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Historikerkommission

zu den Luftangriffen auf Dresden


zwischen dem 13. und 15. Februar 1945

Die Zerstörung Dresdens durch alliierte Luftangriffe im Februar 1945 ist


zu einem weltweit bekannten Symbol für Krieg und Gewalt gegen die
Zivilbevölkerung geworden. Die Ursachen für diese Symbolwerdung sind
komplex: Neben der Dimension der Zerstörung selbst ist das Symbol
Dresden durch eine sofort einsetzende und anhaltende propagandisti-
sche Nutzung des historischen Geschehens geprägt worden. In diesem
Kontext spielte bereits ab Februar 1945 die Zahl der bei den Luftangrif-
fen auf Dresden getöteten Menschen eine wesentliche Rolle.

Trotz einer jahrzehntelangen, weit über Deutschland hinaus geführten


Diskussion blieb diese Zahl Gegenstand für Spekulationen und Argu-
mentationen durch verschiedene Interessengruppen. Sie ist bis heute
nicht abschließend festgestellt worden. Dies ermöglicht es, die Zahl der
in Dresden getöteten Menschen für politische Zwecke zu instrumentali-
sieren.

Oberbürgermeister Ingolf Roßberg hat deshalb am 24. November 2004


eine Historikerkommission aus namhaften Wissenschaftlern einberufen
und die Leitung der Kommission übernommen. Als wissenschaftlicher Lei-
ter wurde Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller (Militärgeschichtliches Forschungs-
amt der Bundeswehr) berufen.
Impressum

Landeshauptstadt Dresden

Ziel der Kommissionstätigkeit ist primär die möglichst genaue Ermitt- Der Oberbürgermeister
Historiker­kommission zu den
Luft­angriffen auf Dresden zwischen
lung der Zahl der Toten der Luftangriffe auf Dresden zwischen dem dem 13. und 15. Februar 1945
 Wissenschaftlicher Leiter:

13. und 15. Februar 1945. Dabei sind vor allem nicht oder nicht vollständig Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller
 Konzept und Redaktion:
Matthias Neutzner
erschlossene Quellen aufzubereiten und mit modernen Methoden kritisch Kontakt

auszuwerten. Ebenso sollen Hypothesen überprüft werden, die von einer


 Postanschrift:
Landeshauptstadt Dresden.
Geschäftsbereich Oberbürger-

deutlich höheren als der bisher angenommenen Opferzahl ausgehen. meister


Historikerkommission
PF 12 00 20
01001 Dresden

Mit dem Stadtratsbeschluss vom 18. Januar 2007 wurden die Arbeits-  Fax: 0351-488-2052
 E-Mail:
grundsatzfragen-controlling@
schwerpunkte und Ziele der Kommissionstätigkeit präzisiert. dresden.de
Mitglieder, Arbeitsstrukturen
und Finanzierung

Mitglieder Arbeitsstrukturen Öffentlichkeitsarbeit


 Götz Bergander, Berlin Die Kommission verfolgt einen multiperspekti- Die Öffentlichkeit wurde mehrfach durch Presse-
 Dr. Horst Boog, Steegen vischen und interdisziplinären Ansatz, der auf einer aufrufe um Unterstützung der Arbeit der Kommis-
möglichst breiten fachlichen Grundlage untersucht sion gebeten. Dazu gingen zahlreiche Hinweise
 Wolfgang Fleischer
wird. Um dabei eine effiziente Arbeitsweise der ein, die schrittweise aufgearbeitet werden.
(Militärhistorisches Museum der
Untersuchungskommission zu gewährleisten, bil-
Bundeswehr Dresden) Die Arbeit der Kommission wird mit großem Inter-
dete die Kommission vier Projektgruppen mit selb-
 Thomas Kübler esse von lokalen, nationalen und auch internationa-
ständigen Arbeitsschwerpunkten, die sich unter-
(Stadtarchiv Dresden) len Medien verfolgt. Das Publizieren der Ergebnisse
einander regelmäßig abstimmen:
nach Abschluss der Arbeiten ist ein wesentlicher
 Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller  Teilprojekt Statistisch-geografische Analyse Bestandteil der Kommissionstätigkeit.
(Militärgeschichtliches Forschungsamt der
 Teilprojekt Statistiken im Vergleich
Bundeswehr Potsdam) Am 26. April 2006 hat die Kommission einen öffent-
 Teilprojekt Prüfung der relevanten dokumenta- lichen Workshop durchgeführt, um ihre Arbeitsme-
 Matthias Neutzner, Dresden
rischen Überlieferung/Genesis der Totenzahl thoden und den aktuellen Arbeitsstand vorzustel-
 Dr. Rüdiger Overmans, Freiburg
 Teilprojekt Oral History len. Die Beiträge des Workshops sind im Internet
 Dr. Alexander von Plato (Institut für Geschichte veröffentlicht (www.dresden.de/13.februar).
und Biographie, Fernuniversität Hagen)
 Friedrich Reichert Finanzierung
(Stadtmuseum Dresden)
 Nicole Schönherr Die Forschungsleistungen der Kommission werden
(Frauenstadtarchiv und Zeitzeugenarchiv zu einem erheblichen Anteil als Eigenleistungen
Dresden) der Mitglieder erbracht. Die darüber hinaus anfal-
lenden Sach- und Personalkosten werden aus fol-
 Dr. Helmut Schnatz, Koblenz
genden Quellen finanziert:
 Dr. Thomas Widera
 Haushaltsmittel der Landeshauptstadt
(Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismus­
Dresden: 92.000 EUR
forschung e.V. an der TU Dresden)
(Beschluss des Dresdner Stadtrates
vom 18. Januar 2007)
 Veranstaltungsbüro Stadtjubiläum
Dresden 2006: 17.000 EUR
 Thyssen-Stiftung: 30.000 EUR
 ERTOMIS-Stiftung: 20.000 EUR

Es sollen weitere Drittmittel eingeworben werden.


Teilprojekt
Statistisch-geografische Analyse
Leitung: Matthias Neutzner

Ziele des Teilprojektes Im Rahmen des Teilprojektes entstehen zudem 100%

Datenbanken und Kartenwerke, die für die Arbeit 90%

Das Teilprojekt zielt darauf, die realgeschicht­lichen der Stadtverwaltung über den Kommissions- 80%

Abläufe der Luftangriffe auf Dresden im Februar zweck hinaus von Bedeutung sind – so unter 70%

anderem für Auskünfte und Beurkundungen im


60%

1945, insbesondere die Ber­­g­ung und Bestattung 50%

der Luftkriegs­toten, mit statistisch-geografischen Personenstandswesen.


40%

Metho­den zu untersuchen. 30%

20%

Es soll also versucht werden, alle relevanten ver­füg­ Ein Beispiel: 10%

baren personen- und ortsbezogenen Informationen 0%

Totenkartei 13. Februar 1945

13.02.1945

20.02.1945

27.02.1945

06.03.1945

13.03.1945

20.03.1945

27.03.1945

03.04.1945

10.04.1945

17.04.1945

24.04.1945

01.05.1945
zu erfassen und mit Hilfe von Datenbanken und
eines geografischen Informations­systems (GIS) Zeitlicher Verlauf der Bergung der Luftkriegstoten in Dresden. Dargestellt ist der kumulative prozentuale Anteil der zum
angegebenen Datum geborgenen Toten (100% = Gesamtzahl der auf den bisher ausgewerteten Karteikarten ausgewie-

auszuwerten. Solche Informationen – beispiels- Die Datenerfassung im Rahmen des Teilprojektes senen Toten, für die ein Auffindungsdatum angegeben wurde)
Quelle: Totenkartei 13. Februar 1945, Urkundenstelle des Standesamtes Dresden, Erfassungsstand 31.12.2006

weise die verschiedenen Aktenüberlieferungen der hat seit Mitte 2006 bereits begonnen. Erfasst und (718 von 7.301 Karteikarten)

Urkun­den­­stelle des Dresdner Standesamtes, der ausgewertet wird aktuell unter anderem die soge-
Beispiele für Informationen über Kriminalpolizei erfolgte in den frühen
Dresdner Friedhofsverwaltungen, des Sächsischen nannte «Totenkartei 13. Februar 1945», die in der Morgenstunden des 14. Februar 1945,
die Luftkriegstoten
Hauptstaatsarchivs sowie des Dresdner Stadtar- Urkundenstelle des Dresdner Standesamtes lagert. spätestens ab 4 Uhr morgens. Im Ver-
laufe der ersten Woche waren 50 Pro-
chivs – sind bislang nicht systematisch ausgewer- Sie umfasst 7.301 Karteikarten mit Informationen  Alter: Zwei Drittel (66 Prozent) der in zent der auf den Karteikarten erfass-
den ausgewerteten Karteikarten ver- ten Toten registriert worden, bis Ende
tet worden. über zumeist identifizierte Tote, die mit den Luft- zeichneten Toten waren Erwachsene im Februar 1945 (also binnen etwa zwei
Alter zwischen 18 und 60 Jahren. Etwa
angriffen auf Dresden in Verbindung gebracht wer- sechs Prozent der Toten waren Kinder
Wochen) 63 Prozent.

Nach dem Ende der ersten Märzwo-


den. Die Ausstellung der Karteikarten erfolgte in unter 18 Jahren; etwa 28 Prozent älter
che 1945 reduzierte sich die täglich neu
als 60 Jahre.

Erwartete Ergebnisse Verantwortung der Kriminalpolizei, die allein für die  Geschlecht: Die verzeichneten Toten
hinzukommende Zahl von registrierten
Toten deutlich. Anstiege sind jeweils
Identifizierung von Toten zuständig war. Die Karten verteilten sich zu fast gleichen Teilen nach den neuerlichen Luftangriffen vom
auf Frauen (51 Prozent) und Männer (48 2. März 1945 und vom 17. April 1945 zu
 Mit einer personen-, orts- und zeitgenauen wurden entweder unmittelbar nach dem Auffinden Prozent). Für zwei Prozent der verzeich- verzeichnen. Bis zum Kriegsende waren
neten Toten liegen keine Informationen
Kar­tierung der Fund- und Bestattungsorte sowie von Toten an den Fundorten oder auf Sammelplät- zum Geschlecht vor.
92 Prozent der auf den Karteikarten
verzeichneten Toten registriert worden.

vieler weiterer dokumentarisch überlieferter Infor- zen in doppelter Ausfertigung ausgestellt. Bei den  Wohnort: 85 Prozent der verzeichne- Die Aufzeichnungen über Totenfunde
auf den bislang ausgewerteten Kartei-
mationen kann erstmals der Ablauf der Bergung im Standesamt erhaltenen Karten handelt es sich ten Toten waren in Dresden wohnhaft.
karten reichen bis 1948.
Drei Prozent der Getöteten hatten ihren

und Bestattung von Luftkriegstoten rekonstruiert in der Regel um die zweite Ausfertigung, die für Wohnsitz in den deutschen Ostgebie-  Beteiligte Beamte: Alle Karten wur-
ten (zumeist in Schlesien). Weitere vier
werden. einen vorgeschriebenen Bearbeitungsweg durch Prozent der Toten stammten aus ande-
den durch Beamte der Kriminalpolizei
oder Schutzpolizei ausgestellt. Ver-
verschiedene Institutionen vorgesehen war. Die ren Städten und Gemeinden in Sach- zeichnet sind dabei Beamte aus nahezu
sen. Für etwa sechs Prozent wurde der allen Dresdner Schutzpolizeirevieren,
 Mit dem softwaregestützten Abgleich der Infor- Erstausfertigung der Karten verblieb beim Toten. Wohnort nicht ermittelt oder nicht ver- ab Anfang März 1945 ein Kommando
zeichnet.
mationen aus den unterschiedlichen Datenüber- auf dem Dresdner Johannisfriedhof
sowie mehrere noch nicht identifizierte
lieferungen können erstmals Indikatoren für die Bis Ende 2006 wurde durch zwei Standesbeam- Bei der Interpretation dieser Angaben
Dienststellen oder Kommandos.
muss berücksichtigt werden, dass in

Bewertung der Qualität der dokumentarischen tinnen der Inhalt von 718 Karteikarten rekonstru- der Kartei fast ausschließlich identifi-  Verteilung der Bestattung auf die
zierte Tote verzeichnet sind. Informati-
Überlieferungen gewonnen werden. Nur auf die- iert, in Zweifelsfällen mit dem Sterberegister abge- onen zu nicht identifizierten Toten wur-
Friedhöfe: Auf allen Dresdner Friedhö-
fen sind Tote der Luftangriffe bestat-

sem Wege ist es möglich, die Pauschalkritiken an glichen und in einer Datenbank erfasst. Damit den bislang noch nicht ausgewertet. tet worden, wenngleich eine deutliche
Mehrheit der Getöteten auf den Hei-
den Zahlenangaben der Stadtverwaltung zu bewer- waren zu diesem Zeitpunkt etwa ein Zehntel der Beispiele für Informationen defriedhof oder den Johannisfriedhof

Karteikarten elektronisch verzeichnet worden. Die- zum Verlauf von Bergung und verbracht wurden. Für etwa 41 Prozent
ten, die seit Jahrzehnten die öffentliche Diskussion Bestattung der Luftkriegstoten der auf den Karteikarten verzeichne-

bestimmen. ser Datenbestand wurde nun punktuell ausgewer- ten Toten wird als Bestattungsort der
Heidefriedhof angegeben. Davon sind
tet. Die auf diese Weise gewonnenen Aussagen Die Auswertung der Karteikarten ergibt
für mehr als zwei Drittel Grabnummern
erstmals Informationen über die mittels
 Nach dem Abschluss der Datenerfassungen wird sind nicht repräsentativ für den Gesamtbestand Archivdokumenten kaum rekonstruier-
ausgewiesen. Neun Prozent der ver-
zeichneten Toten wurden zum Johan-
baren Vorgänge bei der Bergung der
außerdem geprüft werden, ob Zusammenhänge und erlauben noch keine Aussagen zur Gesamt- Luftkriegstoten nach dem 13. Februar
nisfriedhof verbracht. Ab dem 14. Feb-
ruar wird für weitere neun Prozent der
zwischen Infrastrukturdaten und den verfügba­ren zahl der Dresdner Luftkriegstoten, ergeben jedoch 1945. Diese Informationen müssen
Altmarkt als Verbringungsort benannt.
durch weitere Auswertungen ergänzt
Informationen zum Bergungs- und Bestattungsge- bereits zahlreiche Informationen zum Verlauf von und überprüft werden. Auch bei diesen Zwischenergebnis-
sen muss beachtet werden, dass bis-
schehen statistisch belegbar sind. Auch dies wird Bergung und Bestattung nach dem 13. Februar Im Folgenden sollen einige ausgewählte
her nur ein Teil der vorhandenen Kar-
Zwischenergebnisse genannt werden:
die Sicherheit in der Bewertung der summarisch 1945 und zu den bei den Luftangriffen auf Dresden ten der Totenkartei ausgewertet wurde
 Zeitlicher Verlauf der Bergung: und weitere Datenbestände noch keine
überlieferten Zahlenangaben wesentlich erhöhen. getöteten Menschen. Die Registratur erster Toter durch die Berücksichtigung fanden.
Teilprojekt
Prüfung der relevanten dokumentarischen
Überlieferung/Genesis der Totenzahl
Leitung: Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller

Ziele des Teilprojektes Beispiel 1: Beispiel 2:


Die Projektgruppe arbeitet nach dem «klassischen»
Die Rolle der Wehrmacht bei «Geheime Massengräber»
archiv- und geschichtswissenschaftlichen Verfah- der Feststellung und Überliefe- Bearbeiter: Helmut Schnatz
ren. Sie prüft die Überlieferung, Echtheit und Voll-
ständigkeit von Primärquellen oder ihrer Ersatz- rung von Opferzahlen Unter der Überschrift «Wurden hier 40.000 Leichen
überlieferung. Ein besonderes Problem stellen verscharrt?» berichtete die Dresdner BILD-Zeitung
mög­liche Fälschungen im Rahmen der Ersatzüber- Bearbeiter: Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller
am 5. Dezember 2005 von der These Dr. Wolf-
lieferung von Quellen oder von Gedächtnisprotokol- gang Schaarschmidts, der auf einem Luftbild vom
Nach den Februar-Luftangriffen auf Dresden waren
len wichtiger Zeitzeugen dar. Hier sind ergänzend 25. März 1945 «geheime Massengräber» südwest-
Tausende Wehrmachtsangehörige in der zerstörten
zur Textkritik von Sekundärquellen der Entste- lich des Dresd­ner Heidefriedhofs identifiziert hatte.
Stadt im Einsatz. In Erinnerungsberichten ehema-
hungszusammenhang, die Stringenz der Aussagen Die Kommission versucht, solche Thesen sorgfältig
liger Offiziere und Soldaten werden teilweise sehr
und die Seriosität der Verfasser zu prüfen. und objektiv zu prüfen. Im Ergebnis konnte die Ver-
hohe Zahlen der Dresdner Luftkriegstoten genannt.
Die Kommission geht diesen Überlieferungen nach. mutung Schaarschmidts nicht bestätigt werden.
Ziele des Teilprojektes sind die quantitative
und qualitative Bewertung der herangezogenen Sie decken sich jedoch weder mit den dokumen- Dr. Schaarschmidt stützte seine These dem 19. Dezember und Ende März

Bestände, Aussagen über die Gesamtüberlieferung tarischen Überlieferungen noch mit parallelen Erin- auf ein einziges Luftbild vom 25. März gearbeitet worden sein. Auf den Luft-
1945, das an der Südwestecke des bildern sind ältere Wege, die durch die

des Jahres 1945, die Beschreibung, Erklärung und nerungsberichten hochrangiger Offiziere. Heidefriedhofs, nördlich der Autobahn,
vier rechteckige Flecken aufweist, die
Bewertung von Lücken in der Überlieferung sowie sich aus dem dunklen Waldgebiet
deutlich abheben. Er deutete diese als
die Präsentation der Schlüsselquellen. geheime Massengräber.

Eine systematische Auswertung des


Durch die Einholung kriminal- und feuerwehr- vorhandenen Luftbildbestandes ergab
dagegen folgende Ergebnisse:
technischer Expertisen und durch Gutachten des
 Luftbild 31. Mai 1944: Das frag-
Kampfmittelbeseitigungsdienstes sowie Gesteins- liche Gelände ist, wie die gesamte

untersuchungen gilt es, den zahlreichen Mutma- Umgebung, noch mit Hochstämmen
bedeckt und erscheint gleichmäßig
ßungen – etwa die Möglichkeit der rückstandslosen dunkel. Ein winziger heller Fleck an
der linken unteren Ecke der späteren Flächen verlaufen, einzelne Reste der
Verbrennung von Menschen und der Behaup- «Massengräber» könnte u. U. ein Hin- ursprünglichen Bewaldung und ste-
Die Karte des Oberkommandos des Leben. Die diesbezüglichen Anga- hengebliebene Hochstämme in einigen
tungen der Zeitzeugen zu amerikanischen Tiefflie- Heeres (OKH) vom März 1945 weist für ben im Abschlussbericht des Befehls­
weis auf beginnende Arbeiten sein.
Flächen zu erkennen. Die vier Recht-
 Luftbild 7. Juli 1944: Auf der Auf-
gerangriffen am 14. Februar 1945 – nachzugehen. die Garnison Dresden eine Stärke von habers der Ordnungspolizei vom
nahme zeichnen sich jetzt deutlich zwei
ecke sind zudem durch stehengelas-
ca. 16.500 Mann aus. Auch im Februar 22. März 1945 konnten durch die Histo­ sene Bewaldungsstreifen voneinander
helle Flecken an der linken unteren
1945 besaß Dresden eine der größten rikerkommission anhand der Unter- getrennt. Ihre Ränder erscheinen nicht
Im Rahmen einer rezeptionsgeschichtlichen Ana- intakten Garnisonen des Deutschen lagen in der ehemaligen Wehrmacht- Ecke des Geländes ab. Demnach ist scharf von der umgebenden, stehen-
Reiches, die einen wichtigen Rückhalt Auskunftstelle in der Größenordnung gebliebenen Bewaldung abgeschnit-
lyse wird zudem die Genesis der öffentlich publi- für die Ostfront darstellte. bestätigt werden. ten, sondern weisen allmähliche Über-
zierten Totenzahlen nach­verfolgt. Ziel dabei ist es, Ihre Aufgabe bestand vor allem im Mehrere ehemalige Offiziere und Sol-
gänge auf.

die Entstehungszusammenhänge der Zahlenan- Ausbau der «Festung Dresden», in der daten geben in ihren Erinnerungsbe- Ein Vergleich mit erkennbaren Spreng-
Versorgung und Stützung der Front richten Gerüchte und Beobachtungen trichtern im Waldgelände westlich der
gaben, ihre Urheber und Wirkungsdimensionen zu sowie in der Gewährleistung der mili- wieder, die auf sehr hohe Totenzahlen vier Rechtecke zeigt, dass in die Tiefe
tärischen Sicherheit. In Absprache mit in Dresden schließen lassen: gehende Erdarbeiten im Gelände nicht
dokumentieren. den zivilen Verantwortlichen konnte  Generalleutnant Mehnert, stattgefunden haben. Insbesondere
sie nach Luftangriffen zur Nothilfe ein- Kommandant des Festungsbe- ist auch keine gleichmäßige Ab- oder
gesetzt werden. reichs Dresden: 140.000 Tote Auftragung von Erdreich, wie sie die
Aushebung von Massengräbern erfor-
 Major Matthes, Ia beim Festungs-
Nach den Luftangriffen vom 13. bis derlich machen würde, erkennbar.
kommandanten: 253.000 Tote
15. Februar 1945 wurden Einheiten
und Personal der Wehrmacht in  Oberfähnrich Klaus M.: Der Befund deutet dagegen auf kon-
auf dem bezeichneten Gelände bereits
erheblichem Umfang in Dresden ein- 118.000 Tote tinuierliche, bereits länger geplante
im Hochsommer 1944 mit Arbeiten
gesetzt: Etwa vier Wochen lang arbei-  Eisenbahner will im Generalkom- Waldarbeiten hin. Die Zweckbestim-
begonnen worden.
teten Bergungs- und Hilfskommandos mando gehört haben: 168.000 Tote mung der Arbeiten an dem Areal hat
der Wehrmacht mit durchschnittlich  Luftbild 19. Dezember 1944: Zwei offenkundig bereits vor dem Mai 1944
Dagegen stehen Erinnerungen hoher
1.500 bis 2.000 Mann sowie mit wei- Monate vor den Februarangriffen festgestanden. Ein Zusammenhang
Generalstabsoffiziere: Bernd Freytag
teren 500 bis 1000 Kriegsgefangenen zeichnen sich jetzt deutlich drei der mit den Luftangriffen im Februar 1945
von Loringhoven, 1945 Adjutant des
im Stadtgebiet. Zudem waren acht späteren vier Rechtecke ab. ist nicht nachweisbar.
Chefs des Generalstabs des Heeres,
Wehr­macht-Löschgruppen und ein-
und Ulrich de Maizière, damals Ia der  Luftbilder 25. März 1945 und
zelne Sanitätsfahrzeuge in Dresden im
Operationsabteilung im Oberkom- 11. Mai 1945: Auf dem fraglichen Areal
Einsatz.
mando des Heeres, berichten, daß im be­finden sich nunmehr vier Rechtecke
Bildnachweise: 7.7.1944 / 19.12.1944: National Archives,
Durch die Februar-Luftangriffe kamen OKH von 25.000 bis 35.000 Toten die in der endgültigen Ausdehnung. An Washington. Weitere: Luftbilddatenbank Dr. Carls, Würzburg.
ca. 100 Wehrmachtsangehörige ums Rede gewesen sei. dem vierten muss demnach zwischen Interpretationshilfe: Oberstleutnant a. D. Jürgen Zapf
Teilprojekt Oral History
Leitung: Dr. Alexander von Plato

Das Teilprojekt Oral History Aufgaben im Teilprojekt Einige Interviewpartner


Mündliche Berichte oder subjektive Erinnerungs-  Sammlung aller subjektiven Erinnerungs­ Rosemarie Illing
zeugnisse stellen nur bedingt taugliche Quellen zeugnisse zu den Luftangriffen auf Dresden
für die Rekonstruktion von Realgeschichte dar, im Februar 1945
sind aber unverzichtbar für Untersuchungen der  Führen lebensgeschichtlicher Interviews,
verarbeiteten Geschichte. Die Ergebnisse des insbesondere
Teilprojekts werden also mehr über das Symbol
 Befragung von Flüchtlingen, Evakuier-
«Bombardiertes Dresden» aussagen als über das
ten, Einquartierten, KZ-Häftlingen und
Bombardement selbst, seine Auswirkungen oder
Zwangsarbeitern
gar über Opferzahlen. Die subjektiven Erinnerungs-
zeugnisse von Einzelnen geben vor allem Einbli-  Gespräche mit Augenzeugen in Funktionen,
cke in die körperlichen oder psychischen Folgen die für die Fragestellung der Kommission
Zdenka Nicklisch
der Katastrophe im weiteren Leben der Zeitzeugen bedeutsam sind (Verwaltung, Militär und
und darüber, wie die Erlebnisse verarbeitet wur- Polizei, Hilfsdienste etc.)
den, was in den Köpfen seit dem Februar 1945  Nachbarschafts- und Familieninterviews
passiert ist.
 Befragung nach spezifischen realgeschicht-
Dennoch besitzen subjektive Erinnerungszeug- lichen Themen
nisse, wissenschaftlich fundiert dokumentiert und  Transkription und Auswertung der Interviews
ausgewertet, auch einen heuristischen Wert. Sie
können durchaus helfen, realgeschichtliche Fragen
neu zu stellen oder die bisherigen Antworten dar-
Aktueller Arbeitsstand
auf zu bewerten. Die Erinnerungen der Zeitzeugen
Hans Mucha
sind darüber hinaus wichtig, um den geschicht-
Nach mehreren Medienaufrufen meldeten sich
lichen Gehalt von Akten zu ermitteln, um das Ver-
bereits über 300 potentielle Interviewpartner, von
hältnis von Wirklichkeit und Aktenwirklichkeit zu
denen im Rahmen der Kommissionsarbeit leider
rekonstruieren.
nur ein Teil interviewt werden kann.
Oral History – die Auseinandersetzung mit münd-
In Vorbereitung der Interviews erarbeiteten die
lichen Berichten und subjektiven Erinnerungszeug-
Mitarbeiter des Teilprojektes eine Anleitung zur
nissen – wird im Kontext der Fragestellung der
Interviewführung, einen Fragenkatalog und ein
Kommission vor allem deutlich machen, warum
Auswertungsformular. Außerdem wurden alle
die Zerstörung Dresdens, warum die Opfer und
unveröffentlichten Erinnerungsberichte katalogi-
warum ihre Zahl eine solche Bedeutung bekom- Helga Wienke
siert, die bereits im Stadtarchiv vorlagen.
men haben.
Im Rahmen der Kommissionsarbeit sind bisher 40
lebensgeschichtliche Interviews durchgeführt wor-
den. Im Durchschnitt haben die Interviews eine
Länge von vier Stunden. Sie wurden zumeist in
Videoaufnahmen – teilweise in Fernsehqualität –
oder als Audiointerview dokumentiert.

Bislang konnten 28 Interviews transkribiert wer-


den. Die Auswertung der Interviews steht jedoch
erst am Anfang.
Teilprojekt
Statistische Erhebungen im Vergleich
Leitung: Dr. Rüdiger Overmans

Die Problematik Aufgabe: Erstellen einer Auszuwertende Datenbestände


Versucht man, die Zahl der Todesfälle im Ergebnis
Bevölkerungsbilanz für die Alle genannten Datenbestände werden bis heute
der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 zu Stadt Dresden aktuell gehalten und stehen für Auswertungen zur
ermitteln, stößt man auf ein grundsätzliches Pro- Verfügung. Im Rahmen der Kommissionstätigkeit
blem. Die nächstliegende Methode, solche Verluste Von daher ist es notwendig, eine Bevölkerungs­ sollen vor allem folgende Bestände untersucht
zu bestimmen, besteht darin, die Zahl der Leichen, bilanz für die Stadt Dresden zu erstellen. Zu ver- werden:
der registrierten Todesfälle oder sonstige Daten zu stehen ist darunter ein Zahlenwerk, das ausge-
erfassen und diese als die Summe der Opfer zu hend vom Umfang der Bevölkerung bei Beginn der  Statistisches Bundesamt: Bilanz der Vertrei-
betrachten. Zweifler werden einer solchen Vorge- Luftangriffe die in der Stadt verbliebene Restbevöl- bungen. Hier wird zu prüfen sein, ob eine hohe Zahl
hensweise immer entgegen halten, diese Methode kerung und die von dort Evakuierten subtrahiert. von Opfern unter den Flüchtlingen in Dresden mit
ignoriere unerfasste Sterbefälle oder nicht gebor- Idealiter entspricht der verbleibende Rest der Zahl den Aussagen über die Gesamtverluste unter den
gene Leichen. der Toten. Abschließend muss dieser Wert dann Vertriebenen – in diesem Fall vor allem aus Schle-
mit der Zahl der empirisch ermittelten Toten abge- sien – vereinbar ist.
Ganz besonders ausgeprägt ist dieser Zweifel im
glichen werden.  Kirchlicher Suchdienst: Heimatortskarteien.
Fall Dresdens. Während es für die Zahl der Toten
auf Grundlage der Meldungen des Befehlshabers Hinzu kommt ein weiterer Ansatz, die Zahl der Diese Karteien weisen das Schicksal der Flüchtlinge
der Ordnungspolizei zumindest eine Ausgangs- Todesfälle zu ermitteln: In Deutschland starb und individuell nach, so dass Hinweise auf in Dresden
größe gibt, konnte die Zahl der Flüchtlinge, die sich stirbt niemand unregistriert. Den Regelungen des umgekommene Personen erreichbar sind.
in jener Nacht in Dresden aufhielt, nicht vergleich- Personenstandswesens folgend kann ohne offizi-  Lastenausgleichsarchiv Bayreuth, Ostdokumen-
bar festgestellt werden. Willkürliche Schätzungen elle Beurkundung keine Witwe eine Pension bezie- tation der Bundesrepublik Deutschland.
beherrschen die Literatur. Besser informiert sind hen oder wieder heiraten, kann kein Kind Waisen- In dieser umfangreichen Sammlung von Berichten
wir über den Umfang der ortsansässigen Zivilbe- rente beziehen und können die Geschwister eines über Flucht und Vertreibung lassen sich Aussagen
völkerung im Winter 1945/46. Quantitativ kleiner, Toten kein elterliches Erbe antreten. Die Rege- sowohl über die Dimension der in Dresden vor-
für das Gesamtbild jedoch nicht irrelevant, ist die lungen des Deutschen Reiches auf diesem Gebiet handenen Flüchtlinge als auch über die in Dresden
Frage nach der Größe der weiteren, in Dresden sind sowohl von der Bundesrepublik als auch von Getöteten finden.
leben­den Personengruppen, wie der Soldaten, der der DDR übernommen worden. Für deutsche Zivi-
Kriegsgefangenen und der Zwangsarbeiter. listen werden Sterbefälle von Personen, deren Tod  Statistisches Bundesamt: Statistik der Luft-
sicher feststeht, beim Standesamt des Todesortes kriegsverluste. Die während des Krieges vom Sta-
Erst die Unsicherheit über die Zahl der Personen,
angezeigt. Gerichtliche Todeserklärungen von Per- tistischen Reichsamt geführte Auswertung wurde
die sich zum Zeitpunkt der Angriffe auf Dresden in
sonen, über deren Tod nicht völlig Klarheit besteht, vom Statistischen Bundesamt fortgeführt. Sie ent-
der Stadt aufhielten, erlaubt die Entstehung von
dokumentiert das Standesamt I Berlin. Für andere hält zusammenfassende Aussagen über die Luft-
Spekulationen, hunderttausende Menschen seien
Personengruppen gelten abweichende Bestim- kriegstoten in Dresden.
den Bombenangriffen zum Opfer gefallen und
mungen, generell muss jedoch die Summe aus
anschließend spurlos verbrannt, unregistriert ver-
angezeigten Sterbefällen und gerichtlichen Todes- Die in den genannten Datenbeständen gewon-
scharrt oder nie geborgen worden. Einer solchen
erklärungen den Gesamtverlusten entsprechen. nenen Informationen müssen zudem mit den in
Argumentation wird man nie abschließend mit dem
städtischen Archiven ermittelten Daten (siehe Teil-
Verweis auf die Zahl der registrierten Toten ent- Hinzu kommt eine Marge von wenigen, möglicher-
projekt Statistisch-geographische Analyse) abge-
gegnen können. weise undokumentierten Todesfällen, wobei die
glichen werden.
betroffenen Menschen jedoch als Zivilverschol-
lene vermisst gemeldet sein werden. Meldungen Im Endergebnis wird eine Bevölkerungsbilanz für
darüber werden bis heute vom DRK-Suchdienst in Dresden vor und nach den Luftangriffen vorliegen,
München geführt. Handelt es sich um Vertriebene, die alle aus sehr unterschiedlichen Quellen gewon-
dann ist der Vermisstenfall auch in der Heimatorts- nenen Informationen integriert und ein nachvollzieh-
kartei des Kirchlichen Suchdienstes registriert. bares quantitatives Abbild der Vorgänge aufzeigt.