Sie sind auf Seite 1von 4

P. Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!

” 2006-2-189

Longerich, Peter: „Davon haben wir nichts letzten Jahren ist am Zentrum für Antisemi-
gewusst!”. Die Deutschen und die Judenver- tismusforschung der Technischen Universität
folgung 1933-1945. München: Siedler Verlag Berlin zu dieser Thematik intensiv geforscht
2006. ISBN: 3-88680-843-2; 448 S. worden.3
Wenn ein international anerkannter Holo-
Rezensiert von: Bernward Dörner, Zen- caustforscher wie Peter Longerich sich diesem
trum für Antisemitismusforschung, Techni- Gegenstand annimmt, darf man auf einen Er-
sche Universität Berlin kenntnisgewinn hoffen. Tatsächlich leistet sei-
ne Monografie einen wichtigen Beitrag auf ei-
„Davon haben wir nichts gewusst!“ hieß es nem besonders schwierigen Terrain der Erfor-
nach dem Ende des NS-Regimes im Land der schung der Rahmenbedingungen des Holo-
Täter mit Blick auf den Judenmord.1 Bis heu- caust. Die Legende von der Ahnungslosigkeit
te haben nur wenige Deutsche eingeräumt, der Deutschen wird durch zahlreiche Quellen
von dem Menschheitsverbrechen zur Tatzeit widerlegt. Longerich gelingt dies, indem es
gewusst zu haben. Der Verdacht, dass es sich die Entwicklung der nationalsozialistischen
um Schutzbehauptungen handeln könnte, lag Propaganda zur Judenverfolgung in der NS-
von Anfang an nahe. Schließlich erfolgte die Zeit intensiv untersucht. Hierbei kann er sich
Verfolgung der Juden bis zu ihrer Deporta- u.a. auf bislang noch unveröffentlichte Quel-
tion vor den Augen der Öffentlichkeit. Auch len aus der Herrschaftsperspektive des na-
scheint es schwer vorstellbar, dass die Ermor- tionalsozialistischen Regimes stützen. Vor al-
dung von Millionen Menschen auf die Dau- lem die Protokolle der während des Zwei-
er geheim bleiben konnte. Doch den wissen- ten Weltkriegs fast täglich abgehaltenen ge-
schaftlichen Nachweis zu führen, dass die heimen „Ministerkonferenz“ des Reichspro-
Deutschen über den Genozid Wesentliches pagandaministers, die in Moskau aufbewahrt
wussten bzw. wissen konnten, ist keineswegs werden und bislang nur zum Teil veröffent-
einfach. Außer Abwehrmechanismen, die un- licht sind, erweisen sich als höchst aufschluss-
sere Gesellschaft auch heute noch prägen, reich.4 Ihnen kann beklemmend genau ent-
wirkt bei der Aufklärung dieses Komplexes nommen werden, wie die NS-Führung die öf-
ein objektiver Umstand hemmend: Ein großer fentliche Wahrnehmung der Judenverfolgung
Teil der brisanten Akten zur ‚Endlösung der zu verschiedenen Zeitpunkten propagandis-
Judenfrage’ ist spätestens gegen Ende der NS- tisch zu steuern suchte. Dabei werden auch
Zeit gezielt vernichtet worden. die Dilemmata der nationalsozialistischen Öf-
Trotz der welthistorischen Bedeutung des fentlichkeitsarbeit während des Genozids of-
Mordes an den europäischen Juden ist der fengelegt. So konzediert Goebbels im Vor-
Forschungsstand zu den subjektiven Voraus- feld der alliierten Erklärung zum Mord an
setzungen und Auswirkungen des Genozids den europäischen Juden vom 17. Dezember
immer noch unzureichend entwickelt. Was 1942 und angesichts wachsender Gerüchte in
wir über das Informationsniveau und die Hal- der Bevölkerung während einer geheimen Sit-
tung der Deutschen zu dieser Zeit wissen, zung im Reichspropagandaministerium fol-
muss aus vielen, unterschiedlich ausgerichte- gendes: „Es besteht kein Zweifel mehr dar-
ten Quellen und Beiträgen zusammengetra- über, dass in ganz großem Umfange jetzt die
gen werden. Zu nennen sind hier insbesonde- Judenfrage in der Welt aufgerollt werden soll.
re Beiträge von Ian Kershaw, Otto Dov Kul- Wir können nun auf diese Dinge nicht ant-
ka und Hans Mommsen. Nur eine wissen-
schaftliche Monografie wurde bislang zu der richtigung, Berlin 1995.
3 Ein von dem Rezensenten durchgeführtes Forschungs-
brisanten Thematik in den 1990er Jahren vor-
projekt ist auf die Wahrnehmung des Holocaust durch
gelegt, ein Buch von David Bankier.2 In den die Deutschen ausgerichtet („Der Mord an den euro-
päischen Juden und die deutsche Gesellschaft. Wissen
1 Dagegen wurde in aller Regel nicht geleugnet, dass und Haltung der Deutschen 1941 bis 1945“).
man von der Verfolgung der Juden gewusst hatte. Der 4 Im Russischen Staatlichen Militärarchiv in Moskau,

Haupttitel des Buches steht von daher in einem Wider- dem früheren ‚Sonderarchiv’, befinden sich noch nicht
spruch zum Untertitel des Buches. publizierte Niederschriften der „Ministerkonferenz“
2 Bankier, David, Die öffentliche Meinung im Hitler- (Reichsministerium für Volksaufklärung und Propa-
Staat. Die „Endlösung“ und die Deutschen. Eine Be- ganda, Fond 1363, Opis 3).

© H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved.


worten; wenn die Juden sagen, wir hätten 2 ½ tung der Bevölkerung zu erfassen, nicht ernst
Millionen Juden in Polen füsiliert oder nach genug nimmt und sie auf ein „Konstrukt der
dem Osten abgeschoben, so können wir na- Berichterstatter“ (S. 45) reduziert. Von einem
türlich nicht darauf antworten, daß es etwa „Schweigen der Quellen“ bei den Lageberich-
nur 2,3 Millionen gewesen wären. Wir sind ten zu sprechen, ist verfehlt.6 Im Widerspruch
also nicht in der Lage, uns auf eine Ausein- zu seinen starken Vorbehalten gegen die Aus-
andersetzung – wenigstens vor der Weltöf- sagekraft der Lageberichte stützt sich Lon-
fentlichkeit nicht – einzulassen.“ (S. 259) Die- gerich deshalb auch durchgängig auf die in
se brisante Passage fehlt in der einzigen bis- jüngster Zeit von Otto Dov Kulka und Eber-
lang bekannten Mitschrift der „Ministerkon- hard Jäckel vorbildlich edierten Quellen.7
ferenz“ vom 14. Dezember 1942.5 Für den hohen Informationswert insbeson-
Die Umsetzung der Direktiven des Reichs- dere der geheimen SD-Lageberichte spricht
propagandaministers zur strategischen und nämlich viel: Die NS-Führung benötigte rela-
taktischen Ausrichtung der NS-Medien wird tiv realistische Informationen zur Stimmung
durch eine intensive Auswertung der Pres- und Haltung der Bevölkerung, um unter den
seanweisungen seines Ministeriums und un- Bedingungen der Diktatur zu wissen, was
terschiedlicher Tageszeitungen auf allen Ebe- man der ‚Volksgemeinschaft’ zumuten konn-
nen verfolgt. Insgesamt gelingt es Longe- te. Ohne solche Hinweise wäre Goebbels auch
rich so in beeindruckender Weise, die Kam- kaum in der Lage gewesen, die nationalso-
pagnen und ‚Konjunkturen’ der antisemiti- zialistische Propagandamaschinerie mit fata-
schen Propaganda für alle Phasen der NS- lem Geschick zu lenken. Longerich räumt den
Judenverfolgung nachzuzeichnen. Positiv ist zeitgenössischen Nutzen dieser Quellen auch
hierbei anzumerken, dass Longerich auch die ein, wenn er berichtet, dass Hitlers Propa-
Bemühungen der Alliierten, die Deutschen gandachef vor allem die 14-tägig erscheinen-
über das schreckliche Ausmaß der Ermor- den Lageberichte der Reichspropagandaäm-
dung der Juden zu informieren, anhand zeit- ter, die leider nicht mehr erhalten zu sein
genössischer Quellen (Rundfunksendungen scheinen, geschätzt habe (S. 37). Der Aussage-
britischer und US-amerikanischer Rundfunk- wert der Lageberichte zeigt sich nicht zuletzt
sender, alliierte Flugblätter und Flugschriften) auch darin, dass sie – trotz unterschiedlicher
fundiert belegt (S. 240-247). So wird deutlich, Verfasser, Auftraggeber und Regionen – zu
was die Deutschen aus dem Äther über den bestimmten Zeitpunkten der NS-Herrschaft
Genozid erfahren konnten und was die NS- im Trend oft übereinstimmen. Dass die Ge-
Propaganda in ihr Kalkül einbeziehen musste. heimberichte oft in der Lage waren, den Wan-
Hervorzuheben ist, dass Longerich plausibel del der Stimmung der Bevölkerung in seiner
darlegt, dass die Politik der NS-Führung in Tendenz zutreffend zu erfassen, spricht eben-
dieser Situation darauf abzielte, „die deutsche falls gegen ihren vermeintlich geringen Quel-
Bevölkerung durch gezielte Hinweise auf den lenwert. Bezeichnender Weise wurden die
vor sich gehenden Mord an den Juden zu Mit- „Meldungen aus dem Reich“ abgeschafft, als
wissern und Komplizen des Verbrechens zu sie unangenehme Wahrheiten über die ‚Volks-
machen“ (S. 281). stimmung’ mitteilen mussten, die die Adres-
Während Longerich das öffentliche Agieren saten der Berichte schließlich nicht mehr er-
der NS-Führung in Hinblick auf die Judenver- tragen konnten (S. 289ff.). Der erhebliche
folgung insgesamt überzeugend darlegt, er- Informationswert der NS-Lageberichte wird
weist sich seine Analyse der ‚Resonanzbedin- schließlich durch den Abgleich mit anderen
gungen’ dieses Prozesses in der damaligen Quellengruppen (Justiz- und Polizeiakten, Ta-
deutschen Gesellschaft als deutlich schwä- gebücher etc.) eindrucksvoll bestätigt.
cher. Er unterschätzt zunächst den Quellen-
wert der geheimen NS-Lageberichte, wenn er 6 Longerich, Peter Das Schweigen der Quellen. Was
ihre Bemühungen, die Stimmung und Hal- wußten die Deutschen vom Holocaust? Eine große Edi-
tion sucht nach Antworten, in: „Die Zeit“, 18.11.2004, S.
48.
5 Vgl.
Boelke, Willi A. (Hg.), Wollt ihr den totalen Krieg? 7 Kulka, Otto Dov; Jäckel, Eberhard (Hgg.), Die Juden
Die geheimen Goebbels-Konferenzen 1939-1943, Mün- in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945,
chen 1969, S. 410. Düsseldorf 2005.

© H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved.


P. Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!” 2006-2-189

Die empirische Basis des vorliegenden Bu- bei Millionen Deutschen auf einen fruchtba-
ches wird auch dadurch geschwächt, dass ren Boden fiel.
es auf die Auswertung sozialhistorisch auf- Die Angaben des Buches zum Kenntnis-
schlussreicher Quellen weitgehend verzich- stand der deutschen Bevölkerung vom Holo-
tet. Da Longerich sich vor allem auf Quel- caust sind nicht immer konsistent, zum Teil
len stützt, in denen sich die Propaganda- sogar widersprüchlich. Zunächst wird betont,
seite des Regimes ausdrückt, (die Goebbels- dass „nicht die Mehrheit, aber doch ein erheb-
Tagebücher, die „Ministerkonferenzen“ und licher Teil der Bevölkerung“ seinerzeit „in ir-
NS-Medienbeiträge), während er Quellen, die gend einer Form vom Holocaust wusste“ (S.
über die Auffassungen in der Bevölkerung 240). Dann heißt es, dass die meisten Deut-
Aufschluss geben, entweder in ihrem Aussa- schen zur Zeit der Katyn-Kampagne im Früh-
gewert unterschätzt (NS-Lageberichte) oder jahr 1943 von dem Völkermord an den Juden
zu wenig berücksichtigt, gelingt es ihm nur sehr wohl gewusst hätten: Durch „zahlreiche
bedingt, die fatale Loyalität der deutschen allgemein gehaltene Andeutungen der Füh-
Bevölkerung bis zum Zusammenbruch des rungsspitze und die nicht erfolgte Dementie-
Regimes plausibel zu deuten. Wenn er z.B. rung von Gerüchten über den Massenmord“,
die Auffassung vertritt, die Kampagne „Sieg so führt Longerich aus, sei der Genozid zu ei-
oder Tod“ sei „fehlgeschlagen“ (S. 287), so nem „öffentlichen Geheimnis“ geworden (S.
kann dies mit guten Gründen bezweifelt wer- 278). Schließlich bescheinigt er Personen, die
den. Denn die Angst vor der vermeintli- im Jahre 1944 wüste antisemitische Eingaben
chen Rache der Alliierten und des ‚Weltju- an das Reichspropagandaministerium richte-
dentums’ war ein wesentliches Motiv da- ten, sie seien wohl über den inzwischen schon
für, dass die Deutschen trotz sinkender Sie- weitgehend realisierten Judenmord nicht ori-
geshoffnung und wachsender Unzufrieden- entiert gewesen (S. 308).
heit mit großer Energie bis zum Kriegsende Neben den oben genannten Schwächen in
weiterkämpften. Deshalb ist auch Longerichs der Quellenanalyse, die auch dadurch be-
Einschätzung fragwürdig, die Bemühungen günstigt sein mögen, dass der Autor einen
des nationalsozialistischen Regimes, Rache- großen Teil der von ihm benutzen Dokumente
ängste innerhalb der Bevölkerung gezielt zu nicht im Original eingesehen hat8 , treten bis-
verstärken, sei zu einem „Fiasko“ geworden weilen leider formale, zum Teil auch sinnent-
(S. 324). Die zeitgenössischen Quellen weisen stellende Fehler. Im Literaturverzeichnis wer-
insgesamt in eine andere Richtung. den z.T. falsche Verfasser genannt9 und im
Zu den Motiven der Deutschen, mehrheit- Anmerkungsapparat finden sich fehlerhafte
lich dem NS-Regime bis zu dessen Unter- Verweise.10 Es kommt vor, dass falsch zitiert
gang zu folgen – und damit auch den Mord wird. So fehlt in einem Satz aus den autobio-
an den europäischen Juden objektiv in die- grafischen Aufzeichnungen der Berliner Jour-
sem verheerenden Umfang erst zu ermögli- nalistin Ruth Andreas-Friedrich der Hinweis
chen – sagt Longerichs Buch wenig. Materi- auf die Ermordung von Juden durch Giftgas
elle und ideologische Hintergründe für die- (S. 232).11
se fatale Loyalität, die z.B. von Götz Aly und
8 Longerich merkt in seinem Quellenverzeichnis an, dass
Daniel Goldhagen (sicherlich überspitzt, doch
die von ihm in großem Umfang genutzten Bestände,
nicht ohne guten Grund) beleuchtet wurden,
in denen sich die geheimen NS-Lageberichte befinden,
bleiben weitgehend unberücksichtigt. So un- „in der Regel nicht konsultiert“ wurden (S. 431).
terschätzt Longerich den Stellenwert des An- 9 Das Buch „Niemand war dabei und keiner hat’s ge-

tisemitismus in der damaligen deutschen Ge- wußt“ wird z.B. fälschlich Wolfgang Benz zugeschrie-
ben.
sellschaft, indem er die Verantwortung für die 10 Vgl. z.B. S. 409: Falsche Zuordnung der Anmerkungen
Eskalation der Judenverfolgung zu stark auf 86 bis 91.
die NS-Führung einengt (S. 218). Sicher trieb 11 Longerich, Ruth Andreas-Friedrich zitierend: „In Scha-

diese die Judenverfolgung mit fanatischem ren tauchen die Juden unter. Furchtbare Gerüchte ge-
hen um über das Schicksal der Evakuierten. Von Mas-
Eifer voran. Die nationalsozialistische Staats-
senerschießungen und Hungertod, von Folterungen.“
führung konnte jedoch nur Erfolg haben, weil Das Zitat enthält nicht den wichtigsten Teil des Sat-
ihre antisemitische Vernichtungspropaganda zes: Im Eintrag vom 2. Dezember 1942 folgen die Wor-
te „und Vergasungen“. Andreas-Friedrich, Ruth, Der

© H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved.


Longerichs auch für Nicht-Fachleute gut
lesbares Buch verfügt über einen umfangrei-
chen Fußnotenapparat und ein Personenre-
gister.12 Seine Monografie leistet trotz der auf-
gezeigten Schwächen einen bedeutenden Bei-
trag zur Erforschung eines sensiblen Punktes
der Holocaustforschung, des Informationsho-
rizonts der deutschen Bevölkerung während
der Verfolgung und Ermordung der Juden.
Longerich gelingt es, den Prozess der propa-
gandistischen Steuerung der antisemitischen
Propaganda während der NS-Zeit in bislang
nicht gekannter Deutlichkeit darzustellen. Be-
sonders positiv ist schließlich hervorzuheben,
dass Longerichs Buch zu Recht betont, dass
die meisten Deutschen nicht erst seit Mai 1945
die „Flucht in die Unwissenheit“ (S. 328) an-
traten. Denn die Neigung der Bevölkerung,
sich angesichts des absehbaren Untergangs
des NS-Regimes von jeder Mitverantwortung
für den Judenmord durch angebliche Ah-
nungslosigkeit freizusprechen, wuchs schon
während des Krieges mit den sinkenden Sie-
gesaussichten der Deutschen.

HistLit 2006-2-189 / Bernward Dörner über


Longerich, Peter: „Davon haben wir nichts ge-
wusst!”. Die Deutschen und die Judenverfolgung
1933-1945. München 2006. In: H-Soz-u-Kult
14.06.2006.

Schattenmann. Schauplatz Berlin. Tagebuchaufzeich-


nungen 1938-1948, Frankfurt am Main 2000, S. 98. Zu
dem verstümmelten Zitat fehlt in Longerichs Buch
auch die Quellenangabe (S. 232).
12 Ein Sachregister und ein geografisches Register wären

hierüber hinaus wünschenswert gewesen.

© H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved.