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JÜDISCHE LITTERATUR

SEIT ABSCHLUSS DES KANONS.

KIM-:

PROSAISCHE INI) POtmsCHK AXTIInUKtlK

MIT BIOGRAPHISCH KN UNI) LIr^KRAI{<{^>^HK•IITLlCHBN

KINLKITrN(;KX

rXTKIJ MITWIKKl

PROF. DR. W. BACHER, DR. SAH. BÄCii,

PHIL. BLOCH«

DR. J. FÜRST« DR. M. ORÜNBAUM« DU. J. HAMBUROBR,

DR. A. KAMINKA« DU. AD. LEWIN, DU. B. RIPPNER,

PROF. DU. A. SULZBACH V. A.

Hi-fAf'aOlQKBFN

^

DR J. WINTEU, iND PROF. Ai;ii. \VtNti( liK,

RABBINER.

DR. TIIBOk VSV I'flll.

ZWEITER BAND.

DIE RABBINISCHE LITTERATUR.

KKRLIN.

M. POPPELAU EU.

1897.

GESCHICHTE

DER

RABBINISCHEN LITTERÄTÜR

WÄHREND DES MITTELALTERS

UND

IHRER NACHBLÜTHE IN DER NEUEREN ZEIT.

UNTER DER REDAiTION VON

DR. J. WINTER, UND PROF. AUG. WUNSCHE,

RABBINER.

DR. THEOL. UND PHII,.

BEARBEITET VON

PROF. DR. W. BACHER, DR. SAM. BACK, DR. PHIL. BLOCH,

DR. J. HAMBURGER UND DR. A. KAMINKA.

BERLIN.

M. POPPELAUER.

1897.

QermaTiy

Vorwort.

Der zweite Band der Jüdischen Litteratur," den wir hiermit

der Oeffentlichkeit übergeben, umfasst die Zeit vom Abschluss

des Talmuds bis über das Mittelalter hinaus und enthält das

Schriftthum der geonäischen Periode, der Karäer, die Massora,

Sprachwissenschaft und Bibelexegese, die rabbinische Litteratur

der spanisch-arabischen Schulen, die Entwickelung der Halacha

in Italien, Frankreich und Deutschland, die Darschanim und

die Philosophie ein farbenreiches Bild der jüdischen Geistes-

arbeit, das dem Leser in kurzen Schilderungen der Autoren und

zahlreichen fast durchweg neuen Uebersetzungen ihrer Werke

vor Augen tritt. Den historischen Hintergrund bilden die Ver- folgungen und Leiden, die die Juden in den verschiedenen Län- dern ihres Aufenthalts zu bestehen hatten. Es ist zu verwundern,

dass in den dumpfen engen Ghettos, bei den Wanderungen von

Ort zu Ort, von Land zu Land, eine so reiche litterarische Thätig-

keit sich entfaltet hat, dass Werke geschrieben werden konnten,

die schon durch ihren Umfang in Erstaunen setzen. Uebiigens

zeigt gerade diese Periode der Litteraturentwickelung, wie sich

das Judenthum die Philosophie der Griechen und die Sprach-

wissenschaft der Araber trefflich zu Nutze gemacht hat; beide

Geistesströmungen durchziehen zahlreiche Werke und spiegeln sich in ihnen ab. Die Eigenthümlichkeit jüdischen Denkens

jedoch kommt in der rabbinischen Litteratur der spanisch-arabi- schen Schulen und in den religionsgesetzlichen (halachischen)

Schriften in Italien, Frankreich und Deutschland zum ent- sprechenden Ausdruck. Vor allem sind es die Decisoren, durch

welche die religionsgesetzlichen Vorschriften für alle Lebens-

gebiete in voluminösen Werken codificirt werden. Daneben

suchten die Darschanim im Lehrhause aus der heiligen Schrift die

religionsgesetzliche Praxis zu begründen oder legten das Schrift-

wort in Form der Predigt der versammelten Gemeinde erbaulich

aus. Die vorhandenen Geschichten der jüdischen Litteratur

übergehen in der Regel diese Seite des jüdischen Geisteslebens,

oder widmen ihr nur wenige Worte, unser Werk behandelt in

einem grösseren Abschnitte die Darschanim und zeigt die

VI

Vorwort.

Entwickelungr der jüdischen Predigrt vom 15. bi« in das 18. Jahr- hundert an einer Reibe von gehaltenen Erbauunjfsreden in ihrem

eigenartigen Aufbau und ihrer inneren logischen Qliedcrv-

Um etwaigen Einhaltungen zu begegnen, als ob mit den

geführten Uebersetxungsproben nur die sogenannten «Blüthen

und Perlen" der jüdischen Litteratur herausgegriffen od-

farberisch aufgeputzt worden seien, bemerken wir ausd;

dass weder das Eine, noch das Andere der Fall ist; die Ile-

arbeiter haben die Proben weder mit Gunst noch mit Abgunst,

sondern ganz objectiv gewählt. Den Herausgebern war vor allein

darum zu thun, das jüdische Geistesleben dieser Periode auf den

verschiedenen Gebieten in seiner Eigenart und Rigenthümlioh-

keit dem Leser treu vor Augen eu führen. Die llebenwtzungen

geben auch die Originale, so weit es der Geist der deutlichen

Sprache nur irgend zulässt, so wörtlich als möglich wieder.

Schliesslich noch einige Bemerkungen aber die von der

Redaction befolgten Grundsätse. Selbstredend lie«en lieh bei

der vorliegenden stofflichen Behandlung nach Diseiplinen kleine

Wiederholungen nicht ganz vermeiden, weil riele Autoren auf

verschiedenen Gebieten sich ausgezeichnet haben, doch die-

selben werden durch den gegebenen neuen Zusammenhang und

bei der verschiedenartigen sprachlichen Einkleidung dem Leaer

nicht lästig fallen Ebenso wird man an verschiedenen ab-

weichenden Auffassungen, Ansichten und Beurtheilungen, be-

sonders wenn es sich nicht um feststehende Thatsaehen bandelt,

keinen Anstoss nehmen, sondern sie durch den abweiefaendflO

Standpunkt der Mitarbeiter gerechtfertigt finden. Auch betreffs

der Orthographie der Eigennamen war den Mitarbeitern freie

Hand gelassen und es hat jeder für seine Schreibweise et-"-"

stehen, trotzdem aber ist mögichste Einheitlichkeit ers

worden.

Wenn endlich bei den Geonim und Karäern unter jeder

Uebertragung die Namen der Uebersetzer stehen, so hat dies

darin seinen Grund, dass beim Beginn des Unternehmens es

noch nicht feststand, in wie weit sich auch die Herausgeber

an den Uebertragungen betheiligen würden.

Möchte auch der zweite Band seitens der Interessenten eine freundliche Aufnahme und von der Kritik eine gerechte

Würdigung und Beurtheilung erfahren.

Dresden, den 1. August 1894.

Die Herausgeber.

Inhaltsverzeicliuiss.

Die Litleratiir der geoiiäischen Zeit (6381038).

Von Rabbiner Dr. A. Kuuiiiika.

Seite

Einleitung: Entwickelung der Responsenlitteratur

Seite

Mar Rab Scheschna .

.

.

8

Amrani (raon

.

.

Natronai I. bar Nechemja

 

9

Zeraach bar Paltoi

Achai (Acha) aus Schabcha

 

12

Saadia

.lehudai (iaon

16

Scherira Gaon .

 

.

Paltoi Gaon

18

Samuel beri Chofni

Sar Schalom

20

Hai Gaon

.

.

.

Natronai II. bar Hilai' .

.

22

Nachbemerkungen

Nachträge und Litteraturnachweise

24

27

28

41

48

5:5

63

793

Die KarUer und ihr Schriftthum.

Von über -Landesrabbiner Dr. J. Hamburger.

Einleitung: Name, Entstehung und geschichtliche Stellung der Karäer

67

Anan ben David Benjamin ben iiose aus Nahä-

Seite

69

Salman ben Jerucham

Joseph ben Abraham Haroeh .

wendi

 

71

Hassan ben Maschiach

Daniel ben Mose Alkumsi .

 

.

72

Jephet ihn Ali Halevi

Wachsthum und Erstarkung des

 

Jesciiua ben Jehuda

Karäismus v. 9 12. Jahrh.

 

.

73

Jephet ben Said

Acha Nissi ben Noach .

 

73

David ben Abraham

 

.

.

Abul-Farag Harun (Aharon ben

 

Jehuda ben Elia Hadassi

Jeschuaj

78

Aharon ben Joseph

".

Joseph ben Noach

78

Aharon ben Elia

79

86

87

87

88

88

89

89

93

99

Sabal ben Mazliach

78, 81

Saadia Gaon's Polemik gegen den Karäismus

79

EiiaBaschiatzi und Kaleb Efendi- pulo

 

108

Niedergang und Verfall

.

.

.

116

Die Massora.

Von Professor Dr. W. Bacher.

Entstehung, Wesen und Geschichte der Massora Litteraturnachweise

121

132

VIII

InhaltsvereeichniM.

Die hebräische SprarhwiaMMehaft

Vom 10.

Ins xom

16. Jahrhandwi.

Von Professor Dr. W. Bacher.

Einleitunjr: Wesen und Charakter der hebrÜsohen Ununroatik ond Lexiko-

graphie

Der Gaon Saadia

Jehuda ibn Koreisch

Menachem ben Saruk

Dunasch ibn Labrat

Die Schüler Menachem's nnd

Dunasch's

.

Jehuda ben David Chaijusr . Abnlwalid Merwan ibn Uanach

Spanische Sprachgelehrte im 11. Jahrhundert und im Anfange des 12. Jahrhunderts

Litteratumachweise

138

142

145

149

155

Abraham ibn Kart .

Joseph Kimohi

.

.

Moaas aad David Kimr).

MoMi bm Isaak

.

.

Dm 13. JahrhandOTi

Das 14. Jahrhondvt

161 Das 15. Jahrhandart

170 Dar AnCuffd« 16. Jahrhad«««.

El^a Lerite. Abr«k«m ^<. n«l.

\m

185

ji:

jn>

Die BibelexcgeM.

Vom Anfange des 10. bis «am Bad« das \'.k .lahrhuod^rts.

Von Prot Dr. W. Bacher. Einleitung: Wesen and Charakter der Bibelesefeae. Aualefungiiethodaa

239

Die gconäische Zeit

242

Die spanische Olanzperiode

257

Die Darschanim

270

Die nordfranzösische Bxegeten» schule

275

Abraham ibn Esra

280

Litteratumachweise

Joeeph Rinebi «od seine SStoe 806

>Die philoacmUeebe Ki ageee

SM

Die ajratlaflhe Ibeceae

319

Die OHMliaeke Lraeratar vom

Bndedes 12. bta n« Bade dee

ir> .TfthrhuiKliTt.

»f.

Die rabbinische Liiteratar der spanisoh-arabischeu Schalen

(vom Anfange des 10. bis zum Ende dea 15. Jahrhandert»)

Von Rabbiner Dr. A. Kamlnkn«

Einleitung: Entwickelung und Charakter der rabbiniaohea LiUcralar .

Stito

Chasdai ibn Schaprut

Die vier Gefangenen und ihre

Schüler

348 I Moaea ben Nachmnn Salomo ben Adereth and seine

357

Zeit

Isaak AI fasi und seine Zeitgenossen 371

381

Moses Maimonides

Maimonides' Zeitgenossen, Schüler

und Gegner

411

Talmadisten des 14. Jahrhunderts Das Jahrhundert der Vertreibung aus Spanien

Litteratumachweise

:{43

424

42*»

435

441

447

Inhaltsverzeichniss.

IX

Die Halacha in Italien, Frankreich und Deutschland

(vom 9. bis zum 14. Jahrhundert).

Von Rabbiner Dr. A. Eaiiiinkn.

Einleitung:

Seite

Die Talmudstadien bis auf Raschi'-s

Tod

Die Thosaphisten

Litteraturnachweise

457

465

I Halachisten des 12. und der ersten

Hälfte des 13. Jahrhunderts .

R. Meir aus Rothenburpr, seine

Schüler und Zeitg'enossen

Seite

455

474

481

48^

Die halachistiSChe Litteratur vom 15. bis 18. Jahrhundert.

Von Rabbiner Dr. S. Back.

Einleitung: Wesen, Bedeutung und Entwickelun«; der Halacha

.

493

Seite

Die Decisoren

 

497

A. Sammelwerke

 

497

I. Jakob Slöllin ha-Levi

 

498

II. Bezalel Aschkenasi

501

Codices

 

504

I. Jakol) ben Ascher .

 

.

505

II. Joseph Karo

 

514

III. Moses Isseries

 

.

.

.

516

Commentatoren 1. Josua Falk Cohen .

 

5J7

2. Sabbathai Cohen

 

.

518

David b Samuel Halevi 4 6. Moses Lima. Samuel

.3.

 

519

 

ben

Uri,

Abraham

 

Gumbinner

 

519

IV. Mordechai Jaffe (Le-

 

busch)

 

530

V. Salomo Luria

.

.

.

535

Litteraturnachweise

Responsen

Israel Isserlein

' Joseph Kolon (Rlaharik)

.

.

540

542

546

Juda Minz und IMeir Katzen-

552

557

56o

566

569

572

575

577

580

Glossen und Novellen (Chiduschim) 58 i

586

ellenbogen

David Abi Simra (Radbas)

Maharam Dublin

Aharon Sam. Kaidonower

Menachem Mendel Krochmal .

Chacham Zewi

Jakob Hirschel Emden . Meir Eisenstadt Ezechiel Landau

.

.

.

Jomtob (Lipman) Heller .

.

Samuel Edels und MeVr Dublin

Meir Schiff"

Jakob Josua Falk

591

595

597

605

Die Darschaiiim

vom 15. bis Ende des 18. Jahrhunderts.

Von Rabbiner Dr. S. Back.

Einleitung: Entstehung, Charakterund Eniwickelung der Darascha (Predigt)

Seite

Spanisch-portug. Darschanim.

I^aak Arama

618

Deutsche Darschanim.

Jakob Möllin ha-Levi Jonathan Eibeschütz

609

661

663

Moses Almosnino

631

Salomo Halevi

637

Oesterreichiscne Darschanim.

 
 

Salomo Ephraim Lenczyz .

.

.

671

Italienische Darschanim.

Eleasar Fleckeles

679

Jehuda Muscato

641

Polnische Darschanim.

 

Samuel Katzenellenbogen

.

647

Zebi Hirsch AVaidoslaw

.

.

.

685

Asarja Figo

652

Jakob Dubno

692

Inhaltsverzeichnis».

Die jüdische Religioiisphilosophle.

Von Rabbiner Dr. Philipp Bloch.

Einleitunof

Die kosniotbeologische Periode. Saadia

Bachja beii Joseph

Isaak Israeli

Die Uebergangsperiode.

Salomo Gabirol

Joseph ibn Zadik .

Abraham ilm Esra Abraham bar Chija, Jehuda

Halevi

Abraham ibn Daud

Seite

704

7J5

752

723

729

733

735

743

Die aristotelische Periode.

IMose Maimonides

Joseph ibn Aknin, Mose Halevi,

Samuel ibn Tibbon, Jakob Ana-

toli

750

766

 

699

Schein tob Fftlaqucra, .lekuda

Kohen, Gerson ben 8alomo,

Hillel ben Saloni»

767

Lewi ben Gersoti

Isaak Albalag .

Joseph Kaspi, iJavM lon

Mose Narboni, Meir Ali

Samuel (.'ar^a, Abraham Bnm).'

Isaak Arama

Periode des Niedergangt.

Ohasdai Crescas

Joseph Albo Joseph ben Schein tul> .

.

.

.

.

,H7

Schein tob ben Joseph. Elia !>•

medigo, Isaak Abrabanel . Leone Üebreo, Jrhuda Atai>l del

.

Bene, David Nieto

Mordechai Gumpel, Pinchas Elia

792

79:j

Die Litteratur der geonäischen Zeit.

(638—1038.)

Winter a. Wfinsche, Die jfldisohe Litteratur. IL

Die Epoche der G e o n i m kann als eine vierhundertjährige

Uebergangsperiode von der talmudischen Zeit und ihren letzten,

auf Vollendung der Gemara bedachten Vertretern, den Saboräern,

bis auf die Entwickelung einer neuen jüdischen Kultur im Südwesten Europas betrachtet werden. Die ersten Träger des

Titels „Gaon" (s. v. a. „der Hervorragende"), der zuerst ver-

muthlich zur Zeit der Eroberungen Chalif Omar's als offizielle mit Privilegien verbundene Bezeichnung in Gebrauch kam,

unterschieden sich nicht wesentlich von ihren Vorgängern ; die letzten Gaonen stehen der forschenden Wissenschaft und der arabisch-jüdischen Aufklärung ebenso nahe als den talmudischen

Discussionen und haben für die aufstrebenden fernen Gemeinden

in Frankreich und in Spanien mehr Bedeutung und Einfluss

als für ihre bereits zerrüttete babylonische Umgebung.

Beim

Erlöschen des Gaonats sind bereits sowohl in Andalusien als in

Frankreich neue jugendlich blühende Kräfte in mannigfacher

schöpferischer Regsamkeit.

Für sich betrachtet, erscheint diese sich auf dem Hinter-

grunde der arabischen Herrschaft abzeichnende Periode in drei

Phasen. Zuerst führt ein zu starres, immer steriler und ein-

seitiger werdendes Talmud-Studium zu einer kräftigen, prinzipiell

den ganzen Talmud verwerfenden und gegen die rabbinischen

Akademien gerichteten Agitation, deren Frucht das von A n a n

(760) gegründete Karäerthum ist Dann wird, während der

karäischen Bewegung, das orthodoxe Gaonenthum, obwohl die

Sectirer verketzernd, doch unwillkürlich vom neuen Geiste mit berührt, zu einem eingehenderen Studium der heiligen Schrift

und zu einer grösseren Anspannung seiner Kräfte geleitet.

Endlich ersteht auf Seiten der Rabbaniten ein Mann mit klarem

Geiste und umfassender, allseitiger Bildung, der Gaon S a a d i a

der sowohl von der vorangegangenen Krisis im Judenthum als

von der freisinnigen (mutazzilitischen) Theologie der Araber

A Die Litteratur der geonäischen Zeit,

Anregungen empfängt und das Karäerthum zwar energisch

bekämpft, aber auf talmudischer Grundlage eine rationali-

stische Wissenschaft begründet

Der orientalische Despotismus des Chalifats hatte den

Nichtbekennern des Islams in den eroberten Provinzen be-

sondere Steuern auferlegt, dafür aber eine fast vollständige

Autonomie in Religionssachen und in der im Orient

davon untrennbaren Civilgerichtsbarkeit eingeräumt Dio

Chaldäer standen mit ihrer Kirche unter der geistlichen Leitung

eines „Katholikos", der auch weltliche Befugnisse hatte; die

Juden hatten in Sura (Mechasja) in Babylonien als geistigen Brennpunkt eine rabbinische Akademie, welche von einem

Gaon geleitet wurde. Später kam eine zweite Akademie in

Pumbedita hinzu, deren Leiter jedoch lange Zeit offiziell

nicht den Titel „Gaon" führen durfte und vor seinem haupt-

sächhch massgebenden Collegen von Sura bei feierlichen

Anlässen zurücktrat; zuletzt errang sich diese zweite Anstalt volle Gleichberechtigung und sogar das Uebergewicht Welt- licher Repräsentant des Gesammtjudenthums war jedoch

der von den Chalifen als erblicher Fürst anerkannte und mit

weitgehenden Privilegien versehene Resch-Galuta (Ober-

haupt des Exils), der, nicht immer strenggläubig, selten gelehrt

und fast nie geistig besonders hervortretend, sich nichtsdesto-

weniger kraft seiner auf König David zurückgeführten Ab-

stammung und fürstlichen Führung der grössten Verehrung

und Volksthümlichkeit erfreute. Da im Judenthum, neben

dem stets neu hervorquellenden und sich verjüngenden Geistes-

adel, von jeher, bei der hohen Bedeutung von Familie und

lebendiger Tradition, ein physischer Erbadel hoch geachtet wurde,

so wies man mit Stolz, Jakob's Segen (1. Mos. 49, 10) deutend,

auf den Exilsfürsten als den „Inhaber des Scepters aus Juda-

hin.

Ihm

stand

es

zu,

auf Vorschlag des akademischen

Collegiums, den Gaon zu ernennen, der, einmal ernannt, als

höchste rehgiöse Instanz betrachtet wurde. Er war von einem

Oberrichter (Dajan di Baba), sieben Hauptlehrem (Resche Kallaj

und einer Versammlung, ähnlich dem früheren Synhedrion, um- geben. Der Aufsicht dieses Collegiums waren die kleinen Local-Gerichte unterworfen, und zwar, nach Stiftung des Lehr-

hauses zu Pumbedita, getheilt zwischen beiden Schulen. Frei-

willig wandten sich auch die fernsten Gemeinden anderer

Länder, späterhin vom äussersten europäischen Westen, an die

Einleitung.

5

G-aonen, um Auskunft und Belehrung. Zweimal jährlich, im März und September (Adar und Elül), wurden grosse all-

gemein eV er Sammlungen (Kalla^) abgehalten, bei denen

es besonders feierlich zuging. Die Schulhäupter hielten Vor-

träge, die wichtigsten an sie herangetretenen Fragen wurden

besprochen und erledigt, Ceremonien (Hesped" u. Aschkawta") für die Seelenruhe der jüngst verstorbenen Gelehrten oder des

Exilsfürsten gefeiert, neue Gesetze und Bestimmungen erlassen,

und die Antwortsehreiben (Response n) auf Anfragen von auswärts wurden den Secretären dictirt Ihre Einkünfte be-

zogen die Hochschulen zum grossen Theil aus den ihnen unter-

stehenden Gerichtsbezirken; ausserdem gingen Spenden naher

und ferner Gemeinden in grosser Anzahl ein, in der Regel

wurde jede Anfrage von einer Spende begleitet. In der ersten Zeit erhielt Sura, als hauptsächliche Lehrstätte, zwei Drittel

der eingegangenen Gelder; während des Niedergangs dieser

Schule wurde es von Pumbedita durchgesetzt, dass die Ein-

künfte für beide Schulen gleich getheilt werden.

Die genannten Resporfsen sind es nun zunächst, von

denen aus jener Zeit eine sich auf mehrere Tausende belaufende

Anzahl erhalten geblieben ist und die ein wichtiges litterarisches

Denkmal der Wirksamkeit jener Männer und des geistigen

Entwickelungsprozesses im Judenthum unter den Chalifen

bilden. Die Erhaltung jener in mehr oder weniger genauen

Copien, vollständig oder in dürftigen Auszügen auf uns ge- kommenen Schriftstücke, die nur einen sehr kleinen Bruchtheil

der ausgedehnten Correspondenz der Geonim bilden, verdanken wir

einer Reihe von zufällig, verschiedenartig und theils völlig plan-

los angelegten Sammlungen. Im Jahre 1516 ist in Constantinopel

zuerst eine Sammlung von „kurzen Entscheidungen der Geonim"

und 1575 ist zuerst eine Sammlung Responsen der Geonim"

erschienen, die im Laufe der Zeit mehrere Auflagen erlebt hat.

Eine der verhältnissmässig geordnetsten und wichtigsten Samm- lungen aus alter Zeit ist von R. Chajim Modai um die Mitte

des vorigen Jahrhunderts in Aegypten gefunden und unter

dem Namen „Schaare Zedek" (Pforten des Heiles) von dessen

Sohn Nissim zu Salonichi 1792 herausgegeben worden. Mehrere

') Nach Z. Frankel soll die Bezeichnung n?D aus dem Griechischen

y.aXetv entstanden sein ; es muss dann diese Institution bereits früher in Palästina

zur Tempelzeit bestanden haben, als das Griechische unter Juden verbreitet war.

Die Litteratur der geonäischen Zeit.
ß

andere folgten im Laufe dieses Jahrhunderts; eine der bedeu-

tendsten ist die von A. Harkavy (Berlin 1885) aus Manuseripion

der Kaiserlichen Bibliothek zu St. Petersburg veröffentlichte

Sammlung. Verdient gemacht haben sich um Erforscht

dieser Litteratur im Besonderen: Z. Frankel mit einem Entw an

einer Geschichte der Litteratur der nachtalmudischen Responsen"

(Breslau 1865), J. H. Weiss im vierten Bande seines

Dor

Dor Wedorschow" (Geschichte der jüdischen Tradition, Wien

1887), und neuerdings Joel Müller mit einer (hebräisch ge- schriebenen) Einleitung in die Kesponsen der babylonischen

Geonen" (Berlin

1891), die

auf Grund einer

umfassenden

talmudischen Gelehrsamkeit sämmtliche bis jetzt bekannte

Sendschreiben katalogisirt und bespricht

Doch die weite, inhaltsreiche, sich auf alle Gebiete des mensch-

lichen Lebens und Wissens erstreckende Responsenlitteratur

bildet nur die eine Hälfte des geistigen Schaffens jener Zeit. An sie schliesst sich eine grosse Reihe selbständiger, umfangreicher und wohlgeordneter Werke, homiletischen, archäologisohen, lexica

lischen, philosophischen, historischen, oder poetisch-didactischeii

Inhalts. Soweit diese erhalten sind, geben sie uns erst die recht«'

Möglichkeit eines gründlichen Erfassens des Geistes der Geonim.

Grundlage aller Forschung und alles Nachdenkens bilden

natürlich vorzugsweise Bibel und Talmud.

Achai verwendet das unermessliche biblisch-talnmdiM h*- Material zu Bausteinen für seine kunstvollen Abhandlungen;

der Philosoph Saadia vereinigt in seiner Methode freie

Speculation mit althergebrachter homiletischer Auslegung der Schrift; der Historiker Scherira ist bestrebt, eine zusammen-

hängende, erschöpfende Geschichte der Tradition zu bieten;

der dichterisch beanlagte Hai bearbeitet, neben allgemeinen

didactischen Stoffen, talmudische Tractate und Gesetzes-Ent- scheidungen in Versen.

Die Sprache jener auf uns gekommenen Documente

sowohl der grösseren Werke, als der Responsen ist dreifach:

hebräisch, aramäisch oder arabisch. In der ersten Zeit herrscht

Der Moralist

das Aramäische (die Sprache der Gemara) fast ausschliess-

lich; seit dem Culminationspunkt der antitalmudischen, kara-

itischen Bewegung ist eine Verschiebung zu Gunsten des

remen Neuhebräisch (der M i s c h n a spräche) und des Arabischen

bemerkbar, welche allmählich vorherrschend werden. Stil und

Satzbau smd bei den ersten Geonim ziemlich mangelhaft und

Einleitung.

7

der

Corruption und der Unsicherheit der Texte zu setzen, sowie

unentwickelt, doch ist dies zum Theil auf Rechnung

durch den Umstand zu erklären, dass die Responsen, soweit

sie einfache Entscheidungen betrafen (vermuthlich nicht soweit

sie wichtige Gegenstände ausführlich behandelten), von den

Secretären der Akademie redigirt und durch vielfache

Copisten im Laufe

der Zeit verstümmelt wurden.

In den

grösseren Schriften, sowie in den Antwortschreiben der be-

deutenderen Geonim herrschen ein vollständig entwickelter Satzbau und ein streng logischer Gedankengang. In den erst

zuletzt auftretenden metrischen und daher eine genaue Punktation

voraussetzenden Versen nehmen wir, vom Standpunkte unserer Kenntniss des Hebräischen, hin und wieder leichte Verstösse

gegen die Grammatik wahr, doch zeigt das nur, dass manche

Formen, die damals gebräuchlich waren, sich nicht endgiltig

festgesetzt haben; eine Erscheinung, die in der synagogalen Poesie wohl bekannt ist.

Wir können selbstverständlich in diesem Werke aus Mangel an Raum weder jeden Gaon berücksichtigen, noch zu um-

fassende Stücke aus den Schriften selbst der bedeutendsten

Geonim vorführen. Die folgende Zusammenstellung dürfte aber

im gegebenen Rahmen ein ziemlich vollständiges Bild von den

Hervorragenderen unter ihnen und einen ausreichenden Begriff

sowohl von der gesammten Responsen-Litteratur als von den

wichtigeren anderen Schriften jener Zeit bieten.

(Dr. A. Kaminka.)

I. Mar Rab Scheschna.

(Um 670-689.)

Mascherschaja bar Tachlifa, in volksthümlicher

Verkürzung seines Namens Scheschna genannt, war Gaon

zu Sura um 670689, unter den Chalifen Muawija I^ Jezld,

Merwan I. und dem Anfang der Regierung des Abd Elmalik

Sehr dürftig erhaltene Ueberreste seiner Responsen und rituellen

oder civilgesetzlichen Entscheidungen lassen durch die Ein- fachheit der behandelten Gegenstände vermuthen, dass der Talmud zu seiner Zeit noch nicht populär war. Von seinem Leben ist nichts Näheres bekannt. Bezeichnend für die Rechts-

verhältnisse unter der Herrschaft der Chalifen dürfte folgendes

Responsum sein, das übrigens eine gewisse Selbständigkeit der