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Krakowski: Das Todeslager Chełmno/Kulmhof 2009-1-108

Krakowski, Shmuel: Das Todeslager Chełm- sten, die systematische Ermordung von Ju-
no/Kulmhof. Der Beginn der „Endlösung“. Göt- den aufgenommen. Darauf zielt der Unter-
tingen: Wallstein Verlag 2007. ISBN: 978-3- titel des Buches von Krakowski – „Der Be-
8353-0222-8; 236 S. ginn der ‚Endlösung’“. Zudem erfolgte die
Tötung der Opfer mit Hilfe von Gaswagen.
Rezensiert von: Mathias Beer, Institut für do- Dabei handelte es sich um Lastkraftwagen,
nauschwäbische Geschichte und Landeskun- auf deren Fahrgestell ein luftdicht abgeschlos-
de, Tübingen sener Kastenaufbau montiert war. In ihnen
wurden durch das Einleiten der Motorabga-
Am 19. März 1943 wandte sich der Reichs- se des Fahrzeugs Menschen gezielt durch CO-
statthalter und Gauleiter der NSDAP im Vergiftung getötet. In den zeitgenössischen
Reichsgau Wartheland, Arthur Greiser, mit ei- Dokumenten werden die Fahrzeuge „Sonder-
nem Schreiben an Reichsführer-SS Heinrich wagen“, „Spezialwagen“, „Sonderfahrzeuge“
Himmler. Darin heißt es unter anderem: „Ich oder „S-Wagen“ genannt. Während der zwei
habe vor einigen Tagen das frühere Sonder- ‚Betriebsphasen’ des Lagers (Dezember 1941
kommando Lange, das heute unter dem Be- bis März 1943 und April 1944 bis Januar 1945)
fehl des SS-Hauptsturmführers Kriminalkom- wurden im Vernichtungslager Chełmno (be-
missar Bothmann steht und als Sonderkom- stehend aus dem sogenannten Schloss und
mando in Kulmhof, Kreis Warthbrücken, sei- dem Waldlager) mindestens 152.000 Men-
ne Tätigkeit am Ende d. Mts. einstellt, be- schen getötet, vor allem Juden aus dem War-
sucht, und dabei eine Haltung der Männer thegau und insbesondere aus dem Ghetto in
des Sonderkommandos vorgefunden, die ich Łódź, aber auch Sinti und Roma aus dem
nicht verfehlen möchte, Ihnen, Reichsführer- Burgenland, russische Kriegsgefangene und
SS, zu gefälligen Kenntnis zu bringen. Die tschechische Kinder aus Lidice.
Männer haben nicht nur treu und brav und in Aber nicht nur bezogen auf seine Lage, den
jeder Beziehung konsequent die ihnen über- frühen Zeitpunkt der Inbetriebnahme des La-
tragene schwere Pflicht erfüllt, sondern dar- gers und die eingesetzte Tötungstechnik er-
über hinaus auch noch haltungsmäßig bestes weist sich das Vernichtungslager Chełmno
Soldatentum repräsentiert“ (S. 124). Mit der als Sonderfall. Auch forschungsgeschichtlich
in jeder Beziehung konsequent durchgeführ- betrachtet nimmt Chełmno eine Sonderstel-
ten Pflicht umschreibt Greiser die Tätigkeit lung unter den nationalsozialistischen Ver-
des Personals im Vernichtungslager Chełm- nichtungslagern ein. Im Vergleich zu den
no. Das kleine polnische Dorf, das nach dem anderen Lagern ist der Forschungsstand zu
Überfall Deutschlands auf Polen den deut- Chełmno als dürftig zu bezeichnen. Es lie-
schen Namen Kulmhof erhielt, liegt im Kreis gen wenige Publikationen zu diesem La-
Kolo am Fluss Ner, rund 70 Kilometer nord- ger vor. Die einzige monographische Unter-
westlich von Łódź. Bis zum Kriegsausbruch suchung ist eine polnische Publikation von
1939 lebten dort rund 250 polnische Bauern. 1946.1 Der Autor ist ein Richter, der Chełm-
Nachdem sie größtenteils vertrieben worden no im Rahmen der Kommission zur Unter-
waren, wurden im Dorf vor allem „Heim-ins- suchung deutscher Kriegsverbrechen in Po-
Reich-geholte“ Wolhynien-Deutsche angesie- len untersuchte. Hinzu kommen einige deut-
delt. sche Beiträge, darunter jener von Shmuel Kra-
Das in Chełmno eingerichtete Vernich- kowski in der 1983 erschienenen Dokumen-
tungslager unterscheidet sich durch mindes- tation „Nationalsozialistische Massentötung
tens drei Merkmale wesentlich von den ande- durch Giftgas“.2 Erst in jüngster Zeit findet
ren fünf nationalsozialistischen Vernichtungs- das Vernichtungslager Chełmno größere Auf-
lagern. Es war im Unterschied zum Gene-
ralgouvernement das einzige Vernichtungs- 1 Władysław Bednaz, Obóz straceń w Chełmnie nad Ne-
lager, das in dem nach dem Polenfeldzug rem, Warschau 1946. Deutsche Übersetzung: Das Ver-
dem Deutschen Reich eingegliederten Reichs- nichtungslager zu Chełmno am Ner, Warschau 1949.
2 Shmuel Krakowski: In Kulmhof. Sationierte Gaswa-
gau Wartheland bestand. In Chełmno wurde gen, in: Eugen Kogon u.a. (Hrsg.), Nationalsozialisti-
am 8. Dezember 1941, und damit am frühe- sche Massentötung durch Giftgas. Eine Dokumentati-
on, Frankfurt am Main 1983, S. 110-145, 313f.

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merksamkeit in der Forschung.3 gau zu stellen, wobei er besonders auf die Ge-
Der unbefriedigende Forschungsstand, die schichte der Ghettos in Łódź eingeht. Beiden
langjährige Beschäftigung mit dem Komplex Anliegen dienen die im Anhang bereitgestell-
Chełmno und offensichtlich auch der biogra- ten Karten, ein Lageplan des Lagers, zeitge-
phische Bezug zu den Geschehnissen bilden nössische Fotos über die Deportationen aus
den Ausgangspunkt für die von Shmuel Kra- dem Ghetto Łódź sowie Bilder der in Chełm-
kowski vorgelegte Studie. Dabei greift der zu- no eingerichteten Gedenkstätte.
nächst als Chefarchivar am Jüdischen Histori- Die eher mit Empathie für die Opfer berich-
schen Institut in Warschau und dann als Di- tende und zitierende als analysierende Studie
rektor des Yad Vashem-Archivs in Jersualem ist in insgesamt neun chronologisch angeord-
tätige Historiker auf drei Quellengruppen zu- nete Kapitel gegliedert. Zunächst wird die Ge-
rück. Erstens zieht er die spärliche polnische, schichte der jüdischen Bevölkerung auf dem
hebräische, jiddische sowie deutsche Litera- Gebiet des Reichsgaus Wartheland vor dem
tur (Quelleneditionen, Forschungsergebnisse Zweiten Weltkrieg bis zum Beginn der Ver-
und Selbstzeugnisse) heran. Gerade letzte- nichtung knapp umrissen. Die Errichtung des
re entspricht aber nicht immer dem neus- Lagers, die ersten Deportationen und der Be-
ten Forschungsstand.4 Hinzu kommt zwei- ginn der Tötungen in Chełmno, die „Liqui-
tens die aufgrund der im Januar 1945 vom dierung der Gemeinden in den Provinzstäd-
Lagerpersonal vorgenommenen gezielten Ak- ten“ sowie die Phasen der Deportationen aus
tenvernichtung nur geringe Zahl an überlie- dem Ghetto Łódź bis zur endgültigen Liqui-
ferten Dokumenten. Und schließlich wertet dierung des Ghettos im Frühjahr 1944 werden
Krakowski drittens vor allem die im Yad- in den folgenden Kapiteln geschildert. Spä-
Vashem-Archiv als Kopien vorliegenden Un- testens hier wäre der Ort gewesen, wo auf
terlagen von unterschiedlichen polnischen die Sonderstellung des Lagers Chełmno im
Ausschüssen zur Untersuchung von Naziver- Rahmen der nationalsozialistischen Vernich-
brechen sowie die Verfahren aus, die seit 1959 tungslager hätte deutlicher eingegangen wer-
vor deutschen Gerichten gegen Verantwort- den können. Mit der eingesetzten Tötungs-
liche des Massenmordes im Warthegau so- technik der Gaswagen, welche die Studie nur
wie gegen Angehörige des Lagerpersonals in randständig streift, und dem Lagerpersonal
Chełmno durchgeführt worden sind. erweist sich Chełmno nämlich als wichtiges
Von dieser Quellengrundlage ausgehend, Bindeglied zwischen dem nationalsozialisti-
aus der insbesondere Zeugenaussagen und schen Euthansieprogramm und dem seit En-
Selbstzeugnisse (viel zu) ausgiebig zitiert de 1941 in den Vernichtungslagern industri-
werden, ist es Ziel der Studie, nicht nur die ell durchgeführten Genozid. Dem Raub jü-
Geschichte des Lagers, also seine Entstehung, dischen Besitzes, der Auflösung des Lagers
die Organisation, das Personal, die Zustän- im Januar 1945 und der gerichtlichen Ver-
digkeiten, die gerichtliche Verfolgung der Tä- folgung der Täter geht die Studie jeweils in
ter und die Formen der Erinnerung an das einem eigenen Kapitel nach. Im Nachwort
Lager darzustellen. Krakowski versucht auch legt Krakowski eine bereits bekannte Bilanz
die Geschichte des Lagers in den Kontext des der Opferzahlen vor, versucht Besonderhei-
Vernichtungsprozesses der Juden im Warthe- ten des nationalsozialistischen Völkermords
im Warthegau zu benennen, um abschließend
3 Lucja Pawlicka-Nowak (Hrsg.), The Extermination
in Stichworten die Geschichte der Erinnerung
Center für Jews in Chełmno-on-Ner in the Light of an das Vernichtungslager zu schildern, deren
the Latest Research. Symposium Proceedings, Sep- vorerst letzte Station das 1990 eröffnete Muse-
tember 6-7, 2004. Konin 2004; Peter Klein, Kulm- um darstellt.
hof/Chełmno, in: Wolfgang Benz / Barbara Dies-
tel (Hrsg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der na- Krakowski kann mit seiner Studie das
tionalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 8: Riga- selbst gesteckte Ziel, den Informationsstand
Kaiserwald, Warschau, Vaivara, Kauen (Kaunas), Plas- zum Vernichtungslager Chełmno zu erwei-
zów, Kumhof/Chełmno, Belzec, Sobibór, Treblinka, tern und zu vervollständigen sowie auf den
München 2008, S. 301-328.
4 Vgl. u.a. Michael Alberti, Die Verfolgung und Vernich- „gebührende(n) Stellenwert der Tragödie von
tung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939-1945, Chełmno“ (S. 10) im Rahmen des national-
Wiesbaden 2006.

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S. Krakowski: Das Todeslager Chełmno/Kulmhof 2009-1-108

sozialistischen Vernichtungsprogramms auf-


merksam zu machen, sicher erreichen. Die mit
dem Titel suggerierte Geschichte des Vernich-
tungslagers Chełmno liegt damit aber (noch)
nicht vor. Sie bleibt ein Desiderat der For-
schung.

HistLit 2009-1-108 / Mathias Beer über


Krakowski, Shmuel: Das Todeslager Chełm-
no/Kulmhof. Der Beginn der „Endlösung“. Göt-
tingen 2007, in: H-Soz-u-Kult 07.02.2009.

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