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B. M.

Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg 2009-3-223

Felder, Björn Michael: Lettland im Zweiten me und die folgende, mit Terror und umfang-
Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deut- reichen Deportationen einhergehende Sow-
schen Besatzern 1940-1946. Paderborn: Ferdi- jetisierung in Lettland – nicht nur in der
nand Schöningh Verlag 2009. ISBN: 978-3- Hauptstadt Riga. Hinterfragt wird in die-
506-76544-4; 404 S. sem Zusammenhang vor allem die sowjeti-
sche Rechtfertigungspropaganda, die bestrebt
Rezensiert von: Rayk Einax, Friedrich- war, Legitimität und Ordnung zu simulieren.
Schiller-Universität Jena Der sowjetische Einmarsch sei gerade unter
Nichtletten, das heißt den jüdischen und rus-
Erst war das Baltikum vor genau 70 Jah- sischstämmigen Einwohnern des Landes auf
ren Verhandlungsobjekt im Hitler-Stalin-Pakt, Zustimmung gestoßen. Vor allem diese eth-
und anschließend diente es als die Schau- nischen Minderheiten hätten die sowjetische
bühne der brutalen Auseinandersetzung zwi- Besatzer auf Grund unterschiedlicher Moti-
schen dem nationalsozialistischen und dem vationen zunächst für sich mobilisieren kön-
stalinistischen Regime. Dem Autor Björn Fel- nen. Dies führte zu einer augenfälligen Un-
der zufolge nahmen die von „nationalen terbesetzung der Partei- und Staatsorgane mit
Katastrophen“ (S. 15) heimgesuchten balti- Letten, wenn man den entsprechenden Mit-
schen Nationen jedoch kaum Unterschiede in gliedsstatistiken trauen kann. Im ethnischen
der Herrschaftspraxis der Okkupationsmäch- Verständnis Stalins bzw. der Bolschewiki ent-
te wahr. Beide Besatzer hatten totale gesell- wickelten sich Letten dagegen, neben anderen
schaftliche Umwälzungen samt der Mittel ih- Nationalitäten, schrittweise zu einer „Feind-
rer repressiven Umsetzung im Marschgepäck. nation“, was auch der in der Sowjetunion
Den neu an die Macht gekommenen Eliten, verbliebenen lettischen Bevölkerung in den
auf die beide ihre Herrschaft stützen konnten, 1930er-Jahren schmerzhaft bewusst gemacht
wurde hingegen die Selbstbestimmung wei- worden sei. Lediglich einige lettische Kom-
testgehend verweigert. Leidtragende der Auf- munisten, allesamt Sympathisanten der sta-
teilung Ostmitteleuropas sowie des anschlie- linistischen Ordnungsvorstellungen, dienten
ßenden Weltkrieges waren vor allem Zivilis- der Machtübernahme als Feigenblatt. Lett-
ten. land habe unter diesem Gesichtspunkt jeden-
In der vorliegenden Dissertationsschrift falls langfristig vor der Entwicklung zu einer
steht Lettland also als pars pro toto, das heißt, ethnisch separierten „sowjetischen Republik
es ist ein überaus anschauliches Beispiel für der Nichtletten“ (S. 99) gestanden.1
den von außen in die gesamte Region hin- Breiten Raum widmet der Autor den Er-
eingetragenen Furor ab 1939, der auch 1946 eignissen im „Jahr des Grauens“ 1940/412 ,
noch kein Ende fand. Der Vergleich zwischen denen im heutigen Lettland durchaus Quali-
der nationalsozialistischen und der stalinis- täten eines „Genozids“ bescheinigt werden.3
tischen Besatzungspraxis ist folgerichtig und Um politische Gegner verfolgen und po-
soll vor allem ethnische Raster in der Wahr- tentiellen Widerstand ersticken zu können,
nehmung des beherrschten Landes und den war die rechtzeitige Feinderkennung und
kolonialen Umgang mit der ansässigen Be- -vernichtung im stalinistischen Regime tradi-
völkerung sichtbar machen. Die „Okkupa- tionell von großer Bedeutung. Darunter fie-
tionen“ werden nicht zuletzt aus der Per- len eben auch pauschal verschiedene Ethni-
spektive der lettischen Bevölkerung sowie de-
ren Handlungsoptionen und -motiven dar- 1 Vgl. Daina Bleiere u.a. (Hrsg.), History of Latvia. The
gestellt. Der schnelle und unübersichtliche 20th Century, Riga 2006, S. 243-271.
2 Diese Bezeichnung ist auch Titel einer NS-
Wechsel der Herrschaft macht sinnfällig, dass
Propagandaschrift aus dem Jahr 1943, in der die
simple Täter-Opfer-Schablonen hierbei unge- sowjetischen Verbrechen in den Jahren 1940/41 ausge-
eignet sind. schlachtet werden sollten. Siehe: Das Jahr des Grauens.
Ausgehend vom Hitler-Stalin-Pakt und der Lettland unter der Herrschaft des Bolschewismus
anschließenden Kongruenz der Ereignisse 1940/41, hrsg. v. Paul Kovaļevskis u.a. Riga 1943.
3 Vgl. Markus Lux, „Das Jahr des Grauens“. Die Aus-
1939-1941 in Finnland, Estland, und Litauen einandersetzung mit der Vergangenheit in Lettland, in:
schildert Felder detailliert die Machtübernah- Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47 (1999), S. 807-
818.

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en. Deshalb hatten die Massendeportationen zurück. Bemühungen, auf diese Weise, oder
vom Mai 1941 ihre eigene, entsetzliche Lo- durch die Aufstellung einer „Lettischen Legi-
gik und hätten somit die „Grundlinien stali- on“ der SS wenigstens einige Zugeständnis-
nistischer Bevölkerungspolitik“ (S. 140) deut- se und mehr Autonomierechte von der deut-
lich aufgezeigt. Wie Felder durch verschie- schen Besatzungsverwaltung zu erhalten, hät-
dene Beispiele ausführt, sei den Letten unter ten sich aber bis Kriegsende nicht ausgezahlt.
der als „russisch“ empfundenen Fremdherr- Angesichts der Erfahrungen mit der sow-
schaft – in Anbetracht des eklatanten Mangels jetischen Besatzungszeit stieß aber auch ein
an einheimischen Kadern in der Kommunis- weiteres Ziel auf breite Zustimmung: die eth-
tischen Partei und in der Verwaltung – nichts nische Homogenität Lettlands. Neben der
anderes übriggeblieben, als sich entweder den offenbaren Machtlosigkeit sei nicht zuletzt
neuen Verhältnissen anzupassen, mit all den aus diesem Grund kaum Widerstand ge-
hässlichen Erscheinungen der Kollaboration gen die antisemitische Ausrottungspolitik der
und des Konjunkturrittertums, oder aber, wo deutschen Besatzer erfolgt, teilweise wurde
dies überhaupt möglich war, sich dezent zu sich sogar aktiv an der Judenverfolgung be-
verweigern. teiligt.5 Dennoch waren verschiedene For-
Wie der nächste Abschnitt anführt, war be- men widerständigen Verhaltens anzutreffen.
reits im „Generalplan Ost“ dokumentiert, was In diesem theoretisch unzureichend reflek-
diesem Teil des europäischen Kontinents von tierten Kapitel geht Felder auf diverse Phä-
Seiten einer nationalsozialistischen Besetzung nomene ein – von Protesten gegen die mi-
drohte.4 Die rassistisch-ideologischen Grund- serable Versorgungslage, Ausplünderungen,
lagen des Planes zeigten auch den Weg in die Nepotismus, Zwangsrekrutierungen zum Ar-
Siedlungs- und Vernichtungspolitik auf letti- beitsdienst und der alltäglichen rassischen
schem Boden 1941-1945 auf. Wichtiges Mo- Abwertung der lettischen Bevölkerung über
ment bei der Einbindung der lokalen Bevöl- national-patriotische Manifestationen an den
kerung in den Holocaust war die propagan- Feiertagen und der individuellen Hilfe für Ju-
distische Aufstachelung gegen „Juden“ und den und sowjetische Kriegsgefangene bis hin
„Kommunisten“ und die Aufstellung von zu offener Verweigerung und Fahnenflucht.
(para-)militärischen Formationen wie dem Darüber hinaus bildeten sich illegale Organi-
„Arājs-Kommando“, welche dabei helfen soll- sationen und politische Sammlungsbewegun-
ten, die nationalsozialistische Vernichtungs- gen.
politik vor Ort umzusetzen. An dieser Stelle Den Abschluss bilden Ausführungen über
lässt der Autor eine detaillierte organisatori- die Wiedereroberung Lettlands ab 1942. Be-
sche Studie einfließen. Sie unterstreicht den reits zu diesem frühen Zeitpunkt begann sich
rassistischen Charakter, von dem der neue laut Felder die sowjetische Untergrundbewe-
Besatzungsalltag im Gegensatz zur vorran- gung zu regen. Diese sorgte für eine zu-
gegangenen sowjetischen Episode grundle- sätzliche Verschärfung der alltäglichen Ge-
gend geprägt war. Die Bereitschaft der ein- walt und richtete ihren Terror von Beginn an
heimischen Kollaborateure wie zum Beispiel auch gegen die Zivilbevölkerung. Die erneut
der „Donnerkreuzler“ zur Zusammenarbeit einsetzende Sowjetisierung nach 1944 wird
und ihre ambivalente Rolle seien heute nur nur kursorisch ausgeführt, sind doch die Ent-
vor dem Hintergrund ihrer nationalen und wicklungen anhand vieler ähnelnder Aspek-
antikommunistischen Überzeugungen zu be- te schon 1940/41 – wenn damals auch unter
greifen. Antisowjetische und antikommunis- verschärften politischen und chronologischen
tische Einstellungen waren innerhalb der ge- Bedingungen – abzulesen. Die Nachkriegs-
samten (lettländischen) Gesellschaft Konsens. jahre sind so ebenfalls von der elementaren
Nicht zuletzt deswegen kehrten viele Beam- Erfahrung von Gewaltregime und Deportati-
te, die bereits bis 1940 unter dem autoritär- onszügen geprägt. Allerdings regte sich da-
en Staatsführer Ulmanis gedient hatten, un- gegen bis Anfang der 1950er-Jahre bewaffne-
ter deutscher Befehlshoheit auf ihre Posten 5 Vgl.Andrew Ezergailis, The Holocaust in Latvia 1941-
1944. The Missing Center, Riga 1996; Andrej Angrick;
4 Zur nationalsozialistischen Besetzung Lettlands vgl. Peter Klein, Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und
Bleiere u.a. (Hrsg.), History, S. 263-322. Vernichtung 1941-1944, Darmstadt 2006.

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B. M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg 2009-3-223

ter Widerstand.6 Somit habe mit dem Sieg der suchung lettischer Erfahrungshorizonte unter
Sowjetunion der 2. Weltkrieg für Lettland am deutscher und sowjetischer Besatzungswill-
8. Mai 1945 noch lange nicht geendet, son- kür ist sie bis dato die zeitlich kompakteste
dern war lediglich Ausgangspunkt für erneu- und umfangreichste Darstellung.
ten Terror und für eine stetig zunehmende
Russifizierung der Gesellschaft. HistLit 2009-3-223 / Rayk Einax über Felder,
Die Ergebnisse der Studie bestätigen in vie- Björn Michael: Lettland im Zweiten Weltkrieg.
lerlei Hinsicht die Positionen der „Historiker- Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern
kommission Lettlands“ bzw. deren Publika- 1940-1946. Paderborn 2009, in: H-Soz-u-Kult
tionen.7 Dies gilt auch für den etwas infla- 23.09.2009.
tionären Gebrauch des Totalitarismusbegriffs,
ohne dass dies eingehender thematisiert wird.
Wenn aber durchweg und ganz beiläufig die
Rede von totalitären „Mächten“, „Okkupa-
tionen“, „Großmächten“, „Herrschern“ und
„Besatzungsregimen“ ist (zum Beispiel S. 15-
25), kommt der Leser hierzulande ohne eine
ausreichende Definierung oder Kontextuali-
sierung schon ein wenig ins Grübeln. Auffäl-
lig ist zudem die durchgängige Verwendung
der deutschen Ortsnamen (zum Beispiel Ro-
sitten statt Rēzekne), auch wenn es in Lettland
zu diesem Zeitpunkt kaum noch Deutschbal-
ten gab, und dies im sowjetischen Kontext erst
recht etwas seltsam anmutet. Gelungen sind
die vielfachen Querblenden auf das Schick-
sal der anderen baltischen Staaten oder auf
die gesamte Sowjetunion, deren Bevölkerung
in eben diesen Jahren gleichfalls unter Ter-
ror und Deportationen zu leiden hatte. Kom-
plettiert wird der Band von einigen Schwarz-
Weiß-Fotografien.
Um bei dem insgesamt wohlwollenden Fa-
zit zu bleiben: Im Vergleich zu den anderen
baltischen Ländern liegt mit dieser Monogra-
fie eine aufwändig quellenrecherchierte Stu-
die vor. Gerade durch die symbiotische Unter-
6 Vgl. Bleiere u.a. (Hrsg.), History, S. 323-371.
7 Vgl. The Hidden and Forbidden History of Latvia un-
der Soviet and Nazi Occupations 1940-1991. Selected
Research of the Commission of the Historians of Lat-
via, hrsg. vom Institute of the History of Latvia, Uni-
versity of Latvia, Riga 2005; zum Thema 2. Weltkrieg
und die aktuelle Erinnerungskultur in Lettland siehe
u. a. Latvijas Okupācijas Muzejs. Latvija zem Padomju
savienı̄bas un nacionālsociālistiskās Vācijas varas 1940-
1991, Museum of the Occupation of Latvia. Latvia un-
der the Rule of the Soviet Union and National Socialist
Germany 1940-1991, Rı̄ga 2002; Eva-Clarita Onken, De-
mokratisierung der Geschichte in Lettland. Staatsbür-
gerliches Bewusstsein und Geschichtspolitik im ersten
Jahrzehnt der Unabhängigkeit, Hamburg 2003; dies.,
Wahrnehmung und Erinnerung. Der Zweite Weltkrieg
in Lettland nach 1945, in: Mythen der Nationen. 1945 –
Arena der Erinnerungen, hrsg. von Monika Flacke, Bd.
2, Mainz 2004, S. 671-692.

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