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BCR-Vorstandsmitglied W.

Gefährlicher Volkssport:
Schoiswohl über Marktverhält- Schmiergeld zahlen von der
nisse und Zukunftspläne Taufe bis ins Grab
Nr. 5/07.–08. 2010

politik • wirtschaft • gesellschaft

Die Wiederholungsflut
Foto: Adrian Cuba/Agerpres
editorial

Wer bezahlt die politik • wirtschaft • gesellschaft

Zeche?
impressum

herausgeber:
Punkto Press Service S.R.L.

geschäftsführender gesellschafter:
Alex Gröblacher

verlag und abo-service:


punkto@punkto.ro
Spiel ging auf, solange Geld die Wirt-
schaft am Leben erhielt. Mit der Finanz- redaktion:
krise wurde aus dem Geldregen ein Rinn-
sal, 2009 musste die neue Regierung Sabina Fati
sabina.f@punkto.ro
der Liberaldemokraten teure Darlehen
aufnehmen, um die früheren Defizite Sorin Georgescu
sorin.g@punkto.ro
von alex aufzufangen.
Alex Gröblacher
gröblacher Von dem enormen Wachstum hat alex.g@punkto.ro
besonders der Mittelstand profitiert, wir

W
Alex Sterescu
− ich zähle mich dazu − sind nicht alex.s@punkto.ro
as gerade in Rumä- schuldlos am jetzigen Debakel. Durch
Anne Warga
nien in der öffent- die Einführung der 16%-Flattax blieben anne.w@punkto.ro
lichen Debatte um jedem von uns bisweilen mehrere Hun-
die Staatsfinanzen dert Euro am Konto übrig, das Geld Aurelian Dochia
passiert, offenbart floss in Autos, Wohnungen, Stereoanla- Viorel Ili[oi
Heiner Krems
eine vollkommen gespaltene Gesell- gen und was der Handel noch so abgab. Annett Müller
schaft. Fast überall verlaufen Demarka- Unsere Geschäfte gingen gut, the Ro- Camelia Popa
tionslinien. Die Parteien sind hoffnungslos manian Dream war unser Rausch. Jetzt
zerstritten; Gewerkschaften, Arbeitge- werden wir zur Kasse gebeten, müssen korrespondenten:
berverbände, Zivilgesellschaft − alle wir zur Kasse gebeten werden. Wir dür- Alecs Dina (temeswar)
liegen sich in den Haaren. Der einzige fen die Schuld nicht auf andere abwäl- Ruxandra St`nescu (hermannstadt)
Punkt, in dem sich alle vollauf einig zen, weder auf Rentner noch auf Ärzte,
anzeigen:
sind, ist, dass etwas getan werden muss – Polizisten oder Lehrer. Ja, die Verwal-
doch was genau, weiß niemand so rich- tung muss abspecken, die Parteiklientel anzeigenleitung:
tig zu sagen. Dabei geht es eigentlich muss leiser treten, die öffentlichen Aus- Mariana Epure
um eine einfache Frage – wer bezahlt gaben müssen abnehmen, die Steuer- Tel.: (004) 0734 722 050
die Rechnung für die Austarierung der hinterziehung muss stärker bekämpft maria.e@punkto.ro
Defizite? Da hilft nur ein Blick in die werden, die Arbeit muss für die Unter- key account manager:
Vergangenheit: Das Vermächtnis der nehmen billiger werden. Aber das alles Florian Coman
Sozialdemokraten war Ende 2004 ein reicht nicht aus, bei Weitem nicht. Die Tel.: (004) 0763 638 855
florian.coman@punkto.ro
einerseits stabiles (das Haushaltsdefizit heilige Kuh der Flattax muss dran glau-
lag bei knapp über 2%), andererseits aber ben − so wie ihre Einführung die Ret-
art director: Alex Baciu
armes und unterentwickeltes Land (der tung aus der Perspektivlosigkeit war,
maximale Steuersatz erreichte 40%). Die muss ihre Abschaffung nun das Land druck: Master Print Super Offset
von den Liberalen geführte Regierung aus der Defizitkrise bringen. Es wird
setzte gewagt auf niedrige Steuern, hohe uns weh tun. Aber es führt kein Weg vertrieb: Premiere Consulting Press
Defizite und mehr Konsum − und das daran vorbei. premierepress@yahoo.com

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 3


inhalt

3. Wer bezahlt die Zeche?


Gescheiterter Misstrauensantrag: „Lauter
6. Paukenschlag: Verfassungsgerichtshof erklärt Renten- politische Vuvuzelas“
kürzungen für gesetzwidrig
Das Misstrauensvotum vom letzten Monat hat vor allem
7. Außer Spesen nichts gewesen
Regierungsumbildung bis Herbst vertagt
zweierlei offenbart:
Erstens hat die Regie-
8. Gescheiterter Misstrauensantrag: „Lauter politische rungskoalition im Parla-
Vuvuzelas“ ment ihre Mehrheit ein-
gebüßt und zweitens
9. Der Kommentar
scheint die politische Elite
Der Weg nach Nirgendwo
des Landes außer Gedöns
10. Machtkampf in der PDL: Welcher Flügel gewinnt? nichts bieten zu können. seite 8

11. PSD will „populären“ Misstrauensantrag


Machtkampf in der PDL: Welcher
12. Senatschef Geoan` will mehr „Kreativität“ in den
Beziehungen zu Russland
Flügel gewinnt?
Die Regierung wankt − sie hat in letzter Zeit allzu viele
13. Wirbel um neues Notdarlehen
Schwächen offenbart, für die sie im Herbst, nach Eröff-
14. Westerwelle lobt Sparkurs der Regierung nung der neuen Parlamentssession, zweifellos abge-
straft wird. Staatschef Băsescu nannte jüngst eine klare
15. Liberalen-Chef Antonescu: Bereiten mit der PSD Frist − bis zum 1. Sep-
die Plattform für ein „Not-Kabinett“ vor tember wolle er die
vom Kabinett wieder-
16. Opposition verpetzt Regierungspartei wegen
angeblichen Betrugs mit Agrarfonds bei der EU holt angekündigten
Sparmaßnahmen
17. Laszló Tökes zum Vizepräsidenten des EU-Parlaments seite 10 umgesetzt sehen.
gewählt

18. Sozi-Chef Ponta: „Faschisten an der Macht“


Der Steuerhammer!
19. Integritätsbehörde ANI wieder zahnlos
Der Staat muss angesichts seiner Strukturdefizite an beiden
20. Nationalbank: „Werden der Inflation den Krieg erklären“ Enden der Haushaltsgleichung justieren – Ausgaben
sollen gedrückt werden, Einnahmen steigen. Eckdaten
21. IWF-Exekutivausschuss genehmigt 5. Kredittranche dieser neuen Lage sind
Lohnkürzungen, eine
22. Run auf den Euro: Leu Ende Juni auf historischem Tief breitere Steuerbasis
23. Der Kommentar
und Mehreinnahmen
Good News, Bad News aus einer auf 24%
erhöhten Mehrwert-
24. „Viele Unternehmen agieren, als ob sich die Marktver- steuer. Doch wird die
hältnisse gar nicht verändert hätten“ Rechnung aufgehen? seite 36

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inhalt

27. EU-Finanzierung: Attraktive Chance oder bürokratische Falle?


„Wir gehen davon
aus, dass die 28. Rumänische Weinindustrie: Am Mythos „Weltniveau“
Kunden weiterhin kratzen Pansch-Weine
vorsichtig bleiben
und leichter 34. Rompetrol-Schulden: Kein Geld für den Staat, sondern
leidige Aktien
zugängliche und
vertrauenswür- 35. Kaufkraftstandards: Zweitgeringstes BIP in der EU
dige Produkte
nachfragen“ 36. Der Steuerhammer!

Interview mit OMV 38. Energieprojekt


Rumänien verhandelt über South-Stream-Teilnahme
Petrom Marketing-
Vorstand Rainer 39. Arbeitgeberschaft zur Mehrwertsteuererhöhung:
seite 40
Schlang „Es folgen Teuerungen, Konsumeinbruch, Arbeitslosigkeit
und Steuerhinterziehung“

Die Wiederholungsflut 40. „Wir gehen davon aus, dass die Kunden weiterhin vor-
sichtig bleiben und leichter zugängliche und vertrauens-
Verheerende Überschwemmungen werden in Rumänien würdige Produkte nachfragen“
langsam zur Regel: Ob in 2000, 2004, 2005, 2006, 2007,
2008 oder 2010 − mit 42. Investitionen in Banater Montantourismus − vorläufig nur
seite 46 Krisenträume
schöner Regelmäßig-
keit flimmern die Bilder 43. Wirtschaftsminister Videanu: „OMV Petrom-Anteilspaket
der Zerstörung über wird wohl im September verkauft“
die Bildschirme,
sprechen die Behörden 44. Unser täglich Brot
Krantz – eine deutsche Bäckerei in Hermannstadt
von einem „Jahrhun-
dert-Hochwasser“. 46. Die Wiederholungsflut

49. Reisetipps
Eierlegende Wollmilchsäue Tourismusattraktion rumänische Weinstraße

50. Gefährlicher Volkssport


Der Strauß kann zwar
52. Eierlegende Wollmilchsäue
gewichtsbedingt nicht
fliegen, ist aber durchaus 54. „Auf unserem Enthusiasmus liegt Staub“
fähig, die Geschäftsphan-
tasie rumänischer Tier- 56. Abergläubisches Europa: 44% der Rumänen glauben an
züchter zu beflügeln. Ein Zahlenmystik
Fabelwesen, dem statt
57. 35.000 Jahre alte Höhlenmalereien im Apuseni-Gebirge
Flügel 10-Euro-Scheine
entdeckt
wachsen und das golde-
seite 52 ne Eier legt. 58. Zahl des Monats

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in punkto politik

Mehrwertsteuer auf

Foto: Angelo Brezoianu/Agerpres


24% angehoben
Die durch das Urteil des Verfas-
sungsgerichtshofs in die Enge getrie-
bene Regierung hat Ende Juni not-
gedrungen die Erhöhung der Mehr-
wertsteuer von 19 auf 24% beschlos-
sen, um das Staatsdefizit, so wie mit Paukenschlag: Verfassungsgerichtshof
dem IWF vereinbart, bis Jahresende
auf 6,8% herunterzuschrauben. Die erklärt Rentenkürzungen für gesetzwidrig

D
Flat Tax wurde unverändert bei 16%
belassen, auch die Sozialabgaben blie- er Verfassungsgerichtshof Gerichtshof angerufen worden.
ben unangetastet. Am Standby-Ab- Rumäniens hat Ende Juni Nach der Urteilsverkündung forderte
kommen mit dem IWF und der EU der Regierung unter Minis- die Opposition den unverzüglichen
bzw. dem darin vereinbarten Defizit- terpräsident Emil Boc Rücktritt der Regierung: Das Kabinett
ziel werde nach wie vor festgehalten, eine empfindliche Niederlage bereitet: habe in allen Punkten kläglich versagt,
hob Ministerpräsident Boc hervor. Es erklärte zwei Artikel des Sparpakets, es müsse sofort zurücktreten, sagte PSD-
Durch die Rentenkürzungen um das die Regierung mit der Vertrauensfra- Chef Victor Ponta. PNL-Generalsekre-
15% sollten, dem Regierungschef ge verbunden hatte, für verfassungswid- tär Radu Stroe erklärte seinerseits, dass
zufolge, 1,3% des BIP eingespart rig − nämlich Art. 9 betreffend die Ren- das Urteil der 9 Verfassungsrichter „den
werden, es wäre die richtige Lösung tenkürzung um 15% und Art. 1, Paragraph Bankrott der Regierung unter Emil Boc“
gewesen, die das Problem des Staats- c) betreffend die Kürzung der Magistra- darstelle. „Diese Regierung, die sich aus
defizits an der Wurzel gepackt hätte. tenrenten. Die Lohnkürzungen um 25% purer Inkompetenz und Heimtücke an
Leider habe man diese Lösung infol- wurden hingegen als verfassungsgemäß den verfassungsmäßigen Rechten der
ge der Entscheidung des Verfassungs- beurteilt. Der Verfassungsgerichtshof Rentner und Staatsbediensteten vergreift,
gerichts verwerfen müssen. Aufgrund war nach dem gescheiterten Misstrauens- muss zurücktreten, das Abkommen mit
der auf 24% erhöhten Mehrwertsteuer antrag von den Sozialdemokraten, Libe- dem IWF neu ausgehandelt werden“, so
rechnet das Kabinett mit zusätzlichen ralen und dem Obersten Kassations- und Stroe.
Einnahmen von rund 4 Mrd. Lei.

Finanzminister Vl`descu: „Bedauere die


Maßnahme außerordentlich“
Schock und Erbitterung im Kabinett rierungen im Staatsapparat oder Renten-
über das Urteil des Verfassungsgerichts- haushalt vornehmen zu können, doch
hofs und die sich daraus ergebende ist uns das verwehrt worden“, rügte ein
zwangsläufige Steueranhebung: „Die sichtbar genickter Finanzminister das
Anhebung der Mehrwertsteuer stellt für Urteil des Verfassungsgerichts.
Rumänien keine gute Lösung dar. Die „Die jetzige Lösung der Anhebung
optimale Lösung wäre genau die gewe- der Mehrwertsteuer ist keineswegs die
sen, die der Verfassungsgerichtshof zu- von uns erwünschte, sie wird nun alle
rückgewiesen hat. Es gehört zu den Prä- Bürger des Landes treffen“, sagte Vl`-
rogativen einer Regierung, Umstruktu- descu.

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politik

Buhmann der Nation weniger gefährdet


Außer Spesen nichts gewesen − ein Kabinett unter einem neuen Mi-
nisterpräsidenten müsste nämlich vom

Regierungsumbildung bis Parlament abgesegnet werden, was der


PDL angesichts des knappen Ausgangs

Herbst vertagt

„V
beim Misstrauensvotum wohl kaum
schmecken dürfte.
Präsident und Regierungschef krieg-
ten bei der Klausurtagung jede Menge
ertraut mir noch dieses eine Mal“, soll Staatschef B`sescu laut Kritik zu hören: So beanstandete der
Insiderquellen die liberaldemokratischen Kabinettsmitglieder Vizepräsident der Abgeordnetenkam-
und Abgeordneten während der PDL-Klausur aufgefordert ha- mer, Ioan Oltean, dass in der PDL ein
ben, die wenige Tage nach dem gescheiterten Misstrauensvotum „Führungsvakuum“ herrsche, auch sei
stattfand. Bereits vor dem Misstrauensantrag der Sozialdemokraten hatten sich das Land „unregiert“. Emil Boc sei völ-
immer mehr Stimmen vehement für eine Regierungsumbildung ausgesprochen; lig isoliert, sämtliche Minister hätten
nach dem Votum, das vor allem den Verlust der Parlamentsmehrheit offenbar- sich den Rücken mit ihnen ergebenen
te, waren die Gemüter erhitzer denn je: „Wir haben dem Volk Zirkus gegeben“, „Gruppen und Grüppchen“ gestärkt und
schnauzte Senator Mihai H`rd`u seinen Partei- und Regierungschef an, „nun würden „eigene Wege“ gehen, klagte
müssen Sie ihm Blut geben.“ Oltean. PDL-Vizechefin Raluca Turcan
bemängelte das verheerende Image der
Foto: gov.ro

Regierung, das auch auf die Partei ab-


färbe: Die Öffentlichkeit nehme nur
den Regierungsakt wahr, sagte Turcan,
und der werde als inkohärent und inef-
fizient empfunden. Die Partei als solche
existiere in den Augen der Wählerschaft
gar nicht mehr.
Spar-Kabinett ab Herbst: Bald nur noch 8 Minister am Regierungstisch? Einig scheint sich die PDL zumindest
Zu guter Letzt rollten dann doch biniert werden − die Wirtschaft mit den in punkto Zukunft: Diese sehe düster
keine Ministerköpfe. Dem Staatschef Finanzen, das Kultur- mit dem Bildungs- aus, so der Staatschef, deshalb müsse
gelang es, die Parteimitglieder von der ressort, die Umwelt mit der Landwirt- schleunigst eine neue, unverbrauchte
Notwendigkeit einer bedingungslosen schaft. Die Zahl der Staatssekretäre wurde Führungsriege her. „Es ist an der Zeit,
Unterstützung des Kabinetts bis Anfang bereits auf maximal 2 pro Ministerium sich von mir loszulösen, ich kandidiere
September zu überzeugen. „Geben wir eingeschränkt, während die Posten der schließlich nicht mehr. Sucht euch neue
den Ministern 60 Tage, um das Sparpa- Ministerialberater ganz wegfallen. Als Führer, denkt an die Zeiten nach B`sescu
ket umzusetzen; sollten sie scheitern, Abschusskandidaten gelten im Herbst und Boc“, warnte der Präsident, der die
müssen sie gehen“, so B`sescu. Selbst nach wie vor Finanzminister Vl`descu, Einberufung eines nationalen Konvents
„die Saboteure im Kabinett“ würden Arbeitsminister {eitan, Bildungsminister empfahl, um 3 bis 5 neue stellvertretende
eine zweimonatige Gnadenfrist verdienen, Funeriu und Landwirtschaftsminister Vorsitzende zu bestimmen, die noch
um zu beweisen, dass sie noch im Diens- Dumitru. Auch über den Abgang des keine Regierungs- oder öffentlichen
te des Landes stünden, lenkte der Staats- beim Staatschef in Ungnade gefallenen Ämter inne hatten. Diese neue Riege
chef ein. Trios „BVB“ − Innenminister Blaga, solle dann umgehend versuchen, Partei
Im Herbst dürfte sodann ein „Spar- Wirtschaftsminister Videanu und Trans- samt Image bis zu den Kommunalwahlen
Kabinett“ mit maximal 8 Ministerien portminister Berceanu − wird weiterhin im Frühjahr 2011 so weit wie möglich
anstehen, die meisten Ressorts sollen spekuliert. Das Schicksal des Regierungs- aufzupolieren.
offenbar zu Doppel-Ministerien kom- chefs scheint dafür selbst als derzeitiger sorin georgescu, anne warga

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politik

chef für „bekloppt“, Innenminister Bla-


ga knurrte die Opposition an, angesichts
ihres erheblichen Beitrags zum ausgeufer-
ten Defizit gefälligst von ihrem „jung-
fräulichen Gehabe“ abzusehen, Vertei-
digungsminister Oprea hielt es für ange-
bracht, den PSD-Vorsitzenden als „gott-
los“ zu bezeichnen und vom Rednerpult
aus zu bedauern, Pate für dessen Kind
gestanden zu haben.

Foto: Cristian Nistor/Agerpres


Die Oberflächlichkeit um nicht zu
sagen Unbedarftheit der einheimischen
Politiker war selten so offenkundig wie
jüngst: Weder verlor der Regierungschef
ein Wort über seine Krisenstrategie für
die kommenden Monate, noch wartete
die Opposition mit irgendwelchen Al-

Gescheiterter Misstrauensantrag: ternativplänen auf. Das ewige Politiker-


gewäsch erinnere ihn an die nervigen
Tröten bei der Fußball-WM, Rumänien
„Lauter politische Vuvuzelas“ stecke leider voller „politischer Vuvuze-
las“, schlussfolgerte der dem sozialdemo-

D
kratischen Reformer-Flügel angehörende
as Misstrauensvotum von Mitte Juni hat vor allem zweierlei of- Soziologe Vasile Dâncu. Der gleichen
fenbart: Erstens hat die Regierungskoalition bestehend aus Libe- Meinung schien auch US-Botschafter
raldemokraten, Ungarnverband und Union für den Fortschritt Gitenstein zu sein: Rumänien brauche
Rumäniens im Parlament keine Mehrheit mehr inne, da ihr von ein transparentes, korruptionsfreies
insgesamt 471 Parlamentariern nur 197 Senatoren und Abgeordnete das Ver- Rechtssystem sowie eine Regierung, die
trauen aussprachen, und zweitens scheint die politische Elite des Landes außer berechenbare und rationale Entschlüsse
Gedöns nichts bieten zu können. treffe, sagte Gitenstein wenige Stunden
nach der Abstimmung im Parlament.
Fast hätte sich die Geschichte wie- vorausgegangen: Im Parlament bezich- Die Debatten über den Misstrauens-
derholt und Ministerpräsident Boc das tigten sich Machtinhaber und Opposi- antrag wurden von stundenlangen
gleiche Schicksal wie letzten Herbst tion gegenseitig der Korruption und Straßenprotesten begleitet − Tausende
ereilt: 8 Ja-Stimmen fehlten der Oppo- Inkompetenz, vor dem Parlamentssitz Beamte und Rentner demonstrierten bei
sition letztlich, um die Regierung zu griffen die protestierenden Gewerkschaft- brütender Hitze vor dem Parlamentssitz,
stürzen, 228 Parlamentsabgeordnete ler zu grotesken Ku-Klux-Klan-Mützen, rund zwei Dutzend Menschen erlitten
stimmten für den Misstrauensantrag der um Puppen, die die Kabinettsmitglieder Schwächeanfälle. Angesichts der ehrli-
Sozis, darunter auch 10 Umkipper aus darstellten, zunächst zu pfählen und chen Verzweiflung der Menschen hät-
den Reihen der Regierungsparteien. Zu danach zu verbrennen. Gegenseitige ten sich die Gewerkschaftler ihre billige,
Recht behauptete Emil Boc nach dem Schuldzuweisungen gab es im Parlaments- sozi-rote Kuklux-Klan-Vermummung
Misstrauensvotum dann auch, „keine plenum zur Genüge, geistreiche Reden allerdings sparen können, während die
Genugtuung“ über dessen Ausgang zu kaum: Dem Ministerpräsidenten fiel verbrannten Puppen auch nicht für Ab-
verspüren. nichts Besseres ein als zu erläutern, dass kühlung gesorgt haben dürften − weder
Der Abstimmung war ein halbtägi- „das Geld nicht auf Zäunen“ wachse, der Gemüter, noch der glutheißen Luft.
ger Klamauk in und vor dem Parlament Sozi-Chef Ponta erklärte den Regierungs- anne warga

8 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


politik

Misstrauen ist hingegen an der Tages-


Der Kommentar ordnung. Jeder misstraut jedem − die

Der Weg nach Nirgendwo


Regierungspolitiker einander, die Be-
völkerung den Politikern im Allgemei-
nen und der Regierenden im Besonde-
ren, die eine Oppositionspartei der an-
deren. Einziger Nutznießer ist bislang
Präsident B`sescu scheint seinerseits die ultranationalistische Großrumänien-
nach wie vor den Kauf gebrauchter US- Partei samt ihrem schrägen Chef Vadim
Kampfjets zu befürworten, die Bukarest Tudor, die in der Wählergunst mächtig
über 1 Milliarde Euro kosten würden, aufholen. Die Bürger selbst sind, trotz
sollte der Staat irgendwann mal wieder aller Missmut, zu keiner öffentlichen
zu Geld kommen. Tatsächlich muss die Solidarität bereit, die eklatante Schwäche
von
tom gallagher rumänische Luftwaffe ihren überholten der Zivilgesellschaft wirkt schmerzhaf-
Bestand bis 2013 modernisieren, doch ter denn je, während die Aussicht auf

M
hätte Bukarest zum gleichen Preis auch eine neue Partei gleich Null ist, da die
it ihrem Misstrauens- 24 brandneue schwedische Gripen-Jets Bürger längst nichts mehr mit der Poli-
antrag gelang der Op- haben können, deren Zahlung über 15 tik zu tun haben wollen.
position zwar ein über- Jahre und nach einer zweijährigen Gna- Die wenigen unabhängigen Medien-
raschendes Comeback, denfrist erfolgt wäre. Angesichts solch stimmen gehen inzwischen völlig unter
doch verdankt sie ihre Renaissance schwer nachvollziehbarer Beschlüsse im zornig-hysterischen Gezeter der
größtenteils den überstürzten Sparmaß- wächst auch die Skepsis gegenüber der Talkshow-Master privater Nachrichten-
nahmen der Regierung. Da die Liberal- Fähigkeit der Regierung, die Verschwen- richtensender. Anfang der 90er Jahre
demokraten (PDL) während den Wahl- dungssucht im öffentlichen Sektor dros- waren es die Printmedien gewesen, die
jahre 2008 und 2009 munter mit finan- seln zu können, die maßgeblich zum − mit wenigen Ausnahmen − Altkommu-
ziellen Anreizen um die Wählergunst ausgeuferten Staatsdefizit beigetragen nist Ion Iliescu durch gezielt geschürte
buhlten, stehen sie nun dumm da − selbst hat. Schon jetzt liegt auf der Hand, wie Ängste und Hysterie dermaßen unter-
ein gewiefter Kommunikationskünstler schwer sich die meisten Behörden tun, stützten, dass letzten Endes die blutige
hätte Schwierigkeiten, urplötzlich ein- wenn es darum geht, bei neuen Dienst- Niederschlagung seiner zahllosen Oppo-
leuchtend zu erklären, weshalb der Gür- wagen, Leibwächtern, Flach-TV-Gerä- nenten auf offener Straße möglich wurde.
tel nun enger geschnallt werden muss. ten, PCs oder sonstigen Annehmlich- Die große Gefahr, die Rumänien heute
Zwar hat die Regierung das jüngste keiten zu sparen. Auch hat sich seit droht, ist keine nackte Gewalt, sondern
Misstrauensvotum überlebt, doch droht Jahren eingebürgert, derlei Akquisen eine zunehmende politische Lähmung,
ihr dennoch weiterhin Gefahr − und nur bei Unternehmen zu tätigen, die zu der auch die Opposition nach Kräften
zwar aus den eigenen Reihen, da sie zwar völlig überhöhte Preise fordern, beiträgt. Wenn 2010 tatsächlich ein po-
voller opportunistischer Abgeordneter deren Inhaber dafür aber beste Verbin- litisches Patt-Jahr wird, dann dürfte sich
steckt. Denen missfällt, wegen der dungen zu den jeweiligen Machtinha- diese Handlungsunfähigkeit verheerend
schmerzhaften Einschnitte in Zukunft bern unterhalten. auf das Image, Rating und somit auf die
womöglich politisch draufzahlen zu müs- Wenigstens die Befürchtungen vor wirtschaftliche Genesung des Landes
sen. Allgemeine Verdrossenheit dürfte griechischen Zuständen auf den Straßen auswirken.
in der PDL auch infolge der unlängst Bukarests dürften sich im Kabinett in-
beschlossenen Trennung von Amt und zwischen gelegt haben. Die Gewerk- Der britische Politikwissenschaftler Tom
Privatinteressen herrschen, zumal die schaften sind nur noch ein blasser Gallagher von der Bradford University zählt zu
Geste bislang noch niemanden so richtig Schatten ihrer selbst, der Volks- und den führenden Rumänien-Experten Europas. 3
von ihrer Aufrichtigkeit überzeugen Gewerkschaftszorn fiel bislang äußerst der insgesamt 10 Bücher Gallaghers widmen
konnte. milde aus. sich dem postkommunistischen Rumänien.

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 9


politik

Analyse

Machtkampf in der PDL: Welcher Flügel gewinnt?

D
ie Regierung wankt − sie des Kreisrates Cara[-Severin und Initia-
hat in letzter Zeit allzu tor des PDL-Beitritts zur Europäischen
viele Fehler begangen und Volkspartei, scharen. Schließlich gibt es
Schwächen offenbart, für noch einen vierten Flügel − nämlich den
die sie im Herbst, nach Eröffnung der liberalen, dem ein weiterer PDL-Vize,
neuen Parlamentssession, zweifellos ab- Ex-Justizminister Valeriu Stoica, vorsteht.
Foto: S. Lupsa/presidency.ro

gestraft wird. Staatschef B`sescu nannte Der Staatspräsident ist sich nur allzu
jüngst eine klare Frist − bis zum 1. Sep- wohl bewusst, dass die vielen Flügel
tember wolle er die vom Kabinett wie- einerseits die Partei schwächen, anderer-
derholt angekündigten Sparmaßnahmen seits jedoch auch einen neuen Parteichef
auch umgesetzt sehen. Die Unzufrieden- herausfiltern könnten. Doch in Krisen-
heit des Staatsoberhaupts − selbst ehe- zeiten sind derlei Selbstfindungsprozesse
maliger Parteichef der PDL − bezüglich Wer gewinnt die Oberhand? und Machtkämpfe pures Gift, da sie ers-
etlicher Minister der Schlüsselressorts ist (v.l.n.r.) Staatschef Băsescu, Innenminister tens die Parteispitze von Lösungsfindun-
Vasile Blaga, Wirtschaftsminister Adriean
längst ein offenes Geheimnis, angezählt gen, einschließlich Kompromisslösun-
Videanu, Ministerpräsident Emil Boc
sind insbesondere der Innen-, der Fi- gen mit der Opposition, ablenken und
nanz- und der Transportminister. Auch portminister und Parteivize, und auch zweitens die Glaubwürdigkeit der Partei
der Abgang des Regierungschefs wird Emil Boc, Regierungs- und Parteichef − noch mehr untergraben. Folglich ist
von vielen Liberaldemokraten offen her- irgendwie ablenken, wobei es außer den klar, wer der Architekt des neuen Kabi-
beigeseht − so etwa nahm sich der Eu- Ministerportefeuilles wenig Rüben gibt, netts sein wird − wieder einmal der
ropaabgeordnete Cristian Preda kein die man vor deren Nasen baumeln lassen Staatschef, der die Wahl hat zwischen
Blatt vor den Mund und riet Emil Boc könnte. einer kosmetischen und einer tiefgreifen-
offen, sich nach einem neuen Job um- Bei einem Treffen mit Lokalvertretern den Regierungsumbildung, zwischen
zusehen. versuchte der Staatschef dann auch, die neuen Verhandlungen mit den Liberalen,
In der Regierungspartei gab es An- Partei auf derartige Änderungen einzu- um sie an den Regierungstisch zu locken,
fang Juli eine Vielzahl von Kabinettsva- schwören − Parteimitglieder mit Minis- und einem Technokraten-Kabinett, das
rianten, jede entsprach logischerweise terialposten hätten zu regieren, so B`- von der gesamten Opposition abgeseg-
den Interessen des Urheber-Flügels. Der sescu, während eine neue Führungsriege net und unterstützt würde. Einen Rie-
Flügel um Staatschef B`sescu zielt zur- versuchen müsse, das ramponierte Image senhaken hat der aktuelle Stand der Dinge
zeit eher auf eine Reformierung der Par- der PDL wieder aufzupolieren. Der allerdings: Egal, welchen Entschluss der
teispitze als auf eine schnelle Regierungs- Hardliner-Flügel ist jedoch nicht gewillt, Präsident auch trifft − er bedeutet offe-
umbildung ab. B`sescus sogenannte auch nur einen Deut seiner Macht ab- nen Krieg, sobald er die Macht der PDL-
„Intellektuellengruppe“ strebt nach der zutreten − weder auf Regierungs- noch Barone beschneidet. Letztere brauchen
Parteileitung, muss aber zu diesem Zweck auf Parteiebene. Ein dritter, sozusagen Traian B`sescu längst nicht mehr und
die alteingesessenen Barone − Vasile Bla- christdemokratischer, Flügel ist gerade sind nicht gewillt, seine Vormundschaft
ga, Innenminister und Generalsekretär im Entstehen begriffen − es handelt sich weiter zu akzeptieren. Wie der Staatschef
der Partei, Adrian Videanu, Wirtschafts- um alte, zumeist marginalisierte Liberal- diese Machtpersonen kaltstellen will, ist
minister und erster stellvertretender demokraten, die sich vermehrt um Par- und bleibt des Pudels Kern.
Vorsitzender, Radu Berceanu, Trans- teivize Sorin Frunz`verde, Vorsitzender sabina fati

10 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


politik
Foto: gov.ro

PSD will „populären“


Misstrauensantrag

M
it konkreten Lösungen unterschreibt“, sagte Ponta.
zur Defizitkrise wartet Bereits wenige Tage später stand je-
die Opposition zwar doch trotz emsiger Bemühungen fest,
nicht auf, sie scheint dass die PSD vor den Parlamentsferien
nach wie vor nur auf politisches Dauer- keinesfalls auf mehr als die 212 Unter-
hickhack spezialisiert: So gab sich der schriften der Opposition bauen konnte.
Vorsitzende der Sozialdemokraten, Vic- Liberalen-Vize Dan Radu Ru[anu winkte
tor Ponta, Ende Juni fest entschlossen, dementsprechend ab und äußerte, dass
seine Partei einen weiteren Misstrauens- ein „übereilter“ Misstrauensantrag keinen
antrag gegen die regierenden Liberalde- Sinn mache − er werde wenige Wochen
mokraten stellen zu lassen. Ponta schwebt nach dem Scheitern des ersten keinerlei
dabei ein Novum vor: Er wolle „eine Wirkung hervorrufen.
neue Art von Antrag“, nämlich einen Nichtsdestotrotz halten die Sozis an
„populären Misstrauensantrag“, womit ihrem „populären Antrag“ fest. Eine
wohl eine volksgestützte Aktion gemeint volksgestützte Initiative mit mindestens
ist. Der neue Misstrauensantrag werde 100.000 Unterschriften sei machbar, es
eingebracht, „sobald wir 236 Unter- könne eine Art Bittschrift werden, an
schriften gesammelt haben“ − er hoffe, der sich „zahllose Bürger, NGOs und
dass dies „ spätestens im August oder Volontäre“ beteiligen. Daraus könne
September“ der Fall sein werde. „Ich sich letztlich sogar eine „Massenbewe-
will, dass die Unterschriften überall im gung“ ergeben, ereiferte sich Senatschef
Land, in allen Wahlkreisen, einschließ- Geoan`.
lich jener der PDL-Abgeordneten, ge- Die Idee stieß auch beim Ehrenvor-
sammelt werden. Dieser Misstrauens- sitzenden der PSD, Ion Iliescu, auf
antrag soll durch allgemeine, landeswei- Wohlwollen: Es sei richtig, den „Volks-
te Bemühungen zustande kommen. willen“ während der Parlamentsferien
Fernsehsender sollen mitmachen und zu verbriefen, im Herbst könne die An-
auch die Gewerkschaften; jeder Bürger tragsschrift der Wählerschaft dann kon-
soll Druck auf seinen Abgeordneten kret zum Einsatz kommen.
ausüben, damit derjenige den Antrag anne warga

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 11


politik

UNPR: Senatschef Geoan` will mehr „Kreativität“


„Unterstützen die in den Beziehungen zu Russland

S
Regierung weiterhin“ enatsvorsitzender und Ex-

Foto: Mircea Moiră


Sozi-Chef Mircea Geoan`
Die der Regierungskoalition an- hat letzten Monat anläss-
gehörende Union für den Fortschritt lich des Nationalfeiertags
Rumäniens (UNPR) will das ange- des Russischen Föderation „mehr Kre-
schlagene Kabinett unter Minister- ativität“ zwecks Festigung der Bezie-
präsident Boc weiterhin unterstüt- hungen zwischen Russland und Rumänien
zen: Zwar habe man sich als Links- gefordert. Rumänien sei keineswegs das
partei entschieden gegen die Renten- „einzige Land mit sich aus der Geschich-
kürzung ausgesprochen und in die- te ergebenden, komplizierten Proble-
men“ und da sich selbst das „leidgeprüfte
Foto: Alex Tudor/Agerpres

Polen“ nach der Tragödie von Smolensk


über „gewisse historische Hemmungen“
habe hinwegsetzen können, sehe er nicht
ein, weshalb Rumänien das nicht auch
tun könne, sagte Geoan`. „Wir müssen
mehr Kreativität in unseren Beziehun-
gen zu Moskau an den Tag legen. Zwi- des Föderationsratsvorsitzenden Sergej
schen Bukarest und Moskau muss end- Mironow Folge leisten und Moskau be-
lich Tauwetter eingeläutet und der poli- suchen zu wollen. Geoan` hatte bereits
tische Dialog wieder aufgenommen wer- letzten April einen geheimen Besuch in
den“, die gegenwärtige Eiszeit helfe kei- Moskau absolviert, damals war der so-
sem Sinne auch das Urteil des Verfas- ner der beiden Seiten. zialistische Präsidentschaftskandidat mit
sungsgerichtshofs begrüßt, das letz- Der Senatschef gab des Weiteren be- Beratern des russischen Präsidenten
ten Endes „die eigenen Bedenken be- kannt, im diesem Herbst der Einladung Medwedew zusammengetroffen.
stätigt“ habe, doch werde man nichts-
destotrotz weiterhin zur gegenwärti-
gen Regierung stehen und diese nach
Kräften unterstützen, sagte UNPR-
Kein Geld für F16-Kampfjets
Chef Marian Sârbu. „Rumänien steht Satz mit X − das war wohl nix: Fi- leisten zu können. „Für die F16 ist kein
vor dem Abgrund, das Land braucht nanzminister Sebastian Vl`descu zu- Geld da ... Ich sehe nicht, woher Rumä-
Stabilität. Wir beabsichtigen nicht, in folge verfügt Rumänien zurzeit nicht nien 1% seines Bruttoinlandsprodukts
diesen Krisenzeiten zu kneifen“, über die Geldmittel, um sich die 24 ge- auf militärische Projekte und Akquisen
stellte Sârbu klar. brauchten US-Kampfjets vom Typ F16 aufwenden könnte“, sagte Vl`descu letz-
Davor hatte die UNPR allerdings ten Monat.
mit ihrem Rücktritt ab dem 1. Januar Der Oberste Verteidigungsrat des
2011 gedroht, sollte sich die Lohn- Landes hatte im März der Kauf von 24
und insbesondere die Rentenkürzun- gebrauchten Kampfjets vom Typ F-16
gen nicht − wie eingangs von Regie- aus den USA für rund 1,3 Milliarden
rungschef Boc versprochen – nur als US-Dollar beschlossen, die ersten
„zeitweilige, bis Jahresende gültige Kampfflugzeuge sollten 2013 geliefert
Maßnahme“ erweisen. werden.

12 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


politik

Wirbel um neues Notdarlehen


IWF-Reaktion: „Keine gute Lösung“

I
nnenminister Vasile Blaga sorgte vor wenigen Wochen für erheblichen Wirbel − aus seiner Sicht müsste ein neues
Notdarlehen des Internationalen Währungsfonds (IWF) her, ein zinsgünstiger Kredit der Finanzinstitution sei auf
jeden Fall den viel teureren Anleihen von den internationalen Märkten vorzuziehen. Es sei dies am Regierungs-
tisch zwar noch kein Thema gewesen, jedoch befürworte er persönlich die Unterzeichnung eines neuen Standby-
Abkommens mit dem IWF, so der liberaldemokratische Hardliner. Selbst bei einer zügigen Umsetzung der Sparmaßnahmen
würde das Defizit immer noch bestenfalls bei 6,8% des BIP liegen, was einem Finanzierungsbedarf des Staates von 8,4 Milliar-
den Euro entspreche. Ein weiterer Kredit über 5,5 Milliarden Euro wäre deshalb sinnvoll, so Blaga, die restlichen 3 Mil-
liarden könnten vom heimischen Markt beschafft werden.

Tags darauf pflichtete auch der Wirt- Wenn über- Foto: Mircea Moiră

schaftsminister seinem Kollegen bei − haupt, so wäre eher


ein neues Abkommen mit dem IWF sei eine „precaution-
auf jeden Fall „willkommen“, sagte Adri- ary“ Kreditfazilität
ean Videanu, ohne jedoch auf das The- empfehlsam, erläu-
ma näher eingehen zu wollen. Davor terte der Finanzex-
hatte Staatschef B`sescu als Erster die perte. „Ein Ab-
Möglichkeit eines weiteren Notdarle- kommen vom Typ
hens angedeutet, seine Aussage mutete precautionary setzt
allerdings eher als Mahnung denn als keine Geldtranchen
Empfehlung an: Rumänien blühe ein mehr voraus, die
neues Notdarlehen, falls die Regierung angesichts der soli-
es nicht schaffe, die Ausgaben der Staa- den Reserven der
tes ausreichend zurückzufahren, so der Nationalbank auch
Präsident. nicht vonnöten wä-
Dem heimischen Rummel bereitete ren. Es zielt auf
schließlich der IWF ein Ende: Ein neues eine Kooperation in verschiedenen, ge- Standby-Abkommen vorgesehenen Mil-
Darlehen sei „derzeit keine gute Lösung“ meinsam festgelegten Bereichen ab − wie liarden erhalten, davon gingen 2,1 Mil-
verlautbarte Rumäniens Vertreter beim etwa die fiskalische Konsolidierung, Struk- liarden Euro an das Finanzministerium
IWF, Mihai T`n`sescu. Es sei völlig ver- turreformen oder die Festigung des Fi- zum Stopfen der Defizitlöcher. Allerdings
früht, über ein weiteres Abkommen zu nanzsystems“, so T`n`sescu. Wohl ein- hatten die internationale Finanzinstitu-
sprechen, da das aktuelle ja noch bis gedenk des desaströsen Krisenmanage- tion von Anfang an darauf hingewiesen,
2011 laufe, zudem seien die Behörden ments der derzeitigen Exekutive stellte dass dies eine absolute Ausnahme ange-
gut beraten, danach von einem weiteren der IWF-Vertreter letztlich jedoch eine sichts der heimischen Defizitmisere ge-
Standby-Abkommen abzusehen. Durch „flexible Kreditlinie“ in Aussicht, deren wesen sei − die Restsumme habe wie
die Blume gab T`n`sescu damit der Re- Vorgaben „je nach der Umsetzung der vereinbart an die Nationalbank zu gehen,
gierung in Bukarest zu verstehen, weni- aktuellen Auflagen des IWF festgelegt die damit einerseits das Kreditgeschäft
ger an neue Kredite und mehr an die werden könnten“. anzukurbeln und andererseits die Lan-
Umsetzung des eigenen Sparpakets sowie Bislang hat Rumänien vom IWF 10,4 deswährung stabil halten soll.
an weitere Strukturreformen zu denken. Milliarden Euro der insgesamt 12,95 im anne warga

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 13


politik

Korruption gefährdet Westerwelle lobt Sparkurs der


Landessicherheit Regierung
Die vor kurzem vorgelegte Ver-

D
teidigungsstrategie des Obersten eutschlands Außenminister

Foto: S. Lupşa/presidency.ro
Landesverteidigungsrates zählt die und Vizekanzler Guido West-
einheimische Korruption zu den erwelle, der letzten Monat
Hauptrisikofaktoren für die Sicher- einen Rumänien-Besuch unternahm,
heit des Landes. Rumäniens Sicher- fand lobende Worte für die Bemühun-
heit werde von einer Vielzahl von gen der rumänischen Regierung, das
Faktoren wie Terrorismus, Extremis- ausgeuferte Budgetdefizit senken und
Bundesaußenminister Westerwelle und
mus, Massenvernichtungswaffen, or- zu einer ausgeglicheneren Haushaltspo-
Staatschef Băsescu
ganisiertes Verbrechen und die In- litik zurückfinden zu wollen. Er begrüße,
stabilität am Balkan bedroht. Weitere dass die rumänische Exekutive „einen fahrungsaustausch auch europäische
Risiken entstünden durch die Korrup- Beitrag zur Konsolidierungspolitik der Themen wie die Bewältigung der Wirt-
tion, die exzessive Politisierung der EU leisten“ wolle, sagte Westerwelle, schafts- und Finanzkrise, die Donaustra-
Behörden, die Unfähigkeit der An- denn „wenn Europa stark sein will, müssen tegie, die Östliche Partnerschaft und die
wendung der Gesetze, die geringe die Mitgliedsländer solide wirtschaften.“ Kooperation im Schwarzmeerraum.
Verwaltungskapazität auf zentraler Bei seinem Antrittsbesuch in Buka- Westerwelle reiste abschließend nach
und lokaler Ebene und letztlich auch rest traf der Bundesaußenminister mit Hermannstadt, wo er mit Oberbürger-
durch das Entwicklungsgefälle zwi- Staatspräsident Traian B`sescu sowie meister Johannis sowie Vertretern der
schen den verschiedenen Regionen mit seinem rumänischen Amtskollegen deutschen Minderheit zusammentraf.
des Landes. Zur Entrüstung der Me- Teodor Baconschi zusammen. Auf dem Begleitet wurde Westerwelle von einer
dienoutlets zählte das Dokument Programm der politischen Gespräche Abgeordnetendelegation des Deutschen
auch gesteuerte Medienkampagnen standen neben dem außenpolitischen Er- Bundestags.
sowie den Druck der Medienkonzer-
ne auf die politischen Entscheidun-
gen zu den „Schwachstellen“ der Umfrage: Popularität des Staatschefs und
Landessicherheit.
der PDL ins Bodenlose gesunken
Der schmerzliche, vom Staatschef Crin Antonescu (21%).
angekündigte und der Regierung um- Auch würden nur noch 25% der Be-
gesetzte Sparkurs kostet die Machtin- fragten die PDL wählen – womit die
haber jede Menge Popularität. Eine von Regierungspartei, gemessen an den Par-
der Regierungspartei in Auftrag gegebe- lamentswahlen vom November 2008,
ne Umfrage des Meinungsforschungsin- um knapp 10% abgesackt ist. Die meis-
stituts CSOP bescheinigte jüngst sowohl ten Wählersympathien entfallen auf die
den Liberaldemokraten als auch dem Sozialdemokraten, die zusammen mit
Präsidenten ein tiefes Absacken in der ihren konservativen Verbündeten auf
Wählergunst. Kaum 20% der Befragten 33% kamen. Auch die Liberalen und die
würden derzeit noch für Traian B`sescu ultranationalistische Großrumänien-Par-
Foto: Sky News/UK

stimmen − damit liegt er in der Wähler- tei (PRM) legten tüchtig zu: Mit 24%
gunst abgeschlagen hinter Notenbank- bzw. 8% würden PNL und PRM bei po-
chef Mugur Is`rescu (32%), PSD-Chef tenziellen Wahlen zurzeit als dritt- bzw.
Victor Ponta (24%) und Liberalen-Chef viertstärkste politische Kraft hervorgehen.

14 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


politik

Liberalen-Chef Antonescu: Bereiten


mit der PSD die Plattform für ein
„Not-Kabinett“ vor

PNL -Chef Crin Antonescu


hat Anfang Juli eröff-
net, mit seinem sozialdemokratischen
Offenbar konnten die Liberalen ihre
langjährigen sozialdemokratischen Un-
terstützer jedoch zum Umdenken be-
Amtskollegen Victor Ponta eine „gemein- wegen. Kommende Wochen werde es
same Plattform für eine Not-Regierung“ eine „Vielzahl von Begegnungen“ zwi-
zu überlegen. Liberale und Sozis müss- schen den beiden Parteileitungen geben,
ten die Bildung einer neuen Mehrheit um „Alternativen zur derzeitigen Regie-
im Parlament verstärkt anstreben und rung bzw. ein gemeinsames Not-Kabi-
mit einer gemeinsamen Alternative auf- nett“ zu überlegen. Dies sei wesentlich,
warten − weder für die PNL noch für „sobald und insofern es zu vorgezoge-
die PSD mache es zurzeit Sinn, separat nen Neuwahlen kommt“. Noch würden
Prozenten und Popularitätswerten nach- die Liberaldemokraten und deren Re-
zujagen, sagte Antonescu. gierungspartner die Mehrheit im Parla-
Sozi-Chef Ponta hatte sich bis dahin ment halten, doch sei die PDL in der
wiederholt gegen gemeinsame Vorstöße Wählergunst auf 20% abgesackt. Die
ausgesprochen. Er sei gegen eine Koali- „Mission“ der Liberalen und Sozialde-
tion mit den Liberalen und empfinde es mokraten bestehe deshalb darin, „die
als „normal“, infolge der unterschied- aktuelle Parlamentskonstellation“ zu
lichen politischen und ideologischen ändern, um „die Regierung abzulösen“.
Grundsätze Gegner zu sein und zu blei- Die „gemeinsame Plattform“ ermögliche
ben. Er sei „nicht für Eintöpfe“, so Ponta. es, auf eine neue Mehrheit im Parlament
hinzuarbeiten. Antonescu gestand offen,
dass dieses Ziel nur mithilfe von „ab-
trünnigen“ Abgeordneten erreichbar sei
− so sehr ihm auch die „Parteimigration“
missfalle, sehe er derzeit keine andere
Möglichkeit, als sie in Kauf zu nehmen.
Der liberale Vorsitzende räumte auch
ein, dass das Hauptziel seiner Partei nach
wie vor die „vollständige Beseitigung
der Liberaldemokraten“ aus dem poli-
tischen Leben des Landes sei − in der
rumänischen Politik gäbe es nur Platz
Foto: Mircea Moiră

für zwei große Parteien, nämlich die li-


berale als Mitte-Rechts-Option und die
Allianz zwischen Sozis und Konservati-
ven als Vertreter der Linken.
Antonescu, auf der Suche nach „Alternativen
zur derzeitigen Regierung“
heiner krems

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 15


politik

Opposition verpetzt Regierungspartei wegen


angeblichen Betrugs mit Agrarfonds bei der EU

D
em PSD-Generalsekretär demokratischer oder liberaler Bürger-
Foto: Mircea Moiră

Liviu Dragnea zufolge meister vorzuweisen hatten, letztlich für


betreibt die Regierungs- keines davon Finanzierungen erhalten
partei im großen Stil Be- haben. Dafür erhielt allein der Raum
trug mit EU-Agrarfonds: Es sei augen- Cluj (aus der Regierungschef Emil Boc
fällig, dass sich lediglich Projekte liberal- stammt − Anm. d. Red.) Finanzierun-
demokratischer Bürgermeister für gen für insgesamt 88 Projekte. Das ist
Zahlungen aus den EU-Fonds für Land- ein Betrug ohnegleichen, gegen den wir
wirtschaftschaft und Fischerei quali- vozugehen gedenken“, so Dragnea.
fizieren würden, während die Projekte Auch der liberale Abgeordnete Ci-
der sozialdemokratischen und liberalen prian Dobre gab bekannt, dass seine
Stadthalter stets bei der Auswahl durch- Partei beim Ständigen Aussschuss der
fielen. Die PSD werde diesen Missstand Abgeordnetenkammer die Einberufung
unverzüglich bei der EU-Kommission eines Untersuchungsausschusses in
anzeigen, kündigte Dragnea im Juni an. punkto EU-Agrarfonds gefordert habe,
„Wir waren entsetzt, feststellen zu müs- da die regierende PDL diese offenbar
sen, dass Regionen wie Teleorman, Dolj, mit einem „Wahlkampf-Guthaben“ ver-
Olt u.a., die sehr gute Projekte sozial- wechseln würde.

Personalkürzungen in
Erzwungene und hohen Beamten. Letztere will der
Regierungschef zwingen, ihre fetten Zentral- und Lokalverwaltung
Solidarität Bezüge als „Zeichen der Solidarität“ zu
spenden. Jene Staatssekretäre, die ihre
Die Regierungsagenturen, die
nicht infolge einer EU-Regelung
„Haben Sie etwas Klein- Bezüge nicht „freiwillig“ oder Gesetzesvorlage entstanden sind,
Foto: Mircea Moiră

geld? Dann spenden Sie’s abtreten würden, hätten werden entweder aufgelöst oder in
Rumänien“, spöttelte Reu- „nichts mehr im Regie- Ministeriumsdepartements umge-
ters jüngst mit Bezug auf rungsapparat“ zu suchen, die wandelt, beschloss die Regierung im
die von Regierungschef Boc hohen Beamten könnten Zuge ihrer Sparmaßnahmen. Sämt-
verordneten „Soli-Zahlun- zwar nicht geschasst werden, liche Ministerien werden derzeit um-
gen“. Die Exekutive hat letz- würden den Staat aber künf- strukturiert, wobei Personalkürzun-
ten Monat nämlich ein tig nicht mehr in solchen gen von bis zu 25% angestehen. Auch
„Soli-Konto“ eingerichtet, in das nun- Verwaltungsgremien vertreten, drohte bei den Lokalverwaltungen wurde
mehr sämtliche Bürger spenden kön- Emil Boc, der zudem eine 20%ige Redu- der Rotstift angesetzt – vielerorts
nen, um den maroden Staatshaushalt zierung der Regierungsausgaben ankün- drohen Personalentlassungen von
aufzupäppeln. Vornehmlich spitzt Emil digte. Man werde mit den Spritausgaben bis zu 40%. Die Etats der Lokalver-
Boc jedoch auf die Bezüge der in den beginnen, sagte Boc, die sowohl im Falle waltungen werden Ende Juli zudem
Verwaltungsräten der Großunterneh- der Exekutive als auch der lokalen öf- im Zuge der ersten Haushaltsum-
men, an denen der Staat noch Beteili- fentlichen Verwaltungen ab sofort um schichtung dieses Haushaltsjahres
gungen hält, sitzenden Staatssekretäre 50% herabgesetzt sind. gekappt − voraussichtlich um 22%.

16 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


politik

Laszló Tökes zum Vizepräsidenten und Ungarn in einem Europa der Öff-
nung und Toleranz“ bewirken werde,

des EU-Parlaments gewählt


tat die sozialdemokratische Senatorin
Lia Olgu]a Vasilescu Tökes’ Wahl als
„schmählich“ ab, die Europaabgeordnete
worden. Tökes war von der Fraktion der Corina Cre]u (S&D) prangerte indes

Foto: Ștefan Micsik/Agerpres


Europäischen Volkspartei als Nachfol- seine „irredentistische und chauvinisti-
ger des jüngst aus dem EU-Parlament sche Rhetorik“ an.
ausgeschiedenen Vizepräsidenten Pál Auch im Europäischen Parlament
Schmitt vorgeschlagen worden. war Tökes’ Wahl nicht ganz reibungslos
Hierzulande stieß die Wahl des eth- verlaufen: Nachdem Parlamentspräsident
nischen Ungarn auf unterschiedliche Jerzy Buzek eine Abstimmung durch
Reaktionen: Während der gleichfalls der Zuruf befürwortet hatte, sträubte sich
EVP angehörende Europaabgeordnete der Chef der ultranationalistischen Groß-
Cristian Preda auf seinem Blog die rumänien-Partei, MdEP Corneliu Vadim
Hoffnung äußerte, dass die Berufung Tudor, heftig dagegen und forderte ein
Der ungarisch-reformierte Bischof eines „Symbols des antikommunistischen formelles Votum. Tökes wurde schließ-
Laszló Tökes ist letzten Monat zum Vi- Widerstands“ nun auch eine „symboli- lich mit 334 Für-, 168 Gegenstimmen
zepräsidenten des EU-Parlaments gewählt sche Aussöhnung zwischen Rumänen und 287 Stimmenthaltungen gewählt.
politik

Sozi-Chef Ponta: „Faschisten an


der Macht“

D
em Vorsitzenden der So- Der Personenkult, der abgrundtiefe
zialdemokratischen Partei Hass auf das demokratische System, auf
(PSD), Victor Ponta, zu- den Parlamentarismus, die Presse und
folge ist die Liberaldemo- Gewerkschaften − all das gehört zu den
kratische Partei (PDL) eine „faschistische“ diktatoriellen, totalitären Praktiken. Ich
− er bedauere, dass die rumänische Ge- kann nur hoffen, dass die Rumänen diese
sellschaft so viel Zeit benötige, um diesen Tatsache begreifen, bevor es zu spät ist“,
RKP, „auferstanden Fakt nachzuvollziehen, sagte Ponta letz- so Ponta.
aus Ruinen“ ten Monat.
„Die PDL ist eine faschistische Par-
Die Aussage des PSD-Chefs fiel, nach-
dem er während der Pressekonferenz in
Die hierzulande seit 20 Jahren tei und führt sich auch genau wie eine Oradea, Verwaltungskreis Bihor, von ei-
verpönte Rumänische Kommunisti- faschistische Partei auf. Ich bedauere nem Lokalvertreter der ultranationalis-
sche Partei (RKP) ist wiederbegrün- aufrichtig, dass die rumänische Gesell- tischen Großrumänien-Partei auf die
det worden − die Zwergpartei „Sozia- schaft erst jetzt beginnt, diese meine Gründung einer Rumänien-Niederlas-
listische Allianz“ beschloss Anfang Behauptung so richtig nachzuvollziehen. sung der rechtsextremen ungarischen
Juli auf ihrem außerordentlichen Jobbik-Partei angesprochen worden
Parteitag, sich in RKP umzubenen- war. Das sei für ihn weniger beunruhi-
nen, damit das Land endlich wieder gend, sagte Ponta, denn die „wahre
eine „ehrliche, dem Fortschritt Ru- Gefahr“, die das Land bedrohe, stelle
mäniens ergebene“ Partei habe, ver- die PDL dar. „In Budapest ist die Job-
lautbarte Parteivorsitzender Constan- bik-Partei zwar eine faschistische, aber
Foto: Mircea Moiră

tin Rotaru. Seit der Wende hätten dennoch nur eine oppositionelle, in Bu-
sämtliche Machtinhaber Rumäniens karest hingegen gibt die PDL eine fa-
die Menschenrechte systematisch ver- schistische Partei ab, die leider an der
letzt, die Wirtschaft zerstört und die Macht ist.“
Staatsfinanzen ruiniert, das Land sei
„zu einem einzigen, großen Konzen-
trationslager verkommen“, so der Te- Verfassungsgerichtshof kippt Lustrationsgesetz
nor auf dem Parteitag. Die neue RKP
wolle auf einer „neuen Doktrin“ auf- Der Verfassungsgerichtshof hat das ne 6. März 1945 – 22. Dezember 1989
bauen, die „den Anforderungen der erst unlängst von der Abgeordnetenkam- aktive Mitglieder der Macht- und Repres-
wirtschaftlichen und politischen Lage mer verabschiedete Lustrationsgesetz sionsstrukturen des kommunistischen Re-
im Land und weltweit entspricht“. gekippt und damit der Verfassungsbe- gimes gewesen waren, das Bekleiden
Altkommunist und Sozi-Ehren- schwerde der insgesamt 29 Senatoren öffentlicher Ämter zeitweilig bzw. für 5
vorsitzender Ion Iliescu wertete die und 58 Abgeordneten der Sozialdemo- Jahre untersagen. Nach dem Urteil des
Umbenennung in RKP als „billige kratischen Partei stattgegeben: Das Ge- Verfassungsgerichtshofs äußerte sich
Effekthascherei“, die der Sozialisti- setz stipuliere eine „Massenverurteilung“ Sozi-Ehrenvorsitzender Ion Iliescu hoch-
schen Allianz nichts einbringen wird und sei dementsprechend verfassungs- zufrieden: Das Urteil sei „weise“ und jed-
− die Partei werde nach wie vor in der widrig, so die Mehrheit der neun Ver- welches Gesetz dieser Art „in den gegen-
rumänischen Politik nichts zu mel- fassungsrichter. Das Lustrationsgesetz wärtigen, demokratischen Zeiten völlig
den haben, so Iliescu. sollte den Bürgern, die in der Zeitspan- abwegig“.

18 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


politik

Integritätsbehörde ANI wieder zahnlos

D
offenzulegen; Falschangaben in den Er-
ass Präsident B`sescu von seinem Veto-Recht Gebrauch machte klärungsformularen bleiben auch bei
und das verfassungskonform massakrierte Gesetz der Integritäts- einer Selbstanzeige strafbar. Dem Plenum
behörde ANI dem Parlament wieder zurückschickte, wird wohl des Senats blieb aus verfahrenstechnischen
niemanden wirklich verwundert haben. Denn B`sescu ist sich be- Gründen nichts anderes übrig, als die von
wusst, dass Rumänien in diesem Punkt aufmerksamst von der EU-Kommission den Ausschüssen vorgelegte Variante
beobachtet wird. durchzuwinken.
Die rumänische Zivilgesellschaft und
Das Abgeordnetenhaus, wo das Do- das Ausland reagierten sofort, es hagelte
kument als Erstes landete, eignete sich Proteste: 9 NGOs beanstandeten das
die vom Präsidenten angeregten Geset- Ergebnis der Senatsabstimmung auf das
zesänderungen auch fast einstimmig an Heftigste und auch US-Botschafter Gi-
– demnach sollte die Behörde beispiels- tenstein machte keinen Hehl aus seiner
weise nicht nur ein Jahr, sondern 3 Jahre Enttäuschung. Selbst ANI-Chef C`t`lin
lang gegen Würdenträger ermitteln dür- Macovei verlor die Beherrschung – Frun-
fen; die Vermögens- und Interessenser- da habe im „eigenen Interesse“ Recht
klärungen hätten zudem aufzeigen sol- gesetzt, außerdem habe die Debatte in
len, ob auch volljährige Kinder, Eltern den Ausschüssen eine Koalition von Po-
und Ehegatten der Würdenträger Ver- litikern offenbart, die „etwas zu verheim-
träge mit staatlichen Behörden oder Un- lichen haben“. Seine Befürchtung, dass
ternehmen eingegangen sind. der Fortschrittsbericht der EU-Kommis-
Es schien, als ob die Abgeordneten sion zur Lage der einheimischen Justiz
endlich bereit seien, ihre Privatinteres- katastrophal ausfallen wird, dürfte sich
sen einmal außer Acht zu lassen und mit zweifelsfrei binnen kurzer Zeit bestätigen.
der Wahrheit über den Stand ihrer Ver- Der Sprecher der Kommission, Mark
mögen und Geschäfte brav herausrücken Grey, erkärte wenig später, dass − ersten
zu wollen. Eine wichtige Hürde schien Prüfungen zufolge − das neue ANI-Ge-
damit genommen, doch die entscheidende Senatsdebatte in einem Treffen mit Se- setz den benchmarks der EU nicht ent-
Prüfung stand allerdings noch an: die natsvorsitzendem Mircea Geoan` und den spreche: „Rumänien hat sich beim Bei-
Debatte in den relevanten Ausschüssen Chefs der beiden relevanten Ausschüsse, tritt klar verpflichtet, dass die ANI zur
des Senats – der Menschenrechtskom- Toni Grebl` und György Frunda, zu sig- Vermögenskontrolle fähig sein wird und
mission und dem Rechtsausschuss. Denn nalisieren, dass die Behörde nicht ge- Entscheidungen treffen kann, die zu ef-
dort sitzen die Erzfeinde der ANI, allen schwächt werden dürfe. Allein – es half fizienten Maßnahmen führen“. Grey
voran Senator György Frunda vom Un- nichts. Die beiden Ausschüsse machten warnte zudem, dass die vom Parlament
garnverband UDMR, der auch im ersten wieder rückgängig, was ihre Kollegen in verabschiedeten Gesetzesänderungen in
Anlauf unter dem Deckmantel des Schutzes der Abgeordentenkammer berichtigt der EU-Kommission „ernsthafte Besorg-
der Privatsphäre dazu verhalf, die Behör- hatten. In nur zwei Punkten gaben die nis hervorgerufen haben“. Staatschef
de effektiv zur Wirkunglosigkeit zu ver- einschlägigen Senatsausschüsse nach – B`sescu griff inzwischen zum letzten
donnern. Angesichts des Ernstes der so sind die Wahlkandidaten für ein öf- Rettungsanker und rief den Verfassungs-
Lage versuchten US-Botschafter Mark fentliches Amt (vom Staatspräsidenten gerichtshof wegen verfahrenstechnischer
Gitenstein und der deutsche Botschafter bis hin zu den Kommunalräten) verpflich- Verstöße an.
Andreas von Mettenheim noch vor der tet, ihre Vermögens- und Interessenslage alex gröblacher

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 19


in punkto wirtschaft

(Über)Leben auf Pump Nationalbank: „Werden der Inflation den


Krieg erklären“

„T
D
er rumänische Staat
funktioniert zurzeit nur
noch auf Pump − er ver- heoretisch“ könne die Anhe- zweistelligen Bereich“ treiben. „Schon
schuldet sich um 600 Euro pro Se- bung der Mehrwertsteuer eine 5%-ige Preissteigerung treibt die
kunde bzw. 52 Mio. Euro pro Tag. die Teuerungsrate um bis auf Inflation über die 10%-Marke“, erläuter-
Dementsprechend betrug allein die 10%, ja sogar 12% hochschnellen lassen, te Vasilescu.
Verschuldung der öffentlichen Hand während eine hohe Inflation folgemäßig Der Regierungsbeschluss über die
Anfang Juni 7,88 Mrd. Euro, er- zur Entwertung der Landeswährung bei- Anhebung der Mehrwertsteuer sei mit
rechnete die Presse. Folglich wird tragen würde − doch sei dieses Szenario der Notenbank abgestimmt worden,
die Regierung trotz der ab Juli in keineswegs ein unabwendbares, erklärte nachdem „die juristische über die öko-
Kraft getretenen Lohnkürzungen Adrian Vasilescu, Berater des Notenbank- nomische Logik“ gesiegt habe, sagte
um 25% und auch der 5%-igen An- chefs, nach der Ende Juni erfolgten An- Vasilescu. Regierung und Nationalbank
hebung der Mehrwertsteuer weiter- kündigung über die Anhebung der Mehr- seien bemüht gewesen, die Unternehmen
hin Anleihen aufnehmen müssen, wertsteuer auf 24%. „soweit wie möglich zu verschonen“, man
nämlich wohl 5,2 Mrd. Euro bis Die Notenbank sei „gerüstet“, sie wer- habe aus eben diesem Grund weder die
Jahresende. de der Inflation „den Krieg erklären“, Einheitssteuer noch die Sozialabgaben
Insgesamt würde sich Rumänien doch müssten „wir alle“ aufpassen, erhöht.
damit im laufenden Jahr um min- damit „Panik und auch die Gier Presseberichten zufolge, die sich auf
destens 13 Mrd. Euro verschulden so mancher Han- ungenannte, bei den Videokonferenzen
− teils, um seine Defizitlöcher zu delsvertreter“ die mit den IWF-Vertretern anwesenden
stopfen, teils, um Altlasten über Teuerung nicht Regierungsquellen berufen, soll die IWF-
neue Schulden zu tilgen. Die Pro- „in den Mission eine Anhebung der Mehrwert-
Kopf-Verschuldung in Rumänien steuer auf 25% sowie der einheitlichen
wird dementsprechend bis Ende Einkommenssteuer auf 20% gefordert
2010 auf 10.000 Euro ansteigen, haben. Die Regierung habe den IWF je-
Ende 2009 lag sie bereits bei 8.000 doch davon überzeugen können, dass
Euro. eine 24%-ige Mehrwertsteuer ausreiche,
Analysten warnen inzwischen um den Verlust der wegfallenden Ren-
vermehrt davor, dass es demnächst tenkürzungen wettzumachen.
zu einem Fiasko kommen könnte:
Es sei durchaus denkbar, dass in
Bälde niemend mehr gewillt sein Weltbank bestätigt Minuswachstum
wird, Rumänien weitere Kredite zu
gewähren, so die Finanzexperten. Die Volkswirtschaften Europas und Nach Angaben der Weltbank wird die
Zentralasiens erholen sich allmählich, Wirtschaftsleistung Rumäniens im lau-
Foto: morguefile.com

nacheinander vermelden die Staaten ein fenden Jahr um mindestens 0,5% des
Ende der Rezession. Unglücklicherweise BIP schrumpfen, die lettische Wirtschaft
trifft dies nicht auch auf Rumänien und gar um 3,5%. Für Rumänien besteht der
Lettland zu: Die Länder seien die einzi- einzige Lichtblick darin, dass die Welt-
gen Europas, die auch 2010 mit einem bank damit die Prognosen des IWF und
Minuswachstum rechnen müssen, so der EU bestätigt und offenbar nicht von
das Fazit der jüngsten Weltbank-Studie einem noch drastischeren Minuswachs-
zur globalen Wirtschaftsentwicklung. tum ausgeht.

20 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


wirtschaft

IWF-Exekutivausschuss genehmigt 5. Kredittranche

D
er Exekutivausschuss des In-
ternationalen Währungsfonds
(IWF) hat Anfang Juli die 4.
Revision des laufenden Standby-Abkom-
mens mit Rumänien und damit die Aus-
zahlung der 5. Teilzahlung über 900 Mio.
Euro genehmigt. Das Geld ist ausschließ-

Foto: S. Lupşa/presidency.ro
lich für die Reserven der Notenbank be-
stimmt.
„Der IWF-Exekutivausschuss hat die
5. Kredittranche für Rumänien einstim-
mig gebilligt − das ist ein überaus deut-
liches Zeichen der Unterstützung und
des Vertrauens mit Hinblick auf die Um-
IWF-Chef Strauss-Kahn und Präsident Băsescu im März
setzung der eingeleiteten Reformen und
auch ein klares Zeichen an die internatio- gleichgewichte und der Wiederherstel- dern, zeigte der IWF in einer Pressemit-
nalen Finanzmärkte“, erläuterte Rumä- lung seiner makroökonomischen Stabili- teilung auf. Eine neue Überprüfungsmis-
niens Vertreter beim IWF, Mihai T`n`- tät unternommen, ein genesender Staats- sion des IWF wird Ende Juli in Bukarest
sescu. haushalt werde es dem Land ermöglichen, erwartet, um die Effekte des Sparpakets
Rumänien habe wichtige Schritte zur auch die sozialen Auswirkungen der auf die Staatsfinanzen des Landes zu
Austarierung seiner strukturellen Un- Sparmaßnahmen einigermaßen abzufe- evaluieren.

Versteckte Auslandsvermögen sollen Mindeststeuer ab Herbst


abgeschafft
besteuert werden Obwohl die Abschaffung der
Der Fiskus spuckt große Töne und Mindeststeuer schon zu Beginn des
erklärt den einheimischen Reichen mit Jahres angekündigt worden war, wird
obskuren Vermögensverhältnissen den sie nun doch bis zum Spätherbst
Krieg: Ab dem 1. Januar 2011 werde beibehalten − bis dahin solle sie die
jedes versteckte Auslandsvermögen Realwirtschaft noch etwas „säubern“,
rumänischer Bürger mit 16% besteuert, gab Emil Boc im Juli bekannt. Laut
teilte der Vorsitzende der Nationalen Wirtschaftminister Adriean Videanu
Agentur für Finanzverwaltung (ANAF), dürfte sie „wohl zum 1. Oktober oder
Sorin Blejnar, mit. Bis dahin würden die 1. November“ abgeschafft werden.
europäischen Finanzverwaltungen um Dafür wird eine Pauschalsteuer
„eine Evidenz der auf dem Territorium den können, einen 16%-igen Steuersatz eingeführt, die hauptsächlich die
ihres Landes innegehabten Liegenschaf- erheben. Blejnar geht davon aus, dass Dienstleistungsbranche − Gastgewer-
ten rumänischer Staatsbürger“ ersucht. bis Jahresende „einige Hundert Perso- be, Autowäschereien, Beauty Salons
Man wolle als Erstes sämtliche Substanz- nen identifiziert werden“. Es handele u. a. − visiert, wo die Behörden ein
werte „über einer gewissen Grenze“ sich um „Menschen mit Yachten, Fer- beträchtliches Ausmaß von Steuerum-
eruieren und danach auf alle Vermögen, raris und überdurchschnittlich hohen gehung und -hinterziehung vermuten,
die nicht erklärt und nachgewiesen wer- Geldanlagen“, so der ANAF-Chef. erläuterte der Regierungschef.

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 21


wirtschaft

Foto: Mircea Moiră


„Hiesige
Krisen-Hysterie nervt“

R
Rumäniens Vertreter beim
IWF, Mihai T`n`sescu,
hat das Gejammere und
auch die Panikmache satt: „Die all-
gemeine Hysterie der Politiker und
auch der Presse nervt, sie ist höchst Run auf den Euro:
kontraproduktiv. Alle Welt kämpft
mit der Krise, nicht nur Rumänien Leu Ende Juni auf
historischem Tief
− auch die USA machen schlimme
Zeiten durch, auch Deutschland hat

D
Sparmaßnahmen beschlossen. So
viel Wehklagen wie hier werden Sie ie rumänische Landeswäh- offensichtlich, dass hierzulande alle Welt
jedoch nirgendwo auf der Welt rung hat in den letzten begreift, was mit dem Leu passieren würde,
hören“, monierte T`n`sescu. Juni-Tagen eine Talfahrt sollte sie ihn auch nur einen einzigen
Angesichts der Talfahrt des Lan- sondergleichen hingelegt: Tag fallen lassen. Davor hatte sich die
deswährung von Ende Juli bemühte Sie fiel auf 4,3688 Lei zum Euro und BNR offen für Lohn- und Rentenkür-
sich der IWF-Vertreter, Bürger und damit auf ein absolutes Rekordtief seit zungen ausgesprochen. Was wir sahen,
Markt gleichsam zu beruhigen: Er der Einführung der europäischen Ein- war wohl ihre etwas bizarre Art zu sagen:
forderte die Behörden und auch die heitswährung überhaupt. Notenbankex- «Da seht ihr, wo ihr landet, wenn ihr in-
perten deuteten die Abwertung haupt- mitten von Krisenzeiten Steuern anhebt»“,
Foto: Mircea Moiră

sächlich als „psychologische Schockreak- so die allgemeine Broker-Meinung.


tion“ auf die Erhöhung der Mehrwert- Ähnlich lautete auch das Analysten-
steuer, es habe einen wahren Run auf den Fazit: Ausländische Investoren seien gut
Euro gegeben, Firmen und Privatperso- beraten, Lei zu kaufen, da sich die ru-
nen hätten massive Euro-Käufe getätigt mänische Landeswährung aufgrund der
und dabei die Landeswährung entwertet, abflauenden „politischen Turbulenzen“
so Adrian Vasilescu, Berater des Gouver- wohl wieder bei einem Kurs von 4,2
neurs der Nationalbank (BNR). einpendeln werde, informierte Bloom-
Tatsächlich jedoch war die Panik zu berg in einer Markt-Analyse. Risiken
Vertreter der Nationalbank zu „Be- einem guten Teil einer äußerst fraglichen gebe es zurzeit kaum, so Bloomberg, da
sonnenheit“ auf, der „einheimische Äußerung eines Direktors der National- die BNR den Leu-Kurs auf jeden Fall
Markt“ reagiere „gereizt“, man müsse bank, Eugen R`dulescu, zu verdanken, stabil halten werde. Zudem ermögliche
die „Panik abbauen“ − diese sei der geschätzt hatte, dass die Landeswäh- das Etatdefizit Rumäniens von derzeit
„ungerechtfertigt“, zumal die Wirt- rung sich eventuell sogar auf 5 oder 6 3,1% des BIP es dem Land durchaus, an
schaft „nach wie vor die gleiche“ sei. Lei pro Euro abwerten könne. dem mit dem IWF vereinbarten Defizit-
Der für den Leu „normale“ Wech- Weil die Notenbank nicht unverzüg- ziel von 6,8% des BIP festzuhalten. Da
selkurs zum Euro liege bei 4,1−4,2, lich am Markt eingriff, um den Leu zu die Reserven der Notenbank sich im Juni
die Landeswährung werde zu diesem stabilisieren, schätzten viele Analysten auf 34 Mrd. Euro beliefen, waren die
Gleichgewicht zurückfinden. Was und Broker, dass dessen plötzliche Ent- Wirtschaftsforscher einhellig der Mei-
Rumänien fehle, sei Vertrauen, so der wertung der BNR wohl nicht ganz un- nung, dass die BNR „kein Problem hat,
Finanzexperte, das Land sende die gelegen kam: „Die Notenbank hat uns falls nötig den Leu-Kurs auch ein gan-
völlig falschen Signale. das Schreckgespenst gezeigt. Sie wollte zes Jahr über stabil zu halten“.

22 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


wirtschaft

Der Kommentar Risikoprämie, mit der die Finanzmärkte


Rumänien bemessen, fast so hoch wie

Good News, Bad News


die für Griechenland. Dass die Opposi-
tion versagte, wurde bereits wenige
Stunden später an den Märkten spürbar,
die ein besseres Gefühl gegenüber ru-
mänischen Assets an den Tag legten.
Projekte spätestens mittelfristig wieder Entscheidend wird aber kurz- bis mit-
aufleben lassen werden. telfristig sein, ob es der Regierung auch
Die schlechte Nachricht ist und bleibt, tatsächlich gelingt, ihr Sparprogramm
dass der Opposition nur acht Stimmen durchzusetzen. Ohne schnelle und ent-
fehlten, um die Regierung zu kippen, schlossene Reformen wird die Verschul-
da sich etliche Abgeordnete der Regie- dung steigen, innerhalb der nächsten
rungsfraktion auf die Seite der Opposi- drei Jahre könnte sie bereits die kritische
von aurelian tion schlugen. Das heißt, dass die Regie- Schwelle von 60% des BIP erreichen. Die
dochia
rung sich zurzeit auf eine äußerst fragile Finanzierung einer solchen Verschuldung

D
Mehrheit stützt, womit auch fraglich wird immer schwerer und belastender
ie gute Nachricht lautet, wird, ob sie die derzeitigen wie auch sein und engt die Perspektive einer Wie-
dass der Misstrauensan- zukünftigen, zweifelsfrei unbequemen deraufnahme des Wachstums zu Quo-
trag gegen die Regierung Reformen auch durchsetzen kann. Die ten ein, die eine Konvergenz zum EU-
im Parlament gescheitert in letzter Zeit wiederholt diskutierte Durchschnitt sicherstellen. Deshalb sind
ist. Das heißt, dass die Regierung ihre Regierungsumbildung könnte etwas die bis Ende 2010 verbleibenden Mo-
Reformpläne weiterführen kann: Maß- Gutes bringen – vorausgesetzt, sie geht nate entscheidend für die Entwicklungs-
nahmen zur Sanierung der Staatsfinanzen reibungslos vor sich, ohne Verwirrung richtung der rumänischen Wirtschaft.
durch Ausgabenreduzierung, Bekämp- und Unruhe in der Wirtschaft zu stiften. Insofern die Regierung Fortschritte
fung der Steuerhinterziehung und eine Sollte es aber zu Ausrutschern kommen, in der Austarierung der Staatsfinanzen
verbesserte Steuereinnahme. Es beste- die in langwierigen Verhandlungen mün- macht, kann auch mit einer allmählichen
hen also Chancen, dass durch die Geneh- den und so die Umsetzung der Refor- Erholung der rumänischen Wirtschaft
migung der nächsten Teilzahlung in der men verzögern, werden die Finanzmärkte gerechnet werden. Die Industrie hat im
Vorstandssitzung des IWF das Standby- Rumänien durch höhere Finanzierungs- Verlauf dieses Jahres weniger unter der
Abkommen unverändert weiterlaufen kosten abstrafen. Wenn wir davon aus- Rezession gelitten, die rumänischen Ex-
wird. Kurzfristig dürften sich die Märkte gehen, dass bis Ende 2010 rund 8 bis porte schnitten selbst in der Krise über-
nun entspannen, die Zinsen für rumäni- 8,5 Milliarden Euro nötig sind, um das raschend gut ab, die Außenhandelsbilanz
sche Wertpapiere einigermaßen fallen, was Defizit zu finanzieren, wie Finanzminis- hat sich bereits seit dem letzten Jahr
dem Finanzministerium bessere Kondi- ter Sebastian Vl`descu jüngst eröffnete, spektakulär erholt, der Nachholbedarf
tionen bei der Deckung der Defizite er- ist die Glaubwürdigkeit in Sachen Wirt- des Landes sollte für Investoren auch
öffnet. Der Druck auf den RON dürfte schaftspolitik wesentlich. weiterhin attraktiv sein. Es sind dies Ar-
trotz angehobener Mehrwertsteuer durch Im Prinzip weist Rumänien einen re- gumente, die Anlass für einigen Opti-
den Erhalt der 5. Teilzahlung des Not- lativ niedrigen Verschuldungsgrad auf, mismus bieten.
darlehens des IWF wieder etwas abneh- unter 31% des Bruttoinlandsprodukts.
men, die Notenbank wird zweifelsfrei Das ist weit weniger als in Griechenland Aurelian Dochia gehört zu den bekanntesten
um die Stabilität der Währung kämpfen (120% des BIP) oder sogar im Vergleich Wirtschafts- und Finanzanalysten Rumäniens.
− ein Kampf, den sie bislang noch nie zum EU-Durchschnitt von fast 80% des Er war u.a. als Berater der Weltbank, der Euro-
verloren hat, was letzten Endes das Ver- BIP. Und trotzdem war kurz vor dem päischen Bank für Wiederaufbau und Entwick-
trauen der ausländischen Investoren Misstrauensantrag gegen die Regierung lung (EBRD) und der Organisation für Sicherheit
stärken dürfte, die ihre auf Eis gelegten die in Credit Default Swaps gemessene und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) tätig.

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 23


interview

„Viele Unternehmen agieren, als ob


sich die Marktverhältnisse gar nicht
verändert hätten“
Gespräch mit Wolfgang Schoiswohl, Corporate Executive Vicepresident der BCR/
Rumänische Commerzbank
Die Banca Comercială Română hat
trotz der prekären Wirtschaftslage hier-
zulande im 1. Quartal schwarze Zahlen
geschrieben – trotz gestiegener Risiko-
vorsorge konnte sie einen Nettoprofit
von 243 Mio. Lei bzw. 59 Mio. Euro er-
wirtschaften. Die BCR setzte dabei ver-
mehrt auf corporate und weniger auf
retail banking. Wie sehen die Hauptziele
Ihres Hauses für 2010 aus?
Zu Beginn möchte ich hervorheben,
dass die BCR (Rumänische Commerz-
bank) sowohl Firmen- als auch Privat-
kunden zu ihrer Kundschaft zählt und
dass wir trotz eines schwierigen wirt-
schaftlichen Umfeldes unsere Türen für
das Geschäft während dieser ganzen
Zeit offen gehalten haben. Wir haben
unsere Kunden unterstützt, nicht nur
indem wir die Verfügbarkeit der Kapi-
talbeschaffung für praktikable Projekte
aufrecht erhielten, sondern auch durch
die Suche nach an das gegenwärtige
Umfeld angepassten Lösungen.
Ich meine, dass heuer infolge anhal-
tender gesamtwirtschaftlicher Schwierig-
keiten so manche unserer Wettbewerber
geschwächt oder gar gezwungen sind,
sich neu zu orientieren. Das erlaubt es
uns, auf unseren Stärken aufzubauen
und unsere Führungsposition im Ban-
kenmarkt weiter voranzutreiben. Im
heurigen Jahr werden wir uns auf die

24 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


interview

Steigerung der operativen Leistung kon-


zentrieren, dies mit dem Ziel, unsere
„Fremdwährungsdarlehen wurden als
Kunden besser und schneller zu versorgen.
Im Hinblick auf unsere Produktpa-
Mutter aller Übel in Zentral- und Osteuropa
lette für Firmenkunden sehen wir, be-
dingt durch die Volatilität der Märkte,
dargestellt, ist es aber wirklich so? An und
eine erhöhte Nachfrage nach der gesam- für sich liegt der Unterschied darin, wie
ten Bandbreite von verschiedenen Hedg-
inglösungen wie etwa die Absicherung man leiht, nicht in der Währung, in der das
von Zins-, Wechselkurs- oder Rohstoff-
preisrisiken. Ein weiterer besonderer Darlehen vergeben wird. Für uns ist es
Fokus unsererseits liegt bei der Weiter-
entwicklung von innovativen Cash Ma- äußerst wichtig, dass wir zu zumutbaren
nagement Lösungen. Gleichfalls werden
wir uns auf Infrastrukturfinanzierungen Beleihungssätzen Darlehen gewähren und
und die Finanzierung von anderen Pro-
jekten mit EU-Mitteln konzentrieren, hinnehmbare Verschuldungshöhen bei
da diese im Regelfall die allgemeine
Wettbewerbsfähigkeit des Landes stär- unserer Kundschaft akzeptieren.“
ken und den Wirtschaftsaufschwung un-
terstützen. am sinnvollsten zur Seite stehen kön- sehen aber immer noch kränkelnde Mit-
nen. Dies verbunden mit unserem ein- telstandsunternehmen, welche in höhe-
Das starke Engagement der österrei- fachen, aber effektiven Geschäftsmodell rem Maße von der Binnennachfrage
chischen Banken in Rumänien und wei- im Sinne von Entgegennahme von Ein- abhängig sind.
teren ost- und südosteuropäischen lagen und Gewähren von Darlehen hat Andererseits möchte ich hier auf et-
Ländern hat im letzten Jahr europaweit uns geholfen, durch die Krise zu steuern. was Wichtiges hinweisen: Viele klagen,
für Aufregung gesorgt − schließlich Wir blieben profitabel, wir blieben offen die Banken machen Profit, Geld sei aber
standen für die Banken sowohl erheb- für das Geschäft und wir werden so weiter nicht verfügbar. Geld ist verfügbar, aber
liche Vorsorgen als auch Ausfälle in un- machen, weil wir der festen Überzeu- viele Unternehmen agieren, als ob sich
bekannter Größenordnung an. Wie sieht gung sind, dass es einfach in unserer Ver- die Marktverhältnisse gar nicht verän-
derzeit die Lage in punkto Kreditausfälle antwortung liegt, so zu handeln. dert hätten – als ob die Nachfrage nach
bei der BCR aus? ihren Produkten und Dienstleistungen
Wir sind der Marktführer und des- Inwiefern rechnen Sie damit, dass es überhaupt nicht von der Krise berührt
halb basierend auf unserem Marktanteil heuer noch zu einer Verbesserung des worden wäre. Dem ist aber nicht so.
rund einem Viertel der rumänischen wirtschaftlichen Umfelds und damit auch Die Verhältnisse haben sich geändert
Ökonomie ausgesetzt. Es ist völlig nor- zu positiven Auswirkungen auf die Kre- und die Banken sind in der Tat vorsich-
mal, dass die Marktlage sich auf uns aus- ditqualität kommt? Trauen Sie sich eine tiger bei der Vergabe von Darlehen –
wirkt, was sich sowohl in höheren Risiko- Prognose zu, wann Rumänien aus seiner allerdings nur, weil sie die Verantwor-
vorsorgen als auch in entsprechenden größtenteils hausgemachten Krise wie- tung tragen, das Geld ihrer Anleger und
Kreditausfällen zeigt. Andererseits ma- der herauskommt? Aktionäre zu schützen. Unternehmens-
chen wir keine künstlichen Geschäfte so Jede Art von Erholung wird sich nur inhaber sollten ihrerseits ebenfalls versuch-
wie die Investmentbanken, welche die langsam entwickeln, was sich auch in der en, ihr Geschäft umzustrukturieren, ihre
globale Krise letztlich ausgelöst haben, Qualität der Darlehen widerspiegeln wird. Projekte, Produkte und Distributions-
sondern gehen davon aus, dass wir un- Wir erkennen in Verbindung mit der wege anzupassen und durchführbar zu
sere Kunden wirklich gut kennen und Erhöhung der Auslandsnachfrage positi- gestalten, ja sogar persönlich für die Fir-
wissen, wie wir ihnen in diesen Zeiten ve Signale für das Großkundensegment, men in ihrem Besitz zu haften.

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 25


interview

Schließlich kann man von der Bank Euro für „social business“ zur Verfügung
keine Förderung des eigenen Geschäfts stellen. Gibt es diesbezüglich einen
verlangen, solange man nicht selber be- konkreten Fahrplan für Rumänien? Wann
reit ist, es zu unterstützen. wollen Sie das Projekt hierzulande star-
Wie dem auch sei, wir werden unser ten und wie soll es angepackt werden?
Bestes geben, um den Kunden in schwie- Erste Group hat sich als Gründungs-
rigen Situationen zu helfen, sinnvolle grundsatz auf die Fahne geschrieben,
Projekte zu finanzieren und die Kon- einfache Finanzdienstleistungen für Je-
junkturbelebung zu unterstützen. Ru- dermann verfügbar zu machen. Während
mänien bleibt weiterhin eine aufstrebende der fast 200 Jahre des Bestehens haben
Wirtschaft und wir sehen zahlreiche wir diesen Grundsatz niemals aufgege-
Chancen im kommerziellen Kreditge- ben. Die Initiative baut auf dem genann-
schäft, in Infrastrukturprojekten und in ten Prinzip auf und setzt sich als Ziel,
EU-finanzierten Segmenten. mittels einer verstärkten finanziellen
Eingliederung die gesellschaftliche Ein-
Die Nationalbank und die Finanz- gliederung zu stärken. Mit „Good.bee“
marktaufsicht (FMA) Ihres Landes for- haben wir in Rumänien bereits eine Mi-
derten die österreichischen Mutterbanken krofinanzinitiative aus der Taufe geho-
und deren Auslandstöchter jüngst auf, ben und sind zuversichtlich, dies wird
keine Fremdwährungskredite mehr in im Geiste der Gruppeninitiativen ge-
Osteuropa zu vergeben. Konkret sollen schehen.
private Haushalte oder KMU nunmehr
keine Kredite auf Eurobasis erhalten − Last but not least: Will die BCR in dem
diese sollen laut FMA so zurückgeschraubt einen oder anderen Segment noch
werden, dass „die Konjunktur nicht ge- weiter wachsen oder ist diese Etappe in-
fährdet wird“. Wie sieht die BCR-Strate- zwischen größtenteils abgeschlossen?
gie in diesem Sinne aus? Um wieviel Es sind viele industrielle Bereiche, in
Prozent gedenken Sie die Kredite auf denen wir ein großes Wachstumspoten-
Eurobasis in diesem Jahr zu drosseln? haben niemals Darlehen in Schweizer zial erkennen, wie z.B.: Energie, Metal-
Fremdwährungsdarlehen wurden als Franken oder japanischen Yen gewährt, lurgie, Bodenschätze, EDV, Pharma,
Mutter aller Übel in Zentral- und Ost- wir haben aber eher ein gutes Gefühl, Lebensmittel, Chemikalien, Elektroaus-
europa dargestellt, ist es aber wirklich weiterhin Euro-Darlehen zu vergeben, rüstungsindustrie, etc. In Anbetracht
so? An und für sich liegt der Unterschied zumal ein Großteil unserer EUR-Dar- der Entwicklungsressourcen der Wirt-
darin, wie man leiht, nicht in der Wäh- lehen über lokal angezogene Depots fi- schaft und des Bankenmarktes, sowohl
rung, in der das Darlehen vergeben wird. nanziert wird. Im Allgemeinen tun wir hinsichtlich der Durchdringung, als auch
Für uns ist es äußerst wichtig, dass wir das sehr vorsichtig − zumal es sich hier was das Portfolio von Produkten und
zu zumutbaren Beleihungssätzen Dar- ohnehin um eine hochgradig „euroisier- Dienstleistungen betrifft, besteht nach
lehen gewähren und hinnehmbare Ver- te“ Wirtschaft handelt. wie vor für die gesamte Bankenbranche
schuldungshöhen bei unserer Kundschaft mittel- bis langfristig ein beträchtliches
akzeptieren. Erste-Chef Treichl kündigte jüngst Wachstumspotential.
Andererseits sollten wir nicht verges- ein äußerst interessantes Projekt der In unserer Marktführereigenschaft
sen, dass viele unserer Kunden Einnah- BCR-Mutterbank an: Die Erste Group will glauben wir, perfekt aufgestellt zu sein,
men in Fremdwährungen haben, insbe- ihren Kernmärkten in Mittel- und Ost- um auf lange Sicht das Wachstumspo-
sondere exportierende Unternehmen, europa nach dem Erfolgsrezept des tenzial des Bankenmarktes und der Wirt-
wodurch sie über eine natürliche Kurs- Friedensnobelpreisträgers Muhammad schaft auszunützen.
sicherung verfügen. Wir von der BCR Yunus einen Kreditrahmen von 10. Mio. die fragen stellte anne warga.

26 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


Advertorial management consulting

EU-Finanzierung: Attraktive Chance


oder bürokratische Falle?
Premierminister Emil Boc
versicherte vor kurzem
dem Europäischen Kom-
missar für Regionalpolitik,
Johannes Hahn, dass das
Sparpaket der Regierung
von barbu mih`escu keinen Einfluss auf die Ab-
sorption von EU-Geldern

N
icht rückzahlbare eu- haben und der Staat auch
ropäische Fonds sind weiterhin die Kofinanzie-
für Rumänien wichtige rungsmittel für europäische
Instrumente, um In- Projekte zuweisen wird.
vestitionen zu fördern Die Zurückhaltung der
und die Entwicklung des Landes vor- Unternehmer wurzelt oft
anzutreiben. Doch Achtung: Unter- in der Diskrepanz zwischen
nehmer, die bei der EU finanzielle dem, was sie von der EU-Finanzierung schaft, Chancen-Analyse von Investi-
Unterstützung beantragen, sind mit erwarten, und was diese tatsächlich zu tionsprojekten und Finanzplanung ent-
einem dichten Regelwerk konfroniert. leisten vermag. In den amtlichen Vor- wickelt. Soweit die Projekte förderfähig
Dieses birgt viele Fallen, in die man gaben lauern viele Fallen: komplexes sind, erarbeiten wir die nötigen Doku-
ohne professionelle Hilfe unweiger- Programm, schwerfällige, stark bürokra- mente und unterstützen den Kunden
lich hineintappt. tisierte Prozesse, viele Beteiligte, zahl- während der Verhandlungen und dem
lose Auftragsunterlagen, riesige Anstren- Abschluss der Finanzierungsvertrags.
Auf EU-Fördergeld zurückzugreifen gungen für Berichterstattung, Ausgelie- Projektmanagement und das Erstellen
kann für Unternehmer in Rumänien eine fertsein gegenüber regelmäßigen techni- der Berichte sind weitere Dienstleistun-
sinnvolle Option sein, denn bis 2013 schen Bewertungen sowie Finanzkontrol- gen von Mattig Management Partners.
stehen in nicht rückzahlbaren europäi- len usw. Zu guter Letzt sei folgender Hin-
schen Fonds über 31 Mrd. Euro bereit. Um auf EU-Mittel zugreifen und weis erlaubt: Ein Großteil der Kosten
Wer diese Chance nutzen will, tritt in die Zusammenarbeit mit den zuständi- für Beratung und Projektmanagement
ein stark reguliertes Spiel ein, dessen Ri- gen Stellen zielführend abwickeln zu ist im Rahmen der Zurückerstattung
siken unter Kontrolle gehalten werden können, bedarf ein Unternehmer profes- durch die EU-Gelder anrechenbar.
müssen. Dies mag mit ein Grund sein, sioneller Hilfe. Im Viereck Empfänger–
weshalb in Rumänien zwischen 2007 Behörden–Banken–Berater spielt der kontakt
und 2009 die Vertragswertrate nur 16% Berater eine zentrale Rolle, denn der
und die Absorptionsrate keine 2% der Erfolg hängt weitgehend von seiner
erwähnten Summe erreichten. Kompetenz, Integrität und seinem per-
Auch wenn sich diese schwache Per- sönlichen Einsatz ab. Barbu Mih`escu
formance in der Zeit bis 2013 nicht völ- Mattig Management Partners hat Managing Director
lig ausgleichen lässt, werden die institu- spezielle Tools zur Identifizierung und barbu.mihaescu@mattig-management.ro
tionellen Strukturen laufend verbessert. Überwachung von Risiken der Gesell- www.mattig-management.ro

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 27


schwerpunkt

Rumänische Weinindustrie: Am Mythos


„Weltniveau“ kratzen Pansch-Weine
von camelia popa

D
Trotz 2000-jähriger Tradition im
as Weltniveau der rumänischen Weine ist eines der hartnäckig- Weinanbau nur wenig Export- und
sten Mythen, die den Agrarprodukten des Landes – wohlge- Wettbewerbsfähigkeit
merkt, zumeist unter Einheimischen – anhaften. Obwohl viele Obwohl Rumänien europaweit der
Rumänen oft unbedacht von der „Perfektion“ ihrer Weine sechstgrößte Weinproduzent ist, kann
schwärmen, zeigen Statistiken völlig andere Trinkgewohn- das Land nur im bescheidenen Ausmaß
heiten. Viel zu selten greifen die Schwärmer zum Weinglas, stattdessen besteht exportieren, die Ausfuhr ist in etwa gleich
ein Großteil der heimischen Produktion aus dubiosen Pansch-Weinen, die nicht wie die Einfuhr. Nur wenige Hundert
einmal legal auf den Markt kommen, trotzdem aber irgendwie auf dem Tisch Flaschen mit Kollektionsweinen werden
der Rumänen landen. jährlich im Ausland abgesetzt, trotzdem
sprechen einheimische Winzer und Be-
Besonders skurril ist das in nahezu al- aus der Chemieretorte den optisch pas- hörden von einer „absehbaren Zukunft“,
len Tante-Emma-Läden in PET-Flaschen senden Eindruck und einen weinähnli- in der ein hochqualitativer Weinbau zur
beziehbare Getränk – hinter der kommer- chen Geschmack vortäuscht. Entspre- Triebkraft der rumänischen Exporte wer-
ziellen Bezeichnung „Tafelwein“ verbirgt chend billig ist der Suff: unter 0,50 den soll. Dazu wäre allerdings die Erset-
sich aber kein Rebensaft, sondern nur Euro/Liter und damit für Anspruchs- zung der Hybride (die derzeit auf Hun-
Synthese-Alkohol, der mit künstlichen lose und Mittellose (oder beide Katego- derttausenden Hektar Weingärten wach-
Süß-, Farb- und Aromatisierungsstoffen rien) auf jeden Fall erschwinglich. sen und keinen Qualitätswein hervor-
bringen) durch Edelreben vonnöten,
Foto: sxc.hu

ebenso wie die Neubepflanzung von


Weinbaugebieten mit derzeit überalte-
ten Rebstöcken und ein neues Konzept
für aufgrund falschen Anbaus unproduk-
tiv gewordene Weinberge.
Offiziellen Statistiken zufolge ist Ru-
mänien weltweit eines der 15 großen
Weinproduktionsländer, in Europa be-
legt Rumänien sogar Platz 6 nach Frank-
reich, Italien, Spanien und Portugal.
Auch in punkto Fläche ist Rumänien
mit 186.900 ha Winzerland die Num-
mer 5 in Europa.
Für die Produktion von herkunfts-
kontrollierten Qualitätsweinen (die auch
in Rumänien das Prädikat DOC tragen)
sind aber nur 15.493 ha fit (Stand: 2009).
Entsprechend dünn fiel im Vorjahr auch
die Produktion aus: Von insgesamt 6,3

28 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


schwerpunkt
Foto: sxc.hu

Obwohl sich die Weinproduktion


Rumäniens durchaus sehen lassen kann,
ist der Verbrauch der heimischen Kon-
sumenten bescheiden. Der Rumäne trinkt
ca. 23-26 Liter Wein im Jahr – etwa die
Hälfte im Vergleich zu westeuropäischen
Ländern. Die Vorliebe gilt dabei den
selbstgemachten oder lose erhältlichen
Billigweinen, die sogenannten „Land-
weine“ sind dabei zumeist süß oder
halbsüß. Für rote, trockene Flaschen-
weine mit kontrollierter Herkunft for-
miert sich erst der Geschmack.

Qualitätsweine: Krise mindert


nicht den Konsum, sondern
den Umsatz
Obwohl die Krise den rumänischen
Winzern einen Strich durch die Rech-
nung machte, laufen die Investitionen
Mio. Hektoliter waren nur 256.312 hl kann – alles andere wäre Schwindel“, mit EU-Geldern planmäßig. Die Ernte
Rebensaft mit dem DOC-Gütesiegel meint Adrian R`dulescu, Staatssekretär fiel 2009 um 15% höher als im Vorjahr
versehen (wovon 45% Rotweine, 52% im Ministerium für Landwirtschaft. aus, auch die Auslese war besser – und
Weißweine und 3% Roséweine). Für Auch die Vertreter der Winzerverbände dennoch mussten die Weinhersteller
2010 geht man von einer Qualitätspro- und ihre ausländischen Berater, die zu- aufgrund der sinkenden Nachfrage für
duktion um die 270.000 hl aus. Die sammen an der Etablierung von Export- Qualitätsweine einen Großteil des Jahr-
Eckdaten des Außenhandels sprechen marken feilen, gehen davon aus, dass gangs 2009 in den Kellern abstellen.
für sich: 127.172 hl DOC-Weine konn- rumänische Weinsorten wie T`mâioas`, Der Markt für Qualitätswein war gerade
te Rumänien im Jahr 2009 in EU-Län- Feteasc` Neagr` (Schwarze Mädchen- im Wachsen begriffen – und die Winzer
der exportieren, die Importe – vorrangig traube) und Gras` de Cotnari in naher hofften, dass sich die Investitionen der
aus Italien, Spanien, Moldawien, Slowe- Zukunft „Aufsehen erregen“ werden, da vergangenen Jahre in Produktion und
nien und Frankreich – bezifferten sich sie Unikate sind. Markenproduktförderung bezahlt ma-
auf 117.030 hl. chen würden –, als die Krise hereinbrach.
Die Banken gewährten nur noch zöger-
Insider setzen auf Unikate lich Kredite und der Umsatz von Fla-
Dacian Ciolo[, ehemaliger Landwirt- schenweinen ging zugunsten der losen
schaftsminister Rumäniens und derzeitiger Weine zurück. Die Rechnung, dass die
EU-Agrarkommissar, glaubt trotzdem, Konsumenten aufgrund der schlechten
dass die rumänischen Weine Potenzial Wirtschaftslage noch mehr trinken wür-
haben – ergo in absehbarer Zeit auf den den, ging nicht auf.
internationalen Märkten wettbewerbs- Der Weinkonsum blieb trotzdem
fähig werden könnten. Diese Überzeu- gleich hoch, nur wurde 2009 zum „Jahr
gung teilen auch die heutigen Verantwor- der Billigweine“, so Ovidiu Gheorghe,
tungsträger im Ressort. „Wein und Ho- der Chef des rumänischen Winzerver-
nig sind die einzigen landwirtschafltichen bands. „In Zeiten der Wirtschaftskrise
Erzeugnisse, die Rumänien exportieren stellt man eher den Kauf von Lang-

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 29


schwerpunkt

sind Arte&Vino, Vinexpert und Davino. Ähnliche Maßnahmen setzen auch


„Luxuswein ist fast ein Fremdwort für andere Weinproduzenten um. Cotnari
viele Rumänen; man muss sich aber vor (Ia[i/Moldau), der wichtigste Herstel-
Augen halten, dass Nischenprodukte eben ler von Weißweinen in Rumänien, setz-
einerseits für Konsumenten mit einem te auch auf Beibehaltung der Marktan-
langsam gereiften Geschmack und ande- teile und Konsumstimulierung. Ermög-
rerseits für Snobs gedacht sind“, sagt Win- licht wurde dies durch höhere Marketing-
zerverbandschef Gheorghe bedenklich. ausgaben und stärkere Produktionska-
pazitäten. An Investitionen wurde auch
Kostenoptimierung und Konkurrenz nicht gespart – Cotnari will bis Ende 2010
von Außen sein Weinbaugebiet auf insgesamt 2.010
Für die Krisenüberbrückung ist jede ha ausweiten. Auch Vincon Vrancea
Menge Taktik und Strategie gefragt. In machte keinen Hehl daraus, dass man
Jidvei (zu deutsch Seiden, eines der größ- die Ausgaben drastisch kürzen musste.
ten Weinbaugebiete, mit über 1.000 ha, Doch selbst bei relativ stabil bleiben-
in Siebenbürgen) hat man zunächst eine den Umsätzen der Großproduzenten
Kostenoptimierung geplant. Von der war für alle klar, dass die Profite wesent-
Ausgabenkürzung waren aber nicht die lich kleiner ausfallen würden. Der Ge-
zeitgütern wie z.B. elektronische von der EU kofinanzierten Investitionen samtumsatz auf dem rumänischen
Geräte zurück, nicht aber seine Ess- und betroffen, sondern die Akquisen, die nicht Weinmarkt bezifferte sich 2009 auf 450
Trinkgewohnheiten“, weiß Gheorghe. unmittelbar mit dem Tätigkeitsbereich Mio. Euro (und damit ähnlich wie 2007),
Folglich kam es zu einer Rückentwick- zu tun hatten (z.B. Bürobedarf). Auch während 2008 ein Volumen von 500
lung des Konsumentengeschmacks, einer setzte sich Jidvei zum Ziel, 2009 – wenn Mio. Euro verzeichnet wurde. Zum Ver-
Umorientierung von high & medium möglich – dieselben Umsätze wie 2008 gleich: 2006 waren es 400 Mio. Euro,
quality hin zur low quality. Als Krisen- zu erreichen. Promoting-Kampagnen 2004 nur 300 Mio. Euro. Laut Angaben
gewinner gingen schließlich die Produ- wurden auf die Schwarzmeerküste be- des Winzerverbands erreichte die heimi-
zenten von minderqualitätigen Weinen schränkt, wo ein anderer Weinhersteller sche Weinproduktion im vergangenen
hervor, die meisten aus der unbesteuer- (Murfatlar) traditionell dominiert. Jahr ein Volumen von 6,3 Mio. Hekto-
ten Grauzone der Wirtschaft.
„Letztes Jahr gingen die Umsätze
von Qualitätsweinen um ca. 20% zurück
– etwa gleich hoch war der Anteilsanstieg
der Umsätze von Billigweinen“, eröffnet
C`t`lin Grecu, Marketingdirektor bei
Cotnari, einem der bekanntesten Wein-
baugebiete Rumäniens. Die 5 marktfüh-
renden Weinproduzenten sind Murfatlar,
Vincon Vrancea, Jidvei, Cotnari, Reca[
und Tohani – zusammen machen sie etwa
50% der Umsätze aus. Paradoxerweise
hat der Markt für Luxusweine (z.B. Weine
aus den Jahrgängen 1945-1955, die bis
zu einigen Tausend Euro pro Flasche
kosten) zugenommen, die Umsätze ha-
ben sich nahezu verdoppelt. Die wich-
tigsten Player im Bereich Luxusweine

30 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


schwerpunkt

weine zu kaufen“, erläutert Ovidiu


Gheorghe. Den Rumänen müsste erst
bewusst werden, dass trockene Rotweine
auch gesünder sind. Und schließlich
brauche Geschmacksbildung auch Zeit
und Geld, so der Vorsitzende des rumä-
nischen Winzerverbands.

Sonderbares Konsumverhalten
Das Konsumverhalten der Rumänen
ist in punkto Wein ohnehin atypisch.
Während in anderen europäischen Län-
dern zu 75% Rotweine aufgetischt wer-
liter und damit in etwa denselben Wert Wachstumspotenzial und den, greifen mehr als die Hälfte der rumä-
wie 2008. Für 2010 wird eine leichte Geschmackserziehung nischen Konsumenten zu halbtrockenen
Wiederankurbelung des Marktes erwartet, Dem rumänischen Weinmarkt wird oder halbsüßen Weißweinen, weiß auch
allerdings bei anhaltenden Finanzierungs- ein großes Wachstumspotenzial nachge-
schwierigkeiten und sinkenden Umsätzen. sagt. Der Pro-Kopf-Konsum liegt, laut
Konkurrenz für die heimischen Win- Angaben des Nationalen Statistikamtes,
zer kommt jedoch nicht von den Billig- bei ca. 23 Liter im Jahr (zweimal weni-
weinherstellern allein. Importweine haben ger als der Biergenuss) und damit um
im Vorjahr 10% des rumänischen Mark- mehr als die Hälfte weniger als in den
tes erobert – Tendenz steigend, vor allem entwickelten Ländern (wo man im Schnitt
nachdem mit dem EU-Beitritt Rumäniens um die 50 Liter pro Kopf verzeichnet).
Zollgebühren im gemeinschaftlichen Von dieser Menge sind wiederum Fla-
Handel entfallen sind. Importweine ha- schenweine mit nur 3 Litern im Jahr
ben zudem den Vorteil, preiswert und aus vertreten. Die Rumänen trinken in der
diversifizierten Rebsorten zu sein. Regel süßen oder halbtrockenen Weiß-
wein, die Vorliebe gilt dem minderwer-
tigem, lose erhältlichen Wein, der auch
3−4 mal billiger als Flaschenwein ist.
Den Winzerverbänden zufolge be-
steht die Nachfrage in 60−70% aller Be-
stellungen aus Weißwein. Die Nachfrage
für Rotwein legt hingegen um nur etwa
1% im Jahr zu, was bei einfachem Nach- Marian Moise, Geschäftsleiter des Wein-
rechnen bedeutet, dass die Rumänen erst bauguts Ostrov. Dennoch seien Kon-
in 40 Jahren genauso viel Rotwein wie sumgewohnheiten – 20 Jahre nach En-
beispielsweise die Franzosen oder Spanier de des Kommunismus – im Wandel be-
trinken werden. „Voraussichtlich erst ab griffen, der allgemeine Geschmack wer-
2013 wird es qualitätsvolle Rotweine zu de allmählich raffinierter. Grob gesehen
50% auf dem Markt geben. Die Trink- könne man rumänische Konsumenten
gewohnheiten hierzulande sind auch in zwei Kategorien unterteilen: Die Qua-
der jüngsten Vergangenheit zu verdan- litätsbewussten kaufen nur Flaschenwein,
ken. Im Kommunismus gab es überwie- insbesondere Rotweine, und sind mar-
gend minderwertige, eben billige Weiß- ken- und herstellerorientiert. Die

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 31


schwerpunkt

große Masse greife allerdings im- Alb` (Weiße Mädchentraube), Feteasc`


mer noch vorrangig zu billigen Weiß- Regal` (Königliche Mädchentraube),
weinen, die lose erhältlich sind. Zu den Frâncu[` und Gras` de Cotnari. Hybride
absonderlichsten Gepflogenheiten in und Tafeltrauben kommen im Falle einer
Rumänien gehört auch der Brauch, bei beantragten EU-Finanzierung erst gar
Hochzeiten, Taufen, Begräbnissen und nicht in Frage. Bis 2013 will man 3.000
dem anschließenden Totenmahl einen Hektar jährlich umbepflanzt haben.
Deal mit den Restaurants einzugehen: Auch die Förderung der Qualitäts-
Das Weinangebot des Hauses wird von weine hat sich das Ressortministerium
Anfang an abgelehnt, die Restaurantbe- auf die Fahne geschrieben − dazu ge-
sitzer lenken aufgrund des guten Auf- hört das Handelsverbot für Weine mit
trags mit zahlreicher Kundschaft ein; Zusatzstoffen. „Etwa 50% der Umsätze
stattdessen kommt billiger Losewein auf werden aus dem Handel mit Weinen
den Tisch, den die Brautleute, Famili- erzielt, die Zusatzstoffe enthalten. Wir
enangehörigen oder Freundesfreunde haben daher den Verkauf von weinähn-
von zweifelhaften Herstellern beziehen. lichen Getränken, die aber nicht aus der
Allein im Winter, vor allem in der Zeit natürlichen Gährung von honigtragen-
um Weihnachten und Silvester, dürften den Pflanzen (Melifera), Früchten und
die Herzen der heimischen Weinprodu- macht die EU für die Revitalisierung der Most hergestellt werden, ausdrücklich
zenten etwas höher schlagen: Die Umsätze heimischen Edelrebsorten locker. Hiesige verboten“, erklärt Adrian R`dulescu,
steigen dann im Vergleich zum Jahres- Edelreben werden ohnehin als Chance Staatssekretär im Landwirtschaftsminis-
durchschnitt um etwa 18−25%. für die rumänischen Winzer angesehen, terium. Mit der Vorschrift, die das Ver-
die Außenmärkte leichter und schneller bot umsetzt, wird auch der Zuckerge-
Europäische und einheimische zu erobern. Der Winzer- und Weinher- halt dieser Getränke reguliert, die den
Förderung stellerverein empfiehlt schon seit Jahren Kunden mit Dumpingpreisen (0,40 Eu-
Das Landwirtschaftsministerium hat die Ersetzung der minderen Rebsorten ro/Liter) anlocken und mit weinähnli-
die Förderung der rumänischen Weine durch Edelreben. Damit könne man sich chen Bezeichnungen hereinlegen.
auf den heimischen Märkten zur Chef- auch auf den internationalen Märkten Eine weitere Maßnahme des Minis-
sache erklärt. Durch ein großangelegtes von anderen Produzenten abheben. Pro- teriums, um das Phänomen des Pansch-
Projekt sollen landesweit Symposien ver- filierungsträchtig seien da urtümlich ru- Weines einzudämmen, ist das Verkaufs-
anstaltet, Reportagen und Werbekam- mänische Sorten wie B`beasc`, Feteasc` verbot für lose Tafelweine auf Bauern-
pagnen in Auftrag gegeben werden. Ziel
des Unterfangens ist es, die rumänischen
Konsumenten für heimische Weinsorten
und Marken zu sensibilisieren. Das Pro-
jekt kostet 400.000 Euro, davon kom-
men 50% von der EU, 30% stellt die Re-
gierung bereit, die restlichen 20% steuern
die rumänischen Winzer bei. Ab diesem
Jahr erhält Rumänien EU-Gelder auch
für die internationale Förderung seiner
Weine.
Zudem geht ein Großteil der ein-
schlägigen EU-Finanzierung auch in die
Umbepflanzung der rumänischen Wein-
anbaugebiete. Insgesamt 210 Mio. Euro

32 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


schwerpunkt

An Weinbaugebieten fehlt es in Ru-


mänien nicht – alle historischen Provin-
zen haben Weingüter, die z. T. selbst in
Zeiten der kommunistischen Misswirt-
schaft (damals in staatlicher Hand) pro-
duktiv waren. In der Moldau befindet
sich allerdings die Hälfte des gesamten
Anbaugebiets Rumäniens (über 90.000
Ha), hier werden Sorten wie Muscat
Ottonel, Chardonnay, Pinot Gris, Pinot
Noir, Sauvignon, Weiße und Schwarze
Mädchentraube, B`beasc` Neagr`, Mer-
lot, Italienischer Riesling hergestellt. In
der Kleinen und Großen Walachei (Ol-
tenien, Muntenien) sind Cabernet, Mer-
lot, Sauvignon, T`mâioas` Româneasc`,
Zweigelt, Burgund Mare (Blaufränkisch),
Negru de Dr`g`[ani und Crâmpo[ia an-
gestammt. Die siebenbürgische Hoch-
ebene wartet mit Gewürztraminer, Neu-
märkten, Stadtmärkten und Messen. Der tin, B`beasc` Neagr` (auch als Poma burger, Muscat Ottonel, Sauvignon,
Vertrieb von Massenweinen bleibt nur Rara Nigra, Großmuttertraube oder Pinot Gris, Weißer und Schwarzer Mäd-
dann legal, wenn die Hersteller ent- Hexentraube bekannt). Die Feteasc` Nea- chentraube auf. Und schließlich produ-
sprechende Genehmigungen erhalten, gr` (Schwarze Mädchentraube) ist die zieren die Weingüter in der Dobrudscha
die u.a. auch die Etikettierung der Be- Königin unter den heimischen Edelsor- (sachte Hügellandschaft vor der Schwarz-
hälter für lose Weine nach bestimmten ten, in der Wertung der unterschiedlichen meerküste) Cabernet, Chardonnay, Co-
Regeln vorschreiben. Winzerverbands- Resbsorten gilt sie den Sorten Merlot, lumna, Pinot Gris, Bouschet und Muscat
chef Ovidiu Gheorghe begrüßt diese Cabernet oder Pinot Noir ebenbürtig. Ottonel.
Maßnahme mit Nachdruck: Marktplätze
und Messen seien absolut ungeeignet
für den Vertrieb von Massenwein; außer-
dem habe man bislang einfach zugese-
hen, wie die Schattenwirtschaft floriere.

Mit Unikaten die Weltmärkte


erobern
Rumäniens Chance in der Weinindus-
trie sind die Unikate. Zurzeit werden et-
wa 350 Marken produziert, die das Güte-
siegel DOC (kontrollierte Herkunftsbe-
zeichnung) tragen. Zu den einzigartigen
autochtonen Sorten gehören Gras` de
Cotnari, Feteasc` Alb` (Weiße Mädchen-
traube), Galben` de Odobe[ti, Pl`vaia,
Mustoas` de Maderat, Frâncu[`, T`mâ-
ioas` Româneasc`, Busuioac` de Boho-

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 33


wirtschaft

Notenbank belässt Rompetrol-Schulden: Kein Geld für


Leitzins unverändert
den Staat, sondern leidige Aktien
D
Die rumänische Noten-

S
bank hat Ende Juni den
Leitzins unverändert bei ollte Kasachstans staatlicher Ministerpräsidenten Adrian N`stase in
6,25 Prozent belassen und auch die Öl- und Gaskonzern KazMu- Anleihen umgewandelt. Nachdem Kaz-
für Geschäftsbanken verpflichtenden naiGaz, der die Mehrheit an MunaiGaz im Jahr 2007 das Mehrheits-
Mindestreserven in Devisen und in Rumäniens zweitgrösster paket der Rompetrol von deren ehemali-
der Landeswährung bei 25 Prozent Ölgesellschaft Rompetrol hält, nur 100 gem Inhaber Dinu Patriciu akquirierte,
bzw. 15 Prozent gleichbleibend bei- Mio. Dollar seiner Gesamtschulden in ist die kasachische Öl- und Gasgesell-
behalten. Seit Jahresbeginn hatte die Höhe von 2,4 Mrd. Lei (rund schaft nun laut rumänischem
Notenbank den Leitzins bislang um 573 Mio. Euro) beglei- Gesetz berechtigt, diese
insgesamt 1,75 Prozentpunkte ge- chen, so wird der Anteile in Aktien zu
senkt. rumänische Staat konvertieren.
Analysten hatten die Maßnahme wohl oder übel „Laut Gesetz
erwartet − durch die Anhebung der mit mehr als wird alles, was
Mehrwertsteuer zum 1. Juli sei der 40% der nicht bezahlt
Spielraum der Zentralbank erheblich Rompetrol- ist, in Ak-
eingeschränkt worden, sie könne Anteile tien kon-
derzeit keine weitere Zinssenkung Vorlieb vertiert.
vornehmen, da sie sich notgedrun- nehmen Zwar bin
gen nunmehr auf die Bekämpfung müssen, ich darüber
der Inflation konzentrieren müsse. während die keineswegs
Das ursprünglich für 2010 festgeleg- Kasachen begeistert,
te Inflationsziel von 3,5 Prozent weiterhin doch sieht es
werde zweifelsfrei haushoch verfehlt, Mehrheitsin- das Gesetz
so die Ökonomen, die bis Jahresen- haber bleiben, nun einmal so
de mit einer Inflationsrate von 7−8% erläuterte jüngst, vor“, erläuterte
rechnen. wenig erfreut, der Fi- Finanzminister Vl`-
nanzminister. Sebastian descu den derzeitigen
Foto: sxc.hu

Vl`descu zufolge stellte das letz- Stand der Dinge.


te „Angebot“ der Kasachen eine Angesichts seiner leeren Kassen wäre
Teilzahlung von 100 Mio. Dollar in dem rumänischen Staat natürlich eine
Aussicht, davor hatte Rompetrol-Finanz- Begleichung der Schulden weitaus lie-
vorstand Dimitri Grigoriew wiederholt ber, allerdings scheint er eher dazu ver-
eine Stundung der Rückstände für weite- dammt zu sein, Aktionär wider Willen
re drei bis vier Jahre gefordert. bei Rompetrol zu werden. Zudem po-
Die Saga der Rompetrol-Schulden kern die Kasachen äußerst clever − mit
währt nun schon seit Jahren: Die Rück- den in Aussicht gestellten 100 Mio.
stände stammen aus dem Jahr 2000, als Dollar würde KazMunaiGaz einerseits
die Ölgesellschaft Rompetrol die Raffi- für Erste billig davonkommen, anderer-
nerie Petromidia mit Schulden gegenüber seits dennoch Rompetrol-Mehrheitsin-
dem Staat kaufte, diese wurden sodann haber bleiben.
vom damaligen sozialdemokratischen heiner krems

34 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


wirtschaft

Kaufkraftstandards:

Foto: Mircea Moiră


Zweitgeringstes BIP in der EU

R
umänien und Bulgarien Frankreich, Spanien, Italien, Zypern
verfügen in der EU statis- und Griechenland die Wirtschaftskraft
tisch über die geringste innerhalb von 10% um den EU27-
Wirtschaftskraft pro Ein- Durchschnitt. Slowenien, die Tschechi-
wohner. 2009 lag das Bruttoinlandspro- sche Republik, Malta, Portugal und die
dukt (BIP) Rumäniens pro Kopf gemes- Slowakei lagen zwischen 10 und 30%
sen in Kaufkraftstandards (KKS) um unter dem EU27-Durchschnitt, Ungarn,
45% unter dem Durchschnitt der 27 Estland, Polen und Litauen bereits zwi-
EU-Staaten, teilte das europäische Sta- schen 30 und 50% darunter. Schlusslich-
tistikamt Eurostat letzten Monat nach ter sind Lettland, Rumänien und Bulga-
ersten Schätzungen mit. Das mit Ab- rien mit einer Wirtschaftskraft von bis
stand geringste BIP pro Kopf weist Bul- zu 60% unter dem EU27-Durchschnitt. Bankensteuer
garien mit gerade einmal 41% des EU- überlegt
Durchschnitts auf.
Den Eurostat-Schätzungen zufolge Wie andere EU-Länder überlegt
variierte das BIP pro Kopf in Kaufkraft- auch Rumänien, Banken zusätzlich
standards im letzten Jahr zwischen den zu besteuern. Umweltminister Lász-
einzelnen Mitgliedstaaten beträchtlich − ló Borbely erklärte Ende Juni, dass
von 41 bis 268% des EU27-Durch- die Regierung gemeinsam mit der
schnitts. Den höchsten BIP-Wert pro Zentralbankleitung ein Maßnahmen-
Kopf verzeichnete Luxemburg mit 168%, paket zur Wirtschaftserholung
auf Platz zwei kam Irland mit einer Wirt- schnüren wolle, zu dem u.a. auch
schaftsleistung pro Einwohner von 31% eine Bankensteuer gehören soll.
über dem EU-Durchschnitt. Die Nieder- Adrian Vasilescu, Berater des Zen-
lande, Österreich, Schweden, Dänemark, tralbankchefs, warnte vor vorschnel-
das Vereinigte Königreich, Deutschland len Beschlüssen, man müsse „vor-
und Belgien lagen zwischen 15 und 35% sichtig agieren“, da die Steuer un-
über dem Durchschnitt, in Finnland, vermeidlich in die Provisionen flie-
ßen und damit auf die Bevölkerung
abgewälzt würde. Der Presse gegen-
Schattenwirtschaft bei über 20% des BIP über erläuterte Vasilescu, dass eine
Bankensteuer bislang nur in jenen

J
eder fünfte Leu wird in Rumäni- der Statistik sind bislang Einnahmen aus Ländern überlegt wurde, in denen
en schwarz erwirtschaftet − auf Straftaten wie Prostitution, Drogenhan- der Staat auch Geld in das Banksys-
20,4% des BIP schätzte das Sta- del, Zigaretten- und Alkoholschmuggel tem gepumpt hatte. „In Rumänien
tistikamt die heimische Schatten- oder Steuerhinterziehung − aus diesem hat jedoch keine einzige Bank einen
wirtschaft Ende des 1. Jahresquartals. Grund hat die Statistikbehörde bei Eu- Heller vom rumänischen oder ir-
Der höchste Anteil davon entfällt auf rostat bereits um eine Vorlage ersucht, gend einem anderen Staat erhalten“,
die Schwarzarbeit, gefolgt vom Mehr- die auch diese Einnahmen berücksichti- eine Sozialisierung der Verluste sei
wertsteuerbetrug. Nicht enthalten in gen soll. folglich „unfair“, so Vasilescu.

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 35


wirtschaft

Der Steuerhammer!
Neue Fiskalpolitik „suboptimal“ für die Realwirtschaft
von alex gröblacher

D
schoben wird. Eine zusätzliche, unter- dings wiederum zulasten der Privatwirt-
er Staat muss ange- stützende Alternative auf der Kostensei- schaft, wie René Schöb ausführt: „Durch
sichts seiner horren- te wäre sicherlich gewesen, die Behör- die Anhebung der Mehrwertsteuer, die
den Strukturdefizite den mit spezifischen Investitions- oder Erhöhung etlicher Akzisen und vor allem
an beiden Enden der Ausbildungsprogrammen effizienter zu auch durch die Besteuerung von «ab-
Haushaltsgleichung justieren – Aus- machen, damit das, was eingenommen hängigen Selbstständigerwerbenden»
gaben sollen gedrückt werden, Ein- wird, auch wieder am richtigen Ort und kommen weitere Zusatzkosten auf die
nahmen sollen steigen. Eckdaten in adäquater Höhe ausgegeben wird. Dies Privatwirtschaft zu, welche vorher in
dieser neuen Lage sind 25% weniger hätte zumindest eine Langfristwirkung diesem Ausmaß nicht kommuniziert
Gehalt im öffentlichen Dienst, eine gehabt. Denn um Kosten- bzw. Perso- wurden. Dies wird sicherlich Arbeitskos-
breitere Steuerbasis und Mehrein- nalkürzungen im öffentlichen Sektor ten und Inflation erhöhen. Dass nun so
nahmen aus einer auf 24% erhöhten kommt der Staat nicht umhin – und zwar viele Bereiche mit einer Steuererhöhung
Mehrwertsteuer. Doch wird die im großen Stil. Aber als flankierende konfrontiert werden, wird die generelle
Rechnung aufgehen? Maßnahme müsste unbedingt in die Erholung der Realwirtschaft in Rumänien
Kontrolle der Effizienz der Verwendung keineswegs unterstützen und ist somit
René Schöb, Partner der Steuerbera- von Steuergeldern und Subventionen
tungs- und Wirtschaftsprüfungskanzlei investiert werden; eine effizientere Aus-
LeitnerLeitner, kann die Notwendigkeit zahlung der EU-Subventionen würde
der fiskalpolitischen Maßnahmen zwar kurzfristig Investitionen vorantreiben
durchaus nachvollziehen, bemängelt und mittelfristig Steuern generieren“,
aber, dass die Realwirtschaft dabei viel so der Experte.
zu sehr zur Ader gelassen wird. „Die Die Erhöhung der Mehrwertsteuer
beiden Maßnahmen sollten zwei unter- ist jedoch nur eine der vielen, auf der
schiedliche Ziele zur Folge haben: einer- Einnahmenseite beschlossenen Maßnah-
seits eine langfristige Kostenreduktion men: So etwa soll nunmehr gegen Steu-
und andererseits ein kurz- bis mittelfris- ersünder härter vorgegangen werden,
tiger Mittelzufluss durch die Erhöhung eine Ankündigung, die – so sieht es Be-
der Mehrwertsteuer. Doch scheint es rater Schöb − im Alltag bereits einige
derzeit so, als ob nun doch wieder die Wirkung zeigt. Auch die Verbrauchs-
Realwirtschaft mehr zur Kasse gebeten steuern werden angehoben und, weil
wird, anstatt eine Strukturreform in der die Etats der Renten- und Krankenver-
Verwaltung und den verwaltungsnahen sicherungen gleichfalls aus dem Lot sind,
Betrieben durchzusetzen.“ des Weiteren etliche Schlupflöcher für
Zudem befürchtet Schöb, dass die die Vermeidung von Lohnnebenkosten
erhoffte dauerhafte Kostensenkung letz- gestopft. Autos und Immobilien werden
ten Endes „nicht eintreten und somit ihrerseits höher besteuert.
das Budgetproblem nur vor sich herge- Viele dieser Maßnahmen gehen aller- Steuerexperte René Schöb

36 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


wirtschaft

Foto: Mircea Moiră


sehr suboptimal. Die schlechte rumänische der Abgeordnete Varujan Pambuccian
Wirtschaftslage wird dadurch sicherlich von der Fraktion der Minderheiten die Das neue Steuerpaket:
verlängert.“ Eine Alternative wäre laut Anhebung der Mehrwertsteuer auf 25%,
René Schöb gewesen, die Mehrwertsteu-
ererhöhung „nur kurz- bis mittelfristig“
dafür aber die Senkung der einheitlichen
Einkommenssteuer auf 4% vorgeschlagen.
• Mehrwertsteuersatz: von 19% auf
24% angehoben
einzuführen – „dieser Ansatz wäre effi-
zient zur Generierung von Steuereinnah-
Die Linke macht sich nach wie vor für
eine Rückkehr zur progressiven Besteue- • Steuerfreibetrag bei Mitarbeitern,
men gewesen, hätte jedoch auch ein kla- rung stark, die Liberalen forderten die die auf urheberrechtlicher Basis
res Zeichen an die Privatwirtschaft ver- sofortige Senkung sowohl der Mehrwert- arbeiten, sowie bei Freischaffenden:
mittelt, dass der Staat sie nicht auf kons- als auch der Einkommenssteuer. Andere von 40% auf 20% gesenkt; zudem
tanter Basis schröpfen möchte.“ stellten sich sogar die Frage, warum die sind jährliche Renten- und Kranken-
Dass die Gehaltskürzungen um 25% Defizite nicht einfach aus den Devisen- versicherungsbeträge in Höhe von
einerseits den Staat entlasten, anderer- reserven der Zentralbank, die auf histo- maximal 6 Durchschnittslöhnen der
seits aber die Konjunktur drosseln, be- rischen Hochwerten liegen, gedeckt Volkswirtschaft zu entrichten
zweifelt der Berater: „Obwohl eine gro-
ße Anzahl von Personen von diesen Maß-
würden. Von diesen Alternativen hält
der Berater allerdings auch nicht beson-
• Ferienboni, Kinderkrippenzulagen
und Lebensmittelbezugsscheine:
nahmen betroffen sein wird, gehe ich ders viel − die genannten Beispiele seien
mit 16% besteuert
davon aus, dass sie auf das Wachstum
und die Realwirtschaft keine signifikan-
„natürlich stark politisch getrieben und
abgestimmt auf die Zielwählerschaft der • Geldanlagen auf Spar- oder Giro-
ten negativen Auswirkungen haben Parteien. Bei den meisten Vorschlägen konten: Zinsabschlagsteuer in Höhe
werden.“ stellt man fest, dass sie nicht nur unum- von 16%
Das Fazit Schöbs ist ebenso unmiss-
verständlich wie schonungslos: „Nur an
setzbar sind, sondern auch entgegenge-
setzte Auswirkungen haben könnten als
• Steuersatz für Gewinne aus Glücks-
spielen: auf 25% vereinheitlicht
den Prozentsätzen zu drehen wird lei-
der die Budgetsituation nicht nachhaltig
die beabsichtigten. Einige Vorschläge
sind schlicht an den Haaren herbeigezo-
• Besitzer von Zweit- und Drittwoh-
nungen: Soli-Zuschläge von 65% bis
verändern und hauptsächlich die Privat- gen − rechtlich sind sie nicht durchführ-
300% der Immobiliensteuer
wirtschaft benachteiligen.“ Die Opposi-
tion und andere Akteure auf der Polit-
bar, ökonomisch sind sie wertlos. Die
meisten Vorschläge haben leider eines • KfZ mit einem Hubraum von mehr
bühne spielen natürlich mit eigenen, al- gemeinsam: Sie sind einfach nicht zu als 2000 Kubikzentimeter: verdop-
ternativen Vorstellungen − so etwa hatte Ende gedacht“. pelter Steuersatz

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 37


wirtschaft

Energieprojekt

Rumänien verhandelt über


South-Stream-Teilnahme
W

Foto: Mircea Moiră


Wirtschaftsminister Adriean Videanu ist letzten Monat in Mos-
kau mit Gazprom-Chef Alexej Miller zusammengetroffen, um
die Verhandlungen über einen möglichen Einstieg Rumäniens
in das South-Stream-Projekt zu starten. Bukarest werde Gaz-
prom bis zum Herbst sämtliche Daten für die Erarbeitung einer Machbarkeits-
studie für den Bau einer Transitpipeline über Rumänien zur Verfügung stellen,
sagte Videanu nach seinem Treffen mit Miller.

Seinerseits verlautbarte der Gazprom- des Weiteren die Energieproduktion


Chef, dass es „einen offenen und sach- sowie die potenzielle Kooperation zwi-
lichen Dialog“ gegeben habe. „Man kann schen Gazprom und dem heimischen
durchaus sagen, dass wir einen möglichen Gasproduzenten Romgaz. Last but not
Einstieg Rumäniens in das South-Stream- least habe er klargestellt, dass Rumänien
Projekt ins Gespräch gebracht haben“, an direkten Gaslieferungen aus Russland
zitierte die Nachrichtenagentur RiaNo- ab dem Jahr 2012 besonders interessiert
vosti Miller, der hinzufügte, im Herbst sei, so Videanu. Die Gespräche zu diesem
zu weiteren Verhandlungen nach Buka- Punkt würden im Juli zügig fortgesetzt,
rest reisen zu wollen. wenn Experten des staatlichen Gastrans-
Für Rumänien sei es von Vorteil, porteurs Transgaz nach Moskau reisen.
„sämtliche Projekte zu analysieren“, die Der Gazprom-Besuch des Wirtschafts-
zur „energetischen Sicherheit“ sowohl ministers erfolgte kurz nachdem der lichen und voraussichtlich 2015 in Be-
des Landes selbst als auch der Europäi- bulgarische Regierungschef Bojko Bo- trieb gehen. Geplant war bislang ein
schen Union beitragen würden, erläuterte rissow sämtliche drei großen, mit Russ- Verlauf auf dem Schwarzmeerboden
der Wirtschaftsminister. Die meisten Pipe- land vereinbarten Energieprojekte seines vom russischen Noworossijsk bis zum
lines des südlichen Korridors würden Landes als unrentabel bezeichnet und bulgarischen Hafen Varna, von wo aus
über Szenarios verfügen, die auch „unser mit dem Ausstieg aus den Gas- und Öl- zwei Stänge nach Italien und Österreich
Land ins Auge fassen“, da es ein „Tor pineline-Projekten South Stream, Bur- gehen sollen. Nachdem sich Sofia nun
zu den restlichen EU-Ländern“ bzw. gas-Alexandropolis und auch dem AKW- doch für den Einstieg ins South Stream-
ein ideales Transitland für Gas- und Öl- Projekt Belene gedroht hatte. Projekt entschieden hat, bleibt abzu-
lieferungen darstelle. Die South-Stream-Pipeline, die als warten, wie Moskau die Pipeline hand-
In den Gesprächen mit dem russischen direkte Konkurrenz zum europäischen haben will. Gazprom-Vize Medwedew
Gasriesen sei auch der Bau eines unter- Vorzeigeprojekt Nabucco gilt, an dem hatte bereits im Juni verlautbart, dass
irdischen Gasspeichers bei Roman–M`r- sich Rumänien gleichfalls beteiligt, soll „die Beteiligung Rumäniens jene Bulga-
gineni erörtert worden, dessen Machbar- russische Gaslieferungen nach Europa riens nicht ausschließen“ müsse.
keitsstudie im Oktober vorliegen soll, unter Umgehung der Ukraine ermög- anne warga

38 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


wirtschaft

Arbeitgeberschaft zur Mehrwertsteuererhöhung: „Es folgen Teuerungen,


Konsumeinbruch, Arbeitslosigkeit und Steuerhinterziehung“

M
aßlose Bestürzung in der würden − zudem werde die Steuerhin-
Geschäftswelt über die An- terziehung in dieser Branche garantiert er-
hebung der Mehrwertsteuer: heblich zunehmen, sagte der Rompan-
Preissteigerungen, Inflation und die sin- Verbandsvorsitzende Aurel Popescu.
kende Kaufkraft der Menschen werde Von gleichfalls um mindestens 5% ver-
zu einem drastischen Einbruch des Kon- teuerten Waren gingen auch die Her-
sums, zu einer steigenden Arbeitslosig- steller aus der Fleisch- und Milchverar-
keit und einer noch massiveren Steuer- beitungsindustrie aus.
hinterziehung führen, so der Tenor der Die meisten Unternehmer gaben an,
Unternehmer- und Arbeitgeberschaft. numehr mit dem Schlimmsten zu rech-
Die Nahrungsmittelindustrie rech- nen: mit einer möglicherweise zweistel-
nete in ihrem Segment mit Preissteige- ligen Inflation, mit um bis zu 40% ein-
rungen von mindestens 5%, „damit wird gebrochenen Umsätzen. In der Nahrungs-
die rumänische Lebensmittelbranche den schaft aus der Lebensmittelindustrie, mittelindustrie befürchteten die Bran-
höchsten Mehrwertsteuersatz in ganz auf. Seitens der Brotwarenhersteller ver- chenverbände zudem zahllose Bankrotts
Europa haben“, zeigte Sorin Minea, Vor- lautbarte, dass auch die Brotpreise um – rund ein Viertel der Firmen werde
sitzender des Verbands der Arbeitgeber- mindestens 5% in die Höhe schnellen wohl bis Jahresende schließen müssen.
interview

„Wir gehen davon aus, dass die Kunden weiterhin


vorsichtig bleiben und leichter zugängliche und
vertrauenswürdige Produkte nachfragen“
Gespräch mit OMV Petrom Marketing-Vorstand Rainer Schlang

Herr Schlang, Sie haben erst vor we- zu konsolidieren – der OMV Petrom und OMV. Die PETROMV-Tankstel-
nigen Wochen ein Rebranding der rund Marketing SRL. Durch die Konsolidie- len werden einem Rebranding-Prozess
120 PETROMV-Tankstellen angekündigt − rung der Marketingaktivitäten wird eine unterzogen. Ein Teil wird künftig unter
zwei Drittel davon sollen künftig auf OMV, Reihe von Vorteilen generiert, wie z. B. OMV geführt, ein Teil unter Petrom.
ein Drittel auf Petrom umbenannt wer- die bessere Koordination der Unterneh-
den. Haben die rumänischen Kunden mensaktivitäten, eine höhere Wertschöp- Wie sehr leidet das Retail- und Com-
denn mehr Vertrauen zur österreichi- fung, schnellere Entscheidungsprozesse mercial-Geschäft zurzeit unter der ein-
schen − zugegeben, weitaus bekannteren und ein flexibles Management. heimischen Rezession?
− Marke als zur eigenen, einheimischen? Da OMV Petrom Marketing SRL Ein von der Krise stark betroffener
Wie schon angekündigt beabsichtigen mit zwei Premium-Marken am selben Bereich ist das Transportwesen, was sich
wir, alle OMV Petrom-Marketingaktivi- Markt auftritt (OMV und PETROMV), natürlich unmittelbar im Treibstoffab-
täten, die zur Zeit von drei verschiede- ist eine Optimierung des Markenportfo- satz widerspiegelt. Den Rückgang der
nen Akteuren in Rumänien wahrgenom- lios notwendig. Wir konzentrieren uns Kaufkraft spüren wir deutlich. Der Mar-
men werden, in einem Unternehmen in Rumänien auf die Marken Petrom keting-Umsatz der OMV Petrom Grup-
pe ist insgesamt um 22% gesunken. Im
Marketing verzeichneten wir hierzulande
im Vergeich zu Q1/2009 einen Umsatz-
rückgang von 25% bedingt sowohl durch
Retail (Tankstellengeschäft) als auch Com-
mercial (Großkundengeschäft).
Der Retailumsatz ging um 8% zurück,
Gründe dafür sind der geringere Benzin-
und Dieselabsatz. Die allgemeine Wirt-
schaftskrise und budgetären Einsparun-
gen führten zu einer hohen Arbeitslo-
senrate − das hat sich direkt auf das Re-
tailgeschäft ausgewirkt.
Im Commercial-Bereich sank der
Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um
47%. Im 1. Quartal gab es noch keine
öffentlichen Ausschreibungen, da das
Budget 2010 noch nicht verabschiedet
war. Auch die Bauwirtschaft und der
Industrie-Sektor verzeichneten große
Rückgänge.

40 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010


interview

Nach dem 1. Quartal 2010 sprachen OMV EuroTruck umfasst ein Tankstel- Öffentlichkeit und unseren Kunden sehr
Sie von einem Rückgang des rumänischen lennetz speziell für die Transportbranche. gut aufgenommen.
Treibstoffmarktes um 10−12%. Mit 2007 wurde es in Österreich eingeführt, „Respekt vor der Zukunft“ ist eine
welchen Einbrüchen rechnen Sie nun im Mai 2010 haben wir sodann die ers- Plattform der Petrom, unter der in den
angesichts der neuen Sparmaßnahmen? ten zwei Tankstellen in Rumänien, im letzten vier Jahren Programme entwi-
Zu Jahresbeginn sind wir davon aus- Logistikpark Bucharest West, Autobahn ckelt wurden, die die wichtigsten Ziel-
gegangen, dass Margen und Marketing- A1, und in der Nähe von Lehliu, Auto- gruppen des Unternehmens ansprechen:
Volumen weiterhin unter Druck bleiben. bahn A2, eröffnet. Kunden, zentrale und lokale Behörden,
Unter den gegebenen Umständen ist Öffentlichkeit und Mitarbeiter. Ich möch-
eine genaue Einschätzung der Rückgänge Welche Entwicklungsstrategie fährt te nur die erfolgreichsten Programme
derzeit schwierig. Wir gehen davon aus, die OMV Petrom in 2010? Wo liegt der für soziale Verantwortung erwähnen:
dass die Kunden weiterhin vorsichtig Schwerpunkt? „Parks der Zukunft, Ressourcen für die
bleiben und leichter zugängliche und Im Marketing. Unsere wichtigsten Zukunft“, „Wir bauen für die Zukunft“
vertrauenswürdige Produkte nachfragen. Ziele für dieses Jahr visieren die Prozess- − Projekte, die Umwelt- und Sozialfra-
Wir verfügen über zwei starke Marken, optimierung und Effizienzsteigerung – gen sowie nachhaltige Entwicklung zum
die sich ergänzen. OMV im Premium- mit Fokus auf die Konsolidierung der Thema hatten.
und Petrom im preisgünstigen Segment. Marketingaktivitäten des OMV Petrom-
So können wir den gesamten Mark be- Konzerns in Rumänien. CSR ist ein Thema, dass von der rumä-
dienen und die Bedürfnisse unserer nischen Presse eher selten aufgegriffen
Kunden bestens abdecken. Die OMV investiert seit Jahren in wird. Die Bevölkerung wird zwar über
„Corporate Social Responsibility“. OMV- Umsatz- und Gewinnmargen der hier-
Sehen Sie Spielraum für eine Senkung Chef Ruttenstorfer äußerte jüngst in zulande aktiven Großkonzerne auf dem
der Treibstoffpreise? einem Interview mit der österreichi- Laufenden gehalten, doch kaum über
Die Preisgestaltung von Petrom ba- schen „Die Presse“, dass es sich dabei deren eventuelles soziales Engagement.
siert auf verschiedenen Faktoren: interna- letztlich nicht nur um „Philanthropie“, Daher entstand in der Öffentlichkeit der
tionale Börsennotierungen, Wettbewerb, sondern um „die Lizenz, unser Geschäft Eindruck eines „Nebeneinander“, nicht
Steuerpolitik und Wechselkurs RON/ betreiben zu können“ handele. Was aber eines „Miteinander“. Wie könnte,
USD. Die Treibstoffpreise sind aufgrund konnte in punkto CSR in Rumänien bis- Ihrer Meinung nach, dieser Sachverhalt
mehrerer volatiler Einflussfaktoren schwer lang erreicht werden? zukünftig geändert bzw. verbessert
vorherzusagen (Forex, Börsenkurs usw). Mit dem Bildungsprogramm Move& werden?
Help haben wir unterschiedliche Projekte Das Wichtigste beim Thema Nach-
Wird im Hause OMV Petrom angesichts initiiert, die eine langfristige, konstante haltigkeit sind Dialog, Kommunika-
der hiesigen Krisenzeiten noch auf In- und nachhaltige Entwicklung gewähr- tion, Transparenz und Engagement. Die
vestitionen gesetzt? leisten. So haben wir erst kürzlich unter Nachhaltigkeit eines Unternehmens
Im Retailgeschäft der OMV Petrom diesem Dach das Projekt „Mit Lesen mehr richtet sich an die verschiedenen „Stake-
analysieren wir jede Marktchance gründ- bewegen“ gestartet − das erste Programm holder“, mit denen das Unternehmen
lich, wir investieren weiterhin in wichtige in Rumänien für Kinder mit Leseschwä- in Kontakt steht. Daher ist es auch not-
Projekte und optimieren die Leistung. che, das gemeinsam mit dem hiesigen wendig, diese Zielgruppen bei allen
Gleichzeitig sind wir bestrebt, unseren Verein für Kinder mit Legasthenie ent- Phasen der Projektentwicklung mitein-
Kunden neue Lösungen in Sachen Mo- wickelt wurde. Als Teil des Programms zubeziehen, damit sie sich mit dem
bilität anzubieten − so haben wir kürzlich starteten wir eine Unterstützungskam- Projekt identifizieren können. Hier sind
das Konzept OMV EuroTruck, ein Full- pagne an OMV-Tankstellen, die bis zum die Medien ein wichtiger Partner für
Service-Paket für die Transportbranche, 15. Juni lief. Weiters wurde die Website uns, nicht nur in ihrer Rolle als Infor-
auf dem rumänischen Markt eingeführt, www.dislexic.ro gelauncht und ein Buch mationsvermittler, sondern auch als Teil
es wird uns unterstützen, unsere Ziele in zu diesem Thema veröffentlicht. Diese der Gesellschaft.
diesem Wachstumssegment zu erreichen. nachhaltige Initiative wurde von der die fragen stellte anne warga.

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wirtschaft

Investitionen in Banater Montantourismus


− vorläufig nur Krisenträume

O
Karasch-Severin/Cara[-Severin, „denn
berhalb von Reschitza/Re[i]a ist auf einer Lichtung von etwa 14 das Banater Bergland ist schließlich Ziel
Hektar ein Areal zu Tourismuszwecken vorgesehen. Es handelt vieler Tourismusfreunde, die aus Temes-
sich um die Wiese „Poiana Golului“, die die Stadtverwaltung war/Timi[oara und Arad anreisen“, sagt
mehr oder minder zum Dreh- und Angelpunkt zukünftiger Tou- Popovici und erläutert: „Wintersport
rismusunterfangen macht. Die Machbarkeitsstudie für „Poiana Golului“ hat treiben ist längst kein Sport mehr nur
eine österreichische Firma aus St. Pölten erstellt − eine Firma, die „bereits ähn- für die Elite-Klasse, sondern bereits in
liche Projekte in Rumänien durchgeführt hat“, sagt Bürgermeister Mihai Ste- die Kategorie Massentourismus einzu-
panescu. gliedern.“ Das Einzige, das zurzeit die
Touristen scheinbar noch davon abhält,
Zu den Highlights der Einrichtung bzw. gezielte Planung sehen statt der den Semenik als Tourismusattraktion zu
sollen irgendwann ein Parkhochhaus derzeitigen vielfältigen Ideen und Vor- empfinden, ist die fehlende Infrastruk-
gehören und insbesondere eine Gondel, schläge, die längst nicht alle auf den tur in punkto Zufahrt sowie die Unter-
die das Plateau mit dem unmittelbaren gleichen Nenner zu bringen sind. kunftsmöglichkeiten auf dem 1.446 m
Stadtzentrum verbindet. Der Bürger- Ein weiteres Investitionskonzept für hohen Berg.
meister schließt auch eine Drahtseilbahn die Region um Reschitza und das Seme- Ein Parkplatz in Franzdorf/V`liug
nicht aus, die muss jedoch, „wenn auch nik-Gebirge hat der ehemalige Vizeprä- dürfte der Beginn der Investition sein,
aus zweiter Hand, umweltfreundlich sident des Temescher Kreisrates und die Marius Popovici als ausschlaggeben-
und mit allen Sicherheitselementen ver- derzeitige Beauftragte der Institution den Faktor für die gesamte Region sieht.
sehen sein“. Stepanescu sieht hier „den für die Beziehungen zu Deutschland Ein Parkplatz, der als Schnittstelle zwi-
Grundstein für den Montantourismus und Österreich, Marius Popovici, in schen der 1,8 km langen Straße aus dem
in Westrumänien“. Reschitzaer Bürger einer Mappe zusammengefasst. Konkret Gemeindezentrum und der 2,5 km Luft-
würden allerdings lieber eine selektive geht es ihm um den Verwaltungskreis linie vom Parkplatz bis auf den Berg
gedacht ist. Letztere Strecke soll näm-
lich zukünftig von der geplanten Gondel
innerhalb weniger Minuten zurückgelegt
werden. Allerdings ist die ganze Vielfalt
an Plänen bislang bestenfalls auf dem
Reißbrett umgesetzt worden, faktisch
getan hat sich nämlich wenig bis nichts.
„Wir bereiten uns eben jetzt auf die
Zeit vor, die nach der Krise erneut In-
vestitionsfreude auslöst“, tröstet sich
Popovici. Insgeheim hofft er aber, dass
sich womöglich doch schon bald etwas
bewegt, denn „zurzeit sind Baumateri-
alien und Grundstücke billiger zu haben.
Wenn die Krise vorbei ist, werden auch
die Preise wieder steigen.“
Reschitza hofft auf Tourismus-Investitionen alecs dina

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wirtschaft

Wirtschaftsminister Videanu:
„OMV Petrom-Anteilspaket wird
wohl im September verkauft“
ter Adriean Videanu, demzufolge in-
Foto: Petrom SA

zwischen auch an den Entwürfen zum


Verkauf der Transgaz- sowie Transelec- Lufkin Industries
trica-Anteile gefeilt wird.
Videanu hatte erst im Mai angekün-
expandiert nach Ploie[ti

D
digt, dass der Staat die Hälfte seiner An- as texanische Unternehmen
teile an der OMV Petrom über die Börse Lufkin Industries Inc. gab
abstoßen will. Als Grund hatte der Wirt- Anfang Juli bekannt, ein
schaftsminister den Geldmangel des Produktionswerk bei Ploie[ti zu er-
Staates genannt, der sich angesichts der richten, wo Produkte für die Unter-
Petrom-Kapitalerhöhung eine Beteili- nehmensbereiche Ölfelder und Ener-
gung von 20,63% am Mineralölkonzern gieübertragung hergestellt werden
„nicht mehr leisten“ könne. Damit wür- sollen. Das Werk, dessen Kosten
den die Anteile des Staates an der Pe- sich auf 126 Mio.USD belaufen,
trom auf 8,8% schrumpfen, die die Be- soll 2012 fertiggestellt werden und
hörden ebenfalls versilbern wollen − dem mehr als 300 Angestellte beschäfti-
Wirtschaftsminister zufolge sollen weite- gen. Bukarest habe sich bereit er-
re 8% den Mitarbeitern des Konzerns klärt, Anreize zur wirtschaftlichen
Der Regierungsbeschluss über den zum Kauf angeboten werden. Entwicklung sowie eine Bauunter-
Verkauf eines 11,84%-igen Anteilspa- Vonseiten der österreichischen OMV stützung über 28 Mio. Euro zu bie-
kets an der OMV-Tochter Petrom ist hatte es bislang zum Thema lediglich ten, teilte Lufkin mit. Dem Unter-
Ende Juni vom Kabinett abgesegnet geheißen, dass die OMV mit 51% der nehmen zufolge ist „das neue Be-
worden, der Verkauf der Anteile über Anteile die Kontrolle der Petrom sowie- triebsprojekt“ ein „strategisches
die Bukarester Börse dürfte dement- so innehabe und daher „keine unmittel- Drehkreuz“, Rumänien eigne sich
sprechend voraussichtlich im September bare Notwendigkeit“ zur Aufstockung bestens als „Ausgangspunkt für Ex-
erfolgen, verlautbarte Wirtschaftsminis- ihrer Beteiligung sehe. porte nach Russland, Zentralasien,
Nordafrika, in den Nahen Osten
und die ostasiatischen Märkte“.
Daimler-Komponenten-Werk in Sebe[ Finanzminister Sebastian Vl`descu
verlautbarte seinerseits, dass das US-
Laut Wirtschaftsminister Adriean Vi- Medien. In diesem Sinne habe Daimler Projekt „die Öl- und Gasindustrie
deanu will der deutsche Konzern Daim- bereits eine Industriehalle akquiriert, unseres Landes um moderne Her-
ler in Sebe[/Mühlbach, Verwaltungskreis wo voraussichtlich ab diesem Herbst stellungstechnologien erweitert“.
Alba, ein Werk für Automobilkomponen- Lkw-Komponenten hergestellt werden. Lufkin Inc. gehört zu den Markt-
ten errichten. „Daimler ist bekanntlich „Daimler schafft damit Hunderte führern auf den Gebieten Förder-
schon in Cugir tätig, wo ein Joint Ven- neue Arbeitsplätze“, bestätigte auch der systemantriebe für Öl- und Gas-An-
ture eingegangen wurde, und will nun Sebe[er Bürgermeister, Mugurel Sârbu, wendungen sowie technisch hoch
auch nach Sebe[ expandieren“, erläuter- die Expansionspläne des deutschen entwickelte Schaltsysteme für die
te Videanu letzten Monat gegenüber den Konzerns. Stromübertragung.

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wirtschaft

Foto: Sebastian Marcovici


Bura: „Ich selbst bin mit Hermannstadt
Unser täglich Brot tief verwurzelt, mein Geschäftspartner
stammt aus dieser Stadt. Wir sehen beide

Krantz – eine den hiesigen Trend zum bewussten


Konsum von hochwertigen Lebensmit-

deutsche Bäckerei
teln und sind überzeugt, dass er sich
fortsetzten wird. Die Hermannstädter
Verbraucher sind anders − es gilt, sie

in Hermannstadt
durch hochwertige Produkte, gleich-
bleibende Qualität und freundlichen
Service jeden Tag neu zu überzeugen.“
Das Brot wird zurzeit ausschließlich
von ruxandra st`nescu importiert, nicht hierzulande hergestellt.
Im Laden werden die Brote lediglich zu

101
Ende gebacken: „Unser Lieferant ist ein
Kilogramm Brot verzehrt ein Rumäne im Jahresdurch- führender, auf Tiefkühlbackwaren spe-
schnitt, 89% der Rumänen essen täglich Brot, ergab zialisierter Produzent mit Sitz im Ruhr-
eine im Auftrag des Branchenverbandes der Arbeitge- gebiet. Die Produkte werden weltweit
ber aus der Brot- und Backwarenindustrie (Rompan) bis nach Japan und Australien exportiert
erstellte Gallup-Studie. Theoretisch ist der heimische Markt folglich ein guter, – jetzt auch nach Hermannstadt. Für die
doch zeigt die Studie auf, dass rund 60% des auf den Markt gebrachten Brotes Zukunft schließen wir jedoch nicht aus,
schwarz erwirtschaftet werden, da laut Statistikamt im letzten Jahr durchschnitt- auch in Rumänien herzustellen. Für den
lich lediglich 23 Kilogramm Brot pro Person verzehrt wurden. Die Gallup- Markteinstieg haben wir uns aber für
Studie ergab zudem, dass die rumänischen Kunden ihr Brot weiß und frisch den Import entschieden, wegen der
mögen. „Ich habe meine ganze Kindheit über altbackenes Graubrot vorgesetzt konstanten Qualität und Produktvielfalt.
bekommen“, sagt der 35jährige Marcel Dan, „jetzt will ich es weiß und frisch Der Lieferant bietet 400 Produkte, von
haben. Ich weiß, dass Schwarzbrot gesünder ist, doch bin ich davon überzeugt, denen wir etwa 60 in unser Angebot
dass das meiste Brot, das hierzulande als Schwarzbrot verkauft wird, Farbmittel aufgenommen haben.“
enthält. Also nehme ich lieber Weißbrot.“ Im kleinen Laden, der etwa 50 Qua-
dratmeter groß ist und in einem der
Dieser Tendenz – und auch der Wirt- oder „Sportler-Vollkorn-Früchtebrot“ Hermannstädter Supermärkte eröffnet
schaftskrise – zutrotz wurde in Hermann- führt. Die beiden Geschäftspartner Ma- wurde, gibt es nicht nur verschiedene
stadt vor wenigen Monaten ein Brotladen rius Bura und R`zvan Slavu entschieden Brotsorten, sondern auch Spezialbröt-
eröffnet, der Brotsorten wie „Holzofen sich für Hermannstadt, um „Krantz, die chen, Laugenbretzel, Süßgebäck und
– wild und mediterran“, „Korn an Korn“ deutsche Bäckerei“ zu eröffnen. Marius sogar ein „Schneckenparadies“ – näm-

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wirtschaft

Foto: Sebastian Marcovici


lich Schnecken mit Mohn, Schoko und
Nuss. Für diejenigen, die es mit dem
Naschen besonders eilig haben, gibt es
einen Tisch. Abends können die Pro-
dukte preisreduziert erworben werden,
doch wer die Qual der Wahl haben will,
sollte vormittags vorbeischauen, um in
den Genuß der vollen Produktvielfalt zu
kommen. „Da ist die Theke noch voll“,
sagt die Verkäuferin.
Hauptprodukt ist das Brot – zumal
viele Hermannstädter längst auch andere
Sorten als das typisch siebenbürgische
Kartoffelbrot mögen. Maria Ilie ist eine
der Kundinnen: „Vor einiger Zeit gab’s
schon mal einen österreichischen Brotla- haben uns bewusst für diesen Zeitpunkt nicht allgemein ungesund − besonders
den. Der musste letztlich schließen, da- entschieden. Azyklisch zu handeln ist wenn man bedenkt, dass „Deutschland
nach fehlte mir einfach das Vollkornbrot. zwar nicht so einfach, aber wenn sich als das Land mit den meisten Brotsorten
Auch für meine Kinder gibt es am Wo- das wirtschaftliche Klima bessert und es gilt. Es ist nicht mehr nur Grundnah-
chenende nun wieder frische Brötchen.“ wieder bergauf geht, ist man schon da.“ rungsmittel, sondern eine Lebensein-
Obzwar der Wettbewerber schließen R`zvan Slavu hat mehr als 10 Jahre Er- stellung. Es liegt an dem Bewusstsein
musste, unternahmen Bura und Slavu fahrung im Hermannstädter Lebensmit- sich gesund zu ernähren. Wir sind uns
dennoch den Versuch, ausländische Brot- telgeschäft, während Marius Bura 12 dessen bewusst, dass auch in der rumä-
sorten auf dem Markt zu bringen: „Wir Jahre im deutschen und rumänischen nischen Ernährungsweise sich beim
Marketing tätig war. Brotkonsum langfristig etwas verändern
Foto: Sebastian Marcovici

Dass ein Start-up in Rumänien keine wird, der Trend geht zu vielfältigen
einfach Sache ist, weiß Bura nur allzu Brotsorten und Vollkornbrot“, so Ma-
gut: „Die Bürokratie ist eine Heraus- rius Bura. Er selber isst gerne Brot: „Ich
forderung, allerdings eine bewältigbare. kann meine Herkunft nicht verleugnen.
Jedes Land, jeder Markt hat seine Eigen- Ja, ich esse sehr gerne Bot und bevorzuge
heiten. Man muss flexibel bleiben, dann unser Schweizer Steinofenbrot Fredy’s.“
kommt man überall zurecht. Wir sind Von Brot alleine kann man jedoch
nun schon seit über einem Quartal auf nicht leben, zumindest nicht im wirt-
dem Markt und merken, dass unser Sor- schaftlichem Sinne, deshalb „planen wir,
timent bei den ernährungsbewussten unser Geschäft langfristig und nach-
Kunden ankommt. Wir sehen aber noch haltig aufzubauen; wir schauen nicht
Potenzial.“ auf den kurzfristigen Profit“, sagt Bura.
Doch sind ernährungsbewusste Kun- Inzwischen hat der Laden bereits
den gar nicht so einfach zu finden, denn Stammkunden. Mariana Ilie: „Ich hoffe,
laut Eurostat ist jeder dritte Rumäne dass dieser Laden niemals schließt. Ich
übergewichtig und jeder vierte sogar fett- finde es einfach toll, aus einer Vielzahl
leibig – wobei nur ein Prozent von ihnen von Brotsorten wählen zu können. Zu-
auch in ein entsprechendes Ernährungs- dem riecht es hier morgens einfach himm-
und Erziehungsprogramm aufgenom- lisch, ich kann dem frischem Brotduft
men wurde. Damit belegt Rumänien in nicht widerstehen – da ist man für seine
der Statistik den 3. Platz. Dabei ist Brot Fahrt hierher gleich doppelt belohnt.“

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coverstory

Die Wiederholungsflut

Foto: gov.ro
von anne warga

S
eit über einem Monat richten anhaltende Überschwemmungen in weiten Landesteilen Rumäniens gravierende
Schäden an: Tausende Häuser vornehmlich aus dem Norden, Nordosten und Osten des Landes, mehr als
100.000 Hektar Wald, Weide- und Ackerland wurden überflutet, Hunderte Kilometer Nationalstraßen und
Bahnwege zerstört. 24 Menschen verloren in den reißenden Fluten ihr Leben, Abertausende Menschen mussten
in Sicherheit gebracht werden. Allein: An den Ausmaßen der diesjährigen Hochwasserkatastrophe sind nicht etwa nur
Gott und die Welt bzw. die Wetterkapriolen schuld, sondern in erheblichem Maße der rumänische Staat selbst − sowohl
durch seine Behörden als auch seine Bürger.

Verheerende Überschwemmungen Problem 1: Keine Hochwasserver- sondere am Land ist man selbst 20 Jahre
werden in Rumänien langsam zur Regel: sicherungen nach der Wende noch immer der Mei-
Ob in 2000, 2004, 2005, 2006, 2007, Und eben auf den Staat hatten sich nung, dass Väterchen Staat auch für die
2008 oder 2010 − mit schöner Regel- die Einwohner der hochwassergefährde- Schäden an Privateigentum aufzukom-
mäßigkeit flimmern die Bilder der Zer- ten Regionen bislang verlassen: Insbe- men hat. Obwohl die Behörden wieder-
störung über die Bildschirme, sprechen holt Flutversicherungen anmahnten,
die Behörden von einem „Jahrhundert- sind derlei Policen in den ländlichen
Hochwasser“. Dabei sind viele Ortschaf- Gebieten weiterhin eine Rarität − die
ten, die jüngst unter Wasser standen, in Bevölkerung sieht teils aus Unwissen-
den letzten Jahren immer wieder über- heit, teils aus Geldmangel davon ab.
flutet worden − manche sogar drei- bis Staatschef B`sescu sprach deshalb An-
viermal. Einen Unterschied gibt es aller- fang Juli in den überfluteten Randvier-
dings zu den Vorjahren − der Staat kann teln der nordrumänischen Stadt Doro-
der betroffenen Bevölkerung diesmal nicht hoi Klartext: Dies sei das letzte Mal,
mehr in gewohnt populistischer Manier dass sich der Staat noch am Aufbau
unter die Arme greifen, er hat derzeit hochwassergeschädigter Häuser betei-
nicht einmal Geld, um die zerstörte Trans- lige. „Die Häuser müssen versichert wer-
portinfrastruktur zu sanieren, geschwei- den. Ab nächstem Jahr wird es ohne Ver-
Foto: gov.ro

ge denn um die zerstörten Häuser der sicherung nur noch ein müdes Schulter-
Menschen wieder aufzubauen. zucken geben“, so der Präsident.

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coverstory

den ermutigt: So ließ der Bürgermeister


von Rastu letztes Jahr Leitungen für flie-
ßendes Wasser verlegen ... natürlich un-
ten, im alten Dorfteil. Etwas weiter oben
verfallen derweil die leerstehenden Neu-
bauten, die den Staat rund 14 Mio. Euro
kosteten.

Problem 3: Zu wenige Hochwas-


serdämme

Foto: Lusiana Bigea/Agerpres


Ähnliche Verhältnisse sind im Kreis
Bac`u anzutreffen: Die Ortschaften Ro-
tunda und S`uce[ti sind bereits zweimal,
nämlich in 2004 und in 2008, von den
Fluten des Siret-Flusses heimgesucht
worden − 205 Häuser ließ der Staat bei
Rotunda und 403 bei S`uce[ti errichten,
Problem 2: Borniertheit ser leer, die die Regierung T`riceanu 6 Mio. Euro kostete das Gesamtprojekt.
Auch das planlose und unbeaufsich- damals für die obdachlos gewordenen Bei Rotunda sind die Neubauten inzwi-
tigte Städte- und Gemeindewachstum Einwohner errichten ließ. Die Menschen schen nur noch Ruinen − nachdem die
rächt sich nun − zahllose Häuser entstan- hätten sich geweigert, ihre Grundstücke Bewohner Kunststofffenster, Türen usw.
den in oder unmittelbar neben Flussbet- neben dem Bettfluss aufzugeben und in entfernten und damit lieber ins nahege-
ten, Lokalbehörden und Bauämter schau- die höher gelegenen Neubauten zu zie- legene Dorf {tefan cel Mare zogen. In
ten weg. Eine Statistik des Umweltminis- hen, nur die Allerärmsten hätten sich S`uce[ti nahmen die Hochwassergeschä-
teriums bezeigt, dass allein im letzten gefügt, erläuterte ein Dorflehrer der Pres- digten ihre neuen Häuser zwar dankbar
Jahr 201.500 Häuser und Gehöfte ge- se. Die restlichen Einwohner bauten ihre in Besitz, doch stehen diese nun wieder
zählt wurden, die in oder neben Fluss- alten Häuser neben dem Bettfluss mehr unter Wasser − die Regierung T`riceanu
betten errichtet worden sind. „Die schlecht denn recht wieder auf − und hatte zwar einen Hochwasserdamm ange-
Menschen sind unverantwortlich − sie wurden dabei sogar von den Lokalbehör- ordnet, allerdings wurde er nie gebaut.
mögen es, von ihrem Haus aus auf ein
sanft plätscherndes Bächlein zu blicken
und denken keinen Augenblick daran,
dass daraus im Handumdrehen ein rei-
ßender Fluss werden kann“, sagt Ovidiu
Gabor, stellvertretender Generaldirektor
des Wasserwirtschaftsamts. Auch wüss-
ten die wenigsten Lokalbehörden und
Häuslebauer, dass bei einem Neubau
eine Genehmigung des Wasserwirtschafts-
amtes vonnöten ist.
Vielerorts trug die Borniertheit der
Bürger zu ihrer neuerlichen Notlage
bei: In der Ortschaft Rastu, Kreis Tulcea,
die vor 4 Jahren von der Donau völlig
überflutet wurde, stehen heute noch et-
wa 650 der insgesamt 800 neuen Häu- Ein Sandsackdeich muss her: Regierungschef Boc legt medienwirksam gleich mit Hand an

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gesellschaft

sich bereits der Grenze nähere und auf


die ersten rumänischen Dörfer zurolle,

Foto: Rodica Boanca/Agerpres


so die Experten, die davon ausgehen,
dass Siret, Prut und Donau noch bis
Ende Juli/Anfang August Hochwasser
führen könnten.
In punkto Schadensbilanz gaben
sich Behörden bislang bedeckt, kaum
jemand hat Bock, das Ausmaß der Mise-
Staatschef Băsescu trat bei seinen Besuchen in den Hochwassergebieten zumeist sauertöpfisch auf re durch Zahlen zu verdeutlichen. Ein-
zig das Ministerium für Regionalent-
Problem 4: „Hochwasserschutz- Bewohnerin aus S`uce[ti vor laufenden wicklung verlautbarte in einer ersten
Gelder in großem Stil veruntreut“ Kameras bemängelte, dass der Bürger- Schätzung, dass die bis zum 6. Juli ent-
Mag den Bürgern auch Unbedarftheit meister das Geld für den lokalen Hoch- standenen Hochwasserschäden sich auf
in punkto Bauort, Umzug oder Versiche- wasserdamm „gestohlen“ habe, herrsch- rund 60 Mio. Euro belaufen würden.
rungen vorgeworfen werden, für die te das Staatsoberhaupt sie mit einem Regierungschef Emil Boc begnügte sich
eklatanten Mängel im Hochwasserschutz „Sie Lügnerin!“ an. Überhaupt erwiesen hingegen mit vagen Angaben − die
hat sich allein der Staat zu verantworten. sich die äußerst zögerlich erfolgten Be- Schäden seien auf jeden Fall weit höher
Anfang Juli eröffnete Valentin Iliescu, suche in den Hochwassergebieten für als jene des Katastrophenjahres 2000.
Staatssekretär für die Beziehungen zum Präsident und Kabinett als Spießruten- Bukarest hat inzwischen um Wieder-
Parlament, dass ein bislang geheimgehal- laufen − B`sescu, Boc & Co. wurden aufbauhilfe aus Mitteln des EU-Solidari-
tener Bericht des Rechnungshofes doku- aufgrund der allgemeinen Wirtschafts- tätsfonds ersucht. Doch dürften selbst
mentiert, wie „die nach dem Hochwas- misere und der höchst unpopulären die maximal 75 Mio. Euro der EU nur
ser aus dem Jahr 2008 für den Bau von Lohnkürzungen vielerorts ausgebuht, ein Tropfen auf dem heißen Stein sein −
Deichen und Dämmen zur Verfügung der Ministerpräsident sogar mit Eiern angesichts seiner leeren Kassen wird es
gestellten Gelder in großem Stil verun- beworfen. Emil Boc trug’s gelassen − wohl Jahre dauern, bis der rumänische
treut wurden“. Dem Bericht des Rech- „was soll’s, es ist das gute Recht der Staat die zerstörte Infrastruktur wieder
nungshofes liegen offenbar Dokumente Menschen zu protestieren“, so der Pre- aufgebaut hat. Die jahrelange Misswirt-
des Wasserwirtschaftsamtes zugrunde, mierminister. Der Staatschef wirkte hin- schaft beim Kapitel Hochwasserschutz
aus denen hervorgeht, dass Lokalbehör- gegen zumeist sauertöpfisch, haderte mit sowie die Verschwendung der öffent-
den und/oder Baufirmen erhebliche den Kritikern und versprach wenig bis lichen Gelder rächen sich nun bitter.
Summen für nichtvorhandene Deiche gar keine Aufbauhilfe. Das sieht die Bevölkerung mittler-
kassierten, Hochwasserschutzprojekte weile ebenso: Laut einer in den ersten
für gewässerlose Gemeinden billigten Problem 5: Kein Geld für Sanie- Juli-Tagen durchgeführten Umfrage
und dafür gefährdete Ortschaften ver- rungsarbeiten des Meinungsforschungsinstituts IRES
nachlässigten. Umweltminister Laszló Wann die Hochwasserflut im Nor- zum Thema „Wer ist schuld an der
Borbely hat inzwischen eine Untersu- den und Nordosten des Landes endlich diesjährigen Hochwasserkatastrophe“
chung angeordnet; ob und wann die ein Ende nimmt, ist derzeit noch nicht muss Gott zwar noch zu 19% als Sün-
Ergebnisse seines Kontrollkorps an die absehbar. Die Hydrologen tappen im denbock herhalten, doch erachten im-
breite Öffentlichkeit gelangen, steht an- Dunkeln, da die ukrainischen Behörden merhin 21% der Befragten die Zentral-
gesichts des offensichtlichen Behörden- nicht einmal mit Informationen über die und weitere 21% die Lokalbehörden als
Debakels in den Sternen. Pegelstände des Siret und des Prut auf Hauptverantwortliche. Im orthodoxen
Dabei hätten die Behörden, allen ukrainischem Territorium, geschweige Rumänien dürfte es zweifelsfrei zum
voran der Staats- und der Regierungs- denn mit Hochwasserwarnungen her- ersten Mal sein, dass die Behörden es –
chef, nur auf die hochwassererfahrene ausrücken. Man wisse über eine neue zugegeben ungewünscht – vor dem
Bevölkerung hören müssen. Als eine Flutwelle immer erst Bescheid, wenn sie Allmächtigen in ein Ranking schaffen.

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Advertorial reisetipps

Tourismusattraktion Kette aufreihen. Das Herzstück des Ge-


bietes ist der Mini[-Weinberg – und der

rumänische Weinstraße
hat Tradition. Bereits 1862 bekam der
„Ro[u de Mini[“ beim Weinwettbewerb
in London den großen Preis. Vor allem

F
der „Kadarka“ wurde an den österreichi-
irmendienst und Flug- schen Königshof geliefert. Im Kommu-
scheine, Kontakte zu al- nismus wurde der Ruf des Gebietes
len namhaften deutschen ruiniert, danach haben jedoch Winzer
Reiseveranstaltern, maß- wie Balla Géza mit seiner Kellerei „Wine
geschneiderte Reisen für Gruppen, in- Princess“ Gegend und Markennamen
dividuelle Reisekonzepte, Kongresse wieder zu dem gemacht, was sie einst
und Incentives, Kreuzfahrten und waren. Staatschef B`sescu hat den „Ka-
Rumänienreisen bietet das Unterneh- darka“, dem die Winzer übrigens eine
men an − die Leistungspalette des Rei- aphrodisische Wirkung zuschreiben, so-
severanstalters und -büros PASSAGE gar zum Wein des Jahres 2007 gekürt.
F&T Temeswar und PASSAGE Tra- In die Weinberge führt eine histori-
vel Concepts Saarbrücken ist um- sche, liebevoll renovierte Strassenbahn.
fangreich. Die Verkostung bei „Wine Princess“,
dem Weingut mit einer hervorragenden
Für Ramona Lambing ist die Büro- Ramona Lambing, Pension, und bei weiteren jungen Win-
Unternehmensinhaberin Passage F&T
gründung in Temeswar eine Art Heim- zern wird mit einem rustikalen Abend-
kehr: Ihre Wurzeln liegen in Westrumä- em Leben erfüllt, möchte sie deshalb essen und einem zünftigem „Mulatsag“
nien, so dass es nach 25 Jahren in der ihren Kunden nicht vorenthalten. beendet, zu dem Musiker mit einem feu-
Reisebranche für sie eine besondere Her- Kunsthistorisch besonders reizvoll ist rigen Csardas einladen. Der „Mulatsag“
ausforderung war, das touristische Po- die Weinreise ins „Regat“, in das alte kommt aus dem Ungarischen und be-
tenzial Rumäniens zu erforschen, nutzen Rumänien, nach Oltenien, auf den Spu- zeichnet ein ausgelassenes Fest mit Tanz-
und diesen Kulturraum mit seinen eth- ren von Constantin Brâncu[i und hin zu vergnügung. Falls Sie ihn noch nicht
nographischen und philologischen Ku- Klöstern wie Tismana, Hurezi und Po- kennen, laden wir Sie gerne dazu ein.
riosa wieder aufleben zu lassen. Es mag lovragi, zu Gast bei Weingütern wie Diese und viele andere Reisetipps haben
nach Werbeslogan klingen, ist aber sach- Prince {tirbey und Casa Iordache und wir für Sie parat.
liche Realität, wenn sie sagt: „Die Poe- nicht zuletzt beim Dichter Mircea Di-
sie der weiten Ebene, die Zigeunerwei- nescu auf seinem Gut an der Donau. kontakt
sen, Legenden und nicht zuletzt die vie- Zu den Vorlieben Ramona Lambings
len Kunst- und Kulturschätze inspirieren gehört jedoch auch die Gegend nördlich Passage F&T Travel Agency Germany
dazu, neue Reiserouten zu erschließen.“ des Marosch-Flusses um das Kloster Ma- Alba Iulia Str. 5
Weinreisen auf den Spuren traditions- ria Radna, wo sich auf einer Strecke zwi- 300077 Temeswar
Tel: 0356 405 882; 0356 405 881
reicher Güter, von multiethnischen Win- schen Lippa/Lipova und Pankota/Pân-
Fax: 0356 405 883
zern behutsam angepflanzt und mit neu- cota Weinberge wie Perlen auf einer www.passage.ro

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gesellschaft

Gefährlicher
Volkssport
von alex gröblacher

H
ierzulande versteht jeder weil er keine besonderen Platzanforde- Individuums setzt verschiedene Schmier-
etwas von Politik und rungen stellt. In der Tat kann er überall geldzahlungen voraus: Geburt, Taufe,
Fußball, besagt ein in Ru- betrieben werden, auf jedem Gelände, Grundschule, Gymnasium, Abiturprü-
mänien verbreitetes und ob nun Autobahn oder Behörde; zu je- fung, Fahrschule, Führerscheinprüfung,
beliebtes Bonmot. Man könnte folglich der Stunde, von morgens früh bis abends Verkehrsdelikte, Universitätsstudium,
schlussfolgern, dass Fußball der rumäni- spät. Niemand kann sich ihm entziehen, Hochzeit, Kinderkriegen, Beruf, Krank-
sche Volkssport ist. Falsch. Auch die auch wenn einige nur Amateure sind, heit, Ruhestand, Tod: summa summarum
„oin`“, ein Baseball-ähnliches Spiel, ist während andere in der Profiliga mitspie- umgerechnet etwa 17.000 Euro, wobei
es nicht, so erpicht die kommunistische len – man betreibt diesen Sport hierzu- diese Summe im Ernstfall sogar viel hö-
Propaganda auch darauf war, uns dies lande eben von der Wiege bis ins Grab. her ausfallen kann – so etwa, wenn man
einzureden. Der wirkliche Volkssport ist Selbst die unmittelbaren Risiken sind − an chronischen Krankheiten leidet oder
das Schmiergeldzahlen und -kassieren. um bei der Parellele zu bleiben − für die sich komplizierten Operationen unterzie-
Auch bei anderen Völkern ist die Sport- Athleten eher gering: Es landen wahr- hen muss. Fazit: Eine volkswirtschaftliche
art Bestechung populär − das erklärt scheinlich mehr richtige Fußballspieler Katastrophe, selbst wenn das meiste da-
auch, warum die diesbezügliche rumäni- verletzt im Krankenhaus als Bestecher von wieder dem legalen Geldverkehr
sche Wortfamilie so reich ist: fast alle und Bestochene im Knast. Für den Ver- zugeführt und vom Konsum aufgefan-
Völker, die irgendwann über Rumänien anstalter ist das Spiel hingegen hochge- gen wird. Die Journalisten erwähnter
zogen, haben hier ihre eigenen Voka- fährlich: Bei so viel Filz wird das Staats- Tageszeitung hatten dabei ein relativ
beln für die Bestechung hinterlassen: die gefühl ausgehöhlt, der Staat selbst wird leichtes Spiel – sie ermittelten die Durch-
alten Römer die corup]ie, die Türken das früher oder später irrelevant, weil sich schnittswerte der üblichen Schmiergeld-
harmlose Bakschisch, die Slawen die mit` das Spiel verselbstständigt. zahlungen und addierten sie einfach.
oder [pag`, die Deutschen den [per]. Aber Die Bukarester Tageszeitung „Eveni- Weniger leicht, ja eigentlich kaum zu
es war die hiesige Bevölkerung, die den mentul Zilei“ errechnete unlängst die bemessen, sind dafür die imateriellen
Sport übernommen und ihn zur wahren Gesamtsumme, die ein rumänischer Bür- Vorteilsleistungen oder gar Bevorteilun-
Kunst entwickelt hat. ger zeit seines Lebens wohl oder übel gen nach dem Prinzip „eine Hand wäscht
Anders als ein normaler Sport ist die- zu blechen hat. Jede wichtige Station die andere“. Der Kungel der politischen,
ser ganz unkompliziert zu betreiben, auf dem Lebensweg eines rumänischen kulturellen, gesellschaftlichen und sogar

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gesellschaft

wirtschaftlichen Eliten ist ein allgegen- versitäten mehr Anwärter als freie Plätze. karest. In seinem Buch, das diese Sys-
wärtiges Kavaliersdelikt: Mediokrität statt Es drängt sich also auf, dass der Nach- tematik des Widerstands gegen die Mo-
Meritokratie ist die Folge, die für das wuchs die Nebeneinkünfte in Kauf nimmt derne einwandfrei belegt („Romania and
Land längerfristig mindestens genauso – und der Staat auch. Es ist fast so, als ob the European Union: How the Weak
schädlich ist wie die inoffizielle Geld- der Staat direkt wünscht, dass Bürger und Vanquished the Strong“, erschienen im
masse, die auf dem Markt kursiert − wenn öffentliche Dienstleister sich arrangieren britischen Manchester-Verlag), beschreibt
nicht noch mehr. − so entbindet er sich seiner eigenen, der Politikwissenschaftler Tom Gallagher
Die Symptome sind also offensicht- lästigen Gestaltungspflichten. die Vorgehensweise: „Der auf Rumäni-
lich, folglich drängt sich die Frage auf, Der Unterschied zwischen dem Ge- en angewandte gemeinschaftliche recht-
weshalb westliche Industrieländer und predigten und dem Gelebten fällt nicht liche Besitzstand (acquis communau-
auch neuere Demokratien erfolgreich erst seit heute auf. Schon der Kulturphi- taire) gleicht einem komplizierten elek-
mit einer solchen Praxis aufräumen konn- losoph Titu Maiorescu prägte im 19. tronischen System. Als Knöpfe gedrückt
ten – ohne sie selbstverständlich voll- Jahrhundert die Theorie der substanz- wurden, leuchteten Lichter auf. Aber
ständig zu beseitigen, was allein schon losen Formen. Maiorescu kritisierte die Drähte dahinter führten nirgendwo
wegen der menschlichen Natur unmög- darin den von Rumänien eingeschlage- hin. Die Schalttafel war mit keinem Be-
lich wäre −, Rumänien aber nicht? Das nen Sonderweg der Modernisierung und triebssystem verbunden (…)“.
hat wahrscheinlich mit dem gestörten erläuterte, dass der rumänische Staat zwar Das Ergebnis ist ein Schaufenster-
Verständnis der Relation zwischen Staat im Kern sehr schnell Organisationsfor- mitglied der EU, das seinen Verpflich-
und Gesellschaft zu tun. Der rumänische men westlicher Länder übernehmen, die- tungen nicht nachkommen kann und in
Staat hat den Sprung in die Moderne se aber nicht mit Substanz füllen kann. vielen Bereichen nachhinkt. Die Eliten
nur zum Teil vollzogen und noch weni- Wie aktuell diese Bestandsaufnahme ist, mögen sich jetzt nach dem Beitritt in
ger verinnerlicht; die Verhältnisse zwi- lässt sich sehr gut am EU-Beitritt Rumä- Sicherheit wähnen, aber der rumänische
schen Staat und Bürger – aber auch jene niens demonstrieren: Die Brüsseler Eu- Staat wäre gut beraten, aus der Physik –
zwischen den Bürgern selbst − entfalten rokraten fielen auf die Finten der rumä- besonders aus der Statik − zu lernen:
sich weitgehend informell, nach unge- nischen Führungseliten herein und ver- substanzlose Formen brechen früher
schriebenen Regeln. Der Bürger ist ange- loren das Katz- und Mausspiel mit Bu- oder später ein.
sichts eines nur auf dem Papier bestehen-
den Rechtsstaates sich selbst überlassen
und muss eigene Regeln aufstellen. Um
es bei einem einzigen Beispiel zu be-
lassen: Es gibt zwar eine Unmenge von
Vorschriften, die das Verhältnis zwischen
Mieter und Vermieter regeln, doch de-
ren Durchsetzung ist für beide wegen
Geld- und Zeitverschwendung so auf-
wändig, dass man sich lieber auf unmit-
telbare, punktuelle Verhandlungen über
jede noch so kleine Angelegenheit ver-
lässt. So paradoxal es auch klingt: Der
Staat hat sich aus der Öffentlichkeit zu-
rückgezogen. Beamte, Polizisten, Lehrer
oder Ärzte sind heute so drastisch un-
terbezahlt, dass es vielen fast am Über-
lebensminimum fehlt. Dennoch gibt es
Foto: sxc.hu

an Beamten- und Polizeischulen, päd-


agogischen Kollegien oder Medizinuni-

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gesellschaft

Foto: Viorel Ilișoi


Eierlegende
Abnehmer dafür. Ich hab die meinigen
zum Preis von Fischen abgestoßen, sie
fraßen umsonst. Heute habe ich noch 4.
Die esse ich eben und dann basta“, sagt

Wollmilchsäue
Melinte lapidar.
Sein Farmerkollege Neculai Barcan
aus Podoleni im Landeskreis Neam] hat
12 Strauße, mit denen er ebenfalls
nichts anfangen kann. Der Mann fragt
von viorel ili[oi sich bis heute, was er falsch gemacht hat.
Als er hörte, dass eine einzelne Feder

D
15−20 Euro kostet, fiel er in eine Art
er Strauß kann zwar we- der sich in Rumänien schnell aklima- Straußenrausch. Er steckte sein ganzes
gen seines Gewichts nicht tisierte Strauß das Land eroberte – über Geld in eine Farm. Zum Glück dämpften
fliegen, ist aber durchaus 2000 Farmen gab es. Daten über die seine Kinder den anfänglichen Enthusias-
fähig, die Geschäftsphan- Straußenbevölkerung gab es nicht – nie- mus und hielten ihn davon ab, auch sein
tasie rumänischer Tierzüchter zu beflü- mand hatte an eine Rubrik „Strauße“ im Haus zu verkaufen – er träumte davon,
geln. Ein Fabelwesen, dem statt Flügel Landwirtschaftsregister gedacht. Der in die oltenische Wüste bei D`buleni zu
10-Euro-Scheine wachsen und das gol- Bukarester Tierarzt {tefan Enea, der den ziehen, da die Strauße klimamäßig dort
dene Eier legt. Eine einzige Feder ist Strauß via Belgien nach Rumänien brachte, in ihrem Element sein würden. „Mein
10−20 Euro wert. Aus der Haut entsteht schätzte deren Gesamtzahl auf über Fehler war, dass ich diese Vögel als eine
das einzige Leder, das Chinesen nicht 12.000. Von dem Punkt an steckten die Art Gans erachtet habe – man packt sie
fälschen können und das 150−200 Euro Straußenvögel ihren Kopf in den Treib- einfach und wirft sie in den Kochtopf“,
kostet. Ein Ei ist 25 Euro wert. Das Pfund sand des rumänischen Wandels, mit dem lacht Barcan bitter. „Doch sind Strauße
Straußenfilet bringt 5 Euro, 10 kostet Geschäft ging es bergab. „Unseren Daten nun einmal Riesendinger von 150 Kilo
das Kilo Straußenschenkel. Nichts bleibt zufolge gibt es heute 1174 Strauße in das Stück, die kann man eben nicht züch-
auf der Strecke, alles wird verwertet – 24 Landeskreisen“, sagt Cristinel {onea, ten wie Hausvögel. Ich habe am Anfang
nur Milch gibt der Vogel nicht. Er frisst Direktor für Marktpolitik Tierzucht im an den hiesigen Schlachthof verkauft,
wenig und billig, wird aber schneller fett Landwirtschaftsministerium. „Das Minis- aber dann wollten auch die nichts mehr
als ein Schwein. Bei so viel Propaganda terium gibt keine direkte Unterstützung davon hören, weil das Fleisch teuer war
und Reklame sprossen in Rumänien Strau- für diese Tierart, auch die EU nicht. Es und im Geschäft vor sich hinrottete. Das
ßenfarmen wie Pilze aus dem Boden. Weil gibt kein Förderprogramm.“ Fleisch aus Australien ist billiger, denen
sich aber niemand für das cholesterin- Ioan Melinte im südrumänischen Vi- dort kann man das Wasser wirklich nicht
freie Straußenkotelett begeistern wollte, dele begann 2002 mit zwei Exemplaren, reichen. DAS ist Konkurrenz! Die Ru-
blieben die Züchter auf ihren Farmen für die er 3.500 Dollar zahlte. Letztes mänen haben keine Ahnung, wie gut
sitzen: Die Strauße wurden zum Kurio- Jahr kam er auf 40 Exemplare. „Wenn das Fleisch ist und wie gesund. Die sa-
sum für neugierige Gaffer und letztere du viele hast, ist das gar nicht gut. Das gen hier alle – wenn’s nicht grunzt oder
wiederum zu Begafften, denen die Strauße heißt nämlich, dass es dir nicht gelungen blökt, isset kein Fleisch!“
ihre langen Hälse entgegenreckten. ist, die Jungtiere zu verkaufen. Du bleibst Wetscheslaw Suraki ist einer der we-
2000 war das Spitzenjahr, in dem auf dem Fleisch sitzen, es gibt kaum nigen Farmer, der noch einheimische

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Foto: Viorel Ilișoi
gesellschaft

Straußengeschichte schreibt. Der gebür-


tige Moldawier wusste intuitiv, dass die
Straußenzucht in der Gartenlaube neben
Hühner- oder Gänsezucht das sicherste
Rezept zum Verlust ist. Er baute deshalb
die größte Farm in Rumänien – 500 Ex-
emplare. Die 226 Hektar große Farm
liegt neben der Gemeinde R`suceni im
Landeskreis Giurgiu. „Suraki− Strutzaki“,
wie ihm die Dörfler in Anlehnung an das
rumänische Wort für Strauß nachrufen, „Total blöd, aber süß“ findet Monica ihre gefiederten Schützlinge
hatte sich für R`suceni wegen der billi-
gen Grundstücke vor Ort entschieden – doch in wenigen Monaten könnte R`- Straußen hierher gekommen, weiß ich
für einen Euro konnte man über 40 Quad- suceni zum Straußen-Hotspot Europas nicht, was aus mir geworden wäre. Ich
ratmeter kaufen, niemand war da, um das werden. bin nicht geschult, habe es gerade mal
Land zu beackern. Der Bürgermeister Surakis Farm ist die einzige in der durch die Grundschule geschafft. Mit
der Gemeinde, Petre Panait, sagt, dass die Gemeinde – jeder vierte Leu im Gemein- 16 bekam ich mein Kind. Das Mädel ist
Bewohner hier im Schnitt über 60 sind. dehaushalt kommt vom Unternehmen. jetzt 18, macht Abitur. Wie hätte ich sie
Als der Moldawier 2003 die ersten Das Leben der Gemeinde hat sich ver- in der Schule halten können, ohne ein
Vögel brachte, kamen die Alten in R`su- ändert – und das der Menschen auch. Gehalt von hier? Womit? Denn außer in
ceni nicht aus dem Staunen heraus – das Monica Obretin wäscht vorsichtig eine der Erde scharren, gibt’s hier nichts zu
seien wirklich Vögel, nicht wie die uns- leere Eierschale ab, nachdem das Eigelb tun.“ Monicas Job besteht darin, zusam-
rigen!, riefen sie wie beim Zoobesuch entfernt wurde. Die Eierschale ist für men mit ihrem Mann Marian die 500
aus. Viel Zeit zum Staunen blieb nicht, das nahe Kloster bestimmt. Die Nonnen Straußvögel zu füttern. Die Tiere sind
denn die Dinge nahmen schnell ihren dort werden daraus ein kleines Kunst- total blöd, sagt Monica, ihr Rumpf sei
Lauf. „Das Geheimnis“, sagt Surakis werk schaffen, es bemalen und mit Gold wie ein Panzer, der Kopf wie ein Ten-
Geschäftsführer Dorin Palcu, sei, dass beschichten. Verkauft wird es dann für nisball, sie seien verrückt nach allem,
„wir alles vor Ort haben: Brutkästen, knapp 400 Euro. Die Frau geht deshalb was glänzt. Dennoch findet Monica sie
Züchterei, Schlachthaus, Fleischverarbei- äußerst behutsam mit der Eierschale um, süß, insbesondere dann, wenn sie Knöpfe
tung, eine Gerberei für Straußenleder, wie mit einer entsicherten Handgranate. runterschlucken. Ohne diese gefiederten
Vertriebszentrum, Wasserversorgung, „Wäre Herr Suraki nicht mit seinen Giraffen wäre ihre Tochter im Dorf ge-
Kantine, Stromgenerator. Wir sind von blieben und dann wäre sie, Monica, wohl
niemandem abhängig. Am einen Ende mit 34 Großmutter geworden.
Foto: Viorel Ilișoi

ist das Ei, am anderen kommt das End- So aber verdient Monica 800 Lei im
produkt verpackt und abgestempelt wie- Monat, so viel wie ein Lehrer. Sie arbeitet
der heraus. Die kleinen Züchter kaufen 8 Stunden am Tag, wie im Büro − und
die Küken von uns und verkaufen uns es ist auch fast wie in einem Büro, weil
das erwachsene Exemplar zurück, weil die Vögel rein sind und unkompliziert,
sie ja keine Schlacht- oder Verkaufsge- so dass Monica auch Zeit für eine Ma-
nehmigung haben.“ Billig sei das alles niküre hätte oder für ein Kreuzworträt-
freilich nicht gewesen – die Investition sel. Zwei Mahlzeiten am Tag sind zu-
belief sich auf 11 Mio. Euro, davon 4 dem frei. Mittwochs und freitags wird
aus SAPARD-Fonds. Die Farm ist heute aus religiösen Gründen kein Fleisch ge-
die einzige, die für den Export von Strau- boten, so will es die Belegschaft. Ansons-
ßenfleisch in die EU zugelassen ist. Das ten gibt es aber jeden Tag Fleisch. Na-
Straußeneier werden so vorsichtig „wie eine
Exportgeschäft läuft im Moment nicht, türlich Straußenfleisch.
entsicherte Handgranate“ gehandhabt

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gesellschaft

„Auf unserem Enthusiasmus


liegt Staub“
Der Bukarester Künstler Nicolae Com`nescu über Sauberkeit, Trägheit und
Stadtbauern
Bukarest gehört neben Kiew und Sofia auch teure Autos. Zählt der Staub auch Ausland begegnen, werden Sie davon
zu den schmutzigsten Hauptstädten Eu- zu den Extremen von Bukarest? nichts spüren. Aber in Bukarest gibt es
ropas. Experten schätzen, dass die Bu- Der Staub ist ein Charakterzug von die Trägheit massenhaft. Wenn wir eines
karester täglich allein 9 Tonnen Feinstaub Bukarest − auch deshalb wollte ich, dass Tages wissen, warum wir so träge sind,
einatmen. Sie selbst arbeiten als Künst- er in meinen Stadtporträts auftaucht. Ich wird es hier auch wieder aufwärts gehen.
ler mit Staub und produzieren daraus sage immer, bei uns ist selbst der Staub
Farben für Ihre Bilder. Wie sind Sie auf politisch. Er erzählt vom städtebaulichen Der Bukarester Oberbürgermeister
diese Idee gekommen? Chaos: Es gelten kaum Richtlinien für Sorin Oprescu plädiert dafür, dass alle
In meinem Wohnblock. Die Bukares- Unternehmer, um beispielsweise auf mit anpacken. Er will ein Gesetz, wonach
ter lieben es, ihre Teppiche am Fenster den unzähligen Baustellen der Stadt den die Bukarester jeden Samstag zwischen
auszuschütteln. Alles, was sie an Dreck Staub einzudämmen. Zudem sind in 9 und 12 Uhr ihre Bürgersteige mit
herausklopfen, fliegt durch die offenen den vergangenen Jahren die Grünflächen Wasser und Besen sauber schrubben.
Fenster der Etagen darunter. Ich habe massiv reduziert worden. Der Bukarester Der Stadtrat hat, nach langem Boykott,
nie erlebt, dass sich jemand darüber auf- Staub ist aschegrau und ockergelb und die Idee nun Ende Juni abgesegnet. Was
geregt hätte. Jeder schüttelt als Reaktion stammt auch aus den Auspuffrohren der halten Sie davon?
einfach nur seinen Staub weiter auf die über einer Million Fahrzeuge, die sich Auf den ersten Blick scheint es eine
Etagen unter sich aus. Ich wohne im täglich durch die Stadt quälen. Unser gute Maßnahme, um die Stadt sauberer
Erdgeschoss in einem Achtgeschosser Staub knirscht in unseren Zähnen, sitzt zu machen. Andererseits ist sie entmuti-
im Stadtteil Berceni. Die einzige Re- in Nase und Kleidung fest. Wir wehren gend, weil sie das Pferd von hinten auf-
vanche, die mir für die Teppich-Klopfer uns weder gegen den Staub noch gegen zäumt. Wir kehren vor unserer eigenen
einfiel, war, mit Staub zu malen. Früher seine Quellen. Haustür, während parallel weiter Grün-
habe ich mit teurem Öl und Acryl gear- flächen verschwinden und keine Sank-
beitet und mich furchtbar aufgeregt, Warum nicht? tionen für den Staub der Baustellen
wenn ich Staub auf meinen Bildern ge- Die erdrückende Korruption inner- eingeführt werden. Metaphorisch gese-
funden habe. Er hat sich aber in den halb der Politik ist ein Grund, weshalb hen, ist die Regelung wie ein Regen-
vergangenen Jahren so vermehrt, dass sich diese Stadt nicht bewegt. Der zweite schauer. Doch haben Sie Bukarest schon
ich ihn einfach nicht mehr losgeworden Grund ist unsere Gleichgültigkeit. Wir einmal nach einem Regen erlebt? Das
bin. Er hat sich förmlich aufgedrängt. organisieren uns kaum. Das ist ein Über- Wasser steht über den Gullis und kann
bleibsel des Kommunismus, wir haben nicht ablaufen. Auch dieses System be-
Ihre Bilder - teils in Grau- und Braun- vor der Wende zu selten für unsere Rechte darf längst einer Renovierung. Wenn
Tönen gehalten - erzählen beispielsweise eingestanden. Doch es gibt auch eine wir also nun mit Wasser und Besen ge-
von den Extremen der Hauptstadt: Triste gewisse rumänische Schwerfälligkeit an gen den Staub vorgehen, kann er nirgend-
Wohnblöcke, dazwischen Müll, aber diesem Ort. Wenn Sie Rumänen im wo hin abfließen. Das ist entmutigend.

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gesellschaft

Bereits Traian Băsescu hatte


2004 als Oberbürgermeister an-
geregt, die Bukarester jeden Sams-
tag zu einem Arbeits- und Putz-
einsatz zu rufen. Das Gesetz wur-
de zwar verabschiedet, doch trat
es nie in Kraft. Die Idee hat nun
der derzeitige Stadtvater Sorin
Oprescu wieder aufgegriffen. Der
Gesetzesvorschlag, bei dem die
Bukarester ihre Bürgersteige, aber
auch angrenzende Wege und
Alleen, mit Wasser und Besen
sauber machen sollen, sieht harte
Sanktionen vor. Wer sich weigert,
Der 42-jährige Maler Nicolae Comănescu gehört zu den zeitkritischen Künstlern von Bukarest. soll zwischen 200 bis 500 Lei
Hier vor einem Selbstporträt, bei dem sich der Künstler auf dem Dach seines Achtgeschossers in zahlen müssen.
Berceni projiziert. Für die Farben hat Comănescu Bukarester Staub verwendet.

Es gibt in Bukarest bereits private froren es ist, solch einen Rauch zu pro- Der Bukarester Oberbürgermeister
Reinigungsfirmen, die in den verschie- duzieren. Man fragt sich vielmehr, wie Oprescu hatte angedroht, ein Referen-
denen Stadtteilen zumeist aber nur den viel die Würste wohl gekostet haben. dum auszurufen, damit die Bukarester
Schmutz an den Bordsteinen aufkehren. Und ob sie mit süßem oder scharfem über die Putzaktion abstimmen. Was
Die Einwohner müsste doch stören, dass Senf gegessen werden. haben Sie von der Idee gehalten?
sich hingegen der Schmutz auf ihren Man kann nicht für jede Frage, über
Bürgersteigen weiter ansammelt? Haben Sie schon etwas vor Ihrem die sich die Politiker nicht einigen kön-
Die Bukarester ertragen vieles. Es Wohnblock verändert, weil es Sie ge- nen, ein Referendum ausrufen. Das ist
gibt bei uns den Ausdruck des ,Stadt- stört hat? ein inflationärer Gebrauch. Zudem bin
bauern‘ - eine Mischung aus Bauer und Als ich 1997 in den Wohnblock in ich überzeugt, dass sich nur wenige Bu-
Stadtmensch. Er ist das Ergebnis eines Berceni gezogen bin, habe ich mir karester am Referendum beteiligen wür-
kommunistischen Experimentes. Die extra Muttererde bringen lassen, um den. Die Leute wissen bereits, dass auch
Menschen wurden durch die Industrie vor dem Haus ein Rasenstück anzule- ein Referendum nicht unbedingt ein ver-
genötigt, die Dörfer zu verlassen und gen und anzupflanzen. Die Nachbarn bindliches Ergebnis bringt.
sich in der Stadt anzusiedeln. Sie haben aus dem Wohnblock haben mich be- Der Idealfall ist das tatsächlich ver-
ihre alten Werte des dörflichen Zusam- wundernd und zugleich melancholisch wirklichte Putzgesetz. Die Bukarester
menlebens abgelegt, aber die neuen angesehen und gesagt: «Schau, der ist müssten nun theoretisch samstags keh-
Normen einer Stadtgemeinschaft nie neu, der ist noch voller Hoffnung.» Sie ren und sich damit auseinandersetzen,
akzeptiert. Das zeigt sich in der Nostal- haben eine Zigarette dabei geraucht wer und was eigentlich den Staub verur-
gie nach den Höfen, in denen man machen und ihre Stummel auf die frisch umge- sacht. Sie müssten Haltung beziehen.
kann, was man will. Das spielt sich jetzt grabene Erde geworfen. Es ist ihnen Doch ob es dazu kommt, ist äußerst
alles vor den Wohnblöcken ab. Riechen gar nicht in den Sinn gekommen, dass fraglich. Unser Enthusiasmus hat in
Sie den Bratenduft, der gerade von drau- das ein entsetzlicher Affront gegen mich den vergangenen Jahren oft Niederla-
ßen durch das Fenster dringt? Jemand war. Bis heute habe ich es nicht ge- gen erlebt. Es hat sich Staub auf ihn
grillt mitten vor dem Eingang seine Würst- schafft, ihnen beizubringen, die Zigaret- gelegt. Vielleicht sind wir auch deshalb
chen. Ich glaube, in unserem Wohnblock tenstummel nicht mehr über den Balkon so träge.
diskutiert man gerade nicht, wie unver- zu werfen. die fragen stellte annett müller.

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gesellsschaft

Abergläubisches Europa: 44% der


Rumänen glauben an Zahlenmystik

A
bermillionen Europäer Italien und der Slowakei noch tiefer als Nichtsdestotrotz steigt das allgemeine
erweisen sich immer in Rumänien. Der Eurostat-Studie zu- Interesse gegenüber Wissenschaft und
noch als erstaunlich folge erweist sich der Aberglaube in den Technik, bezeigt die Eurostat-Studie.
superstitiös, viele glau- ärmeren Staaten Mittel- und Osteuropas Im laufenden Jahr erklärten sich über
ben an Glückszahlen und sind zudem als am weitesten verbreitet, auch sind 80% der Befragten an Wissenschaft und
der Meinung, dass sich die Gesell- weit mehr Frauen als Männer der Nu- Technik besonders interessiert, 2005
schaft zu sehr an der Wissenschaft merologie verfallen. waren es noch 65% gewesen. Bei diesem
und zu wenig am Glauben orientiert, 38% der europaweit befragten Bür- Kapitel hinken die Rumänen jedoch er-
zeigte eine jüngst vom europäischen ger sind zudem der Meinung, dass die heblich nach − rund 37% der heimischen
Statistikamt veröffentlichte Studie auf. Gesellschaft zu wissenschafts- und zu Befragten erklärten sich am Thema der
wenig religionsorientiert ist. 6 von 10 wissenschaftlichen und technischen Fort-
Laut Eurostat stehen 2 von 5 Eu- Europäern verwiesen in diesem Sinne dar- schritte komplett uninteressiert. Dennoch
ropäern offen zu ihrem Aberglauben, auf, dass die Technik dem „sittlich-mo- meinen 39% der Rumänen, dass die Wis-
40% davon geben zu, an Zahlenmystik ralischen Gewissen“ der Menschen schade, senschaft früher oder später sämtliche
zu glauben. Damit hat der Aberglaube 50% der Befragten waren der Meinung, Probleme der Welt lösen können wird.
gegenüber 2005, als die letzte derartige dass allzu viel Technik und Wissenschaft Die Eurostat-Erhebung fand in der
Erhebung stattfand, europaweit zuge- sogar die Menschenrechte verletzen Zeitspanne Januar−Februar 2010 in der
nommen − vor 5 Jahren vertrauten nur würden. Viele Befragte verwiesen auch EU27 sowie in fünf Nicht-Mitgliedslän-
37% der Europäer auf die geheime Kraft darauf, dass die Glaubwürdigkeit der dern − nämlich der Türkei, Norwegen,
der Zahlen, so die Eurostat-Studie. Hier- Wissenschaftler längst schwer beein- Kroatien, der Schweiz und Island − statt,
zulande glauben 44% der Rumänen an trächtigt ist, da deren Forschungen in insgesamt wurden 31.243 europäische
die Macht der Schicksalszahlen, doch sitzt viel zu großem Maße von den Finanz- Bürger befragt.
der Aberglaube in Lettland, Tschechien, spritzen der Großkonzerne abhänge. heiner krems

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panorama

35.000 Jahre alte Höhlenmalereien Moldau spült


Mammut-Knochen
im Apuseni-Gebirge entdeckt hoch

S
ensationeller Fund einer gen, einem Paläontologen, einem Archä-
Gruppe rumänischer und ologen und zwei Höhlenmalerei-Exper-
französischer Späleologen ten bestanden. An der Authentizität der
im nordwestrumänischen Zeichnungen bestehe kein Zweifel, er-
Apuseni-Gebirge: In einem schwer zu- klärte der UNESCO-Experte Jean Clottes.
gänglichen, stollenartigen Höhlengang „Dies stellt eine Premiere für Zentraleu-
der Coliboaia-Höhle entdeckten die ropa dar. Es handelt sich um die älteste
Späleologen prähistorische Felszeich- entdeckte und bestätigte Kunstform des
nungen, die ersten Schätzungen zufolge mitteleuropäischen Raums.“
vor rund 35.000 Jahren entstanden sein Dem breiten Publikum zugänglich
dürften. Der Nachrichtenagentur AFP ist der Sensationsfund allerdings nicht −
zufolge könnte es sich dabei um die äl- die unweit der nordwestrumänischen
teste Höhlenmalerei in ganz Zentraleu- Stadt Beiu[ (Verwaltungskreis Bihor) Die Hochwasser führende Mol-
ropa handeln. gelegene, 750 Meter lange Coliboaia- dau hat im letzten Monat bei Gura
Die Felszeichnungen stellen ein Pferd, Höhle, die von unterirdischen Wasser- Humorului (Nordwestrumänien)
ein Wisent, Bärenköpfe und interessan- läufen durchzogen wird, ist wegen ihres Mammut-Knochen hochgespült.
terweise auch Nashörner dar, teilten die Schwierigkeitsgrads nur Höhlenforschern Nachdem die Wassermassen sich
Höhlenforscher mit. Die Entdeckung zugänglich, auch wird ihr Eingang zur- einigermaßen zurückgezogen hat-
liege bereits über drei Monate zurück, zeit bewacht, um „potenzielle Höhlen- ten, fanden Archäologen am Fluss-
man habe sie jedoch erst von Experten malerei-Sammler“ fernzuhalten. Doch ufer einen bestens erhaltenen Ober-
untersuchen lassen wollen, sagte Viorel wollen die Lokalbehörden des Kreises schenkelknochen und einen Zahn
Traian Lascu, Vorsitzender des Vereins Bihor in den nahegelegenen, zugäng- eines Eiszeit-Elefanten. Der Fund
der rumänischen Höhlenforscher. Die licheren Höhlen Fotoausstellungen der begeisterte die einheimischen Ar-
Forschermission habe aus zwei Speolo- Coliboaia-Felszeichnungen organisieren. chäologen − besonders der 40 kg
schwere Oberschenkelknochen, der
bestens erhalten ist. Derzeit wird
fieberhaft nach weiteren Überresten
eines mammuthus primigenius ge-
sucht, doch schließen die Wissen-
schaftler nicht aus, dass die Knochen
möglicherweise seit Jahrhunderten
durch die Alluvialböden der Moldau
getrieben wurden und eigentlich
von weither stammen. Per Radio-
carbon-Datierung soll nun als Erstes
eine Altersdatierung der Knochen
vorgenommen werden. Danach wird
der Fund der Dauerausstellung des
Naturhistorischen Museums in Su-
Die Coliboaia-Höhle im Apuseni-Gebirge ceava einverleibt.

Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010 57


zahl des monats

Auslandsgäste werden in diesem Sommer an der Schwarzmeer-Küste erwartet,


bezeigen die bis Ende Juni vorgenommenen Hotel-Buchungen. Damit steigt
einerseits die Zahl der Auslandstouristen an der rumänischen Riviera um
rund 10% gegenüber dem Vorjahr, liegt andererseits jedoch immer noch
unter dem Potenzial des Landes.
Die Zahl der Auslandstouristen ist heuer generell rückläufig. Laut Statistikamt
trafen bis Ende Mai etwa 2,6 Mio. Touristen hierzulande ein − und damit um 3,5%
weniger als in der Vorjahresperiode. Die meisten Gäste kamen aus Ungarn,
Bulgarien, Deutschland, Italien und Österreich.

58 Nr. 5 | JULI/AUGUST 2010