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Chr. R.

Browning: Die Entfesselung der ’Endlösung’ 2004-3-050

Browning, Christopher R.: Die Entfesselung dass nach der Öffnung von Archiven im Os-
der ’Endlösung’. Nationalsozialistische Judenpoli- ten Europas deren Bestände vielfach kopiert
tik 1939-1942. Berlin: Propyläen Verlag 2003. und aus den Überlieferungszusammenhän-
ISBN: 3-549-07187-6; 832 S. gen herausgerissen wurden. So sind viele der
Quellen nicht mehr mit den Signaturen der
Rezensiert von: Wolfram Meyer zu Uptrup, Originalbestände angegeben, sondern mit de-
Beauftragter für Gedenkstätten, Ministerium nen des Holocaust-Museums (USHMM) in
für Bildung, Jugend und Sport, Potsdam Washington oder von Yad Vashem in Jerusa-
lem. Das ist eine grundsätzlich unbefriedigen-
In seiner Arbeit integriert Browning eine Fülle de Entwicklung, nicht zuletzt auch deshalb,
von Einzelstudien und die Auswertung um- weil nicht sofort erkennbar ist, welche altbe-
fangreicher Quellenbestände in Europa, Israel kannten oder neu entdeckten Dokumente sich
und den USA. Er vermag es, das gigantische hinter den Siglen der USHMM-Filme verber-
kriminalistische Puzzle der Judenverfolgung gen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Ver-
und der „Endlösung“ in einer bisher nicht da lag die Anmerkungen hinten im Anhang des
gewesenen Weise zu einem Bild zusammen- Buches versteckte, um die Sorgfalt des Lesers
zufügen, das wesentliche Details klar erken- mit permanentem Blättern zu strafen.
nen lässt. Es gelingt ihm, die dialektische Be- In den letzten Jahren suchte ein Teil der
ziehung, in der die Vernichtungspolitik zwi- Forschung Antworten auf die Frage, wie die
schen den Aktionen von „Zentrale“ und „Pe- Entscheidungen abliefen, die die Judenverfol-
ripherie“ mit mörderischer Konsequenz vor- gung stufenweise radikalisierten. Nach Brow-
angetrieben wurde, mit analytischer Schärfe ning wies Hitler durch „ideologische Erklä-
darzustellen und Lücken mit plausiblen Über- rungen“ auf seine Wünsche hin, „durch re-
legungen zu schließen. Die Zusammenhän- lativ ungenaue und verschlüsselte Äußerun-
ge zwischen der „Aktion T 4“, der „Aktion gen, Mahnungen und Prophezeiungen“ (S.
14f13“, der Verfolgung und Ermordung der 606). Andere hätten dann diese Signale in
„Zigeuner“, den Umsiedlungen von Volks- konkrete Weisungstexte umformuliert, die sie
deutschen und Polen und dem Genozid am Hitler wiederum zur Bestätigung vorlegten.
europäischen Judentum werden von ihm dar- Hitler hätte letztlich alle Schritte der Juden-
gestellt.1 politik kontrolliert. Das entspricht dem Mo-
Brownings Stärke liegt in der Rekonstruk- dell des vorauseilenden Gehorsams, das Ian
tion der Ereignisse auf der Basis umfang- Kershaw für seine Hitler-Biografie zugrunde
reicher Akten beteiligter Institutionen und legte.3 So kann Browning knapp formulieren:
Personen, eingeschlossen der Akten diver- „Wer erfahren will, was Hitler dachte, muss
ser staatsanwaltlicher Ermittlungsverfahren. sich ansehen, was Himmler tat.“ (Ibd.)
Mit der Kombinationsgabe eines Kriminalis- Ein weiteres charakteristisches Moment
ten rekonstruiert er das deutsche Staatsver- sieht Browning darin, dass in Momenten mili-
brechen in geradezu gerichtsfester Beweis- tärischer Erfolge Entscheidungen zu weiterer
führung. Leider konnte Browning die Arbeit Eskalation der Judenpolitik fielen. Browning
von Isabel Heinemann2 noch nicht kennen. wendet sich damit entschieden gegen Positio-
Das wäre für eine präzisere Darstellung der nen, die die Radikalisierung an z.B. Hitlers
Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik in Po- Kriegserklärung an die USA oder gar militä-
len hilfreich gewesen. rische Misserfolge gebunden sahen.
Im Hinblick auf die Quellen zeigt auch Diese These Brownings zur Entwicklung in
Brownings Arbeit wie problematisch es ist, den Jahren 1941/42 bestätigt über seine Dar-
stellung hinausgehend ein Grundmuster der
1 Der Einfluss von Götz Aly („Endlösung“. Völkerver- NS-Judenpolitik seit 1933, wonach in Momen-
schiebung und der mord an den europäischen Juden, ten politischer Erfolge, in denen sich Hand-
Frankfurt am Main 1995) und Henry Friedländer (Der lungsoptionen neu eröffneten, die Verfolgung
Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlö-
sung, München 1997) auf Brownings Arbeit ist groß.
schrittweise verschärft wurde, situativ ange-
2 Heinemann, Isabel, „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“.

Das Rasse- & Siedlungshauptamt der SS und die ras- 3 Kershaw, Ian, Hitler, Bd. 1 und Bd. 2, Stuttgart 1998 und
senpolitische Neuordnung Europas, Göttingen 2003. 2000.

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passt, mitunter suchend nach dem Prinzip der historischen Forschung, deren Autoren
von trial and error. Hitler hatte ein feines Ge- weder die Öffentlichkeitsarbeit der NSDAP
spür dafür, was er „seinem Volk“ zumuten seit 1920 wahrnahmen, noch die Medien, mit
konnte, und was (noch) nicht. Spannend ist denen sie für ihre politischen Ziele erfolgreich
in diesem Zusammenhang die Rekonstruk- warben. Jedoch darf weder das eine als „ideo-
tion der internen Kommunikation und Ent- logische Erklärungen“ pauschal unterbewer-
scheidungswege zwischen Hitler, dem engs- tet noch das andere als Propaganda abgetan
ten Führungszirkel und den ausführenden werden.
Verantwortlichen. Als Beispiel hierfür mag Nachdem vor einigen Jahren die Frage
Brownings Darstellung der Monate von Au- nach der Motivation und den Ursachen der
gust bis Oktober 1941 gelten, in denen ver- NS-Judenverfolgung etwas intensiver disku-
schiedene Massenmord-Praktiken bereits an- tiert worden war, ist es nun etwas stiller
gewandt und gleichzeitig neue Methoden ent- geworden. Im Kapitel „Der Hintergrund“
wickelt wurden, die zu den Vernichtungs- gibt Browning seine Begründung der NS-
lagern „im Osten“ führten. Intern wurde Judenverfolgung. Es stellt sie - wie auch schon
nicht mehr von einer „künftigen Endlösung“ Daniel J. Goldhagen - in eine jahrhunderte-
nach dem Kriegsende, sondern von einer jetzt lange Tradition, wonach sich seit der Apo-
„in Vorbereitung“ befindlichen Endlösung ge- logie des Urchristentums das „negative Ste-
sprochen (Adolf Eichmann an das Auswärti- reotyp des xenophoben Antisemitismus“ (S.
ge Amt, S. 532). Browning stellt überzeugend 16) entwickelt hätte, der sich in mehreren Sta-
dar, wie unterschiedliche Teile der Exekuti- dien zu einem „chimärischen“ rassistischen
ve zunächst über die Radikalisierung infor- Erlösungsantisemitismus transformiert hätte.
miert und unter der Ägide Reinhard Heyd- Browning schließt an Gavin A. Langmuir an,
richs sofort einbezogen und aktiviert wurden. der in der chimärisch antijüdisch motivier-
Erschütternd ist die Erkenntnis, dass offen- ten Feindlichkeit per definitionen keinen Rea-
bar allen Beteiligten sehr genau bewusst war, litätsbezug mehr sah.6 Er verstand den chi-
was mit den Bezeichnungen „Evakuierung“ märischen Antisemitismus als ein Konstrukt
der Juden „nach dem Osten“ oder “über den über die Juden, für das sich kein empirischer
Bug“ in „Auffanglager“ und mit „besonderen Beleg mehr finden ließ. Diese Annahme geht
Maßnahmen“ gemeint war. an der Wirklichkeit des NS-Antisemitismus
Ein Kapitel des Buches über „Das Unter- vorbei, der als ein paranoides Denken irrea-
nehmen Barbarossa und der Beginn der Ju- le Grundannahmen mit höchst realen Vorstel-
denvernichtung Juni - Dezember 1941“ wird lungen zu einer kriminellen Ideologie verbin-
von Jürgen Matthäus verantwortet, der Mitar- den konnte. Er war zentrales Element einer
beiter des USHMM in Washington ist. Vieles Weltanschauung, die Geschichte erklärte und
in diesem Kapitel ist schon bekannt4 , leider die Politik ihrer eigenen Logik folgend be-
gibt es Dubletten zum übrigen Text. Matthä- stimmte.
us scheint das „Schwarzbuch“ von Grossman Falls man ein anderes Modell als Browning
und Ehrenburg nicht zu kennen; es wäre loh- zugrunde legt, das von einer Vermittlung po-
nend, dieses auf seinen Quellenwert zu über- litischer Ziele über die Kommunikation aus-
prüfen.5 Im Vergleich zu Browning fällt auf, geht und davon, dass Mitläufer und Han-
dass Matthäus eine etwas höhere Sensibilität delnde in unterschiedlichen Graden von der
für die Bedeutung der Ideologie als treiben- Richtigkeit dieser Ziele überzeugt sein müs-
des Motiv der Judenpolitik hat. Damit unter- sen, damit selbst ein ‘totalitärer’ Staat funk-
scheidet er sich von vielen neueren Arbeiten tioniert, kann man die langfristige Entwick-
4 Z.B.:
lung der Judenverfolgung von ihrer Formu-
Krausnick, Helmut; Wilhelm, Hans-Heinrich, Die
Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgrup- lierung bis zur Umsetzung verfolgen.7 Es ist
pen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Stutt-
6 Langmuir, Gavin A., Towards a Definition of Antisemi-
gart 1981; Wilhelm, Hans-Heinrich, Die Einsatzgruppe
A der Sicherheitspolizei und des SD 1941/42, Frankfurt tism, Berkeley 1990.
am Main 1996. 7 Etwas ausführlicher: Meyer zu Uptrup, Wolfram,
5 Grossmann, Wassilij; Ehrenburg, Ilja, Das Schwarzbuch Kampf gegen die ‘jüdische Weltverschwörung’. Pro-
- Der Genozid an den sowjetischen Juden, Reinbek paganda und Antisemitismus der Nationalsozialisten
1995. 1919-1945, Berlin 2003.

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Chr. R. Browning: Die Entfesselung der ’Endlösung’ 2004-3-050

anzunehmen, dass im Hinblick auf die Be- ab, sondern beschränkte sich auf die ‘Real-
handlung der Juden ein Minimalkonsens der politik’. Dadurch werden die Quellen stark
NS-Anhängerschaft bestand, die Juden müss- verfälscht und infolge dessen nimmt die For-
ten aus dem deutschen Volk „entfernt“ wer- schung häufig entscheidende Aussagen nicht
den. Zweites und wichtigeres Element die- wahr.8
ses Konsensus war die Zustimmung zu dem Wenn unser Führungsmodell für die Zeit ab
Ziel eines rassistischen „völkischen Staates“, 1933 davon ausgeht, dass Hitler die Richtlini-
in ‘Mein Kampf’ formuliert und in den All- en der Politik bestimmte und es seinen Un-
tagsmedien vielfach dargestellt. Auf diese bei- terführern auf den weiteren Ebenen überlas-
den Kernpunkte lassen sich die politischen sen konnte, sie in konkrete Maßnahmen um-
Begründungen zurückführen, die zu einzel- zusetzen, dann hat schon die Veränderung ei-
nen Schritten der Diskriminierung und Ver- ner Formulierung politisches Gewicht. So war
folgung gegeben wurden. es zentral, dass Hitler in seiner Rede vom 30.
Wer heute die „Propaganda“ der NS in- Januar 1939 nicht mehr von „Entfernen“, son-
tensiver liest, dem fällt es zunächst schwer dern von „Vernichten“ im Zusammenhang
zu verstehen, dass sie die Juden als poli- mit dem Krieg sprach, den er vorbereitete.
tische Gegner eo ipso auffassten, die über- Von daher ist die Annahme berechtigt, dass
all zur Beherrschung der Nichtjuden wirkten. den meisten Akteuren des Jahres 1941 das po-
Die NS glaubten allen Ernstes an die Exis- litische Ziel von Anfang an klar war, nicht je-
tenz einer „robusten jüdischen Weltverschwö- doch die einzelnen Schritte dahin.
rung“ (Zeitgenosse Konrad Heiden). Wäre Gerade im Vergleich zu der detailreichen
dieser Glaube im Bereich der Esoterik ge- Beweisführung in anderen Kapiteln ist das
blieben, würde heute niemand mehr darüber Kurzreferat einiger Positionen zu dem The-
sprechen. Er leitete aber nicht nur die Analy- ma „Hintergrund“ der am Wenigsten über-
se von Geschichte und Politik, die in den NS- zeugende Teil in Brownings Werk, nur we-
Medien gegeben wurden, sondern auch die nig besser sind entsprechende Passagen der
Entwicklung politischer Konzeptionen in un- „Schlussbetrachtung“. Es wäre die zentrale
terschiedlichen Politikfeldern. Frage nach dem Ursprung dieser Politik und
Gehen wir von einem antisemitischen ihrer ideologischen Motive zu diskutieren.
Grundkonsens in der NS-Führerschaft und Hier sollten wir uns um überzeugendere Ant-
bei der Mehrheit der Parteimitglieder aus, worten bemühen.
dann stellt sich das Modell der Politikvermitt-
lung folgendermaßen dar: Hitler und Rosen- HistLit 2004-3-050 / Wolfram Meyer zu Up-
berg formulieren die politischen Ziele und die trup über Browning, Christopher R.: Die Ent-
ideologischen Begründungen für diese Ziele, fesselung der ’Endlösung’. Nationalsozialistische
die u.a. der Bindung der Anhänger an Hit- Judenpolitik 1939-1942. Berlin 2003. In: H-Soz-
ler und die Partei diente. Gemeinsam ist al- u-Kult 20.07.2004.
len, dass aus der „Weltanschauung die Tat fol-
gen“ (‘Mein Kampf’) müsse und eine konse-
quenzenlose Ideologie wertlos sei. Nach der
„Machtergreifung“ erhalten politische Aussa-
gen von Hitler eine neue Funktion: Sie kün-
digen eine Politik an bzw. begründen aktuelle
politische Schritte. Aus diesen Gründen sind
die Reden Hitlers und weiterer Funktionäre
wichtig für die historiografische Interpretati-
on.
Hitlers Reden werden aber bis heute zu-
meist nur auf der Grundlage gekürzter Fas-
sungen interpretiert, wie sie z.B. Max Do-
marus herausgab. Dieser druckte vielfach die
entscheidenden ideologischen Passagen nicht 8 Domarus, Max, Hitler. Reden und Proklamationen
1932-1945, 2 Bde., Wiesbaden 1973.

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