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WILLST DU MIT MIR (AUS)GEHEN?

(Überarbeiteter Beitrag zu einem Wettbewerb bei dem das Wort „ausgehen“ im


Mittelpunkt stehen musste. Ich landete nicht unter den ersten 20!)

(Copyright by grafciano - April 2010 – 9.167 Zeichen)

1. “Ich frage Sie heute wirklich zum allerletzten Mal, darf ich Sie in die laue
Frühlingsnacht entführen, wollen Sie endlich einmal mit mir ausgehen?“
Dr. Manfred Mader, Herzspezialist aus Salzburg und wegen des alljährlich im
März stattfindendem Kardiologenkongresses in Wien, stellte diese Frage zum
wiederholten Male seiner Wirtin, der bezaubernden Christine Weber, in deren
kleinem Hotel auf der Wieden, im vierten Wiener Gemeindebezirk, er seit
Jahren logierte.
Dr. Mader saß der bezaubernden Christine Weber gegenüber und prostete ihr
mit einem guten Glas grünem Veltliner zu.
Christine Weber, blond, mittelgroß, mittelschlank, 32 Jahre jung und seid vier
Jahren geschieden musste innerlich schmunzeln. Wann immer Dr. Mader sie
einlud, und das hatte er in den letzten Jahren zigmal vergeblich getan,
verwendete er das Wort „ausgehen“. Ob es ums Essen, Kino, Theater, Oper
oder Tanzen ging, immer verwendete er den Terminus ausgehen.
Christine, den Avancen des Dr. Mader nicht abgeneigt, überlegte diesmal nicht
lange:
„Lieber Herr Doktor, Sie können davon ausgehen, dass gleich nach 22.00 Uhr
im Lokal alle Lichter ausgehen werden und wenn Sie sich dann noch etwa 15
Minuten gedulden, so lange brauche ich zum Umziehen, dann werde ich Ihrer
Bitte nachkommen und mit Ihnen ausgehen.“
Dr. Mader glaubte sich verhört zu haben. Wortlos verbrachte er einige Sekunden
auf seinem Stuhl um dann aufzuspringen, Frau Christine die Hand zu küssen
und freudig erregt zu rufen: „Danke, danke, danke. Ich werde gerne in der
Hotelhalle auf Sie warten.“

2. Es wurde ein schöner Abend. Dr. Mader führte Christine in einen führenden
Club im obersten Stock eines Neubaues am Donaukanal, spendierte ein teures
Degustationsmenü mit Champagner und wie Christine mit Kennerblick
feststellen konnte: Die Euros schienen ihm nicht auszugehen.
Spät nachts, als Dr. Mader und Christine mit dem Taxi ins Hotel zurückkehrten
fragte Christine Herrn Dr. Mader ob er schon einmal einen Heurigen besucht
hatte.
„Jein, ich war einmal in Grinzing aber ich glaube nicht, dass ich richtig beraten
war, denn es hat mir absolut nicht gefallen. Bänke statt Stühle, Wein in einem
Krug aus Glas, das Essen muss man sich vom Büfett holen, nein danke.“
Christine lachte schallend. „Dahin wo ich Sie morgen einlade, ich darf Sie doch
bitten dieses Mal mit MIR auszugehen, wird es Ihnen bestimmt gefallen. Ist
Ihnen 19.00 Uhr recht?“
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„Danke ja, ich lasse mich überraschen.“


Christine bot ihm ihre Wangen zum Kuss und verabschiedete sich so von ihrem
langjährigen Verehrer.
Dr. Mader, Ende Dreißig, dunkle Haare, blaue Augen und vor allem ledig wie
Christine Weber auch, konnte sein Glück nicht fassen. In dieser Nacht schlief er
schlecht. Wirre Träume in denen Christine Weber die Hauptrolle spielte ließen
verfolgten ihn stundenlang. Erst gegen Morgen schlief er endlich tief und fest
ein.

3. Das Klingeln des Zimmertelefons weckte Dr. Mader zu einem Zeitpunkt, als
er endlich entspannt und friedlich schlief.
„Mader, wer stört?“
„Ich bin’s, der Rudi, wir wollten uns doch um 09.00 Uhr am Kongresszentrum
treffen. Jetzt ist es 09.15 Uhr und Du liegst offensichtlich immer noch im Bett.“
Rudi Mitteregger, ein Kollege aus Wien hörte sich ziemlich verärgert an.
„Ich habe unsere Verabredung total verschwitzt. Sei mir bitte nicht bös Rudi,
aber ich bin spät ins Bett und habe gar keine Lust aufzustehen.“
Dr. Rudi Mitteregger überhörte den Einwand und insistierte weiter.
„Prof. Dr. Ludwig Mühlbacher vom Klinikum Rechts der Isar in München hält
um 10.00 Uhr einen Vortrag den wir beide nicht versäumen sollten und wollten.
Schaffst Du es noch bis dahin?
Dr. Mader blickte auf seine Uhr, „ich denke es kann sich ausgehen, also bis
dann.“
Er legte den Hörer auf um ihn gleich wieder abzuheben um beim Portier ein
Taxi zu bestellen. Duschen, Rasieren und Frühstücken mussten ausfallen um den
Termin noch einzuhalten. Er nahm sich nur Zeit zum Zähneputzen und war zehn
Minuten später in der Halle.

Mit seinem Freund Rudi konnte er noch einen Espresso im Gastronomiebereich


des Kongresszentrums trinken um danach pünktlich zum Vortrag des
Herzchirurgen aus München zu erscheinen.
Nach dem Vortrag verzog sich Dr. Mader wieder in sein Hotel um ein wenig zu
schlafen. Er wollte am kommenden Abend fit sein wie ein Turnschuh.

4. Christine Weber sah in ihrem Abenddirndl zum Anbeißen schön aus. Ihre
Augen strahlten, ein breites, hübsches Lächeln machte den Abend zum Tag.
„Na Herr Doktor, bereit für den Heurigenbesuch?“
„Bereiter kann man gar nicht sein,“ erwiderte dieser.
Sie stiegen in das wartende Taxi und fuhren los.
„Wohin entführen Sie mich?“ fragte Dr. Mader.
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„Nicht nach Grinzing. Wir fahren zu einem Nobelheurigen am Pfarrplatz in


Heiligenstadt. Dort gibt es Stühle, richtige Weingläser und ein Büfett. Aber man
muss sich dort nicht anstellen, das Essen wird einem auch am Tisch serviert.“
Dr. Mader war zufrieden und erzählte Christine wie er am Morgen verschlafen
und nur mit Mühe noch den Vortrag in der Hofburg mitbekommen hatte.
Am Pfarrplatz angekommen führte Christine ihn durch ein Tor in einen großen,
leeren Innenhof.
„Hier stehen in der warmen Jahreszeit Tische und Stühle und über den Gästen
hängen Weintrauben in einem grünen Blätterdach.“
Dr. Mader schaute sich alles ganz genau an und wurde dann von Christine in das
Lokal geführt. Alle schienen sie hier zu kennen. Sie wurde mit Namen begrüßt
und gleich nach dem Schankraum war die erste Nische links für sie reserviert.
Ein Tisch an dem locker sechs Personen Platz hatten. Dr. Mader half Christine
aus dem Mantel und hängte diesen samt seinen an der Garderobe auf.
Kaum saßen die beiden wurde auch schon eine Flasche Wein serviert. Die
Kellnerin wollte Christine zum Kosten einschenken, diese aber winkte ab.
„Schenk ein Ingrid“ meinte sie, „der Korken ist in Ordnung.“
„Frau Weber, sollen wir mit dem Essen noch zuwarten?“ fragte Ingrid die
Serviererin.
„Lass uns bitte fünf Minuten Zeit um den ersten Schluck zu genießen, ja?“
Ingrid nickte und entschwand.
Christine prostete dem Doktor zu und dieser nahm einen herzhaften Schluck.
„Na schmeckt er Ihnen? Es ist einer meiner Lieblingsweine.“
„Nicht schlecht!“ Dr. Mader griff nach der Flasche, nahm sie aus dem Kühler
und las: „Gemischter Satz? Was ist ein gemischter Satz, noch nie davon gehört,
aber er schmeckt gut.“
„Der Gemischte Satz ist ein Wiener Traditionswein. Die Trauben von Grünem
Veltliner, Riesling, Weißburgunder und Zierfandler werden gemeinsam gepresst
und ergeben dieses unvergleichliche Bukett. Die Reben der genannten Sorten
wachsen bunt gemischt im Weingarten, die Trauben werden gemeinsam geerntet
und verarbeitet. Die „Vermählung“ zur Cuvee findet somit nicht erst im Keller,
sondern schon in der Natur statt. Aber wir werden im Laufe des Abends noch
weitere hervorragende Weine verkosten,“ versprach Christine.
„Sie scheinen sich ja sehr gut mit Weinen auszukennen,“ lobte Dr. Mader.
„Nicht nur mit Weinen,“ schmunzelte Christine.
Ingrid erschien wieder, dieses Mal mit einer großen Heurigenplatte. Auf dieser
fanden sich verschiedene gebratene Fleischsorten, Würste, Knödeln und Salate,
sowie Pfefferoni scharf und mild und kleine Gewürzgurken. Dazu ein Körbchen
mit verschiedenen Broten und Gebäck.
„Wer soll das alles essen?“ fragte sich Dr. Mader.
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Christine schien seine Gedanken erraten zu haben. „Keine Sorge, Wein macht
Appetit und Sie werden auch das Dessert, einen warmen Milchrahmstrudel mit
Vanillesoße, gerne genießen.“
Am späteren Abend, nach der dritten oder vierten Flasche Wein bot ihm
Christine das Du-Wort an und erstmals trafen sich ihre Lippen zu einem Kuss.
Manfred Mader begann von seiner Schulzeit in Salzburg an zu erzählen.

„Ich war 11 oder 12 Jahre alt als ich mich in eine Mitschülerin verliebte.
Nachdem ich ihr auch nicht ganz uninteressant war „Gingen“ wir eine Zeit lang
miteinander. Sagt man in Wien auch „wir gehen miteinander“?“ fragte er.
„Ich glaube schon,“ lächelte Christine und summte ein Lied vor sich hin.
„Was summst Du da für ein Lied?“
„Willst Du mit mir geh’n, von Nena.“
„Nena? Ich dachte immer dieses Lied singt Daliah Lavi.“
„Beide Lieder haben den selben Titel aber die Melodien sind doch sehr
verschieden.“
„Woher kennst Du das Lied von der Lavi. Als sie es sang warst Du doch kaum
geboren“, witzelte Manfred.
„Mein Vater hat eine große Schallplattensammlung. Die großen Sänger und
Sängerinnen der siebziger Jahre sind mir alle bekannt,“ erwiderte Christine.

Im Hintergrund des Lokales spielte schon den ganzen Abend ein Duo die
schönsten Wiener Heurigenlieder. Ziehharmonika und Gitarre ergänzten sich gut
und auch stimmlich waren die beiden nicht schlecht. Leider wünschten sich die
zahlreichen, auch ausländischen Gäste immer wieder Lieder die überhaupt
nichts mit einem Heurigen gemein hatten. So erklang schon mal „0 sole mio“
oder „Wieso ist es am Rhein so schön.“
Später, als die beiden Musiker von Tisch zu Tisch gingen kamen sie auch zu
Christine und Manfred. Dieser fragte den Musiker mit der Gitarre ob er auch
Lieder aus Filmen von der Zeit nach dem Krieg kennen würde. Als dieser
zustimmte flüsterte er ihm etwas ins Ohr. Nach kurzer Rücksprache mit seinem
Partner stimmten die Musiker ein bekanntes Lied aus einem Nachkriegsfilm an.
Damals gesungen von Paul Hörbiger und Maria Andergast: „Stell dir vor es geht
das Licht aus, sag was würdest du dann tun. . . .“ und so weiter.
Christine lachte lauthals und fragte ihn prustend „damals warst Du aber auch
noch nicht in Planung, oder?“
„Stimmt, aber ich liebe diese alten Filme und schau sie mir immer wieder an
wenn sie, meist am Samstag, im Fernsehen laufen.“
„Ausgehen, scheint ja überhaupt ein Lieblingswort von Dir zu sein“. Christine
konnte sich nicht beruhigen. Immer wieder wurde sie von Lachern geschüttelt.
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„Und Du nutzt diese meine Schwäche weidlich aus“ protestierte Manfred. „Ich
denke an gestern Abend als Du den einen Satz damit begonnen hast, dass ich
davon ausgehen könnte usw.“
Christine konnte sich vor Lachen nicht mehr halten. War es der Wein, die
Stimmung, Dr. Mader? Wie auch immer es blieb ein vergnüglicher Abend.
Nach der Sperrstunde führte Manfred Christine noch in einen Nachtclub und als
der Morgen graute, die ersten Laternenlichter ausgingen, kehrten sie vergnügt
und ziemlich angeheitert ins Hotel zurück. Dieses Mal bot ihm Christine mehr
als nur die Wangen zum Kuss, um dann schnell in ihren Gemächern zu
verschwinden.

„Heute früh kann anrufen wer will, ich muss mich ordentlich ausschlafen. Wenn
nicht werden mir meine Kräfte bald ausgehen.“ Leicht schwankend bewegte
sich Manfred Mader in Richtung Zimmer. In dieser Nacht schlief er fest und
traumlos.

5. Die restlichen Tage vergingen ohne das Dr. Mader je wieder einen Fuß ins
Kongresszentrum gesetzt hätte. Sein Freund Rudi rief einige Male an, ließ es
aber dann bleiben, zu sehr widmete Manfred Mader seine Zeit der schönen
Christine und als er nach Salzburg zurückkehren musste, versprach er ihr bald
wieder zu kommen.
So war es dann auch. Christine besucht ihn ihrerseits in Salzburg und die
gemeinsamen Stunden wurden immer schöner bis beide beschlossen nicht mehr
auseinander zu gehen.

ENDE