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Wie zum Beispiel muß man sich die „Identität von Produktion und Prod

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Wie zum Beispiel muß man sich die „Identität von Produktion und Produzenten“ vorstellen?

Die Ratlosigkeit der Ratgeber

Eine Teamarbeit von Alexander Kluge und Oskar Negt

Von Fritz J. Raddatz

23. März 1973, 7:00 Uhr

Von Fritz J. Raddatz

Wenn einer der interessantesten deutschen Autoren – mit Sicherheit wohl der einzige, der in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Theorie so systematisch wie erfolgreich gearbeitet hat – sich mit dem profiliertesten Soziologen der Nach-Habermas-Generation zu einem gemeinsamen Buch zusammentut, dann ist dieser Vorgang bereits von profunderem Interesse als irgendeine belletristische Neuerscheinung der jeweiligen Saison. Das Buch ist es auch –

Oskar Negt/Alexander Kluge: „Öffentlichkeit und Erfahrung zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit“; edition suhrkamp 639, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 490 S., 10,– DM.

Es ist voller Widerhaken, Widerspruch und Weiterungen, quasi Band 2 zu Jürgen Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (dessen intime Kenntnis die Autoren auch expressis verbis voraussetzen).

Der Unterschied zwischen der von Habermas 1961 vorgelegten Habilitationsschrift und dieser neuen Argumentationsfibel gibt seismographisch genau die Veränderungen an, die sich gesellschaftspolitisch, also auch ideologisch

in der Bundesrepublik zeigen lassen: Negt [h)p://www.zeit.de/thema/oskar-negt]

und Kluge [h)p://www.zeit.de/thema/alexander-kluge] wollen weniger

argumentieren als aktivieren.

Bereits der Untertitel zeigt, daß ihnen nicht an einer Zustandsanalyse gelegen ist, sondern an dem Ausdenken möglicher neuer Organisationsmodelle – weg von bürgerlicher, hin zu proletarischer Öffentlichkeit.

Dieses motorische Denkgesetz des Buches, dieses Element des Nichtstatischen bis ins sprachliche Detail hinein ist sein Faszinosum; es ist wohl auch Ursache für das Unfertige. Denn das Eingangsbekenntnis aus der Vorrede: „Wir behaupten in unserem Buch nicht, daß wir angeben können, was der Inhalt proletarischer Erfahrung ist“, grenzt bewußt aus, was allenfalls an Erwartung für theoretische Fertigbauweise an eine solche Untersuchung herangetragen werden könnte.

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Was damit vorliegt, ist ein Katalog durchreflektierten Fragen – vor allem der einen Frage, was proletarische Öffentlichkeit ist, wo sie sich von bürgerlicher, auch emanzipatorischer Öffentlichkeit unterscheidet und ob sie heute und hier mehr als nur denkbar ist.

Nach hinten ist eine solche Fragestellung leicht abzusichern, wenn etwa mit Recht der beispielsweise in der Weimarer KP übliche Appell an proletarische Öffentlichkeit verworfen wird: „Die instrumentalisierende Berufung auf Massen und deren Akklamation entspricht aber gerade einem Prinzip der bürgerlichen Öffentlichkeit“

Nach vorne aber, eben zum Ziel und Modell hin, zum Versuch der Definition einer Öffentlichkeit, die nicht mehr in diesem zitierten Sinne Passivum wäre, wird es schwierig. Wenn proletarische Öffentlichkeit mehr ist als Addition von Erfahrung, wenn sie, wie die Autoren sagen, bereits die Erfahrung in der Herstellung von Erfahrung einbeziehen soll, dann wird gleichsam ein Bewußtseinsvorgang vorausgesetzt, der erst geschaffen werden muß. Hier liegt die Crux nicht etwa der vorliegenden Arbeit, sondern des Züstands, den sie untersucht. Eine Crux, die ja auch die gesamte Beschreibungsliteratur vorführt, nenne sie sich nun „Werkkreis Arbeitswelt“ oder wie immer: Erfahrung auch und gerade bei Arbeitern ist nicht bewußte Erfahrung. Das Reagieren auf Arbeitswelt ist damit oft in sich widersprüchlich, keineswegs logisch und stringent, und der obligate „Klassenstandpunkt“ führt da keineswegs weiter: „Ein Arbeiter z. B., der als Springer an ganz verschiedenen Stellen des Betriebs eingesetzt wird, äußert sich an einem Tag, an dem er unter besonderer Hitzewirkung extrem schwierige, verschleißende körperliche Arbeit (Knochenarbeit) zu leisten hat, über seine Arbeit zufrieden. Es ist ihm offensichtlich unmöglich, in der Antwort die ihn psychisch und physisch bedrückende Situation dadurch zu verstärken, daß er sie sich auch noch bewußt eingesteht; er muß in seinem Bewußtsein die von der Arbeitssituation ausgehende Entfremdung kompensieren. An einem anderen Tag ist derselbe Arbeiter mit einer leichten Arbeit beschäftigt, er befindet sich jedoch in einem Streit mit einem der Betriebsvorgesetzten; er äußert vehemente Arbeitsunzufriedenheit. Diese Unzufriedenheit bezieht sich nicht auf den gegenwärtigen Moment, sondern auch auf alle früheren Tätigkeiten, die er in Erinnerung ruft. In der Phase einer Streikbewegung ist dieser Arbeiter aktiv und schaltet sich wortreich in den Arbeitskampf ein. In der Zeit betrieblicher Windstille erscheint er resigniert, bildet er seine Interessen in seinen Antworten nicht mehr ab, usw. Alle diese verschiedenen, in Worten aussprechbaren und nicht aussprechbaren Reaktionen bilden sein Bewußtsein und haben Einfluß auf sein Verhalten.“

Aus derlei verschiedenen, sich gegenseitig überlagernden Reaktionen ergibt sich nicht, was proletarische Öffentlichkeit, also ein Bewußtsein gemeinsamer Interessen und dessen Artikulation genannt werden kann.

Negt und Kluge sprechen zu Recht an dieser Stelle ihres Buches von einer Aporie:

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Wenn man äußere Organisationsformen, die die bürgerliche Welt bietet, wie etwa Gewerkschaften, als Teil der bürgerlichen Öffentlichkeit sieht, dann muß man nämlich gleichzeitig sagen, daß hier innerhalb dieser bürgerlichen Öffentlichkeit sich Möglichkeiten proletarischer Interessen und Erfahrungen anbieten; keineswegs ist hier nur eine Scheinpartizipation. „Auf sie können nicht nur die Apologeten des bestehenden Herrschaftssystems hinweisen, sondern die Arbeiter selber sehen mit Recht Teile ihrer Ansprüche hier eingelöst, andere Teile sehen sie als Zukunftsversprechen, dem Prinzip nach als zugestanden an. Diese Annahme der Arbeiter ist keine völlige Täuschung. Ihre Interessen sind wirklich in den Lebenszusammenhang der Gesellschaft einbezogen – so wie sie es auch in der künftigen Programm- und Bewußtseinsindustrie sein werden –, aber sie sind es als bloß objektive, als Gegenstände der Befriedigung verdinglichter Bedürfnisse. Die Integration beginnt damit, daß sie der bürgerlichen Familie nachgebildete Ehen führen; Sprache und Kultur der bürgerlichen Gesellschaft benutzen; Institutionen oder Organisationen – meist zentralistische – frequentieren müssen, um diesen Status quo zu halten. Es ergibt sich eine Aporie; sie können den Zustand dieser sie auf einen passiven Standpunkt beschränkenden proletarischen Öf-Standpunkt nicht aufgeben – sonst müßten sie sich von ihren Erfahrungen und Interessen, die in diesem Zustand organisiert sind und dessen Formen angenommen haben, trennen. Sie können diesen Zustand aber auch nicht beibehalten

So weit bleibt auch die Argumentation der Autoren überzeugend, und da wir es mit zwei klugen Marx-Kennern zu tun haben, taucht auch prompt zur Absicherung des eigenen Standpunktes jene besonders eindringliche und schöne Passage aus den deutsch-französischen Jahrbüchern auf, in der Marx davon spricht, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen müsse, um sie wirklich zu besitzen.

Hier nun müssen kritische Überlegungen zu den vorgelegten kritischen Überlegungen angebracht werden – Kritik dabei nicht als Einspruch, sondern als Zuspruch verstanden.

Wenn die Autoren nämlich in gelegentlich polemischem Ton aufklärerische Kulturkritik als „Fernsehhumanismus“ denunzieren, hier eine bloße Dämpfung des Bedürfnisses der Arbeiter sehen, dann stellt sich eine doppelte Frage: einmal, was sie denn selber mit einem solchen Buch anderes tun, zum zweiten, wo genau die neuen Inhalte der proletarischen Öffentlichkeit liegen.

Die erste Frage ist vielleicht die weniger wichtige. Mir scheint, daß die Autoren sich gelegentlich selber ad absurdum führen – einerseits wollen sie gerade jene Entfremdungserscheinung beenden, die sich in einer akademischen Sprache ausdrückt, „die die Erfahrungen der Intelligenz wiedergibt, in der sich jedoch die Erfahrung der Arbeiter nicht abspielt“. Sie verlangen eine andere Ökonomie des Redens und wissen (woher eigentlich?), daß „für die Ausdrucksform des Arbeiters die

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kürzeste Verbindung zwischen zwei Erfahrungen nicht die reine Logik ist“. Wenn man Oskar Negts frühe Untersuchungen gerade zu diesem Themenkreis kennt, überrascht es nicht, daß sich auch hier wieder ein Kapitel zu diesen Thema findet. Nur, ausgerechnet in diesem Kapitel finden sich dann nahezu parodienreife Beispiele für das, was Negt meint, wenn er von Sprachbarrieren spricht: „In dieser Sprache (der Arbeiterkinder) ist der Sozialisierungseffekt wichtiger als der Individualisierungseffekt des ‚elaborierten Sprach-Codes‘, wie ihn die Mittelschichtenkinder gewohnt sind. Die umgangssprachlichen Formen des restringierten Codes’, wie ihn die Arbeiterkinder in der Regel benutzen, entsprechen den symbolischen Repräsentanzen der objektiven Realität und der zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen sich die gesamte Sozialisationserfahrung dieser Kinder ausdrückt

Das führt direkt zu der zweiten gravierende! Frage: Was genau wird verlangt oder zumindest erwartet? Wenn Einigkeit darüber besteht, daß empirische Arbeiteröffentlichkeit (ob Fußballplatz oder Schmeißen von Runden in der Eckkneipe) vorläufig lediglich Variante bürgerlicher Öffentlichkeit ist; wenn beide Autoren gleichzeitig wiederholte historische Versuche der Arbeiterbewegung unrealistisch nennen, dann bleibt die Frage, wie nun genau diese „wirkliche emanzipatorische Bewegung“ aussieht.

Negt und Kluge, obwohl sie als Anwälte und Verbündete selber die Splittergruppe der politischen Linken sehen, wenden sich gleichzeitig durchgehend in ihrem Buch gegen „Aufklärung Sie gehen auf den berühmten Marx-Satz ein, radikal sein bedeute, die Dinge an der Wurzel zu fassen, und die Wurzel des Menschen sei der Mensch – und interpretieren ihn so, daß konsequenterweise die Radikalität der Analyse und des Kampfes sich nur nach unten verbreiten könne; es sei ein bürgerlicher Reflex, sie nach oben, zu den Ideen, Autoritäten hin zu verbreiten. Aber genau das tun die beiden Autoren, zum Beispiel mit diesem Buch.

Interessanterweise weichen die Autoren rasch in die Negativdefinition aus, wo ein Positiv gesetzt werden müßte. Wenn sie beispielsweise auf die Marxsche Definition des gesellschaftlichen Reichtums eingehen und zu seinen Hauptworten („Gesellschaftlichkeit“, „Kooperation“, „Freiheit“, „Bewußtheit“, „Universalität“, „Reichtum der Bedürfnisse und der subjektiven menschlichen Sinnlichkeit“) feststellen, daß sie unter den bestehenden Verhältnissen auseinanderfallen, dann muß man die Autoren so gut wie sich selber fragen: Wann und wo tun sie das nicht? Was heißt denn präzise: Universalität und Aufhebung der Arbeitsteilung, was heißt – bitte sehr – konkret die Aufhebung der Teilung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit? Es nützt mir wenig, daß an diesem Punkt des Buches, dem man sich ja mit einiger Aufregung genähert hat, weil hier seit Jahren offene Fragen behandelt werden, ein Voltaire-Zitat steht: „Dieses Reden von Freiheit, von Sonderrechten, setzt Unterwerfung voraus. Freiheiten sind die Ausnahmen der allgemeinen Knechtschaft.“

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Also wieder nur eine Negativdefinition – die positive, an der sich beide Autoren versuchen, ist keine: „Freiheit wird verstanden als eine materielle Einfügung des emphatischen Begriffs Freiheit, den das Bürgertum prägte, das diesen Begriff nie verwirklicht hat; sie umfaßt Autonomie, Identität durch die von Produzenten selbst bestimmte Produktion.“

Für jeden, der sich mit diesem Problem beschäftigt, gar herumschlägt, sind das leider Leerformeln. Genau bei diesen Postulaten halten wir – und der Rezensent nimmt sich keineswegs aus – seit Jahren, ohne sie je konkretisiert zu haben. Ein scheinbar so eingängig klingender Satz wie der von einer durch die Produzenten selbst bestimmten Produktion gibt letzten Endes nicht viel her. Da ja hier offenbar nicht einem hergebrachten Rätemodell das Wort geredet wird, wie, bitte sehr, sähe das denn dann aus? Warum, ohne Kampf seitens der Arbeiter, wurde einer der wenigen Versuche dieser Art aufgegeben, nämlich der nach dem Pariser Mai bei Renault? Und wie ging denn das einzige von den Autoren beigebrachte, aber nur in einer abgekürzten Fußnote angeführte Beispiel des Räteversuchs im Kernforschungszentrum Saclay aus? Es genügt eben nicht zu sagen, daß die Frage nach wahren Bedürfnissen die konkrete Anweisung enthält, falsche Bedürfnisse abzuwehren.

Mir scheint, hier liegt das Unfertige, das in jedem Sinne des Wortes Aufregende des Buches. Die Autoren argumentieren einerseits unentwegt gegen sich selber an, fallen sich gleichsam selber ins Wort und geben damit letztlich nur zu, daß über Negativbefund und Hoffnungspostulat nicht hinauszukommen ist. Was mit Sicherheit seine Ursache nicht in mangelnder Redlichkeit oder Intelligenz von Oskar Negt und Alexander Kluge hat, was vielleicht aber mit der historischen Situation zusammenhängt, auf deren Interpretation sie sich eingelassen haben.

Ein von ihnen durch Fettdruck hervorgehobener Satz führt genau diese Kalamität vor, nämlich den aufklärerischen Antiaufklärungsgestus und jene Utopie, die abgewiesen werden soll; solch ein Satz zeigt, warum das Buch produktiv ist auch in dem Sinne, daß es unentwegt Fragen produziert, und er gibt in nuce die Ratlosigkeit der Ratgeber wider, Zirkuskuppel oder nicht: „Eine Gegenöffentlichkeit, die sich auf Ideen und Diskurse mit aufklärerischem Inhalt stützt, vermag keine wirksamen Waffen gegen den Zusammenhang von Schein, Öffentlichkeit und öffentlicher Gewalt zu entwickeln. In dieser Situation werden die Kompensationen, die die klassische bürgerliche Öffentlichkeit gegenüber den öffentlichen Gewaltverhältnissen besaß, zunehmend unwirksam. Gegen Produktion der Scheinöffentlichkeit helfen nur Gegenprodukte einer proletarischen Öffentlichkeit; Idee gegen Idee, Produkt gegen Produkt, Produktionszusammenhang gegen Produktionszusammenhang. Anders ist es ausgeschlossen, die permanente Zustandsveränderung zu fassen, die die gesellschaftliche Gewalt in ihrer Hin- und Herbewegung zwischen kapitalistisch organisierter Produktion, Scheinöffentlichkeit und öffentlichem Gewaltmonopol

Wie zum Beispiel muß man sich die „Identität von Produktion und Prod

veranstaltet.“

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