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Scheil: Entfesselung des Zweiten Weltkriegs 2004-1-063

Scheil, Stefan: Fünf plus Zwei. Die europäischen che Gesamtdarstellungen der deutschen For-
Nationalstaaten, die Weltmächte und die ver- schung nahezu ausschließlich auf die Politik
einte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Ber- Hitlers konzentrieren. Den Zweiten Weltkrieg
lin: Duncker & Humblot 2003. ISBN: 3-428- begreift Scheil hingegen als Konsequenz der
10780-2; 533 S. „Globalisierung“ der Politik in der Moderne,
was die innereuropäische egoistische Macht-
Rezensiert von: Klaus Jochen Arnold, Univer- politik der Staaten eigentlich ad absurdum
sitätsarchiv Freiburg geführt habe. Die USA und die Sowjetuni-
on hätten die europäische Politik mit ihrem
Aus mehreren Gründen ist es schwierig, dem wachsenden Anspruch auf Mitsprache erheb-
Leser einen Eindruck von dieser Studie zu lich beeinflusst, eine zunehmende „Entmach-
verschaffen. Zunächst liegt dies an der Fül- tung Europas“ sei die Folge gewesen (S. 20).
le des ausgebreiteten Materials und der Viel- Während Präsident Roosevelt auf ein System
zahl gewichtiger Thesen: Stefan Scheils Unter- kollektiver Sicherheit und Abrüstung in Eu-
suchung der Machtpolitik Deutschlands, Po- ropa drängte, suchte Stalin die Rivalität der
lens, Italiens, Frankreichs und Großbritanni- Staaten zur weiteren Expansion des Kommu-
ens sowie der Weltmächte USA und Sowjetu- nismus zu nutzen. „So war die UdSSR Teil-
nion entspricht in ihrer breiten thematischen nehmer an der internationalen Konkurrenz
Anlage und dem sparsamen Gebrauch von der Mächte, und ihre sprunghafte militäri-
Fußnoten eher angelsächsischen Studien. Das sche und wirtschaftliche Entwicklung setzte
ist ausgesprochen ambitioniert, zumal gegen- gemeinsam mit anderen Ereignissen, wie bei-
wärtig viele Arbeiten am voluminösen Fuß- spielsweise der Wiederbewaffnung Deutsch-
notenapparat zu ersticken drohen, Scheil sich lands, einen Prozeß in Gang, der die Nach-
noch dazu ausschließlich auf veröffentlich- kriegsordnung von Versailles überwand.“ (S.
te Quellen und Literatur stützt. Erschwerend 497) Hitler habe zunächst keinen konkreten
kommt hinzu, dass sämtliche Thesen die bis- Plan zur Führung eines Eroberungskrieges im
herige Vorgeschichte des Zweiten Weltkrie- Osten verfolgt, während Stalin bereits Expan-
ges in atemberaubender Konsequenz neu in- sion in Richtung Westeuropa geplant habe,
terpretieren - fast die komplette Forschung worauf er sich seit Anfang der 1930er-Jahre
zu diesem Gebiet wird revidiert. Allein die- intensiv vorbereitete. Später sei dies aller-
ser Versuch garantiert also eine ebenso span- dings durch eine Phase machtpolitischer Kon-
nende wie provozierende Darstellung. Gera- solidierung unterbrochen worden. Der sowje-
de deswegen sind aber grundsätzliche Bemer- tische Diktator entfesselte jedoch den Zweiten
kungen zum methodischen Vorgehen und der Weltkrieg gemeinsam mit Hitler und versuch-
Perspektive des Autors angebracht. te mit seinem Angriff auf Finnland Ende 1939,
Der Band beginnt mit der Prämisse, dass die Westmächte und das Deutsche Reich ge-
keine „geschichtswissenschaftliche Erklärung geneinander aufzubringen.
für den Zweiten Weltkrieg so einfach sein Den Einfluss ideologischer Faktoren auf
kann wie die Behauptung, er sei von Adolf die Politik will Scheil „auf eine angemessene
Hitler langfristig geplant und gezielt entfes- Größe reduzieren“, zumal sie „nur in weni-
selt worden“ (S. 495). Bisherige Darstellun- gen Fragen entscheidend gewesen“ seien (S.
gen seien in ihrer „Einfachheit schlechter- 18). Hier erheben sich jedoch Fragen, da et-
dings nicht zu unterbieten: Der Krieg konnte wa die große Bedeutung „universaler Prin-
nur in Europa beginnen, nur ein Land konnte zipien“ wie Freihandel oder Menschenrech-
diesen Krieg auslösen und der Diktator die- te für die Politik der USA betont werden
ses Landes hat dies ganz bewusst getan, um- (S. 24), die ja durchaus als „demokratisch-
geben von einer friedliebenden und gutwilli- kapitalistische Ideologie“ begriffen werden
gen Umwelt“ (S. 17). Diesem „germanozen- können. Hier zeigt sich einmal mehr das ge-
trischen Trend“ (S. 19) müsse eine klare Ab- wichtige Problem, das eine strikte Unterschei-
sage erteilt werden, da der Zweite Weltkrieg dung zwischen ideologischen und machtpo-
von den Mächten gemeinsam entfesselt wor- litischen Faktoren sowie den komplexen per-
den sei. In der Tat fällt auf, dass sich zahlrei- sönlichen Motiven der Protagonisten kaum

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durchzuhalten ist. Großraumtheorien, wie die und suggeriert wird, dass Danzig tatsächlich
von Carl Schmitt, werden als Teil von auch das alleinige Ziel seines Vorgehens gegen Po-
heute noch verbreiteten geopolitischen Vor- len gewesen sei. Nur „unmittelbaren Anlass
stellungen verstanden und als kontinenta- für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges“
les Gegenstück zum imperialen Führungsan- (S. 499) bot demnach der seit 1928 schwelen-
spruch der USA eingeordnet. Es habe sich de deutsch-polnische Konflikt. Schuld an der
um einen Versuch gehandelt, den „Globalisie- Eskalation im September 1939 sei vor allem
rungsdruck“, den „Zwang zur Ausübung di- die hypertrophe Politik der polnischen Regie-
rekter Herrschaft und zur permanenten Kon- rung gewesen, die jede Einigung abgelehnt
kurrenz überall auf der Welt, von Europa und habe und einen siegreichen Angriffskrieg (S.
besonders von Deutschland“ (S. 26) zu neh- 84ff.) gegen das Deutsche Reich hätte füh-
men. Völkerbund und internationales Recht ren wollen. Die Ausweitung zum Weltkrieg
seien demgegenüber noch nicht ausreichend 1940/41 wird wiederum auf die Ablehnung
entwickelt gewesen, zumal mit Blick auf die aller vermeintlich ehrlich gemeinter Friedens-
umfangreichen Kolonialreiche Englands und bemühungen Hitlers durch die englische Re-
Frankreichs. Die „Eigendynamik“ der durch gierung zurückgeführt.
den Versailler Vertrag nach dem Ersten Welt- War das so? Hätte Hitler tatsächlich die be-
krieg geschaffenen Nationalitätenkonflikte sei setzten polnischen Gebiete aufgegeben, einen
in London und Paris auf wenig Verständ- polnischen Staat wiederhergestellt – trotz des
nis gestoßen. Ein gemeinsames Kennzeichen zweifellos enormen Verlustes an Ansehen in
für alle Regierungen der 1930er-Jahre war je- der eigenen Bevölkerung? Gab es nicht viel-
doch die Einschränkung ihrer Handlungsfä- mehr niemals diese Chance für einen wirk-
higkeit durch die wachsende Bedeutung der lichen Frieden, weil Hitler zu taktieren ver-
öffentlichen Meinung. Der Glaube an die Wir- suchte, um die ersehnte „freie Hand“ im Os-
kung militärischer Entscheidungen sei hin- ten endlich zu erhalten und die deutsche
gegen wenig verbreitet gewesen (S. 34), was Vorherrschaft auf dem Kontinent zementie-
manchen Leser verwundern dürfte. Gerade ren wollte? Konnte Winston Churchill Hit-
Hitler, Mussolini und Stalin waren es doch, ler überhaupt einen gesichtswahrenden Rück-
die in begrenzten militärischen Aktionen ei- zug angesichts der aufgepeitschten Stim-
ne wesentliche Option zur Machterweiterung mung 1940 ermöglichen? Hat Churchill nicht
erkannten. vielmehr Hitlers Absichten richtig erkannt
Im Gegensatz zu vielen Studien nimmt und alles getan, um ein deutsch-beherrschtes
Scheil Hitler beim Wort, d.h. dessen inter- Mitteleuropa zu verhindern?
ne Äußerungen werden nicht als Teil eines Viele Thesen Scheils erscheinen eingän-
groß angelegten Täuschungsmanövers gegen- gig, andere erwecken hingegen den Eindruck,
über seiner engeren Umgebung auf dem Weg dass Quellen in ihrer Aussagekraft strapaziert
zur Entfesselung des „ersehnten“ Krieges, wurden. Auch der polnischen Seite hätte der
sondern als Ausdruck seiner Überlegungen Autor beispielsweise jenes Maß an Empathie
zu dieser Zeit begriffen. Tatsächlich scheint zuteil werden lassen sollen, dass er der deut-
sich jene Hitler-Forschung allzu weit von den schen zuerkennt. Konnte man als polnischer
Quellen zu entfernen, die Vieles als taktisch Außenpolitiker Hitlers Versprechungen 1939
inspirierte Einlassung interpretiert und ihre vor dem Hintergrund der aus vielen Gründen
Ergebnisse selektiv auf vergleichsweise weni- aufgeheizten Atmosphäre trauen? Manchmal
ge Dokumente aufbaut. Hitler erscheint bei trennt der Autor die verschiedenen Ebenen
Scheil hingegen weniger als Subjekt der in- der Analyse nicht sauber. Beispielsweise die
ternationalen Politik, sondern das Deutsche drei Fragestellungen: Was wollte Stalin 1941?
Reich wird überwiegend als Objekt der Politik Wie nahmen andere Länder die Sowjetunion
anderer Mächte präsentiert. Diese begrüßens- 1941 wahr? Was wissen wir heute über Sta-
werte Modifizierung der Perspektive wird in lins Absichten? Angesichts der anhaltend ru-
dieser Studie jedoch übertrieben, wenn Hit- dimentären Quellenlage zur sowjetischen Po-
ler als „normaler“ Außenpolitiker in einer Li- litik scheint jedenfalls Vorsicht geboten. Ab-
nie mit Bismarck und Wilhelm II. rangiert schließend muss darauf verwiesen werden,

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St. Scheil: Entfesselung des Zweiten Weltkriegs 2004-1-063

dass allein ein Experte zur Außenpolitik der


europäischen Mächte, der Sowjetunion und
USA in den 1930er-Jahren das Gewicht der
Quellen und der vorgebrachten Argumente
treffend bewerten kann. Zumindest der Re-
zensent konnte sich von Zweifeln nicht lösen,
gleichwohl argumentiert und belegt der Au-
tor zumeist plausibel. Seine Thesen verdienen
es deswegen, eingehend diskutiert und verifi-
ziert zu werden.

HistLit 2004-1-063 / Klaus Jochen Arnold


über Scheil, Stefan: Fünf plus Zwei. Die eu-
ropäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und
die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs.
Berlin 2003. In: H-Soz-u-Kult 03.02.2004.

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