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Inhalt 07-2010
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Leserbriefe
Kulturjournal Über Andrej Angricks Werk "Besatzungspolitik und Massenmord"
Mitarbeit/AGB Von Jan Süselbeck
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Besprochene Bücher / Literaturhinweise
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Partner Über keine historische Epoche ist so viel geschrieben worden, wie über den Zweiten Weltkrieg.
Dennoch sind die Lücken in der Erforschung des zentralen Verbrechens dieses Krieges, der
Germanisten-
verzeichnis Vernichtung der europäischen Juden, immens. Die persönlichen Schicksale der Opfer und die
des DAAD und DGV konkreten Beweggründe der Täter wurden in der Geschichtswissenschaft oft nur schemenhaft
LOS skizziert. Sie verschwanden lange hinter der funktionalistischen These einer "kumulativen
Radikalisierung" der Massenmorde (Hans Mommsen). Demnach sollte die "Endlösung der Judenfrage"
den komplexen Machtstrukturen des nationalsozialistischen Staates entsprungen sein: Der größte
Genozid der Weltgeschichte sei keinem Masterplan gefolgt, sondern vielmehr schrittweise improvisiert
worden.

Andrej Angricks Studie über die Einsatzgruppe D rückt dagegen die Sozialprofile der Täter in den
Fokus der Untersuchung. Die Bedeutung der alten Forschungskontroverse zwischen Funktionalisten
Online-Abonnement und Intentionalisten verliert dabei, wie auch schon in Peter Longerichs umfassender
Gesamtdarstellung "Politik der Vernichtung" (1998), zusehends an Bedeutung. Angrick entlarvt das
Infos und Bestellung Vorhandensein eines gesetzgebenden "Endlösungsbefehls" von "ganz oben" als Entlastungslüge der
Abonnentenliste Täter. So machte der längstamtierende Anführer der Einsatzgruppe D, Otto Ohlendorf, diese
Behauptung zum Kern seiner Verteidigungsstrategie in den Nürnberger Prozessen. Während der
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von ca. 10 000 geschickte Taktiker Ohlendorf entgegen seiner Erwartungen zuletzt dennoch als einer der wenigen zum
Rezensionen Tode verurteilt und 1951 in Landsberg hingerichtet wurde, kamen die meisten seiner Kollegen und
Kulturjournal Untergebenen straffrei davon und machten in der Bundesrepublik unbehelligt Karriere.

Angricks Studie erinnert daran, dass es entscheidungsmächtige Individuen waren, die es bewusst in
Portale Kauf genommen hatten, zu Organisatoren und Ausführern der Massenmorde zu werden, um in der
Hauptportal NS-Hierarchie aufzusteigen. Ihre ehrgeizige und dadurch immer radikalere Auslegung der
"Sicherheitsbestimmungen" und des "Kommissarbefehls" zur Eliminierung "suspekter Elemente" im
Verlag
Hier erscheinen die rückwärtigen Frontgebiet des Russlandfeldzuges genügte vollkommen, um die Vernichtungsaktionen
gedruckten Ausgaben eskalieren zu lassen.
von literaturkritik.de,
Bücher und Online- Die Einsatzgruppe D, verantwortlich für nachrichtendienstliche Ermittlungen und genozidale
Publikationen.
"Gegnerbekämpfung" in der südlichen Sowjetunion, bestand zu Beginn ihrer Tätigkeit aus nur etwa 600
Buchhandlung bunt zusammengewürfelten Personen. Sie vergrößerte sich bis zu ihrer Auflösung im Mai 1943 nur
Tipps, Informationen
und Angebote. unwesentlich und organisierte die Judenvernichtung in einem Gebiet von riesiger Ausdehnung. "Die
Dimensionen, in welche die Einsatzgruppe D dabei vorstieß, und zwar sowohl im Hinblick auf die Zahl
Forschung & Lehre
Literaturkritik in
der Opfer als auch die geographische Weite des Raumes, erschien mir kaum vorstellbar", schreibt
Deutschland Angrick über den Ausgangspunkt seines Forschungsprojektes. Wohl noch nie in der Geschichte hätten
"so wenige Menschen willkürlich über das Leben so vieler anderer entschieden, sie ermordet und
Online-Lexika
zur Literaturkritik und gequält", spitzt Angrick abschließend in seinem Nachwort zu.
Literaturwissenschaft
Ähnlich wie schon Daniel Jonah Goldhagen in "Hitlers willige Vollstrecker" (1996) beschreibt Angrick
die Massenexekutionen detailliert. Schließlich gehöre auch die Art des Mordens zur "wahren
Neues
Geschichte" und sage mitunter mehr über die Täter als Gruppe aus, als ihre nachträglichen
Neues seit 7 Tagen Schutzbehauptungen eines "Befehlsnotstands", die lange auch die Historiographie beeinflussten,
schreibt der Historiker.
Neues von uns bei:
Twitter Angricks Studie stützt sich dabei trotz des Verlustes der meisten zeitgenössischen Akten und Papiere
Facebook aus dem Schriftverkehr der Einsatzgruppen auf die akribische Auswertung einer beeindruckenden
Quellenfülle. Wie schon in den wegweisenden Studien Goldhagens, Christopher Brownings und Ralf
Eingegangene Bücher Ogorrecks greift Angrick zur konkreten Beschreibung der Massenmorde größtenteils auf
Kritiker-Bestenliste Prozessakten zurück. Die Biographien und Karrierewege der einzelnen Täter rekonstruiert er vor allem
Tipps der Redaktion aus den Personalakten des Berlin Document Center (BDC), hat aber auch zahlreiche andere Archive
Veranstaltungen
Links
im In- und Ausland konsultiert.
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Das Kanon-Spiel Die Studie verfolgt den Lauf der Ereignisse entlang des Russlandfeldzuges chronologisch. 1940
beorderte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) seinen Führernachwuchs in ein Barockschloss der
Themen Stadt Pretzsch an der Elbe zu einem Lehrgang, der zunächst weitgehend im Dunkeln ließ, was auf die
Beteiligten zukam. Schnell wurde jedoch klar, dass ihr Hauptziel die totale Vernichtung aller Juden im
2008 Einsatzgebiet war. Von Kleinbürgern, biederen Polizisten, Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg bis hin
Das Jahr 1968 zu promovierten Wissenschaftlern, Juristen und anderen zielstrebigen Karrieristen reichte das
Raum Sozialprofil der Männer, die sich an den Verbrechen beteiligten. In einem selbstverfassten Gedicht ließ
Bilder und Metaphern ein Angehöriger des Polizeireservebataillons 9 den Einsatz an einem Kameradschaftsabend im Januar
Religion 1942 Revue passieren: "So tobt der Kampf an allen Fronten / Wir waren überall dabei / Und zeigten
Israel gerne was wir konnten / Und nicht ein Einzger schoß vorbei."
Postkolonialismus
Kafka Angricks Stil ist nüchtern. Die unüberwindbare Kluft zwischen den vom Historiker sachlich
1968 - neue Folge darzustellenden Ereignissen und der Monströsität der Verbrechen, deren angemessene sprachliche
Thomas Pynchon
Vermittlung unmöglich erscheint, zeigt sich hier deutlich. Der berühmte Historiker Saul Friedländer

1 von 3 21.07.2010 13:07


Mörderische Karrieren - Über Andrej Angricks Werk "Besatzungspoliti... http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6712

Erster Weltkrieg / schrieb zu diesem Dilemma einmal: "Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Der Historiker
Revolution kann nicht anders vorgehen [...]. Die beschriebenen Ereignisse sind es, die ungewöhnlich sind, nicht
das Vorgehen des Historikers. Wir stoßen mit unseren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten an eine
2009 Grenze. Andere haben wir nicht."
Moderne
Der Leser erschaudert dennoch, wenn er verfolgt, wie bruchlos die Metamorphose "ganz normaler
Männer" zu Massenmördern offenbar erfolgen konnte - und wie bizarr es anmutet, ihre Taten auf
10 Jahre
literaturkritik.de
hunderten von Seiten in sich zunehmend verfestigenden, immergleichen Abläufen lesen zu müssen.
Die Mitglieder der Einsatzgruppe D brachte zur "Befriedung" der Besatzungsterritorien in der Ukraine,
Charles Darwin auf der Krim und im Kaukasus nicht allein Juden, sondern schlicht so gut wie jeden um, der ihnen in
Robert Minder irgendeiner Weise 'supekt' erschien. Der "Vernichtungsdrang, als Kriegsnotwenigkeit begründet,
Jürgen Habermas richtete sich auch gegen Menschen, die nach den antisemitischen Mordkriterien zunächst überlebt
Sexualität hätten, die aber als Wanderer, also "Asoziale", galten, gegen Zigeuner, die a priori "verdächtig"
Karl May erschienen, oder Personen, die über zuviel Lebensmittel verfügten und dadurch zu "Hamsterern"
Die Wende 1989 wurden", erläutert Angrick.
Sigmund Freuds 70.
Todestag Kommunisten und versprengte Soldaten der Roten Armee, die von der Truppe aufgegriffen oder in
Karl May
eroberten Dörfern angetroffen wurden, mussten sicher mit ihrer Erschießung oder Ermordung in den
Friedrich Schiller
Interkulturalität berüchtigen "Gaswagen" rechnen. Genauso wie "Intelligenzler", Akademiker, verschiedene
Funktionsträger, so genanntes "Großstadtgesindel" oder hilflose Frauen und Kinder zweifelhafter
2010 "rassischer Herkunft". Kranke und nicht arbeitsfähige Menschen gehörten ebenso zu den
"unerwünschten Elementen", wie angebliche "Partisanen" und wurden "entsprechend behandelt".
Gefühle I
Gefühle II Angrick weist nach, dass selbstverständlich auch für die SS-Täter das Recht bestand, verbrecherische
Thomas Mann und die
Emotionen
Befehle zu verweigern und sich vom Dienst an der Erschießungsgrube abstellen zu lassen. Dennoch
Spannung sind solche Fälle so gut wie nie vorgekommen. Angricks Schlussfolgerung ist simpel und naheliegend:
Literaturkritik - Reich- Ernsthafte Gewissenskonflikte scheinen bei dem Gros der Mörder überhaupt nicht bestanden zu
Ranicki zum 90. haben. Die in den wenigen Nachkriegsprozessen geäußerten Befürchtungen der Angeklagten, wonach
sie bestraft worden wären, wenn sie ihre Befehle verweigert hätten, erweisen sich vor dem Hintergrund
Aktueller Anlass der von Angrick ausgewerteten Quellen als haltlose Schutzbehauptungen.
Helene Hegemann und
die Literaturkritik In Folge der alltäglichen Massenerschießungen kam es partiell zu psychischen Problemen bei
einzelnen Tätern, die sie nach Kriegsende skrupellos dazu zu nutzen verstanden, sich selbst zu Opfern
Für Online-Abonnenten zu stilisieren. Es kam zu so genannten "Ostkollern" und Alkoholexzessen, die die "Manneszucht" der
Formationen ins Ungleichgewicht brachten. Auch berichtet Angrick von einem Täter, der 1962 vor
Online-Bibliothek
kanonischer Texte
Gericht aussagte, er sei nach einer Erschießung in einen hysterischen Streit mit dem Verwaltungschef
seiner Einsatzgruppe geraten, weil dieser in den Exekutionspausen Blutwurst in Dosen als Mittagessen
Rezensionen finden im ausgeteilt habe - nur eine von vielen geradezu schmerzhaft absurden Szenen, auf die man in der
Internet Studie immer wieder stößt.
Online-Lexikon Die von Angrick ausgewerteten Dokumente legen nahe, dass viele SS-Männer sogar besonderen
Literaturwissenschaft
Gefallen daran fanden, "Herr über Leben und Tod" zu sein. "Du meinst wohl, du kämst jetzt gleich dran;
Oliver Pfohlmanns aber da mußt du noch etwas warten", sagte etwa SS-Rottenführer Hunze, eigentlich Koch seines
Kleines Lexikon der Kommandos, zu einem Juden, der apathisch neben seinen erschossenen Familienmitgliedern am
Literaturkritik Rande der Grube auf den "Gnadenschuss" wartete. Hunze, überhaupt nicht zum Morden verpflichtet,
wollte sich das "Ereignis" einer solchen Erschießung nicht entgehen lassen und tötete den Mann
zuletzt.
Infos
"Nach der Exekution, als die Grube voller Leichen war, kehrte Hunze mit blutbesudelter
Unsere Rezensenten
Küchenkleidung an seinen Arbeitsplatz zurück", schreibt Angrick lapidar. Zumindest eines begreift man
Recherchier- und nach der Lektüre dieses Buchs: dass es in letzter Konsequenz immer noch deutsche Menschen
Redigierdienst waren, die ihre Opfer umbrachten, und nicht Strukturen.
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Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen
Wir über uns Sowjetunion 1941-1943.
Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2003.
Pressestimmen über 796 Seiten, 40,00 EUR.
uns ISBN-10: 3930908913

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http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6712 Letzte Änderung: 08.01.2004 - 19:34:42


Erschienen am:01.01.2004
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© beim Autor und bei literaturkritik.de

2 von 3 21.07.2010 13:07


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