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Erfahrung, Reflexion, Geschichtsarbeit

Oder: Was es heißen könnte, gebrauchsfähige Geschichte zu schreiben

1.

von Leora Auslander

Das Konzept „Erfahrung" und die Bedeutung von Reflexivität innerhalb histo- rischer, kulturanthropologischer und feministischer Theorien waren während der letzten fünfzehn Jahre heftig umstritten. Auseinandersetzungen über „Erfahrung", ihrerseits Teil der Debatte über Poststrukturalismus und Geschichte, wurden in

letzter Zeit am lebhaftesten innerhalb der feministischen Geschichtswissenschaft geführt. Die Kulturanthropologie ist jedoch die Disziplin, in der die Debatte über den Stellenwert, den ein/e Autorin in seinem/ihrem Bericht hat, am weitesten ent-

eine Tradition der Selbstrefle-

xion, die in den klassischen Arbeiten von Hortense Powdermaker und den jünge- ren Texten von Paul Rabinow, Jean-Paul Dumont, Paul Riesman und anderen deutlich wird. In den meisten dieser Texte - in den 70er und 80er Jahren entstan- den - sind die Teile, die sich mit „Erfahrung" und „Selbstreflexion" beschäftigen, sorgfältig von der jeweiligen „wissenschaftlichen" Monographie abgesetzt. 2 All diesen Büchern gemeinsam ist daher das Problem, daß sie aus zwei separaten Tei- len bestehen. Die Autorinnen sind der Strategie gefolgt, zwei Bücher zu schreiben:

eine klassische, wissenschaftliche Monographie und ein Buch, in dem sie über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen - und darlegen, daß in gewissem Sinne alles falsch ist, was sie in ihrer wissenschaftlichen Monographie geschrieben haben. Die Lektüre beider Bücher nebeneinander erzeugt ein äußerst unbehagliches Gefühl von Schizophrenie. Vergleichsweise besser erträglich ist die Strategie, die Vincent Crapanzano in „Tuhami: Portrait of a Moroccan" anwandte. Er versuchte, mit Hilfe der teilweise fiktiven Biographie eines Menschen, den er gut kannte, die Ge- schichte einer Kultur zu schreiben. 3

Parallel dazu haben feministische Wissenschaftlerinnen in den Vereinigten Staaten während der letzten fünfzehn Jahre eine Auseinandersetzung über „Erfah- rung" im Rahmen politischer Mobilisierungsprozesse und Wissenschaft geführt.

wickelt ist. 1 Unter Kulturanthropologinnen gibt es

1 Zum Thema „Erfahrung" als Objekt kulturanthropologischer Werke siehe auch den wichti-

gen Band: Victor W. Turnerl Edward Bruner fHg.), The Anthropology of Experience, Urbana 1986.

2 Paul Rabinow, Reflections on Fieldwood in Morocco, Berkeley 1977; Jean-Paul Dumont, The

Headman an I: Ambiguity and Ambivalence in the Fieldworking Experience, Austin 1978; Paul

Riesman,

Freedom in Fulani Social Life. An Introspective Ethnography, Chicago 1974.

3 Vincent

Crapanzano,

Tuhami: Proträt eines Marokkaners, Stuttgart 1981, (amerik. 1980).

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Dorothy Smith publizierte beispielsweise 1987 eine Sammlung ihrer Essays, die sie hauptsächlich in den späten 70er und frühen 80er Jahren verfaßt hatte. Hier legte sie auf elegante und komplexe Weise dar, wie entscheidend es ist, Erfahrung ernst zu nehmen, wenn man eine Soziologie entwickeln will, die den Herrschaftsformen

des späten 20sten Jahrhunderts

zungen zwischen feministischen Theoretikerinnen und Historikerinnen über „Er- fahrung", zwischen Joan Wallach Scott, Laura Lee Downs und Kathleen Can- ning, haben die Autorinnen die Frage des marxistischen Rahmens, in dem sich Smith's Arbeit bewegt, ebenso beiseite gelassen wie ihre Sorge darum, in welcher Beziehung der/die Theoretikerin zum Subjekt/Objekt seiner bzw. ihrer Studie steht. 5 Statt dessen konzentriert sich diese Auseinandersetzung auf die Beziehung zwischen Erfahrung und Sprache und darauf, ob „prädiskursive" Erfahrungen vorstellbar seien. Das Hauptanliegen besteht darin zu klären, welche Bedeutung Erfahrung bei der Wissensproduktion und also auch bei der Auswahl eines geeig- neten Subjektes/Objektes historischer Forschung hat. Wissenschaftlerinnen anderer Disziplinen, die im Kontext von Feminismus und Anti-Rassismus arbeiten, haben währenddessen versucht, Berichte über ihre per- sönlichen Erfahrungen in eine Analyse zeitlich oder räumlich entfernter Ereignisse zu integrieren. 6 Diese Wissenschaftlerinnen sind häufig von einer älteren Tradi- tion inspiriert, die vielleicht am deutlichsten in den bekannten Texten von W. E. B. Dubois und Frantz Fanon zutage tritt: Beide berichten, wie ihr intellektueller Werdegang durch die Erfahrung von Reaktionen anderer auf ihre schwarze Haut- farbe beeinflußt wurde. 7

gerecht wird. 4 Bei den neuesten Auseinanderset-

Selbst Texte, die für diese Gattung beispielhaft sind, bleiben jedoch merkwürdi- ge gespalten. Diskussionen darüber, ob es möglich oder erwünscht sei, die „per- sönlichen Erfahrungen" der Forscherin wie des Subjektes/Objektes der Forschung einfließen zu lassen, setzen sich selten damit auseinander, welchen Stellenwert die „persönlichen Erfahrungen" des/der Wissenschaftlerln bei den Recherchen und beim Schreiben des Textes haben. Ebenso wird in den Debatten über rhetorische Formen von Autorenpräsenz in akademischen Texten selten ausdrücklich erörtert, welche Bedeutung den „Erfahrungen" des Subjektes/Objektes innerhalb der je- weils erzählten Geschichte zukommt. 8 In diesem Essay will ich erläutern, was

4 Dorothy Smith, The Everyday World as Problematic, Boston 1987.

5 Joan W. Scott, The Evidence of Experience, in: James Chandler/Arnold I. Davidson/Harry

Harootunian (Hg.), Questions of Evidence: Proof, Practice, and Persuasion across the Disciplines,

Chicago

I Afraid to Walk Alone at Night? Identity Politics Meets the Postmodern Subject, in: Comparative Studies in Society and History 35/2 (1993), 414-437 ; Kathleen Canning, Feminist History after the Linguistic Turn: Historicizing Discourse and Experience, in: Signs 19/2 (1994), 368-399.

1994, 363-387; Laura Lee Downs, If „Woman " is Just an Empty Category, Then Why A m

6 Elsa Barkeley Brown, African-American Women's Quilting, in: Signs 14/4 (1989), 921-928;

Norma Field, In the Realm of the Dying Emperor, New York 1992; Thomas C. Holt, Marking:

Race, Race-making, and the Writing of History, in: American Historical Review 90 (1995), 1-20;

Patricia Williams, The Alchemy of Race and Rights, Cambridge 1991.

Fanon,

Peau noire, masques blanc, Paris 1952.

7 W. E.

B. DuBois,

The Souls of Black Folk: Essays an d Sketches, Chicago 1903; Frantz

8 Die Arbeit von Dorothy Smith stellt hier eine Ausnahme dar.

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mich beschäftigt - zum Ort von „Erfahrung" bei der Wissensproduktion. Ich werde dafür plädieren, beides zusammenzudenken als eine Strategie, um produk- tiver über beides nachdenken zu können: historische Forschungen ebenso wie zeit- genössische Analysen. Ich möchte zunächst den etwas ungewöhnlichen Weg einschlagen, die Entste- hungsgeschichte eines Buches wiederzugeben, das ich letztes Jahr beendet habe,

nämlich „Taste and Power: Furnishing Modern France" 9 . Ich erzähle sie in

Hoffnung, daß die Frage nach der Beziehung zwischen Erfahrung und Text da- durch besser erhellt wird, als dies durch einen abstrakteren oder distanzierteren Ansatz möglich wäre. Diese Methode habe ich nicht ohne Nachdenken und Zö- gern gewählt. Selbstkritik ist ja ein kompliziertes Genre, zugleich selbstverleug- nend und selbstverherrlichend. Ich habe es trotz dieser Gefahren gewählt, da das Risiko einer abstrakten Erörterung dieser zwei Bedeutungen von Erfahrung noch größer zu sein scheint. Desweiteren sind die Stärken und Schwächen der Selbstkri-

tik eng mit denen reflektierender Prosa verwandt und dieser Essay ist zumindest teilweise ein Versuch, über „erfahrene" Geschichte zu reflektieren und eine ihrer Versionen niederzuschreiben.

In der Einführung meines demnächst erscheinenden Buches habe ich versucht, das Projekt nicht nur innerhalb des Forschungsfeldes zu situieren, sondern auch als etwas vozustellen, das meiner „persönlichen Erfahrung" entstammt. Die Ein- führung orientiert sich daher an drei Erzählungen persönlicher Erfahrungen. Die- se sind, wie ich betone, genauso bedeutsam für meine Herangehensweise an die Problematik meines Buches gewesen, wie jedes der wissenschaftlichen Bücher, die ich gelesen, der Vorlesungen, die ich gehört, oder der fachlichen Ratschläge, die ich erhalten hatte. „Tatsächlich erwuchs dieses Buch aus meiner eingehenden Be- schäftigung mit der Dimension des Politischen im Alltag und aus meinem eigenen Alltag heraus, also: Modezeitschriften, Romanen, Zeitungen, Gesprächen, Städ- ten, Musik, Möbeln, Gebäuden, Werbung, Gemälden, Unterrichtsräumen, Kon- ferenzen, Tagungen und wissenschaftlichen Büchern." Weiter sprach ich in der Einführung vom „Wahrheitsgehalt" der ausgewählten Beispiele, sowie davon, wie repräsentativ sie sind: „Ich bin mir der Vielfalt der Erfahrungen, aus denen dieses Buch entstand, bis zu einem gewissen Grade bewußt, aber zweifellos habe ich an- dere, möglicherweise genauso relevante Erfahrungen ignoriert. Aber weil es hier nicht um die Enthüllung meines Selbst oder auch nur um Ehrlichkeit geht, son- dern vielmehr darum, dieses Projekt verständlicher zu machen, spielt die Unmög- lichkeit völliger Transparenz keine Rolle. Wie Wissenschaftlerinnen aus den vielen Texten, die sie gelesen haben, kritisch einige auswählen, um sie zu zitieren, so habe ich drei persönliche Erlebnisse ausgewählt, die ich hier wiedergeben möchte. Eines davon stammt aus dem Bereich der Produktion, eines aus dem des Konsums und das dritte läßt sich keiner dieser beiden Kategorien zuordnen." Ich stehe immer noch zu diesen Aussagen und zu diesem Projekt, aber inzwischen frage ich mich,

der

9 Leora Auslander,

Taste and Power: Furnishing Modern France, Berkeley, im Druck.

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wie meine Version von Reflexivität und der Gebrauch, den ich vom Konzept der Erfahrung gemacht habe, ausgesehen hätten, wenn ich nicht so von dem doppel- ten Wunsch getrieben gewesen wäre, einerseits mich selbst zu erklären und ande- rerseits den Beweis für die Vielfalt der Quellen zu erbringen, aus denen intellektu- elle Projekte entspringen.

2.

In meinem Buch, „Taste and Power: Furnishing Modern France" habe ich zu erfassen und analysieren versucht, welchen Bedeutungswandel Gegenstände, ins- besondere Einrichtungsgegenstände, im Kontext des sozialen und politischen Le- bens in Paris vom späten 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert durchmachten. Ich habe dann die Behauptung aufgestellt, daß solche Gegenstände für diejenigen, die sie herstellten, verkauften, kauften und beurteilten, eine unterschiedliche Bedeu- tung besaßen; daß Produktion, Vertrieb und Konsum gleichwohl interdependente Systeme waren, von denen keines Vorrang vor den anderen hatte; und daß jedes dieser Systeme und ihrer Interaktionen ebenso von der Form und Logik des je- weiligen politischen Herrschaftssystems wie von kulturellen und ökonomischen Strömungen bestimmt wurde. Schließlich behaupte ich, daß Geschmack und Stil die Kristallisationspunkte dieses komplexen dynamischen Prozesses waren. Das Buch diente also weniger dem Zweck, die ästhetische Form bestimmter Stil- oder Geschmacksrichtungen zu erklären, sondern dazu, den Ort von „Stil" und „Ge- schmack" bei der Herausbildung politischer und sozialer Ordnung sowie im Selbstverständnis der Menschen zu bestimmen. Es ist ein Buch, das zu mehreren wissenschaftlichen Disziplinen gehört, denn es beschäftigt sich gleichermaßen mit Arbeiterbewegungs-, Sozial-, Kultur-, Politik- und Geschlechtergeschichte. Daher handelt es zugleich auch von der Geschichte der Produktion und des Konsums, der Geschichte von Männern und Frauen, der Geschichte der Ökonomie, der Kul- tur und des Staates. Es ließe sich auch als kulturgeschichtlicher Beitrag einordnen. Endlich basiert es auf einem völlig banalen, unbedeutenden häuslichen Gegen- stand - Möbeln. Es ist keineswegs das Buch, das ich einmal zu schreiben vorhatte, als ich feministische Historikerin der Arbeiterbewegung war. Das Buch hat eine lange Geschichte. Sie begann auf der Ebene akademische In- stutionen mit einer Doktorarbeit an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Brown University, diese wurde unter der Leitung von Joan Wallach Scott 1984 be- gonnen und 1988 fertiggestellt. Nach mehreren Überarbeitungen kam der Text im Sommer 1993 zu einem ersten Abschluß; endgültig beendet wurde er im Frühjahr 1994. Der Entwurf dieser Dissertation verhalf mir zu meiner ersten Stelle als Tuto- rin an der Fakultät für Geschichte der University of Chicago. Als sie fertiggestellt war, wurde ich zum Assistant Professor befördert. Danach hatte ich sechs Jahre Zeit, um daraus ein annehmbares Buch zu machen, mit dem Ergebnis meiner un- befristeten Anstellung und Ernennung zum Associate Professor. Es war daher kein Buch, das in irgendeinem Sinne außerhalb fachlicher Zwänge geschrieben wurde. Dennoch wurde das Buch in der sturen und vielleicht irregeleiteten Über-

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zeugung erstellt, ich schriebe, was mir gefiele, ich schriebe, um mir über etwas klarzuwerden. Natürlich war ich begeistert davon, daß es mir als Doktorarbeit (neben der Unterstützung meiner Lehrerinnen) eine fabelhafte Stelle verschaffte und ebenso, daß es mir als Buch (neben der Unterstützung meiner Kolleginnen) gestattete, diese Stelle zu behalten. Ich weiß nicht, was ich heute davon halten würde, wenn ich (oder das Buch?) an einem dieser entscheidenden Punkte versagt hätte.

Vor einigen Monaten führte ich ein Gespräch mit einem Promotionsstudenten der Geschichtswissenschaft über sein Prüfungsthema „Feministische und schwule Theorie". 10 Diese Unterhaltung und die Tatsache, daß ich mich inzwischen im si- cheren Besitz einer Festanstellung befinde, brachten mich dazu, die Strategie, die ich in meinem Buch angewandt hatte, noch einmal zu überdenken. Wir sprachen über die oben erwähnte Erfahrungsdebatte innerhalb der feministischen Theorie, die der Student, Chad, für interessant und bedeutend hielt, gleichzeitig aber auch für frustrierend, insbesondere aufgrund dessen, was er in feministischer und schwuler Theorie über die Identitätsproblematik gelesen hatte. Chad war der An- sicht, daß die Debatte in einer Art und Weise festgefahren war, die er nicht voll- ständig artikulieren konnte. Während unserer Versuche herauszufinden, wie sich die Debatte seiner Ansicht nach hätte entwickeln sollen, stießen wir auf das Schweigen über die eigenen Erfahrungen der Wissenschaftlerinnen.

Ich erläuterte die Strategie, die ich in meinem Buch angewandt hatte, und machte deutlich, daß der Hauptteil des Buches keinen weiteren Bezug auf meine „persönlichen Erfahrungen" nehme, obwohl er zwischen abstrakten und konkre- ten Formen der Argumentation pendele. Meine drei Anekdoten in der Einführung würden also dazu dienen, das Projekt zu erklären und eine Behauptung über die komplexen Quellen aufzustellen, aus denen intellektuelle Arbeit gespeist wird. Die Wiedergabe meiner Erfahrung diene hingegen weder der Demonstration, der Ar- gumentation oder der Beweisführung, weil ich mich erst wieder im Epilog auf sie bezöge. Chad fand diese Strategie unzureichend und skizzierte im Gegenzug die Dissertation, wie er sie gerne schreiben würde. Er wollte an einem Projekt arbei- ten, das systematisch zwischen Gegenwart und Vergangenheit pendeln solle, seine Erfahrungen schwuler Lebenswelten und der Schwulenpolitik im Amerika der 90er Jahre und eine Geschichte des schwulen Lebens und der Schwulenpolitik in Amerika aufeinander beziehen würde. Dabei sollten eine bestimmte Zeit und ein bestimmter Ort, auf die er sich aber noch nicht festgelegt hatte, untersucht wer- den. Er zog jedoch das Fazit, daß er diesen Weg mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht einschlagen werde, weil er der Ansicht sei, daß er dann keine Anstellung finden würde. Wie er sagte, sei schwule Geschichte an sich schon riskant genug; schwule Geschichte jedoch, die mit rhetorischen Formen experi-

10 An amerikanischen Universitäten unterziehen sich Studenten, die einen Abschluß in Ge- schichtswissenschaften machen wollen, nach ungefähr zwei Jahren des Studiums einigen Prüfun- gen. Diese Prüfungen erstrecken sich über drei oder vier größere Themengebiete und sollen zeigen, daß der/die Studentin eine Anzahl empirischer und historiographisch/theoretischer Stoffe be- herrscht.

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mentiere und allgemein anerkannte Vorstellungen von Objektivität, Distanz und historischer Erzählweise zu eindeutig in Frage stelle, wäre definitiv inakzeptabel. Nach diesem Gespräch begann ich mich zu fragen, ob mein Text universitären Zwängen nicht weit mehr unterlag, als ich mir während des Schreibprozesses ein- gestanden hatte.

Hatte ich mir vielleicht die Vorstellung nicht erlaubt, ein Buch zu schreiben, das in einen konsequent durchgehaltenen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegen- wart eingetreten wäre, weil ich mir unbewußt darüber im klaren war, daß das zu riskant gewesen wäre? Daß das die Grenzen legitimer geschichtswissenschaftlicher Disziplin überschritten hätte? Ich wäre einer anderen Bedrohung ausgesetzt gewe- sen als Chad; seine bestand darin, daß es sich um ein Thema mit politischer Sprengkraft handelte, meine darin, daß mein Thema sich zu leicht als gleichzeitig zu weit und zu eng, als sinnlos oder trival hätte abtun lassen. Mir wurde klar, daß die besondere Form der Reflexivität und der besondere Gebrauch, den ich inner- halb dieses Buches von „Erfahrung" machte, zu einem sehr großen Teil von mei- nem Wunsch bestimmt waren, mich selbst zu erklären und die Leute davon zu überzeugen, daß es der Mühe wert sei, dieses Buch über ein „triviales" Thema zu lesen.

Dieses Bedürfnis zu überzeugen, läßt sich vielleicht auf die widersprüchliche Rezeption zurückführen, die mein Projekt beständig hervorrief. Einerseits brachte sie mir fachliche Unterstützung ein. Andererseits sagte man mir unaufhörlich, daß es ein verrücktes Projekt sei, undurchführbar oder unwichtig. Die Dissertation „funktioniere" nicht, wie man mir ziemlich brutal, wenngleich hilfreich, sagte, weil sie aus drei Büchern in einem bestünde: einem über Produktion, einem über Ver- trieb und einem über Konsum. Man riet mir, das Beste daraus zu machen und die Dissertation einfach aufzuteilen und damit jedes der drei Teile zu einem eigenstän- digen Ganzen werden zu lassen. Ich wies diesen wohlmeinenden Ratschlag zurück, denn was mich vor allem interessierte und an mir nagte, war die Bezie- hung zwischen Produktion, Vertrieb, Konsum und Geschmack. Ich hatte keinerlei Interesse daran, ein Buch über nur eines dieser Phänomene zu schreiben und war außerdem der Ansicht, daß man keines von ihnen isoliert, ohne eine Analyse der anderen drei, verstehen oder erklären könne.

Ich weiß nicht mehr, wer oder was mich schließlich auf den rettenden Einfall brachte - der im Rückblick banal und augenfällig wirkt - nämlich auf die Wich- tigkeit der Politik. In der Dissertation hatte politische Herrschaft kaum eine Rolle gespielt. Die Arbeit war hauptsächlich als sozioökonomische Geschichte geschrie- ben worden, so als käme es wenig darauf an, ob die Menschen in einer Monarchie oder einer Republik lebten. Ich entdeckte, daß es genauso unmöglich war, ohne systematisches Verständnis den Produktions-, Vertriebs- und Konsumzyklus zu untersuchen, wie es unvorstellbar war, ökonomische und soziale Zusammenhänge zu begreifen, ohne der Welt der „hohen Politik" Aufmerksamkeit zu schenken. Aufgrund dieses Gedankenganges war ich in der Lage, die Dissertation umzuar- beiten und in ihrer jetzigen Form vorzulegen. Aber die Anbindung an die hohe Politik erschien den Leuten auf den ersten Blick noch weniger plausibel als eine Geschichte der Möbel oder eine Analyse des Geschmacks aufgrund der Dynamik

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des Produktions-, Vertriebs- und Konsumprozesses. Ich war also nach wie vor da- mit beschäftigt, die Leute davon zu überzeugen, daß ich nicht verrückt sei. Während all dieser Phasen glaubte ich weiterhin an die Bedeutung einer reflek- tierenden Einführung, ungeachtet der Tatsache, daß ihr Inhalt sich veränderte. Ich hielt das für den besten Trick, die Leute davon zu überzeugen, daß dieses Buch in- teressant und das Projekt sinnvoll sei. Die Einführung in meine Dissertation enthielt zwei erklärende lebensgeschichtliche Episoden. Die erste war eine Analyse meines Lebens als Möbelschreinerin in Boston. Die zweite diskutierte das Verhält- nis, das meine beiden Großmütter zu Gütern im allgemeinen und Möbeln im be- sonderen hatten. Die erste erklärte, wie ich in gewissem Sinne durch meine Schrei- nerkollegen auf die Idee gebracht wurde, dieses Buch zu schreiben, als ich in den frühen Achtzigern einige Jahre als Möbelschreinerin in Boston und Umgebung ar- beitete. Ich zitiere hier die Episode in der späteren „Buch-Version":

„Zu Beginn meiner Arbeit in der Möbelfabrik nahm ich an, daß meine Kolle- gen um Arbeitszeiten, Löhne und Arbeitsbedingungen kämpfen würden, indem sie sich gewerkschaftlich organisierten. 11 Bald fand ich jedoch heraus, daß sie zwar für bessere materielle Umstände dankbar gewesen wären, aber in weit höherem Maße über die ästhetische Minderwertigkeit ihrer Arbeit entsetzt waren. Sie fan- den die Gegenstände, die wir herstellten, häßlich, unkreativ, kunst-, phantasie- und nutzlos, ohne Wert für die Welt. Die Antwort der Arbeiter auf diese Form entfremdeter Arbeit bestand nicht darin, sich kollektiv zu organisieren. Vielmehr blieben sie nach Ende der Arbeitszeit in der Fabrik, benutzten die Maschinen und entwendeten Holz, um in Schwarzarbeit Dinge herzustellen, die sie als schön und nützlich betrachteten. Zwei Kollegen bauten Gitarren, der eine akustische, der an- dere elektrische, während ein Dritter einen Schlitten aus Ahornholz fertigte, des- sen Kufen aus Bubingaholz (eine afrikanische Holzart) geschnitzt waren. Ein Vierter kleidete sogar das Innere seines '72 Fords mit Mahagonifurnier aus. Durch diese Gegenstände verdiente man sich den Respekt der anderen Arbeiter der Fa- brik; sie gaben Genugtuung, sie gestatteten ihnen, voller Stolz über ihr Können zu sprechen.

Diese Handwerker waren Meister in ihrer Kunst, aber sie wurden nicht dafür bezahlt, daß sie sie bei ihrer Arbeit sachverständig anwandten. Obwohl sie durch diesen Mangel zutiefst verstört waren, zogen sie überraschenderweise als Lösung überhaupt nicht in Betracht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Ihnen erschien es als einzig sinnvoller Ausweg, sich ihr Handwerk zurückzuerobern, indem sie Dinge herstellten, die sie für schön und nützlich hielten.

11 Ich arbeitete zunächst für F. W. Dixon in Woburn. Dieses Unternehmen beschäftigte 60 Ar- beiter und bestand aus einer Möbelschreinerei, einer Werkstatt, in der Architekturmodelle herge- stellt wurden, einer Werkstatt, in der neue Maschinen entworfen wurden, einem Ausstellungsraum und einem Designstudio. Danach war ich für Brouwer Woodworks in Boston tätig, die in Cam- bridge eine Schreinerei besaßen, die auf Wendeltreppen spezialisiert war und in Boston eine kleine Werkstatt hatten, in der wir Hartholzmöbel von guter Qualität in japanischem Stil herstellten. Zu- letzt war ich Mitglied der Emily Street Cooperative, einer Werkstatt, in der etwa fünfzehn Schrei- ner freiberuflich arbeiteten. Die großen Maschinen dort waren Kollektivbesitz, und das Holz wur- de gemeinsam eingekauft.

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Schmerzlich berührt von diesem anscheinend ausweglosen Leben, frustriert von meiner Unfähigkeit, etwas zu verändern und verärgert durch die Abneigung der Schreiner gegen Frauen in ihrer Branche begann ich, die ersten Fragen zu formu- lieren, aus denen letztlich dieses Buch entstand. Wie war es dazu gekommen, daß handwerkliche Arbeit bis zu einem Grade entwertet worden war, daß hervorra- gend ausgebildete und innovative Handwerker glaubten, sie seien dazu verdammt, häßliche und nutzlose Dinge herzustellen? Konnte diese Form ästhetischen Wi- derstands' eine wirksame Antwort auf entfremdete Arbeit sein, oder versuchten sie einfach nur, apolitische Lösungen für ein im Grunde genommen politisches Problem zu finden? Inwieweit beeinflußte ihre Wahrnehmung, daß sie bezahlt wurden, um Dinge zu produzieren, die keinerlei Wert besaßen, und wertvolle Ge- genstände nur in ihrer ,eigenen Zeit' herstellen konnten, ihr Selbstgefühl? Warum klammerten sie sich so entschlossen an die Bezeichnung/die Identität des Möbel- schreiners, wenn sie ihnen doch hinsichtlich ihres Lohns und der Befriedigung, die sie aus ihrer Arbeit zogen, so wenig einbrachte? Warum standen sie der Vorstel- lung, Werkzeuge, Maschinen und Werkhalle mit Frauen zu teilen, so feindselig, sogar furchtsam gegenüber, obwohl sie doch wußten, daß Frauenarbeit für sie keine ökonomische Bedrohung darstellte? Antworten auf diese Fragen schien es in der Werkstatt nicht zu geben, noch konnte man sie erlangen, indem man die Diskussion und das Nachdenken darüber ausschließlich auf die Gegenwart oder sogar auf den Kontext alltäglicher Erfahrung und allgemeinen Wissens be- schränkte." Diese Episode/Erklärung dafür, warum die Frage von Ästhetik, Sinn und Ar- beit mich zu quälen begann, ist soweit wahr. Aber als ich noch einmal über diese reflektierenden, introspektiven, „auf Erfahrung beruhenden" Geschichte nach- dachte, versuchte ich die Bedeutung all der Dinge zu verstehen, die ich unerwähnt gelassen hatte. Ich hatte nicht mitgeteilt, daß mein Wunsch, Möbelschreinerin zu werden, aus meiner Entfremdung vom akademischen Leben resultierte. Auch hat- te ich nicht erläutert, daß mich ein anderer „Aussteiger" der Mittelklasse bei mei- ner Suche nach einer Arbeit beraten hatte, die „wirklich nützlich" wäre (wie ich es damals formulierte, wenn ich mich recht entsinne). Von diesem Mann erfuhr ich, daß man eine Stelle als Handwerker am besten findet, indem man bei jeder Firma anruft, die im Branchenverzeichnis des örtlichen Telefonbuches unter „Möbel- schreinerei" aufgeführt ist, und zwar, indem man bei Ζ anfängt und sich zum A vorarbeitet, weil alle anderen sie von vorne durchgehen. Daher hatte ich auch we- der mein eigenes kulturelles Kapital offenbart, noch die Tatsache, daß ich Teil ei- ner relativ großen Anzahl von Menschen war, die das Verlangen hatten, auf der sozialen Leiter nach unten zu steigen, obwohl dies ein entscheidender Faktor für meine Einstellung zu dieser Arbeit und für die Einstellung meiner Kollegen mir gegenüber war. Auch streifte ich nur flüchtig die Klassenfeindschaft, die mich doch einerseits erzürnte und andererseits Schuldgefühle in mir weckte. Weder erklärte ich, noch dachte ich darüber nach, daß ich diese Anekdote mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in der Einführung meines er- sten - und daher für die Festanstellung erforderlichen - Buches wiedergegeben hätte, wenn ich „wirklich" eine Möbelschreinerin gewesen wäre, die später Histo-

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rikerin wurde, das heißt, wenn ich aus der Arbeiterklasse stammen würde und es mir bis zu meinem Eintritt in die akademische Welt an kulturellem Kapital gefehlt hätte. Wahrscheinlich hätte ich in diesem Falle gefürchtet, sie würde mich zu sehr in Frage stellen. Weiterhin beschrieb ich nur in äußerst distanzierter Sprache, was für ein Gefühl es war, ohne viel Federlesens zurückgewiesen zu werden, während ich mich durch das Alphabet vorarbeitete, bis ich schließlich zur Firma F.W. Dixon gelangte. Nur wenige andere Firmen waren bereit, mit einer Frau auch nur zu sprechen. Und nur in einer Fußnote fügte ich an, daß F. W. Dixon mich einzig und allein deshalb einstellte, weil die Firma infolge eines Regierungsauftrages der „Affirmative Action Policy" unterlag. 12 Endlich unterließ ich es, den vielleicht entscheidendsten Punkt zu erläutern: Ich konnte diesen ziemlich schlimmen Ar- beitsplatz schon nach bloßen fünf Monaten verlassen, weil ich Kontakte zu einer Gruppe namens „Women in Construction" (Frauen am Bau) geknüpft hatte. Die- se Gruppe beschäftigte sich damit, Frauen zu helfen, dauerhaft Arbeit in männli- chen Berufen zu finden. Von ihr hatte ich durch das feministische Netzwerk erfah- ren, innerhalb dessen ich lebte. All diese Aspekte des historischen Zusammenhan- ges, in dem ich mich befand, vernachlässigte ich zugunsten folgender Fortsetzung des Berichts:

„Auch die Geschichtsschreibung der Industrialisierung, der Arbeiterbewegung und der Arbeiterklasse - so faszinierend sie auch war und so viele Einblicke sie mir auch gewährte - beantwortete meine Fragen nicht erschöpfend. Während mei- ne persönliche Arbeitserfahrung mich gelehrt hatte, daß sich Bostoner Tischler des 20sten Jahrhunderts hauptsächlich darüber empörten, Gegenstände herstellen zu müssen, denen es an Schönheit und Nützlichkeit mangelte, gab es wenig Hin- weise auf ein derartiges Problem in der Geschichte des Handwerks im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Bedeutete dies, daß die europäischen Handwerker des späten 19. Jahrhunderts ausschließlich mit der Sorge um Arbeitszeiten, Löhne, Kontrolle des Arbeitsprozesses und Arbeitsbedingungen beschäftigt waren, wie es die Forschung unterstellt, oder hatten Arbeitshistorikerinnen, gefangen in ihrer eigenen Vision dessen, was Arbeiter hätten wollen .sollen', es unterlassen, die Vor-

12 Der Ursprung für „Affirmative Action" liegt in Artikel 7 des „Civil Rights Act" von 1964, der bestimmt, daß niemand bei der Anstellung in privaten und öffentlichen Unternehmen auf- grund seiner Rasse, Religionszugehörigkeit, Nationalität oder seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Dieses Gesetz verpflichtete auch zur Zahlung des gleichen Lohnes an Männer und Frauen. Im Jahre 1968 unterzeichnete der Präsident in Anbetracht der mangelnden Wirksamkeit des Artikels 7 die „Executive Order 11246", die „Affirmative Action" forderte. Diese „Executive Order" machte es jedem Unternehmen, das im Auftrag der Bundesregierung tätig wurde, zur Pflicht, festzustellen, wieviele Afro-Amerikaner (und Frauen - die nachträglich auch noch in die Order aufgenommen wurden) das Unternehmen in welcher Stellung beschäftigte. Wenn ein Unter- nehmen bei einer solchen Untersuchung feststellte, daß die Anzahl seiner afro-amerikanischen und weiblichen Mitarbeiter nicht deren Anteil an der Gesamtheit der Arbeitssuchenden (auf diesem speziellen Gebiet) entsprach, dann mußte es-ein Programm zur Steigerung dieser Zahlen vorlegen. (Eine Quotierung sollte nur als letzter Ausweg im Falle eines völligen Versagens und offensichtli- chen bösen Willens durchgeführt werden, auch wenn dies in den Medien völlig anders dargestellt wurde.) Das vorrangige Ziel der „Executive Order" bestand darin, Afro-Amerikaner in die ameri- kanische Gesellschaft und Ökonomie zu integrieren und auf diese Art die wachsende Verarmung der städtischen Bevölkerung zu bekämpfen.

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Stellungen und Sehnsüchte der Handwerker in ihrer vollen Bandbreite zu untersu- chen? Historikerinnen der Arbeiterbewegung haben zwar den Problemen der ,Dequa- lifizierung' und des Verlustes von Kontrolle über den Arbeitsplatz große Aufmerk- samkeit gewidmet. Weit weniger gründlich wurde jedoch untersucht, inwieweit Arbeiter durch das Herstellen von Produkten, die ihnen ästhetisch gefallen, Zu- friedenheit am Arbeitsplatz erlangen. Wenngleich Kontrolle über den Arbeitspro- zeß und Kontrolle über das Erscheinungsbild des fertigen Produktes verwandt sind, sind sie doch nicht dasselbe. Wenn einmal akzeptiert war, daß Arbeiter im 19. Jahrhundert ihre Arbeitskraft anstelle des Produktes ihrer Arbeit verkauften, ließen die Historikerinnen der Arbeiterbewegung die Beziehung zwischen diesen in entfremdeter Arbeit entstandenen Gütern und den Menschen, die sie herstell- ten, weitgehend unberücksichtigt. Und obwohl einige Historikerinnen in letzter Zeit begonnen haben, die systematische Ablehnung von Frauenarbeit durch die Gewerkschaften zu analysieren, haben sie sich nur zögernd der Frage zugewandt, welche Auswirkung die Vorstellung, Arbeit sei männlich, auf die Männer hatte, die in diesen Branchen tätig waren. Im Gegensatz zu den meisten Studien über die Arbeiterbewegung geht dieses Buch von der Annahme aus, daß die Gegenstände, die die Arbeiter produzieren, ihnen möglicherweise genauso viel bedeuten wie der Arbeitsprozeß, ihre Löhne und Arbeitsbedingungen. Und gleichfalls im Gegensatz zu den meisten anderen Historikerinnen der Arbeiterbewegung ist es außerdem mein Ziel, nicht nur die Beziehung der Arbeiter zu klassenorientierter Politik, sondern auch die ganze Bandbreite der Beziehungen der Arbeiter zu ihrer Arbeit und zu den Produkten, die sie herstellten, zu untersuchen. Warum wurden bestimmte Möbelstücke ge- baut, und was dachten und wie redeten ihre Hersteller über sie? Stellten Handwer- ker einfach das her, was sie für verkäuflich hielten, oder waren ihnen durch Man- gel an Technik, Kunstfertigkeit oder Material Grenzen gesetzt? Wie haben sich diese Möglichkeiten und Zwänge im Laufe der Zeit geändert, inwieweit schufen die Handwerker diese Veränderungen und wie reagierten sie auf sie? Inwieweit be- einflußte die nach wie vor männliche Definition des Handwerks den Ausdruck des Begehrens seitens der Handwerker, während sich die Rollenbilder änderten? Än- derte sich die Einstellung der männlichen Produzenten, als Möbel zu einem Kon- sumgut für Frauen wurden? Auf diese Fragen gab es in den vorhandenen Büchern der Geschichte der Arbeiterbewegung keine Antwort, weil es nicht die Fragen sind, denen sich man sich im Rahmen klassischer Produktions-, Arbeits-, oder Ar- beiterkulturgeschichte widmet." Wieder einmal war diese Sicht der Dinge auf ihre Weise durchaus zutreffend. Sie hatte jedoch die Wirkung, das Buch nur als individualisierte Geschichte zu „erklären", die eine aus dem Zusammenhang gerissene „persönliche Erfahrung" und die intellektuellen Traditionen einschlossen, auf die ich mich bezog. Der Preis für diese Strategie bestand darin, daß sie die politischen Bewegungen und Debat- ten verbarg, die diese Interpretation erzeugt hatten. Anstatt Vergangenheit und Gegenwart auf stringente Art miteinander in Verbindung zu bringen, erklärte die- ser rhetorische Kunstgriff eher meinen Ansatz und erhob auf verwickelte Weise

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Anspruch auf eine spezielle Art von Wissen aufgrund meiner „Erfahrungen" in der Fabrik. Heute wünschte ich, ich wäre mit meiner Analyse ein Stück weiter ge- gangen. Ich bin immer noch der Ansicht, daß ich diese Fragen ohne meine praktischen Arbeitserfahrungen niemals gestellt hätte und daß die Episode daher dazu dient, das Buch zu erklären. Es wäre aber auch interessant und wichtig gewesen zu ver- suchen, die Vergangenheit dazu zu benutzen, genauer über die Gegenwart nachzu- denken. Dazu hätte ich über „Affirmative Action" schreiben müssen, über die spezielle Kritik an institutionell produziertem Wissen, den Populismus und die Arbeiterfreundlichkeit der 70er Jahre sowie über die Frauenbewegung. Indem ich meine „Fabrikerfahrung" nicht in einen größeren Zusammenhang stellte, enthisto- risierte ich sie und machte sie auf falsche Weise einzigartig und persönlich. Inzwi- schen würde ich behaupten, daß diese Erfahrung - in der Fabrik zu arbeiten, diese Arbeit zu tun, meinen Kollegen zuzuhören - tatsächlich die Problematik meines Buches geformt hat. Aber diese Erfahrung formte das Buch nur so aufgrund der komplexen historischen Zusammenhänge, die diese Erfahrung reflektierte - Zu- sammenhänge, die das Entstehen des Buches eigentlich erst ermöglichten.

Diese Selbstkritik wird vielleicht durch die nächste Passage klarer, in der ich er- kläre, warum ich in diesem Buch auch den Bereich des Konsums behandelte:

„Sowohl die Fabrik wie auch die Forschung zur Arbeiterbewegung beantworte- ten meine Fragen nur teilweise, und auch in der Sekundärliteratur zur Arbeiterkul- tur stieß ich nicht auf Lösungen. Die Zwänge und Möglichkeiten, die das Leben meiner Arbeitskollegen bestimmten, schienen sogar zumindest genauso von der endlichen Bestimmung der Güter, die sie produzierten (oder zumindest von dem, was die Leitung des Unternehmens darunter verstand), beherrscht zu sein, wie vom Leben in Fabrik und Gemeinschaft. Einige unserer Produkte wurden an an- dere Arbeiter verkauft, aber die meisten nicht. Vorstellungen von den Bedürfnis- sen und Wünschen unterschiedlicher Konsumentengruppen sowie die Vertriebsor- ganisation waren für die Entscheidung, welche Gegenstände produziert werden sollten, von grundlegender Bedeutung. Aus diesem Grunde wäre es unangemessen gewesen, das Projekt entweder buchstäblich am Zaun des Fabrikgeländes oder auch an einer unsichtbaren Mauer, die die Grenzen der Arbeiterklasse bezeichne- te, enden zu lassen. Es war klar, daß jeder Versuch, den Arbeitsprozeß zu analysie- ren, ohne gleichzeitig das Konsumverhalten zu untersuchen, in Anbetracht der Zwänge, die die Marktvorstellungen des Managements meinen Kollegen in Wo- burn bei der Auswahl der herzustellenden Produkte auferlegten, zum Scheitern verurteilt war. Ich mußte mich mit der Nachfrage beschäftigen, das heißt sowohl mit dem strukturellen wie auch dem individuellen Aspekt des Konsumverhaltens. Die strukturellen Aspekte waren: Welchen Einfluß hatte das Konsumentenverhal- ten in seiner Gesamtheit - was zu welchem Preis gekauft wird - auf den Arbeits- platz. Der individuelle Aspekt zeigte sich in der Frage, weshalb die Menschen ein spezielles Produkt kauften, und was sie darüber dachten. Obwohl ich zwischen dem Strukturellen und dem Individuellen unterschied, weiß ich doch, daß sie mit- einander in Zusammenhang stehen. Zum Teil weiß ich das deshalb, weil ich anfing, über meine Großmütter, ihre Häuser und ihren Streit über Geschmack

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nachzudenken, während ich über den oben erwähnten Fragen grübelte. Und da- mit komme ich zu meiner zweiten Episode Als ich ein Kind war, hatte ich mich gefragt, warum meine beiden Großmütter nicht miteinander auskamen, und warum sie Geschmacksfragen benutzten, um ih- re Unstimmigkeiten auszudrücken. Ida, meine Großmutter väterlicherseits, pflegte Rose, meine Großmutter mütterlicherseits, zu beschuldigen, sie kaufe Dinge, die häßlich und gewöhnlich seien. Im Gegenzug beschuldigte Rose Ida, diese zeige ih- ren Snobismus, ihre Arroganz und ihren Ehrgeiz in ihren Anschaffungen. Dieser Konflikt und die Art, in der er sich äußerte, verwirrten mich um so mehr, als mei- ne Großmütter sehr ähnlichen Welten zu entstammen schienen. Trotz gleicher Herkunft hatten meine Großeltern mütterlicher- und väterlicher- seits jedoch völlig unterschiedliche Konsumgewohnheiten und ästhetische Aus- drucksweisen, als sie in ihren Sechzigern waren. Sie alle waren entweder osteu- ropäische Juden oder deren Kinder. Sie alle waren in Armut aufgewachsen, lebten aber als Erwachsene in besseren Verhältnissen. Bei beiden Ehepaaren trug die Frau die Hauptverantwortung für das Erscheinungsbild und die Sauberkeit des je- weiligen Wohnbereichs, ja sogar dafür, wer dorthin eingeladen wurde. Der Vater meines Vaters wurde Englischlehrer an einer New Yorker Highschool, und in den 30er Jahren erbte seine Frau, meine Großmutter, das bankrotte Geschäft für Installateurbedarf, das ihr Vater in Philadelphia gegründet hatte. Unter ihrer Leitung entwickelte es sich zu einem gewinnbringenden Unternehmen, so daß es in den 50er Jahren beide Großeltern ernährte und es ihnen ermöglichte, sich eine kleine Doppelhaushälfte zu kaufen. Meine Großmutter mütterlicherseits war zunächst als Heimarbeiterin für die Textilindustrie tätig und arbeitete später als Sekretärin bei der Marine. Ihr Ehemann, mein Großvater, war Chemieprofes- sor am Columbia College of Pharmacy. Während sie von der Lower East Side nach Brooklyn zogen, wohnten sie stets in kleinen Mietwohnungen; als sie sich schließlich in Miami zur Ruhe setzten, kauften sie eine bescheidene Eigentums- wohnung. In der zeitgenössischen soziologischen Klassenordnung waren meine Großel- tern väterlicherseits Kapitalisten, befanden sich aber aufgrund des geringen Um- fangs ihres Unternehmens am Rande des Kleinbürgertums. Meine Großeltern mütterlicherseits hätten wegen der Stellung meines Großvaters als Univer- sitätsprofessor der Bourgeoisie angehören müssen, wenngleich sie sich in der pro- blematischen Position höherer Angestellter befanden, deren kulturelles Kapital ih- re ökonomischen Ressourcen bei weitem übersteigt. Aber die Zugehörigkeit einer Familie und ihrer Mitglieder zu einer Klasse wird nicht allein durch die Beziehung des Mannes zu den Produktionsmitteln bestimmt. Selbstgefühl und Solidarität können sogar noch weniger durch Klassenzugehörigkeit bestimmt oder erklärt werden. Um die Ähnlichkeiten, Unterschiede und Konflikte zwischen den beiden Paaren zu verstehen, ist eine weit kompliziertere Erklärung erforderlich, in deren Verlauf man auch die anderen Aspekte ihres Lebens, abgesehen von ihrer Bezie- hung zu den Produktionsmitteln, in Betracht ziehen muß. Ein Unterschied zwischen den Paaren manifestierte sich in ihren divergierenden Ansichten über das, was als geschmackvoll galt. Der Streit darüber vermittelte ih-

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nen gleichzeitig auch eine symbolische Sprache für ihre Differenzen und konkreti- sierte diese. Meine Großeltern mütterlicherseits behielten den Geschmack ihrer Jugend ihr ganzes Leben lang bei. Jede ihrer Wohnungen war mit einer weißen Schlafzimmereinrichtung im französischen Landhausstil', Küchentisch und -Stühlen aus Resopal, einer mahagonifurnierten,,englischen' Wohnzimmereinrich- tung, einem Schlafsofa, einem Fernsehsessel und einem Fernseher ausgestattet. Trotz des mutmaßlich durch die Stellung meines Großvaters als Universitätspro- fessor erreichten Status lebten sie weiterhin mit ästhetischen Normen, die ein So- ziologe vermutlich als jene der Arbeiterklasse bezeichnen würde.

Ihr Selbstgefühl, das sie auch durch ihre Einrichtung ausdrückten, wurde ent- scheidend durch ihre religiöse Identität, ihre geographische Stabilität, ihre Inter- pretation der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und ihr soziales Umfeld bestimmt. Sie waren orthodoxe Juden und verließen die Stadt ihrer Jugend nur, um sich in einer Miniaturausgabe derselben in Florida zur Ruhe zu setzen. Sie wa- ren Mitglieder jüdischer Wohltätigkeitsorganisationen und waren hauptsächlich von anderen Juden umgeben, die aus ähnlichen Verhältnissen stammten. Mein Großvater sprach wenig über häusliche Angelegenheiten, meine Großmutter äußerte sich ausführlicher darüber, was sie kaufte und warum. Ihr Gespräch wur- de von Hinweisen darauf beherrscht, was ihre Freunde und Verwandten gekauft hatten und wo. Sie prahlte mit ihren „Schnäppchen" und schämte sich teurer An- schaffungen. In ihren Augen stellten sie eine Schwäche dar. Wenn sie ein günstiges Angebot entdeckte, dann teilte sie es ihren Freundinnen mit. Die gleichen Dinge zu besitzen wie ihre Nachbarin, machte ihr nicht nur nichts aus - es bereitete ihr Vergnügen. So benutzte Rose Möbel, Kleidung und Nahrungsmittel, um sich und ihre Familie fest in dem gesellschaftlichen Kontext zu verankern, in dem sie und viele andere ihrer Generation sich seit ihrer Zeit als junge Erwachsene in den 20er Jahren befanden. Sie waren der Armut entkommen und ihre Kinder würden sich, zum Stolze ihrer Eltern, fest in der Mittelklasse etablieren. Meine Großeltern selbst hingegen setzten sich für den Erhalt der Gemeinschaft ihrer Jugend ein, ei- ner Gemeinschaft, die damals zur Arbeiterklasse gehört hatte, inzwischen aber klassenübergreifend war. Gebrauchsgüter dienten ihnen weit mehr dazu, sich ih- ren Nachbarn anzugleichen, als dazu, sich von ihnen abzusetzen. Solidarität unter Konsumenten war hochgeschätzt, Wettstreit auf dem Umweg über Güter wurde mißbilligt.

Im Gegensatz dazu hatten meine Großeltern väterlicherseits mit den ästheti- schen Normen ihrer Jugend gebrochen und sich eine neue Definition dessen ge- schaffen, was ihnen als geschmackvoll galt. Ihre Einrichtung hätte der der Familie meiner Mutter nicht unähnlicher sein können. Ida und Charles zogen nach Phila- delphia und richteten sich ,modern' ein. In den 50er Jahren besaßen sie ein Haus, in dem modernes skandinavisches Design mit zeitgenössischen' amerikanischen Möbeln kombiniert war; sogar ein paar maßgefertigte Stücke standen darin. Das Eßzimmer war mit einer zeitgenössischen', nicht übermäßig verschnörkelten Birnbaumgarnitur möbliert, bestehend aus Tisch, Stühlen, Anrichte und Kredenz. Die Sitzgarnitur des Wohnzimmers hatte Beine und Armlehnen aus massivem Holz und war mit sorgsam ausgewählten, unterschiedlich gemusterten Stoffen be-

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zogen. Außerdem befanden sich dort auch noch ein Couchtisch aus Glas und Me- tall sowie maßgeschreinerte, furnierte Regale und Vitrinen, in denen einige ihrer bevorzugten Kristallskulpturen standen. Die Schlafzimmereinrichtung war mit dänischem Satinholz furniert und, genau wie die Möbel im Gästezimmer, im skan- dinavischen Stil gehalten. Im Keller des Hauses hatten sie sich außerdem ein klei- nes Tanzstudio mit Parkettboden und einer sehr raffinierten Musikanlage einge- richtet. Um den Geschmack meiner Großeltern väterlicherseits ausreichend zu erklä- ren, müßte ich auf die ungewöhnliche Rolle eingehen, die meine Großmutter bei der Übernahme der Firma ihres Vaters (und deren Schulden) hatte, ich müßte den daraus resultierenden Umzug fort aus New York erwähnen, ihre vergleichsweise

gute finanzielle Situation, ihre Verweltlichung, die intellektuellen Ambitionen mei- nes Großvaters und ihrer beider Liebe für das Tanzen. Auf den ersten Blick er- weckten sie den Eindruck, als hätten sie sich assimilieren wollen. Sie hatten auf- gehört, ihren Glauben zu praktizieren, sie kauften Möbel im .internationalen' Stil und hatten nichtjüdische Freunde. Aber diese Erklärung ist zu einfach. Sie hatten kein Interesse daran, sich von der WASP-Kultur absorbieren zu lassen 13 . Eher wollten sie sich von anderen absetzen, für die man sie hätte halten können, etwa von meinen Großeltern mütterlicherseits. Meine Großmutter eignete sich den Wortschatz ästhetischen Lobes der herrschenden Kultur (d.h. der Mittelklasse- WASPs) an, als da wären: Einfachheit, Eleganz, Qualität, reine Linienführung,

Originalität. Sie

verlieh aber diesen Worten eine neue Bedeutung. 14 Alles .Einfa-

che' war schön, alles,Bunte' war häßlich. (Das meiste, was Rose kaufte, verurteilte sie als ,bunt'). Dies waren Geschmacksurteile, denen die meisten Angehörigen der herrschenden Klasse zugestimmt hätten - bis sie die fraglichen Gegenstände sa- hen. Ida war unglaublich stolz auf ihr Haus und ihren Garten und zögerte nicht, auf die Einzigartigkeit, die Kosten, das Ausgefallene an ihren Anschaffungen und ihrer Inneneinrichtung aufmerksam zu machen. Ida strebte wie Rose danach, ge- sellschaftliche Bindungen durch Gebrauchsgüter zu knüpfen und zu konsolidie- ren. Im Gegensatz zu Rose suchte sie jedoch diese Bindungen herzustellen, indem sie sich von anderen absetzte und ihre Individualität hervorhob.

Beide Ehepaare benutzten also ihre materiellen Güter als Mittel zur Selbst- darstellung. Abgesehen von ihren Familienangehörigen waren die Betrachter ihrer Inneneinrichtung hauptsächlich andere Juden, die oft aus einer ähnlichen Gegend und einem ähnlichen Milieu stammten. Trotz der Verweltlichung des einen und der Frömmigkeit des anderen Paares wünschten beide, daß ihre Kinder Juden hei- rateten, und beide wollten auf jüdischen Friedhöfen bestattet werden. Bei beiden standen Gegenstände unverkennbar jüdischen Ursprungs in ihren Häusern an au- genfälliger Stelle. Meine Großmutter mütterlicherseits kaufte und benutzte Dinge, um sich mit anderen zu solidarisieren, mit denen sie sich identifizierte, und um

13 Anm.

d.

Ü.: WASP -

White Anglo-Saxon

schen angelsächsischen

Mayflower-Abkömmlinge.

Protestant; die Kultur der weißen,

protestanti-

14 Siehe auch

die

Beiträge

in:

Stuart

Hall/Tony

Jefferson

Youth Subcultures in Post-war Britain, London

1976.

(Hg.),

Resistance

through

Rituals:

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Beziehungen angesichts materieller Unterschiede zu schützen und zu stärken. Meine Großmutter väterlicherseits schuf sich eine Umgebung, durch die sie sich von denen distanzierte, denen sie zu ähneln fürchtete und vor denen sie zu fliehen versuchte, indem sie auf Individualität, Originalität, Modernität und Interna- tionalismus bestand. Aber es war gleichermaßen ein Prozeß der Unterscheidung von der herrschenden Kultur wie auch ihrer Nachahmung. Beide Prozesse erfor- derten einen komplexen Gebrauch von Gegenständen und der sie beschreibenden Worte. Das Konsumverhalten meiner Großmütter spiegelte nicht nur einfach ihren jeweiligen Platz in ihrer Welt wieder; gleichzeitig bestimmte und schuf es die- se Welt.

Dieses Konsumverhalten beschränkte sich nicht auf den Erwerb und das Zur- schaustellen der Güter selbst, ebenso wichtig war der Gebrauch, den man im Ge- spräch von ihnen machen konnte. Meine Großmutter mütterlicherseits schreckte davor zurück, sich abzuheben, anders zu sein, von ihren Verwandten und Freun- den aus ihrer Jugend abzustechen. Sie kaufte nicht nur die gleichen Dinge wie die anderen, sie sprach auch in derselben Sprache über sie und kritisierte diejenigen, die von der Norm abwichen. Meine Großmutter väterlicherseits hingegen wollte entweder nicht innerhalb der Gemeinschaft bleiben, in der sie aufgewachsen war, oder sie glaubte, es nicht zu können. Sie fand andere Gegenstände und andere Worte, mit denen sie diese beschrieb. Jedoch benutzten beide die Sprache des Ge- schmacks als Sprache gesellschaftlichen Werturteils, für Anschluß und Ausschluß. Wenn sie sich über einander ärgerten, nahm ihre Kritik oft die Form eines Ge- schmacksurteils an.

Infolgedessen waren meine Großmütter alles andere als passive Konsumenten, die gefügig kauften, was schlaue Werbefachleute ihnen empfahlen. Auch lösten sie sich keineswegs unauffällig im großen Schmelztiegel Amerika auf. Die Identität, die sie durch das Zurschaustellen von Möbeln in ihren Häusern konstruierten und ausdrückten, war komplex, gebrochen und daher keineswegs an Klasse, Religion oder soziale und geographische Herkunft gebunden. Wenngleich meine Großel- tern väterlicherseits ihren Geschmack in Ausdrücken beschrieben, die die ältere amerikanische Bourgeoisie als die ihren erkannt hätte, erfanden sie doch eine neue, persönliche, spezielle Ästhetik. Meine Großeltern mütterlicherseits trafen gleichermaßen ihre Wahl, auch wenn sie ein scheinbar weniger innovatives Kon- sumverhalten an den Tag legten. Sie entschieden sich für eine ästhetische Selbst- darstellung, die sie keinesfalls den Menschen entfremden konnte, die sie liebten. Sie entzogen sich willentlich einem Teil des amerikanischen Traums. Von gleicher Bedeutung ist dabei - obwohl inzwischen vielleicht eine Banalität - daß diese so- ziale Arbeit in den Aufgabenbereich der Frauen fiel."

Auch diese Darstellung ist wahr. Aber es fehlt ein Aspekt, der bei weiterem Nachdenken von entscheidender Bedeutung ist. Als ich anfing, Recherchen über mein Thema anzustellen, sprach ich unsicher bei der Betreuerin meiner Doktorar- beit, Joan Scott, vor. Ich sagte ihr, mir sei bei dem Thema unwohl, weil keine Frauen darin vorkämen. Soweit ich sehen konnte, war das Holzhandwerk im Frankreich des 19ten Jahrhunderts gänzlich in männlicher Hand. Weshalb schrieb ich, eine aktive Feministin, eine Dissertation über Männer? Sie beruhigte mich:

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„Die Frauen werden schon auftauchen, wenn Du nach ihnen Ausschau hältst". Am Ende des Gespräches war ich zwar nicht vollständig überzeugt, vertraute aber auf Joan und ihren Einsatz für die Frauenbewegung und beschloß, ihr zu glauben, da ich das Thema nicht aufgeben wollte. So kam es, daß mir schließlich meine Großmütter und ihre Geschichte einfielen. Dieser Gedankensprung wurde mir aber erst durch die Frauenbewegung, die Joan und andere ihrer Generation be- gründet hatten, ermöglicht; durch dieselbe Frauenbewegung, die ich und andere meiner Generation geformt hatten und die uns geformt hatte. Des weiteren war mein Verständnis für das Verhältnis, das meine Großmütter zu Gebrauchsgütern hatten, in Wirklichkeit viel tiefgehender durch die Arbeit an der Dissertation bzw. dem Buch geformt worden, als die Erzählung in der Einlei- tung erkennen ließ. Während meiner Arbeit an dem Buch veränderten sich die Anekdoten über meine Kollegen und meine Großmütter. Beide hatten zwar das Entstehen des Buches beeinflußt, aber das Buch und die Tatsache, daß sie darin erwähnt wurden, hatte diese Geschichten und die Bedeutung, die sie für mein eige- nes Leben hatten, nachhaltig verändert. Die Geschichten über Produktion und Konsum änderten sich, während ich sie immer wieder neu erzählte, und als ich das Buch beendet hatte, enthielt die Einführung noch eine weitere Episode:

„Während meiner Kindheit zog meine Familie mehrmals von einem Land und einem Kontinent zum anderen, und zwar in den Jahren, als ich gerade schreiben lernte. Am Ende hatte ich dreimal in drei verschiedenen Ländern schreiben ge- lernt: in den Vereinigten Staaten, in Uruguay und in Frankreich. Keine der jeweili- gen Erziehungskulturen konnte die Handschrift akzeptieren, die in einer anderen erlernt worden war. Alle waren sich einig, daß eine Handschrift eine bestimmte Form haben müsse, und alle versuchten, einen einheitlichen Stil durchzusetzen. Ich machte die Erfahrung, eine bestimmte Schrift gemeistert zu haben, nur um im nächsten Jahr mitgeteilt zu bekommen, daß ich dringend des Unterrichts bedürfe. Dies brachte mir zu Bewußtsein, daß die Ansichten über kleine Dinge, wie etwa darüber, wie jemand ein ,p' schrieb, gleichzeitig willkürlich und von großer Bedeu- tung waren. Die größte Bedeutung wurde dieser Angelegenheit offenbar in Frankreich zuge- messen, denn trotz konkurrierender Bemühungen war und blieb meine Hand- schrift schließlich am ehesten französisch. In allen drei Ländern wurde die kultu- relle Anpassung von Kindern an den Staat teilweise durch die Disziplinierung des Körpers, die eine Handschrift erforderlich macht, angestrebt. Die Franzosen wa- ren jedoch am beharrlichsten und auch am erfolgreichsten in dem Bemühen, mei- ner Handschrift den Stempel ihrer Nationalität aufzudrücken. Sowohl die Ent- schlossenheit wie auch das Geschick, mit dem französische Schulen meine Schrift umformten, erschienen mir einzigartig. Es handelt sich dabei um die Fähigkeit der französischen Kultur, etwas, das einer anderen Kultur entstammt, nach ihrem ei- genen Bild umzugestalten. Folglich ist die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, spezifisch französisch, auch wenn sie zeitweise Vergleiche anstellt und über Frankreich hinausweist. Dieses Buch möchte die betont französische Bindung an französische Lebensweise und die Rolle, die der Staat bei der Erschaffung dieser Lebensweise spielt, erklären."

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In meiner Dissertation kam diese Geschichte nicht vor, denn zu dem Zeitpunkt, als ich sie schrieb, schienen Fragen hoher Politik und des Nationalismus für mein Thema bedeutungslos zu sein. Ich habe den Verdacht, daß ich unter anderem des- halb so lange brauchte, um ihre große, ja zentrale Bedeutung für Angelegenheiten des täglichen Lebens, einschließlich der Bedeutung von Produktion und Konsum zu erfassen, weil ich damals nicht den Wunsch hatte, allzu gründlich über den Ein- fluß nationaler Unterschiede, wie sie auf staatlicher Ebene festgelegt werden, nach- zudenken. Die Zeit, die ich in dieser Geschichte in sehr gemäßigten Ausdrücken be- schreibe, war sehr schwer für mich. Die Bedeutung, die Politik für das Alltagsleben im modernen Frankreich hat, konnte ich erst erkennen, als ich die Bedeutung von Politik für mein eigenes Leben erkannte - und natürlich vice versa. Ich wurde poli- tisch und intellektuell in einer Zeit mündig, als hohe Politik als höchst verdächtig galt und man zu glauben wünschte, daß der Staat eigentlich keine Rolle spiele. Die Struktur der Dissertation, in der derartige Angelegenheiten deutlich fehlen, und das Buch, das von Veränderungen innerhalb des politischen Systems entscheidend beeinflußt ist, zeigen eine allgemeine - und nicht nur meine eigene - Abkehr von einem Weltbild, das heute wie gestern Soziales vom Politischen trennen kann.

3.

Beim Durchlesen meiner Analyse dessen, was ich in meinem Buch erreicht habe, wird mir klar, daß meine Ambitionen für das nächste möglicherweise andere sein werden. In „Taste and Power" habe ich versucht, die rhetorische Form der Refle- xivität einzusetzen, um mein Projekt zu erklären. Gleichzeitig wollte ich die Histo- rizität unserer eigenen geschichtlichen Interpretationen beweisen, indem ich de- monstrierte, wie meine eigenen „gelebten Erfahrungen außerhalb der Universität" das Projekt und das Buch genauso sehr beeinflußt hatten wie mein „Bücherwis- sen" und meine „Erfahrungen im Wissenschaftsbertrieb". Ich benutzte die Wie- dergabe meiner eigenen Geschichte und der des Projektes in der Einführung dazu, die Aufmerksamkeit meiner Leser zu wecken. Außerdem wollte ich ihre Skepsis gegenüber diesen Projekt überwinden, damit sie zu meinen Gunsten entscheiden und eine längere Untersuchung über die Bedeutung des Geschmacks für das so- ziale und politische Leben in Frankreich lesen würden. Nachdem ich sie dann durch Faszination (oder Verführung) für mich gewonnen hätte, wollte ich tief in die Vergangenheit eintauchen. Von der Gegenwart ist erst wieder im Epilog die Rede. Ich zeigte nicht auf, wie es gekommen war, daß die Forschung selbst die Wiedergabe meiner eigenen Erfahrung verändert und also auch etwas daran geän- dert hatte, welchen Stellenwert diese Erfahrungen innerhalb meines subjektiven Empfindens hatten. Auch ging ich weder darauf ein, in welcher Weise mein politi- sches Engagement und meine neueren Analysen diese Forschung beeinflußt hat- ten, noch darauf, was ich über die Gegenwart gelernt hatte, indem ich die Vergan- genheit untersuchte. Rückblickend wird mir klar, wie deutlich meine rhetorischen Strategien und meine Art zu denken selbst in dem Moment noch von wissen- schaftlichen Vorstellungen von Objektivität geprägt waren, als ich wähnte, sie in

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Frage zu stellen. Aufgrund der eigenen Definition ihrer Disziplin arbeiten Histo- rikerinnen mit der Vergangenheit: Sie versuchen, die Toten zu verstehen. Weder sollen sich die Historikerinnen selbst durch ihre Arbeit mit den Toten verändern, noch ist es ihre Aufgabe, die Gegenwart zu kommentieren und zu analysieren. In meinem nächsten Buch werde ich vielleicht ein ähnliches Ziel wie Chad ver- folgen, nämlich systematisch eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergan- genheit herzustellen und dabei ausdrücklich zu versuchen, beide zu beleuchten. Einen Text oder einen Autor des Narzißmus oder der „Nabelschau" zu beschuldi- gen, ist nur dann legitim, wenn es sich um reflektierende Erzählungen handelt, die ihre eigene Historizität leugnen. Es wäre jedoch eine aufregende Herausforderung, einen Bericht zu schreiben, in dem man selbst als historisches und fragmentiertes Subjekt, als teilnehmende/r Beobachterin seiner eigenen Zeit und zugleich als Betrachterin der Vergangenheit präsent ist. Dies könnte vielleicht auch neue Wege der Reflexion über die Beziehung zwischen Erfahrung, Wissen, Politik und Geschichte eröffnen. Heute, da wir Objektivität kritisch betrachten, neigen Historikerinnen zu der Behauptung, wir alle schrieben in gewissem Sinne natürlich immer eine Geschich- te der Gegenwart; aber ich bin nicht davon überzeugt, daß sie es auch alle wirklich so meinen. In der „Erfahrungsdebatte" unter Feministinnen, über die ich am An- fang dieses Essays sprach, geht es beispielsweise ausdrücklich um die Frage, ob Historikerinnen versuchen sollen oder können, die Erfahrungen der Toten zu er- fassen, oder ob es angemessener wäre, wenn man zu verstehen versucht, auf wel- che Weise die Toten zum Subjekt ihrer Erfahrungen wurden. Von gleicher Bedeu- tung ist, wie feministische Politik im „postfeministischen" Zeitalter aussehen kann und sollte, aber dieser Punkt steht derzeit nicht auf der Tagesordnung. Bei dem „Historikerstreit" in Deutschland ging es, wie Charles Maier aufzeigt, natürlich sogar noch augenfälliger ebenso um zeitgenössische Politik wie um die Vergangen- heit. 15 Ich würde vorschlagen, die inoffziellen Tagesordnungspunkte zu offiziellen zu machen und ausführlich über die Problematik einer Geschichtsschreibung zu spre- chen, die die Vergangenheit mit dem Ziel erforscht, ein besseres Nachdenken über Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. Ein wirksames Mittel, um sich für dieses Projekt zu engagieren, wäre eine dialogische Vision von Geschichte, in der die ei- gene Geschichte - die eigenen Erfahrungen - und daher das eigene Selbst sich gleichzeitig mit dem eigenen Wissen über die Vergangenheit ändern. Eine Ge- schichtsschreibung, die sich dem Dialog zwischen einem zur Gänze historisierten Selbst und Diskursen der Vergangenheit widmet, wäre hilfreich, weil eine solche Arbeitsweise dazu zwingt, sich der Komplexität der Beziehung zwischen Erfah- rung, Wissen und Politik zu stellen. Wenn wir mit dem introspektiven Prozeß be- ginnen, dessen Ziel es ist, die Gegenwart besser zu verstehen - die Kräfte, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind - dann können wir uns der Vergangenheit zuwenden. Aus diesem Grunde reizt es mich, in meinem nächsten Buch den Ver-

ls

Charles

Maier,

Die Gegenwart der Vergangenheit. Geschichte und die nationale Identität der

Deutschen, Frankfurt a. M/New York 1991 (amerik. 1988).

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such zu unternehmen, einen durchgehenden Dialog zwischen Gegenwart und Ver- gangenheit aufrechtzuerhalten, statt diesen Dialog nur in Einführung und Epilog herzustellen. Dagegen ließe sich einwenden, daß eine solche Strategie zu Anachro- nismen führen könnte; aber darauf möchte ich erwidern, daß die Frage des Anachronismus möglicherweise irreführend ist. Es wäre einfach eine Art, etwas, was wir alle ohnehin ständig tun, nur explizit zu tun, und deshalb, wie ich behaup- ten möchte, besser zu tun.

Eine solche Arbeitsweise böte nicht nur Gelegenheit, brauchbarere, nützliche Geschichte zu schreiben, sondern sie würde vielleicht auch verdeutlichen, warum es so entscheidend ist, daß Geschichte von Menschen mit unterschiedlichstem Er- fahrungshintergrund geschrieben wird und darum auch zeigen, daß „Affirmative Action" (bewußte Parteinahme) an Universitäten eine sinnvolle Sache ist. „Affir- mative Action" ist derzeit in den Vereinigten Staaten umstritten, insbesondere, wenn es darum geht, diese Praxis durch eine Logik kontextualisierten Wissens zu verteidigen. Sie ist bei der Linken umstritten, weil deren Wissenschaftlerinnen im- mer wieder angstvolle Fragen stellen, die Beklemmungen hervorrufen: Wie kann man gleichzeitig behaupten, daß die Identitäten der Menschen fluktuieren und sich verändern, daß „Frauen", „Männer", „schwarz" und „weiß" keinen festen Inhalt haben - eine Position, die zahlreiche linke Wissenschaftlerinnen, insbeson- dere Feministinnen, vertreten - und sich gleichzeitig für „Affirmative Action" an der Universität oder für Politisierung auf der Grundlage gleicher Interessen einset- zen? Zwar waren die Norm der Gerechtigkeit und herrschende Diskriminie- rungspraktiken die rechtliche Grundlage für „Affirmative Action", aber das über- zeugendere Argument bestand darin, daß Menschen, die die Welt aus unterschied- licher Perspektive erfahren haben, auf nützliche Weise andere Dinge über diese Welt zu sagen haben werden. 16 Ironischerweise werden solche Argumente für „Af- firmative Action" von der Rechten vielleicht für überzeugender gehalten als von der Linken. „Affirmative Action" wird von der Rechten angegriffen, weil sie bis zu einem gewissen Grade Wirkung gezeitigt hat - sie ist insofern „diskriminie- rend", als Frauen und Afro-Amerikaner an Universitäten arbeiten, die nicht dort wären, wenn es „Affirmative Action" nicht gäbe, und die eine Wissenschaft betrei- ben, die sich in der Tat von der unterscheidet, die früher betrieben wurde.

Ich möchte behaupten, daß Geschlecht, Sexualität und Rasse immer noch großen Einfluß auf unsere Erfahrungen mit der Welt haben, selbst wenn dieser Einfluß nicht klar umrissen ist. Wir können vielleicht davon ausgehen, daß per- sönliche Erfahrungen - die Erfahrung der Arbeit, des Gebärens, des Essens, des Ankleidens, des Laufens auf der Straße, des Musikhörens - generell eine Rolle bei der Entwicklung der Subjektivität spielen, und daß man einen Menschen umso besser kennt, je mehr man über seine Erfahrungen weiß. Wir sollten anerkennen, daß im Kontext einer Gesellschaft, die immer differenziert, selbst wenn sie nicht aufgrund von Rasse, Geschlecht oder Sexualität diskriminiert, diese Aspekte der

16 Siehe Thomas C. Holt, Experience and the Politics of Intellectual Inquiry, in: J. Chandler/ A.I. Davidson/Harootunian H. (Hg.), Questions of Evidence,: Proof, Practice and Persuasion across the Disciplines, Chicago 1994, 388-396.

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Identität eines Menschen seine „Erfahrung" mit der Welt, seine Ansichten über sie und die Form von Politik, von der er sich angezogen fühlt, sehr wahrscheinlich in hohem Maße prägen werden. Dabei können wir kein Wissen darüber vorausset- zen, wie diese Erfahrungen oder die Politik aussehen oder aussehen sollten. Die Erfahrung von Geburt und Mutterschaft, oder potentieller Geburt und Mutter- schaft, mag manchen Frauen dazu dienen, ihr Engagement auf den Barrikaden der „Pro-Choice"-(Recht auf Abtreibung) oder der „Right to Life"-Bewegung zu rechtfertigen. Gleichermaßen bringt die „Erfahrung", schwarz zu sein, manche dazu, für „Affirmative Action" und Gleichberechtigung der Rassen zu kämpfen, und andere dazu, das Lob der leistungsorientierten Gesellschaft und des Wettbe- werbs zu singen. Die Frage, warum unterschiedliche Menschen recht ähnliche „Erfahrungen" so völlig verschieden interpretieren, ist wirklich faszinierend und hat viele Historiker, Soziologen und Kulturanthropologen beschäftigt. Teilweise besteht die Antwort zweifellos darin, daß scheinbar gleiche Erfahrungen einander doch nicht so sehr ähnelten. Diese Divergenzen können auf verschiedenen Ebenen zum Tragen kommen, aufgrund unterschiedlicher innerster Erfahrungen, weil Zu- gang zu anderen Interpretationsschemata besteht oder aufgrund subtiler Unter- schiede zwischen scheinbar gleichen Erfahrungen. Wenn ich noch einmal auf die Auseinandersetzung zwischen Feministinnen über die Kategorie Erfahrung zurückkomme, dann um mich denjenigen anzu- schließen, die für einen fortgesetzten Gebrauch der Kategorie Erfahrung plädie- ren, wenn auch für einen sehr komplexen. Einer der Einwände von Laura Downs gegen Joan Scotts Analyse von Erfahrung ist, daß Scott in ihrem nachdrücklichen Beharren auf dem Diskurs die Möglichkeit leugnet, Unterdrückte könnten aktiv werden. Joan Scott betont tatsächlich die Diskursivität von Erfahrung - daß näm- lich eine Erfahrung, die nicht artikuliert wird, im Grunde nicht gemacht worden sei. Dennoch könnte man behaupten, daß Scotts Standpunkt weit mehr Hoffnung auf selbstbestimmtes Handeln der Unterdrückten bietet, als Downs glaubt, eben gerade weil Scott Essentialismus so völlig leugnet. Menschen eignen die Kategori- en, in die sie ihre Erfahrungen einordnen, durch ihre Wahrnehmung von Politik und durch soziale Kontakte an. Frauen, die in bestimmten Lebenszusammenhän- gen aufwachsen, zur Schule und in die Kirche gehen und Fernsehsendungen se- hen, die sie bestimmte Dinge lehren, werden ihre körperlichen „Erfahrungen" an- ders interpretieren als Frauen, deren „Erfahrungen" nominell dieselben sind, die aber ein völlig anderes Koordinatensystem zu deren Deutung besitzen. Vielleicht können wir die „Erfahrungen" anderer eines Tages besser verstehen, wenn wir genauer über unsere eigenen nachdenken und schreiben.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen von Susanne

und Sabine

Walter

Behrenbeck)

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