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Titel

US-Sonderkommando,
afghanische Sicherheitskräfte bei
der Festnahme von Verdächtigen

Protokoll eines Krieges


Super-GAU für Amerikas Militär und Geheimdienste: Fast 92 000 Dokumente über den Kampf
gegen die afghanischen Taliban, die meisten als geheim eingestuft, sollen weltweit über jeden
Computer nachzulesen sein. Sie enthüllen die wahre Dimension des westlichen Militäreinsatzes.

DARREN MCCOLLESTER / GETTY IMAGES

D
as Dokument CONOP 3315-016 gegen die afghanische Regierung, die Ame- und der Trupp afghanischer Sicherheits-
LV2 vom 21. Dezember 2007 trägt rikaner und ihre Verbündeten kämpft. Er kräfte, der sie begleitet, nähern sich
die Einstufung „Geheim“. Es ist lebt, genau wie Mullah Khan, im Dorf Fa- ihrem Ziel bis auf fünf Kilometer.
militärisch kurz, sehr präzis und beschreibt quiran nahe der pakistanischen Grenze Währenddessen soll eine mit vier Ra-
die Jagd der im Afghanistan-Krieg einge- südwestlich von Khost. Ullah wird für keten bewaffnete Drohne erkunden, ob
setzten amerikanischen Spezialeinheit 373 den Einsatz von Selbstmordattentätern sich Menschen auf den beiden Ziel-Ge-
auf zwei gesuchte Aufständische. Der verantwortlich gemacht, darunter einer, höften befinden. Doch die Operations-
Deckname dieser Operation ist Programm. der vier afghanische Polizisten getötet zentrale kann mit der Kampfdrohne
Sie heißt: „Eine Falle für den Schakal“. hat. Er soll Sprengstofffallen gelegt und nicht direkt kommunizieren und muss
Es ist ein „Capture/Kill“-Auftrag. Die dadurch auch den Tod mehrerer US-Sol- eine andere schicken.
Afghanen Aziz Ullah und Mullah Akeeb daten zu verantworten haben. Mullah Jetzt umstellt die Truppe die beiden
Khan seien, heißt es da, zu „ergreifen“ Khan gehört ebenfalls zu den Aufständi- Gehöfte. Zwei Männer müssen sich aufs
oder zu „töten“, und die Amerikaner ge- schen, zwei seiner Söhne kämpfen in ih- Dach der Häuser schleichen und signali-
ben gute Gründe für das Vorhaben an: ren Reihen. sieren, ob sich auf den Grundstücken je-
Aziz Ullah ist ein Anführer im Mittelbau Gleich zu Anfang droht die Operation mand bewegt. Zivile Opfer sollen, wenn
der Guerilla, die in der Provinz Paktika schiefzulaufen. Die Task Force 373 (TF 373) möglich, vermieden werden.
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Amerikanische Befehlszentrale Centcom, Informantenbericht über einen Attentatsplan ,

CHRISTOPHER MORRIS / VII

Dann erfolgt der Angriff, oder wie es im schwester. Unter den Männern befindet bung der Aktivitäten einer Sondereinheit,
militärischen O-Ton merkwürdig abstrakt sich auch der gesuchte Aziz Ullah, der von der bis dahin praktisch nichts bekannt
heißt: „Beide Ziele wurden freigelegt durch sich seiner Festnahme widersetzt. Ein wei- war? Wir erfahren die Geheimnisse von
eine durch Explosionsstoffe erzeugte Bre- terer Mann wird als Freiwilliger für ein den Amerikanern selbst. Es sind Origi-
sche sowie einen dynamischen Zugang.“ Selbstmordkommando identifiziert. nalquellen, die da sprudeln: Berichte von
Soll wohl heißen: Die Umfassungsmauer Am Ziel Nummer zwei, dem „Objekt Soldaten über ihre Einsätze, Meldungen
der Compounds wurde gesprengt, und die Weiß“, wird Khan zwar nicht erwischt, von Nachrichtenoffizieren über drohende
Eingreiftruppen stürmten die Häuser. Die dafür geht sein Sohn, der als weiteres „auf- Taliban-Anschläge. Es sind Agentenbe-
Männer der Task Force 373 sind Spezialis- ständisches Element“ bezeichnet wird, richte und abgehörte Telefongespräche,
ten im „dynamischen Zugang“. den Amerikanern in die Falle. Bei der Ver- die jetzt öffentlich werden, Zusammen-
Am Ziel Nummer eins, dem „Objekt haftung wird er durch einen Schuss in die fassungen von Treffen amerikanischer Mi-
Schwarz“, werden sieben Männer, sieben Brust schwer verletzt. Zwei Tage später litärs mit regionalen Politikern, die über
Frauen und fünf Kinder entdeckt, sie blei- stellt sich der um seinen Sohn besorgte die Sicherheitslage in ihren Distrikten be-
ben unverletzt und werden, nach Ge- Vater, der Schakal ist gefangen. richten. Es sind die ersten einlaufenden
schlechtern getrennt, durchsucht, die Woher wissen wir das alles so genau? Meldungen vom Schlachtfeld, die vorläu-
Frauen von einer afghanischen Kranken- Woher stammt die detaillierte Beschrei- figen Opferzahlen. Es sind Spekulationen
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Titel

FABRIZIO BENSCH / REUTERS


Deutsch-belgische Patrouille bei einer Razzia nahe Kunduz: Plötzlich mehr Feinde als Freunde in der Bevölkerung

über die Hintermänner der Gegner und ghanistan-Krieges darstellen – Rohmate- Opfer gewöhnlich hinter einem Vorhang
Berichte über die eingesetzten Waffen. rial für die spätere Geschichtsschreibung. militärischer Abkürzungen verschwindet:
Kurz: ein Schatz von Geheimdokumenten Es sind die Meldungen der Truppe aus „42 x LN killed, 1 x INS killed, 147 LN
über die einzelnen Facetten, aus denen dem laufenden Gefecht, kurz zusammen- wounded, several buildings damaged,
sich der Alltag dieses Krieges zusammen- gefasst und unmittelbar weitergeleitet. In NFI“ heißt übersetzt: 42 Personen von ört-
setzt, und es sind sehr, sehr viele. den Regionalkommandos der Amerika- licher Nationalität getötet, 1 Aufständi-
Genau 91 731 Berichte, die meisten als ner und ihrer Verbündeten werden sie scher getötet, 147 Personen örtlicher Na-
„Geheim“ eingestuft, die ab sofort im In- gesammelt, manches wird analysiert und tionalität verwundet, mehrere Gebäude
ternet für jedermann zugänglich sein wer- kommentiert, vieles aber auch unbear- beschädigt, keine weiteren Informationen.
den, weil die Internetplattform Wiki- beitet an höhere Dienststellen weiterge- Die Datensätze sind für die Verbünde-
Leaks sich vorgenommen hat, sie zu ver- leitet und einiges auch mit der Warnung ten der Amerikaner genauso interessant
öffentlichen. Der Organisator dieser Platt- versehen, den Berichten nicht bedin- wie für die Amerikaner selbst. Sie zeigen
form, der Australier Julian Assange, gungslos zu vertrauen. etwa, dass der Krieg im Norden des Lan-
glaubt, auf diese Weise dazu beitragen Es sind überwiegend die Feldwebel, die des, da, wo die deutschen Truppen sta-
zu können, den Krieg in Afghanistan zu hier berichten, auch mal ein Leutnant im tioniert sind, immer bedrohlicher wird.
stoppen. Wenn die Menschen erst einmal Gefechtsstand oder eher rangniedere 2009 nahmen die Kampfhandlungen dras-
die pure, ungefilterte Wahrheit über die- Auswerter beim Militärgeheimdienst. Das tisch zu, die Zahl der Anschläge und der
sen Krieg erfahren – davon lässt dieser Material enthält aber auch als besonders Warnungen ebenfalls.
späte Nachfahre der Aufklärung sich sicherheitsrelevant eingestufte Geheim- Und da sind die Berichte über Hinter-
nicht abbringen –, wird der Druck auf die dienstreports aus dem Isaf-Hauptquartier männer dieses Krieges, die Strippenzie-
Politiker wachsen, den Krieg zu beenden in Kabul. Trotz der gewaltigen Daten- her in Pakistan. Die annähernd 92 000
(siehe Seite 82). menge zeigen die Dokumente nur einen Dokumente sind ein Fenster zum Krieg
Doch die Massenveröffentlichung ist Ausschnitt der Berichte-Flut, die dieser am Hindukusch, wie es bislang keines ge-
auch der GAU für Amerikas Militär und Krieg täglich generiert. geben hat. Und vor diesem Fenster läuft –
die Geheimdienste und damit ein Füll- Dennoch: Fast 92000 amerikanische Da- in allen seinen Einzelheiten – der Krieg
horn für alle, die sich ein möglichst haut- tensätze, manche immerhin so brisant, gewissermaßen in Echtzeit ab. Wer sich
nahes Bild des Krieges machen wollen. dass sie mit dem Vermerk versehen sind, künftig über diese Auseinandersetzung
Die „New York Times“, der Londoner die Dokumente den anderen Truppen vor- informieren will, wird ohne diese Penta-
„Guardian“ und der SPIEGEL haben die- zuenthalten, das ergibt zwischen dem 1. gon-Akten nicht mehr auskommen.
ses Material unabhängig voneinander Januar 2004 und dem 31. Dezember 2009 Weil noch nie in der Geschichte be-
gründlich geprüft und mit bekannten Be- die Beschreibung eines laufenden Krieges, waffneter Konflikte Unbeteiligte derart
richten zum Krieg in Afghanistan vergli- wie es sie noch nie gegeben hat. Die all- vielfältige Einblicke in einen laufenden
chen. Alle drei Redaktionen sind – über- gegenwärtige Bedrohung wird nachvoll- Krieg nehmen konnten, markiert die Ver-
einstimmend – zu dem Ergebnis gekom- ziehbar, allein die unendlich vielen War- öffentlichung von WikiLeaks auch einen
men, dass die Dokumente authentisch nungen vor den Terroranschlägen der Einschnitt in der Kriegsberichterstat-
sind, dass sie Teile einer oder mehrerer Gegner sorgen dafür. Dann sind da die tung – so wie die Erfindung des Telegra-
Militär-Datenbanken sind, die als elek- kurzen lapidaren Meldungen über die An- fen die ersten unverzüglichen Augenzeu-
tronisches Archiv ein Logbuch des Af- schläge selbst, in denen das Schicksal der genberichte von den Schlachtfeldern er-
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Kein Frieden in Sicht Der Krieg der alliierten und afghanischen Truppen mit den Aufständischen
Sprengstoffanschläge von Aufständischen* 2009 Sprengstoffanschläge* 10 000
Kampfhandlungen mit Aufständischen* 2009 Kampfhandlungen*
Entführungen von Einheimischen durch Aufständische* 2009 … in ganz Afghanistan 8000

472 94 14 6000
NORD 98 60 --
Deutschland KABUL
Frankreich 4000
502 186 7
WEST
WEEST Führungsnation des Regional-
Italien OST kommandos im Jahr 2009
2000
USA

SÜD
Niederlande 4868 1095 17 … in der Region Nord
400
Warnungen vor Guerilla-Aktionen
300
1 199 339 203 255 569
5755 1895 13 200

100

* laut den geheimen US-Militärdaten 2004 2005 2006 2007 2008 2009

möglichte und die ersten Fotos die Grau- zu der Veröffentlichung der Dokumente stellen die Veröffentlichung der Doku-
samkeit des Krieges für jeden sichtbar bemüht. Vergebens. Obwohl Obamas mente zu fürchten haben. An vielen Stel-
machten, haben Internetnutzer nun die Mitarbeiter eine Reaktion in Aussicht ge- len tauchen dort Informationen auf, die
unerhörte Möglichkeit, die öffentliche stellt hatten, wollten sie sich vorerst nicht den härtesten und einen äußerst umstrit-
Darstellung von Kriegsereignissen durch äußern. tenen Teil des Krieges ausleuchten – die
das Militär mit dessen eigenen internen Vergangene Woche haben sich die Ver- geheime Jagd auf die Top-Taliban, die
Berichten abzugleichen. Es ist ein Fort- treter von mehr als 70 Staaten und Orga- Führer der Aufständischen.
schritt, den die Technik ermöglicht: Heute nisationen in Kabul zur Afghanistan-Kon- Das ist die Aufgabe von Sonderkom-
passt eine komplette Kriegsdatenbank auf ferenz getroffen. Sie bekundeten Präsi- mandos, und es geht um das Ausschalten
einen schlichten USB-Stick, der nur we- dent Hamid Karzai ihre Zuversicht, sein von Aufständischen im Wildwest-Stil, das
nige Euro kostet. Land werde bis 2014 in der Lage sein, die seit Jahren mit großem Aufwand betrie-
Für Präsident Barack Obama und die Sicherheit am Hindukusch durch eigene ben und streng geheim gehalten wurde.
US-Regierung kommt die Veröffentli- Soldaten und Polizisten zu garantieren. Selbst vor den normalen Truppen wurden
chung zum denkbar ungünstigsten Zeit- Angesichts des Alltags, wie er aus diesen die Kommandos weitgehend abge-
punkt. Gerade erst hatte der Oberbefehls- Dokumenten erscheint, klingt der zur schirmt. Nun sind ihre Aktivitäten – wie
haber seinen Afghanistan-Kommandeur Schau gestellte Optimismus nur noch zy- das Beispiel der Task Force 373 zeigt –
Stanley McChrystal austauschen müssen, nisch. Die Berichte belegen, dass vor allem nachzulesen in offiziellen Armeemeldun-
weil der sich über die Situation am Hin- die afghanischen Sicherheitskräfte tagein, gen. Die Jagd nach Taliban-Führern und
dukusch und den fehlenden politischen tagaus zu hilflosen Opfern der Taliban wer- al-Qaida-Terroristen wird öffentlich.
Rückhalt in Washington allzu unge- den. Allein in den vergangenen drei Jahren Jetzt lassen sich auch Rückschlüsse auf
schminkt geäußert hatte. kamen rund 2500 afghanische Polizisten die bis heute streng geheime Feindesliste
Und Obama, der den Krieg in Afghani- und Militärs ums Leben. Das Ergebnis eines der Koalitionstruppen ziehen. Es ist eine
stan ausdrücklich zu seinem eigenen ge- solchen Blutzolls ist eine demoralisierte in Militärkreisen nüchtern als „Joint Prio-
macht hat, steht in Washington zunehmend Truppe, die zudem noch anfällig ist für die ritized Effects List“ (JPEL) bezeichnete
isoliert da. Viele Parteifreunde zweifeln in- im Lande omnipräsente Korruption. Aufzählung von Taliban, Drogenbaronen,
zwischen daran, dass der Aufwand für die- Bombenbauern und al-Qaida-Mitglie-
sen Krieg durch die Ergebnisse gerechtfer- DIE JÄGER dern. Die gemeinsame Liste von auszu-
tigt wird. Mit ihrer Mehrheit im Kongress Es gibt vor allem einen Grund, warum schaltenden Zielpersonen ist geordnet
machen sie Obama heute schon mehr amerikanische Militärs und Regierungs- nach Vorgangsnummern und Prioritäts-
Schwierigkeiten, als sie jemals seinem Vor-
gänger George W. Bush bereitet haben.
Nun kann jeder nachlesen, wie schlecht
dieser Krieg wirklich verläuft. Und es sind
keine überkritischen Journalisten, die hier
berichten, sondern Obamas eigene Militärs.
Bis zum Druckbeginn am Samstagmor-
gen hat sich der SPIEGEL wiederholt um
eine Stellungnahme des Weißen Hauses Bericht über Kidnapping-Pläne des Taliban-Führers Mullah Dadullah

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JIM YOUNG / REUTERS
Staatschefs Karzai, Obama in Kabul: Zynischer Optimismus

stufen, den Jägern wird fallweise die erhalten sie direkt aus dem Pentagon. Oft Taliban-Jäger, sie machen auch klar, war-
Option gelassen, ihre Beute festzuneh- gelingt es den Spezialkräften, ihre Gegner um diese Sondereinheiten so viel Wut in
men oder zu töten. lebend zu erwischen. Mehrere Dutzend der afghanischen Bevölkerung auslösen.
Nirgendwo in den Dokumenten ist die- Einträge von Gefangenenüberstellungen Vor allem die Fehlschläge der Sonder-
se Liste vollständig abgedruckt, doch aus in das berüchtigte Terroristengefängnis kommandos sollen deshalb möglichst
Tausenden Berichten lassen sich insge- von Bagram nördlich von Kabul finden nicht ans Licht kommen.
samt 84 Meldungen über JPEL-Aktionen sich in den Unterlagen. Zuweilen kom- So findet sich in einer brisanten Mel-
herausfiltern. Wie viele JPEL-Ziele es in men die Task-Force-Kämpfer mehrfach dung vom 17. Juni 2007 gleich im zweiten
Afghanistan gibt, lässt sich aus den Do- am Tag mit ihren Häftlingen und über- Satz die Mahnung, dass diese TF-373-
kumenten nicht ablesen, aber allein die geben sie den Wächtern. Operation „geheim gehalten“ werden
vierstelligen Vorgangsnummern legen Bevorzugt jagt die Truppe 373 aller- müsse. Details über die Mission dürften
nahe, dass es eine große Zahl ist. Unter dings „High Value Targets“, sogenannte keinesfalls an andere Isaf-Streitkräfte
den Zielpersonen sind prominente Tali- Hochwertziele, darunter Top-Komman- weitergegeben werden.
ban-Führer wie der mittlerweile inhaf- deure der Taliban oder Sprengstoffexper- Die Soldaten des Sonderkommandos
tierte Mullah Baradar, aber auch weniger ten von al-Qaida. Zu ihnen gehören auch scheinen sich an diesem Tag einen ver-
bekannte Kommandeure wie ein Mann Feinde, die niemand lebend fangen hängnisvollen Fehlschlag geleistet zu ha-
aus dem Osten Afghanistans mit dem möchte. ben. Ziel ihrer Mission war es offenbar,
Codenamen „Russian Jack“. Dass es im Afghanistan-Krieg solche den prominenten al-Qaida-Funktionär
Sie zu jagen ist die Aufgabe der Task gezielten Tötungen gibt, gilt unter Exper- Abu Laith al-Libi zu töten. Zu diesem
Forces. Die Mitglieder der Task Force 373 ten als Tatsache, auch wenn weder die Zweck hatte die Einheit seit Tagen eine
beispielsweise tragen keine Namen an US-Armee noch die Isaf-Truppen über Koranschule beobachtet, in der die Ame-
den Uniformen, ihre Nachtlager sind stets die Kommandos reden möchten, die diese rikaner den Qaida-Mann und mehrere
von denen anderer Soldaten getrennt. Drecksarbeit am Ende durchführen. Nun seiner Getreuen vermuteten.
Wenn sie ausrücken, erfahren die norma- kann jeder zu Hause am PC nachlesen, Ihre fünf Geschosse aber, die sie
len Befehlsstände der Isaf nichts über ihre was Sondereinheiten wie die Task Force schließlich von einem mobilen Raketen-
Mission. Ihre Operationsgebiete werden 373 in seinem Namen in Afghanistan werfer abfeuerten, trafen die Falschen.
als sogenannte Black Boxes gesperrt, da- Nacht für Nacht anrichten. Statt des Top-Terroristen fanden Boden-
mit normale Soldaten den Elitekriegern Doch die Dokumente enthüllen nicht truppen nach dem Einschlag der Pro-
nicht in die Parade oder gar in die Schuss- nur die Existenz und die Aktivitäten der jektile sechs tote Kinder in den Trüm-
linie fahren oder fliegen.
Die Männer der Task Force 373, eine
Truppe von Elitesoldaten verschiedener
Teilstreitkräfte, darunter Navy Seals und
Delta Forces, agieren wie ein Rudel Wöl-
fe. Sie unterstehen weder dem Komman-
do der internationalen Schutztruppe Isaf
noch dem zuständigen amerikanischen
Befehlszentrum Centcom. Ihre Aufträge Polizeimeldung über antiamerikanische Proteste

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Titel

mern der völlig zerstörten Koranschule, Feinden der Bundeswehr fast offiziell, Deutschen hatten gedacht, dass die ver-
ein weiteres, schwer verletztes Kind gewissermaßen als Dienstleistung, offe- gleichsweise ruhigen Nordprovinzen, in
konnte nicht mehr gerettet werden, ob- riert. Nachdem im Frühjahr kurz hinter- denen ihre Soldaten stationiert wa-
wohl ein Sanitäter sich 20 Minuten lang einander sieben deutsche Soldaten gefal- ren, auch ruhig bleiben würden. Ihre
darum bemüht hatte. Doch ein solch dra- len waren, versprach ein hochrangiger Wiederaufbauteams sollten anderen Al-
matischer Zwischenfall lässt sich nicht US-Offizier im Hauptquartier in Kabul liierten zeigen, wie dem vom Bürgerkrieg
wirklich verheimlichen, schon einen Tag dem ranghöchsten deutschen Isaf-Offizier, heimgesuchten Land wirklich zu hel-
später musste sich die US-Armee öffent- General Bruno Kasdorf, man werde die fen wäre.
lich entschuldigen. Hintermänner der Anschläge auf die Erst Ende 2005, Anfang 2006 und nur
Auch wenn es sich um eine amerikani- Deutschen jagen und töten. Nachweislich durch Geldzahlungen und Drohungen
sche Einheit handelt, dürften die Enthül-
lungen über die geheimen Kommando-
aktionen auch die deutsche Bundesregie-
rung in Verlegenheit bringen. Schon seit
Sommer 2009 sind rund 300 Mann der TF
373 in Masar-i-Scharif auf dem Gelände
des deutschen Feldlagers Camp Marmal
stationiert. Strategisch günstig und abge-
schirmt haben sich die Jäger direkt am
Flugfeld positioniert und operieren von
dort aus im Regionalkommando Nord,
das unter deutscher Führung steht.
Die Stationierung war von Beginn an
heikel und blieb auch unter Verteidi-

MICHAEL KAPPELER / DDP


gungsminister Karl-Theodor zu Gutten-
berg ein Nichtthema. Einzig bei einem
Truppenbesuch im November 2009 sagte
der Minister vage, die Deutschen seien
für „jede Hilfe der US-Armee dankbar“.
Nachfragen zur TF 373 waren nicht er- Bundeswehrausbilder, afghanische Polizisten beim Training: Demoralisierte Truppe
wünscht.
Dabei hatten die Elitekämpfer gerade wurden in den Wochen danach mehrere der Aufständischen, formierte sich der
mit Hilfe einiger von ihnen trainierter af- Taliban eliminiert. Widerstand gegen die internationale
ghanischer Einheiten fünf Tage lang den Die Regierung in Berlin schweigt bisher Truppenpräsenz – das geht aus zahlrei-
Taliban-Hort Gul Tepa nordwestlich von zur Ausweitung der Kampfzone im deut- chen Meldungen hervor, die davon be-
Kunduz aus der Luft und vom Boden aus schen Sektor. Gegenüber dem Parlament richten, wie der Bevölkerung für aktive
unter Beschuss genommen. Es gab rund beharrte die Regierung noch im Herbst Unterstützung der Aufständischen Geld
130 Tote, laut US-Armee alles Aufständi- 2009 darauf, der „Kernauftrag“ der Task geboten wird.
sche. Die Bundeswehr hatte sich gewei- Force 373 sei lediglich die „Aufklärung 700 Dollar offeriert etwa die von al-
gert, bei dem Einsatz mitzumachen. Die und Festsetzung von Personen, die Qaida Qaida unterstützte Terrorgruppe Islami-
von einem US-Major vorgestellten Pläne oder gegebenenfalls der Führungsriege sche Bewegung Usbekistans in der Grenz-
sahen nach einem gezielten Vernichtungs- der Taliban angehören“. provinz Takhar im Zuständigkeitsbereich
schlag gegen die Taliban aus. der Bundeswehr den Einwohnern, falls
In den geheimen Militärakten finden HILFLOSE DEUTSCHE diese helfen, die logistischen Hauptver-
sich nur zwei Erwähnungen der mehr- Auch die Geschichte des deutschen Ein- kehrswege der Isaf-Truppe mit Straßen-
tägigen Operation mit den geografischen satzes in Afghanistan lässt sich aus dem bomben zu verminen: „Afghanen aus der
Koordinaten von Gul Tepa. Die Task elektronischen Kriegstagebuch der Ame- Gegend sollen die Sprengsätze platzieren,
Force selbst wird in den Einträgen nicht rikaner ablesen. Sie enthält ausweislich weil sie vergleichsweise unauffällig sind.
erwähnt, wohl aber der Abwurf von meh- der Dokumente allerdings keine bislang Gezündet werden sie dann durch die Spe-
reren Bomben. unbekannten Gewaltexzesse etwa gegen- zialisten“, verrät ein Isaf-Zuträger in ei-
Die Operation wurde zu einem Mus- über der Zivilbevölkerung und auch kei- ner Meldung. In Chapchi, einem Ort in
tereinsatz für die kommenden Monate. ne illegalen Geheimoperationen, an de- der Provinz Badakshan und ebenfalls im
Die US-Einheiten machten Jagd auf Tali- nen die Deutschen teilgenommen hätten. deutschen Zuständigkeitsbereich, lobte
ban, die Deutschen erfuhren von den Aber die Dokumente machen deutlich, ein Taliban-Kommandeur sogar 1000 Dol-
nächtlichen Aktionen nur durch die ge- wie unvorbereitet die Deutschen in die- lar für die erfolgreiche Durchführung ei-
sperrten Operationsräume und die im sen Krieg zogen und warum ihr Auftrag nes Angriffs aus. Viel Geld in einem Land
Lager Kunduz gut zu hörenden Detona- am Ende wohl unerfüllbar bleibt. mit weniger als 500 Dollar durchschnitt-
tionen. Die Berichte von der Front erklären lichem Jahreseinkommen.
Neuerdings werden sogar gezielte Tö- eindrucksvoll, warum die westliche Al- Fanatische Überzeugung und finanziel-
tungen ganz offen behandelt. Nachdem lianz in Afghanistan an vielen Orten le Anreize greifen in der Kriegsmaschi-
Spezialeinheiten in der Nacht zum 29. plötzlich mehr Feinde als Freunde hat. nerie oft genug ineinander: „Wenn ihr
Mai den neuen Taliban-„Schattengouver- Sie machen aber auch klar, dass es den noch Würde im Leib habt, tut euch zu-
neur“ von Baghlan, nur eine Autostunde in ihrem Selbstverständnis gottesfürch- sammen und greift den Feind an, atta-
südlich von Kunduz, getötet hatten, mel- tigen Taliban selten um Religion, dafür ckiert ihn mit „Stinger“-Raketen, koste
dete Kabul, das Ende von Mullah Jabar aber häufig um ein zusätzliches Einkom- es was es wolle, 150 000 oder 200 000 Dol-
sei durch „präzise Luftschläge“ herbeige- men und um größere Machtanteile in die- lar, ich bezahle“, fordert etwa der War-
führt worden. sem komplizierten Land geht. lord Gulbuddin Hekmatjar die getreuen
Der Führung des deutschen Isaf-Kon- Kenntnislos und naiv war die deutsche Anhänger seiner Hisb-i-Islami in der Pro-
tingents wurde die gezielte Tötung von Armee in den Konflikt gestolpert. Die vinz Logar auf. Es ist Mitte März 2006,
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und die Widerstandsbewegung lahmt Landes, aber ihre Macht ist auch im Nor- jedenfalls übernimmt sein bisheriger
noch immer gewaltig. den zu spüren. Ein Vertreter der Haqqa- Stellvertreter Mullah Salam die Befehls-
Hekmatjar ist ein Veteran. Er hat be- nis trifft sich laut einem Isaf-Zuträger mit gewalt – die Isaf-Informanten verfolgen
reits gegen die Russen gekämpft und nach den Aufstandsführern der Provinz Kun- den Staffelwechsel sehr genau.
deren Vertreibung im Machtkampf um duz, den Taliban-Kommandeuren Mullah Und Salam führt ein strenges Regi-
Kabul die Hauptstadt in Schutt und Asche Rustam und Mullah Salam. Dort haben ment: Danach müssen seine untergebe-
gelegt. Nun ist er – bis auf weiteres – ein die Deutschen die meisten ihrer getöteten nen Kommandeure vor jeder Aktion de-
unbeugsamer Feind der Amerikaner. Soldaten durch Anschläge, Hinterhalte tailliert ihre jeweiligen Pläne erläutern,
Mehr als durch die aufpeitschenden und Schießereien verloren. deren Erfolgsaussichten diskutieren – und
Worte des in der Provinz Kunduz gebo- Bereits 2005 gibt es Warnungen, dass seine Zustimmung einholen.
renen Islamisten dürfte die Kampfeslust Rustams Kämpfer Anschläge planen. Sowohl Mullah Salam wie Mullah Rus-
seiner Gefolgsleute im Norden durch die Spitzel berichten von bevorstehenden tam stehen auf der JPEL-Liste der Al-
an jeden Gruppenführer verteilten liierten weit oben. Deutsche Soldaten des
100 000 bis 500 000 Afghani (2000 bis Kommandos Spezialkräfte (KSK) haben
10 000 Dollar) befeuert worden sein. Wor- mehrfach versucht, sie zu fassen, ohne
te und Investitionen des spendablen Ex- Erfolg.
tremisten wurden sorgsam in den Doku- In dem am Anfang des Einsatzes von
menten festgehalten. Bundeswehrsoldaten noch als „Bad
Während die Afghanen 2006 noch im- Kunduz“ verspotteten Städtchen ist es
mer zögerten, sich in die neue kriegeri- mit der Ruhe jetzt vorbei. In einer „Ein-
sche Auseinandersetzung zwischen dem schätzung der Bedrohungslage“ vom 31.
Westen und den Islamisten zu werfen, Mai 2007 – die einzige ausführliche Lage-
spielten ausländische Kämpfer, Araber, einschätzung der Deutschen im gesamten
Tschetschenen, Usbeken und chinesische Material – kommen die Militäranalytiker
Uiguren, von Anfang an eine Schlüssel- nach drei Selbstmordanschlägen, bei
rolle. Es sind ideologische Hardliner, die denen drei deutsche Soldaten und meh-
al-Qaida nahestehen. Sie verfügten über rere Afghanen starben, zu eindeutigen
einen Erfahrungsschatz mit Sprengstoff- Ergebnissen.
anschlägen und Selbstmordattentätern, „Entgegen den Erwartungen des Re-

LUC DELAHAYE / SIPA PRESS


wie er in Afghanistan bis dahin weithin gionalkommandos Nord und wie vom
unbekannt war. Die tödlichen Techniken Wiederaufbauteam Kunduz vorhergese-
aus dem Irak-Krieg wurden so an den hen, halten die Attacken der Aufständi-
Hindukusch transportiert. schen an“, heißt es darin, weitere An-
Die berüchtigten ausländischen Kämp- schläge, speziell gegen Isaf-Truppen seien
fer werden im Logbuch des Krieges erst- „sicher zu erwarten“. 
mals am 15. Juli 2005 auch im Norden Es gehe den Aufständischen nun auch
des Landes gemeldet. Fünf Tschetsche- darum, heißt es in der Lagebeurteilung,
nen seien in die Stadt Kunduz gekom- die Bevölkerung einzuschüchtern und
men, sie sollen moderne Waffen an einen von der Zusammenarbeit mit den Isaf-
Taliban-Kommandeur übergeben und Truppen abzuhalten. Die Strategie, zivile
das Uno-Büro angreifen. Der angeblich Opfer unter den Einheimischen mög-
geplante Anschlag findet zwar nicht statt, lichst zu vermeiden, hätten sie abgelegt:
doch der beschriebene Transfer von tech- „Aus Sicht des Wiederaufbauteams Kun-
nischem Know-how und neuen Waffen- duz gilt das nicht mehr.“ Vielmehr ver-
REUTERS

systemen an die Taliban wird später we- suchten die Aufständischen, einen Keil
sentlich zur deutschen Misere in Kunduz zwischen die Bevölkerung und die Trup-
beitragen. Aufstandsführer Mullah Omar, Hekmatjar, pen zu treiben, was ihnen auch zu gelin-
Auch Sirajuddin Haqqani steht mit der Haqqani (r.): Tödlicher Erfahrungsschatz gen scheine: „Die lokalen Medien be-
Internationalen des Dschihad im Ver- richten und agitieren erstmals gegen Isaf
bund. „Siraj“ ist der Sohn des legendären Angriffen mit Motorrädern und Fahrrä- und die USA.“ 
afghanischen Mudschahidin-Führers Ja- dern auf das deutsche Wiederaufbauteam Die abschließende Prognose hat bis
laluddin Haqqani. Auf der von den Al- in Kunduz unter seiner Regie. heute Gültigkeit: „Die Sicherheitssitua-
liierten erstellten Liste von Zielpersonen, Die Mehrzahl der Meldungen warnt tion in der Provinz Kunduz wird immer
die getötet oder festgesetzt werden sollen, vor ganz konkreten Hinterhalten und im- brüchiger und ist nicht stabil.“
ist er im elektronischen Kriegstagebuch provisierten Sprengfallen, es gibt aber Im Jahr 2008 hat sich der Widerstand
im „Rang 1“ verzeichnet. Damit gehört auch Hinweise auf Entführungen – ge- auch im Norden endgültig etabliert. Ge-
er zu den vom westlichen Bündnis am fährdet sind etwa Mitarbeiter der deut- heimdienstquellen melden, dass eine
meisten gesuchten Terroristen. schen Entwicklungshilfegesellschaft GTZ. Gruppe von 45 Aufständischen gerade im
Zwar konzentrieren sich die Kämpfer Doch aus Sicht der Taliban erweist sich pakistanischen Waziristan Deutsch-Un-
der Haqqanis vor allem im Osten des Rustam offenbar als nicht effektiv genug, terricht nimmt, um sich dann als Über-
setzer einzuschmuggeln. Weitere 70 Ex-
tremisten absolvierten gerade Fahrstun-
den, um bei afghanischen Sicherheits-
kräften als Fahrer anzuheuern. 2009 ver-
schärft sich die Gefahrenlage jedoch noch
einmal. In einem Bericht des militäri-
schen Nachrichtendienstes im Isaf-Haupt-
quartier in Kabul äußert sich der Verfas-
Meldung über Taliban-Verbindung zum Haqqani-Netzwerk ser Anfang Mai darüber besorgt: „Die ge-
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GETTY IMAGES
Amerikanische Kampfdrohne „MQ-9 Reaper“: Mehr Abstürze als zugegeben

heimdienstlichen Erkenntnisse zeigen ein Über die Nacht vom 3. auf den 4. Sep- ruft, erscheint in den Militärprotokollen
konkretes Risiko für deutsche Isaf-Trup- tember 2009, in der sich die bisher größte nur als ein Fall unter Hunderten ähnli-
pen im betreffenden Raum.“ Tragödie dieses Bundeswehreinsatzes ab- cher Fälle.
In der sich zuspitzenden Lage rufen spielt, finden sich allerdings nur karge Die Attacken gegen die Deutschen las-
deutsche Patrouillen immer öfter nach Meldungen im Material der Amerikaner. sen nach dem Luftschlag kurzfristig tat-
amerikanischer Luftunterstützung, im Der Chef des deutschen Wiederaufbau- sächlich an Intensität nach, die Taliban
Jahr 2008 noch ein völlig neues Phäno- teams, Oberst Georg Klein, hatte damals haben ohne Zweifel schwere Verluste er-
men im Norden: „Infanteriekompanie be- zwei amerikanische F-15 angefordert, die litten. Aber auch bei den Bundeswehr-
richtet, dass ein Zug noch immer unter zwei im Flussbett feststeckende, von den soldaten in Kunduz bleibt die harte Kritik
Feuer ist und die Stellung nicht halten Taliban entführte Tanklaster bombardier- an der Entscheidung ihres Obersts nicht
kann ohne Luftunterstützung“, heißt es ten, wobei bis zu 142 Zivilisten starben. ohne Wirkung. Sie gehen nun zurückhal-
zum Beispiel am 5. Oktober 2009 in einem Die Entführer hatten den Bewohnern der tender vor – auch das ist im Zweifel nicht
der zahlreichen dramatischen Berichte aus Umgebung erlaubt, sich kostenlos Benzin die angemessene Reaktion. Denn aus den
dem Wiederaufbauteam Kunduz. abzuzapfen. jetzt bekanntgewordenen Dokumenten
Die Truppe ist in der zunehmend un- Die dazugehörige Meldung im Kriegs- geht klar hervor, dass die Sicherheitslage
ruhigen Provinz mal wieder in Richtung tagebuch ist um 21.19 Uhr verfasst und im Norden Afghanistans immer schlech-
Chahar Darreh unterwegs, wo die meisten nur wenige Zeilen lang: „Der Komman- ter wird.
Taliban-Unterstützer leben, sie wollen deur des Wiederaufbauteams nimmt Wer die Afghanistan-Meldungen der
mögliche Sprengsätze von den Straßen Kontakt auf mit dem Fliegerleitoffizier Bundesregierung an das Parlament mit
räumen. Deutsche Aufklärer beobachten und autorisierte einen Luftschlag, nach- den Ereignissen aus den Protokollen der
außerdem, dass der Gegner Verstärkung dem er sich versichert hat, dass keine Zi- Amerikaner vergleicht, erkennt rasch,
holt. Die Soldaten melden, dass sie eine vilisten im Raum sind“, lautet der wich- dass der deutschen Öffentlichkeit viel ent-
panzerbrechende „Milan“-Rakete abge- tigste Satz darin. Das sogenannte Battle geht: Die Berliner Stellen schweigen über
feuert haben und dass einige Feinde da- Damage Assessment, also die Überprü- viele der Vorkommnisse, die nicht unmit-
durch „besiegt“ werden konnten – was fung der durch das Bombardement er- telbar deutsche Soldaten, wohl aber die
das genau heißt, wie viele Personen auf zielten Schäden, in diesem Fall nur per Region betreffen, in der sie stationiert
der feindlichen Seite verwundet oder ge- Bildschirm, besagt, dass 56 Aufständische sind. Die sind aber besonders aussage-
tötet wurden, bleibt offen. Zwei ameri- getötet wurden, 14 weitere in nordöstliche kräftig für die wahre Lage.
kanische Jagdbomber vom Typ F-15 stei- Richtung flüchten konnten. In zahllosen Meldungen wird dort be-
gen über den Angreifern auf, ihr Erschei- In der Fortschreibung des Zwischen- schrieben, wie die afghanische Polizei
nen reicht, sie abzuschrecken. Solche Ge- falls einen Tag später wird erwähnt, dass und die Armee im Norden erbittert ge-
fechte sind inzwischen Alltag im Norden. nach Medienberichten womöglich auch gen den immer weiter voranschreitenden
Die Taliban überlegen, wie sie die Luft- Zivilisten getötet worden seien und dass Feind kämpfen. Deutsche Soldaten sind
überlegenheit der Amerikaner brechen General Stanley McChrystal persönlich dann meist nur als Berater präsent oder
und ihre Kampfjets attackieren können, in einer Videokonferenz mit dem deut- als Sanitäter, die Verwundete in den Feld-
berichtet ein Nato-Informant. Doch ein schen General im Regionalkommando lazaretten versorgen.
Taliban-Helfer, der tschetschenische Nord Aufklärung in der Frage der zivilen Tag für Tag werden Polizei-Checkpoints
Kämpfer Qari Akha, der über eine ge- Opfer verlangt. Aber die ursprünglichen überfallen und beschossen, Patrouillen
wisse technische Expertise verfügt, rät ih- Zahlen vom Tag vorher werden nicht geraten in tödliche Hinterhalte, Straßen-
nen: „Die US-Flugzeuge sind zu schnell, mehr korrigiert. Was in Deutschland eine bomben explodieren. Die Zahl der ver-
greift lieber die deutschen Hubschrauber leidenschaftliche Diskussion über den wundeten und getöteten afghanischen Si-
an, die sind groß und langsam.“ Sinn des Bundeswehreinsatzes hervor- cherheitskräfte übersteigt um ein Vielfa-
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Titel

ches die der deutschen Opfer und zeigt, verlangten Luftunterstützung, um den ges Jahr. Sie können mehr als 20 Stunden
dass die eigenen Streitkräfte noch lange Absturzort und den „Raven“ kontrollie- in der Luft bleiben und ohne Warnung
nicht in der Lage sein werden, den Frie- ren zu können. Während wir das vorbe- zuschlagen – etwa wenn westliche Trup-
den zu erzwingen, und wie dicht das reiteten, bekamen die afghanischen Sol- pen in Feuergefechte verwickelt werden
Land in Wahrheit erneut am Rande des daten kalte Füße und beschlossen, die Pa- oder Aufständische Straßenbomben plat-
Bürgerkrieges steht. trouille nicht mitzumachen.“ zieren wollen.
Und noch eins zeigen diese Zahlen: Die Bergung misslingt: „Wir versuchten Das Modell „MQ-9 Reaper“ ist mit vier
wie wenig die Deutschen erreicht haben. eine Patrouille zu Fuß und im Fahrzeug jeweils 50 Kilogramm schweren „Hell-
zusammenzustellen, die den ,Raven‘ ber- fire“-Raketen bewaffnet und trägt zusätz-
PANNENREICHE WUNDERWAFFE gen könnte. Es waren Informationen ein- lich noch vier 500-Pfund-Bomben, die
Der geheime Lagebericht aus dem Regio- gelaufen, dass die Drohne von Aufstän- ihre Ziele mit Hilfe von Laser und dem
nalkommando Ost liest sich zunächst wie dischen abgeschossen worden war, dass Navigationssystem GPS finden. Die größ-
ein Routineprotokoll: „17. Oktober 2009: ein Anschlag in der Nähe geplant und der te Drohne, der „Global Hawk“, hat mehr
Um etwa 13.00 Uhr erhielt die afghani- Vogel schon durch das Flussbett zum als 40 Meter Gesamtflügelspannweite, ihr
sche Nationalarmee Informationen, dass Haus eines Taliban-Kommandeurs ge- Startgewicht beträgt über 14 Tonnen.
ungefähr 20 Aufständische sich von ihrer schleppt wurde.“ Zwar macht sich die Pa- Amerikanische Militärs setzen immer
Position in einem ausgetrockneten Fluss- trouille zur Rettung des teuren Fluggeräts stärker auf die leisen Killer. 185 000 Flug-
bett nach Süden bewegten. Um etwa noch auf den Weg, muss aber schon bald stunden waren sie voriges Jahr im Irak
14.00 Uhr wurde (die Aufklärungsdrohne) abbrechen. und Afghanistan im Einsatz, dreimal so
„Raven“ gestartet und flog direkt bis zu Die Afghanistan-Protokolle aus ame- lange wie 2006. Bald sollen es schon
unserem Stützpunkt. Wir sahen keinen rikanischen Militär-Datenbanken ma- 300 000 Flugstunden pro Jahr sein.
Feind im Flussbett.“ chen deutlich, dass auch eine vielgeprie- Doch die Superwaffen sind störanfällig.
Doch dann gibt es offenbar Schwierig- sene Wunderwaffe wie die Drohnen we- Unfallberichte des US-Verteidigungsminis-
keiten beim Flug des kamerabewehrten niger perfekt arbeitet als oft behauptet. teriums zeigen: Systemstörungen, Com-
Spähers: „Während der „Raven“ unge- Der ehemalige Oberbefehlshaber Stanley puterfehler und menschliches Versagen
fähr 300 Meter vom Stützpunkt entfernt McChrystal nannte die Aufklärer „au- kommen beim Drohneneinsatz häufig vor.
umkehren wollte, verlor er plötzlich an ßerordentlich effektiv“. CIA-Direktor In den bisher geheimen Militärdoku-
Höhe und stürzte ab.“ Leon Panetta sagte gar, die Drohnen sei- menten wird wiederholt von Abstürzen
Jetzt wird es hektisch: „Wir versuchten en das wichtigste Mittel im Kampf gegen und technischen Problemen berichtet, so
unverzüglich, eine Fußpatrouille zu or- al-Qaida. am 20. November 2008, als ein „Preda-
ganisieren, um den Vogel zu retten. An Rund 20 „Predator“-Drohnen fliegen tor“ mit einer „Hellfire“-Rakete an Bord
der Patrouille sollen 6 US-Soldaten und derzeit ständig über das bergige Gelände auf das Flugfeld in Kandahar stürzte. Der
40 afghanische Soldaten teilnehmen. Wir Afghanistans, doppelt so viele wie vori- Betrieb dort muss eingestellt werden.
Am 27. Dezember 2008 erhält die Task
Hoher Blutzoll Todesopfer bei Sprengstoffanschlägen der Aufständischen
Force Currahee einen Bericht von Droh-
nenlenkern, dass das Fluggerät „Sha-
Zivilisten* dow“, Nummer 2086, Maschinenproble-
Afghanische Sicherheitskräfte* Opfer me hat – die Temperatur steigt massiv
insgesamt* an. Während die Drohne auf die Militär-
Alliierte Soldaten* basis Ghazni zufliegt, kann sie die Höhe
2004 bis 2009, 4459 nicht mehr halten, sie muss notlanden,
nach Regional- 3,5 Kilometer von der Basis entfernt. 
kommandos 82 422 18 700 Nicht nur der Verlust der wertvollen
NORD
D 240 138 23 Hardware macht amerikanischen Militärs
600 Sorgen. Gerade die kleineren Aufklä-
141 1044 35
rungsdrohnen sind vollgepackt mit hoch-
KABUL
UL komplexer Computerelektronik. Sie sind
WEST
WEEST OST 500
eine Art fliegende Datenbank, die dem
Feind nicht in die Hände fallen soll.
545 650 159 400 Mehrere Typen, darunter auch der „Pre-
dator“, verfügen über eine sogenannte
SÜD Zero-out-Funktion, mit denen sich alle
300
Daten per Fernsteuerung löschen lassen.
In ganz Doch das Sicherungssystem versagt, wenn
Afghanistan* 200
1110 797 375 die Verbindung zwischen Kommandozen-
trum und Drohne unterbrochen ist.
100 Um dem Feind keine wertvollen Infor-
mationen zu überlassen, mündet deshalb
* laut den geheimen US-Militärdaten beinahe jeder Drohnenabsturz in eine
2004 2005 2006 2007 2008 2009 aufwendige Bergungsaktion. Etwa am 11.
März 2009: „Eine schnelle Einsatzgruppe
versucht, den (notgelandeten) ‚Raven‘ zu
finden, aber ohne Erfolg. Sie haben bis
zum Sonnenuntergang gesucht. Sie wer-
den den ‚Raven‘ weitersuchen, sobald der
Morgen graut.“
Dagegen am 4. September 2009: „Pre-
dator“-Drohne stürzt wegen eines ver-
Bericht über ein Kommando von Selbstmordattentätern in Kabul muteten mechanischen Defekts ab. Über-
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PAJWAK NEWS AGENCY / REUTERS
Verletzte Zivilisten nach dem Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul 2008: Volksprämien für jedes Attentat

blick hergestellt. Sondereinheiten führen eine doppelbödige Politik – Pakistan ist könne in Afghanistan Fuß fassen und Pa-
den Versuch an, die sensiblen Materialien beides gleichzeitig: Verbündeter der USA kistan so gewissermaßen in die Zange
zu sichern. Eine ,Hellfire‘-Rakete befand und Helfer ihrer Gegner. nehmen, unterstützt er alles, was den ei-
sich an der Drohne. Um 00.50 Uhr sind Für diese These gibt es nun viele neue genen Einfluss in Kabul wahren und stär-
alle sensiblen Gegenstände geborgen.“ Belege. In den Dokumenten wird deut- ken könnte. Und weil viele ISI-Strate-
Nicht immer gelingen die Bergungs- lich, dass der pakistanische Geheimdienst gen nicht glauben können, dass die Ame-
versuche so gut. Als am 22. August 2008 weiterhin der vermutlich wichtigste au- rikaner noch längere Zeit in Afghanistan
eine kanadische Drohne drei Kilometer ßerafghanische Helfer der Taliban ist. Tat- bleiben werden – schließlich haben sie
entfernt vom Militärstützpunkt Masum sache bleibt: Der Krieg gegen die afgha- den Beginn ihres Rückzugs bereits ange-
Ghar abstürzt, versuchen die Soldaten, nischen Sicherheitskräfte, die Amerika- kündigt –, bleiben die Taliban ein paki-
einen Bergungstrupp zusammenzustel- ner und ihre Isaf-Verbündeten wird noch stanisches Faustpfand für den künftigen
len. Doch der braucht gar nicht erst aus- immer aus Pakistan heraus geführt. Das Einfluss auf Kabul. Nirgendwo wird das
zurücken. Innerhalb von 22 Minuten ist Land liefert den Rückzugsraum für alle deutlicher als im Logbuch des Afghani-
die Absturzstelle komplett abgeräumt, feindlichen Kräfte. stan-Krieges.
alle Überreste sind von Einheimischen Und deren Aufmarsch-Glacis. Über die Ausweislich der Warnungen vor neuen
beiseitegeschafft. pakistanisch-afghanische Grenze strömen Angriffen und Selbstmordanschlägen
die neuen Rekruten der Taliban, darunter durch gegnerische Kräfte sind ISI-Abge-
PAKISTAN – WASHINGTONS auch die gefürchteten ausländischen sandte dabei, wenn sich in Nord-Waziri-
HEIMLICHER GEGNER Kämpfer. Die drei wichtigsten Gegner der stan Kommandeure von Gulbuddin Hek-
Seit den Qaida-Anschlägen auf New York westlichen Koalitionsstreitkräfte, die Ta- matjar zum Kriegsrat treffen.
und Washington steckt Afghanistans liban um Mullah Omar, die Kämpfer um So berichtet ein Dokument vom 1.
Nachbarstaat Pakistan in einer Klemme. den ehemaligen Mudschahidin-Führer September 2007 über einen bevorstehen-
Offiziell schließt sich das Land der welt- Gulbuddin Hekmatjar und die Milizen den Angriff einer Gruppe von Hekma-
weiten Anti-Terror-Koalition an, die der der Warlord-Sippe der Haqqanis haben tjar-Kämpfern auf einen vorgeschobenen
amerikanische Präsident George W. Bush wichtige Quartiere und Einsatzzentralen Posten der Alliierten in der Provinz Ku-
geschmiedet hat. Inoffiziell aber sind in Pakistan. nar, der afghanischen Nachbarprovinz
die pakistanischen Sicherheitskräfte die Auch Osama Bin Laden, der ursprüng- zum pakistanischen Peschawar. Der
Schutzherren jener Taliban, die Osama liche Anlass dieses Krieges, hat danach Überfall ist aufwendig und präzis ge-
Bin Laden und seinen Terroristen Asyl Aufnahme in Pakistan gefunden und plant: Gleich vier Selbstmordattentäter
gewährt haben. Ohne Hilfe aus dem mischt noch immer mit im Alltag des sollen zum Einsatz kommen, und der In-
Nachbarland, so viel ist richtig, gäbe es Dschihad gegen die Ungläubigen. Mal, formant der Amerikaner kennt sogar
keine Taliban. Der pakistanische Geheim- behaupten die Dokumente, plane er ei- ihre Herkunft – ein Pakistaner, ein Ara-
dienst, Directorate for Inter-Services In- nen Giftanschlag auf seine Feinde – mit ber und zwei Afghanen. Es soll einen
telligence (ISI), hat die Taliban mitauf- einem Gift, das ihm zu Ehren „Osama Raketenangriff geben, aber auch Artil-
gebaut und eingesetzt, als nach dem Ab- Kapa“ genannt wird –, mal soll er einem leriebeschuss. Zum Schluss sollen Fuß-
zug der Sowjets aus Afghanistan das besonders eifrigen Talib eine Frau ge- soldaten den Außenposten stürmen und,
Land im Bruderkrieg der siegreichen schenkt haben. Der Aufständische hat wenn möglich, gegnerische Soldaten ge-
Mudschahidin versank und ein Macht- wirksame Sprengfallen mit Fernzündung fangen nehmen.
vakuum drohte. entworfen. Die chinesische Munition für die Kämp-
Und trotz aller Beteuerungen pakista- Der pakistanische Geheimdienst pflegt fer hat der pakistanische Geheimdienst
nischer Politiker, die alten Verbindungen beste Beziehungen zu allen Gruppen. In geliefert, und wer bezahlt, will auch die
wären längst gekappt, betreibt das Land der stetigen Angst, der Erzrivale Indien Kontrolle behalten. Deshalb wird ein Of-
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REUTERS

Taliban-Kämpfer: Motorräder von den Freunden aus Pakistan

fizier des ISI den Angriff beobachten und der Taliban entworfen und ist, ausweis- Der ISI erlässt auch präzise Mordbe-
den Kämpfern mit Ratschlägen zur Seite lich des Logbuchs, auch verantwortlich fehle. Ganz oben auf der Liste steht, den
stehen. für den Einsatz von Selbstmordatten- Dokumenten zufolge, der afghanische
Pakistans Westprovinz Belutschistan tätern. Warum also sollten ausgerechnet Präsident Karzai. Ross und Reiter werden
gilt als das Rückzugsgebiet des Taliban- pakistanische Sicherheitskräfte Mullah ebenfalls genannt, am 21. August 2008
Chefs Mullah Omar. In der Stadt Quetta Baradar am 8. Februar 2010 verhaften? zum Beispiel. In dieser Warnung heißt es
tagt, zumindest in den ersten Jahren Viele Beobachter glauben, der pakista- lapidar: Ein Colonel des ISI habe „den
nach der Flucht regelmäßig einmal im nische Geheimdienst habe zugeschlagen, Talib Maulawi Izzatullah angewiesen, da-
Monat, die Schura, das Entscheidungs- nachdem der Mullah Gesprächskontakte für zu sorgen, dass Karzai ermordet wird.
gremium der Taliban. Einige der Doku- zum afghanischen Präsidenten Hamid Izzatullah hat Abdulbari aus dem Distrikt
mente, etwa die Anschlagswarnung vom Karzai aufgenommen hatte. Stimmt diese Sarowbi mit der Aufgabe betraut, Karzai
16. August 2006, behaupten sogar, dass Interpretation, dann wäre das ein deutli- mit einer Selbstmordmission am Präsi-
Qaida-Chef Osama Bin Laden regelmä- ches Signal des ISI an die Taliban und dentenpalast umzubringen“.
ßig an dieser Versammlung teilgenom- ihre Verbündeten: Nichts läuft ohne uns. Immer wieder geht es gegen Pakistans
men habe, was allerdings auch den ame- Wer das Material durchforstet, hat die- Erzfeind: Indien. Den Dokumenten zu-
rikanischen Nachrichtensammlern ver- sen Eindruck ohnehin. In Dokument auf folge weist der Geheimdienst seine afgha-
dächtig erscheint: Sie versehen die Infor- Dokument ist es der ISI, der den Kriegs- nischen Verbündeten an, Inder, die in
mation mit der Klassifizierung 3F – nicht verlauf lenkt, und eine seiner bevorzug- Afghanistan arbeiten, umzubringen –
zu überprüfen. ten Waffen sind Selbstmordattentäter. durchaus auch gegen Belohnung: Den
Einer, der mit Sicherheit an der Schura Häufig ist es der Geheimdienst, der sie Kämpfern des Haqqani-Netzwerks ver-
teilgenommen hat, ist Mullah Baradar, losschickt. Etwa in einer Warnung vom spricht der ISI viel Geld für die Liquidie-
ein Schwager von Mullah Omar und ehe- 30. Oktober 2007. Dort heißt es: „AQ (al- rung von Indern. Auch alle indischen
maliger Militärchef der Taliban. In den Qaida) und ISI haben eine Angriffsgruppe Konsulate in Afghanistan, von indischen
Dokumenten wird er als Vorsitzender der gebildet, die ‚General‘ genannt wird. Die Arbeitern erbaute Straßen und ein von
Schura beschrieben, der „die Finanzie- Gruppe umfasst sechs Selbstmordatten- Indern eingerichtetes Telefonnetz sind be-
rung, die Beschaffung und Verteilung von täter, zwei davon Chinesen, zwei Usbe- vorzugte Anschlagsziele des ISI. Nur in
Waffen, Munition und anderer Vorräte ken, die anderen Araber. Die Selbstmord- der Warnung vor einem Anschlag auf die
überwacht“. Und: Mullah Baradar ist ein bomber sind in (die Provinz) Khost ein- indische Botschaft in Kabul, dem am 7.
Vertrauter des ISI. Er hat die Strategie gedrungen.“ Juli 2008 dann tatsächlich 58 Menschen
zum Opfer fallen, fehlt ein Hinweis auf
die Urheberschaft des ISI. Die Warnung
kommt aus Geheimdienstkreisen des pol-
nischen Isaf-Kontingents.
Auch Anschläge auf strategische Ziele
werden angeordnet, Dämme etwa, wich-
tige Überlandstraßen, die Stromver-
sorgung von Kabul. Zuweilen lässt der
Information über den ehemaligen pakistanischen Geheimdienstchef Gul Geheimdienst eher überspannte Atten-
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Kriegsgebiet USBEKISTAN TADSCHI-
KISTAN
Afghanistan und das pakistanische
Grenzgebiet mit im Text Faizabad
tatspläne entwickeln: So sollen ISI-Agen- erwähnten Orten Masar-i- Kunduz
ten angeregt haben, Trinkwasser zu ver- und Provinzen Scharif Balkh Kunduz Badakhshan
Regional-
giften oder auch alkoholische Getränke, kommando
die auf dem Schwarzmarkt verkauft wer- TURKMENISTAN
den. Für alle Anschläge, einschließlich Führungsnation (Stand Juli 2010) Baghlan
der Selbstmordattentate gegen die frem-
den Truppen, gibt es Geld; allerdings
schwanken die Berichte über die Höhe Kunar
der Belohnungen beträchtlich. Zwischen Jalalabad
15 000 und 30 000 Dollar will der ISI an- Herat
geblich an die Kämpfer des Haqqani- Kabul Nangarhar
Netzwerks pro Anschlag auf Inder zahlen. STT
Eine Sonderrolle spielt in den Doku- ITALIEN
A AFGHANISTAN Ghazni Paktia
Peschawar
menten Pakistans ehemaliger Geheim- Ghazni Khost
dienstchef Hamid Gul. Während des Sarowbi
Kampfs der Mudschahidin gegen die so-
wjetische Besatzungsmacht in Afghani- Waziristan
stan war der einstige Armeegeneral einer
der wichigsten Helfer der Widerstands- Kandahar
PAKISTAN
kämpfer und leitete von 1987 bis 1989 den
Geheimdienst. Gegenüber westlichen Me- SÜDWEST
W Masum
Ghar
USA
dien zeigte sich Gul später als eine Art
Propagandist der Taliban und als jemand,
IRAN SÜD Be lutsc histan
100 km
GRO
GROS
der viel Verständnis für ihren Kampf BRIT
RITA
gegen die Amerikaner entwickeln konnte.
Die USA werfen ihm vor, Beziehungen Quetta
zur Terrororganisation al-Qaida zu unter-
halten.
Auch in den jetzt vorliegenden Doku-
menten taucht Gul als Verbündeter, ein-
mal sogar als „ein Anführer“ der Taliban der angeblichen Rekrutierung von Kin- Feind hat die Initiative ergriffen und ver-
auf. Er koordiniert, behauptet jedenfalls dern als Selbstmordattentäter? Sie sollen strickt die größte westliche Armee in im-
ein Bedrohungsbericht vom 14. Januar angeblich mit Sprengstoffwesten losge- mer neue Gefechte. Die Amerikaner ver-
2008, die geplante Entführung von Uno- schickt werden, die dann aus der Ferne suchen, die Führung zurückzugewinnen,
Mitarbeitern auf dem Highway Nr. 1 zwi- gezündet würden. Auch das ein Werk verstärkt durch Drohnen und den Einsatz
schen Kabul und Jalalabad. 15 bis 20 Tali- des pakistanischen Geheimdienstes, der von „Hellfire“-Präzisionsraketen. Sie tö-
ban sollen die Fahrzeugkolonne der Welt- sich ansonsten vor in- und ausländischen ten gezielt viele Taliban-Führer in der
organisation stoppen und die Insassen mit Bewerbern für das Martyrium gar nicht Hoffnung, damit die ganze Bewegung zu
ihren Waffen bedrohen. Pardon wird nicht retten kann? Hat der ISI wirklich Frauen schwächen. In der Südprovinz Helmand
gegeben: Sollten die Taliban bei der Ent- aufgefordert, Sprengstoffwesten unter haben Taliban-Kommandeure eine beson-
führung auf Widerstand stoßen, „werden ihrer Burka zu verstecken, hat es jenen ders geringe Lebenserwartung.
die TB-Mitglieder die AK47-Gewehre nut- Sprengsatz wirklich gegeben, den ISI- Doch die Aufständischen kontern jede
zen, um den Widerstand zu bekämpfen Agenten liebevoll in einer goldenen strategische Bewegung der Amerikaner
oder die Geiseln zu töten“. Koran-Attrappe versteckt haben sollen? schnell und clever. Die Umkehr der Kräf-
Der General a. D. versorgt seine Schütz- All das ist nachzulesen in den Agenten- teverhältnisse gelingt nicht, selbst den
linge, den Berichten zufolge, auch wei- berichten, die die Amerikaner hier ver- Verlust ihres grausamen Militärbefehlsha-
terhin mit Waffen. So erwähnt ein Infor- sammelt haben. Entspricht es auch der bers, des einbeinigen Mullah Dadullah,
mant, dem die Verfasser der entsprechen- Wahrheit? Nicht alle Dokumente aus die- haben die Guerilla-Krieger überwunden.
den Meldung allerdings nicht vollständig ser Schatzgrube sind über jeden Zweifel Gegenüber dem Wendejahr 2006, in dem
trauen, dass Gul eine Fahrzeugkolonne erhaben. die Taliban eine Lawine der Gewalt ent-
von 65 Lastwagen mit Munition für die * fesselten, konnten sie ihre Angriffsfre-
Taliban organisiert habe. Anderswo ist Eines zeigt das Protokoll des Kampfs um quenz bis 2009 noch einmal um das mehr
davon die Rede, dass der ISI 1000 Motor- Afghanistan aber überdeutlich: Der Krieg als Vierfache steigern – dabei sind die
räder an die Haqqanis geschickt oder läuft nicht gut für die Amerikaner und meisten Opfer afghanische Zivilisten.
7000 Waffen in die Grenzprovinz Kunar die internationale Schutztruppe. Der Dieses letzte in den Dokumenten auf-
geliefert habe, darunter Kalaschnikows, gezeichnete Jahr ist das bisher tödlichste
Mörser und Raketen vom Typ „Strella“. in Afghanistan. Die westliche Allianz ver-
Doch es sind gerade die zuweilen allzu liert 521 Soldaten, davon sind 317 Ameri-
durchsichtigen Versuche, die Taliban-Hel- kaner. Die Zahl ist allerdings nur ein
fer vom ISI als finsterste Unmenschen Bruchteil der Zahl jener Kämpfer, welche
erscheinen zu lassen, die auch Skepsis die Taliban verlieren, viele Tausende
gegenüber den Dokumenten hervorru- wurden bereits bei Bombenabwürfen und
fen. Da berichtet der afghanische Ge- durch Raketen getötet. Und doch scheint
heimdienst am 29. Mai 2006 über eine der Strom an neuen Fußsoldaten endlos.
KNUT MUELLER

Kampagne des ISI, afghanische Schulen Das bedeutet: Auf dem Schlachtfeld wird
niederzubrennen. Ist das wirklich das erbitterter gekämpft als je zuvor.
Werk des eher säkularen Armeedienstes, MATTHIAS GEBAUER, JOHN GOETZ,
oder sind hier nicht doch religiöse Fana- Ehemaliger Geheimdienstchef Gul HANS HOYNG, SUSANNE KOELBL,
MARCEL ROSENBACH, GREGOR PETER SCHMITZ
tiker der Taliban am Werk? Was ist mit Anschlag auf Kabuls Stromversorgung
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PETER ERICHSEN / NEWMEDIADAYS.COM
WikiLeaks-Frontmann Assange: „Wir werfen ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges“

Der Enthüller
Mit der ständigen Veröffentlichung von Geheimdokumenten geht WikiLeaks-Gründer
Julian Assange Risiken ein. Ein Besuch bei dem Australier, den
das Pentagon für einen gefährlichen Mann hält. Und andere als gefährdet ansehen.

P
lötzlich ist er da, mit federnden Assange hat die Internetplattform Es zeigte den tödlichen Angriff eines
Schritten kommt er herein. Noch wikileaks.org gegründet – „wiki“ wie amerikanischen „Apache“-Hubschrau-
bevor er jemanden begrüßt, suchen die offene Online-Enzyklopädie Wiki- bers auf eine Gruppe von etwa einem
seine Augen schon nach einer Steckdose pedia, „leak“ wie das englische Wort für Dutzend Zivilisten in Bagdad im Jahr
für seinen kleinen schwarzen Computer. undichte Stelle. Zusammen mit wenigen 2007, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter.
Es ist ein simples Netbook für kaum festen Mitarbeitern und vielen freiwil- Auch die Stimmen der Hubschrauberbe-
300 Dollar. Die Geheimdienste dieser ligen Helfern betreibt er die Seite seit satzung waren zu hören. Ihre zynischen
Welt würden viel dafür geben, es auswer- 2007, sie ist eine Art Briefkasten und Kommentare machten die Bilder noch
ten zu dürfen. Schaufenster zugleich: WikiLeaks sam- unerträglicher. Die Nachrichtenagentur
Der Mann, dem es gehört, heißt Julian melt und veröffentlicht Material, das Reuters hatte seit dem Vorfall vergebens
Assange. Er kommt gerade aus Stock- Unternehmen und staatliche Stellen als versucht, in den Besitz des Videos zu
holm, davor war er kurz in Brüssel, davor geheim eingestuft haben. Ein Forum für kommen. Assange bekam es, es war sein
ein paar Wochen unauffindbar. anonyme Informanten. Keine Gerüchte, bislang größter Scoop.
Der Australier ist gesucht in diesen nichts Selbstverfasstes, nur Originaldoku- Für die einen sind Assange und seine
Tagen. Man könnte meinen, er sei auf mente. Kollegen seitdem Helden, Kämpfer für
der Flucht. Die US-Vizepräsidentschaftskandidatin die totale Informationsfreiheit und gegen
Als er am vorvergangenen Wochen- Sarah Palin konnte dort ihre E-Mails nach- jede Form von Zensur. Für die anderen
ende bei einer Konferenz in New York lesen, die Kenianer erfuhren Entlarven- sind sie Verräter.
sprechen sollte, schauten vorher fünf des über ihren ehemaligen Herrscher Da- Aus Sicht der amerikanischen Behörden
Agenten des amerikanischen Heimat- niel arap Moi, es gab auch Akten aus dem gilt der Australier als ernste Bedrohung
schutzes vorbei. Vergebens, Assange US-Gefängnis Guantanamo. Damals war der nationalen Sicherheit, das hat er sogar
blieb in England. Sein Anwalt hatte ihm WikiLeaks eher etwas für Insider. Ihren schriftlich. Schon 2008 stufte das US-Mili-
berichtet, auch verschiedene andere US- internationalen Durchbruch hatte die tär WikiLeaks als gravierendes Sicherheits-
Behörden wollten ihn dringend sprechen. Seite erst im April. WikiLeaks hatte Jour- problem ein und diskutierte, wie die Seite
Der amerikanische Verteidigungsminister nalisten in den National Press Club in am besten zu bekämpfen sei. Auch dieses
Robert Gates hat ihn und seine Arbeit Washington eingeladen, Assange führte Dokument wurde Assange zugespielt.
jüngst „unverantwortlich“ genannt. ihnen ein Video vor. Und dann auf wikileaks.org veröffentlicht.
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Titel

Seither gibt es Stimmen, die sich um „Diese Leute können veröffentlichen, was Assange sieht das anders, seine Finger
seine Sicherheit sorgen – und sogar um immer sie wollen, und sie werden dafür fliegen über die Tastatur, ab und zu hält
sein Leben. Es ist nicht ganz klar, ob der nicht zur Rechenschaft gezogen“, sagte er kurz inne. „Wir brauchen eine Funk-
Mann, der nun in London seinen Rechner US-Verteidigungsminister Robert Gates. tion, die das Gewicht der Vorfälle ein-
startklar macht, eher gefährlich oder ge- Selten hat man Repräsentanten einer US- ordnet“, sagt er in seiner sonoren tiefen
fährdet ist. Auffällig ist er in jedem Fall. Regierung so hilflos gesehen. Stimme. Kurz darauf hat er einen Filter
Assange ist ein Schlaks mit schlohweißen Das Problem beginnt schon damit, dass eingebaut, mit dem die Nutzer der Seite
Haaren und einer für diesen Sommer fast WikiLeaks bis heute mehr eine geniale die Tausenden Einzelvorfälle nach ihrer
unnatürlich blassen Gesichtsfarbe – was Idee ist als eine Organisation im her- „Signifikanz“ durchsuchen können. Als
auch daran liegt, dass er seit Wochen sein kömmlichen Sinn. Es gibt kein Haupt- Kriterium hat Assange vor allem die Zahl
nächstes Projekt vorbereitet und tagsüber quartier, nicht einmal eine Adresse, nur der zivilen Toten ausgewählt. Man kann
kaum vor die Türe geht. ein anonymes Postfach an der Universität die Datenbank auch nach Datum und
In einem Büro im vierten Stock des von Melbourne. Assange und sein deut- Region sortieren und bei jedem einzel-
Verlagsgebäudes der britischen Tageszei- scher Kollege, der sich Daniel Schmitt nen Vorfall auf einer Kartenansicht
tung „The Guardian“ gibt er den Briten nennt, sind bislang die beiden Einzigen, sehen, wo genau in Afghanistan er sich
zusammen mit der „New York Times“ die ihr Gesicht öffentlich zeigen. Ansons- ereignet hat. Der Krieg als Multimedia-
und dem SPIEGEL vorab Einblick in die ten gibt es nur die Website selbst, ein präsentation.
mehr als 90 000 Einzelberichte aus dem paar Mail-Adressen und einen Twitter- „Ha“, sagt er plötzlich, „unglaublich“.
Afghanistan-Krieg, die überwiegend als Account, den die Macher für ihre PR- Er hat ein neues groteskes Beispiel für
„Geheim“ eingestuft sind. Zwecke nutzen. Das Herzstück der Ope- den Slang gefunden, mit dem Militärs die
Die Veröffentlichung dieses Archivs, ration sind ihre Server, die über die Welt Realität auf dem Schlachtfeld umschrei-
sagt Assange, werde nicht nur die öffent- verteilt sind und dort stehen, wo die Ge- ben. „Vital Signs Absent“, Vitalfunktio-
liche Meinung über den Krieg verändern, setzgeber Informanten besonders weit- nen abwesend. Also tot. Die Sprache die-
sondern „auch die von Menschen mit
politischem und diplomatischem Ein-
fluss“. Es werfe „ein Schlaglicht auf die
alltägliche Brutalität und das Elend des
Krieges“ und werde „nicht nur unseren
Blick auf diesen Krieg verändern, son-
dern auf alle modernen Kriege“ (siehe
Interview Seite 84).
Das Archiv enthält Geheimdienstin-
formationen, Einschätzungen und viele
Namen – die von Militärs, aber auch die
von Quellen. Die Veröffentlichung einer
ALAMY / MAURITIUS IMAGES

geheimen militärischen Kriegsdokumen-


tation, die nie für die Öffentlichkeit be-

ALEX BRANDON / AP
stimmt war, wirft neue Fragen auf. Ist das
Journalismus, vom Auskunftsrecht der
Öffentlichkeit gedeckt? Ein legitimer
Blick hinter die Propagandamaschinerie
des Krieges? Oder ist es ein Spionageakt, WikiLeaks-Website, US-Verteidigungsminister Gates: „Das ist unverantwortlich“
machen Assange und seine Mitstreiter
sich des Geheimnisverrats schuldig? Ge- gehende Schutzrechte einräumen. Die ses Krieges beschäftigt ihn, sie ist auch
fährden sie am Ende die internationalen Grundkosten von rund 200 000 Euro im der Grund, warum WikiLeaks dem Bag-
Truppen und die afghanischen Zuträger, Jahr werden durch Spenden gedeckt. Bis- dad-Video den Titel „Collateral Murder“
die ihnen helfen? lang haben sich Assange und Schmitt gegeben hat. Er habe damit den zyni-
Schon heute verändern Angebote wie nicht einmal Gehälter ausgezahlt, sagen schen Begriff Kollateralschaden entlarven
WikiLeaks den Umgang mit sensiblen In- sie. und unmöglich machen wollen, sagt As-
formationen. In London wird schnell klar, wie sehr sange.
Whistleblower, also Firmen- oder Be- WikiLeaks von einzelnen Aktivisten Wenn Julian Assange über sein Projekt
hördenmitarbeiter, die der Presse vertrau- lebt – und zu welch großem Teil von Ju- spricht, während eines Abendessens etwa,
liches Material zugänglich machen, um lian Assange und seinem kleinen schwar- bei dem sich der Australier nur zwei Ku-
auf Fehlentwicklungen hinzuweisen oder zen Rechner. Und dass der hochintelli- geln Kardamom-Eis bestellt, sonst nichts,
Korruption und Machtmissbrauch aufzu- gente, selbstbewusste 39-Jährige für alle, dann ist es vor allem eine Botschaft, die
decken, gab es schon immer. Eine derart die in ihm keinen Helden des Informa- er vermittelt: WikiLeaks ist ein radikales,
umfangreiche Kriegsdatenbank, die auf tionszeitalters sehen, ein ernstzunehmen- ein exakt durchdachtes Projekt. Assange
einen einzigen USB-Stick passt und ein- der Gegner ist. überlegt lange, bevor er antwortet, und
fach so ins Internet gestellt werden kann – Assange arbeitet wie besessen an der er besteht darauf, seine Antworten zu
das ist neu. Datenbank, mit der WikiLeaks den Af- Ende zu bringen. Unterbrechungen mag
Ist WikiLeaks also ein neuer Leucht- ghanistan-Krieg anschaulich machen will. er nicht.
turm der Aufklärung? Oder ist die Web- Er trägt eine seltsame Kombination aus Die Grundidee sei ihm schon in den
site eine Gefahr für demokratische Staa- einem knittrigen Jackett, einem T-Shirt neunziger Jahren gekommen, sagt As-
ten, weil ein Ex-Hacker zusammen mit und Cargohosen, seine Füße stecken in sange, 1999 habe er die Seite leaks.org
einigen Vertrauten darüber entscheidet, ausgelatschten Turnschuhen, er ist unra- reserviert. Die Basisregel in offenen Ge-
welche Informationsbombe sie als Nächs- siert und sieht aus, als habe er zwei Näch- sellschaften müsse sein, dass alle über al-
tes zünden – ohne der anderen Seite die te lang nicht geschlafen. Leute, die es gut les frei kommunizieren können. Die Er-
Chance einer Gegendarstellung oder mit ihm meinen, sagen, er brauche drin- fahrung zeige, dass es dort, wo mit Ge-
juristischen Gegenwehr einzuräumen? gend ein paar Wochen Urlaub. heimnissen hantiert werde, oft ungerecht
D E R S P I E G E L 3 0 / 2 0 1 0 83
Titel

„Wir müssen sie stoppen“


WikiLeaks-Gründer Julian Assange, 39, über sein Netzwerk,
seine Mission und seine Regeln
SPIEGEL: Herr Assange, SPIEGEL: Wie genau sieht diese „Scha-
Sie veröffentlichen eine densbegrenzung“ aus?
riesige Menge Geheim- Assange: Wir haben Fälle herausgefil-
material über den Krieg tert, bei denen Gefahr für Unschuldi-
in Afghanistan. Was ist ge bestehen könnte, und das Material
Ihr Motiv? entsprechend bearbeitet.
AXEL MARTENS

Assange: Diese Daten SPIEGEL: Gibt es für Sie so etwas wie


sind die umfassendste ein legitimes Staatsgeheimnis?
Beschreibung eines Krie- Assange: Es gibt berechtigte Geheim-
Assange ges, die es jemals wäh- nisse und eine Berechtigung, sie zu
rend eines laufenden be- brechen. Leider können diejenigen,
waffneten Konflikts gegeben hat – also die Verbrechen gegen die Menschlich-
zu einem Zeitpunkt, an dem man noch keit begehen oder andere Gesetze
etwas zum Guten wenden kann. Sie brechen, das Recht auf Geheim-
enthalten Aufzeichnungen zu mehr als haltung allzu leicht missbrauchen.

WIKILEAKS / AFP
90 000 Zwischenfällen, samt präzisen Menschen mit einem Gewissen haben
geografischen Angaben. In seiner Fül- derlei immer schon aufgedeckt. Im
le stellt das Material alles in den Schat- Übrigen entscheidet nicht WikiLeaks,
ten, was bisher über Afghanistan ge- etwas offenzulegen. Wir sorgen dafür,
sagt wurde. Es wird nicht nur unseren dass Informanten geschützt werden gerechteren Gesellschaft. Was meinen
Blick auf diesen Krieg verändern, son- und die Öffentlichkeit unterrichtet Sie damit?
dern auf alle modernen Kriege. wird. Assange: Echte Reformen kann es nur
SPIEGEL: Glauben Sie, die Veröffent- SPIEGEL: Aber am Ende muss jemand geben, wenn ungerechte Handlungen
lichung wird die politischen Entschei- über die Veröffentlichung entschei- entlarvt werden. Am besten geht man
dungsträger beeinflussen? den. Wer bestimmt über die Krite- gegen Ungerechtigkeiten dann vor,
Assange: Ja. Das Material wirft ein rien? WikiLeaks versteht sich als Vor- wenn sie noch gar nicht begangen wur-
Schlaglicht auf die alltägliche Bruta- kämpfer für die Informationsfreiheit den, wenn es nur den Plan gibt – dann
lität und das Elend des Krieges. Es und ist da selbst nicht transparent. kann man sie noch stoppen.
wird die öffentliche Meinung verän- Assange: Das ist lächerlich. Wir sagen SPIEGEL: Während des Vietnam-Krie-
dern und auch die von Menschen mit eindeutig und glasklar, was wir ver- ges hat die Nixon-Administration den
politischem und diplomatischem Ein- öffentlichen und was nicht. Es gibt bei Informanten, der die Pentagon-Papie-
fluss. uns keine Ad-hoc-Entscheidungen. re an die Presse gegeben hatte, den
SPIEGEL: Erwarten Sie da nicht ein biss- Wir veröffentlichen prinzipiell die gefährlichsten Mann Amerikas ge-
chen viel? Primärquellen zu unseren Texten. nannt. Sind Sie heute der gefährlichste
Assange: Es gibt ein allgemeines Ge- Zeigen Sie mir einen anderen Medien- Mann – oder eher der Gefährdetste?
fühl, dass es besser wäre, den Krieg zu betrieb, der solche Standards hat. Alle Assange: Die gefährlichsten Männer
beenden. Diese Dateien allein werden sollten unserem Beispiel folgen. sind diejenigen, die Krieg führen. Wir
das nicht schaffen, aber sie werden den SPIEGEL: Das Problem ist, dass Wiki- müssen sie stoppen. Wenn mich diese
politischen Willen beeinflussen. Leaks für mögliche Fehler kaum zur Auffassung in ihren Augen gefährlich
SPIEGEL: Das Material enthält militä- Rechenschaft zu ziehen ist. Ihre macht, dann ist es eben so.
rische Geheimnisse und Namen von Server stehen in Ländern, die Ihnen SPIEGEL: Sie hätten eine Firma in Sili-
Quellen. Gefährden Sie mit der Ver- weitreichenden Schutz bieten. Steht con Valley eröffnen und in Palo Alto
öffentlichung nicht die internationa- WikiLeaks etwa über dem Gesetz? ein Haus mit Pool bewohnen können
len Truppen – und deren afghanische Assange: Wir bewegen uns nicht im – warum haben Sie sich stattdessen
Informanten? luftleeren Raum. Alle Beteiligten le- für das Projekt WikiLeaks entschie-
Assange: Die Daten enthalten keine ben in Staaten, in denen unterschied- den?
Informationen über aktuelle Truppen- lichste Gesetze gelten. Wir sind in ver- Assange: Wir leben alle nur einmal.
bewegungen. Unsere Quelle war in schiedenen Ländern bereits verklagt Deshalb sollten wir in unserer Zeit et-
dieser Hinsicht um Schadensbegren- worden. Bisher haben wir alles ge- was Sinnvolles und Befriedigendes an-
zung bemüht und hat uns beauftragt, wonnen. Es sind eben Gerichte, die stellen. Das hier ist so etwas für mich.
das Material dahingehend zu prüfen, Urteile fällen, nicht Unternehmen Ich mag es, große Systeme zu entwi-
dass keine signifikante Gefahr für Un- oder Generäle. Bislang war das Ge- ckeln, und ich genieße es, Menschen
schuldige entsteht. Wir nehmen Quel- setz, waren Gerichte und auch Ver- zu helfen, die verletzbar sind. Und
lenschutz sehr ernst und verstehen fassungen auf unserer Seite. ich mag es, den Mächtigen in die Sup-
deshalb auch, dass es wichtig ist, be- SPIEGEL: Sie sagen, es gebe einen Zu- pe zu spucken. Diese Arbeit macht
stimmte Quellen der US- und Isaf- sammenhang zwischen der Transpa- mir wirklich Spaß.
Truppen zu schützen. renz, für die Sie kämpfen, und einer INTERVIEW: JOHN GOETZ, MARCEL ROSENBACH

84 D E R S P I E G E L 3 0 / 2 0 1 0
„Collateral Murder“-Video
Die Sprache des Krieges entlarven

dauerte – und zu erneuten Zusammen-


stößen mit staatlichen Stellen führte.
Ist WikiLeaks die Racheaktion eines
verletzten Hackers, eines verkannten
Computergenies? Redet Assange wegen
seiner persönlichen Geschichte vom
„Feind“, wenn er den Staat meint?
Für Assange sind das typische Journa-
listenfragen. Er hasst sie mit derselben
Leidenschaft, wie er den „Geheim“-Stem-
pel auf offiziellen Dokumenten verachtet.
WikiLeaks ist für ihn auch ein medien-
kritisches Projekt. Er will, dass die Nutzer
sich auf der Basis von Originaldokumen-
ten ein eigenes Bild machen können.
Ohne journalistischen „Dreh“. Beim
„Collateral Murder“-Video verstieß Wiki-
Leaks indes schon durch den wertenden
Titel selbst gegen dieses Prinzip, was As-
sange einige Kritik einbrachte.
Das Problem entstehe im Kopf des
Reporters, sagt der Australier. Sein Ideal
sind wissenschaftliche Zeitschriften mit
Fußnoten und Quellenverweisen. Er be-
zeichnet sich selbst als investigativen
Journalisten. Eigentlich arbeitet er aber
zugehe, weil Geheimnisse von Menschen später machte er sich in der Hacker-Szene eher wie ein Archivar und Dokumentar.
in Machtpositionen missbraucht würden. von Melbourne einen Namen, weil er in Es ist kein Zufall, dass er WikiLeaks in
Danach müssen sich so einige Mächtige die Netze von Unternehmen und Behör- Australien als Bibliothek registriert hat.
noch Sorgen machen, WikiLeaks sitzt an- den einbrach, auch in amerikanische Mi- Assange und seine Kollegen könnten
geblich auf einer Fülle weiteren Materials. litärrechner. mit der Entwicklung gerade sehr zufrie-
Wer entscheidet, was wann veröffentlicht „Er bewegte sich in den Rechnern an- den sein. Der Australier hat in London
wird? derer wie Gott der Allmächtige“, sagte vor ein paar Tagen einen Vortrag vor in-
Die Quelle, sagt Assange. WikiLeaks ein Staatsanwalt ein paar Jahre später, vestigativen Journalisten gehalten, sein
frage bei jeder anonymen Einsendung, selbst die laufenden Ermittlungen der deutscher Kollege Daniel Schmitt in Ham-
warum der Informant glaube, das Mate- australischen Bundespolizei gegen sie burg, beide bekamen begeisterten Ap-
rial sei von politischer oder ethischer selbst habe die Hackergruppe online ver- plaus. Im vergangenen Jahr haben sie den
Relevanz. „Unsere Kriterien sind glasklar, folgt. Der Richter verurteilte Assange zu Medienpreis von Amnesty International
und wenn sie erfüllt werden, veröffentli- einer Art Bewährung und einer Geldstra- gewonnen.
chen wir“, sagt Assange. fe. Ein Fernsehbericht über das Verfahren Doch seit dem 29. Mai liegt ein Schat-
Was heißt wir? „Am Ende muss einer zeigt Assange im Trenchcoat, mit langem ten über dem Projekt. Es war der Tag, an
das Sagen haben, und das bin ich“, sagt braunem Pferdeschwanz und Sonnenbril- dem der 22-jährige US-Soldat Bradley
Assange. „Und in Zweifelsfällen werde le. Die Hackergruppe hatte sich „Interna- Manning in seiner Basis „Operation Sta-
ich immer veröffentlichen.“ tional Subversives“ genannt. tion Hammer“ im Irak verhaftet und in
Eine bemerkenswerte Haltung für eine Als er verurteilt wurde, hatte Assange ein Militärgefängnis in Camp Arifjan Ku-
Organisation, die noch nicht mal die Na- bereits einen kleinen Sohn, er war früh wait gebracht wurde.
men ihrer angeblich fünf fest angestellten Vater geworden; allerdings fand er sich Inzwischen hat das US-Militär seine
Mitarbeiter veröffentlicht. Und für einen mit der Mutter des Kindes bald in einem Vorwürfe gegen den ehemaligen Militär-
Mann, der Fragen nach der eigenen Bio- erbitterten Sorgerechtsstreit, der Jahre analysten Manning bekanntgemacht: Da-
grafie auszuweichen versucht. Ein paar nach habe er im Zeitraum vom 19. No-
Grunddaten, immerhin, scheinen klar. vember 2009 bis ins Frühjahr dieses Jah-
Assange wurde 1971 im australischen res unter anderem das inzwischen von
Queensland in eine Künstlerfamilie hin- WikiLeaks veröffentlichte Bagdad-Video
eingeboren. Die Eltern trennten sich, sowie 150 000 geheime Drahtberichte des
auch eine neue Beziehung der Mutter amerikanischen Außenministeriums und
ging schief. So schief, dass die Mutter mit eine geheime „Powerpoint-Präsentation“
Julian vor dem Stiefvater flüchtete und heruntergeladen.
teils unter falschem Namen lebte. Das Video und 50 der Drahtberichte
Er führte ein Nomadenleben, damals habe er an eine „unberechtigte Person“
WOLF P. PRANGE / IMAGO

schon, angeblich hat er insgesamt fast 40 weitergegeben, wirft ihm das US-Militär
verschiedene Schulen besucht. vor. Laut einem Armeesprecher drohen
Noch in der Internetsteinzeit der acht- Manning im Fall einer Verurteilung bis
ziger Jahre, als die Rechner „Commodore zu 52 Jahre Haft.
64“ hießen und die Modems „Akustik- Wie es aussieht, hat sich Manning
koppler“, entwickelte Assange eine Lei- WikiLeaks-Aktivist Schmitt selbst enttarnt. Am 21. Mai begann er of-
denschaft für Computer und Netzwerke – Deutschland ist eine feste Säule fenbar eine Serie von Internetchats mit
D E R S P I E G E L 3 0 / 2 0 1 0 85
den. „Ich bin darauf hingewiesen worden,
dass jemand auf die Idee kommen könnte,
mich der Beihilfe zur Spionage zu be-
schuldigen“, sagt er.
Das ist der Grund, warum er in London
unter falschem Namen in ein Hotel ein-
checkt und auch von dort schnell wieder
verschwindet, um bei einem Unterstützer
unterzuschlüpfen. Wie so oft in den ver-
gangenen Jahren, überall auf der Welt –
von Kenia bis Island, wo er mit einem
Team von Helfern die Veröffentlichung
des Bagdad-Videos vorbereitet hat. Die
Vorsichtsmaßnahmen gelten für alle. Der
in der Netz-Szene bekannte Programmie-
rer Jacob Appelbaum, der Assange am
vorvergangenen Wochenende beim New
Yorker Hacker-Kongress vertrat, hatte ei-
gens ein Double organisiert, das dann un-
mittelbar nach dem Vortrag seine Rolle
übernahm. Applebaum selbst fuhr sofort

CHRISTOPHER MORRIS / VII


zum Flughafen, nur mit Ausweis, Bargeld
und einer „Bill of Rights“ bewaffnet, und
flog außer Landes.
Auch Daniel Schmitt, der deutsche Re-
präsentant und neben Assange die wich-
Centcom-Operationszentrale in Florida: Datenklau zum Lady-Gaga-Song tigste Stimme von WikiLeaks, ist noch
vorsichtiger geworden.
einem amerikanischen Hacker namens von 2008 entworfen hatte, um WikiLeaks Bei einem Treffen in einem Berliner
Adrian Lamo. Die US-Zeitschrift „Wired“ zu schaden: Eine erfolgreiche Identifizie- Café schaut er sich nach möglichen Mit-
hat Auszüge dieser Chats veröffentlicht. rung, Verfolgung und öffentliche Vorfüh- hörern um, auch mag er es nicht, wenn
Darin schüttet ein Teilnehmer, hinter rung von Personen, die Informationen an in seiner Nähe fotografiert wird.
dem US-Behörden Manning vermuten, WikiLeaks weitergeben, würde die Platt- Deutschland ist für WikiLeaks einer
dem ihm zuvor persönlich nicht bekann- form beschädigen, möglicherweise sogar der wichtigsten Standorte, eine feste Säu-
ten Lamo sein Herz aus. Er schildert, er zerstören und andere von ähnlichen le einer ziemlich losen Organisation. Es
habe an seinem Arbeitsplatz über zwei Handlungen abhalten, hieß es darin. gibt viele Einsendungen in deutscher
Rechner auf die geheimen Netze Was sagt der WikiLeaks-Frontmann zu Sprache, es gibt technische Unterstützung
„SIPRNET“ und „JWICS“ zugreifen kön- der angeblichen Selbstbezichtigung des aus dem Umfeld des Chaos Computer
nen; auch auf einem Centcom-Rechner US-Soldaten? Clubs – und es gibt einen hohen Anteil
habe er ungeschütztes Material gefunden. „Wenn wir den Vorwürfen glauben deutscher Spendengelder.
„Ich kann gar nicht glauben, was ich dir können, wurde Manning von einem ame- Schmitt ist ein schlanker 32-Jähriger
alles beichte“, fügt er hinzu. rikanischen Hacker verraten, der mit mit Vollbart und Hornbrille, er hat Infor-
Sogar den Weg, auf dem er das Mate- WikiLeaks nichts zu tun hat“, sagt As- matik studiert und in der IT-Sicherheit
rial hinausgeschmuggelt haben will, ver- sange. „Wir können Menschen nicht vor gearbeitet, bevor er seine gesamte Ar-
rät er in dem Chat: Danach habe er an sich selbst retten, leider.“ beitszeit WikiLeaks widmete. Anders als
seinem Arbeitsplatz im Irak beschreib- Ist Manning womöglich auch die Quel- der leicht exzentrische Assange, der
bare CDs in seine Rechner geschoben, die le für das Afghanistan-Material? „Wir ha- schon mal auf Socken durch London läuft
er zuvor mit Namen wie „Lady Gaga“ be- ben keine Ahnung, ob er unsere Quelle und auf offener Straße Luftsprünge
schriftet hatte, um später vermeintliche war“, behauptet Assange. „Wir haben un- macht, ist er ein nüchterner Typ.
Musik-CDs nach Hause zu tragen: „Ich ser System absichtlich so eingerichtet, Noch in diesem Jahr soll in Deutsch-
hab die Lippen zu Lady Gagas ,Telephone‘ dass wir die Identität unserer Informanten land eine Stiftung namens „Freunde von
bewegt, während ich die wahrscheinlich nicht erfahren.“ WikiLeaks“ gegründet werden, außer-
größte Datenmenge in der amerikanischen Und warum will WikiLeaks Manning dem arbeitet Schmitt an einer Broschüre,
Geschichte abgesaugt“ habe, heißt es im juristisch unterstützen, wenn es doch an- die zum „Leaken“ auffordern soll – und
veröffentlichten Teil der Chat-Logs. geblich wegen der technischen Sicherun- die er vor dem Reichstag und dem Ver-
Mehrfach bezieht sich der Chatter auch gen für WikiLeaks selbst unmöglich ist zu teidigungsministerium verteilen lassen
auf WikiLeaks und Assange, mit dem er wissen, wer das Material eingeschickt hat? will. Auch über U-Bahn-Werbung hat er
in Kontakt stehe. Und er gibt Hinweise auf „Wir müssen alle angeblichen Quellen schon nachgedacht.
sein Motiv: eine tiefe Unzufriedenheit mit unterstützen“, sagt Assange. „Egal, ob Beide, Assange und Schmitt, sagen,
der Situation vor Ort und dem US-Militär. Herr Manning nun die Quelle für das ,Col- WikiLeaks besitze einen Berg unveröf-
Lamo informierte das FBI und übergab lateral Murder‘-Video war, ob er direkt fentlichter Dokumente – und sei erst am
seine Chat-Protokolle. Er habe die natio- oder indirekt irgendetwas mit dem Mate- Anfang.
nale Sicherheit bedroht gesehen, sagte er rial zu tun hatte, das wir veröffentlicht „Wenn wir das Bild einer Gipfelbestei-
US-Medien zur Begründung. Kurz darauf haben – er ist ein junger Mann, der in gung verwenden wollen, befinden wir
wurde Manning festgenommen. Kuwait unter dem Vorwurf festgehalten uns gerade im Basiscamp“, sagt Assange.
Für WikiLeaks und Assange ist damit wird, dass er unsere Quelle ist.“ Dann klappt er den kleinen schwarzen
eine heikle Situation entstanden. Sie äh- Nach Mannings Verhaftung verschwand Rechner zu, packt ihn in seinen grau-
nelt verblüffend dem Szenario, welches auch Assange für ein paar Wochen, seine schwarzen Nylonrucksack – und ist wie-
das US-Militär in seinem Geheimpapier Anwälte empfahlen ihm, die USA zu mei- der weg. JOHN GOETZ, MARCEL ROSENBACH

86 D E R S P I E G E L 3 0 / 2 0 1 0