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Vorgelegt an der Ruhr-Universität Bochum

Sektion für Sozialpsychologie und -anthropologie

Die Institutionenlehre von Arnold Gehlen:


Anthropologische Fundierung eines soziologischen
Konzepts

Sozialanthropologie III: Philosophische Anthropologie


Frau Sina Farzin, M.A.

eingereicht von:
Anna-Maria Müller
Matrikelnr.: 108003202603
4. Fachsemester
Sozialpsychologie/ -anthropologie B. A.
Hattinger Str. 186
44795 Bochum
email@annamariamueller.de
31. August 2005
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort 4

2 Der Mensch als biologisches Wesen 6


2.1 Sonderstellung des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.1.1 Primitivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.1.2 Weltoffenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2.1.3 Instinktreduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2.1.4 Antriebsüberschuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.1.5 Handeln und Umwelt des Menschen . . . . . . . . . . . . 8
2.2 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

3 Institutionen — Entlastung, Feststellung, Zweckmäßigkeit 11


3.1 Handlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
3.2 Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
3.3 Entlastung und (individuelle) Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . 14

4 Kritische Bewertung Gehlens und Ausblick 18

5 Fazit 21

6 Literatur 23
Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
und eingereicht.
1 Vorwort
In Zeiten, in denen der Ruf nach verläßlich arbeitenden (staatlichen) Institu-
tionen immer lauter wird, in denen sich die Aufgabenverteilung zwischen Staat
und Bürgern neu organisiert und sich ein Trend weg vom Wohlfahrtsstaat hin
zu mehr Eigenverantwortung der Menschen abzeichnet, in diesen Zeiten liegt
es nahe, sich mit den Elementen einer Gesellschaft zu befassen, die Stabilität
garantieren (sollen). Auch vor dem theoretischen Hintergrund der – erkennba-
ren aber selten dargelegten – Nähe der Systemtheorie Luhmanns zu Gehlens
Gedankengang, erscheint eine intensivere Beschäftigung mit der Gehlenschen
Institutionenlehre sinnvoll.
Arnold Gehlen (1904 – 1976) war – neben Helmut Plessner und
Max Scheler – einer der großen Denker in der Tradition der Philosophischen
Anthropologie. Diese für den deutschen Sprachraum spezifische Strömung der
Philosophie, die sich als eine integrativ arbeitende Humanwissenschaft ver-
steht, will interdisziplinär sowohl naturwissenschaftlich empirische als auch
philosophische Erkenntnisse zum Menschen berücksichtigen.
Angesichts des großen Umfangs von Gehlens Lebenswerk scheint ein Hin-
weis auf die verwendete Zitiertechnik angebracht: Da Gehlen viele seiner
Theorie- und Gedankengebäude nicht nur in seinen umfangreichen Hauptwer-
ken beispielreich und detailliert entwickelt, sondern auch in zahlreichen Essays,
Aufsätzen und Anthologien pointiert vorgestellt hat, werden Aussagen und Be-
lege zu einzelnen Teilaspekten seiner Theoriebildung in verschiedenen Werken
zu finden sein. Nur an ausgewählten Stellen werden mehrere Verweise angege-
ben, wenn möglich wird nur ein Beleg genannt. Des weiteren sind alle in den
Zitaten getroffenen Hervorhebungen, soweit nicht anders vermerkt, aus dem
jeweiligen Originaltext übernommen.
In dieser Arbeit soll Gehlens Argumentation zu den Institutionen nach-
gezeichnet und so ein Beitrag zum Verständnis geleistet werden. Es wird dar-
gestellt, warum der Mensch auf Institutionen angewiesen ist, was sie (nicht)
leisten können und inwiefern sie – trotz Komplexitätsreduktion durch Ver-
minderung von Handlungsoptionen – einer Vielzahl von neuen Motivationen
Raum geben können. Im Fazit werden Gehlens Erkenntnisse in Bezug zur
Gegenwart gesetzt und ein kritischer Ausblick versucht Anknüpfungspunkte
zukünftig notwendiger Theoriebildung aufzuzeigen.
Arnold Gehlens Erkenntnisse bedürfen kritischer Durchdringung – eine
„Gesamtlehre“ scheint aufgrund der Differenzierung gesellschaftlicher Vorgän-
ge und Prozesse unmöglich. Der gesellschaftlichen Entwicklung entsprechend
müssen sich Inhalte und Aufgaben von Institutionen anpassen. Dass dies im-

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
und eingereicht.
mer erneut die Aufhebung von Widersprüchen erfordert, ist Teil der fortschrei-
tenden gesellschaftlichen Gesamtentwicklung, der sich darüber hinaus in der
Theoriebildung niederschlägt und nicht als Mangel aufgefasst werden muss.

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
und eingereicht.
2 Der Mensch als biologisches Wesen
Gehlen setzt mit seiner Argumentation zum Menschen nicht etwa beim Leib-
Seele-Dualismus an1 , der seit Descartes die Philosophen und auch Anato-
men beschäftigt. Vielmehr stellt Gehlen – im Rückgriff auf Herders Män-
gelwesentheorie2 (Herder (1772)) – den Menschen erst von der Natur aus
durch Mängel gekennzeichnet dar, um dann die notwendige Angewiesenheit
auf das Handeln und die Kultur sowie auf instinktanaloge Führungssysteme,
die Institutionen, abzuleiten. Diese Fähigkeiten und Einrichtungen fangen den
Menschen auf und machen ihn – das Mängelwesen – überlebensfähig. Es sind
kompensatorische Leistungen, die die im Folgenden beschriebene mangelhafte
Ausstattung des Menschen so umorganisieren, dass ihm ein Überleben in (fast)
jeder Umwelt möglich ist.

2.1 Sonderstellung des Menschen


Wie schon Herder referiert Gehlen einige in ihrer Kombination im Tierreich
ohne weiteres Beispiel existierende Eigenschaften des Menschen, die ihn zu
einer Ausnahmeerscheinung der Fauna machen.
Der Mensch ist ‘organisch mittellos’ (Gehlen (1965a), S. 46), d.h. besitzt
keinerlei natürliche Waffen, Schutz- oder Angriffsorgane (Gehlen (1971), Vgl.
33). Der unsichere Gang auf zwei Beinen bietet nicht die optimale Ausrüstung
zur Flucht (Gehlen (1971), Vgl. 31f.). Der Mensch trägt kein Haarkleid, noch
ist er durch andere Anpassungen vor der Witterung geschützt (Gehlen (1971),
Vgl. 33).
Die Sinne des Menschen sind unspezialisiert – seine körperliche Ausstattung
lässt ihn in keine ökologische Nische passen, er ist der natürlichen Umwelt aus-
geliefert und passt gerade deshalb als Kulturwesen in jede natürliche Umwelt
((Gehlen (1965b), Vgl. 17f.) und (Gehlen (1965a), Vgl. 47f.)).

2.1.1 Primitivität

Gehlen führt unter diesem Stichwort organische Besonderheiten auf, die dem
Menschen immanent sind, allerdings „[. . . ] entwicklungsgeschichtlich alt sein
müssen, daß sie nur als Ausgangspunkte von Spezialisierungen verständlich
sind, [. . . ]“ (Gehlen (1965a), S. 46). Des weiteren seien am Menschen Eigen-
heiten festzustellen, die sich (nach Bolk (1926)) „[. . . ] als fixierte, dauerhaft
gewordene Foetalzustände [. . . ]“ (Gehlen (1965a), S. 47) begreifen lassen.
1
– bezeichnet diesen gar als „[. . . ] ein populäres Vorurteil [. . . ]“ Gehlen (1965a), S. 44 –
2
Den Begriff „Mängelwesen“ hat Herder übrigens nie explizit gebraucht. (Thies (2000),
Vgl. 162, Anmerkung 22 und Herder (1772))

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Mit diesem, durch Bolk (1926), so bezeichneten „embryonalen Habitus“
ließen sich gleichfalls die lange Entwicklungszeit bis zur Geschlechtsreife, sowie
die Hilfsbedürftigkeit im Kleinkindalter erklären, so Gehlen. Das herrschende
Prinzip in der menschlichen Entwicklung sei also das der Retardation 3 .

4
2.1.2 Weltoffenheit

Der Mensch ist – im Gegensatz zum Tier – nicht in einem instinktgesteuer-


ten Reiz-Reaktions-Schema ‘gefangen’, d. h. u. a. dass ihm eine angeborene
Selektionsinstanz für Umweltreize fehlt. Da der Mensch morphologisch unspe-
zialisiert erscheint, ist er nicht an eine spezielle natürliche Umwelt gebunden
– ihm ist keine ökologische Nische zugewiesen, die seinen Lebens(spiel)raum
begrenzt.5,6

„Der Mensch ist weltoffen heißt: er entbehrt der tierischen Einpassung


in ein Ausschnitt-Milieu. Die ungemeine Reiz- und Eindrucksoffenheit
gegenüber Wahrnehmungen, die keine angeborene Signalfunktion haben,
stellt zweifellos eine erhebliche Belastung dar, die in sehr besonderen Ak-
ten bewältigt werden muß. Die physische Unspezialisiertheit des Men-
schen, seine organische Mittellosigkeit sowie der erstaunliche Mangel an
echten Instinkten bilden also unter sich einen Zusammenhang, zu dem
die ‘Weltoffenheit’ (M. Scheler) oder, was dasselbe ist, die Umweltent-
hebung, den Gegenbegriff bilden.“ (Gehlen (1971), S. 35)

2.1.3 Instinktreduktion

Der Mensch als Mängelwesen ist einerseits bestimmt durch seine physische
Mangelausstattung, andererseits durch das Fehlen angeborener instinktiver
Verhaltensmuster. Die Instinktarmut determiniert den Menschen und steht
so in engem Zusammenhang mit seiner Unspezialisiertheit und seiner Weltof-
fenheit:

„Und sofern Instinkte ja nur dann von höherer Zweckmäßigkeit sein


können, wenn sie von vornherein auf sehr bestimmte, angepaßte Um-
weltreize ansprechen, so kann auch in dieser Hinsicht der Mensch kein

3
In Gehlen (1965a), S. 47 heißt es dazu: „eben ein ’Festhalten’ entwicklungsgeschichtlich
alter oder individualgenetisch früher, jugendlicher bzw. embryonaler Merkmale.“
4
Gehlen greift hier auf die Begrifflichkeit von M. Scheler zurück und führt diese weiter.
Dargestellt ist der Begriff, der an dieser Stelle nicht eingehender betrachtet werden soll,
in Scheler (1928).
5
„Wenn nun der Mensch Welt hat, nämlich eine deutliche Nichteingegrenztheit des Wahr-
nehmbaren auf die Bedingungen des biologischen Sichhaltens, so bedeutet dies zunächst
eine negative Tatsache.“ (Gehlen (1971), S. 35)
6
Gehlen gibt auch Vorzüge an, die dem Menschen durch seine organisch mangelhafte
Ausstattung entstehen (Gehlen (1971), Vgl. 44). und so der Mängelwesen-These die
allein morphologische Begründung entziehen (Thies (2000), Vgl. 49).

6
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Instinktwesen sein, denn in seiner Lebenssituation garantiert nichts, daß


er diesen Signalen überhaupt begegnet [. . . ] “ (Gehlen (1965a), S. 53)

Da uns angeborene Verhaltensmuster fehlen, muss dieser Mangel, nach


Gehlen, durch soziale Regulative – die Institutionen – kompensiert werden.
Diese entlasten den Menschen von immer neuer, individueller Findung von
Handlungsoptionen und der immer aktuellen Entscheidung für eine Handlungs-
möglichkeit.

2.1.4 Antriebsüberschuss

Mit seiner Triebtheorie greift Gehlen auf Sigmund Freud (1920, 1930) und
dessen Kategorie des Antriebsüberschusses zurück. Der Antriebsüberschuss
macht das Mängelwesen Mensch erst überlebensfähig, da nur durch ihn Weltof-
fenheit und Instinktreduktion überbrückt werden. Die Zukunftsfähigkeit des
Menschen wird gewährleistet, indem auch Verhaltensweisen mit Energiepoten-
tial gespeist werden, die über die momentane Bedürfnisbefriedigung hinaus
gehen. „Die überschießende Energie treibt uns über das Selbsterhaltungsziel
hinaus.“ (Thies (2000), S. 86) Dieses, an einen Triebüberschuss gekoppelte, im
Vergleich zum Tier übergroße, geradezu verschwenderische Energiequantum
steht einem „Hemmbedürfnis“ (Gehlen (1965a), S. 54) gegenüber. Die dau-
ernde Konfrontation mit einem inneren Antriebsüberschuss übt einen „For-
mierungszwang“ (Gehlen (1971), S. 361) dauerhafte Hemmungen zu installie-
ren aus, um das ins Zerstörerische Umschlagen des überschüssigen Energiepo-
tentials zu vermeiden. Diese stetige Bändigung des Energiepotentials und die
Verunmöglichung eines Umschlagens in Destruktivität werden zum Bedürfnis
(Gehlen (1971), Vgl. 360f.).

2.1.5 Handeln und Umwelt des Menschen

Trotz seiner mangelhaften körperlichen Ausstattung konnte der Mensch sich


auf der gesamten Erde verbreiten und lebt auch in unwirtlichsten Lebensräu-
men. Er machte sich die Erde also untertan (Gehlen (1965a), Vgl. 47)7 .

„Und zwar lebt er als ‘Kulturwesen’, d. h. von den Resultaten seiner


voraussehenden, geplanten und gemeinsamen Tätigkeit, die ihm erlaubt,
aus sehr beliebigen Konstellationen von Naturbedingungen durch deren
voraussehende und tätige Veränderung sich Techniken und Mittel seiner
Existenz zurechtzumachen. Man kann daher die ‘Kultursphäre’ jeweils

7
Dass dies keine ganz neue Vorstellung davon ist, wie der Mensch im Wesentlichen zur
Kultur kam, respektive zum Beherrscher der Natur wurde, zeigt u. a. ein Blick ins Buch
der Bücher : 1. Mose, 1.28 (Deutsche Bibelgesellschaft (1999)).

7
Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
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den Inbegriff tätig veränderter urwüchsiger Bedingungen nennen, inner-
halb deren der Mensch allein lebt und leben kann.“ (Gehlen (1965a),
S. 47)

Gehlen betont immer wieder die Aufeinanderbezogenheit von physischer


Mittellosigkeit des Menschen auf der einen, und seiner kulturschaffenden Tä-
tigkeit auf der anderen Seite. Diese Fähigkeit ist es nämlich, die dem Menschen
relativ unabhängig von seiner natürlichen Umwelt das Überleben ermöglicht.
Er ist so quasi ein Spezialist in seiner Unspezialisiertheit8 . Der Mensch kann
jede Umwelt tätig verändern, auf ihre spezifischen Merkmale eingehen, ohne
dabei auf die konkrete Umwelt selbst spezialisiert zu sein.

„[. . . ] und so muss er [der Mensch, d. Verf.] sich eine zweite Natur, eine
künstlich bearbeitete und passend gemachte Ersatzwelt, die seiner ver-
sagenden organischen Ausstattung entgegenkommt, erst schaffen, und
er tut dies überall, wo wir ihn sehen. [. . . ] Man kann auch sagen, daß er
biologisch zur Naturbeherrschung gezwungen ist.“ (Gehlen (1965a), S.
48)

Da der Mensch also auf Handlung, d. h. planendes Verändern seiner Um-


gebung und Transformieren dieser in eine lebensdienliche Kultursphäre, an-
gewiesen ist, kann man vom Zwang zum bewussten Handeln (Kulturschaffen,
usw.) sprechen.

„Sein intelligentes Handeln ist in erster Linie konstruktive Verände-


rung der Außenwelt aus barer organischer Bedürftigkeit“ (Gehlen (1965c),
S. 69)

Diese Argumentation, betont Gehlen, vermeide zudem konsequent das


Verfallen in einen Dualismus. Eine Trennung, Konkurrenz oder – populär for-
muliert – eine Henne-Ei-Problematik von Leib/Körper und Seele/Bewusstsein
sei hier gar nicht angelegt, da das Überleben auf physischer Ebene mit seiner
mangelhaften organischen Ausstattung nur durch die Fähigkeit zum bewuss-
ten Behandeln seiner Umwelt garantiert werde (Gehlen (1965a), Vgl. 49). So
stellt Gehlen das Handeln als spezifische menschliche Eigenschaft dar. Das
Handeln wird zu einer Kategorie, in der Wahrnehmung, Erkennen, Überlegung
und Aktion (z. B. Bewegung) verbunden sind.9 Außerdem löst das vorausge-
plante Handeln den Menschen aus seinem Gegenwartsbezug, aus seinem Hier
und Jetzt. Der Mensch ist in seinem Handeln zukunftsfähig.
Das Fehlen eines (instinktgesteuerten) Wahrnehmungsapparates, der einen
überschaubaren Umweltausschnitt bietet, Wahrnehmung also selektiert und
8
Konrad Lorenz nannte es: „Spezialist auf Nichtspezialisiertsein.“. (Lorenz (1965), S.
177, 231ff.)
9
Nicht näher gehe ich darauf ein, dass Gehlen das Denken schon als eine Handlungsform
(„Aktion“) betrachtet, dessen Resultat die Erkenntnis ist (Gehlen (1971), Vgl. 275f.).

8
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und eingereicht.

Umwelteindrücke begrenzt, gibt den Menschen einer Reizüberflutung preis,


die bewältigt werden muss. Dies ermöglicht u. a. die frühkindliche Phase, so
Gehlen, in der die Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – begriffen wird. Das
Resultat unserer Wahrnehmung und die Eigentätigkeit an unserer Welt fallen
zusammen. Das Ertasten der Welt vermittelt Einzelheiten, die Betonung des
Gesichtssinnes beim Menschen komplettiert unser Bild von der „übersehenen
Welt“ (Gehlen (1965a), S. 49). So konstituieren sich – begleitet von Lernprozes-
sen – unser Weltbild und die Vorstellung von den Dingen. Die Gegenstände der
Umwelt werden zu Repräsentanten „[. . . ] hochsymbolischer Bedeutung [. . . ] “
(Gehlen (1965a), S. 50), die dem Menschen Orientierung in der Welt an die
Hand geben (Gehlen (1965a), Vgl. 49f.)10 .

2.2 Zusammenfassung
Der Mensch ist in einer natürlichen Umwelt nicht lebensfähig. Ungeschützt in
die Natur hineingeboren wäre er dem Naturgeschehen ausgesetzt. Der Mensch
kann nicht bloß existieren – er muss sein Leben führen (Gehlen (1971), Vgl.
165).
Die Sonderstellung des Menschen kann, mit Blick auf die weiteren Ausfüh-
rungen, in folgenden Stichworten zusammengefasst werden:11

1. Primitivität – organische Mittellosigkeit und somit


2. Unspezialisiertheit auf bestimmte Lebensräume.
3. Weltoffenheit, die im Wesentlichen einer
4. Instinktarmut geschuldet ist.
5. Antriebsüberschuss, der ein Energiepotential bereitstellt, dass weit über
die augenblicksgebundene Befriedigung von Bedürfnissen hinaus geht.

Daraus ergibt sich zum einen eine Notwendigkeit zum

• Handeln, d. h. zur tätigen Veränderung der Umwelt bis zur Lebensdien-


lichkeit durch den Menschen, sowie zur

• Entlastung von einer Überforderung des Menschen durch äußere Reiz-


überflutung.
Wie Gehlen umfassend darlegt, ist der Mensch, um existenzfähig zu sein, auf
die Umschaffung seiner Umwelt angewiesen. Sein handelndes Wesen bietet die
Grundlage dafür.
10
Sowie in Gehlen (1971), S. 39.
11
Dass einige, teilweise auch zentrale Kategorien Gehlens, wie z.B. der Mensch als Zucht-
wesen, die Tier-Mensch-Gegenüberstellung, Überlegungen zur Sprache, Kritik einzelner
Prämissen oder die genauere Auseinandersetzung mit den biologischen Ausgangstheorien
u. v. a. hier nicht berücksichtigt werden, ist allein dem Umfang der Arbeit geschuldet und
soll nicht etwa ein kritikloses Hinnehmen der Gehlenschen Argumentation provozieren.

9
Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
und eingereicht.
„Der Inbegriff der von ihm [dem Menschen, d. Verf.] ins Lebensdien-
liche umgearbeiteten Natur heißt Kultur und die Kulturwelt ist die
menschliche Welt.“ (Gehlen (1971), S. 38)

Obgleich die Institutionenlehre noch nicht vorgestellt wurde, kann hier


schon die große Gefahr abgeschätzt werden, die Gehlen im brüchig werden
von Institutionen sieht. Werden diese restriktiven instinktanalogen Führungs-
systeme (Honneth/Joas (1980), S. 61) abgebaut und so ihrer Halt gebenden
Wirkung beraubt, können Kollektiv- wie Individualhandeln nicht mehr ab-
geschätzt werden. Eine Vielzahl nicht-intendierter destruktiver Nebenfolgen
käme auf die Gesellschaft zu, die – ohne Möglichkeit zum Rückgriff auf altbe-
währte Strukturen – nicht in der Lage wäre, diese zu bewältigen.
Hier ist schon der weitere Gang der Argumentation erkennbar, die im nächs-
ten Kapitel zu den Institutionen nachgezeichnet werden soll.

3 Institutionen — Entlastung, Feststellung,


Zweckmäßigkeit
Hatten in den ersten drei Ausgaben von „Der Mensch“ (Gehlen (1971)) noch
„[o]berste Führungssysteme“ (Gehlen (1971), S. 382)12 als soziales Pendant der
zu ersetzenden angeborenen Verhaltensmuster für „das noch nicht festgestellte
Tier“ (Nietzsche) (Gehlen (1971), S. 10), den Menschen, gegolten, wird mit
der vierten Ausgabe ein völlig neuer Theorieansatz entwickelt: Gehlen er-
läutert seine Institutionenlehre. Institutionen entlasten den Menschen, sind
einerseits „Formen der Bewältigung lebenswichtiger Aufgaben und Umstän-
de“, aber andererseits erscheinen sie ferner als die „stabilisierenden Gewalten“
(Gehlen (1969), S. 97).

3.1 Handlung
Gehlen betont immer wieder, dass Institutionen zwar Steuerungsmechanis-
men menschlichen Verhaltens darstellen, ihre Entstehung aber niemals einer
rationale Zweckbestimmung (durch den Menschen) folgt (Gehlen (1971), S.
392ff.).13
Diese nicht-biologistische Argumentationsweise, in der sich lediglich „objek-
tiv sekundäre Zweckmäßigkeiten“ (Gehlen (1971), S. 398, Herv. durch d. Verf.)
rückwirkend durch Institutionalisierung von Handlungsmustern stabilisieren
12
Diesen Ansatz bezeichnet Gehlen in der bearbeiteten Auflage als „zu eng [. . . ]“
(Gehlen (1971), S. 382). Damit distanzierte er sich zugleich öffentlich endgültig von
seiner durchaus systemstützenden Rolle, die er als frühzeitiges NSDAP-Mitglied ausübte.
13
Sowie u. a. in Gehlen (1963), S. 222 und in Gehlen (1969), S. 95.

10
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und eingereicht.
(Gehlen (1971), S. 399), ist Gehlen in seiner Theoriebildung besonders wich-
tig. Während in der Biologie – im Prinzip – der Bau der Funktion folgt, kann
man dies auf soziologisch-anthropologischer Ebene laut Gehlen nicht beob-
achten (Gehlen (1963), Vgl. 220). Die dauerhaft formgebende Instanz für
die Handlung, die Institution, sei kein Resultat einer intendierten Funktiona-
lität, d. h. einer „primären subjektiven Zweckmäßigkeit“ (Gehlen (1971), S.
392). In seinem Werk „Der Mensch“ (Gehlen (1971)) erläutert Gehlen die
Stabilisierung eines Handlungssystems und die Entstehung von Institutionen
exemplarisch am Phänomen des Totemismus’.
Der Totemismus dient ihm als Beispiel zur Herleitung der Entstehung von
ersten Institutionen, da dieser „[. . . ] eine der wenigen Kulturformen [ist], denen
man eine allgemeinmenschliche Bedeutung zusprechen muß.“ (Gehlen (1971),
S. 395). Gehlen konstatiert aus anthropologisch-historischer Sicht zwei große
Entwicklungsschritte (Gehlen (1964), Vgl. u. a. 110) und (Thies (2000), Vgl. 131)
in der Menschheitsgeschichte, die er als ‘absolute Kulturschwellen’ (Gehlen (1964),
S. 110) bezeichnet:

1. Der prähistorische Übergang von der Jägerkultur zur Seßhaftigkeit ein-


schließlich der Ehe, zum Ackerbau und zur Viehzucht im Neolithikum.

2. Der Jahrhunderte währende, historische Übergang zur „Welt-Industrie-


Kultur“ (Gehlen (1965d), S. 129).

Auf der Grundlage der fundamentalen Umstrukturierungsprozesse im Neoli-


thikum leitet Gehlen, anhand des Totemismus’, die Entstehung dieser14 zen-
tralen und elementaren Institutionen her. Jener Schritt seiner Theoriebildung
entwickelt sich in Gehlens Werk zwar weiter und wird noch differenziert,
bleibt aber immer als Ausgangspunkt sämtlicher Institutionen erkennbar be-
stehen.
Auf ein verkürztes und verallgemeinerndes Schema gebracht, ist das To-
temismus-Beispiel Repräsentant der Entstehung einer jeden fundamentalen15
Institution: Ausgehend von einem nichtinstrumentellen Verhaltensmuster oder
einer Verhaltensstruktur, der eine „prähistorische Bewußtseinsstruktur“
(Gehlen (1971), S. 395) zugrunde liegt, entwickelt sich dann ein Gruppenbe-
wusstsein. Dem Verhaltensmuster kommt eine (evt. vorübergehende) Bedeu-
tung zu, die nicht zweckgebunden sein muss. Das Verhalten – gerichtet auf
eine „primäre[n] subjektive[n] Zweckmäßigkeit“ (Gehlen (1971), S. 392) aus-
geführt – hat eine sekundäre objektive Zweckmäßigkeit zur Folge, die nicht
intendiert war. Als Resultat des vollzogenen Verhaltens tritt sie aber quasi
14
– unter erstens genannten –
15
– natürlich nicht modernen –

11
Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
und eingereicht.
als positiver Nebeneffekt auf. Das Verhaltensmuster kann durchaus schon im
Voraus ritualisiert sein – knüpft aber dennoch an primäre subjektive Sinnge-
halte an. Die Nebenfolgen, die sich unintendiert einstellen, erweisen sich als
„überwältigende objektive Zweckmäßigkeit[en]“ (Gehlen (1971), S. 399). Diese
institutionalisieren das Verhalten dann rückwärts, um es auf Dauer zu stabili-
sieren (Gehlen (1971), Vgl. 398-400).

3.2 Institution

„Die Institutionen, in einem engeren Sinne, sind auf Dauer gestell-


te Handlungsmöglichkeiten, die aus der handelnden Auseinanderset-
zung mit der Natur, mit dem Selbst und den Mitmenschen erwachsen,
dann abgelöst und verselbstständigt werden, und die als Fremdbestim-
mung dem Handeln gegenüberstehen und es normieren, z. B. Ehe, Fami-
lie, Stammesordnung, Arbeitsordnung, Staat, Kirche. “ (Ryffel (1976),
S. 15, Hervh. d. Verf.)

Die breit angelegte Begriffsbestimmung der Institutionen durch Gehlen,


die sich je nach Analysegegenstand verengen oder erweitern kann, stützt sich
auf die zentrale Kategorie der Handlungs(un)möglichkeit. „[S]o werden die In-
stitutionen selbst als Sollgeltungen gelebt“ (Gehlen (1969), S. 96), und „[. . . ]
das Sollverhalten, welches den Eigengesetzlichkeiten einer Institution sich un-
terordnet, [erreicht] seine besondere innere Produktivität [. . . ]“ (Gehlen (1963),
S. 215) zum einen, weil das in den Institutionen habitualisierte Handeln Sinn-
fragen suspendiert (Gehlen (1964), Vgl. 61), zum anderen, weil es „eine Vielheit
virtueller Antriebe“ (Gehlen (1963), S. 215) ermöglicht.
So generieren und garantieren „Institutionen eine Verhaltenssicherheit und
gegenseitige Einregelung [. . . ], wie sie von den verunsicherten Instinktresidu-
en gerade nicht geleistet wird, so daß man in stabilen Gefügen lebt, [. . . ].“
(Gehlen (1969), S. 96). Des weiteren verortet Gehlen hier, im Punkt der Ent-
lastung von Entscheidungsfragen durch sozial vorgegebenes Sollverhalten, die
Möglichkeit „zur Entwicklung [. . . ] subjektiver und persönlicher affektbesetzter
Motivationen [. . . ]“ (Gehlen (1963), S. 222)16 .
Auf diese Weise reduzieren habitualisierte Handlungsnormen in Form von
Institutionen auf gesellschaftlicher Ebene (Entscheidungs-) Komplexität für
den Einzelnen, indem sie „rigorose und eindeutige Normen des Handelns und
Unterlassens“ (Gehlen (1963), S. 223) anbieten, denen sich die Individuen un-
terwerfen.17 Soziale Sanktionierung normkonformen Verhaltens, oder das Feh-

16
Und auch an anderer Stelle, u. a. in Gehlen (1964), Vgl. 31.
17
Man könnte hier – analytisch und bei exemplarischer Betrachtung auch realitär – von in-
kludierenden und exkludierenden Verhaltensnormen sprechen, wobei das Unterwerfen un-

12
Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
und eingereicht.
len eines solchen, konstituieren Pflichtmäßigkeit, Gewohnheit, Bedürfnissiche-
rung und Vertrauen (in das soziale und gesellschaftliche Funktionieren), sodass
individuelle subjektive Motivationen das pflichtmäßige, von der Außensteue-
rung getragene Verhalten neu überformen können (Gehlen (1963), Vgl. 221).
„Diese Motive erhalten ihren weiten Spielraum ja erst durch die Entlastung,
die dem Menschen infolge der Habtualisierung jener Handlungen zuwächst.“
(Gehlen (1963), S. 221)

3.3 Entlastung und (individuelle) Freiheit


Mit der durch institutionalisierte Gemeinschaftsleistungen aus der Aktualitäts-
problematik verbannten Befriedigung der Grundbedürfnisse des Menschen18
sowie einer subjektiven Stabilisierung durch das Vorgeben spezifischer Hand-
lungsmuster wird der Mensch in eine sichere Kultursphäre entlassen, die ihn
von immer neuen Grundsatzentscheidungen im Sinne der Reizüberflutung be-
freit.19 Auf höherer Ebene (als der der Grundbedürfnisbefriedigung) fließen
ihm damit Energieressourcen zu, die seine persönliche Freiheit erweitern und
ihn zukunftsfähig machen.

„Diese Entlastung wirkt sich produktiv aus, denn die wohltätige Frag-
losigkeit, die dann entsteht, wenn der Einzelne innen und außen von
einem Regelgefüge getragen wird, macht geistige Energien nach oben
hin frei.“ (Gehlen (1969), S. 97)

So werden Spielräume für neue subjektive Motivationen geschaffen. Es soll


nun noch einmal ein Versuch unternommen werden, den oft verwendeten aber
selten genauer gefassten Entlastungsbegriff im Zusammenhang mit den Insti-
tutionen näher zu bestimmen.
Institutionen machen Handlungen vorausberechenbar, d. h. sie schaffen ei-
ner Sicherheit durch Erwartbarkeit von Handlungen und Reaktionen, sowohl
Einzelner als auch im gesellschaftlichen Geschehen und Interagieren. Dies und
die durch Institutionen vorgebenen Verhaltensmuster (Außensteuerung) ent-
lasten den Menschen, der daraufhin dieses pflichtgemäße Verhalten subjek-
ter den inkludierenden Verhaltenskodex dauerhaft gewährleistet sein muss, während schon
ein einmaliges Übertreten des Unterlassungsgebots seine exkludierende Wirkung entfalten
kann. Ein alltagsrelevantes Beispiel soll dies verdeutlichen: Um in der Institution Betrieb
dauerhaft Mitarbeiter sein zu können, muss man sich z. B. der Arbeitsschutzordnung, dem
Firmenleitbild o. ä. dauerhaft verpflichten und im täglichen Arbeitsalltag (immer wieder)
danach handeln. Das einmalige Übertreten des Unterlassungsgebots allerdings, z. B. der
Alkoholgenuss am Arbeitsplatz, kann sofortigen Ausschluss aus der Arbeiterschaft, also
die Kündigung, zur Folge haben.
18
Bei Gehlen unter dem Stichwort Trivialisierung beschrieben. (Gehlen (1964), Vgl. 62,
Gehlen (1971), Vgl. 403, u. a.)
19
Gehlen spricht im gleichen Sinne von „Entlastung durch Stabilität“ (Gehlen (1964), S.
28).

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tiv mit Motiven ausstatten kann (Innenwelt). Da Ursprung und (sekundäre)
Zweckmäßigkeit einer Institution nicht, wie schon mehrmals erläutert, in un-
mittelbarem Zusammenhang stehen müssen, stellt sich nun die Frage nach der
Manifestation der objektiven Zweckmäßigkeit.
Es geht darum „wie ein System gegenseitiger obligatorischer Verhaltenswei-
sen zur Eigenstruktur umschlägt und eben damit ’Institution’ wird.“
(Gehlen (1963), S. 201) und so Entlastung stattfinden kann. Die Entlastung
liegt – so Gehlen – in dem Anbieten von motivlos möglichem Sollverhalten im
Sinne der Eigenzweckmäßigkeit von Institutionen (und im weiteren Sinne der
Gesellschaft). Die Differenzierung zwischen motivlos Sollen und motivbesetzt
Können ist nicht von vorne herein ausgeschlossen – beim motivlosen Erfüllen
der Sollnorm liege aber die Präferenz, so der Autor, was die Stabilität der
Gesellschaft nicht unwesentlich ausmache (Gehlen (1963), Vgl. 213). Dauerhaf-
tigkeit und damit Stabilität sind zudem die Kriterien, die den Institutionen
nicht nur auf individueller sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene die Ent-
lastungsfunktion und Sinnhaftigkeit bescheinigen. Institutionen entlasten nicht
nur das eigene Handeln, sondern durch ihre situative Normgebung schaffen sie
in besonderem Maße Orientierung für intersubjektives Agieren. Da das Han-
deln zuerst außengesteuert (nach der Eigenzweckmäßigkeit von Institutionen)
und erst dann unter Umständen subjektiv mit Motiven unterfüttert ist/wird,
werden Beeinträchtigungen und das „Kollidieren von Antrieben“ verschiedener
Akteure vermieden. Denn durch die20 habitualisierten Handlungsmuster ist die
subjektive Motivation idealerweise immer sozial tragbar, da sie sich als pflicht-
gemäßes, erwartbares Verhalten in der Außenwelt niederschlägt. Welcher Art
dann die Motivation auf der Individualebene ist, dringt gar nicht bis zur inter-
subjektiven oder gar gesellschaftlichen Ebene durch und ist – in diesem Fall –
nicht relevant (Gehlen (1963), Vgl. 214).
Die Trennung des Motivs vom Zweck des Verhaltens (Gehlen (1963), Vgl.
217) bedeutet hier „die Ablösbarkeit eines von subjektiv verpflichtenden Kom-
plexen bestimmten Verhaltens von den Sachverhalten und Gruppensituatio-
nen an denen es ursprünglich erwuchs.“ (Gehlen (1963), S. 224). Dass die auf
subjektiver Ebene neu hinzugetretenen Motivationen später wieder zu allge-
meinen Haltungen und Einstellungserwartungen kristallisieren und sich so zu
Gesinnungen und Motivgruppen, d. h. normierten inneren Haltungs- und Ein-
stellungsmustern, verfestigen können (Gehlen (1963), Vgl. 221f.), ermöglicht –
bei Trennung von Motiv und Zweck eines Verhaltens – überdies ein institu-
tionengerechtes Verhalten in Situationen außerhalb des bestimmten institutio-
nellen Rahmens und in unterschiedlichen Aktionskontexten (Gehlen (1963),
20
– bei Gehlen noch weiter theoretisch ausgeführte n und hier nur im Beispiel genannten

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Vgl. 230). Wenn es also möglich ist unabhängig vom Motiv (Individualebene)
normgerecht zu Handeln (Ergebnis auf gesellschaftlicher Ebene), dann kann
die objektive Eigengesetzlichkeit der Institution und ihre stabilisierte Hand-
lungsnormierung möglicherweise nicht mehr auf eine ursprüngliche Ausgangs-
motivation zurückgeführt werden. Es finden immer wieder Verschiebungen von
unbeabsichtigter Nebenwirkung zu neuer Motivation statt – wobei die Über-
gänge fließend sein können.

„Institutionen dieser Art sind nämlich ‘selbsterhaltend kraft ihrer Macht


über die Individuen’ [Quellenangabe i. O. in Fußnote 1, d. Verf.: ‘Self-
sustaining by virtue of its compulsive power over individuals’ in: Tal-
cott Parsons: Structure of Social Action. 1937, S. 510.]. Kraft dieser Ei-
genschaft erreichen sie den höchsten Grad überpersönlicher Stabilität,
der denkbar ist, nämlich die Selbstverständlichkeit. Dann können sie als
selbstverständliche Voraussetzungen die Adoption neuer Zielsetzungen
möglich machen oder gar erzwingen. Sie kumulieren dann also Zwecke,
und selbst rationale Zweckverbände können in dem gezeigten Sinne ihre
ursprünglichen Zwecke hinter sich lassen, zu stationären Gefügen werden
und sich neue Zwecke einverleiben.“ (Gehlen (1963), S. 227)

In diesem Sinne sind Institutionen durchaus für neue Zweckorientierungen


offene soziale Gebilde, die kraft ihrer Macht über Individuen und kraft der
ihnen immanenten Stabilität in Umbruchzeiten Sicherheiten bieten können.
Nichts desto trotz entlarvt Gehlens pessimistischer Blick auf das Zeital-
ter der Industrialisierung die Tendenz zum Verfall der zentralen Institutionen
von Familie, Klasse und Beruf, der sich darüber hinaus empirisch untermauern
lässt. Seine pessimistische Zeitdiagnose konstatiert nur Auflösung oder Zerstö-
rung von Institutionen, wobei z. B. das Entstehen neuer, demokratischer Insti-
tutionen gerade in der Nachkriegszeit kaum Erwähnung findet (Thies (2000),
Vgl. auch 126).

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4 Kritische Bewertung Gehlens und Ausblick
In dieser Arbeit konnten viele Aspekte der Theoriebildung Gehlens nicht ent-
sprechend gewürdigt werden. Um trotzdem auf einige Kritiker und theoretische
Nachfolger des Autors zu verweisen, folgt an dieser Stelle eine, keineswegs voll-
ständige, Zusammenstellung von thematischen (Gegen-) Stimmen zu Gehlen,
die bei der Beschäftigung mit dem Thema berücksichtigt wurden.
Zur genaueren Betrachtung der biologischen Kategorien bei Gehlen unter
Berücksichtigung der Forschungsergebnisse der modernen Biologie in der zwei-
ten Hälfte des letzten Jahrhunderts äußert sich Karneth (1991). Gehlen hat
zwar die verschiedenen Auflagen seiner Werke immer wieder neuen Erkenntnis-
ständen angepasst, überarbeitet und teilweise auch rückblickend kommentiert
– eine konkrete Auseinandersetzung mit modernen ethologischen Konzepten
konnte jedoch nicht gefunden werden. Eine solche Auseinandersetzung mit
den biologischen Kategorien Gehlens und neueren Theorien der Verhaltens-
forschung findet sich bei Karneth.
Die Institutionenlehre ergänzend, versucht Jansen (Jansen (1975)) nicht
nur das Konzept der philosophischen Anthropologie bei Gehlen herauszuar-
beiten, sondern auch den Anschluss zwischen philosophischer Anthropologie
und Pädagogik herzustellen.
Als Schüler von Gehlen bemüht sich Rehberg in seiner Dissertation die
Entlastung des Menschen durch Institutionen mit dem Subjet in Verbindung
zu bringen (Rehberg (1973)). Heute kann Rehberg21 als einer der aktivsten
Gehlenforscher gelten, der außerdem in der Denktradition der Philosophischen
Anthropologie steht und sich für eine kritische Interpretation dieser Wissen-
schaft einsetzt.
In einem Gedächtnisband stellt Klages Gehlens Untersuchungen zur
modernen Industriegesellschaft dar, einer von zahlreichen Beiträgen zu diesem
Thema (Klages (1976)).
Samson behandelt eine Grundlage der Gehlenschen Theoriebildung: Die
Philosophie Gehlens bilde die Hintergrundfolie, vor der alle weiteren Schriften
und Erkenntnisse Gehlens zu betrachten seien (Samson (1976)). Samson
setzt sich daher eingehend mit den philosophischen Kategorien und Traditionen
auseinander, die auch bei Gehlen zum Tragen kommen.
Haffner beschäftigt sich hingegen mit einer speziell philosophischen Fra-
gestellung: Er stellt die Abhängigkeit der Humanismus-Problematik – respekti-
ve -Definition – von dem zugrunde gelegten Menschenbild dar, eine substanzi-

21
– u. a. Herausgeber der Gehlen-Gesamtausgabe (Rehberg (1978-2004 [7/10 Bd. erschie-
nen])) –

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elle Thematik der (philosophischen) Anthropologie. Neben Arnold Gehlen
und dessen Versuch, den Humanitarismus zu überwinden (Haffner (1988), Vgl.
169-243), untersucht er den Gegenstand überdies bei Friedrich Nietzsche
(Haffner (1988), Vgl. 29-97) und Max Scheler (Haffner (1988), Vgl. 98-168).
Bei Thies findet sich ein komprimierter Überblick zur Gehlenkritik: Thies
hat zahlreiche Kategorien und Konzepte des Philosophischen Anthropologen
zusammengetragen, die im Licht der Moderne nicht mehr (ohne Ergänzung)
bestehen können (Thies (2000)). Er verweist auf zahlreiche weitere Kritiker,
theoretisch nahestehende Forscher, auf die Zukunft und Aufgaben, die die
Tradition der philosophischen Anthropologie haben kann (Thies (2000), Vgl.
153ff.).
Dass die Philosophische Anthropologie nicht ohne Nachwirkungen geblie-
ben ist und ihre Fragestellungen heute noch interdisziplinäre Resonanz her-
vorrufen, zeigt die Festschrift für Karl-Siegbert Rehberg unter Herausge-
berschaft von Fischer und Joas (Fischer/Joas (2003)). Hier setzen sich 52
Beiträge mit der Relevanz und Notwendigkeit einer philosophischen Anthro-
pologie für die verschiedensten Bereiche der Sozial- und Kulturwissenschaften
auseinander. Ein erkennbarer Grundtenor der Festschrift ist das Plädoyer für
eine Grundlagenwissenschaft zum Menschen, auf die andere Wissenschaften
zurückgreifen können. Denn von einer Diskussion zum Thema Mensch und
Wesen desselben profitieren alle weiteren Wissenschaftsbereiche.

Soviel zu den wesentlichen Stimmen zu Gehlen, die mir besonders aufgefallen


sind. Von Interesse wären weiterhin die Aufnahme und Verarbeitung von For-
schungsergebnissen anderer Wissenschaftler bei Gehlen. Seine Bezugnahme
auf Herder, Nietzsche u. a. Philosophen verdient ebenso Aufmerksamkeit
wie seine Auseinandersetzung mit den Biologen, bspw. Portmann, Bolk,
Haeckel, Konrad Lorenz usw..
Im Rahmen einer größeren Arbeit wäre ein Vergleich zwischen Gehlens
Theorie und Max Webers Macht- und Herrschaftstheorien interessant, wobei
der Gedanke der Entfremdung des Menschen als ein Kriterium des Vergleichs
herangezogen werden könnte. Da Max Weber als Gründungsvater der deut-
schen Soziologie Wesentliches für Begriffs- und Theoriebildung geleistet hat,
erscheint mir die Gegenüberstellung beider Theoriegebäude als spannend, in-
sofern auch die Nähe oder Distanz zwischen Anthropologie und Soziologie und
deren spezifische Erklärungsmodi über den einzelnen Theoretiker hinaus her-
ausgestellt werden könnten. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich hier viele
Schnittpunkte an denen beide Theorien gemessen und untersucht werden kön-
nen.

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Weiterhin spannend wäre die Auseinandersetzung Jürgen Habermas’
mit Arnold Gehlen und dessen Ablehnung. Habermas’ normative Theori-
en bilden einen Kontrast zum empirischen Anspruch Gehlens, der wiederum
ein ergiebiges Spannungs- und Analysefeld bildet.

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5 Fazit
Arnold Gehlen hat Zeit seines Lebens nie die anthropologische Forschung
aus den Augen verloren. Vielleicht liegt ein Teil seines Antriebs in seiner Bio-
graphie: Im Miterleben von zwei Kriegen und vier Revolutionen. Durch die
Erfahrung dieser Zeit des Umbruchs erscheint die Beschäftigung mit gesell-
schaftsstabilisierenden Momenten naheliegend. Dass ihm dabei der Mensch im
Allgemeinen (als gesellschaftsbildendes Kulturwesen) und im Besonderen (u. a.
als Spezies) am Herzen lag, ist seinem Lebenswerk unmittelbar zu entnehmen –
legt er doch mit dem ersten großen Opus „Der Mensch“ (1940) den Grundstein
seiner weiteren Theoriebildung. Schon zu diesem Zeitpunkt ist die Anthropo-
logie fester Bestandteil wenn nicht sogar Ausgangspunkt seiner Lehre.
Gehlen nutzte Kategorien wie Handeln, Entlastung und Institutionalisie-
rung, war dabei aber nicht nur fest von seiner Herangehensweise überzeugt,
sondern gleichzeitig immer offen für die Diskussion mit anderen Wissenschaft-
lern. In der neunten Auflage von der Mensch schreibt er: „Auch die hier dar-
gelegte Darstellung ist [. . . ] ist auf Ergänzung angewiesen.“ (Gehlen (1971),
S. 11). Es haben sich viele Kritiker seiner einzelnen Kategorien gefunden.
Meines Wissens hat bisher aber niemand versucht, Gehlen seine anthropo-
logische Grundlage zu entziehen oder die Falsifizierung seines Überlegungs-
ansatzes, der soziologische Phänomene anthropologisch fundiert, unternom-
men. Warum Menschen wie handeln, bleibt im lebenspraktischen Alltag si-
cher (auch) einzelfall- und kontextbezogen. Die Beschäftigung mit Gehlen
zeigt aber, dass Institutionen durchaus in Handlungen von Menschen wirksam
werden, nicht jeder Einzelfall Einzelfall ist, nicht immer Individualphänomen
bleibt. Institutionen sind nicht immer unsere Bühne und Menschen sind nicht
immer nur Marionetten der Eigenwertigkeit und Zielverfolgung einzelner In-
stitutionen. Denn das würde bedeuten, dass bspw. das Rechtssystem gar keine
Grundlage für Verurteilungen und Bestrafungen hätte – da die Akteure ja als
Vertreter ihrer Institution handeln und somit nie zur individuellen Verantwor-
tung gezogen werden könnten. Institutionen bieten und begrenzen Handlungs-
spielräume. Jedoch stellt Gehlens Überlegungsansatz gerade den Menschen
in den Mittelpunkt, der sich so nicht hinter den Institutionen verstecken kann,
sondern sein Handeln nach ihnen ausrichtet und zugleich von ihnen profitiert.
Trotzdem hat er immer die Chance, bestehende Institutionen zu hinterfragen,
was nach Gehlen den Wunsch nach anders operierenden Institutionen aus-
drücken kann (Gehlen (1964), Vgl. 61).
Gehlens Lehre kann heutzutage auch als ein Hinweis gelesen werden, nicht
immer nur nach individueller Verantwortung und Schuldzuweisung zu fragen.

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Dass hinter Politiker X ein ganzes System Y steht, dass zu einer bestimmten
Situationsentwicklung beigetragen hat. Dass zu einem Geschehen und Unent-
decktbleiben von Unrecht eine andere Seite, eine die wegsieht nämlich, gehören
kann.
So gibt es noch viele Beispiele mit wechselnder Aktualität, die die Frage
nach dem Verhältnis von Mensch und Institution, individueller Entscheidungs-
gewalt und Selbsterhaltungszwang der Strukturen immer wieder spannend und
interessant machen.
Gehlen erreichte – in dem er mehr als einmal auf die ’richtige’ theoretische
Fragestellung verwies – eine sich in seinem Lebenswerk nach und nach entfal-
tende Transparenz fundamentaler Art, was den Zusammenhang von Mensch,
Handeln und Angewiesensein auf Institutionen betrifft. Sein Theoriegebäude
verbindet so nicht nur humanwissenschaftliche Disziplinen: Die anthropologi-
sche Fundierung, die dann konsequent über die soziologische Kategorie des
Handelns hin zu Stabilitätsgaranten des gesellschaftlichen Lebens entwickelt
wird. Dieses Lebenswerk verweist darüber hinaus auf die Wichtigkeit einer
integrierenden Wissenschaft, die sich der verschiedenen theoretischen Ansät-
ze und Fragestellungen über den Menschen annimmt um das Hereinreichen
spezieller Forschungsergebnisse in den lebensweltlichen Alltag zu reflektieren
und zu beobachten. Dies gilt heute insbesondere für einzelne Disziplinen, de-
ren Forschungsgegenstände scheinbar kaum noch Bezug zum Alltagsmenschen
haben.
So wird die philosophische Anthropologie immer ihre Aufgabe finden kön-
nen. Denn sie setzt gerade da an, wo andere wissenschaftliche Forschungen (oft)
aufhören: Sie fragt u. a. nach den Folgen, die wissenschaftliche Erkenntnisse
für den Menschen und seine Welt haben können.

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
und eingereicht.
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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt
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22