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(Gotha est une ville de thuringe, partie du duché de Saxe-Cobourg-Gotha)

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e

p393:

Historische Bilder vom Boden des Separatismus.

III. Die verschiedenen separatistischen Strömungen unserer Zeit.

b) Darbysmus und Irvingianismus

… … …

puis page 412:

c) Die deutschen chiliastischen Secten

Während in den übrigen deutschen Vaterländern die bisher vorgeführten exotischen


Producte des modernen Chiliasmus vielfach importiert sind, ist dies in Württemberg verhältinißmäßig
am wenigstens der Fall. Freilich nicht, weil dort weniger Neigung zu solcher Gestaltung der
Frömmigkeit vorhanden wäre, sondern gerade weil diese Neigung bereits durch inländische Producte
zur Genüge befriedigt ist. Nirgendwo hat ja der heutige Separatismus sich in so vielen verschiedenen
Formen Bahn gebrochen als in Württemberg. Es veranlaßt uns dies, bevor wir einige der wichtigsten
dieser Formen etwas näher in’s Auge fassen, zu der Frage: Wie kommt es, daß gerade das schöne
Schwaben so reich an solchen Tendenzen ist?

Wir stehen nicht an, daß schöne Schwaben unter allen deutschen Gauen als besonders innig
religiös zu bezeichnen; aber wie in all‘ solchen Gegenden – man braucht sich nur an das Wupperthal ,
die Wetterau, mehrere schweizer Cantone zu erinnern – mischt sich Geistliches und Weltliches,
Reines und Trübes bunt durcheinander. Dabei ist nun gerade das zugleich energisch schaffende und
träumerisch sinnende schwäbische Naturell ganz darnach angetan, in einem bestimmten Kreise
Größes zu wirken, beschränkt sich aber meist so auf diesen Kreis, daß es für nichts Anderes Sinn

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hat und sich leicht in der einseitigsten Art abschließt *). – Diese allgemeine Eigentümlichkeit des
Naturells neigt nur schon vornherein auf religiösem Boden zu Gefühlsmäßiger, pietistisch gearteter
Frömmigkeit, und in der Tat hat sowohl der ältere wie der Neuere Pietismus seine Eigentümlichsten,
teilweise seine schönsten Blüten gerade in Württemberg entfalten. Es ist ja bekannt, wie man noch
vor wenigen Jahren drei wollständig gesonderte Parteien in den pietistischen Kreisen Württembergs
unterschied, die eigentlichen Pietisten, die Michelianer und die Pregizerianer. Und gerade die
innerlich wie äußerlich bedeutsamste dieser Parteien, die des Michael Hahn, hat die chiliastische
Erwartungen immer mit Vorliebe für apokalyptische Berechnungen mehr als das Vorbild der beiden
bedeutendsten Männer, die nicht bloß die württembergische, sondern die ganze deutsche
evangelische Kirche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aufzuweisen hatte, Bengel’s und
Oetinger’s. Und statt daß man nun den Verdiensten dieser Männer nacheisern, ihre erwiesenen
Schwächen aber vergessen sollte, scheint es, als wenn man gerade in unseren Tagen nur zu oft diese
apokalyptischen Träumereien für die Hauptsache bei ihnen hielte. Jedenfalls ist der Chiliastismus
aller möglichen Formen nirgends so sehr gäng und gäbe als in Württemberg.

Es kann nun hier nicht unsere Aufgabe sein, alle die einzelnen aus diesem Boden
erwachsenden Sectenbildungen im Detail zu verfolgen, umso mehr, wo gerade sie meist in weiteren
Kreisen bekannt sind. So die Eigentümlich organisierte Gemeinde Kornthal, die in manchem an das
anfängliche Herrnhut erinnert; so jene Auswanderungszüge, die um 1816 – kurz vor der Gründung
Kornthal’s – nach dem südliche Rußland gepilgert sind; so andererseits die schon seit dem Anfang
des Jahrhunderts nach America Ausgewanderten, die unter Rapp’s Führung nach der Apostel Weise
leben und die Zukunft des Herrn erwarten wollten. Gerade Rapp’s Charakter mit seinem
ehrenwerten sittlichen Ernst wie mit seinen Vorwürfen gegen die verderbte Kirche und seinem
Bestreben, lauter Erweckte zu sammeln, ist ein echter typus der besten Art des Separatis-

*) Es ist eine merkwürdige Tatsache, die erst später in ihrer volle Bedeutung gewürdigt werden wird, daß von
der berühmten Tübinger Schule nur die Schwaben ihrem großen Lehrer Baur in allen seinen Ideen gefolgt sind,
während andererseits seine bedeutendsten Gegner ihm in früheren Schülern, die aber eben nicht Schwaben
waren, erstanden. Und Charaktere wie Baur und Strauß auf der einen, Tobias Beck auf der anderen Seite sind
eben nur in Württemberg heimisch.

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-mus , gerade seine Gemeinde freilich auch wieder ein neuer Beleg für die Schutzlosigkeit jeder
separatistischen Tendenz vor directen Betrügern. Wie Rapp selbst dem berüchtigten Proli die Hälfte
des Gemeindevermögens auszahlen mußte, so verstand dieser es auch, die allgemeine Sehnsucht
nach einem sicheren Zion vor den Gefahren der zu erwartenden Zornschalen (ähnlich wie einst Eller)
zum Bau einer ganz von ihm beherrschten Stadt zu verwerten, um schließlich, nachdem er alles, was
er erlangen konnte, verschleudert, die betrogenen „Glaubigen“ im Stiche zu Lassen*).

Die bedeutsamste und originellste unter diesen württembergische Secten ist aber unstreitig
die Partei der „Süddeutschen Warte“ unter ihrem Führer Christoph Hoffman. Es genügt, um nur
halbwegs ihre Tendenz zu verstehen, nicht bloß die Beachtung der vorhin erwähnten religiösen
Eigentümlichkeit des schwäbischen Volkscharakters, sondern man darf auch die politische
Gestaltung Württembergs nicht vergessen um die merkwürdige Mischung religiösen und politischen
Prophetenthums, die uns diese Zeitung bietet, nicht gar zu unbegreiflich zu finden. Denn fester wie in
irgend einem anderen deutschen Grau haben ja in Württemberg die Stände ihre verbriesten Rechte
der Willkür des fürstlichen Absolutismus gegenüber zu wahren gewußt, wie in früheren
Jahrhunderten, so in der traurigen Zeit nach 1815, wo sonst überall die nationalen Hoffnungen zu
Grabe getragen wurden, Württemberg aber, durch Uhland’s mächtiges Dichterwort getragen, von
seinem alten Rechte nicht ließ. Und in solch festem deutschen Mannescharakter wurzelt natürlich
auch tiefer wie in den Sclaven flüchtiger vergnügungssucht die Sehnsucht nach der Einheit des
Gesammvaterlandes, die sich nun einmal nicht unterdrücken läßt, wie arge Schmähung sie sich auch
muß gefallen lassen. Das Streben mach einer einheitlichen deutschen Centralgewalt hat in
Württemberg zahlreiche und tüchtige Anhänger.

Unsere scheinbare Abschweisung wird verständlich, wenn wir jetzt nach solcher
Auseinandersetzung die Tendenz der „Süddeutschen Warte“ mit einem Wort nennen: Herstellung
einer deutschen Centralgewalt, damit diese Colonien im heiligen Lande gründe und den deut-
*) Interessante Einzelheiten sowohl über Rapp’s eigene Colonie Economy (am Ohio) als über das unweit davon
gelegene Neu-Jerusalem Proli’s verbauke ich den Mittheilungen eines Freundes, der kurz nach der Katastrophe
in 1831 beide Gemeinden besuchte.

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schen Tempel in Jerusalem baue. Denn um eine solche Combination nicht – wie es natürlich
gewöhnliche geschieht – von vornherein zu verlachen, war es nötig, den Boden, aus dem sie
erwächst, näher in’s Auge zu fassen; so läßt sich das Ganze wenigstens in etwas begreifen. Daß der
Grundgedanke der Hoffmann’schen Partei eben kein anderer als die Deutung der Apokalypse auf
unsere Zeit, d. h. der Chilianismus, ist, tritt in jeder Nummer dieser Zeischrift zu Tage. Ich erinnere
mich unter Anderem eines Aufsätzes (ou Auffäße): „Wie viel Uhr ist es auf der Uhr Gottes?“ (1861,
Nr. 48), worin es heißt: „Ob die siebente Posaune schon großenteils erfüllt und nur noch das Ende
derselben zukünftig ist, oder ob sie noch ganz zukünftig, aber in der nächsten Zukunft in raschen
Verlauf zu erwarten ist und die vergangenen und gegenwärtigen Erfüllungen derselben nur große
und wichtige „Vorspiele“ sind, das wird der Fortgang der Ereignisse bald entscheiden.“ Wir brauchen
da gewiß nichts zur Erklärung inzuzufügen.

Von dieser Voraussetzung aus zu müssen sich nun alle politischen Ereignisse die
Eigentümlichste Deutung gefallen lassen; die „Blicke in die Weltlage“ führen von tausend Tatsachen,
die nicht passen würden, einzelne an, die scheinbar dieses System beweisen, gerade wie man für
solche abergläubische Vorstellungen, als sich z. B. an das gemeinsame Essen von dreizehn Personen
knüpfen, einzelne zutreffende Fälle anführt, die Hunderte von nicht zutreffenden aber wohlweislich
verschweigt.

Von wirklichem Belang dagegen, diesen Phantasiegebilden gegenüber, ist in der


„Süddeutschen Warte“ die Schilderung der württembergischen Kirchenverhältnisse, besonders des
württemberger Pietismus. Dieselbe ist zwar im höchsten Grade ungerecht (ou angerecht), weil durch
den Gegensatz verbittert, aber es findet sich doch manche wahre und treffende Bemerkung, für die
man nicht blind sein darf und auf die man sonst nicht leicht kommen würde. Die separatistische
Feindschaft freilich gegen alles kirchliche und besonders die „Kirchenlichter“ ist so groß, daß hier
gerade Männer, die man sonst als sehr strenggläubig zu betrachten pflegt, wie ein Kapff und
Auberlin, des Unglaubens geziehen werden. Und die Sünden des Pietismus werden ebenso
schonungslos bloßgelegt.

Wenn man nur fragt, wie sich diese Tendenz allmählich bis zu ihrer heutigen Gestaltung
entwickelt hat, so darf man zwar außer den allgemeinen oben geschilderten Verhältnissen nicht
vergessen, daß Hoffmann von der bereits separierten Gemeinde Kornthal ausgegangen, also von

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vornherein im Gegensatz gegen die Kirche aufgewachsen ist; man darf ferner manche eigene
Redensarten, wie die; daß die alte Predigt vom Kreuze sich als fruchtlos erweisen habe, daß es jetzt
auf Taten ankomme, und den darin hervortretenden Drang, ungeduldig über den gewöhnlichen Lauf
der Dinge, in Gottes Vorsehung einzugreifen, nicht übersehen; aber man hat darum noch keine
Ursache, zu leugnen, daß ein redliches, ernstes Streben zu Grunde liegt, sowohl bei dem Führer als
bei seinen Anhängern. Aber ebenso wenig ist zu verkennen, daß jener von seiner Tendenz so
fortgerissen und in seine eigene Weisheit so verrannt ist, daß er nicht mehr die nöthige Nüchternheit
des Urteils und vor Allem keinen Objectiven Maßstab für berechtigte Einwendungen mehr besitzt.
Und die Anhänger sind mehr durch die Kräftige Persönlichkeit Hoffmann’s, sein Talent, seinen Ernst,
seine Energie überwältigt als durch gereiste Aufschauung und Ueberlegung gewonnen, die ja
überhaupt da nicht möglich ist, wo man von vornherein alle wirkliche Wissenschaft perhorrescirt. So
ist es denn dahin gekommen, daß diese Secte über ihren vermeintlichen Offenbarungen den
geschichtlichen Boden und Zusammenhang der alttestamentlichen Weissagung ganz verloren hat
und daß sie bei der phantastisch unklaren Absicht, einen äußeren Tempel zu bauen, die einfache
Wahrheit vergißt, daß vielmehr ein jedes Menschenherz sich im Verborgenen zum Tempel Gottes,
zum geistlichen Zion aufbauen soll. Solche Fehlgriffe sind darum aber nicht dieser einzelnen Partei
zur Last zu gehen, da sie vielmehr in der ganzen pietistischen Luft liegen. Wenn die „Süddeutsche
Warte“ die Consequenzen des Chiliasmus klarer wie andere Vertreter derselben Richtung zu Tage
treten läßt, so ist sie darum nicht schlechter als diese, die oft zu feig (ou seig) sind, um offen die
Consequenzen ihrer Ideen zu vertreten. Und der Überzeugungsmuth wie die Tatkraft, die dieser
kleinen Partei eignen, stellen sie viel höher als so viele Andere, die ohne irgend welche feste
Principien sich vom Strome hin und her treiben lassen und gar nicht zu sagen vermöchten, was sie
eigentlich wollen. – Umso offener haben wir diese guten Seiten der hoffmannianer anzuerkennen,
weil wir in ihren Augen natürlich stets verstockte Ungläubige sein werden; denn gerade ihre
Verurteilungssucht mahnt umso ernster an des Heilandes Wort: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht
gerichtet werdet.“

Ein anderes jedoch ist unser Urteil über die Personen und über die Beweggründe ihres
Handelns, eine anderes über die Tendenz selbst und deren praktische Folge für Andere. Die ist aber
hier – ganz abgesehen

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von der feindlichen Stellung zur Kirche - , daß man fromme, aber der näheren Verhältnisse unkündige
Leute zur Uebersiedelung nach Jerusalem beredet. Und das können wir bei der gegenwärtigen
Sachlage unmöglich anders denn als unverantwortliche Verführung bezeichnen. Vielleicht mag das
prophetische Pathos in Jerusalem andere Dinge sehen als unsere blinde, unerleuchtete Vernunft;
aber wir konnten bei den Colonisten geringeren Standes, denen keine bedeutenden Mittel zu Gebote
stehen, nur Jammer und Glend entdecken. Wir sahen beständige, immer neu wiederkehrende
Fieberanfälle, wir sahen eine mit jedem mehr im Orient verbrachten Jahre zunehmende körperliche
und geistige Erschlaffung, und wir können nicht blind dafür sein, daß in der verpesteten, unkeuschen
Atmosphäre die zartesten Kinder tagtäglich Sachen sehen und – lernen, von denen sie besser
Zeitlebens keine Ahnung bekämen. Und es ist nicht unsere individuelle Ansicht, sondern die
Ueberzeugung aller competenten Männer, daß es Niemanden, den nicht sein Beruf nach Jerusalem
führt, zu raten ist, dorthin zu ziehen. Wohl wünschen auch wir eine Kräftigung der dortigen
evangelischen Gemeinde durch neuen Zuzug; aber Leute nach Jerusalem zu locken, deren göttlich
geordneter Beruf ein ganz anderer ist, können wir nur für eine schwere Sünde erklären. Mancher
nennt es natürlich ungläubige Verstocktheit, aber wir erlauben uns dennoch die Meinung, daß die
einfache Berufserfüllung (sei der Beruf, welcher er wolle) Gott viel angenehmer sein wird als alles
schwärmerische Grübeln über Daniel und Apokalypse; ja wir müßten gerade in Jerusalem
unwillkürlich an die Wahrheit des alten Sprichwortes: „Was deines Amts nicht ist, da daß deinen
Fürwiß“, und das noch energischere: „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten“, denken. Und wir wissen
zwar wohl, daß eine schiliastische „frömmigkeit“ solche äußerliche Dinge wie die klimatische
Einwirkung nicht beachtet, vielmehr allen natürlichen Zusammenhang des Weltlaufes zerstört und
vor Allem die organische Verbindung des leiblichen und geistigen Lebens nicht achtet, um dann
hinterher, wenn sie durch eigene Schuld im Elend ist, vom lieben Gott zur Hülfe seiner „frommen“
immer neue „Wunder“ zu verlangen. Aber wir stehen nicht an, eine solche Vorstellung vom Wunder
eine ebenso schlimme Verkennung des göttlichen Wesens zu nennen als die völlige Leugnung des
Wunderbegriffes bei manchen Vertretern der heutigen Naturwissenschaft.

Doch wir müssen, bevor wir von der „Süddeutschen Warte“ scheiben, noch kurz die äußeren
Resultate ihrer Bemühungen in Jerusalem selbst erwähnen. Es find wirklich von Kirchenhardthof
mehrere ein-

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sache Handwerksleute dorthin gesandt worden, mit dem bestimmten Auftrage, der bestehenden
Kirche zu opponieren; so viel wir aber hörten, haben sie in der dortigen Gemeinde kein Babel
gefunden und sich selbst an sie angeschlossen, sind deshalb von Kirchenhardthof aus excommunicirt.
Freilich mag sich in Jerusalem manche Verwandtschaft und Hinneigung zu den von Hoffmann
vertretenen Ideen – wenn auch nicht in ihrem gegenwärtigen Extrem – bei Einzelnen finden; die
ganze methodistische Luft Jerusalem’s bringt dies von selbst mit sich. Aber die Opposition gegen die
Kirche als solche findet doch keinen Beifall, und Aussicht auf Störung der Kirchenverhältnisse hat der
Separationismus nicht. Auch können wir nicht anders sagen, als daß die nach Jerusalem kommenden
Exemplare der Zeitschrift ebenso wie die meißten der in Europa verbreiteten mehr aus Neugierde an
der eigenthürmlichen Bewegung ams aus Uebereinstimmung mit derselben gelesen werden. Im
Ganzen und Großen aber muß es sich erst noch zeigen, inwieweit der gesunde Kern in der Secte sich
von den ungefunden menschlichen Zutaten säubern wird, wenn sich ihre chiliastischen Träumerei als
solche erwiesen haben; bis jetzt geht Wahres und Falsches so trübe durcheinander, daß ein
abschließendes Urteil noch unmöglich ist.

Wenn nun aber die „Süddeutsche Warte“, obgleich ihre Anhänger in Württemberg nicht
unbedeutend sind, doch in Jerusalem keinen eigentlichen Einfluß gewonnen hat, so machte dagegen
ein einzelner Mann von ähnlicher Richtung dort um so größeres Aufsehen, aus dem einfachen
Grunde, weil er sich seit längerer Zeit selbst dort aufhält, um die von ihm geweissagte Katastrophe zu
erwarten. Es ist dies der vielleicht auch in einzelnen deutschen Kreisen bekannte Dr. Zimpel. Als ich
zuerst von ihm, einem nicht untüchtigen Arzt homöopathischer Schule, horte, dachte ich freilich
nicht, daß ich hernach Gelegenheit zu so genauer Kenntniß haben würde, als mir seitdem geboten
worden ist; aber ich hörte doch so merkwürdige Dinge von seinem Prophezeiungen, daß ich mir seine
verschiedenen Schriften zur Durchsicht verschaffte. Es sind gegen zwanzig und die meisten recht
umfangreich. 1) „Neue örtliche, topographische Beleuchtung der heiligen Weltstadt Jerusalem.“
Stuttgart 1853. Es ist dies nichts weniger als eine wissenschaftliche Untersuchung, sondern eine
Zusammenstellung der sogenannten Offenbarungen der bekannten eksatischen Nonne Katharina
Emmerich über die letzten Leidenstage des Herrn, die aber nach des Verfassers Urteil ein- für allemal
die hundertjährigen gelehrten Streitigkeiten über die Identität der heiligen Orte beseitigen und
zugleich auf’s genaueste die verschiedenen Wege Christi während jener Tage angeben. Das Alles ist
natürlich zweifellose göttliche Offenbarung, und die Geschichte, die Tausende solcher Fälle kennt, wo
ein krankes Nervensystem Visionen hervorruft, die aber nie etwas Anderes als eigene Gedanke unter
fremder Form bieten, hat sich demütig vor den Mitteilungen dieser so mannichsach zu priesterlichen
Zwecken mißbrauchen Nonne zu beugen. 2) „Geschichte der Urschöpfung der Geister- und
Sinnenwelt und im Gefolge die Geschichte der Urpatriarchen von Adam bis Abraham, oder
Haushaltung Gottes, - kundgeben einem Mann, der an Jesum den Herrn lebendig glaubt, ihn aus der
Fülle seines Herzens liebt und ihn vor aller Welt als Gott den Herrn Himmels und der Erde bekennt.
Mit einem Vorwort versehen und zum Druck befördert.“ Auch dieses dicke Buch enthält, wie schon
der Titel sagt, unmittelbare göttliche Offenbarungen, und zwar an einen württemberger Pietisten; die
Vorrede führt hier wie in anderen Schriften Züge aus der Belehrungsgeschichte des Herausgebers
vor, die natürlich Modell für alle Anderen sein muß. Der Inhalt der Schrift ist in Keiner Weise originell,
sondern enthält denselben hochmütigen, unechten Mysticismus, den wir schon in vielen ähnlichen
Producten gefunden. 3) „Die Jugendgeschichte unseres Herrn Jesu Christi. Kundgeben durch einen
von ihm selbst dazu erwählten Knecht und Schreiber in dem Jahre 1843. Mit Vorwort versehen und
zum Druck befördert.“ 1852. Auch diese Schrift ist ein neuer Beleg dafür, wie der Hausgeber überall
solche vermeinten Propheten aufgesucht hat; der unsinnige Inhalt läßt sich noch am ehesten mit den
sogenannten apokryphischen Evangelien vergleichen. – 4) „Das Sonnenweib. Nebst einem Schüssel
zum richtigen Verständniß der Bibel und einer Gottesreichs-Tabelle, welche eine synoptische Tabelle
zur Offenbarung Sanct Johannis als integrierenden Teil umfaßt, und eine Gebetsformel als Anhang.“
Das sogenannte Sonnenweib ist wiederum eine verrückte amerikanische Prophetin, deren Anhänger
sich dem heillosesten Wahnglauben ergeben hatten; ihre Weissagung sind aber nicht, wie in den
vorher genannten Schriften, Enthüllung der Vergangenheit, sondern Offenbarung der Zukunft,
natürlich in der gröbsten chiliastischen Weise. Wen dieses Buch nicht vom Chiliasmus curirt, der mag
ein frommer Mann sein, aber auf vernünftiges Denken kann er keinen Anspruch mehr machen. – Als
weitere Proben für diese Weissagung genügen schon die Titel der anderen Schrifte: 5) „Welche Zeit
ist es? oder Erkennungs-zeichen für das Kommen des Herrn.“ 1858. 6) „Die elfte Stunde

Protest. Monatsbl. Juni 1864

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mit dem Antichrist, oder Entsiegelung von Daniel 11, mit Hereinziehung von Offenb. 13 und 17 und
einem Anhange, Skizzen über die Offenbarung Sanct Johannis enthaltend.“ 1859. 7) „Zeitgemäße
Volks-Erklärung der Offenbarung St. Johannis, mit zwei Anhängen.“ 1860. 8) „Die Osterfeier der
deutschen Glieder des heiligen Bundes als Teil der 144,000, oder der Gemeine von Philadelphia.
Derselbe beweist die Unrichtigkeit, die Geburt des Herrn Jesu im Winter anzunehmen, sowie
Feststellung von Ostern.“ 1860. 9) „Erschaffungsgrund der Menschen, oder das Buch Ruth in seinem
geistigen Sinne, als Erklärung von 3 Mos. 12 u. 15. Ein Festbüchlein für Neuvermählte.“ 1861. 10)
„Das Hohelied Salomonis, nach der Bibel und den sonstigen besten Quellen erklärt.“ 1861. – Es
würden diese Schriften genügen, um eine Vorstellung von den darin vertretenen Ansichten zu geben;
um aber das Bild vollständig zu machen, will ich auch noch die übrigen mir bekannten Schriften
vorführen, die den verschiedenen Inhalt haben, an Verschrobenheit des Styls aber einander alle
gleichen. Doch ich führe wieder die Titel an: 11) „Natur-gemäße und spirituelle Verhältnisse des
Mondes, mit einem Nachtrage über das magnetische Fluidum und einem Vorworte über den
eigentlichen Sinn von Matth. 24. 30 und den geistigen Frühling. Für Astronomen, Gelehrte und
wißbegieriges Publicum im Allgemeinen.“ 12) „Leitfaden für angehende Homöopathen.“ 13) „Christ
ist Alles.“ Dasselbe Schriften in französischer Übersetzung. 15) „Die Reibungs-Electricität, in
Verbindung mit Imponderabilien, als Heilmittel.“ 1858. 16) „Briefwechsel zwischen unserem Herrn
Jesu Christo und Abgarus, König von Edessa.“ 17) „Selbsthülfe für Jedermann durch Galvanismus und
Magneto-Electricität in den allermeisten sowohl acuten als chronischen Krankheiten; mit einem
Anhange, enthaltend eine Sammelung außerlesener Recepte von meistens sehr merkwürdigen
Geheimmitteln.“ 1861. 18) „Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde Laodicea“ (Col. 4, 16).

Es wird gewiß Jeder über diese eigentümlichen Producte erstaunt sein und nicht begreifen,
wie Jemand auf solche Gedanken kam; aber so auffällig sind sie in Wirklichkeit gar nicht. Wen und
Originell ist nichts davon; es giebt kaum eine Periode der Kirschengeschichte, die nicht ähnliche
Producte hervorgebracht hat, und wir haben ja schon merkwürdige Belege

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dafür gesehen, wie sich dieselben von Generation zu Generation forterben. Nichts destoweniger war
es mir sehr interessant, einen Vertreter solcher Ansichten persönliche kennen zu lernen, und ich
hoffe auch, in meiner Beurteilung seiner Person und seiner Tendenz unbefangen zu sein. Wenn man
zunächst fragt, welchen Eindruck seine Person auf mich gemacht, so kann ich nur erwidern, daß ich in
ihm einen streng ehrenhaften, redlichen, tatkräftigen Charakter, einen ehrwürdigen frommen Greis,
einen interessanten Erzähler und Gesellschafter gefunden. Von New-Orleans bis Warschau und
Pesth, von Edinburg bis nach Tunis, in Europa, Amerika, Afrika, Asien durch mannichfache Reisen
gleichbewandert, mit offenen Blick für alle menschlichen Verhältnisse, die sein System nicht
berühren, nicht minder als Arzt sehr tüchtig, so daß ihm selbst manche Anderen unmöglich
scheinende Eur gelungen, steht er im gewöhnlichen Leben durchaus achtungswert, als ein wirklicher
Christ da, ringt auch ernstlich mit den Fehlern seines heftigen Naturells, wenngleich dieselben bei
ihm wie bei Jedermann von Zeit zu Zeit zum Vorscheine kommen, wie ich ihn denn einmal in
Aufregung wie einen Türken fluchen hörte. Zugleich aber tritt Jedem, der mit ihm in Berührung
kommt, von vornherein die Eigenheit entgegen, daß er auf allen Gebieten des Lebens und Denkens
nur eine einzige Aufsicht für möglich hält, die seinige, und daß er diese durch alle Mittel, vor Allem
das sichtliche Streben, durch sein äußeres Auftreten zu imponieren, zu verbreiten sucht. Am
entschiedensten zeigt sich dies auf dem religiösen Gebiete, wie er denn ganz einfach den für einen
Feind Christi erklärt, der nicht mit ihm auf die Wiederkunft Christi und das tausendjährige Reich
harrt.

Es ligt nun in der Natur der Sache, daß Dr. Zimpel bei seiner ganzen Entwicklung und vor
Allem bei seinem jetzigen Alter fest von der Untrüglichkeit seiner Ideen überzeugt ist, und es wäre
Sünde, ihn für dieselben verantwortlich zu machen, da der Chiliasmus gegenwärtig so in der Luft liegt
wie noch nie. Vielmehr muß ich auch hier sagen, daß er, der küm(??) die Consequenzen jener
Tendenz zieht und vertritt, viel achtungswerter dasteht als Mancher, der ganz Aehnliches sinnt, aber
keine Consequenzen zu ziehen wagt und sich in beständigen Halbheiten bewegt. Aber freilich die
praktische Einwirkung solcher Ansichten muß ich unendlich gefährlicher und verderblicher erklären
als manche Erscheinungen von Rationalismus und Unglauben. Ich will dafür einige persönliche
Beispiele geben.

Als Dr. Zimpel vor einigen Jahren nach Jerusalem kam, erwartete

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und verkündite er mit der größten Bestimmtheit in wenigen Monaten den Anbruch der
vielbesprochenen Katastrophe; das ist nun nicht eingetroffen, nichtsdestoweniger aber orakel et
nach wie vor. So hörte ich ihn kurz hinter einander mit drei verschiedenen Leuten geringeren Standes
sprechen, denen geneüber er sich vollständig als Phrophet geberdete, indem er sie anrief: „kommen
Sie einmal her, ich muß Ihnen etwas sagen“, dann in schnellen kurzen Worten sein Orakel zum
Besten gab und sie darauf mit den Worten entließ: „So, jetzt können Sie gehen.“ Dem Ersten sagte
er, es sei auffällig, wie der Haß gegen Kirche Gottes immer mehr zunehme, es sei dies ersichtlich ein
Zeichen der letzten Zeit, aber man könne getrost sein, Christus habe die Welt überwunden. Den
Zweiten ermahnte et, daß er in dieser Zeit alle weltlichen Verhältnisse, zumal die Freundschaft,
zuruckstelle gegen das Reich Gottes. Dem Dritten verkündigte er, es seien jetzt sie letzten Tage
angebrochen, wo Verfolgung und Streit allerwärts losbrechen und der Vater gegen den Sohn, der
Sohn gegen den Vater sich erheben werde. Außerdem hörte ich noch einem langen Gespräche mit
einem so faulen, trägen Subjecte zu, wie ich Wenige kenne; statt aver den Kerl (der übrigens hernach
Katholisch geworden ist) zur Arbeit und Tüchtigkait zu ermahnen, führte er ihm, dem dies Plaubern
sehr wohl gefiel, weitläufig aus, wie es noch vier Jahre dauern werde, bis der Antichrist komme, und
dann werde vierelhalb Jahre später Christus selber erscheinen. Noch auffallender war es, wie er
einigen englischen Malern am Abende vor ihrer Abreise verkündigte, in kurzer Zeit, wahrscheinlich
noch vor Ende des Jahres (N.B. 1862), werde England in einem großen Weltkriege unterliegen und
seine Macht völlig einbüßen; auf deren Frafe, wie es dann dem englischen Königshaufe gehen werde,
erklärte er, das wisse er nicht, er könne bloß sagen, was er wisse, wiederholte aber nochmals, sie
würden an den Dr. Zimpel denken. Wie sehr ihm dieser Untergang Englands am Herzen liegt, merkte
ich bald darauf abermals, als er aus der einfachen Nachricht, daß in Folge des Zurücktretens Englands
von der mexikanischen Expedition sich einige französische Blätter feindlich gegen die Briten
ausgespochen hätten, allerlei Schlüsse zog, die sich eine Woche darauf als Unsinn erwiesen, was ihn
aber nicht hinderte, nach wie vor in der Façon der „S¨ddeutschen Warte“ zu politisieren. Es war mir
nun anfangs rätselhaft, was denn diese Niederlage Englands mit den Angelegenheiten des Reiches
Gottes zu tun habe; aber ich sollte bald darüber belehrt werden, indem er an einem Sonntagabende,
wo wir ein längeres Gespräch gepflogen

p423:

hatten, in dem er anfangs sehr vernünftige Ansichten aussprach, zum Schluß ersichtlich auf meine
„Belehrung“ ausging und mich mit einer höchst merkwürdigen Demonstration niederzuschlagen
vermeinte. Nachdem ich ihm nämlich in aller Ruhe ausgesprochen, daß ich freilich sagen zu dürfen
glaube, daß ich den Herrn Christum lieber habe als irgend etwas in der Welt und daß ich keinen
eifrigeren Wunsch kenne, als mit Gottes Hülfe sein Jünger zu sein und zu bleiben, daß ich aber nicht
nur nicht an die Wiederkunft Christi in unserer Zeit glaube, sondern überhaupt die chiliastischen
Ideen auf Grund der Bibel und Geschichte verwerfen müsse, - entwickelte er mir wörtlich folgenden
Logik: „Der Herr Christus muß nach der Weissagung zur Gründung des tausendjährigen Reiches in
Jerusalem erscheinen. Das kann aber nicht eher geschehen, als bis der Antichrist vorher gekommen
und den Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte aufgerichtet hat. Dazu ist es nötig, daß die Juden in
ihre Gesamtheit wieder nach Jerusalem kommen, den Tempel neu bauen und ihre Opfer verrichten,
weil erst dann jener Greuel der Verwüstung eintreten kann. Dies kann natürlich nicht eher
geschehen, als bis die Türkei auseinandergefallen und Palästina frei geworden ist, und da nun nur
England die Türkei hält, so muß folglich nach Gottes Rathschluß England zu Grunde gehen, und des
ist in näher Zeit zu erwarten. „ Als ich mir darauf die Bemerhung erlaubte, das wollten wir doch
feierlichster Weise, ich würde mich bald des Dr. Zimpel errinern, und gab zugleich deutlich zu
serstehen, daß er von Gott ausersehen zu sein glaube, jene Zeit selbst zu erleben. Er wartet denn
auch in der Tat noch bis heute auf das Eintreten seiner Weissagungen.

d. Stellung der Kirche zum Separatismus.

Wir brechen ab. Wohl ist es uns klar bewußt, wie die von uns zusammengestellten „Bilder“
nur Bruchstücke aus einem großen Ganzen sind; … … …

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Page 412 : … … …

c) Les sectes chiliastiques allemandes

Tandis que dans les autres patries allemandes, les produits exotiques du chiliasme moderne,
qui ont déjà été présentés ci-dessus, sont souvent importés, c'est moins le cas dans le Wurtemberg.
Bien sûr non pas que là il y ait moins de tendance à de telles formes de piété, mais justement parce
que cette tendance est déjà suffisamment satisfaite par les produits nationaux/intérieurs. Nulle part
le séparatisme d'aujourd'hui ne s'est réfracté en autant de différentes formes que dans le
Wurtemberg. Cela nous amène, avant d’examiner de plus près les plus importantes de ces formes, à
nous poser la question : Comment se fait-il que justement le beau pays Souabe soit si riche de telles
tendances?

….

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