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Projekt MA N U A L

FluEQUAL – SALZBURG INTEGRIERT FLÜCHTLINGE


2 fluEQUAL

IMPRESSUM:

MEDIENINHABERIN UND HERAUSGEBERIN


Projekt FluEQUAL, Lasserstraße 17, 5020 Salzburg
Homepage: www.fluequal.at · E-Mail: info@fluequal.at

REDAKTIONSTEAM:
Ursula Liebing, Angelika Reichl
Frau & Arbeit, Franz-Josef-Straße 16, 5020 Salzburg
E-Mail: office@frau-und-arbeit.at

GESTALTUNG: Ingeborg Schönherr

QUELLEN: Portraits, Collagen und Zitate stammen – wenn


nicht anders gekennzeichnet – aus der Ausstellung „Mein
Österreich, MigrantInnen und ihre zweite Heimat“, ein Projekt
von Katholischer Aktion Salzburg und Plattform für Menschen-
rechte Salzburg.
E-Mail: josef.mautner@ka.kirchen.net

DRUCK: Laber Druck, Oberndorf


fluEQUAL 3

Projekt MA N U A L
FluEQUAL – SALZBURG INTEGRIERT FLÜCHTLINGE

Ein EQUAL-Projekt von


BiBER
Caritas
Diakonie Flüchtlingsdienst
Frau & Arbeit
Land Salzburg

mit den PartnerInnen


Wirtschaftskammer Salzburg
Arbeiterkammer Salzburg
Regionalverband Oberpinzgau
Regionalverband Lungau

gefördert aus Mitteln


des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit
und des Europäischen Sozialfonds

Salzburg im April 2007


4 fluEQUAL

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!

D
as Land Salzburg hat mit 01.05.2004 mit in Kraft treten der Grundversorgungs-
vereinbarung zwischen Bund und Ländern die Aufgabe der Versorgung und Be-
treuung von AsylwerberInnen übernommen. Bereits die ersten Erfahrungen
bei der Erfüllung dieser Aufgabe haben wieder gezeigt, wie wichtig dabei das Bemüh-
en um Integration von allen Seiten ist. Der Verantwortung der nach
Österreich zugewanderten Menschen für ihre Eingliederung in unse-
re Gesellschaft steht unsere Verantwortung gegenüber, sie bei diesem
Eingliederungsprozess zu unterstützen. Von Anfang an haben sich enga-
gierte Menschen in den Salzburger Gemeinden, in denen Flüchtlinge
untergebracht sind, für einen solchen Integrationsprozess eingesetzt.

In dem Projekt „FluEQUAL – Salzburg integriert Flüchtlinge“ haben


Frau & Arbeit, Diakonie, Caritas und BiBER, als durchführende Organi-
sationen, Wirschaftskammer, Arbeiterkammer und die Regionalverbände
Lungau und Oberpinzgau als strategische Partner und das Land Salzburg
als finanzverantwortlicher Partner seit Mitte 2005 an vier Standorten im
Bundesland einen wichtigen Beitrag für die Integration von Asylwerber-
Erika Scharer
Innen in unserem Bundesland geleistet. Dabei wurden die Schlüsselbe-
Landesrätin für Soziales
reiche von Integration, nämlich Spracherwerb, Beschäftigung, Qualifizie-
rung und eine breite Beteiligung von betroffenen Gruppen und Personen
aktiv angesprochen. Die Bereitschaft von AsylwerberInnen, an diesen Integrationsmaßnah-
men teilzunehmen, wie auch das Interesse, das dieses Projekt bei den beteiligten Gemein-
den und den BewohnerInnen in diesen Gemeinden gefunden hat, sind sehr positive Zeichen.

Ich freue mich, dass nun mit diesem Projekt-Manual eine Handreichung für weitere Interes-
sierte vorliegt und damit „Salzburg integriert Flüchtlinge“ weitergehen wird.

Erika Scharer
Landesrätin für Soziales
fluEQUAL 5

Inhalt

Kapitel I: Einleitung 6
Vereinigung des Unvereinbaren? 7
Salzburg integriert Flüchtlinge 10

Kapitel II: Sprache 13


Frauensprachkurse: „Jetzt lerne ich Deutsch!“ 15
Männersprachkurse: Für alle ein Gewinn! 19
Vernetzungstreffen von SprachlehrerInnen 21

Kapitel III: work iT! 23


Partizipative Projektarbeit – warum? 25
Grundbildung im Bereich der Informationstechnologien 28
Coaching für Arbeitsmarkt und Alltag 33

Kapitel IV: Gemeinnützige Beschäftigung 37


Qualitätsstandards für gemeinützige Beschäftigung 39
Flüchtlinge arbeiten in Gemeinden mit 42
Lernwerkstätten als berufliche und kulturelle Orientierung 45
Beratung und Coaching 48

Kapitel V: Ganzheitliche Integration 51


Die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in Gemeinden 53
Dialogprozesse zur Förderung von Integration 57
Integration von Asylwerberinnen 61

Kapitel VI: Rückschau 65


Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile 67
Öffnung des ersten Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen 69
Zugang zum Arbeitsmarkt dient der Integration 70
Arbeitsmarktöffnung in strukturschwacher Region ist schwierig 70
Ein Fremder ist ein Freund, dem wir noch nicht begegnet sind 71
Empowerment von AsylwerberInnen? 72
6 fluEQUAL

Kapitel I: Einleitung

• Vereinigung des Unverein-


baren? Integration von Asyl-
Einleitung suchenden in Salzburg
• Salzburg integriert
Flüchtlinge – das Projekt
FluEQUAL
fluEQUAL 7

Integration von Asylsuchenden in Salzburg

Vereinigung des Unvereinbaren?


Josef P. Mautner

I
ntegration – ein viel verwendeter und besuchen die Schule, alle sprechen inzwi-
beinahe ausschließlich positiv besetzter schen ganz passabel Deutsch, die Familie hat
Modebegriff. Gerade in politischen De- einen guten Kontakt zu den Nachbarn und
batten wird er nicht selten dazu verwendet, zu andern Familien, deren Kinder in die sel-
eine zu ihm in Gegensatz stehende Realität ben Klassen gehen – und nun sollen sie in
zu kaschieren. So empfiehlt es sich, auch ein Drittland abgeschoben werden, das sie
bei einem EU-Projekt, das Integration von auf ihrer Flucht zufällig ein paar Tage lang
Asylsuchenden im Bundesland Salzburg gesehen haben.
verspricht, genauer hinzusehen. Nicht eine
abstrakte Begriffsdefinition soll hier geboten Integrationspflicht
werden, sondern eine kritische Reflexion des Aufnahmelandes
des Begriffs vor dem Hintergrund der Er- Jahrelange Asylverfahren führen zu einem
fahrungen und Enttäuschungen praktischer jahrelangen Aufenthalt von Asylsuchen-
Arbeit. Was bedeutet „Integration“ im Zu- den im vorläufigen Aufnahmeland, und
sammenhang der Situation von Menschen, automatisch entstehen der Wunsch wie die
die in einem noch unentschiedenen Asylver- Notwendigkeit, sich zu integrieren. Ein län-
fahren stehen? Welche praktischen Möglich- ger dauerndes Zusammenleben in einem
keiten bietet der Rahmen der sog. „Grund- kleinräumigen sozialen
versorgung“ von Flüchtlingen, wie sie im Umfeld beinhaltet Inte- „Selbst wenn wir unter In-
Bundesland Salzburg durchgeführt wird, gration – als Element tegration nichts weiter ver-
für Integration, und welche (relativ engen) seiner inneren Logik. stehen wollen als die Verein-
Grenzen werden durch ihn gesetzt? Diese soziologische heitlichung eines uneinigen
Gesetzmäßigkeit wider- Stoffes, so drängt sich dem
Skepsis scheint angebracht. In den vielen spricht dem landläu-
Debatten über Integration von Asylsuchen- vorurteilsfreien Denken die
figen Bild, Integration
den, die ich bisher miterleben konnte, bin ich sei ausschließlich eine Frage auf: bei wem denn die
dementsprechend auch der grundsätzlichen Anstrengung der poli- Entscheidung darüber liege,
Meinung begegnet, „Integration im enge- tical correctness, des ob etwas eine Einheit sei
ren Sinne“ einerseits und die Situation von moralischen Überich, oder nicht?“ Fritz Mauthner
Asylsuchenden im Verfahren andererseits und nur die Segre-
seien zwei Realitäten, die unvereinbar blei- gation, die Diskriminierungsprozesse von
ben. Kurz und oberflächlich brutal gesagt: Fremden verliefen „naturgemäß“. Für die
„Flüchtlinge kann man nicht integrieren“, Situation von Asylsuchenden bedeutet dies:
oder im Sinne eines politischen Ordnungs- Solange die Verfahren nicht in deutlich
denkens gesprochen: „Flüchtlinge soll man kürzerer Zeit abgeschlossen werden, besteht
nicht integrieren“. Schließlich führe eine meines Erachtens auch eine Integrations-
„Aufenthaltsverfestigung“, die vor dem noch pflicht des Aufnahmelandes, und es gilt der
ungewissen Ausgang eines Asylverfahrens Grundsatz von Art. 34 der Genfer Konven-
stattfindet, zwangsläufig zu einer Katastro- tion: „Die vertragschließenden Staaten wer-
phe, sobald der endgültige Negativbescheid den so weit wie möglich die Eingliederung
feststünde. Ein mögliches Beispiel: Der und Einbürgerung der Flüchtlinge erleich-
Mann arbeitet seit Jahren in einer Firma in tern.“ Denn angesichts von Jahre dauernden
Salzburg, die Frau lebt zuhause, die Kinder Aufenthalten während eines schwebenden
sind hier in den Kindergarten gegangen und Asylverfahrens wird eine Politik, die eine sog.
8 fluEQUAL

„Aufenthaltsverfestigung“ während dieser tigen Angebote im kulturellen Bereich. Die


Zeit vermeiden möchte, zum Zynismus ge- intensive Nutzung der Ausstellung „Mein
genüber allen Betroffenen. Österreich. MigrantInnen und ihre zweite
Heimat“, die in vier Gemeinden mit Grund-
Ganzheitliches Verständnis versorgungsquartieren gezeigt wurde, war
ein Bereich, in dem die Plattform für Men-
In der österreichischen Politik – und somit schenrechte und FluEQUAL besonders
auch in der Salzburger – existiert bereits eine produktiv zusammengearbeitet haben. We-
länger dauernde Geschichte der Verhinde- sentlich dabei war nicht das bloße Faktum,
rungsbemühungen von Integration mit und dass die Ausstellung in Puch, in Mittersill,
für Asylsuchende. Gerade im Hinblick auf in Tamsweg, in St. Johann etc. gezeigt wur-
diese Geschichte – und da das Land Salz- de (eine Kulturveranstaltung mehr für die
burg als offizieller Partner mit eingebunden Statistik!), sondern das sog. „Drumherum“:
war – muss dieses Projekt mit dem Titel „Flu- eine Fülle von kulturellen Begegnungsräu-
EQUAL – Salzburg integriert Flüchtlinge“ men (interkulturelle Feste, Vernissagen, Fi-
ohne Einschränkung als wichtiger Schritt nissagen, thematische Veranstaltungen), die
in eine richtige Richtung betrachtet werden. von den Asylsuchenden sowie von einheimi-
Es beinhaltet die An- schen Gruppen und Vereinen selbst gestaltet
erkennung jener Tat- wurden und Ergebnis ihrer Kreativität und
sache, die bisher von Fantasie waren; weiters eine überraschend
offizieller Seite nicht hohe Resonanz bei den Schulen an den
in vollem Umfang jeweiligen Ausstellungsorten: Das Angebot
anerkannt war: Asyl- von LehrerInnen-Informationstagen und
suchende brauchen SchülerInnen-Workshops rund um die Aus-
gute Rahmenbedin- stellung hatte enormen Zulauf !
gungen für eine teil-
weise und vorläufige Integration unter den
Integration – auch ÖsterreicherInnen selbst
bereits vor ihrer An-
erkennung als Kon- Diese Erfahrungen zeigen für mich: In
ventionsflüchtlinge! jenen Orten Salzburgs, die Grundversor-
Vor allem aufgrund gungsquartiere beherbergen, ist die Integra-
des ganzheitlichen tion von Asylsuchenden ein Thema. Nicht
Ansatzes, der mit in erster Linie deshalb, weil sie Probleme
dem Projekt verfolgt aufgeworfen hat und aufwirft (und diese
wurde – das zeigten Probleme gibt es, ohne Zweifel!), sondern
mir auch die Erfahrungen in der konkreten vor allem deshalb, weil sie geschieht und
Zusammenarbeit –, hat FluEQUAL zweifel- weil sich durch Integrationsprozesse das Zu-
los in vielen Fällen erfolgreich und nachhal- sammenleben in einem Gemeinwesen ver-
tig zu einer ersten Integration sowie zu einer ändert. Die Quartiere haben dem Leben im
Verbesserung der gesamten Lebenssituation jeweiligen Ort eine andere Farbe gegeben
von Asylsuchenden beigetragen. – gleichgültig ob man das wollte oder nicht.
Hier kommt eine Dimension von Integration
Im Mittelpunkt – auch des medialen – In- zum Tragen, die oft nicht wahrgenommen
teresses stand sicherlich das Schaffen von wird – auch nicht von jenen, die für Inte-
Beschäftigungsmöglichkeiten für Flücht- gration arbeiten, haupt- oder ehrenamtlich.
linge im kommunalen Bereich wie z.B. die Das Auftauchen von „Fremden“ am Hori-
Arbeit in den Bauhöfen sowie bei der Pfle- zont einer Kommune ruft bestimmte Bilder
ge von öffentlichen Anlagen in Gemeinden. in unseren Köpfen hervor, eine Dichotomie
Ebenso wichtig waren aber die anderen In- entsteht; auf der einen Seite das heile Gan-
tegrationsangebote wie Deutschkurse und ze: unsere Fremdenverkehrsgemeinde, un-
PC- sowie Internetlehrgänge und die vielfäl- sere schöne Landschaft, der Zusammenhalt
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unter uns ... In den Tiefeninterviews, die im Geschäftsführer in der Katholischen Aktion,
Rahmen eines Konfliktanalyse-Projektes (*) Mitarbeit in der Plattform für Menschen-
zur Unterbringung von Asylsuchenden in rechte.
Salzburger Gemeinden durchgeführt wur-
den, tauchten immer wieder diese Bilder (*) Der Projektbericht „Konfliktdynamiken
auf: die schönen Berge, das klare Wasser, im Zuge der Unterbringung von Asylbewer-
die gepflegten Gärten, die Häuser, die man berInnen in Salzburger Gemeinden“ (Nov.
früher nicht mal zusperren musste ... Auf 2006) ist unter www.menschenrechte-salz-
der andern Seite das nicht Zugehörige: eine burg.at einzusehen bzw. herunterzuladen.
fremde Kultur, fremde Sprachen, Armut,
die sich nicht demütig genug verhält, Frauen
mit Kopftüchern, junge Männer, die nichts LITERATUR:
arbeiten und den ganzen Tag am Dorfplatz
herumlungern ... Die Flüchtlinge haben das BAUBÖCK, RAINER: Europas Identitäten.
heile Ganze gestört, sie sind das Element des Mythen, Konstrukte, Konflikte, Hg. zus. mit
M. Mokre und G. Weiss, Frankfurt. 2003.
nicht Zugehörigen, das integriert oder abge-
wiesen werden muss. Beide Reaktionsweisen Ders.: Wege zur Integration. Was man gegen Dis-
sind möglich, denn dieses dichotome Bild kriminierung und Fremdenfeindlichkeit tun kann,
haben BefürworterInnen und GegnerInnen zus. mit P. Volf, Klagenfurt. 2001.
der Integration von Asylsuchenden häufig
FORSTER, EDGAR – BIERINGER, INGO
gemeinsam.
– LAMOTT, FRANZISKA (HG.): Migration und
Trauma. Beiträge zu einer reflexiven Flüchtlings-
Was jedoch, wenn dieses Bild als Vorausset- arbeit. Münster – Hamburg – London 2003.
zung, um Integration zu denken, falsch wäre?
Wenn das ursprüngliche Ganze, unsere IGNATIEFF, MICHAEL: Wovon lebt der
Siedlungen, Kommunen und Stadtteile, gar Mensch? Was es heißt, auf menschliche Weise in
Gesellschaft zu leben. Hamburg 1993.
nicht so ganz und heil wären, wie wir sie uns
vorstellen, sobald „Fremde“ am Horizont Ders.: Die Politik der Menschenrechte. Hamburg
auftauchen? „Also hier findet keine…keine 2002.
Integration auch unter den Österreichern
selbst statt. Und genauso wenig kann so die WALZER, MICHAEL: Lokale Kritik – globale
Standards. Zwei Formen moralischer Auseinan-
Integration mit anderen stattfinden“, stellte
dersetzung. Hamburg 1996.
ein Gesprächspartner im Tiefeninterview
fest. Hier, bei der Abwanderung der jungen
Generation in Randregionen, im nicht be-
wältigten Zuzug von Wachstumsgemeinden,
bei schlecht angebundenen neu entstande-
nen Randsiedlungen, im endemisch gewor-
denen Konflikt zwischen „Alteingesessenen“
und „Zugezogenen“, in der Zunahme von
prekären Arbeitsverhältnissen ..., also im
Bereich der inneren Strukturprobleme von
Gemeinden liegt noch ein weites Betäti-
gungsfeld für eine Integration, die uns alle
betrifft – im Besonderen „uns Österreicher-
Innen“, die wir uns als selbstverständlich
zum Ganzen zugehörig empfinden. Denn
wer bestimmt, ob etwas eine Einheit sei oder
nicht, wenn nicht wir selber?

Josef MAUTNER: Studium der Literatur-


wissenschaft und Theologie in Salzburg;
10 fluEQUAL

Das Projekt FluEQUAL:

Salzburg integriert Flüchtlinge


Ursula Liebing, Angelika Reichl

D
er Name macht es bereits deutlich: die Rolle des finanzverantwortlichen Part-
Das Projekt FluEQUAL ist ein ners übernommen. In die Entwicklungs-
EQUAL-Projekt und wurde im Rah- partnerschaft sind auch die Wirtschaftskam-
men der sogenannten „Gemeinschaftsinitia- mer und Arbeiterkammer Salzburg sowie
tive EQUAL“ aus Mitteln des Europäischen die Regionalverbände Oberpinzgau und
Sozialfonds (ESF) und des Bundesministeri- Lungau als so genannte strategische Part-
ums für Wirtschaft und Arbeit finanziert. nerInnen mit eingebunden. FluEQUAL hat
auch in seinen Projektaktivitäten einen re-
Ziel dieses europäischen Förderprogramms gionalen Fokus: Neben der Stadt Salzburg
ist die Bekämpfung von Diskriminierungen fanden Projektaktivitäten in drei Regionen
und Ungleichheiten im Zusammenhang des Landes Salzburg statt, im Tennengau,
mit dem Ar- Oberpinzgau und im Lungau.
b e i t s m a rk t .
Im Vorder- Zielgruppe AsylwerberInnen
grund steht
Zu den benachteiligten Personengrup-
die Förderung
pen, deren Arbeitsmarktintegration durch
von Human-
EQUAL gefördert werden soll, zählen auch
r e s s o u rc e n ,
Asylsuchende. Mit dem Status Asylsuchen-
insbesondere
de bzw. AsylwerberInnen sind Personen ge-
die berufliche
meint, die (im Fall FluEQUAL in Österreich)
Integration
um Asyl angesucht haben, deren Asylver-
von Perso-
fahren jedoch noch nicht abgeschlossen ist.
nengruppen,
Sie waren die Zielgruppe von FluEQUAL.
die am Ar-
Sobald sich jedoch ihr Status änderte, fielen
beitsmarkt
sie aus dem Projekt heraus, sei es, weil sie
benachtei ligt
nun anerkannte Flüchtlinge oder subsidiär
sind, sowie die
Schutzberechtigte (d.h. Personen mit vor-
Verbesserung des lebensbegleitenden Ler-
läufigem Aufenthaltstitel) waren, sei es, weil
nens und die Schaffung neuer Arbeitsplätze.
sie Österreich verlassen mussten.
Die Konzeption, Planung und Umsetzung
der Projekte im Rahmen des EQUAL-Pro- Gender Mainstreaming: Förderung
gramms übernehmen Netzwerke von Orga- der Chancengleichheit von Männern
nisationen, so genannte Entwicklungspart- und Frauen
nerschaften.
Die Gleichstellung von Frauen und Män-
Die regionale Entwicklungspartner- nern ist eines der Hauptziele des Europä-
schaft FluEQUAL ischen Sozialfonds, daher ist die Geschlech-
terperspektive in alle vom ESF kofinanzierte
Die Entwicklungspartnerschaft FluEQUAL Maßnahmen zu integrieren. Damit wird
ist ein regionales, auf das Land Salzburg Gender Mainstreaming als Verpflichtung
begrenztes Netzwerk. Die Salzburger Or- festgeschrieben, und auch als Kriterium,
ganisationen Caritas, Diakonie Flüchtlings- das alle EQUAL-Projekte erfüllen müssen.
dienst, Frau & Arbeit und BiBER (Bildungs- Gender Mainstreaming bedeutet, dass bei
beratung für Erwachsene) führen das Projekt der Organisation, Konzeption und Umset-
FluEQUAL durch, das Land Salzburg hat zung aller Aktivitäten die unterschiedlichen
fluEQUAL 11

Bedingungen, Situationen und Bedürfnisse tier (auch von den Flachgauer Quartieren
von Frauen und Männern systematisch be- Neumarkt und Abersee aus mit öffentlichen
rücksichtigt werden müssen. Verkehrsmitteln gut erreichbar), Tennengau
mit drei Quartieren (eines in Puch, zwei in
Empowerment als Hallein), Lungau mit zwei Quartieren (St.
Querschnittsaufgabe von EQUAL Michael und Ramingstein) und Oberpinz-
gau mit ebenfalls zwei Quartieren (Neukir-
Ebenso ist ein möglichst weitgehendes Em- chen und Mittersill).
powerment der benachteiligten Zielgrup-
pen – also deren Selbst-Ermächtigung Sprachkurse – BiBER
– eine weitere, ausdrückliche Aufgabe aller
EQUAL-Projekte. Die Projektaktivitäten Um die sprachlichen Voraussetzungen für
von FluEQUAL hatten also auch das Ziel, eine Projektteilnahme von Asylsuchenden zu
Selbstmotivation, Selbstbestimmung und schaffen, wurden zu Beginn der Projektlauf-
Selbstverantwortung der TeilnehmerInnen zeit insgesamt zehn Sprachkurse angeboten.
zu fördern. Die Frage, ob und wieweit Em- Vier fanden in der Stadt Salzburg statt, die
powerment unter den gegenwärtigen Le- anderen sechs in den drei Regionen Tennen-
bensbedingungen Asylsuchender in Salz- gau/Puch, im Pinzgau und im Lungau. Ver-
burg bzw. Österreich realisiert werden kann, antwortlicher Partner hierfür war BiBER.
wurde auch im Rahmen des Austausches
mit anderen österreichischen Entwicklungs- Work iT! –
partnerschaften diskutiert. Diakonie Flüchtlingsdienst
Weitere zentrale Querschnittsthemen von
EQUAL sind die Nutzung von Informati- Die Nutzung von Informationstechnologien
onstechnologien (IT) sowie die Förderung (IT) und die Orientierung am Konzept des
der Fähigkeit und Bereitschaft zum lebens- lebenslangen Lernens sind in den EQUAL-
langen Lernen. Projekten eine besonderes Anliegen. Im
Rahmen von FluEQUAL hat der Diakonie
Die Projektaktivitäten von FluEQUAL Flüchtlingsdienst unter dem Titel Work iT!
in der Stadt Salzburg ein Projekt realisiert,
Die Ausgangslage von FluEQUAL als Pro- das die gemeinsame Erstellung einer Home-
jekt zur Arbeitsmarktintegration war para- page von und für Flüchtlinge zum Ziel hat-
dox: Die Entwicklungspartnerschaft stand te. Durch eine weitgehende Einbindung der
vor der schwierigen Aufgabe, eine Ziel- Zielgruppe in die Projektgestaltung selbst
gruppe an den Arbeitsmarkt heranzufüh- sollten besonders auch der Empowerment-
ren, ohne sie aber dort platzieren zu dür- Gedanke umgesetzt werden und Fähigkeiten
fen. Asylsuchende dürfen nämlich nur mit des lebenslangen Lernens gefördert werden.
einer Beschäftigungsbewilligung arbeiten,
die jedoch für Asylsuchende auf Grund der Gemeinnützige
gesetzlichen Bestimmungen zu den Bundes- Beschäftigung – Caritas
bzw. Landeshöchstzahlen kaum erteilt wird.
Asylsuchende in der Salzburger Grundver- Im Rahmen von FluEQUAL hat die Caritas
sorgung müssen zumindest in den ersten in den Projektregionen Tennengau/Puch,
sechs Monaten in organisierten Gemein- im Pinzgau und im Lungau gemeinnützige
schaftsunterkünften, in sogenannten Flücht- Beschäftigungsmöglichkeiten für Asylwer-
lingsquartieren leben, vielfach bleiben sie ein berInnen organisiert und begleitet. Ergän-
oder gar mehrere Jahre in diesen Quartieren. zend dazu wurden Qualifizierungs- und
19 solcher Quartiere in unterschiedlichen Orientierungsmaßnahmen für die Projekt-
Regionen gab es im Land Salzburg zu Be- teilnehmerInnen durchgeführt, in Form von
ginn des Projekts. Für FluEQUAL wurden Lernwerkstätten und begleitendem berufs-
vier Orte bzw. Regionen mit Quartieren aus- bezogenen Coaching. Die Nachfrage seitens
gewählt: die Stadt Salzburg mit einem Quar- der Gemeinden als Träger gemeinnütziger
12 fluEQUAL

Beschäftigung sowie seitens der Asylsuchen- en- und Männerkursen und den Ergebnis-
den übertraf alle Erwartungen. sen von Vernetzungstreffen.
Im Kapitel work iT! werden Grundsatz-
Dialogprozesse und Gender fragen partizipativer Projektplanung und
Mainstreaming – Frau & Arbeit IT-Qualifizierung von und mit Flüchtlingen
erörtert und an Beispielen verdeutlicht. Im
FluEQUAL hat sich von Anfang an als Pro- dritten Beitrag wird auf verschiedene As-
jekt zur ganzheitlichen Integration verstan- pekte von Coachingprozessen eingegangen.
den: Durch die systematische Einbettung Im Kapitel Gemeinnützige Beschäf-
von Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegra- tigung werden unabdingbare Qualitäts-
tion in Aktivitäten zur Förderung der gesell- standards für gemeinnützige Beschäftigung
schaftlichen Integration wurden bedeutende vorgestellt, bevor anhand von Beispielen aus
Synergieeffekte erzielt. Frau & Arbeit hat der Caritas-Arbeit in den Regionen auf die
begleitend zur gemeinnützigen Arbeit in Erfahrungen bei der Umsetzung gemein-
den drei ländlichen Projektregionen Dialog- nütziger Beschäftigung eingegangen wird.
prozesse initiiert und gefördert, die das The- In weiteren Beiträgen werden deren Begleit-
ma Asylsuchende in den Kontext Migration maßnahmen, nämlich Lernwerkstätten und
und interkultureller Dialog stellten. Ziel war berufsbezogenes Coaching beschrieben.
die Sensibilisierung für Belange der Asylssu- Das Kapitel Ganzheitliche Integration
chenden, die Förderung der Kommunika- beschäftigt sich mit den Dialogprozessen
tion durch Vernetzung von Strukturen und und deren Rahmenbedingungen. Weiters
Personen, die Schaffung von Begegnungs- stellt es Erfahrungen und Erkenntnisse aus
räumen und deren gemeinsame Gestaltung der Gender Mainstreaming Arbeit vor.
und die Thematisierung und ggfs. auch Be- Das Kapitel Rückschau blickt auf die
arbeitung (potentieller) Konflikte. Synergieeffekte des Projekts, enthält ein
Gesellschaftliche Integration bedarf eines Resumée der strategischen Partner und ver-
speziellen Fokus auf Frauen. Um die Pro- weist im Positionspapier Empowerment auf
jektteilnahme asylsuchender Frauen zu för- die Lebensumstände der Asylsuchenden als
dern und möglichst vielen die Teilnahme zentralen Faktor von Integration.
zu ermöglichen, wurden deren spezifischen
Situationen und Bedürfnisse von vornherein Das vorliegende Manual ist kein Handbuch
in der Konzeption der Maßnahmen berück- im klassischen Sinne: Es enthält keine Re-
sichtigt, zum Beispiel durch spezielle Frau- zepte, die nur zu befolgen sind, um Integrati-
ensprachkurse oder durch Kinderbetreuung on von Asylsuchenden zu „bewerkstelligen“.
als fixem Bestandteil der Projektaktivitäten. Es enthält keine Integrationsmodelle, die un-
Die Bedürfnisse und Situationen asylsuchen- abhängig von den Lebensbedingungen oder
der Frauen wurden kontinuierlich erhoben, den konkreten Verhältnissen immer dort an-
was im Projektverlauf zu Änderungen und wendbar sind, wo ein Flüchtling „integriert“
konzeptuellen Erweiterungen führte. werden soll. Integriert Salzburg Flüchtlinge,
wie es der Untertitel von FluEQUAL viel-
Ein Projektmanual als sagend behauptet? Integration oder genauer
Handbuch zur Integration? ein konstruktives Zusammenleben von
Menschen unterschiedlicher Herkunft lässt
Um die Erkenntnisse und Einsichten aus sich nicht einseitig herbeiführen oder er-
der Arbeit von FluEQUAL der Öffentlich- zwingen, es braucht hierfür ein offenes, am
keit zugänglich zu machen, werden Erfah- Gemeinsamen interessiertes Handeln aller
rungen, Praxisbeispiele und Ergebnisse in Beteiligten, vor dem Hintergrund ihrer kon-
diesem Projektmanual präsentiert. Das Ma- kreten Lebensverhältnisse. Die Erfahrung
nual folgt in seinem Aufbau der oben be- aus FluEQUAL zeigt: Integration lässt sich
schriebenen inneren Logik des Projektes: gezielt fördern und unterstützen. Hierfür
Das Kapitel Sprache widmet sich den Er- enthält dieses Projektmanual eine Fülle von
fahrungen der SprachlehrerInnen aus Frau- Erfahrungen, Ideen und Anregungen.
fluEQUAL 13

Kapitel II: Sprache

• Frauensprachkurse
Sprache als
• Männersprachkurse
Voraussetzung für • Vernetzungstreffen von
Integration SprachlehrerInnen
14 fluEQUAL

Kapitelvorschau

Sprache als Voraussetzung für Integration

Sprache ist eine Säule der Integration – das klingt wie eine Binsenweisheit, ist
aber dennoch keine Selbstverständlichkeit. Kenntnisse der deutschen Sprache
sind eine wichtige Voraussetzung für die Bewältigung des österreichischen All-
tags. Deutschkenntnisse machen es für Menschen nicht-österreichischer Herkunft
leichter, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Für eine wirkliche Teilhabe
am gesellschaftlichen Leben sind Sprachkenntnisse und Grundwissen über die ös-
terreichische Gesellschaft unabdingbare Voraussetzungen. Will man Integration
fördern, liegt es nahe, Flüchtlingen möglichst früh, unabhängig vom Verfahrens-
status, die Teilnahme an einem Sprachkurs zu ermöglichen. In Salzburg keine
Selbstverständlichkeit: Sprachkurse wurden oft nur ehrenamtlich und unregel-
mäßig angeboten, reguläre Sprachkurse sind für Flüchtlinge unerschwinglich.

Hier setzte das Projekt FluEQUAL an: In vier Regionen des Bundeslandes Salz-
burg wurden zehn Deutschkurse durchgeführt. 154 TeilnehmerInnen haben
Sprachkurse besucht und großteils abgeschlossen. Geschlechtergerechtigkeit
beziehungsweise Gender Mainstreaming war im Sprachbereich ein wichtiges
Thema: Um die Lernbedürfnisse möglichst vieler Frauen zu berücksichtigen und
ihnen die Teilnahme an einem Sprachkurs zu ermöglichen, wurden in der Stadt
Salzburg zwei reine Frauenkurse angeboten. Zwei weitere Kurse in der Stadt
Salzburg wurden daher überwiegend von Männern besucht, alle anderen Kurse
waren gemischt. Bei zwei Vernetzungstreffen der SprachlehrerInnen gab es ei-
nen intensiven Austausch; Erkenntnisse des ersten Durchgangs wurden bei der
Konzeption des zweiten berücksichtigt.

Im folgenden Kapitel stellen SprachlehrerInnen aus dem Projekt FluEQUAL


Erfahrungen und Ergebnisse aus Frauen- und Männersprachkursen vor. Ergänzt
wird dies durch Ergebnisse aus den Vernetzungstreffen. Der Mehrwert einer
ganzheitlichen Zugangsweise wird hier sichtbar: Intensive Sprachkurse, die sich
an den Lebenssituationen und Bedürfnissen der AsylwerberInnen orientieren,
vermitteln nicht nur Sprachkenntnisse, sondern bauen eine wichtige Brücke in
das Aufenthaltsland Österreich.
fluEQUAL 15

Frauensprachkurse: „Jetzt lerne ich Deutsch!“

Michaela Bacher, Dagmar Gmachl

V
on Oktober 2005 bis April 2006 dar. Einerseits verlangsamten die Lese- und
fanden im Rahmen des Projektes Schreibprobleme der nicht alfabetisierten
FluEQUAL zwei Deutschkurse für Frauen das Unterrichtstempo erheblich und
Frauen, die sich gemäß dem Projektantrag erforderten zusätzliche Hilfestellung. Ande-
in einem laufenden Asylverfahren in der rerseits sorgten auch die Frauen mit guten
Grundversorgung des Landes Salzburg be- Vorkenntnissen häufig für Unterbrechungen
fanden, statt. Die Sprachkurse umfassten je oder Verwirrung, wenn sie Fragen stellten,
200 Unterrichtseinheiten und 20 Einheiten die über das Niveau der Gruppe weit hin-
für differenzierte Fördermaßnahmen. ausgingen, oder wenn sie auf ein rascheres
Arbeitstempo drängten.
Teilnehmerinnen mit unterschied-
lichen Voraussetzungen Auf Grund dieser Erfahrungen bestanden
wir für den zweiten Kurs darauf, dass alle
An den Kursen nahmen insgesamt 34 Asyl- in der lateinischen Schrift alfabetisiert wa-
werberinnen (18 im ersten und 16 im zwei- ren. Da zu Beginn des Kurses außerdem
ten Kurs) aus 15 Nationen (Afghanistan, alle über geringe Vorkenntnisse verfügten,
Armenien, Äthiopien, Bulgarien, Georgien, war die Gruppe trotz
Iran, Mongolei, Pakistan, Süd- und Nord- unterschiedlichem
vietnam, Serbien-Montenegro, Somalia, „Salzburg hat zwei Gesichter,
Bildungshintergrund
Türkei, Tschetschenien) teil. Vier Frauen aus eines für Touristen, eines für
vergleichsweise ho-
dem zweiten Kurs hatten auch den ersten Einheimische.
mogen. In Bezug auf
Kurs besucht, sie durften wegen besonderer die Muttersprachen Spricht man Englisch, ist
Lernprobleme oder besonders schwieriger bestand eine größere man willkommen, mit nicht
Lebenssituationen wiederholen. Die Frau- Heterogenität als im perfektem Deutsch wird man
en waren zwischen 19 und 45 Jahre alt und ersten Kurs. Das er- belächelt.“
brachten zu Kursbeginn unterschiedliche wies sich als vorteil-
Voraussetzungen für die Kurse mit, die von haft, da die Frauen nun gezwungen waren,
der Grundschule bis zur Haupt- oder Berufs- sich auch außerhalb des Unterrichts weitge-
schule und sogar Matura oder Hochschul- hend auf Deutsch zu verständigen. Auch die
abschluss reichten. Eine Frau hatte noch nie stärkere kulturelle Durchmischung wirkte
eine Schule besucht. sich bereichernd und motivierend aus: Kein
Vor allem im ersten Kurs war das Niveau Land oder Kulturkreis war in der Gruppe
der Frauen sehr unterschiedlich, was so- vorherrschend und es ergaben sich vieler-
wohl die Deutsch- als auch die Schreib- und lei Gelegenheiten für einen Austausch von
Lesekenntnisse betraf, so dass sich für die- Informationen, Erfahrungen und kuriosen
sen Kurs drei Niveaustufen ergaben: Frau- Details.
en mit guten Deutschvorkenntnissen, echte
Anfängerinnen ohne Probleme mit der latei- Lernziele und Kursgestaltung
nischen Schrift und Frauen, die wohl in der
arabischen, aber nicht in der lateinischen Das Lernziel bestand darin, am Ende des
Schrift alfabetisiert waren. Die verschie- Kurses das Level A1 des Referenzrahmens
denen Niveaustufen in ein- und demselben des Europarats für Sprachen zu erreichen.
Kurs stellten ein erhebliches Problem für Auf diesem Niveau können die Frauen in
das Fortkommen der gesamten Gruppe Alltagssituationen aktiv an Gesprächen über
16 fluEQUAL

allgemeine Themen teilnehmen und ein- genug Zeit, die Lerninhalte zu be- und ver-
fache Texte lesen und verstehen. Bei der Er- arbeiten. Insbesondere Frauen mit Kindern
reichung dieser Zielvorgabe gingen wir im stellten fest, dass sie – bei allem anfänglichen
Speziellen auf die Lebensbedingungen der Enthusiasmus – Schwierigkeiten hatten, so-
Frauen ein. Dies geschah unter anderem wohl die hohen Anforderungen des Inten-
dadurch, dass das Erlernen der Sprache auf sivkurses mit ihren anderweitigen Pflichten in
die besonderen Bedürfnisse und alltäglichen Einklang zu bringen als auch mit dem Tempo
Notwendigkeiten der Frauen abgestimmt eines Intensivkurses Schritt zu halten.
wurde. Die
Kur sgestal- Kursverlauf und Kurserfolge
tung unter-
schied sich Auch durch die schwierigeren Vorausset-
von her- zungen, die sich hemmend auf den Kurs-
kömmlichen verlauf und den Lernfortschritt auswirkten
Sprach- (Belastung durch Familie, zum Teil schwe-
kursen da- re gesundheitliche und psychosomatische
hingehend, Probleme, Traumatisierung, Depressionen
dass wir auf und kognitive Probleme), waren viele Frau-
die oft sehr en nicht mehr in der Lage, dem Kurstempo
dramatischen zu folgen. Dies und die besonderen Lebens-
Erlebnisse umstände, die das Leben als Asylwerberin
der Frauen mit sich bringen, erzeugten eine allgemeine
(Krieg, Ge- Perspektivlosigkeit im Leben einiger dieser
walt, Flucht, Frauen, die sie davon abhielt, sich auf ande-
familiäre re Ziele oder Inhalte auszurichten.
Tr e n n u n g ,
langes Asylverfahren, das Leben in den en- Alle diese Faktoren trugen dazu bei, dass die
gen Flüchtlingsheimen …) Rücksicht nah- meisten Frauen mit psychischen Belastun-
men. Diese Themen ließen sich von uns gen im Deutschkurs saßen. Viele von ihnen
auch gar nicht vermeiden, da sie von den waren fragil, überfordert und angespannt
Frauen immer wieder auch selbst vorge- und es kam streckenweise auch vor, dass die
bracht wurden. Motivation nachließ und sie unbewusst oder
bewusst die hohen Anforderungen eines In-
Dem Gender-Mainstream-Aspekt wurde tensivunterrichts „verweigerten“. So kam
jedoch nicht nur inhaltlich, sondern auch es allmählich zu teilweise hohen Fehlzeiten
strukturell Rechnung getragen, indem wir und wir mussten das Tempo mehr und mehr
berücksichtigten und anerkannten, dass jene reduzieren. Auf Grund dieser schwierigen,
Frauen mit Mehrbelastungen, z.B. aus fami- auch für uns teilweise sehr belastenden
liären Gründen, nicht die gleiche Leistung Rahmenbedingungen war es für die Mehr-
im gleichen Zeitrahmen erbringen konnten, heit der Frauen nicht möglich, im Rahmen
wie Menschen mit Minderbelastungen, wie dieses Kurses das A1-Niveau zu erreichen.
dies bei deren Ehemännern oder auch bei Nur vier Frauen erreichten dieses Kursziel.
Teilnehmerinnen ohne Kinder der Fall war.
Im ersten Kurs hatten wir durch die uns Beim zweiten Kurs konnten wir die Unter-
vorgeschriebene Kurszeit von fünf Tagen à richtszeit wenigstens auf vier Tage à vier
vier Unterrichtseinheiten schnell die Erfah- Unterrichtseinheiten reduzieren. Wie sich
rung gemacht, dass eine derartige Intensi- jedoch zeigte, war selbst ein Unterrichtspro-
tät für die betroffenen Frauen zu einer zu- gramm mit vier Vormittagen pro Woche
sätzlichen Belastung wurde und daher dem für viele Frauen immer noch zu intensiv.
gewünschten Lernziel kontraproduktiv war. Auch die Annahme, dass ein freier Vormit-
Es fehlte ein freier Vormittag für Termine tag pro Woche von den Frauen ausreichend
und Arztbesuche. Die Frauen hatten nicht genutzt werden könnte, um ihre Termine
fluEQUAL 17

unterzubringen und so ein Fehlen an den Lernungewohnte zu steilen grammatika-


Kursvormittagen zu vermeiden, erwies sich lischen Progression. Auch werden in diesem
als illusorisch. Im ersten Monat konnten wir Lehrwerk immer wieder grammatische Ele-
zwar noch einen ausgesprochen intensiven mente ohne Kontext eingeführt, so dass sich
Fortschritt erzielen, allerdings wurde gegen ein selbstständiges Bearbeiten der Übungen
Mitte des Kurses die steile Kurve des Lern- oft als schwierig erwies.
fortschritts wesentlich flacher.
Wir entschieden uns daher im zweiten Kurs
Ermüdungserscheinungen, gesundheitliche für das Lehrwerk SCHRITTE, zumal eini-
und psychische Beschwerden schoben sich ge Frauen mit den Glossaren ohnehin nicht
auch im zweiten Kurs zeitweise in den Vor- allzu viel anfangen konnten, etwa wenn di-
dergrund. Dies führte zu Frustrationsgefüh- ese in ihren ausgefallenen Muttersprachen
len und Spannungen, die, wie im ersten Kurs nicht zur Verfügung standen und sie sich der
auch, immer wieder im Unterricht thema- russischen oder englischen Sprache bedie-
tisiert werden mussten. Allerdings achteten nen mussten, diese aber nur unzureichend
wir nun aufgrund unserer Erfahrungen im beherrschten. Unsere Annahme, dass sich
ersten Kurs besonders genau auf eine gesun- dieses Lehrwerk für einen Integrationskurs
de „Abgrenzung“. Wir gingen grundsätzlich besser eignen würde, bestätigte sich sofort.
weniger auf die besondere Lebenssituation Durch den lebensnahen Alltagsbezug in
der Frauen ein, verwiesen sie stattdessen im- den Lektionen waren die Situationen auf
mer wieder an „Infrastrukturen“, derer sie Anhieb nachvollziehbar. Von der ersten
sich für die Lösung ihrer Probleme bedienen Lektion an werden Übungen geboten und
konnten und forderten sie immer wieder Aufgaben gestellt, die für die Alltagsbewäl-
dazu auf, selbstständig Informationen einzu- tigung von Emigrantinnen wirklich nütz-
holen. In beiden Kursen war bei einigen lich sind und die sich zunächst nur auf die
Frauen aufgrund eigener gesundheitlicher wesentlichsten Aspekte konzentrieren, wie
Probleme (oder Problemen ihrer Kinder) z.B. einfache Formulare mit persönlichen
eine regelmäßige Teilnahme nicht immer Daten ausfüllen, Einkaufen, Wohnungsinse-
möglich. Jedoch war lediglich in zwei Fällen rate verstehen, Verstehen von Schildern mit
im zweiten Kurs die mangelnde Teilnahme Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen
nicht zu rechtfertigen, diese zwei Frauen (etwa: Arztpraxen, Arbeitsamt usw.). Auch
mussten aus dem Kurs ausgeschlossen wer- die grammatikalische Progression ist hier
den. Die anderen Frauen konnten am Ende sanfter, die notwendigen sprachlichen Mittel
des Kurses – mit einer Ausnahme, einer be- werden kontextuell eingeführt, ohne dass all-
sonders stark traumatisierten Tschetschenin, zu viele strukturelle Erklärungen notwendig
die unter ausgeprägten Depressionen litt sind. Jede Lektion beschränkt sich auf ein
– das A1-Niveau nach den Kriterien des Eu- fest umrissenes Thema und behandelt neue
ropäischen Referenzrahmens erreichen. Grammatik-Elemente anhand von einigen
wenigen Dialog-Beispielen.
Kursinhalte und Unterrichtsdidaktik
Wir können sagen, dass den Frauen die Ar-
Im ersten Kurs benutzten wir in Hinblick beit mit diesem Lehrwerk, vor allem auch
auf die größere Auswahl vorhandener Glos- das selbstständige häusliche Bearbeiten der
sare das Lehrwerk THEMEN AKTUELL. Übungen, wesentlich leichter fiel. Die in
Jedoch mussten wir schnell feststellen, dass den Lehrwerken gebotenen Ansätze wurden
sich das Lehrwerk für den Unterricht mit von uns für österreichische und insbeson-
Asylwerberinnen nicht eignete und von den dere für Salzburger Verhältnisse adaptiert
Frauen auch nicht gut angenommen wurde. und ergänzt. Vor allem mit dem Salzburger
Das lag einerseits am geringen Alltagsbezug, Frauenlexikon erarbeiteten wir wichtige all-
wie z.B. „Bestellen im teuren Restaurant“ tagsrelevante und frauenspezifische Informa-
oder „Eine exklusive Stadtrundfahrt durch tionen. Wir nutzten auch die verschiedens-
Berlin“, andererseits aber auch an der für ten Gelegenheiten im Unterricht, um die
18 fluEQUAL

Frauen mit den städtischen Infrastrukturen tisierten, denn gesundheitliche und psycho-
im Allgemeinen, aber auch mit besonderen somatische Probleme standen verstärkt im
Aspekten des Salzburger Lebens, der Men- Vordergrund. Diese Themen in spezifischer
talität und der Umgangsformen vertrauter und ausgiebiger Weise zu behandeln, er-
zu machen. So schickten wir die Frauen schien uns daher besonders wichtig. Wäh-
in Kleingruppen zu einer Institution, um rend wir beim ersten Kurs eine Exkursion
selbstständig Informationen einzuholen und zum Frauengesundheitszentrum ISIS orga-
sie dann in der Klasse der Gemeinschaft zu nisiert hatten, wählten wir aus verschiedenen
präsentieren, wobei die Frauen sowohl die Gründen beim zweiten Kurs eine andere
Standorte der Institutionen selbst herausfin- Form. Dieser „Frauengesundheitstag“ war
den als auch Informationsmaterial mitbrin- spannend, informativ und sicher einer der
gen mussten. Höhepunkte im Kurs. Jene Frauen, die im
ersten Kurs auch den Besuch bei ISIS mit-
gemacht hatten, meinten, dass ihnen die jet-
zige Veranstaltung besser gefallen und mehr
VEREIN VIELE gebracht habe. Tatsächlich waren die beiden
Referentinnen „näher“ an den Frauen, gin-
Drei Frauen präsentierten z.B. den VEREIN VIELE. gen mehr auf die Frauen, ihre Fragen und
Dieser Verein ist einerseits eine anerkannte Familien- Probleme ein. Es waren keine theoretischen
beratungsstelle und andererseits werden dort verschie- Vorträge, sondern praktische Übungen und
dene Kurse, darunter auch Deutschkurse, ausschließ- Informationen, die die Frauen sofort selbst,
lich für Frauen angeboten. Die drei Frauen besuchten kostengünstig und täglich umsetzen können.
den Verein und beschrieben dann im Kurs den Stand- Das wurde von den Frauen mit Begeisterung
ort, die Kursmöglichkeiten und Angebote des Vereins. aufgenommen.
Sie brachten auch Folder für alle Frauen mit. Alle
Frauen erhielten nun den Auftrag, sich gemeinsam zu
zweit oder zu dritt innerhalb der nächsten Wochen
selbst den Verein anzuschauen. GESUNDHEITSTAG
An einem Vormittag besuchten
Gender-Mainstream zwei Expertinnen den Kurs: eine
Physiotherapeutin, die den Frauen
Es war wichtig, einerseits auf bestimmte Übungen zur Dehnung, Lockerung
Themen wie Gesundheit, Bildung, Rollen- und Entspannung zeigte und Tipps
aufteilung im Haushalt, Beruf und Kin- bei speziellen Problemen des Bewe-
derbetreuung in frauenspezifischer Weise gungsapparates gab. Anschließend
einzugehen und die Teilnehmerinnen mit erhielten die Frauen in einem Vor-
wichtigen Informationen zu versorgen. Wir trag einer Ernährungsberaterin In-
wollten sie ermutigen, gewisse Angebote und formationen und Empfehlungen so-
Möglichkeiten selbstständig in Anspruch zu wie eine Fülle sehr gut aufbereiteten
nehmen. Andererseits bestand das Ziel der und auf das sprachliche Niveau der
Frauengruppe auch darin, den besonderen Frauen abgestimmten Materials für
Belastungen der Frauen auch von strukturel- eine gesunde Lebensweise. Dies be-
ler Seite her Rechnung zu tragen und die- inhaltete vor allem Ernährungs- und
se somit teilweise abzufangen: Wir mussten Verhaltenstipps bei Kopfschmerzen
die Intensität der Kurse immer wieder auf und Migräne, Menstruationsbe-
die vorhandenen und ständig wechselnden schwerden u.a., aber auch Hinweise,
Voraussetzungen abstimmen, sei es, indem wie und wo frau/man sich mit qua-
wir das Tempo zurückschraubten und mehr litativ akzeptablen, preisgünstigen
wiederholten, sei es, indem wir Probleme Nahrungsmitteln versorgen kann.
und Schwierigkeiten im Unterricht thema-
fluEQUAL 19

Resümee Möglichkeit, aus ihrem schwierigen Alltag


herauszukommen. Das Frauen-Setting bot
Durch dieses reine Frauen-Setting wurden einen geschützten Lernrahmen, die Frauen
zwangsläufig bestimmte Themen aus dem fühlten sich in der Gruppe gut aufgehoben,
Alltag der Frauen aufgeworfen und bespro- erlebten den Deutschkurs als einen gewissen
chen. Gemischte Kurse hingegen mögen Freiraum und hatten auch viel Spaß mit-
den Anschein erwecken, vorteilhafter für einander, es wurde viel gelacht, gemeinsam
den Lernfortschritt zu sein, sei es, indem geweint und so manche Freundschaften und
etwa sie der gesellschaftlichen Realität in Lernduos entstanden.
Österreich eher entsprechen, oder sei es, In der Gruppe erlebten die Frauen auch,
dass in gemischten Kursen eventuell Mo- nicht alleine mit ihrer Situation und ihren
tivation und Lerneifer erhöht vorhanden Problemen zu sein. Sie erlebten und lebten
sind. Wir können jedoch sagen, dass wir auf wechselseitige Solidarität und dass ihnen
Grund der Erfahrungen, die wir in diesen Lehrerinnen als Ansprechpartnerinnen zur
Kursen gemacht haben, reine Frauengrup- Seite standen. Die Frauen haben einen gro-
pen aus vielerlei Gründen als extrem wichtig ßen Sprung sowohl in der mündlichen Kom-
erachten. Viele Frauen hätten sich in einer munikation als auch im schriftlichen Aus-
gemischten Gruppe unwohl gefühlt oder druck geschafft. Durch ihre Lernfortschritte
wegen ihres kulturellen Hintergrundes nicht hatten die Frauen Erfolgserlebnisse und viele
teilnehmen können. Der Deutschkurs bot bekamen trotz aller Schwierigkeiten auch
den Teilnehmerinnen darüber hinaus die Spaß am Lernen.

Männersprachkurse:

Für alle ein Gewinn!


Margarita Deltcheva

V
om Oktober 2005 bis Mitte März Der Unterricht hat täglich von 8.30 bis 12.00
2006 habe ich im Rahmen von Flu- Uhr gedauert. Für Asylwerber, die von den
EQUAL die Möglichkeit bekommen, entlegenen Pensionen anreisten, hieß dies,
zwei große Deutschkurse für Asylwerber zu dass sie auf das Frühstück oft verzichten
leiten. Das wurde für mich zu einem prä- mussten. Angesichts der insgesamt schlech-
genden Erlebnis – nicht nur in rein profes- ten Ernährung in einigen Unterkünften stell-
sioneller, sondern auch in privater Hinsicht te dies schon ein ziemliches Opfer dar. Ge-
war es sehr bereichernd und beeindruckend. nauso war es dann zum Teil auch mit dem
Die Kurse haben in einem schönen, freund- Mittagessen im Falle, dass sie sich mit dem
lichen WiFi–Raum im Stadtzentrum von Bus verspäteten, haben sie dann auch kein
Salzburg stattgefunden, gut erreichbar von Mittagessen mehr bekommen. Zu diesen
den Stadtbussen und vom Bahnhof aus. Die- Tatsachen habe ich aber eher später Zugang
ser Umstand war für viele Teilnehmer nicht bekommen, erst als zwischen Lehrerin und
unwesentlich, da einige von ihnen über 60 Teilnehmern die notwendige Vertrauensba-
Kilometer täglich zurücklegen mussten, um sis aufgebaut war. Meine Hochachtung für
an den Sprachkursen teilnehmen zu kön- die teilnehmenden Männer ist unter diesen
nen. Aus diesem Grund sind für mich diese Umständen besonders gestiegen. Im zweiten
Motivation und die Bereitschaft, die erfor- Deutschkurs (Jänner bis März) haben wir in
derliche Disziplin aufzubringen, besonders der Gruppe zwei Väter gehabt, die in der
bemerkenswert. Früh ihre kleinen Kinder erst zur Tagesmut-
20 fluEQUAL

ter bringen mussten, bevor sie zum Sprach- grammatischen Lehrstoff wirklich sehr in-
kurs kamen. Für die Kulturkreise, aus denen tensiv und anstrengend sind, habe ich sehr
sie stammten (Afrikaner und Armenier) war oft Gesprächsrunden eingeführt, bei de-
das eher eine unübliche Verpflichtung, aber nen sich alle Teilnehmer äußern konnten.
ich habe den Eindruck bekommen, dass es Wir haben gemeinsam über Themen wie
ihnen Spaß gemacht hat und sie mit dieser „Tourismus“, „Aktuelle politische Situation
Aufgabe persönlich gewachsen sind. in den jeweiligen Ländern“, „Bräuche und
Sitten“, „Familie und Erziehung“, „Wie
Der Gruppe gerecht werden hast du deine Militärdienstzeit verbracht?“
und viele andere diskutiert. Entstanden sind
Wir haben mit 18 bis 19 Personen begon- meistens recht witzige, originelle und hu-
nen. Im Laufe der Kurse haben pro Gruppe morvolle Kommentare, die oft auch sehr ge-
ein bis zwei Teilnehmer aufgehört, einer hat schlechtsspezifisch gefärbt waren. Unabhän-
Arbeit gefunden, die anderen haben keine gig von ihrer Herkunft haben die Männer
Ausstiegsgründe genannt. meistens traditionelle Vorstellungen über
Insgesamt waren aber der die Geschlechterrollen in der Gesellschaft
„Schaun wir mal! persönliche Einsatz, die Be- ausgedrückt.
Na servas! Des is geisterung und das Durchhal-
a Wahnsinn! Bist tevermögen der meisten Teil- Im Laufe der Sprachkurse haben die Teil-
du deppat?“ nehmer überdurchschnittlich. nehmer je nach ihren Prädispositionen ihre
Mit den beiden Gruppen ha- eigenen autodidaktischen Methoden ent-
ben wir die beiden Bücher von den „The- wickelt. Einige waren sehr fleißig bei den
men1“ absolvieren können, natürlich mit Hausaufgaben, andere haben sich eher auf
unterschiedlichem Erfolg für die einzelnen die Mitarbeit im Unterricht verlassen. Für
Teilnehmer. Das Sprachniveau der Gruppe diejenigen, die fortgeschrittener waren,
war nicht homogen: Neben Asylwerbern, habe ich zusätzliche Lernaufgaben gestellt
die bereits länger in Österreich verweilten und mit Zeitungsartikeln gearbeitet. Die wö-
und einigermaßen kommunikativ waren, chentlichen schriftlichen Tests haben sehr
saßen andere, die vor kurzem eingetroffen zur Lerndisziplin der Gruppen beigetragen,
waren und sich noch nicht richtig zurecht- durch den roten Stift wurden die Teilneh-
finden konnten. Aus diesem Grund habe ich mer auf ihre eigenen Fehler aufmerksam.
mich nicht nur strikt an das Lehrbuch gehal-
ten, sondern mich bemüht, durch Einsatz Der Deutschkurs,
von Videofilmen, DVDs und Bildmaterial ein Gewinn
einen Bezug zu Österreich herzustellen. Mit
Filmen über Wien und Salzburg wurden die Ich kann sagen, dass der Deutschkurs für alle
landeskundlichen Aspekte des Sprachunter- ein Gewinn war – nicht nur in kommunika-
richts unterstützt. Im Mozartjahr haben wir tiver, sondern auch in sozialer Hinsicht. Ein
uns gemeinsam den Film von Milos Forman, menschlicher, warmer Zufluchtsort im tris-
„Amadeus“, angesehen, worauf dann zwei ten Asylantenalltag. Jetzt, mit einem gewis-
Stadtexkursionen gefolgt sind, die nicht nur sen zeitlichen Abstand kann ich nur sagen,
in die Getreidegasse geführt haben, sondern dass mir diese Arbeit eine große Genugtu-
auch in die Mediathek und in die Stadtbiblio- ung als Mensch und als Lehrerin gebracht
thek. hat, dass ich es als besonders spannend emp-
funden habe, täglich vor bis zu acht Natio-
Abwechslung durch nalitäten in einer Gruppe aufzutreten, und
Gesprächsrunden dass ich durch diese Interaktionen und das
Miteinandersein die Chance bekommen
In beiden Gruppen herrschte eine tolle, habe, unglaublich viel über die Komplexität
freundschaftliche Atmosphäre, wo viel ge- und die Vernetztheit der heutigen Welt zu
lacht und gescherzt wurde. Da vier Stunden lernen, mit all ihren lokalen und globalen
Unterricht täglich mit zum Teil abstraktem Problemen.
fluEQUAL 21

Ergebnisse und Erfahrungen:

Vernetzungstreffen von SprachlehrerInnen


Ursula Liebing, Angelika Reichl

W
ährend der FluEQUAL-Sprach- des Gelernten zu kurz. Auf der anderen
kurse wurden von Frau & Ar- Seite bietet ein regelmäßiger und intensiver
beit zwei Vernetzungstreffen von Sprachkurs für viele AsylwerberInnen eine
SprachlehrerInnen organisiert, die dem willkommene Abwechslung und eine Unter-
Erfahrungsaustausch dienten. In den Tref- brechung des „täglichen Einerlei“.
fen wurden inhaltliche und strukturelle
Aspekte der Kursgestaltung diskutiert und Die gesamte Kursdauer von 200 Stunden ist
Empfehlungen zur Kursgestaltung für die für das Erreichen des Lernziels A1 ausrei-
Zielgruppe AsylwerberInnen formuliert. chend, sofern das Lernziel eher pragmatisch
Die wichtigsten Ergebnisse der Diskussionen definiert wird (siehe Sprachkenntnis-Nach-
werden hier präsentiert. Im Rahmen der weis des ÖSD) und entsprechende Vorkennt-
Vernetzungstreffen konnten allerdings aus nisse der TeilnehmerInnen vorhanden sind
zeitlichen Gründen nicht alle relevanten As- (z.B. Alphabetisierung). Das bedeutet natür-
pekte diskutiert werden. lich nicht, dass dann alle TeilnehmerInnen
auf dem gleichen Niveau abschließen.
Strukturelle Rahmenbedingungen für
Sprachkurse für Asylsuchende Eine gewisse Homogenität der Gruppe
hinsichtlich der Vorkenntnisse und der
Die Erfahrung aus den FluEQUAL-Sprach- Lernerfahrungen ermöglicht ein zügiges
kursen hat gezeigt, dass die Gruppengröße Lerntempo. Im Verlauf des Kurses wäre
von ca. 16 Personen für einen optimalen Binnendifferenzierung sinnvoll. Nach ca.
Sprachunterricht zu groß ist. Die tägliche 100 Unterrichts-Stunden werden üblicher-
Unterrichtszeit von vier Stunden ist sehr weise die unterschiedlichen Lerntempi und
hoch, insbesondere für Frauen mit den be- Belastbarkeiten deutlich. In diesem Stadium
kannten Mehrfachbelastungen Haushalt, wäre es ratsam, kleinere, homogenere bzw.
Familie, Kinder. Nach vier bis fünf Wochen unterschiedlich intensive Lerngruppen zu-
sind in allen Kursen Ermüdungserschei- sammenzustellen.
nungen bis hin zu Krisensituationen zu be-
obachten. Zur Auflockerung müssen daher Beeinträchtigung des Lernens durch
methodisch weniger intensive Elemente in- Belastungssituationen
tegriert werden.
Die Dauerbelastungssituation der asylsu-
Auch das wöchentliche Unterrichtspensum chenden Männer und Frauen wirkt sich in
ist im Grunde genommen zu hoch, kaum allen Kursen aus. Die gesundheitliche Belas-
jemand kann zehn Wochen hindurch un- tung vieler AsylwerberInnen ist sehr hoch,
ter den erschwerenden Bedingungen eines selbst wenn sie nicht im eigentlichen Sinne
AsylwerberInnen-Lebens derart intensiv traumatisiert sind. Kulturelle Neuorientie-
lernen. Als Reaktion treten Überforde- rung, Statusunsicherheiten und -verlust so-
rungssymptome auf. Bei dieser Lerninten- wie unsichere Bleibeperspektiven, Armut,
sität bleibt auch keine Zeitreserve, um z.B. eingeengte Handlungsmöglichkeiten und
lernschwache SchülerInnen gesondert zu beengte Wohnsituation führen zu extremen
fördern bzw. Nachhilfeunterricht zu ertei- psychischen und physischen Belastungen.
len. Zudem ist die verbleibende „Frei“ - Zeit Diese Beeinträchtigungen durch die Leben-
für Selbstlernphasen oder eine Verfestigung sumstände werden zwangsläufig immer wie-
22 fluEQUAL

der zum Thema, offiziell oder zumindest in zifischen Rollenverständnis. Eine Kontrastie-
Pausen. Seitens der LehrerInnen erfordern rung mit „österreichischen“ Frauenbildern
diese Belastungssituationen klare Abgren- oder mit dem Rollenverständnis anderer
zungen. Im reinen Frauenkurs scheint die Kursteilnehmerinnen kann hier einen An-
geschützte Lernsituation das Thematisieren stoß geben, sich mit dem eigenen Rollenbild
von Belastungen zu begünstigen. zu beschäftigen.
Gemischte Kurse hingegen entsprechen
Aufgrund der beengten Wohnsituation der gesellschaftlichen Realität in Österreich
ist eigenständiges Lernen (Hausübungen, – die Bildungsbereiche sind nicht geschlech-
Selbstlernphasen) nur eingeschränkt mög- terspezifisch getrennt – sie ermöglichen in
lich, außerdem fehlt es mangels Kontakten einem geschützten Rahmen die Begegnung
mit der deutschsprachigen Bevölkerung an mit dem „anderen Geschlecht“, sowohl für
Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen. Männer als auch für Frauen. Gemischte
Kurse erhöhen möglicherweise die Motiva-
Reiner Frauenkurs oder tion, führen eventuell zu mehr Ehrgeiz und
gemischter Kurs? Lerneifer und bringen andere Themen ein,
die sonst nicht auftauchen würden.
Ein reiner Frauenkurs ist ein geschützter Der soziale Druck in gemischten Kursen
Lernraum und bietet auch denjenigen Frau- könnte aufgrund jeweils rollenspezifischer
en die Möglichkeit, Deutsch zu lernen, die Erwartungshaltungen steigen: für Männer
aus kulturellen Gründen nicht in einem ge- z.B., indem sie stärker unter den Druck ge-
mischten Rahmen lernen dürfen oder wol- raten, sich als souverän und kompetent dar-
len. Ein reiner Frauenkurs bietet auch den zustellen, für Frauen z.B., indem sie sich zu
Vorteil wechselseitiger Solidarität, Verständ- mehr Zurückhaltung oder schicklichem Ver-
nis für die jeweiligen Mehrfachbelastungen halten angehalten fühlen und möglicherwei-
und einen sozialen se weniger aktiv teilnehmen können.
Zusammenhalt, den
viele Frauen notwen- Möglicherweise führt das Lernen in einer
dig brauchen. Da- reinen Frauengruppe dazu, dass Themen
rüber hinaus bietet „herausbrechen“, die in einem gemischten
ein Frauenkurs die Kurs nicht zur Sprache kommen würden;
Möglichkeit, inhalt- vielleicht werden Belastungssituationen
lich stärker auf nur für dadurch intensiver wahrgenommen oder
Frauen relevante The- nehmen mehr Raum ein als in einem ge-
men einzugehen (z.B. mischten Kurs. Es müsste daher überlegt
Frauengesundheit). werden, für reine Frauenkurse zusätzliche
psychosoziale Betreuungsangebote einzu-
Da für viele Asyl su- planen, Frauenkurse eventuell in Intervallen
chende Frauen die durchzuführen oder anderweitig Unterstüt-
Aussichten auf Ar- zung für die Verarbeitung der individuellen
beitsmarktintegration Belastungssituation anzubieten.
eher gering sind und
die Frauen sich des- „Es gibt eine eigene
sen auch bewusst sind,
österreichische Kultur, die sich von
sind sie häufig stär-
der deutschen unterscheidet. Sie
ker motiviert, sich im
Sprachkurs mit Inhal- zeigt sich für mich im Kaffeehaus:
ten und Themen aus Ich kann nicht einfach einen Kaffee
konkreten Alltagssitu- mit Milch bestellen, sondern ich
ationen zu beschäftigen. Eine eigenständige muss eine ganze Palette von Aus-
berufliche Integration gehört nicht für alle drücken beherrschen, um das
Asyl suchenden Frauen zu ihrem kulturspe- Gewünschte zu erhalten.“
fluEQUAL 23

Kapitel III: Work iT!

• Partizipative Projektarbeit
Work iT! • Grundbildung im Bereich der
Informationstechnologien
Mehr als Projektarbeit • Coaching für Arbeitsmarkt
und Alltag
24 fluEQUAL

Kapitelvorschau

work iT! – mehr als Projektarbeit

Kenntnisse und Qualifikationen im Bereich der EDV und der Informations-


technologien sind in der österreichischen Gesellschaft fast schon eine Selbstver-
ständlichkeit, und in vielen qualifizierten Tätigkeiten auch eine Notwendigkeit.
Kenntnisse im Projektmanagement oder in der interkulturellen Teamarbeit sind
dies noch nicht in gleichem Masse, sie werden aber mit Sicherheit für eine erfolg-
reiche berufliche Integration zunehmend relevanter.

An diesem Punkt setzte das Projekt work iT! des Diakonie Flüchtlingsdienstes
an: Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft arbeiteten gemeinsam an der Erstel-
lung einer Homepage von und für Flüchtlinge. Angeleitet, unterstützt und beglei-
tet wurden sie durch das Projekt-Team des Diakonie Flüchtlingsdienstes sowie
durch externe Coaches. Da Kompetenzen im Projekt- und Selbstmanagement
vorrangige Ziele waren, wurden die Flüchtlinge weitestgehend in die Gestal-
tung von work iT! mit eingebunden. IT-Kenntnisse für die Homepageerstellung
wurden vermittelt, Struktur und Inhalte der künftigen Homepage gemeinsam
erarbeitet. Im Vordergrund standen die reflexive Auseinandersetzung mit dem
gemeinsamen, zielorientierten Arbeiten im interkulturellen Projektteam und die
Entwicklung von Kompetenzen im Bereich Projektmanagement und Selbstma-
nagement der eigenen Lernprozesse.

Im ersten Beitrag werden die Frage nach dem „Warum“ partizipativer Projekt-
planung aufgeworfen und die Bedingungen diskutiert, unter denen sie in work
iT! stattfand. Der zweite Beitrag beschreibt, mit welchen Methoden und auf-
grund welcher Überlegungen in work iT! Grundkenntnisse im Bereich der In-
formationstechnologien vermittelt wurden. Der dritte Beitrag widmet sich den
begleitenden Coaching-Prozessen, denen im Rahmen von work iT! eine wichtige
berufs- und alltagsorientierende Funktion zukam.
fluEQUAL 25

Partizipative Projektarbeit – warum?

Andrea Baldemair, Rosario Pires

D
ie Welt ändert sich. Im globalen auf ? Projektarbeit mit Flüchtlingen heißt
Wettbewerb gewinnt Österreich si- nicht, all diese Kulturen kennen und verste-
cher nicht durch die Geschwindig- hen zu lernen. Vielmehr geht es darum, das
keit seiner Hände, sondern seiner Köpfe. Verhalten der TeilnehmerInnen nicht mit
Lebenslanges Lernen ist genauso gefragt einer österreichischen Brille einzuschätzen,
wie selbständiges und kompetentes Han- sondern im Blick zu haben, dass die Teilneh-
deln. Für früher einfache Lehrberufe steigen merIn aus anderen Motiven oder vor dem
die Anforderungen. Um diesen gerecht zu Hintergrund anderer Werte handelt als man
werden, haben in Lehranstalten Projektar- selbst annimmt. Projektarbeit ist von solchen
beiten längst Einzug gehalten. In Unterneh- Kulturunterschieden besonders betroffen.
men ist Projektarbeit dort, wo Neues einge- Haben TeilnehmerInnen – etwa aufgrund
führt wird, schon länger Usus. Mittlerweile ihrer Erfahrungen mit Schule – ein anderes
ist auch das eigene Leben ein Projekt bzw. Bild von Lernen, so wird Projektarbeit nicht
eine Anzahl von Projekten – sei es in Form als Lernort wahrgenommen. Da sich auch
von prekären Arbeitsverhältnissen oder als Leistung in den meisten Ländern anders
Patchwork-Karriere. gestaltet, wird Projektarbeit auch nicht als
Arbeit wahrgenommen. Flüchtlinge müssen
Für Flüchtlinge bietet diese Arbeitsform daher Projektarbeit erst deuten lernen, sich
weitere Chancen: Sie können vorsichtig an die Verhaltensweisen in dieser erst aneignen
österreichische (Arbeits-)Kultur herange- – und Projektarbeit muss eben dies beachten
führt werden. Denn trotz Globalisierung: und fördern, denn nur so ist ein Habitus le-
Schaut mensch genau hin, ist Österreich benslangen Lernens erwerbbar.
anders. Jeder japanische oder amerikanische
Manager wird darauf vorbereitet: Sei es das Die besondere Situation von
Verhältnis von Individuum und Kollektiv, sei Flüchtlingen berücksichtigen
es der Umgang mit Hierarchie und Macht
– andere Länder ticken anders, und dabei Viele Flüchtlinge sind sehr lernbegierig.
wirtschaftlich nicht weniger erfolgreich. Pro- Gerne nehmen sie jeden der wenigen Kurse
jektarbeit dient so auch dem Ziel, sich im und Angebote mit, den sie erhalten können.
fremden Land Österreich mit der Perspekti- Projektarbeit jedoch – die erst gar nicht als
ve der Einheimischen (auf Arbeit, auf Leis- Lernort wahrgenommen wird – läuft so nicht:
tung etc.) vertraut zu machen. Mensch kann sich nicht einfach hineinsetzen,
mitschreiben und nach Hause gehen. Mensch
Den anderen kulturellen Hintergrund muss selbst etwas tun, Verantwortung über-
der TeilnehmerInnen beachten nehmen, Stellung beziehen. Dem stehen je-
doch zwei Erfahrungen diametral entgegen:
Flüchtlinge kommen aus anderen Ländern. erstens die Erfahrung der Entmündigung
Diese haben andere Sitten und Gebräuche, während des Asylverfahrens und zweitens
vor allem aber deuten sie soziales Handeln die Erfahrung des Fremdseins in Österreich.
ganz anders. Sitten und Gebräuche sind Flüchtlingen, die schon über ihr Essen nicht
schnell gelernt, eine andere Perspektive auf bestimmen können, für die umgekehrt alles
das, was gerade geschieht, jedoch nicht. Häu- gemacht wird und die ansonsten einfach nur
fig ist diese Perspektive auch noch eng mit warten können/dürfen/müssen, projizie-
Aspekten der eigenen Identität verknüpft. ren diese Erfahrung selbstverständlich auch
Und wer gibt schon gern Teile von sich selbst auf ein „offizielles“ Projekt. Zugleich wollen
26 fluEQUAL

Flüchtlinge nicht auffallen: In einem frem- In diesem Rahmen müssen die Teilneh-
den und noch undurchschaubaren Land, in merInnen die Grenzen erproben und auch
dem jederzeitige Abschiebung droht, könnte feststellen dürfen, dass sie der Leitung ver-
dies gefährlich sein. Häufig kennen Flücht- trauen können – etwa, dass Verbesserungs-
linge ja diese vorschläge (also Kritik) nicht gleich zum
Gefahr schon Rauswurf aus der Maßnahme führen. Sind
aus ihrer Hei- die TeilnehmerInnen nach diesem ersten
mat. In der Lernschritt in der Lage, konstruktiv Kritik
Fremde wird zu üben, so ist der nächste Lernschritt, die
Selbstbestim- Leitung nicht als allmächtig zu phantasie-
mung und ren, sondern selbst Verantwortung (für den
Ve r a n t w o r - Projekt-, aber auch den eigenen Lebens-
tung, dort wo erfolg) zu übernehmen. Ideal ist es, wenn
sie über ein TeilnehmerInnen verschiedene LeiterInnen
M i t s ch w i m - kennenlernen – so können sie sich ein Bild
men hinaus vom Gemeinsamen dieser anderen Kultur
geht, erst recht formen. Der Umgang innerhalb des Lei-
b e d ro h l i c h . tungsteams wird von den TeilnehmerInnen
Vor dem Hin- genau wahrgenommen. Die Flüchtlinge
tergrund der sollen sich selbstverständlich auch selbst in
bisherigen Leitungsrollen ausprobieren können. Die
biographischen Erfahrung der Teilneh- Projektleitung darf dabei jedoch nicht die
merInnen in ihrer Heimat einerseits und tatsächlichen Machtgefälle vergessen, die
der Erfahrung der „gefährlichen Fremde“ schon darin begründet liegen, dass sie weiß,
in Österreich andererseits trifft partizipative wie etwas in Österreich läuft. Erst durch die
Projektarbeit auf viele, teilweise paradoxe Projektarbeit werden diese langsam abge-
Widerstände. baut.

Lernen am Anderen: Projektleitung, Sinn – der Dreh- und Angelpunkt


Coaches und andere eines Projekts

In dieser Situation haben Leitungspersonen Eine der wichtigen Aufgaben der Leitungs-
eine herausragende Bedeutung. Als perso- personen ist die Sinnproduktion. Den Teil-
nales Angebot leben sie die eigene Arbeits-, nehmerInnen erschließen sich Sinn und
Lern- und Leitungskultur vor, mit der sich Chancen eines Projektes erst nach und
der Flüchtling auseinandersetzen muss, in- nach. Das Projekt ist kein schulisches Ler-
dem ihm sein österreichisches Gegenüber nen (Kurs), aber auch keine Arbeit (es fehlen
die österreichische Perspektive auf das, was Chef und Lohn). Wofür kann es einem dann
gerade ist, spiegelt. Partizipative Projekt- nützen? Zumal es mit Gefahren verbunden
arbeit bedeutet weder Anything goes noch ist: Mensch muss aus der Deckung, etwas
Laissez-faire. Ganz im Gegenteil muss Lei- selbst machen in einem fremden, oft als
tung sehr konturiert sein, um eine Angriffs- feindlich wahrgenommen Land. Noch dazu
fläche für die kulturelle Auseinandersetzung mit einer Gruppe aus anderen Ländern, mit
zu bieten und den Perspektivenwechsel unterschiedlichen Loyalitäten.
zu fördern. Da die Leitungspersonen zum
selbständigen ziel- und erfolgsorientierten Mit Verständnis für den anderen kulturellen
Arbeiten und Lernen führen möchten, was Hintergrund der TeilnehmerInnen sowie
teilweise das Gegenteil bisheriger Leitungs- der besonderen Situation als Flüchtling in
erfahrung darstellt, werden sie zu Anfang Österreich ist es daher Aufgabe der Leitung,
gegebenenfalls gar nicht als Leitung wahrge- diesen Sinn deutlich zu machen: durch eige-
nommen. Um so deutlicher müssen sie dann nes Verhalten, in der Kommunikation und
den Rahmen markieren. durch ein entsprechendes Projektdesign. Die
fluEQUAL 27

Leitung macht das Projekt von Anfang an Methoden, die kreativen Ausdruck etwa mit
transparent und gibt Orientierung. Ein ge- Zeichnungen (oder Objekten) ermöglichen.
eignetes Mittel dazu sind Reflexionsmetho- Dies kann z.B. zur Teamreflexion oder zu
den. Sie sollen den Ist-Stand der aktuellen Planungszwecken eingesetzt werden und
Arbeit ins Bewusstsein rufen, ermöglichen ermöglicht auch TeilnehmerInnen, die in
aber auch eine Analyse der Umwelt. Hier verbaler Abstraktion weniger geübt sind,
bildet die Leitung ein Korrektiv zu Fehlein- sich ein grundsätzliches Reflexions- und
schätzungen. Genauso sind reflektierende Planungsvermögen anzueignen. Die Me-
Selbsttechniken möglich. Reflexion klärt da- thodenanwendung muss auch die sehr un-
bei nicht bloß Gruppendynamik und Befind- terschiedliche Konzentrationsfähigkeit der
lichkeiten: Wichtig ist vor allem, dass ihre TeilnehmerInnen berücksichtigen. Dazu ge-
Ergebnisse handlungsleitend werden. Nur hört ein sinnvoller Wechsel zwischen Einzel-,
wenn Reflexion einen konkreten Projekt- Kleingruppen- und Plenumsarbeit.
und Umsetzungsbezug hat, macht sie Sinn
für die meisten TeilnehmerInnen. Selbstverantwortung und
Empowerment als Ziel
Methodeneinsatz
im Projekt Vor dem Hintergrund der bisherigen kultu-
rellen Erfahrungen der TeilnehmerInnen in
Projektarbeit mit einer heterogenen Kultur- der Heimat sowie der Erfahrung des Flücht-
gruppe sollte auf Deutsch stattfinden. Dabei lingsstatus in Österreich sind einige Heraus-
gilt es viel zu visualisieren und noch mehr forderungen klar, etwa das grundsätzliche
selbst machen zu lassen. Der Ablauf ist an- Misstrauen in die eigene Fähigkeit, erfolg-
fangs stark vorzustrukturieren und den Teil- reich mit ÖsterreicherInnen in unstruktu-
nehmerInnen ist ausreichende Sicherheit zu rierten Kontakt zu treten, um beispielsweise
bieten, z.B. durch Austausch in Kleingrup- um Unterstützung zu bitten. Umgekehrt wer-
pen statt im Plenum. Bei behutsamer Ein- den die Möglichkeiten der österreichischen
führung ist mit Flüchtlingen eine große Me- ProjektteilnehmerInnen (z.B. der Coaches)
thodenvielfalt möglich. Planungstechniken vollkommen überschätzt, die z.B. mit Anruf
wie Fertigstellungsgrade oder Phasenpläne und Beziehungen alles organisieren könnten
eignen sich sehr gut zur Visualisierung. Auch (sei es die Wohnung,
sprechen die TeilnehmerInnen erstaunlich sei es das begehrte
„Ich bin seit 3 Jahren in
gut auf aktivierende Methoden (Vorstel- Volontariat usw.). Bei
Österreich, also 3 mal
lungs- und Feedbackrunden mit Ball, Woll- diesem Mangel an Ei-
knäuel, Stein usw.) und auf den Einbezug geninitiative aufgrund 365 Tage, jeder Tag hat
des Körpers an. In Bezug auf den Körper der Antizipation von verschiedenste Fre-
im Raum sind schon in der ersten Sitzung Misserfolg zu sehr zu quenzen, Höhen und
Kennenlernübungen (Aufstellen nach Auf- helfen, ist eine Falle Tiefen, die zu einer groß-
enthaltsdauer in Österreich, nach Ländern, für die Flüchtlingsar- en Symphonie werden“.
nach urbaner bzw. ländlicher Herkunft usw.) beit. Hier kann nur
möglich. Später gelang auch eine pantomi- auf die kleinen eigenen Erfolge der Teilneh-
mische Selbstdarstellung. merIn aufgebaut werden. Gruppenarbeit, in
der solche Erfahrungen gemacht werden, ist
Noch wichtiger scheinen Methoden, die dabei ein Prozessbeschleuniger.
Sprache strukturieren und Selbstausdruck
möglich machen: sei es beim ersten Projekt- Die Widerstände der TeilnehmerInnen, in
treffen eine Kennenlernrunde mit Begrü- möglichen Misserfolg in einer fremden Um-
ßung in der eigenen Sprache (und Erläute- welt geführt zu werden, der sich aus eigenem
rung), seien es Kennenlernspiele, bei denen Handeln ergeben könnte, sind allerdings
der eigene Namen mit einem alliterierenden nicht zu unterschätzen. Interessanterweise
Adjektiv versehen wird. Wichtig ist, dass alle ist die Planung einer Webseite mit Modera-
sich äußern müssen. Besonders geeignet sind tionsmethoden für die Flüchtlinge einfacher,
28 fluEQUAL

da sie rein virtuelle Folgen hat. Wo Projekt- ler zuzulassen. Nur mit Fehlern ist Lernen
arbeit abgekapselt von der österreichischen möglich.
Umwelt stattfinden kann (nur in der Grup-
pe, nur im Internet), fällt sie den Teilneh- Durch Empowerment werden die Asylwer-
merInnen vergleichsweise leichter. Die Lei- berInnen in die Lage versetzt, sich selbst die
tung muss dieser Isolation allein schon in Bedingungen zu schaffen, die sie brauchen,
Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration um die für eine (Arbeitsmarkt-) Integration
der TeilnehmerInnen entgegentreten. Die nötigen Resultate zu produzieren. Die Ge-
TeilnehmerInnen müssen in die Verant- sellschaft vertraut auf die Fähigkeit ihrer
wortung für ihr Handeln und ihren Erfolg AsylwerberInnen, dies zu tun und unter-
genommen werden. Dazu gehört auch, Feh- stützt sie dabei mit all ihrer Kraft.

Grundbildung im Bereich
der Informationstechnologien
Andrea Baldemair, Rosario Pires

W
orum geht es in diesem Artikel? schein, Betriebssystemkenntnisse) gebracht
Und worum nicht? Die Aussa- werden könnte. Das Projekt „FluEQUAL
gen in diesem Artikel haben zwei – work iT!“ ist ein IT-Qualifizierungspro-
wichtige Einschränkungen: im Projekt Flu- jekt, das vor jedem „IT“ noch ein „work“
EQUAL – work iT! haben wir einerseits kei- im Namen trägt: Projekt- und Selbstma-
ne Erfahrungen sammeln können, wie wir nagementkompetenzen sowie interkulturelle
im Asylverfahren befindliche IT-Profis, Pow- Teamarbeit sind vorrangige Projektziele.
er User oder ProgrammiererInnen für den Daher ist jedes Lernen im Projekt mit kon-
österreichischen Arbeitsmarkt fit machen. kreten Arbeitszielen verbunden, nicht nur
Es gab sie in unserem Projektumfeld nicht. mit Bildungszielen. Auftrag des Projekts war
Entgegen den Annahmen bei der Projektpla- es nicht, möglichst vielen Leuten zu einem
nung mussten wir ganz von vorne anfangen Zertifikat zu verhelfen, sondern konkrete
– wir hatten überwiegend TeilnehmerInnen Arbeitsziele zu erreichen (eine Homepage)
ohne oder mit ganz geringer Computerer- und dazu die nötigen Kenntnisse zu vermit-
fahrung, was unser ursprüngliches Bil- teln. Auch dort, wo wir Kurse an externe
dungsprogramm erheblich BildungsanbieterInnen ausgelagert haben,
veränderte. Zugleich hat- sind sie in Arbeitsziele eingebunden bzw.
ten wir ein hohes Tempo haben sogar eigene Arbeitspakete zu bewäl-
vorzugeben, um unsere tigen. Dies stellt ganz andere Ansprüche an
Projektziele noch zu ver- die „Kurs“-TeilnehmerInnen.
wirklichen, so dass wir nur
TeilnehmerInnen hatten, Arbeitsmarktintegration: die Balance
die hier mithalten konnten. zwischen Kompetenz und Zertifikat
Zweitens können wir keine
Aussagen dazu treffen, wie Ziel des Projektes konnte also nur eine IT-
eine möglichst große An- Grundbildung sein. Die TeilnehmerInnen
zahl von AsylwerberInnen sollten auf dem Arbeitsmarkt mithalten
auf Zertifikatsreife ECDL können, insofern der allgemeine Umgang
Core Modul 2 (Europä- mit Computern mittlerweile längst der All-
ischer Computerführer- gemeinbildung zugerechnet werden muss.
fluEQUAL 29

Schwerpunkt dieser Computer-„Allgemein- tenbanken oder Web-Anwendungen gelernt


bildung“ ist der Umgang mit Software. hat. Die Grundkonzepte, etwa „Copy & Pas-
Einige TeilnehmerInnen konnten gut mit te“, kennt jeder User. Aber bereits „Copy &
Hardware umgehen, da es sich um (ausge- Paste“ ist eine für den Computerneuling nur
bildete) TechnikerInnen handelte, hatten langsam beherrschbare Abkürzungstechnik.
aber kaum Erfahrungen mit Software. Für Wichtige Konzepte sind der Umgang mit
die anderen Teilnehmer und insbesonde- wiederkehrenden Elementen von Program-
re Teilnehmerinnen geht es beim Erwerb men, mit graphischen Oberflächen und vor
von Hardware-Kenntnissen nur um all- allem auch mit Ordnersystemen.
gemeine AnwenderInnenkenntnisse, d.h.,
erstens Computerteile und deren Funktio- Beim Erwerb von transferierbarem kon-
nen beschreiben zu können und zweitens zeptuellen Wissen geht es um eine Balance
keine Angst vor z.B. dem Nachrüsten oder zwischen dem Erlernen spezieller Anwen-
Austausch einzelner Teile zu haben. Die dungsprogramme und der Möglichkeit
konzeptuelle Trennung von Software und und Erfahrung, dieses Wissen auch auf
Hardware ist wichtig, um die vorhandenen andere übertragen zu können. Nach un-
Vorkenntnisse der TeilnehmerInnen im serer Erfahrung fällt gerade letzteres den
letztgenannten Bereich nicht zu übersehen. TeilnehmerInnen schwer. So scheinen bei
uns TeilnehmerInnen, die
Softwareseitig bildeten der Umgang mit die Imagemaker-Prüfung „In Österreich werden
dem Betriebssystem Windows und seiner nicht bestanden haben, viele Dinge zu genau
grafischen Benutzeroberfläche, das Beherr- nicht an den spezifischen
genommen und es gibt
schen von einfachem Schreiben in einem Photoshop-Kenntnissen
immer wieder Leute, die
Textverarbeitungsprogramm (Word, Open gescheitert zu sein, son-
Office), vor allem aber das Internet (World dern an solch einfachen recht gern nörgeln.“
Wide Web und Email) Schwerpunkte. Wei- Dingen wie dem Abspei-
tere Schwerpunkte waren Grafikbearbeitung chern im vorgesehenen Prüfungsordner
(Photoshop, Gimp) und vor allem Doku- – etwas, was sie in anderem Zusammenhang
mentauszeichnungs-, Seitenauszeichnungs- (Word) einmal problemlos beherrschten.
und Programmiersprachen (HTML, CSS, Sind konzeptuelle Vorstellungen vorhanden,
JavaScript und PHP). Mit dem Wissen um reduziert sich beim Erlernen neuer Anwen-
diese sollte vor allem logisch-konzeptuelles dungen der kognitive Aufwand auf die Fra-
Denken in Bezug auf Computer verankert ge des „Wo ist was“. Mit der Vermittlung
werden. Die generelle Schwierigkeit beim übertragbarer Konzepte tritt der Erwerb
Erwerb einer Computer-Allgemeinbildung von Zertifikaten etwas in den Hintergrund,
ist das Verinnerlichen abstrakter Konzepte, da diese zumeist Kompetenzen im Umgang
die von Anwendung zu Anwendung über- mit speziellen Programmen zertifizieren.
tragbar sind. Wenn eine AsylwerberIn sich Auch hier gilt es, eine Balance zu finden: Ei-
zur Arbeit an einer Rezeption bewirbt, wird nerseits sind in Österreich erworbene Zerti-
die ArbeitgeberIn sie auch danach einschät- fikate für den Bewerbungsprozess gerade für
zen, wie schnell sie sich in die lokale Re- Flüchtlinge sehr wichtig. Andererseits ent-
zeptionssoftware einarbeiten kann. Hat die werten sie sich selbst, wenn der Flüchtling
AsylwerberIn nie einen Computer benutzt das damit gemachte Versprechen, die erwor-
und bereitet schon der Umgang mit einer benen Konzepte auch anwenden zu können,
Maus Schwierigkeiten, so ist dies bereits ein nicht einlösen kann.
Hindernis. Ein solches kann aber auch dar-
in bestehen, dass die BewerberIn zwar z.B. Selbstlernen und Relevanz
mit Word perfekt umgehen kann, aber kein
Verständnis für Datenmasken mitbringt. Ist Sinn der Bildungsmaßnahme nicht, mög-
Andererseits ist es für unseren Fall unerheb- lichst schnell möglichst viele Zertifikate zu
lich, ob sie das Konzept der Formularmaske erhalten, sondern eine grundlegende Com-
durch den Umgang mit Datenquellen, Da- puterbildung und die Fähigkeit zum eigenen
30 fluEQUAL

Lernen, so ist es wichtig, das informelle Ler- sen für die TeilnehmerInnen aufzuspannen,
nen anzuregen und die Angst vor eigenem ihn exemplarisch durchzugehen und den
Experimentieren abzubauen – ein Problem, Transfer, auch im informellen Rahmen, zu
da die TeilnehmerInnen in der Regel keinen fördern. Umgekehrt kann dieser konzeptio-
eigenen Computer zur Verfügung haben. nelle Rahmen nur mit relevanten Beispielen
In unserer Arbeit wuchs das Interesse so aufgespannt werden. Relevanz ist auch eine
stark, dass die TeilnehmerInnen nach ihrer Funktion der Zeit: So war Ziel bereits der er-
Anerkennung sich recht schnell um Compu- sten Unterrichtseinheiten, den Unterschied
ter und Internetanschluss mühten. Gerade zwischen Analog- und Digitaltechnik (also
hier ist es wichtig, dass die TeilnehmerInnen Schallplatte und CD) zu vermitteln. Wich-
gelernt haben, selbst zu tigstes Anwendungsbeispiel war damals die
lernen, sonst wird der Zeichenkodierung. Auch wenn die Teilneh-
Computer zum Download merInnen die Auswirkung unterschiedlicher
neuer Filme, aber nicht Zeichenkodierung in ihrem Browser selbst
zum Download von Tuto- prüften, und zwar an Seiten in ihrer eigenen
rials und Anleitungen ge- Sprache, in ihrem eigenen Alphabet, war
nutzt, und schon gar nicht dies mangels Erfahrung im Internet nicht
zur aktiven Nachfrage z.B. relevant und wurde wieder vergessen. Erst
in Foren. als Emails und Internet für eigene Interes-
sen der TeilnehmerInnen relevant wurden,
Wissenserwerb wird von tauchte die Frage der Zeichenkodierung
vielen Flüchtlingen mit wieder auf, da plötzlich die unlesbaren Zei-
schulischem Wissenser- chen auch relevant wurden. Dieses Beispiel
werb im Frontalunterricht verdeutlicht wieder die Übertragbarkeit von
verbunden, nicht mit der konzeptuellem Wissen: Für das Konzept
Selbstermächtigung, in der Zeichenkodierung ist es unerheblich, ob
der Stadtbibliothek pas- diese Probleme beim Lesen von E-Mails
sende Bücher auszulei- oder Webseiten oder beim Einfügen von
hen. Selbst informelles Texten in ein Textdokument auftreten.
Lernen muss aber gelernt
werden, dieses Lernen des Lernens muss in IT-Unterricht:
die Bildungsplanung einbezogen werden. Lernen in kleinen Schritten
Gerade im Computer-Anwendungsbereich
hat die Wirtschaft hohe Anforderungen Am Beispiel der Zeichenkodierung wird
an die Selbstlernkompetenz. Die Asylwer- deutlich, dass IT-Unterricht in ganz ein-
berInnen sind jedoch nicht nur durch ihre fachen, reproduzierbaren Schritten anfangen
eigenen (schulischen) Erfahrungen benach- muss. Voraussetzung eines solchen IT-Un-
teiligt, ihnen wird in Österreich mangels terrichts sind Kenntnisse der Unterrichts-
Deutschkenntnissen und im Internet man- sprache Deutsch. Natürlich geben die Teil-
gels Englisch-Kenntnissen auch der Zugang nehmerInnen einander Übersetzungshilfen,
zum Selbstlernen erschwert. Dies kann für erklären sich Unverstandenes gegenseitig.
die ProjektträgerIn durchaus bedeuten, Jeder kleine Schritt des Lernstoffs muss ganz
stark visuelle und bebilderte Lernbücher, langsam vorgemacht werden, um anschlie-
die es in der lokalen Bibliothek nicht gibt, ßend bei jeder TeilnehmerIn kontrolliert zu
zuzukaufen. Es kann auch heißen, entspre- werden. Gegebenenfalls muss der Schritt
chende Anreize zu setzen, etwa in Form der des Vormachens dort dann wiederholt wer-
Zulassung zu Zertifikatsprüfungen abseits den, d.h. entgegen der Umgangsweise mit
des Vorgesehenen für TeilnehmerInnen, die deutschsprachigen TeilnehmerInnen, für
sich nachweislich ausreichende Kenntnisse die eine TrainerIn die Anweisung so lange
selbst beigebracht haben. wiederholen sollte, bis sie die Aufgabe selbst
Computerbildung bedeutet dann, um den lösen kann, wird die TrainerIn bei einer
konzeptuellen Rahmen zu wissen und die- AsylwerberIn direkt an deren Rechner die
fluEQUAL 31

Schritte nochmals wiederholen. Die Trainer- verkündete Regeln. Die Anordnung der
In wird also die Anweisung „Jetzt klicken Sie Computer im Raum sollte gegenseitige Hil-
mit der rechten Maustaste auf die Kopfzeile fe der TeilnehmerInnen ermöglichen, aber
oben“ einmal oder zweimal geben oder in auch, dass die TrainerIn jede TeilnehmerIn
Teilen langsam erarbeiten, bei völligem Un- einzeln begleiten kann. Ideal ist ein Aufbau
verständnis die Maus übernehmen und dies der Arbeitsplätze in Gruppen, die sich zu
vormachen, da ansonsten die Deutsch-Un- einer Seite hin ausrichten, oder ein zusätz-
kenntnis auf die EDV-Kenntnis ausstrahlt. licher Besprechungstisch.
Dieses „Übernehmen“ erfordert eine hohe Neben Beamer ist vor „Niemand glaubt mir, dass
Sensibilität bezüglich des Umgangs mit dem allem die technische Aus- ich die Schule mag.“
anderen Geschlecht, mit Nähe/Distanz usw. stattung der Arbeitsplätze
in verschiedenen Kulturen. Wird damit vor- wichtig. Sie richtet sich nach dem Kursin-
sichtig und wertschätzend umgegangen, so halt. Da wir im Internetbereich tätig waren,
wird die TrainerIn in ihrem Vorgehen hier konnten wir erleben, wie wichtig z.B. eine
von den TeilnehmerInnen, die ja lernen wol- schnelle Internetanbindung oder ein aktu-
len, akzeptiert. eller Flashplayer sind. Positiv war für unser
„Konzeptlernen“ auch, wenn wir mit einem
Lernen erfolgt also in sehr kleinen Schritten, proprietären Produkt und dem jeweiligen
kleinen Erfolgen, und als gemeinsames Pro- vergleichbaren Open Source Produkt arbei-
jekt der TeilnehmerInnen. Dies unterstützt ten konnten. Dies erhöht die Lizenzkosten
die TrainerIn z.B. durch Vorstellrunden nicht und ermöglicht den TeilnehmerInnen,
zu Anfang, später durch Partnerarbeit etc. von Anfang auf konzeptuelles Verständnis
Wird der Kurs extern vergeben, so sind Auf- zu fokussieren, wenn sie etwa zwischen Fire-
tragnehmerInnen gerade hierauf einzustim- fox und Internet Explorer, Microsoft Office
men. Die TrainerIn muss sich nämlich auf und Open Office oder Adobe Photoshop
Flüchtlinge einlassen können, auf mangeln- und Gimp wechseln.
de Deutsch-Kenntnisse, langsameres Lern-
tempo usw. Kann sie das, so ist sie zumeist Lernen an (Projekt-) Aufgaben
von der hohen Lernmotivation der Flücht-
linge überrascht. Die hohe Lernmotivation Es sollte deutlich geworden sein, dass die
bedeutet jedoch nicht, dass die TrainerIn TeilnehmerInnen selbst in kleinen Anwen-
ihre Anforderungen an die TeilnehmerInnen dungsschritten lernen, die TrainerIn jedoch
bezüglich Mitarbeit nicht kommunizieren AnwältIn eines konzeptuellen Lernens ist,
muss. Den TeilnehmerInnen, die ggfs. ganz dort wo es einbindbar ist. Dies ist jedoch
andere kulturelle Regeln gewöhnt sind, muss nicht nur am Computer erfahrbar. So hatte
etwa kommuniziert werden, was die gefor- unser Merkblatt zur Fahrtkostenerstattung
derte Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit um- die Form eines Flussdiagrammes. Die in-
fasst. Hier macht es nur Sinn, pragmatische ternen Newsletter machten ebenfalls einige
Regeln aufzustellen, deren Einhaltung kon- aktuell gelernte Techniken vor. Wichtig ist
sequent eingefordert werden muss (Glaub- auch, dass die TeilnehmerInnen das Gelern-
würdigkeit, z.B. bzgl. Handy, Sprechen auf te an relevanten praktischen Beispielen aus-
Deutsch usw.). TrainerInnen sind also zu- probieren. Unsere TeilnehmerInnen haben
gleich GruppenleiterInnen. Teilnahmelisten kreiert, Briefe und Anträge
geschrieben, Fahrtkosten-Daten in die Ab-
Technische und räumliche rechnungsdatenbank eingetragen usw. Hier
Voraussetzungen gilt es, möglichst früh möglichst viele authen-
tische und relevante Anwendungsfelder zu
Für einen guten Unterricht ist der Raum mit- finden. So haben unsere TeilnehmerInnen
entscheidend. Arbeiten die TeilnehmerInnen frühzeitig das konkrete Problemlösen am
in einem professionell wirkenden, gepflegten Computer gelernt und zugleich die entspre-
Raum, so gehen sie ebenso mit diesem um, chenden Konzepte verstanden. Die Annah-
wissen das zu schätzen, und halten sich an me, dass unsere TeilnehmerInnen einen
32 fluEQUAL

Teil dieses Lernens an Arbeitspaketen selbst für die TeilnehmerInnen kaum Sinn. Die
übernehmen, erfüllte sich jedoch nicht. Koordination von Projektarbeit online hat
nie wirklich funktioniert, da den Teilneh-
Web 2.0 – die Probleme von merInnen der eigene Internetzugang fehlt,
Flüchtlingen mit Identitäts- und sie sich sowieso regelmäßig treffen, sie Ler-
Beziehungsmanagement nen in Kursen erwarten und Online-Arbeit
in deutscher Sprache noch anstrengender
Was sich ebenfalls nicht erfüllte, waren ist als ein gemeinsamer Kurs in deutscher
unsere Erwartungen im Bereich der Inter- Sprache. Das heißt nicht, dass wir nicht
net-Kompetenzen als Kompetenzen im In- erfolgreich Online-Unterricht ausprobiert
formations-, Identitäts- und Beziehungsma- hätten, dieser wird jedoch nicht zum Selbst-
nagement. Hatten die TeilnehmerInnen zu läufer. Anders ist dies beim E-Mail-Verkehr,
Projektanfang keine Schwierigkeiten, etwa wo sich viele TeilnehmerInnen angewöhnt
einen Forums- haben, über Email Termine, Entschuldi-
beitrag zu gungen usw. abzuklären. Darüber hinaus-
schreiben, so gehende Koordinations-, Groupware- oder
wird dies heu- auch Projektverwaltungssoftware fand dage-
te, mit dem im gen keine regelmäßige Anwendung. Interes-
Kurs erwor- sant war jedoch, dass z.B. Weblogs auch im
benen Wis- Informationsmanagement keine große Rol-
sen um das le spielen, RSS wird nicht angewandt. Dies
Internet und erstaunt, da z.B. der Iran eine recht große
seine Verbrei- BloggerInnennation ist und die Blogosphä-
tung, von der re ein Ort der kritischen und authentischen
Sorge um die Auseinandersetzung mit der lokalen Politik.
Preisgabe ih- Der Flüchtlingen offenbar eigene Umgang
rer Identität mit virtuellen Räumen ist aus unserer Sicht
überschattet. noch nicht ausreichend erforscht.
Aus Sicht der
F lüchtlinge Flüchtlinge als MultiplikatorInnen
liegt ihre Vor-
sicht rein in Während der Umgang von Flüchtlingen mit
ihrem Flücht- einer unbekannten Weltöffentlichkeit von
lingsstatus be- Ambivalenzen durchzogen ist, sind sie als
gründet, ein MultiplikatorInnen in ihrer direkten Umge-
reflektiertes Identitätsmanagement ist so bung sehr engagiert. Zwar haben wir auch
nicht möglich. So konnten wir auch Chan- schon ab dem vierten Treffen die Teilneh-
cen von Businessplattformen usw. nicht ex- merInnen vor der gesamten Gruppe lehren
plorieren. Hier hilft nur ein eigener, interner lassen; ihre wahre Stärke liegt jedoch darin,
und abgeschotteter Bereich im Internet für anderen Flüchtlingen etwas in Kleingruppen
Flüchtlinge. oder in Lernpartnerschaften beizubringen.
Dies bestärkt auch die „LehrerIn“ in ihren
Ein anderes Problem machen Weblogs deut- IT- und Präsentationskompetenzen sowie
lich: Die TeilnehmerInnen legten bereits in ihrem Vertrauen in diese – wir konnten
beim vierten Treffen problemlos ein eige- dies zum Beispiel erleben, als eine weibli-
nes Weblog an, genauso wie sie später keine che TeilnehmerIn ohne Ausbildung nach
Probleme mit einem internen Wiki hatten. einigem Zögern ob ihrer Fähigkeiten einem
Die Blogs selbst aber blieben leer. Dies liegt männlichen Teilnehmer mit angefangenem
einerseits wie erwähnt im Flüchtlingsstatus Studium Photoshop beibrachte. Während
begründet: Flüchtlinge wollen unauffällig die TeilnehmerInnen untereinander also
und im Internet unauffindbar bleiben. An- gute LehrerInnen sind, fällt es Ihnen schwer,
dererseits macht Online-Kommunikation dieses Lernen für andere, ja schon für sich,
fluEQUAL 33

in der fremden Umwelt Österreich auch zum wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg
zu organisieren und zu strukturieren. Hier Österreichs beizutragen, der ohne EDV
muss weiter intensive Hilfe angeboten wer- nicht mehr denkbar ist. Dann kann unsere
den, so dass sich zwischen Flüchtlingen und Vision von einer führenden IT-Region Salz-
einheimischer Bevölkerung kein digitaler burg Wirklichkeit werden, in der IT-Kompe-
Graben entwickelt und Flüchtlinge ausrei- tenzen in allen, auch benachteiligten, Teilen
chende IT-Kenntnisse haben, um intensiv der Bevölkerung verankert sind.

Coaching für Arbeitsmarkt und Alltag

Andrea Baldemair, Rosario Pires

A
usgangslage von Flüchtlingen: die Kennenlernen der neuen Kultur, kein eige-
Fremde erdulden müssen. Flücht- nes Handeln, keine Arbeit. Eigenes Enga-
linge haben einiges geschafft: Sie gement war ja häufig schon in der Heimat
haben sich nicht selten in einer instabilen gefährlich. Und wenn etwas hier möglich
Umwelt durchgeschlagen, Gefahren über- sein soll, so lernen AsylwerberInnen, dann
standen und eine nicht einfache Flucht gilt es, sich an die richtige Behörde oder Stel-
hinter sich. Jetzt sind sie in Österreich an- le zu wenden. „In Warteposition“ nehmen
gekommen. Manche haben den Abschied AsylwerberInnen die österreichische Um-
noch nicht bewältigt, vom Vertrauten, von welt intensiv wahr, schätzen diese und ihre
der Familie, einige haben noch viel Schlim- eigene Situation jedoch vor ihrem eigenen
meres, dass sie erleben mussten, nicht verar- lebensgeschichtlichen Hintergrund ein. Zu-
beitet, andere müssen weiter um PartnerIn gang zur österreichischen Wahrnehmung
und Kinder oder Verwandte bangen. Und jeder sozialen Situation erhalten sie selbst
dies alles in einer fremden, unverstandenen nach ihrer Anerkennung meist nur mittelbar
Welt, die sie nicht mit dem kuriosen Interes- (über das Fernsehen z.B.), solange sie nicht
se eines Touristen beobachten können. Ge- privat mit ÖsterreicherInnen zu tun haben
nauso wenig können sie sich die fremde Welt (über Hobby, Verein usw.). Vor diesem Hin-
aktiv erobern, wie das etwa von Firmen ent- tergrund entwickeln AsylwerberInnen oft
sandte und gut vorbereitete ManagerInnen unrealistische Erwartungen an ihre beruf-
oder auch StudentInnen beim Auslandsauf- liche Zukunft (und damit ihre Teilhabe am
enthalt tun. Denn diese haben einen Auf- österreichischen materiellen Leben und ihre
trag, eine Aufenthaltsdauer und schleppen soziale Anerkennung) und an die Möglich-
ihre heimische Identität mit. keit von Organisationen (AMS, Sozialamt,
Beratungsstellen), diese Zukunft zu sichern.
AsylwerberInnen fehlt dies erst einmal. Und
selbst wenn sie dies aktiv angehen wollten, Die Ziele von Coaching:
sie dürfen es nicht: Sie werden in einen teil- realistische Ziele und Handeln
weise langjährigen Wartestatus versetzt, ih-
nen wird Essen, Unterkunft und alles weitere Wird der Flüchtling nach Asyl-Anerkennung
vorgegeben, es wird alles für sie gemacht. mit seiner Realität konfrontiert, fordert dies
Darüber hinaus ist aus ihrer Perspektive geradezu Reaktionen der Integrationsver-
nichts möglich, kein Deutsch-Lernen, kein weigerung („die böse österreichische Gesell-
34 fluEQUAL

schaft, die mich meiner Chancen beraubt“), • Wohin will ich? Welche Schritte muss ich
der Realitätsverweigerung („heute bin ich dahin gehen? Was muss ich dazu lernen?
zwar widerwillig Tellerwäscher, aber mor- (Produkt: Bildungsfahrplan)
gen werde ich der berühmte Informatiker
sein“), der Passivität („Tellerwäscher – was Damit Arbeitsmarktintegration für Flücht-
soll ich nur machen?“) heraus. Die meist linge sinnvoll möglich ist, müssen neben
unbewusste Weigerung, einer (häufig un- dem Fokus auf Arbeit selbst aber auch all-
passenden) Arbeit nachzugehen ist ihrerseits gemeine Probleme des Flüchtlings Platz im
Hindernis einer Arbeitsmarktintegration. In Coaching finden. Durch die Bearbeitung
unserem Ansatz erarbeitet sich die Klien- mit dem Coach oder gemeinsam in der
tIn mit ihrem Coach seine/ihre Vision und Gruppe ergibt sich eine Konfrontation mit
Realität in Österreich schon vor einer mög- kulturell bedingten anderen Perspektiven.
lichen Asyl-Anerkennung selbst und bricht Für eine Integration am Arbeitsmarkt ist die
diese Visionen auf konkrete, wahrnehm- Fähigkeit, den Rahmen von Situationen zu
bare, erreichbare Ziele herunter. Dies kann wechseln, essentiell. Die Flüchtlinge müssen
ein langwieriger und schmerzvoller Prozess ein Gefühl für die Sicht von Österreicher-
sein, so dass die Coaches nicht nur die ko- Innen (z. B. der ArbeitgeberIn) bekommen.
gnitive Verarbeitung veranlassen, sondern Ein weiteres Thema ist Kurs-, Projekt- und
auch die emotionale begleiten müssen. Die Gruppenarbeit selbst. Coaching stellt hier
Glaubwürdigkeit dieser Interventionen des den Transfer der Erfahrung (z.B. von inter-
Coaches wird durch dessen eigene Lebens- kultureller Zusammenarbeit) in die zukünf-
erfahrung gefördert. tige Arbeitswirklichkeit sicher.

Der Weg: Zur Selbst-


verantwortung begleiten
Geeignete Coaches
Flüchtlinge werden förmlich dazu erzogen,
dass etwas für sie (und über sie hinweg) ge-
Bei der Auswahl der Coaches wurde auf vielfältige
macht wird, etwa ganz einfach ein Formular,
Berufs- und idealerweise wirtschaftliche Leitungs-
ein Telefonat, ein Problem erledigt. Tatsäch-
erfahrung geachtet. Sie entstammen nicht der klas-
lich kann es viel schneller sein, einer KlientIn
sischen Beratungsprofession, sondern haben sich in
schnell etwas auszufüllen, nicht nur Formu-
Wirtschaftsunternehmen emporgearbeitet, bevor sie
lare, sondern auch zum Beispiel Kompe-
sich – wie viele unserer KlientInnen müssen – beruflich
tenzportfolios. Diese bedürfen jedoch, damit
umorientiert und zu BeraterInnen weiterentwickelt
sie sinnvoll sind, der biographischen Arbeit.
haben. Gerade sie können zu signifikanten biogra-
phischen BeraterInnen der KlientInnen werden.
Ein Beispiel für diese biographische Arbeit
ist der Ansatz R.N. Bolles, persönliche „Er-
folgsstories“ aus dem eigenen Leben auf
In diesem Prozess ist es hinderlich, dass Asyl- erfolgreich eingesetzte Kompetenzen zu
werberInnen die österreichische Arbeitswelt untersuchen und diese zu gewichten. Die
nicht kennenlernen können, sei es wegen KlientIn erarbeitet sich so ein Verständnis
rechtlicher Hindernisse, sei es, weil Firmen der ihr wichtigen Kompetenzen, kann den
ein Praktikum ablehnen. Zur Entwicklung erfolgreichen Einsatz derselben aber auch
eigener Perspektiven in Österreich wird an aus ihrer Lebensgeschichte heraus Dritten
drei Fragenkomplexen gearbeitet: etwa im Bewerbungsgespräch gegenüber
belegen. Sie analysiert dabei auch, „wel-
• Woher komme ich? Was habe ich bisher che Art von Tun macht mir Spaß, was setze
gemacht? (Produkt: Lebenslauf) ich gerne ein – egal in welchem Beruf und
• Was habe ich dabei (auch informell) ge- mit welchen Hilfsmitteln?“, jenseits bloßer
lernt? Welche Art von Tun macht mir Fachkenntnisse, und ermöglicht damit eine
Spaß? (Produkt: Kompetenzanalyse) berufliche Neuorientierung. Eine solche Ar-
fluEQUAL 35

beit braucht ganz andere Zeithorizonte als für die KlientIn erst einmal unbefriedigend
schnelle Ausfüllarbeiten. Im Coaching muss – die KlientIn muss, anstatt dass ihr Arbeit
stark von der zu entwickelnden Eigeninitia- durch den Coach abgenommen wird, im
tive und Selbstverantwortlichkeit der Kli- Gegenteil mehr (an sich, ihren Zielen usw.)
entInnen ausgegangen werden, davon, dass arbeiten. Der Sinn eines solchen Coachings
diese bei entsprechend kompetenter und ge- erschließt sich der TeilnehmerIn mitunter
nügender Begleitung ihre Angelegenheiten erst langsam und im Laufe des Projektes.
auch „selbst in die Hand nehmen können“.
Der Coach fordert diese Eigeninitiative im- Damit sich also die TeilnehmerInnen auf
mer wieder ein. Dazu muss er jedoch häufig dieses Coaching einlassen, welches für sie
dem Klienten dessen Handlungsmöglich- Mehrarbeit bedeutet, muss es für sie Sinn
keiten überhaupt deutlich machen. Hier machen. Die Mehrarbeit muss also aus Sicht
wird der Coach den Klienten auch einmal der TeilnehmerInnen zu konkreten Ergeb-
an die Hand nehmen, diese dann aber auch nissen führen.
rechtzeitig loslassen. Oder er teilt mit dem
Klienten die unbewältigbare Fremde in klei- Den Sinn deutlich machen
ne, bewältigbare Schritte ein. Und spiegelt
ihm sein Handeln oder Nichthandeln. Ein erfolgreiches Beispiel ist der Coaching-
Einstieg über Gruppencoaching: Dies
schließt an die Kurs- oder Schulerfahrungen
der TeilnehmerInnen an und impliziert Lern-
Lerntagebücher und Arbeitsorientierung. Das Ziel der ersten
fünf Sitzungen war klar: einen Lebenslauf
Die TeilnehmerInnen müssen kon- erstellen – nachdem alle TeilnehmerInnen
tinuierlich reflektieren (und doku- mitbekamen, dass dies für eine Bewerbung
mentieren), was sie gelernt haben, wichtig ist, ein auch für die TeilnehmerInnen
was Spaß gemacht hat und was für wichtiges Ziel. Da der Lebenslauf dann am
sie schwierig war. Sie müssen auch Computer erstellt wurde (Europass-Modell),
herausfinden, woran sie weiter- auch hier ein Mehrwert; zugleich bot dies je-
arbeiten möchten und wie sie ihr doch einen Einstieg in die Biographiearbeit
Wissen vertiefen können – auch au- und ins gegenseitige Kennenlernen – einen
ßerhalb der Kurse. Für den Habitus „ungefährlichen“ Einstieg, denn der offizi-
„lebenslangen (auch informellen) elle Lebenslauf zwingt nicht dazu, etwa per-
Lernens“ ist es wichtig, Teilneh- sönliche Verletzungsdispositionen, Fluchtge-
merInnen ihre eigenen Lernmög- schichte u.ä. offenzulegen.
lichkeiten (auch ihre eigenen Lern-
schwierigkeiten und -bedingungen) Ein weiteres Beispiel ist der Bildungsfahr-
entdecken zu lassen. Auch hier ist plan. Mittels eines internen Antrags durch
die Begleitung durch den Coach die TeilnehmerIn begleitet durch ihren
zentral, der mit der KlientIn diese Coach, dem vier Referenzen (als eine Art
Lernpotentiale exploriert. internes Reputationssystem) sowie ein in-
dividuelles Gutachten beizulegen waren,
konnte die TeilnehmerIn eine Vereinbarung
über die Finanzierung des ersten Bildungs-
Empowerment fängt bereits bei der Ter- schrittes (meist ein Deutschzertifikat) einge-
minvereinbarung an. Die Teilnahme sowohl hen. Aus dem Antrag musste hervorgehen,
am Einzelcoaching als auch am Gruppen- dass die TeilnehmerIn die Fragen „Wohin
coaching ist freiwillig, aber verbindlich. Die will ich?“ und „Welche Schritte muss ich da-
TeilnehmerInnen müssen kein Coaching hin gehen?“ beantworten kann. Nur wenn
wahrnehmen, um an anderen Kursen teil- die TeilnehmerInnen Konsequenzen aus
nehmen zu dürfen. Andererseits ist Coa- Ihrer Reflexionsarbeit sehen und erfahren
ching in der von uns durchgeführten Form können, macht diese Arbeit für sie Sinn.
36 fluEQUAL

Einzel- und Gruppenarbeit, dige Genesung, sondern auch: Schmerzfrei-


Prozessorientierung und heit, teilweise Mobilität usw.). Zudem passt
Casemanagement die ÄrztIn Ziele und Behandlung beständig
dem Krankheitsverlauf an. Trotzdem ist
Am Coaching-Einstieg mit dem Lebens- die ärztliche Kunst teilweise standardisier-
lauf wurde deutlich: Gruppenarbeit kann bar, es gibt Regeln, und sie ist evaluierbar.
manchmal effizient sein und teilweise so- Die Analogie macht deutlich: Auch bei ei-
gar Lernprozesse durch die Diskussion der ner PatientIn kann es vorkommen, dass
TeilnehmerInnen untereinander wesentlich jede AkteurIn (HausärztIn, verschiedene
beschleunigen. Allerdings lässt sich nicht al- FachärztInnen, PflegerIn, Physiotherapeut-
les in Gruppenarbeit bearbeiten. Manches In, usw.) unabhängig voneinander eigene
Arbeitsbögen entwickelt, oder eben dass alle
einem gemeinsamen Arbeitsbogen folgen.
Analog dazu ziehen in den sozialen Bereich
verstärkt Case-Management-Techniken ein.
Eine Zusammenarbeit mit anderen ist also
sinnvollerweise organisatorisch-strukturell
zu verankern.

Entwicklung ist ein Weg:


vom richtigen Zeitpunkt

Das Coaching hat den unterschiedlichen


AsylwerberInnen-KlientInnen in seinen
Zielen und Methoden individuell zu ent-
sprechen. Empowerment-orientiertes Coa-
ching ist dann mit allen AsylwerberInnen
möglich. Seine Grenzen hat es dort, wo es
einer therapeutischen Aufarbeitung der
traumatischen Vergangenheit bedarf.
Eine weitere Grenze ist der Coaching-Zeit-
braucht nur eine Struktur (etwa Jobsuche raum. Arbeit mit den Visionen von Men-
im Internet als Gruppenarbeit, Biographie- schen, an der Einschätzung ihrer Realisier-
Arbeit in Einzelsitzungen), manches braucht barkeit, an der Beseitigung der wirklichen
vor allem eine ausgewogenen Balance, die Hindernisse ihrer Realisierung – all dies ist
auch von der Gruppengröße und -zusam- Bestandteil der Identität der KlientIn. Iden-
mensetzung der Coachinggruppe abhängt. titätsarbeit, insbesondere Ohnmachts- und
Bei dieser Arbeit, wie sie hier beschrieben Erleidensbewältigung, lässt sich nicht allein
wird, gilt es zu beachten: Sie ist prozessori- durch zielgerichtetes Handeln vollziehen. Sie
entiert, damit nicht vollständig im Voraus ist auch auf Wandlungsprozesse der Identi-
planbar und beliebig gleichartig reprodu- tät angewiesen. Während Beratungsarbeit
zierbar. Es lassen sich daher auch keine kon- als Empowerment sich überflüssig machen
kreten a priori-Vorgaben für das Coaching will, wäre es manchmal sinnvoll, die Inten-
machen. sität der Beratung zu verringern und diese
dafür zeitlich zu strecken, um den richtigen
Dies heißt nicht, dass sie nicht evaluierbar Zeitpunkt für Veränderungen abzuwarten
wäre oder keinen Zielen folgen würde. Auch und so Loslösungs, Trauer-, Entfremdungs-
in der medizinischen Profession entwickelt bewältigungsprozesse noch zu ermöglichen.
die ÄrztIn für jede PatientIn einen eigen- Wo die volle Entfaltung der Potentiale der
ständigen Arbeitsbogen (z.B. die Anwen- TeilnehmerInnen noch auf sich warten
dung unterschiedlicher Medikamente) und lässt, gibt Coaching ihnen zumindest die
jeweils eigene Ziele (nicht immer vollstän- Werkzeuge dazu an die Hand.
fluEQUAL 37

Kapitel IV: Gemeinnützige Beschäftigung

• Qualitätsstandards
• Flüchtlinge arbeiten in
Gemeinnützige
Gemeinden mit
Beschäftigung • Lernwerkstätten
• Beratung und Coaching
38 fluEQUAL

Kapitelvorschau

Gemeinnützige Beschäftigung
Arbeit spielt eine zentrale Rolle im österreichischen Alltag: zur Sicherung des Le-
bensunterhalts für die Arbeitenden und deren Angehörige, als Basis für materiel-
le Sicherheit und vielleicht auch Wohlstand, als Bereich der Selbstverwirklichung
und der Umsetzung eigener Ziele. Arbeit steht an erster Stelle der Tätigkeiten,
für die Menschen in Österreich gesellschaftliche Anerkennung erhalten.

Asylsuchenden bleibt in den oft langen Jahren, in denen sie diesen „Status“ haben,
die Möglichkeit des Arbeitens meist vorenthalten. Wenn überhaupt, dann haben
sie nur einen sehr eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Eine schwierige
Ausgangslage für Integration – denn berufliche Integration ist unbestritten eine
zentrale Säule von Integration. Und eine schwierige Ausgangssituation für ein
Projekt zur Arbeitsmarktintegration.

Die Caritas Salzburg hat im Rahmen von FluEQUAL den Weg der gemein-
nützigen Beschäftigung gewählt, um die erschwerte Arbeitsmarktintegration von
Asylsuchenden zu unterstützen: Einrichtungen von Bund, Land oder Gemeinden
können AsylwerberInnen unter gewissen Voraussetzungen zu gemeinnütziger Be-
schäftigung heranziehen. Im Tennengau, Lungau und Oberpinzgau haben Re-
gionalmitarbeiterInnen der Caritas gemeinnützige Beschäftigungsmöglichkeiten
organisiert, begleitet und unterstützt. Zu den regionalen Aktivitäten gehörten zu-
sätzlich Angebote zur beruflichen Qualifizierung und Orientierung der Projekt-
teilnehmerInnen: in Form von Lernwerkstätten und begleitendem Coaching.

Im ersten Beitrag werden zunächst die Qualitätsstandards für gemeinnützige


Beschäftigung vorgestellt, die von Autarq 2, einer Vernetzung von fünf österrei-
chischen EQUAL-Entwicklungspartnerschaften, erarbeitet und von einer wach-
senden Anzahl von im Flüchtlingsbereich tätigen Organisationen unterstützt
werden. Der zweite Beitrag fasst die Erfahrungen der Caritas mit der gemeinnüt-
zigen Beschäftigung zusammen und macht an einem Beispiel deutlich, wie wich-
tig Schritte der beruflichen Integration auch für die längerfristige gesellschaftliche
Integration sein können. Im dritten Beitrag werden die begleitenden Lernwerk-
stätten beschrieben und Verknüpfungsmöglichkeiten mit den Dialogprozessen
aufgezeigt. Der vierte Beitrag stellt das berufsbezogene Coaching im Kontext der
gemeinnützigen Beschäftigung in den Projektregionen vor.
fluEQUAL 39

Qualitätsstandards für gemeinnützige


Beschäftigung von Asylwerber/innen
Ein Positionspapier von Autarq 2, einer Vernetzung von
fünf EQUAL-Entwicklungspartnerschaften in Österreich

F
ür AsylwerberInnen ist der österrei- Diese Form der gemeinnützigen Beschäfti-
chische Arbeitsmarkt – mit wenigen gung wurde von Inpower Graz und der Ca-
Ausnahmen im Saison- oder Erntebe- ritas Salzburg in Modellprojekten erprobt
reich – verschlossen. In Kombination mit ei- und zeigt beachtliche Erfolge in der Verbes-
ner mehrjährigen Dauer von Asylverfahren serung
stellt dies eine unerträgliche Belastung dar. • der Befindlichkeit der AsylwerberInnen,
Zusätzlich kommt es zu einer Dequalifizie- • der Akzeptanz in der Bevölkerung,
rung und dem Verlust vorhandener Fähig- • bei der Vorbereitung auf den Einstieg in
keiten. den Arbeitsmarkt nach Asylanerkennung
• sowie in der Konfliktprävention.
Das Grundversorgungsgesetz des Bundes
2005 bietet die Möglichkeit der gemeinnüt-
Dennoch: Gemeinnützige Beschäftigung auf-
zigen Beschäftigung von AsylwerberInnen
in Einrichtungen von Bund, Land und Ge- grund des Grundversorgungsgesetzes ist kei-
meinden: ne Beschäftigung im herkömmlichen Sinn.
Es wird dadurch kein Dienstverhältnis be-
§ 7 (3) Asylwerbern und Fremden nach § 2 gründet, die in Österreich gültigen Gesetze
Abs. 1, die in einer Betreuungseinrichtung wie Ausländerbeschäftigungsgesetz, Kollek-
(§ 1 Z 5) von Bund oder Ländern unterge- tivvertrag, Arbeitsrecht usw. finden keine
bracht sind, können mit ihrem Einverständ- Anwendung. Der ArbeitnehmerInnenschutz
nis … für gemeinnützige Hilfstätigkeiten für durch die Interessensvertretung von AK und
Bund, Land, Gemeinde (z.B. Landschafts- ÖGB ist ausgeschaltet. DienstgeberInnen
pflege, und -gestaltung, Betreuung von Park- können verleitet werden, reguläre Beschäfti-
und Sportanlagen, Unterstützung in der Ad- gungsverhältnisse einzusparen und regelmä-
ministration) herangezogen werden. ßig anfallende Arbeiten durch Gemeinnüt-
(4) Asylwerber, deren Verfahren gemäß zige Beschäftigung abzudecken.
§ 28 AsylG 2005 zugelassen wurde, können
mit ihrem Einverständnis zu Tätigkeiten im
Sinne des Abs. 3 auch dann herangezogen
werden, wenn sie von Dritten betreut wer-
den.
(5) Werden solche Hilfstätigkeiten erbracht,
ist dem Asylwerber ein Anerkennungsbeitrag
zu gewähren. Dieser Anerkennungsbeitrag
gilt nicht als Entgelt im Sinne des § 49 Abs. 1
und 2 des Bundesgesetzes vom 9. September
1955 über die Allgemeine Sozialversiche-
rung, BGBl. Nr. 189/1955 und unterliegt
nicht der Einkommenssteuerpflicht.
(6) Durch Tätigkeiten nach Abs. 3 und 4
wird kein Dienstverhältnis begründet; es be-
darf keiner ausländerbeschäftigungsrecht-
lichen Erlaubnis.
40 fluEQUAL

Ziele der Gemeinnützigen


Beschäftigung

a) Vorteile für AsylwerberInnen


• Die soziale und gesundheitliche Situa-
tion der AsylwerberInnen verbessert sich
durch Tagesstrukturierung und Beschäf-
tigungsangebote.
• AsylwerberInnen können als aktive Men-
schen mit Ressourcen und Kompetenzen
erlebt werden, wodurch ihre soziale In-
tegration in Gemeinde und Region er-
leichtert wird.
• Durch die berufliche Qualifizierung
wird die Integration in den Arbeitsmarkt
nach Asylanerkennung erleichtert. Im
Falle einer Rückkehr werden die beruf-
Die Gefahr besteht, dass qualifizierte Tä- lichen Chancen der AsylwerberInnen im
tigkeiten durch Menschen ohne adäquate Heimatland erhöht.
Ausbildung ausgeführt werden oder hoch- • Gemeinnützige Beschäftigung wirkt De-
qualifizierte Tätigkeiten nicht entsprechend qualifizierung entgegen und kann die
entlohnt werden. Kompetenzen und Ressourcen von Asyl-
werberInnen stärken und sie dabei unter-
Gemeinnützige Beschäftigung ist eine Be- stützen, diese weiter zu entwickeln.
schäftigung ohne rechtliche Absicherung • Begleitende Maßnahmen zur Gemein-
– die Gefahr der Ausbeutung von Asylwer- nützigen Beschäftigung ermöglichen
berInnen als billige Arbeitskräfte ist sehr den Spracherwerb und unterstützen die
groß. Die unterzeichnenden NGOs teilen berufliche und soziale Orientierung und
diese Vorbehalte, dennoch wird der Einsatz Integration.
der gemeinnützigen Beschäftigung unter
Einhaltung der hier beschriebenen Quali- b) Vorteile für Gemeinden beziehungsweise
tätsstandards empfohlen, um die Auswir- AuftraggeberInnen:
kungen der menschenunwürdigen Situation • AsylwerberInnen bringen spezifisches
der jahrelangen Beschäftigungslosigkeit zu Wissen und Kompetenzen mit, wie z.B.
vermindern. Sprachkenntnisse, Kulturwissen etc.
• Die „sichtbare“ Arbeit von Asylwerber-
Gemeinnützige Beschäftigung ist kein Er- Innen bei kommunalen Aufgaben fördert
satz für die notwendige Öffnung des regu- die Akzeptanz und das Zusammenleben
lären Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen, in der Gemeinde.
sie stellt vielmehr eine Übergangslösung in • Bund, Land und Gemeinden können
der derzeitigen Situation des verwehrten über die Gemeinnützige Beschäftigung
Arbeitsmarktzuganges für AsylwerberInnen Leistungen für das Gemeinwohl erbrin-
dar. In Kombination mit Spracherwerb und gen, die sonst nicht vorgesehen und mög-
Ausbildungskursen kann sie eine Möglich- lich wären.
keit sein, der Dequalifizierung vorzubeugen
und das tolerante Zusammenleben von ver- Notwendige Voraussetzungen der
schiedenen Nationalitäten zu fördern. Nicht Gemeinnützigen Beschäftigung
zuletzt die Vorbehalte waren es, die uns dazu
bewogen haben, diese Qualitätsstandards Eine klare Grundlage zur Gemeinnützigen
zur Durchführung der Gemeinnützigen Be- Beschäftigung ist erforderlich und kann in
schäftigung auszuarbeiten. In diesem Sinne Form einer Detaillierung zum GV-Gesetz
ist ihre Einhaltung von größter Bedeutung. Bund 2005 § 7 Abs. 3–6 geschaffen werden.
fluEQUAL 41

• Die Freiwilligkeit der Ausführung von Deutschkenntnisse für die Verständigung.


Tätigkeiten im Rahmen der Gemeinnüt- Darüber hinaus sind empfehlenswert:
zigen Beschäftigung muss auf jeden Fall • Maßnahmen zur Berufsorientierung und
gegeben sein. beruflichen Qualifizierung wie z.B. Bil-
• Die Zielgruppe soll auch privat Wohn- dungsberatung, Berufsberatung, Coaching,
hafte in der Grundversorgung umfassen. • Individualqualifizierungen, wie zum Bei-
• Die Gemeinnützige Beschäftigung von spiel Führerschein, Staplerschein, weiter-
AsylwerberInnen sollte neben Bund, führende Sprachkurse,
Land und Gemeinden auch für gemein- • Vorbereitung und Begleitung der Asyl-
nützige Vereine möglich sein, um ausrei- werberInnen sowie Akquisition der Be-
chen Beschäftigungsplätze zur Verfügung schäftigungsmöglichkeiten erfolgt durch
stellen zu können. kompetente Mitarbeiterinnen in der Region.
• Die Gemeinnützige Beschäftigung kann
nur zeitlich begrenzt für die Dauer des Rahmenbedingungen der
Asylverfahrens zum Einsatz kommen. Gemeinnützigen Beschäftigung
• Wenn die rechtliche Möglichkeit zu einem
ordentlichen Beschäftigungsverhältnis lt. Die im Rahmen der Gemeinnützigen Be-
AuslBG gegeben ist, ist diesem auf jeden schäftigung ausbezahlten Gelder sind als
Fall der Vorzug zu geben. Anerkennungsbeiträge und nicht als Gehalt
zu verstehen. Es kommt somit kein Dienst-
Arbeitsbereiche der verhältnis zustande.
Gemeinnützigen Beschäftigung • Die Mindesthöhe des Anerkennungsbei-
trages beträgt fünf Euro pro Stunde.
Klassische Aufgabengebiete der Gemein- • Durch Gemeinnützige Beschäftigung
nützigen Beschäftigung sind Instandhaltung darf es jedenfalls bis zur Geringfügigkeit
von öffentlichen Anlagen, Unterstützung zu keinen Kürzungen der Leistungen aus
bei sozialen Diensten der Gemeinden sowie der Grundversorgung kommen.
Tätigkeiten in Bauhof und Recycling. Be- • Die Bestimmungen des ArbeitnehmerIn-
sonders gefördert werden sollen qualifizierte nenschutzes (z.B. Arbeitssicherheit, Ar-
Tätigkeiten wie Mitarbeit im Bildungs- und beitszeit, Jugendschutz) sind analog zu
Pflegebereich. den gesetzlichen Richtlinien für gewöhn-
Bei der Akquisition der Gemeinnützigen Be- liche Dienstverhältnisse einzuhalten.
schäftigung ist darauf Bedacht zu nehmen, • Ist eine Vorbereitungszeit für qualifizierte
dass ausreichend Beschäftigungsplätze für Tätigkeiten notwendig (z.B. beim Einsatz
Frauen zur Verfügung stehen. Die beruf- als ReferentIn), muss diese finanziell ab-
lichen Erfahrungen und schulischen Ausbil- gegolten werden.
dungen der AsylwerberInnen sind bei der • Unfallversicherung und Haftpflichtversi-
Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten zu cherung sind für die beschäftigten Asyl-
berücksichtigen. werberInnen in Anlehnung an den ge-
setzlichen Unfallschutz für gewöhnliche
Begleitende Dienstverhältnisse zu gewährleisten.
Maßnahmen • Die AsylwerberInnen erhalten eine
schriftliche Bestätigung (ähnlich einem
Um die Ziele der Gemeinnützigen Beschäf- Dienstzeugnis) über die im Rahmen der
tigung zu erreichen, sind begleitende Maß- Gemeinnützigen Beschäftigung erbrach-
nahmen unbedingt erforderlich. Grund- ten Leistungen. Dadurch werden ihre
voraussetzung ist die Durchführung von Chancen am Arbeitsmarkt nach Asylzu-
Sprachkursen zum Erwerb der notwendigen erkennung erhöht.
42 fluEQUAL

Gemeinnützige Beschäftigung in den Regionen:

Flüchtlinge arbeiten in Gemeinden mit


Gerhard Eggerth

L
ange Wartezeiten auf das Ende des keiten heranzuziehen. Dies stellt eine klare
Asylverfahrens, keine Beschäftigung, gesetzliche Regelung zur Beschäftigung von
isoliertes Leben im Flüchtlingsquar- AsylwerberInnen dar. Von Seiten des Innen-
tier, kaum Kontakt zwischen Österreicher- wie auch des Wirtschaftsministeriums ist
Innen und AsylwerberInnen. So lässt sich auch klargestellt, dass es sich hierbei nicht
die typische Lebenssituation vieler Flücht- um sozialversicherungs-, lohn- oder ein-
linge – insbesondere in ländlichen Quartie- kommensteuerpflichtige Dienstverhältnisse
ren – beschreiben. handelt, so dass die Fragen des Ausländer-
beschäftigungsrechtes und des Sozialversi-
Die erzwungene Untätigkeit während des cherungsrechtes für Gemeinden ausreichend
Asylverfahrens ist eine psychische und so- geklärt sind.
ziale Belastung für die Flüchtlinge und hat
Auswirkungen bis nach Zuerkennung des Diese Möglichkeit ist im Rahmen des Pro-
F l ü ch t l i n g s s t at u s. jektes FluEQUAL in drei Regionen des
Die Flüchtlinge wer- Landes Salzburg erprobt worden: In jeder
den demotiviert und der drei Regionen gab es eine Regionalmi-
die persönlichen und tarbeiterIn, die für die Anbahnung der ge-
beruflichen Ressour- meinnützigen Beschäftigung vor Ort, die
cen verkümmern. Organisation und Begleitung zuständig war.
Dies wirkt als Hin- Im vorangehenden Positionspapier von Au-
dernis weit über den tarq2, einer Vernetzung von fünf EQUAL-
engeren Bereich der Entwicklungspartnerschaften in Österreich,
Integration am Ar- ist diese Rechtsgrundlage beschrieben und
beitsmarkt hinaus sind wesentliche Qualitätsstandards für die
und verhindert ei- Umsetzung gemeinnütziger Beschäftigung
nen ganzheitlichen von AsylwerberInnen aufgeführt. Im Fol-
Integrationsprozess. genden werden wichtige Schritte und Erfah-
Die nachträgliche rungen in der Umsetzung gemeinnütziger
Reaktivierung der Ressourcen nach Asylan- Arbeit beschrieben.
erkennung erweist sich als zeitlich und me-
thodisch aufwändig. Erschwert wird die Schritte in der Gemeinde
Integration dann oft durch Arbeitslosigkeit
und durch fehlende Maßnahmen zur Be- Aufbauend auf den gesetzlichen Rahmen-
rufsvorbereitung und zur Eingliederung in bedingungen gilt es zunächst, mit den Ent-
den Arbeitsmarkt. scheidungsträgerInnen der potentiellen
„BeschäftigungsgeberInnen“ (meist Bürger-
Es gibt jedoch für AsylwerberInnen die meisterIn, AmtsleiterIn) ein Commitment zu
Möglichkeit, in Gemeinden mitzuarbeiten: schaffen: Das bedeutet, gemeinsam Beschäf-
Das Grundversorgungsgesetz des Bundes tigungsmöglichkeiten zu erarbeiten und die
(GVG-B) räumt die Möglichkeit ein, Asyl- Form der Beteiligung der Gemeinde fest-
werberInnen im Rahmen der gemeinnüt- zulegen. Dies geschieht unter Berücksichti-
zigen Arbeit in Einrichtungen des Bundes, gung der Bedürfnisse und der Nachfrage
der Länder oder Gemeinden für Hilfstätig- innerhalb der Gemeinde und baut zugleich
fluEQUAL 43

auf vorhandene Qualifikationen und Kennt- Meist sind für Hilfstätigkeiten in obigen Ar-
nisse der AsylwerberInnen. Das Ziel von beitsbereichen keine besonderen Kenntnisse
gemeinnütziger Beschäftigung ist, dass von seitens der AsylwerberInnen notwendig.
den AsylwerberInnen freiwillige Leistungen Eine Rücksichtnahme auf die vorhandenen
erbracht werden, die sonst von Gemeinden, Qualifikationen der AsylwerberInnen hat
von Bund oder Ländern nicht mehr oder laut unseren Erfahrungen einen äußerst posi-
nicht in gleicher Weise erbracht werden kön- tiven Einfluss auf die Qualität der Arbeiten.
nen, da sie nicht finanzierbar sind. Damit Ein besonderes Augenmerk ist darauf zu le-
werden durch das Erbringen dieser Leistun- gen, dass Beschäftigungsmöglichkeiten für
gen keine bestehenden Arbeitsplätze gefähr- Männer und Frauen geschaffen werden. Da
det oder zukünftig erforderliche Arbeitsplät- ein Großteil der möglichen Einsatzbereiche
ze überflüssig gemacht. Gleichzeitig kommt in Gemeinden häufig mit schwerer körper-
es zu einer Verringerung des Problems der licher Arbeit verbunden ist, beschränken
illegalen Beschäftigung. sich die Möglichkeiten für Frauen in ge-
meinnütziger Beschäftigung meist auf klas-
Seitens der BeschäftigungsgeberInnen ist zu sische Bereiche wie Reinigungsarbeiten und
klären, wer die Zuständigkeit für die Umset- soziale Aufgaben.
zung der gemeinnützigen Beschäftigung über-
nimmt. Diese Person bzw. Abteilung über- Verpflichtungen
nimmt die Funktion eines Ansprechpartners
für die AsylwerberInnen und die Begleitung Die BeschäftigungsgeberInnen übernehmen
während des Beschäftigungszeitraums. Sie mit dem Beschäftigungsangebot auch ge-
fungiert als KooperationspartnerIn für lo- wisse Verpflichtungen: Die für die Arbeits-
kale Grundversorgungsstellen, v.a. bei der einsätze notwendigen Arbeitsmittel sowie
Auswahl geeigneter AsylwerberInnen, koor- geeignete Arbeitskleidung sind seitens der
diniert die Arbeitseinsätze und ist zuständig BeschäftigungsgeberInnen
für die Einarbeitungsphase. Ausreichende bereit zu stellen. Es sind „Arbeit war das
Deutschkenntnisse sind Voraussetzung für Aufzeichnungen über die
erste Wort, das Spas auf
gemeinnützige Beschäftigung. Notwendig monatlich geleisteten Stun-
Deutsch gelernt hatte. Es
sind vorgelagerte Deutschkurse. den zu führen. Es bedarf
einer Dokumentation über war weder das Wort Lie-
Mögliche Beschäftigungsfelder die Bezahlung der Auf- be, noch das Wort Hoff-
wandsentschädigungen für nung, geschweige denn
Mögliche Bereiche gemeinnütziger kommu- die geleisteten Arbeitsstun- Glaube. Denn ohne Arbeit
naler Beschäftigung sind: den. Die Abrechnung und gab es nichts als Angst.
• Unterstützung der Gemeinden mit Hilfs- Bezahlung der Aufwand- Dies war das Wort am An-
tätigkeiten bei der Erfüllung sozialer Auf- sentschädigungen sollte im fang. Erst dann kamen die
gaben (Kindergärten, Seniorenheime, Nachhinein zu fixen Ter- vielen anderen. So war es
Essen auf Rädern etc.) minen erfolgen. Asylwerber- für jeden Flüchtling.“
• Betreuung von Grünanlagen und Außen- Innen, die sich in Grund-
anlagen versorgung befinden, sind Dimitre Dinev „Ein Licht über dem
• Radwegebetreuung, Loipenbetreuung krankenversichert. Eine für Kopf“ Paul Zolnay Verlag 2005.
• Unterstützung von gemeinnützigen Ver- die Beschäftigung unum-
einen, Pfarren und Kulturinitiativen als gängliche Unfallversicherung der Asylwer-
Gemeindeservice (Bühnenbau, Dekora- berInnen ist zu gewährleisten; hier muss auf
tion, Platzbetreuung, persönliche Dienst- gewerbliche Versicherungsunternehmen ver-
leistungen etc.) wiesen werden. Bei Beendigung der gemein-
• Mithilfe im Bereich Recycling und Abfall- nützigen Beschäftigung wird den Asylwerber-
wirtschaftshof Innen eine Bestätigung über die erbrachten
• Gemeinnütziger Dienstleistungsservice in Leistungen, ähnlich einem Dienstzeugnis,
Absprache mit der Gemeinde (Radrepa- ausgestellt. Diese Bestätigungen können die
raturen, Nähservice etc.) AsylwerberInnen im Falle einer Möglichkeit
44 fluEQUAL

des Arbeitsmarktzuganges (z.B. nach Asylan- wurde ihre Situation immer gefährlicher,
erkennung) bei der Integration in den Ar- so haben sie sich zur Flucht entschlossen in
beitsmarkt wesentlich unterstützen. ein Land, das ihnen uneingeschränkte Reli-
gionsfreiheit ermöglicht und in dem sie vor
Ein Beitrag zu mehr Akzeptanz Verfolgung sicher sind. Der Ehemann von
Mitra war Journalist. Beide stammen aus
Mit der gemeinnützigen Beschäftigung kann gut situierten Familien. Umso schwieriger
auch ein Beitrag zur Verbesserung der öf- waren für Mitra, ihren Mann und die bei-
fentlichen Akzeptanz der AsylwerberInnen den Kinder die ersten Monate im Quartier
in den Gemeinden geleistet werden: Die für AsylwerberInnen. Nach etwa 10 Mona-
Bevölkerung in den Gemeinden sollte durch ten gelang es der Familie eine kleine Woh-
gezielte regionale Öffentlichkeits- und Me- nung zu finden, in der ein fast „normales“
dienarbeit über die gemeinnützige Beschäf- Familienleben endlich wieder möglich war.
tigung informiert werden. Dies unterstützt Die Familie aus dem Nahen Osten wurde
eine positive Wahrnehmung der Asylwer- in einer 600 Einwohner zählenden Landge-
berInnen als wertvolle Mitglieder der Ge- meinde gut aufgenommen. Die Kinder ha-
meinschaft, die einen Bei- ben sich in Schule und Kindergarten mühe-
„Österreich verkauft trag zum Gemeindeleben los integriert. Mitra und ihr Mann haben im
leisten, und kann so zum Projekt FluEQUAL einen Deutschkurs im
sich gut. Hier bezahlen
Abbau gängiger Pauschal- Ausmaß von 200 Stunden besucht und mit
die Menschen Geld,
urteile gegenüber Asyl- Erfolg absolviert. Die erworbenen Sprach-
um mit einer Kutsche werberInnen beitragen. kenntnisse haben ihnen auch die Integration
zu fahren, in der Ukra- ins Dorfleben erleichtert.
ine ist das ein alltäg- Die Resonanz bei den
liches Arbeitsmittel.“ Gemeinden für diese Für Mitra hat sich nun auch im Rahmen
Form der Beschäftigung der gemeinnützigen Arbeit im Projekt Flu-
war nach anfänglichen Vorbehalten sehr EQUAL eine Möglichkeit eröffnet, die sie
groß: Insgesamt 14 Gemeinden haben im positiv in die Zukunft blicken lässt. Seit De-
Rahmen von FluEQUAL gemeinnützige zember 2006 arbeitet sie an zwei Vormit-
Beschäftigungsmöglichkeiten für Asylwerbe- tagen pro Woche im örtlichen Pfarrkinder-
rInnen angeboten, und 63 AsylwerberInnen garten mit. Sie liebt die Arbeit mit Kindern
haben mehr als 15.000 Arbeitsstunden ge- und es hat sich schnell gezeigt, dass auch sie
leistet. Im Rahmen des Projekts entstanden von den Kindern sehr rasch angenommen
persönliche Kontakte zwischen Asylwer- und akzeptiert wurde. Die Kinder kamen so
berInnen, GemeindemitarbeiterInnen und schon recht früh mit einem Menschen aus
Mitgliedern der Gemeinde, die auch über einem anderen, ihnen fremden Kulturkreis
die Projektlaufzeit hinaus bestehen blieben. in Berührung und nehmen so Asylwerbe-
Eine Gemeinde plante, einen Teilnehmer rInnen als ganz normale Mitglieder der Ge-
nach positivem Abschluss des Asylverfah- sellschaft war.
rens in ein normales Dienstverhältnis aufzu-
nehmen. Auch von den Kolleginnen wurde Mitra in-
nerhalb kurzer Zeit als vollwertige Mitarbei-
Das Beispiel Mitra M. terin angenommen und als Teammitglied
akzeptiert. Von der Kindergartenleitung
Mitra M. ist eine 32-jährige Frau aus einem wurde bereits beschlossen, dass ihre Mitar-
islamischen Land im Nahen Osten. Mitte beit auch nach Projektende fortgesetzt bzw.
2004 ist sie mit ihrem Ehemann und den ausgebaut werden soll. Zusätzlich absolviert
Kindern nach Österreich gekommen und Mitra eine Ausbildung zur Tagesmutter,
hat einen Asylantrag gestellt. Schon vor eine Ausbildung, die voll und ganz ihren
Jahren sind Mitra und ihr Mann vom Is- Vorstellungen entspricht und ihr, auch im
lam zum Christentum konvertiert. Bedingt ländlichen Raum, nach Asylgewährung re-
durch die Entwicklungen im Heimatland elle Jobchancen bietet.
fluEQUAL 45

Lernwerkstätten als
berufliche und kulturelle Orientierung
Gerhard Eggerth

I
m Projekt FluEUQAL wurden in den • Handwerkliche Kenntnisse
Regionen für die TeilnehmerInnen an • Bewerbungstraining
der gemeinnützigen Beschäftigung so • Haushaltsplanung
genannte „Lernwerkstätten“ angeboten • Selbsterfahrung
– das sind Lehrveranstaltungen, Work- • Interkulturelle Themenstellungen
shops und Qualifizierungsmaßnahmen für • Geschlechtsspezifische Themen
kleinere Gruppen von AsylwerberInnen. (z.B. Frauengesundheit)
Lernwerkstätten sind eine wesentliche und
sinnvolle Begleitmaßnahme und Ergänzung Vielzahl von
zur gemeinnützigen Beschäftigung. Die Synergieeffekten
Lernwerkstätten unterstützen die berufliche
Orientierung der AsylwerberInnen und er- Im Projekt FluEQUAL wurden für die Lern-
möglichen ihnen einen leichteren Einstieg in werkstätten nach Möglichkeit ReferentInnen
die gemeinnützige Beschäftigung im kom- aus dem Gemeindeumfeld gesucht, die auf
munalen Bereich. In Ergänzung zum kon- diese Art und Weise in (näheren) Kontakt
kreten Arbeiten in der Gemeinde erwerben mit den in ihrer Gemeinde wohnenden
AsylwerberInnen weitere Qualifikationen Flüchtlingen kamen. Indem das fachliche
und vertiefen die gewonnenen Erfahrungen. Know-how der AsylwerberInnen mit dem
Darüber hinaus unterstützen Lernwerkstät- fachlichen Know-how der Gemeindemitar-
ten die kulturelle Orientierung, indem sie beiterInnen aus den kom-
kulturspezifisches Wissen verfügbar machen munalen Dienstleistungen,
und kulturspezifische Berufsrollen themati- den sozialen Diensten, „Sag es mir, und ich
sieren. Zudem können auch interkulturelle aber auch aus dem lokalen werde es vergessen.
Themenstellungen selbst zum Thema ge- ehrenamtlichen Umfeld in Zeige es mir, und ich
macht werden. Form von Lernwerkstät- werde mich daran erin-
ten in Zusammenhang nern. Beteilige mich, und
Beispiele für Lernwerkstattinhalte gebracht wurde, ergaben ich werde es verstehen.“
im Überblick sich eine Vielzahl von Syn- Lao Tse
ergieeffekten. Dies stellt
• Allgemeine Themenbereiche auch einen Abbau von Vermittlungshemm-
(z. B. Gesundheitssystem, Erste Hilfe) nissen im regionalen Arbeitsmarktumfeld
• Fachsprachlicher bzw. berufsbezogener dar. Insgesamt wurden Lernwerkstätten an-
und anlassbezogener Spracherwerb geboten, die den AsylwerberInnen eine zu-
• EDV-Grundlagen sätzliche Qualifizierung in Zusammenhang
• Betriebswirtschaftliche mit den angebotenen Praktikumstätigkeiten
Grundlagenkenntnisse ermöglichten. Zudem orientieren sich die
• Rechtliche Kenntnisse (arbeitsrecht- Lernwerkstätten an den konkreten Arbeits-
liche Bestimmung sowie StVO) erfahrungen und -bereichen.
• Grundlagen verschiedener
Berufsbilder (z.B. Tourismus) Im Projekt FluEQUAL wurden Frauen be-
• Werkstätteneinrichtung, sonders ermutigt, an Qualifizierungsmaß-
Arbeitsplatzgestaltung nahmen teilzunehmen. Grundvoraussetzung
• Selbstorganisation und Berufsbilder dabei war die Bereitschaft der ReferentInnen
• Werkzeugkunde zum sensiblen Umgang mit den Herkunfts-
46 fluEQUAL

kulturen und den dieser Chancen auch über das Projekt hin-
jeweiligen Sozia- aus nachweisen können.
lisationsprozessen
der Frauen. Gene- BORG Mittersill & FluEQUAL:
rell muss sowohl Eine Erfolgsgeschichte …
bei der Auswahl
der Inhalte der ... wie Lernwerkstätten erfolgreich in Dia-
Ler nwerkstätten logprozesse eingebettet werden können,
wie auch in der Art damit AsylwerberInnen bei der kulturellen
der Durchführung Orientierung unterstützt werden und zu-
auf geschlechtsspe- gleich die Offenheit in der Gemeinde für
zifische Erforder- das Zusammenleben gefördert wird.
nisse Bedacht ge-
nommen werden. Verschiedene Klassen aus dem BORG
Mögliche Rollen- Mittersill besuchten die Ausstellung „Mein
konflikte bei den Österreich“, die im Rahmen der Dialogpro-
Asylwerberinnen zesse von FluEQUAL in Mittersill gezeigt
oder Irritationen in wurden und nahmen an Schulworkshops
deren Umfeld wurden gemeinsam mit den teil. Im Zuge dieser Ausstellungsbesuche und
betroffenen Asylwerberinnen bearbeitet und des Comenius Projekts „Totalitarismus“, das
zum Anlass genommen, kulturspezifische es seit einiger Zeit am BORG Mittersill gibt,
Rollenerwartungen mit hiesigen Rollenbil- entstand die Idee einer weiteren Zusam-
dern in Bezug zu bringen. menarbeit zwischen dem BORG Mittersill
und dem Projekt FluEQUAL.
Bei der Vermittlung der Inhalte der ver-
schiedenen Lernwerkstätten konnten durch- Lernwerkstatt Integration
wegs positive Erfahrungen gemacht wer- und kultureller Austausch
den. In Anbetracht der unterschiedlichen
Deutschkenntnisse der TeilnehmerInnen Unter dem Überbegriff „Integration“ wur-
musste die Wissensvermittlung in einfacher de beschlossen, in Form einer Lernwerkstatt
und klarer Sprache erfolgen. Es erwies sich mit dem Titel „Integration und kultureller
zudem als notwendig, die Lehrveranstaltun- Austausch“ am BORG Mittersill aktive Be-
gen zu blocken und nicht mehr als drei bis wusstseinsarbeit zu leisten. Durch integra-
vier Unterrichtseinheiten pro Block anzubie- tive Dialogprozesse in egalitären Gesprächs-
ten. Themenkomplexe, die auf zukünftige situationen sollte eine differenzierte Sicht
Situationen abgestimmt waren, forderten der unterschiedlichsten Lebenswelten/-rea-
das Abstrahierungsvermögen der Teilneh- litäten erreicht werden, die eine aktive Aus-
merInnen sehr stark, teilweise entstand der einandersetzung mit Vorurteilen, Feindbil-
Eindruck der Überforderung. dern und Stereotypen nach sich zieht.

Nicht mehr Im Vorfeld luden zwei Mitglieder des Lehr-


„verlorene Lebenszeit“ körpers die FluEQUAL Regionalmitar-
beiterin ein, das Projekt und die konkrete
Für alle besuchten Lernwerkstätten erhiel- Arbeit vor Ort (Berufsorientierung und ge-
ten die TeilnehmerInnen eine schriftliche meinnützige Beschäftigung, in besonderem
Bestätigung über Themen, Inhalte und Hinblick auf die Region Oberpinzgau) in
Teilnahmedauer. Wesentlich für das Em- den Klassen 7B und 8B vorzustellen. Zum
powerment der Zielgruppe ist, dass die Zeit Abschluss gab es die Möglichkeit Fragen zu
des Asylverfahrens für die TeilnehmerInnen stellen, welche von den SchülerInnen aus-
nicht mehr „verlorene Lebenszeit“ ist, son- reichend wahrgenommen wurde. Insbeson-
dern für die Zukunft genutzt werden kann, dere allgemeine Informationen bezüglich
und dass die TeilnehmerInnen das Ergreifen Asylrecht, Asylverfahren, der Leistungen
fluEQUAL 47

aus der Grundversorgung und bezüglich der


Lebensgeschichten der einzelnen Teilneh-
merInnen waren von großem Interesse, es
Rückmeldungen
bestand großer Informationsbedarf. von TeilnehmerInnen
In einem weiteren Schritt wurden neun Asyl- „Ich finde es verantwortungslos, dass
werberInnen (vier Frauen und fünf Männer)
der Staat jahrelang braucht, bis Asyl
aus dem Projekt FluEqual von den Schüler-
genehmigt wird! Die Menschen müs-
Innen beider Klassen zur Lernwerkstatt
sen einfach nur warten und können
in die Schule eingeladen. In Kleingruppen
nicht mal arbeiten.“ (7B)
„interviewten“ die SchülerInnen jeweils ein
bis zwei AsylwerberInnen. Ziel war es, einen „Ich finde es sehr wichtig, dass man
Begegnungsraum zu schaffen, indem ein über solche Themen informiert wird,
kultureller Austausch zwischen den Schüle- und dass es Menschen gibt, die sich für
rInnen und den AsylwerberInnen stattfinden MigrantInnen einsetzen.“ (8B)
konnte. Bei Tee und Keksen konnte eine an-
„Nach diesem Workshop habe ich
genehme Gesprächsatmosphäre geschaffen
mehr Verständnis für MigrantInnen
werden.
und kann mich besser in ihre Situati-
on hineinversetzen. Ich fände es gut,
Im Vordergrund stand die Bewusstmachung
sowohl der Differenzen als auch der Gemein- wenn man in Österreich noch mehr
samkeiten auf beiden Seiten. Eine Ausein- Verständnis für Verfolgte aufbringen
andersetzung mit der jeweiligen Fremd- und könnte.“ (7B)
Selbstwahrnehmung sowie ein gezielter Ab- „Nur wenige Menschen beschäftigen
bau von Vorurteilen und Begegnungsängs- sich mit diesem Thema und für mich
ten waren die Ziele des Workshops, die auch ist es ein Thema, das eigentlich die
erreicht werden konnten. SchülerInnen und ganze Welt betrifft und keiner sollte
AsylwerberInnen waren im Rahmen dieser wegschauen.“ (8B)
Lernwerkstatt selbständige AkteurInnen.
„Der Kontakt zu österreichischen Ju-
Am Ende des Workshops machten die gendlichen ist so spärlich; ich fand es
SchülerInnen für die AsylwerberInnen eine schön, Interesse zu sehen!“ (Pascha
Führung durch das Schulgebäude und ver- M., Georgien, seit 2003 Asylwerber in
abschiedeten sich mit einem Gruppenfoto. Österreich)
Im anschließenden Gespräch mit beiden „Ich fühlte mich sehr willkommen und
Seiten konnte festgestellt werden, dass so- unsere Interessen sind gar nicht so un-
wohl die SchülerInnen der 7B und 8B als terschiedlich.“ (Kristine H., Armenien,
auch die TeilnehmerInnen aus dem Projekt seit 2004 Asylwerberin in Österreich)
FluEQUAL begeistert von diesem gemein-
samen Nachmittag waren. „Die Schule, die LehrerInnen und die
SchülerInnen sind großartig. Ich finde
Diese Lernwerkstatt ist ein hervorragendes es schade, dass wir hier nicht zur Schu-
Beispiel dafür, wie aktive Integrationsarbeit le gehen und vieles lernen können.“
durch gemeinsame und übergreifende Pro- (Georgy P., Russische Föderation, seit
jekte gestützt, gefördert und geleistet werden 2004 Asylwerber in Österreich)
kann.
48 fluEQUAL

Beratung und Coaching als Ergänzung


zur gemeinnützigen Beschäftigung
Gerhard Eggerth

F
ür die ProjektteilnehmerInnen, die Coaching nicht von allen TeilnehmerInnen
in Gemeinden in gemeinnütziger unmittelbar als sinnvoll und zielführend er-
Beschäftigung standen, wurde beglei- achtet. Bei der Gestaltung des Coachings
tend ein berufsbezogenes Coaching ange- wurde auf eine geschlechtergerechte Form
boten. Dieses hatte das Ziel, mit Hilfe einer geachtet und Asylwerberinnen wurden von
Kompetenzbilanz ein Portfolio zu erstellen, weiblichen Coaches mit Genderkompetenz
einen persönlichen Leitfaden für die weitere begleitet. Wichtig ist in diesem Bereich die
berufliche Perspektive, auf den im Fall der Rücksichtnahme auf kulturell unterschied-
Asylanerkennung (so- liche Hintergründe.
„Typisch für Österreich ist mit der wesentlichen
schwarz arbeiten, schwarz rechtlichen Vorausset- Um sinnvoll auf die individuellen Vor-
zung für einen Arbeits- aussetzungen eingehen zu können, ist ein
fahren, schwarz sehen und
marktzugang) aufge- Einzelcoaching einem Gruppencoaching
schwarz malen. Ich bin
baut werden kann. In vorzuziehen. Als Begleitung der gemeinnüt-
schwarz, also bin ich ein der Kompetenzbilanz zigen Beschäftigung hat es sich bewährt, alle
typischer Österreicher?!“ werden formale und in- zwei bis drei Wochen eine Coaching-Einheit
formelle Erfahrungen anzubieten. Beim Ausstieg aus der gemein-
und Kompetenzen einer Person erarbeitet nützigen kommunalen Beschäftigung und
und persönliche, berufsrelevante Fähigkeiten der Beendigung des Coaching erhielten die
und Qualifikationen bilanziert. Das Portfolio TeilnehmerInnen ein „Dienstzeugnis“ als
umfasst vorhandene Qualifikationen, mög- beschreibende Teilnahmebestätigung sowie
liche Arbeitsbereiche und Vorschläge für zu die Kompetenzbilanz und das persönliche
erwerbende Qualifikationen. Portfolio zur Nutzung für die weitere beruf-
liche Integration.
Motivationstrainings unter professioneller
Anleitung boten den AsylwerberInnen die Motivation und
Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Selbstmanagement
persönlicher Arbeitsmotivation und regio-
naler Arbeitsmarktkultur. Die Asylwerber- Für AsylwerberInnen, die in gemeinnütziger
Innen erhielten Informationen über ihre Beschäftigung stehen, stellt ein begleitendes
Möglichkeiten am österreichischen Arbeits- individuell abgestimmtes Coaching eine
markt und ein Feedback über ihre Fähig- sinnvolle Begleitung und Unterstützung dar.
keiten und noch zu entwickelnde Potenziale. Sie erhalten dadurch Unterstützung in den
Dadurch wurden das Selbstbild erweitert Bereichen Motivation und Selbstmanage-
und eine realistischere Einschätzung ihrer ment, können gemeinsam mit den Coaches
beruflichen Perspektiven in Österreich ge- eine Bilanz ihrer bisherigen beruflichen
fördert. Erfahrungen und Kenntnisse erstellen und
ihre Erwartungen an den österreichischen
Schwierigkeiten im Coachingprozess ent- Arbeitsmarkt überprüfen. Für den Fall eines
standen dadurch, dass sich die Projektteil- Übertritts in den regulären Arbeitsmarkt
nehmerInnen auf eine zukünftige Situa- können sie auf eine Kompetenzbilanz und
tion (nämlich einen positiven Asylbescheid ein Portfolio zurückgreifen, die vorhandene
und den Zugang zum Arbeitsmarkt), deren Qualifikationen, mögliche Arbeitsbereiche,
zeitliches Eintreten nicht abschätzbar ist, und Vorschläge für zu erwerbende Qualifi-
nicht einstellen konnten. Daher wurde das kationen beinhalten. Auch unterstützende
fluEQUAL 49

Behörden und Organisationen (AMS, Sozial- • Umgang mit Konfliktsituationen


amt, Integrationsprojekte usw.) können auf in Arbeit, Beruf und Schule
Kompetenzbilanz und Portfolio aufbauen. • Erarbeitung von Lern- und Lebenszielen
• Ermutigung zur beruflichen Integration
Mögliche Coachinginhalte (Überblick) • Heranführung an die
österreichische Kultur
• Kernkompetenzen im Beruf • Thematisierung kulturell unter-
(vorhandene Fähigkeiten, schiedlicher Grundwerte
Qualifikationen, Ausbildungen)
• Vorschläge möglicher Berufsfelder Materialien
• Vorschläge zur Kernkompetenzver-
besserung (Weiterbildung, • Kompetenzbilanz
Zusatzausbildung, Anerkennung • Portfolio
vorhandener Ausbildungen)
• Beschäftigungsmöglichkeiten am Vorlagen für eine solche Kompetenzbilanz
österreichischen Arbeitsmarkt und ein persönliches Portfolio wurden im
• Schul- und Ausbildungsmög- Rahmen von FluEQUAL erarbeitet und er-
lichkeiten in Österreich probt und sind auf der Homepage des Pro-
• Rahmenbedingungen von jekts (www.fluequal.at) als Download verfüg-
Berufstätigkeit in Österreich bar.
50 fluEQUAL

Coaching-Erfahrungen

Herr P., Staatsbürger eines osteuro- bewahrt eine positive Einstellung.


päischen Landes, hat Ende 2004 in Er beschreibt sich selbst als beschei-
Österreich um Asyl angesucht. Sein den und ist zufrieden mit dem, was
Antrag befindet sich derzeit im Be- er hier zur Verfügung hat. Nach der
rufungsverfahren. Zu Beginn des Auseinandersetzung mit dem Thema
Projektes absolvierte Herr P. einen „österreichische Kultur und Lebens-
intensiven Deutschsprachkurs, den gewohnheiten“ zeigt sich Herr P. äu-
er mit sehr gutem Erfolg abschloss. ßerst interessiert an einem Austausch
Anschließend bekam er die Chance, über kulturelle Unterschiede und Le-
im Rahmen von gemeinnütziger Be- bensgewohnheiten. Mittlerweile hat
schäftigung erste Arbeitserfahrungen er sich einen großen Freundes- und
in Österreich zu machen. Parallel Bekanntenkreis geschaffen.
dazu hatte er die Möglichkeit, indivi-
duell auf seine Situation abgestimmte Im Laufe des Coachingprozesses und
Coachingeinheiten zu erhalten. durch die Erarbeitung von Kompe-
tenzanalyse und Portfolio wurde das
Herr P. kam anfangs eher mit Vor- vielfältige berufliche Einsatzpotential
behalten ins Coaching. Er wirkte für Herrn P. in Österreich deutlich
freundlich, zeigte sich motiviert, war und ihm selbst bewusst. Während
aber im Gespräch wenig auskunfts- seines Einsatzes in der gemeinnüt-
freudig. Seine Deutschkenntnisse zigen Beschäftigung zeigte sich, dass
waren relativ gut, er übernahm im in Österreich Nachfrage nach seinen
Gruppencoaching immer öfter die Qualifikationen besteht. Die ent-
Rolle des Dolmetschers. Nach eini- sprechenden Berufsfelder wurden
gen Coachingeinheiten zeigte er sich aufbauend auf den Ergebnissen der
offener, wodurch im Einzelcoaching Kompetenzbilanz im Coaching her-
maßgebliche Erfolge erzielt wurden. ausgearbeitet.
Sein breit gefächertes handwerk-
Zurzeit arbeitet Herr P. äußerst enga- liches Wissen sowie seine sprachliche
giert am Bauhof seiner Wohnsitzge- Kompetenz sind eine gute Grundlage
meinde, betreibt Sport, versucht sich für eine Integration in den österrei-
EDV-Kenntnisse anzueignen und chischen Arbeitsmarkt.
fluEQUAL 51

Kapitel V: Ganzheitliche Integration

• Ausgangsbedingungen
in den Gemeinden
Ganzheitliche
• Dialogprozesse
Integration • Integration von
Asylwerberinnen
52 fluEQUAL

Kapitelvorschau

Ganzheitliche Integration
Ganzheitliche Integration benötigt viele Säulen. Dazu gehören die sprachliche
und (zumindest im Idealfall) die berufliche Integration, wesentlich ist jedoch
auch die soziale und gesellschaftliche Integration. Offensichtlich ist, dass sich
diese Aspekte gegenseitig beeinflussen und ihnen je nach den konkreten Leben-
sumständen der Asyl suchenden Frauen, Männer, Kinder und Jugendlichen ein
unterschiedliches Gewicht zukommt. Integrationsprozesse verlaufen individuell
verschieden und Individuen sind auf verschiedene Weise und in unterschied-
lichem Ausmaß in solche Prozesse eingebunden. Für alle aber gilt, dass die Mög-
lichkeit zu umfassender gesellschaftlicher Teilhabe an ganzheitliche Integration
gebunden ist.

FluEQUAL geht von einem ganzheitlichen Integrationsverständnis aus. Daher


gehörten zu den Projektaktivitäten nicht nur Maßnahmen zur Förderung der
Arbeitsmarktintegration von Asylsuchenden, sondern auch deren bewusste Ein-
bettung in Aktivitäten zur Förderung der gesellschaftlichen Integration. In Puch,
in Mittersill und im Lungau fanden Dialogprozesse rund um das Thema Mig-
ration und interkulturelle Begegnung statt. Dabei ging es um Information und
Sensibilisierung, Impulse und Diskussionsanstöße, um die Schaffung von Begeg-
nungsräumen und um gemeinsame Veranstaltungen. Ganzheitliche Integration
zu unterstützen bedeutet auch, auf die unterschiedlichen Lebensumstände und
Bedürfnisse von Frauen und Männern einzugehen und Chancengleichheit in Be-
zug auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern; daher ist sie gezielt
aus der Perspektive der Asyl suchenden Frauen zu betrachten.

Im ersten Beitrag des folgenden Kapitels werden die Ausgangsbedingungen in


Gemeinden beschreiben, um integrationsförderliche Bedingungen und Ansatz-
punkte für integrationsförderliche Strukturen aufzuzeigen. Im zweiten Beitrag
wird auf die Dialogprozesse eingegangen, die im Rahmen von FluEQUAL in
Puch, Mittersill und im Lungau stattfanden. Im dritten Beitrag wird die Situation
der Asylwerberinnen beschreiben und der Frage nachgegangen, wie die ganz-
heitliche Integration der Frauen unterstützt werden kann.
fluEQUAL 53

Die unterschiedlichen
Ausgangsbedingungen in Gemeinden

Ursula Liebing, Angelika Reichl

D
ie Ansiedlung eines Quartiers für schäftigung. Sie wird im Lungau beispielwei-
eine größere Anzahl von Asylwerbe- se als Konkurrenz für den „einheimischen“
rInnen wird in ländlichen Gemein- Niedriglohnbereich wahrgenommen. Wo
den erfahrungsgemäß eher mit gemischten dagegen ausreichend Arbeitsplätze vorhan-
Gefühlen aufgenommen. Die Ankunft von den sind bzw. zusätzliche Arbeitskräfte be-
Fremden löst die unterschiedlichsten Ängste nötigt werden, können Asylsuchende auch
und Befürchtungen aus, und das oft fremd- als Potential wahrgenommen werden, wie
artige Verhalten wie auch die sichtbare Ar- das Beispiel Oberpinzgau zeigt.
mut derer, die in den Flüchtlingsquartieren
wohnen, verunsichern zusätzlich. Die Ge- Soziale Rahmenbedingungen:
meinden, in denen die Dialogprozesse von Netzwerke
FluEQUAL stattfanden, bilden hier keine
Ausnahme. Aus Sicht der Asylsuchenden sind ein wich-
tiger „Standortfaktor“ vor allem Verwandt-
Bei weitem nicht alles, was das Zusammen- schaftsnetzwerke, Netzwerke von Zuwande-
leben in Gemeinden mit Flüchtlingsquar- rern gleicher Herkunft, von Menschen mit
tieren beeinflusst, hat mit der kulturellen ähnlichen biographischen Erfahrungen. Der
Verschiedenheit der beteiligten Personen zu Kontakt zu Verwandtschafts- und Freundes-
tun, oder damit, dass es sich bei den Zugezo- kreisen, aber auch der Zugang zu Glaubens-
genen um Asylsuchende handelt. Vergleicht gemeinschaften stellt gerade für Menschen
man die unterschiedlichen Standorte und in Krisensituationen eine bedeutsame psy-
die Quartiere in der Projektregion, so wird chische Unterstützung dar – zusätzlich oft
ein komplexes Bündel von Einflüssen und auch eine nicht unwesentliche Stütze in ma-
Einflussmöglichkeiten deutlich, die Integra- terieller Hinsicht. Solche Netzwerke bereits
tionsprozesse behindern oder fördern kön- etablierter MigrantInnen können außerdem
nen. eine wichtige Brückenfunktion in die Auf-
nahmegesellschaft übernehmen, indem sie
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen Wissen, Orientierung und Kontakte vermit-
der Gemeinde teln. Sie finden sich erwartungsgemäß eher
in größeren bzw. stadtnahen Gemeinden,
Die wirtschaftlichen und strukturellen Rah- aber auch dort, wo es vor Ort eine längere
menbedingungen der jeweiligen Region bzw. Migrationstradition gibt.
Gemeinde haben spürbare Auswirkungen
darauf, wie Einheimische in ihrer Nachbar- Die Nachwirkungen
schaft wohnende Flüchtlinge wahrnehmen. der Informationspolitik
In strukturschwachen Gebieten, in denen
sich viele Einheimische zur Abwanderung Die Informationspolitik bei der Gründung
und zum Auspendeln gezwungen sehen, und Neuerrichtung eines Quartiers spielt
werden AsylwerberInnen als zusätzliche eine wesentliche Rolle für das integrative
KonkurrentInnen um knappe Arbeitsplätze Geschehen besonders in ländlichen Ge-
und knappe Ressourcen vor Ort wahrge- meinden. Umfassende, transparente und
nommen: ein offensichtliches Konfliktpo- glaubwürdige Informationspolitik in der An-
tential in Bezug auf reguläre Arbeitsplätze, fangssituation schafft eine gute Ausgangslage
aber ebenso in Bezug auf gemeinnützige Be- und trägt zur Akzeptanz eines Quartiers bei,
54 fluEQUAL

missglückte Informationspolitik dagegen quartier ist ein idealer Ausgangspunkt dafür,


verstärkt eine anfängliche ablehnende Hal- Integration in einer ländlichen Gemein-
tung und ein negatives Image von Flücht- de zu fördern. Rund um den Betrieb eines
lingsquartieren. Negative Bilder halten sich Flüchtlingshauses bieten sich verschiedene
über lange Zeiträume und beeinflussen die Möglichkeiten für sozialpädagogisch orien-
Haltung gegenüber den Quartierbewohner- tierte Angebote und Maßnahmen, die sich
Innen. In Ramingstein zum Beispiel wurde unmittelbar auf die Befindlichkeit und die
auch zwei Jahre nach der Gründung des psychischen Ressourcen der Asylsuchenden
Quartiers die Ankunft der ersten Flüchtlinge auswirken und deren eigene Integrations-
als „Nacht- und Nebelaktion“ bezeichnet, leistungen fördern und unterstützen. Zu-
von der „man“ erst im Nachhinein erfahren dem lassen sich Weichen stellen für die In-
habe, und auch die laufenden BewohnerIn- teraktion im Ort und Kommunikations- und
nenwechsel im dortigen Quartier finden aus Unterstützungsstrukturen verankern. Ganz-
Sicht mancher Ortsansässiger „bei Nacht heitliche Integration beginnt im Quartier.
und Nebel“ statt.

Der Status der Quartierbetreiber-


Innen: karitativ oder gewerblich Standort Puch
Ein wichtiger Faktor dafür, wie ein Quar-
tier und damit auch seine BewohnerInnen Die Gemeinde Puch liegt in einem
in einer Gemeinde angesehen sind, ist der florierenden Wirtschaftsraum, im
Status der QuartierbetreiberInnen im Ge- unmittelbaren Einzugsbereich von
meindeumfeld und deren wahrgenommene Salzburg. Die Arbeitslosigkeit ist ge-
Motive. Hier liegt ein großes Problem ge- ring, Puch ist eher Zuzugs- als Ab-
werblicher Flüchtlingsquartiere: Werden wanderungsgebiet. Der ländliche
Flüchtlingsquartiere von privaten Gewerbe- Charakter hat sich verändert, es gibt
treibenden betrieben, entsteht im Gemein- eine Fachhochschule und verschie-
deumfeld leicht die Wahrnehmung, dass dene Gewerbebetriebe. Viele Ein-
sich ein/e Einzelne/r „auf Kosten“ der an- wohner pendeln nach Salzburg. Die
deren MitbürgerInnen wirtschaftlich besser Verkehrsanbindung nach Salzburg
stellt oder bereichert. Gefördert wird diese ist gut, wenngleich die Fahrtkosten
Wahrnehmung, wenn Flüchtlingsquartiere für die finanziellen Möglichkeiten
in Häusern betrieben werden, die augen- von AsylwerberInnen hoch sind. Der
scheinlich andernfalls keine wirtschaftliche Anteil der Menschen nicht-österrei-
Auslastung hätten oder sogar vom Konkurs chischer Herkunft an der Gesamtbe-
bedroht würden. Eine solche Wahrneh- völkerung in der Region ist hoch, im
mung führt leicht auch zu einer Voreinge- zehn Kilometer entfernten Salzburg
nommenheit den Asylsuchenden gegenüber. liegt er bei über 25 Prozent. Fremde
Karitativen Organisationen, die ein Flücht- und fremdländisch aussehende Men-
lingsquartier betreiben, werden dagegen in schen gehören zum Ortsbild. Die
der Regel keine eigennützigen Motive un- allgemeine Akzeptanz des Quartiers,
terstellt, da sie eine „institutionelle“ Recht- betrieben von der Caritas, scheint
fertigung, ja sogar eine Verpflichtung zur relativ gut. Die Bevölkerung wurde
Unterstützung haben. von Beginn an in mehreren Infor-
mationsveranstaltungen einbezo-
Das Flüchtlingsquartier gen. Anfängliche Befürchtungen
als Basis für Integration und Ängste von EinwohnerInnen in
Hinblick auf steigende Kriminalität
Erfolgreiche Integration erfordert Öffnung haben sich nach Auskunft der Poli-
und Lernprozesse der Neuankömmlinge zeidienststellen nicht bewahrheitet.
und der Alteingesessenen. Ein Flüchtlings-
fluEQUAL 55

Angebote zur cen für eine solche Orientierung. In Mitter-


Tagesstrukturierung sill wurde daher im Rahmen eines runden
Tisches die Möglichkeit angedacht, länger
Die langdauernde Situation der erzwun- ansässige, etablierte AsylwerberInnnen mit
genen Untätigkeit und des Wartens auf den guten Sprachkenntnissen als Multiplikator-
Fortgang des Asylverfahrens stellt eine im- Innen einzusetzen, die den Neuankömmlin-
mense Belastung für die AsylwerberInnen gen im Quartier ein Grundwissen über das
dar. Daher sind Angebote zur Tagesstruktu- Gemeindeumfeld vermitteln.
rierung besonders wichtig. In Puch können
Asylsuchende Journaldienste zur Mithilfe im Auseinandersetzung mit
Haus übernehmen. Zudem gibt es diverse „westlichen“ Werten
ehrenamtliche Angebote, die sich positiv auf
die Integration auswirken – Deutschkurse, Auch die kulturelle Orientierung und die
Nähwerkstätten, oder Fahrradwerkstätten: Auseinandersetzung mit „typisch österrei-
In Puch verfügt mittlerweile jede Asylwerber- chischen“ bzw. „westlichen“ Werten beginnt
In über ein eigenes Fahrrad. im Quartier und kann hier bewusst unter-
stützt werden, zum Beispiel im Rahmen der
Selbstversorgung Hausordnung, bei der
mit Essen Übernahme von Diens-
ten oder bei der gemein-
Die Möglichkeit, täglich in einer gemein- schaftlichen Nutzung von
samen Küche im Haus eine Mahlzeit selbst Infrastruktur und Räu-
zu kochen, wird von allen AsylwerberInnen men. Hier geht es, um
als sehr wichtig erachtet. In den Quartie- nur einige Beispiele zu
ren ist diese Möglichkeit jedoch nicht oder nennen, um kulturspezi-
zumindest offiziell nicht vorgesehen. Puch fische Werte und Verhal-
bildet da eine Ausnahme. Die Asylsuchen- tensnormen wie Pünkt-
den können sich so ein Essen nach eigenen lichkeit, Sauberkeit und
Bedürfnissen zubereiten und zumindest in Ordnung, um Mülltren-
einem kleinen, aber doch zentralen Lebens- nung oder Umgang mit
bereich eine gewisse Selbstbestimmung auf- Energie, und nicht zuletzt um den kulturell
rechterhalten. Die verheirateten Frauen, zu geprägten Umgang mit Erwachsenen, mit
deren klassischen Verantwortungsbereich Personen anderen Geschlechts oder mit
meist das Kochen gehört, finden hier eine Kindern. Flüchtlingsquartiere beherbergen
Betätigungsmöglichkeit. Die Auswirkungen Menschen aus einer Vielzahl von Ländern
auf das eigene Wohlbefinden sind durchgän- und Kulturen auf engem Raum: Das ist eine
gig positiv. Wer für sich selbst kochen kann, große Herausforderung für das Zusammen-
muss auch vor Ort einkaufen. Und wer selbst leben wie auch eine Gelegenheit, Toleranz
kocht, kann auch zu gemeinsamen Festen, für unterschiedliche Religionen und Kul-
zu Schulveranstaltungen etc. einen eigenen turen als „westlichen bzw. österreichischen“
Beitrag leisten. Wert vorzuleben.

Orientierung im Koordination
Gemeindeumfeld ehrenamtlicher Tätigkeit

Die erste Orientierung im Gemeindeum- In Puch fungiert das Quartier auch als An-
feld legt einen wichtigen Grundstein für das laufstelle für ehrenamtliches Engagement
weitere Zusammenleben. In den Quartieren – bereits bei der Quartiersgründung wur-
gibt es immer wieder einen Wechsel, und den Listen mit Spendenbedarf sowie Kon-
somit immer wieder Neuankömmlinge mit taktlisten für potentielle UnterstützerInnen
Orientierungsbedarf. Allerdings haben die für Behördengänge, Arztbesuche oder Ein-
QuartiersgeberInnen häufig keine Ressour- kaufsfahrten angelegt. Manche ehrenamt-
56 fluEQUAL

liche Angebote finden im Haus statt: eine und seinen AnrainerInnen zu fördern, wur-
Fahrradwerkstatt, eine Nähwerkstatt, ein de in Puch noch vor der Quartiersgründung
Sprachkurs. Die Essensausgabe am Wo- ein sog. Anrainerbeirat eingerichtet (siehe
chenende wird von ehrenamtlich Tätigen Kasten). Er stellt einen regelmäßigen In-
aus dem kirchlichen Umfeld übernommen. formationsaustausch zwischen Gemeinde,
Kirchenkreise laden gelegentlich Asylsu- Quartiersbetreibern, AnrainerInnen und
chende zu Kaffeerunden oder Ausflügen Pfarre sicher.
ein. Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten eröff-
nen zugleich Begegnungsmöglichkeiten zwi-
schen Einheimischen und Flüchtlingen, eine Anrainerbeirat in Puch
Grundvoraussetzung für Integration.

Professionelles Betreuungsangebot Der Anrainerbeirat in Puch trifft


im Quartier sich in ca. sechswöchigen Abstän-
den. An den Treffen nehmen die
Im Pucher Quartier ist eine professionelle unmittelbaren AnrainerInnen des
Ansprechperson täglich zu festen Büro- Quartiers teil, eine Vertreterin der
zeiten verfügbar. Mehrere hauptamtliche Quartiersbetreiberin Caritas, der
Beschäftigte wechseln sich ab. Dies ermög- Bürgermeister sowie eine Vertreterin
licht allen BewohnerInnen des Hauses, ihre der Pfarre Puch. Im Anrainerbeirat
„persönliche“ Ansprechperson zu finden werden Informationen über aktu-
und schützt zugleich die ein- elle Entwicklungen im Haus ausge-
zelnen MitarbeiterInnen vor tauscht, etwaige Kritikpunkte der
„Wenn es keine AnrainerInnen diskutiert und ggfs.
Überforderung durch zu hohe,
guten Menschen auf sie selbst gerichtete Erwar- Probleme besprochen. Gemeinsam
gäbe auf dieser tungen. Die Nachtdienste – in werden Ansatzpunkte für Lösungen
Welt, würde die jedem Quartier muss abends gesucht. Die Caritas als Betreiberin
Sonne nicht auf- die Anwesenheit erhoben und des Quartiers setzt dann die ver-
gehen!“ nachts eine Ansprechperson einbarten Maßnahmen um. Der
anwesend sein – werden von Anrainerbeirat wurde im allseitigen
geringfügig Beschäftigten übernommen. Einverständnis eingerichtet, erstes
Regelmäßige Teambesprechungen ermögli- Ergebnis unmittelbar nach Einrich-
chen einen Austausch aller Mitarbeitenden tung des Anrainerbeirats war eine
und sorgen für einen guten Informations- Reduzierung der geplanten Bewoh-
fluss. Hauptamtliche stehen den Ehrenamt- nerInnenzahlen.
lichen für alle Fälle mit einem Telefonberei-
tschaftsdienst zur Seite. Die professionelle
und dichte Betreuung beugt Konflikten im Integrationsfördernde Quartiers-
Haus vor. Das relativ konfliktfreie Klima im betreuung braucht Ressourcen
Haus bereitet wiederum einen guten Boden
für das Zusammenleben im Ort. Derzeit ist in allen Quartieren im Salzburger
Land bis auf Puch und der Stadt Salzburg
Regelmäßige Kommunikation: die Sozialbetreuung vom Quartiersbetrieb
Der Anrainerbeirat getrennt. Die Grundversorgung der Caritas
kommt dreimal im Monat, selten häufiger, in
AnrainerInnen eines geplanten Quartiers ein Quartier – diese Zeit reicht kaum für all-
äußern häufig zunächst Bedenken, beispiel- fällige administrative Aufgaben und laufen-
weise befürchten sie steigende Kriminalität de Anliegen der Asylsuchenden. Infolgedes-
oder die Abwertung ihres Besitzes aufgrund sen fungieren die QuartiersbetreiberInnen
eines „Ghetto-Effekts“. Um solchen Be- zwangsläufig als AnsprechpartnerInnen und
fürchtungen Rechnung zu tragen und die werden so auch mit Anliegen konfrontiert,
Kommunikation zwischen dem Quartier für die sie keine klare Zuständigkeit und
fluEQUAL 57

kaum Ressourcen haben. Ein gewinnorien- einträchtigungen durch Traumata und psy-
tierter Betrieb eines Flüchtlingsquartiers, chische Belastungen ebenso wie die Belas-
in der Regel mit Vollversorgung, d.h. Früh- tung durch die komplexe Gruppensituation.
stück, Mittagessen und Abendessen, scheint Das beschriebene „Mehr“ an integrations-
angesichts der knappen Tagsätze, die dem/r fördernder Quartiersbetreiber-Leistung setzt
Betreiber/in zur Verfügung stehen, mit ei- entsprechendes Interesse, Kompetenzen
ner angemessenen Berücksichtigung der oder Unterstützung sowie ausreichende Res-
besonderen Situation von AsylwerberInnen sourcen voraus, nur dann kann dieses Poten-
schwer vereinbar zu sein: individuelle Be- tial auch systematisch genutzt werden.

Dialogprozesse zur Förderung von Integration

Ursula Liebing, Angelika Reichl

D
ie Dialogprozesse im Rahmen von Katholischen Aktion Salzburg. Die Ausstel-
FluEQUAL haben sich zum Ziel lung, die aus Anlass des 50jährigen Beste-
gesetzt, begleitend zur gemeinnüt- hens der Republik Österreich entstanden
zigen Arbeit das interkulturelle Zusam- war, stellt MigrantInnen in den Mittelpunkt.
menleben in den betreffenden Regionen zu Sie zeigt in sozialfotographischen Porträts
unterstützen. Die bewusste Einbettung der MigrantInnen unterschiedlicher Herkunft
Aktivitäten zur beruflichen Integration in und unterschiedlicher sozialer Schichten.
Prozesse der gesellschaftlichen Integration Den Porträts stehen Collagen gegenüber, die
zielt auf die nachhaltige Förderung einer das Österreich-Bild der Porträtierten in Ver-
ganzheitlichen Integration. Die Dialogpro- bindung mit markanten Aussagen über Ös-
zesse hatten verschiedene Ansatzpunkte: Es terreich wiedergeben. Die in diesem Projekt-
ging es um die Förderung des Dialogs über Manual verwendeten Fotografien, Collagen
Themen des Zusammenlebens und um die und Zitate entstammen überwiegend dieser
Förderung der Begegnung und des Dialogs Ausstellung.
von Einheimischen mit Asylsuchenden. Die
Dialogprozesse fanden in Puch, Mittersill Die Ausstellung wurde im Gemeindezen-
und im Lungau statt. trum in Puch, im Caritas Tageszentrum
Flüchtlinge unterscheiden sich in Hinblick in Mittersill und im Schloss Kuenburg in
auf ihren Status in Österreich nach Asylan- Tamsweg jeweils mehre-
erkennung nicht mehr von anderen Migran- re Wochen lang gezeigt.
„Ob Inländer
tInnen. Die Dialogprozesse umfassten daher Vorbereitend wurden
das Themenspektrum Integration und Zu- Gespräche mit Personen oder Ausländer
sammenleben mit allen Menschen nicht- geführt, die im Rahmen – wir sind zuerst
österreichischer Herkunft. ihrer beruflichen oder eh- Mitbewohner,
renamtlichen Tätigkeiten Bürger der Stadt
Die Ausstellung „Mein Österreich“ mit Asylsuchenden in Salzburg.“
als Ausgangspunkt Kontakt kommen. Diese
Gespräche ermöglichten einen Einblick in
Zentraler Ausgangspunkt für die Dialogpro- die Situation vor Ort und dienten zugleich
zesse war die Ausstellung „Mein Österreich“ dazu, umfassender über die Lebensumstän-
der Plattform für Menschenrechte und der de von AsylwerberInnen zu informieren
58 fluEQUAL

und das Verständnis für ihre Situation zu gezielt abgebaut werden. Bemerkenswerte
fördern. Begleitend zur Ausstellung fanden Ergebnisse erbrachte eine innerschulische
dann in Zusammenarbeit mit örtlichen An- Befragung am BORG zum Thema Vorur-
sprechpartnerInnen thematische Veranstal- teile: In den Klassen, die sich mit Menschen-
tungen statt. Diese Angebote richteten sich rechten, Migration und AusländerInnen
an unterschiedliche Zielgruppen, wie an den beschäftigt hatten, wurden deutlich weniger
folgenden Beispielen deutlich wird. Vorurteile geäußert als in jenen Klassen, die
nicht an einem Projekt zu dem Thema teil-
Interkulturelles Lernen genommen hatten. Hier zeigt sich deutlich,
in Schulen dass schulische Projekte spürbar zur Verbes-
serung des Zusammenlebens beitragen. Die
Vor allem in Mittersill und Tamsweg gab Ergebnisse dieser Schulprojekte wurden am
es ein großes Interesse von Schulen an den Tag der Menschenrechte anlässlich der Fi-
angebotenen Begleitworkshops zur Ausstel- nissage einem großen Publikum vorgestellt.
lung. Diese Workshops, die in Zusammenar-
beit mit der Plattform für Menschenrechte Interkulturelle Feste
angeboten wurden, sollten Kinder und Ju- als Begegnungsräume
gendliche für das Thema Migration sen-
sibilisieren und eine Auseinandersetzung In Puch fand zur Eröffnung der Ausstellung
mit den eigenen Wurzeln und dem eigenen ein interkulturelles Fest statt, wo Informatio-
Österreichbild anregen. nen über das Quartier in Puch, über die
gemeinnützige Beschäftigung und über
Am BORG Mittersill wurde auf vielfältige die Hintergründe der Ausstellung „Mein
Art und Weise thematisch weitergearbeitet. Österreich“ präsentiert wurden. Dazu gab es
Mehrere Klassen hatten zunächst an Be- Musik- und Tanzbeiträge aus verschiedenen
gleitworkshops zur Ausstellung teilgenom- Kulturen und ein internationales Buffet, das
men. Darauf folgten Informationsveranstal- Frauen aus dem Flüchtlingshaus vorbereitet
tungen zu Menschenrechten und Schüler hatten.
und Schülerinnen haben sich im Rahmen
des Unterrichts syste- Auch in Mittersill fand ein interkulturelles
matisch mit verbreiteten Fest statt, nämlich zum Abschluss der Aus-
„Bis dich ein Öster-
Vorurteilen gegenüber stellung am Tag der Menschenrechte. So
reicher nach Hause ein- AsylwerberInnen ausein- konnten die Ergebnisse und Erfahrungen
lädt, kannst du warten, andergesetzt: Sie trugen der Dialogprozesse in das Fest mit einflie-
bis du schwarz wirst. An- zehn gängige Stereotypen ßen. Jugendliche aus dem Jugendzentrum
derseits ist man in seiner bezüglich Asylwerber- zeigten bosnische Kreistänze, SchülerInnen
Privatsphäre ungestört.“ Innen zusammen und aus dem BORG Mittersill präsentierten Er-
recherchierten Sachinfor- fahrungen und Ergebnisse aus ihren Pro-
mationen und Fakten dazu. Neun der zehn jekten, die Muslimische Jugend Österreichs
Vorurteile wurden durch die Sachinformatio- (MJÖ) stellte ihre integrative Jugendarbeit
nen wiederlegt. Die Ergebnisse wurden in vor. Zum Abschluss wurde eine interreli-
einer kleinen Broschüre zusammengefasst. giöse Andacht gefeiert, gemeinsam mit ka-
tholischen, evangelischen und muslimischen
In der 7. und 8. Klasse fand die Weiterar- Glaubensvertretern.
beit in Form des Projekts „Integration und
kultureller Austausch“ statt: Asylsuchende Im Lungau hatten bereits im Vorfeld der
trafen im Rahmen einer Lernwerkstatt mit Dialogprozesse interkulturelle Begegnungen
SchülerInnen des BORG zusammen (siehe stattgefunden: ein Kulturfest unmittelbar
Seite 46). Durch die Gespräche kam es zu ei- nach der Quartiersgründung in Raming-
ner intensiven Auseinandersetzung mit der stein, ein georgischer Abend in St. Micha-
jeweiligen Fremd- und Selbstwahrnehmung; el, eine Patchwork-Ausstellung usw. Zudem
Vorurteile und Begegnungsängste konnten arbeiteten zum Zeitpunkt der Ausstellung
fluEQUAL 59

bereits seit einem Jahr AsylwerberInnen im zwangsläufig zueinander im Widerspruch


Rahmen der gemeinnützigen Beschäftigung, stehen; sie warb für eine differenzierte
was sichtlich positive Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Islam, die zwischen ge-
gesellschaftliche Integration hatte. sellschaftlicher Tradition und Religion un-
terscheidet.
Arbeit mit Jugendlichen:
Jugend ohne Zukunft? In Mittersill leben fast 20 Prozent Muslime
– überwiegend türkischer Abstammung. Im
Tamsweger Jugendliche überwiegend mi- Rahmen der Dialogprozesse in Mittersill
grantischer Herkunft haben sich im Rah- entstand der Wunsch, diese Bevölkerungs-
men der Ausstellung „Mein Österreich“ gruppe auch in gemeinsame Aktivitäten
mit unterschiedlichen kreativen Mitteln mit einzubeziehen. Aus Anlass des Tags der
mit den Themen Herkunft und Identität Menschenrechte sollte eine gemeinsame in-
beschäftigt. Im Jugendzentrum erstellten terreligiöse Feier stattfinden – ein Novum
die Jugendlichen eine Landkarte der unter- in der Region. Trotz anfänglicher Schwie-
schiedlichen Geburtsorte und sprachen über rigkeiten konnten schließlich interessierte
Heimat, Herkunft und Identität. Viele dieser VertreterInnen aus allen Glaubensgemein-
Jugendlichen sind „typische“ MigrantInnen schaften gewonnen werden. In mehrmaligen
der zweiten Generation, haben das Gefühl, Treffen wurde gemeinsam eine Liturgie für
weder in das Herkunftsland ihrer Eltern zu die interreligiöse Feier vorbereitet. In allen
gehören noch in Österreich anerkannt zu drei Glaubensgemeinschaften wurde für
sein. In einem Workshop entstanden Rap- die Feier geworben und an der Gestaltung
Gesänge, in denen die Jugendliche mit ihren mitgearbeitet. Menschen aller Kulturen be-
eigenen Texten ihre Gefühle als „Jugend teiligten sich und alle Beteiligten haben sie
ohne Zukunft“ zum Ausdruck brachten. als wichtigen Schritt zu mehr Miteinander
Anlässlich der Finissage der Ausstellung in wahrgenommen.
Tamsweg konnten die Rapgesänge einem
breiteren Publikum präsentiert werden. Flüchtlinge in
der Literatur
Interreligiöser Dialog
in den Gemeinden Die Ausstellung „Mein Österreich“ wurde
in Mittersill in Zusammenarbeit mit der ört-
In ländlichen Gemeinden prägen traditionel- lichen Literaturgruppe mit der Lesung des
lerweise christliche Vorstellungen den Alltag Autors Dimitré Dinev eröffnet. In seinen
stärker als in den Städten. Die Frage, ob und Büchern werden Schicksale von Flüchtlin-
wieweit das Menschenbild von Islam und gen in Österreich thematisiert und deren
Christentum vereinbar sind, gab wiederholt Lebensbedingungen beschrieben. Darüber
Anlass zu lebhaften Gesprächen und Diskus-
sionen: Im Rahmen einer Ausstellungsfüh-
rung mit einer evangelischen Frauengruppe
fand in Mittersill eine intensive Diskussion
über die Vereinbarkeit islamisch geprägter
Gesellschaftsvorstellungen mit christlich ge-
prägten Vorstellungen statt. Auch deshalb
nahmen viele der Frauen trotz anfänglicher
Bedenken an der interreligiösen Feier teil.

In Tamsweg wurde über das Frauenbild


im Islam diskutiert. Die Referentin, eine
moderne junge Frau und überzeugte Mus-
lima, machte deutlich, dass österreichische
Identität und muslimische Religiosität nicht
60 fluEQUAL

Probleme zu besprechen und gemeinsam


Problemlösungen zu entwickeln. Diese Ver-
netzung fördert den Informationsaustausch
und führt dazu, dass sich abzeichnende Pro-
bleme teilweise schon im Vorfeld abgefan-
gen werden können. Beim Sozialstammtisch
wurden beispielsweise auch Kindergarten-
beiträge bzw. die Förderung muttersprach-
licher Unterrichtseinheiten beschlossen. Der
Bürgermeister von Mittersill kündigte an,
künftig regelmäßig und ohne Problemanlass
vorbeugend zum Sozialstammtisch einzula-
den.

In den Dialogveranstaltungen wurde ver-


sucht, ein differenziertes Bild der migran-
tischen Realitäten zu zeichnen, den Blick
hinaus verkörpert Dinev das, wonach sich zu öffnen für die Lebensumstände von
viele Flüchtlinge am meisten sehnen: ein Le- Asylsuchenden und MigrantInnen und
ben als angesehenes und erfolgreiches Mit- Begegnungsräume zu schaffen. Für viele
glied der österreichischen Gesellschaft. Asylsuchende waren die Veranstaltungen
In dem Sammelband „Polizisten treffen im Rahmen der Dialogprozesse die ersten
Migranten“ beschreibt Dinev Erfahrungen öffentlichen Ereignisse, zu denen sie aus-
aus einem Wiener Projekt zur Verbesserung drücklich eingeladen worden waren – eine
des Dialogs zwischen Migranten und Polizei. wichtige symbolische Geste. Wenn sie ge-
lingen, können solche Veranstaltungen zu
Sozialstammtisch mehr Akzeptanz und Verständnis führen,
Mittersill ohne dabei Konflikte schön zu reden oder
zu ignorieren. Dialogprozesse fördern ein
Im Rahmen der Dialogprozesse wurde in positives Umfeld und tragen zu mehr Wissen
Mittersill der Sozialstammtisch reaktiviert, voneinander bei, sie machen Gemeinsam-
der ursprünglich aus aktuellen Probleman- keiten sichtbar und schaffen Gemeinsames.
lässen einberufen worden war. Diejenigen Die Angst vor künftigen Begegnungen wird
Personen, die beruflich oder ehrenamtlich abgebaut, und Gesprächspartner aus unter-
in Mittersill mit Asylsuchenden zu tun ha- schiedlichen Kulturen lernen einander ken-
ben, setzen sich auf Einladung des Bür- nen. So werden Impulse für weitere Integra-
germeisters zusammen, um Informationen tionsprozesse gesetzt und die Basis für eine
auszutauschen, aktuelle Entwicklungen bzw. nachhaltige Integration verbreitert.

„Ich wünsche mir, dass wir mehr aufeinander zugehen, dass Österreich ein
Gottesgarten wird mit vielen Blumen! Denn ein bunter Garten blüht immer.“
fluEQUAL 61

Integration von Asylwerberinnen


Ursula Liebing, Angelika Reichl

A
sylwerberinnen sind eine sehr he- Schwierigkeiten der
terogene Zielgruppe: Unter ihnen Integration am Arbeitsmarkt
finden sich Analphabetinnen ohne
jegliche Schulbildung wie auch gut ausge- Verschiedentlich sind es die individuellen
bildete Akademikerinnen, alleinstehende, Ausgangssituationen der AsylwerberInnen,
verheiratete oder verwitwete Frauen, Frauen die einen Zugang zum Arbeitsmarkt er-
ohne Kinder ebenso wie Familienmütter mit schweren. Zum anderen erweist sich die Ar-
und ohne Ehemann, Unternehmerinnen wie beitsmarktintegration von Asylwerberinnen
auch Frauen, die die reproduktiven Arbeiten auch in struktureller Hinsicht als schwierig.
innerhalb der Familie als ihren Aufgabenbe- Asylwerberinnen haben mit einer doppelten
reich wahrnehmen und noch nie berufstätig Benachteiligung zu kämpfen: Sie werden als
waren. Asylwerberinnen kommen aus den Frauen am Arbeitsmarkt
verschiedensten Ländern, Kulturkreisen und diskriminiert, weil Frauen „Mozart fühlte sich
Traditionen, sprechen verschiedene Mutter- nach wie vor deutlich ge- unverstanden und un-
sprachen. Ihre Deutschkenntnisse sind sehr ringer bezahlte Tätigkeiten glücklich in Salzburg.
unterschiedlich, gleiches gilt für die Kennt- ausüben und auch für glei- Mir geht es hier mit eini-
nisse weiterer Fremdsprachen. che Tätigkeiten schlechter gen Menschen ähnlich.“
bezahlt werden als Männer.
Rollenverständnis – Selbstbild Zusätzlich sind die fremdländische Herkunft,
der Frauen die mangelnden Deutschkenntnisse oder
auch nur der fremdländische Akzent oder
Die Heterogenität zeigt sich auch hinsicht- Name eine Erschwernis bei der Suche nach
lich der Rollenverständnisse der Frauen. Arbeit. Realistisch gesehen sind die Chan-
Für einige Asylwerberinnen gehört es ganz cen für Asylwerberinnen am Arbeitsmarkt
selbstverständlich zu ihrem Selbstbild, einer sehr gering. Die Suche nach legaler Arbeit
beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Einige bleibt häufig erfolglos. Diejenigen Frauen,
Asylwerberinnen aus ehemaligen kommu- die tatsächlich Arbeit finden, müssen oft eine
nistischen Ländern besitzen Qualifikationen drastische Dequalifizierung hinnehmen.
und Arbeitserfahrungen in Bereichen, in de- Viele finden nur im Bereich der Reinigungs-
nen es in Österreich nach wie vor für Frauen und Hilfstätigkeiten eine Beschäftigung,
unüblich ist zu arbeiten. Für andere Asyl- selbst wenn sie in ihrem Heimatland eine
werberinnen wiederum ist es nur schwer mit Schul- oder gar eine Berufsausbildung ab-
ihrem eigenen, kulturell und gesellschaftlich geschlossen haben. Außereuropäische Qua-
geprägten weiblichen Rollenverständnis ver- lifikationen werden fast nie und wenn doch,
einbar, sich am Arbeitsmarkt zu positionie- dann allenfalls mit aufwändigen Verfahren
ren. anerkannt – während des Asylverfahrens in
der Regel selbst für gut qualifizierte Frauen
Auch die Vorstellungen zur innerfamiliären undenkbar.
Arbeitsteilung sind unterschiedlich – in man-
chen Familien wird z.B. die Kinderbetreu- Belastungssituation Migration
ung als gemeinsame Aufgabe von Männern
und Frauen angesehen, in anderen Familien Viele Frauen und vor allem jene mit Fami-
wiederum liegt die Kinderbetreuung aus- lie erleben die Migrationssituation als be-
schließlich im Verantwortungsbereich der sonders belastend. Nicht alle waren an der
Frauen. Entscheidung, nach Österreich zu kommen,
62 fluEQUAL

beteiligt. Meistens sind es in den Familien der meisten Asyl suchenden Frauen vor-
die Frauen, die die Verantwortung für Kin- bei. Im Hinblick auf die Frauen ist es da-
der und den Haushalt haben, sie sind es, die her notwendig, Maßnahmen zu setzen, die
unter dem massiven Druck stehen, zumin- über eine berufliche Orientierung und die
dest für eine gewisse Stabilität und Zusam- berufliche Integration am Arbeitsmarkt hin-
menhalt in der Familie zu sorgen – vielfach ausgehen und gezielt zur gesellschaftlichen
trotz eigener Traumatisierungen und mit Integration beitragen.
traumatisierten Angehörigen. Die Lebens- Für Frauen, die eine berufliche Tätigkeit
situation in Quartieren reduziert vor allem aufgrund ihres weiblichen Selbstverständ-
für Frauen aus traditionellen Familien die nisses und/oder aufgrund ihrer familiären
Handlungsmöglichkeiten drastisch, Vollver- Pflichten nicht in Betracht ziehen, ist ein Zu-
sorgung zum Beispiel greift unmittelbar in gang zumindest zu einzelnen Bereichen des
die Haushalts- und Versorgungstätigkeiten gesellschaftlichen Lebens in Österreich von
und in die Kindererziehung ein. Das oft großer Bedeutung. Hierfür ist eine gewisse
ungewohnte Zusammenleben auf engstem sprachliche Integration eine Grundvoraus-
Raum mit familienfremden Männern aus setzung.
völlig anderen Kulturkreisen belastet aber
auch Frauen ohne Familie. Hinzu kommt, Die gesellschaftliche Integration unterstüt-
dass kulturelle Neuorientierungen, wenn zen vor allem aber Begegnungen und wo-
sie zur Hinterfragung von Geschlechterrol- möglich gemeinsame Tätigkeiten mit Einhei-
len führen, fast zwangsläufig innerfamiliäre mischen, sei es bei Mutter-Kind-Gruppen,
Konflikte auslösen, insbesondere in patriar- im Kindergarten oder der Schule, sei es bei
chalisch organisierten Familien. Elternabenden, Kaffeekränzchen, Festen
oder Feierlichkeiten, sei es im Rahmen von
Bedeutung der gesellschaftlichen Nachbarschaftshilfe, bei Chören oder Koch-
Integration gruppen, in Kirchen und Glaubensgemein-
schaften. Hierdurch wird eine kulturelle
Wer also eine ganzheitliche Integration von Neuorientierung ermöglicht, im Zuge derer
Asyl suchenden Frauen durch gezielte Maß- sich durch die Auseinandersetzung mit den
nahmen fördern will, kann dies nicht alleine verschiedenen weiblichen Rollenbildern, die
durch Unterstützungsangebote zur beruf- es in Österreich gibt, auch das Selbstbild der
lichen Integration erreichen. Die Annahme, Frauen verändern kann. So können neue
dass die Ausübung einer beruflichen Tätig- Handlungsmöglichkeiten wahrgenommen
keit auch Möglichkeit zur gesellschaftlichen werden, die über das bisherige Selbstbild
Partizipation eröffnet, mag unter gewissen hinausgehen. Für Asyl suchende Frauen
Voraussetzungen und in eingeschränkten wird der Weg zur beruflichen Integration
Bereichen für Asyl suchende Männer zutref- – wenn überhaupt – oft erst durch Schritte
fen – sie geht jedoch an der Lebensrealität zur gesellschaftlichen Integration möglich.
Aber auch dort, wo berufliche Integration
keine Perspektive ist, sind Schritte zur ge-
sellschaftlichen Integration von Asylwerbe-
rinnen besonders wichtig. Mütter können zu
Schlüsselpersonen der Integration werden
und für ihre Kinder eine wichtige Brücken-
funktion in die österreichische Gesellschaft
übernehmen.

Gender Mainstreaming im Projekt

Unter den Asylsuchenden im Bundesland


Salzburg liegt der Frauenanteil bei ca. 30
Prozent. Während der Projektlaufzeit lebten
fluEQUAL 63

hier etwa 490 Frauen, 75 von ihnen in den ist ein komplexes Bündel von Einflussfak-
vier Projektregionen. Angesichts dieser re- toren verantwortlich, unter anderem die
lativ geringen Anzahl und der großen He- beschriebenen Lebensumstände der Frauen
terogenität der Zielgruppe lassen sich nur (von denen einige zudem im Projektverlauf
schwer Gruppen von Frauen mit ähnlichen schwanger wurden), das eingeschränkte Ar-
Ausgangssituationen bilden, beispielsweise beitsangebot vor Ort oder innerfamiliäre
kulturell oder sprachlich homogene Grup- Prioritäten.
pen – oft wohnen in einem Quartier nur ein
oder zwei Frauen mit einer vergleichbaren In den begleitenden Lernwerkstätten wur-
Ausgangssituation. de versucht, den Situationen der Frauen
bewusst Rechnung zu tragen: In Mittersill
Projektmaßnahmen müssen daher, wenn wurde beispielsweise eine
sie die individuell verschiedenen Lernbe- Lernwerkstatt gezielt zur „Österreich ist für mich
dürfnisse und Lebenssituationen angemes- Selbstbewusstseinsstär- eine Insel der Seligen,
sen berücksichtigen wollen, eine möglichst kung der Frauen abgehal- die durch die jahrhun-
weitgehende Differenzierung zulassen und ten. Dies ist nicht nur für
dertelange Monarchie
soweit möglich individuell auf die Frauen Bewerbungsgespräche
und den Katholizismus
abgestimmt werden. und mögliche zukünf-
tige Arbeitsverhältnisse ihren Bewohnern eine
In den Sprachkursen, insbesondere in den von Bedeutung, sondern gute Seele verliehen hat,
Frauenkursen, wurde eine Auseinanderset- unterstützt auch die Be- die nur dann diese Güte
zung mit den eigenen Geschlechterrollen wältigung alltäglicher verlieren, wenn sie ihre
angeregt. Zum einen trug die geschützte Lebenssituationen. In al- Insel durch Ausländer in
Gruppensituation dazu bei, dass Asylwerbe- len drei Projektregionen Gefahr sehen.“
rinnen ihre Situation als Frauen thematisie- fanden Lernwerkstätten
ren und kulturelle Erfahrungen diskutieren zum Thema „Frauengesundheit“ statt. Ne-
konnten. Zum anderen werden in den Lehr- ben einer kulturellen Orientierung boten di-
büchern Alltags- wie auch Berufssituationen ese ganz praktische Hilfestellungen bei den
dargestellt, die verschiedene Geschlechter- gesundheitlichen Problemen der Frauen.
rollen implizieren oder explizit beschreiben.
Die Lehrerinnen sind berufstätige Frauen Im Modul work iT! wurden Asylwerbe-
und in ihrer Funktion als Lehrerin zugleich rinnen gezielt als inhalts- und formgebende
Autoritätspersonen. Auch hierdurch werden Akteurinnen in die Gestaltung der Home-
Geschlechterrollen zum Thema. Im Kapi- page involviert.
tel II wird detailliert beschrieben, wie die
Lebensbedingungen der Teilnehmerinnen In den Dialogprozessen wurde die Frage
in Gestaltung, Struktur und Aufbau der nach den Frauenrollen und dem Rollenver-
Sprachkurse berücksichtigt wurden. ständnis am Beispiel muslimischer Frauen
in Österreich immer wieder aufgenommen
Im Rahmen der gemeinnützigen Beschäf- und explizit thematisiert. Auch in den vor-
tigung in den Regionen gelang es nur teil- gelagerten Gesprächen wurde wiederholt
weise, Frauen einzubinden: 17 der insgesamt auf die Lebensumstände Asyl suchender
63 gemeinnützig beschäftigten Personen Frauen hingewiesen und auf die realen In-
waren Frauen; ihr Anteil an den geleisteten tegrationshindernisse aufmerksam gemacht.
Arbeitsstunden liegt deutlich unter 10 Pro- In Puch wurde ein Workshop mit Asylwer-
zent. Im Lungau ergibt sich ein etwas po- berinnen abgehalten, der die Fragen nach
sitiveres Bild, weil es hier zuweilen gelang, der Verbesserung ihrer Lebensumstände als
Beschäftigungen zu vermitteln, die über die Frauen zum Thema hatte: Hier wurde die
„klassischen“ (Bauhof)Tätigkeiten hinausge- Wohnsituation als zentraler Ansatzpunkt be-
hen: Frauen arbeiteten im Kindergarten, in nannt, aber auch gemeinsame Aktivitäten
der Lebenshilfe, in der Bibliothek mit. Für mit anderen Frauen, und vor allem auch mit
diese insgesamt unbefriedigende Situation Österreicherinnen.
64 fluEQUAL

Im Rahmen des begleitenden Coaching Berufliche Integration


von FluEQUAL waren nur Coaches mit von Asylwerberinnen?
ausgewiesener Genderkompetenz tätig. In-
dividuelles berufsorientiertes Coaching geht Die Frage, wie Integration von Asylwerbe-
zwangsläufig von der spezifischen Situation rinnen möglichst gezielt gefördert werden
der weiblichen Klientinnen aus. kann, lässt sich nicht pauschal beantworten.
Die Heterogenität der Zielgruppe erfordert
Kinderbetreuung als eine differenzierte Herangehensweise.
unverzichtbares Element
Um die berufliche Integration von Asylwer-
Für alle Maßnahmen in FluEQUAL wurde berinnen zu unterstützen, sind orientierende
Kinderbetreuung angeboten. Obwohl dieses und vorbereitende Maßnahmen – speziell
Angebot nicht überall angenommen und für Frauen – unabdingbar.
nicht überall benötigt wurde, ist das durch-
gängige Angebot einer passenden Kinder- Für manche Asylwerberinnen wird sich
betreuung ein unver- eine berufliche Integration allenfalls über
„Obwohl ich ein zu- zichtbares Element eine verstärkte soziale und gesellschaftliche
gänglicher und offener des Gender Mainstrea- Integration und eine entsprechende kultu-
ming. Die Erfahrung relle Neuorientierung eröffnen. Für andere
Mensch bin, isst es mir
zeigt, dass die Form wiederum wird berufliche Integration nie
bislang nicht gelun-
dieses Angebots flexi- eine realistische Zielsetzung werden.
gen, mit jungen Öster- bel sein sollte. Je nach
reicherInnen in Kontakt Familiensituation kann In jedem Fall müssen Asylwerberinnen dort
zu kommen.“ eine Tagesmutter, ein abgeholt werden, wo sie gerade stehen und
Kindergarten oder die in ihren jeweils eigenen Integrationsprozes-
Betreuung durch eine Quartiersmitbewoh- sen unterstützt werden. Und selbst wenn
nerIn die passende Lösung sein. Welche Asyl suchende Frauen ein Frauenbild ver-
Form passt, muss mit jeder Familie und mit körpern, das unseren österreichischen oder
ausreichender Vorlaufzeit abgesprochen westlichen Vorstellungen nicht entspricht
werden. Für manche Familien bedeutet es (beispielsweise weil es keine berufliche Ver-
zudem eine völlig neue Lernerfahrung, ihre wirklichung umfasst), ist es notwendig und
Kleinkinder von familienfremden Personen sinnvoll, ihre gesellschaftliche und soziale
betreuen zu lassen. Integration gezielt zu unerstützen.
fluEQUAL 65

Kapitel VI: Rückschau

• Das Ganze ist mehr als die


Summe seiner Teile
Rückschau • Statements der strategischen
auf FluEQUAL PartnerInnen von FluEQUAL
• Empowerment von Asyl-
werberInnen?
66 fluEQUAL

Kapitelvorschau

Rückschau auf FluEQUAL

Integration geschieht und kann gefördert werden, trotz der restriktiven Umstän-
de, unter denen Asylsuchende in Österreich leben. Die in diesem Manual zu-
sammengetragenen Erfahrungen bestätigen dies. Die entscheidende Frage aber
ist, ob und wieweit die (Arbeitsmarkt-) Integration von Asylsuchenden politisch
gewollt ist. Wenn ja, könnte die Fortführung gezielter integrativer Maßnahmen
sicherlich zu einem konfliktfreieren Zusammenleben beitragen. Den politischen
Entscheidungsträgern obliegt es zudem, ausreichende Ressourcen für die Betreu-
ung schutzbedürftiger Fremder zur Verfügung zu stellen und die Lebensumstände
selbst so zu gestalten, dass tatsächlich eine sprachliche, berufliche und gesell-
schaftliche Integration möglich wird.

In der Rückschau auf das Projekt kommt im ersten Beitrag die Gesamtkoordina-
tion von FluEQUAL zu Wort: Es hat sich bewährt, an den verschiedenen Säulen
der Integration anzusetzen und sie miteinander zu verschränken. Die Anstren-
gungen haben Früchte getragen, für die einzelnen AsylwerberInnen wie für die
Gemeinden, in denen sie leben.

Im zweiten Beitrag äußern sich die strategischen PartnerInnen zur gemeinnüt-


zigen Beschäftigung von AsylwerberInnen und erläutern, inwieweit und in wel-
cher Form sie eine Öffnung des Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen befürwor-
ten. Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nach den konkreten Umständen,
Standorten und Interessensgruppen. Wo die strukturellen Bedingungen für die
ÖsterreicherInnen ungünstig sind, sind sie dies auch für Asylsuchende. Allen
strategischen PartnerInnen gemeinsam ist die Betonung des Zusammenhangs
zwischen Arbeit und Integration.

Der dritte Beitrag dieses Kapitels lenkt den Blick auf die Lebensumstände der
in Grundversorgung lebenden Asylsuchenden im Land Salzburg. Sie sind ge-
prägt durch eine drastische Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten. Das Po-
sitionspapier „Empowerment von AsylwerberInnen?“ geht der Frage nach, ob
und wieweit das im Rahmen der EQUAL-Programme geforderte Empowerment
unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen Asylsuchender in Salzburg bzw.
Österreich überhaupt realisierbar ist.
fluEQUAL 67

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Gerhard Feichtner

… lautet mit einem verkürzten Zitat von Sie fühlten sich nicht mehr als „Personen
Aristoteles zusammengefasst eine bildliche zweiter Klasse“, wie ihnen sonst im Alltag
Umschreibung des griechischen Begriffs oft vermittelt wird.
„Synergie“ (wörtl. Übersetzung: Zusam-
menarbeit). b) Nutzung von öffentlichen Einrich-
tungen: In unterschiedlichen Teilen
Primäre Säulen von Integration des Projekts konnten AsylwerberInnen
öffentliche Einrichtungen (Kultur, Bü-
Jede einzelne Integrationsmaßnahme, die chereien, Sport usw.) kennen lernen oder
im Projekt „FluEQUAL – Salzburg inte- sogar auf Gemeindeebene dort mitar-
griert Flüchtlinge“ umgesetzt wurde, war beiten. Dadurch wird die Schwelle zur
für sich allein ein wichtiger Baustein. Als Nutzung dieser Einrichtungen abgebaut
Gesamtprojekt hat FluEQUAL an drei we- und öffentliche Einrichtungen werden in
sentlichen Säulen der Integration angesetzt: weiterer Folge von AsylwerberInnen auch
sprachliche Integration, gesellschaftliche vermehrt genutzt.
Integration und berufliche Integration. Der
wesentliche Gesichtspunkt des Projekts war c) Wissen über die Gemeinde: Gera-
aber die Verzahnung dieser Elemente, die de die gemeinnützige Beschäftigung auf
zum einen Teil innerhalb der einzelnen Mo- Gemeindeebene führt zu einer besse-
dule gegeben war und zum anderen dem ren Vertrautheit mit Strukturen und mit
Gesamtzusammenspiel von einzelnen Teilen Schlüsselpersonen (z.B. am Gemeinde-
zugrundegelegt war. Dadurch ergaben sich amt, Wirtschafts-
Synergieeffekte, die über die grundlegenden hof) in der Wohn- „Manche Menschen sind
Elemente der Integration hinausgingen und sitzgemeinde. Dies etwas hochnäsig. Das
sich auf viele Lebensbereiche von Asylwer- hat bei einer Nie-
Leben ist teuer und unprak-
berInnen und „einheimischer“ Bevölkerung derlassung in einem
tisch, weil die Geschäfte zu
auswirken. eigenen Haushalt
in der Gemeinde früh schließen. Die Schule
Mehrwert in vielen Bereichen den nachhaltigen ist liberal und gefällt mir
Effekt, dass not- sehr gut, aber der Umgang
a) Psychische und physische Gesund- wendige Amtswege miteinander ist oft respekt-
heit: Die Auswirkungen von langer selbstbewusster und los. Gut ist, dass die Leute
Arbeitslosigkeit und erzwungener Un- selbstverständlicher offen sind und sagen, was
tätigkeit auf Psyche und Körper sind be- erledigt werden sie denken.“
kannte Phänomene. Die Beschäftigungs- können. Auch für
möglichkeiten in FluEQUAL führten bei die Gemeinde selbst stellt es eine Erleich-
den TeilnehmerInnen zu einem Rück- terung dar, wenn z.B. Meldeangelegen-
gang dieser Phänomene, der auch von heiten, Gebührenfragen oder ähnliches
ihnen selbst wahrgenommen und rückge- selbständig in Angriff genommen werden
meldet worden ist. Durch die Einbindung und sich dadurch der Aufwand (z.B. bei
in das Projekt, durch die respektvolle Be- Mahnverfahren) verringert.
handlung, die die AsylwerberInnen hier
erfahren haben und durch die Aufgaben, d) Thematisierung von Asyl und Mi-
mit denen sie betraut wurden, wurden gration: Durch die Einbindung in das
sie in ihrem eigenen Selbstwert gestärkt. Projekt wurden Asyl und Migration
68 fluEQUAL

zum Thema in regionalen Verbänden Tätigkeiten der Eltern. Diese sind nicht
und ländlichen Einrichtungen. Die the- mehr „nur“ Flüchtlinge oder reduziert
matische Auseinandersetzung, die das auf eine frühere Tätigkeit in ihrem Hei-
Projekt anregte, führte zu mehr Wissen matland (deren konkrete Ausübung die
und einem besseren Ver- Kinder aufgrund der Fluchtsituation und
ständnis für die Situation den der Flucht vorausgehenden Ereignis-
„Österreich ist unsere
von AsylwerberInnen. sen oft gar nicht mehr erleben konnten).
zweite Heimat, weil die
Gleichzeitig ermöglich- Sie haben vielmehr eine konkrete und
Landschaft sehr ähnlich te das Projekt im Modul beschreibbare Aufgabe in ihrem Wohn-
der von Tschetschenien gemeinnützige Beschäfti- umfeld. Die Diskussionen und Work-
ist und die Österreicher gung, dass Einheimische shops zum Thema und die konkreten
sehr warmherzig und konkrete Erfahrungen Begegnungen mit AsylwerberInnen im
gut sind.“ mit AsylwerberInnen im schulischen Rahmen fördern eine dif-
Arbeits- und Gemein- ferenzierte Auseinandersetzung in den
deumfeld machen konnten. Durch diese Schulen und unterstützen ein positives
Erfahrungen wurden Vorbehalte bzw. Schulklima. Die Kontakte, die sich für
Vorurteile abgebaut und eine offenere die AsylwerberInnen aus Arbeitssituatio-
Haltung unterstützt. nen mit Eltern anderer Kinder ergeben,
bauen zudem Hemmungen für die Teil-
e) Wahrnehmung von Asylwerber- nahme an gemeinsamen schulischen Ver-
Innen im Umfeld: Die Präsenz von anstaltungen ab.
AsylwerberInnen in ihrem direkten Le-
bensumfeld wird durch die Projektteil- h) Entlastung der Sozialbetreuung:
nahme eine andere: Sie sind nun auf Die Maßnahmen im Projekt haben
dem Weg zur Beschäftigung, zu einer auch Auswirkungen auf die Arbeit der
Veranstaltung oder einem Kurs, werden Sozialbetreuung von AsylwerberInnen.
bei der Arbeit gesehen, sind aktive Teil- Sowohl die Tagesstruktur, die durch un-
nehmerInnen an einer Veranstaltung. terschiedliche Angebote in FluEQUAL
Die Folge dieser veränderten Präsenz ist für die TeilnehmerInnen entstanden ist,
eine andere Wahrnehmung durch ihre wie auch die spezielle Behandlung von
NachbarInnen. Sie werden nicht mehr Fragen der beruflichen Orientierung (in
als Objekte wahrgenommen, sondern als Coaching, Lernwerkstätten oder Quali-
aktiv handelnde Subjekte. So verändert fizierungskursen) vermindert einen Teil
sich auch der Stellenwert, der ihnen zu- der Anfragen aus der Zielgruppe. Damit
geschrieben wird. ermöglichen diese integrierenden Maß-
nahmen den SozialarbeiterInnen eine
f) Wahrnehmung als Individuum: Die stärkere Konzentration auf Personen mit
vermehrten Begegnungen zwischen Orts- speziellen Bedürfnissen sowie auf dieje-
ansässigen und AsylwerberInnen, die sich nigen, die (noch) nicht von Projektange-
durch das Projekt ergaben, ermöglichten, boten profitieren konnten, und die Bear-
dass AsylwerberInnen in stärkerem Maße beitung anderer sozialer Fragestellungen.
als Individuen, als Menschen mit persön- Auch bei der beispielsweise nach Asylan-
lichen Schicksalen und Eigenheiten wahr- erkennung nötigen Unterstützung bei
genommen wurden. Dies unterstützte den Integrationsschritten kann in Teilen auf
Abbau von Ängsten und Vorurteilen, die Bestehendes aufgebaut werden.
oft gegenüber der „Gruppe“ von Asylwer-
berInnen vorherrschen. Nicht Zufall, sondern
geplantes Ergebnis
g) Auswirkungen auf Schule und Kin-
dergarten: Kinder von Projektteilneh- Diese und weitere Synergien sind Ergebnis
merInnen haben eine Antwort auf die von geplanten Integrationsmaßnahmen,
Frage nach der Beschäftigung und den die ihren Blick auch „über den Zaun“ der
fluEQUAL 69

primären Fragestellungen hinauswerfen. „Er- spiel Vorbereitung und Integration auf dem
folgreiche Integration ist kein Zufall“, laute- Arbeitsmarkt, sondern ergänzt diese und
te der Titel eines Wettbewerbs der Bertels- verstärkt angestrebte Ergebnisse.
mann Stiftung für Städte und Gemeinden P.S.: Im Übrigen sind diese Wirkungen un-
in Deutschland. Auch der „Mehrwert“ bei abhängig von Geburtsland, ethnischer Her-
den Ergebnissen ist kein Zufall, sondern kunft oder Aufenthaltsstatus der Zielgruppe;
kann bei einer bewussten Einbettung eines sie können und sollen grundsätzlich bei In-
Integrationsprojekts gezielt angesteuert und tegrationsmaßnahmen für von Armut und
erreicht werden. Er steht dabei nicht im Wi- sozialer Ausgrenzung betroffene Zielgruppen
derspruch zu primären Zielen, wie zum Bei- angestrebt werden.

Öffnung des ersten Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen

Die Wirtschaftskammer Salzburg (WKS) nicht möglich ist, befürwortet die WKS - als
trägt gerne dazu bei, dass Personen, die sich Übergangslösung –, dass AsylwerberInnen
legal im Bundesland Salzburg aufhalten und auch im Bereich gemeinnütziger Beschäf-
an einer Arbeit in Salzburg interessiert sind, tigung für die Salzburger Gemeinden tätig
die Möglichkeit zu einer entsprechenden sind, wie dies im derzeitigen Projekt Flu-
Arbeitsaufnahme in Salzburger Betrieben EQUAL bei 14 Salzburger Gemeinden der
besitzen. Die derzeit im Rahmen des Equal- Fall ist.
Projektes FluEQUAL erhobene Situation,
dass sich im Bundesland Salzburg ca. 710 an Obwohl dies aus integrativen und humani-
einer Arbeit interessierte Personen aufhal- tären Gründen zu begrüßen ist, muss nach
ten, aber nicht – auch zeitlich befristet – ar- Ansicht der WKS sichergestellt sein, dass
beiten können, ist unbefriedigend. auch entsprechende Qualitätsstandards für
die gemeinnützige Beschäftigung gegeben
Die WKS unterstützt daher alle Initiativen, sind. Einige der „gemeinnützigen Beschäfti-
um diesem Personenkreis die Möglichkeit zu gungsprojekte“ sind Arbeiten, die auch von
geben, zeitlich begrenzt bis zum Abschluss Firmen übernommen
des Asylverfahrens auch in Unternehmen tä- werden können, und
tig zu sein. Dies umso mehr, als ein entspre- es ist nicht zielführend,
chender Bedarf in der Salzburger Wirtschaft dass gemeinnützige Ins-
sowohl an weniger qualifizierten Arbeits- titutionen durch eine
kräften, etwa im Bereich des Tourismus oder unterkollektivvertrag-
der Bauwirtschaft, als auch an entsprechend liche Möglichkeit der Beschäftigung von
qualifizierter Arbeit gegeben ist. Richtig ist AsylwerberInnen Salzburger Unternehmen
weiters, dass die Möglichkeit einer Arbeit in und bei ihnen gesicherte Arbeitsplätze kon-
Unternehmen auch dazu beitragen kann, kurrenzieren. Bei aller Befürwortung einer
Probleme und Aggressionen zu mildern gemeinnützigen Beschäftigung für Asylwer-
bzw. nicht entstehen zu lassen sowie ander- ber ist deshalb eine Öffnung des ersten Ar-
erseits auch zu erreichen, dass sich die Asyl beitsmarktes für an einer Arbeit interessierte
suchenden Personen während ihres oft auch AsylwerberInnen – zeitlich befristet bis zum
mehrere Jahre dauernden Asylverfahrens in Abschluss des Asylverfahrens – anzustreben.
Österreich ihren Aufenthalt durch entspre-
chende Arbeitsleistungen selbst verdienen.

Da derzeit - entgegen früheren Regelungen


– eine Beschäftigung von Asylwerbern im Wirtschaftskammer Salzburg
Rahmen der Wirtschaft (erster Arbeitsmarkt) Julius Raab Platz 1 · 5027 Salzburg
70 fluEQUAL

Zugang zum Arbeitsmarkt dient der Integration

AsylwerberInnen sind seit 1.1.2006 mehr gesamte Volkswirtschaft nutzbringend, zu-


denn je auf die öffentliche Grundversor- mal zusätzliches Potenzial an Know-how
gung angewiesen und zur beruflichen Un- zur Verfügung stünde.
tätigkeit gezwungen. Gerade aber der Zu-
gang zum Arbeitsmarkt und Resultierend aus diesem Equal-Projekt soll-
zu gemeinnütziger Beschäf- ten auf Landesebene im Sinne einer mittel-
tigung dient der Integration fristigen Strategie Lösungen angestrebt wer-
von AsylwerberInnen und den, die die Gebietskörperschaften verstärkt
hilft, bestehende Vorurteile motivieren, AsylwerberInnen gemeinnüt-
gegenüber dieser Gruppe ab- zige Beschäftigungsplätze zur Verfügung zu
zubauen. Beschäftigung und stellen. Für die dabei in Form von Anerken-
daraus erzieltes Einkommen nungsbeiträgen erzielten Zuverdienste wäre
fördert den Erhalt und Ausbau von Wissen ein Freibetrag in der Höhe der Geringfügig-
und Qualifikation und stärkt den Selbstwert keitsgrenze wichtig. Gegebenenfalls könnten
und die Gesundheit von AsylwerberInnen. zusätzliche Sachleistungsschecks, z.B. in
Form von Bildungsgutscheinen, für die/den
Nach der derzeitigen Rechtslage ist für Asyl- Asylwerber/in und seine/ihre Angehörigen
werberInnen der Zugang zum Arbeitsmarkt anstatt Leistungskürzungen in der Grund-
kaum möglich. Gesetzliche Regelungen, die versorgung zu mehr Motivation und Inte-
einen regulären Zugang zum Arbeitsmarkt gration beitragen.
schaffen, wären nicht nur für die Betrof- Arbeiterkammer Salzburg
fenen, sondern auch für Betriebe und die Markus-Sittikus-Straße 10 · 5020 Salzburg

Arbeitsmarkt-Öffnung in strukturschwacher Region ist schwierig

Der Regionalverband Lungau kann aus marktes nicht von vornherein gewünscht
seiner Sicht auf eine wünschenswerte Be- ist, da eben sehr viele Arbeitslose vor allem
schäftigung hinweisen, weist im gleichen im weniger gut ausgebildeten Bereich eine
Atemzug jedoch auf die Schwierigkeiten der Konkurrenz erhalten und das Lohnniveau
einzelnen Gemeinde hin, wenn Asylwerber- weiter nach unten gedrückt wird. Es ist trotz
Innen angestellt werden. In einem struktur- einer wünschenswerten Beschäftigung eher
schwachen Bezirk mit teilweise hoher Ar- in die Ausbildung der AsylwerberInnen zu
beitslosigkeit sind gerade investieren, um ihnen unseren Lebensstil
Stellen im kommunalen näher zu bringen und sie für eventuelle qua-
Bereich auch von der litätvollere Aufgaben nach einem positiven
einheimischen Bevölke- Asylverfahren vorzubereiten. Letztlich wird
rung sehr begehrt, dies auch in Form von es notwendig sein, auch hier zwischen den-
Teilzeitarbeit oder aushilfsweise. Die Anstel- jenigen zu unterscheiden, die gewillt sind
lung von AsylwerberInnen zieht daher sehr zu arbeiten und jenen, die nur wegen ver-
oft Neid und Aggression nach sich, wenn meintlich besserer Lebensbedingungen nach
soziale Arbeiten wie Schneeschaufeln nicht Österreich kommen.
von unseren eigenen Arbeitslosen getätigt
werden. Daher ergibt sich, dass für uns im Regionalverband Lungau
Lungau eine generelle Öffnung des Arbeits- Markt 52· 5570 Mauterndorf
fluEQUAL 71

Ein Fremder ist ein Freund, dem wir noch nicht begegnet sind

Ein fremdes Land, eine fremde Sprache, eine Oberpinzgau kann daher ein äußerst posi-
fremde Kultur und der Zwang zur Untätig- tives Resümee gezogen werden. Wir sehen
keit. Keine idealen Voraussetzungen, um zu die Beschäftigungsmöglichkeit von Asylwer-
Freunden zu werden. Der Oberpinzgau ist berInnen im laufenden Verfahren als gu-
seit Jänner 2006 eine ausgewählte Modellre- ten Ansatz, die Akzeptanz im lokalen Um-
gion in Österreich im Rahmen des EU-Pro- feld und die
jektes FluEQUAL. Das Projekt setzte sowohl Integra tion
organisierte Deutschkurse als auch das Mo- von Asylwer-
dul der Berufsorientierung und der aktiven berInnen
Mitarbeit von Flüchtlingen in Gemeinden zu fördern.
um. In den neun Gemeinden des Oberpinz- D a h e r
gaus wurden im Jahr 2006 gesamt ca. 3.000 befürworten wir eine Öffnung des Arbeits-
Stunden allein im Bereich der gemeinnüt- marktes für AsylwerberInnen im Rahmen
zigen Beschäftigung geleistet. Alle Gemein- der gebotenen Möglichkeiten des Projektes
den des Oberpinzgaus haben sich an diesem FluEQUAL. Das Ziel, eine aktive Integra-
Projekt beteiligt und mit ihrem Engagement tions- und Bewusstseinsarbeit zu leisten, so-
die ausgeprägte soziale Kompetenz dieser wohl auf Seiten der Asylwerber als auch auf
Region eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Seiten der Bevölkerung, konnte durch dieses
Die anfängliche Skepsis auf Seite der Ge- Projekt umgesetzt werden.
meinden konnte in diesem Prozess abgebaut
und beseitigt werden. Die TeilnehmerInnen
des Projektes waren lernwillige und moti-
vierte Menschen, die in vielen Bereichen un-
serer Gemeinden eingesetzt und beschäftigt Regionalverband Oberpinzgau
wurden. Von Seiten des Regionalverbandes Marktplatz · 5730 Mittersill
72 fluEQUAL

Positionspapier der österreichischen


EQUAL-Partnerschaften „First Aid in Integration“,
„FluEQUAL“, „Inpower“ und „Work in Process“

Empowerment von AsylwerberInnen?

D
er Begriff „Empowerment“ ist bensbedingungen innerpsychische Ressour-
schwierig ins Deutsche zu überset- cen und Handlungskompetenzen.
zen: „Ermächtigung“ gibt nur eine
Dimension wieder, denn das zu Grunde lie- Solange derart restriktive Lebensbedin-
gende englische Wort „power“ kann nämlich gungen gelten, bleibt wirkliches „Empower-
nicht nur mit „Macht“, „Gewalt“, sondern ment“ mit dem Ziel der Selbstbestimmung
auch mit „Stärke“, „Energie“ und „Kompe- eine rein theoretische Aufgabe – in der
tenz“ übersetzt werden. Damit ist im Eng- Praxis ist Selbstbestimmung für Asylwerber-
lischen eine Dimension enthalten, die dem Innen allenfalls in ganz eingeschränkten Be-
deutschen Wort Ermächtigung fehlt. Wir reichen realisierbar. Die restriktiven Lebens-
verwenden aus diesem Grunde den eng- bedingungen führen im Gegenteil dazu,
lischen Begriff „Empowerment“. dass vorhandene Ressourcen noch weiter
abgebaut werden. Um wirklich ein nachhal-
Der Begriff beschreibt tiges Empowerment von AsylwerberInnen
zu ermöglichen, müssen die Lebensbedin-
• …einen Prozess, in dem Betroffene ihre gungen so verändert werden, dass in zen-
Angelegenheiten selbst in die Hand neh- tralen Lebensbereichen ein Mindestmaß an
men, sich dabei ihrer eigenen Fähigkeiten Selbstbestimmung gewährleistet ist.
bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln
und soziale Ressourcen nutzen. Aus dem Empowerment-Auftrag der Ge-
• …Möglichkeiten und Hilfen, die es Indi- meinschaftsinitiative EQUAL ergeben sich
viduen oder Gruppen erlauben, Kontrolle also folgende Mindest-Anforderungen an
über ihr Leben und ihre sozialen Zusam- die Rahmenbedingungen, die im Übrigen
menhänge zu gewinnen, und die sie darin auch mit den Aufnahmerichtlinien der EU
unterstützen, die dazu notwendigen Res- konform gehen: AsylwerberInnen muss in-
sourcen zu beschaffen. nerhalb eines überschaubaren Zeitraums
das Recht auf Arbeit eingeräumt werden.
Zielzustand ist die „Selbstbestim- Wir fordern daher, AsylwerberInnen nach
mung über das eigene Leben“ dreimonatigem Aufenthalt einen Zugang
zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen, unab-
Empowerment ist eine Querschnittsaufgabe hängig vom Stand des Asylverfahrens.
aller EQUAL-Projekte, somit auch für die
Mitglieder des Netzwerks Autarq. Allerdings Wir befürworten zudem eine Entkoppelung
machen die gegenwärtigen gesetzlichen und von Lehre und Arbeitsmarkt, damit vor
administrativen Rahmenbedingungen für allem jugendliche AsylwerberInnen die oft
AsylwerberInnen in Österreich ein nach- jahrelangen Wartezeiten bis zur Beendigung
haltiges Empowerment der Zielgruppe, wie ihres Verfahrens sinnvoll nützen können,
es im Rahmen des EQUAL-Programms ge- um sich berufliche Perspektiven aufzubau-
fordert wird, unmöglich. AsylwerberInnen en. Dies verbessert sowohl die Chancen für
verfügen nicht nur über sehr eingeschränkte eine erfolgreiche Integration in Österreich,
soziale Ressourcen, sondern verlieren auf- erleichtert aber im Fall einer Nichtanerken-
grund der langdauernden restriktiven Le- nung die Integration in einem Drittland.
fluEQUAL 73

Im Sinne des Empowerment ist es außer- de Auswirkungen auf die innerpsychischen


dem notwendig, ein umfassendes Recht auf Ressourcen hat und das Anliegen des Em-
Bildung zu gewährleisten. Sprachkennt- powerment völlig unterläuft: Dies betrifft
nis und ein Grundwissen über die öster- die Bereiche Ernährung, Wohnen, Mobilität
reichische Gesellschaft sind unabdingbare und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Voraussetzungen für eine wirkliche Teilhabe
am gesellschaftlichen Leben und damit auch AsylwerberInnen sollen daher die Möglich-
für eine langfristig erfolgreiche Integration. keit haben, über ihre Ernährung selbst zu
Flüchtlingen soll daher so früh wie möglich bestimmen und die dafür nötigen Mittel und
und unabhängig von ihrem Verfahrensstatus Infrastruktur zur Verfügung gestellt bekom-
die Teilnahme an einem Sprachkurs ermög- men. Hierauf muss im Sinne des Empower-
licht werden. Der Sprachkurs sollte zugleich ments auch bei der Schaffung von Gemein-
genutzt werden, um AsylwerberInnen eine schaftsunterkünften Rücksicht genommen
Basisorientierung über das Aufenthaltsland werden.
Österreich zu vermitteln, indem sie über das
soziale und politische System informiert wer- Auch eine Grundmobilität von Asylwerber-
den und einen Einblick in die österreichische Innen muss sichergestellt werden, damit die
Kultur erhalten. Möglichkeit zur Teilhabe am sozialen und
kulturellen Leben sichergestellt ist. Dies
Um die (allgemeine) Benachteiligung von gilt besonders auch für AsylwerberInnen
Frauen auszugleichen, einen nachhaltigen in Gemeinschaftsunterkünften in kleinen
Beitrag zum Empowerment von Frauen zu Ortschaften mit schwacher oder fehlender
leisten und Frauen eine gesellschaftliche wie Infrastruktur und meist ohne migrantische
berufliche Integration in Österreich zu er- Netzwerke. AsylwerberInnen den Zugang zu
möglichen, sollten ergänzend Bildungsmaß- größeren Zentren zu ermöglichen, bedeutet
nahmen angeboten werden, die auf die spe- für sie eine Möglichkeit zur Teilhabe am ge-
ziellen Lern- und Orientierungsbedürfnisse sellschaftlichen Leben in Österreich.
von Asyl suchenden Frauen ausgerichtet
sind. Der Zugang von Frauen zu Bildungs- Auch die Beschränkung der Möglichkeit,
angeboten soll durch geeignete Rahmen- den eigenen Aufenthaltsort frei zu wählen,
bedingungen gesichert werden (z.B. reine verletzt das Selbstbestimmungsrecht der
Frauenkurse, Kurszeiten, die sich an deren Flüchtlinge. Um den Anforderungen des
Alltagserfordernissen orientieren, ggfs. Kin-
derbetreuung).

Im Sinne des Empowerment ist auch eine


unabhängige Beratung von Asylwerber-
Innen in Hinblick auf die rechtlichen Aus-
wirkungen ihrer Handlungen unabdingbar.
Der ungehinderte Zugang zu einer unab-
hängigen Rechtsberatung muss daher si-
chergestellt werden. Insbesondere dann,
wenn AsylwerberInnen rechtlich weit rei-
chende Dokumente unterzeichnen oder auf
zusätzliche Rechtsansprüche verzichten sol-
len, sollte eine Beratung durch unabhängige
Rechtsberater sichergestellt sein.

Das Selbstbestimmungsrecht der Asylwerber-


Innen darf zudem in zentralen Bereichen,
die die menschliche Würde betreffen, nicht
eingeschränkt werden, da dies verheeren-
74 fluEQUAL

Empowerment zu genügen, müsste mindes-


tens ein unkompliziertes und administrativ
unaufwendiges Mitbestimmungsrecht bzgl.
des Aufenthalts- bzw. Wohnortes ermöglicht
werden, im Regelfall jedoch ein Selbstbe-
stimmungsrecht gewährleistet werden.

Die besonderen Bedürfnisse von schutzbe-


dürftigen Personen müssen im Interesse des
Empowerment unbedingt beachtet werden.
Beispielsweise muss für traumatisierte Per-
sonen und Personen in psychischen Kri-
sensituationen Zugang zu therapeutischer
Unterstützung und Begleitung sichergestellt
werden, einschließlich der Gewährleistung
der Übersetzung therapeutischer Behand-
lungen. Dies muss möglichst unverzüglich
geschehen, um eine Verfestigung oder Ver-
stärkung der Traumatisierung zu vermei-
den.

Solange AsylwerberInnen durch Struktu-


ren, administrative Vorgaben und Gesetze
in ihren Entscheidungsfähigkeiten, Hand-
lungsspielräumen und in ihrem Zugang zu
Ressourcen so drastisch eingeschränkt blei-
ben, ist ein nachhaltiges Empowerment der
Zielgruppe nicht möglich und somit ein we-
sentlicher Auftrag der Gemeinschaftsinitia-
tive EQUAL der EU nur sehr eingeschränkt
einlösbar.
fluEQUAL 75

PartnerInnen
von FluEQUAL

Das Projekt FluEQUAL wurde gefördert von: