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Sie sind hier: Start - Ausgabe 10 (2010), Nr. 7/8 - Rezension: Neuerscheinungen zum Vernichtungslager Treblinka

Rezension Neuerscheinungen zum Vernichtungslager Treblinka Rezension über:


Kommentar schreiben Samuel Willenberg: Treblinka. Lager,
Druckfassung Textgröße: A A A Revolte, Flucht, Warschauer Aufstand,
Münster: UNRAST-Verlag 2009, 238 S.,
Weitere Rezensionen von Sechseinhalb Jahrzehnte nach dem ISBN 978-3-89771-820-3, EUR 22,00
Klaus-Peter Friedrich: Häftlingsaufstand in Treblinka sind zwei neue Buch bei Amazon bestellen
Marcin Zaremba: Buch im KVK suchen
Zeugnisse über das Vernichtungslager auf Deutsch
Komunizm,
erschienen. Nur Männer aus den Chil Rajchman: Ich bin der letzte Jude.
legitymizacja, Treblinka 1942/43. Aufzeichnungen für die
nacjonalizm. Arbeitskommandos, die bei der Ermordung Nachwelt, München / Zürich: Piper Verlag
Nacjonalistyczna legitymizacja
Hunderttausender und bei der Leichenbeseitigung 2009, 157 S., ISBN 978-3-4920-5335-8, EUR
władzy komunistycznej w 16,95
Polsce. [Kommunismus, und -verwertung Hilfsdienste verrichten mussten,
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Legitimierung, Nationalismus. konnten dort bis zum Aufstand überleben. Noch Buch im KVK suchen
Die nationalistische
Legitimierung der
kleiner war die Zahl derjenigen, die am 2. August
kommunistischen Machthaber 1943 aus dem Lager fliehen und die Zeit bis zum Rezension von:
in Polen], Warszawa: Ende der nationalsozialistischen Herrschaft
Wydawnictwo TRIO 2001 Klaus-Peter Friedrich
durchstehen konnte. Zu ihnen gehörten Samuel Marburg/L.
Hans-Christian Willenberg und Chil (Jechiel) Rajchman.
Petersen: Redaktionelle Betreuung:

Willenberg wurde 1923 in Tschenstochau im Südwesten Polens als Sohn eines Redaktion der Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte
Bevölkerungsökonomie - Kunstmalers und einer russischen Mutter geboren. 1939 meldete er sich - noch
Ostforschung - Politik. Eine
minderjährig - freiwillig, um am Verteidigungskrieg der Polen teilzunehmen. Um Empfohlene Zitierweise:
biographische Studie zu
Peter-Heinz Seraphim eine Kriegsverletzung auszukurieren, hielt er sich dann in einem Kurort bei
Klaus-Peter Friedrich: Neuerscheinungen
(1902-1979), Osnabrück: fibre Warschau auf, ehe er sich zu seinen Eltern nach Opatów begab, wo sein Vater mit zum Vernichtungslager Treblinka
2007 (Rezension), in: sehepunkte 10 (2010), Nr.
der Ausmalung einer Synagoge beschäftigt war.
7/8 [15.07.2010], URL:
Klas-Göran Karlsson
http://www.sehepunkte.de
/ Ulf Zander (eds.): Der Versuch, in Tschenstochau unterzutauchen, /2010/07/18212.html
Echoes of the
misslang - die beiden Schwestern des Verfassers
Holocaust. Historical
wurden Ende September 1942 bei der Auflösung Bitte geben Sie beim Zitieren dieser
Cultures in
Rezension die exakte URL und das Datum
Contemporary Europe, Lund: des Gettos in den Tod deportiert. Die folgenden Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Nordic Academic Press 2003
Wochen verbrachte Willenberg auf sich allein
gestellt wieder in Opatów, bis auch dieses Schtetl
Unterstützen Sie die von der "Aktion Reinhard" erreicht wurde. Dieser
sehepunkte
Lebensweg während der Kriegs- und
Besatzungsjahre ergibt sich aus einem
biografischen Abriss am Ende des Bands (231f.)
und einem Rückblick sowie weiteren Hinweisen,
die der Verfasser in seinen Bericht eingestreut hat
(17, 57-62,103, 157).

Die Anordnung der 38 kurzen Kapitel folgt


ansonsten der zeitlichen Abfolge: Von der
Deportation mit der Ostbahn in das Vernichtungslager Treblinka Ende Oktober 1942
bis zur Befreiung des Partisanen Willenberg durch die Rote Armee westlich von
Warschau Mitte Januar 1945. Nach der Ankunft in Treblinka meldete sich
Willenberg als Maurer - eine Chance, der Vernichtungsmaschinerie zu entgehen.
Mehrmals erhielt er zudem Hilfe von Menschen, die ihm aus den Vorkriegsjahren
bekannt waren. Er porträtiert einige von ihnen neben weiteren Personen, die ihm
aus Treblinka mit ihren Namen im Gedächtnis blieben: Aus Deutschland vertriebene
und aus den Gettos des Generalgouvernements (GG) deportierte Juden, Gläubige
und zum Christentum Konvertierte, "Hofjuden" und Denunzianten,
Funktionshäftlinge (Kapos) oder fähige Handwerker, die auch von den deutschen
Wachmännern geschätzt wurden, Ärzte und andere Angehörige der jüdischen
inteligencja. Außerdem gibt Willenberg seine Eindrücke von den deutschen
Angehörigen der Lagermannschaft wieder (25, 29, 44, 108 usw.) und skizziert
deren Einstellung zu dem, was sie taten (106).

Die SS teilte Willenberg in wechselnde Arbeitskommandos in dem Lagerabschnitt


ein, der den Gaskammern vorgelagert war: Er sortierte die mitgeführten
Gegenstände und die Kleidung der Ermordeten - dabei fielen ihm auch die Kleider
seiner ermordeten Schwestern in die Hände; er verlud das Raubgut in
Güterwaggons; später war er als einer der Haarschneider tätig, die den Frauen auf
dem Weg zur Gaskammer die Köpfe schoren; von Zeit zu Zeit war er auch im
"Kommando Tarnung" tätig, das aus den Wäldern der Umgebung regelmäßig grüne

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Äste hereinholte, um den Lagerzaun undurchsichtig zu machen.

Ein Dreivierteljahr lang erlebte Willenberg den Alltag im größten Vernichtungslager


des Generalgouvernements, einem Ort, wo mindestens 850.000 Kinder, Frauen und
Männer ermordet wurden. Und er beschreibt außergewöhnliche Ereignisse - eine
Fleckfieberepidemie, auf welche die SS mit der sofortigen Erschießung der
erkrankten Angehörigen der Arbeitskommandos reagierte, oder auch den Besuch
Adolf Eichmanns (96).

In den letzten sechs Kapiteln schildert Willenberg den Zeitraum nach seiner Flucht,
die ihn über Siedlce nach Warschau führte, wo er als gut polnisch sprechender,
forsch auftretender junger Mann, der zudem kein als typisch jüdisch geltendes
Äußeres aufwies, am besten untertauchen konnte. Hier traf er seine Eltern wieder.

Willenberg schloss sich einer polnischen sozialistischen Widerstandsgruppierung an


und kämpfte im Warschauer Aufstand. Einige Jahre nach dem Krieg wanderte er
nach Israel aus, wo er in einem Ministerium tätig war. Seinen Bericht veröffentliche
er 1986 erstmals in Tel Aviv im Verlag des israelischen Verteidigungsministeriums
auf Hebräisch; eine englische Ausgabe erschien drei Jahre und eine polnische fünf
Jahre später. Auf welcher dieser Ausgaben die deutsche Übersetzung beruht, wird
nicht klar.

Zu Beginn des Berichts von Chil Rajchman heißt es, dass die Übersetzung auf der
französischen Ausgabe fußt. Der hierfür bearbeitete Text wurde von Evita Wiecki
mit dem jiddischen Original lediglich abgeglichen (37). Das handschriftliche Original
von Rajchmans Bericht über seinen nahezu zehnmonatigen Aufenthalt in Treblinka
ist jedoch augenscheinlich nicht überliefert. Aufgezeichnet wurde er nach seiner
Flucht; wie Annette Wieviorka in ihrem Vorwort erläutert, geschah dies Ende 1943
oder 1944 - "als Tod und Krieg noch ihre Schatten warfen" (14). Als Rajchman 2004
starb, hinterließ er ein Typoskript, das mit dem Titel "Zikhroynes (Erinnerungen)"
überschrieben ist; seinen Söhnen trug er auf, dies zu veröffentlichen, und sie
übergaben die "Erinnerungen" Verlagen in verschiedenen Ländern.

Rajchman kam am 14. Juni 1914 in Lodz zur Welt. Nach der Eroberung Polens durch
die Wehrmacht hielt er sich als Zwangsarbeiter in deutschen Diensten in Pruszków
bei Warschau auf. 1940 wurde er in das Warschauer Getto gesperrt. Von dort floh
er nach Ostrów Lubelski. Die SS-Mordkommandos brachten während der "Aktion
Reinhard" die jüdische Bevölkerung des Ortes am 10. Oktober 1942 nach Lubartów
bei Lublin, von dort wurden sie nach Treblinka weitertransportiert (dem bisherigen
Kenntnisstand zufolge sind die Juden aus Lubartów nur in den beiden anderen
Vernichtungslagern im Generalgouvernement - Bełżec und Sobibór - ermordet
worden [1]).

Der Bericht ist in 19 Kapitel mit eigenen, meist mehrzeiligen Überschriften


unterteilt, die deren Inhalt anzeigen. Rajchman gelingt eine sehr eindringliche,
geradezu atemlose Schilderung der Vernichtungsmaschinerie. Er bedient sich dabei
eines nüchternen Stils und einer schnörkellosen Sprache; vorherrschende Zeitform
ist das Präsens.

Der permanenten Gewalt waren alle ausgesetzt - die Angehörigen der


Arbeitskommandos wie die zur sofortigen Ermordung ausersehenen Opfer. Bei
Letzteren gehörte dies zum Mechanismus der Vernichtung, denn sie suchten, sofort
ihres Gepäcks und ihrer Kleidung beraubt, Schutz vor den Schlägen, "wollten so
schnell wie möglich alles hinter sich bringen" (100) und gelangten dann um so
rascher in die Kammern, in denen der Tod durch Giftgas auf sie wartete.

Auch Rajchman gehörte im Vernichtungslager wechselnden "Judenkommandos" an.


Zunächst war er bei jenen eingesetzt, welche die Kleidung der Ermordeten nach
versteckten Geld und Wertsachen überprüfen mussten, dann als Haarschneider.
Bald musste er in den Lagerabschnitt 2 überwechseln, der hinter den Gaskammern
gelegen war und von den Häftlingen als "Totenlager" bezeichnet wurde. Von Ende
1942 an arbeitete er als Leichenträger bei der Beseitigung der Massengräber und
als einer der "Dentisten", die den Leichen falsche Zähne herausbrachen. Einmal, bei
einer nächtlichen Vergasungsaktion, leisteten die in die Gaskammer Getriebenen
mit bloßen Händen Widerstand, sodass die Arbeitskommandos am nächsten Morgen
Dutzende Erschossene vorfanden. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn (wie schon
auf Willenberg, 105f.) die Ankunft tausender Juden aus dem von Bulgarien
besetzten Thrakien und aus Griechenland. Sie trafen in Treblinka in
Personenwaggons mit einem großen Teil ihres Besitzes ein und waren überzeugt,
man werde sie in Russland ansiedeln. Ende April 1943 erfuhren Rajchman und seine
Leidensgenossen von den Kämpfen im Warschauer Getto - eine Nachricht, die sie
einerseits bedrückte, die aber auch bei ihnen den Willen erwachen ließ, "uns aus

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Treblinka zu befreien" (125). In seinem Jahrzehnte später aufgezeichneten Bericht


verbindet Willenberg den Kummer über das Schicksal der in Warschau
Zurückgelassenen mit der späteren Heroisierung (130).

Wie Rajchman erläutert, gelangen die Aufstandsvorbereitungen nur, weil die


Arbeiter 1943 über längere Zeit in ihren Gruppen blieben, einander kennenlernten
und sich unter ihnen Solidarität herausbilden konnte. Dr. Zimerman, der Kapo der
Dentisten, der die Wunden verletzter Arbeiter versorgte, ist Rajchman als "ein sehr
anständiger Mensch" (86) in Erinnerung.

Die Herausgeber machen in Anmerkungen weitere Angaben zu den Lageraufsehern,


deren Namen der Verfasser häufig nur in einer verballhornten Fassung kannte. Von
Januar 1943 an musste ein Arbeitskommando die Spuren des Genozids verwischen -
die menschlichen Überreste der Ermordeten wurden zu Hunderten auf
Eisenbahnschienen verbrannt (114); Willenberg zufolge, der allerdings nicht im
Lagerabschnitt 2 eingesetzt war, begann die Leichenverbrennung drei Monate
später (97, 133).

Nach dem Aufstand war Rajchman mehrere Wochen auf der Flucht. Hilfe erhielt er
von einem Bauern bei Sokołów Podlaski, der ihm Nahrung, Kleidung und einen
Schlafplatz gab. Im Oktober 1943 fuhr er nach Piastów bei Warschau, wo ein
polnischer Bekannter ihm "arische" Papiere verschaffte - Rajchman hatte also noch
Wertgegenstände aus dem Lager bei sich, um dafür zu bezahlen. Offenbar auf
Zureden seiner polnischen Beschützer hin begann er Ende 1943 oder Anfang 1944,
seinen Bericht aufzuschreiben. Er war dann abermals in Warschau. Nach der
Niederschlagung des Warschauer Aufstands versteckte sich Rajchman in einem
Bunker der entvölkerten und westlich der Weichsel nahezu total zerstörten
Hauptstadt, bis er am 17. Januar 1945 befreit wurde. 1946 wanderte er - mit
seinen Aufzeichnungen - nach Uruguay aus.

Zu Recht unterstreicht Wieviorka "die Besonderheit dieses Dokuments" (14). Die


Namen von weniger als 60 Personen, die den Aufstand vom 2. August 1943
überlebten, sind bekannt. So ist es umso wichtiger, dass die Überlebenden der
Nachwelt eine Darstellung ihres Leidenswegs hinterlassen.

Die beiden Erinnerungsberichte sind unter sehr verschiedenen Umständen


entstanden, ergänzen sich daher gegenseitig, und sie erweitern unser Verständnis
von den schier unfassbaren Geschehnissen in dem nationalsozialistischen
Vernichtungslager ganz erheblich.

Beide Bände werden durch Fotos abgerundet, auf denen Angehörige der Familie und
Lagerskizzen abgebildet sind. Rajchmans Bericht ist zudem mit Abbildungen von
einigen der Lageraufseher und weiteren dokumentarischen Fotos illustriert.

Anmerkung:

[1] Siehe Shmuel Spector (ed.): The Encyclopedia of Jewish life before and during
the Holocaust, 3 vol., New York 2001, Vol. 2, 751, 952.

Klaus-Peter Friedrich

issn 1618-6168 / www.sehepunkte.de

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