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1899. ANNALEN

DKR

•* 2-

PHYSIK UND CHEMIE.

NEUE FOLGE. BAND 67.

1. Ueber die Fortpflanzung elektrodynamischer Wellen längs eines l>rahtes;

von A. Sommerfeld.

§ 1. Historisohe Vorbemerkungen.

Das Problem der Fortpflanzung Hertz* scher Wellen längs

eines Drahtes ist ohne Frage für die moderne Physik so fun-

damental, dass eine exacte mathematische Behandlung desselben

auf Grund der Maxwell' sehen Gleichungen erwünscht sein

dürfte. Die Lösung lässt sich ohne Aufwand eines gar zu com-

plicirten mathematischen Apparates geben; ihre Hauptschwierig-

keit besteht in der genauen Discussion einer transcendenten Gleichung, deren Wurzel sowohl die Fortpflanzungsgeschwindig-

keit, wie die Dämpfung der Welle in dem Drahte liefert.

ist unser Problem bekanntlich von

Hertz 1 ) behandelt worden. Indessen kann die Hertz'sche

Behandlung insofern nicht befriedigen, als hier der Draht un-

endlich dünn genommen wird und dementsprechend die Be-

dingungen für die Oberfläche des Drahtes in Fortfall kommen.

Damit hängt es zusammen, dass bei Hertz die Fortpflanzungs- geschwindigkeit der Welle zunächst ganz unbestimmt bleibt, ü*hd erst mit Zuhülfenahrae der Annahme, dass die Kraftlinien auf der Oberfläche des Drahtes senkrecht stehen sollen, gleich der Lichtgeschwindigkeit gefunden wird. Eigentümlicherweise

trifft aber diese Annahme gerade in dem Grenzfalle, wo man

den Draht verschwindend dünn wählt, wie wir sehen werden,

durchaus nicht zu. Sodann hat H. Poincare 2 ) die Hertz'sche Behandlung

dadurch verbessert, dass er die Dicke des Drahtes berück-

Zum ersten Male

sichtigt.

Dabei wird aber an der Annahme festgehalten, dass

1) H. Hertz, Ges. Werke 2.

p. 165 ff.

Abb. 9.

1888.

Vgl. insbesondere

2) H. Poincare, Compt. rend. 120. p. 1046 u. 1229. 1892.

234 A. Sommerfeld.

die Kraftlinien auf der Drahtoberfläche senkrecht stehen, oder,

was auf dasselbe hinauskommt, es wird die Fortpflanzungs- geschwindigkeit von vornherein der Lichtgeschwindigkeit gleich-

gesetzt.

Im Folgenden wird sich zeigen, dass diese Annahme

unter normalen Versuchsbedingungen im allgemeinen zwar sehr

nahezu, aber niemals genau erfüllt ist. Auf der anderen Seite

werden wir aber auch experimentell realisirbare Fälle angeben

können, in denen die Abweichung von der Lichtgeschwindigkeit

bis zum vierten Theile der letzteren ansteigt

Sehr viel vollständiger und befriedigender ist die Theorie

der Drahtwellen von J. J. Thomson 1 ) entwickelt worden. Die folgenden Betrachtungen, auf die ich übrigens ursprünglich ohne Kenntniss der betreffenden Theile des Thomson 'sehen

Buches geführt worden bin, bieten, wie man sehen wird, mit der Thomson' sehen Theorie zahlreiche Berührungspunkte dar.

Thomson berücksichtigt 3 ) die Dicke des Drahtes und die

Oberflächenbedingungen ganz so, wie es hier geschehen wird.

Auch bestimmt er Fortpflanzung und Dämpfung der Welle durch eine transcendente Gleichung. Dabei denkt er sich das den Draht umgebende Dielektricum nach aussen hin durch

einen mit dem Draht coaxialen leitenden Cylinder abgeschlossen,

welcher bei den verschiedenen hierher gehörigen Problemen,

der gewöhnlichen Telegraphie, der Kabeltelegraphie, den Hertz'-

schen Drahtwellen, bez. der Erde, dem umgebenden Wasser

und den Wänden des Laboratoriums entsprechen würde.

So

wünschenswerth die Berücksichtigung dieser Einflüsse aber an sich sein mag, so werden dadurch die Bedingungen der Auf- gabe bedeutend complicirt. Die Folge ist, dass Thomson

bei der Discussion seiner transcendenten Gleichung Vernach- lässigungen zulassen muss, bei denen die hier zu entwickeln- den Details verloren gehen. Der Einfluss des Drahtmateriales

auf Fortpflanzung und Dämpfung fällt dadurch in den Schluss- formeln von Thomson 3 ) vollständig heraus, sobald man den Radius des äusseren Cylinders unendlich gross werden lässt :

gleichzeitig geht die Geschwindigkeit der Fortpflanzung direct

1) J. J. Thomson, Notes on reccut Researchcs in Electricity and Magnetiem. Oxford 1893.

2) J. J. Thomson, I. c. art 259 ff.

3) J. J. Thomson, 1. c. art. 267.

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Fortpflanzung elektrodynamischer Wellen.

235

in die Lichtgeschwindigkeit über. Bei der späteren speciellen

Behandlung der Hertz'schen Drahtwellen 1 ) wird die Fort-

pflanzung ohne weiteres gleich der Lichtgeschwindigkeit gesetzt.

Demgegenüber erschien es uns interessant, die Abweichung

von der Lichtgeschwindigkeit und den Eintiuss des Drahtmate- riales in dem einlachen Falle, wo ein äusserer Leiter nicht

existirt, numerisch zu bestimmen. Der Einfluss des äusseren Leiters (d. h. bei den Hertz'schen Versuchen der Labo-

ratoriumswände), welchen wir hier vernachlässigen, wird übrigens

um so kleiner, je schnellere Schwingungen und je kleinere

Wellenlängen man anwendet.

Die folgende Untersuchung ist nach dem eben Gesagten ge-

eignet, die Thomson 'sehen Entwickelungen zu ergänzen, da bei

uns der Einfluss des Drahtmateriales vollständig berücksichtigt, der des äusseren Leiters vernachlässigt wird, bei Thomson

dagegen der äussere Leiter in Rechnung gesetzt, bei der Rechnung aber Vernachlässigungen gemacht werden, welche

den Einfluss des Drahtmateriales zum Verschwinden bringen. Auf die zahlreichen Arbeiten, welche zum Theil vom

Boden der alten Theorie aus den Erscheinungen der Draht-

wellen näherungs weise gerecht zu werden suchen, soll hier

nicht ausführlich eingegangen werden. Wir erwähnen nur eine Arbeit von Lord Rayleigh 2 ), in welcher die Abnahme der Kraft nach dem Inneren des Drahtes durch eine sehr geist-

reiche Anwendung allgemeiner mechanischer Principien richtig

in der das

ermittelt wird, ferner eine Arbeit von Stefan 8 ),

Gleiche durch Betrachtung von Inductionsströmen erreicht wird,

sowie eine Abhandlung von Drude 4 ), in welcher die elektri- schen Schwingungen in zwei parallelen Drähten untersucht

werden. Der Standpunkt in diesen Arbeiten unterscheidet sich

wesentlich von dem hier eingenommenen, indem dort mit ab-

geleiteten Begriffen, wie Selbstinduction, Gesammtwiderstand

eines Drahtstückes, Gesammtstromstärke im Draht, gerechnet

wird, welche von stationären oder langsam veränderlichen Strö-

men hergenommen sind und in der reinen Maxwell'schen

1) J. J. Thomson, ]. c. art. 379.

2) Lord Rayleigh, Phil. Mag. (5) 21. p. 369. 1886. 3) Stefan, Wied. Ann. 41. p. 400. 1890.

4) P. Drude, Wied. Ann. 60. p. 1. 1897.

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236 A. Sommerfeld.

Theorie ursprünglich keinen Platz haben. Selbstverständlich ist unsere Meinung nicht die, dass solche angenäherten Be- handlungsweisen zu verwerfen sind. Im Gegentheil halten wir sie für ebenso nützlich wie noth wendig, nützlich, weil sie in

vielen Fällen zu dem richtigen Resultat fuhren, nothwendig.

weil der exacten Behandlung der Probleme meist unübersteig-

liche Hindernisse im Wege stehen. Andererseits wird aber die exacte Behandlung einzelner besonders einfach gewählter

Probleme auch für die angenäherte Behandlung complicirterer

Dinge von wohlthätigem Einflüsse sein.

Der Grund, weshalb man überhaupt in den meisten Fällen

mit den Begriffen der alten Theorie zu näherungsweise den-

selben Resultaten kommt, wie mit den Vorstellungen der Max-

well' sehen Theorie, bedarf dabei sehr der Aufklärung. Hier liegen offenbar Fragen von ganz ausserordentlichem mathe- matischen Interesse verborgen.

§ 2. Die Differentialgleichungen des Probien».

Verstehen wir unter © den Vector der elektrischen, unter Sölden der magnetischen Kraft, so können wir die Maxwell'- schen Gleichungen nach Hertz und Heaviside folgender-

maassen schreiben:

(1)

eA -|| + 4,t/.//<5 = - curl SR,

f tA d = curlG.

Hier bedeuten e und p die Dielektricitäts- und die Mag-

netisirungsconstante, A die reeiproke Lichtgeschwindigkeit,

/. die elektrostatisch gemessene Leitfähigkeit Unter curl ver-

stehen wir das bekannte Vectorsymbol, welches sich unabhängig vom Coordinatensy stein am besten folgendermaassen erklären lässt: Denkt man sich eine Flüssigkeitsbewegung hergestellt,

welche in jedem Punkte des Raumes nach Grösse und Richtung

die Geschwindigkeit (£ aufweist, so bedeutet curl (5 nach Grösse und Richtung die doppelte zugehörige Drehgeschwindigkeit des einzelnen Raumtheilchens. Analytisch findet man bekanntlich

die Componente des Vectors curl © in einem gegebenen Punkte nach einer gegebenen Richtung am einfachsten dadurch, dass

man den betreffenden Punkt in einer senkrecht zu der be- treffenden Richtung gelegten Ebene mit einer geschlossenen Curve umgiebt und das Linienintegral des Vectors (£• über diese

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Fortpflanzung elektrodynamischer Vellen.

237

Curve im Sinne des Uhrzeigers erstreckt.

Die fragliche Com-

ponente des Curls wird dann gleich dem Grenzwerthe. welchem das Verhältniss des Linienintegrals zu dem von der Curve

umschlossenen Flächeninhalte zustrebt, wenn man die Curve

auf den gegebenen Punkt zusammenzieht.

Denkt man sich auf der rechten Seite der Gleichungen (1)

einge-

die angegebenen Integralwerthe für curl © und curl

tragen, so hat man eine vom Coordinatensystera unabhängige

Der Uebergang zu

Form der Maxwell'schen Gleichungen.

besonderen Coordinatensystemen ist darauf Sache einer ein-

fachen Rechnung, wobei es bequem ist, bei der Berechnung des

Curls die Umläufe aus Stücken solcher Linien bestehen zulassen,

längs denen zwei der betreffenden Coordinaten constant sind. Um auf die besonderen Verhältnisse unserer Aufgabe zu kommen, setzen wir voraus, dass es sich um einen einzigen,

beiderseits unendlich langen Draht von tiberall gleichem kreis-

Alsdann

förmigen Querschnitt mit geradliniger Axe handle.

ist es offenbar angezeigt, Polarcoordinaten z, r, qp zu benutzen,

r bedeute den kürzesten Abstand des Raumpunktes P=(z,r,q>)

von der Axe des Drahtes,

einer be-

z seinen Abstand von

hebigen, senkrecht zur Axe gelegten Ebene z=0, tp ein Azimuth,

welches, von der positiven z-Axe gesehen, entgegegen dem Sinne

des Uhrzeigers um die Drahtaxe gezählt wird. Die Componenten

der elektrischen Kraft in Richtung der Coordinaten z, r, <p

(d. h. ihre senkrechten Projectionen auf die Richtungen der wachsenden z, r, rp) mögen Z y Jf, 0, die der magnetischen

Für diese Componenten gewinnt man

Kraft Z. P, ^ heissen.

auf dem angegebenen Wege leicht die folgenden Gleichungen

in Polarcoordinaten 1 ):

(2)

tA gt +4*/.,//?= r

tA d *+4«?.A<l>

r

dt

'

=

'

8P

dx

- eV ,

82

dr

1) We^en der allgemeineren Aufgabe der Umrechnung der Max- well'uchen Gleichungen in beliebige orthogonale Coordinaten vgl.

M Abraham, Die elektrischen Schwingungen um einen stabförmigen

Leiter § 1. Berlin 1897 oder Wied. Ann. 66. p. 438. 1898.

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238 A. Sommerfeld.

(*)

. dZ

0/

1 dr*1>

r

1

/

dr

dx

1 dR

d<t>

BZ

dr

Wir nehmen ferner an, dass der gesammte elektrodyna-

mische Zustand rund um den Draht symmetrisch vertheilt ist

und dass die elektrische Kraft tiberall in die durch die Draht-

axe gelegte Meridianebene falle. Der Zeit nach setzen wir den Zustand als rein periodisch voraus. Alsdann ist d / dy = 0

und 0 = 0; gleichzeitig folgt aus dem identischen Verschwin-

den irgend eines Differentialquotienten djdt, dass die betr.

Darauf betrachten wir

piese geben

dZ/dt=0 und dP/<9*=0, woraus Z = 0, P = ü zu schliessen

ist, und es wird die letzte Gleichung des Tripels (2) identisch

befriedigt.

Somit bleiben nur die drei zu einander senkrechten Com- ponenten Z, R, und W übrig, zwischen denen die folgenden

die beiden ersten Gleichungen des Tripels (2 ).

Grösse selbst identisch^ verschwindet.

Beziehungen bestehen:

(3)

t A

11

dt

.

dt

,

dt

,

,

,

,

1 drV

r

dr '

+ AxlA R = .

-

dii

" dx +

dZ

dr'

dx 7

,

Es ist nun bemerkenswerth, dass man im vorliegenden Falle ähnlich wie in den Problemen der Elektrostatik die Kraftvectoren aus einer einzigen scalaren Function IT durch Differentiation herleiten kann. Dies Resultat ist in der oben

genannten Arbeit von Hertz angegeben. Wir legen uns da- von folgendermaassen Rechenschaft ab:

Wir setzen zunächst, indem wir unter II eine neue un-

bekannte Function verstehen:

(4)

ardt

dr

Dann lassen sich die beiden ersten Gleichungen (3) so schreiben:

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Fortpflanzung elektrodynamischer Wellen.

[lAl + 4*U) Ii = -

+ 4.TA4)

r

Sr '

239

Diese Gleichungen sind ersichtlich befriedigt, wenn wir

und

(6) v

wählen.

1

r dr

ft

r

an

dr

v

/

.

.

r

*

d* * II

f

'

'

ordx Darauf setzen wir die Ausdrucke (4), (5) und (6) in

/? - -

die dritte der Gleichungen (3) ein und erhalten:

d

(

Äm

J*

br-[*P

b%Jl

bi*

A

d

P

+ A *< lt

,< dJI

\

ö

07/

,

dt)=br[r Är r ör +

d*I/\

'

wobei die elektromagnetisch gemessene Leitfähigkeit C = A^ 2

an Stelle der elektrostatisch gemessenen eingeführt ist, damit

der Buchstabe A im Folgenden für die Bezeichnung von Wellen-

längen verfügbar wird. Letzterer Gleichung genügen wir dadurch, dass wir 77 der Bedingung unterwerfen:

A i&ll

ö/T

1

B

dJI

d*n

in welcher die rechte Seite, nebenbei bemerkt, gleich dem be-

kannten zweiten Difierentialparameter All ist. Bestimmen wir

also II als Lösung der Differentialgleichung (7), so erhalten wir

in den Ausdrücken (4), (5) und (6) solche Gerthe unserer drei

Kraftcomponenten, welche die Maxwell' sehen Gleichungen (3)

befriedigen.

Abhängigkeit des Zustandes von der Zeit und von den

Coordinaten x und r.

Der Zustand wurde bereits oben der Zeit nach als rein

periodisch vorausgesetzt. Die Periode sei r. Wir wollen jetzt

die Annahme hinzufügen, dass er auch rein harmonisch ver- laufe, d. h. durch eine einzelne Exponentialfunction von der

$

3.

Form *2.nii/» gegeben sei.

Beide Annahmen entsprechen allerdings nicht genau den

wirklichen Verhältnissen. Denn einerseits weiss man, dass die successiven Schwingungen je nach der Form des Erregers

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240 A. Sommerfeld.

schneller oder langsamer an Stärke abnehmen, andererseits

wird die Gestalt der einzelnen Schwingung nicht gerade mit der Sinuscurve übereinstimmen. Es liegt nun vielleicht nahe, die Abhängigkeit von der Zeit nicht als reine, sondern als gedämpfte Sinusschwingung

anzusetzen, wie es thatsächlich in vielen Arbeiten geschieht

Dies hat aber sein Missliches.

Verfolgt man nämlich eine

gedämpfte Sinusschwingung zeitlich weit genug rückwärts, so

wachsen die Amplituden schliesslich über alle Grenzen, was

physikalisch keinen Sinn hat. Man sage nicht, dass man den

Zustand nur von einem Zeitpunkte an betrachtet, an welchem

die Amplitude bereits nicht übermässig gross ist. Thatsächlich

setzt man in der Formel den Zustand der gedämpften Sinus-

welle für alle Zeiten gültig voraus, so dass sich auch die bei

negativem t unendlich wachsenden Amplituden geltend machen

und die Ausbreitung der Welle beeinflussen würden. Deshalb

halten wir lieber an der rein periodischen Abhängigkeit fest, welche zwar nicht experimentell zutreffend, aber auch nicht physikalisch widersinnig ist.

Das Ideale wäre natürlich die Abhängigkeit von der Zeit

folgendermaassen festzulegen : Bis zu einem gewissen Zeitpunkt

herrscht Ruhe, von da ab setzt eine gedämpfte Sinusweile ein.

Indessen würde die Behandlung dieses complicirten, nicht

durch eine einheitliche Formel bestimmten Abhängigkeits-

gesetzes höchst unübersichtlich werden. Was die Abweichung der einzelnen Schwingung von der rein harmonischen Sinuswelle betrifft, so ist diese unbedenklich.

Wir können ja nach Fourier durch Uebereinanderlagerung

f

von rein harmonischen Schwingungen der Periode r, ^t, |r

jede beliebige Curve, also auch die im Experiment stattfindende,

während des Intervalls r genau wiedergeben.

Jede dieser

Schwingungen hätten wir dann nach der im Folgenden anzu-

gebenden Methode gesondert zu behandeln. Diese Zerlegung

Wie wir nämlich

liegt durchaus in der Natur der Sache.

sehen werden, ergiebt sich je nach der Länge der Schwingungs-

periode ein etwas verschiedener Werth der Fortpflanzungs-

Von einer einheitlichen Grösse der Fort-

pflanzung kann man bei einer nicht harmonischen Schwingung überhaupt nicht reden.

geschwindigkeit.

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Fortpflanzung elektrodynamischer H ellen,

241

Wir bemerken noch, dass die zeitliche Dämpfung, von der

zuletzt die Rede war, nicht verwechselt werden darf mit der

örtlichen Dämpfung, der Amplituden Verminderung beim Fort-

schreiten der Welle längs des Drahtes, die später wichtig

werden wird. Sodann 'specialisiren wir auch die Abhängigkeit des Zu-

standes von der Coordinate z:

Wir nehmen an, dass auch

diese durch eine einfache Exponentialfunction in der Form

dargestellt werde.

Diese Annahme ist natürlich an sich

willkürlich und kann, wenn überhaupt, nur durch den Erfolg

gerechtfertigt werden, nämlich so, dass wir zeigen: Wir können

mit dieser speciellen Annahme allen Bedingungen des Problems

gerecht werden. Gleichzeitig werden wir aber, wenn dieses möglich ist, sicher sein, mit dieser einfachsten Annahme den

einfachsten und physikalisch wichtigsten Zustand zu treffen.

Die soeben eingeführte Constante c werden wir zunächst

(vgl. § 5) als reell ansehen.

(8)

c =

In diesem Falle setzen wir

2 ;

sodass X die II ellenlange

der Schwingung, d. h. den Abstand

zweier Punkte bedeutet, welche zu gleicher Zeit gleiche Ampli-

tude und Phase der Schwingung besitzen. Nachdem wir uns

dann überzeugt haben werden, dass ein reelles c zwar formal mathematisch zulässig, aber physikalisch bedeutungslos ist,

werden wir c als complexe Grösse annehmen und

(8-)

c =

2 ;- -

setzen. A kann dann immer noch als Hellenlänge angesprochen werden, während x die Stärke der (örtlichen) Dämpfung beim

Fortschreiten der Welle längs des Drahtes misst.

Für die Function II ergiebt sich auf solche Weise (unter

Sie den reellen Theil des dahinter stehenden complexen Aus-

drucks verstanden) der folgende Ansatz:

(9)

i7= Met* 2 --""' + '"«);

die Function u hängt dann nur noch von der einen Variabein

r ab. Die Art dieser Abhängigkeit ist nun festzustellen.

Aoo. d. Phy». ii. Cbem.

N. F.

67.

16

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242 A. Sommerfeld.

Aus der Differentialgleichung (7) ergiebt sich für u folgende

Gleichung:

Hierfür können wir einfacher schreiben:

CO)

wenn wir die Abkürzung einführen:

tr'.+ '

är +(* 2 -«V = 0,

Die Constante k 2 besitzt im Innern

des Drahtes einen

in welcher

anderen Werth,

wie in der umgebenden Luft,

= ^ =

1

und 6'=0 ist.

Wir wollen die umgebende Luft als

das Medium I von dem Drahte als dem Medium II unterscheiden und wollen entsprechend den Werth von k 2 in I und II mit k\

und k\ bezeichnen. Diese beiden Constanten charakterisiren das

elektrodynamische Verhalten der Medien I und II vollkommen. Ferner werden wir fürs Erste die Möglichkeit offen lassen müssen, dass auch die Constante c in beiden Medien ver-

schiedene Werthe {c x und c 2 ) haben könne. Endlich werden

wir für u in I und II zwei verschiedene Ausdrücke erhalten, welche u x und w 2 heissen sollen.

Der Zusammenhang zwischen v A und w 2 wird durch die

Grenzbedingungen an der Drahtoberfläche vermittelt, welche be-

kanntlich besagen, dass die in die Grenzfläche fallenden Com-

ponenten von © und SDi auf beiden Seiten gleich sein müssen.

Es sind dieses die Componenten Z und W. Wir haben also für

die Oberfläche des Drahtes, wo r = o sein möge, zu verlangen:

z x = z v

% = w r

Nun folgt aber aus den Werthen (4), (5) und (6) unserer

drei Kraftcomponenten . wenn wir hier den Ausdruck (9) für

// eintragen:

#=

Nc(V-<" '+ '-^(c 2 - **)«),

Ii- - S«e(*f 2 »"/*+'"«r^"J,

=

m(e*»"!< + <<>J

\

a

2 n ju Ad r)

'\p).

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Fortpflanzung elektrodynamischer Wellen.

243

Mithin liefern die vorher genannten Obertiächenbedin- gungen für r = o:

ei^{k]-c\)u x = e^<{k\-c\)u 2

und

k] d u, = k] d u,

fi dr

fi t

d r

Aus der ersten dieser Gleichungen schliessen wir leicht

e l

= c 8 .

Da nämlich in

(*i - r?)«.

die linke Seite nur von

die rechte nur von r abhängt, so

müssen sich beide Seiten auf eine Constante reduciren, welche

nur die Einheit

sein kann.

Wir werden daher in Zukunft

für den gemeinsamen Werth von c x und c 2 wieder c schreiben

können.

Die vollständigen Bestimmungsgleichungen für unsere Func-

tionen Mj und t/ 2 lauten daher folgendermaassen:

(I)

.

(HI)

r>o

= 9

\

A?

u,

)

W,_ =

</r

- + (^-^ = 0,

// a

du*

dr

§ 4. Vorbemerkungen über die Bossel 'sehen Functionen.

Die Differentialgleichungen (I) und (II) lassen sich leicht

durch geeignete Wahl der unabhängigen Veränderlichen auf

die gemeinsame Form der Bessel'schen Differentialgleichung

mq\

(l3

>

d*u

l du

+ «-*-.

+ «-°

.

A

bringen. Ihre Lösungen sind die sogenannten Bessel'schen Functionen erster und zweiter Art, J(x) und Ä'(x), welche

man für alle Werthe von x durch die folgenden Integrale 1

definiren kann:

)

1) VgL Heine, Handb. d. Kugelf., Gleichung (30a) und (30b).

Man bemerke, dass unser K mit dem He in eichen nur in der positiv-

imagin&ren Halbebene übereinstimmt Auf der reellen Axe und in der

16*

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244 A. Sommerfeld.

(14)

.t

>

J{x) = * J

0

e i *«M *da,

ß + OD

K{x) = -. Je ixc^ a da.

0

Im zweiten Integral bedeutet ß irgend eine Zahl, welche,

wenn x = re i v gesetzt wird, zwischen <f und (f it liegt.

K ist

für alle endlichen Werthe

lichen Werthe endlich.

Wir werden eine Reihe von Eigenschaften der Bessel'- schen Functionen, namentlich auch bei complexen Werthen des Argumentes, nöthig haben, welche wir hier kurz zusammen-

ausser für x O, J für

alle end-

stellen.

a)

Die Function J{x) gestattet für alle Werthe des Ar-

gumentes die Entwicklung 1 ):

= i - Tv (

3 +

( i )* -

(:)'+•-•

Diese Reihe ist natürlich nur für hinreichend kleine x

praktisch brauchbar wir setzen | \x | < 1 voraus 2 ) und

auch dann nur, wenn man den Fehler beim Abbrechen, der Reihe abschätzen kann. Letzteres lässt sich folgendermaassen

leicht bewerkstelligen.

Wir haben

J W - (l - ,!» (*)' + ±

(t) 2k ) < ^

1+

i\

(

4.

x 2 4-

\

! 2|

+

X

,2,

i 4 4-

\-

1

' 2k + 2

+"-J-(Ä-+l j !- 2

1)T .

l\

1

i

"

2

|

2

" +

4

X2

2

Y 1

j

'

Nehmen wir also, was meistens ausreichen wird, k = 1, <1. h. brechen wir die Reihe mit dem zweiten Glied« ab, so

haben wir

(a , 2)

^»^-(^vi r(.-rr.

wo & eine unbekannte Zahl vom absoluten Betrage < 1 be-

deutet.

Ebenso findet man:

2

-1

negativ-imaginären Halbebene ist die Heine'sche Definition für ans nicht brauchbar, weil sie sich nicht durch analytische Fortsetzung aus den Werthen der positiv-imaginären Halbebene ergiebt.

1) Vgl. Heine, 1. c. Gleichung (14c).

2) Das Zeichen

|

| deutet, wie üblich, den absoluten Betrag der

dazwischen stehenden complexen Grösse an.

»ogle

Fortpflanzung elektrodynamischer Wellen.

245

Brechen wir die Reihe dagegen schon beim ersten Gliede

ab, so können wir schreiben:

(»,8)

x

Natürlich bedeutet in diesen und den folgenden Formeln das Zeichen & lauter verschiedene unbekannte Zahlen vom abso-

luten Betrage < 1. Wie diese Abschätzung im Falle \\x, > 1 und k > 1 zu

modificiren wäre, ist leicht zu sehen.

b) Neben J (x) (oder ausführlicher geschrieben J 0 (x)) be-

zeichnet man auch die Functionen 1

)

= «T ( 2 ) (* ~~ Un + Y) (y) + T.2~{^\){W+~2) ("2") _

'

*

')

als Bessel'sche Functionen. Aus dieser Reihe findet man

leicht, unter der abermaligen Annahme \\x\ < 1:

Da ferner allgemein gilt 2 ):

so können wir schreiben:

nK ) ^ (n-l)!.2|

[

l

\2\)

Wir merken uns insbesondere die folgenden Ausdrücke an

(k.2)

|?.| (i-;f 2 )" 1 .

-Y(*) =

4!

&

3

!

X '(-

2

X '(•-

2

*

2

i

1

X 1

"2"

c) Unsere Bessel'sche Function A'(x) gestattet die fol-

gende Darstellung 3 ):

= J(x)(\og

2

x

+

+ C) -2(/ 1 (x)-|/ 4W + i/6 (*)-

).

1) Vgl. Heine, 1. c. Gleichung (14c).

2) Vgl. Heine, 1. c. $ 61 B.

3) Vgl. Heine, 1. c Gleichung (44 f)-

Man beachte die dort für

complexe x mit positiv -imaginärem Theil angegebene Modifikation, welche dem Gliede in/ 2 unserer Formel entspricht.

240 //. Sommerfeld.

Die sogenannte Mascheroni'sche Constante C hat den

Werth 0,577

Setzen wir noch C= logy, wo^= 1,781 wird,

und beachten, dass e in ' 2 = i ist, so können wir auch schreiben:

(c, l )

und

(c,2)

A (x) = j{*) log $1 r _ 2 (j 2 w _ i ,/ 4 w+ j / 6 w -

.)

Für genügend kleine Werthe von x wird also -ÄT(:r) durch

log 2iy/x, K' (x) durch \Jx dargestellt. Wir müssen ein

Urtheil darüber gewinnen, wie genau diese Darstellung ist.

Aus (c, 1) folgt:

\K{x)-\og-J

2

i r

2i

< J[*)-\, log*;'

r

+

2(J 2 (x) +

+

),

also, wenn wir aus (a,3) und (b,l) einsetzen:

A»- log 2 7 <

lü « /| + 2!+ 2

2

)

=

2

Ebenso ergiebt

und (b,2):

sich aus (c,2) mit Rücksicht auf (a. 3)

Somit gewinnen wir:

A- W = log 2 7 + .9

T 2

2

*'W v + * Ivifv +

|2

d)