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EINFÜHRUNG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE DER ERKENNTNIS

HUSSERLIANA

EDMUND HUSSERL

MATERIALIEN

BAND VII

EINFÜHRUNG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE DER ERKENNTNIS

VORLESUNG 1909

AUFGRUND DES NACHLASSES VERÖFFENTLICHT VOM HUSSERL-ARCHIV (LEUVEN) UNTER LEITUNG VON

RUDOLF BERNET, ULLRICH MELLE UND KARL SCHUHMANN†

EDMUND HUSSERL

EINFÜHRUNG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE DER ERKENNTNIS

VORLESUNG 1909

HERAUSGEGEBEN VON ELISABETH SCHUHMANN

EDMUND HUSSERL EINFÜHRUNG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE DER ERKENNTNIS VORLESUNG 1909 HERA USG EG EBEN V ON

A C.I.P. Catalogue record for this book is available from the Library of Congress.

ISBN-10 1-4020-3306-0 (HB) Springer Dordrecht, Berlin, Heidelberg, New York ISBN-10 1-4020-3307-9 (e-book) Springer Dordrecht, Berlin, Heidelberg, New York ISBN-13 978-1-4020-3306-3 (HB) Springer Dordrecht, Berlin, Heidelberg, New York ISBN-13 978-1-4020-3307-0 (e-book) Springer Dordrecht, Berlin, Heidelberg, New York

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Printed in The Netherlands.

INHALT

Einleitung der Herausgeberin .

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vii

EINFÜHRUNG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE DER ERKENNTNIS VORLESUNG 1909

 

i.

teil

Allgemeine Einführung. Idee der Phänomenologie und ihre Methode

 

Gegensatz zwischen natürlicher und philosophischer Denkhaltung

 

3

. Vorgegebenheit der natürlichen Erkenntnis

„Phänomene“ der Phänomenologie

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Philosophisches Niveau und philosophisches Denken

21

Mathematik, reine Logik, reine Ethik Erkenntnisprobleme

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29

32

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42

Die cartesianische Zweifelsbetrachtung Reelle und intentionale Analyse der Phänomene Rekapitulation

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59

Etablierung einer Wissenschaft vom reinen Bewusstsein.

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65

Rekapitulation des bisherigen Ganges der Vorlesungen

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73

Fortsetzung: Etablierung der Phänomenologie als Wissenschaft vom reinen

 

Bewusstsein

. Phänomenologie als Erste Philosophie

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83

92

ii.

teil

Die speziellen Wahrnehmungsanalysen

 

. Sinnliche Wahrnehmungen und Vorstellungen

Die Erkenntnisphänomene

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. Wahrnehmung als Wahrnehmung eines Gegenstandes .

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Dingwahrnehmung und phänomenologische Wahrnehmung

 

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Eigentlich und uneigentlich Wahrgenommenes .

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Verhältnis von darstellenden Inhalten und Auffassungen

Eigentliche und uneigentliche Perzeption

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127

Unterschiede der Bestimmtheit und Unbestimmtheit

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133

Gesamt- und Spezialwahrnehmung

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vi

inhalt

 

Zeit in der Wahrnehmung

 

148

Zeitbewusstsein

 

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155

Rekapitulation einiger für das Verständnis wichtiger Punkte

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Schlussbetrachtung: Wahrnehmung als Erlebnis

 

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Nachweis der Originalseiten .

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Namenregister

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EINLEITUNG DER HERAUSGEBERIN

Der vorliegende Band enthält den Text der zweistündigen Vorlesung, die Edmund Husserl unter dem Titel „Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis“ im Sommersemester 1909 in Göttingen gehalten hat. 1 Husserl hatte sich seit den Sommerferien 1907 mit dem „Problem der Bedeutung und des analytischen Urteils“ auseinander gesetzt. 2 Auf dieses Problem war er inmitten des ersten Ausarbeitungsversuches seiner Vorlesung „Einführung in die Logik und Erkenntniskritik“ vom Wintersemester 1906/07 3 gesto- ßen. Aber trotz intensivster Beschäftigung mit der Bedeutungsproblematik, 4 musste Husserl sich schließlich eingestehen, „dass ich noch immer keine völlig klare innere Einheit all der Probleme besitze, reinlich auseinander gelegt und geordnet und systematisiert“. 5 Diese Einsicht findet auch ihren Niederschlag in einem Brief vom 18. März 1909 an Paul Natorp, in dem Husserl mitteilt: „Von mir ist in absehbarer Zeit keine Logik zu erwarten.“ 6 Stattdessen beschließt er, wieder zu den Grundproblemen seines philoso- phischen Denkens zurückzugehen, das Verhältnis von „allgemeiner Phäno- menologie und phänomenologischer Philosophie“ 7 zu überdenken und sich dann in seiner 1909er Sommervorlesung „Einführung in die Phänomeno- logie der Erkenntnis“ erneut damit zu beschäftigen. Also widmet er den ersten Teil dieser Vorlesung der Darstellung der „Idee der Phänomenologie und ihrer Methode“ 8 und kennzeichnet die Phänomenologie als „die im strengsten Sinne Erste Philosophie“. Diese erneute Auseinandersetzung mit

1 Husserl hielt die Vorlesung mittwochs und samstags von 1213 h , die erste Vorlesungsstunde am Mittwoch, dem 28. April 1909.

2 Tagebuchnotiz vom 6. März 1908 (Husserliana XXIV, S. 449).

3 Diese Vorlesung ist veröffentlicht in Husserliana XXIV.

4 In der „Vorlesung über Urteil und Bedeutung“ vom Sommersemester 1908 (veröffentlicht in Husserliana XXVI) und der Vorlesung „Alte und neue Logik“ vom Wintersemester 1908/09 (veröffentlicht in Husserliana Materialien VI) versuchte Husserl, die Bedeutungsfrage zu klären.

5 F I 1/105b.

6 Edmund Husserl, Briefwechsel. In Verbindung mit E. Schuhmann herausgegeben von K. Schuhmann, Dortrecht/Boston/London 1994, Bd. V: Die Neukantianer, S. 111.

7 F I 17/52a.

8 F I 17/2a.

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einleitung der herausgeberin

dem Verhältnis von „allgemeiner Phänomenologie und phänomenologischer Philosophie“ stellt einen wichtigen Schritt auf dem Weg von den „Logischen Untersuchungen“ zu den „Ideen“ dar. 1 Erst im zweiten Teil der Vorlesung beschäftigt sich Husserl mit speziellen Wahrnehmungsanalysen. Wie für viele seiner Vorlesungen hat Husserl auch für diese Sommervorle- sung auf älteres Material zurückgegriffen. Auch wenn sich keine handgreifli- chen Hinweise in Form von Notizen und Randbemerkungen finden, ist doch anzunehmen, dass Husserl für die Vorbereitung der Vorlesung von 1909 das Manuskript der Vorlesung „Einführung in die Logik und Erkenntniskritik“ aus dem Wintersemester 1906/07 2 zur Hand genommen hat, stellt er doch in ihr die Phänomenologie als Wissenschaft vom reinen Bewusstsein dar. 3 Vermutlich hat Husserl auch die fünf einleitenden Vorlesungen „Die Idee der Phänomenologie“, 4 die er vom 25. April bis 2. Mai 1907 als Einleitung in das „Dingkolleg“ von 1907 5 gehalten hatte, zur Vorbereitung des ersten Teils seiner „Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis“ herangezogen; das legt folgende Notiz Husserls auf Blatt F I 17/42a mit der Paginierung „51“ der 1909er Vorlesung (S. 83, Z. 10 – S. 84, Z. 3 6 ) nahe: „1907 und 1909. Vorlesungen über Einleitung in die Phänomenologie“.

1 So sagt Rudolf Boehm in der „Einleitung des Herausgebers“, Husserliana X, S. XXXII:

In der als ‚Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis‘ angekündigten Vorlesung des Sommersemesters 1909“ nahmen „die Gedankengänge der Ideen zuerst in etwa die in diesem Buch gewählte Gestalt der Darstellung“ an.

2 Diese Vorlesung ist veröffentlicht in Husserliana XXIV.

3 Diese Meinung vertritt Ullrich Melle in der „Einleitung des Herausgebers“, Husserliana XXIV, S. XVIII. Sonach dürften die umfangreichen Randbemerkungen zum Text auf den Blättern 1012 von Ms.LII 14 der Vorlesung „Einführung in die Logik und Erkenntniskri- tik“ von 1906/07 „um 1909 entstanden sein, möglicherweise im Zusammenhang mit seiner Vorlesung ‚Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis‘“ (Husserliana XXIV, S. 492). Laut Rudolf Boehm „liegt der zweite Teil der Vorlesung ‚Einführung in die Logik und Erkenntniskritik‘ von 1906/07 mit einigen Blättern noch in F I 17 und ferner in F I 7 vor“ (Husserliana X, S. 269), nämlich mit den Blättern F I 7/3233 und 4151 mit der Paginierung „87“ bis „99“ (Husserliana X, S. 462). Diese Meinung übernimmt noch Ulrich Claesges, wenn er sagt, dass „einzelne Blätter der Vorlesung von 1906/07 auch in den Konvoluten F I 7 und F I 17“ liegen („Einleitung des Herausgebers“, Husserliana XVI, S. XIV, Anm. 6). Dies lässt sich allerdings nicht bestätigen. Für das als „93“ paginierte Blatt F I 7/45 verwendete Husserl eine „Einladung zu Doktor-Prüfungen“ vom 9. Juli 1909. Schriftbild und Schreibmaterial dieses Blattes sind identisch mit den übrigen von Rudolf Boehm auf Anfang 1907 datierten Blättern, und deren Schriftbild und Schreibmaterial sind wiederum identisch mit Blättern der Vorlesung „Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis“ von 1909. Die Blätter F I 7/3233 und 4151 sind erstmals veröffentlicht in Husserliana X, S. 269286.

4 Diese einleitenden Vorlesungen sind veröffentlicht in Husserliana II.

5 Diese Vorlesung ist veröffentlicht in Husserliana XVI.

6 Bezugnahmen auf den Text des vorliegenden Bandes werden im Folgenden nachgewiesen mit Seiten- und evtl. Zeilenangabe.

einleitung der herausgeberin

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Wie entsprechenden Randnotizen zu entnehmen ist, hat Husserl zur Vorbereitung des zweiten Teils seiner Vorlesung „Einführung in die Phä- nomenologie der Erkenntnis“ auf die Vorlesung „Hauptstücke aus der Phä- nomenologie und Kritik der Vernunft“, das „Dingkolleg“ von 1907 zurück- gegriffen. So notierte er an den Rand des als „9“ paginierten Blattes F I 13/78a 1 der Dingvorlesung: „1909“. Das als „12“ paginierte Blatt F I 13/81 hat er „1909 benützt“, ebenso wie er das als „12 a “ paginierte Blatt F I 13/82 „in der Vorlesung 1909 benützt“ hat. 2 Die Vorderseite des als „29“ paginierten Blattes F I 13/99 3 trägt die Bemerkung: „Vgl. Vorlesungen 1909, 76 a “. Ihr korrespondiert die Notiz auf dem als Blatt „76“ paginierten Blatt der Vorlesung von 1909 (S. 122, Z. 11 – S. 123, Z. 13): „Vgl. Dingvorlesung 29“. Möglicherweise hat Husserl auch die zwischen „ 12“ und „29“ liegen- den Blätter in der Vorlesung von 1909 benützt, sind sie doch mit vielen Bleistiftrandbemerkungen versehen, die Husserl 1909 hinzugefügt haben könnte. 4 Während Husserl all diese Blätter im Vorlesungsmanuskript von 1907 liegen ließ, hat er das als „30“ paginierte Blatt der Dingvorlesung von 1907 den Blättern seiner Vorlesung „Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis“ eingereiht und zusätzlich mit der Bleistiftpaginierung „ad 82“ versehen. Es liegt nun als Blatt 25 in Konvolut F I 7 (S. 132, Z. 3 – S. 133, Z. 26). Entsprechend trägt die Rückseite des als „29“ der Dingvorlesung paginierten Blattes die Bleistiftnotiz: „Es fehlt Blatt 30!“ 5 Darüber hinaus weisen die beiden Vorlesungen neben inhaltlichen Übereinstimmungen auch nahezu wörtliche Übereinstimmungen auf, die vermuten lassen, dass Husserl bei der Niederschrift einzelner Vorlesungsstunden des zweiten Teils der „Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis“ die Dingvorlesung von 1907 neben sich liegen hatte. 6

1 Dieses Blatt ist veröffentlicht in Husserliana XVI, S. 16 f.

2 Diese beiden Blätter sind veröffentlicht in Husserliana XVI, S. 337 f. und 2123.

3 Dieses Blatt ist veröffentlicht in Husserliana XVI, S. 54 f.

4 Vermutlich hat Husserl also auch das als „24“ paginierte Blatt F I 13/94, obwohl es nicht mit der Jahreszahl 1909 versehen ist, „benutzt“, wohingegen er das als „25“ paginierte Blatt F I 13/95 „nicht benutzt“ hat. – Beide Blätter sind veröffentlicht in Husserliana XVI, S. 4548.

5 Wie Ulrich Claesges annimmt, ist diese Notiz sicher erst nach 1909 entstanden, als Husserl „das Ms. F I 13 nach 1909 noch einmal gelesen und dabei das Fehlen des Blattes ‚30‘ festgestellt“ hat (Husserliana XVI, S. 389). Dagegen ist die andere Folgerung, die Claesges aus der Notiz zieht, nämlich, Husserl hätte die Blätter der Vorlesung von 1907 schon vor 1909 paginiert, nicht stichfest: könnte Husserl die Blätter doch erst 1909, als er sie zur Vorbereitung seiner 1909er Sommervorlesung heranzog, paginiert haben.

6 Einige Beispiele für diese Übereinstimmungen: unten S. 111, Z. 23 – S. 112, Z. 23 (F I 7/9b) – Husserliana XVI, S. 17, Z. 6 ff.; unten S. 120, Z. 19 – S. 122, Z. 9 (F I 7/15) – Husserliana XVI,

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einleitung der herausgeberin

Selbstverständlich ließ Husserl in der Vorlesung „Einführung in die Phä- nomenologie der Erkenntnis“ auch seine Logischen Untersuchungen nicht unberücksichtigt. Hinsichtlich der „radikalen Widersinnigkeiten des Psy- chologismus“ hat er „im ersten Band meiner Logischen Untersuchungen alle nötigen Nachweisungen zu geben versucht, und Sie mögen da das Nähere lesen“ (F I 18/22a – S. 30, Z. 19 – S. 31, Z. 12). Auf Blatt F I 17/25b, paginiert als „41“, heißt es: „Anstatt Bewusstsein sagt man in gleichem Sinn auch Akt, ein Wort, das in meinen Logischen Untersuchungen immer genau in diesem Sinn gebraucht wird“ (S. 63, Z. 1618), und auf Blatt F I 17/26b mit der Paginierung „42“: „In meinen Logischen Untersuchungen habe ich bei der Rede von Phänomenologie immer an die Akte gedacht und sie als Wissenschaft von den Akten in rein immanenter Betrachtung verstanden“ (S. 65, Z. 2224). Auf die VI. Untersuchung verweist Husserl, wenn er auf dem als „76“ paginierten Blatt F I 7/16a sagt: „Darstellung ist Repräsentation des Ähnlichen durch Ähnliches. Ich selbst habe diesen Ausdruck in den Logischen Untersuchungen gebraucht“ (S. 123, Z. 46). Schließlich findet sich auf Blatt F I 7/39b 1 der Hinweis auf die V. Untersuchung: „Danach gebe ich also die Identifikation von Empfindung und Empfindungsinhalt (die ich in den Logischen Untersuchungen vollzogen habe) wieder auf?“ (S. 147, Z. 1112). Die Vorlesungsarbeit kostete Husserl viel Zeit, so dass seine eigene For- schungsarbeit zu kurz kam, zumal „es mit mir in den Ferien immer mehr parterre gieng … und hier kam ich nicht zu Kräften“, wie er am 13. Mai 1909 Heinrich Husserl mitteilt. Und er fährt fort: „Jetzt ists zwar besser, aber in der Arbeit kommt nichts Ordentliches heraus.“ 2 Dementsprechend schreibt er am 8. September 1909 an Gustav Albrecht: „Ich habe den ganzen Sommer für meine eigenen Untersuchungen verloren und das war eine sehr trübe Sache. Natürlich fehlte es auch nicht an den üblichen Depressionen und an der bekannten nahezu vollständigen Willenslosigkeit. Meinen Vor- lesungsschimmel habe ich pflichtmäßig zugeritten, und sonst die äußeren

S. 45 f.; unten S. 126, Z. 16 – S. 127, Z. 11 (F I 7/20b) – Husserliana XVI, S. 46, Z. 37 – S. 47, Z. 4; unten S. 131, Z. 9 – S. 132, Z. 2 (F I 7/24a) – Husserliana XVI, S. 55, Z. 33 – S. 56, Z. 4; unten S. 133, Z. 28 – S. 135, Z. 19 (F I 7/26) – Husserliana XVI, S. 58, Z. 7 – S. 59, Z. 11.

1 Die mit „1“ und „2“ paginierten Blätter F I 7/3940 mit der Randnotiz „Abschrift und Verbesserung“ dürfte Husserl 1909 im Zuge der Vorlesung „Einführung in die Phänomeno- logie der Erkenntnis“ geschrieben und ihr beigelegt haben. Die Blätter sind veröffentlicht in Husserliana XXIII als Text Nr. 8.

2 Edmund Husserl, Briefwechsel. Bd. IX: Familienbriefe, S. 282.

einleitung der herausgeberin

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Geschäfte zur Not ausgeführt. Aber alles sonst habe ich liegen lassen.“ 1 Doch bildet diese Vorlesung die Grundlage für eigene Forschungen in den Sommerferien 2 und vor allem im darauf folgenden Herbst und Winter. 3

1912 “ eines Göttinger Universitäts-

schreibens, das Husserl als Umschlag für die von „ 22 “ bis „ 61 “ (S. 3299) paginierten Blätter der Vorlesung „Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis“ benutzte, ersichtlich ist, hat Husserl das Manuskript dieser Vor- lesung 1912 wieder zur Hand genommen. Auch wenn sich keine entsprechen- den Notizen und Randbemerkungen finden lassen, ist doch anzunehmen, dass Husserl zumindest den ersten Teil der 1909er Vorlesung für seine im Sommersemester 1912 gehaltene Vorlesung „Einleitung in die Phänomeno- logie“, vermutlich aber auch in Hinblick auf seine „Ideen“ 4 durchgesehen hat. Wiederum dürfte Husserl die 1909er Vorlesung für seine Vorlesung „Aus- gewählte phänomenologische Probleme (zur Einleitung in die Phänomeno- logie) “ vom Sommer 1915 herangezogen haben. Jedenfalls trägt die Vorder- seite des UmschlagsFI 31/2, in dem die von „1“ bis „69“ paginierten Blätter dieser Vorlesung liegen, die Notiz: „Vgl. dazu die Parallelvorlesung vom Jahr

1909“.

Ein mit dem Datum „22.6.21“ versehener Brief der Verlagsbuchhandlung Felix Meiner, den Husserl als Umschlag für die von „1“ bis „21“ paginierten Blätter des Vorlesungsmanuskripts von 1909 benutzte, legt die Vermutung nahe, dass Husserl dieses Manuskript auch zu dieser Zeit, in Zusammenhang mit seinem geplanten „Grundwerk der Phänomenologie“, 5 wieder gelesen

Wie aus dem Datum „ 17. Januar

1 A.a.O., S. 45 f.

2 In den Sommerferien 1909 entstehen, wohl im Anschluss an die Wahrnehmungsanalysen der Sommervorlesung Blätter über Wahrnehmung (vgl. Karl Schuhmann, Husserl-Chronik. Denk- und Lebensweg Edmund Husserls, Den Haag 1977, S. 128 f.).

3 Trotz des für eigene Forschungsarbeit verlorenen Sommers „bietet ihm diese erneute Dis- kussion des Verhältnisses von ‚allgemeiner Phänomenologie und phänomenologischer Philoso- phie‘ (F I 17/52a) – ein dem Titel der Ideen sehr nahestehender Ausdruck – doch hinreichend Boden für einen darauffolgenden ‚Herbst und Winter intensivster Arbeit‘ (Brief an P. Natorp vom 22. Februar 1910), die sich aber diesmal nicht in Vorlesungen, sondern ausschließlich in Manuskripten niederschlägt“ (Karl Schuhmann, „Einleitung des Herausgebers“, Husserliana III, 1, S. XXI).

4 Am 7. Juli 1912 schreibt Husserl an William Ernest Hocking: „Ich gedenke ein eigenes Organ (Jahrbücher für Philosophie und phänomenologische Forschung ) zu begründen und vom Herbst d.J. ab in demselben der Reihe nach die Ergebnisse meiner Studien des letzten Jahrzehnts zu publiciren. Am ersten Stück = ‚Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch ‘ schreibe ich jetzt eifrig“ (Edmund Husserl, Briefwechsel, Bd. III: Die Göttinger Schule, S. 160).

5 Am 25. November 1921 schreibt Husserl an Roman Ingarden: „Ich arbeite jetzt seit einigen

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einleitung der herausgeberin

haben dürfte.Wahrscheinlich hat er bei dieser Gelegenheit auch die erst nach der Vorlesung von 1909 entstandenen Blätter F I 17/4344 S. 84, Anm. 1) in das Manuskript eingelegt.

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Husserl hat den Text der Vorlesung „Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis“ während des laufenden Semesters mit Tinte in Gabelsberger Stenographie auf in der Mitte gefaltete Blätter niedergeschrieben. Neben Streichungen, Veränderungen, Hinzufügungen und Randbemerkungen, die Husserl mit dem für die Niederschrift verwendeten Schreibmittel vorgenom- men hat – die also so gut wie sicher gleichzeitig mit der Niederschrift ent- standen sein dürften –, weist das Vorlesungsmanuskript auch Streichungen, Veränderungen, Einfügungen und Randbemerkungen mit Bleistift, Blau- stift und Rotstift auf, die noch hrend des laufenden Semesters, z.B. bei der Vorbereitung der nächsten Vorlesungsstunde oder beim nochmaligen Durchlesen des Textes kurz vor einer Vorlesungsstunde, aber auch nach Ablauf des Semesters und in späteren Jahren vorgenommen sein können. 1 Außer der groben Einteilung in einen ersten und zweiten Teil hat Husserl den Text der Vorlesung weder durch Überschriften noch nach einzelnen Vorle- sungen gegliedert. Nur an einigen wenigen Stellen hat er den Text am Rand mit inhaltlichen Hinweisen versehen, die aber allesamt aus späterer Zeit stammen dürften. Allerdings hat Husserl die Blätter mit Bleistift paginiert. 2

Monaten meine allzu großen Msc. durch und plane ein großes system atisches Werk, das von unten aufbauend als Grundwerk der Ph änomenologie dienen könnte“ (Edmund Husserl, Briefwechsel, Bd. III: Die Göttinger Schule, S. 213). 1 Beispiel: Die Notiz mit Blaustift „Pfingstferien“, die Datumsangabe mit Bleistift „26/5 09 “ auf Blatt F I 17/32b (S. 72, Z. 29 – S. 73, Z. 6) und die Randbemerkung mit Bleistift Wiederholung“ auf dem folgenden Blatt stammen ebenso wie einige mit Bleistift gestrichene und durch einen anderen Text ersetzte Textstücke aus der Zeit der Niederschrift, wohingegen

die Nullen mit Blaustift auf Blatt F I 7/59 (S. 175, Z. 1 – S. 176, Z. 23) eindeutig aus späterer Zeit stammen–Husserl hat den Text des Blattes 1909 gelesen, wie ein späterer Verweis auf diesen Text zeigt –, wie auch die Bleistifteinfügung „scil. nach dem Obigen ontisch und phansisch“ auf Blatt F I 7/9a (S. 110, Z. 22 – S. 111, Z. 21) späteren Datums sein muss: Vorher war in der 1909er Vorlesung von diesem Unterschied nicht die Rede (lediglich auf Blatt F I 17/26b (S. 64, Z. 33

S. 65, Z. 26) wurde angekündigt, die Ausdrücke „Phansis“ und „phansiologische Analyse“ zu

gebrauchen). 2 Unsicher ist, wann Husserl die Vorlesung paginiert hat. Für eine Paginierung gleich beim

Niederschreiben des Textes könnte das als „ 1112 “ paginierte Blatt F I 18/14 (S. 18, Z. 12

S. 19, Z. 23) sprechen: Die Blätter der folgenden Vorlesung könnten schon paginiert gewesen

sein, als Husserl die beiden ursprünglichen, wohl weggeworfenen Blätter „11“ und „12“ durch das eine Blatt „ 1112 “ ersetzte. Auch das als „ ad 16 “ paginierte Blatt F I 18/19 (S. 27, Z. 17

S. 28, Z. 3) könnte auf eine Paginierung während des laufenden Semesters hinweisen, falls es,

wie aber angenommen werden dürfte, 1909 entstanden ist. Gegen eine Paginierung während des

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Das Manuskript des ersten Teils der Vorlesung befindet sich in den Kon- voluten F I 18 und F I 17. Das Konvolut F I 18 enthält 25 Blätter. Blatt 1 und Blatt 25 bilden einen Umschlag, in den Husserl die von „1“ bis „21“ paginierten Blätter der Vorlesung (S. 3, Z. 4 – S. 32, Z. 22) gelegt hat. Für den Umschlag hat Husserl den oben schon erwähnten an ihn gerichteten Brief der Verlagsbuchhandlung Felix Meiner vom 22. Juni 1921 verwendet. Die Vorderseite des Umschlags trägt die Blaustiftaufschrift: „Vorlesungen S/S 1909. Inhaltsverzeichnis Innenblatt: Phänomenologie als ‚Erste Philoso- phie‘. ‚Phänomene‘ der Phänomenologie. Vorgegebenheit der natürlichen Erkenntnis. Absolute Erkenntnis.“ Dieses Innenblatt hat Husserl zusammen mit einem Blatt, F I 18/3, auf das er Überlegungen zur Vorlesung notierte, vor die Vorlesungsblätter in den Umschlag gelegt. Auf das „Innenblatt“ schrieb Husserl mit Bleistift: „Phänomenologie als Erste Philosophie 57 f. ‚Phänomene‘ der Phänomenologie 6 ff. Vorgegebenheit in der natürlichen Erkenntnis 9 ff. Absolute Erkenntnis 14 ff. Logik 13, 19, 22.“ Die Rückseite dieses Blattes ist auf S. 8, Anm. 1, das Blatt F I 18/3 auf S. 3, Anm. 1 veröffent- licht. Auf das als 1“ paginierte Blatt F I 18/4 notierte Husserl mit Bleistift:

„Zuerst die Rekapitulation lesen, 48a, und als Leitfaden benutzen“. 1 Für das als „8“ paginierte Blatt F I 18/11 (S. 14, Z. 25 – S. 15, Z. 12) verwendete Husserl ein Fakultätsschreiben vom 24. April 1909, für das als „21“ paginierte Blatt F I 18/24 (S. 32, Z. 1222) eine „Einladung zu Doktor-Prüfungen“ vom 12. Mai 1909. Die Blätter „ 22 “ bis „ 61 “ (S. 32, Z. 24 – S. 99, Z. 36) liegen in Konvolut F I 17. Dieses Konvolut umfasst 56 Blätter, von denen die Blätter 1 und 56 einen Gesamtumschlag bilden, der nur die Aufschrift „F I 17“ trägt. Die Aufschrift mit Blaustift auf der Vorderseite des aus dem schon erwähn- ten Universitätsschreiben vom 17. Januar 1912 bestehenden Umschlags F I 17/2 + 55 lautet: „Allgemeine Einführung. Idee der Phänomenologie und ihre Methode. 1909. Vgl. das Gleichnis von der dunklen Höhle in Anwendung auf die Schwierigkeiten der Phänomenologie p. 100 (im nächsten Pack). I. Teil der Einführung in die Phänomenologie, Sommersemester 1909. Sehr wertvoll sind noch immer die verschiedenen Ausführungen von September 1908 und

laufenden Semesters aber könnte z.B. sprechen, dass die Blätter F I 17/3338 (S. 73, Z. 7 – S. 81, Z. 11), die „Rekapitulation des bisherigen Ganges der Vorlesungen“ nach den Pfingstferien, um sie besonders kenntlich zu machen, mit Blaustift von „48a“ bis „48f“, also nicht durchlaufend paginiert sind. 1 Diese Notiz könnte auf die Benutzung der 1909er Vorlesung in den Jahren 1912 oder 1915 hinweisen.

xiv

einleitung der herausgeberin

September 1907, so Aσ über transzendentale Phänomenologie 16, ‚L‘ über

Logik, Ontologie und Phänomenologie etc.“ 1 Des Weiteren notierte Husserl an den oberen Rand mit Rotstift: „Kolleg 1909“. Später schob Husserl noch vor die Blätter der Vorlesung ein nicht vor 1912 geschriebenes unpaginiertes Blatt in den Umschlag ein, das die Randbemerkung trägt: „Disposition der Vorlesungen 1910/11 2 (über Intersubjektivität). (Niedergeschrieben in einem der nächsten darauf folgenden Jahre).“ Auch das halbierte Blatt

F I 17/16 (S. 50, Anm. 3) ist unpaginiert. Sein gestrichener Text könnte

als Ersatz für den später gestrichenen Text des folgenden Blattes gedient haben. An das Textende des als „48“ paginierten Blattes F I 17/32 (S. 71, Z. 32 – S. 73, Z. 6) hat Husserl mit Bleistift das Datum „ 26/5 09 “ und mit Blaustift „Pfingstferien“ geschrieben. Nach den Pfingstferien trug Husserl

eine „Rekapitulation des bisherigen Ganges der Vorlesungen“ vor, wie er

mit Blaustift an den oberen Rand des ersten Blattes nach den Pfingstferien

F I 17/33a (S. 73, Z. 7 – S. 74, Z. 17) notierte. Am Rand vermerkte er mit

Bleistift: „9/6 1909. Wiederholung“. 3 Die Rekapitulationsblätter F I 17/3338 (S. 73, Z. 7 – S. 81, Z. 11) sind nicht, wie das übrige Vorlesungsmanuskript, mit Bleistift paginiert, sondern mit Blaustift, und zwar als „48a“ bis „48f“; und ebenso ist auch noch das folgende Blatt F I 17/39 (S. 81, Z. 12 – S. 82, Z. 6) mit Blaustift als „49“ paginiert. 4 Den Text des als „53“ paginierten Blattes F I 17/41a (S. 82, Z. 25 – S. 83, Z. 7) hat Husserl auf die Rückseite eines Universitätsschreibens vom Juni 1909 niedergeschrieben. Der zweite Teil des Vorlesungsmanuskripts, die von Husserl als „62“ bis

117 “ paginierten Blätter (S. 100190), liegen in Konvolut F I 7. Dieses Konvolut enthält 74 Blätter. Auf der Vorderseite des Gesamtumschlags F

I 7/1 + 74 befinden sich folgende Aufschriften mit Blaustift: „II. Teil der Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis, Vorlesungen Sommer 1909. Speziell Wahrnehmung. Die speziellen Analysen (Wahrnehmungs-

1 Die Blätter Aσ vom September 1907 liegen als die Blätter 2731 in Konvolut B II 1. Sie sind veröffentlicht in Husserliana XXIV, S. 424430. Zu Blättern vom September 1908 siehe Karl Schuhmann, Husserl-Chronik, S. 118 f.

2 Im Manuskript irrig „1909/10“. Wie dem Text zu entnehmen ist, handelt es sich um die Vorlesung „Grundprobleme der Phänomenologie“ vom Wintersemester 1910/11. – Das Blatt ist veröffentlicht in Husserliana XIII, S. 195 f.

3 Die Bleistiftnotiz dürfte während des Semesters, die Überschrift mit Blaustift hingegen später entstanden sein.

4 Dies könnte, wie schon weiter oben erwähnt, darauf hinweisen, dass das Manuskript erst später paginiert wurde und die Rekapitulation besonders hervorgehoben werden sollte. – Diese Blätter F I 17 3338 sind zusammen mit den ihnen voraufgehenden Blättern F I 17/2632 (S. 64, Z. 8 – S. 80, Z. 28) veröffentlicht in Husserliana X, S. 335353.

einleitung der herausgeberin

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analysen) beginnen p. 62, eigentlich erst 65. Transient unterschieden von transzendent 72. Rekapitulation (nach den Pfingstferien) 48 a . Zeit in der Wahrnehmung etwa von 89 ab. Pagina 62 ff.“ Mit Rotstift fügte Husserl hinzu:

„Zu Wahrnehmung “. Am oberen Rand rechts befindet sich mit Blaustift die Zahlenangabe „ad 282“ und die auf das Manuskript F I 7 bezügliche Angabe „(63/117)“, beide Angaben von der Hand Edith Steins. 1 Für das als „71“ paginierte Blatt F I 7/11 benutzte Husserl eine „Einladung zu einer Fakultätssitzung“ vom 21. Juni 1909. Husserls Hinweis „81“ auf Blatt F I 7/12b (S. 116, Z. 10 – S. 117, Z. 5) bezieht sich auf F I 7/22b (de facto auf das

als „ 80 “ paginierte Blatt; S. 127, Z. 21 – S. 129, Z. 20). Blatt F I 7/25 (S. 132,

Z. 3 – S. 133, Z. 26) ist ein als „30“ paginiertes Blatt aus der Dingvorlesung

des Sommers 1907. 2 Unter den Blättern der 1909er Vorlesung bekam es die zweite Paginierung „ad 82 “. Blatt F I 7/27 (S. 135, Z. 20 – S. 136, Z. 15) stammt Papier und Schriftbild zufolge aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre

des 19. Jahrhunderts. Es erhielt mit Blaustift die Paginierung „ad 84 “. Die ursprüngliche Paginierung „ 79 “ des folgenden Blattes F I 7/28 (S. 136, Z. 16

– S. 137, Z. 32) ist mit Blaustift gestrichen und ersetzt durch „ad 84 und 79“. Für Blatt F I 7/45 mit der Paginierung „93“ (S. 157, Z. 1437) verwendete Husserl eine „Einladung zu Doktor-Prüfungen“ vom 9. Juli 1909. Ebenso

benützte er für das als „ 103 “ paginierte Blatt F I 7/56 (S. 171, Z. 22 – S. 172,

Z. 25) ein Universitätsschreiben vom 8. Juli 1909. Die Rückseite des Blattes

F I 7/64a mit der Paginierung „ 111 “ (S. 182, Z. 820) ist eine „Einladung zu

Doktor-Prüfungen“ vom 24. Juli 1909, die Rückseite des folgenden Blattes „112“ (S. 182, Z. 21 – S. 183, Z. 12) eine „Einladung zu Doktor-Prüfungen“ vom 17. Juli 1909. Die Blätter F I 7/70 und F I 7/73, paginiert als „117“ (S. 187,

Z. 20 – S. 189, Z. 7) werden aus einem doppelten Briefbogen gebildet. Der

nur eine Seite in Beschlag nehmende Brief datiert vom 5. Mai 1909; die restlichen drei Seiten sind von Husserl beschrieben. Unter den Blättern, die die Paginierung der 1909er Vorlesung tragen, liegen auch einige Blätter ohne oder mit einer anderen Paginierung. F I 7/17a (S. 123, Anm. 3) ist ein kleiner unpaginierter Zettel mit einer kritischen Bemerkung zur Vorlesung. Ein ebenso kleiner unpaginierter Zettel F I 7/34 (S. 144, Z. 1519) bringt ein Beispiel zur Wahrnehmung. Blatt F I 7/35 (S. 141, Z. 32 – S. 143, Z. 3)

1 Über das ganze Manuskript F I 7 verstreut finden sich von der Hand Edith Steins Randtitel, ebenso wie Zahlenangaben, die sich auf das Inhaltsverzeichnis der großen Manuskriptzu- sammenstellung von Edith Stein beziehen, das in Husserliana XXIII, S. 602611 abgedruckt ist.

2 Dieses Blatt ist erstmals veröffentlicht in Husserliana XVI, S. 56, Z. 5 – S. 58, Z. 6.

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einleitung der herausgeberin

trägt die Bleistiftpaginierung „29“. 1 Das unpaginierte Blatt F I 7/36 (S. 143,

Z. 4 – S. 144, Z. 4) enthält Notizen „zu Müller“. 2 Ebenfalls unpaginiert

ist Blatt F I 7/37 (S. 144, Z. 514) mit der Notiz „Abschrift eines alten Blattes“ und dem Randtitel mit Blaustift „Akte in der Einbildung“. F I 7/38 (S. 144, Z. 20 – S. 146, Z. 5), ein altes als 1“ paginiertes Blatt, trägt die

Bemerkung mit Blaustift: „Von neuem zu studieren und für die systematische Ausarbeitung neu zu bearbeiten. Gut.“ 3 Die BlätterFI 7/39 und 40 (S. 146,

Z. 6 – S. 148, Z. 26) 4 tragen Husserls Paginierung mit Bleistift „1“ und „2

und den Vermerk mit Bleistift: „Abschrift und Verbesserung“. Schließlich hat Husserl noch zwei nicht paginierte Blätter, F I 7/71 und 72 (S. 189, Z. 8 – S. 190, Z. 8), in den doppelten Briefbogen eingelegt.

*

Husserl hat die Vorlesung „Einführung in die Phänomenologie der Er- kenntnis“ weder im Ganzen umgearbeitet noch in einem späteren Semester in veränderter Form noch einmal vorgetragen. Da also von keiner Gesamtbe- arbeitung gesprochen werden kann, wird der in diesem Band veröffentlichte Vorlesungstext nicht in Letztfassung geboten, vielmehr wurde versucht, den ursprünglichen Vorlesungstext weitgehend zu rekonstruieren. Dementspre- chend wurden später gestrichene Textstücke im Text belassen und diese Streichungen nur in den Fußnoten angegeben. Spätere Textveränderungen und Hinzufügungen werden in Fußnoten gebracht. Da nicht bei allen Beila- gen zum Vorlesungstext zu entscheiden war, wann sie entstanden sind und

1 Dieses Blatt ist erstmals veröffentlicht in Husserliana III, 2, S. 550, Z. 23 – S. 551, Z. 39. Laut Karl Schuhmann gehörte das Blatt zu dem ursprünglich 40 Blätter zählenden Tintenmanuskript, das Husserl um Juli 1912 als Vorarbeit zu den Ideen I niedergeschrieben hat. Außer Blatt F I 7/35 sind nur noch einige wenige Blätter vorhanden. (Siehe dazu Karl Schuhmann, Reine Phänome- nologie und phänomenologische Philosophie, Den Haag 1973, S. 93 f.) Es kann angenommen werden, dass das Blatt schon vor 1909 entstanden ist und Husserl es 1912 in das Tintenmanu- skript aufgenommen und später wieder unter die Blätter des Vorlesungsmanuskripts von 1909 zurückgelegt hat. Die Bleistiftüberarbeitung könnte somit 1912, wahrscheinlich aber dürfte sie 1909 vorgenommen worden sein.

2 Dabei handelt es sich um G. E. Müller, Zur Analyse der Gedächtnistätigkeit und des Vor- stellungsverlaufes, Leipzig 19111913. Wie diese Jahreszahlen zeigen, ist das Blatt nach 1913 geschrieben, wie auch der Gebrauch der Terminologie der 1913 entstandenen Ideen I (Noema, volles Noema, Satz, noetisch) beweist.

3 Zu diesem Blatt gehören das als „zu 1“ paginierte Blatt A VI 11 II/79 und das als 2“ paginierte Blatt A VI 11 II/84.

4 Die beiden Blätter sind erstmals veröffentlicht in Husserliana XXIII, S. 265, Z. 5 – S. 269, Z. 20.

einleitung der herausgeberin

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zu welcher Zeit Husserl sie in das Vorlesungsmanuskript hineingelegt hat, ob noch während des Semesters oder später, werden sie allesamt in den lau- fenden Vorlesungstext in Kleindruck eingefügt. 1 Kleinere Veränderungen, auch stilistischer und grammatischer Art sowie solche, bei denen keinerlei Hinweis, weder inhaltlich noch sonstwie, vorliegt, ob sie noch hrend des Semesters oder erst später vorgenommen wurden, sind in den Drucktext aufgenommen, ohne dass dies eigens in den Fußnoten erwähnt würde. Noch während der Niederschrift gestrichene und durch einen anderen Text ersetzte Textstücke werden, sofern sie inhaltlich Neues bringen und von einiger Wichtigkeit sind, in den Fußnoten geboten. Aber auch einige dem neuen Text ähnliche, noch hrend der Niederschrift gestrichene Textstücke sind in den Fußnoten abgedruckt. Randbemerkungen aus der Zeit der Niederschrift wurden nach Möglichkeit in den Text eingegliedert. Alle sonstigen, sowohl mit der Niederschrift gleichzeitigen als auch späteren Randbemerkungen werden als Fußnoten gegeben. Diese späteren Randbemerkungen erhielten, ebenso wie die später vorgenommenen Veränderungen und Hinzufügun- gen, einen speziellen Hinweis. In eckige Klammern gesetzte Textstücke, bei denen nicht entschieden werden konnte, ob Husserl sie vorgetragen hat oder nicht, wurden im Text belassen; die eckigen Klammern wurden durch runde Klammern ersetzt. Der Übersichtlichkeit halber wurden dem Vorlesungstext einige wenige Überschriften eingefügt, für die auch Titel auf dem oben schon erwähnten „Innenblatt“, husserlsche Umschlagaufschriften und Randbemerkungen sowie einige Randtitel Edith Steins benutzt wur- den. Zwei Fußnoten mit Asterisken enthalten Literaturhinweise der Heraus- geberin. Verschreibungen Husserls und fehlerhafte Sätze wurden stillschweigend verbessert. Alle Hinzufügungen der Herausgeberin sind in spitze Klammern gesetzt. Die in den Manuskripten überaus zahlreichen Unterstreichun- gen Husserls wurden nur in den wenigen Fällen (und zwar als Sperrdruck) berücksichtigt, in denen sie zum besseren Verständnis des Textes beitragen. Die Rechtschreibung wurde weitgehend den gegenwärtigen Regeln des Du- den angepasst.

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1 Auch die erst nach 1913 hinzugelegte Beilage „zu Müller“ ist zusammen mit den anderen an dieser Stelle des Manuskripts liegenden Beilagen abgedruckt (S. 143, Z. 4 – S. 144, Z. 4) Sie erhielt aber einen entsprechenden Vermerk in den Fußnoten.

xviii einleitung der herausgeberin

Zum Schluss möchte ich dem Direktor des Husserl-Archivs zu Leuven, Professor Rudolf Bernet und Professor Ullrich Melle meinen tiefen Dank aussprechen nicht nur für ihr Vertrauen und Entgegenkommen, sondern für ihre Hilfe in der vergangenen schweren Zeit. Durch ihre Unterstützung wurde es mir möglich, die Arbeit an diesem Band wieder aufzunehmen. Professor Ullrich Melle danke ich überdies für die Freundschaft, die er mei- nem Mann in der Zeit der Krankheit entgegenbrachte. Dr. Thomas Vongehr danke ich dafür, dass er mir frühere Notizen zur Verfügung gestellt hat. Doch der größte Dank gilt meinem verstorbenen Mann, der – solange es seine Krankheit erlaubte – beim Kollationieren half und mir mit Rat und Tat zur Seite stand.

Elisabeth Schuhmann

EINFÜHRUNG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE DER ERKENNTNIS

VORLESUNG 1909

I. TEIL

ALLGEMEINE EINFÜHRUNG. IDEE DER PHÄNOMENOLOGIE UND IHRE METHODE

Gegensatz zwischen natürlicher und philosophischer Denkhaltung

Die 1 Wissenschaft, in welche ich Sie in diesen Vorlesungen einführen will, ist eine wesentlich neue Wissenschaft. So neu ist die Phänomenologie, dass in unserer Zeit erst wenige von der Existenz, ja auch von der Mög- lichkeit einer solchen Wissenschaft eine Ahnung haben. Es gilt das selbst von solchen Forschern, welche von den ersten wirklich phänomenologischen Untersuchungen einige Kenntnis genommen, sie in psychologischer Absicht benützt, selbst unter dem Titel „Phänomenologie“ geschrieben und doch das eigentümliche Wesen der Phänomenologie, ihre Methode, ihr von aller

1 Überlegung zur Vorlesung Vorlesung Sommersemester 1909. Anfang vom Gegensatz zwi- schen natürlicher und philosophischer Denkhaltung. Naturerkenntnis und Erweiterung der Naturerkenntnis. Schranken der natürlichen Geisteshaltung. Frage nach der transzendentalen Möglichkeit der Erkenntnis. Wirklichkeiten stehen immer als Gegebenheiten vor Augen. Ohne vorgegebene Wirklichkeit, wie sie letztlich in unmittelbarer Erfahrung zur Gegeben- heit kommt, ist keine weitere Wirklichkeit zu erkennen. Natürliche Erkenntnis fängt nicht damit an, als problematisch zu setzen, ob etwa über- haupt eine Wirklichkeit ist, um dann erst zu entscheiden, sondern sie fängt mit der Thesis der Wirklichkeit an. Was ist das schon Gesetzte? Wie beschaffen ist es? Ist das Hier? Ist das Wirkliche? Auch bei der Naturwissenschaft: Die Wirklichkeit der Natur ist ihr eine Vorgegebenheit:

eine einzige räumlich-zeitliche Welt, die von allen (ebenfalls im Voraus gesetzten) Erkennenden als die eine und selbe angesetzt, wenn auch erst nach ihrem Sosein zu bestimmen ist. Sich in ihr wissenschaftlich zu orientieren, sie erkenntnismäßig zu beherrschen, das ist die Aufgabe. Ist die Vorgegebenheit der Natur kein Problem? Wir stellen sie in Frage. Bietet sich da nicht eine Fülle von Schwierigkeiten zu verstehen, was das Recht dieser Setzung eigentlich ausmachen soll und ob es nicht ein zweifelhaftes Recht ist? Und weitere Frage: wo ein Unzweifelhaftes zur Gegebenheit kommen kann? Forderung eines absoluten Erkennens. (Ich müsste jetzt geradezu sagen: Metaphysik, Philosophie will absolute Seinserkenntnis sein.) Radikale Kritik aller Vorgegebenheiten der natürlichen Erkenntnis. Sie insgesamt, und damit die ganze natürliche Erkenntnis überhaupt „in Frage stellen“ (nicht dasselbe wie bezwei- feln). Methode, mit dem universellen Zweifel es zu versuchen. Noch in natürlicher Denkhaltung:

Es gibt Illusionen, Halluzinationen. Natürliche Frage: Woher wissen wir, dass wir nicht überall

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allgemeine einführung

Psychologie und aller natürlichen Wissenschaft unterschiedenes Forschungs- niveau verkannt und somit de facto gar nicht phänomenologische Untersu- chungen angestellt haben. Die Phänomenologie ist so wenig Psychologie, als sie Physik ist, obschon die Versuchung groß und in unseren späteren Betrachtungen uns sehr begreiflich werden wird, Phänomenologie und Psy- chologie zu vermengen. Es darf übrigens mit Rücksicht auf die in Rede stehende Vermengung nicht die Vorstellung Platz greifen, als ob das, was wir jetzt unter dem Titel „Phänomenologie“ abgrenzen wollen, nur einheitlich verschiedene Untersuchungen, und selbstverständlich zusammengehörige, aussondere, welche bisher schon unter dem Titel „Psychologie“ und evtl. im Rahmen noch anderer Wissenschaften behandelt wurde. Die Neuheit der Phänomenologie besteht vielmehr auch darin, dass wissenschaftliche Unter- suchungen phänomenologischer Art, auf klarer Erkenntnis der zu lösenden Probleme beruhende und nach der ihnen angemessenen Methode geführte, früheren Zeiten überhaupt fremd waren; obschon es anzuerkennen ist, dass unter den psychologisch gemeinten Forschungen insbesondere erkenntnis- theoretischer Art einige sind – ich nenne insbesondere den Treatise von Hume –, die für jeden Phänomenologen höchst wertvoll sind, weil sich in ihnen, vermengt mit anderem und völlig missdeutet durch den Autor selbst, phänomenologische Motive empordrängen und ein ungewöhnlich großer phänomenologischer Gehalt sichtbar wird, sowie man Wesen und Methode phänomenologischer Forschung kennen gelernt hat. So verhält es sich also nicht wie mit der Abgrenzung neuer naturwissenschaftlicher Disziplinen, von denen wir öfters Zeugen gewesen sind, z.B. so wie mit der Abgrenzung der ex- perimentellen Psychologie. Dass eine Reihe bedeutender experimentalpsy- chologischer Probleme lange vor der Abgrenzung dieser Disziplin und im Zu- sammenhang mit der neueren Physiologie seit Joh. Müller gestellt und in wis-

halluzinieren oder nicht immer gerade da, wo wir etwas als vorgegeben hingenommen haben? Versuchen wir es also mit dem universellen Zweifel. Der Zweifel sicher nicht überall widersinnig. Äußere Wahrnehmung. Eine Klasse von Gegebenheiten aber, wo der Zweifel in der Tat wider- sinnig ist: das Sein der cogitationes in der Reflexion. Erkenntnisprinzip der Zweifellosigkeit des „Seins“ der Cogitationen. Vgl. dazu Konvolut „Evidenz“ mit sehr wichtigen Ausführungen. Der Text ab Bietet sich da nicht eine Fülle von Schwierigkeiten wurde später bis hierher gestrichen. Bei dem Konvolut „Evidenz“ handelt es sich um Ms. A I 4. Worin die Schwierigkeit der „Vorgegebenheit“ hier besteht. Muss ich nicht gleich übergehen zu der Frage: Wie kann Erfahrung, d. i. eine Wahrnehmung und Erinnerung oder ein Komplex solcher (solange ich noch nicht weiß, absolute Sicherheit habe, dass „Dinge“ existieren), über sich hinaus, wie kann sie, die doch etwas anderes ist als Dinge und doch Ding weder selbst ist noch es reell enthält, reell „fasst“, das Sein von Dingen gewiss machen? Charakter der Evidenz? Evidenz der Gewissheit? Oder auch Charakter der „berechtigten“ Wahrscheinlichkeit? Aber was soll so eine Marke leisten?

natürliche und philosophische denkhaltung

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senschaftlich angemessener Methode behandelt worden waren, ist bekannt. Die Neubegründung der experimentellen Psychologie bedeutet nicht eine grundwesentliche Änderung der Probleme und Methoden, sondern nur ihre Bereicherung und wissenschaftliche Verschärfung, wie es der Fortschritt in al- lenWissenschaften mit sich bringt. Niemand würde Forschungen eines J.Mül- ler, Purkinje, E. H. Weber, Helmholtz und Hering in unserer Zeit verselb- ständigter Psychologie für unwissenschaftlich erklären, so viel Fortschritte auch in den von ihnen behandelten Gebieten inzwischen gemacht worden sind. Also hier liegt tatsächlich eine bloße Verknüpfung schon vorhandener Untersuchungen und Untersuchungsmethoden vor, nur dass mit der systema- tischen Vereinigung der in sich zusammengehörigen Untersuchungen bzw. Problemgruppen alle jene Vorteile gewonnen wurden, die jede Forschung unter systematischem Gesichtspunkt in einem natürlich sich erweiternden Umkreis innerer Zusammengehörigkeit nach sich zieht, zumal wenn das neue Gebiet zur ausschließlichen Arbeitssphäre von Fachmännern wird. Andererseits kann man nun freilich sagen, dass die Probleme, zu deren endgültiger Erledigung die Phänomenologie besonders berufen ist, keines- wegs neu, ja im Gegenteil uralt sind, dass sie nämlich im Rahmen der Phi- losophie seit den ersten Anfängen im griechischen Altertum immer wieder durchdacht und mit Aufwand höchster Denkenergie durchforscht worden sind. Die fraglichen Probleme sind keine anderen als die der Theorie der Vernunft, der Transzendentalphilosophie im weitesten Sinn. Es sind die Probleme, die die Korrelation zwischen Sein und Bewusstsein betreffen, und zwar nicht nur Sein als reales Sein, sondern auch als ideales Sein, etwa des Begrifflichen und Zahlenmäßigen, auch Sein als Wert-Sein, des Schönen und des praktisch Seinsollenden. Überall gibt sich sozusagen das Seiende als ein Ansich aus, als an sich seiend gegenüber der Erkenntnis, sofern was ist, ist, ob es erkannt wird oder nicht. Und überall ist doch für das erkennende Bewusstsein – empirisch gesprochen: für den Erkennenden – kein Zweierlei aufzuweisen, Erkennen und Werten, d.i. der Prozess der Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken, Urteile, Einsichten und daneben der Gegenstand, sondern nur Modi der Erkenntnis, modi cogitationis. Ja ein anderes hat offenbar gar keinen Sinn. Selbstgegebenheit des Gegenstandes ist selbst eine cogitatio, und ist der Gegenstand ein Ansich, d.i. ein Transzendentes, gemäß all der gegebenen Beispiele, so ist er eben nicht selbst eine cogitatio. Diese Probleme sind, wie gesagt, uralt, aber die wahre Auflösung dieser Probleme liegt einzig und allein in der Phänomenologie. Wie kann aber die Phänomenologie eine neue Wissenschaft sein, wenn ihre Probleme alt und, wie ich auch sagte, immer wieder und wieder bearbeitet worden sind?

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allgemeine einführung

Nun, denken Sie etwa an die Probleme der Natur der Fixsterne und an die Spektralanalyse, welche allein dazu berufen ist – mindest bisher die einzigen methodischen Möglichkeiten darbietet –, diese Probleme wissenschaftlich anzufassen. Wird man sagen, die Spektralanalyse gehöre schon dem Alter- tum an, weil ja die Alten sich schon viel um das Problem der Natur des Fixsternhimmels bemüht haben? Ich gestehe, dass das Gleichnis nicht in jeder Hinsicht stimmt. Diese Fixsternspekulationen der Alten wird niemand auf eine Stufe stellen mit den erkenntnistheoretischen Spekulationen derselben und gar mit denen der Neuzeit vor Etablierung der Phänomenologie. Es bleibt aber genug als tertium comparationis übrig. So wie eine Spektralanalyse erst da sein und wissenschaftlich schon sehr weit ausgebildet sein muss, um die Himmels- probleme angreifen und fördern zu können, und so wie sie anfangen und fortschreiten konnte, ohne an diese Probleme zu denken, so verhält es sich auch mit der Phänomenologie in Relation zu jenen uralten Rätselfragen des philosophischen Fixsternhimmels. Beiderseits kann eine Erwägung derWege möglicher Problemlösung zu den lösenden Disziplinen führen. Da wir die Fixsternwelten allein durch ihr sichtbares Licht wahrnehmen, so bietet das Studium der Optik einzig verständliche Möglichkeiten, über die Natur dieser Welten etwas Wissenschaftliches zu erfahren. So kann auch ein analytisches Studium der vernunfttheoretischen Probleme und der Bedingungen ihrer Lösbarkeit auf die sie lösende Optik führen, nämlich auf die Etablierung ei- ner Phänomenologie. Aber so ist man nicht verfahren. Man spekulierte über die Endprobleme selbst und gewissermaßen von oben her, man sah nicht, dass man in dem uns allein zugänglichen Unten allererst forschen müsste und dass hier ein weites Feld mit den vernunfttheoretischen Problemen wesensverwandter und miteinander verflochtener Probleme vorliege, die nur insgesamt und in ihrer natürlichen Ordnung behandelt werden müssen. Insoweit ist die Analogie also triftig und recht erleuchtend. Andererseits liegen die Sachen beiderseits aber sehr verschieden in der Hinsicht, dass erkenntnistheoretische, oder besser vernunfttheoretische, nicht die natür- liche Verständlichkeit und Eindeutigkeit physischer Probleme haben. Ihre Vermengung mit metaphysischen, naturwissenschaftlichen, speziell psycho- logischen Problemen geht durch die Jahrtausende. Sie war die notwendige Folge der uns allen ursprünglich eigenen natürlichen Denkhaltung gegenüber jener neuen durchaus künstlichen, aber spezifisch philosophischen Denk- haltung der Phänomenologie. Der Weg der Entwicklung war hier der: Es musste erst auf dem Wege der Kritik, im Kampf miteinander streitender Erkenntnistheorien eine scharfe, aber in ihrer Äußerlichkeit unvollkommene

natürliche und philosophische denkhaltung

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Sonderung zwischen Erkenntnistheorie und Psychologie und jeder Natur- wissenschaft überhaupt vollzogen sein, um der Phänomenologie den Weg zu eröffnen. Sowie dies und die Eigenheit der von ihr geforderten methodischen Denkhaltung erkannt war, wurde andererseits die Formulierung der reinen und echten vernunftkritischen Probleme möglich, und so war von jeder Seite der Weg zu einer streng wissenschaftlichen Vernunftkritik eröffnet und in weiterer Folge zu einer wirklich wissenschaftlichen Philosophie. Zur näheren Erläuterung bemerke ich: Es ist nicht genug, dass man auf indirektem Wege, nämlich durch die logische Aufweisung von Widersinnig- keiten dartut, dass Erkenntnistheorie, diese Wissenschaft von der Überwin- dung des Skeptizismus, von aller Psychologie fernbleiben müsse, es sei also jene seit Lockes Zeiten viel beliebte Form der Erkenntnistheorie, die wir psychologistische nennen, in sich absurd. Damit ist kein erkenntnistheore- tisches Problem selbst in seiner Reinheit von psychologischen und natur- wissenschaftlichen Einmengungen und in dem von den innersten Motiven aller Skepsis geforderten Sinn formuliert; es ist nicht das wissenschaftliche Gebiet aufgewiesen, in dessen natürlichen Zusammenhang sich diese Pro- bleme einordnen, und weiter ist nicht die Methode angegeben, wie ihnen in stetiger Untersuchung beizukommen sei. Kant und verschiedene kantische Schulen bekämpfen den Psychologismus, aber das hindert nicht, dass sie in konstruktive Vermögensmythologien hineingeraten, die das Gegenspiel von klarer Wissenschaft sind. Von klarer Wissenschaft, sagte ich. Evidenz in jeder Hinsicht, absolut schlichte, in ihrer Einfachheit unmittelbar fassliche Ausgangspunkte, klare, völlig eindeutige Problemformulierungen, frei von allem mystischen Beigeschmack, evident angemessene und klare Methoden:

das sind Forderungen, die an jede strenge Wissenschaft gestellt werden müssen. Es sind ganz unnachlässliche Forderungen, wie überall, so auch für die Kritik der Vernunft und Philosophie überhaupt. Sind Philosopheme Glaubensartikel, hängt das philosophische Seelenheil von einer wohl einge- übten Logik formelhafter Wendungen ab, und steht überhaupt Seelenheil, Erlösungssehnsucht, praktische befriedigende Weltanschauung voran, 1 dann ist Philosophie eben keine Wissenschaft. Sie mag darum eine schöne und große Sache sein wie Religion und konfessionelle Dogmatik. Ich denke aber, auch Wissenschaft ist eine schöne Sache, und nicht zum mindesten philoso- phische Wissenschaft. Ist sie möglich, dann dürfte sie doch auch hinsichtlich der bescheidensten Anfänge des Schweißes der Edlen wert sein. 2 Im Grunde

1 Gestrichen wie sie ja auch der Durchschnittsprediger im Bau seiner Predigten übt.

2 Gestrichen Und wer wollte denn a priori ausmachen, dass gerade bei ihr von wirklich festen,

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allgemeine einführung

will noch immer jeder Philosoph sein philosophisches „System“ haben, auf alle philosophischen Zielprobleme will er eine Antwort, kurz, er will den Stein der Weisen haben. Freilich, warum widmet man sich der Philosophie? Zunächst doch nicht, um wie in einem sonstigen Fach etwas zu „leisten“ und am Ende Professor zu werden. Die Not des Lebens, das Rätsel des Daseins, an dem der δ σκ λ ς so sehr leidet, treibt zur Philosophie, und das Leben fordert eine Antwort. Die Antwort aber muss für den intellektuell Gebil- deten so etwas wie wissenschaftliche Form haben, genannt eben System. Der erlösungsbedürftige Grieche sehnte sich nach erlösender Metaphysik, nach Religion, er wollte Religion. Aber er, der in griechischer Wissenschaft Erzogene, konnte sie nur annehmen in den Formen einer Philosophie, ge- nannt Dogmatik. Die meisten Philosophien sind von eben dieser Art. Eine jede ist eigentlich die Dogmatik eines Glaubens, eines ganz persönlichen Glaubens, der so genannten Weltanschauung des Philosophen. Das alles sei in seiner Schönheit in seinem Recht, in seiner Leben spannenden und Leben veredelnden Kraft anerkannt. Aber dürfen wir nicht und müssen wir nicht auch Philosophie alsWissenschaft gelten lassen, sind wir nicht berechtigt, von ihrem Werden und Wachsen Großes zu erhoffen, wenn nicht für unsere per- sönliche Lebensbefriedigung, für unsere persönliche Erlösung, für uns, die wir hier und jetzt in dieser Zeit leben, so für die künftige Menschheit? Man ruft nach einer Philosophie als Tat, nach einer Philosophie als Lebensmacht. Könnte nicht eine Philosophie als Wissenschaft der künftigen Menschheit edlere und höhere Lebensmöglichkeiten eröffnen, die unser Opfer anMühen und Entsagungen lohnen möchten? Ja, muss es nicht so sein? 1 Sie sind vielleicht erstaunt. Ich verteidige die Philosophie als Wissen- schaft. Diejenigen unter Ihnen, die sich in dem Geistesleben unserer Zeit umgetan haben, werden wohl wissen, dass es an Anlässen dazu nicht fehlt. Die große Umwendung, die im letzten Jahrzehnt erfolgt ist, die neue, immer stärker anwachsende Sehnsucht nach Weltanschauung, Religion, nach einem

streng gesicherten Fundamenten aus nicht ein gradus ad Parnassum und in infinitum zu immer herrlicheren Zielpunkten unmöglich sein werde? Freilich heißt es für den Anfang bescheiden sein. 1 Philosophie der Tat. Philosophie als Lebensmacht. Philosophie als Wissenschaft. Lebens- möglichkeiten eröffnend. Sehnsucht nach Weltanschauung und nach Religion. Armselige Ka- thederphilosophie. Wir brauchen eine Philosophie, die dem tiefsten Lebenswillen unserer Zeit, ihren Idealen, ihren Hoffnungen und Strebungen einen konkreten Ausdruck verschafft, eine Philosophie, die, aus reichstem persönlichem Leben erwachsen, gleichgestimmtes Leben zu erwecken, zu stärken, zu entfalten vermag. Schöpferische Leistung einer Persönlichkeit, welche in großer Weise alle herrschenden Tendenzen der Zeit konzentriert. Literarische Schöpfung, Kunstwerke. Erhabenheit und Würde der reinen εωρ α. Was sie festgestellt hat, ein unver- rückbarer Eckpunkt für alle künftigen Weltanschauungen.

natürliche und philosophische denkhaltung

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Leben im Geiste, einem persönlichen durchaus autonomen Leben in Freiheit, Schönheit, sittlicher Tat: diese große Umwendung bekundet sich auch als neu auflebendes Interesse an der Philosophie. Und die Philosophie soll die Führerin sein. Da sagt man aber: Was soll und kann uns diese armselige Ka- thederphilosophie, diese Philosophie als Wissenschaft helfen? Wir brauchen eine Philosophie, die dem tiefsten Lebenswillen der Zeit, ihren Idealen, ihren Hoffnungen und Strebungen einen konkreten Ausdruck verschafft, eine Philosophie, die, aus reichstem persönlichen Leben erwachsen, gleich gestimmtes Leben zu wecken, zu stärken, zu entfalten vermag. Solche Phi- losophie ist schöpferische Leistung einer genialen Persönlichkeit, welche in großer Weise alle herrschenden Tendenzen der Zeit konzentriert, in ihnen ihren allerpersönlichsten Lebenswillen findet und sie in einer vollendeten literarischen Schöpfung, dem philosophischen Kunstwerk, objektiviert. Ganz wohl, sage ich. Lassen wir diesen Philosophen und seine Philosophie kommen. Ist sie da, so soll sie auch uns erquicken. Auch wir sind Kinder der Zeit. Sollen wir aber, die wir keine Originalgenies sind, sondern schlichte Männer der Arbeit, die Hände in den Schoß legen, sollen wir nicht weiter, in unserer bescheidenen Art, den Zielen der Menschheit dienen dürfen, ihr dienen in den Formen der nicht auf Zeitliches, sondern Ewiges gerichteten Wissenschaft: der Wissenschaft, die freilich persönlicher Lebenssehnsucht nichts von überschwänglicher Befriedigung zu verschaffen vermag, ja die uns im Gegenteil über das eigene Ich, über unsere Zeit und alle ihre Nöte emporhebt in eine Region von Ewigkeitswerten. Gehen wir ruhig an unsere Arbeit. In der Arbeit mit Richtung auf die höchsten Erkenntnisziele, mit denen ja auch die idealen Leitsterne der Praxis beschlossen sind, liegt ein zweifelloser Segen. Die Erhabenheit und Würde der reinen εωρ α, in der Aristoteles dasWesen der göttlichen Seligkeit sieht, wird sicherlich nicht dadurch aufgehoben, dass wissenschaftliche Philosophie bei den geringen Anfängen, die bisher ausgebildet sind, dem lebendigen Menschen in seiner Lebensnot nicht helfen, dass sie seine innerste Sehnsucht nicht befriedigen kann. Andererseits wissen wir es aber, dass, was sie einmal in streng wissenschaftlicher Weise festgestellt hat, ein bleibender und für immer unverrückbarer Eckpunkt für alle künftigen „Weltanschauungen“ist. Und alle Weltanschauungsphilosophie müsste sich selbst als leere Phantasie verdächtigen, wenn sie wissenschaftliche Philosophie verachten und nicht anerkennen wollte, dass auch sie, wenn auch nicht in strenger, sondern bloß vorläufiger Form objektive Wahrheit anstrebe; und sicher ist, dass die dereinst endgültige, der objektiven Wahrheit gewisse Weltanschauung nichts anderes sein kann als die bis zu den höchsten Höhen entwickelte

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wissenschaftliche Philosophie, die dann eo ipso die voll erquickende Quelle von Maximen für eine ideale Praxis sein würde. 1 Doch kehren wir zu unserer Phänomenologie zurück, deren Bedeutung eben darin liegt, dass sie das Arbeitsfundament der Philosophie, der nüchtern wissenschaftlichen Philosophie ausmacht. In ihrer naturgemäßen Auswei- tung umspannt sie die gesamte Theorie und Kritik der Vernunft, der reinen Vernunft, d. h. der Vernunft in einem nicht psychologischen und anthropolo- gischen Sinn. Ja vielleicht kann man sogar sagen, dass alles Phänomenologi- sche sich dem Rahmen der unter dem Titel „Vernunft“ befassten Teleologien irgendwie einordnet, also dass jede phänomenologische Feststellung sich einordnet in eine vollständige Wissenschaft von der Vernunft. Andererseits kann die Phänomenologie sich etablieren und umfassende Forschungen durchführen, ohne auf die mannigfach überkommenen For- men erkenntnistheoretischer und sonstiger vernunfttheoretischer Probleme zurückzugreifen und ohne sich mit den historischen Theorien auseinander zu setzen. An die Begründung einer Metaphysik, an die Überwindung des jede Möglichkeit einer Metaphysik bestreitenden Skeptizismus, an die Probleme vom Sinn der prätendierten unbedingt objektiven Geltung der logischen und mathematischen Gesetze, von dem eigentlichen Sinn der Geltung aller Naturwissenschaft, von der bloßen Phänomenalität oder absoluten Realität der Natur: an alle dergleichen Probleme braucht gar nicht gedacht zu werden. Kurz, wir können die ganze Philosophie ruhen lassen. Andererseits freilich ist das Forschungsfeld der Phänomenologie darum sehr schwer zugänglich, weil es, wie ich zu sagen pflege, in einer anderen Dimension liegt gegenüber allen Feldern des natürlichen Denkens und Forschens. Es bedarf also einer gewissen Emporleitung, einer gewissen methodischen Führung, um den auf das Natürliche gewohnterweise gerichteten Blick in die neue Richtung zu bringen, in die Einstellung, die ihm das Phänomenologische sichtlich macht. Dazu können Beispielsanalysen dienen; andererseits kann man aber auch an die Hauptmotive der überlieferten Erkenntnistheorien anknüpfen bzw. in ganz allgemeiner Weise an das Rätsel der Erkenntnis. Diese Anknüpfung dient aber nur dem angegebenen Zweck der neuen Blickstellung.

1 Randbemerkung (später) Vgl. nachher ausgeführt, und sehr viel besser, in „Die Philosophie als strenge Wissenschaft“. Logos I.

phänomene“ der phänomenologie

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„Phänomene“ der Phänomenologie

Mit 1 Phänomenen soll es die Phänomenologie zu tun haben. Was sind das für Phänomene? Man hört oft genug die Naturwissenschaften als „Wissen- schaften von Phänomenen“ bezeichnen; die physischen Naturwissenschaften seien Wissenschaften von physischen, die Psychologie aber Wissenschaft von psychischen Phänomenen. Die Redeweise entstammt freilich nicht den eigenen Motiven naturwissenschaftlicher Forschung, sie stammt von der Philosophie her, aus gewissen philosophischen Reflexionen über das We- sen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und den Sinn oder Seinswert des naturwissenschaftlich Erkannten. Es werden also Naturobjekte, ihre Eigen- schaften, Relationen, ihre Kräfte und Zustände, darunter auch psychische Dispositionen und psychische Erlebnisse jeder Art, „Phänomene“ genannt. Sind das also die Objekte der Phänomenologie? Darauf ist natürlich zu antworten: Die fraglichen Objekte sind Natur- objekte und als solche Objekte der Naturwissenschaften. Daran kann eine bloße Umnennung natürlich nichts ändern. Aber freilich könnte es sein, dass es sich um mehr als um eine bloße Umnennung handelt, nämlich dass jedes Naturobjekt, überall, wo von Naturobjekt die Rede, wo es erkannt ist, etwa in Reflexion auf die natürliche Erkenntnis, die es zum Erkenntnisobjekt

1 Ursprünglicher, aber noch während der Vorbereitung gestrichener Text Mit Phänomenen soll es die Phänomenologie zu tun haben. Was sind das also für Phänomene? Man hört oft genug die Naturwissenschaften als Wissenschaften von Pnomenen bezeichnen. Die physische Naturwis- senschaft sei Wissenschaft von physischen, die Psychologie Wissenschaft von den psychischen Phänomenen. Es sind also Naturobjekte, Dinge, Vorgänge, dingliche Eigenschaften, psychische Akte und Zustände Phänomene genannt. Sind das die Objekte der Phänomenologie? Nun, in gewisser Weise bezieht sich phänomenologische Erkenntnis sicherlich mit auf all diese Sachen. Es entspricht das der bildlichen Rede von einer neuen Dimension. Wenn natürlich auch nicht in wörtlichem Sinn jedes natürliche Ding eine übernatürliche Dimension hat, als ob ihm als physischen Ding, genau als demselben, das der Naturforscher erforscht, noch eine Gruppe von Eigenschaften zukäme, welche die Phänomenologie erforscht; etwa so, wie das physikalische Ding, das wir menschlichen Leib nennen, eine nichtphysische Klasse von Eigenschaften hat, die wir mit den Worten bezeichnen: An einen Leib ist Bewusstsein gekpft, er ist „Reizen“ zugänglich, die Empfindung und weitere psychische Vorgänge auslösen. Nein. Das physische Ding und alle seine physischen Eigenschaften und ebenso all das, was wir in psychologischer Beziehung Subjekt und psychische Zustände des Subjekts nennen, hat seine Naturwirklichkeit und wird in dieser einzig und allein von den physischen und psychologischen Naturwissenschaf- ten studiert. Andererseits konstituieren sich Dinglichkeiten jeder Art, konstituiert sich alles natürliche Dasein im Bewusstsein, es wird etwa wahrgenommen, vorgestellt, erinnert, erwartet, es wird im urteilenden Denken gesetzt usw. Es erscheint, es ist Gedachtes, Bedeutetes. Und es ist nur als so und so Erscheinendes, als so und so Gedachtes, Bedeutetes gegeben. Zunächst meint man etwa, die Beziehung zwischen Natursein und Bewusstsein in Form jener verschiedenen modi cogitandi sei etwas Zufälliges.

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macht, neue Stellungnahmen ermöglicht, durch die es Objekt der Phänome- nologie wird. Neue Stellungnahmen! Solange wir in der Stellungnahme, in der Auffassungs- und Urteilsweise des natürlichen Denkens und Erkennens stehen, ist das Erkannte das naturhaft Daseiende. Naiv wahrnehmend und er- fahrend, das Wahrgenommene und Erfahrene beschreibend, klassifizierend, den kausalen Zusammenhängen der erfahrenen Vorgänge nachspürend usw., betreiben wir die natürliche Erkenntnisweise des praktischen Lebens und bei höheren theoretischen Ansprüchen die Erkenntnisweise der Naturwis- senschaften. Bleibt nun Raum noch übrig, und überall übrig, für eine andere Erkenntnisweise, für neue Stellungnahmen? 1 Man wird da zunächst sagen: Gewiss, eine neue Stellungnahme ist in jedem gegebenen Fall objektiven Erkennens möglich, nämlich die der Refle- xion im lockeschen Sinn. Erkennend sind wir zunächst rein dem erkannten Objekte zugewendet. Wir machen irgendwelche Wahrnehmungen und Er- fahrungen. Es stehen uns da Dinge vor Augen, wir beschreiben sie, setzen sie zu anderen in Beziehung, erwägen in immer neuen Erkenntnisakten ihre verborgenen Eigenschaften, ihre gesetzlichen Zusammenhänge usw. Aber die Erkenntnisakte, die wir vollziehen, sind dabei nicht wieder unsere Erkenntnisobjekte, das würde ja neue Erkenntnisakte höherer Stufe voraus- setzen, und so in infinitum. Dem Erkennen von Objekten ist das Erkennen nicht selbst Objekt. Andererseits ist es klar, dass wir „reflektieren“, d. h. uns dessen in neuen Erkenntnisakten, in so genannten inneren Wahrnehmungen, bewusst werden können, dass wir erkennen. Z.B. die Pflanze, das Kristall u.dgl. wahrnehmend nehme ich nicht das Wahrnehmen wahr. Aber ich kann auf das Wahrnehmen der Pflanze reflektieren und dann etwa sagen: „Jetzt nehme ich eine Pflanze wahr.“ Nun ist die Wahrnehmung selbst Objekt. Diese Änderung der Stellungnahme können wir offenbar hinsichtlich jeder Erkenntnis vollziehen, und es ist auch klar, dass wir nie und nimmer von den Erkenntniserlebnissen aller Arten sprechen könnten, dass wir von ihnen nichts wüssten, wenn wir solche Reflexion nicht zu üben vermöchten. Und das gilt für jederlei Bewusstsein, genau ebenso für das fühlende, begehrende, wollende Bewusstsein. Jene Reflexion (der bekannte lockesche Name) spielt für die Sphäre des Bewusstseins als solchen und damit des in einem spezifischen Sinn Psy- chischen die analoge Rolle wie die „Sensation“, die so genannte äußere

1 Gestrichen Etwa dadurch, dass wir die Naturobjekte, d.i. eben das uns in natürlicher Denk- haltung als da seiend Geltende und von uns in seinem Dasein singulär oder generell nach seinen Elementen, Eigenschaften, Gesetzlichkeiten Bestimmte, in Beziehung setzen zum Erkennen und so in Beziehung setzen zur es theoretisch bestimmenden Wissenschaft?

phänomene“ der phänomenologie

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Wahrnehmung, die Wahrnehmung von physischen Dingen und physischen Vorgängen, für die physische Natur. Sie erinnern sich da gewiss des locke- schen Satzes: Sensation und Reflexion sind die Quellen aller Erkenntnis. Doch mag es wie immer mit der Lehre von der Einzigkeit dieser „Quellen“ sich verhalten: halten wir uns lieber rein an das, was wir hier sehen. Hätten wir keine Dingwahrnehmungen, so wüssten wir nichts von Dingen. Verschwän- den alle visuellen Wahrnehmungen, so verschwände die Welt des Sichtba- ren, verschwänden alle Wahrnehmungen überhaupt, so die ganze physische Natur. Denn wie schon gemeine, so erkennt auch wissenschaftliche Natur- erkenntnis nur so, dass sie von unmittelbar Erfahrenem, also Wahrgenom- menem, auf nicht Wahrgenommenes schließt. Nichtwahrgenommenes Sein nehmen wir also in der physischen Natur genug an, aber nur aufgrund von wahrgenommenem. Genau ebenso verschwände die psychische Natur oder alles Psychische aus der einheitlichen psychophysischen Natur, wenn nicht in- nere Wahrnehmung uns psychische Erlebnisse unmittelbar zur Gegebenheit brächte und die Basis schaffte, von der aus wir auch indirekte Daseinssetzun- gen von Psychischem vollziehen könnten. Nachdem wir dies durchüberlegt, werden wir nun aber sagen müssen: Gewiss, jene neue Stellungnahme ist möglich, und bei allem Erkennen und Bewusstsein möglich. Wir können immer wieder reflektieren. Über den Umkreis der natürlichen Erkenntnis und wissenschaftlich über den der naturwissenschaftlichen Erkenntnis kom- men wir damit nicht hinaus. Worauf führt uns denn die Reflexion? Doch auf das Psychologische. Was sich ergibt, ist eine gewisse Zweistufigkeit der Naturerkenntnis. Psychologische Erkenntnis setzt anderweitig vorgegebene nichtpsychologische in gewisser Weise voraus. Um uns hier nicht in einen Streit einzulassen, können wir mindest das als zugestanden voraussetzen, dass alle psychischen Erlebnisse im brentanoschen Sinn, alle Erlebnisse, die in sich den Charakter eines Bewusstseins von etwas haben, erst durch so genannte Reflexion zu Erkenntnisobjekten werden können. In sich sind diese so genannten „intentionalen Erlebnisse“ auf Gegenständliches ge- richtet; Erkennen ist in sich Erkennen von etwas, Gefallen ist Gefallen an etwas, Wünschen ist in sich Wünschen von etwas usw. Erst durch Reflexion werden sie Gegenständlichkeiten der psychologischen Erkenntnis, und das Wort „Reflexion“ deutet an, dass vor dieser Erkenntnisweise Objekte schon gegeben sind, und zwar auf andere Weise. 1 Erkenntnis von Bewusstsein setzt

1 Gestrichen Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas, Erkennen ist Erkennen von einem Ge- genstand, Werten istWertbewusstsein von einemWerte bzw. von einem bewerteten Gegenstand. Nun kann z.B. Erkennen sich wieder auf ein Erkennen als Gegenstand richten, wie z.B. wenn

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seiner Möglichkeit nach voraus, dass es Erkenntnis von anderem als Bewusst- sein gibt, wie z.B. Erkenntnis von Dingen. Solche Erkenntnisse, wie schlichte Dingwahrnehmungen, Dingvorstellungen u.dgl., haben einen natürlichen Vorrang. Erst wenn sie vollzogen sind, kann eine Reflexion einsetzen, und erst durch solche Reflexion kommt Bewusstsein selbst zur Gegebenheit, d. h. es wird Gegenständlichkeit der Erkenntnis. Natürlich setzt also die Psycholo- gie als Wissenschaft vom Bewusstsein (von all den Erlebnissen, die wir unter den Titeln „Erkennen“ und „Werten“ befassen) diese Reflexion voraus. Was ändert das aber daran, dass auch Psychologie Naturwissenschaft ist? Wenn wir dann weiter Gegenstände und ihre Erkenntnis in ihren Relationen erforschen, so ist wieder nicht abzusehen, was das anderes ergeben solle als wieder Naturwissenschaft. Bewegen wir uns in einer Sphäre primärer Erfahrung, schlichter Dingerfahrung, so treiben wir ausschließlich physische Naturerkenntnis. Studieren wir in der Stellung der Reflexion Psychisches, so treiben wir reine Psychologie. Da die Welt aber, wie Erfahrung lehrt, nicht in getrennte Welten zerfällt, so laufen die Fäden auch von physischer Natur zu psychischer Naturerkenntnis hinüber und herüber. Wir sprechen daher von Psychophysik. Die Beziehungen etwa zwischen physischen Gegenständen überhaupt und irgendwelchen sie erkennenden Akten werden natürlich der Psychophysik zugehören. Die Beziehungen zwischen psychischen Akten und den sie erkennenden Akten als Beziehungen zwischen Psychischem und Psy- chischem werden wesentlich der Psychologie zugehören. Also immer stehen wir in der naturwissenschaftlichen Sphäre, und es ist gar nicht abzusehen, wie wir herauskommen sollten. Das alles ist zweifellos, es ist also sicher, dass, wenn wir unter Reflexion psychologische Wahrnehmung verstehen, 1 wir die Sphäre der Naturbetrach- tung nicht verlassen haben, sondern nur von Naturerkenntnis zu Naturer- kenntnis, von ersten Naturobjekten erkennend zu neuen auf sie bezogenen Naturobjekten fortgeschritten sind. Ich gehe etwa in psychologischer Absicht von der Betrachtung eines Dinges zur Betrachtung der Wahrnehmung eines Dinges über. Was habe ich da als Psychologe getan? Nun, ich habe eine neue Wahrnehmung, darin liegt: eine neue Seinssetzung, vollzogen. Ich sage, diese

wir über Erkenntnis Aussagen machen. Aber endlich und schließlich muss es ein Erkennen geben, das nicht auf ein Erkennen, überhaupt nicht auf ein Bewusstsein gerichtet ist. 1 Gestrichen oder diejenige reflektierende Betrachtung, Auffassung und Seinssetzung, die uns jederlei intentionale Erlebnisse als Gegenständlichkeiten unserer psychischen Natur, als unsere psychischen Akte oder Zustände ergibt, eingeordnet unserem, dieses erlebenden Menschen, Seelenleben, und damit eingeordnet der Gesamtnatur: Ich sage, dass wir dann die Sphäre der Natur nicht überschritten.

vorgegebenheit der natürlichen erkenntnis

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Wahrnehmung, die meine, die jetzt von mir vollzogen ist, und dieses Jetzt ist dasjenige, das ich mit der Uhr und sonstigen Zeit messenden Apparaten bestimmen kann. Jetzt schwanken diese Bäume im Wind, und gleichzeitig, in demselben Jetzt, ist diese Wahrnehmung von mir vollzogen oder erlebe ich sonst ein Bewusstsein, das ich reflektiv in innererWahrnehmung erfasse. Und jedes so wahrgenommene Psychische bestimmt sich durch seine Beziehung zu mir, der ich es habe; und ich, der es Habende, stehe mit meinem Leib in der physischen Natur, in der sich noch andere Leiber befinden, die ich als Menschen- und Tierleiber auffasse, denen ich dabei ein nicht direkt wahrgenommenes Bewusstsein einlege; und so steht alles Psychische von vornherein für mich und jeden Erkennenden innerhalb der einen Allnatur, in der, es zu er forschen, Aufgabe der Psychologie ist.

Vorgegebenheit der natürlichen Erkenntnis

Hartnäckig, wie wir sind, stellen wir aber wieder die Frage, ob nicht eine andere Betrachtungsweise als jene naturwissenschaftliche möglich ist und ob Reflexion nicht noch anders zu vollziehen ist, nämlich so, dass, was ihr Blick dabei erfasst, kein Naturwissenschaftliches ist oder, was dasselbe, ob eine Reflexion nicht möglich ist, die nicht den Charakter der Wahrnehmung im gewöhnlichen Sinn, der empirischen Wahrnehmung hat. Ja wir fragen, ob nicht jene selbe Reflexion, die sich uns als psychologische Wahrnehmung darbot, etwas anders zu nuancieren, in gewisser Weise zu beschneiden und bei Erhaltung eines Kerns zu begrenzen wäre derart, dass sie aufhörte, Wahr- nehmung eines Naturdaseins zu sein. Wir denken also an eine Möglichkeit, dass sich uns bei modifiziertem Blick und bei etwas geänderter Einstellung inmitten aller Naturbetrachtung eine neue, ihr entgegengesetzte etablierte, in der sich ein neues Erkenntnisfeld eröffnete, das wir nicht mehr als Natur ansprechen könnten. Sie wenden vielleicht ein: Was ist das für ein sonderbares Beginnen? Kann eine geänderte Einstellungs- oder Betrachtungsweise etwas an den Dingen ändern, die da sind, was sie sind? Und geht nicht alle erkennende Betrachtung darauf aus, die Dinge, die sind, in unseren geistigen Blick zu bringen, der ihrer als Wahrnehmung unmittelbar gewiss wird und sie in me- thodischen Erkenntnisprozessen wissenschaftlich bestimmt? Gewiss, nicht alle Dinge sind uns von vornherein bekannt, der Blick der Erfahrung kann immer neue und vordem vielleicht nicht geahnte Richtungen annehmen. Aber damit erweitert sich doch nur der Rahmen der erkannten Natur. Eine geheimnisvolle Betrachtungsänderung, die ein neues Erkenntnisfeld

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eröffnen soll, aber keine Natur, das scheint keinen Sinn zu ergeben, zumal wenn dieses Feld gewissermaßen durch alle Natur hindurchgehen soll. Die psychologische Reflexion fasst das Psychische, den oder jenen psychischen Akt, das oder jenes intentionale Erlebnis. Was kann alle Beschneidung oder Eingrenzung jener Reflexion ändern? Das Erlebnis bleibt Erlebnis, Bestandstück der psychischen Natur, und wird etwas weggeschnitten, nun, auch jedes Stück von Psychischem ist wieder Psychisches. Oder ist es etwa gar auf eine mystische intuitio intellectualis abgesehen? Dafür sind wir aber nicht zu haben. Mit solchen Bedenken erweisen sich, wie Sie bald einsehen dürften, nur die Schranken der natürlichen Denkeinstellung. Charakterisieren wir diese näher. In unseren natürlichen Erkenntnisbetätigungen lebend (mögen es nun wissenschaftliche oder vorwissenschaftliche sein) und auf Befriedigung der uns leitenden Erkenntnisintentionen eingestellt, liegt die Frage nach der transzendentalen Möglichkeit der Erkenntnis uns gänzlich fern. In der natürlichen Denkhaltung nehmen wir wahr, urteilen, theoretisieren wir, und da stehen von Anfang an und immerfort Wirklichkeiten als gegeben uns vor Augen. Vorgegebene Wirklichkeiten näher zu bestimmen oder in Relation zu vorgegebenen Wirklichkeiten andere Wirklichkeiten zu setzen und dann weiter prädikativ zu bestimmen oder schon gesetzte und näher bestimmte Wirklichkeiten als Scheinwirklichkeiten aufzuheben (etwa als Halluzinatio- nen, als abergläubische Vorstellungen u.dgl.), aber aufzuheben vermöge des Einspruchs, den die vorgegebene Wirklichkeit durch ihren erfahrungsmäßig gesetzten Gehalt erhebt: das ist der Lauf des natürlichen und auch naturwis- senschaftlichen Denkens. Ohne vorgegebene Wirklichkeit, wie sie letztlich in unmittelbarer Erfahrung zur Vorgegebenheit kommt, ist da keine weitere Wirklichkeit zu erkennen. Natürliche Erkenntnis fängt ja nicht damit an, pro- blematisch anzusetzen, ob überhaupt eine Wirklichkeit sei, um sich dann erst zu entscheiden, sondern sie fängt mit der Thesis von Wirklichkeit an. Wieweit wir auch zurückgehen mögen, immer ist schon „Wirklichkeit da“. Jede natür- liche Frage lautet: „Was ist das?“, nämlich in Hinblick auf schon als wirklich Gesetztes. Oder sie lautet: „Ist das hier, nämlich in dieser meiner wirklichen Umgebung, unter diesen wirklichen Dingen sich als Wirkliches Gebende in der Tat auch ein Wirkliches?“ Also auch die Frage „Ist das wirklich?“ ist nie und nirgends die Frage nach dem Sein von Wirklichkeit überhaupt. Dies gilt offenbar auch für die Anfänge, ich meine für die allerersten Schritte der Naturwissenschaft. Sie will freilich nichts weniger, als die Meinungen des gewöhnlichen Lebens über die Natur als vorgegeben hinnehmen. Wie Natur in Wahrheit ist, will sie allererst bestimmen. Andererseits ist auch für sie die

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Wirklichkeit der Natur eine Vorgegebenheit. Die Natur ist für den Naturfor- scher von vornherein da, und von vornherein als die volle psychophysische Wirklichkeit. Sich selbst setzt der naturwissenschaftlich Erkennende, ohne dies gerade expressis verbis zu sagen, sich, das psychische Subjekt, mit seinem Leib und seinen Bewusstseinserlebnissen, und er setzt sich in leiblicher Hin- sicht in eine Umgebung von Dingen, eine Umgebung, die mit dem Rahmen der faktischen Wahrnehmung nicht abschneidet, sondern sich ausweitet zur endlosen Natur. Und diese Natur ist die eine einzige räumlich-zeitliche Welt, die von allen mitgesetzten Erkennenden als die eine und selbe gesetzt ist. Uns in dieser allgemein vorgegebenen Natur wissenschaftlich zu orientieren, sie durch wissenschaftliche Methode erkenntnismäßig zu beherrschen, das ist die naturwissenschaftliche Aufgabe. Alle naturwissenschaftlichen Urteile setzen in der Tat die vorgegebene Natur voraus, mögen uns die Physiker auch sagen, in strenger Wahrheit existierten die Dinge der sinnlichen Wahrnehmung, nämlich so, wie sie uns da erscheinen, nicht; die Physik bewiese, dass in Wahrheit alle Wirklichkeit sich auf Konstellationen von Atomen, Ionen, Energien und was immer sonst reduziere. Mag es sich mit solchen Aussagen verhalten wie immer:

sicher ist, dass auch sie auf vorgegebene Natur sich beziehen, und zwar auf dieselbe, die in der sinnlichen Erfahrung erscheint. Nämlich „die“ Dinge mögen anders beschaffen sein als sie erscheinen, und im Einzelnen mag es auch sein, dass bestimmte Dinge erscheinen und überhaupt nicht sind. Im Einzelnen, unter bestimmten Umständen! Dass aber davon abgesehen im Allgemeinen die Dinge der Erfahrung wirklich sind und dass bloß die wissenschaftliche Bestimmung der Dinge sie anders bestimmt als die unmit- telbare Wahrnehmung und die schlichten beschreibenden Aussagen, die dem „Inhalt“ dieser Wahrnehmung Ausdruck geben, das ist überall die Meinung; NB die Meinung des Naturforschers und nicht des über Naturerkenntnis reflektierenden Philosophen. Wir nehmen hier das naturwissenschaftliche Erkennen vor aller so ge- nannten „philosophischen“, „erkenntnistheoretischen“ Reflexion, wir neh- men es so, wie es sich wirklich abspielt, wenn eben Naturwissenschaft getrie- ben, wenn Beobachtungen und Experimente vollzogen, daraufhin „Tatsa- chen der Natur“ festgestellt und in weiterer Folge Tatsachengesetze gesucht und begründet werden. Dasselbe Ding, das der Naturforscher sieht, abwägt, dann in eine Retorte tut, über dem bunsenschen Brenner erwärmt, so und so chemisch analysiert oder nach seinem physikalischen Verhalten erforscht, dasselbe ist es, von dem er nachher sagt, es sei inWahrheit ein Komplex so und so gelagerter, mit solchen und solchen Energien begabter Atome. In diesem

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Sinn ist die Natur des Wilden dieselbe wie die eines Helmholtz und Maxwell, nur dass die Urteile über das Was und Wie der Natur, dass die Prädikate, welche die Natur in theoretischer Wahrheit bestimmen, beiderseits so sehr verschieden lauten. Dass im Einzelnen der Naturmensch und der Mensch überhaupt vor der Wissenschaft sehr vieles für wirklich hält, was der Na- turforscher als phantastische Einbildung, Aberglaube etc. degradiert, ändert nichts wesentlich an dem Gesagten. Jede Diskreditierung einer Wirklich- keitssetzung setzt andere Wirklichkeitssetzungen schon voraus. Erfahrung wird durch Erfahrung aufgehoben, mitunter unmittelbare Erfahrung durch mittelbare, die aber selbst ihren Halt in unmittelbarer notwendig hat. Warum gerade die eine Erfahrung den Vorzug hat, warum sie Geltung behält und der Widerstreit an ihr eine andere Erfahrung diskreditiert, ist eine Frage. Sie geht uns hier nicht an. Es kommt nur darauf an, einfach zu konstatieren, dass bei jeder Feststellung eines Phänomens als nicht objektiv triftig, sondern „nur psychologisch“, „nur subjektive Einbildung“, die Sachlage die beschriebene ist: Im Widerstreit zwischen Erfahrungen haben gewisse den Kredit der gültigen, die anderen, damit streitenden, verlieren durch diesen Streit den Kredit. Wieweit wir da zurückgehen: immer liegen Erfahrungen zugrunde, und das heißt: Immer ist schon eine gesetzte Wirklichkeit, eine so und so bestimmte da. Die allgemeine Frage, ob Wirklichkeit überhaupt sei, wird innerhalb des naturwissenschaftlichen Denkens niemals aufgeworfen. Auch die strengste Naturwissenschaft beginnt nicht mit der Begründung erster Natursetzungen, um darauf dann weitere Natursetzungen zu stützen. Sie erforscht eine Natur, die da ist. Wie 1 steht es nun, müssen wir fragen, mit diesem Vorgegebenen in der natürlichen (nicht nur naiven, sondern auch wissenschaftlichen) Erkenntnis? Ist sie kein Problem? Kann und muss nicht auch nach ihrem Rechte gefragt werden? Bekanntlich hat es Skeptiker gegeben, welche mit Rücksicht darauf

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