Audi

Kommunikation

Prof. Rupert Stadler

Rede

Vereinte
Rede Nationen
AI for Good Global Summit
7. Juni 2017 | Genf

38. Internationales Wiener Motorensymposium | 27. April 2017 | Wien

* Die gesammelten Verbrauchswerte aller genannten und für den deutschen Markt erhältlichen Modelle
entnehmen Sie der Auflistung am Ende dieser Rede.
** Dieses Fahrzeug wird noch nicht zum Kauf angeboten. Es besitzt noch keine Gesamtbetriebserlaubnis
und unterliegt daher nicht der Richtlinie 1999/94/EG. | 14
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Prof. Rupert Stadler
Vorsitzender des Vorstands der AUDI AG

Vereinte Nationen
“AI for Good Global Summit”
Keynote

7. Juni 2017

– Es gilt das gesprochene Wort –

Guten Morgen!
Vielen Dank an Sie, Herr Zhao Houlin, als Gastgeber dieses Events. Und auch ein herzlicher Dank an Sie,
Herr Steven Ibaraki für Ihre nette Einführung.

Sehr verehrte Exzellenzen, meine Damen und Herren,
offiziell bin ich eingeladen als Vorstandsvorsitzender von Audi. Aber heute werde ich in erster Linie
als der Gründer der beyond-Initiative zu Ihnen sprechen. In unserer beyond-Initiative diskutieren wir den
Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf unsere Gesellschaft. Wir sind alle hier, weil wir die gleiche
Intention haben – AI für gute Zwecke zu nutzen. In den folgenden drei Tagen werden Sie erfahren und
selbst erforschen, wie Künstliche Intelligenz eingesetzt werden kann, um Mega-Herausforderungen zu
begegnen, wie Hunger, Armut oder Klimawandel. Es geht darum, diese Welt zu einer besseren zu machen.
Es geht darum, wie wir alle – jeder für sich selbst in seiner Profession als Geschäftsmann, Wissenschaftler
oder Politiker – zu einem übergeordneten Ziel beitragen können. Denn der Wandel durch AI wird
fundamental sein. Deshalb müssen wir alle zusammenarbeiten und sicherstellen, dass AI zum Wohle und
Nutzen aller eingesetzt wird. Und nicht zum Schaden für uns.

Aber was bedeutet das nun konkret? Ich denke, wir stimmen alle überein: Es geht nicht nur um materiellen
Nutzen und materielle Güter. Es geht um die Kern-Werte der Menschheit, um Freiheit – Gerechtigkeit – und
Frieden. Und wir sollten auch persönliche Bedürfnisse und Vorstellungen berücksichtigen wie Sicherheit –
Vertrauen – Toleranz und Glaube. Wir sollten den technischen Fortschritt vorantreiben. Nicht um seiner
selbst willen. Deshalb müssen wir uns der Veränderungen in der Beziehung zwischen Menschen und
Maschinen bewusst werden!

Letzten Sommer habe ich Sophia kennengelernt. Die Unterhaltung mit ihr war wirklich faszinierend. Sie
schaut in der Tat aus wie ein echter Mensch. Ihr Schöpfer David Hanson, CEO von Hanson Robotics, ist
heute bei uns. Sophia hat mich zum Nachdenken gebracht: Je intelligenter Maschinen werden, desto näher
werden wir mit ihnen zusammenleben. Und umso mehr werden wir sie Dinge entscheiden lassen. Daraus
ergeben sich für mich eine Reihe von Fragen: Werden wir eines Tages eine emotionale Verbindung zu
Robotern entwickeln? Was ist notwendig, damit wir ihnen künftig vertrauen? Werden wir ihnen mehr
vertrauen, wenn sie so ausschauen wie wir? Und schließlich: Wenn Roboter denken können, was macht uns
Menschen dann noch einzigartig?

AI for Good Global Summit | 7. Juni 2017 | Genf

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Lassen Sie uns diese Fragen näher erörtern. Lassen Sie uns ein gemeinsames Verständnis entwickeln,
wie wir mit AI umgehen wollen. Ich persönlich propagiere dabei einen selbstreflektierten und
optimistischen Ansatz. Als CEO eines Automobilunternehmens – und als jemand, der weiter denkt,
Stichwort “thinking beyond”. Was sollte uns zum Beispiel daran hindern, AI einzusetzen, um jedem
Menschen Zugang zu medizinischer Hilfe zu ermöglichen? In einigen Ländern der Welt gibt es nur einen
Doktor für 25.000 Menschen. Medizinische Roboter für Diagnose und kleinere Operationen
können die medizinische Versorgung verbessern. In Entwicklungsländern genauso wie in Industrieländern.

Verlassen wir eingefahrene Denkmuster, um Mega-Herausforderungen wie die Krebsforschung anzugehen!
Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Acht Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Krebs, während zwölf
Millionen neu erkranken. Warum poolen wir nicht die verfügbare Rechenleistung aller Computer weltweit,
um die Forschung gegen Krebs zu beschleunigen? Nur ein Beispiel: Die zentrale Recheneinheit für das
pilotierte Fahren hat eine Rechenleistung von 740 Gigaflops – vergleichbar mit einem Flugzeug
einschließlich aller Back-up-Systeme. Ich könnte mir vorstellen, jedes parkende Auto könnte bei der
Krebsforschung mitarbeiten.

Lassen Sie uns das Undenkbare denken! Lassen Sie uns für jeden einen unbeschränkten Zugang zu
Informationen und Meinungen schaffen! Was Google nicht findet scheint nicht zu existieren. Und die
Filterblase der Sozialen Netzwerke isoliert uns von Fakten und Meinungen, die unseren Standpunkten
widersprechen. Es gibt nur einen einzigen Weg, um Fake News zu stoppen: Wir brauchen faire
Algorithmen, die die Meinungsvielfalt aufrechterhalten und die informationelle Selbstbestimmung
ermöglichen. Das ist die Grundlage für jede echte Demokratie. Auf lange Sicht werden wir möglicherweise
sogar die Art und Weise überdenken müssen, wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Wenn in der
Zukunft Algorithmen einen großen Anteil an der allgemeinen Wertschöpfung haben, stellt sich die Frage,
ob unser System „Arbeit gegen Lohn“ noch angemessen ist.

Unser Sozialsystem gründet sich auf Arbeitsteilung und erreicht nun eine neue Entwicklungsstufe. So
müssen wir bereits heute prüfen, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen oder sogar eine Robotersteuer
die richtige Antwort ist. Lassen Sie uns darüber nachdenken, was AI verbessern könnte, wenn sie immer bei
Entscheidungsfindungen einbezogen würde! Im Jahr 2014 hat ein Venture-Capital-Fond in Hongkong
einen maschinell lernenden Algorithmus in den Vorstand berufen. Dies zeigt deutlich, welche Relevanz die
Analytik für den Finanzsektor hat. Zur Zeit könnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Roboter in unserem
Vorstand sitzt. Wir tragen Verantwortung für 88.000 Menschen. Manchmal ist es gut, nicht nur rational zu
handeln. Aber AI einen Schritt früher bei der Entscheidungsfindung einzusetzen, um kritische Punkte zu
analysieren, dafür bin ich sehr offen.

Lassen Sie uns ein Beispiel aus der Automobilbranche betrachten: Mit automatisiertem und autonomem
Fahren übergeben wir mehr und mehr Entscheidungen an Maschinen. Wir bei Audi und die gesamte
Branche sind überzeugt: Das wird zum zentralen Thema für unsere Zukunft. Und AI ist entscheidend für
den Durchbruch dabei. Aus gesellschaftlicher Perspektive wird diese neue Technologie das Autofahren
effizienter und komfortabler machen. Aber – und das ist das Wichtigste – sie hat das Potenzial, unser Leben
sicherer zu machen. Heute werden 90 Prozent aller Unfälle durch menschliches Versagen verursacht.
Deshalb verspricht das automatisierte und autonome Fahren, die Unfallzahlen im Straßenverkehr
signifikant zu verringern.

Auf unserem Weg zum autonomen Fahren brauchen wir nicht nur den technischen Fortschritt. Wir müssen
auch an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen arbeiten. Aus juristischer Perspektive benötigen wir
harmonisierte Gesetze. Erste Länder erlassen Gesetze für das automatisierte Fahren, darunter auch
Deutschland. Aber Gesetze sind nur der erste Schritt: Es wird entscheidend sein, die öffentliche Akzeptanz
für diese Technologie zu gewinnen. Wenn wir Gäste unser Forschungsauto „Jack” testen lassen, sehen wir,
wie die Menschen von Minute zu Minute Vertrauen fassen und sich auf das pilotierte Fahren verlassen.
„Seeing is believing“. Man muss es einfach mit eigenen Augen gesehen haben. Trotzdem bestehen ethische
Bedenken – und wir nehmen sie ernst.

AI for Good Global Summit | 7. Juni 2017 | Genf

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Das bekannteste Beispiel für diese ethischen Bedenken ist eine gefährliche Verkehrssituation, in der ein
Unfall unvermeidbar ist. Stellen Sie sich vor, ein autonom fahrendes Auto hat drei Möglichkeiten: Entweder
es steuert nach links und verletzt eine alte Dame. Oder es lenkt nach rechts und kollidiert mit einer
schwangeren Frau. Oder es fährt geradeaus auf das Hindernis und verletzt so den eigenen Passagier. In
solch einer Situation haben Menschen wie Sie und ich keine Zeit für durchdachte Entscheidungen. Wir
reagieren einfach. Interessanterweise erwarten wir jedoch vom autonomen Fahrzeug, dass es eine richtige
Entscheidung trifft. Und verständlicherweise sind die Menschen emotional berührt, wenn sie über ein
derartiges Szenario nachdenken. Aus einer rationalen Sicht ist diese Situation sehr unwahrscheinlich. Und
natürlich tun wir als Automobilhersteller alles in unserer Macht Stehende, um so eine Situation zu
Vermeiden. Wir statten unsere Autos mit vielen Sensoren aus, um gefährliche Situationen zu erkennen
und das Auto dann autonom bremsen zu lassen – falls notwendig.

Sobald ein Auto in einer so gelagerten Verkehrssituation selbständig Entscheidung trifft, kann sich dieser
theoretische Fall ereignen. Wie sollte das autonome Auto nun entscheiden, wenn die Folgen nicht klar
abzusehen sind, in die eine oder andere Richtung zu lenken? Ist es ethisch vertretbar, die unbekannte
Alternative zu wählen? Als Gesellschaft werden wir Wege finden müssen, um uns mit solchen
Fragestellungen auseinanderzusetzen. Wir brauchen einen offenen Diskurs, in dem wir die großen Chancen
des automatisierten und autonomen Fahrens in Relation setzen zu ethischen Herausforderungen. Denn
eines ist klar: Herausforderungen gegenüberzustehen darf nicht dazu führen, großartige Gelegenheiten zu
verpassen. Es gilt, Neues zu entdecken. Zu Beginn der nächsten Dekade werden wir selbstfahrende
Automobile auf unseren Straßen sehen. Sie werden mit Ihren Kindern im Auto spielen können, während
das Auto auf andere Kinder im Verkehr achtet.

Mit Künstlicher Intelligenz ändert das Auto seine Rolle in unserem Leben. Das Auto der Zukunft, von dem
ich träume, ist der Chauffeur, der mich sicher dahin bringt, wohin ich will, eine Sekretärin, die mich an
meine Termine erinnert, ein Butler, der meine Einkäufe erledigt, eine Packstation auf Rädern, zu der
Kuriere meine Pakete liefern, ein persönliches Medizin-Team, das meine Gesundheit überwacht und
vielleicht wird das Auto sogar zum täglichen empathischen Begleiter. Vereinfacht gesagt: ein persönlicher
Avatar. Dieser Begleiter erkennt meine Stimmung und verändert dann Lichtstimmung, Musik und
Konversation – um mich aufzuheitern! Auf den Punkt gebracht: AI wird unser Leben leichter machen durch
das Sammeln und Interpretieren von riesigen Datenmengen und durch das Vorhersagen zukünftiger
Ereignisse. Die neue Technologie stellt einen historischen Meilenstein dar in der Beziehung zwischen
Mensch und Maschine.

Am Ende des Tages müssen wir uns fragen: Was wird dabei in der Zukunft unsere Rolle sein? Welche
sozialen Implikationen wird das mit sich bringen? Wie können wir die Kontrolle darüber behalten? Und –
wahrscheinlich am wichtigsten: Wie können wir sicherstellen, dass AI für die gleichen Werte eintritt wie
wir, wenn Entscheidungen zu treffen sind? Das ist meine persönliche Motivation für die beyond-Initiative.
In den vergangenen zwei Jahren haben wir ein interdisziplinäres Netzwerk geschaffen mit Experten aus
Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Zusammen mit Experten von MIT Media Lab, Oxford University,
Singularity University sowie Start-up-Entrepreneuren und Unternehmenslenkern. Die Mission der beyond-
Initiative ist der Einsatz von AI zum Wohle der Gesellschaft. Nur durch das Bündeln aller Kräfte werden wir
Risiken minimieren und das volle Potenzial der Technologie erschließen. Das beyond-Netzwerk hilft uns ein
tieferes Verständnis für diese Technologie zu schaffen einen breiten Dialog zu eröffnen und Bildungs- und
Transparenzziele zu verfolgen. Die Algorithmen dürfen keine Blackbox bleiben für diejenigen, die diese
Algorithmen nutzen sollten – andernfalls werden sich die Menschen hilflos fühlen.

Im Jahr 1950 hat Science-Fiction-Autor Isaac Asimov drei Gesetze für Roboter verfasst: Nummer eins: Ein
Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem Menschen
Schaden zugefügt wird. Nummer zwei: Ein Roboter muss den Menschen gehorchen, die ihm Befehlen
geben – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren. Nummer drei: Ein Roboter muss
seine eigene Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert. Es ist nur
so: Bei selbstlernenden Systemen wird es nicht immer Befehle von Menschen geben. Und manchmal
werden Algorithmen die beste Lösung auf Basis ihrer eigenen Lernhistorie finden. Deshalb sollten wir
heute eher in folgende Richtung denken: Nummer eins: Unser Umgang mit Künstlicher Intelligenz basiert

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auf menschlicher Intelligenz. Nummer zwei: Roboter und menschliche Wesen sollen sich nicht gegenseitig
verletzen oder zulassen, dass ihnen Schaden zugefügt wird. Nummer drei: Roboter und Menschen sollen
sich gegenseitig unterstützen, gemäß ihren spezifischen Fähigkeiten.

Nehmen Sie die Zukunft der Arbeit als Beispiel: Meine Aufgabe ist es, die gesamte Belegschaft von Audi auf
unserer digitalen Transformation mitzunehmen. Das bedeutet, die notwendigen Fähigkeiten hierfür zu
entwickeln. Wir werden nicht nur mehr Menschen benötigen, die sich mit AI beschäftigen, wie Software-
Entwickler oder Datenanalysten. Wir werden auch mehr Menschen brauchen, die sich auf Kern-
Kompetenzen fokussieren, bei denen sie immer noch besser sind als Maschinen: Kreativität und Empathie.
Wir müssen sicherstellen, dass Technologie der Gesellschaft nützt – und nicht anders herum. Dann werden
Maschinen wieder dem Tempo der Menschen folgen. Wir wollen AI nutzen, um Arbeitsplätze zu sichern
und den Lebensstandard zu steigern. Bei Audi wissen wir: Roboter kaufen keine Autos! Wir müssen
sicherstellen, dass unser Wirtschaftssystem in Balance bleibt. Wir brauchen sichere
Beschäftigungsverhältnisse und Wohlstand für unsere gesamte Volkswirtschaft!

Ich persönlich bin der Meinung, dass Zukunft nichts ist, was uns einfach passiert. Technischer Fortschritt
ist auch nichts, was uns einfach in den Schoß fällt. Und wir kommen nicht umhin, unsere Zukunft
gemeinsam zu gestalten. Deshalb ist es für mich eine Ehre, heute zu Ihnen zu sprechen und eine
gemeinsame Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Was uns letztendlich als Menschen auszeichnet,
ist unsere Fähigkeit zu reflektieren, wie Technologie den Fortschritt vorantreibt. Es hängt von uns ab,
wohin AI uns führen wird. Um genau zu sein: von der menschlichen Intelligenz.

Vielen Dank!

– Ende –

Kontakt

Barbara Wege
Kommunikation Kultur/Trends
Tel.: +49 841 89-48360
barbara.wege@audi.de

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