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K FzZitun� l e

#7 1.Jahrgan� 2010

So 25. Juli

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ART ist Das K ALTST ück - und nach vorn zur wir blicken

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Editorial
Liebe Kaltstartende, liebe Augenringe, liebe neue Freunde und -innen!
Fragt Ihr Euch bzw. fragen Sie sich eigentlich auch, wie so ein richtig guter Eisbommi zubereitet wird? Die KFZ hat die Antwort! Man nehme: 1 Flasche Bommerlunder, 1 Flasche Zitronensprudel und 1 Packung Vanilleeis. Nach Gemütslage mischen schönen Abend noch! Wir schreiben das hier, weil die Abschlussnacht eines so tollen, vollen Festivals angemessen durchfeuchtet werden will -- warum nicht mal mit etwas Besonderem? Mit Bier funktioniert es aber auch, Bommi gibt es sicher nicht auf Marke. Oder er kostet gleich drei Nixen, und wer hat schon so viele übrig. Mensch, Leute! Das KALTSTART ist vorbei! Ihr habt, wir alle haben es durchliebt und durchlitten, durchschrieben und durchtrunken. Und jetzt sind wir, jawollo, eben dieses: DURCH. Und Finnisch heißt auf Englisch soviel wie Schluss, uah. Einer aber, ein Letzter, geht immer noch. Zum Beispiel diese siebte KFZ-Ausgabe! Mit einer großen Portion Rückschau und Ausblick (Selbstreflektion S. 3, Interview S. 4-5, Essay S. 6-7). Mit Euren liebsten Festivalmomenten zum Aufs-Kopfkissen-Sticken (S. 14-15). Mit den von uns einfach mal vollkommen willkürlich, aber umso liebevoller ausgewählten KALTSTART-Fotos (S. 8-9). Und natürlich wieder mit vielen schmusigscharfen Rezensionen (S. 10-13). Leider leider können wir die allerletzten Festivalstücke nicht mehr besprechen - die werden gespielt, wenn Sabri Özergins Maschinen schon wieder still stehen. In Sabris „Copy Keller“ (Kleiner Schäferkamp 56) kann man prima kopieren - sogar Otto Waalkes war schon Kunde! Auch wir danken für die gute Zusammenarbeit. Und wir müssen noch viel mehr Dank sagen. Zuvörderst dem KALTSTART e.V., ohne den es das alles hier gar nicht gäbe. Dann aber auch gleich dem LOKAL, unserer gschönen rünen Villa in der Max-Brauer-Allee, die der KFZ-Redaktion supererweise zwei Wochen lang Arbeits- und Lebensraum war -- wir würdigen dieses tolle Haus und seine Betreiberinnen nochmal extra auf Seite 15. Und wir danken Daniel Opper, Jessica Kellner und Loubna Messaoudi. Für unglaubliche, unerschütterliche, hoch kompetente, freundliche und lustige und immer perfekte Koordination und Logistik! Alle Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit! Dankesehrstens! Immer die Euren! Yay! Noch jemanden vergessen? Ja. Euch! Liebes Publikum! Danke fürs Kommen! Danke fürs Lesen! Danke für alles! War schön mit euch. Gerne wieder. Winke, winke!

Die Red.

H an d # 7 Auch in d ieser Ausg abe gibt es kurs zum einen Dis Nachspie len für Zu hause. Ei ausschnei nfach den, schw ar ze Streif zusammen en hinten kleben, ü ber den Fi nger zieh loss treite en und n. Heute : Vergange nheit vs. Was wird Zukunft. das K A LT ST A R T 2011 Ladys hof bringen ? fen schon Die auf frisch während es Fischfl die Jungs eisch, sich noch an Arielle er freuen. s Arsch Allerdings is t nicht ge wirklich ge sa gt, ob h stritten w eute ird - eige ntlich sollt die Puppen en sich bestens ve rs tehen.. .

Diskurs z ur

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Wie uncool – Journalisten schreiben über sich Ein Einblick zum Abschluss
von Jan-Alexandra Müller-Oberländer

Das Prinzip KFZ

selbst!

K FZ

Thema

[20:41:08] caro: der text ist jetzt aber für 15 und nicht 16 nehme ich an? [20:41:35] ich: ja, 15 rechte spalte, sorry, verwirrt [20:42:01] ich: ekstase vs. erschöpfung ist für die 16 [20:42:14] caro: hab ich schon drin [20:42:20] ich: urst knorke
Dieser Text beginnt am Samstagabend um 20:44 Uhr. Ich bin genervt. Dieser Text entsteht nämlich nicht so recht, dabei soll er doch das Prinzip KFZ erklären! Fischers letzte Kritik hab ich eben gemacht, der ist schon los, Bier in der Faust. Es fehlen noch das Festivalmacher-Interview (Müller macht Pause, Schneider kürzt) und der Abschlussessay (Berning hat noch was anderes zu tun, Drees schreibt). Designerin Caro wartet zu Hause vor dem Indesign-Dokument. Den ganzen Nachmittag schon haben wir über Skype Bilder hin- und hergeschickt, Hintergrundbilder, Seitenaufteilung und Textlängen besprochen. „Cool, ein Theaterfanzine!“ so haben wir uns vor Monaten im KALTSTART-Programmheft angekündigt. Zum Abschluss dachten wir, dass es gut wäre, nochmal drüber nachzudenken, was wir da eigentlich gemacht haben. Darüber, wie so eine Zeitung entsteht, aus einem Anruf aus dem Nichts, einem Vortreffen mit zu viel Kuchen in einer Hildesheimer WG, jeder Menge Rundmails und dummer Witze, die ganz besonders. Eigentlich ist genau das am Tollsten: Dass die Arbeit an der KFZ von der ersten Ausgabe an so gut funktioniert hat.

auch mal ein warnendes Wort an allzu rabaukige Kollegen richten. Dann alles rüber zu Caro. Und wieder ab zum Copyshop. Klar, dass bei dem Tempo auch mal ein Fehlerlein passiert. Seit vier Ausgaben planen wir eine SelbstkritikSpalte, in der wir für inkorrekte Termine, Namen, Bildunterschriften, Berufsbezeichnungen oder Artikelzuordnungen um Entschuldigung bitten. Haben wir natürlich nicht geschafft. Darum hier: Sorry! Tja. Und wenn ich dann mit einer Tüte voll kopiererwarmer KFZs zurück in die Redaktion komme, freuen wir uns alle kurz über die schöne neue Ausgabe: geil abgeliefert! Prost! Zur Belohnung geht es abends wieder schön ins Theater.

Die KFZ - ein handverlesenes Allstar-Team
Neben der Produktion laufen immer auch die theoretischen Fragen mit, die wir beim Feierabendbier diskutieren (wenn wir nicht zur Ukulele ironisch gebrochene linke Lieder singen): Sind wir nun eigentlich Teil des KALTSTART-Festivals oder sind wir hier vierte Gewalt? Wie wird man den Dingen gerecht, wie bespricht man die unterschiedlichen Sparten und was wäre ein angemessenes Reportage-Thema für die nächste Ausgabe? Wie verhindern wir, dass wir spießige Feuilleton-Pupser werden? Die meisten im handverlesenen AllstarTeam der KFZ waren schon in mehreren Festivalzeitungen dabei: Berlin, Hamburg, Hildesheim, Mannheim, Amsterdam. Schlafmangel, Textstress, böse Blicke von schlecht besprochenen Theatermachern können sie nicht schrecken. Und trotzdem: Warum tun wir uns das an? Warum mache zum Beispiel ich den Scheiß in diesem Jahr schon zum zweiten Mal? Weil es süchtig macht! Für Heroin ist das keine gute Ausrede, fürs Zeitungmachen schon. Wenn man sich Themen ausdenkt, Zeilen macht, vielleicht ein bisschen Struktur ins Festivalchaos bringt. Wenn ein Diskurs entsteht. Klar ist es auch immer glorios, das selbst gemachte Blatt in Händen zu halten. Zu sehen, wie Festivalteilnehmer unsere Texte lesen, die Psychotests machen, über die Witze der Kollegen lachen. Ha. Morgen feiern wir. Und am Montag werden wir wieder nach Hause fahren. Mit vollem Kopf bzw. Kater. Und der Vorfreude aufs nächste Mal.

Es gibt ja immer noch die Online-Version
Dabei sind wir WIRKLICH kalt gestartet: Zwar waren die ersten Texte schon produziert, bevor wir im LOKAL eingezogen sind. Das meiste aber ist erst am Sonntag vor Festivalbeginn entstanden. Eine Nachtschicht – und die erste Ausgabe stand. Locker vom Hocker, hektisch übern Ecktisch. Plötzlich stand ich mit einem USB-Stick im Kopierladen und biss in die Theke, weil der Besitzer nicht mit dem Computer zurechtkam. Aber dann war irgendwann doch alles gut und die KFZ#01 lag im Haus III&70 rum. Und sah toll aus. Wir haben zwar vergessen, die Titelthemen aufs Cover zu drucken, aber hey, in der Pdf-Version sind sie da. Und so ging es weiter, denn das ist das Leben einer Festivalzeitung. Tag eins: Frühstücksrunde, Planung der nächsten Ausgabe, Aufgabenverteilung, Recherchen. Abends Stücke gucken, nachts Texte schreiben, während die Grafikerin schon setzt. Tag zwei: Frühstücksrunde, Texte fertig machen. Kommas setzen, Sätze vervollständigen, umschieben, kürzen,

[01:51:08] [01:51:30] [01:51:42] [01:51:01] [01:51:12] [01:51:22]

ich: muss jetzt ins bett caro: interview fertig? ich: schneider kürzt noch caro: also morgen ich: yes caro: cool

Kaltstart

„Der Rahmen ist da!“

KFZ

Ein Gespräch mit den KALTSTART-Machern

Interview

Festivalmacher: Falk Hocquél (Leiter Kaltstart Pro), Thimo Plath (Künstlerische Leitung), Christian Psioda (Fringe), Daniel Opper (Gesamtkoordination), Taylan Günes (Fringe). Foto: Jan Fischer

von Alexandra Müller und Johannes Schneider Beinahe 14 Tage ist es nun her, dass ein globales Großereignis (Fußball-WM) zu Ende ging und ein kleines, unbeugsames Theaterfestival in Hamburg seinen Spielbetrieb aufnahm: das KALTSTART 2010. Unzählige Aufführungen später hat die KFZ-Redaktion die Macher des Festivals zum Abschlussgespräch geladen – und fast alle sind gekommen: Wir sprachen mit Falk Hocquél und Thimo Plath von KALTSTART PRO, den FRINGE-Machern Taylan Günes und Christian Psioda und Koordinator Daniel Opper. KFZ: Das Festival ist nach zwei Wochen fast vorbei. Seid ihr zufrieden? FALK: Wir haben im de facto fünften Jahr einen Riesensprung nach vorne getan. Großartig funktioniert haben vor allem die Sondertools wie Autorenlounge, YOUNGSTAR und Festivalzeitung, die es vorher noch nicht gab. Auch die öffentliche Wahrnehmung war viel mehr da als in den Jahren zuvor. CHRISTIAN: Besonders schön fand ich das Publikumsfeedback. Auch wenn es vorher stressig war, wir manchmal in Eile aufbauen mussten und uns gefragt haben „Wird das denn überhaupt was?“, hat es nach den Produktionen immer sehr konstruktive Reflexionen gegeben. Und auch die Künstler sind meist sehr zufrieden wieder nach Hause gefahren. Ich habe das Gefühl, dass nicht nur unser Konzept organisatorisch aufgegangen ist, sondern dass es für Künstler und Zuschauer funktioniert hat. KFZ: Für uns war das Konzept „KALTSTART“ immer eins der systematischen Überforderung: 120 Produktionen, vier Festivals in einem, jeden Abend bis zu zehn Inszenierungen. Gab es Punkte, wo selbst ihr, die Macher, dachtet: „Jetzt wird es wirklich sehr wuselig!?“ THIMO: Auf jeden Fall. Da muss noch mehr passieren: dass wir in diesem vollgestopften Programm noch mehr Zeit haben für Diskussionen, Nachgespräche, Diskurse. Dass wir das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Dafür müssen wir Raum schaffen. FALK: Wenn etwas zum ersten Mal so voluminös ist, merkt man erst, wo die Schwierigkeiten stecken. Letztes Jahr habe ich viel mehr vom FINALE der Theaterakademie mitbekommen, dieses Jahr habe ich nichts gesehen – weil letztes Jahr FINALE noch nicht zum „KALTSTART“ gehörte und beide Sachen nacheinander stattfanden. Das möchten wir gerne beruhigen – natürlich, ohne die Teile wieder voneinander zu trennen. CHRISTIAN: Wir hatten dieses Jahr einfach noch nicht die Kapazitäten, um uns intern mit der Programmierung abzustimmen. Alle vier Festivals haben für sich programmiert, das haben wir zusammengemixt und ein Programm kam dabei raus. Teilweise liefen zwei bis drei Stücke parallel – das muss besser werden.

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KFZ: War KALTSTART an manchen Punkten zu extrem? DANIEL: Ich glaube nicht, dass wir so extrem sind. Extrem ist das „100 Grad“-Festival in Berlin, wo in drei bis vier Tagen 100 Stücke abgefeiert werden. Mir haben mehrere Gruppen erzählt, dass sie sich da nur durchgeschleust gefühlt haben, wie an der Supermarktkasse. Das finde ich extrem. Extrem ist auch Edinburgh, die in vier Wochen mehrere Tausend Stücke spielen. Da liegen wir mit 120 Stücken in zwei Wochen eigentlich in einem ganz guten Zeitraum, um genau die beiden Dinge zu vereinbaren: Austausch der Mitwirkenden und Theaterfans auf der einen und auf der anderen Seite ein strahlkräftiges, großes Programm, das Leute anzieht. TAYLAN: Ich glaube, dass es gelungen ist, gerade bei den Zuschauern alle Gruppen gut anzusprechen. Da waren – auch durch die Medienpartnerschaft mit dem Hamburger Abendblatt – viele klassische Theaterzuschauer dabei, die sonst nicht ins Haus III&70 kommen. Ich habe aber auch mit Leuten gesprochen, die eigentlich keine Beziehung zum klassischen Theater haben, die eher auf den UnpluggedCharakter, also auf das Theater speziell an Orten wie dem Haus III&70 reagiert haben. Das Prinzip „Raus aus den Bühnen, rein in die Clubs“ scheint echt zu greifen. Und die Idee, das Ganze mit FRINGE OPEN AIR nochmal in Richtung Straße zu öffnen, funktioniert auch. KFZ: Was KALTSTART neben dem Unplugged-Charakter vor allem besonders macht, ist die FRINGE-Sparte, die nicht kuratiert ist. Im Prinzip darf jeder seine Produktion anmelden. Wir haben uns immer gefragt, wie man so ein riskantes Konzept umsetzt: Man will kein schlechtes Theater sehen, macht aber eine offene Ausschreibung. CHRISTIAN: Wir haben ja nicht x-beliebige Theaterportale im Internet, Spielgruppen und Seniorenclubs angeschrieben, sondern ganz konkret einen Index erstellt: Was tummelt sich wo, in welchen Städten? Wo sind gute Dachverbände, unter denen sich coole Kollektive verbergen? Die haben wir als Multiplikatoren angeschrieben und gebeten, das weiterzuleiten an Gruppen, die sie gut finden, an Freunde, Bekannte, Künstler aus ihrem Metier. Und das hat tatsächlich gut funktioniert. KFZ: Daneben gab es die kuratierte Sparte KALTSTART PRO, speziell für den Nachwuchs an Stadt- und Staatstheatern. Würdet ihr sagen, dass ihr es hier geschafft habt, die junge Theaterszene im deutschsprachigen Raum realistisch abzubilden? FALK: Es hätte noch mehr sein müssen, aber wir hatten schon einige sehr starke Produktionen, auch aus Wien, Salzburg, Bern. Den Zirkel zu schlagen, möglichst viele ranzuholen, die etwas Besonderes bieten können, das haben wir auf jeden Fall geschafft. Dass jetzt sozusagen alle Tendenzen vertreten sind, das haben wir noch nicht geschafft, aber das können wir an unseren sehr speziellen Spielorten auch gar nicht.

„Wir würden uns vonseiten der Stadt eine klare Aussage, ein Bekenntnis wünschen: Ja, wir wollen dieses Festival auf Dauer hier haben. Und wir sind bereit, es weiter zu fördern.“
KFZ: Neben Unplugged-Charme, FRINGE-Anarchie und jungem Regietheater sollte KALTSTART auch einen gewissen Messe-Charakter haben. Ist das aufgegangen? THIMO: Bei den meisten Profieinheiten ist es leider immer noch so: anreisen, spielen, abreisen. Das ist zu kurz. Eigentlich muss von vornherein klar sein: Man darf ein Haus nicht nur zum Gastspiel einladen. Das widerspricht dem Gedanken des Festivals. Eher muss es heißen: Ihr spielt an zwei Tagen, bleibt drei Tage da, schaut euch noch das und das an und seid dann zu einem gemeinsamen Nachgespräch eingeladen. Nur so bringen wir die Leute wirklich zueinander. KFZ: Wie wäre es daneben - für die bessere Interaktion - mit einem Festivalzentrum, das nicht mitten auf der Schanze liegt, sondern etwas abseits? CHRISTIAN: Da bin ich gegen. Ich sehe wohl den Punkt, aber nur insofern, dass es vielleicht ein bisschen eng wird, wenn abends das ganze Schanzen-Partyvolk zu den Festivalbesuchern dazukommt. Wenn man aber wirklich ein outgesourctes Festivalzentrum schaffen würde, dann würde man die Chance vertun, das zufällige Publikum zu erreichen. DANIEL: Meiner Meinung nach ist die Frage nach der Zugehörigkeit zum Festival nicht so sehr eine Frage des Ortes, sondern eher eine der Identifikation. Es haben halt viele im Haus III&70 gesagt: Wir wissen gar nicht, ist das jetzt ein Partygast oder ein Ansprechpartner oder ein Mitkünstler? Man muss es irgendwie schaffen, das zu kennzeichnen. Die T-Shirts waren ein Versuch, die hat aber natürlich nicht jeder an. Da muss man einen Weg finden. KFZ: Gibt es sonst schon konkrete Pläne, was 2011 anders werden soll? THIMO: Um es kurz zusammenzufassen: Der Rahmen ist da, wir haben über 100 Produktionen, die Kooperationen zwischen den Festivals sind gegeben. Jetzt müssen wir mehr ins Gespräch kommen. Die Sparten untereinander, die Künstler, das Publikum. DANIEL: Vielleicht noch ein Punkt, der weniger uns betrifft als die Bedingungen, unter denen wir arbeiten: In Hamburg ist es immer noch so, dass Kultur als eine Sache von Mäzenen angesehen wird und die Stadt sich relativ wenig engagiert. Wir würden uns vonseiten der Stadt eine klare Aussage, ein Bekenntnis wünschen: Ja, wir wollen dieses Festival auf Dauer hier haben. Und wir sind bereit, es weiter zu fördern.

Kaltstart

Viele Schiffe sind
14 Tage KALTSTART sind um. Ein reflektierender Rückblick mit ein bisschen Wehmut – und einigen Vorschlägen
von Stephanie Drees Sinnbilder sind etwas Feines. Nach fast zwei Wochen journalistischer KALTSTART-Begleitung dürfen wir sagen: Unsere Fingerkuppen sind heiß und unser Geist glüht. So viele Wörter haben wir für die Bilder gesucht, die wir auf der Bühne sahen. Alles begann mit fünf schwarzen Emblemen auf blauem Grund: Vier Schiffe prangen auf dem Programmheft. Eine Nixe mit einem Riesenkanister lud uns mit aufforderndem Blick zum Abstechen in ein theatrales Meer der Möglichkeiten ein, voll mit großartigem Größenwahn. Über 120 Produktionen, von vier Schiffen symbolisiert: Stadttheater, freie Szene, Jugendtheater, Nachwuchs der Regieakademie. Diese Nixe, das verruchte Ding mit offenem Mund, Killerbody und einem Kanister Euphorie unter dem Arm, hat nun ihre Arbeit getan. Wir sind Schiff gefahren, bis uns schwindelig wurde vor Eindrücken und Welten, die wir auf diversen Inseln entdecken durften. Ein süßer Herr Tod fuhr im Miniatur-Krankenwagen Slalom, Hasen sprangen aus Hüten und Ponys - kaum zugeritten, dafür mit roten Schleifen im wirren Haar - galoppierten über die Bühne. Wir durften 18-jährige Regisseure in ihrer natürlichen Lebensumgebung besuchen, Hölderlin-Tänzer Geschichten mit ihren Körpern erzählen sehen und Gorillas im Marketingnebel beobachten. Was ist nicht alles passiert auf den Routen der vier KALTSTART-Schiffe. Zunächst sei also aus den Räumen dieser Redaktion heraus der Freibeuter-Geist des Festivals gepriesen. Den teilen wir, den wollen wir sehen und fühlen, einen Vibe spüren, von dem man auf transusigen Kreuzfahrtdampfern á la „Aida“ nur träumen kann. Das ist auch nach zwei Wochen ein Gefühl der Erfrischung, ein Flow, frei nach der theatralen Glücksphilosphie ein tiefgehendes Gefühl von Mittendrin-Sein in diesem reißenden Theaterstrom. Die KALTSTART-Macher wollen augenscheinlich wenig inhaltlich ordnen, denn Ordnung bedeutet Wertung und Wertung bedeutet möglicherweise Hierarchie. Doch je grobmaschiger man das Netz spinnt, umso schneller fällt auch die eine oder andere Perle hindurch: Wer etwa bei FRINGE zwei Mal an eine Inszenierung gerät, die die persönliche Erwartungshaltung gänzlich unterläuft, der wird seine Füße vielleicht für dieses Jahr nicht mehr auf die Planken des wunderschönen Piratenschiffs setzen. Warum also nicht Zeitblöcke schaffen, die den Festivalabend strukturieren – so dass der Performance-Nachwuchs in direkter Konkurrenz mit dem PerformanceNachwuchs steht. Und nicht unbedingt gegen drei weitere Inszenierungen antritt, in denen Profischauspieler den Raum bespielen, als wäre er eine Stadttheaterbühne. So werden Vergleiche vermieden von Dingen, die nicht vergleichbar sind. Zeitblöcke, die grafisch und farblich im Programmheft voneinander abgesetzt sind, könnten Manch einer hat den Enthusiasmus gelobt, der sich wie eine Kielwasserspur durch das Festival gezogen hat. Kopfnicken von allen Häuptern dieser Redaktion, die via Computertastatur oder im persönlichen Gespräch jemals das KALTSTART-Wort ergriffen haben. Der Idealistenbonus: selbstverständlich. Eine Fusion, noch jung, frisch und ungestüm. Und an manchen Stellen ein wenig unerfahren. Denn nicht nur im ästhetischen Sinne bringt das KALTSTART Welten zusammen. Auch organisatorisch prallen unterEin wenig Flaggschiff-Charakter hat der KALTSTARTPRO-Dampfer. Als das einzige maschinell betriebene Schiff in der ganzen Flotte ist er ein Sinnbild für eine wie kleine Bojen auf dem Weg zur Insel funktionieren. Mitten im Inszenierungsmeer schauen sie aus dem Wasser – Wegweiser, die zeigen, dass die gewählte Richtung eingehalten wird. Wasser – Wegweiser, die zeigen, dass die gewählte Richtung eingehalten wird. schiedliche Ansätze aufeinander: FRINGE, der Freibeuter, wird nicht kuratiert. Jeder, der sich rechtzeitig anmeldet, darf mitmachen. Was da zum Vorschein kommt, ist Glückssache in der Theaterlotterie. Die anderen Sparten zeigen Ausgewähltes. Aber Grenzmarkierungen für unterschiedliche künstlerische Ansätze und Herkunftsställe gibt es innerhalb der Abteilungen nicht. Zeitlich parallel und abwechselnd auf denselben Bühnen spielen HobbyPerformer und Stadttheaterprofis. Alle machen Kunst unplugged - in Clubs, Off-Theater und Bars. Irgendwie klingt das demokratisch und verbindend, eigensinnig und nach Rock’n’Roll. Und das ist es auch. Leider führt es aber auch zu einem ständigen Überangebot und wenig Orientierung für die Mehrheit der Zuschauer, die vielleicht nicht zwei Wochen Zeit hat, um sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen.

Bojen als Wegweiser

Glückssachen in der Theaterlotterie

Dabeisein auf dem Dampfer

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gekommen...
Sparte, deren Künstler auf dem Sprung in die Professionalität sind. Regiestudenten, die ihren Weg in den Theaterbetrieb suchen. Die Zeisehallen sind ein Ort, an dem die Theaterakademie ihre Schüler für die Öffentlichkeit bereit macht. Techniker und Künstler wirken schon lange zusammen und Arbeitsabläufe sind eingespielt. Und auch wenn sich bei einem Theatermarathon wie dem KALTSTART wenige ästhetische Gemeinsamkeiten ausmachen lassen, aus denen der dokumentierende Geist Tendenzen formen kann, so scheint sich doch ein Tröpfchen Destillat der Theaterstunde abpressen zu lassen: Das Publikum kommt näher. Im räumlichen wie übertragenen Sinne. Einige FINALE-Inszenierungen waren, obwohl ihre äußeren Gegebenheiten nicht KALTSTART-typisch sind, repräsentativ für ein Festival-Gefühl. Wenn der Arzt bei „Woyzeck“ auf einem Bühnenlaufsteg genüsslich in eine Orange beißt, dann suchen seine Blicke nicht nur die des zuschauenden Gegenübers, sie provozieren es. Sie sagen: Du gehörst dazu, ohne dich wäre diese Inszenierung eine andere. Genauso, wenn die „Suicide Boys“ zu einem Seminar über Selbstmord laden und lakonisch eine morbide Verbrüderung erzeugen. Mit völlig unterschiedlichen Mitteln wird ein ähnlicher Effekt erzielt: Theater wird unmittelbarer, die Trennlinie zwischen Zuschauerraum und Bühne blasser. Diese Unmittelbarkeit, eine besondere Form des Dabeiseins, des Gefühls, aktiv oder passiv Teil eines großen ästhetischen Ganzen zu sein, sie ist die eigentliche KALTSTART-Essenz.

K FZ

Essay

internationale Cafés, Flirts und Besäufnisse. Ein offizielles Festivalzentrum. Es müsste Anstecker für die Beteiligten geben als Erkennungsmerkmal, eine Informationsecke und eine Eröffnungsfeier, die knallt. All dies schafft Unmittelbarkeit, auch über die Inszenierungen hinaus.

Ein Flaggschiff?
Das KALTSTART hat sich zum Ziel gesetzt, eine Messe für die Bandbreite der deutschen Nachwuchs-Bühnenkunst zu sein. Die Entscheidung, was interessant ist und was nicht, liegt einzig beim Zuschauer. Das ist einerseits ein Gedanke, der größtmögliche Mündigkeit voraussetzt. Doch würde das Vorstellen einiger Inszenierungen als Headliner diesen Gedanken verschwinden lassen? Vielleicht werden die Kleinen durch die Großen gar nicht kleiner. Vielleicht wäre eine klarere Gewichtung mit Haupt- und Nebenbühnen, mit Stolz auf große Namen und Neugierde auf Kleines nur eine weitere Wegweiserboje auf dem weiten Theatermeer. Auch ein Publikumspreis für die beste Inszenierung wäre denkbar, der nicht nur Nachrichten generiert, sondern seine jeweilige Festivalinsel im Nachhinein besonders attraktiv macht für weitere Besucher.

State of the end
Was haben wir nicht alles gesehen in diesen zwei Wochen: Eine öffentliche Konzeptionsprobe, deren Höhepunkt das Verschwinden einer Schauspielerin in einer Umhängegorillafaust war, Kinder, die in der Polenta kochen, Feuershows, Paradiese für Trinker. Wir haben geglaubt, geliebt und gehofft und Erinnerungsbilder mit unseren neu gewonnen Freunden im Fotoautomaten geschossen. Wir haben wunderbare Festivalmomente erlebt, während wir von Insel zu Insel gefahren sind. Viele Schiffe sind gekommen, aus denen vielleicht in der Zukunft noch ein einziger riesiger Dampfer wird, mit unzähligen Decks. Nach der Fahrt ist vor der Fahrt. Wir sagen: Leinen los für KALTSTART 2011!

Wo schlägt das Festivalherz?
Man muss eine Weile auf den KALTSTART-Schiffen gefahren sein, den Oberkörper über die Reling gebeugt, die Nase im Wind, um es schmecken und riechen zu können: Was dieses Festival mindestens genauso dringend braucht wie finanzielle Förderung, ist ein Ort, an dem sich sein Destillat sammeln kann. Ein Ort, der sagt: Hier ist unser Hafen, von hier aus geht es raus zu den Inseln. Ein Zentrum, in dem das Festivalherz so laut arbeitet wie die Maschinen im Inneren des KALTSTART-PRO-Dampfers. Noch gibt es ihn nicht, diesen einen Ort. Doch dieses Festival muss auch ein Festival des künstlerischen Austauschs sein, des Gesprächs über Theater. Darin liegt das größte Potenzial von KALTSTART – und zugleich die größte Herausforderung: Ein Ort muss geschaffen werden, an dem Menschen, die Theater machen, Theater lieben und Theater (manchmal) verfluchen, zusammentreffen. Workshops und Gesprächsrunden könnten dort stattfinden,

Kaltstart

Die Nixe sieht alles

Die KFZ als textbasiertes Blatt gibt es endlich zu: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Auf dieser Seite also, zum letzten Festivaltag: Mehr als 20.000 Worte KALTSTART. Ein Superposter zum Erinnern und An-die-Wand-Pinnen!

Düsseldorfer Schauspielhaus: „Der Du“ (Foto: Jan Hufnagel)

Gestaltungsweise: „das kleine hasenstück oder Meister L. lernt laufen“ (Foto: Sven Heine)

Marketing Unplugged (Foto: Jan Fischer)

Heimathafen Neukölln: „Arabboy“ (Foto: Jan Fischer)

Hinter dem Vorhang verbirgt sich eine Nixe (Foto: Jan Fischer)

Landungsbrücken Frankfurt: „Glaube Liebe Hoffnung“ (Foto: Newroz Beykoeylue)

Theater Liga: „Feuchtgebiete“ (Foto: Sven Heine)

Haute Culture e.V.: „Von-Wegen“. (Foto: Sven Heine)

Schauspiel Frankfurt: „Komm, süßer Tod“ (Foto: Ole Westermann)

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Das Hamburgische Kulturkontor: „Die Unterrichtsstunde“ (Foto: Sven Heine) Staatstheater Mainz: „Kunst“ (Foto: Jan Fischer) Wo die KFZ zuhause ist (Foto: Jan Fischer)

Landestheater Tübingen: „Paradies“ (Foto: Jan Fischer)

Da kommt noch was nach (Foto: Jan Fischer)

Diasona: „Das Weiß und die Sieben Wege“ (Foto: Jan Fischer)

Die Bühne beim PRAG SPEZIAL (Foto: Alexandra Müller) Die KFZ freut sich über Spenden (Foto: Jan Oberländer)

Falk Hocquél eröffnet das KALTSTART – mit der KFZ in der Hand (Foto: Jan Oberländer)

Salon 5 Wien: „Liebesgeschichte“ (Foto Alexei Rothkirch)

DAP: „Rebecca – eine 48-Stunden-Performance“ (Foto: Sven Heine)

Die Azubis: „Suicide Boys“ (Foto: Jan Fischer)

Kaltstart

Bartsch,Mensch
Das Stück “Bartsch, Kindermörder” ist ein faszinierender Blick in das Innenleben einer vermeintlichen Bestie
von Khesrau Behroz Der Mann, der da sitzt, das ist nicht Jürgen Bartsch. Er spricht im Konjunktiv, beschreibt, was er tun würde mit dem Kind, detailliert, unangenehm. Dass er das nicht ist, diese Person, in der Presse oftmals als “Bestie” bezeichnet, das stimmt das Publikum glücklich, es atmet hörbar auf, lacht, dahamwirabernochmalglückgehabt. Er will von jenem Kindermörder erzählen, will beschreiben, wie er tickt, funktioniert, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er geworden ist, einer, der mit 15 Jahren seinen ersten Mord begangen, insgesamt vier Kinder getötet hat und im Begriff war, das fünfte umzubringen, als er gefasst wurde. Zwischen weißen Wänden sitzt er auf seinem Metallstuhl, schlägt die Beine übereinander, dreht sich um. An der Wand: Projektionen von ihm, bayerisch angezogen, im Park, im Auto, überall unterwegs, ab und an sieht man Kinder. Er schaut sich diese bewegten Bilder sekunBriefen beschreibt, was ihn getrieben hat zu den Taten, wie er als Jugendlicher die grausamen Morde begehen konnte.”Bartsch, Kindermörder” lebt von dieser Offenheit, auch wenn der Text manchmal etwas holprig und manchmal sogar zu offenherzig ist. Die Aspekte des Sadismus und des Sexuellen - sie werden nicht deutlich getrennt, die Grenzen verwaschen. Hat es ihn sexuell angemacht oder wollte er die Kinder einfach nur sterben sehen? Vielleicht ist die Nichtantwort darauf die beste Antwort, die man bekommen kann. Getragen wird das Stück, ein Monolog übrigens, eine OneMan-Show, und das sei an dieser Stelle in aller Deutlichkeit erwähnt, von dem großartigen Schauspieler Matthias Lier. Er schafft es mit außerordentlicher Präzision, den Point of no Return, den Augenblick, in dem der Mann auf der Bühne zu Bartsch wird, im wahrsten Sinne über die Bühne zu bringen. Der Text wird noch stärker durch Lier und sein Talent. Auf der Bühne trägt er ein lilafarbenes Hemd, sein Auftreten ist freundlich, nur, wenn er hämisch lacht, da kommt ein Stück Bartsch durch. Und im Laufe der 75 Minuten, da bohrt sich dieser Bartsch heraus, der Mensch dort vorne, der ist am Ende nicht mehr der Erzähler, und der Kindermörder längst kein Konjunktiv mehr - wir haben die Geburt einer Bestie gesehen, sie war schmerzhaft, sie war intensiv und manchmal sogar witzig. “Gib mir einen Kuss”, brüllt er am Ende. Seine Forderung bleibt unbeantwortet. “Bartsch, Kindermörder” des Bayerischen Staatsschauspiels
Bartsch bei der Fachlektüre („Eltern“). Foto: Katrin Reiß

wurde im Rahmen eines Doppelabends im Anschluss an das Stück “Körpergewicht. 17%” des Nationaltheaters Mannheim aufgeführt, ebenfalls einem Monolog, fantastisch vorgetragen von Ragna Pitoll. Torge Küblers Regiekonzept ist das Reduzierteste des Festivals: Die Spielerin steht vor einem weißen Hintergrund, bewegt sich die ganzen 35 Minuten nicht, spielt abwechselnd eine Frau, die Kinder hasst, und einen Geschäftsmann in der Krise. Ein gelungener Prolog eines wunderbar nachdenklichen Abends.

denlang an, scheint zu überlegen, dreht sich zum Publikum, um scheinbar willkürliche Anekdoten zu erzählen, sucht das Gespräch, fragt einen Zuschauer, ob er denn auch von der Mutter gewaschen wurde, er sagt ja, natürlich wurde er das, nasiehstdu. Natürlich ist das kein Zufall. Es ist eine Rechtfertigung dafür, dass er selbst mit 19 noch gebadet wurde, es ist der Versuch, einen Täter zum Opfer zu machen, ihn nicht abzutun, zu fragen, ob nicht vielleicht doch mehr hinter seiner Geschichte steckt. Als Grundlage dient Regisseurin Marie Bues der Theatertext von Oliver Reese, der wiederum auf dem Buch “Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch” von Paul Moor beruht, eines Journalisten, der den Kontakt gesucht hat, weil er den öffentlichen Tenor nicht akzeptieren und mehr erfahren wollte. Jürgen Bartsch findet in Moor einen Zuhörer, dem er sein Innenleben öffnet, der in zahlreichen

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Wenn der Postmann zweimal klingelt
„Finnisch – Solostück für eine Frau“ ist ein unglückliches Zusammenspiel von Text, Regie und Schauspiel
von Jan Fischer Als Sehnsuchtsort geben entfremdete, melancholische Großstadtmädchen immer gerne Finnland an. Wir können das nur empirisch belegen, um das Warum sollen sich die Psychologen kümmern. Wobei hier nicht das biologische, sondern das performative Geschlecht gemeint ist: Alle diejenigen zum Beispiel, die in „Finnisch – Solostück für eine Frau“ von Martin Heckmanns (Inszenierung: Karin Neidhart) ein grenzdebiles Grinsen im Gesicht haben, als Sabine Menne in ihrer Rolle als entfremdetes, melancholisches Großstadtmädchen davon spricht, dass sie gerne mal in einer Bank tanzen würde, mit einem T-Shirt, auf dem „Fantasie“ steht. Menne ist bei Sat1 übrigens unter anderem zu sehen in „Weibsbilder“ und „Soko 5113“. Aber mal von Anfang an, also, eigentlich noch vor dem Stück, bevor Sabine Menne auf die Bühne kommt, da läuft, quasi als Warm-Up-Kitsch, schon die CD von Traumphase, Mennes Band, da geht es um – Überraschung – melancholische, entfremdete Großstadtmädchen, und um Jungs. Von denen sich aber auch konsequent entfremdet wird. Sodann tappst Menne auf die Bühne und beginnt den Monolog, in dem es darum geht, dass sie sich selbst ein Päckchen schickt, weil der Postbote so toll ist, aber sie auch nicht so richtig weiß, wie sie ihn ansprechen soll, und von da aus hebt der Text ab in Proseminargefilde der Sprachphilosophie, wo dann darüber nachgedacht wird, dass Worte ja auch nie so ganz das sagen, was man eigentlich meint, vor allem nicht so Worte wie „Liebe“. Oft geht es auch um Finnland, und Finnisch, aber das ist eher so Nebensache. Das Stück endet damit, dass der Postmann zweimal klingelt. Danach läuft wieder Mennes CD. Karin Neidhardt inszeniert Heckmanns Text völlig ungebrochen, einfach nur als Erguss von Neoromantikplattitüden aus den frühen 2000ern und Menne tut ein Übriges, um den Abend mit den anderthalb Stimmungen, die sie spielt, völlig zu zerschießen: Einmal pro Minute ungefähr wechselt sie zwischen Verträumt und pathologischer Persönlichkeitsstörung, kreist sich selbst ein in ihrer platten Mädchenhaftigkeit, bis sie nicht einmal mehr unfreiwillig komisch ist: „Finnisch“ ist ein vollkommen unglückliches Zusammenspiel aus Text, Regie und Schauspielerin, das sich zu einem Abend amalgamiert, der einen wirklich an die Flucht nach Finnland denken lässt. Oder irgendwo anders hin. Nur weg.

Die falschen Freunde
Was Laura Jakschas’ „Woyzeck“-Inszenierung wollte, wurde nicht wirklich deutlich
von Jan Berning Die Russenmafia kann einem richtig den Tag versauen: Für ein paar Groschen muss man sich auspeitschen, zusammenschlagen oder die Frau ausspannen lassen. Macht echt keinen Spaß. Auch Woyzeck nicht, der aber irgendwie diesem Haufen Psychopathen und Zuhältern angehört. Warum würde er sonst mit ihnen auf die Kirmes gehen? Immerhin entstehen so anschlussfähige Motive für jugendliche Zuschauer: Wer hat noch nicht das Gefühl gehabt, beim Autoscooter abgedrängt oder beim Fangen spielen verarscht zu werden? Und wenn dann die anderen Büchner-Figuren während der Fahrt durch die Geisterbahn als Pappkameraden erscheinen, wird die Inszenierung von Laura Jakschas fast selbstreflexiv. Denn es sind tatsächlich nur Klischees, mit denen sie die Bühne flutet: Der Hauptmann im Pelzmantel, ein Psychopath, wie ihn Dennis Hopper in „Blue Velvet“ spielt, ein Doktor im Trenchcoat (hä?), ein Tambourmajor im Glitzerhemd, der dauernd mit seiner Perlenkette rumspielt und ein Kind, dem völlig un-PC-mäßig Attribute psychischer Beeinträchtigungen angehängt werden. Marie und Woyzeck brechen als Figuren völlig auseinander: Anfangs durchgeknalltes Liebespaar, das mit dem Motorrad durch Rock’n’RollMomente heizt und als Stammgast bei Beate Uhse aufkreuzt, dann verzweifelte Singer-Songwriter und schließlich ist Woyzeck zum psychischen Wrack und Marie zur schmerzfreien Bitch geworden, weil er zu viele Erbsen gegessen und sie ein Kleid geschenkt bekommen hat. Dabei gibt es sie, die Szenen, in denen die Leitmotive des Dramas deutlicher herausgearbeitet werden, etwa, wenn Woyzeck sich aufreibt zwischen dem Kind, das wie eine Auto-Alarmanlage herum hupt und dem Hauptmann, der ihm immer wieder seine Peitsche hinwirft. Das Problem ist: Das ist schon zig Mal so inszeniert worden. Selbst den Hauptmann als Bandenchef gab es schon, etwa 2003 an der Schaubühne in Berlin. Noch größere Probleme hat die Inszenierung mit dem Text: Der wird entweder runtergeleiert oder pathetisch geschrien. In der „Woyzeck“-Inszenierung von Ivna Zic, die am Dienstag an der Theaterakademie in den Zeisehallen gezeigt wurde, sind die anderen Figuren Charaktere, die nicht aus Bösartigkeit eine Zwangssituation schaffen, sondern ihres beschränkten Horizontes wegen. Bei Laura Jakschas sind sie einfach nur mächtig und böse. Das ist 130 Jahre nach Erscheinen des Stücks zu wenig, um auch nur annähernd zu überzeugen.

Kaltstart

Wortspielhölle mit Herzwumms
„Stand-by-me“ von Lena Biresch findet den Witz im weißen Rauschen
von Jan Fischer

Das Grinsen der Verliebten
„Von Motten, Bier und Taschenlampen“ zerlegt die Liebe in ihre Einzelteile
von Alexandra Müller Bei FRINGE sieht man die unterschiedlichsten Theaterentwürfe. „Von Motten, Bier und Taschenlampen – eine Geschichte über pfandfreie Einseitigkeit“ war eine Collage: Disparate Texte und Szenen zu einem Thema werden nebeneinander gestellt, im Idealfall ergibt sich dadurch ein Mehrwert. Das Stück der Gruppe Fehlinterpretierte Projektionsfläche untersucht das große Thema Liebe und, getreu ihrem Namen, die projizierte Liebe. Die Untersuchenden sind drei Menschen, Julian Horeyseck, Anna Nigulis und Jannika Jira aus Weimar. Die Einzelteile der The-

Hässliche Pullover für alle. Foto: Jan Fischer

Vieles passiert in „Stand-by-me“ erst auf den zweiten Blick, auf den ersten wirkt es verwirrend: Vier Menschen sitzen auf Stühlen und hangeln sich – abwechselnd zu zweit – an einer Gedankenbewegung entlang, deren Sinn immer kurz hinter dem Wahrnehmungshorizont versteckt scheint: „Ich hab mich voll ins Mett verlaufen“, ist einer dieser schräg gedrehten Sätze, oder: „Wie in Bad Salzuflen: Hässliche Pullover für alle!“ Man möchte jeden dieser Sätze mitschreiben: Lena Biresch, als Regisseurin und Autorin, hat ihrem Stück ordentlich Wortwitz mitgegeben. Für die Struktur gibt es Pausen mit elektronischen Störgeräuschen, die von einem Beat überlagert werden, einem dieser Beats, die direkt ins Herz gehen. Dann werden die Stühle für den nächsten Dialog zurechtgerückt. Um der Sache ein bisschen Story zu geben, sagen alle ständig, dass sie warten. Worauf, wird nicht erwähnt: Es ist eben einer dieser Zwischenbereiche, in denen Gehörtes und neu Zusammengebautes sich zu weißem Rauschen überlagert. Wollte man an „Stand-by-me“ herumkritteln, könnte man sagen: Das ist halt die klassische Phase des anything goes, so in den 70ern, da hatte man solche Probleme, von Zitaten, die sich überlagern, bis kein Zitat mehr ein Original hat. Aber Birechs Gedankenbewegung ist nicht so; eher wird der Sinn ins Zitat zurückgeholt. Nicht in der Überlagerung ist das Stück gut, nicht in seiner rätselhaften Sinnlosigkeit, sondern in seinem Wortwitz, mit dem nicht nur die langweilige Wartezeit ganz gut herumgebracht wird, sondern hinter dem auch die angegraute Überlagerungstheorie zurücktritt. Das Rauschen wird zur Wortspielhölle. Ist ganz nett da.

atercollage sind unter anderem ein Auszug aus Andre Gorz’ Buch „Brief an D.“, eine Liebeserklärung an die langjährige Ehefrau des Sozialtheoretikers sowie ein Nachdenken über sein Werk und dessen Verbindung zu seiner Ehefrau: „Warum nur bist du in dem, was ich geschrieben habe, so wenig präsent, während unsere Verbindung doch das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist?“ Damit beginnt die Collage. Was folgt sind wechselhafte 30 Minuten: Ein Pärchen sitzt vor dem Fernseher, er schaltet um, sie ruft ihn an und fragt ihn, ob er mit ihr zusammenziehen will – und er stimmt überraschenderweise zu, was sie dazu bringt, ihr Angebot zurückzuziehen. Die drei Schauspieler singen Rolf Zuckowskis „Ich bau mir eine Höhle“, ein nerviger Typ ruft bei einer Frau an und fragt, warum sie sich nie meldet und ein großartiger, taschenlampenbeleuchteter Chor erklärt, dass: „Wenn Kollektiv, dann gut!“ Leider sei das Kollektiv aber meistens böse. Und immer wieder verfallen die Drei in das bekannte halbdebile Grinsen der Verliebten. Ihr Ziel, die „emotionale Haltbarkeitsverlängerung“, erreichen sie jedoch nicht, denn dieser Versuch über die Liebe bleibt in seiner Collagenhaftigkeit stecken. Die projizierte Liebe fehlt wie D. in Andre Gorz’ Werk. „Von Motten...“ ist eine Materialsammlung mit viel Potential, aber ohne stringenten Grundgedanken. Wenn die „Projektionsflächen“ dranbleiben, könnte sich durchaus ein unterhaltsamer Abend (mit meisterhaft gesungener Tetris-Melodie!) einstellen. Weitermachen! Wieder Sonntag 25.07. | 20 Uhr | Foolsgarden

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Freiheit oder Bier
Die beiden Künstler von chicken&egg zeigen absurdes Theater im Waagenbau
von Jan Berning Es gibt Dinge, die können nach der atomaren Apokalypse weiterhelfen. Schwimmweste und Rugbyhelm gehören dazu, eine Thermoskanne vielleicht. Ein Kasten Bier schon weniger. Was aber, wenn nicht sicher gesagt werden kann, ob es tatsächlich eine Apokalypse war, die die beiden Figuren der Aufführung „Striptease 2010“ (Maximilian von Mühlen, Niklas Leifert) in diese unübersichtliche Situation geworfen hat? Alles hier unten spricht die Sprache der Unsicherheit, der Unwägbarkeit: die Strickleiter, die unter der Decke hängt, ein vor Holzschlag warnender Aufsteller, eine blaue Tonne, ein Wasserkanister, der auf Metallfedern vor der Bühne schwankt. Da geht es den Figuren, die eine im engen roten Ganzkörperanzug, die andere schwarz geschminkt, wie den Zuschauern: Was gleich passieren wird, scheint völlig ungewiss. Nur eines wird schnell klar: es soll weder eine Geschichte erzählt noch die Situation enträtselt werden – absurdes Theater eben. Stattdessen nähern sich die Beiden spielerisch dem Assoziationsfeld zwischen den Begriffen Freiheit und Sicherheit, rezitieren Gedankenspiele aus der Textvorlage „Striptease 1961“ von Slawomir Mrozek. „Ginge ich auf der Stelle“, sagt der Rote, „ist das Ausdruck einer Handlung. Ich würde die Idee der Freiheit einschränken. Bleibe ich sitzen, habe ich noch die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen“. Während er sich einrichtet und sich die Grotte schön redet, entscheidet sich sein Kollege für die äußere Freiheit und erklimmt die Strickleiter. Doch je mehr die Beiden auf ihr Eingeschlossensein zurückgeworfen sind, desto gewalttätiger wird die Aufführung, etwa wenn sich beide kopfüber in der Tonne steckend durch den Raum bewegen. Aus dem Wasserkanister fliegen irgendwann Würstchen und nasse Aktentaschen, der Geschminkte steigt im Sumoringer-Kostüm und mit einem Kasten Bier aus dem Wasser, während eine der Flaschen auf der Bühne zerplatzt. Irgendwann ist das Publikum alleine und klatscht, da sitzen die Darsteller schon vor der Kasse und trocknen sich die Füße ab. Es ist ein ungemein charmanter, unprätentiöser Moment, den die Berner Schauspielstudenten schaffen. Selten ist Theater auf dem KALTSTART so sorglos und so entrückend gewesen.

Altruismus vs. Party
Theatrale Subversion, Katze und Krieg und die Brotfabrik Berlin zeigen mit „Alles Meins“ ein Happening zu Eigentum
von Laura Naumann Gleich zu Beginn bitten uns die Performer, alles Geld, das wir dabei haben, abzugeben. Gegen Vorzeigen der Quittung könne man es später zurückbekommen. Schüchtern leeren wir also unsere Portemonnaies und bekommen Fragebögen ausgehändigt. Wir sollen uns gegenseitig befragen. „Worauf sparst du?“, „Warum hast du deinen Besitz verdient?“ – ein perfekter Eisbrecher und eine erste Auseinandersetzung mit dem, was uns erwartet. Die Performer bitten in den Stuhlkreis. Sie haben unser Geld gezählt. 620,71 Euro. Ziel des Abends ist es nun, dieses Geld umzusetzen. Sie führen uns langsam ran, machen Vorschläge. Zum Beispiel 620 Burger kaufen und so einen ganzen McDonald’s lahmlegen und die Burger dann verschenken. Mit den Obdachlosen vor der Roten Flora ein Festmahl veranstalten. Dazwischen wir. Die Ideen kommen zögerlich, eine Spielerin bemerkt, sie würde von dem Geld mit uns essen gehen, wenn wir ihre Freunde wären – seien wir aber nicht. In kleineren Gruppen entwickeln wir Konzepte, über die dann abgestimmt werden soll. Als es dann ans Open Mic geht, um sie zu präsentieren, sind wir mutiger. Wir verstehen: Wir haben uns in dieses Spiel eingekauft, das ist unser Gruppenguthaben, es liegt jetzt bei uns. Es ist die letzte Chance, unser Geld zurückzubekommen. Viele steigen aus, holen sich ihr Geld zurück und setzen sich an den Rand. Wir sind noch zu viert. „Alles Meins“ konfrontiert mit den eigenen Vorstellungen und Ängsten rund um Geld, Besitz, Eigentum. Was bedeutet es, etwas zu besitzen? Wann bin ich bereit zu teilen? Ich weiß nicht mehr, ob das jetzt echt ist oder Theater. Wenn wir gewinnen, müssen wir unsere Idee dann wirklich umsetzen? Haben die am Anfang gesagt, man kriegt das Geld auf jeden Fall zurück? Bin ich ein Spießer, weil ich darüber nachdenke? Habe ich Lust, einfach mal 50 Euro mit Fremden zu teilen? Kann ich mir das leisten? Aber ich will gern bis zum Ende spielen. Sehen, was passiert. Heute Abend wieder – better be there! Sonntag 25.07. | 18 Uhr | Haus III & 70

Kaltstart

Souvenirs, Souvenirs!
Der Moment, in dem ich das erste Mal das Übergabeprotokoll der leider kurzfristig erkrankten Autorenlounge-Organisatorin las und dort Josef Hader als Lesepartner angekündigt war. Mein liebster Österreicher und Landsmann bei unserem Festival!

Zwei Wochen Festival – da erlebt man mehr, als man in einem Satz sagen kann. Wir haben euch trotzdem gefragt, liebe Macherinnen und Macher hinter den Kulissen: WAS WAR EUER KALTSTART-MOMENT 2010? Hier sind die Antworten.
wind: „deutsche bahn, du kannst mich doch nicht einfach mitnehmen. moment mal. das kanns doch nicht gewesen sein. KALTSTART!“ falle erschöpft in den zugsessel und meine gedanken kreisen: „auf welches Thaterstück kann ich mich nun freuen? wo bleiben die unterhaltsamen gespräche am Infocounter, stöckchen bringende hunde, die langen nächte im Haus 73? großes drama. seufz. bleibt nur die hoffnung auf Mein KALTSTART-Moment? Den erlebte ich im Stück „Paradies“. Wie Katja Gaudard eine Trinkerin verkörpert hat - das ging unter die Haut! das nächste jahr. ja und die schöne erinnerung an die letzten 2 wochen. und jetzt ..KALTSTART lass es am sonntag abend krachen...mein zug fährt ab... herz, nimm abschied und gesunde.

(Samuel Enslin, Organisationsleitung KALTSTART PRO)

(Alexei Rothkirch, Fotograf für KALTSTART im Haus 73)
„Ich bring dich groß raus, Baby!“

(Ursula Merkel, Infocounter, Künstlerbetreuung, Catering, Kasse)
Mein KALTSTART-Moment ist eigentlich der, in dem du rein-

(Taylan Günes, Leitung FRINGE)
Es sind zwei Wochen des Fotografierens vergangen. Hängen geblieben sind zwei Stücke. Zum einen „India Simulator“ in dem das Klischee des Deutschen singend und tanzend beschrieben wird und zum anderen „Hab ich dir eigentlich schon erzählt...“ Aber zwei Frage nach zwei Wochen stellen sich mir immer noch: Wo ist Katrin? Wie sieht sie aus? kommst und mich fragst, was mein KALTSTART-Moment ist und ich antworte, dass mein KALTSTART-Moment eigentlich der ist, in dem du reinkommst und mich fragst, was mein KALTSTART-Moment ist und ich antworte, dass mein KALTSTART-Moment eigentlich ...

(Jan Fischer, KFZ)
Blaumänner mit viereckigen Pappköpfen vorm Budnikowsky:

(Lisa Kraatz, Fotografin KALTSTART Pro)
Das Licht ist auf Laura Jakschas gerichtet und sie singt ein Lied voller Sehnsucht und Hoffnung; dieser Moment ließ mich erkennen, was wir da (eigentlich) Wahnsinniges auf die Beine gestellt haben. Mein absoluter KALTSTART-Moment war, als wir das erste Mal die bunte Lichterkette im Garten des Lokals anbekommen haben. Das war unerträglich kitschig-schön und es war ...war es zu beobachten, wie sich im Zuge einer Open Air Performance das Publikum mitten in der kleinen Susannenstraße spontan verdreifachte, irritiert bis begeistert am Geschehen hängen blieb, während herannahende Autofahrer anstandslos ihre Motoren abstellten, um der stattfindenden Kunst den notwendigen Raum zu bieten. (Christian Psioda, Festivalkoordinator FRINGE) Ich komme an einem dieser warmen Abende aus einem Stück im Haus III&70 zurück ins Pressezentrum, gehe in den Garten und überrasche den Chefkoordinator Daniel Opper dabei, wie er im Garten des „Lokal“ einen aufblasbaren Swimmingpool aufstellt. Einen Pool! Der Mann kriegt einfach alles koordiniert. Als ich die erste „Fritz-Zitrone“ meines Lebens mit einem Getränkebon bezahlte und neben mir zwei Männer über den Psychotest aus Heft 2 lachten. Sweet! Sommer. Später wurde gesungen. Freiluftirritation im bequemen Hamburg, Open Air at its best!

(Peter Haueis, Orga FRINGE Open Air Special)

(Jessica Kellner, Marketing)

(Laura Naumann, KFZ)

(Alexandra Müller, KFZ)
KALTSTART ist, wenn der Sushimann, der Teil der Performance sein soll, eine Stunde zu spät liefert, weil er den Spielort auf dem Dach eines alten Flak-Bunkers nicht findet – und die Schauspieler einfach weiterspielen, bis das Essen kommt…

(Daniel Opper, Gesamtkoordination KALTSTART)
Mein absoluter KALTSTART-Moment war die Rückkehr nach

(Jan Oberländer, KFZ)
Es ist samstag- letztes KALTSTARTwochenende- muss vorzeitig abreisen. familienfest. sitze im internet cafe- hauptbahnhof. in 20 minuten werde ich im zug sitzen. das ist mein KALTSTART- moment 2010. sehe schon die szene: zug fährt ab. stehe auf, schaue mich suchend um. hamburg wird klein. renne durch den zug. kein entkommen. KALTSTART vorbei. unwiderbringlich. öffne das zugfenster und schreie in den „Wir zwei“ spielte bei KALTSTART bereits zum zweiten Mal. Ich wurde umgehauen von dem Moment, als ich den Auftritt des Hausmeisters im Stück erwartete, aber stattdessen ein zartes Wesen im Hasenkostüm erschien und zu „Abenteuer vier Tagen Pause. Oder sollte ich lieber sagen: die Heimkehr?

(Jo Schneider, KFZ)

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Kunstraum, Pressezentrum, Zuhause
Unser permanent temporär gut bekanntes LOKAL
von Alexandra Müller land“ von Pur eine Ballettnummer vom Feinsten ablieferte. Als unser Chef vor zwei Monaten ankündigte, wir würden für zwei Wochen in eine „Stockbettenkommune“ ziehen, wurde nicht wenigen KFZ-Redakteuren Macht doch nicht alle so ein Theater! mulmig zumute: Wir befürchteten eine verstaubte Ekelherberge voller quietschender Metallbetten. Doch dann betraten wir das LOKAL, ein popelgrünes Mein intensivster Moment war, als ich gespannt auf die nächste Performance in den Waagenbau kam und im Eingangsbereich die Festivalzeitung mit einem Coverbild von mir liegen sah. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich bei einem Festival, das Theater näher und intensiver an Menschen heranbringt, angekommen war und daran ganz direkt mitarbeiten konnte. Da wird intensives Arbeiten zum reinsten Spaß! Haus mit charmanten Bröckelputzwänden, wunderschönen Flohmarktmöbeln und zwei rosa Mädchenbädern. Es wird gemeinsam von der Pferdestall Kultur GmbH, AGAPI dialog.konzept.design und der Cocon Commerz GmbH geführt, unter dem Motto „permanent temporär ungekannt“. Wir waren sofort bezaubert. Natürlich war nicht alles perfekt: Keine Türen in den Schlafzimmern, dafür ein Garten, durch den regelmäßig ICEs, Güterzüge und Das tolle Wetter – und immer wieder die Parties vor dem Haus III&70. Sommermärchenatmosphäre! doppelstöckige Interregios (das sind die schlimmsten!) dröhnten. Und dann war da noch der Putz, der in unsere Tastaturen rieselte. Aber vermutlich haben wir gerade deswegen ein Zuhause hier gefunden. Mein persönlicher Glücksmoment waren die Inszenierungen „Araboy“ und „Sisters“ unter dem Label „Heimathafen Neukölln“. Die junge Regisseurin Nicole Oder hat ein Stück Realität auf die Bühne gestellt, total unplugged und ohne Effekte, vertrauend auf die Kraft und Authentizität der Laien- und Profidarsteller, risikofreudig und uneitel, mit einem Gespür für Timing, Rhythmus und Drama. Theater, das berührt! Wer braucht schon Warmwasser, so lange es W-Lan gibt! Unsere Journalistenkommune hat sich den Ort sofort mit Kaffeetassen, Planschbecken und Computern in jeder Ecke zueigen gemacht – und der Ort hat uns gerne aufgenommen (ganz abgesehen von Anne, unserer großartigen Gastgeberin). Wir saßen nächtelang mit Ukulele und/oder Laptop herum, und wenn wir dann doch irgendwann vom Zugrattern eingelullt wurden, da wussten wir: Wir sind in Hamburg Die Gestaltung des KFZ-(Eierlikör)-Trinkspiels angekommen. Am Freitag war einer der „Nachtkäufe“, die regelmäßig in unserem Hamburger Heim stattfinden, mit junJeden Morgen aufstehen, den gedeckten Frühstückstisch mit der (oftmals, nicht immer) vollständigen Redaktion sehen und trotz unfassbarer Müdigkeit denken: “Geil, auf ein Neues!” gen DesignerInnen, die hier „Konsum für geschlossene Gesellschaften“ anbieten. An Kleiderständern hing exklusive Mode, Holzkisten und Papiersäcke waren gefüllt mit Leinen, Seide, Baumwolle. Da sah man die Bandbreite des LOKAL: Es ist nicht nur ein Kunstort für Ausstellungen, sondern bietet auch eine Das Tanzstück „Aussicht-Hölderlin“ der jungen Regisseurin Katrin Plötner und ihrem bezaubernden Schauspieler vom Mozarteum Salzburg - das ist Nachwuchsfestival! Fashion-Palette vom pastellfarbenen Businesslook bis zum selbst gestrickten Partytop. Schön! Für uns aber bleibt das LOKAL immer eins: Permanent temporär, aber dabei immer das sweeteste home, das wir uns hätten ausmalen können. Als morgens die Kohlen unter den Brötchen auf dem Grill klickerten.

(Thimo Plath, Künstlerische Leitung KALTSTART PRO)

(Clemens Reichle, Technische Leitung KALTSTART)

(Sven Heine, Fotograf bei FRINGE)

(Eva Maria Stüting, Leiterin YOUNGSTAR)

(Andrea Tietz, Leitung FINALE)

(Caroline Müller, KFZ)

(Khesrau Behroz, KFZ)

(Katrin Reiß, funktionslos)

(Jan Berning, KFZ)
Immer, wenn ich beim Frühstück die Zeitungen aufgeschlagen habe und im „Abendblatt“, in der „Süddeutschen“ oder der KFZ Reflektionen über das Festival standen. Die Berichterstattung hat mich am meisten gefreut – nicht nur für das Festival, sondern auch für die Künstler.

(Falk Hocquél, Gesamtleitung KALTSTART)
Die LOKAL-Redaktion. Foto: Martin Schneider

Kaltstart

KFZ

Ekstase vs. Erschöpfun�
von Laura Naumann Augenringe. Nachlässigkeit im Style. Diskursgeilheit. Alkoholpegel. Konzentrationstiefs. Overload. Witzfabrik. Insider. Euphorie. Anzeichen von Wahnsinn. Entfremdung. Rausch. Das Festival im ganzen Körper. Die Augen weit aufgerissen, dabei fallen sie fast zu. Wenn ich sie zumache, sehe ich Diskokugeln. Festspiele, Festwochen, Festivals! Ob Film, Musik, Tanz, Literatur, Musik, ob als Mitwirkender oder als Gast, wir lieben das Prinzip: anreisen, einchecken, und dann volles Programm. So viel wie geht mitnehmen, ganz viel aufsaugen, wir wollen wissen, was es gibt, wir wollen sehen, was so geht. Und dann darüber sprechen und einander kennen lernen, diskutieren, das Glas erheben, sich echt gut finden, in den Groove kommen, FOREVER sagen und wissen, dass das nicht stimmt, traurig sein darüber, dann aber wieder nicht, sondern nur im Moment und froh, und rein ins nächste Stück und dann zum nächsten Bier und dann auf den Dancefloor oder bis zum Morgengrauen auf den Bierbänken sitzen bleiben und rauchen bis zum Husten. So geht Festival. So geht das sechs, sieben Tage wunderbar, bei zehn ist Zenit, danach wird es härter. Heute ist Tag 13 von 14 bei Kaltstart, die Redaktion bastelt an der letzten Ausgabe der KFZ, gestern Nacht war sie im Kino, in einer Actionkomödie mit Cameron Diaz („KamerunDias“, solche Insider), weil eine Theaterpause her musste und nichts Besseres kam. Tja.

Kolumne:
Affektierte Effekte VII
Alle sind ein bisschen langsamer als noch vor einer Woche und ein bisschen irrer. Es werden schneller Gegenstände nach Kollegen geworfen und schneller die Arbeit für ein kleines Powernapping, aus dem dann zwei Stunden werden, unterbrochen. Die Festivalmitarbeiter stehen aufrecht, aber auch ihnen sieht man die Anstrengungen der letzten Wochen und Monate an. Eine weitere Woche würde keiner so recht schaffen, trotzdem sehnt man das Ende nicht herbei. Das Festival als der alleraffektierteste Effekt: An die Grenzen der Aufnahmefähigkeit gehen, den Eindrucksfilter hochregeln, die Müdigkeit in Schach halten, den Absturz voraussehen, wissen: Sanft landen kann man nicht. Und sagen: „Alter, ich bin mega fertig“, es aber in Wirklichkeit geil finden. Dies ist ein Bekenntnis zur Affektiertheit! Wir sagen: Augenringe statt Sonnenbrille! Abgefuckt statt aufgestylt! Zu viel Festival statt kein Festival! Das alles kultivieren. Das ist der Festivallook, Kids, so muss das aussehen! Sich abrocken über 14 Tage Theater, Theater, Theater. Megatheater. Sehen, bis man nichts mehr sehen kann, reden, bis wirklich alles gesagt wurde und wach sein, bis man von alleine einschläft. Darum fahren wir da ja hin, das wissen wir, wenn wir die Koffer packen, darauf freuen wir uns, wenn wir uns den Festivalpass holen. Nächstes Jahr dann wieder. Und wieder. Forever.

IMPRESSUM Die Festivalzeitung KFZ zum KALTSTART HAMBURG 2010 wird herausgegeben vom Kaltstart e.V. Redaktion: Khesrau Behroz, Jan Berning, Stephanie Drees, Clara Ehrenwerth, Jan Fischer, Alexandra Müller, Laura Naumann, Jan Oberländer (V.i.S.d.P.), Johannes Schneider. Gestaltung: www.kirschcake.net. Auflage: 500. Redaktionsblog unter www.kaltstart-hamburg.de/blog. Schreibt uns unter kfz@kaltstart-hamburg.de. Face-to-face: Lokal, Max-Brauer-Allee 207, 22765 Hamburg

Mit freundlicher Unterstützung von: