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Ka l t s t a r t

K FlzZeitun�
#6
1.Jahrgan�
2010

F e st i v a Juli
Fr 23. - So 25.

St u r m fr e i im jüngsten
e
Hauspar ty b Festivals
es
Regisseur d

Ri n g fr e i likumsgespräche
b
Über die Pu
TART
beim K ALTS

Ba u c h fr e iormance beim
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Die Tanzper est
-F
YOUNGSTAR
Editorial
Liebe Chicks, liebe Boys, liebe Überlebende!

Dies hier ist zwar schon die vorletzte Ausgabe der KFZ, dafür hat sie aber auch nur zwölf Seiten. Wer diesen
Satz jetzt ein bisschen albern findet, hat vielleicht noch keine zwei Wochen KALTSTART hinter sich. Mittler-
weile 14 Tage haben wir uns aufs Produktivste überfordern lassen, da backen wir jetzt eben mal eine Ausgabe
lang ein bisschen kürzere Baguettes. Außerdem mussten wir aus unseren Redaktionsräumen raus und lun-
gern jetzt bei Jess im Wohnzimmer rum. Gleich gibt‘s Mittagessen, da muss das hier fertig sein.

Also, was ist drin im Blatt? Ein Essay über die Publikumsgespräche beim KALTSTART, mit der wichtigen
Feststellung, dass man über Kunst sprechen muss (nebenan, S. 3). Eine Stepvisite unseres Reporters bei den
Tanzmädels von „Ruff Monkeys“, um auf das YOUNGSTAR-Fest am Wochenende einzugrooven (S. 10) — und
ein Besuch des gleichen Reporters bei einer After-Show-Party in der elterlichen Wohnung des jüngsten
Regisseurs dieses Festivals. Es gab Dosenbier (S. 10). Außerdem haben wir natürlich wieder viele tolle (und
einzwei mitteltolle) KALTSTART-Stücke geguckt (S. 6-9).

Das war‘s!

NICHT. Schließlich liegen noch drei Festivaltage und eine KFZ-Ausgabe vor uns. Außerdem weisen wir schon
mit unserem Cover in die Zukunft: Die Theatergruppe chicken&egg aus Bern wird am
Freitag und Samstag ihr Stück „Striptease 2010“ spielen. Wir stimmen uns schon
mal drauf ein — auch mit unserem extra für Euch ausgebrüteten Eierlikörtrink-
spiel auf S. 11. Stößchen! Und jetzt gibt‘s ne Nudel.
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Viel Glück im Spiel und eine angenehme Lektüre wünscht dem Heft s einen D
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02 / 03
V ög le in , tr in k vo m Qua ss el w ei n K FZ
Thema

muss – auch mit denen,


Warum ein Festival sprechen das Publikumsgespräch
für
die zuschauen. Ein Plädoyer

von Stephanie Drees

Auf Theaterfestivals wird traditionell viel gesprochen. Gut Nach Stücken wie „wund.es.heim.innen./nacht“, die schon im
und richtig ist das, denn frei nach Kunstalphatieren wie dem Titel nebliger als jede Akte-X-Einstellung anmuten, bittet der
aufstrebenden Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann motivierte Moderator die Zuschauer, ihre Augen zu schließen
ist das Theater ein Wesen mit vielen Köpfen, die alle etwas und sich an den Moment in der Inszenierung zu erinnern, der
anderes denken. Das allgemeine Sinnieren über die darstel- ihnen am eindringlichsten war. Keine unschöne Idee, auch
lenden Künste soll dem Zwiegespräch mit einer Hirn-Hydra wenn kurzzeitig Traumreisen-Meditationserinnerungen aus
gleichen. dem Religionsunterricht aufblitzen. Nicht alle Zuschauer
Ich denke lieber an die Handbewegung einer Zuschauerin, die kommen aus dem gemeinsamen Mentalurlaub wieder heim.
bei einem anderen Festival eine „Ödipus“-Inszenierung kom- Von dieser Haltung leicht überrascht, schaut der junge Mode-
mentierte. Im Publikumsgespräch war zunächst genauso viel rator, selbst Regisseur, leicht bedöppelt drein.
los wie in den ersten zehn Minuten auf der Bühne, auf der die Anders bei dem Gespräch zu „Philoktet“, in dem der Regis-
Schauspieler, Zitat Regisseur, „lautlos nach Hölderlins Text seur auf Anfrage einiger Zuschauer sein Best-of der Meta-
tasteten“. Die Dame brachte sich ein mit purer Ehrlichkeit: phern erklärt: Ja, ein Spieler war die personifizierte Wunde
„Also, als erstmal gar nichts passierte, da kam mir so ein des Helden. Sicher spannend, aber auch ein bisschen viel
Impuls, da wollte ich plötzlich ‚Kommt ein Vöglein geflogen’ künstlerische Transparenz.
singen. Einfach so.“ Der Kommentar hatte deutlich mehr Un- Persönlicher und dialogischer geht es da im Publikums-
terhaltungswert als die vorangegangene Inszenierung. gespräch zu „Der Kick“ zu: Eine relativ kleine Anzahl von
Das Publikumsgespräch: Manchmal wird es „einfach so“ Zuschauern verrät erstaunlich ehrlich, was sie an der Insze-
zum diskursiven Kopfsalat. Die direkte Auseinandersetzung nierung ergriffen hat und was nicht. Aber ein persönliches
mit dem Zuschauer, der nicht in der künstlerischen Elfen- Gespräch mit vielleicht fünfzehn Leuten im Raum inklusive
beinturm-WG wohnt, halten viele Theatermacher für wichtig. Künstlern ist natürlich einfacher zu führen als eine große
Sicher ist aber auch: Facettenreiche, strittige, kurz gute Pu- Gruppe Menschen zu motivieren, über metaphorisch-ver-
blikumsgespräche sind selten, weil sie etwas brauchen, das schachtelte Kunst zu sprechen. Vor allem, wenn es um ein
leicht aussieht, aber schwer ist: eine starke Moderation. Das Stück geht, das sich dokumentarisch mit härtester, erschüt-
Publikumsgespräch: Die Vorhölle für Moderatoren und den terndster Realität beschäftigt. Liegt der Nährboden für
Rest der Theatercrew? Gewalt überall? Eine Frage, die sich alle gemeinsam stellen.
Publikumsgespräch wie dieses sind selten, weil sie besonde-
Alle gemeinsam auf Traumreise
re Momente einfangen.
Das KALTSTART ist ein besonderes Festival, nicht nur was
die Quantität der Produktionen angeht. Das Besondere ist vor
Verbrüderung mit den Rampensäuen
allem der ästhetische Rundumschlag: eine Theatermesse, Was tun, um diese Momente häufiger erleben zu können? In
die sich zum Ziel gesetzt hat, die Landschaft der Bühnen- jedem Fall muss auf der großen KALTSTART-Theatermesse
kunst abzubilden, in all ihrer strukturellen und ästhetischen häufiger das Tabernakel mit dem Wein herumgehen, der die
Vielfalt. Das klingt nach Reibungspotential, nach reichlich Diskurszunge lockert. Das lässt sich im direkten wie übertra-
Gesprächsstoff. Doch schaut man ins Programmheft, sieht es genden Sinne verstehen. All die Hobbyforscher, Streithähne,
in Bezug auf offiziellen Verbaltaustausch mehr als mau aus. Rampensäue, die das Publikum zu bieten hat, müssen ins
Fast ausschließlich die Sparte FINALE wartet mehrmals mit Quasselboot geholt werden. Warum? Weil Austausch über
dem guten, alten Nachgespräch auf. Beim KALTSTART lässt Kunst zu Kunst führen kann. Die Formate dürfen dafür so
sich eine kleine Typologie der Publikumsgesprächsverläufe mannigfaltig sein, wie das Theater selbst: Speed-Gesprächs-
aufmachen: Es gibt die persönlichen mit einem Touch von runden im Duo, gemeinsame Rückschauen, theatrale Traum-
Therapiesitzung, die aufklärenden, in denen alle gemein- reisen. Ja, das will ich auf einem Festival sehen: Hände, die in
sam auf 50 Jahre Rezeptionsästhetik pfeifen und die kriege- Publikumsgesprächen kleine Vögel imitieren.
rischen, in denen es um die theatrale Wurst geht.

Kaltstart
Termine
Freitag 23. Juli 2010 Samstag 24. Juli 2010
Heute für Sie im Angebot:
15:00 Uhr // Taxi Altona- Ich war 12:00 Uhr // Taxi Altona- Ich war
Das Theater Heidelberg mit
ein Arbeitsplatz // Haus III&70 / ein Arbeitsplatz // Haus III&70 /
„Der Mann der die Welt ass“
Parkplatz (Abfahrt) Parkplatz (Abfahrt)
18:00 Uhr // Taxi Altona- Ich war 15:00 Uhr // Taxi Altona- Ich war
von Nis-Momme Stockmann.
ein Arbeitsplatz // Haus III&70 / ein Arbeitsplatz // Haus III&70 /
von Laura Naumann
Parkplatz (Abfahrt) Parkplatz (Abfahrt)
16.00 Uhr-21.00 Uhr // My favourite 16.00 Uhr-21.00 Uhr // My favourite Wie können wir den Kapitalismus, nach über
thing // LOKAL thing // LOKAL 100 Jahren Leben in ihm, noch getrennt von
16.00 Uhr // Pissoirs // Central Park 16.00 Uhr // Pissoirs // Balkon (Su- uns betrachten? Welchen Einfluss hat er auf
18.00 Uhr // Die Zofen // Neuer sannenstraße/Bartelsstraße) unsere Beziehungen, wie wir Entscheidungen
Kamp 30 (Vorplatz Knust) 18:00 Uhr // Striptease 2010 // treffen und Sinn finden? Nis-Momme Stock-
18:00 Uhr // Pimper my City, Du Waagenbau manns Stück „Der Mann der die Welt ass“ ist
Nomadensau // Haus III&70 / 20:00 Uhr // Von Motten, Bier und keine postdramatische Kapitalismuskritik,
Anbau Taschenlampen - Eine Geschichte es erzählt von echten Menschen. Dominique
19.00 Uhr // Pissoirs // Central Park über pfandfreie Einseitigkeit // Schnitzer zeigt es in einer sozialrealistischen
19:00 Uhr // Striptease 2010 // Foolsgarden Theater e.V. Inszenierung. Kein lustiger Vorschautext.
Waagenbau 19.00 Uhr // all1 forum: no secret Auch kein lustiger Abend wahrscheinlich.
19.00 Uhr // WALD-CITY // Eingang garden // Neuer Kamp 30 (Vorplatz Aber darum gehts heute auch nicht.
Schanzenpark (Schanzenstraße/ Knust)
Kleiner Schäferkamp) 19:00 Uhr // Alles Meins // Haus So. 25.07 | 20 Uhr | Terrace Hill
20.00 Uhr // Die Zofen // Neuer III&70 / Anbau
Kamp 30 (Vorplatz Knust) 20:00 Uhr // Körpergewicht. 17% //
20:00 Uhr // Sitz ich, die man nicht Zeisehallen
rief, die Siebte! // monsun theater 20.00 Uhr // Pissoirs // Balkon (Su-
/ Werkstattraum sannenstraße/Bartelsstraße)
20:00 Uhr // Titanic // 13ter Stock 20:00 Uhr // stand-by-me // Knust
Vorschau
(Bar Rossi) 20.00 Uhr // WALD-CITY // Schul-
20:00 Uhr // Woyzeck // Haus terblatt 58
III&70 / Saal 21:30 Uhr // GIB MIR EINEN KUSS -
20:30 Uhr // Finnisch - Solostück
für eine Frau // Foolsgarden The-
Porträt einer Bestie // Zeisehallen
22:00 Uhr // Fringe Live-Elektro
Einsame Herzen, schaut her!
ater e.V. Session in Kooperation mit dem Die Fehlinterpretierten Projektionsflächen
22:30 Uhr // Silke Rudolph - Ein 13ten Stock // 13ter Stock (Bar starten einen Aufruf zur emotionalen Halt-
paar Dinge, die ich über mich Rossi) barkeitsverlängerung
weiss //Haus III&70 / Saal
von Alexandra Müller
22:30 Uhr // Flamba Feuershow //
Central Park Sonntag 25. Juli 2010 „Wer immer du auch bist, du hinterlässt einen Ab-
druck (gewidmet J.B.G.B.)“ – der Satz muss sein,
16.00 Uhr-21.00 Uhr // My favourite
sagt Anna Nigulis von Fehlinterpretierte Projek-
thing // LOKAL
tionsfläche. Er ist das Mantra von „Von Motten,
16.00 Uhr // Pissoirs // Balkon (Su-
Bier und Taschenlampen – eine Geschichte über
sannenstraße/Bartelsstraße)
pfandfreie Einseitigkeit!“ Auch nach einer einsei-
18:00 Uhr // Alles Meins // Haus
tigen Liebe bleibt also etwas. Oder? Drei Spiele-
III&70 / Anbau
18.00 Uhr // Pissoirs // Balkon (Su-
rinnen begeben sich in die Rollen von “Ihm” und
sannenstraße/Bartelsstraße) “Ihr” – und einer Projektionsfläche. Jeder, der mal
19:30 Uhr // (K)EI(N)LAND - Studie realisieren musste, dass er sich nur in die Vorstel-
zur deutschen Seele 1 // lung einer anderen Person verliebt hat, weiß, wie
Haus III&70 / Saal diese Fläche aussieht. Der Text dieses Versuchs
20:00 Uhr // Der Mann der die über die einseitige Liebe ist von Anna Nigulis, mit
Welt ass // Terrace Hill Jannika Jira, Julian Horeyseck und Jonas Link
20:00 Uhr // Von Motten, Bier und inszeniert sie ihn als Bildertheater zwischen Per-
Taschenlampen - Eine Geschichte formance und Dialog. „Letztlich ist das Stück dazu
über pfandfreie Einseitigkeit // da, um festzustellen, dass man nicht immer gleich
Foolsgarden Theater e.V. // in die Tischplatte beißen muss“, sagt Nigulis. Das
TERMINÄNDERUNG ist doch mal ein Versprechen. Also, ihr einsamen
21:30 Uhr // Erstmal schön hinset- Herzen, die ihr noch auf die Kuppelkräfte der Ab-
zen // Hamburger Botschaft schlussparty wartet – dieses Stück ist für euch!
22:00 Uhr // Alte Sehnsucht // 13ter
Stock (Bar Rossi)
Sa. 24.07. und So. 25.07 | 20 Uhr | Foolsgarden |
Uraufführung
22:15 Uhr // The Fan in the Mirror
// Terrace Hill

04 / 05
Spread the Love Vorschau
Ein Probenbesuch bei der Tanzgruppe Ruff Monkeys
vor ihrem Auftritt mit „Exit Paradise“ beim YOUNGSTAR
von Jan Fischer

in der Truppe fehlt. Man könnte jetzt über Nationalitäten


sprechen, über Hautfarben, über Religion: Von allem gibt es
eine Menge Variationen im Raum. Man könnte es aber auch
lassen, die Mädchen sprechen ja auch nicht darüber, und
wenn, dann machen sie sich lustig über solche billigen Zu-
ordnungen. Viel wichtiger ist die Frage, wer von der Truppe
aus Wilhelmsburg und wer aus Eimsbüttel kommt. Und wer
am Sonntag welche Frisur trägt.
Am Sonntag tanzen bei „Exit Paradise“ nur fünf der 15
Mädchen aus Opuku-Preachs Truppe mit – die anderen
sind schon in den Sommerferien. Sie führen auch nur
Ausschnitte vor, die Aufführung ist nur ein Auftakt für das,
was die Ruff Monkeys im nächsten Jahr vorhaben: Eine
große Bühnenshow zusammen mit den Performerinnen von
She She Pop. Was jetzt beim KALTSTART unter dem Label
Jumping Monkeys. Foto: Jan Fischer
YOUNGSTAR läuft, ist nur eine Art Trailer für das YOUNGS-
TAR 2011, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Jugendliche
Bench muss dreißig Sit-ups machen. Sie war unkonzen- aus prekären sozialen Verhältnissen oder mit Migrations-
triert, ist ein paar Mal neben dem Takt gelandet, hat ein hintergrund eine Möglichkeit zur künstlerischen Entfaltung
paar Schritte nicht richtig hinbekommen. Die Choreografin zu geben. Neben der Aufführung der Ruff Monkeys wird die
Mable Opuku-Preach steht davor und zählt mit, aber auf die Installation „Traumfabrik Kopf“ von Sascha Piroth gezeigt,
fiese Art: „Neun… neun… machs richtig… neun… schaffst beides im Rahmen eines großen Festes mit Kaltgetränken
du’s, oder sollen wir schon mal nach Hause gehen?“ Opu- und Cevapcici. Außerdem wird ab Freitag ein Tanzworkshop
ku-Preach ist eigentlich kein fieser Drill Instructor: Sie mit dem Monkeys angeboten.
lacht, während sie zählt. Sie ist nur die quirlige Hüterin
Es geht um Liebe. Und darum, wer wann wie
dieses Sacks voll Flöhe namens Ruff Monkeys, der gerade
wen mit wem betrogen hat
Auschnitte aus dem Stück „Exit Paradise“ probt, das am
Sonntag im Rahmen der YOUNGSTAR-Sparte des KALT- Bei den Ruff Monkeys geht es am Sonntag – grob gesagt
START aufgeführt wird. – um die Liebe. Um Jungs und Mädchen – hauptsächlich um
Wenn die Ruff Monkeys proben, gehört es dazu, dass sie, Jungs – und um komplizierte Verwicklungen. Amel redet
sobald ein bisschen Luft zwischen den Tanztrainingsein- auf persisch darüber, dass sie nach dem Studium heiraten
heiten ist, ein Gewirr aus Lachen, Tratsch und nett ge- möchte, und ein Haus haben, und Hunde, und Kinder, und
meinten Neckereien erzeugen, das sofort wieder abbricht, so weiter. Bench sagt, dass sie lieber ihre Liebe auf viele
wenn die Musik einsetzt. Die Truppe funktioniert, weil Männer verteilt. „Aber“, sagt Binta, „das sind nur Rollen.
Opuko-Preach nicht nur Sit-Ups verteilt, sondern meistens Niemand hier ist Anti-Liebe. Wir lieben die Liebe.“ Das ist
mitlacht, mittratscht, mitneckt. ein Satz, der die Mädchen erst zum Lachen bringt, dann
zum Schnattern, und dann zu einem Gespräch darüber, wer
Hautfarbe? Religion? Egal.
wann wie wen mit wem betrogen hat. „Aber nicht aufschrei-
Wichtig ist, wer aus Wilhelmsburg kommt
ben“, sagt Karina. Nachdem das geklärt ist, bringt Opoku-
Die Ruff Monkeys proben in den Räumen des LuKuLuLe Preach ihre Truppe wieder in die Ausgangspositionen, nur
e.V., im dritten Stock, schon im ersten Stock ist die Musik zu Bench dreht sich noch einmal um, und fragt besorgt, ob
hören: Soulig ist das, was da die Treppe runterkommt, zum denn jetzt auch die ganzen „Fäkalausdrücke“, wie sie sagt,
Mitwippen. In dem Raum selbst ist es ein bisschen, als wäre in der Zeitung stünden. Verdammte Scheiße, nein. Nur über
man in eine Mischung aus „Flashdance“ und „Sister Act“ die Liebe, da drüber steht etwas drin.
geraten: Eine Wand ist ein riesiger Spiegel, die vier Mäd-
chen – Karina, Amel, Binta und Bench, die nicht wirklich so
So. 25.07 | 15 bis 21 Uhr | Park Fiction beim Pudel Club |
heißt, aber hier so genannt werden will, weil das „ein guter
Eintritt frei
Tänzerinnenname“ ist – trippeln in sauberen Schritten
davor herum und betrachten sich beim Tanzen, während
Opuko-Preach mal mitzählt, mal mittanzt, weil die fünfte

Kaltstart
Einmal Baguette “Titanic”, bitte!
Die Bühnenversion des Dampfer-Dramas glänzt mit
pointiertem Humor, viel Slapstick und akuter Großartigkeit

von Khesrau Behroz

“Titanic” ist eine dankbare Vorlage für eine Persiflage. Die Kellnerinnen Alberta und Elli sind noch auf Arbeit, als
Der inzwischen zweiterfolgreichste Film aller Zeiten (ab- sie sich gemeinsam die lange Oscar-Nacht anschauen.
gelöst vom 3D-Mega-Dingsbums “Avatar”, ebenfalls von Dabei dient die Bartheke der “Bar Rossi” als Austragungs-
James Cameron) glänzt nicht nur mit erstklassigen Effek- ort. Das ist ungewöhnlich, aber auch das erklärte Ziel der
ten und einem teils großartigem Schauspieler-Ensemble Freien Bühne Neuwied: Theater an ungewöhnlichen Orten
(zu dem auch sehr wohl auch DiCaprio gehört, selbst wenn spielen, Bühnen schaffen, wo eigentlich keine Bühnen sind.
das niemand wahrhaben will), sondern auch einer Liebes- So sitzt man also mehr oder weniger bequem vor der Bar
geschichte, manifestiert in einem grauenhaften Drehbuch und schaut den beiden dabei zu, wie sie den Film chronolo-
voller Kitsch und Herzschmerz, mit Dialogen, die auf einem gisch nachspielen - aus Frust, weil die Kate den Oscar nicht
Lebkuchenherz besser aufgehoben wären und einer merk- bekommt.
würdigen Dramaturgie, die wechselt zwischen Schiffsun- So folgt nach den etwas langwierigen und langweiligen er-
glück und Liebesgetolle, Schiffsunglück und Liebesgetolle sten zehn Minuten ein fulminanter Schnelldurchlauf durch
sowie einer alten Erzählerin, die der Geschichte vorn und die bekanntesten Szenen, die schönsten Dialoge, pointiert
hinten einen Deckel gibt und uns so einen McPop-Burger aufgeführt. Eine Persiflage geht immer dann in die Hose,
anbietet, den jeder frisst und jeder kennt, egal ob Arthouse wenn man das zu persiflierende Objekt entweder nicht liebt
oder Mainstream, Mann oder Frau. oder nicht richtig verstanden hat. Dem ist in diesem Fall
nicht so: Tobias Krechels Bühnenversion, unter der Regie
von Boris Weber, glänzt mit liebevollen Details und strot-
zendem Ideenreichtum: Da wird ein Riesenbaguette als
Titanic missbraucht, geschmückt mit Bar-Utensilien, um
Schornsteine und Turbinen darzustellen. Da wird die Szene
auf der Reling, in der Kate kurz vor dem Selbstmord steht
und Leo ihr zur Rettung eilt, direkt auf der Theke gespielt.
Und als die beiden zum ersten Mal miteinander schlafen,
entzündet jeder Stoß, jedes Stöhnen, ein Konfettifeuerwerk.
Das ist zwar nichts, was noch nie dagewesen ist, aber in der
Dichte und punktgenauen Ausführung schon wahnsinnig
witzig. Highlight: Celine Dions Ballade in ihrer herzergrei-
fendsten Form – da bekommt die Formulierung “einen Song
Die „RMS Titanic“, neu interpretiert mit Partyschirmchen.Foto: Laura Naumann schmettern” endlich eine adäquate Bedeutung.
Sterben ist nicht wirklich witzig, wohl wahr. Aber hier geht
Bei rund 18 Millionen Kinobesuchern in Deutschland ist die es auch eher um das Phänomen “Titanic”. Das Stück lebt
Wahrscheinlichkeit groß, dass das Publikum den Film ge- von seinen Referenzen, davon, Popkultur zu sein. Es feiert
sehen hat. Es kennt die Bilder, weiß um die Liebesgeschich- in seiner Spritzigkeit auch letztendlich das, was der Anstoß
te zwischen Jack Dawson und Rose DeWitt Bukater, die von Allem gewesen ist: Rose. Oder wie Elli am Ende befreit
tragischen Umständen, unter denen sie sich kennen lernen zu Alberta sagt, die Jack imitierend am Boden liegt, versun-
und dem noch tragischeren Umstand, unter dem zumindest ken in den Tiefen des Ozeans: “Ich habe überlebt.”
einer von ihnen stirbt. Alberta und Elli (großartig gespielt Gottseidank.
von Cynthia Thurat und Verena Brakonier), die zwei Dar-
stellerinnen der Bühnenversion, könnten exemplarisch für
den Teil des Publikums stehen, das sich vernarrt hat in den
Streifen, jede einzelne Szene aus dem Stregreif präsentie-
ren kann - und entsetzlich, gar so entsetzlich gelitten hat,
als Kate Winslet 1997 bei den Oscar-Verleihungen keinen
Preis bekam und stattdessen zuschauen wusste, wie Helen
Hunt das Goldmännchen entgegennahm.

06 / 07
Die Besten gehen,
wenn’s am Schönsten ist Wer pimpert hier
Zwei „Suicide Boys“ präsentieren
eine charmante Selbstmord-Revue
eigentlich wen?
Der die Bühne e.V. der TU Dresden mit
von Stephanie Drees einem Abend über Lebensraum
Am Anfang steht schon das Ende. Zwei übergroße von Laura Naumann
Michelangelo-Engel blicken von der Leinwand, der
„Interessanter Raum, ja“, damit starten die drei
linke stützt versonnen den Kopf aufs Kinn, während
Spieler vom Dresdner die Bühne e.V. in ihren Abend
der rechte sich über die Musik beschwert. Immer
„Pimper my city, du Nomadensau!“. Dann gehen
nur Feng-Shui-Mucke, das rockt nicht, aber was soll
sie aus dem Publikum auf die Bühne und erklären,
man machen. Mindestens noch zwei Ewigkeiten lang
dass sie diese in den nächsten 70 Minuten als ihren
laufen die Engelschöre.
Lebensraum wahrnehmen werden. Die vierte Wand
Die „Azubis“ im Himmel – so kann das Ergebnis
wird weiter geöffnet, als sie, dem Thema des Abends
eines Workshops aussehen. Das Seminar „In weni-
entsprechend, in einige Runden Stadt-Land-Fluss
gen Schritten zur erfolgreichen Selbstentleibung“
starten. Dabei bitten sie das Publikum um Hilfe, beim
der beiden Performer Kai Fischer und Christopher
„A“- und „Stopp“-Sagen und beim Entscheiden, ob
Weiß ist gut besucht. Es soll eine kleine Einführung
Antworten wie „X-Man Wolverine würde auch nach
sein in das freiwillige Sterben. Der Selbstmord, ein
Berlin ziehen - also nix wie hin“ auf die Frage
gesellschaftliches Phänomen: Zwischen öffentlicher
„Werbeslogan mit X“ gültig sind.
Ausschlachtung von prominenten Fällen und Tabui-
Nebenbei erzählen die Spieler aus ihrem Leben, wo-
sierung des Themas changiert eine seltsame Nega-
her sie kommen, was sie nach Dresden verschlagen
tivfaszination. Selbstmörder sind entweder Opfer der
hat. Bis dahin ist das lustig und macht Lust auf mehr.
Gesellschaft oder Opfer ihrer selbst. In jedem Fall
Dann werden Hornbrillen und Hippiehaarbänder an-
irgendwie beschädigt. Was also, wenn zwei zurech-
gezogen und es folgen verschiedene Kapitel rund um
nungsfähige Menschen das Thema mal systematisch
die Stadt und den jungen urbanen Menschen (1: Was
angehen? Die freie Theatergruppe „Azubis“ hat dafür
zieht mich in die Stadt? 2: Was macht die Stadt mit
zwei Charaktere kreiert: Jens, ein lockerer Bierdo-
mir?), die kaum mehr Geschichten erzählen über die
sen-Typ mit Basecap, kurzen Hosen und Hamburger
drei jungen Leute, für die wir gerade beginnen, uns zu
Slang, ist federführend in der Publikumsbespaßung,
interessieren. Da müssen Subjekte gestylt, Sozialisa-
während Jens mit Miniflügeln an der Mütze die
tionsmüll erkannt, Cities gedated, Individualisierung
leiseren Parts übernimmt.
erzwungen und gehasst und Schuldige gefunden wer-
Antike Texte, vorgetragen unter einem Regenschirm
den dafür, warum das schreckliche Leben zwischen
aus Nimm-Zwei-Bonbons, werden flankiert durch
den Städten so ist, wie es ist. Der Platzmangel zum
über den Tod philosophierende Pfannkuchen und
Beispiel, der allgemeine Hype, die Gentrifizierung,
die Kurzzeit-Rückkehr von Promi-Selbstmördern
die Architektur.
wie Kurt Cobain. „Suicide Boys“ ist eine Revue, die
Sätze mit Identi-, Authenti-, Soziali-, Subjekti-,
als collagierte Kulturgeschichte funktioniert. Die
Konsum- ... können zwar knallen und zeugen von
Inszenierung bricht das komplexe Thema Freitod
Diskurskenntnis, brauchen aber etwas mehr, um
ohne falsche Pietätspuffer auf viele kleine, wunder-
zu leuchten. Das Feuilleton wie ein well-made play
bare Momente herunter. Unaufdringlich arbeiten die
vortragen? Vielleicht lieber nicht. Sätze wie „Wir spie-
Selbstmord-Brüder mit filmischen Effekten, projizie-
len exaltierte Künstler und feiern unsere Existenz“
ren die Kulisse eines Koffertheaters mit einer Minika-
wirken dann seltsam ernsthaft statt ironisch und
mera an die Wand und tanzen zu Gitarrenklängen um
bleiben Fremdkörper im Raum und in den Mündern
ein angedeutetes Feuer. Denn in anderen Kulturen ist
der Spieler – dabei sind diese Sätze Hauptbestandteil
der Selbstmord durchaus ritualisiert – was sich, wie
des Abends. Es wirkt, als hätte das Regiekollektiv viel
die Forscher schnell merken, nicht eins-zu-eins auf
Pollesch gesehen und das dann mit großem Schau-
unsere Sozialisation übertragen lässt.
spiel mixen wollen. Ein Widerspruch.
Die „Azubis“ arbeiten mit dem Clash: Trashästehtik
Schön ist es wieder, wenn die Wortflut ein Ende hat
trifft Bildungstheater, goldene Leggins kontrastieren
und die eine Spielerin nach dem Applaus auf der Büh-
historische Kostüme, Dante-Zitate die Generation X.
ne sitzen bleibt, weil sie vorher angekündigt hatte,
Daraus ergibt sich ein subtiles Theatermosaik. Fast
so lange zu warten, bis etwas passiert. Greift den
ein wenig kurz kommt einem der Abend vor. Aber wie
Spiel-Gedanken vom Anfang wieder auf, ist irgendwie
es schon in einer Trauerrede heißt: Die Besten gehen,
privat und doch nicht, beansprucht den Lebensraum
wenn’s am Schönsten ist.
für sich. Like.

Kaltstart
„Z! F! Sch! Offen!!!“
„Aussicht – Hölderlin“ tanzt sich
durch die Schriftstellerseele

von Alexandra Müller


Lutscher raus!
Anna in der Inszenierung von
Wer jemals versucht hat, einen Text zu schreiben,
„Habe ich dir eigentlich schon erzählt…“
der weiß, dass das schwer ist. Das weiße Blatt ist
ist sich selbst völlig fremd
vielleicht ein Klischee, aber es findet sich doch in fast
jedem Schreibdokument zu Beginn und will gefüllt
von Jan Berning
werden, am besten mit großartigen Gedanken und
Bevor sie mit Max (Björn Büchner) von zu Hause ab-
Worten. Und das dauert. Vielleicht sind die ersten
haut, nimmt Anna (Anne Wuchold) erst einmal einem
Worte noch leicht und machen Spaß – aber schnell
Zuschauer seinen Lolli aus dem Mund und wirft ihn
beginnt der Kampf. Besonders in der Lyrik. Diese
weg. Merke: Jetzt wird es ernst – betroffen Süßes
Vorgänge kann man selbst eigentlich kaum beschrei-
lutschen, das geht schließlich nicht. Nur passt dieser
ben. Klingt gleich auch wieder so weinerlich.
Ernst nicht zu Anna, denn Anna ist, zumindest auf der
Ach, ach, ach.
Textebene des Jugendbuches „Habe ich dir eigentlich
Nun hat sich aber Regisseurin Katrin Plötner
schon erzählt…“ von Sibylle Berg, eine lässige „Fän-
Hölderlins Gedicht „Aussicht“ vorgenommen und in
ger im Roggen“-Erzählerin, die voll und ganz über
einem Ein-Mann-Tanzstück aufgelöst. Der Tänzer
die Ironie ihrer Sprache funktioniert. In Jan Krügers
und Schauspieler Marcus Hering, ein schlanker Mann
Inszenierung jedoch schimpft sie ziemlich uncool
mit ausdrucksstarkem Gesicht und großen Augen,
rum, trotzig und verstockt, als müsste sie so den
erkundet zu Beginn des Stücks den Raum im Terrace
dramatischen Subtext zwischen den coolen Sprüchen
Hill. Er fährt die Wand mit seinen Händen ab, zieht
der Text-Anna entlarven und auf die Bühne zerren.
an Nägeln, untersucht die Dreckspuren an der Wand.
Wo das Buch subtil ist, da wirkt die Darstellung platt
Ohne Worte.
und einfallslos: Da wird mit Taschenlampen unterm
Dann beginnt er mit Geräuschen. Brummen, Sir-
Gesicht gefuchtelt, wenns gruselig wird, da wird
ren, Z-, F-, Sch-Laute. Sie formen sich langsam zu
rumgehüpft, wenn man sich freut und wenn Anna und
Worten: Hering rennt in einen der beiden Ausgänge,
Max sich ganz arg mögen, dann tanzen sie miteinan-
hinten an der Bühne, im Off ruft er plötzlich: „Offen!“
der. Yeah.
Es werden immer mehr Worte, die er findet für sein
Fast wirkt es, als sei es Ziel der Inszenierung, den
Gedicht, aber auch die Suche wird immer anstren-
konventionellen Plot und die Klischees der Vorlage
gender – in seinem panischen Lauf reißt Hering sogar
auszustellen: Wenn sie nicht gerade von Psycho-
den Tanzboden von der Bühne und deutet ein Dar-
pathen entführt werden oder aus Eifersucht ge-
unterschlüpfen an, um sich gleich wieder umzuent-
trennte Wege gehen, kommen Max und Anna nämlich
scheiden und wie ein aufgescheuchtes Huhn auf die
Richtung Süden trampend wunderbar klar, alles völlig
dicke Säule vor der Bühne zuzurennen und sich an sie
undramatisch. Und vielleicht wäre man als Zuschau-
zu klammern.
er ja wirklich mal betroffen, wenn Anna erzählt, wie
Bisweilen entwickelt dieses verzweifelte Ringen
sie ihrer Mutter ein Weihnachtsfest vorbereitet und
sogar eine eigene Komik. In den vielen kleinen Ideen,
dafür nur Ablehnung erfährt, wenn diese Geschichte
zum Beispiel wenn Hering an sich herunterschaut,
nicht schon genau so an Tausenden von Reißbrettern
die Schweißflecken auf seinem Oberteil sieht und
konstruiert worden wäre und einem nicht von der
verdutzt nach oben schaut und „Schwarzes Wasser!“
Bühne so humor- und ironiefrei vermittelt würde.
ruft oder wenn er eine Wand untersucht und daran
Da hilft es auch nicht, dass die Zuschauer hautnah
braune Flecken entdeckt, seine Füße von unten an-
an den Darstellern um den Bühnenrand sitzen. „Die
schaut und lakonisch kommentiert: „Spuren! Sind das
unangenehmen Dinge stellen die stärkeren Gefühle
meine? - Oh. Ja.“
her“, heißt es an einer Stelle. Das trifft dann zu, wenn
Aber die Komik entsteht auch darin, dass Hering sich
man nicht ständig darauf hingewiesen wird, diese Ge-
sehr ernst nimmt in seinem manchmal fast pein-
fühle genau jetzt haben zu müssen. Dann doch lieber
lichen Exaltieren und Suchen – und genau das trifft
einen süßsauren Lutscher, als eine Aufführung ohne
einen Punkt: Sein Kampf um die richtigen Worte ist
Nachgeschmack.
nicht nur klischeehaftes Künstlerleiden, sondern
hat auch eine selbstironische Seite. Genau wie beim
Schreiben. Natürlich kann auch ein Tanzstück die
kreativen Prozesse nicht erklären, aber es kann die
inneren Vorgänge ins Körperliche übersetzen und so
miterlebbar machen.

08 / 09
Sturz aus der Kuppel
Fabian Sattlers magische Inszenierung von
„Warum das Kind in der Polenta kocht“ entzaubert die Zirkuswelt

von Jan Berning

Es sind die Motive, die Sattler aus dem Text extrahiert, die
psychologischen Muster, nach denen Aglajas Wirklichkeit
funktioniert. „Wir dürfen nichts lieb gewinnen“, schreibt sie
mit Kreide auf die Kästen – denn das Zuhause verdampft,
wenn man nachts auch nur die Tür öffnet.
Kein Zuhause zu haben und dennoch gefangen zu sein,
dieses Gefühl findet sich als immer neues Bild zwischen
den Kästen wieder. Weil es nach Außen nur die Illusion für
das Publikum gibt, und nach innen keinen Abstand, weil die
Eltern die einzigen Bezugspersonen für die Kinder sind,
werden die Dramen der Eltern zu ihren Dramen. Da ist der
Vater, der Clown, der sich in selbstgedrehten Filmen als
Held inszeniert und Aglajas Schwester missbraucht. Da ist
die Mutter, die abends an ihren Haaren in der Zirkuskuppel
hängt und ihre Kinder mit der Angst gefügig hält, dass sie
Artisten auf Kisten. Foto: Lisa Kraatz abstürzen könnte, weil sie nicht brav waren. Oder ihnen von
dem Kind erzählt, das sich im Maissack versteckte und in
Vielleicht ist man diesem Mädchen schon begegnet, viel- die Polenta geworfen wurde.
leicht wenn man den Aufbau eines Zirkus‘ beobachtete und
sie zwischen den Akrobaten umherstreifen sah, einen spöt-
Die Bühne wird zur Manege
tischen Ausdruck auf dem Gesicht, den bunten Rock über Am deutlichsten wird die Ambivalenz zwischen Unsicher-
der Hose. Abends der strahlende Auftritt in der Manege und heit und Magie, wenn die beiden Akrobaten sich gegenseitig
am nächsten Tag schon wieder unterwegs: lange Nächte, an ihren Armen in die Höhe stemmen, sich an Seilen bis zur
ferne Städte, Abenteuer und Geheimnis – ein Traum. Decke drehen. In diesen Momenten, in denen die Zirkus-
Die rumänische Autorin Aglaja Veteranyi war ein solches künstler die Bühne in eine Manege verwandeln, wünscht
Mädchen. 2002 hat sie sich kurz vor ihrem 40. Geburts- man sich, dass Theater immer so spannend sein könnte
tag bei Zürich das Leben genommen. Zuvor aber mit dem – obwohl es doch gerade die Illusion ist, die Aglajas Ängste
Roman „Warum das Kind in der Polenta kocht“ ihre Ge- überdeckt.
schichte veröffentlicht, die der Regisseur Fabian Sattler am „Ihr denkt, das sei alles Spaß“, ruft sie den Zuschauern zu,
Ballhaus Rixdorf in Berlin inszenierte. Aglajas Kindheit ist da sind schon die Augen ganz groß geworden in den Reihen.
ein ständiges Reisen, ein einziger Auf- und Abbau. Schon Denn Aglaja erzählt die Geschichte, wie sie von ihrer Mutter
zu Beginn wird die Bühne auseinander genommen, von den nackt in Varietés ausgestellt wird, wie einen kuriosen
beiden stummen, ungerührt lächelnden Akrobaten (Danny Schwank. Und wendet sich damit vom tragischen Ton der
Pröhl und Benjamin Eichhorn), die das Personal von Aglajas Vorlage ab, die Theaterwelt als Antithese nutzend. Das geht
Geschichte verkörpern. Die zwei Meter hohen Kästen, aus so lange gut, wie sie sich in dieser Zirkuswelt aufhält. Als
denen das Bühnenbild besteht, werden zu stürzenden Wän- sie in ein Heim kommt, älter wird, Missbrauch und den Tod
den und zum Wohncontainer, zu Traumwelt und Hochseil, der Mutter erfährt, kippt die Situation, wirkt die Geschichte
Manege und Gefängnismauer. gehetzt: denn die Bühnensituation bleibt der Zirkus und
Annekathrin Bach spielt weiterhin ein Kind, auch wenn
Kein Zuhause haben –
dieses Kind in der Textvorlage längst zur Jugendlichen
und dennoch gefangen sein geworden ist.
Mit dem Selbstbewusstsein eines Kindes, das dem Publi- Ganz bestimmt aber ist der Abgleich der Theaterfassung
kum seine Welt als Show verkauft und gleichzeitig ihrem mit dem Roman müßig. Denn die Inszenierung leistet etwas
Hund unter der Bettdecke ihre Sorgen erzählt, entführt Ag- Entscheidenderes: Eine Geschichte nicht nur zu illustrie-
laja in eine Welt zwischen Magie und Abhängigkeit, maximal ren, sondern auch zu verkörpern, Illusion und Psychologie
ernst genommen von der Darstellerin Annekathrin Bach nebeneinander zu stellen: Magie bis hoch in die imaginäre
und doch mit kindlicher Aufregung und unschuldigem Stolz. Zirkuskuppel, Abgründe, tief wie der Zürichsee.

Kaltstart
Die waberige Leere nach der Schule
Timo Kocielnik, Autor und Regisseur von
„Jim Jones liebt Nelly Diener“, hat sturmfreie Bude.
Ein Partybesuch nach der Aufführung.
von Jan Fischer
frisch von der Schule sind und in dieser waberigen Lee-
re zwischen Studium, Schule und Zivi herumlungern.
„Das Stück ist sehr privat“, sagt Luke, und Timo reicht
eine Schüssel in Curryketchup gebadeter Pommes um
den Tisch wie einen Joint. Timo ist ein guter Gastgeber:
Die Dose Schloss-Pils in meiner Hand scheint niemals
leer zu werden, und sie bleibt immer kalt.
„Jim Jones ...“ erzählt Geschichten, die Timo, Luke und
Max erlebt oder gehört haben – das Arbeiten auf dem
Weihnachtsmarkt, das Ausgehen auf dem Kiez und das
Vorglühen davor, die alte Geschichte von dem uner-
reichbaren Girl - und baut aus diesen Geschichte eine
Collage, in der es um die Befindlichkeit der Generation
geht, der die drei angehören. Luke und Max stehen
Eine Generation oben ohne. Foto: Paula Reissig dabei auf der Bühne, Timo sitzt im Publikum und gibt
Anweisungen: „Jetzt Slapstick“, „Erzähl mal das mit
Timo hat sturmfrei: Seine Eltern sind im Urlaub, drei dem Zivi im Krankenhaus“, „Mach’s nochmal – und mei-
Wochen noch. Und im Anschluss an sein Stück „Jim ne es!“, solche Sachen. Im Hintergrund läuft auf einem
Jones liebt Nelly Diener“ lädt er ein. Die Wegbeschrei- Laptop eine Powerpoint-Präsentation mit Berufen
bung war einfach: U-Bahn-Station Lattenkamp, dann durch, die eigentlich niemand der drei ergreifen will:
anrufen. Es ist schon längst dunkel, schwer zu sagen, Maurer, Elektriker, Erotikfilmdarsteller.
was für eine Gegend das ist. Der einzige andere Mensch
an der Station ist der Mann im Dönerladen, der unterbe- Es geht nicht ums Finanzielle –
schäftigt auf seinen Drehspieß starrt. sondern um Freundschaft
Timo geht fast sofort ran, seine Stimme kommt doppelt:
Das Problem an dem Stück ist, dass es kein Ende hat:
Aus dem Handy, dann, leicht versetzt, von irgendwo
Dass da drei Jungs in unendlichen Annäherungskrei-
oben, von einem Balkon. „Einfach bei Kocielnik klin-
sen um sich selbst rotieren, bis in die Unendlichkeit
geln“, sagt er und legt auf. Das Treppenhaus ist säu-
Geschichten aneinanderkleben könnten und am Ende
berlich gewischt, und die Kocielniks haben eine dreie-
auch nichts neues zu vermelden haben, außer, dass sie
ckige Porno-Badewanne im Bad. „Eine der drei besten
ratlos sind. Das allerdings tun sie in von Timo schön
Wohngegenden in der Stadt“, sagt Timo und ascht in
schräg gelegten Sätzen wie: „Da geht es jetzt nicht so
eine Zimmerpfl anze. Dann versucht er, die indirekte
um das Finanzielle – so: ich den Eistee, ihr den Wod-
Beleuchtung der Schrankwandvitrine einzuschalten,
ka – sondern um Freundschaft.“ Das sind dann auch
in der eine unzählbare Zahl Engel ausgestellt sind. Im
die Sätze, die Lacher produzieren – diese Das-kenne-
Hintergrund läuft erst Nirvana, „Nevermind“, klar, dann
ich-auch-Lacher, die es bei Stand-Up-Comedy immer
diese The-Doors-Best-Of-CD, die jeder hat. Nur: Es ist
gibt, und das ist es dann auch, was den Abend bei Timo
kaum jemand da. Timo, natürlich, seine beiden Schau-
ausmacht: Dieses Hineingleiten in das altbekannte
spieler: Luke Malchow, der gerade Abitur gemacht hat,
Gefühl all dieser Partys in sturmfreien Wohnungen von
und Max Mehlhose-Löffler, Schulabbrecher und in ein
Freunden, und natürlich würde man jetzt gerne über
paar Wochen FSJ-ler, außerdem Marie, die ständig Toa-
einen Exzess berichten, würde gerne berichten, dass
st, Popcorn und geriffelte Pommes aus der Küche holt,
der ganze Abijahrgang samt Anhang sturmklingelt und
dann noch einer, der auf dem Sofa liegt, Kunst studiert
die Timos Party steil geht, dass mindestens drei Paare
und so gut wie nichts sagt, und einer, der sich die meiste
sich trennen und fünf sich finden, dass noch jemand
Zeit über im Nebenraum aufhält und sich auf Youtube
vom Balkon kotzt und jemand anders Weingläser an die
Hip-Hop-Videos anschaut.
Wand schmeißt. Aber das passiert nicht. Stattdessen
Die Dose Pils in meiner Hand bietet Timo noch Aldi-Whisky an, den niemand haben

wird niemals leer will, und wedelt mit der „Taz“ von vor zwei Tagen, in der
ein Interview mit ihm ist. „Die schreiben“, sagt er, „dass
Größtenteils sind alle frisch von der Schule, und sie wir das Stück aus Ratlosigkeit gemacht haben. Aber das
lungern rum. Im Grunde genommen eine Fortsetzung stimmt nicht.“
von Timos Stück, in dem es um Jugendliche mit jugend-
lichem Ego und jugendlichen Träumen geht, die gerade

10 / 11
KFZ - Das Trinkspiel Booog
bog bog..!

Die Regeln: Schneide die verschiedenen Boote aus dem Programmheft aus und
stecke sie in Korkenstückchen. Haltet eine Flasche mit eurem liebsten Hochprozentigen
bereit: Jeder, der auf ein Wodka!-Feld kommt, muss einen großen Schluck trinken.
Jeder Spieler hat einen einzigen Wodka-Joker: Er darf dann anstelle der Aufgabe im
Aufgabenfeld einen weiteren Schluck nehmen. Mit Würfeln beginnen darf die
Spielerin mit der wenigsten Theatererfahrung.
Ziel
Start Ziel! Macht richtig laut

16 17 Stell dein KALTSTART- 32 Musik und feiert bis zum


Abwinken. Und tanzt!
Und Wodka!
Lieblingsstück panto-
Yeah – der Haupt- mimisch dar.
stadtkulturfonds hat
sich gemeldet:
5 Felder vor.

18 31
Bastel dir eine

15
Nerdbrille aus

2
Shake your Booty deinem Lieblings-
zu einem Lied KFZ-Cover
deiner Wahl.

14 19 30
3
Erzähl den anderen von
Eierlikör!
deinem peinlichsten
Kindheitserlebnis und
Eierlikör!
sei dabei total authen-
tisch. 13
29
Falte dir aus der

4 20
miesesten Kritikenseite
Spiel dein
einen Papierhut und
Lieblings-
trage ihn für den Rest
Youtube-Video
des Spiels.
nach

5 12 21
Erklär deiner fiktiven
Cousine in Berlin,
warum sie sofort
28
Ruf deine Mutter an und
frag sie, wie gutes Theater
aussehen muss.

beim KALTSTART
auflaufen soll

27
6 11 22
Erläutere ausführlich
und überzeugend,
warum das KALTSTART Eierlikör!
Eierlikör! mehr Geld braucht.

26
7
Erarbeite mit den anderen
Schminke dich
mit irgendetwas, 10 23 einen Kostenvoranschlag für ein
Projekt, das du nächstes Jahr
realisieren willst.
das du im Raum
findest.

24
8
9 25
Tausche mit deinem
Zeig den anderen deinen rechten Sitznachbarn die
Mach den anderen nackten Arsch und fühl Kleidung und trage sie
die KALTSTART- dich performativ dabei. für den Rest des Spiels
Meerjungfrau. wie ein Kostüm

Kaltstart
KFZ
Kolumne:
Wiederholungstäter Affektierte
Effekte VI
von Khesrau Behroz

Da müssen wir jetzt einfach mal ehrlich zu uns sein: faszinierender Sound: “Oh, schau, ist das geil, die
Wir haben alles irgendwann mal kaputt gekriegt, was ertönen ja alle gleichzeitig!” Als hätte man das Feuer
wir irgendwann mal geliebt haben. Wir sind alle schon entdeckt. Oder den FKK-Strand.
mal euphorisch gewesen - und haben hinterher nie Ja, so geil ist das mal gewesen. Aber inzwischen
verstanden, warum eigentlich. Das gilt sowohl für wirken die Loop Stations in ihrem Einsatz nur noch
Ex-Freundinnen und Ex-Freunde, als auch für Phäno- aufgezwungen, unnatürlich, affektiert. Ich habe beim
mene wie die Kelly Family. KALTSTART schon drei Stücke gesehen, die dieses
Und es gilt für Pop-Songs. Die finden wir oftmals Gerät zum Einsatz gebracht haben. Man wäre auch
so geil, dass wir sie in der Dauerschleife hören, sie wunderbar ohne ausgekommen, aber es ist zurzeit of-
mitträllern mit irgendeinem Ding in der Hand, das im fenbar angesagt, dieses Patchwork-Theater: Man baut
entferntesten an ein Mikrofon erinnert, so geil, dass nicht nur die Bühne live vor dem Publikum zusammen,
wir eigene Tanz-Performances kreieren in unseren sondern auch die Geräusche. Postdramatik und so.
vier Wänden, vor dem Spiegel stehen – danke, danke, Mich würde es ja nicht wundern, wenn es bald das
ich nehme den Preis sehr gerne an – und dabei grenz- erste Stück gibt, das direkt bei der Premierenauffüh-
debil grinsen. rung seine Schauspieler castet. (Kategorie: Die KFZ
Nach dem zwanzigsten Mal jedoch haben wir genug liefert kostenlose Regie-Einfälle. Gern geschehen.)
und wenn Andere auf Parties eben jene Songs spielen, Dabei sind die Loop Stations an sich eine feine Sache.
finden wir sie uncool und doof und überhaupt: Was Sie helfen Musikern, die eigene Stimme zu dubben,
soll denn dieser ganze Mainstream-Scheiß! Naja, be- wenn es sonst niemanden in ihrem Rücken gibt. Sie
sonders fair sind wir eben auch nie gewesen, und uns helfen Multitalenten, auf der Bühne ein wenig anzu-
an die eigene Nase zu greifen finden wir albern. geben und alle Instrumente selbst zu spielen. Und
Genauso faszinierend wie Pop-Songs sind die so Sie helfen Schauspielerinnen und Schauspieler, auf
genannten Loop Stations. Mit denen nimmt man einen der Bühne etwas zu tun, wenn sie sonst nichts zu tun
Ton auf, den das Gerät von selbst wiederholt und dann haben. Ist doch auch super. Ist doch auch super (oh
nimmt man noch mehr Töne auf und legt sie alle über- ja). Ist doch auch super (oh ja) (oh no).
einander - und heraus kommt ein vermeintlich

IMPRESSUM

Die Festivalzeitung KFZ zum KALTSTART HAMBURG 2010


wird herausgegeben vom Kaltstart e.V.

Redaktion: Khesrau Behroz, Jan Berning, Stephanie Drees, Clara Ehrenwerth,


Jan Fischer, Alexandra Müller, Laura Naumann, Jan Oberländer (V.i.S.d.P.),
Johannes Schneider.

Titelfoto: Jan Fischer

Gestaltung: www.kirschcake.net.

Auflage: 500.

Redaktionsblog unter www.kaltstart-hamburg.de/blog.


Schreibt uns unter kfz@kaltstart-hamburg.de.
Face-to-face: Lokal, Max-Brauer-Allee 207, 22765 Hamburg

Mit freundlicher Unterstützung von: