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2207 Die Grenzen der itultin |ZE1T ONLINE Die Grenzen der Intuition Von Andreas Sentker 31, Mai 1996 / Quelle: DIE ZEIT, 29/1996 Der Siindenfall ereignete sich auf der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Arzte 1872 in Leipzig [http://www.zeit.de/thema/leipzig]. Vor dem erlauchten Gremium erklarte der Neurophysiologe Emil Du Bois Reymond: "Die astronomische Kenntnis des Gehirns, die héchste, die wir davon erlangen kénnen, enthiillt uns darin nichts als bewegte Materie. Durch keine zu ersinnende Anordnung oder Bewegung materieller Teilchen aber lat sich eine Briicke ins Reich des Bewustseins schlagen.” Du Bois Reymond beendete seinen Vortrag mit einem ebenso skeptischen wie apodiktischen "Ignorabimus" - wir werden nicht wissen. Niemand wagte zu widersprechen. Dieses “Ignorabimus’, glaubt der Bremer Hirnforscher Hans Flohr, hat die Neurobiologie mehr als ein Jahrhundert lang gelahmt. "Wir waren seit Du Bois Reymond schlicht paralysiert”, schimpft der Physiologe, der kiirzlich eine vielbeachtete Theorie der Anasthesie prasentierte. "Immerhin haben wir uns darauf einigen kénnen, da auch Bewufttseinsprozesse wie Trauer oder Freude an Hirnvorg’inge gebunden sind”, beschreibt Flohr den Stand der Wissenschaft. Der ironische Unterton ist nicht zu tiberhéren. Der Bremer Forscher will mit seinen Gedankengebiuden héher hinaus. Als einer der wenigen deutschen Experten auf diesem Gebiet legt Flohr eine eigene Theorie zum Bewuftsein vor. Anders als viele Neurowissenschaftler begibt er sich dabei tief in die Vertistelungen neuronaler Mechanismen hinein. Hirnanatomie, Neurophysiologie und die Chemie der Psyche bilden fir ihn ein untrennbares Ganzes. Seine Theorie setzt dort an, wo selbst die Denker des 20. Jahrhunderts lange Zeit die Grenzen der Wissenschaft vermuteten. Flohrs Beleg fiir die philosophische Fessel der Naturforschung ist ein beriihmter Aufsatz des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel. "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?" hatte Nagel 1974 gefragt. Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. Fledermiuse kénnen Ultraschall wahrehmen. Die Sinnesorgane und die entscheidenden Teile des Nervensystems sind recht gut erforscht. Die Neurowissenschaftler wissen, wie die Signale aufgenommen und verarbeitet werden, wissen, wie sie das Verhalten der Tiere steuern. Doch spitestens hier st6ft die Forschung fiir den Philosophen Nagel an ihre Grenzen. Wenn man auch das komplexe nervése Geschehen im Gehirn irgendwann vollstandig beschreiben kénne, glaubt Nagel, sei es dennoch unméglich, daraus ipikwww zed! 199623Die_Grenzen cer Itutionkompletansich print 15 2207 Die Grenzen der itultin |ZE1T ONLINE Bewuftsein und subjektives Empfinden abzuleiten. Der neuronale Proze& der Echo-Ortung bei Fledermausen verrate nichts dariiber, was es bedeute, eine Fledermaus zu sein. Ein gahnendes Loch der Unerklarbarkeit tue sich hier auf, die “explanatorische Liicke", An diesem Unvermégen, Bewutseinszustande und Empfindungen zu beschreiben, verzweifeln die Forscher seit Generationen. Immerhin haben sie einen Begriff dafiir gefunden, entlehnt bei der philosophischen Fakultat: Qualia. Das Problem selbst aber ist damit nicht geldst. Das Sehen der Farbe Rot, die Wahrnehmung eines Tons werden ebenso als Qualia bezeichnet wie Trauer, Liebeskummer oder Schmerz. Das entscheidende Merkmal der Qualia, das, was sie fiir die Forscher so unbegreifbar erscheinen lift, ist ihre Subjektivitait. "Rot physikalisch zu definieren, ist relativ einfach. Aber erklren sie mal einem Blinden, wie es ist, Rot zu sehen’, schildert Flohr das Dilemma von scheinbarer Objektivitat und subjektiver Wahrnehmung. “Da st6ft unsere Intuition sehr rasch an ihre Grenzen." Angesichts solcher Grenzerfahrungen scheinen Du Bois Reymond und Nagel recht zu behalten. Doch fiir Flohr ist auch die explanatorische Liicke eher ein Produkt der Intuition denn wissenschaftliche Realitiit. Der Bremer Hirnforscher glaubt, die Subjektivitat, die Entstehung des neuronalen Selbstportraits, erklaren zu kénnen. Sie erwacht, wenn das Gehirn nicht nur Informationen von auRen verarbeitet, sondern gleichzeitig den eigenen Zustand bei der Informationsverarbeitung kennt. Primitive Spuren dieser bestiindigen Selbstbetrachtung findet Flohr auch in der Sprache wieder. "Wir sagen nicht ,Etwas ist rot’, sondern ,Ich sehe etwas Rotes’. Wenn man die Arbeitsweise des Gehirns und sein Selbstmodell sprachlich noch genauer fassen will, muf es heiffen: ,Ich bin gerade damit beschaiftigt, etwas Rotes 2u sehen.” Das Gehirn sammelt also bestndig Informationen iiber den eigenen informationsverarbeitenden Zustand, baut ein sich immerwahrend verinderndes Modell seiner selbst auf. "Egal, was wir tun, immer denken wir das Ich mit.” Mit BewuBtsein, glauben viele Forscher, haben solche Wahrnehmungen zuniichst wenig zu tun, Doch Hans Flohr ist vom Gegenteil tiberzeugt. "Ist das Haben von Schmerzen nicht dasselbe wie die Uberzeugung, Schmerzen zu haben?" Wahrend die einfache Schmerzempfindung in der fachlichen Diskussion als schwache Subjektivitit bezeichnet wird, gilt das Ich, das unter dem Schmerz leidet, als starkes Subjekt. Flohr glaubt, die Zustinnde schwacher Subjektivitit seien villig ausreichend fiir die Erklarung der starken subjektiven Empfindungen, die in ihrer Summe das Ich-Bewuftsein ausmachen. ipikwww zed! 199623Die_Grenzen cer Itutionkompletansich print 25 2207 Die Grenzen der itultin |ZE1T ONLINE "Kénnte ein Beobachter zwischen einem System, das meint, in einem Schmerzzustand zu sein, und einem System, das ,echte" Schmerzen hat, unterscheiden? Kénnte ein System selbst diese Unterscheidung treffen? Die Antwort lautet jedesmal: nein.” Aber an welche Zustinde, welche Strukturen, welche Molekiile ist Bewuftsein, ist bewuftes Wahrnehmen gekniipft? In Flohrs Augen mu, wer das Ich verstehen will, das Gehirn als Einheit betrachten. Er nihert sich dem Bewuftsein von seinem Gegenteil - der Bewuftlosigkeit. Die Andsthesie steht dabei im Zentrum seiner Uberlegungen. "Das ist ein ungeheuer erfolgreicher Zweig der Medizin. Die Erfolge jedoch haben keinen theoretischen Unterbau. Niemand weif so recht, wie die verschiedenen Narkotika wirken. Auf seiner Suche nach den Mechanismen der Bewuftlosigkeit stot Hans Flohr immer wieder auf eine bestimmte Struktur. An den Ubergingen zwischen zwei Nervenzellen, den Synapsen, werden die Signale nicht elektrisch, sondern chemisch weitergeleitet. Eine Vielzahl von Botenstoffen reguliert diese Informationsweitergabe von Zelle zu Zelle - das Chemielabor der Psyche. An solchen Verbindungsstellen suchte schon 1946 der kanadische Psychologe Donald Hebb nach dem Schliissel zum Denken. Wenn zwei Nervenzellen gemeinsam aktiv seien, sinnierte der Kanadier, werde ihre Verbindung verstarkt. Hebb forderte, es miisse neben festen Verdrahtungen im Gehirn vor allem rasch veranderbare Schaltungen geben. Die Form und GréRe eines solchen Schaltkreises reprisentiere jeweils ein Kleines Stiick der Augenwelt, wie etwa die Farbe Rot. “Aber Hebb hatte ein groes Problem. Er konnte kein Blut sehen’, schmunzelt Flohr. "Darum hat er nie einen einzigen Tierversuch gemacht.” Hebb belie es bei seiner Hypothese, die Bestiitigung iiberlief$ er anderen. Doch lange Zeit suchte die neuronale Forschergemeinde vergebens nach den Hebbschen Zellverbindungen. Erst 1973 fand Tim Bliss in Schottland [http://www-zeit.de/thema/schottland] die ersten Hinweise auf die von Hebb geforderte innige Bezichung zwischen aktiven Nervenzellen. Ende der achtziger Jahre wurden schlieSlich auch die passenden Synapsen gefunden. Sie besitzen Kanile, die ihnen genau die von Hebb geforderten Eigenschaften verleihen. Nur wenn beide Nervenzellen vor und hinter der Verbindungsstelle aktiv sind, 6ffnet sich der Kanal. Fine zellulare Maschinerie kommt in Gang. Die Eiweiftsynthese wird angekurbelt. Neue Poren entstehen und éffnen sich. Schlieflich sind die Zellen optimal aufeinander eingestellt, die Chemie stimmt. Die zelluldren Beziehungen werden um so besser, je ofter sie gepflegt werden. ipikwww zed! 199623Die_Grenzen cer Itutionkompletansich print 35 2207 Die Grenzen der itultin |ZE1T ONLINE Nach einem kiinstlichen Botenstoff mit dem wohlklingenden Namen N-Methyl-D- aspartat, der die entscheidenden Kanile aktiviert und so das harmonische Treiben in Gang bringt, heigen die Zellverbindungen kurz NMDA-Synapsen. Urspriinglich wurden die flexiblen Schaltstellen nur im Zusammenhang mit langfristigen Verdrahtungen im Gehirn diskutiert. Die entstandenen Schaltkreise reprasentieren in den Modellen vieler Lernforscher die jeweiligen Gediichtnisinhalte. Heute mehren sich die Hinweise, da die NMDA-Synapsen auch kurzfristige Anderungen in der neuronalen Verschaltung erméglichen. Hans Flohr behauptet nun, der Aktivierungsgrad der Synapsen entscheide, ob das Gehirn nicht nur die Augenwelt abbilde, sondern gleichzeitig die komplexe Aufgabe lésen kénne, sich selbst dabei tiber die Schulter zu sehen. Der schnelle Hebb- Mechanismus, die Bildung komplexer Schaltkreise fiir die neuronale Reprasentation des Ich, ist in seinen Augen der Schliissel zum Bewuftsein. Und. allzu eilig mu die neuronale Beziehungspflege gar nicht vor sich gehen. “Bewuftsein ist ein erstaunlich langsamer Proze&." Flohrs Argumentation ist so einfach wie tiberzeugend. Der studierte Mediziner und Philosoph glaubt zeigen zu kénnen, daf alle bisher bekannten Anisthetika direkt oder indirekt auf die NMDA-Synapsen wirken und ihre Funktion beeintrachtigen. Die Folge ist Bewufttlosigkeit. In geringer Dosis bewirken viele in der Narkose eingesetzte Mittel Bewuttseinsstérungen. Sie verursachen Halluzinationen und neurologische Stérungen, die an schizophrene Symptome erinnern. Flohrs Theorie vermag auch andere Formen der Bewutlosigkeit zu erklaren, etwa das Koma nach einer Verletzung des Hirnstamms. Hier namlich findet sich das sogenannte Wecksystem in der Formatio reticularis. Es bringt die informationsverarbeitenden Bereiche des Kortex erst einmal auf Trab. Ist diese Struktur tief im Hirnstamm zerstért, fillt der Mensch in einen tiefen Zustand der BewuBtlosigkeit. Flohr glaubt, da das Wecksystem den Aktivierungszustand der NMDA-Synapsen im Kortex reguliert. Nur wenn die Zellverbindungen hinreichend voraktiviert sind, k6nnen sie auf Umweltreize mit der Bildung von Schaltkreisen reagieren und so eine innere Reprasentation der AuSenwelt, schlieflich auch ein neuronales Abbild des eigenen Zustands, das Ich, erzeugen Hat er mit seiner synaptischen Theorie des Bewutseins nun die Erklarungsliicke der Neurologie geschlossen? Die internationale Forschergemeinde verfolgt die Arbeiten des Bremer Andsthesisten mit grofgem Interesse. Denn seine Vorstellung vom Selbstbild im Kopf stimmt auch mit jiingsten Spekulationen seiner Philosophenkollegen iiberein. Doch bis in die Tiefen der Chemie hat sich bisher kaum einer der Bewuftseinsforscher vorgewagt. ipikwww zed! 199623Die_Grenzen cer Itutionkompletansich print as 2207 Die Grenzen der itultin |ZE1T ONLINE Hans Flohr selbst iiberwindet das Nagelsche Fledermausdilemma, die gefiirchtete Kluft zwischen Neuronen und Subjekt, mit einem kihnen Gedankengang. “Natiirlich haben wir nicht den Zustand, den das fremde Gehirn hat, aber immerhin: Wir kennen ihn.” ipikwww zed! 199623Die_Grenzen cer Itutionkompletansich print 85