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DEFGH

WOCHENENDE
KULTUR, GESELLSCHAFT, POLITIK Samstag/Sonntag, 24./25. Juli 2010 Nr. 168
INTERVIEW – letzte Seite
Tom Rachman: „Die Internetleser lassen sich von
dem Bedürfnis nach kurzen Momenten der
Aufregung leiten, selten von fundierten Interessen.“

Die Latschdemo kann


ein ziemliches Elend
sein, weil sie immer
derselben Choreogra-
phie folgt. Aber auch
wenn sich inzwischen
spaßigere Formen des
Protests etabliert
haben, bleibt sie ein
wirkungsmächtiger
Klassiker. Foto: Ian
Berry / Magnum Photos/
Agentur Focus

E Hört ihr uns noch?


s ist ein heißer Tag im Wend- Attraktivität verloren und sei für junge
land, und die Polizisten haben Menschen höchstens dann begehrens-
sich mit Helmen und Knüppeln wert, wenn Sambatänzer auftreten.
gerüstet. Das ist so üblich, wenn Gut, dass Till Schemionek, 17 Jahre
sie einen Einsatz im Wäldchen zwischen alt, das nicht hört. Till ist ein wacher jun-
den Dörfern Gorleben und Gedelitz ha- ger Mann mit Engelslocken und war, so
ben – dort wo das geplante Endlager für Jahrelang sind sie uns auf die Nerven gegangen, die Protestmärsche und Latschdemos. sagt er, zwei Jahre alt, als er das erste
den Atommüll aus La Hague steht, wel- Mal auf einer Protestkundgebung in Gor-
cher aber aus technischen Gründen gar Inzwischen hat das Internet lustigere und angesagtere Formen der Revolte hervorgebracht. leben dabei war. Seine Familie stammt
nicht in dieses Endlager kommen kann, aus der Gegend und kämpft wie beinahe
sondern in einem Zwischenlager gleich
Komisch nur: Uns fehlt etwas. Deshalb sind wir sogar ins Wendland gefahren. / Von Hilmar Klute alle Bewohner des Wendlandes gegen
nebenan deponiert werden muss. Oder sa- das Endlager. „Irgendwann“, sagt Till,
gen wir: die polizeiliche Hochrüstung ist „kam ich in das Alter, wo man sich infor-
eigentlich dann üblich, wenn ein Cas- miert, und da habe ich gesehen, dass da
tor-Transport ins Wendland rollt. Aber ger und achtziger Jahre Raum, Gehör Der Berliner Soziologe Dieter Rucht, fenden Leute im Strahlenanzug vielver- wohl älter, nicht aber weiser geworden ziemlich große Scheiße passiert ist.“
heute ist ja eher ein Festtag, der an den und mediale Aufmerksamkeit ver- ein Experte für die Geschichte der Pro- sprechend, zumal sie festgezurrte Heu- zu sein: „Und nach und nach werden sie Er meint damit, dass regelmäßig hoch-
Höhepunkt der Antiatomkraftbewegung schafft, ist in dieser Permanenz geradezu testkultur in Deutschland, hält derlei ballen unterm Arm tragen und mit ihren durch jüngeren Nachwuchs abgelöst, der kontaminiertes Material in ein Zwischen-
vor dreißig Jahren erinnern soll. Trotz- einzigartig. Fast könnte man spotten, die Steigbügelleistungen qua Internet für Gasmasken – die Polizei hat dies schon mit den nötigen Kenntnissen über Halb- lager gebracht wird, weil es bislang kein
dem schauen die Polizisten – Gott, sind Protestbewegung im Landkreis Lü- überschätzt. „Wäre das Internet so ein angemahnt – als Vermummte daherkom- wertzeiten und Messverfahren, Dioxin- Verfahren gibt, welches die Stoffe so
manche jung – sehr ernst aus in ihren chow- Dannenberg sei die einzige noch grandioses Mittel, dann hätte die Mobili- men. Mal sehen, was sie vorhaben. verbrennungs- und Abfallsortierungs- weit herunterkühlen könnte, dass sie aus
schwarzen Uniformen. analoge Langzeitdemonstration. Und – sierung stark ansteigen müssen“, sagt Um eine halbwegs nachvollziehbare techniken aufgewachsen ist.“ dem Castorbehälter in einen Polluxbehäl-
Eine kleine Zeltstadt ist hier aufge- ist das schlecht? Müssen die Wendländer, Rucht. Das Gegenteil sei aber der Fall, Linie vom Widerstand der sechziger Jah- Und exakt diese Kenntnisse sind es, ter überführt werden und für die nächs-
schlagen, ältere Frauen verkaufen Essen, die seit drei Jahrzehnten ihre Finger auf die Anzahl der Protestaktionen sei in re zu den postmodernen Protestspielen die heutzutage Leute aus der bürgerli- ten Jahrtausende im Salzstock endgela-
sehr junge Männer verteilen die sozialisti- eine Schnittstelle der spätmodernen Zivi- Deutschland eher zurückgegangen. Und der Gegenwart zu ziehen, muss jetzt chen Mittelschicht, die womöglich nie gert werden könnten. Till Schemionek
sche Zeitung Solidarität mit dem Auf- lisation richten, befürchten, Protestsau- es würden, sagt Rucht, vor allem die Leu- noch einmal die robuste Tür des Gasthau- auf einer Latschdemo waren, neue For- zählt zu einer Generation informierter
macher: „Macht der Banken&Konzerne rier ohne Aussicht auf Erfolg zu sein? te erreicht, die ohnehin mit einem politi- ses Wiese in Gedelitz bei Gorleben aufge- men des zeitkritischen Engagements aus- und weitgehend entideologisierter Ju-
brechen.“ Jetzt kommen auch die ortsan- Immerhin haben sich doch in den letz- schen Bewusstsein ausgestattet sind und zogen werden, wo sich am Vorabend der probieren lässt. Die Sachkunde hat den gendlicher. Aber ideologiefrei zu sein, be-
ten Jahren längst neue Spielarten des Lust verspüren, dieses für ihren Protest Jubiläumsdemo die Kämpfer von damals ideologischen Furor verdrängt. deutet ja nicht unpolitisch zu sein.
politischen Aufbegehrens entwickelt, nutzbar zu machen. zusammenfanden: Zauselbärte und grü- In Berlin, Wilmersdorfer Straße 41, Die Demonstration hat jetzt das Ende
die ihre Wirkungsmacht aus einer beson- Diese Menschen gibt es, wenn es dar- ne T-Shirts mit lachender Sonne und sitzt Elmar Kreß im roten Poloshirt vor des Zauns erreicht, und nun geschieht
Es geht längst nicht deren Originalität, einer geschickten me- auf ankommt, reichlich. Meist liegen ihre Atomkraft-Nein-Danke-Schriftzug. Es seiner Filiale der Eisdielenkette „Jan- das, was zur Choreographie jeder klassi-
dialen Verbreitung oder beidem entfal- Beweggründe für den Aufstand in der ist lustig, dem rührenden Vorstellungsze- nys“, und an diesem Freitag im Juli hat schen Demonstration alter Schule gehört
mehr um den Protest ten wollen. Menschen verabreden sich eigenen Lebenswirklichkeit – wenn die remoniell auf dem kleinen Podium zuzu- er eine Plakatwand vor den Laden ge- – sie eskaliert. Die Provokateure schla-
als Lebensstil. spontan in einem Einkaufszentrum und Stadt, in der man lebt, ein Heidengeld schauen, wo einer der Diskutanten, wie stellt. Darauf erklärt er den Passanten, gen gegen den Zaun, die Polizisten mar-
besetzen einen Laden, der seine Ware für ein Prestigeprojekt wie den neuen der Moderator schmunzelnd konstatiert, dass der Laden heute Ziel eines Carrot- tialisieren sich mit Helm und Schlag-
aus Kinderarbeitsländern bezieht; ökolo- Mega-Bahnhof ausgeben will, braucht es zwar rechts von ihm sitze, was aber bei- mobs ist, und es mag an der unfassbaren stock, und einer der Demonstranten ruft
gische Anarchisten, die Guerilla Garde- für die Mobilisierung extrem wütender leibe nicht heiße, dass er wirklich Hitze liegen, dass bislang noch kein wirk- einen Freund an, der bei Twitter einge-
sässigen Bauern aufs Gelände, „Bäuerli- ners, pflanzen Gemüse im öffentlichen Stuttgarter keine Agentur. Sie formieren rechts . . . na ja, geschenkt. licher Mob den Laden gestürmt hat. ben soll, was hier abläuft.
che Notgemeinschaft“ heißt ihr Ver- Raum, um gegen die Allmacht der Le- sich in Eigenregie und in durchaus beein- Das erste Wort hatte an diesem Abend Der Carrotmob ist gewissermaßen die Walter Mossmann, der wie ein Fels in
bund, aber sie scheitern mit ihren Trakto- bensmittelkonzerne zu demonstrieren. druckender Zahl zur „Montagsdemo“ – Walter Mossmann, der in den siebziger aktuellere Variante des Boykotts, der der wogenden Menge aus Polizisten und
ren an der Polizeisperre auf der staubi- All diesen neuen Protestformen ist ge- das Wort muss übrigens inzwischen für Jahren ein stimmgewaltiger Lieder- zum Zweck des Umweltschutzes ins Demonstranten steht, macht einen
gen Zufahrtstraße. Die Frau auf der Büh- meinsam, dass sie nicht mehr ohne die eine ganze Reihe von Protestbedürfnis- macher war. Sein Lied vom Lebensvogel Gegenteil verkehrt wird. Ein Geschäfts- Schritt nach vorne und sagt: „Endlich ist
ne, sie ist Vorsitzende der Bürgerinitiati- Verknüpfung mit dem Internet auskom- sen herhalten, sei es gegen Hartz IV in war die Hymne der mobilisierten Wend- inhaber lockt seine Kunden an mit dem in diese Demonstration, die anfangs fast
ve Lüchow-Dannenberg, sagt, dass die men. Ein Umstand, der den politischen Saarbrücken oder gegen Kontenkündi- länder. Inzwischen hat ein Krebs seine Versprechen, einen repräsentativen Teil an Langeweile erstickte, Bewegung ge-
Kundgebung erst dann losgehen kann, Widerstand beinahe zu einer Branche gung der Deutschen Bank in Frankfurt. Stimme zerstört, Mossmann redet knar- seines Umsatzes in schadstoffarme Ge- kommen. Und alle sind glücklich.“
wenn die Polizei ihre Zusicherung, den macht und veritable Dienstleister an- Nebenbei erinnern wir uns: Ursprüng- rätschaften zu investieren und seine
Traktoren freies Geleit zum atomaren zieht – Organisatoren, Appellschaltstel- lich war die Montagsdemo eine Kundge- Kunden darüber aufzuklären. Elmar
Endlager zu geben, auch einhält. len, Aufklärungsagenturen. Wer unzu- bung, bei welcher die Freiheit eines gan- Kreß wird achtzig Prozent seiner Tages-
Diese Art Demonstrations-Choreogra- frieden mit der gesellschaftlichen Ge- zen Volkes erstritten wurde. Herrlich. Helm und einnahmen für einen Energiesparbera- Inhalt
phie findet hier statt, seit die niedersäch- samtsituation oder partiellen politischen Der Soziologe Klaus Schönberger war ter aufwenden. Nein, eigentlich sei sein
sische Landesregierung im Februar 1977 Entscheidungen ist, loggt sich ein und bei der Stuttgarter Demo dabei und Schlagstock. Endlich Carrotmob nicht nur ein Protest, sagt Roland Huschke
unter Ernst Albrecht – übrigens wie man wird zum Protest weitergeleitet. staunte: „Ich habe so etwas noch nicht ge- tut sich mal was. Kreß, „sondern die Möglichkeit, im eige-
Der Kopf des Engländers
heute weiß, gegen die Empfehlung der Von Verden an der Aller aus betreibt sehen in dieser Breite. Die Bürgerlichen nen Rahmen etwas für den Umwelt-
Bundesregierung unter Helmut Schmidt Christoph Bautz mit anderen zusammen sind sauer.“ schutz zu tun“. Auf klassischen Latsch- Christopher Nolans Filmhelden kämp-
– Gorleben zum künftigen Standort eines das Webforum Campact, eine Art Organi- Dass sich Protestierende aus dem Netz demos sei er früher nie gewesen, auch fen in irren Schlachten. Ein Besuch
Endlagers für atomaren Restmüll erklärt sationsplattform für den organisierten linker Organisationen lösen und eigen- zig, aber man versteht ihn gut, wenn er nicht extrem rot oder grün eingefärbt,
hat; seither verabreden sich Bürger, Lin- Aufruhr. Campact will Leuten in den Wi- mächtig auf die Straße gehen, ist im Aus- von 1977 spricht, das viele immer nur als und es sei ihm nur wichtig zu zeigen, Alexander Runte
ke, Landwirte und Gewerkschafter zu derstand helfen, denen der Alltag wenig land seit beinahe einem Jahrzehnt Reali- Jahr der RAF in Erinnerung hätten. Für dass man umweltpolitisch so nicht wei-
den klassischen Protesttechniken Sitz- Zeit lässt, sich zu engagieren. Wer zu den tät. Das Netzwerk Euromayday führt ihn sei 77 aber das Jahr von Whyl und termachen könne.
Kekse fürs Ego
blockade und Fußmarsch; sie ketten sich 230 000 bei Campact Vernetzten gehört, Menschen zu gewaltigen Massendemons- Marckolsheim gewesen und selbstver- Reichweite und Wirkungsmacht neuer Immer mehr Labels nutzen das Internet
an Gleise und rütteln am Zaun des Endla- muss nicht jahrzehntelang durch unkulti- trationen in Mailand zusammen. Sie mar- ständlich das Jahr von Gorleben. Der klu- Protestformen werden inzwischen von als Image-Werkzeug. Eine Kritik
gers, und im November, wenn der nächs- viertes Gelände marschieren, sondern schieren gegen eine zunehmende soziale ge Mossmann weiß natürlich, dass mit Soziologen untersucht. Dieter Rucht
te Castor rollt, werden sie wieder von wird exakt dann aktiv, wenn eine be- Randständigkeit, gegen die Prekarisie- dieser Reminiszenz mehr gemeint ist als sieht im Carrotmob in erster Linie ein Me- Andreas Zielcke
Wasserwerfern niedergespritzt. stimmte politische Entscheidung fällt. rung der Arbeiter. Eine Bewegung sei die sentimentale Erinnerung an die gute dienphänomen – bedeutungslos, weil zu
Man nennt diese Form der Demonstra- „Wir schauen uns an, wann welches The- das, schwärmt Klaus Schönberger, die al- alte Kampfzeit. Es hat damals eine Zäsur künstlich. Klaus Schönberger hält die
Nacht der Lederjacken
tion mittlerweile mit mildem Spott ma im Ausschuss behandelt wird und or- le bisherigen Erfahrungen hinter sich ge- stattgefunden; die politische Bewegung Frage dagegen, wie man die Wirkungs- Die Jugendgewalt wurde in jeder Epoche
Latschdemo, weil sie eine Art des Wider- ganisieren den Protest am Entschei- lassen habe. Denen gehe es längst nicht von 1968 hatte sich von den Großtheo- macht bitte schön messen möchte und der Geschichte beklagt. Ein Überblick
standes repräsentiert, die sich zu den neu- dungsmoment entlang“, sagt Christoph mehr um Protest als Lebensstil. rien verabschiedet und ein neues Ziel ge- macht bei jungen Protestlern eine neue
en Spielarten der Protestkultur in etwa Bautz. Campact ist ein Dienstleister für Im Wäldchen bei Gorleben hat sich funden: die Ökologie. Erfahrung aus: Protest ist nicht mehr ei- Franka Potente
verhält wie der Kassettenrekorder zum den politischen Ungehorsam. Ob gegen jetzt der Zug in Bewegung gesetzt, lang- Vor zwanzig Jahren hat Niklas Luh- ne Angelegenheit von militanten Out-
iPod. Dass sich ein politischer Protest das Sparpaket oder gegen die verlänger- sam geht es voran, ach, ein bisschen lang- mann den Achtundsechzigern ein eher casts, sondern in den modernen Lebens-
Kitamatura oder 49 Tage
derart hartnäckig und weitgehend mit ten Laufzeiten für Atomkraftwerke – weilig ist es sogar, wenn man ehrlich ist; unbarmherziges Abschlusszeugnis ausge- stil integrierbar. Die klassische Latschde- Zwischen Los Angeles und Japan liegt
den demonstrativen Mitteln der siebzi- egal. deshalb erscheinen die paar umherhüp- stellt, in welchem er ihnen bescheinigte, mo jedenfalls, sagt Dieter Rucht, habe an nicht nur der Pazifik. Eine Erzählung