You are on page 1of 16

Ka l t s t a r t

K FlzZeitun�
#7
1.Jahrgan�
2010

F e st i v a
So 25. Juli

f W i e d e r s e h e n!
Au zu Ende,
ART ist
Das K ALTST ück - und nach vorn
zur
wir blicken

s P r i n z i p K FZ
Da d lä sst die Reda
ktion
Zum Abschie sen runter
Ho
auch maldie

r s, S o u v e n i r s
So u ve n i ie M o mente ,
Wir ze igen d
ht v er ge s s en werdet
die ihr nic
Editorial
Liebe Kaltstartende, liebe Augenringe, liebe neue Freunde und -innen!

Fragt Ihr Euch bzw. fragen Sie sich eigentlich auch, wie so ein richtig guter Eisbommi zubereitet wird? Die KFZ hat die Antwort!
Man nehme: 1 Flasche Bommerlunder, 1 Flasche Zitronensprudel und 1 Packung Vanilleeis. Nach Gemütslage mischen -
schönen Abend noch!
Wir schreiben das hier, weil die Abschlussnacht eines so tollen, vollen Festivals angemessen durchfeuchtet werden will -- wa-
rum nicht mal mit etwas Besonderem? Mit Bier funktioniert es aber auch, Bommi gibt es sicher nicht auf Marke. Oder er kostet
gleich drei Nixen, und wer hat schon so viele übrig.
Mensch, Leute! Das KALTSTART ist vorbei! Ihr habt, wir alle haben es durchliebt und durchlitten, durchschrieben und durchtrun-
ken. Und jetzt sind wir, jawollo, eben dieses: DURCH. Und Finnisch heißt auf Englisch soviel wie Schluss, uah.
Einer aber, ein Letzter, geht immer noch.
Zum Beispiel diese siebte KFZ-Ausgabe! Mit einer großen Portion Rückschau und Ausblick (Selbstreflektion S. 3, Interview S. 4-5,
Essay S. 6-7). Mit Euren liebsten Festivalmomenten zum Aufs-Kopfkissen-Sticken (S. 14-15). Mit den von uns einfach mal voll-
kommen willkürlich, aber umso liebevoller ausgewählten KALTSTART-Fotos (S. 8-9). Und natürlich wieder mit vielen schmusig-
scharfen Rezensionen (S. 10-13).
Leider leider können wir die allerletzten Festivalstücke nicht mehr besprechen - die werden gespielt, wenn Sabri Özergins
Maschinen schon wieder still stehen. In Sabris „Copy Keller“ (Kleiner Schäferkamp 56) kann man prima kopieren - sogar Otto
Waalkes war schon Kunde! Auch wir danken für die gute Zusammenarbeit.
Und wir müssen noch viel mehr Dank sagen. Zuvörderst dem KALTSTART e.V., ohne den es das alles hier gar nicht gäbe.
Dann aber auch gleich dem LOKAL, unserer gschönen rünen Villa in der Max-Brauer-Allee, die der KFZ-Redaktion supererweise
zwei Wochen lang Arbeits- und Lebensraum war -- wir würdigen dieses tolle Haus und seine Betreiberinnen nochmal
extra auf Seite 15.
Und wir danken Daniel Opper, Jessica Kellner und Loubna Messaoudi. Für unglaubliche,
unerschütterliche, hoch kompetente, freundliche und lustige und immer perfekte
Diskurs z
Koordination und Logistik! Alle Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit!
Auch in d
ur H an d # 7
ieser Ausg
Dankesehrstens! Immer die Euren! Yay! kurs zum
abe gibt es
Nachspie einen Dis
len für Zu -
ausschnei hause. Ei
den, schw nfach
Noch jemanden vergessen? Ja. Euch! zusammen ar ze Streif
en hinten
kleben, ü
Liebes Publikum! Danke fürs Kommen! Danke fürs Lesen! Danke für alles! ber den Fi
loss treite nger zieh
n. Heute : en und
Vergange
War schön mit euch. Gerne wieder. Was wird nheit vs.
Zukunft.
das K A LT ST
Ladys hof A R T 2011
fen schon bringen ?
Die
auf frisch
Winke, winke! während
die Jungs
es Fischfl
eisch,
sich noch
er freuen. an Arielle
Allerdings s Arsch
is t nicht ge
wirklich ge sa gt, ob h
Die Red. stritten w
ird - eige
ntlich sollt
eute
die Puppen en sich
bestens ve
rs tehen..
.

02 / 03
Das Prinzip KFZ selbst!
Wie uncool – Journalisten schreiben über sich K FZ
Ein Einblick zum Abschluss Thema

von Jan-Alexandra Müller-Oberländer

[20:41:08] caro: der text ist jetzt aber für 15 und nicht 16 auch mal ein warnendes Wort an allzu rabaukige Kollegen
nehme ich an? richten. Dann alles rüber zu Caro. Und wieder ab zum Co-
[20:41:35] ich: ja, 15 rechte spalte, sorry, verwirrt pyshop. Klar, dass bei dem Tempo auch mal ein Fehlerlein
[20:42:01] ich: ekstase vs. erschöpfung ist für die 16
passiert. Seit vier Ausgaben planen wir eine Selbstkritik-
[20:42:14] caro: hab ich schon drin
[20:42:20] ich: urst knorke Spalte, in der wir für inkorrekte Termine, Namen, Bildunter-
schriften, Berufsbezeichnungen oder Artikelzuordnungen um
Dieser Text beginnt am Samstagabend um 20:44 Uhr. Ich bin
Entschuldigung bitten. Haben wir natürlich nicht geschafft.
genervt. Dieser Text entsteht nämlich nicht so recht, dabei
Darum hier: Sorry! Tja. Und wenn ich dann mit einer Tüte voll
soll er doch das Prinzip KFZ erklären! Fischers letzte Kritik
kopiererwarmer KFZs zurück in die Redaktion komme, freuen
hab ich eben gemacht, der ist schon los, Bier in der Faust.
wir uns alle kurz über die schöne neue Ausgabe: geil abgelie-
Es fehlen noch das Festivalmacher-Interview (Müller macht
fert! Prost! Zur Belohnung geht es abends wieder schön ins
Pause, Schneider kürzt) und der Abschlussessay (Berning hat
Theater.
noch was anderes zu tun, Drees schreibt). Designerin Caro
wartet zu Hause vor dem Indesign-Dokument. Den ganzen Die KFZ - ein handverlesenes Allstar-Team
Nachmittag schon haben wir über Skype Bilder hin- und her- Neben der Produktion laufen immer auch die theoretischen
geschickt, Hintergrundbilder, Seitenaufteilung und Textlän- Fragen mit, die wir beim Feierabendbier diskutieren (wenn
gen besprochen. wir nicht zur Ukulele ironisch gebrochene linke Lieder sin-
„Cool, ein Theaterfanzine!“ so haben wir uns vor Monaten im gen): Sind wir nun eigentlich Teil des KALTSTART-Festivals
KALTSTART-Programmheft angekündigt. Zum Abschluss oder sind wir hier vierte Gewalt? Wie wird man den Dingen
dachten wir, dass es gut wäre, nochmal drüber nachzuden- gerecht, wie bespricht man die unterschiedlichen Sparten und
ken, was wir da eigentlich gemacht haben. Darüber, wie so was wäre ein angemessenes Reportage-Thema für die näch-
eine Zeitung entsteht, aus einem Anruf aus dem Nichts, einem ste Ausgabe? Wie verhindern wir, dass wir spießige Feuille-
Vortreffen mit zu viel Kuchen in einer Hildesheimer WG, jeder ton-Pupser werden? Die meisten im handverlesenen Allstar-
Menge Rundmails und dummer Witze, die ganz besonders. Team der KFZ waren schon in mehreren Festivalzeitungen
Eigentlich ist genau das am Tollsten: Dass die Arbeit an der dabei: Berlin, Hamburg, Hildesheim, Mannheim, Amsterdam.
KFZ von der ersten Ausgabe an so gut funktioniert hat. Schlafmangel, Textstress, böse Blicke von schlecht bespro-
chenen Theatermachern können sie nicht schrecken.
Es gibt ja immer noch die Online-Version
Und trotzdem: Warum tun wir uns das an? Warum mache zum
Dabei sind wir WIRKLICH kalt gestartet: Zwar waren die er-
Beispiel ich den Scheiß in diesem Jahr schon zum zweiten
sten Texte schon produziert, bevor wir im LOKAL eingezogen
Mal? Weil es süchtig macht! Für Heroin ist das keine gute
sind. Das meiste aber ist erst am Sonntag vor Festivalbeginn
Ausrede, fürs Zeitungmachen schon. Wenn man sich Themen
entstanden. Eine Nachtschicht – und die erste Ausgabe stand.
ausdenkt, Zeilen macht, vielleicht ein bisschen Struktur ins
Locker vom Hocker, hektisch übern Ecktisch. Plötzlich stand
Festivalchaos bringt. Wenn ein Diskurs entsteht. Klar ist es
ich mit einem USB-Stick im Kopierladen und biss in die The-
auch immer glorios, das selbst gemachte Blatt in Händen zu
ke, weil der Besitzer nicht mit dem Computer zurechtkam.
halten. Zu sehen, wie Festivalteilnehmer unsere Texte lesen,
Aber dann war irgendwann doch alles gut und die KFZ#01 lag
die Psychotests machen, über die Witze der Kollegen lachen.
im Haus III&70 rum. Und sah toll aus. Wir haben zwar verges-
Ha. Morgen feiern wir. Und am Montag werden wir wieder
sen, die Titelthemen aufs Cover zu drucken, aber hey, in der
nach Hause fahren. Mit vollem Kopf bzw. Kater.
Pdf-Version sind sie da.
Und der Vorfreude aufs nächste Mal.
Und so ging es weiter, denn das ist das Leben einer Festival-
zeitung. Tag eins: Frühstücksrunde, Planung der nächsten [01:51:08] ich: muss jetzt ins bett
Ausgabe, Aufgabenverteilung, Recherchen. Abends Stücke [01:51:30] caro: interview fertig?
gucken, nachts Texte schreiben, während die Grafikerin schon [01:51:42] ich: schneider kürzt noch
[01:51:01] caro: also morgen
setzt. Tag zwei: Frühstücksrunde, Texte fertig machen.
[01:51:12] ich: yes
Kommas setzen, Sätze vervollständigen, umschieben, kürzen, [01:51:22] caro: cool

Kaltstart
„Der Rahmen ist da!“ KFZ
Interview
Ein Gespräch mit den KALTSTART-Machern

Festivalmacher: Falk Hocquél (Leiter Kaltstart Pro), Thimo Plath (Künstlerische Leitung), Christian Psioda (Fringe), Daniel Opper (Gesamtkoordination), Taylan Günes (Fringe). Foto: Jan Fischer

von Alexandra Müller und Johannes Schneider

Beinahe 14 Tage ist es nun her, dass ein globales Großer- KFZ: Für uns war das Konzept „KALTSTART“ immer eins
eignis (Fußball-WM) zu Ende ging und ein kleines, unbeug- der systematischen Überforderung: 120 Produktionen, vier
sames Theaterfestival in Hamburg seinen Spielbetrieb Festivals in einem, jeden Abend bis zu zehn
aufnahm: das KALTSTART 2010. Unzählige Aufführungen Inszenierungen. Gab es Punkte, wo selbst ihr, die Macher,
später hat die KFZ-Redaktion die Macher des Festivals zum dachtet: „Jetzt wird es wirklich sehr wuselig!?“
Abschlussgespräch geladen – und fast alle sind gekom-
THIMO: Auf jeden Fall. Da muss noch mehr passieren: dass
men: Wir sprachen mit Falk Hocquél und Thimo Plath von
wir in diesem vollgestopften Programm noch mehr Zeit
KALTSTART PRO, den FRINGE-Machern Taylan Günes und
haben für Diskussionen, Nachgespräche, Diskurse. Dass
Christian Psioda und Koordinator Daniel Opper.
wir das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Dafür
müssen wir Raum schaffen.
KFZ: Das Festival ist nach zwei Wochen fast vorbei.
Seid ihr zufrieden? FALK: Wenn etwas zum ersten Mal so voluminös ist, merkt
man erst, wo die Schwierigkeiten stecken. Letztes Jahr habe
FALK: Wir haben im de facto fünften Jahr einen Riesen-
ich viel mehr vom FINALE der Theaterakademie mitbekom-
sprung nach vorne getan. Großartig funktioniert haben vor
men, dieses Jahr habe ich nichts gesehen – weil letztes Jahr
allem die Sondertools wie Autorenlounge, YOUNGSTAR und
FINALE noch nicht zum „KALTSTART“ gehörte und beide
Festivalzeitung, die es vorher noch nicht gab. Auch die öf-
Sachen nacheinander stattfanden. Das möchten wir gerne
fentliche Wahrnehmung war viel mehr da als in den Jahren
beruhigen – natürlich, ohne die Teile wieder voneinander zu
zuvor.
trennen.
CHRISTIAN: Besonders schön fand ich das Publikumsfeed-
CHRISTIAN: Wir hatten dieses Jahr einfach noch nicht die
back. Auch wenn es vorher stressig war, wir manchmal in
Kapazitäten, um uns intern mit der Programmierung abzu-
Eile aufbauen mussten und uns gefragt haben „Wird das
stimmen. Alle vier Festivals haben für sich programmiert,
denn überhaupt was?“, hat es nach den Produktionen immer
das haben wir zusammengemixt und ein Programm kam
sehr konstruktive Reflexionen gegeben. Und auch die Künst-
dabei raus. Teilweise liefen zwei bis drei Stücke parallel
ler sind meist sehr zufrieden wieder nach Hause gefahren.
– das muss besser werden.
Ich habe das Gefühl, dass nicht nur unser Konzept
organisatorisch aufgegangen ist, sondern dass es für
Künstler und Zuschauer funktioniert hat.

04 / 05
KFZ: War KALTSTART an manchen Punkten zu extrem?
„Wir würden uns vonseiten der Stadt
DANIEL: Ich glaube nicht, dass wir so extrem sind.
Extrem ist das „100 Grad“-Festival in Berlin, wo in drei bis eine klare Aussage, ein Bekenntnis
vier Tagen 100 Stücke abgefeiert werden. Mir haben meh-
wünschen: Ja, wir wollen dieses Festi-
rere Gruppen erzählt, dass sie sich da nur durchgeschleust
gefühlt haben, wie an der Supermarktkasse. Das finde ich val auf Dauer hier haben. Und wir sind
extrem. Extrem ist auch Edinburgh, die in vier Wochen meh- bereit, es weiter zu fördern.“
rere Tausend Stücke spielen. Da liegen wir mit 120 Stücken
in zwei Wochen eigentlich in einem ganz guten Zeitraum, KFZ: Neben Unplugged-Charme, FRINGE-Anarchie und
um genau die beiden Dinge zu vereinbaren: Austausch der jungem Regietheater sollte KALTSTART auch einen gewis-
Mitwirkenden und Theaterfans auf der einen und auf der sen Messe-Charakter haben. Ist das aufgegangen?
anderen Seite ein strahlkräftiges, großes Programm, das
THIMO: Bei den meisten Profieinheiten ist es leider immer
Leute anzieht.
noch so: anreisen, spielen, abreisen. Das ist zu kurz. Eigent-
TAYLAN: Ich glaube, dass es gelungen ist, gerade bei den lich muss von vornherein klar sein: Man darf ein Haus nicht
Zuschauern alle Gruppen gut anzusprechen. Da waren nur zum Gastspiel einladen. Das widerspricht dem Gedan-
– auch durch die Medienpartnerschaft mit dem Hamburger ken des Festivals. Eher muss es heißen: Ihr spielt an zwei
Abendblatt – viele klassische Theaterzuschauer dabei, die Tagen, bleibt drei Tage da, schaut euch noch das und das an
sonst nicht ins Haus III&70 kommen. Ich habe aber auch und seid dann zu einem gemeinsamen Nachgespräch einge-
mit Leuten gesprochen, die eigentlich keine Beziehung zum laden. Nur so bringen wir die Leute wirklich zueinander.
klassischen Theater haben, die eher auf den Unplugged-
KFZ: Wie wäre es daneben - für die bessere Interaktion
Charakter, also auf das Theater speziell an Orten wie dem
- mit einem Festivalzentrum, das nicht mitten auf der
Haus III&70 reagiert haben. Das Prinzip „Raus aus den
Schanze liegt, sondern etwas abseits?
Bühnen, rein in die Clubs“ scheint echt zu greifen. Und die
Idee, das Ganze mit FRINGE OPEN AIR nochmal in Richtung CHRISTIAN: Da bin ich gegen. Ich sehe wohl den Punkt, aber
Straße zu öffnen, funktioniert auch. nur insofern, dass es vielleicht ein bisschen eng wird, wenn
abends das ganze Schanzen-Partyvolk zu den Festivalbe-
KFZ: Was KALTSTART neben dem Unplugged-Charakter
suchern dazukommt. Wenn man aber wirklich ein outge-
vor allem besonders macht, ist die FRINGE-Sparte, die
sourctes Festivalzentrum schaffen würde, dann würde man
nicht kuratiert ist. Im Prinzip darf jeder seine Produktion
die Chance vertun, das zufällige Publikum zu erreichen.
anmelden. Wir haben uns immer gefragt, wie man so ein
riskantes Konzept umsetzt: Man will kein schlechtes Thea- DANIEL: Meiner Meinung nach ist die Frage nach der Zuge-
ter sehen, macht aber eine offene Ausschreibung. hörigkeit zum Festival nicht so sehr eine Frage des Ortes,
sondern eher eine der Identifikation. Es haben halt viele im
CHRISTIAN: Wir haben ja nicht x-beliebige Theaterportale
Haus III&70 gesagt: Wir wissen gar nicht, ist das jetzt ein
im Internet, Spielgruppen und Seniorenclubs angeschrie-
Partygast oder ein Ansprechpartner oder ein Mitkünstler?
ben, sondern ganz konkret einen Index erstellt: Was tum-
Man muss es irgendwie schaffen, das zu kennzeichnen. Die
melt sich wo, in welchen Städten? Wo sind gute Dachverbän-
T-Shirts waren ein Versuch, die hat aber natürlich nicht
de, unter denen sich coole Kollektive verbergen? Die haben
jeder an. Da muss man einen Weg finden.
wir als Multiplikatoren angeschrieben und gebeten, das
weiterzuleiten an Gruppen, die sie gut finden, an Freunde, KFZ: Gibt es sonst schon konkrete Pläne, was 2011 anders
Bekannte, Künstler aus ihrem Metier. Und das hat tatsäch- werden soll?
lich gut funktioniert.
THIMO: Um es kurz zusammenzufassen: Der Rahmen ist
KFZ: Daneben gab es die kuratierte Sparte KALTSTART da, wir haben über 100 Produktionen, die Kooperationen
PRO, speziell für den Nachwuchs an Stadt- und Staatsthea- zwischen den Festivals sind gegeben. Jetzt müssen wir
tern. Würdet ihr sagen, dass ihr es hier geschafft habt, die mehr ins Gespräch kommen. Die Sparten untereinander, die
junge Theaterszene im deutschsprachigen Raum realis- Künstler, das Publikum.
tisch abzubilden?
DANIEL: Vielleicht noch ein Punkt, der weniger uns betrifft
FALK: Es hätte noch mehr sein müssen, aber wir hatten als die Bedingungen, unter denen wir arbeiten: In Ham-
schon einige sehr starke Produktionen, auch aus Wien, burg ist es immer noch so, dass Kultur als eine Sache von
Salzburg, Bern. Den Zirkel zu schlagen, möglichst viele Mäzenen angesehen wird und die Stadt sich relativ wenig
ranzuholen, die etwas Besonderes bieten können, das engagiert. Wir würden uns vonseiten der Stadt eine klare
haben wir auf jeden Fall geschafft. Dass jetzt sozusagen Aussage, ein Bekenntnis wünschen: Ja, wir wollen dieses
alle Tendenzen vertreten sind, das haben wir noch nicht Festival auf Dauer hier haben. Und wir sind bereit, es weiter
geschafft, aber das können wir an unseren sehr speziellen zu fördern.
Spielorten auch gar nicht.

Kaltstart
Viele Schiffe sind
14 Tage KALTSTART sind um. Ein reflektierender Rückblick
mit ein bisschen Wehmut – und einigen Vorschlägen

von Stephanie Drees

Sinnbilder sind etwas Feines. Nach fast zwei Wochen schiedliche Ansätze aufeinander: FRINGE, der Freibeuter,
journalistischer KALTSTART-Begleitung dürfen wir sagen: wird nicht kuratiert. Jeder, der sich rechtzeitig anmel-
Unsere Fingerkuppen sind heiß und unser Geist glüht. So det, darf mitmachen. Was da zum Vorschein kommt, ist
viele Wörter haben wir für die Bilder gesucht, die wir auf Glückssache in der Theaterlotterie. Die anderen Sparten
der Bühne sahen. Alles begann mit fünf schwarzen Em- zeigen Ausgewähltes. Aber Grenzmarkierungen für un-
blemen auf blauem Grund: Vier Schiffe prangen auf dem terschiedliche künstlerische Ansätze und Herkunftsställe
Programmheft. Eine Nixe mit einem Riesenkanister lud gibt es innerhalb der Abteilungen nicht. Zeitlich parallel
uns mit aufforderndem Blick zum Abstechen in ein thea- und abwechselnd auf denselben Bühnen spielen Hobby-
trales Meer der Möglichkeiten ein, voll mit großartigem Performer und Stadttheaterprofis. Alle machen Kunst
Größenwahn. Über 120 Produktionen, von vier Schiffen unplugged - in Clubs, Off-Theater und Bars. Irgendwie
symbolisiert: Stadttheater, freie Szene, Jugendtheater, klingt das demokratisch und verbindend, eigensinnig und
Nachwuchs der Regieakademie. nach Rock’n’Roll. Und das ist es auch. Leider führt es aber
Diese Nixe, das verruchte Ding mit offenem Mund, Killer- auch zu einem ständigen Überangebot und wenig Orien-
body und einem Kanister Euphorie unter dem Arm, hat tierung für die Mehrheit der Zuschauer, die vielleicht nicht
nun ihre Arbeit getan. Wir sind Schiff gefahren, bis uns zwei Wochen Zeit hat, um sich einen Gesamtüberblick zu
schwindelig wurde vor Eindrücken und Welten, die wir auf verschaffen.
diversen Inseln entdecken durften. Ein süßer Herr Tod
fuhr im Miniatur-Krankenwagen Slalom, Hasen sprangen Bojen als Wegweiser
aus Hüten und Ponys - kaum zugeritten, dafür mit roten
Schleifen im wirren Haar - galoppierten über die Bühne. Die KALTSTART-Macher wollen augenscheinlich wenig
Wir durften 18-jährige Regisseure in ihrer natürlichen Le- inhaltlich ordnen, denn Ordnung bedeutet Wertung und
bensumgebung besuchen, Hölderlin-Tänzer Geschichten Wertung bedeutet möglicherweise Hierarchie. Doch je
mit ihren Körpern erzählen sehen und Gorillas im Marke- grobmaschiger man das Netz spinnt, umso schneller fällt
tingnebel beobachten. auch die eine oder andere Perle hindurch: Wer etwa bei
Was ist nicht alles passiert auf den Routen der vier KALT- FRINGE zwei Mal an eine Inszenierung gerät, die die
START-Schiffe. Zunächst sei also aus den Räumen dieser persönliche Erwartungshaltung gänzlich unterläuft,
Redaktion heraus der Freibeuter-Geist des Festivals ge- der wird seine Füße vielleicht für dieses Jahr nicht mehr
priesen. Den teilen wir, den wollen wir sehen und fühlen, auf die Planken des wunderschönen Piratenschiffs setzen.
einen Vibe spüren, von dem man auf transusigen Kreuz- Warum also nicht Zeitblöcke schaffen, die den Festival-
fahrtdampfern á la „Aida“ nur träumen kann. Das ist auch abend strukturieren – so dass der Performance-Nach-
nach zwei Wochen ein Gefühl der Erfrischung, ein Flow, wuchs in direkter Konkurrenz mit dem Performance-
frei nach der theatralen Glücksphilosphie ein tiefgehendes Nachwuchs steht. Und nicht unbedingt gegen drei weitere
Gefühl von Mittendrin-Sein in diesem reißenden Theater- Inszenierungen antritt, in denen Profischauspieler den
strom. Raum bespielen, als wäre er eine Stadttheaterbühne.
So werden Vergleiche vermieden von Dingen, die nicht
Glückssachen in der Theaterlotterie vergleichbar sind. Zeitblöcke, die grafisch und farblich
im Programmheft voneinander abgesetzt sind, könnten
Manch einer hat den Enthusiasmus gelobt, der sich wie kleine Bojen auf dem Weg zur Insel funktionieren.
wie eine Kielwasserspur durch das Festival gezogen Mitten im Inszenierungsmeer schauen sie aus dem
hat. Kopfnicken von allen Häuptern dieser Redaktion, Wasser – Wegweiser, die zeigen, dass die gewählte
die via Computertastatur oder im persönlichen Ge- Richtung eingehalten wird. Wasser – Wegweiser, die zei-
spräch jemals das KALTSTART-Wort ergriffen haben. gen, dass die gewählte Richtung eingehalten wird.
Der Idealistenbonus: selbstverständlich.
Eine Fusion, noch jung, frisch und ungestüm. Und an Dabeisein auf dem Dampfer
manchen Stellen ein wenig unerfahren. Denn nicht nur
im ästhetischen Sinne bringt das KALTSTART Welten Ein wenig Flaggschiff-Charakter hat der KALTSTART-
zusammen. Auch organisatorisch prallen unter- PRO-Dampfer. Als das einzige maschinell betriebene
Schiff in der ganzen Flotte ist er ein Sinnbild für eine

06 / 07
gekommen... K FZ
Essay

Sparte, deren Künstler auf dem Sprung in die Professio- internationale Cafés, Flirts und Besäufnisse. Ein offizi-
nalität sind. Regiestudenten, die ihren Weg in den Thea- elles Festivalzentrum. Es müsste Anstecker für die Betei-
terbetrieb suchen. Die Zeisehallen sind ein Ort, an dem ligten geben als Erkennungsmerkmal, eine Informations-
die Theaterakademie ihre Schüler für die Öffentlichkeit ecke und eine Eröffnungsfeier, die knallt. All dies schafft
bereit macht. Techniker und Künstler wirken schon lange Unmittelbarkeit, auch über die Inszenierungen hinaus.
zusammen und Arbeitsabläufe sind eingespielt. Und auch
wenn sich bei einem Theatermarathon wie dem KALT- Ein Flaggschiff?
START wenige ästhetische Gemeinsamkeiten ausmachen
lassen, aus denen der dokumentierende Geist Tendenzen Das KALTSTART hat sich zum Ziel gesetzt, eine Messe für
formen kann, so scheint sich doch ein Tröpfchen Destillat die Bandbreite der deutschen Nachwuchs-Bühnenkunst
der Theaterstunde abpressen zu lassen: Das Publikum zu sein. Die Entscheidung, was interessant ist und was
kommt näher. Im räumlichen wie übertragenen Sinne. nicht, liegt einzig beim Zuschauer. Das ist einerseits ein
Einige FINALE-Inszenierungen waren, obwohl ihre Gedanke, der größtmögliche Mündigkeit voraussetzt. Doch
äußeren Gegebenheiten nicht KALTSTART-typisch sind, würde das Vorstellen einiger Inszenierungen als Head-
repräsentativ für ein Festival-Gefühl. Wenn der Arzt bei liner diesen Gedanken verschwinden lassen? Vielleicht
„Woyzeck“ auf einem Bühnenlaufsteg genüsslich in eine werden die Kleinen durch die Großen gar nicht kleiner.
Orange beißt, dann suchen seine Blicke nicht nur die des Vielleicht wäre eine klarere Gewichtung mit Haupt- und
zuschauenden Gegenübers, sie provozieren es. Sie sagen: Nebenbühnen, mit Stolz auf große Namen und Neugierde
Du gehörst dazu, ohne dich wäre diese Inszenierung eine auf Kleines nur eine weitere Wegweiserboje auf dem wei-
andere. Genauso, wenn die „Suicide Boys“ zu einem Se- ten Theatermeer. Auch ein Publikumspreis für die beste
minar über Selbstmord laden und lakonisch eine morbide Inszenierung wäre denkbar, der nicht nur Nachrichten
Verbrüderung erzeugen. Mit völlig unterschiedlichen generiert, sondern seine jeweilige Festivalinsel im Nach-
Mitteln wird ein ähnlicher Effekt erzielt: Theater wird hinein besonders attraktiv macht für weitere Besucher.
unmittelbarer, die Trennlinie zwischen Zuschauerraum
und Bühne blasser. Diese Unmittelbarkeit, eine beson- State of the end
dere Form des Dabeiseins, des Gefühls, aktiv oder passiv
Teil eines großen ästhetischen Ganzen zu sein, sie ist die Was haben wir nicht alles gesehen in diesen zwei Wochen:
eigentliche KALTSTART-Essenz. Eine öffentliche Konzeptionsprobe, deren Höhepunkt das
Verschwinden einer Schauspielerin in einer Umhängego-
Wo schlägt das Festivalherz? rillafaust war, Kinder, die in der Polenta kochen, Feuer-
shows, Paradiese für Trinker. Wir haben geglaubt, geliebt
Man muss eine Weile auf den KALTSTART-Schiffen ge- und gehofft und Erinnerungsbilder mit unseren neu
fahren sein, den Oberkörper über die Reling gebeugt, die gewonnen Freunden im Fotoautomaten geschossen. Wir
Nase im Wind, um es schmecken und riechen zu kön- haben wunderbare Festivalmomente erlebt, während wir
nen: Was dieses Festival mindestens genauso dringend von Insel zu Insel gefahren sind. Viele Schiffe sind gekom-
braucht wie finanzielle Förderung, ist ein Ort, an dem sich men, aus denen vielleicht in der Zukunft noch ein einziger
sein Destillat sammeln kann. Ein Ort, der sagt: Hier ist riesiger Dampfer wird, mit unzähligen Decks. Nach der
unser Hafen, von hier aus geht es raus zu den Inseln. Ein Fahrt ist vor der Fahrt.
Zentrum, in dem das Festivalherz so laut arbeitet wie die Wir sagen: Leinen los für KALTSTART 2011!
Maschinen im Inneren des KALTSTART-PRO-Dampfers.
Noch gibt es ihn nicht, diesen einen Ort. Doch dieses
Festival muss auch ein Festival des künstlerischen Aus-
tauschs sein, des Gesprächs über Theater. Darin liegt das
größte Potenzial von KALTSTART – und zugleich die größte
Herausforderung: Ein Ort muss geschaffen werden, an
dem Menschen, die Theater machen, Theater lieben und
Theater (manchmal) verfluchen, zusammentreffen. Work-
shops und Gesprächsrunden könnten dort stattfinden,

Kaltstart
Die Nixe sieht alles
Die KFZ als textbasiertes Blatt gibt es endlich zu: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Auf dieser Seite also, zum letzten Festivaltag: Mehr als 20.000 Worte KALTSTART.
Ein Superposter zum Erinnern und An-die-Wand-Pinnen!

Düsseldorfer Schauspielhaus: „Der Du“ (Foto: Jan Hufnagel)

Gestaltungsweise: „das kleine hasenstück oder Meister L.


lernt laufen“ (Foto: Sven Heine)

Marketing Unplugged (Foto: Jan Fischer)

Heimathafen Neukölln: „Arabboy“ (Foto: Jan Fischer)

Hinter dem Vorhang verbirgt sich eine Nixe


(Foto: Jan Fischer)

Landungsbrücken Frankfurt: „Glaube Liebe


Hoffnung“ (Foto: Newroz Beykoeylue)

Theater Liga: „Feuchtgebiete“ (Foto: Sven Heine)

Haute Culture e.V.: „Von-Wegen“. (Foto: Sven Heine) Schauspiel Frankfurt: „Komm, süßer Tod“ (Foto: Ole Westermann)

08 / 09
Das Hamburgische Kulturkontor:
„Die Unterrichtsstunde“ (Foto: Sven Heine)

Staatstheater Mainz: „Kunst“ (Foto: Jan Fischer)


Wo die KFZ zuhause ist (Foto: Jan Fischer)

Landestheater Tübingen: „Paradies“ (Foto: Jan Fischer) Da kommt noch was nach (Foto: Jan Fischer) Diasona: „Das Weiß und die Sieben Wege“ (Foto: Jan Fischer)

Die Bühne beim PRAG SPEZIAL (Foto: Alexandra Müller)


Die KFZ freut sich über Spenden (Foto: Jan Oberländer)

Falk Hocquél eröffnet das KALTSTART –


mit der KFZ in der Hand (Foto: Jan Oberländer)

Salon 5 Wien: „Liebesgeschichte“ (Foto Alexei Rothkirch) DAP: „Rebecca – eine 48-Stunden-Performance“
(Foto: Sven Heine) Die Azubis: „Suicide Boys“ (Foto: Jan Fischer)

Kaltstart
Bartsch,Mensch
Das Stück “Bartsch, Kindermörder” ist ein faszinierender
Blick in das Innenleben einer vermeintlichen Bestie

von Khesrau Behroz

Der Mann, der da sitzt, das ist nicht Jürgen Bartsch. Er Briefen beschreibt, was ihn getrieben hat zu den Taten,
spricht im Konjunktiv, beschreibt, was er tun würde mit wie er als Jugendlicher die grausamen Morde begehen
dem Kind, detailliert, unangenehm. Dass er das nicht ist, di- konnte.”Bartsch, Kindermörder” lebt von dieser Offenheit,
ese Person, in der Presse oftmals als “Bestie” bezeichnet, auch wenn der Text manchmal etwas holprig und manchmal
das stimmt das Publikum glücklich, es atmet hörbar auf, sogar zu offenherzig ist. Die Aspekte des Sadismus und
lacht, dahamwirabernochmalglückgehabt. des Sexuellen - sie werden nicht deutlich getrennt, die
Er will von jenem Kindermörder erzählen, will beschrei- Grenzen verwaschen. Hat es ihn sexuell angemacht oder
ben, wie er tickt, funktioniert, was ihn zu dem Menschen wollte er die Kinder einfach nur sterben sehen? Vielleicht
gemacht hat, der er geworden ist, einer, der mit 15 Jah- ist die Nichtantwort darauf die beste Antwort, die man
ren seinen ersten Mord begangen, insgesamt vier Kinder bekommen kann.
getötet hat und im Begriff war, das fünfte umzubringen, als Getragen wird das Stück, ein Monolog übrigens, eine One-
er gefasst wurde. Zwischen weißen Wänden sitzt er auf sei- Man-Show, und das sei an dieser Stelle in aller Deutlichkeit
nem Metallstuhl, schlägt die Beine übereinander, dreht sich erwähnt, von dem großartigen Schauspieler Matthias Lier.
um. An der Wand: Projektionen von ihm, bayerisch angezo- Er schafft es mit außerordentlicher Präzision, den Point of
gen, im Park, im Auto, überall unterwegs, ab und an sieht no Return, den Augenblick, in dem der Mann auf der Bühne
man Kinder. Er schaut sich diese bewegten Bilder sekun- zu Bartsch wird, im wahrsten Sinne über die Bühne zu brin-
gen. Der Text wird noch stärker durch Lier und sein Talent.
Auf der Bühne trägt er ein lilafarbenes Hemd, sein Auftre-
ten ist freundlich, nur, wenn er hämisch lacht, da kommt
ein Stück Bartsch durch. Und im Laufe der 75 Minuten, da
bohrt sich dieser Bartsch heraus, der Mensch dort vorne,
der ist am Ende nicht mehr der Erzähler, und der Kinder-
mörder längst kein Konjunktiv mehr - wir haben die Geburt
einer Bestie gesehen, sie war schmerzhaft, sie war intensiv
und manchmal sogar witzig. “Gib mir einen Kuss”, brüllt er
am Ende.
Seine Forderung bleibt unbeantwortet.

“Bartsch, Kindermörder” des Bayerischen Staatsschauspiels


Bartsch bei der Fachlektüre („Eltern“). Foto: Katrin Reiß wurde im Rahmen eines Doppelabends im Anschluss an das Stück
“Körpergewicht. 17%” des Nationaltheaters Mannheim aufge-
denlang an, scheint zu überlegen, dreht sich zum Publikum, führt, ebenfalls einem Monolog, fantastisch vorgetragen von
um scheinbar willkürliche Anekdoten zu erzählen, sucht Ragna Pitoll. Torge Küblers Regiekonzept ist das Reduzierteste
das Gespräch, fragt einen Zuschauer, ob er denn auch von des Festivals: Die Spielerin steht vor einem weißen Hintergrund,
der Mutter gewaschen wurde, er sagt ja, natürlich wurde er bewegt sich die ganzen 35 Minuten nicht, spielt abwechselnd eine
das, nasiehstdu. Frau, die Kinder hasst, und einen Geschäftsmann in der Krise. Ein
Natürlich ist das kein Zufall. Es ist eine Rechtfertigung gelungener Prolog eines wunderbar nachdenklichen Abends.
dafür, dass er selbst mit 19 noch gebadet wurde, es ist der
Versuch, einen Täter zum Opfer zu machen, ihn nicht abzu-
tun, zu fragen, ob nicht vielleicht doch mehr hinter seiner
Geschichte steckt. Als Grundlage dient Regisseurin Marie
Bues der Theatertext von Oliver Reese, der wiederum auf
dem Buch “Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch” von Paul
Moor beruht, eines Journalisten, der den Kontakt gesucht
hat, weil er den öffentlichen Tenor nicht akzeptieren und
mehr erfahren wollte. Jürgen Bartsch findet in Moor einen
Zuhörer, dem er sein Innenleben öffnet, der in zahlreichen

10 / 11
Wenn der Postmann
zweimal klingelt Die falschen Freunde
„Finnisch – Solostück für eine Frau“ Was Laura Jakschas’ „Woyzeck“-Inszenie-
ist ein unglückliches Zusammenspiel rung wollte, wurde nicht wirklich deutlich
von Text, Regie und Schauspiel
von Jan Berning
von Jan Fischer
Die Russenmafia kann einem richtig den Tag versau-
Als Sehnsuchtsort geben entfremdete, melancho- en: Für ein paar Groschen muss man sich auspeit-
lische Großstadtmädchen immer gerne Finnland schen, zusammenschlagen oder die Frau ausspannen
an. Wir können das nur empirisch belegen, um das lassen. Macht echt keinen Spaß. Auch Woyzeck nicht,
Warum sollen sich die Psychologen kümmern. Wobei der aber irgendwie diesem Haufen Psychopathen
hier nicht das biologische, sondern das performative und Zuhältern angehört. Warum würde er sonst mit
Geschlecht gemeint ist: Alle diejenigen zum Beispiel, ihnen auf die Kirmes gehen? Immerhin entstehen so
die in „Finnisch – Solostück für eine Frau“ von Martin anschlussfähige Motive für jugendliche Zuschauer:
Heckmanns (Inszenierung: Karin Neidhart) ein grenz- Wer hat noch nicht das Gefühl gehabt, beim Autoscoo-
debiles Grinsen im Gesicht haben, als Sabine Menne ter abgedrängt oder beim Fangen spielen verarscht
in ihrer Rolle als entfremdetes, melancholisches zu werden? Und wenn dann die anderen Büchner-Fi-
Großstadtmädchen davon spricht, dass sie gerne mal guren während der Fahrt durch die Geisterbahn als
in einer Bank tanzen würde, mit einem T-Shirt, auf Pappkameraden erscheinen, wird die Inszenierung
dem „Fantasie“ steht. Menne ist bei Sat1 übrigens von Laura Jakschas fast selbstreflexiv. Denn es sind
unter anderem zu sehen in „Weibsbilder“ und tatsächlich nur Klischees, mit denen sie die Bühne
„Soko 5113“. flutet: Der Hauptmann im Pelzmantel, ein Psycho-
Aber mal von Anfang an, also, eigentlich noch vor path, wie ihn Dennis Hopper in „Blue Velvet“ spielt,
dem Stück, bevor Sabine Menne auf die Bühne ein Doktor im Trenchcoat (hä?), ein Tambourmajor
kommt, da läuft, quasi als Warm-Up-Kitsch, schon im Glitzerhemd, der dauernd mit seiner Perlenket-
die CD von Traumphase, Mennes Band, da geht es te rumspielt und ein Kind, dem völlig un-PC-mäßig
um – Überraschung – melancholische, entfremdete Attribute psychischer Beeinträchtigungen angehängt
Großstadtmädchen, und um Jungs. Von denen sich werden. Marie und Woyzeck brechen als Figuren
aber auch konsequent entfremdet wird. Sodann völlig auseinander: Anfangs durchgeknalltes Lie-
tappst Menne auf die Bühne und beginnt den Mono- bespaar, das mit dem Motorrad durch Rock’n’Roll-
log, in dem es darum geht, dass sie sich selbst ein Momente heizt und als Stammgast bei Beate Uhse
Päckchen schickt, weil der Postbote so toll ist, aber aufkreuzt, dann verzweifelte Singer-Songwriter und
sie auch nicht so richtig weiß, wie sie ihn ansprechen schließlich ist Woyzeck zum psychischen Wrack und
soll, und von da aus hebt der Text ab in Prosemi- Marie zur schmerzfreien Bitch geworden, weil er zu
nargefilde der Sprachphilosophie, wo dann darüber viele Erbsen gegessen und sie ein Kleid geschenkt
nachgedacht wird, dass Worte ja auch nie so ganz das bekommen hat.
sagen, was man eigentlich meint, vor allem nicht so Dabei gibt es sie, die Szenen, in denen die Leitmotive
Worte wie „Liebe“. Oft geht es auch um Finnland, und des Dramas deutlicher herausgearbeitet werden,
Finnisch, aber das ist eher so Nebensache. Das Stück etwa, wenn Woyzeck sich aufreibt zwischen dem
endet damit, dass der Postmann zweimal klingelt. Kind, das wie eine Auto-Alarmanlage herum hupt
Danach läuft wieder Mennes CD. und dem Hauptmann, der ihm immer wieder seine
Karin Neidhardt inszeniert Heckmanns Text völlig Peitsche hinwirft. Das Problem ist: Das ist schon zig
ungebrochen, einfach nur als Erguss von Neoroman- Mal so inszeniert worden. Selbst den Hauptmann als
tikplattitüden aus den frühen 2000ern und Menne tut Bandenchef gab es schon, etwa 2003 an der Schau-
ein Übriges, um den Abend mit den anderthalb Stim- bühne in Berlin. Noch größere Probleme hat die
mungen, die sie spielt, völlig zu zerschießen: Einmal Inszenierung mit dem Text: Der wird entweder run-
pro Minute ungefähr wechselt sie zwischen Verträumt tergeleiert oder pathetisch geschrien. In der „Woy-
und pathologischer Persönlichkeitsstörung, kreist zeck“-Inszenierung von Ivna Zic, die am Dienstag
sich selbst ein in ihrer platten Mädchenhaftigkeit, an der Theaterakademie in den Zeisehallen gezeigt
bis sie nicht einmal mehr unfreiwillig komisch ist: wurde, sind die anderen Figuren Charaktere, die
„Finnisch“ ist ein vollkommen unglückliches Zusam- nicht aus Bösartigkeit eine Zwangssituation schaf-
menspiel aus Text, Regie und Schauspielerin, das sich fen, sondern ihres beschränkten Horizontes wegen.
zu einem Abend amalgamiert, der einen wirklich an Bei Laura Jakschas sind sie einfach nur mächtig und
die Flucht nach Finnland denken lässt. Oder irgendwo böse. Das ist 130 Jahre nach Erscheinen des Stücks
anders hin. Nur weg. zu wenig, um auch nur annähernd zu überzeugen.

Kaltstart
Wortspielhölle Das Grinsen
mit Herzwumms der Verliebten
„Stand-by-me“ von Lena Biresch
„Von Motten, Bier und Taschenlampen“
findet den Witz im weißen Rauschen
zerlegt die Liebe in ihre Einzelteile
von Jan Fischer von Alexandra Müller
Bei FRINGE sieht man die unterschiedlichsten The-
aterentwürfe. „Von Motten, Bier und Taschenlampen
– eine Geschichte über pfandfreie Einseitigkeit“ war
eine Collage: Disparate Texte und Szenen zu einem
Thema werden nebeneinander gestellt, im Ideal-
fall ergibt sich dadurch ein Mehrwert. Das Stück
der Gruppe Fehlinterpretierte Projektionsfläche
untersucht das große Thema Liebe und, getreu ihrem
Namen, die projizierte Liebe. Die Untersuchenden
sind drei Menschen, Julian Horeyseck, Anna Nigulis
und Jannika Jira aus Weimar. Die Einzelteile der The-
Hässliche Pullover für alle. Foto: Jan Fischer
atercollage sind unter anderem ein Auszug aus Andre
Vieles passiert in „Stand-by-me“ erst auf den zwei- Gorz’ Buch „Brief an D.“, eine Liebeserklärung an die
ten Blick, auf den ersten wirkt es verwirrend: Vier langjährige Ehefrau des Sozialtheoretikers sowie ein
Menschen sitzen auf Stühlen und hangeln sich – ab- Nachdenken über sein Werk und dessen Verbindung
wechselnd zu zweit – an einer Gedankenbewegung zu seiner Ehefrau: „Warum nur bist du in dem, was
entlang, deren Sinn immer kurz hinter dem Wahrneh- ich geschrieben habe, so wenig präsent, während
mungshorizont versteckt scheint: „Ich hab mich voll unsere Verbindung doch das Wichtigste in meinem
ins Mett verlaufen“, ist einer dieser schräg gedrehten Leben gewesen ist?“ Damit beginnt die Collage.
Sätze, oder: „Wie in Bad Salzuflen: Hässliche Pullover Was folgt sind wechselhafte 30 Minuten: Ein Pärchen
für alle!“ Man möchte jeden dieser Sätze mitschrei- sitzt vor dem Fernseher, er schaltet um, sie ruft ihn
ben: Lena Biresch, als Regisseurin und Autorin, hat an und fragt ihn, ob er mit ihr zusammenziehen will
ihrem Stück ordentlich Wortwitz mitgegeben. – und er stimmt überraschenderweise zu, was sie
Für die Struktur gibt es Pausen mit elektronischen dazu bringt, ihr Angebot zurückzuziehen. Die drei
Störgeräuschen, die von einem Beat überlagert wer- Schauspieler singen Rolf Zuckowskis „Ich bau mir
den, einem dieser Beats, die direkt ins Herz gehen. eine Höhle“, ein nerviger Typ ruft bei einer Frau an
Dann werden die Stühle für den nächsten Dialog und fragt, warum sie sich nie meldet und ein großar-
zurechtgerückt. Um der Sache ein bisschen Story zu tiger, taschenlampenbeleuchteter Chor erklärt, dass:
geben, sagen alle ständig, dass sie warten. Worauf, „Wenn Kollektiv, dann gut!“ Leider sei das Kollektiv
wird nicht erwähnt: Es ist eben einer dieser Zwi- aber meistens böse. Und immer wieder verfallen die
schenbereiche, in denen Gehörtes und neu Zusam- Drei in das bekannte halbdebile Grinsen der Ver-
mengebautes sich zu weißem Rauschen überlagert. liebten.
Wollte man an „Stand-by-me“ herumkritteln, könnte Ihr Ziel, die „emotionale Haltbarkeitsverlängerung“,
man sagen: Das ist halt die klassische Phase des erreichen sie jedoch nicht, denn dieser Versuch über
anything goes, so in den 70ern, da hatte man solche die Liebe bleibt in seiner Collagenhaftigkeit ste-
Probleme, von Zitaten, die sich überlagern, bis kein cken. Die projizierte Liebe fehlt wie D. in Andre Gorz’
Zitat mehr ein Original hat. Aber Birechs Gedanken- Werk. „Von Motten...“ ist eine Materialsammlung
bewegung ist nicht so; eher wird der Sinn ins Zitat mit viel Potential, aber ohne stringenten Grundge-
zurückgeholt. Nicht in der Überlagerung ist das danken. Wenn die „Projektionsflächen“ dranbleiben,
Stück gut, nicht in seiner rätselhaften Sinnlosigkeit, könnte sich durchaus ein unterhaltsamer Abend (mit
sondern in seinem Wortwitz, mit dem nicht nur die meisterhaft gesungener Tetris-Melodie!) einstellen.
langweilige Wartezeit ganz gut herumgebracht wird, Weitermachen!
sondern hinter dem auch die angegraute Überla-
gerungstheorie zurücktritt. Das Rauschen wird zur Wieder Sonntag 25.07. | 20 Uhr | Foolsgarden
Wortspielhölle. Ist ganz nett da.

12 / 13
Freiheit oder Bier
Altruismus vs. Party
Die beiden Künstler von chicken&egg
zeigen absurdes Theater im Waagenbau
Theatrale Subversion, Katze und Krieg
von Jan Berning und die Brotfabrik Berlin zeigen mit
Es gibt Dinge, die können nach der atomaren Apoka- „Alles Meins“ ein Happening zu Eigentum
lypse weiterhelfen. Schwimmweste und Rugbyhelm
gehören dazu, eine Thermoskanne vielleicht. Ein Ka- von Laura Naumann
sten Bier schon weniger. Was aber, wenn nicht sicher Gleich zu Beginn bitten uns die Performer, alles Geld,
gesagt werden kann, ob es tatsächlich eine Apokalyp- das wir dabei haben, abzugeben. Gegen Vorzeigen
se war, die die beiden Figuren der Aufführung der Quittung könne man es später zurückbekommen.
„Striptease 2010“ (Maximilian von Mühlen, Niklas Schüchtern leeren wir also unsere Portemonnaies
Leifert) in diese unübersichtliche Situation geworfen und bekommen Fragebögen ausgehändigt. Wir sollen
hat? Alles hier unten spricht die Sprache der Unsi- uns gegenseitig befragen. „Worauf sparst du?“, „Wa-
cherheit, der Unwägbarkeit: die Strickleiter, die unter rum hast du deinen Besitz verdient?“ – ein perfekter
der Decke hängt, ein vor Holzschlag warnender Auf- Eisbrecher und eine erste Auseinandersetzung mit
steller, eine blaue Tonne, ein Wasserkanister, der auf dem, was uns erwartet.
Metallfedern vor der Bühne schwankt. Da geht es den Die Performer bitten in den Stuhlkreis. Sie haben
Figuren, die eine im engen roten Ganzkörperanzug, unser Geld gezählt. 620,71 Euro. Ziel des Abends
die andere schwarz geschminkt, wie den Zuschauern: ist es nun, dieses Geld umzusetzen. Sie führen uns
Was gleich passieren wird, scheint langsam ran, machen Vorschläge. Zum Beispiel
völlig ungewiss. 620 Burger kaufen und so einen ganzen McDonald’s
Nur eines wird schnell klar: es soll weder eine Ge- lahmlegen und die Burger dann verschenken. Mit
schichte erzählt noch die Situation enträtselt werden den Obdachlosen vor der Roten Flora ein Festmahl
– absurdes Theater eben. Stattdessen nähern sich die veranstalten. Dazwischen wir. Die Ideen kommen
Beiden spielerisch dem Assoziationsfeld zwischen zögerlich, eine Spielerin bemerkt, sie würde von dem
den Begriffen Freiheit und Sicherheit, rezitieren Ge- Geld mit uns essen gehen, wenn wir ihre Freunde
dankenspiele aus der Textvorlage „Striptease 1961“ wären – seien wir aber nicht. In kleineren Gruppen
von Slawomir Mrozek. „Ginge ich auf der Stelle“, entwickeln wir Konzepte, über die dann abgestimmt
sagt der Rote, „ist das Ausdruck einer Handlung. werden soll. Als es dann ans Open Mic geht, um sie
Ich würde die Idee der Freiheit einschränken. Bleibe zu präsentieren, sind wir mutiger. Wir verstehen: Wir
ich sitzen, habe ich noch die Möglichkeit, eine Wahl haben uns in dieses Spiel eingekauft, das ist unser
zu treffen“. Während er sich einrichtet und sich die Gruppenguthaben, es liegt jetzt bei uns. Es ist die
Grotte schön redet, entscheidet sich sein Kollege letzte Chance, unser Geld zurückzubekommen. Viele
für die äußere Freiheit und erklimmt die Strickleiter. steigen aus, holen sich ihr Geld zurück und setzen
Doch je mehr die Beiden auf ihr Eingeschlossensein sich an den Rand. Wir sind noch zu viert.
zurückgeworfen sind, desto gewalttätiger wird die „Alles Meins“ konfrontiert mit den eigenen Vorstel-
Aufführung, etwa wenn sich beide kopfüber in der lungen und Ängsten rund um Geld, Besitz, Eigentum.
Tonne steckend durch den Raum bewegen. Aus dem Was bedeutet es, etwas zu besitzen? Wann bin ich be-
Wasserkanister fliegen irgendwann Würstchen und reit zu teilen? Ich weiß nicht mehr, ob das jetzt echt ist
nasse Aktentaschen, der Geschminkte steigt im oder Theater. Wenn wir gewinnen, müssen wir unsere
Sumoringer-Kostüm und mit einem Kasten Bier aus Idee dann wirklich umsetzen? Haben die am Anfang
dem Wasser, während eine der Flaschen auf der Büh- gesagt, man kriegt das Geld auf jeden Fall zurück?
ne zerplatzt. Irgendwann ist das Publikum alleine und Bin ich ein Spießer, weil ich darüber nachdenke? Habe
klatscht, da sitzen die Darsteller schon vor der Kasse ich Lust, einfach mal 50 Euro mit Fremden zu teilen?
und trocknen sich die Füße ab. Es ist ein ungemein Kann ich mir das leisten? Aber ich will gern bis zum
charmanter, unprätentiöser Moment, den die Berner Ende spielen. Sehen, was passiert. Heute Abend
Schauspielstudenten schaffen. Selten ist Theater wieder – better be there!
auf dem KALTSTART so sorglos und so entrückend
Sonntag 25.07. | 18 Uhr | Haus III & 70
gewesen.

Kaltstart
Souvenirs, Souvenirs!
Zwei Wochen Festival – da erlebt man mehr, als man in einem Satz sagen kann.
Wir haben euch trotzdem gefragt, liebe Macherinnen und Macher hinter den
Kulissen: WAS WAR EUER KALTSTART-MOMENT 2010? Hier sind die Antworten.

Der Moment, in dem ich das erste Mal das Übergabeprotokoll wind: „deutsche bahn, du kannst mich doch nicht einfach mit-
der leider kurzfristig erkrankten Autorenlounge-Organisa- nehmen. moment mal. das kanns doch nicht gewesen sein.
torin las und dort Josef Hader als Lesepartner angekündigt KALTSTART!“ falle erschöpft in den zugsessel und meine
war. Mein liebster Österreicher und Landsmann bei unserem gedanken kreisen: „auf welches Thaterstück kann ich mich
Festival! nun freuen? wo bleiben die unterhaltsamen gespräche am
(Samuel Enslin, Organisationsleitung KALTSTART PRO) Infocounter, stöckchen bringende hunde, die langen nächte
im Haus 73? großes drama. seufz. bleibt nur die hoffnung auf
Mein KALTSTART-Moment? Den erlebte ich im Stück „Para- das nächste jahr. ja und die schöne erinnerung an die letzten
dies“. Wie Katja Gaudard eine Trinkerin verkörpert hat - das 2 wochen. und jetzt ..KALTSTART lass es am sonntag abend
ging unter die Haut! krachen...mein zug fährt ab... herz, nimm abschied und
(Alexei Rothkirch, Fotograf für KALTSTART im Haus 73) gesunde.
(Ursula Merkel, Infocounter, Künstlerbetreuung, Catering,
„Ich bring dich groß raus, Baby!“ Kasse)
(Taylan Günes, Leitung FRINGE)
Mein KALTSTART-Moment ist eigentlich der, in dem du rein-
Es sind zwei Wochen des Fotografierens vergangen. Hängen kommst und mich fragst, was mein KALTSTART-Moment ist
geblieben sind zwei Stücke. Zum einen „India Simulator“ und ich antworte, dass mein KALTSTART-Moment eigentlich
in dem das Klischee des Deutschen singend und tanzend der ist, in dem du reinkommst und mich fragst, was mein
beschrieben wird und zum anderen „Hab ich dir eigentlich KALTSTART-Moment ist und ich antworte, dass mein KALT-
schon erzählt...“ Aber zwei Frage nach zwei Wochen stellen START-Moment eigentlich ...
sich mir immer noch: Wo ist Katrin? Wie sieht sie aus? (Jan Fischer, KFZ)
(Lisa Kraatz, Fotografin KALTSTART Pro)
Blaumänner mit viereckigen Pappköpfen vorm Budnikowsky:
Das Licht ist auf Laura Jakschas gerichtet und sie singt ein Freiluftirritation im bequemen Hamburg, Open Air at its best!
Lied voller Sehnsucht und Hoffnung; dieser Moment ließ (Peter Haueis, Orga FRINGE Open Air Special)
mich erkennen, was wir da (eigentlich) Wahnsinniges auf die
Beine gestellt haben. Mein absoluter KALTSTART-Moment war, als wir das erste
(Jessica Kellner, Marketing) Mal die bunte Lichterkette im Garten des Lokals anbekom-
men haben. Das war unerträglich kitschig-schön und es war
...war es zu beobachten, wie sich im Zuge einer Open Air Sommer. Später wurde gesungen.
Performance das Publikum mitten in der kleinen Susan- (Laura Naumann, KFZ)
nenstraße spontan verdreifachte, irritiert bis begeistert am
Geschehen hängen blieb, während herannahende Autofahrer Als ich die erste „Fritz-Zitrone“ meines Lebens mit einem
anstandslos ihre Motoren abstellten, um der stattfindenden Getränkebon bezahlte und neben mir zwei Männer über den
Kunst den notwendigen Raum zu bieten. Psychotest aus Heft 2 lachten. Sweet!
(Christian Psioda, Festivalkoordinator FRINGE) (Alexandra Müller, KFZ)

Ich komme an einem dieser warmen Abende aus einem Stück KALTSTART ist, wenn der Sushimann, der Teil der Perfor-
im Haus III&70 zurück ins Pressezentrum, gehe in den Gar- mance sein soll, eine Stunde zu spät liefert, weil er den
ten und überrasche den Chefkoordinator Daniel Opper dabei, Spielort auf dem Dach eines alten Flak-Bunkers nicht findet
wie er im Garten des „Lokal“ einen aufblasbaren Swimming- – und die Schauspieler einfach weiterspielen, bis das Essen
pool aufstellt. Einen Pool! kommt…
Der Mann kriegt einfach alles koordiniert. (Daniel Opper, Gesamtkoordination KALTSTART)
(Jan Oberländer, KFZ)
Mein absoluter KALTSTART-Moment war die Rückkehr nach
Es ist samstag- letztes KALTSTARTwochenende- muss vor- vier Tagen Pause. Oder sollte ich lieber sagen: die Heimkehr?
zeitig abreisen. familienfest. sitze im internet cafe- haupt- (Jo Schneider, KFZ)
bahnhof. in 20 minuten werde ich im zug sitzen. das ist mein
KALTSTART- moment 2010. sehe schon die szene: zug fährt „Wir zwei“ spielte bei KALTSTART bereits zum zweiten Mal.
ab. stehe auf, schaue mich suchend um. hamburg wird klein. Ich wurde umgehauen von dem Moment, als ich den Auftritt
renne durch den zug. kein entkommen. KALTSTART vorbei. des Hausmeisters im Stück erwartete, aber stattdessen ein
unwiderbringlich. öffne das zugfenster und schreie in den zartes Wesen im Hasenkostüm erschien und zu „Abenteuer

10 / 11
Kunstraum,
Pressezentrum, Zuhause
Unser permanent temporär
gut bekanntes LOKAL

von Alexandra Müller

land“ von Pur eine Ballettnummer vom Feinsten ablieferte. Als unser Chef vor zwei Monaten ankündigte, wir
(Thimo Plath, Künstlerische Leitung KALTSTART PRO) würden für zwei Wochen in eine „Stockbettenkommu-
ne“ ziehen, wurde nicht wenigen KFZ-Redakteuren
Macht doch nicht alle so ein Theater! mulmig zumute: Wir befürchteten eine verstaubte
(Clemens Reichle, Technische Leitung KALTSTART) Ekelherberge voller quietschender Metallbetten.
Doch dann betraten wir das LOKAL, ein popelgrünes
Mein intensivster Moment war, als ich gespannt auf die näch- Haus mit charmanten Bröckelputzwänden, wun-
ste Performance in den Waagenbau kam und im Eingangsbe- derschönen Flohmarktmöbeln und zwei rosa Mäd-
reich die Festivalzeitung mit einem Coverbild von mir liegen chenbädern. Es wird gemeinsam von der Pferdestall
sah. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich bei einem Kultur GmbH, AGAPI dialog.konzept.design und der
Festival, das Theater näher und intensiver an Menschen he- Cocon Commerz GmbH geführt, unter dem Motto
ranbringt, angekommen war und daran ganz direkt mitarbei- „permanent temporär ungekannt“.
ten konnte. Da wird intensives Arbeiten zum reinsten Spaß! Wir waren sofort bezaubert. Natürlich war nicht alles
(Sven Heine, Fotograf bei FRINGE) perfekt: Keine Türen in den Schlafzimmern, dafür ein
Garten, durch den regelmäßig ICEs, Güterzüge und
Das tolle Wetter – und immer wieder die Parties vor dem doppelstöckige Interregios (das sind die schlimm-
Haus III&70. Sommermärchenatmosphäre! sten!) dröhnten. Und dann war da noch der Putz, der
(Eva Maria Stüting, Leiterin YOUNGSTAR) in unsere Tastaturen rieselte. Aber vermutlich haben
wir gerade deswegen ein Zuhause hier gefunden.
Mein persönlicher Glücksmoment waren die Inszenierungen Wer braucht schon Warmwasser, so lange es W-Lan
„Araboy“ und „Sisters“ unter dem Label „Heimathafen Neu- gibt! Unsere Journalistenkommune hat sich den Ort
kölln“. Die junge Regisseurin Nicole Oder hat ein Stück Reali- sofort mit Kaffeetassen, Planschbecken und Com-
tät auf die Bühne gestellt, total unplugged und ohne Effekte, putern in jeder Ecke zueigen gemacht – und der Ort
vertrauend auf die Kraft und Authentizität der Laien- und hat uns gerne aufgenommen (ganz abgesehen von
Profidarsteller, risikofreudig und uneitel, mit einem Gespür Anne, unserer großartigen Gastgeberin). Wir saßen
für Timing, Rhythmus und Drama. Theater, das berührt! nächtelang mit Ukulele und/oder Laptop herum, und
(Andrea Tietz, Leitung FINALE) wenn wir dann doch irgendwann vom Zugrattern ein-
gelullt wurden, da wussten wir: Wir sind in Hamburg
Die Gestaltung des KFZ-(Eierlikör)-Trinkspiels angekommen.
(Caroline Müller, KFZ) Am Freitag war einer der „Nachtkäufe“, die regelmä-
ßig in unserem Hamburger Heim stattfinden, mit jun-
Jeden Morgen aufstehen, den gedeckten Frühstückstisch mit gen DesignerInnen, die hier „Konsum für geschlos-
der (oftmals, nicht immer) vollständigen Redaktion sehen sene Gesellschaften“ anbieten. An Kleiderständern
und trotz unfassbarer Müdigkeit denken: hing exklusive Mode, Holzkisten und Papiersäcke
“Geil, auf ein Neues!” waren gefüllt mit Leinen, Seide, Baumwolle. Da sah
(Khesrau Behroz, KFZ) man die Bandbreite des LOKAL: Es ist nicht nur ein
Kunstort für Ausstellungen, sondern bietet auch eine
Das Tanzstück „Aussicht-Hölderlin“ der jungen Regisseurin Fashion-Palette vom pastellfarbenen Businesslook
Katrin Plötner und ihrem bezaubernden Schauspieler vom bis zum selbst gestrickten Partytop. Schön!
Mozarteum Salzburg - das ist Nachwuchsfestival! Für uns aber bleibt das LOKAL immer eins: Per-
(Katrin Reiß, funktionslos) manent temporär, aber dabei immer das sweeteste
home, das wir uns hätten ausmalen können.
Als morgens die Kohlen unter den Brötchen auf dem Grill
klickerten.
(Jan Berning, KFZ)

Immer, wenn ich beim Frühstück die Zeitungen aufgeschla-


gen habe und im „Abendblatt“, in der „Süddeutschen“ oder
der KFZ Reflektionen über das Festival standen. Die Bericht-
erstattung hat mich am meisten gefreut – nicht nur für das
Festival, sondern auch für die Künstler.
(Falk Hocquél, Gesamtleitung KALTSTART)

Die LOKAL-Redaktion. Foto: Martin Schneider

Kaltstart
KFZ
Kolumne:
Ekstase vs. Erschöpfun� Affektierte
Effekte VII
von Laura Naumann

Augenringe. Nachlässigkeit im Style. Diskursgeilheit. Alle sind ein bisschen langsamer als noch vor einer
Alkoholpegel. Konzentrationstiefs. Overload. Witz- Woche und ein bisschen irrer. Es werden schneller
fabrik. Insider. Euphorie. Anzeichen von Wahnsinn. Gegenstände nach Kollegen geworfen und schnel-
Entfremdung. Rausch. Das Festival im ganzen Körper. ler die Arbeit für ein kleines Powernapping, aus
Die Augen weit aufgerissen, dabei fallen sie fast zu. dem dann zwei Stunden werden, unterbrochen. Die
Wenn ich sie zumache, sehe ich Diskokugeln. Festivalmitarbeiter stehen aufrecht, aber auch ihnen
Festspiele, Festwochen, Festivals! Ob Film, Musik, sieht man die Anstrengungen der letzten Wochen und
Tanz, Literatur, Musik, ob als Mitwirkender oder als Monate an. Eine weitere Woche würde keiner so recht
Gast, wir lieben das Prinzip: anreisen, einchecken, schaffen, trotzdem sehnt man das Ende nicht herbei.
und dann volles Programm. So viel wie geht mitneh- Das Festival als der alleraffektierteste Effekt: An
men, ganz viel aufsaugen, wir wollen wissen, was es die Grenzen der Aufnahmefähigkeit gehen, den
gibt, wir wollen sehen, was so geht. Und dann darüber Eindrucksfilter hochregeln, die Müdigkeit in Schach
sprechen und einander kennen lernen, diskutieren, halten, den Absturz voraussehen, wissen: Sanft lan-
das Glas erheben, sich echt gut finden, in den Groove den kann man nicht. Und sagen: „Alter, ich bin mega
kommen, FOREVER sagen und wissen, dass das nicht fertig“, es aber in Wirklichkeit geil finden.
stimmt, traurig sein darüber, dann aber wieder nicht, Dies ist ein Bekenntnis zur Affektiertheit! Wir sagen:
sondern nur im Moment und froh, und rein ins nächste Augenringe statt Sonnenbrille! Abgefuckt statt auf-
Stück und dann zum nächsten Bier und dann auf den gestylt! Zu viel Festival statt kein Festival! Das alles
Dancefloor oder bis zum Morgengrauen auf den Bier- kultivieren. Das ist der Festivallook, Kids, so muss
bänken sitzen bleiben und rauchen bis zum Husten. das aussehen! Sich abrocken über 14 Tage Theater,
So geht Festival. Theater, Theater. Megatheater. Sehen, bis man nichts
So geht das sechs, sieben Tage wunderbar, bei zehn mehr sehen kann, reden, bis wirklich alles gesagt
ist Zenit, danach wird es härter. Heute ist Tag 13 von wurde und wach sein, bis man von alleine einschläft.
14 bei Kaltstart, die Redaktion bastelt an der letzten Darum fahren wir da ja hin, das wissen wir, wenn wir
Ausgabe der KFZ, gestern Nacht war sie im Kino, in die Koffer packen, darauf freuen wir uns, wenn wir
einer Actionkomödie mit Cameron Diaz („Kamerun- uns den Festivalpass holen. Nächstes Jahr dann wie-
Dias“, solche Insider), weil eine Theaterpause her der. Und wieder. Forever.
musste und nichts Besseres kam. Tja.

IMPRESSUM

Die Festivalzeitung KFZ zum KALTSTART HAMBURG 2010


wird herausgegeben vom Kaltstart e.V.

Redaktion: Khesrau Behroz, Jan Berning, Stephanie Drees, Clara Ehrenwerth,


Jan Fischer, Alexandra Müller, Laura Naumann, Jan Oberländer (V.i.S.d.P.),
Johannes Schneider.

Gestaltung: www.kirschcake.net.

Auflage: 500.

Redaktionsblog unter www.kaltstart-hamburg.de/blog.


Schreibt uns unter kfz@kaltstart-hamburg.de.
Face-to-face: Lokal, Max-Brauer-Allee 207, 22765 Hamburg

Mit freundlicher Unterstützung von: