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Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung

Bogdan Musial (Hg.): Deutsche Zivilverwal- gehabt hätten [...]” (4).


tung und Judenv0erfolgung im Generalgouverne- Zur Einordnung des Handelns der
ment. Eine Fallstudie zum Distrikt Lublin 1939- Zivilverwaltungs-Angehörigen bietet Musial
1944. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 1999. einen ausführlichen Überblick über die Re-
ISBN: 3-447-04208-7; 435 S. gierung des Generalgouvernements mit Hans
Frank an der Spitze, der hier nicht nachge-
Rezensiert von: Andrea Löw zeichnet werden kann. Das politische Klima
war in hohem Maße durch Kompetenzstrei-
Der polnische Historiker Bogdan Musial wur- tigkeiten zwischen dieser Regierung und dem
de in Deutschland einem breiten Publikum SS- und Polizeiapparat und durch Korruption
durch seine Kritik an der Wehrmachtsausstel- geprägt. Die personelle Zusammensetzung
lung bekannt. Nun liegt von dem Mitarbeiter der Zivilverwaltung war insgesamt das
des Deutschen Historischen Instituts in War- „Ergebnis einer negativen Auslese“ (86), die
schau eine fundierte und detaillierte Unter- Beamten stellten so keineswegs einen typi-
suchung über die „Deutsche Zivilverwaltung schen Querschnitt der deutschen Gesellschaft
und Judenverfolgung im Generalgouverne- dar; z. B. waren darunter viele gewöhnliche
ment“ vor. Zuletzt erschien eine Reihe von Kriminelle.
Arbeiten deutscher Historiker, die die deut- Bogdan Musial unterteilt die antijüdische
sche Besatzungspolitik und die Judenverfol- Politik in zwei Phasen, deren erste vom
gung anhand einzelner Regionen im besetz- Herbst 1939 bis Ende 1941 reicht. Die Zivil-
ten Osteuropa untersuchten. Hier wären die verwaltung verfolgte hier vorrangig zwei Zie-
Studien von Thomas Sandkühler über Galizi- le: Die Isolierung der Juden und ihre Aus-
en1 , Dieter Pohl über Ostgalizien2 und Chris- schaltung aus der Wirtschaft. Musial betrach-
tian Gerlach über Weissrussland3 zu nennen. tet die antijüdische Politik nicht von ihrem
Bogdan Musials Arbeit ist innerhalb dieses Ende ausgehend, sondern zeigt konkret auf,
Forschungstrends zu verorten. Anhand des was die Maßnahmen zum jeweiligen Zeit-
Distrikts Lublin untersucht der polnische His- punkt für die Menschen bedeuteten, wie sie
toriker die Rolle der Zivilverwaltung bei der etwa zum Schwarzmarkthandel gezwungen
Organisation und Durchführung der „Endlö- wurden, um überhaupt eine Überlebenschan-
sung“ im Generalgouvernement.4 Als beson- ce zu haben, und wie sich die Politik und
ders fruchtbar erweist sich hierbei der An- der Terror der Besatzer auf die gesellschaftli-
satz, das konkrete Handeln einzelner Perso- che Struktur innerhalb der jüdischen Gemein-
nen innerhalb dieser Zivilverwaltung in den schaft auswirkten.
Blick zu rücken: „Mit Hilfe des biographisch- Die meisten Behörden waren direkt in die
institutionellen Ansatzes soll gezeigt werden, Politik gegen die jüdische Bevölkerung in-
daß für die Verbrechen an polnischen Ju- volviert, eine besondere Rolle spielte aber
den Personen und Personengruppen verant- die Hauptabteilung Innere Verwaltung mit
wortlich waren. Es handelte sich keinesfalls der Abteilung Bevölkerungswesen und Für-
um einen anonymen bürokratischen Apparat, sorge (BuF). Diese „war innerhalb des zivi-
dessen Mitarbeiter relativ wenig Spielräume len Behördenapparates diejenige Dienststel-
le, welche alle Aussiedlungen, Vertreibungen
1 Thomas Sandkühler: „Endlösung“ in Galizien. Der Ju- und Umsiedlungen innerhalb des GGs [Gene-
denmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von
Berthold Beitz 1941, Bonn 1996. ralgouvernements] zu organisieren oder dar-
2 Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in an mitzuwirken hatte.” (97). Nach dem Be-
Ostgalizien 1941-1944. Organisation und Durchfüh- ginn der von Lublin aus geleiteten „Akti-
rung eines staatlichen Massenverbrechens, München on Reinhard“ koordinierte die BuF die De-
1996.
3 Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche portationen mit dem SS- und Polizeiappa-
Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weissrussland rat. Waren zwar verschiedene Verwaltungsin-
1941 bis 1944, Hamburg 1998. stanzen für „Judenangelegenheiten“ zustän-
4 1993 war bereits eine knappere Untersuchung von Die-
dig, bündelten sich die Kompetenzen auf der
ter Pohl zur Judenverfolgung in diesem Distrikt er-
schienen: Dieter Pohl: Von der „Judenpolitik“ zum Ju- Kreisebene weitestgehend im Amt des Kreis-
denmord. Der Distrikt Lublin des Generalgouverne- /Stadthauptmannes. Die insgesamt 120 Kreis-
ments 1939-1944, Frankfurt am Main 1993.

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hauptleute - 28 Kreis- und Stadthauptleute im des an Juden im GG nicht aus, sondern im
Distrikt Lublin, welche in der Studie sämt- Gegenteil, sie ergänzten sich und verliehen
lich namentlich genannt werden - , waren da- diesem Entscheidungsprozess eine zusätzlich
her entscheidend für die Verhältnisse in den Dynamik.” (212).
jeweiligen Amtsbezirken; sie besaßen große Die Kreishauptleute wählten die „unpro-
Spielräume in ihrem Handeln gegenüber der duktiven“ Juden zur Deportation aus und
jüdischen und auch der polnischen und ukrai- schufen die gerade im ländlichen Distrikt
nischen Bevölkerung. Den meisten weist Bog- Lublin wichtige Voraussetzung der Konzen-
dan Musial eine „willkürliche Vorgehenswei- tration der jüdischen Bevölkerung an Orten
se“ (56) nach und betont: „Die Intensität und mit Bahnanschluss. Zudem sorgte die Abtei-
das Ausmaß dieses Terrors [gegen die jüdi- lung BuF für die Vermittlung zwischen dem
sche Bevölkerung] hingen ausschließlich von Stab Globocniks und den Kreishauptleuten.
dem einzelnen Kreishauptmann ab.” (61). Auch der Gouverneur in Lublin, Zörner, und
Im Distrikt Lublin entstand eine besondere seine engsten Mitarbeiter unterstützen den
Situation, was auf das Wirken des SS- und Po- Mord an den Juden „und drängten sogar dar-
lizeiführers Odilo Globocnik zurückzuführen auf“ (269). Musial betont zu Recht, dass ohne
ist, der auf dem Gebiet der Judenpolitik von die aktive Mitarbeit der Zivilverwaltung die
Anfang an eine ungeheure „Aktivität“ entwi- Deportation und die Ermordung der Juden im
ckelte. Musial vermutet, dass von Globocnik Generalgouvernement in ihrem Ausmaß und
selbst die Initiative, die Juden im Distrikt Lub- ihrer Geschwindigkeit nicht durchführbar ge-
lin zu ermorden, ausgegangen war. Vor al- wesen wäre. Trotzdem wurde, wie Musial an-
lem in der zweiten Phase, nach dem Entschei- merkt, die Beteiligung der zivilen Behörden
dungsprozess zum Massenmord - hier betont in der bisherigen Forschung - mit Ausnah-
Musial die aktive Rolle des Generalgouver- me der Untersuchungen von Pohl und Sand-
neurs Hans Frank und geht mit Christian Ger- kühler - „entweder ’übersehen’ oder nur am
lach davon aus, dass Hitler am 13. Dezem- Rande behandelt“ (229). Nur wenige Mitglie-
ber 1941 seine „Entscheidung, alle Juden Eu- der des Verwaltungsapparates ließen sich auf-
ropas zu ermorden“ (219) verkündete5 - , wur- grund des begonnenen Massenmords verset-
den er und sein SS- und Polizeiapparat aktiv. zen, bei den meisten zeigt Musial Reaktionen
Damit einher ging eine Kompetenzverschie- auf, die von begeisterter Unterstützung bis
bung in der „Judenfrage“ zuungunsten der zur Gleichgültigkeit reichen.
Zivilverwaltung; diese wirkte aber trotzdem Musial nennt akribisch genau die jeweils
weiterhin tatkräftig mit. Im Unterschied zur Verantwortlichen für die „Aktionen“ in den
rassistisch-antisemtischen und volkstumspo- Kreisen beim Namen und versucht, den ge-
litischen Motivation des SS- und Polizeiappa- nauen Ablauf zu rekonstruieren. Da die Kreis-
rates wollten sich die Mitglieder der Zivilver- hauptleute zunächst die „arbeitsunfähigen“
waltung vor allem aus kriegswirtschaftlichen Juden zur Deportation auswählten, geht Mu-
und verwaltungstechnischen Erwägungen - sial davon aus, das Ende 1941 der Beschluss
diese aber gepaart mit dem Antisemitismus getroffen worden war, „nur“ die „unproduk-
der meisten Akteure - der Juden „entledigen“ tiven“ Juden zu ermorden. Dies änderte sich
und halfen daher der SS bei der Organisation im Sommer 1942, als der Begriff „einsatz-
der Deportationen. So waren sich nach Musial fähig“ immer enger definiert und die voll-
die Zivilverwaltung und der SS- und Polizei- ständige Liquidierung der Ghettos und jü-
apparat im Oktober 1941 einig, dass die jüdi- dischen Bezirke intendiert wurde. In die-
schen Menschen im Generalgouvernement er- ser Phase spielte die Zivilverwaltung eine
mordet werden sollten, wenn auch nicht aus zunehmend geringere Rolle, SS und Polizei
der gleichen Motivation heraus. „Diese bei- übernahmen zumeist die komplette Durch-
den Denkweisen schlossen sich aber bei der führung der Deportationen, allerdings immer
Entscheidung zur Einleitung des Massenmor- noch unterstützt von den Kreishauptleuten.
5 Christian Gerlach: Die Wannsee-Konferenz, das Schick-
Insgesamt war die Organisation in dieser Pha-
sal der deutschen Juden und Hitlers politische Grund- se aber einfacher, da ohne vorherige Selekti-
satzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden, in: on ganze Ghettos oder Bezirke aufgelöst wur-
Werkstatt Geschichte 18 (1997), S. 7-44.

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B. Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung

den. Entgegen der verbreiteten Auffassung, delnde Individuen mit Spielräumen, die sie
der Massenmord an den Juden sei bürokra- unterschiedlich nutzten, verantwortlich wa-
tisch perfekt organisiert gewesen, kommt Mu- ren für die Ermordung der europäischen Ju-
sial, sich an Pohl anschließend, zu der Auffas- den.
sung, dass die „Aktionen“ im Distrikt Lublin
schlecht vorbereitet und zumeist improviert Andrea Löw über Bogdan Musial (Hg.): Deut-
und eher chaotisch durchgeführt worden wa- sche Zivilverwaltung und Judenv0erfolgung im
ren: „Die Zivilverwaltung bemühte sich zwar, Generalgouvernement. Eine Fallstudie zum Dis-
’Ordnung’ in den laufenden Massenmord zu trikt Lublin 1939-1944. Wiesbaden 1999. In: H-
bringen, hatte allerdings keinen größeren ’Er- Soz-u-Kult 15.10.2000.
folg”’ (349).
Ein wichtiger Aspekt in Musials Untersu-
chung ist die Nachkriegsgeschichte dieser Tä-
ter. Keiner der ca. 120 Kreishauptleute wur-
de nach 1945 in Deutschland verurteilt, nur
sieben wurden nach Polen ausgeliefert, dar-
unter keiner aus dem Distrikt Lublin. Insge-
samt wurden von den Mitarbeitern der Zivil-
verwaltung nur 34 nach Polen ausgeliefert -
bei insgesamt 1817 ausgelieferten NS-Tätern.
Die Führungsspitze wurde zwar bestraft, die
„zweite Reihe“ dagegen nur in Ausnahmefäl-
len. Detailliert beschreibt Musial die teilweise
glänzenden Nachkriegskarrieren ehemaliger
Beamter des Generalgouvernements in West-
deutschland, etwa im Justizbereich, der Wirt-
schaft und in der Politik. Diese Tendenz be-
schränkte sich nicht nur auf ehemalige NS-
Täter aus dem Generalgouvernement. So ga-
ben z.B. in der FDP in Nordrhein-Westfalen
„Ende der vierziger und Anfang der fünfzi-
ger Jahre die ehemaligen Nationalsozialisten
den Ton an“ (365). Auch als sich dieses „güns-
tige“ politische Klima Ende der fünfziger Jah-
re änderte, hatte dies kaum Auswirkungen
auf die ehemaligen Beamten im Generalgou-
vernement. Viele waren ausgebildete Juristen,
sprachen sich gezielt vor Zeugenbefragungen
ab und wiesen die alleinige Schuld an den
Verbrechen der SS zu. So wurde keiner von ih-
nen rechtskräftig verurteilt.
Bogdan Musial zeigt in seiner äußerst de-
taillierten Studie auf, in welch hohem Ma-
ße die Zivilverwaltung im Generalgouverne-
ment, hier besonders im gut dokumentierten
Distrikt Lublin, in den Massenmord an den
Juden im Zweiten Weltkrieg involviert war.
Wie fruchtbar sein gruppenbiographisch-
institutioneller Ansatz ist, zeigt sich in der ge-
samten Untersuchung. Stets nennt er Verant-
wortliche beim Namen, zeigt, dass nicht an-
onyme bürokratische Instanzen, sondern han-

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