gegen
SZ: Merkel muss nichts ändern? die Schulreform. So hatte es die CDU üb-
Schavan: Statt Stilfragen zu diskutie- SZ: Die Länder fordern vom Bund, ei- rigens auch schon zu Zeiten ihrer Allein-
ren, sollten alle miteinander an der Kom- nen höheren Anteil an den Bafög-Kos- regierung vor der schwarz-grünen Koali-
ten zu übernehmen. Beim Stipendien- tion geplant. Auf 51 Stadtteilschulen, die
programm sind Sie den Ländern bereits zum Teil durch Fusionen von Haupt- und
„Das Ergebnis von Hamburg entgegengekommen. Ist Ihnen das Realschulen entstanden sind, können die
kann heilsam sein. Bafög weniger wichtig als die Stipen- Schüler drei verschiedene Abschlüsse,
Die Gymnasien brauchen Ruhe.“ dien? vom Hauptschulabschluss bis hin zum
Schavan: Das Bafög ist nicht nur ge- Abitur, erreichen.
nauso wichtig. Es ist gleichsam der gro- Definitiv umgesetzt werden Elemente
munikation mit den Bürgern arbeiten. „Ich habe dafür ße Tanker der Studienfinanzierung: Et- der von Goetsch entwickelten Schulre-
Wir müssen die Politik besser erklären. noch manche wa jeder vierte Studierende erhält form, die nie strittig waren. Die Klassen-
Idee, ja“: In die Bafög – und wenn die Erhöhung und die frequenzen sollen – wie versprochen – ge-
SZ: In Hamburg ist das offenbar nicht Schulpolitik der höheren Freibeträge kommen, werden senkt werden. Das bedeutet, dass die
gelungen. Dort haben die Bürger gegen Länder darf sich es noch mehr. Zahl der Schüler in den Klassen auf 23,
die Schulreform von Schwarz-Grün ge- Bundesbildungs- in sozialen Brennpunkten auf 19 be-
stimmt. Viele in der Union sind darüber ministerin Annet- SZ: Das heißt, Bafög ist die Pflicht grenzt wird – allerdings nur in der Grund-
aber ganz froh, weil auch sie von einer te Schavan nicht und das Stipendienprogramm die Kür? schule, also bis zur vierten und nicht wie
Verlängerung der Grundschule nichts einmischen. Für Nur haben Sie zuerst die Kür ge- geplant bis zur sechsten Klasse. Auch
halten. Freuen Sie sich auch? sie ist dieses Ver- macht. . . soll der sogenannte individualisierte
Schavan: Das Ergebnis von Hamburg bot Ausdruck Schavan: Stipendien sind nicht nur Unterricht eingeführt werden, mit ihm
kann heilsam sein. Es zeigt: Eltern und „einer Blockade, Kür. Sie sind eine Selbstverständlich- sollen Schüler nach für sie persönlich ent-
Kinder werden irre, wenn jede Landesre- die niemandem keit in attraktiven Wissenschaftsnatio- worfenen Lehrplänen gezielt entspre-
gierung ihren Veränderungswillen vor nützt“. Doch nen, und deshalb war es wichtig, dass chend ihrer Begabungen und Schwächen
allem in den Schulen auslebt. Es ist jetzt nach dem Volks- wir in Deutschland endlich ein solches gefördert werden. Goetsch nennt es „die
Zeit, dass sich die Länder wieder stär- entscheid in Ham- Programm auf den Weg gebracht ha- innere Schulreform“.
ker auf ihre Gemeinsamkeiten konzen- burg hofft die ben. Nun ist es ganz wichtig, dass auch Weil Baukosten für die Einrichtung
trieren. CDU-Politikerin die Bafög-Erhöhung klappt. Dafür wer- der Primarschulen wegfallen, könnten so-
darauf, dass es de ich kämpfen. gar einige Millionen im Etat der Behörde
SZ: Viele Hamburger hat aufgeregt, nicht dabei frei werden. Doch diese Frage sei, so er-
dass den Gymnasien zwei Schuljahre ge- bleibt. Interview: Johann Osel, Heribert Prantl klärte Goetsch, noch nicht zu beantwor-
nommen werden sollten. Die Gymna- Foto: Marco Urban und Tanjev Schultz ten. Jens Schneider