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ERSTE PHILOSOPHIE (1923/24)

E rster Teil

HUSSERLIANA

EDMUND HUSSERL

GESAMMELTE W E R K E

BAND VII

ERSTE PHILOSOPHIE (1923/24)

E

r

s t

e r

T e il

AUF

GEM EINSCHAFT

U N IV ER SITÄ T KÖLN VOM HU SSERL-A RCH IV (LOUVAIN)

IN

DER

GRUND

DES

NACHLASSES

MIT

DEM

V ERÖ FFEN TLIC H T

AN

HUSSERL-ARCHIV

U N TER

LEITU N G

VON

H. L. VAN BREDA

EDMUND HUSSERL

ERSTE PHILOSOPHIE (1923/24)

E R STER T E IL

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

H ERA U SG EGEBEN VON

RUDOLF BOEHM

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE H ERA U SG EGEBEN VON RUDOLF BOEHM Ouvrage préparé sous les auspices du

Ouvrage préparé sous les auspices du Conseil international de la Philosophie et des Sciences Humaines et de la Fédération internationale des Sociétés de Philosophie avec l’aide de l’U.N.E.S.C.O.

HAAG

MARTINUS NIJHOFF

1956

ISBN-13: 978-90-247-0222-0 DOI: 10.1007/978-94-010-9323-1

Copyright 1956

by M artinus

e-ISBN-13: 978-94-010-9323-1

N ijhoff,

The Hague,

Netherlands

Softcover reprint of the hardcover 1st edition 1956

A ll rights reserved, including the right to translate or to reproduce this book or parts thereof in any form

INHALT

E inleitung des H erausgebers

xi

ERSTE PHILOSOPHIE (1923/24)

E rster Teil

KRITISCHE

IDEENGESCHICHTE

E rster A bschnitt : Von Platons Idee der Philosophie zu den

An­

fängen ihrer neuzeitlichen Verwirklichung bei Descartes 1).

.

.

.

3

Erstes

Kapitel:

Die Idee

der

Philosophie

und

ihre

geschichtliche

H e r k u n f t

3

1. Vorlesung:

Ü ber die geschichtliche Aufgabe, der Phäno­

 

menologie die

Entw icklungsgestalt einer E rsten

Philoso­

phie zu geben

3

2. V orlesung: Platons D ialektik und die Idee der philosophi­ schen W isse n s c h a ft

 

11

Zweites Kapitel: Die

Begründung

der Logik

und

die Grenzen der

 

form al-apophantischen A n a l y t i k

 

17

3. Vorlesung:

Die aristotelisch-stoisch-traditionelle Logik der

Konsequenz oder E in stim m ig k e it

4. V orlesung: E x k u rs: Über die universale Logik der Konse­ quenz als analytische M athem atik, die korrelative Behand­ lungsweise der formalen Ontologie und das Problem einer

Logik der W a h r h e it

.

17

24

Drittes Kapitel: Die durch die sophistische Skepsis veranlaßten ersten

Besinnungen auf die erkennende S u b j e k t i v i t ä t

5. Vorlesung:

Die Entdeckung der Ideenerkenntnis und die*

31

q Dieser und sämtliche Titel der Abschnitte, Kapitel und Vorlesungen der Ersten

Philosophie, wie sie hier erscheint, stammen vom Herausgeber; ebenso zahlreiche der

Überschriften für die Ergänzenden Texte.

441. Im Text

Herausgebers,

S. XIV, sowie die Textkritischen Anmerkungen, besonders S. 420 und S.

selbst wurden die nicht von Husserl selbst formulierten Titel in Keilklammern < >

gesetzt.

Vgl.

die

Einleitung

des

VI

INHALT

 

griechischen Anfänge philosophischer, rationaler Wissen­ schaften

31

6. Vorlesung: Die in der Platonischen Idee der D ialektik

 

implizierte Forderung nach einer Theorie der Erkenntnis.

37

7. Vorlesung: System atischer Entw urf der vollen Idee der

 

Logik — einer

Logik der W ahrheit — als einer Wissen­

schaft von der erkennend und überhaupt leistenden Sub­ je k tiv ität

44

Viertes Kapitel: Die geschichtlichen Anfänge der W issenschaft von der S u b je k tiv itä t

51

8.

Vorlesung: Aristoteles* Begründung der Psychologie und das Grundproblem einer Psychologie ü b e r h a u p t

51

9.

V

orlesung: Der Skeptizismus — die grundsätzliche Be­

deutung seiner „U nsterblichkeit” in der Geschichte der

Philosophie. Der entscheidende Schritt Descartes*

58

10.

Vorlesung:

Die Cartesianischen M editationen

63

11.

Vorlesung: E rster wirklicher Ausblick auf die Transzen­

dentalwissenschaft. Übergang von den Cartesianischen Me­ ditationen zu L o c k e

70

Zw eiter A bschnitt : Die

logie bei Locke und ihre

Anfangsgründe des Versuches einer Ego-

bleibende P ro b le m a tik

78

Erstes Kapitel:

Die grundsätzliche

Beschränkung von

Lockes Ge­

sichtskreis und ihre G r ü n d e

 

78

Vorlesung:

12. Der

naive Dogmatismus des Objektivism

78

13. Die em piristischen Vorurteile — der Psycholo­

Vorlesung:

 

gismus in der E rkenntnistheorie

87

14. Vorlesung: Die Vorbildlichkeit der neuzeitlichen N atur­ wissenschaft als hemmendes Motiv für die Ausbildung einer

 

echten intuitionistischen BewußtseinsWissenschaft

93

Zweites Kapitel: Kritische Erschließung der in Lockes Forschungen verborgenen echten und bleibenden P roblem atik

102

15. Vorlesung: Das Problem der Im m anenz und der syntheti­ schen Einheit im Bewußtsein

102

16. Vorlesung: Die Irrealität der im m anenten Gehalte der Be­ wußtseinssynthesis in ihrer Ich-Gegenstand-Polarisierung und das Problem der Intersubjektivität. Bemerkungen zu Berkeleys K ritik an L o c k e

110

17. Vorlesung: Zur Frage der K onstitution der „Ä ußerlich­

 

eit” : die Cartesianische Evidenz der Selbstgegebenheit der Dinge in der W a h rn eh m u n g

k

116

Drittes Kapitel: Die A bstraktionstheorie des Em pirism us als Index seiner Verfehlung der Idee einer eidetischen W issenschaft vom reinen B e w u ß ts e in

126

18.

Vorlesung: Die Verkennung der intuitiven Selbstgegeben­ heit der allgemeinen W esenheiten

126

INHALT

VII

19. Vorlesung:

Die N otw endigkeit der Extension der Idee der

A n s c h a u u n g

D ritter A bschnitt : Die Ausbildung skeptischer Vorformen der Phänomenologie durch Berkeley und Hume und der dogmatische R a tio n a lis m u s

Erstes Kapitel: Von Locke zu Berkeleys radikaler Konsequenz einer

132

141

rein

im m anenten P h ilo so p h ie

20.

141

Vorlesung: Die positive geschichtliche Bedeutung der E r­

neuerung des Skeptizismus durch Locke und seine Nach­ folger

141

21. Vorlesung: Berkeleys Entdeckung und — naturalistische

 

M

ißdeutung des Problems der K onstitution der realen W elt

148

22. Vorlesung: Berkeleys monadologischer A nsatz; Vergleich

 

m

it Leibniz. Übergang zu H u m e

152

Zweites Kapitel: Humes Positivismus — die Vollendung des Skepti­ zismus und zugleich der entscheidende vorbereitende Schritt zu einer transzendentalen G ru n d w isse n sc h a ft

157

23. Vorlesung: Humes nom inalistische Reduktion aller Ideen auf Impressionen und der W idersinn in diesem

157

24. Vorlesung: Die notwendige Eidetik der Bewußtseinswis­ senschaft und der induktiv-empirische Objektivismus bei

 

H

u m e

166

25. Vorlesung: Das K onstitutionsproblem bei Hume — aber

sein Enden im vollkommenen S k ep tiz ism u s 173

182

Drittes Kapitel:

Rationalism us und M etaphysik der N euzeit

.

.

26. Vorlesung: Die Grundzüge der positiv aufbauenden Linie

des neuzeitlichen Rationalism us und seinDogmatismus . 182

 

a) Überblick über die durch den Mangel einer transzenden­ talen Grundwissenschaft beeinträchtigte Vorbereitung einer zukünftigen echten M e ta p h y sik

182

b) Kritische Bemerkungen über das regressive Verfahren in den rationalistischen K onstruktionen seit dem O kka­ sionalismus. Die Aufgabe progressiver Forschung

188

27. Über M etaphysik und Erkenntnistheorie.

Vorlesung:

Die

 

Bedeutung

der Monadologie Leibniz' und der V ernunft­

 

kritik K a n t s

191

 

ERGÄNZENDE TEX TE

A.

A b h a n d l u n g e n

 

203

Die Idee einer philosophischen K ultur. Ih r erstes Aufkeimen in der griechischen Philosophie (1922/23) * )

203

0 Zu diesem und den ferner im Inhaltsverzeichnis für die Ergänzenden Texte ange­

gebenen Entstehungsdaten sind des näheren die Ausführungen zu Beginn der Text­ kritischen Anmerkungen zu einem jeden der Texte zu vergleichen.

VIII

INHALT

K ants kopem ikanische U m drehung und der Sinn einer solchen ko- pem ikanischen W endung überhaupt (1 9 2 4 )

 

208

K ant und die Idee der Transzendentalphilosophie (1 9 2 4 )

230

 

V

o rw o rt

230

K

ant und die Idee der T ranszendentalphilosophie

239

 

I.

Die Revolution der natürlichen D e n k u n g s a rt

240

II.

Die Selbstverständlichkeiten der W elt

und das Bew ußt­

seinsleben

243

III.

Die Erschließung des Reiches der transzendentalen E r­ fahrung

248

a)

Das reine subjektive und intersubjektive Bewußtsein 248

b) Transzendentale W esensforschung und transzenden­

tale Tatsachen W isse n sc h a ft

256

c) atürliche und transzendentale Reflexion und der

N

U

ntergrund der I n t e n t i o n a l i t ä t

259

d) atürliche Reflexion und das Unzureichende psycho­

N

logischer R e d u k t i o n

267

IV.

Der Sinn des ,,In-Frage-stellens” der W elt

270

V.

Die Rechtfertigung des transzendentalen ,,Idealism us” :

seine system atische wissenschaftliche

277

VI.

K ants Entw urf eines ersten Systems wissenschaftlicher T ranszendentalphilosophie

280

V II.

Die

geschichtliche

Entw icklung

der

T ranszendental­

philosophie und ihre praktische B e d e u tu n g

282

 

V

III. Der Sinn einer Nachfolge K a n ts

284

Problem einer nicht historischen sondern idealen Genesis der Idee

 
 

strenger

W issenschaft (1 9 2 5 )

288

B.

B e il a g e n

 

298

Beilage

I : Inhaltsübersicht, zusamm engestellt von Ludwig L and­

.

grebe ( 1 9 2 4 )

298

 

,,

I I : Zur Installierung der Idee der Philosophie (1910/11)

305

,,

I I I : Definitionen der Philosophie (1910/11)

310

,,

I V : Die universalistische Tendenz des theoretischen In ter­

 

esses und der Anfang der Philosophie (1910, 1924)

.

311

 

,,

V: Bemerkungen

zum Entw icklungszug von Parmenides

 

über Platon ( 1 9 2 3 )

Urkonzeption aufgegeben sind ( 1 9 2 6 )

V II:

315

 

,,

V I: Probleme, die der Philosophie durch ihre griechische

316

,,

Platon und die Begründung der Ideenm athem atik

 

(1 9 2 4 )

327

 

,, V III: Notizen zur Lehre des Plotin (1 9 1 3 )

 

328

,,

329

IX : Der Cusaner über Wesensschau (1 9 2 3 ) X : Descartes und die Skepsis ( 1 9 2 0 )

,, ,, X I: Ein schwieriger P unkt der K ritik D escartes’

 

330

335

INHALT

IX

Beilage X I I : Wege

und Irrwege der neuzeitlichen Egologie von Des­

   

343

 

,,

X III:

cartes bis H um e (1923) Über die B edeutung Descartes',

Brentanos für die Entwicklung der Phänomenologie

Lockes, Leibniz’ und

 

(1 9 2 6 )

349

 

,,

X IV :

XV:

G rundsatz Humes (1916)

350

,,

H um e und K ant. Einw ände gegen K ants Problem der synthetischen Urteile a priori und gegen das Schema

 

seiner Lösung

(1903)

350

 

,,

X V I:

Gegen K ants anthropologische Theorie (1908).

.

.

.

357

 

X V II:

.

.

365

 

,, „ X V I I I :

K ants Begriff des F aktum s (der Tatsache) (1908). Zur K ritik K ants und Leibniz’ ( 1 9 2 4 )

 

365

X IX :

H at K ant wirklich das Grundproblem der E rkenntnis­ kritik getroffen ? (1908)

 

377

X X :

Zur

Auseinandersetzung

meiner

transzendentalen

 

Phänomenologie

m it

K ants

Transzendentalphiloso­

 

phie (1908)

381

 

X X I:

K ant

und die Philosophie des Deutschen Idealismus

 

(1 9 1 5 )

X X I I :

395

 

,,

Exzerpte und Notizen zur nachkantischen Philosophie

 

(1 9 1 4 )

408

TEX TK R ITISC H ER ANHANG

 

T

extkritische A n m e r k u n g e n

 

415

 

Vorbemerkung

415

Textkritische Anmerkungen zum H a u p t t e x t

 

418

Textkritische Anmerkungen zu den Ergänzenden

438

A. A bhandlungen 438

B. I p e ila g e n

451

N

achweis der

O r i g i n a l s e i t e n

 

465

N

a m e n r e g is t e r

467

Zwischen S. 416 und S. 417 finden sich Reproduktionen von Original­

seiten aus den dieser

Erläuterungen zu den Reproduktionen S. 417.

Ausgabe zugrundeliegenden M anuskripten Husserls.

ERSTE PHILOSOPHIE

(1923/24)

E r s t e r

T e il

x)

KRITISCHE

IDEENGESCHICHTE

<E rster

A bschnitt

VON PLATONS ID E E D ER PH IL O SO PH IE ZU DEN

ANFÄNGEN

IH R E R

N EU ZEITLIC H EN

V ER W IR K LIC H U N G

B EI

DESCARTES >

D ie

Idee

1.

V orlesung:

der

<E rstes

K apitel

Philosophie

und

ihre

liche

Herkunft >

<Über die

geschichtliche

Aufgabe ,

der

geschicht­

Phänomenologie

die Entwicklungsgestalt einer Ersten Philosophie zu geben.>

,,Erste Philosophie” ist, wie bekannt, als Name einer philo­ sophischen Disziplin von Aristoteles eingeführt, in der nach­

aristotelischen Zeit aber durch den zufällig in Gebrauch geratenen Ausdruck ,,Metaphysik” verdrängt worden. Wenn ich den von

5 Aristoteles geprägten Ausdruck wiederaufnehme, so ziehe ich gerade aus seiner Ungebräuchlichkeit den sehr erwünschten Vorteil, daß er nur die wortwörtliche Bedeutung in uns weckt, und nicht die vielfältigen Sedimente der historischen Überlie­ ferung, die als die vagen Begriffe von Metaphysik Erinnerungen

Vorzeit

durcheinandergehen lassen. Dieser wortwörtliche Sinn diente dereinst, wie es bei einer ursprünglichen terminologischen Prägung wohlverständlich ist, als formale Vorzeichnung der theoretischen Absicht, welche die neue Disziplin mit ihrem

10 an

die

mannigfaltigen metaphysischen

Systeme

der

15 nachher erst bestimmter zu definierenden Problemgehalt ver­ wirklichen sollte. Wie weit auch die Wissenschaft, der unsere Vorlesungen gewidmet sein sollen, in ihrem Problemgehalt von demjenigen der aristotelischen Ersten Philosophie sich ent­*)

*) Vgl. Beilage I, S. 298 ff. — Anm. d. Hrsg.

4

ERSTE PHILOSOPHIE

femt, jene formale Vorzeichnung kann auch uns vortrefflich dienen, und darum übernehmen wir das Wort und knüpfen daran unsere ersten Überlegungen. Erste Philosophie — was muß aus dem wörtlichen Sinn heraus- 5 gelesen werden ? Offenbar müßte es eine Philosophie sein, die

unter den Philosophien überhaupt, welche in ihrer Gesamtheit und Ganzheit die eine Philosophie ausmachen, eben die erste ist. Da Wissenschaften nicht in freier Kombinatorik und nach Be­ lieben Ordnung annehmen, sondern in sich selbst Ordnung, also

10 Prinzipien der Ordnung tragen, so wird Erste Philosophie natürlich diejenige heißen, die ,,an sich”, d.i. aus inneren Wesens­ gründen die erste ist. Es kann dabei gemeint sein, daß sie die erste sei an Wert und Würde: gleichsam das Allerheiligste der Philosophie in sich tragend, während die übrigen, die ,,zweiten”

15 Philosophien, nur die notwendigen Vorstufen, gleichsam die Vorgemächer jenes Allerheiligsten darzustellen hätten. Die Bedeutung kann aber auch eine andere sein, und eine aus Wesens­ gründen sogar näherliegende. Jedenfalls sei sie die hier von uns zu bevorzugende. Wissenschaften sind aus zwecktätiger Arbeit

20 entsprungene Werkgebilde; Einheit eines Zweckes schafft in der rationalen Folge zugehöriger Zwecktätigkeiten Einheit der

Ordnung. Jede Wissenschaft für sich bietet uns eine endlose Mannigfaltigkeit geistiger Gebilde, wir nennen sie Wahrheiten. Aber die Wahrheiten einer Wissenschaft sind nicht ein zusam-

25

menhangloser Haufen, so wie korrelativ das Tun des Wissen­ schaftlers nicht ein vereinzeltes und planloses Suchen und Er­ zeugen von Wahrheiten ist. Alle einzelnen Erzeugungen stehen unter höheren leitenden Zweckideen, und zuletzt unter der obersten Zweckidee der Wissenschaft selbst. Wie damit der

30

gestaltenden Arbeit die Regel vorgezeichnet ist, so nehmen auch alle einzelnen Wahrheiten eine systematische und d.i. eine ihnen aufgeprägte teleologische Gestalt an. In festen Ordnungen treten Einzelwahrheiten in Wahrheitsverbände niederer und höherer Zweckform; sie verbinden sich z.B. zu Schlüssen, Beweisen,

35

Theorien, und zuoberst gehört zur ganzen Wissenschaft eine ideelle Alleinheit der Theorie, einer in der endlos fortstrebenden Wissenschaft sich endlos erweiternden und immer höher ge­ staltenden universalen Theorie x).

J) Vgl. Beilage II, S. 305 ff. — Anm. d. Hrsg.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

5

Das wird also auch von der Philosophie, sofern wir sie uns ja als eine Wissenschaft denken, gelten müssen. Danach muß sie einen theoretischen Anfang haben für alle ihre Wahrheitser­ zeugungen und erzeugten Wahrheiten. Der Name ,,Erste Phi-

5

losophie” würde dann hindeuten auf eine wissenschaftliche Disziplin des Anfangs; er würde es erwarten lassen, daß die oberste Zweckidee der Philosophie für den Anfang oder für ein geschlossenes Gebiet der Anfänge eine eigene, in sich geschlossene Disziplin fordere, mit einer eigenen Problematik der Anfänge,

10

nach geistiger Vorbereitung, nach exakter Formulierung und dann wissenschaftlicher Lösung. Aus innerer unablöslicher Not­ wendigkeit würde diese Disziplin allen anderen philosophischen Disziplinen vorangehen, sie methodisch und theoretisch fun­ dieren müssen. Die Eingangspforte, der Anfang der Ersten Phi-

15

losophie selbst wäre danach der Anfang aller Philosophie über­ haupt. Im Hinblick auf das philosophierende Subjekt müßten wir demnach sagen: im wahren Sinne Anfänger der Philosophie ist derjenige, der die Erste Philosophie von ihrem Anfänge an wirklich, also in absolut standhaltender Wahrheit bzw. in voll-

20

kommenster Einsicht, gestaltet. Solange das nicht in ursprüng­ licher Forschung gelungen ist, gibt es in diesem Sinne noch keinen Anfänger der Philosophie, wie keine Erste Philosophie selbst in wirklicher Realisierung. Ist sie aber einmal gelungen, dann kann es auch Anfänger der Philosophie in dem gemeinüblichen, ande-

25

ren Wortsinn geben, nämlich als Lehrlinge, die die von anderen vorgedachten Wahrheiten im eigenen einsichtigen Denken nacherzeugen und damit in sich selbst einen Anfänger der Ersten Philosophie nachgestalten. Mit diesen an dem Wortsinn ,,Erste Philosophie” sich orien-

30

tierenden Ausführungen ist zugleich die erste formale Vorzeich­ nung für die Absicht meiner Vorlesungen gegeben. Es soll ein ernster Versuch sein, der Idee einer Ersten Philosophie genug­ zutun, und in der lehrhaften Darstellung zugleich der Versuch, den selbsttätig mitdenkenden Hörer Wege der Notwendigkeit

35

zu führen, auf denen er im wahren Sinne zum Mitanfänger der Ersten Philosophie selbst und damit zum anfangenden Philoso­ phen überhaupt werden kann. Vorweg muß ich sagen, daß das Desiderat einer Ersten Philosophie keineswegs längst schon in irgendeinem der historisch überlieferten philosophischen Systeme

6

ERSTE PHILOSOPHIE

erfüllt ist, nämlich erfüllt in Form einer echten Wissenschaft von zwingender Rationalität. Es handelt sich hier also nicht bloß darum, altes historisches Erbgut zu verlebendigen und dem Studierenden in dieser Hinsicht die Arbeit geistiger Zueignung

damit zugleich gesagt, daß ich

außerstande bin, irgendeine der historischen Philosophien über­

haupt als eine Philosophie endgültiger Form, d.h. der für eine Philosophie unbedingt geforderten Form strengster Wissen­ schaft anzuerkennen. Ohne einen streng wissenschaftlichen

5 nur zu erleichtern. Natürlich ist

10

Anfang gibt es keinen streng wissenschaftlichen Fortgang. Erst mit einer strengen Ersten Philosophie kann eine strenge Phi­ losophie überhaupt, eine philosophia perennis in Erscheinung treten, als immerfort werdende zwar, sofern Unendlichkeit zum Wesen aller Wissenschaft gehört, aber doch in der Wesensform

15

der Endgültigkeit. Andererseits bin ich der Überzeugung, daß sich im Durch­ bruch der neuen transzendentalen Phänomenologie schon ein erster Durchbruch einer wahren und echten Ersten Philosophie vollzogen hat; aber sozusagen nur in einer ersten, noch unvoll-

20

kommenen Approximation. In mehreren Freiburger Vorlesungen habe ich in verschiedenen Formen Versuche gemacht, die Ap­ proximation auf eine möglichst hohe Stufe zu heben, die Leit­ ideen, die Methoden, die Grundbegriffe zu vollkommenster Klarheit zu bringen, und zugleich Versuche, der Phänomenologie

25

die von der Idee einer Ersten Philosophie her geforderte Ent­ wicklungsgestalt zu geben, nämlich die Gestalt einer sich im radikalsten philosophischen Selbstbewußtsein, in absoluter methodischer Notwendigkeit selbstgestaltenden Philosophie der Anfänge. In der Ejnleitungsvorlesung des vorigen Winters *)

30

meinte ich dieses Ziel in der Hauptsache erreicht zu haben. In

der jetzigen Vorlesung hoffe ich noch weitere Vereinfachungen und Besserungen durchführen zu können. Von neuem jedenfalls hoffe ich zeigen zu können, daß die Idee der Ersten Philosophie sich stufenweise erweitert; daß sie die notwendige und echte 35 Idee einer universalen Wissenschafts-Lehre verwirklicht, daß sie damit die gesamte Theorie eines Vemunftlebens umspannt, also eine universale Theorie der erkennenden, wertenden und prak­ tischen Vernunft. Und wieder, daß sie dazu berufen ist, unser

*)

E in le itu n g in

d ie P h ilo s o p h ie (1922/23). — Anm. d. Hrsg.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

7

ganzes Wissenschaftsgetriebe zu reformieren und uns von allem wissenschaftlichen Spezialistentum zu erlösen. Ich schicke zunächst eine Einleitung voraus, die uns die unentbehrlichen inneren Voraussetzungen für unser Unter- 5 nehmen verschaffen soll. Wir wissen bisher nicht einmal, welchen der vielen und leider sehr wenig klaren Begriffe von Philosophie wir zur Leitung wählen sollen. Welchen immer wir wählten, er käme uns zunächst nur als ein leer abstrakter, formaler Wort­ gedanke entgegen x). So hätte er nicht die Kraft, unsere Seelen

10

in Schwung, unsere Willensenergien in Bewegung zu setzen. Es handelt sich, wie gesagt, um nichts Geringeres als um eine Re­ form der ganzen Philosophie und, darin beschlossen, um eine universale Reform aller Wissenschaften überhaupt. Wo es sich, in welchem Kulturreiche immer, um eine radikale und universale

15

Reform handelt, da ist die Triebkraft eine tief bewegende geistige Not; die allgemeine geistige Lage erfüllt die Seele mit so tiefer Unbefriedigung, daß in ihren derzeitigen Formen und Normen weiterzuleben nicht mehr möglich ist. Sollen aber die Möglich­ keiten einer Änderung dieser Lage, der Bildung befriedigender

20

Ziele und Methoden des geistigen Lebens der betreffenden Sphäre erwogen werden, dann bedarf es offenbar eindringender Besin­ nungen über die inneren Motivationsquellen solcher Lage und über das ganze geistige Gefüge der hier sich in einer festgewor­ denen Typik geistigen Wirkens friedlos abmühenden Menschheit. Solche Besinnungen aber gewinnen volles Licht erst aus der

25

Geschichte, die, von der Gegenwart her interpretiert, umgekehrt wieder die Gegenwart verständnisvoll erleuchtet. So wollen wir von den verwirrenden Mannigfaltigkeiten, die uns Wissenschaft und Philosophie der Gegenwart darbieten, zurückgehen auf Zeiten primitiver Anfänge. Ein historischer Rückblick soll uns

30

also zunächst zur seelischen Vorbereitung dienen; er soll ur- kräftige Motivationen wecken, die unser Interesse und unseren Willen in Bewegung setzen können. Sollte ich heute, unter dem Aspekt der mir in Jahrzehnten zugereiften Überzeugungen, sagen, welche Philosophen mir im

35

Rückblick auf die gesamte Historie der europäischen Philosophie vor allen entgegenleuchten, so würde ich zwei bzw. drei nennen:

es sind die Namen der größten Anfänger, Wegeröffner der Phi-

x) Vgl. Beilage III, S. 310 f. — Anm. d. Hrsg.

8

ERSTE PHILOSOPHIE

losophie. An erster Stelle nenne ich Platon, oder vielmehr das unvergleichliche Doppelgestim S o k r a t e s-P 1a t o n. Die Schöpfung der Idee wahrer und echter Wissenschaft oder, was für lange Zeit genau dasselbe besagt, der Idee der Philoso- 5 phie sowie die Entdeckung des Problems der Methode führt

auf diese Denker, und als vollendete Schöpfung auf Platon zurück. An zweiter Stelle nenne ich Descartes. Seine Meditationes de 'prima philosophia bedeuten in der Geschichte der Philosophie

10

dadurch einen völlig neuen Anfang, daß sie in einem bis dahin unerhörten Radikalismus den Versuch machen, den absolut notwendigen Anfang der Philosophie zu entdecken und dabei diesen Anfang aus der absoluten und völlig reinen Selbsterkennt­ nis zu schöpfen. Von diesen denkwürdigen ,,Besinnungen über

15

die Erste Philosophie” stammt die durch die ganze Neuzeit hindurchgehende Tendenz zur Neugestaltung aller Philosophie in eine Transzendentalphilosophie. Damit ist aber nicht nur ein Grundcharakter der Philosophie der Neuzeit, sondern, wie nicht mehr zu bezweifeln ist, derjenige aller wissenschaftlichen Phi-

20

losophie überhaupt und für alle Zukunft bezeichnet. Betrachten wir zunächst den älteren Sokratisch-Platonischen Anfang zu einer echten und radikalen Philosophie. Dazu einige Vorworte J). Die erste, naiv außenweltlich gerichtete Philosophie der Griechen 2) erfuhr in ihrer Entwicklung einen Bruch durch

25

die sophistische Skepsis. Die Ideen der Vernunft in allen ihren Grundgestalten erschienen durch die sophistischen Argumentationen entwertet. An sich Wahres in jedem Sinn — an sich Seiendes, Schönes, Gutes — hatten sie als trügerischen Wahn hingestellt, durch eindrucksvolle Argumentationen als ver-

30

meintlich erwiesen. Damit verlor die Philosophie ihren Zielsinn.

Für ein prinzipiell nur subjektiv-relativ Seiendes, Schönes, Gutes konnte es keine an sich wahren Sätze und Theorien geben, keine Wissenschaft oder, was damals dasselbe besagte, keine Philoso­ phie. Indessen nicht nur die Philosophie war betroffen. Das 35 gesamte handelnde Leben war seiner festen normativen Ziele**)

*) Der hier folgende Text bis S. 10 . von solchem Wesen überhaupt.” ist von

H. mit geringen Abänderungen aus seinem Aufsatz D ie I d e e e in e r p h ilo so p h isc h e n

K u ltu r in die Vorlesung übernommen worden. Vgl. die genannte Abhandlung in den

E rg ä n ze n d e n

T e x te n ,

S.

203 ff. -

Anm. d. Hrsg.

*) Vgl. Beilage IV, S. 311 ff. — Anm. d. Hrsg.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

9

beraubt, die Idee eines praktischen Vernunftlebens verlor ihre Geltung. Sokrates zuerst erkannte die in den sophistischen Paradoxien leichtfertig abgetanen Probleme als Schicksalspro­ bleme der Menschheit auf ihrem Wege zu echter Humanität. 5 Er reagierte gegen die Skepsis, wie bekannt, nur als praktischer Reformator. Platon verlegte dann das Schwergewicht dieser Reaktion in die Wissenschaft und wird zum wissenschaftstheoretischen Reformator. Zugleich leitet er, die Sokratischen Impulse nicht

10

fahrenlassend, den Weg der autonomen Menschheitsentwicklung, im Sinne ihrer Entwicklung zu einer Vernunftmenschheit, zuerst über die Wissenschaft, über die im neuen Geiste aus radikaler Einsicht in die Methode reformierte Wissenschaft. Erläutern wir der Reihe nach und in den entscheidenden

15

Hauptlehren den Sinn der Sokratischen und dann der Plato­ nischen Lebensarbeit. Hinsichtlich der ersteren folgen wir der reichen Vorzeichnung, die uns Platon überliefert hat. Sokrates' ethische Lebensreform kennzeichnet sich da­ durch, daß er das wahrhaft befriedigende Leben als ein Leben

20

aus reiner Vernunft deutet. Das besagt: ein Leben, in dem der Mensch in unermüdlicher Selbstbesinnung und radikaler Rechen­ schaftsabgabe Kritik — letztauswertende Kritik — an seinen Lebenszielen und dann natürlich, und durch sie vermittelt, an seinen Lebenswegen, an seinen jeweiligen Mitteln übt. Solche

25

Rechenschaftsabgabe und Kritik vollzieht sich als ein Erkennt­ nisprozeß, und zwar nach Sokrates als methodischer Rückgang auf die ursprüngliche Quelle alles Rechtes und seiner Erkenntnis:

— in unserer Sprache ausgedrückt — durch Rückgang auf voll­ kommene Klarheit, „Einsicht”, „Evidenz”. Alles wache Men-

30

schenleben vollzieht sich als äußeres und inneres Streben und Handeln. Alles Handeln aber ist bewegt von Meinungen, Über­ zeugungen: Seinsmeinungen, bezogen auf umweltlich reale Wirk­ lichkeiten, aber auch Wertmeinungen, Meinungen über schön und häßlich, über gut und schlecht, nutzbar oder nutzlos usw.

35

Zuallermeist sind diese Meinungen völlig vage, jeder ursprüng­ lichen Klarheit ferne. Die sokratische Erkenntnismethode ist eine Methode vollkommener Klärung. In ihr wird dem bloß als schön und gut Vermeinten das in der vollendeten Klärung her­ vorgetretene Schöne und Gute selbst normierend gegenüberge-

10

ERSTE PHILOSOPHIE

stellt und dadurch von ihm ein wahres Wissen gewonnen. Dieses durch vollkommene Evidenz sich ursprünglich erzeugende echte Wissen ist es allein, lehrt nun Sokrates, das den Menschen wahr­ haft tugendhaft macht; oder, was gleichwertig ist, das, was ihm 5 allein wahre Glückseligkeit, größtmögliche reine Befriedigung zu verschaffen vermag. Echtes Wissen ist die notwendige (und nach Sokrates auch die hinreichende) Bedingung eines vernünftigen oder ethischen Lebens. Die Unvernunft, das blinde Dahinleben in der Unklarheit, die träge Passivität, die es unterläßt, sich

10 klärend um das echte Wissen vom Schönen und Guten selbst zu bemühen, das ist es, was den Menschen unselig macht, was ihn törichten Zielen nachjagen läßt. In der reflektiven Evident- machung dessen, worauf man eigentlich hinaus will, und all dessen, was man dabei unklar vorausgesetzt hat an vermeint-

15 liehen Schönheiten und Häßlichkeiten, Nützlichkeiten und

Schädlichkeiten, scheidet sich Wahres und Falsches, Echtes und Unechtes. Es scheidet sich, weil eben in der vollendeten Klarheit der Wesensgehalt der Sachen selbst zur anschaulichen Ver­ wirklichung kommt, und damit in eins Wertsein und Unwertsein

20 selbst.

Jede solche Klärung gewinnt alsbald exemplarische Bedeu­ tung. Was im individuellen Einzelfall des Lebens, der Geschichte, des Mythos als das Wahre oder Echte selbst und als Maß der unklaren bloßen Meinung zur Erschauung kommt, das bietet 25 sich ohne weiteres als Exempel für ein Allgemeines dar. Es wird in der naturgemäß sich einstellenden reinen Wesensintuition — in der alles empirisch Zufällige den Charakter des Außerwesent­ lichen und frei Variablen annimmt — als wesensmäßig Echtes überhaupt erschaut. In dieser reinen (oder apriorischen) Allge- 30 meinheit fungiert es als gültige Norm für alle erdenklichen Ein­ zelfälle von solchem Wesen überhaupt*). Denkt man also, kon­ kreter gesprochen, anstelle des Exempels aus dem täglichen Leben, aus Mythos oder Geschichte an ,,irgendeinen Menschen überhaupt”, als wertenden und strebenden in derartigen Lagen 35 überhaupt, zugewendet so gearteten Zielen, handelnd auf so gearteten Wegen überhaupt, so wird es generell evident, daß so geartete Ziele und Wege überhaupt echte oder, im Gegenfalle, daß sie generell unechte, unvernünftige sind, das letztere na-

*) Siehe Anm.*) d. Hrsg, auf S. 8. — Anm. d. Hrsg.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

11

türlich dann, wenn das Schöne und Gute selbst, das in der Klä­ rung auftritt, evident widerstreitet dem im voraus Vermeinten und damit die Meinung als rechtlos aufhebt.

2.

V orlesung:

<Platons

D ialektik

und

die

Wissenschaft. >

Idee

der

philosophischen

Fassen wir zusammen: Sokrates, der ethische Praktiker, 5 stellte in Reaktion gegen die jeden vernünftigen Lebenssinn bestreitende Sophistik den Grundgegensatz alles wachen persön­ lichen Lebens, den zwischen unklarer Meinung und Evidenz, in den Brennpunkt des — ethisch-praktischen — Interesses. Er

zuerst erkannte die Notwendigkeit einer universalen Methode 10 der Vernunft, und erkannte den Grundsinn dieser Methode, modern ausgedrückt, als intuitive und apriorische Kritik der Vernunft. Oder, genauer bezeichnet, er erkannte ihren Gmndsinn als Methode klärender Selbstbesinnungen, sich vollendend in der apodiktischen Evidenz als der Urquelle aller Endgültigkeit. Er 15 zuerst erschaute das Ansichbestehen reiner und genereller Wesen­ heiten als absoluter Selbstgegebenheiten einer reinen Wesensin­ tuition. Mit Beziehung auf diese Entdeckung gewinnt die von Sokrates für das ethische Leben allgemein geforderte radi­ kale Rechenschaftsabgabe eo ipso die bedeutungsvolle Gestalt

20

einer prinzipiellen Normierung bzw. Rechtfertigung des tätigen Lebens nach den durch reine Wesensintuition herauszustellenden generellen Ideen der Vernunft. Mag dies alles bei dem bekannten Mangel an theoretisch-wis­ senschaftlichen Absichten bei Sokrates einer eigentlich wissen-

25

schaftlichen Fassung und einer systematischen Durchführung als wissenschaftlicher Theorie der Methode echter Lebenspraxis entbehren: es darf doch als sicher gelten, daß bei Sokrates in der Tat die Keimformen für die Vernunftkritischen Grundgedanken liegen, deren theoretische und technologische Gestaltung und

30

höchst fruchtbare Fortbildung der unvergängliche Ruhm Platons ist. Ihm wenden wir uns jetzt zu. Er übertrug das Sokratische Prinzip radikaler Rechenschafts­ abgabe auf die Wissenschaft1). Theoretisches Erkennen, For-

einer letztnormierenden Autorität.” ist

von H. aus seinem Aufsatz D ie Id ee e in e r p h ilo so p h isc h e n K u ltu r in die Vorlesung

J) Der hier folgende Text bis S.

17

12

ERSTE PHILOSOPHIE

sehen und Begründen ist ja zunächst nur eine besondere Art strebenden und handelnden Lebens. Es bedarf also auch hier der radikalen Besinnung über die Prinzipien seiner Echtheit. War Sokrates’ Lebensreform gegen die Sophisten inso- 5 fern gerichtet gewesen, als sie durch ihren Subjektivismus die allgemeinen ethischen Gesinnungen verwirrten und verdarben, so richtet sich Platon gegen sie als Verderber der Wissen­ schaft (der „Philosophie”) 1). In beiderlei Hinsicht fanden die Sophisten so wenig Widerstand und übten sie so schädliche Wir- 10 kungen, weil es, wie an einem echten Vernunftleben überhaupt, so an einem echten wissenschaftlichen Erkenntnisleben noch fehlte. Auch hier war alle Vernünftigkeit bloß naive Prätention, in sich unklar über letzte Möglichkeit und Rechtmäßigkeit ihrer Endziele und Wege.

15 Ein echtes Vernunftleben, im besonderen ein echt wissenschaft­

liches Forschen und Leisten, muß die Stufe der Naivität durch radikal klärende Besinnung ganz und gar übersteigen, es muß — ideal gesprochen — für alle Schritte die voll zureichende Recht­ fertigung bereit haben, zuhöchst aber die Rechtfertigung aus 20 einsichtig geschöpften Prinzipien.

Durch den hohen Ernst, in dem Platon die wissenschafts­ feindliche Skepsis in diesem sokratischen Geiste zu überwinden sucht, wird er zum Vater aller echten Wissenschaft. Er wird es dadurch, daß er die sophistischen Argumentationen gegen die

25

Möglichkeit einer an sich gültigen Erkenntnis und einer jeden Vernünftigen bindenden Wissenschaft, statt sie leicht zu nehmen,

vielmehr einer tief eindringenden prinzipiellen Kritik unterzieht; daß er in eins damit die positive Ergründung der Möglichkeit solcher Erkenntnis und Wissenschaft unternimmt, und das (von

30

dem tiefsten Verständnis sokratischer Mäeutik geleitet) im Geiste einer intuitiven Wesensklärung und der evidenten Herausstel­ lung ihrer generellen Wesensnormen; und endlich dadurch, daß er sich mit allen Kräften bemüht, auf Grund solcher prinzipiellen Einsichten echte Wissenschaft selbst auf die Bahn zu bringen.

35

Man kann sagen, daß

erst mit P l a t o n die reinen Ideen:

echte Erkenntnis, echte Theorie und Wissenschaft und — sie

übernommen worden. Vgl. die Wiedergabe der genannten Abhandlung in den Ergänzenden Texten, S. 203 ff. — Anm. d. Hrsg. x) Vgl. Beilage V, S. 315 f. — Anm. d. Hrsg.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

13

alle umspannend — echte Philosophie, in das Bewußtsein der Menschheit traten; wie er auch der erste ist, der sie als die philo­ sophisch wichtigsten, weil prinzipiellsten Forschungsthemen

h a t1). Platon ist auch der Schöpfer des

5 philosophischen Problems und der Wissenschaft von der Methode;

erkannt und behandelt

nämlich der Methode, die im Wesen der Erkenntnis selbst ange­ legte oberste Zweckidee der ,,Philosophie'*systematisch zu ver­ wirklichen. Echtes Erkennen, echte Wahrheit (an sich gültige, endgültig bestimmende), in wahrem und echtem Sinne Seiendes

10

(als identisches Substrat endgültig bestimmender Wahrheiten) werden für ihn zu Wesenskorrelaten. Der Gesamtinbegriff aller in möglichem echten Erkennen zu erzielenden an sich gültigen Wahrheiten bildet notwendig eine theoretisch verbundene und methodisch ins Werk zu setzende Einheit, die einer univer-

15

salen Wissenschaft. Das ist im Sinne Platons die Philosophie. Ihr Korrelat ist also die Totalität alles wahrhaft Seienden. Eine neue Idee der Philosophie tritt damit, die ganzen weite­ ren Entwicklungen bestimmend, auf den Plan. Sie soll nunmehr nicht bloß überhaupt Wissenschaft, naives Gebilde eines rein auf

20

Erkenntnis gerichteten Interesses sein; auch nicht bloß, wie schon vordem, universale, sondern zugleich absolut gerechtfer­ tigte Wissenschaft. Eine Wissenschaft soll sie sein, die in jedem Schritte und in jeder Hinsicht Endgültigkeit anstrebt, und zwar auf Grund wirklich betätigter Rechtfertigungen, die vom Erken-

25

nenden (und von jedem Miterkennenden) in vollendeter Einsicht als absolute jederzeit zu verantworten sind. Es deutet sich schon mit der Platonischen Dialektik, diesem Anfang einer neuen Epoche, an, daß eine Philosophie dieses höheren und echten Sinnes nur möglich ist auf Grund prinzipiel-

30

1er Voruntersuchungen der Bedingungen der Möglichkeit einer Philosophie. Darin liegt, alswie in einem lebendigen Keime be­ schlossen, die in Zukunft bedeutungsvolle Idee einer notwendigen Begründung und Gliederung der Philosophie in zwei Stufen, einer sozusagen „ersten” und einer „zweiten” Philosophie. Als Erste

35

Philosophie geht voran eine sich selbst absolut rechtfertigende universale Methodologie; oder, theoretisch gefaßt: eine Wissen­ schaft von der Totalität der reinen (apriorischen) Prinzipien aller möglichen Erkenntnisse und der Gesamtheit der in diesen syste-

*) Vgl. Beilage VI, S. 316 ff. — Anm. d. Hrsg.

14

ERSTE PHILOSOPHIE

matisch beschlossenen, also rein aus ihnen deduktibeln apriori­ schen Wahrheiten. Wie einzusehen ist, umgrenzt sich damit die durch die Wesensverknüpfung aller prinzipiellen Grundwahr­ heiten untrennbar verknüpfte Einheit aller je zu verwirklichen- 5 den apriorischen Wissenschaften. In der zweiten Stufe ergibt sich die Gesamtheit der „echten”, d.i. der in rationaler Methode „erklärenden” Tatsachenwissen­ schaften. In allen ihren rechtfertigenden Begründungen auf die Erste Philosophie, auf das apriorische System möglicher ratio- 10 naler Methode überhaupt zurückbezogen, schöpfen sie aus ihrer beständigen Anwendung eine durchgängige Rationalität, eben die jener spezifischen „Erklärung”, die jeden methodischen Schritt aus apriorischen Prinzipien (also jederzeit in der Einsicht apodiktischer Notwendigkeit) als endgültig gerechtfertigt aus- 15 zuweisen vermag. Zugleich gewinnen diese Wissenschaften — immer ideal gesprochen — aus der erkannten systematischen Einheit der obersten apriorischen Prinzipien selbst die Einheit eines rationalen Systems, sie sind Disziplinen der einen „Zweiten Philosophie”, deren Korrelat und Gebiet die Einheit der fakti- 20 sehen Wirklichkeit ist. Doch kehren wir zu Platon selbst wieder zurück, so ist jetzt auch zu betonen, daß er keineswegs bloß Reformator der Wis­ senschaft sein wollte. In seinem letzten Absehen blieb er auch in seinen wissenschaftstheoretischen Bemühungen allzeit Sokratiker, 25 also im universalsten Sinne ethischer Praktiker. So hatte seine theoretische Forschung noch eine tiefere Bedeutung. Kurz gesagt handelt es sich um folgende, in ihrem vollen Sinn, ihrer ganzen und rechtmäßigen Tragweite noch lange nicht ausgemessene Grundüberzeugung: endgültige Begründung, Sicherung, Recht- 30 fertigung jedweder menschlichen Vernunfttätigkeit vollzieht sich in den Formen und durch das Medium der prädikativ urteilenden theoretischen Vernunft — und vollzieht sich letztlich mittels der Philosophie. Die Emporbildung der Menschheit zur Höhe wahren und echten Menschentums setzt voraus die Entwicklung der 35 echten Wissenschaft in ihrer prinzipiell verwurzelten und ver­ knüpften Totalität. Sie ist die Erkenntnisstätte aller Rationali­ tät; aus ihr schöpfen auch die berufenen Führer der Menschheit — die Archonten — die Einsichten, nach denen sie das Ge­ meinschaftsleben rational ordnen.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

15

Durch solche Anschauungen zeichnet sich die Idee einer neu­ artigen Kultur vor; nämlich als einer Kultur, in der nicht nur unter anderen Kulturgestaltungen auch die der Wissenschaft erwächst und immer bewußter ihrem Telos „echter” Wissenschaft 5 zustrebt, sondern in der die Wissenschaft die Funktion des

YjysfjLovixov alles Gemeinschaftslebens und damit aller Kultur überhaupt zu übernehmen berufen und immer bewußter be­ strebt ist — ähnlich wie in der Einzelseele der vou<; gegenüber den anderen Seelenteilen. Die Menschheitsentwicklung als Prozeß

10

der Kultivierung vollzieht sich nicht nur als Entwicklung im Einzelmenschen, sondern als Entwicklung in der Kultivierung des „Menschen im großen”. Die oberste Bedingung der Möglich­ keit seiner Kultivierung zu einer wahren und „echten” Kultur ist die Schöpfung echter Wissenschaft. Sie ist das notwendige

15

Mittel für die Erhöhung und bestmögliche Erzielung aller ande­ ren echten Kultur und zugleich selbst eine Gestalt einer solchen Kultur. Alles Wahre und Echte muß sich als solches ausweisen lassen und ist selbst nur als ein freies, aus der Evidenz der Ziel­ echtheit entsprungenes Erzeugnis möglich. Letzte Ausweisung,

20

letzte Erkenntnis alles Echten nimmt die Gestalt urteilender Erkenntnis an und steht als solche unter wissenschaftlichen Normen. Sie hat ihre höchste rationale Gestalt durch prinzipielle Rechtfertigung, also als Philosophie. Auch solche (hier natürlich fortgebildeten) Gedanken hat Pla-

25

ton in wesentlichen Zügen vorgebildet, sie vorbereitet, aber auch in ihren primitiven Formen begründet. Und sicherlich, die für die europäische Kultur vor allem charakteristische Tendenz auf uni­ versale Rationalisierung durch eine zunächst sich selbst rational gestaltende Wissenschaft erwachte zuerst im Genius Platons. Und

30

sie nimmt, nur als Folge seiner Nachwirkung, die immer kräftiger sich herausbildende Form einer im allgemeinen Kulturbewußtsein selbst anerkannten Norm und schließlich (in der Aufklärungs­ epoche) die Form einer die Kulturentwicklung auch bewußt

leitenden Zweckidee an.

35

In diesen Beziehungen bahnbrechend war insbesondere die Erkenntnis, daß der Einzelmensch und sein Leben notwendig betrachtet werden muß als funktionierendes Mitglied in der Ein­ heit der Gemeinschaft und ihres Gemeinschaftslebens und daß somit auch die Idee der Vernunft nicht eine bloß einzelmensch-

16

ERSTE PHILOSOPHIE

liehe sondern eine Gemeinschaftsidee ist, unter der also auch die sozial verbundene Menschheit und die historisch gewordenen Formen sozialer Lebensgestalten normativ zu beurteilen sind. Platon nennt bekanntlich das Gemeinwesen im Hinblick auf 5 dessen normale Entwicklungsgestalt, den Staat, den ,,Menschen im großen”. Offenbar leitet ihn die natürlich erwachsene, das Denken und Handeln des praktisch-politischen Lebens allgemein und unvermeidlich bestimmende Apperzeption, welche die Ge­ meinden, Städte, Staaten analog wie Einzelmenschen als denkend, 10 fühlend, sich praktisch entschließend, handelnd — als so etwas wie Personalitäten ansieht. Und in der Tat, wie alle ursprüng­ lichen Apperzeptionen hat auch diese ein ursprüngliches Recht in sich. So wird Platon zum Begründer der Lehre von der sozialen Vernunft, von einer wahrhaft vernünftigen Menschengemein- 15 schaft überhaupt bzw. von einem echten sozialen Leben über­ haupt — kurzum der Begründer der Sozialethik, als der vollen und wahren Ethik. Diese hatte für Platon, ganz im Sinne der obigen Ausführungen, ein besonderes Gepräge durch seine prinzi­ pielle Idee der Philosophie. Nämlich: hatte Sokrates das 20 vernünftige Leben auf sich einsichtig rechtfertigendes Wissen ge­ gründet, so tritt nun bei Platon für dieses Wissen die Philo­ sophie ein, die absolut gerechtfertigte Wissenschaft; zudem dann für das vernünftige Einzelleben das Gemeinschaftsleben, für den Einzelmenschen der Mensch im großen. So wird die Philosophie 25 zum rationalen Fundament, zur prinzipiellen Bedingung der Möglichkeit einer echten, wahrhaft vernünftigen Gemeinschaft und ihres wahrhaft vernünftigen Lebens. — Ist dies auch bei Platon auf die Idee der Staatsgemeinschaft beschränkt und zeit­ lich bedingt durchdacht, so ist die universale Extension seiner 30 Grundgedanken auf eine beliebig weit zu fassende vergemein- schaftete Menschheit leicht auszuführen. Es ist damit der Idee einer neuen Menschheit und Menschheitskultur die Bahn gebro­ chen, und zwar als einer Menschheit und Kultur aus philosophi­ scher Vernunft.

35 Wie diese Idee in reiner Rationalität weiter auszugestalten wäre, wie weit ihre praktische Möglichkeit reicht, inwiefern sie als höchste praktische Norm anzuerkennen und zur Wirksamkeit zu bringen ist, das sind hier offene Fragen. Jedenfalls aber üben die platonischen Grundgedanken einer strengen Philosophie als

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

17

Funktion eines durch sie zu reformierenden Gemeinschaftslebens de facto eine unablässige und sich steigernde Wirkung. Bewußt oder unbewußt bestimmen sie den Wesenscharakter und das Schicksal der europäischen Kulturentwicklung. Die Wissenschaft 5 verbreitet sich über alle Lebensgebiete und beansprucht überall, so weit sie gediehen ist oder es zu sein glaubt, die Bedeutung einer letztnormierenden Autorität x).

< Zw eites

K apitel

D ie

Begründung

der

Logik

und

der

formal-apophantischen

die

Analytik>

Grenzen

3.

der Konsequenz oder E instim m igkeit.>

Wir haben in der letzten Vorlesung die Platonische Idee der Philosophie kennengelernt. Was uns jetzt vor allem interessiert,

Logik

V orlesung:

<Die

aristotelisch-stoisch-traditionelle

Logik

als

10

ist die Entwicklung der europäischen Wissenschaft: wie und inwieweit sich die Platonischen Impulse ausleben. Die von Platons Dialektik ausgehende neue Philosophie, die Logik, die allgemeine Metaphysik (Aristoteles' Erste Philosophie), die Mathematik, die Natur- und Geisteswissen-

15

schäften in ihren verschiedenen Disziplinen (wie Physik, Biologie, Psychologie, Ethik und Politik), waren nur unvollkommene Verwirklichungen der Platonischen Idee der Philosophie als sich absolut rechtfertigender Wissenschaft. Man kann sagen, der Radikalismus der Platonischen Intention auf volle und letzte

20

Rationalität aller wissenschaftlichen Erkenntnis schwächte sich gerade dadurch, daß Unterstufen der Rationalität erklommen wurden — und zwar sowohl in der systematischen Ausgestaltung einer Logik mit der Funktion einer berufsmäßig der konkreten wissenschaftlichen Arbeit vorleuchtenden allgemeinen Methoden-

25

lehre als auch in der Ausführung einzelner wissenschaftlicher Disziplinen selbst. Diese erwuchsen jetzt wirklich, unter steter kritischer Vor- und Nacherwägung ihrer Methoden. Sie gewannen in dieser Hinsicht — insbesondere in den von vornherein be­ vorzugten mathematischen Erkenntnissphären — alsbald eine

30

Rationalität, welche weit über das hinausging, was die berufene

x) Siehe Anm. l) d. Hrsg, auf S. 11. — Anm. d. Hrsg. Husserliana VII

2

18

ERSTE PHILOSOPHIE

Führerin Logik aus wissenschaftlich fixierten Normgesetzen rechtfertigen konnte. Begreiflicherweise ging übrigens eines und das andere, Entwicklung der Logik und Entwicklung der Wissen­ schaften, von vornherein Hand in Hand. In der Einstellung auf 5 kritische Rechtfertigung und dabei auf das Prinzipielle, also auf reine Allgemeinheiten, mußte sich schon an den primitiven theoretischen Leistungen der ältesten Mathematik, an ihren Schlüssen und Beweisen, ein festes Gefüge idealer Formen und Formgesetze aufdrängen. Es mußte auffallen, daß die in den 10 Urteilstätigkeiten erwachsenden elementaren und komplexen Urteilsgebilde in evidenter Notwendigkeit an feste Formen gebunden sind, wenn sie überhaupt sollen wahr sein, als ihren Sachverhalten angemessen sollen einsehbar sein können. In echt platonischem Geiste kamen, wenn auch nicht vollständig, die

15 reinen Urteilsformen zu ideal-begrifflicher Fassung, und es wur­

den die in ihnen gründenden rein rationalen Gesetze entdeckt, in denen sich formale Bedingungen der Möglichkeit der Urteils­ wahrheit (und ebenso der Urteilsfalschheit) aussprechen. So erwuchsen Grundstücke einer reinen, und zwar formalen Logik 20 oder, wie wir auch sagen können, Grundstücke einer rein ratio­

nalen Wissenschaftslehre, deren Normen eben vermöge ihrer formalen Allgemeinheit von schlechthin universaler Gültigkeit sein mußten. Wissenschaft überhaupt, jede erdenkliche Wissen­ schaft, will ja Wahrheiten erzielen; sie will in ihrem aussagenden

25

Tun Aussageinhalte erzeugen, die nicht bloß überhaupt von den aussagenden Subjekten geurteilte sondern von ihnen evident bewährte und jederzeit wieder evident bewährbare Urteile sind. Somit ist es klar, daß die formallogischen Gesetze eben als die die reinen Formen möglicher wahrer Urteile bildenden Gesetze für

30

alle erdenklichen Wissenschaften normative Bedeutung und für sie alle schlechthin notwendige Gültigkeit haben müssen.

Die den großen Wurf der Aristotelischen Analytik fortgestaltende Stoische Logik hat das große Verdienst, zuerst die notwendige Idee einer wirklich strengen formalen

35

Logik in einiger Reinheit herausgearbeitet zu haben. Sie legte den Grund dazu durch ihre bedeutsame — allerdings beiseite­ geschobene, ja völlig in Vergessenheit geratene — Lehre vom Xexxov. In ihr wird zuerst die Idee des Satzes, als des im Urteilen geurteilten Urteils (Urteil im noematischen Sinn), präzis heraus-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

19

gefaßt, und auf seine reinen Formen werden die syllogistischen Gesetzmäßigkeiten bezogen. Im wesentlichen war diese und war die ganze Logik der Tra­ dition nicht eine eigentliche Logik der Wahrheit sondern eine 5 bloße Logik der Widerspruchslosigkeit, der Einstimmigkeit, der Konsequenz. Genauer gesprochen, es waren die durch die Jahr­ tausende sich fortpflanzenden rationalen Theorien, welche den Kernbestand der wie immer sonst sich abwandelnden Logik ausmachten, eingeschränkt auf die formalen Bedingungen der 10 Möglichkeit, die einmal gefällten Urteile ihrem bloß analytischen Sinn gemäß konsequent festzuhalten, vor allem Fragen nach ihrer sachlichen Wahrheit oder Möglichkeit. Da es sich hier um eine höchst bedeutsame Unterscheidung handelt, auf die <schon > Kants Lehre vom analytischen Denken zwar abzielte, die 15 aber weder von ihm noch von den späteren zu der sehr nötigen wissenschaftlichen Klärung gebracht worden ist, will ich hier einen systematischen Exkurs folgen lassen, der allen Bedürf­ nissen nach prinzipieller Durchsichtigkeit genugtun dürfte. Denken wir uns, irgendjemand urteile nacheinander und reihe 20 Urteil an Urteil, derart, daß ihm die schon gefällten Urteile innerlich fortgelten; dann erwachsen nicht bloß überhaupt Reihen von Urteilen, sondern solche Reihen, die immerfort gemeint bleiben in der Einheit einer Zusammengeltung, eines Gesamtur­ teils: eine Urteilseinheit geht durch alle einzelnen Urteile hin- 25 durch. Es sind nicht Urteile, die im bloßen Nacheinander in einem Bewußtseinsstrom auftreten. Vielmehr bleiben sie nach der aktuellen urteilenden Erzeugung fortgesetzt im geistigen Griff und so, im Nacheinander zusammengegriffen, in einem Griff: sie haben eine Urteilssinn mit Urteilssinn verknüpfende, 30 sich im Fortgang des Urteilens sinnvoll aufbauende Einheit, die eines zusammengesetzten, übergreifenden, in den einzelnen Urteilen fundierten Urteils, das ihnen allen Einheit einer inner­ lich zusammengehörigen Geltung erteilt. In dieser Art haben die mannigfaltigen Aussagen einer Abhandlung und hat in ihrer 35 Art jede Theorie und jede ganze Wissenschaft allübergreifende Urteilseinheit. Innerhalb jeder solchen umspannenden Urteilseinheit können Urteile mit Urteilen einsichtigerweise in besonderen Beziehungen stehen, oder nachträglich in solche treten. Sie können Urteils-

20

ERSTE PHILOSOPHIE

einheiten besonderer Art bilden, nämlich die Einheiten der Kon­ sequenz und Inkonsequenz. So ist jeder Schluß eine Urteilsein­ heit der Konsequenz. Es tritt im Schließen das sogenannte erschlossene Urteil nicht bloß nach den Prämissenurteilen 5 auf; es wird nicht bloß nacheinander geurteilt, sondern a u s den Prämissenurteilen wird das Schlußurteil herausgeurteilt. Es wird „erschlossen”, was in ihnen schon — und zwar urteilsmäßig — beschlossen ist. Was durch sie schon ,,präjudiziert” ist, wird nun wirklich und explizite judiziert. Z.B. urteilen wir, und zwar 10 in eins: jedes A ist B, und jedes B ist C, so mag es sein, daß wir

,daraufhin” und als darin offenbar mitbeschlossen urteilen: jedes A ist C. So ist der Schlußsatz nicht ein Urteilserzeugnis für sich, sondern ein aus den Prämissen heraus erzeugtes Urteil. Solange wir bei diesen Prämissen als unseren Meinungen bleiben, solange

15 wir sie in ihrer Geltung für uns festhalten, können wir nicht nur überhaupt so weiterurteilen: jedes A ist C, sondern sehen, daß dieses Urteil aus jenen Prämissen jederzeit herauserzeugbar ist, also ,,in” ihnen in gewisser Weise ,,liegt”, als „präjudiziert”.

Mitunter gehen wir urteilend von irgendwelchen Prämissen zu 20 einem neuen Urteil fort in der Meinung, daß es darin liege. Aber sehen wir uns die Prämissenurteile, die wir vorher geurteilt hatten, und dieses neue Urteil selbst genau an, machen wir unsere Urteilsmeinungen deutlich, so sehen wir mitunter, daß das Schlußurteil nicht wirklich in ihnen beschlossen ist. In

25

anderen Fällen aber, so bei jedem einsichtig fortgehenden Schlie­ ßen, können wir sehen, daß der Schlußsatz wirklicher Schlußsatz dieser Prämissen, wirklich durch ihr urteilendes Setzen als mitzusetzender bestimmt ist. Wir erkennen so, daß das Be­ schlossensein eine relative Beschaffenheit ist, die dem Schlußur-

30

teil als identischem Aussagesatz in Relation zu den Prämissenur­ teilen als solchen wirklich zukommt, wie umgekehrt, daß diese die entsprechende und ihnen als identischen Urteilen ihres Sinnes an sich selbst zukommende Eigenheit haben, dieses Schlußurteil in sich geborgen zu tragen; daß sie Ausgangsurteile sind für

35

einen jederzeit möglichen, in aktuellem Urteilen zu vollziehenden evidenten Übergang, in dem das Schlußurteil in seinem Charak­ ter der Konsequenz evident hervortritt. Der Gegencharakter der schließenden Konsequenz, wie sie rein zu Urteilen als Urteilen gehört, ist die Inkonsequenz oder

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

21

dei Widerspruch. Hatten wir z.B. geurteilt, jedes A ist B, so mag es weiterhin kommen, während wir noch diese Überzeugung haben, daß wir, etwa weil eine besondere Erfahrung es lehrt, urteilen: dieses A hier ist nicht B. Sowie aber der Blick auf das 5 frühere Urteil zurückgeht und es seinem Sinne nach deutlich wird, erkennen wir, daß das neue Urteil dem früheren wider­ spricht, wie umgekehrt das frühere dem späteren. Müssen wir, etwa auf Grund der Erfahrung, das neue Urteil festhalten, so erfolgt alsbald angesichts dieser Sachlage eine Preisgabe des 10 früheren Urteils und eine Verwandlung desselben in das nega­ tive: nicht jedes A ist B. Endlich haben wir noch ein mit den beiden Verhältnissen des Beschlossenseins und Ausgeschlossenseins bzw. des Einschlusses und Ausschlusses sich mitergebendes weiteres Verhältnis zu 15 nennen: Sätze, etwa A und B, können sich so zueinander ver­ halten, daß sie weder in einem Einschluß- noch in einem Aus­ schlußverhältnis zueinander stehen, so z.B. die Sätze: U ist X, und Y ist Z; sie haben dann die Verträglichkeit, die da Wider- spruchslosigkeit heißt. 20 Wir erkennen sogleich, daß das nicht zufällige empirische Vorkommnisse in unserem urteilenden Leben sind, sondern daß

es sich hier um Wesensgesetze, generell einsehbare und rein ideale

allgemeine Gültigkeiten handelt, reine Gesetze, welche sich auf

Konsequenz, Inkonsequenz und Widerspruchslosigkeit beziehen,

25 und daß für diese Gesetze ausschließlich die reinen Urteilst o r­

m e n bestimmend sind. So z.B. erkennen wir im vorhin betreffs

der Inkonsequenz Gesagten alsbald das Gesetz: widerspricht B dem A, ist es durch A „ausgeschlossen”, und ist A gesetzt, so ist die Setzung von B aufgehoben. Solchen Gesetzen nachgehend, 30 erkennen wir, daß Urteilskonsequenz und Widerspruch, urteils­

mäßig Eingeschlossensein, Ausgeschlossensein und Verträglichkeit Urteilsrelationen sind, welche miteinander durch übergreifende ideale Gesetze in Verbindung stehen. Es scheiden sich zudem, näher besehen, mittelbare und unmittelbare Konsequenzen und 35 Widersprüche, und wir kommen, das alles berücksichtigend, systematisch den verschiedenen Urteilsformen und Formen von möglichen Prämissenkombinationen folgend, auf eine vielge­ staltige Gesetzlichkeit, die sich zusammenschließt zur Einheit einer abgeschlossenen systematischen Theorie.

22

ERSTE PHILOSOPHIE

Es ist nun von Wichtigkeit, folgendes zu beachten. Die reine Urteilskonsequenz und der Widerspruch als Inkonsequenz sowie die Verträglichkeit betreffen die Urteile rein als Urteile, und ohne Frage danach, ob sie auch nur möglicherweise wahr oder falsch 5 sind. Wir müssen hier zweierlei scharf unterscheiden:

1) Das Einsichtigmachen der Urteile im Sinne der Bewährung, dadurch daß man sich durch Rückgang auf die ,,Sachen selbst’’ überzeugt, ob sie wahr sind oder nicht, desgleichen das einsich­ tige Klarmachen der Urteile in der Weise, daß man ihre Möglich-

10

keit, ihre mögliche Wahrheit oder Falschheit, ev. ihre apriorische Möglichkeit oder ihre apriorische Unmöglichkeit (Widersinnig­ keit) herausstellt. 2) Etwas ganz anderes ist es, sich Urteile bloß ,,analytisch deutlich” zu machen, indem man zusieht, was in ihnen rein als

15

Sätzen in Konsequenz mitgeurteilt ist oder was durch sie als Widerspruch ausgeschlossen ist. Ich spreche vom analyti­ schen Urteilssinn (der bloßen Bedeutungseinheit) des Aussagesatzes; ich verstehe darunter die aus jedem Urteilen bzw. Aussagen herauszufassende und in der Wiederholung immer

20

wieder evident zu identifizierende Urteilsmeinung, deren evi­ dente Herausfassung ganz unempfindlich dagegen ist, ob man auf die beurteilte Sachsphäre durch klärende und bewährende Anschauung rekurriert oder nicht. Wir scheiden damit, wie wir auch sagen können, daß ,,bloße

25

Urteil” (die bloße Bedeutungseinheit) von der ihm entsprechen­ den sachlichen Möglichkeit oder gar Wahrheit, die andere Begriffe des äquivoken Ausdrucks ,,Sinn” bezeichnen. Die ganze traditionelle Syllogistik, also fast die ganze traditio­ nelle formale Logik nach ihrem apriorischen Kerngehalt, spricht

30

eigentlich nur Gesetze aus über die Bedingungen der Erhaltung der Widerspruchslosigkeit, bzw. Gesetze der Herausstellung und Richtigerhaltung von Konsequenzen, des Ausscheidens der In­ konsequenzen. Danach gehört der Begriff der Wahrheit und ge­ hören die Begriffe der Möglichkeit, Unmöglichkeit, Notwendig-

35

keit in die hier rein abzugrenzende formale Disziplin von den Wesensbedingungen durchgängiger Widerspruchslosigkeit und dem Denken in reiner Konsequenz eigentlich nicht herein. Die rationale Gesetzmäßigkeit der Konsequenz wird eingesehen, indem man nur auf die Urteile als die puren Aussagebedeutungen

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

23

überhaupt hinblickt und ihre reinen Formen sich zu voller Deut­ lichkeit bringt. Wie Urteile aber zur sachlichen Angemessenheit kommen können, wie man über Wahrheit und Falschheit, sach­ liche Möglichkeit und Unmöglichkeit entscheiden kann, das 5 bleibt hier außer Erwägung. Freilich sind Wahrheit und Wahrheitsmodi einerseits und bloße Urteilsinklusion, -exklusion und -koexistenz nicht ohne nahen Zusammenhang. Er stellt sich dadurch her, daß z.B. kein Urteil, auch kein synthetisch einheitliches Urteilssystem, das ja zugleich 10 e i n Urteil darstellt, also z.B. keine Theorie wahr sein kann, worin ein Widerspruch nachweisbar ist. Jeder Widerspruch ist falsch: wir verstehen dabei unter einem Widerspruch schlechthin ein aus Urteilen zusammengesetz­ tes Urteil, unter dessen Urteilsgliedern irgendeines mindestens 15 ein anderes ausschließt, ihm widerspricht. Wir können aber auch

das Gesetz formulieren: widerspricht B dem A und ist A wahr, so ist B falsch, und ist B wahr, so ist A falsch. Entsprechende Ge­ setze gelten, wenn wir statt Wahrheit Möglichkeit und Notwen­ digkeit bzw. ihr Gegenteil nehmen. Ähnliche Gesetze haben wir

20

ferner für das Verhältnis der Konsequenz, des puren Urteilsein­ schlusses. Vor allem das Grundgesetz: ist der beschließende Satz wahr (möglich), so ist der beschlossene Satz wahr (möglich), und ist ein beschlossener Satz falsch (unmöglich), so ist der be­ schließende Satz, sind seine gesamten Prämissen falsch. Alle

25

solche Verbindungsgesetze müssen sorgsam und als eigene, von den puren Konsequenzsätzen getrennte Prinzipien aufgestellt werden. In reiner Begriffsbildung muß man dann auch die ver­ schiedenen Sphären angehörigen Begriffe der Geltung scheiden. In der Konsequenzlogik heißt das Gesetz: gilt der Schlußsatz

30

nicht, so gelten auch die Prämissen nicht, nur soviel: die Preis­ gabe des erschlossenen Urteils bedingt die Preisgabe des beschlie­ ßenden. Es hängt das zusammen mit dem anderen Gesetz, daß jedes Verhältnis des Schlusses umkehrbar ist; die Negation des Schlußsatzes hat als Konsequenz die Negation der Prämissen. In

35

der Wahrheitslogik ist aber nicht die Rede von demjenigen Gelten und Nichtgelten, das ein mögliches Urteil zum Urteil macht oder ihm als schon geurteiltem die Urteilssetzung versagt, sondern von der Gültigkeit als Wahrheit und als der ihrer Derivate. Mit Beziehung nun auf solche Gruppen von formalallgemeinen

24

ERSTE PHILOSOPHIE

Verbindungsgesetzen erweist sich freilich eine formale Logik der bloßen Konsequenz und Widerspruchslosigkeit als eine wertvolle Unterstufe der Logik der Wahrheit; aber doch nur eine Unter­ stufe. Auf Ermöglichung von wahren Urteilen und durchgängig 5 Wahrem geht aber das eigentliche Erkenntnisinteresse, und zu­ höchst auf Ermöglichung einer universalen Erkenntnis, der Erzeugung eines Systems universaler und absolut gerechtfertig­ ter Wahrheit, einer Philosophie im Platonischen Sinn. Demge­ mäß bedurfte es über die freilich höchst rationale, in reinen 10 Wesensgesetzen sich bewegende Konsequenzlogik hinaus einer rein rationalen Methodenlehre der Erzielung der Wahrheit. In dieser Hinsicht kam man aber nicht weit, selbst nicht in Hinsicht auf die allgemeinsten, und in der Tat schwer genug zugänglichen Probleme der Ermöglichung einer Wahrheit überhaupt — zu- 15 nächst abgesehen von den schon viel weiter gehenden Problemen einer Ermöglichung echter Wissenschaft und gar einer Philosophie.

4.

analytische

V orlesung:

<Exkurs:

M athematik,

Über

die

die

universale Logik der Konsequenz als

der formalen

korrelative

Behandlungsweise

Ontologie und das Problem einer Logik der Wahrheit. >

In der letzten Vorlesung charakterisierten wir die rationalen

Theorien der formalen Logik, die, von Aristoteles unter dem Titel Analytik konzipiert und in der Folgezeit ergänzt und 20 gereinigt, sozusagen den eisernen Bestand der traditionellen Logik ausmachten. Dem Hauptkerne nach war diese Logik eine rationale Systematik der Wesensgesetzlichkeiten, welche Konse­ quenz, Inkonsequenz, Widerspruchslosigkeit beherrschen. Ich versuchte klarzumachen (was freilich die Tradition selbst nicht

25

gesehen hatte), daß sich damit eigentlich eine eigene Diszi­ plin abgrenzte, die, wenn man ihren Sinn rein faßt, in ihrem eigenen theoretischen Bestände den Begriff der Wahrheit und seine verschiedenen Derivate und Modalitäten noch gar nicht mitbefaßt. Derivate der Wahrheit sind dabei Begriffe wie Mög-

30

lichkeit (als mögliche Wahrheit), Notwendigkeit, Wahrschein­ lichkeit usw. mit ihren Negationen. Unsere Abscheidung einer Logik der Konsequenz war, um noch einmal darauf zurückzukommen, darin gegründet, daß Urteile

als bloße U r t e i l s s i n n e (Sätze) — oder, wie wir in

der

Sphäre aussagenden Urteilens auch sagen können, i d e n t i-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

25

sehe Bedeutungen von Aussagesätzen — durch „bloße Verdeutlichung" evident herauszufassen sind. Diese Evidenz liegt, zeigten wir, vor aller Frage nach möglicher oder wirklicher Wahrheit; oder, was äquivalent ist, sie ist 5 unabhängig davon, ob das Urteil in Beziehung auf seinen Sach­ verhalt ein anschauendes ist und ob dann seine Meinung mehr oder minder gesättigt ist mit der Fülle der Anschauung oder nicht. Es macht das Wesen dieser E v i d e n z b l o ß e r Ver- lOdeutlichung aus, daß es für sie durchaus nicht darauf ankommt, daß man die jeweiligen Aussagebedeutungen auf ihre Wahrheit oder auch nur auf ihre mögliche Wahrheit hin prüft, d.i. zur klärenden oder bewährenden Veranschaulichung dieser Aussagebedeutung (also dessen, w a s man da urteilend meint) 15 übergeht. Damit wäre vielmehr eine Evidentmachung einer ganz anderen Art und Richtung geleistet. Terminologisch unterschei­ dend können wir gegenübersetzen analytische Verdeut­

lichung, welche den identischen „analytischen" Sinn der Aus­ sage herausstellt, z.B. in der Aussage ,,2 ist kleiner als 3", gegen-

20

über der sachlichen Klärung oder Bewährung und der darin hervortretenden Möglichkeit oder Wahrheit. Hier be­ zeichnet sich ein ganz anderer Begriff von Sinn; insbesondere in der negativen Rede heißt es dann z.B. ,,2 ist größer als 3", das „hat keinen Sinn", d.h., es hat natürlich einen analytischen

25

S

i n n,

es ist

ein

Satz, der nach dem, was da im urteilenden

Aussagen gemeint wäre, ganz und gar deutlich ist; aber der sachliche Sinn, Möglichkeit und Wahrheit, ist hier zu vermissen, wie in der Klärung, im Rückgang zur sachlichen

Veranschaulichung des „2" und „3" und „größer" evident wird.

30

Für die auf den analytischen Sinn gerichtete Evidenz, die der analytischen Verdeutlichung, genügt, könnten wir auch sagen,

e

in bloß symbolisches, bloß verbales Ur­

teilen, das seinerseits gar nichts für Möglichkeit und Wahr­ heit, ebenso nichts für Notwendigkeit, Wahrscheinlichkeit der

35

Geltung ergibt und für deren Gegenteil. Und nun hieß es mit Beziehung auf diese Scheidung: die ganze Syllogistik, rein gefaßt, ist, wenn wir das Aristotelische Wort verwenden wollen, „Analytik", sie betrifft die bloßen identischen idealen Aussagebedeutungen oder Urteile als Bestände analyti-

26

ERSTE PHILOSOPHIE

scher Verdeutlichung: eben weil Relationen wie die Konsequenz und Inkonsequenz, das Eingeschlossensein und Ausgeschlossen­ sein, desgleichen in der Weise der Widerspruchslosigkeit analy­ tisch Verträglichsein ausschließlich diese Urteile als pure Ur- 5 teilsmeinungen, -sinne betreffen. Die traditionelle Logik wollte nun aber nicht bloß Logik analytischer Konsequenz und Widerspruchslosigkeit sein. Sie sprach ja beständig von Wahrheit und ihren Derivaten — und das nicht bloß anbei in Zusammenhängen mit

10

der Konsequenz, sondern sie wollte die Methode der Wahrheit sein. Und selbstverständlich konnte sie ersteres nicht einmal wollen, weil sie sich die doppelte zum Urteilen gehörige Evidenz theoretisch nicht zugeeignet hatte, von der wir vorhin sprachen, und damit nicht die verschiedenen zugehörigen Begriffe von

15

Urteilssinn. Demnach gab sie nicht in einer notwendigen metho­ dologischen Scheidung der Konsequenz, was der Konsequenz zugehört, und dann in Sonderung der Wahrheit und den Wahr­ heitsmodalitäten, was eben diesen spezifisch zugehört, was also aus der Evidenz der sachlichen Adäquation für Urteile ausgesagt

20

werden kann in Gestalt von apriorischen Gesetzen von formaler Allgemeingültigkeit. Eine große Unvollkommenheit des methodischen Verfahrens haftet danach der historischen Logik an, ihr, die doch als univer­ sale und prinzipielle Methodenlehre aller Erkenntnis in ihrem

25

eigenen Verfahren den höchsten methodischen Anforderungen genügen sollte. Blieb sie in Bezug auf sich selbst in Unklarheiten und Halbheiten stecken, so mußten ihre methodischen Normen für alles Erkennen überhaupt selbst unzureichend, unklar, stückweise bleiben.

30

In der Tat kam die Logik nicht sehr weit, abgesehen von dem Ausgeführten. Sie blieb unzulänglich selbst in der, wie wir sehen werden, prinzipiell einseitigen Dimension, in der allein sie sich theoretisch entfaltete. Ein sehr bedeutsamer Mangel unzulässiger Beschränkung ist hier festzustellen. Die traditionelle Logik zeigte

35

sich nicht fähig, der Korrelation zwischen prädikativ bestim­ mendem Urteil und Urteilssubstrat theoretisch genugzutun, und demgemäß auch nicht der Korrelation zwischen prädikativer Wahrheit und wahrhaft seiender Gegenständlichkeit. Der Sinn jeder prädikativen Aussage bezieht sich (in sich selbst) auf

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

27

irgendwelche Gegenstände, worüber er aussagt, die er urteils­ mäßig nennt und worüber er das und das bestimmt. Formale Theorien, welche Konsequenz und Wahrheit prädikativer Ur­ teile überhaupt betreffen, fordern korrelativ auch formale 5 Theorien für nominale Gegenständlichkeiten als solche möglicher Urteile, als in reiner Konsequenz oder Widerspruchslosigkeit denkbare, d.i. urteilsmäßig setzbare, und dann ebenso Theorien für nicht nur einstimmig denkbare, sondern in möglicher Wahr­ heit seiende Gegenstände überhaupt.

10

Etwas näher erläutert: es kann gefragt werden, was a priori und in formaler Allgemeinheit für Gegenstände überhaupt gilt; in formaler Allgemeinheit, d.i. für alle erdenklichen Gegenstände überhaupt, und rein als erdenkliche; d.h. aber nichts anderes als für Gegenstandssinne, so wie sie in möglichen Urteilssinnen

15

(in Sätzen im logischen Sinn) als Substrate der ihnen (schlechthin oder hypothetisch oder bedingt, in Gewißheit, Vermutlichkeit, Wahrscheinlichkeit usw.) zugedachten Eigenschaften, relativen Beschaffenheiten usw. auftreten mögen. Jedes Urteil ist Urteil über dieses und jenes, und die betreffenden Substrate gehören

20

als Sinnesmomente, als Gegenstandssinne, selbst in den Verband der Einheit des Sinnes, die da Urteil heißt. Nichts anderes als solche Gegenstandssinne sind es, welche die analytische Mathe­ matik (in der Mengenlehre, Arithmetik, Mannigfaltigkeitslehre) als Denkgegenstände bezeichnet. Des näheren ist hierbei nicht

25

nur die Frage nach den möglichen synthetischen Verknüpfungen möglicher Urteile, die durch identische Substrate (sinngemäß als identisch vermeinte) verbunden sind, sondern nach solchen synthetischen Verbindungen, in denen die Urteile einstimmig verbunden, also korrelativ die identischen Gegenstände durch

30

widerspruchslose Bestimmungen bestimmt gedacht sind. Denkt man Gegenstandssinne in formaler Allgemeinheit als Substrate von Urteilssinnen beliebiger Sinngestalten überhaupt oder ge­ wissen aus den a priori möglichen und begrifflich konstruier­ baren Gestalten ausgewählten Gestalten, so ist dann also die

35

Frage nach den apriorischen Gestaltsystemen, in denen dieselben Substrate in Einstimmigkeit setzbar sind, und den einstimmigen Bestimmungsformen, die sie in diesen annehmen. Jede Form einstimmiger Bestimmung ist zugleich ein Gesetz für Gegen­ stände überhaupt, nämlich als in solcher Form widerspruchslos

28

ERSTE PHILOSOPHIE

bestimmbare. Die systematische Aufstellung der unmittelbar evident einstimmigen Systeme von Bestimmungsweisen möglicher

Gegenstände überhaupt und die konstruktive analytische De­ duktion aller darin in Konsequenz beschlossenen Bestimmungs- 5 gestalten ist die Aufgabe der Mannigfaltigkeitslehre. Die Lehre von dem Etwas oder den Etwas überhaupt, d.i. von Gegenständen überhaupt als Substraten möglicher prädikativer Sinne, die sollen in fortgehender Prädikation einstimmig urteilbar sein können, ist die formale Ontologie. Sie ist nur eine korrelative

10

Betrachtungsweise der Lehre von den einstimmigen Urteilen überhaupt und den Formen, in denen sie sich zu konsequent ein­ stimmigen Urteilssystemen zusammenschließen. Eine voll umfassend gedachte apophantische Logik ist von selbst eine formale Ontologie, und umgekehrt eine voll ausgeführte for-

15

male Ontologie von selbst eine formale Apophantik. Die kategorialen Begriffe, d.i. die a priori möglichen Bestim­ mungsformen, durch die sich Denkgegenstände in möglichen ein­ stimmig zu urteilenden Urteilen bestimmen, unterscheiden sich von den Begriffen, durch die sich die Urteile selbst bestimmen,

20

und so stehen sich ontologische Kategorien und apophantische gegenüber. Andererseits ist aber „Satz" oder „Urteil" — wir können dafür auch sagen „Denksachverhalt" oder „gedachter" Sachverhalt als solcher — selbst eine ontologische Kategorie, sofern jeder Urteilsbildungen ermöglicht, in denen er als Bestim-

25

mungssubstrat fungiert. Alle möglichen Gestalten von Erzeugnis­ sen, durch die aus Denkgegenständen Denkgegenstände erwach­ sen, und die für sie sich ergebenden Bestimmungen zu erforschen, ist natürlich selbst mit die Aufgabe einer formalen Ontologie. Sie befaßt alle möglichen Urteilsgestalten, in denen andererseits

30

alle möglichen Bestimmungen von Denkgegenständen Vorkom­ men müssen. Doch genug, man sieht, daß hier untrennbare Korrelationen Gegenstand und Urteil verbinden (oder „Gegenstände" und „Sachverhalte" — beides in der jetzigen Einstellung als bloße

35 Setzungssinne, als bloße „Gedachtheiten") und daß eine einzige apriorische Wissenschaft es ist, welche, auf sich selbst zurück­ bezogen, Gegenstände und Sachverhalte behandelt, bald speziell auf die Sachverhalt- oder Urteilsgestalten und die zu ihnen ge­ hörigen Konsequenzgesetze sich richtend, bald auf Gegen-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

29

standssubstrate und ihre konsequente Bestimmung. Alle hier auftretenden Begriffe, die analytisch-logischen Kategorien, sind Begriffe, die rein aus den ,,Sinnen” geschöpft werden. Wie für die Sätze nur von Einstimmigkeit, und nicht von Wahrheit die 5 Rede ist, so für die Gegenstände nur von ihrer widerspruchslosen Denkbarkeit, und nicht von ihrer sachlichen Möglichkeit oder Wirklichkeit. So ist die gesamte formale Ontologie oder formale Apophantik, jede wirklich vollumfassend genommen,

Analytik. 10 Wie unvollkommen die traditionelle Logik methodisch zu Werke ging, wie ferne ihr diese erst eigentlich im L e i b n i z ’- schen Geiste unter dem Titel mathesis universalis sich unvoll­ kommen durchringende Idee einer universalen formalen Logik und einer darin beschlossenen formalen Ontologie blieb, geht

15

daraus hervor, daß unter den sich der Logik gegenüberstellenden spezialwissenschaftlichen Disziplinen auch einzelne, und zwar mathematische Disziplinen auftraten, die, wie die Arithmetik, durchaus unter die Idee der formalen Ontologie fallen, als wichtige, aber kleine Zweige derselben.

20

Was also im historischen Bewußtsein der wissenschaftlichen

Menschheit auseinanderlag unter den Titeln Logik und Arithme­ tik, und so weit auseinanderlag wie Logik und Physik oder Logik und Politik, das gehörte eigentlich ganz eng zusammen; Arith­ metik und apophantische Logik (z.B. Syllogistik) ordnen sich als 25 Zweigdisziplinen beide unter die vollständige Idee einer, und sogar schon einer rein analytisch zu fassenden Logik. Anderer­ seits, was im historischen Bewußtsein innig eins war, wie Arith­ metik und Geometrie, das mußte getrennt werden. Die Geometrie bedarf der räumlichen Anschauung, ihre Begriffe müssen auf 30 eine sachhaltige Sphäre, auf die der Räumlichkeit zurückgehen. In der Arithmetik hingegen sind es Begriffe, die Modalitäten des Etwas überhaupt ausdrücken, wie Menge und Anzahl, und prinzi­ piell ist die Evidenz, die hier erforderlich ist, von derselben Art wie die, welche die logisch-apophantischen Begriffe der Urteils- 35 konsequenz gewinnen läßt. Genau besehen, ist die ganze Arith­ metik und so die ganze analytische Mathematik in der Tat eine nur anders gerichtete Analytik, eine nur anders gerichtete Logik der Konsequenz; nämlich statt auf prädikative Setzungen, auf Urteüe, ist sie vielmehr bezogen auf Setzung von ,,Denkgegen-

30

ERSTE PHILOSOPHIE

ständen”. Doch ich darf hier nicht weitergehen und muß mich mit diesen bloßen Andeutungen begnügen. Die bezeichneten Mängel der traditionellen Logik hängen nun eng zusammen mit gewissen ganz radikalen methodologischen 5 Mängeln, an welchen die Behandlung der Idee der Wahr­ h e i t und des w a h r e n S e i n s sowie der übrigen mit diesen Ideen wesensmäßig zusammenhängenden sonstigen Ideen, der modalen Abwandlungen, zu leiden hatten. Wenn die Logik in der Tat, und in Auswirkung der großen Intentionen der Plato- lOnischen Dialektik, eine universale und radikale Methodenlehre für die Erzielung der Wahrheit sein wollte, dann durfte die Forschung nicht bloß thematisch gerich­ tet sein auf die vorhin bezeichnete Korrelationsebene Wahrheit und wahres Sein, sondern noch ein anderes korrelatives Paar, 15 selbst mit dem vorigen in Korrelation stehend, mußte zum The­

ma werden. U r t e i l ist G e u r t e i l t e s im u r t e i l e n ­

den Tun, und dieses ist

ben. Ursprünglich wahr urteilen ist in Einsicht sich bestätigen­ des, und wahrhaft seiende Gegenständlichkeit ist im erfahrenden

ein s u b j e k t i v e s Le­

20

oder sonstwie selbst erschauenden und erfassenden Erleben dem erfahrenden Subjekt sich gebende Gegenständlichkeit, und sich bestimmende in einsichtigem Urteilen. Objektiv wahres Urteilen <ist > ein notwendig für jedermann sich einsichtig bestätigendes oder bestätigen könnendes usw. Es bedarf einer Urteils- und

25

Wahrheitsforschung, einer Gegenstands- und Wirklichkeitsfor­ schung nicht nur in Hinsicht auf Urteile als identische Aus­ sagesinne und in Hinsicht auf Gegenstände als identische Sub­ stratsinne, sondern auch in Hinsicht auf d a s Subjektive des Urteilens, des Einsehens, des intersubjektiv und

30

endgültig sich Bewährens, des Gegenstandsetzens und Gegen­ standerfahrens, und dabei insbesondere auf die subjektiven Modi, in welchen sich im erkennenden Erleben, im Bewußtsein alles dergleichen, wie vermeinter und wahrer Gegenstand selbst, Urteil als Satz und Wahrheit, selbst gibt.

35

Seit den bahnbrechenden und höchst bewunderungswürdigen Untersuchungen des Aristoteles im Organon ging die logische Forschung der Hauptsache nach fort in der Dimension, die die Begriffe Satz, wahrer Satz, Gegenstand, wirklich seiender Gegenstand anzeigen. Und in der Tat, das war

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

31

ein ganz natürliches Fortgehen, nachdem ein Stück subjektiv- reflektiver Besinnung seinen Dienst getan hatte. Wer sich als Wissenschaftler gegen eine universale Skepsis zu wehren hat — und die Abwehr der sophistischen Skepsis war ja das historische 5 Motiv, das dem griechischen Denken die Entwicklung einer prin­

zipiellen Methodenlehre aufdrängte —, wer also anfängt, sich radikal zu besinnen, inwiefern im erkennenden Tun Wahrheit und wahres Sein erzielbar sei, wird zwar zunächst auf die präten­ dierten Gehalte wissenschaftlicher Leistung, auf die Sätze lOund T h e o r i e n hinblicken, aber notwendig wird er dann in subjektiv gerichtete Besinnungen hineingezogen, welche die Er­ kenntnisseite zum Ziele haben. Da macht er sich die Unterschiede der Evidenz und des blinden Meinens, des einstimmigen und widerspruchsvollen Urteilens u.dgl. klar, und daraus erwächst

15 eine erste Weise der Rechtfertigung der Erkenntnis, und das bricht einer ersten Begründung der Wissenschaft Bahn.

<D rittes

K apitel

D ie durch die sophistische

Skepsis veranlaßten

ersten

Besinnungen

auf

die

erkennende

Sub j e kt i vi t ät>5

5.

Vorlesung:

(Die

Entdeckung

der

schen Anfänge philosophischer,

Ideenerkenntnis

rationaler W issenschaften. >

und

die

griechi­

In den Schlußworten der letzten Vorlesung begann ich davon zu sprechen, daß sich die Forschungen der Platonischen Dialektik, diese radikalen methodologischen Besinnungen, zwar bald in 20 einer Logik, einer wissenschaftlichen Methodenlehre auswirkten,

daß diese Logik aber um ihrer Einseitigkeit willen keineswegs die intendierte Idee einer voll zureichenden Methodenlehre und einer durch sie zu erwirkenden Philosophie, einer Philosophie Platonischen Sinnes, verwirklichte. Als Einseitigkeit charakteri-

25 sierte ich, daß diese Logik nie zu einer wissenschaftlichen Theore- tisierung der thematischen Ebene gelangte, die durch das Korre­ lationspaar Wahrheit und wahres Sein und, allgemeiner noch, Urteil (Satzbedeutung) und Urteilsgegenstand bezeichnet ist. Ich wies aber zugleich auf eine zweite Korrelation hin, die diese ide-

32

ERSTE PHILOSOPHIE

darauf hin, daß das Identische, das wir Aussagesatz nennen und Wahrheit in mannigfachen Urteilsmodis, in subjektiven Weisen des Wie subjektiven Erlebens gegeben ist, ebenso Urteilsgegen­ stand in verschiedenen Weisen, wie er klar oder unklar, erfahren 5 oder sonstwie bewußt ist. Versetzen wir uns in die Motivation des Anfangs, hier in die historische Motivation, welche die Sokratisch- Platonische Reaktion bestimmte und damit die Idee einer Philo­ sophie neuen Sinnes und einer ihr dienenden Methodenlehre zur Entwicklung brachte. Wer als Wissenschaftler vor der Tatsache

10

der Skepsis steht, mit ihrer Bestreitung der Möglichkeit jedweder objektiven Erkenntnis unter dem Titel „Wissenschaft” oder Philosophie, wird zunächst zwar den Blick auf die Gehalte der zeitgenössischen oder überlieferten Philosophie, also auf ihre Lehrsätze und Theorien richten. Aber notwendig wird er alsbald

15

in subjektive Besinnungen hineingezogen werden, welche die Erkenntnisseite dieser Theoreme angehen, das Wie ihres subjekti­ ven Entspringens. Zunächst wird er sich doch dies klarmachen:

daß Urteilen überhaupt, urteilende Sätze hinstellen, und sei es in noch so lebhafter Überzeugung, noch nicht vernünftiges Urtei-

20

len sei, noch nicht Erkennen im echten Sinn. Er wird sich ein­ sichtiges, die Sachen und Sachverhalte selbst erschauendes und im Erschauen bestimmendes Urteilen kontrastieren mit vagem, sachfemem „Meinen”. Er wird sich sagen: ein solches bloßes Meinen muß erst seinen Wahrheitswert ausweisen und kann es

25

nur durch Anmessung an entsprechende, die Sachen selbst vor Augen stellende Anschauung, und nicht durch eine beliebige, sondern eine besondere, kurzweg also durch Evidentmachung usw. Ebenso wird er, und in gleicher Absicht, nachsinnen über den Wert der sachgebenden Anschauung oder eventuell deren

30

bloße Prätention; so z.B. im Falle der äußeren Erfahrung. Er

wird sich vielleicht klarmachen, daß die äußere Erfahrung zwar subjektiv sich gibt als ein Erschauen und Erfassen des Erfah­ rungsgegenstandes selbst, daß aber der Erfahrende dabei im­ merzu nur ein fließendes, und niemals ein endgültiges Sein 35 selbst in die Hand bekommt, daß, was er dabei jeweils in der Hand hat, doch immerfort mit bloßer Meinung behaftet ist, die nie zu wirklicher Fülle des Seins selbst kommt, auch nicht im eifrigsten Fortgang zu ergänzenden Erfahrungen; und daß somit äußere Erfahrung niemals ein Bewußtsein ist, daß seiner

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

33

Prätention des Selbst-habens, Selbst-erfassens des Gegenstandes selbst genugzutun vermag. Wissenschaft geht aber nicht über­ haupt auf Wahrheit im gewöhnlichen laxen Sinn, sondern auf objektive Wahrheit. Was gehört zu dieser Erzielung einer

5 Objektivität?

nötigte die S o p h i s t i k, als

eine universale Skepsis, welche die Möglichkeit der Erkenntnis objektiver Wahrheit überhaupt und jedweden wahren Seins überhaupt negierte; der Zweck dieser Reflexion war Rechtferti-

Also zu solchen Reflexionen

10

gung, bzw. eine allgemeine reflektiv-kritische Besinnung über das, was erlebnismäßig im Erkennen selbst vorliegt, in den sehr verschiedenen Weisen des Vorstellens und Urteilens, des An­ schaulichen und Unanschaulichen; und was darin Grund abgab, von verschieden vollkommener oder echter und unvollkommener

15

Erkenntnis zu reden — zuhöchst aber von wissenschaftlich ob­ jektivem Erkennen; und was schließlich allen normativen Begrif­ fen möglichen Sinn geben mußte. Standen in dieser Art Erkenntnisreflexionen, mit der Blick­ richtung auf die subjektiven Modi der Gegebenheit des in Erfah-

20

rung und Urteil Gemeinten, an der Spitze der Entwicklung, so ist damit aber nicht gesagt, daß es sehr bald zu einer umfassenden erfolgreichen theoretischen Bearbeitung dieser hier eröffneten Sphäre der subjektiven Erkenntnismodi und so der erkennenden Subjektivität überhaupt und als solcher ge-

25

kommen wäre: ja es vergingen Jahrtausende, ehe man die Me­ thode für die in dieser subjektiven Richtung liegenden zu Zwecken einer kritischen Selbstrechtfertigung der Erkenntnis notwendigen Forschungen ausbilden und damit zur Entwicklung einer radi­ kalen und echten Methodenlehre der Erkenntnis durchdringen

30

konnte. Nicht, als ob die ersten erkenntniskritischen Besinnun­ gen, als ob schon die unermüdlichen und tiefsinnigen Vorunter­ suchungen Platons und die nie wieder fallengelassenen Erkenntnisbesinnungen seiner großen Nachfolger ohne wissen­ schaftliche Frucht geblieben wären: ganz im Gegenteil. Nur das

35

soll gesagt werden, daß es an der notwendigen Auswirkung in Form einer wahrhaft rationalen Wesenslehre der Erkenntnis in subjektiver Hinsicht fehlte und es statt dessen relativ schnell zur Ausbildung von Spezialwissenschaften kam, deren relativ be­ friedigende Vollkommenheit keineswegs zur Minderung jenes

34

ERSTE PHILOSOPHIE

Manko beitrug. Wie viel das bedeutet, werden wir bald verstehen lernen. Zunächst einiges zur näheren Ausführung. Die ersten tieferen Besinnungen über die s u b j e k t i v e Ar t e c h t e r Er- 5kenntnis führten als größten und frühesten Erfolg mit sich die Entdeckung der Ideenerkenntnis als einer Erkenntnis von apodiktischer Wahrheit. Es gibt eine ursprünglich einsichtige Erzeugung — auch eine vollkommene — von reinen Wesensbe­ griffen, und in ihnen gründen Wesensgesetze, Gesetze von ein- 10 sehbarer apodiktischer Allgemeinheit und Notwendigkeit. Diese

Entdeckung wirkte sich alsbald aus in der Reinigung und prin­ zipiellen Vollendung der schon vorhandenen Mathematik, in ihrer Umschöpfung in eine reine Mathematik, als reine Ideenwissen­ schaft.

15

Es sei hier beachtet, daß man die Geschichte der strengen und vorzüglich die der im engsten Verstände exakten Wissenschaften zwar mit gutem Grund weit hinter die Platonische Epoche zu­ rückverfolgt, daß aber ihren vorplatonischen Bildungen nur der Charakter wissenschaftlicher Vorformen zuzubilligen ist. So ge-

20

winnt vor allem die Mathematik erst dank der in der Platonischen Dialektik geleisteten subjektiv-methodologischen Vorarbeit ihr spezifisches wissenschaftliches Gepräge. Erst dadurch wird sie zu einer reinen Geometrie und Arithmetik 1), die es mit ideal möglichen Raum- und Zahlengebilden zu tun hat, in norma-

25

tiver Beziehung gedacht auf intuitiv herauszuschauende Limes­ ideen, gegen die sich all solche Möglichkeiten approximieren. Und auf diese reinen Approximationsideale (,,reine” Einheiten, ,,reine” Gerade usw.) werden nun unmittelbare Wesensbegriffe und

Wesensgesetze bezogen, die ihrerseits als ,,Axiome” den ganzen

30

Bau reiner Deduktion tragen. Der erste klassische Systematiker der reinen Mathematik, Euklid, war bekanntlich Platoniker. Er gibt, gestützt auf große Vorgänger wie E u d o x o s, in den E lem en ten den ersten durchgeführten Entwurf einer rein ratio­ nalen Wissenschaft nach dem Ideal der Platonischen Schule;

35

doch müßten wir genauer sagen: die Geometrie war die erste außerhalb der allgemeinen Methodenlehre gemäß dem von dieser begründeten Ideal der Rationalität entworfene und gelingende Wissenschaft. Es war die e r s t e W i s s e n s c h a f t , die in

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

35

reiner Ideenschau ihre Grundbegriffe schuf und Ideengesetze, Wesensgesetze gestaltete, Gesetze, die in apodiktischer Evidenz, also als unbedingt gültige Notwendigkeiten einleuchten. Es ist die erste Wissenschaft, die systematisch geordnet unmittelbare 5 Wesensgesetze zugrundelegt und, in den Formen reiner Konse­ quenz systematisch emporbauend, alle darin mittelbar beschlos­ senen Wesensgesetze erschließt, die danach alles Besondere und in ihrer Anwendung vorzulegende Faktizitäten aus diesen Be­ ständen rein rationaler Gesetzlichkeiten rational erklärt, als 10 apriorische Notwendigkeiten einsichtig macht. Andererseits ist aber hervorzuheben: das in den erkenntnis­ kritischen Voruntersuchungen entsprungene Ideal der Rationali­

tät verschafft sich innerhalb der Methodenlehre selbst eine syste­ matische Auswirkung, und zwar gleichzeitig mit jener Umge- 15 staltung der Mathematik in eine rein rationale Mathematik. Ich meine hier natürlich die schon von Aristoteles, dem per­ sönlichen Schüler Platons, begründete Analytik, die bei aller Unvollkommenheit ihrer weiteren Ausgestaltung als formale Logik der Sätze, der Wahrheiten, des wahren Seins doch von

20

vornherein Grundstücke einer im selben Sinne rationalen Diszi­ plin ausbildete, eine systematische und deduktiv fortschreitende Herausstellung der Wesensgesetze der Konsequenz und Wahr­ heit, dazu methodologisch bestimmt, das besondere und fak­ tische Urteilen nach seinen vermeinten Wahrheiten und Möglich-

25

keiten, nach seinen vermeinten Konsequenzen und Inkonse­ quenzen usw. rational zu normieren. Also die allgemeine Methodenlehre der Er­ kenntnis begann als eine die bestrittene Möglichkeit echter Erkenntnis durchdenkende, über sie in allgemeinen Reflexionen

30

meditierende Voruntersuchung; sie gewann aus dieser ein erstes Ideal der Rationalität. Und, dieses nun in ihrem eigenen methodologischen Kreis in einer gewissen Rich­ tung realisierend, begann sie, sich selbst in dieser Richtung — nämlich in der durch die Ideen Urteil, beurteilter Gegenstand,

35

Wahrheit, wahres Sein bezeichneten Dimension — zu einer rationalen Methodenlehre zu gestalten. Aus ihrer im­ manenten, in ihr selbsttätig erzeugten Motivation war damit eine Entwicklung inauguriert, in der sie anfing, sich selbst zu einer rein rationalen wissenschaftlichen Disziplin zu gestalten,

36

ERSTE PHILOSOPHIE

einer rein rationalen gemäß der von ihr selbst vorher entworfenen Idee, ganz so, wie derselben Idee gemäß außerhalb der Methoden­ lehre A r i t h m e t i k und G e o m e t r i e als rationale und echte Wissenschaften entworfen wurden und ebenso in weiterer 5 Folge andere Wissenschaften. Hier ist zu nennen die ihren ersten

und freilich primitivsten Anfängen nach schon im Altertum zur Ausgestaltung drängende rational erklärende Na­ turwissenschaft, Anfänge der Physik und Astronomie. Freilich, diese Naturwissenschaft konnte nicht selbst eine rein

10

rationale Wissenschaft werden, aber sie hatte doch (lange genug unverstanden) die neue Gestalt rationaler Tat­ sachenerklärung, soferne sie, durch Verwendung der reinen Mathematik als Instrument der Methode, der empirischen Erkenntnis Anteil an der prinzipiellen Notwendigkeit verschaffte.

15

Die rationalen Wissenschaften, die in dieser Art sowohl inner­ halb als außerhalb des Rahmens der Methodenlehre zur Schöp­ fung kamen, waren Wissenschaften eines historisch völlig neuen Typus. Sie verkörpern ein vorgebildetes methodologisches Ideal (es freilich in ihrer Verkörperung erst voller bestimmend), das

20

für die ganze weitere Zukunft und so noch heutzutage den Be­ griff echter Wissenschaft ausmacht. Aber wie Großes sie auch leisteten und wie sehr allen voran die reine Mathematik die Idee echter Wissenschaft für das allgemeine Bewußtsein sozusagen u r b i 1d 1i c h repräsentierte und jahrtausendelang als höchst

25

bewundertes Vorbild für neu zu begründende Wissenschaften fungierte— : sie und alle die nachkommenden Wissenschaften waren bloß „ S p e z i a l w i s s e n s c h a f t e n ” oder, wie wir besser sagen, waren nur dogmatische Wissenschaf­ ten, die wir mit gutem Grunde den philosophischen Wissen-

30

schäften gegenübersetzen müssen. Was soll dieser Gegensatz d o g m a t i s c h e r und p h i l o ­ sophischer Wissenschaften besagen ? Unser bisheriger Gang gibt uns im voraus die Leitung, ein noch unerfülltes aber not­ wendiges Desiderat an aller dogmatischen Rationalität wenig-

35

stens vorahnend zu verstehen. Philosophische W is ­ senschaften — das kann für uns, solange wir die Plato­ nische Idee der Philosophie als oberste Zweckidee der Erkennt­ nis festhalten, nur bedeuten: Wissenschaften a u s absolu­ ter Rechtfertigung, also Wissenschaften, die ihre

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

37

Erkenntnis in jeder Hinsicht vertreten können oder, anders gesagt, in denen der Wissenschaftler jedes Erkenntnisgebilde in jeder erdenklichen Hinsicht voll zu rechtfertigen vermag, so daß keine Rechtsfrage, die hierbei zu stellen ist, unbeantwortet, keine 5 für derartige Fragen irgend relevante Eigenheit der Erkenntnis unberücksichtigt bleibt, mag sie den analytischen Sinn der Aus­ sagen betreffen oder die entsprechenden intuitiven Sachgehalte oder die verschiedenen subjektiven Modi, in denen sich das Er­ kennen abspielt und in denen allein Ausgesagtes und Erkanntes

10

auftreten kann. Wie es nun mit dieser in jeder Beziehung letztrechtfertigenden Rationalität bei den neu auftretenden Wissenschaften stand, das wird für uns die nächste Frage sein.

6.

Vorlesung:

<Die in

der Platonischen

Idee

der

Dialektik

implizierte

 

Forderung nach einer Theorie der Erkenntnis. >

 

Wir schlossen die letzte Vorlesung mit der Frage, wie es mit

15

der Rationalität der Wissenschaften des neuen Typus steht, jener Wissenschaften, die sich selbst „rationale” zu nennen liebten. Entsprachen sie wirklich, entsprach selbst die Euklidische Geo­ metrie, dieses wahre Weltwunder der Rationalität, der Platoni­ schen Idee einer philosophischen Disziplin als einer solchen, die

20

wahres und echtes Wissen schafft und uns damit in jedem wahren Satze letztlich sagt, was das Seiende in Wahrheit ist ? Letzt­ lich — d.i. in einer Weise, daß dabei alles vernünftige Fragen sein Ende hat. Überlegen wir. In der ursprünglichen Begründung und über-

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nehmenden Nacherzeugung der wissenschaftlichen Theorien, die unter den Titeln formale oder reine Logik, reine Arithmetik, Geometrie, erklärende Naturwissenschaft herangewachsen waren, wurden die Sätze nicht etwa aufs Geratewohl hingestellt oder in blindem Meinen hingenommen. Es wurde da nicht bloß überhaupt

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geurteilt, sondern einsichtig geurteilt, sei es in unmittel­ barer Einsicht oder in der Einsicht mittelbarer Konsequenz, also im Bewußtsein der Notwendigkeit der Folge. Einsichtig waren dabei die jeweiligen Urteilsgedanken, die Bedeutungsgehalte der jeweiligen Aussagen angepaßt den Gegenständlichkeiten selbst,

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ERSTE PHILOSOPHIE

die betreffenden wissenschaftlichen Bemühungen richteten, in sichtlich vollkommener Adäquation. Was also da gewonnen wurde, wurde im Bewußtsein gelingen­ der Leistung gewonnen, und daß sie gelingende sei, davon über- 5 zeugte sich der Forschende und Begründende selbst in begleiten­ der reflektiver Nachprüfung. Was konnte da mehr gefordert werden ? Indessen — sollte hier nicht in der Tat ein Mehr denkbar sein, eine höhere Leistung gegenüber jenen prüfenden Reflexio­ nen, die der Wissenschaftler während seiner Denkarbeit immer-

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fort vollzieht? Solche Reflexionen bestehen in einem bloßen Hin­ sehen auf den Gang und Ausgang der Denkhandlung, auf die sich erzeugenden Bedeutungsgehalte, auf die herbeigeführten und selbsttätig vollzogenen Erfahrungen oder sonstigen klärenden und bewährenden Anschauungen; und insbesondere darauf, ob

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hierbei die Bedeutungsgehalte sich gewissermaßen mit entspre­ chenden anschaulichen Gehalten sättigen und ob somit das Ge­ meinte rein als solches, das, was wir den bloßen analytischen Sinn nannten, sich dem anschaulich Vorliegenden in der Fülle des Sinnes genau anpaßt oder ob es am Ende da und dort nicht

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paßt und die Meinung auf gegeben oder geändert werden muß. Immer ist er <der Wisschenschaftler) dabei auf den einen Gegen­ stand gerichtet, den theoretisch zu bestimmen er sich zum Ziele gesetzt h at; aber im Verlaufe seines Verfahrens kann er sich fragen, ob z.B. er ihn schon von nahe genug gesehen hat, ob er ihn nicht

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noch von der anderen Seite betrachten muß usw., und wenn infolge solcher neuen Betrachtungen Änderungen in der Be­ stimmung des Gegenstandes sich als notwendig heraussteilen, so rechtfertigt er diese vor sich damit, daß er z.B. sagt: ,,der Gegen­ stand ist in Wirklichkeit nicht so, wie ich zuerst meinte, darüber

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hat mich ein neuer Aspekt, den ich von ihm gewonnen habe, be­ lehrt” usw. Aus solchen Überlegungen wird es klar, daß der Wissenschaftler in gelegentlich zwecks Rechtfertigung seines Tuns vorgenommenen reflektiven Blickwendungen sich deutlich macht, daß ihm bei seiner Bestimmung des Gegenstandes, den

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als den einen und selben er immer im Auge hat, doch dessen mannigfaltige subjektive Erscheinungsweisen, in denen er sich ihm darstellt, maßgebend sind. Das mag er je nach Bedürfnis mehr oder minder sorgsam und tiefdringend tun, in jedem Falle ist es ein bloßes Hinschauen und ein im Rahmen dieses subjektiv

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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gerichteten Schauens sich haltendes praktisches Tun des Aner- kennens und des sich einprägenden Festhaltens oder des Ver- werfens und Besinnens. Immerfort haftet solches Schauen und Tun am einzelnen Fall, wie es ja selbst Bestandstück des sin-

5 gulären

wissenschaftlichen Handelns ist.

Aber sollte hier nicht mehr gefordert werden? Könnte und müßte man da nicht allgemeine Fragen stellen ? Handelt es sich hier nicht um allgemein zu umschreibende Vorkommnisse des erkennenden Lebens in möglichen Erkenntnissubjekten über- lOhaupt, um Vorkommnisse, die eines eigenen theoretischen In­ teresses höchst würdig sind? Fallen doch bei den vom Wissen­ schaftler gelegentlich angestellten rechtfertigenden Überlegun­ gen n u r Streiflichter auf die Vorgänge in der erkennen­

den Subjektivität. Was er da fallweise in den Blick bekommt an

15 Aspekten des Gegenstandes, das sind nur einige wenige unter den unzähligen Modis, in denen ihm der Gegenstand immer, solange

er ihn als den einen und selben im Auge hat, gegeben ist; als der eine und selbe, den er bald von vorne, bald von hinten sieht, ein­ mal in der Wahrnehmung vor sich hat, das andere Mal in der 20 Erinnerung, auf den er, in seine Forschung vertieft, ausschließ­ lich hinblickt, der dann wieder, bei einer Ablenkung, in den Hin­ tergrund des Bewußtseins tritt, der bald klar und deutlich, bald verschwommen vor Augen steht usw. Müßte da nicht eine theoretische Erforschung alles dessen, 25 eine Forschung, die erkennendes Tun überhaupt nach all seinen Modis zum theoretischen Thema macht, und dann weiter erkennendes Tun der allgemeinen Artung, das da wissenschaftliches heißt — müßte eine solche Forschung nicht allgemeine Einsichten liefern, die auch für den jeweils ar-

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beitenden Wissenschaftler der verschiedenen Wissenschaften von großem Nutzen sein, ja ihm vielleicht eine Rechtferti­ gung höheren Stiles, eine prinzipielle Normierung seines singulären Tuns ermöglichen würden ? Er selbst also, der Wissenschaftler jeder Wissenschaft, ist hier gar sehr interessiert.

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Handelt es sich doch um die theoretische Erforschung der großen Mannigfaltigkeiten des im erkennenden Wissenschaftler während seiner Denkarbeit ablaufenden lebendigen Lebens, in dem, während es ihm verborgen bleibt, sein erkennendes Leisten selbst besteht, oder in dem das Innerliche des Gestaltens

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ERSTE PHILOSOPHIE

desjenigen besteht, was ihm als Erkenntnisgebilde, als Erkennt­ nisziel und Erkenntnisweg fortlaufend im Blicke liegt. Theore­ tisch denkend und theoretische Leistungen vollziehend, lebt er in diesen Prozessen, die er dabei selbst nicht sieht. Was 5 er im Blick hat, sind die in ihnen sich gestaltenden Ergebnisse und Ergebniswege: das im wechselnden Erfahren, in wechselnden subjektiven Ansichten, Perspektiven als ein und selbiges Ding

sich gebende Erfahrene oder das im wechselnden aussagend ur­ teilenden Tun als ein identisches sich gebende Urteil, als ein und

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derselbe Satz, etwa ,,2x2 — 4". auf den man immer wieder zurückkommen kann; dann, im ausweisenden Erkennen, die Sätze in ihrer Anpassung an gegenständlich Geschautes, der in jeder Ausweisung sich identisch herausstellende Charakter der Richtigkeit usw. Nur wenn der Wissenschaftler von diesem naiv

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vollziehenden Denken in die neue reflektive Einstellung über­ geht, deren er für den Zweck subjektiver Rechtfertigung seines

Tuns auch bedarf, tritt

einiges aus dem vordem verborgenen sub­

jektiven Leben, treten diese oder jene ihn interessierenden Mo­ mente der subjektiven Gegebenheitsweise seiner Erfahrungs-

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gegenständlichkeiten, der Urteile, der Richtigkeit dieser Urteile in den erfassenden Blick, aber, wie wir vorhin sagten, bloß fall­ weise, in konkreter Einzeinheit, und nichts weniger denn als theoretisches Thema. Es ist aber klar und uns durch die genauere Vergegenwärti-

25

gung dessen, was im Erkennen als wissenschaftlichem Leisten vorliegt, als ein großes Desiderat empfindlich geworden, daß die theoretische und dann allseitige Erforschung dieses erkennenden Lebens, dieser überaus vielgestaltigen Erkenntnistätigkeiten des Vorstellens, Urteilens, Begründens, prüfenden Rechtfertigens

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und wie sonst die vagen, allgemeinen Titel der Sprache hier lauten mögen, höchst notwendig ist. Es sind doch Lebenstätigkeiten, in denen sich für jeden Erkennenden in verschiedenen und immer neu ins Spiel zu setzenden Akten die identischen Erkenntnisein­ heiten, die identischen Erfahrungs- und Denkgegenstände, die

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identischen Aussagesätze und schließlich auch die identischen Wahrheiten und Falschheiten subjektiv bewußtseinsmäßig herausgestalten. Was er hat, hat er nur als Gehabtes seines Ha­ bens, als Erfahrenes seines Erfahrens, denkmäßig Zusammen­ gebautes seines Denkens, als etwas, was sich in seinem subjek-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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tiven Leben irgendwie „macht”. Und heißt es dabei „eines” und „selbiges”, dieser eine und selbe Wahmehmungsgegenstand, auf den neue Wahrnehmungen und Erinnerungen zurückgreifen können, dieses eine und selbe Urteil, diese selbe, in wiederholter 5 Einsicht gewonnene Wahrheit, so heißt es doch „selbiges” nur dank dem subjektiven Identifizieren, in dem verschiedene sub­ jektive Akte, Lebensmomente, zur Synthesis kommen; also dank einem Einheitsbewußtsein, in dem sich dieses „Identische” subjektiv irgendwie gestaltet. Für den Erkennenden kann nur

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etwas sein, kann es nur „eines” und „Identisches” heißen, weil es gerade in solchem subjektiven Erleben, genannt Identifizieren, entspringt. Dieselben Erkenntniseinheiten und dann wieder dieselben Arten, Gattungen von Erkenntniseinheiten (Dinge überhaupt, Gegenstände überhaupt oder Erfahrungssätze über-

15

haupt, noch allgemeiner: Sätze überhaupt) weisen uns hierbei von vornherein darauf hin, daß die mannigfaltigen subjektiven Modi, in denen sie im erkennenden Leben sich bewußtseinsmäßig gestalten können, in einer festen und sich entsprechenden Art und gattungsmäßigen Typik verlaufen. Es ist im voraus zu er-

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warten, daß der Allgemeinheit der Erkenntnis­ einheiten eine Allgemeinheit geregelter Ty­ pik der subjektiven Erkenntnismodi korre­ spondieren wird, in denen allein solche Einheiten sich subjektiv geben können.

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Wir finden es selbstverständlich, daß jeder Gegenstand, den wir vorstellen, den wir denken, fü r jedermann vorstellbar, denkbar sei, ebenso, daß jeder Urteilsgedanke, jede beliebige Aussagebedeutung, von jedermann und immer wieder nach­ verstehbar sei. Darin liegt doch, daß in jedem gleichwertige

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subjektive Erlebnisse des vorstehenden, verstehenden, Sinn kon­ stituierenden Bewußtseins möglich sind, in dem sich derselbe Sinn herausbilden würde. Wir finden es selbstverständlich, daß eine Wahrheit, die wir einsehen, jedermann einsehen könnte. Die Allgemeingültigkeit der Wahrheit ist allgemeine und

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jederzeitige Nacherzeugbarkeit der entsprechenden subjektiven Erlebnisse der Einsicht; und so für alles Objektive und Logische. Darin liegt doch im voraus der Hinweis darauf, daß das in der Regel verborgene Spiel subjektiven Lebens, in dem vermeinte Gegenstände, vermeinte Urteilsinhalte, erkannte Wahrheiten,

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ERSTE PHILOSOPHIE

erschlossene Konsequenzen usw. bewußt werden, in bestimmten typischen Gestalten verläuft, und so verlaufend im­ mer wieder dasselbe leistet, und daß also in der Tat eine g e- regelte Korrelation obwaltet zwischen Typik des 5 Erkennens und Einheitsgestalt des Erkannten. Besondere Cha­ raktere des ,,wirklich Seiend”, des ,,Wahr” treten an den ideal­ einheitlichen Bewußtseinssinnen auf, am identisch Vermeinten, in sogenannter Einsicht; hier wird das erkennende Leben unter dem Titel ,,Einsicht”, ,,Evidenz” eine besondere Gestalt haben 10 müssen, die der Vernünftigkeit, die Art des Recht schaffenden Lebens, des Erkennens im prägnanten Sinn. Welches seine wesentlichen Gestalten sind und wie sie theoretisch gefaßt werden müssen, das werden besonders wichtige Fragen sein.

Welches ist nun die Wissenschaft, wo ist sie, 15 die in dieser Richtung ihr thematisches ,,Gebiet” hat? Natürlich die Logik, wird derjenige sagen, der gewohnt ist, die Logik als universale Methodenlehre der Erkenntnis zu fassen, also darunter die volle in der Platonischen Dialektik angelegte Wissenschaft verstanden wissen will. 20 Indessen, die von der Aristotelischen Analytik ausgehende formale Logik ist diese Wissenschaft jedenfalls nicht, mindestens nicht, wenn wir ihr die durchaus notwendige reinliche Abgren­ zung geben, die wir früher besprochen haben. Sie ist dann eine fest abgeschlossene rationale Wissenschaft, die als ihr Gebiet,

25

ihre thematische Ebene, die Korrelation von Gegenstand über­ haupt und Urteil überhaupt hat, möglicherweise seiendem Ge­ genstand überhaupt, wahrem Urteil überhaupt, mit allen zuge­ hörigen formalen Abwandlungen. Aber apriorische Gesetze für Denkgegenstände und mögliche Gegenstände überhaupt auf-

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stellen, das heißt nicht, Gesetze aufstellen für subjektive Modi, in denen Gegenstände bewußt werden, in welchen Modis sie sich in der subjektiven Erkenntnis geben. Und ebenso, apriorische Gesetze für Urteile überhaupt, Urteilsrelationen der Konsequenz überhaupt, der Wahrheit von Urteilen überhaupt aufstellen, das

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heißt nicht, die subjektiven Modi, in denen Urteile in dem Vollzug urteilender Tätigkeiten auftreten, oder die Evidenzmodi, in denen sie als Wahrheiten oder Wahrscheinlichkeiten sich sub­ jektiv charakterisieren, zum Thema haben und darüber aprio­ rische Gesetze aufsteilen. ,,Urteil” in der formalen Logik besagt

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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ja die in mannigfaltigen subjektiven Akten des Aussagens sich herausstellende und jederzeit herauszuerkennende identische Aussagebedeutung, den identischen Satz z.B. ,,2x2 = 4’’. Sätze überhaupt in apriorischer Allgemeinheit, wie sie für die 5 formale Logik das Thema sind, bilden eine eigenartige Sphäre idealer Gegenständlichkeiten, so gut wie in der Arithmetik die Zahlen. Ähnlich wie ein Satz so ist eine Zahl ein identisch Ideales, hier ein Identisches in subjektiv sehr verschiedenen Modis des Zählens und Zahlendenkens. Also wie in der Arithmetik rein die

10

Zahlen und nicht das subjektive Tun im Zählen und sonstigen arithmetischen Bewußtsein die thematische Sphäre bilden, so in der formalen Apophantik die Sätze.

Überhaupt sehen wir, daß die rein formale Logik als rationale Disziplin in dieser Hinsicht allen sonstigen Wissen-

15

schäften des neuen rationalen Sinnes gleichsteht; wie sie alle ist

sie ontisch, nicht epistemologisch, nicht auf erkennende Subjektivität und subjektive Modi gerichtet. Das gilt also nicht nur für diejenigen rationalen Disziplinen, welche nach unseren Andeutungen mit der zuerst sich ausbildenden 20 Syllogistik oder besser der apophantischen Logik von vornherein

bei genauer Betrachtung thematisch zusammengehören, also nicht nur für die Arithmetik und für alle anderen Disziplinen der formalen analytischen Mathematik. Wenn die enger oder weiter gefaßte formale Logik eine ausgezeichnete Stellung gegenüber

25

allen anderen Wissenschaften hat, wenn sie in den Rahmen einer universalen Methodenlehre für alle Wissenschaften überhaupt hineingehört, wenn sie ideale Gesetze ausspricht, von denen alle Wissenschaften ev. Gebrauch machen können und an die sich alle gebunden wissen, so liegt das daran, daß die Logik und die sie

30

umspannende m a th e sis u n iv e rs a lis eben von Gegenständen über­ haupt und Urteilen bzw. Wahrheiten überhaupt spricht, und von allen Modis, in denen Gegenstände denkbar sind, und allen Formen möglicher Urteile, in betreff welcher Gegenstände immer. Natürlich bauen sich aber in allen Wissenschaften Theorien, also

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Urteilsgebilde auf, in allen werden Gegenstände beurteilt; also muß eine formale Logik und müssen alle logisch-mathematischen Disziplinen für alle Wissenschaften, für alle erdenklichen Wissen­ schaftsgebiete und für alle erdenklichen wissenschaftlichen Sätze und Theorien gelten, oder, wie wir auch sagen können, formal

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ERSTE PHILOSOPHIE

logische Gesetze, einmal gefunden, müssen den Beruf haben, alle Wissenschaften hinsichtlich ihrer theoretischen Gehalte zu nor­ mieren und so für sie als Prinzipien der Rechtfertigung zu fun­ gieren.

5

Andererseits aber steht, wie gesagt, die formale Logik, zuge­ rechnet die mathematische Analysis, allen anderen Wissenschaf­ ten darin gleich, daß sie so wenig wie sie alle ihr Forschungs­ gebiet in der Erkenntnissubjektivität hat. Jedoch das Postulat einer auf das Subjektive der Erkenntnis bezogenen Wissenschaft

10

ist uns durch diese Betrachtung empfindlich geworden, einer Wissenschaft, welche das Subjektive der Erkenntnis überhaupt und der Erkenntnis aller Gegenstands- und Wissenschaftsge­ biete systematisch erforscht. Sie tritt aus der Reihe aller sonstigen Wissenschaften durch die einzigartige Eigentümlichkeit heraus,

15

daß sie in völlig gleicher Weise auf alle erdenklichen Wissen­ schaften bezogen ist und in Beziehung auf sie alle die gleiche Aufgabe hat: ihre subjektive Erkenntnisseite zu erforschen.

7. V orlesung: <Systematischer E ntw urf der vollen Idee der Logik einer Logik der Wahrheit als einer W issenschaft von der erkennend und überhaupt leistenden Subjektivität. >

Die von uns postulierte Wissenschaft vom Erkenntnis-Subjek­ tiven befindet sich in einer gewissen Parallele mit der formalen

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Logik; aber die Weise, in der sie sich auf alle Wissenschaften bezieht und alle umspannt, ist eine total andere. Alle Wissen­ schaften beziehen sich erkennend und im Gehalte ihrer Theorien sinngemäß auf Gegenstände. In allen sind die Gegenstände Gegenstände wirklicher und möglicher Urteile, Substrate wirk-

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licher und möglicher Wahrheiten. Alle diese theoretischen Ge­ halte haben aber als Erkenntnis einheiten eine ursprüng­ liche und immerfort bleibende Beziehung auf wirkliche und mög­ liche erkennende Subjekte, welche die identischen Gegenstände, dieselben Urteile, Wahrheiten in mannigfaltigen subjektiven

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Erkenntnisweisen in sich bewußtseinsmäßig gestalten und jeder­ zeit gestalten können. Eine universale Wissen­ schaft von diesem Bewußtseinsmäßigen und einer Subjekti­ vität überhaupt, die und sofern sie jederlei ,,Objektives”, objek­ tiven Sinn und objektive Wahrheit jeder Art, im Erkenntnis-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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Subjektive des Erkennens aller Wissenschaften in ähnli­ cher Weise, wie eine Logik in ihren Begriffen und Gesetzen thematisch alles mögliche Objektive aller Wissenschaften umspannt. Anders ausgedrückt, eine Logik als rationale Wissen- 5 schaft von der Objektivität überhaupt — wie weit ihre Idee zu

erweitern wäre (und vielleicht noch über eine mathesis universalis hinaus) — hätte als notwendiges Gegenstück eine Logik des Erkennens, eine Wissenschaft, und vielleicht auch eine rationale Wissenschaft von der Erkenntnissubjektivität über-

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haupt; beide Wissenschaften, und vielleicht beide in zusammen­ gehörige Gruppen von einzelnen Disziplinen sich gliedernd, stän­ den im Verhältnis notwendiger Korrelation. Das Wort ,,Logik” würde insofern passen, als Logos nicht nur in der objektiven Hinsicht das Erkannte, die Aussagebedeutung, den wahren

15

Begriff u.dgl. andeutet, sondern auch Vernunft, und so die sub­ jektive, erkenntnismäßige Seite. Hierbei ist noch folgendes zu bemerken. Wird in dieser Logik des Erkennens eben dieses, das Erkenntnissubjektive, zum Thema, so wird es das natürlich wiederum in einem Erkennen.

20

Es ist dann Gegenstund für neue Aussagen und Wahrheiten, die ihrerseits wieder in einem Erkennen des Wissenschaftlers in wechselnden subjektiven Modis sich gestalten. Danach ist es klar, daß die postulierte universale Wissenschaft vom Erkennt­ nissubjektiven auch die merkwürdige Eigentümlichkeit hat, daß

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sie sich auf sich selbst, nämlich auf ihr eigenes Erkenntnissub­ jektives bezieht. Sie steht darin abermals mit der objektiven Logik in Parallele, die sich als objektive universale Wissenschaft auf sich selbst, aber nur insofern bezieht, als sie selbst in ihren Begriffen und Sätzen Objektivitäten herausstellt. Jedes Gesetz,

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auch jedes logische Gesetz, ist ein Satz. Ist es ein logisches Ge­ setz wie das Prinzip vom Widerspruch, das für alle Sätze über­ haupt eine Wahrheit aussagt, so bezieht es sich auf sich selbst zurück, sofern es selbst ein Satz ist. Das Gesetz vom Wider­ spruch sagt aus: wenn ein Satz wahr ist, so ist sein kontradikto-

35

rischer Gegensatz falsch — als gültig für alle erdenklichen Sätze. Aber dieses Gesetz ist auch ein Satz und fällt somit unter die allgemeingültige Wahrheit, die es selbst ausspricht. Und so ist auch die objektive Logik als Ganzes auf sich selbst thematisch zurückbezogen. Eine ähnliche, nur eine korrelative Rückbezie-

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ERSTE PHILOSOPHIE

hung auf sich selbst müßte offenbar für die Logik der erkennen­ den Subjektivität gelten. Unter die allgemeine Gesetzmäßigkeit subjektiver Erkenntnistätigkeiten, die sie aufstellt, müßten auch alle die Erkenntnistätigkeiten fallen, durch die diese Gesetze 5 erkennbar werden. Noch eine weitere Bemerkung drängt sich hinsichtlich der geforderten Erkenntniswissenschaft auf. Wenn wir sie als eine auf das subjektive Erkenntnisleben gerichtete Logik fassen, so denken wir von vornherein an allgemeine Einsichten, die als

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Prinzipien der Rechtfertigung, und hier eben in subjektiver Hin­ sicht, dienen könnten. Und wir denken von vornherein auch an wissenschaftliches Forschen und Denken, mit dem Ziele wahrer Theorie für ein in seinem wahren Sein und Sosein zu bestimmendes Gegenstandsgebiet. Indessen nicht nur,

15

daß echtes Erkennen sich nicht normieren und zu Normierungs­ zwecken erforschen läßt ohne gründliches Studium des u n- echten Erkennens, das doch immer nach allgemeinsten Gat­ tungscharakteren ein ,,Erkennen” heißen darf; es ist auch darauf Rücksicht zu nehmen, daß, was wir theoretisches oder

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wissenschaftliches Erkennen nennen, nur eine ausgezeich­ nete Höhengestaltung ist, die sich auf niedere Er­ kenntnisstufen zurückbezieht: so auf das vielgestaltige sinnliche Anschauen und sinnliche Phantasieren, mit zugehörigen sinnlich anschaulichen Urteilsweisen, die nicht nur den wissenschaftlichen

25

historisch vorangehen als typische Formen des Erkenntnislebens der vorwissenschaftlichen Menschheit und sich sogar schon bei Tieren finden, sondern die für das wissenschaftliche Denken selbst als immer und notwendig mitfungierende Unterlagen und Ein­ schläge ihre Rolle spielen. Natürlich müßte die volle Gestalt einer

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Wissenschaft von der erkennden Subjektivität so weit reichen, als die sachlichen Zusammenhänge ihres Gebietes überhaupt zu verfolgen sind; und schon dieses Gebiet müßte so weit gefaßt werden, als gattungsmäßig-sachliche Gemeinschaft irgend rei­ chen kann. Niemand wird ja auch sonst etwa eine Wissenschaft

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von den Dreiecken und daneben eine eigene Wissenschaft von den Kreisen etablieren wollen; und so wird man auch hier nicht bloß eine Wissenschaft von der erkennenden wissenschaftlichen Vernunft statt einer vollumfassenden Wissenschaft vom E r- ke nnen ü b e r h a u p t in dem we i t es t zu fas-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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senden Sinne fordern, in welcher die Gesamtheit noch so primitiver Gestaltungen der Wahrnehmung, Erinnerung, spielen­ den Phantasie ebenso theoretisch in Frage ist wie jede Gestalt apriorischen und empirischen wissenschaftlichen Theoretisierens.

5

Aber schließlich werden wir noch weiter getrieben. Wer könnte die erkennende Subjektivität trennen wollen von der fühlenden, strebenden, begehrenden, wollenden, handelnden Subjektivität, von der in jedem niederen und höheren Sinn wertenden und zwecktätig leistenden Subjektivität? Theoretische Vernunft

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stellt man in Parallele zur wertenden, z.B. ästhetisch wertenden Vernunft, und wieder zur praktischen Vernunft, wobei man insbe­ sondere an die rechte Weise ethischer Lebensgestaltung denkt. Aber die Subjektivität zerfällt nicht danach in getrennte Stücke, die äußerlich in derselben Subjektivität nebeneinanderliegen.

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Elemente des Fühlens und Strebens, ev. des zielbewußten Wol- lens liegen in der Erkenntnis, Elemente der Erkenntnis in allen anderen Akt- und Vernunftarten. Überall treten, und innig ineinander verflochten, parallele Probleme auf, Probleme von demselben Typus, den wir für die Erkenntnis kennengelernt

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haben. Die Korrelation zwischen subjektivem Erkenntnisleben und in ihm bewußt werdenden Erkenntniseinheiten hat ihre of­ fenbare Parallele in der Korrelation zwischen fühlend-wertendem und werktätig schaffendem Leben und den in ihm bewußt wer­ denden Werteinheiten und Zweckeinheiten. Unterschieden wir

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z.B. in der Erkenntnissphäre das vielgestaltige subjektive Er­ fahren von dem bewußtseinsmäßig einen und selben Erfahrungs­ objekt, wiesen wir darauf hin, daß es, während es als dieses eine und selbe sichtlich dasteht, ein endlos wechselndes subjektives Aussehen hat, und für uns selbstverständlich nur bewußt sein

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kann eben dadurch, daß es irgendwie für uns aussieht; unterschie­ den wir so Subjektives und Objektives, dann müssen wir natür­ lich analog auch bei einem Kunstwerk, einer Symphonie, einer Plastik, unterscheiden. Das schöne Gebilde ist für uns als Schönes nur da, wofern unser Gefühl, und in gewissen subjektiven Weisen,

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spricht, und das wieder setzt voraus, daß die Töne der Symphonie in gewissen subjektiven Erscheinungsweisen, in gewissen subjek­ tiv empfundenen Intensitäten, in einem gewissen subjektiven Tempo bewußt sind; oder, für Plastik, daß das Marmorbild sub­ jektiv von gewissen Seiten, in gewissen Perspektiven, in gewissen

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ERSTE PHILOSOPHIE

subjektiv wirksamen Beleuchtungen u.dgl. gesehen wird; nur dann spricht das Gefühl, und spricht es gerade in der Form ästhe­ tisch fühlenden Bewußtseins. Im ästhetischen Genuß, im Be­ wußtsein, indem das Kunstwerk für uns in voller Aktualität da 5 ist, läuft ein gewisser Rhythmus von Vorsteilungsweisen und da­ durch fundierten Gefühlsweisen, ein bestimmt geordnetes sub­

jektives Erleben ab. Aber das Schöne selbst, das dabei bewußt ist, ist nicht dieses vielgestaltige Leben, dieses Bewußtsein, in dem es bewußt ist. Was der Betrachter bewußt vor sich 10 hat und ästhetisch genießt, ist dieses eine, dieses schöne Gebilde und seine ästhetischen Werteigenheiten, während das subjektive und vielgestaltige Erkenntnis- und Gefühlsleben, in dem das ästhetische Bewußthaben des Gebildes besteht, ihm natürlich verborgen ist.

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Sie sehen, daß wir in der Tat für ästhetische Ein­ heit und ästhetische Subjektivität auf ähn­ liche Probleme, und auch Probleme einer ästhetischen Ver­ nunft, bezogen auf Wahrheit oder Echtheit des Schönen, stoßen, und so offenbar ü b e r a l l , w o in

20

i r g e n d e i n e m S i n n e v o n V e r n u n f t d i e R e d e

i s t. Alle diese Probleme sind in der Lösung miteinander ver­

flochten, die erkennende, die ästhetische, die ethische Subjektivi­ tät vollzieht nicht, unter den Titeln Erkennen, Fühlen, Werten, Handeln, getrennte, inhaltlich einander fremde, sondern sich

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innerlich verflechtende, beständig ineinander fundierte Akte, mit Einheitsleistungen, die selbst entsprechende Fundierungen auf­ weisen. So wird es also, das sehen wir im voraus, nur eine voll­ ständige Wissenschaft von der Subjektivität geben, und zwar von der Subjektivität, welche und sofern sie alle möglichen Einheiten

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des Bewußtseins in sich als Einheiten der Meinung und ev. ver­ nünftigen Bewährung gestaltet. Sprechen wir von Bewußtsein als Bewußthaben von etwas: von einem Ding, einer Zahl, einem Satz, einem Schönen und Guten, einem Zweckgebilde, einer werk­ tätigen Handlung, so ist das nicht ein überall gleiches, in sich

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unterschiedsloses Haben solcher Einheiten, sondern je nach diesen Einheiten, ja schon bei einer und derselben, ist es, wie schon die flüchtigste Reflexion zeigt, ein überaus vielgestaltiges subjektives Leben. Es ist ein Leben, das in der Art, wie es im Subjekt ver­ läuft, die Einheit als die jeweilig vermeinte und für es ev. in der

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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Weise der Wahrheit und Echtheit erschaute zustandebringt. Bewußt-haben ist nur als Bewußtseinsleistung. Noch ein Punkt bedarf der Erörterung. Die jetzt erwogene

Wissenschaft soll die universale Wissenschaft vom Subjektiven 5 überhaupt sein, als demjenigen, worin alles Objektive zum Be­ wußtsein kommt und je kommen kann. Oder: wir stellen ihr das Thema, alles auf Bewußtseinssubjekte und auf Bewußtsein selbst als Bewußtsein v o n etwas Bezügliche zu erforschen. Sie hätte jede erdenkliche Weise, wie Subjekte sich als bewußtseinstätig

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zeigen können und wie sie dadurch sich selbst, etwa als vernünf­ tig oder unvernünftig erkennende, wertende, wollende, bestim­ men, in Erwägung zu ziehen, sie hätte alle unterscheidbaren Gat­ tungen und Arten des Bewußtseins bestimmend zu erforschen, und zwar unter beständigem Hinblick auf die

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B e w u ß t s e i n s o b j e k t e , auf die im Bewußtsein selbst jeweils vermeinten so oder so bewußten Einheiten. Dieselben Einheiten sind ev. Themen anderer Wissenschaften, der objektiven, oder auch Themen des praktischen Lebens, näm­ lich als das, worum man sich gerade sorgt, was man praktisch

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bedenkt und ev. handelnd bearbeitet. Aber ein anderes ist es, objektives Thema, theoretisches oder praktisches, sein — und ein anderes, als Objektives mannigfaltig darauf bezogenen Be­ wußtseins (subjektives) Thema der Wissenschaft von der Be­ wußtseinssubjektivität sein; und insbesondere, in ihr unter dem

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Gesichtpunkt erwogen sein, w i e die vielfältigen subjektiven Erscheinungsweisen, apperzeptiven Gestalten, subjektiven Cha­ raktere aussehen und sich bestimmen, in denen ein und dasselbe Objektive der oder jener Art im Bewußtsein sich gibt. Wir haben Wissenschaften, die wir objektive nennen, und alle

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Gegenstände oranen sich in objektive Wissenschaften ein: und doch gehören auch alle, Gegenstände zugleich in unsere Wissen­ schaft von der Bewußtseinssubjektivität. Als Gegenstände objek­ tiver Wissenschaften sondern sie sich in wissenschaftlich ge­ trennte Gebiete. Jede solche Wissenschaft hat ihr Gebiet, jede

35 andere ein anderes. Aber zugleich gehören alle Gegenstände aller Wissenschaften in eins in jene universale Wissen­ schaft von der Erkenntnissubjektivität und Bewußtseinssubjek­ tivität überhaupt. Objektive Wissenschaften wollen die Gegen­ stände ihres Gebietes auf Grund einstimmiger Erfahrung in theo-

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ERSTE PHILOSOPHIE

retischer Wahrheit bestimmen, so die Naturwissenschaft die der Natur, die Sprachwissenschaft die der Sprache usw. Erforscht die Bewußtseinswissenschaft dieselben Gegenstände und dabei alle Arten von Gegenständen in eins, so hat das einen anderen 5 Sinn und besagt ein Forschen ganz anderer Art. Nicht, w a s die Gegenstände, die in einstimmiger Erfahrung ihrem wirklichen Sein nach erfaßt werden, einzeln und in Relation zueinander in theoretischer Wahrheit sind, ist hier die Frage, sondern, w i e d a s Erkennen aussieht und sich theoretisch bestimmt,

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und jederlei mögliches Bewußtsein sonst sich bestimmt, in wel­ chem solche Gegenstände und Gegenstände überhaupt als Ein­ heiten, als identische Gegenstände bewußtwerden können. Das sagt also z.B., wie das Erfahren aussieht und Erfahrungseinstim­ migkeit aussieht, in der Erfahrenes als Wirklichkeit und fortge-

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setzt bestehende Wirklichkeit bewußt wird, aber auch, wie ein Erfahrungsgang aussieht, in dem Erfahrenes hinterher als Illusion diskreditiert wird, welche Erscheinungsweisen von Raumdingen, welche subjektiven Unterschiede des Hier und Dort, des Rechts und Links oder welche subjektiven Unterschiede der Gestalt und

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Farbenperspektive u.dgl. in Betracht kommen könnten als sub­ jektive Weisen, wie Objektives dem Erfahrenden und dann weiter dem urteilend Denkenden sich darbietet und darbieten muß. Also unsere Wissenschaft behandelt j e d e r l e i O b j e k t i-

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v e s als O b j e k t i v e s d e s B e w u ß t s e i n s und als in subjektiven Modis sich Gebendes; Bewußtseinssubjekt und Be­ wußtsein selbst wird nicht vom bewußten Gegenständlichen getrennt betrachtet, sondern im Gegenteil, Bewußtsein trägt Bewußtes selbst in sich, und so, wie es das in sich trägt, ist es

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Forschungsthema. Und das gilt nicht nur für Erkenntnisgegen­ stände in irgendeinem beschränkten Bewußtseinssinn, sondern auch für das wertende und praktische Bewußtseinsleben jeder Art und Besonderheit. Doch ist zugleich zu bemerken, daß alle Arten von Bewußt-

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seinseinheiten jederzeit für eine mögliche Erkenntnis bereitliegen, also auch zu theoretischen Objekten werden können, so daß sich Wissenschaften auf sie alle beziehen können und in der Tat schon beziehen; so z.B. Wissenschaften von ästhetischen Objekten, wie es die Kunstwissenschaft ist, von den wirtschaftlichen Gütern

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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usw. Danach wird also eine vollständige Wissenschaft von der erkennenden Subjektivität auch aus diesem Grunde und eo ipso sich über alle Weisen des Einheiten welcher Art immer gestalten­ den Bewußtseinslebens erstrecken müssen.

5

Sind wir so weit, so ist es an der Zeit zu fragen — und damit münden wir wieder in die historische Betrachtung ein — : mußte nicht schon das griechische Altertum Bedürfnis nach einer solchen Wissenschaft von der Subjektivität, der unter dem Titel Be­ wußtsein Bewußtseinseinheiten leistenden, empfinden? Ging

10

doch die griechische Philosophie in ihrem universalen Erkennt­ nisstreben mit der Begründung immer neuer Wissenschaften in allen Richtungen voran. Konnte es ihr entgehen, daß das im natürlichen naiven Fort­ gang des Lebens den Erkenntniseinheiten, den Wert- und Zweck-

15

einheiten ausschließlich preisgegebene Interesse auch eine Rück­ wendung erfahren kann, in welcher das vordem, im naiven Be­ wußtseinsvollzug, sich selbst verborgene Bewußtsein dem Ich sichtbar und erforschbar wird ? Konnte ihr entgehen, daß hierdurch an alle Arten von Gegen-

20

ständen Fragen gestellt werden, die keine der rationalen objek­ tiven Wissenschaften von diesen Gegenständen beantwortet, und daß eine sonst noch so rationale Wissenschaft, die für ihre Gegen­ stände eine ganze Dimension von Fragen unbedacht läßt, un­ möglich der Idee einer philosophischen Wissenschaft voll genügen

25

konnte?

 

(V iertes

K apitel

 

D ie

geschichtlichen

Anfänge

der

Wissen­

 

s c h a f t

v o n

d e r

S u b j e k t i v i t ä t ) 8

 

8.

Vorlesung: <Aristoteles* Begründung der Psychologie problem einer Psychologie überhaupt. >

und das Grund­

Darauf haben wir zu sagen: von der Logik her, die als Methodenlehre echter Erkenntnis und echter Wissenschaft im Werden war, und parallel von der Ethik her, die sich ebenso als Methodenlehre des praktisch vernünftigen, des „ethischen”

30

Handelns zu entwickeln begonnen hatte, wurde man von vorn­ herein dazu bestimmt, der erkennenden und handelnden Sub­ jektivität in ihrem vernünftigen und unvernünftigen Tun ein

52

ERSTE PHILOSOPHIE

theoretisches Interesse zuzuwenden. Die Art der sophi­ stischen Angriffe gegen die Möglichkeit der Erkenntnis mußte gerade in dieser Hinsicht motivierende Kraft haben. Der einzuschlagende Weg war durch die natürliche naive Weltbe- 5 trachtung vorgezeichnet. Vernunft und Unvernunft jeder Art sind Namen für menschliche Seelenvermögen, Vermögen für ge­ wisse in Wissenschaft, in praktischer Weisheit und Tugend, in Politik, in Staatsverfassungen u.dgl. sich auswirkende geistige Leistungen. Das führt also auf den Menschen und sein See-

10

lenleben als wissenschaftliches Thema, von da aus hinsichtlich der Unterstufen solchen Lebens auch auf die Tiere und tierisches Seelenleben; die psychologische Theoretisierung vollzog sich hier im Zusammenhang der logischen und ethischen Problematik.

15

Alsbald wurde man aber auch abgesehen von den vernunft­ theoretischen Bedürfnissen dieser Methodenlehren auf das D e- siderat einer Psychologie geführt. Nachdem durch Platon und in fruchtbarer Fortführung durch Aristoteles die allge­ meine Idee einer rationalen Wissenschaft entworfen und durch-

20

gedrungen war, standen die Geister in dem Bann der die ganze Weiterentwicklung bestimmenden Aufgabe, diese Idee in immer neuen rationalen Wissenschaften zu verwirklichen, sei es durch logische Umgestaltung der alten Philosophien oder Wissenschaf­ ten in rationale, sei es durch Begründung völlig neuer, in allen

25

erreichbaren Gebieten. Natürlich mußten also wie für die phy­ sische Natur so für die lebendige Natur, für Tiere und Men­ schen, dann für das gesellschaftliche Leben neue Wissenschaften geschaffen werden; im Interesse allen voran ging da die Wissen­ schaft vom Menschen, die Anthropologie, die psychische natür-

30

lieh verflochten mit der physischen, da ja in der natürlichen objektiven Betrachtung seelisches und leibliches Sein in der ani­ malischen Einheit real verflochten sind. So erwuchs schon im Altertum, im gewaltigen Geiste eines

A r i s t o t e l e s , ein e r s t e r E n t w u r f e i n e r u n i v e r -

35

s a 1 e n W i s s e n s c h a f t v o n d e r

S u b j e k t i v i t ä t ,

nämlich als eine Psychologie, und sie hatte, wie alle seelischen

Funktionen, so die Funktionen menschlicher Vernunft zu be­ handeln; eine der objektiven Wissenschaften in der Reihe der Erfahrungswissenschaften, die das Weltall behandeln, eine neben

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

53

anderen, tritt so in eine ausgezeichnete Beziehung zur Logik und Ethik, und durch sie hindurch zu allen anderen Wissenschaften und ihren Gebieten.

Freilich so, wie die Psychologie auf den Plan tritt, ist sie eigent- 5 lieh ein beständiges Kreuz der philosophischen Geister. Von Anfang an vermochte sie sich gerade der Problematik nicht zu bemächtigen, welche uns in den letzten Vorlesungen in unse­ rem Ausgang von der Erkenntnis und den Erkenntniseinheiten und im Zusammenhang mit den methodologischen Disziplinen

10

der Logik und dann auch der Ethik zugewachsen ist. Es fehlte, so viel man von den Vermögen erkennender und praktischer Ver­

nunft auch

sprach, an der M e t h o d e , die A k t s p h ä r e n ,

auf welche sich diese Vermögen doch beziehen, und demnach

überhaupt das Bewußtsein als Bewußtsein von

15

etwas in richtiger Weise systematisch deskriptiv

herauszustellen und in einen theoretischen Griff zu be­ kommen. Das war aber ein radikaler Mangel, der die Entwicklung der Psychologie zur festen Gestalt einer echten, in rationalen Beschreibungen und Erklärungen fortschreitenden Wissenschaft

20

unmöglich machen mußte. In jedem Lebenspuls ist doch mensch­ liches und tierisches Seelenleben Bewußtsein v o n dem und jenem. Als ganzes ist es zu charakterisieren als kontinuierlich einheitlicher Strom sich immer neu gestaltenden Bewußtseins, vorstehenden, urteilenden, fühlenden, strebenden, handelnden

25

Bewußtseins, eines Bewußtseins, das überaus mannigfache For­ men hat, in dem, immerfort wechselnd nach Gegenständen und subjektiven Erscheinungsweisen, einerseits subjektive Erlebnisse selbst bewußt werden, wie Empfindungsdaten, Gefühle, Wollun- gen, andererseits aber auch, und in eins damit, Dinge im Raum,

30

Pflanzen und Tiere, mythische Mächte, Götter oder Dämonen, mannigfaltige Kulturgestalten, Sozialitäten, Werte, Güter, Zwecke usw. Wie könnte eine Psychologie auf die rechte Bahn kommen, ohne zu einer s y s t e m a t i s c h e n

E

l e m e n t a r a n a l y s e d e s B e w u ß t s e i n s a l s Be-

35

w

u ß t

s e i n s

v o n e t w a s d u r c h z u d r i n g e n , als

gewissermaßen dem ABC des Seelenlebens! Aber uns interessiert hier der Mangel in der Bewußtseinsfor­ schung keineswegs als bloßer Mangel, welcher der Psychologie an

und für sich, als einer objektiven Wissenschaft unter anderen,

54

ERSTE PHILOSOPHIE

anhaftete, als ein Mangel der Methode, der sie hinderte, die Stufe einer echten rational erklärenden Wissenschaft zu erklimmen, also zur würdigen Genossin der mathematischen Naturwissen­ schaft zu werden. Bewußtseinsforschung kommt ja für die Logik 5 und Ethik in Frage, und da interessiert uns der Anspruch der Psychologie in dieser Hinsicht, Fundament für diese prinzipiellen Methodenlehren zu sein, ihr Anspruch, die ursprüngliche Kraft­ quelle für alle prinzipiellen Normierungen in Wissenschaft und Lebenspraxis zu sein und dadurch über alle anderen, ihr sonst

10

gleichgeordneten objektiven Wissenschaften emporzuragen. Mochte es auch zunächst ganz selbstverständlich erscheinen, daß die Psychologie diejenige Wissenschaft von der Subjektivität sei, aus welcher eine Methodenlehre des Erkennens und Handelns theoretisch zu schöpfen hat, wirklich selbstverständlich war das

15

nur, wenn Logik und Ethik nicht mehr sein wollten und nicht mehr sein konnten als empirisch-technische Regelsysteme für menschliche Verfahrungsweisen im wissenschaftlichen und ethi­ schen Tun. War aber die Logik in der Tat nur als eine empirische Technologie des Erkennens gemeint, als eine empirische Kunst-

20

lehre etwa nach Art der Architektur? Ihrem Ursprung nach sicherlich nicht. Die Logik bot doch von Anfang an apriorische Gesetze für Gegenstände überhaupt, Sätze und Wahrheiten über­ haupt und zielte danach auch in subjektiver Hinsicht und ganz offenbar auf apriorische Normen für das Erkennen, für das Ur-

25

teilen und Einsehen überhaupt. Die Frage liegt hier nahe: Könn­ ten solche apriorischen Gesetze, d.i. Sätze, zu deren rein idealem Sinn unbedingte Allgemeinheit und Notwendigkeit der Geltung gehört, abhängig sein von der zufälligen Faktizität des Menschen, dieser faktischen animalischen Spezies homo innerhalb des Fak-

30

tums dieses Weltalls ? Mußte nicht eine solche Abhängigkeit besagen, daß alle logischen Gesetze eben nur die Gültigkeit zoolo­ gischer Gesetze haben; mußte also nicht darin liegen, daß eine Änderung der menschlichen Spezies, eine passende Änderung der faktischen Regelverläufe menschlichen erkennenden Tuns

35

auch eine Änderung der logischen Gesetze mit sich führen könnte und würde ? Geben wir damit aber die absolute Geltung dieser Gesetze preis, so geraten wir in arge Verlegenheiten. Wie steht es, wenn wirklich logische Gesetze eine bloß empirisch­ anthropologische Gültigkeit haben, mit dem Faktum der mensch-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

55

liehen Spezies selbst, und in ihren biologischen Eigenheiten, darunter auch der psychologischen, die hier vorausgesetzt wer­ den ? Und wie steht es mit dem Faktum der ganzen Welt, die hier nicht minder vorausgesetzt ist ? Wissen von ihr gibt die Wissen- 5 schaft, und speziell für den Menschen die physische und psychi­ sche Anthropologie. Nur wenn diese Wissenschaft wirklich Gül­ tigkeit hat, können wir in der Tat und in Wahrheit sagen, der Mensch ist und untersteht den und den psychologischen Gesetzen. Wenn aber das, was dieser wie aller Wissenschaft überhaupt von

10

Anfang bis Ende prinzipielles Recht gibt, nämlich die Logik durch ihre logischen Prinzipien, selbst vom Faktum des Menschen ab­ hängen sollte, dann hinge sie doch von dem ab, was erst durch sie überhaupt als rechtmäßig seiend gültig sein könnte. Ein offen­ barer Zirkel. Ja der Zirkel tritt schon vor, wenn wir auch nur das

15

allererste logische Prinzip heranziehen: hätte der Satz vom Wider­ spruch eine bloß empirisch-relative, vom Faktum der mensch­ lichen Spezies abhängende Geltung, so läge darin, es sei eine Ände­ rung dieser Spezies denkbar derart, daß er nicht mehr gelte. Dann wäre aber auch von diesem andersartigen Menschen zu sagen, er

20

sei und sei nicht, sei so und nicht so, er sei andersartiger Mensch und nicht andersartiger usw. Wir sehen, die Selbstverständlichkeit, mit der jedwede Wissen­ schaft ohne weiteres auf die Welt bezogen wird, wobei diese Welt als fraglose Tatsache der Erfahrung vorausgesetzt wird, führt

25

Schwierigkeiten mit sich; so hier vor allem die Selbstverständ­ lichkeit, in der die Logik als auf das Faktum dieser Welt und speziell das Faktum erkenntnisfähiger Menschen bezogen gilt. In ihrer ursprünglichen Anlage und Bestimmung als platonischer Dialektik sollte die Logik die radikale Wissenschaft von der

30

Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt sein. Von der Möglichkeit, in erkennendem Tun Wahrheitsleistungen zu erzielen, wollte sie ganz prinzipiell handeln; sie wandte sich ja gegen die Sophistik, die schlechthin und ganz allgemein diese Möglichkeit leugnete. Also, wurde sie wirklich radikal entworfen, dann mußte sie von

35

Anfang an und ganz prinzipiell die Möglichkeit jeder Erkenntnis und Wahrheit in Frage stellen; darin liegt aber, sie durfte nicht einmal die Existenz des Menschen und das vermeinte selbstver­ ständliche Dasein einer Welt als eine ausgemachte Tatsache der Erfahrung benutzen. Denn auch diese ist nur Tatsache aus der

56

ERSTE PHILOSOPHIE

Erkenntnis her und muß als Erkenntnistatsache ihrer Möglich­ keit nach in Frage gestellt werden. Wie sehr Platon sich bemühte, in diesem radikalen Geiste eine Logik zu begründen, zu den notwendigen Anfängen und 5 Methoden drang er nicht durch, und schon Aristoteles verfiel in die sehr natürliche Selbstverständlichkeit einer vorge­ gebenen Welt, eben damit jede radikale Erkenntnisbegründung preisgebend. So kam es, daß die antike Wissenschaft bei all ihrer Prätention. Philosophie, sich wirklich letztrechtfertigende und

10

voll befriedigende Wissenschaft zu sein, bei all ihren bewunde­ rungswerten Leistungen doch nur das zustandebrachte, was wir dogmatische Wissenschaft nennen und nur als eine Vorstufe ech­ ter philosophischer Wissenschaft statt ihrer selbst gelten lassen. Solange nicht die erkennende Subjektivität, die zu allen wirk-

15

liehen und möglichen Erkenntnissen und Wissenschaften als Wesenskorrelat hinzugedacht werden muß, erforscht ist, solange nicht eine allgemeine und reine Wissenschaft von allem möglichen erkennenden Bewußtsein begründet wird, in dem alles wahre Sein sich als subjektives Leisten herausstellt, solange ist keine

20

sonst noch so rationale Wissenschaft in vollem und jedem Sinne rational. Allen Wissenschaften steht gegenüber, wie wir be­ sprachen, eine Wissenschaft von der Erkenntnissubjektivität, und diese, weitest verstanden, ist eine Wissenschaft, die von Bewußtseinssubjekt, Bewußtsein und bewußtseinsmäßig ver-

25

meinter Gegenständlichkeit überhaupt handelt. Diese Wissen­ schaft steht allen anderen als Korrelat in der Weise gegenüber, daß sie alles, was diese in jedem Schritte, und schon nach den untersten Erfahrungen, bewußtseinsmäßig leisten, nach diesem subjektiven Leisten prinzipiell verständlich macht und dadurch

30

erst letzt-rational. Sowie man diese Wissenschaft mit der Psycho­ logie identifiziert, sowie man die prinzipielle Eigenstellung dieser Wissenschaft verkennt, die radikale Methode, die ihr Gebiet eröffnet, verfehlt, ist alle Wissenschaft und ist alle Erkenntnis­ gegenständlichkeit, also das Weltall selbst, mit Dunkelheiten,

35

Rätseln, Widersprüchen behaftet, die uns den reinen und echten Sinn der Welt und alles Seins versperren. Wissenschaft kann eben nur dann Wissenschaft im letzten Sinn, Philosophie sein, wenn sie die Welt und so alle Erkenntnisgegenständlichkeiten in solcher Weise theoretisch bestimmt, daß jede wahre Aussage, die da zur

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

57

Erkenntnisleistung kommt, frei ist von allen erdenklichen Dun­ kelheiten und Widersprüchen, die den Erkenntnisgegenstand in irgendeiner Richtung verwirren. Aber zunächst bleibt die Notwendigkeit und Eigenart einer 5 solchen Wissenschaft dem ganzen Altertum unsichtbar, während sich gleichwohl ihr Mangel immerfort irgendwie fühlbar macht, also sich fühlbar macht die Unzulänglichkeit bisheriger Wissen­ schaft. Der historische Index dieser Sachlage ist sozusagen die Unsterblichkeit des Skeptizismus. Als unbe- lOsieglicher Geist der Verneinung begleitet er die blühende Ent­ wicklung der antiken Wissenschaften, darin unermüdlich, jeder neuen Gestalt der Philosophie eine neue der Antiphilosophie gegenüberzustellen. Allgemein gesprochen, er bleibt beharrlich dabei, mit feinstgesponnenen Argumenten die Unmöglichkeit 15 jedweder Philosophie, d.i. die Unmöglichkeit einer sich letzt­

rechtfertigenden Wissenschaft zu erweisen, und das trotz all der Widerlegungen, durch die man sie in den Philosophenschulen überwinden zu können vermeinte. Der skeptischen Hydra wach­ sen immer neue Köpfe, und selbst die abgeschlagenen wachsen

20

alsbald wieder nach. Jedenfalls ist dieses üppige Fortleben der Skepsis, die in ihren Argumentationen keine der Einzelwissen­ schaften, und selbst die exakteste Mathematik nicht verschont, ein Zeugnis dafür, daß die nachplatonische Wissenschaft in Wahr­ heit nicht leistete, was sie ihrer Prätention nach als Philosophie

25

leisten sollte, Erkenntnis aus absoluter Rechtfertigung. Sie hätte ja sonst einen skeptischen Betrieb unmöglich machen, sie hätte seine Paradoxa reinlich auflösen müssen. Durch Rückgang auf die letzten Quellen ihrer verführenden und subjektiv überzeugen­ den Kraft hätte sie dem, was an ihnen wahre Kraft war, genugtun

30

müssen in der Positivität ihrer eigenen prinzipiellen Rechtferti­ gungen. So viele und wertvolle Einsichten die Philosophie diesem ständigen Kampf gegen den Skeptizismus auch verdankte x) — sozusagen ins Herz treffen konnte sie ihn nicht, solange er seine Kraft im geheimen aus derjenigen Dimension bezog, für die die

35

Philosophie noch gar nicht sehend geworden war, nämlich <der> des reinen Bewußtsein.

L) Vgl. Beilage VIII, S. 328 f. — Anm. d. Hrsg.

58

ERSTE PHILOSOPHIE

9. V orlesung: {Der Skeptizism us die grundsätzliche Bedeutung seiner ,,Unsterblichkeitin der Geschichte der Philosophie. Der ent­ scheidende Schritt Descartes*. >

Schon hinter den ältesten skeptischen Argumentationen, denen der alten Sophistik, steckte ein Wahrheitsgehalt, dessen sich die Philosophie niemals bemächtigen konnte. Schon in diesen älte­ sten Sophismen pochten höchst bedeutsame philosophische Motive 5 an die Pforte, und es ward ihnen nicht aufgetan. In dem Moment, in dem dies geschah, eröffnete sich ein neues Erkenntnisreich, und dasjenige, von dem aus alle Erkenntnis letztlich ihre Dignität ausweisen mußte. Hier ist es nun unerläßlich, uns den tiefsten Wahrheitssinn der sophistischen Argumentationen zuzueignen.

10 Das Wesen alles Skeptizismus ist Subjektivismus; ursprüng­ lich repräsentiert ist er durch die beiden großen Sophisten Pro­ tag o r a s und G o r g i a s. Das Prinzipielle, das sie, wie es scheint, zuerst geltend machten, liegt in folgenden Gedanken:

1) Alles Objektive ist für den Erkennenden nur dadurch ur-

15 sprünglich vorhanden, daß er es erfährt. Er erfährt es, das sagt aber, daß es ihm subjektiv irgendwie in diesen oder jenen Er­ scheinungsweisen erscheint. Einmal sieht das Ding so aus, das andere Mal anders, und jedermann sieht es so, wie es für ihn im jeweiligen Erfahren des Momentes aussieht. Worüber jeder

20 zweifellos aussagen kann, ist das jeweilig wirklich Gegebene, das so Aussehende als so Aussehendes. Das Seiende an sich selbst (oder ein Seiendes selbst), losgelöst von jedem Aussehen, an sich seiend, mit sich selbst absolut identisch, ist nicht erfahren und nicht erfahrbar. Hier könnte sich der Gedanke nach zwei Rich-

25

tungen wenden: ein Seiendes an sich ist prinzipiell unerfahrbar oder, was dasselbe ist, ist undenkbar. Ein wahrhaft Seiendes, auf das sich die subjektiven Erscheinungen als ihr Objektives be­ ziehen, ist ein Nonsens. Oder es könnte gemeint sein, es mag wohl so etwas geben, aber kein Subjekt kann, als auf Erfahrungen, also

30

wechselnd Erscheinendes angewiesen, je etwas davon wissen. 2) G o r g i a s; der radikalere und darum philosophisch der vornehmlich interessante, vertritt die erstere, extremere Th^se; aber, im Sinne des von ihm überlieferten Hauptarguments (des zweiten der an seinen Namen geknüpften Trias von Argumenten),

35

ohne sich auf die vorhin besprochene und an sich bedeutsame Erkenntnis des Protagoras zu stützen, nämlich daß alles Ding-

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

59

liehe (oder wie wir ganz wohl allgemeiner sagen können, ahes Gegenständliche überhaupt) für ein Erkenntnissubjekt nur in wechselnden subjektiven Erscheinungsweisen erfahrbar ist. Der Gedanke des Gorgias war einfach der folgende: Selbstverständ- 5 lieh ist alles, was ich als seiend erkenne, meine Erkenntnis, Vor­ stellung (im Sinne von Vorgestelltem) meines Vorstellens, Ge­ danke meines Denkens. Wenn aber ein Vorstellen ein „Äußeres”, dem Vorstellen Transzendentes vorstellig macht, so ist es eben das Vorstellen in sich selbst, welches dieses „Außen”-sein vor-

10

stellt. Es ist in dieser Hinsicht gleich, ob das Vorgestellte als Erfahrenes oder als Fingiertes, etwa als Wagenkampf auf dem Meere, bewertet wird. Verfolgt man diese (nicht ganz klar über­ lieferte) Argumentation des Gorgias bis in ihre letzte Konsequenz, dann müßte man, in der Ichrede ausgedrückt, sagen: wenn ich

15

„bewährende” Erfahrung an Erfahrung messe, wenn ich eine im vernünftigen Denken resultierende Einsicht eben als „Einsicht”, als „Evidenz”, als emaT/jfry), gegenüber einer blinden Meinung, einer bloßen 86i;a, unterscheide und bevorzuge, so bleibe ich doch notwendig im Rahmen meiner Subjektivität. Und daran ändert

20

sich nichts, ob ich dafür welche Charakterisierungen immer, Ge­

fühle der Denknotwendigkeit, Bewußtsein unbedingter Allge­ meingültigkeit u.dgl. setze. Innerhalb meines Vorstellens, meines subjektiven Bewußtseins treten alle Unterschiede, alle Vorzugs­ charaktere auf, die ich je soll konstatieren können. Ist dem aber 25 so, ist alles als „wahr”, als „notwendig”, als „Gesetz”, als „Tat­ sache”, als wie immer sonst zu Charakterisierende so nur cha­

rakterisiert in meinem „Vorstellen” ; und ist so überhaupt nur setzbar Vorgestelltes meines Vorstellens, anderes aber gar nicht denkbar — so hat es eben keinen Sinn, ein Seiendes an sich an-

30 zunehmen, etwas, das angeblich ist, ob es vorgestellt sei oder

nicht. In dergestalt geistreichen Paradoxien, in skeptischen Argumen­ tationen, von denen man nicht recht weiß, wieweit sie wirklich ernst gemeint sind, tritt, noch in primitiver und vager Form, ein 35 völlig neues Motiv von universalster Bedeutung in das philoso­ phische Bewußtsein der Menschheit. Zum ersten Male wird die naive Vorgegebenheit der Welt problematisch, und von da her sie selbst nach prinzipieller Möglichkeit ihrer Erkenntnis und nach dem prinzipiellen Sinn ihres Ansichseins. Anders ausge-

60

ERSTE PHILOSOPHIE

drückt: zum ersten Mal wird das reale Weltall und wird in späterer Folge die Allheit möglicher Objektivität überhaupt „transzen­ dental” betrachtet, als Gegenstand möglicher Erkenntnis, mög­ lichen Bewußtseins überhaupt. Es wird betrachtet in Beziehung 5 auf die Subjektivität, für die es bewußtseinsmäßig soll dasein können, und rein in dieser Beziehung: d.i., auch die Subjektivität wird rein als solche transzendentalen Funktionen übend be­ trachtet, und ihr Bewußtsein, die transzendentale Funktion selbst, als dasjenige, in dem oder wodurch alle erdenklichen Ob-

10

jekte als solche für ein Bewußtseinssubjekt jedweden Gehalt und Sinn erhalten, den sie für dieses Subjekt sollen haben können. Im Altertum kommt, wie aus unseren früheren Ausführungen hervorgeht, gerade dieser transzendentale Impuls der Sophistik und der von ihr ausgehenden Skepsis nicht zur Auswirkung. Die

15

blühende Philosophie in ihrem spezialwissenschaftlich erfolg­ reichen dogmatischen Objektivismus, aber auch die skeptische neue Philosophie erheben sich nicht zum Verständnis des sach­ lichen Ernstes der Problematik, die hier zu Tage tritt und radi­

kaler Verarbeitung bedarf.

 

20

So bleibt es im wesentlichen bis zur Neuzeit. Mögen die Hi­ storiker darüber streiten, inwieferne die altbeliebte Scheidung der europäischen Geschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit ihre inneren Gründe h at; was die Philosophie, was die Geschichte der wissenschaftlichen Kultur anlangt, kann es einen Streit nicht

25

geben. Hier ist es zweifellos, daß die Philosophie der Neuzeit eine im Grundcharakter neue Entwicklungsreihe bezeichnet gegen­ über der Philosophie seit P l a t o n , und daß D e s c a r t e s

mit seinen

M e d ita tio n e s

de

p

r im a

p h ilo so p h ia die neue Epoche

begründet, dem Strome philosophiegeschichtlichen Werdens die

30

völlig neue Wendung gegeben hat.

 

Das Neue der Cartesianischen und damit der ganzen neuzeit­ lichen Philosophie x) besteht darin, daß sie den Kampf gegen den Skeptizismus, den in der allgemeinen Entwicklungslage noch immer unüberwundenen, von neuem und in einem völlig neuen 35 Geiste auf nimmt, daß sie ihn wirklich radikal bei seinen letzten prinzipiellen Wurzeln zu fassen und von daher endgültig zu überwinden sucht. Innerlich leitend ist dabei die Überzeugung, daß eine solche Überwindung nichts weniger als die Funktion hat,

*) Vgl. Beilage IX, S. 329 f. — Anm. d. Hrsg.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

61

bloß lästige Negationen aus der Welt zu schaffen, um die sich doch eine erfolgreich schaffende objektive Wissenschaft nicht zu kümmern brauchte; sondern, daß in den skeptischen Argumen­ tationen Motive von schicksalhafter Bedeutung für eine objektive 5 Wissenschaft und eine universale Philosophie liegen, und des näheren die Überzeugung, daß sich in diesen Argumentationen radikale Unklarheiten, methodische Unvollkommenheiten der objektiven Wissenschaften fühlbar machen und daß die Reini­ gung und theoretische Entfaltung des wertvollen Kernes dieser

10 Argumentationen dazu führen mußte, die bisherige Wissenschaft zugleich zu sichern und mit einem neuen Geiste zu erfüllen, sie in neuer Weise zu Klarheit und Selbstrechtfertigung zu bringen. All das aber mündet schließlich in die Überzeugung, daß wir auf diesem Wege allein befähigt würden, der ursprünglichen und

15 durchaus notwendigen Idee einer universalen Philosophie fort­ schreitende Realisierung zu verleihen. Von der vollzogenen Entwicklung her können wir auch sagen:

der tiefste Sinn der neuzeitlichen Philosophie ist der, daß ihr innerlich die Aufgabe zugewachsen ist, deren Triebkraft, sei es

20

auch ungeklärt, sie immerfort in Bewegung setzt: nämlich, den radikalen Subjektivismus der skeptischen Tradition in einem höheren Sinn wahrzumachen. M.a.W., ihre Entwicklung geht dahin, den paradoxen, spielerischen, frivolen Subjektivismus, der die Möglichkeit objektiver Erkenntnis und Wissenschaft leugnet,

25

durch einen neuartigen, ernsten Subjektivismus, durch einen in radikalster theoretischer Gewissenhaftigkeit absolut zu recht­ fertigenden Subjektivismus zu überwinden, kurz gesagt, durch den transzendentalen Subjektivismus l). Mit Descartes beginnt die Neuzeit, weil er zuerst dem

30

unzweifelhaft Wahren, das den skeptischen Argumentationen

zugrundeliegt, theoretisch genugzutun suchte; er zuerst machte sich den allgemeinsten Seinsboden theoretisch zu eigen, den selbst die extremsten skeptischen Negationen voraussetzen und auf den sie argumentierend sich zurückbeziehen, nämlich die 35 ihrer selbst gewisse erkennende Subjektivität. In gewisser Weise zugeeignet hatte sich ihn freilich schon Augustin, schon er hatte auf die Zweifellosigkeit des ego cogito hingewiesen. Aber die neue Wendung entspringt bei Descartes dadurch, daß er aus

l ) Vgl. Beilage X, S. 330 f. — Anm. d. Hrsg.

62

ERSTE PHILOSOPHIE

einer antiskeptischen Pointe einer bloßen Gegenargumentation eine theoretische Feststellung macht. Soferne er diese transzen­ dentale Subjektivität unter dem Aspekt der durch die Skepsis geweckten Frage nach der Möglichkeit einer Philosophie betrach- 5 tet, wird sie ihm notwendig eben zu einem theoretischen Funda­

mentalthema. Es ist hier zu beachten, daß das cogito in seiner Zweifellosigkeit freilich ohne weiteres das spielerische Extrem eines absoluten Negativismus widerlegt, der jederlei Wahrheit überhaupt, also

10

nicht nur objektive Wahrheit, sondern auch jederlei subjektive* Wahrheit des Titels ego cogito selbst leugnet. Aber nicht diejenige Skepsis ist damit schon widerlegt, die sich traditionell gegen die Möglichkeit einer Philosophie wendet, und eigentlich nur gegen sie wenden wollte: gegen die Möglichkeit einer Erkenntnis von

15

,,Wahrheiten an sich” in betreff von ,,an sich” seienden Gegen­ ständen. Das beträfe also vor allem eine ,,objektive”, an sich seiende Welt, nahe zusammenhängend dann aber auch an sich seiende platonische ,,Ideen”, an sich gültige logische und mathe­ matische Prinzipien, an sich gültige Wissenschaften jeder Art

20

oder, wie wir auch sagen, objektive Wissenschaften. Diese Skepsis und nur sie hatte die große historische Mission, die Philosophie in die Bahn einer Transzendentalphilosophie zu zwingen. Im Sinne Descartes', aber nicht im Sinne Augustins, ist das ,,Ich denke” der ,,archimedische Punkt”, auf den gestützt ein

25

systematischer und absolut gesicherter Aufstieg der wahren Philo­ sophie selbst erfolgen soll. Auf dem absoluten Grunde reiner Selbsterkenntnis und vermöge eines im Rahmen dieser Selbst­ erkenntnis in absoluter Selbstrechtfertigung vollzogenen Denk­ prozesses soll die echte Philosophie als immanentes Erzeugnis

30

erwachsen; eben erwachsen als vom absoluten Anfang an und in jedem Schritte absolut sich selbst rechtfertigendes Tun. So soll das ego cogito das erste und einzige Fundament für eine sich rein darauf erbauende Philosophie, für eine sapientia universalis sein. Andererseits ist aber auch noch folgendes hervorzuheben: Die

35

Cartesianischen meditationes wollen nicht zufällige subjektive Besinnungen Descartes' sein oder gar eine literarische Kunstform für die Übermittlung der Gedanken des Autors. Vielmehr geben sie sich offenbar als die in der Art und Ordnung ihrer Motivatio­ nen notwendigen Besinnungen, die das radikal philosophierende

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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Subjekt als solches notwendig durchmachen muß; es muß sie machen als Subjekt, das die Idee der Philosophie als leitende Zweckidee seines Lebens erwählt hat und das also eben daran, daß es sie in seinem Erkenntnisleben selbsttätig realisiert, zum 5 echten Philosophen werden soll. Darin also liegt die Ewigkeits­ bedeutung der Cartesianischen meditationes. Sie zeichnen oder versuchen zu zeichnen den notwendigen Stil des philosophischen Anfangens. Nur meditierend kann der Philosoph anfangen, aber der Gang, die Methode dieser Meditation hat eine notwendige

10

Gestalt. Andererseits und korrelativ muß hierbei in objektiv theoretischer Hinsicht der Anfang der Philosophie selbst erwach­ sen, die anfangende Theorie, die Methode und die Richtlinien ihrer Problematik. Beides in eins muß im Werden sich abzeich­ nen, und beides in seiner Art wissenschaftlich.

10.

V orlesung:

<Die Cartesianischen M editationen. >

15

Daß hierdurch ein gewaltiger Anstoß gegeben war, sich alsbald in einem großen Werden und der völligen Neugestaltung der Entwicklung auswirkend, zeigt ein Blick in die Geschichte. Seit den Meditationes erschöpft sich die Philosophie in dem unabläs­ sigen Bestreben, die sich zunächst unklar emporringenden neuar-

20

tigen Probleme auf diejenige Stufe prinzipieller Klarheit und Reinheit zu bringen, welche eine wirklich fruchtbringende Bear­ beitung derselben erst möglich macht. Freilich gelingt ihr das trotz immer neuer Ansätze und gewaltiger Kraftanstrengungen nicht in einer völlig befriedigenden Weise. Schon der Ausgangs-

25

punkt der ganzen Entwicklung ist mit verhängnisvollen Un­ klarheiten behaftet. In den beiden ersten und wichtigsten der sechs Meditationen liegt zwar eine große Entdeckung, und gerade diejenige, die allererst gemacht sein mußte, damit eine Transzen­ dentalphilosophie beginnen konnte: nämlich die Entdeckung der

30

transzendental reinen, in sich absolut geschlossenen Subjektivi­ tät, die ihrer selbst jederzeit innewerden kann, in absoluter Zweifellosigkeit. Aber des eigentlichen Sinnes dieser Entdeckung konnte sich Descartes selbst nicht bemächtigen. Hinter der scheinbaren Trivialität ihres allbekannten Ausspruches ego cogito,

64

ERSTE PHILOSOPHIE

deckte, aber davon nichts wußte und bloß einen neuen Seeweg nach dem alten Indien entdeckt zu haben meinte. Das lag bei Descartes daran, daß er den tiefsten Sinn des Problems einer neu und radikal zu begründenden Philosophie nicht erfaßte, oder, was 5 im wesentlichen damit eins ist, den echten Sinn einer im ego cogito verwurzelten transzendentalen Erkenntnis- und Wissenschafts­ begründung. Das aber hat wieder seinen Grund darin, daß er nicht in der rechten Weise bei der Skepsis in die Lehre gegangen war.

10

Vergegenwärtigen wir uns, dieses zu erläutern, zunächst in rohen Strichen den Cartesianischen Gang der Meditationes, der uns bei der Inszenierung unserer eigenen strengen Begründungs­ weise echter Philosophie noch einmal gründlicher beschäftigen wird x).

15

Alle bisherige Wissenschaft, sagt Descartes, ist noch keine wahrhaft strenge, absolut gegründete Wissenschaft. Um zu einer solchen zu gelangen, um in einem absolut zuverlässigen und sy­ stematischen Aufbau eine universale Wissenschaft, eine Philo­ sophie zu gewinnen, müssen wir reinen Tisch machen, müssen

20

wir alle bisherigen Erkenntnisse überhaupt in Frage stellen. Unser Prinzip sei, nichts gelten zu lassen, was nicht so fest steht, daß es jedem auch nur erdenklichen Zweifel absolut widersteht. Dann verschwindet aber sofort aus unserem Kreis anzuerkennen­ der Geltung das gesamte Weltall im gewöhnlichen Sinn, diese

25

gesamte durch unsere Sinnlichkeit gegebene Welt. Denn Sinn­ lichkeit kann, wir gestehen das alle zu, trügen; jederzeit ist die Möglichkeit offen, daß wir, ihr folgend, irren. Wenn ich nun aber an aller Welt zweifeln kann und vielleicht gar zweifle, eins ist unzweifelhaft: eben dieses, d a ß ich zweifle, und weiter dies,

30

daß mir diese Welt sinnlich erscheint, daß ich jetzt die und die Wahrnehmungen habe, so und so darüber urteile, fühlend werte, begehre, will usw. Ich bin; sum cogitans, ich bin Subjekt dieses dahinströmenden Bewußtseinslebens mit diesen Wahrnehmun­ gen, Erinnerungen, Urteilen, Gefühlen usw., und bin desselben

35

im Strömen absolut sicher, in absoluter Zweifellosigkeit. Ich bin, selbst wenn das Weltall, auch mein Leib eingeschlossen, nicht wäre; ich bin, mag diese zweifelsmögliche Welt sein oder nicht

) Vgl. Erste Philosophie II, in Bd. VIII der vorliegenden Ausgabe. — Anm. d. Hrsg.

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

65

sein. Also ergibt sich mein absolutes Sein und Fürmichsein mit meinem absoluten Leben als ein in sich absolut abgeschlossenes Sein, und eben dieses ist es, das wir unsererseits vorhin als die transzendentale Subjektivität bezeichnet haben.

5

Offenbar ist dieses Ich gar nichts anderes als das rein gefaßte konkrete Ich als Ich, das rein geistige Subjekt, von dem alle Mitsetzung von solchem ferngehalten ist, was es nicht selbst und in sich ist. Wenn nun aber dieses pure Ich in seinem Bewußtsein eine objektive Welt sinnlich erfährt und in seinen Erkenntnis-

10

akten Wissenschaften baut, inwiefern ist das kein bloß inneres Haben subjektiver Erscheinungen und subjektiv erzeugter Ur­ teile in subjektiven Evidenzen? Ist es die Evidenz, die Einsicht der Vernunft, die wissenschaftlichen Urteilen, gegenüber den va­ gen und blinden des Alltags, den Vorzug gibt, so ist sie selbst doch

15

ein subjektives Bewußtseinsvorkommnis. Was berechtigt, diesem subjektiven Charakter den Wert eines Kriteriums für eine an sich gültige Wahrheit zu geben, als eine solche, die über das subjektive Erleben hinaus eine Geltung beanspruchen darf ? Und nun gar, wo das Erkennen auf eine angeblich außersubjektive Welt geht, was

20

kann mich da berechtigen, da ich nur meiner selbst und meiner subjektiven Erlebnisse unmittelbar und zweifellos gewiß bin, dem Glauben, es sei diese Welt und es gelte wirklich diese objek­ tive Wissenschaft, einen außersubjektiven Wert zu geben, den er fordert ?

25

Descartes verliert sich hier, im Versuch, das Recht der Evidenz und ihrer transsubjektiven Tragweite zu beweisen, in früh gesehene und viel beklagte Zirkel. Er erschließt, gleichgültig wie, aus der endlichen Eigenart des menschlichen reinen ego das notwendige Dasein Gottes — daß Gott uns mit dem Evidenzkriterium nicht

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betrügen könne; nun ist der Gebrauch dieses Kriteriums erlaubt, und, von ihm geleitet, wird auf die objektive Geltung der Mathe­ matik und mathematischen Naturwissenschaft geschlossen, damit auf das Wahrsein der Natur, so wie diese Wissenschaft sie erkennt. Es wird dann die Zwei-Substanzen-Lehre begründet,

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wonach die wahre objektive Welt in letzter philosophischer Wahrheit aus materiellen Körpern besteht und den mit ihnen kausal verbundenen geistigen Wesen, jedes in sich und für sich absolut seiend, nach Art meines ego x).l

l ) Vgl. Beilage XI, S. 335 ff. — Anm. d. Hrsg. Husserliana VII

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ERSTE PHILOSOPHIE

So sieht also der Gedankenzug aus, der die neue Entwicklung bestimmt. Sein erster Gipfelpunkt, das ego cogito, war nun sicher­ lich eine bis zu einem gewissen Grade allverständliche Ent­ deckung. Es war eine so neue und so unvergleichlich bedeutsame 5 Einsicht, daß sie ihre gewaltige und dauernde Wirkung nicht ver­

fehlen konnte. Herausgestellt war zum ersten Male, und fest um­ rahmt, die ihrer selbst in ihrem Insich- und Fürsichsein unmittel­ bar bewußte, für sich selbst absolut zweifellos erfahrbare Subjek­ tivität, in ihrem reinen Fürsichsein, in ihrem Bewußtseinsstrom,

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der ihr reines Leben ausmacht; und sichtlich war gemacht, daß, was immer für ein Ich da und irgend setzbar, denkbar ist, es nur ist als in seinem Bewußtseinsleben Erscheinendes, ihm subjektiv irgendwie Bewußtes. Es war damit genau der Bereich jenes ,,bloß Subjektiven” wissenschaftlich herausgestellt, auf das der

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skeptische Relativismus alles erkennbare Sein — nur eben skep­ tisch — reduzierte; nämlich in dem Gedanken: wenn alles Denk­ bare, Erkennbare Erscheinendes ist, so sind nur subjektive Daten, genannt Erscheinungen, erkennbar, und es gibt keine Erkennt­ nis eines an sich Seienden, eines Wahren.

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Nun sagte ich schon, es fehlte bei Descartes an einer Vertiefung in den eigentlichen Sinn der durch diesen Relativismus der Philo­ sophie gestellten und ganz unabweislichen Aufgabe: der Philo­ sophie, der Wissenschaft überhaupt, die nun nicht mehr im naiven Selbstvertrauen der Vernunft, im Vertrauen auf die Evi-

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denz ihres methodischen Vorgehens in lauter Naivität fortarbei­ ten durfte. Was war durch die Skepsis in Frage gestellt? Die allgemeine Möglichkeit objektiver Erkenntnis, die Möglichkeit, über das momentane Bewußtsein und die momentan ihm selbst einwoh-

30 nenden Meinungen und Erscheinungen hinausreichende Erkennt­ nisse zu gewinnen, als solche, die an sich seiende Gegenstände, an sich bestehende Wahrheiten zu erkennen prätendierten. Sowie durch die Skepsis der Übergang aus der naiven Erkenntnishin­ gabe an die sich darbietenden Gegenstände in die reflektive Ein- 35 Stellung vollzogen war, in der das erkennende Bewußtsein in den Blick tritt und das Erkannte als Einheit mannigfaltigen Erken­ nens und in Beziehung zu ihm betrachtet werden mußte, da mußte alsbald Möglichkeit und Sinn eines Ansichseins und -gel- tens rätselhaft werden. Einerseits stand man vor der Tatsache,

KRITISCHE IDEENGESCHICHTE

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daß alle Gegenstände f ü r den Erkennenden bedeuten, was sie bedeuten, gelten, was sie gelten, sind, was sie sind, durch sein Er­ kennen, durch die Sinngebung und Urteilsleistung, die sich in mannigfaltigen Gestalten in ihm selbst bewußtseinsmäßig voll- 5 zieht. Andererseits aber forderte die Welt als selbstverständli­ che Tatsache ihr Recht, und man sah sich zu der Frage gedrängt:

wie steht es denn mit Sinn und Recht „äußeren” realen Seins, und nicht minder mit dem Ansichsein idealer Gegenständlichkei­ ten? Was kann eine rein innere Erkenntnisleistung für eine

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außerseelische Existenz, für etwas, das an und für sich irgendwo ,,draußen” ist, und für sonstiges an und für sich Seiendes, jederlei sonstigen Sinnes, bedeuten ? Hier hätte man doch schließlich ein­ mal zur Besinnung darüber kommen müssen, daß auch diese Rede von Äußerem und Ansichsein ihren Sinn ausschließlich aus der

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Erkenntnis schöpft und daß jede Behauptung, Begründung, Erkenntnis eines äußeren Seins eine innerhalb der Erkenntnis selbst sich vollziehende Urteils- und Erkenntnisleistung ist. Mindestens tritt das doch ganz evident hervor in dem Moment, wo durch Descartes die reine Subjektivität, das in sich abgeschlos-

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sene ego cogito herausgestellt war. Mußte man dann aber nicht sagen, daß alle Unklarheiten und Verlegenheiten, in die man hier durch Beachtung des erkennenden Bewußtseins und durch die notwendig gewordene Rückbeziehung aller Gegenständlich­ keiten und Wahrheiten auf mögliche Erkenntnis hineingeriet,

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daß alle Unverständlichkeiten und Rätsel, in die man sich immer tiefer hineinverstrickte, daher stammten, daß man eben das Bewußtsein als leistendes Bewußtsein noch gar nicht studiert hatte ? Alle wissenschaftlichen Studien waren bisher objektiv gerich-

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tet, hatten überall Objektivität in naivem Erfahren und Erken­ nen im voraus gehabt, vorausgesetzt. Aber nie war prinzipiell dieses zum Thema und zum reinen Thema gemacht worden, wie die erkennende Subjektivität in ihrem reinen Bewußtseinsleben diese Sinnesleistung, Urteils- und Einsichtsleistung „Objektivi-

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tät” zustandebringt; nicht, wie sie eine Objektivität, die sie im voraus in der Erfahrung und im Erfahrungsglauben hat, theore­ tisch fortschreitend bestimmt, sondern, wie sie schon in sich zu diesem Haben kommt. Denn sie hat nur, was sie in sich leistet; schon das schlichteste Ein-Ding-sich-gegenüber-haben des Wahr-

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ERSTE PHILOSOPHIE

nehmens ist Bewußtsein und vollzieht in überreichen Strukturen Sinngebung und Wirklichkeitssetzung: nur, daß Reflexion und reflektives Studium dazu gehört, davon etwas, und gar etwas wissenschaftlich Brauchbares, zu wissen. Erst die Cartesianische 5 Herausstellung der reinen Subjektivität und damit des rein in

sich, in seiner immanenten Abgeschlossenheit zu betrachtenden Zusammenhanges des Bewußtseins ermöglichte es, den Sinn dieser Aufgabe unverwirrt zu erhalten gegenüber der Aufgabe aller objektiven Forschung. Will diese dem Erkennenden vorgege-

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bene Gegenstände theoretisch bestimmen, so will die jetzt not­ wendig gewordene transzendentale Forschung so sehr anderes, daß sie ein Vorgegeben-haben, ein Schlechthin-da-sein von Objekten prinzipiell nicht gelten lassen darf. Ihre Aufgabe besteht ja darin, allgemein und in jeder Art und Stufe zu erforschen, wie

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in der Erkenntnis Objektivität als solche und Objektivität jeder Kategorie sich als solche subjektiv, für den Erkennenden und in seinem erkennenden ,,Haben”, konstituiert: wie also Erkennt­ nis schon als schlichteste Wahrnehmung Vorgegebenheit von dem und jenem Objekte leistet und wie sie daraufhin höhere Erkennt-

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nisleistungen vollzieht. So hat in der Tat die transzendentale Wissenschaft ein total anderes Thema als alle objektiven Wissenschaften, von ihnen allen getrennt, und doch als Korrelat auf sie alle bezogen. Alles hängt, das sehen wir im voraus, für diese neuartige Wissenschaft

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davon ab, daß sie ihre Aufgabe rein und somit ihre Forschung von allen Rückfällen in die naiv-objektive Forschungseinstellung freihalten kann. Das aber ermöglicht in wirksamer Weise eben erst die Cartesianische, wie wir noch hören werden, allerdings wesentlich zu reinigende Entdeckung und ihre Methode.

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Gehen wir noch ein Stück fort in unseren Überlegungen, deren Stil es ist, die transzendentale Motivation, die in der Skepsis ver­ borgen lag, zu vollendeter Klarheit zu bringen, und das in der Meinung, damit nur Erkenntnisse herzustellen, die für Descartes, nachdem er in den beiden ersten Meditationen die transzendental

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reine Subjektivität herausgestellt hatte, bereits im Horizont la­ gen, so daß er gewissermaßen nur hätte zuzugreifen brauchen. Sind die vorhin gewonnenen Einsichten nämlich richtig, so er­ geben sich, sage ich, bald weitere Konsequenzen. Es wird nun auch völlig klar, daß und warum objektive Wissenschaft, und

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sei es noch so exakte, noch keine Philosophie im Sinne der Pla­ tonischen Idee ist, nämlich keine Wissenschaft, die uns letzte Antworten zu geben und sich absolut zu rechtfertigen vermag. Das vermag objektive, und selbst rein rationale Wissenschaft 5 nach Art der Mathematik nicht, und in keinem einzigen ihrer noch

so evidenten Sätze. Erst wenn die Rationalität der geraden For­ schungsrichtung, zwar nicht bestritten, aber nach ihrem prinzi­ piellen Sinn, nach Wesen (Vermöglichkeit) ihrer Leistung in Frage gestellt und nun diejenige Rationalität gewonnen ist, welche aus

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dem Studium der transzendentalen Erkenntnisleistung entspringt, erst wenn alle Verwirrungen und Mißdeutungen, die aus dem Un­ verständnis der Wesensbeziehungen zwischen objektivem Sein, objektiver Wahrheit und erkennend-leistendem Bewußtsein er­ wachsen, durch die positiven Aufklärungen der transzendentalen

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Wissenschaft beseitigt sind, kann eine Philosophie erwachsen. Es handelt sich hier gar nicht etwa um geringfügige Klärungen, die den objektiven Wissenschaften so nebenher beigefügt werden könnten und sie im Grunde nicht eben viel angingen. Solange der Sinn für sich seiender Gegenständlichkeit unklar und rätselhaft

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ist, als ein solcher, der doch nur aus dem erkennenden Bewußt­ sein herstammen kann, so ist auch der Sinn des in naiver Selbst­ verständlichkeit vorgegebenen Weltalls und so schließlich der Sinn all der in den objektiven Wissenschaften erkannten Wirk­ lichkeiten und Wahrheiten unklar. Wo Unklarheit waltet, da ist

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auch der Widersinn nicht ferne. In der Tat hinderte die Rationali­ tät selbst der allervollkommensten objektiven Wissenschaften, auch der Mathematik, nicht eine Fülle von widersinnigen Theo­ rien, die sich im Lauf der Zeiten wechselnd an ihre Ergebnisse anhefteten und die durchaus in transzendentalen Mißverständ-

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nissen ihre Quelle haben. Schon die skeptischen Negationen be­ schlossen als Korrelat eine das All zu erkennender Realität be­ treffende widersinnige Position, nämlich die des Solipsismus: Das Weltall reduziert sich auf mich selbst, ich bin allein, alles sonst ist in mir subjektive Fiktion; mindestens, nur von mir kann ich

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Wissen haben. — Aber auch diejenigen, die objektive Wissen­ schaften anerkennen und hochschätzen, verfallen in immer neue widersinnige Theorien, heißen sie nun Materialismen, mannig­ fache Idealismen, Psychomonismen, platonisierende Realismen

usw.

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ERSTE PHILOSOPHIE

Daß man über eine Physik hinaus eine Metaphysik braucht und sucht und so ähnlich für jede andere Wissenschaft, das hat zu einem Hauptteile jedenfalls seine Quelle darin, daß sich mit den sonst ihren eigenen methodischen Gang verfolgenden objektiven 5 Theorien und Wissenschaften transzendentale Deutungen und Mißdeutungen verhaften und schließlich oft genug ihre eigene Methodik selbst verwirren. Sollte es aber sein, daß es in recht­ mäßiger wissenschaftlicher Erkenntnis eine notwendige Abstu­ fung gibt, nach welcher über einer Unterstufe von Wissenschaften

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sich eine höhere unter dem Titel ,,Metaphysik” baute, die ge­ wisse höchste und letzte Fragen, welcher Art immer, zu behan­ deln hätte, so ist uns jedenfalls das im voraus gewiß, daß eine solche (wie immer zu verstehende) Metaphysik, wenn sie wirk­ lich Wissenschaft vom Letzten und wirklich absolut gegründete

15

Wissenschaft sein soll, der Wissenschaft von der transzendentalen Subjektivität bedarf, und daß <sie> nicht etwa sie begründen, zu ihr irgendwelche Voraussetzungen beisteuern kann. Das gilt für sie wie für jede Wissenschaft.11

11.

V orlesung:

<Erster

wirklicher

Ausblick

auf

die

Transzendental­

wissenschaft.

Übergang von den Cartesianischen M editationen zu Locke. >

Eine Wissenschaft darf keine ungelösten oder gar ungefragten

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Fragen haben, von deren Beantwortung Sinn und Erkenntnis­ wert aller ihrer Aufstellungen, von der ersten und primitivsten an, abhängt, und damit der Sinn des gesamten Seins, das sie zu er­ kennen beansprucht. Solche Fragen sind aber die transzenden­ talen Fragen, und sie sind schon aus diesem Grunde von einer so

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ausgezeichneten Art, daß sie allen objektiven, allen nicht tran­ szendentalen Fragen vorangehen müssen, und somit auch die Wis­ senschaft von der transzendentalen Subjektivität allen anderen, den objektiven Wissenschaften; vorangehen natürlich nicht im Sinn der historischen Genesis, sondern derjenigen, welche die Idee

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der Philosophie, also die notwendige Idee einer echtesten und strengsten Wissenschaft vorschreibt. Denn was eine solche will, ist nicht mehr und nicht weniger, als ihren Sinn als Wissenschaft wirklich zu erfüllen; und das sagt, sie will sich selbst solange nicht als Wissenschaft gelten lassen, solange sie sich selbst, ihre Me-

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thode und Ergebnisse, nicht versteht, solange sie also noch in einer Verfassung ist, beständig über Sachen zu sprechen und für

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sie Theorien aufzustellen, deren prinzipieller Sinn ihr unver­ ständlich bleibt. Die Meinung ist hier also keineswegs bloß die, daß es die Funk­ tion der Transzendentalwissenschaft sei, von allen Wissenschaf- 5 ten (und in reflektiver Rückbeziehung von sich selbst) gewisse unangenehme Mißdeutungen fernzuhalten, die sei es ihrer Me­ thode, sei es dem Sinn des in ihr erkannten gegenständlichen Seins sich anheften könnten. Das wäre ja fast so, als ob eine gut festsitzende Blende gegen alles Transzendentale oder ein sorgsam

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kluges Fixieren des Blickes auf die in gerader Blickrichtung und Evidenz sich ergebenden sachlichen Zusammenhänge unter strenger Vermeidung aller Begriffe und Gedanken, die irgend der Rücksichtnahme auf das erkennende konstituierende Be­ wußtsein entstammen, schon strengste vollzureichende Wis-

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senschaft schaffen könnte. Aber das Fehlen von Mißdeutungen besagt noch nicht ein Gewinnen richtiger Deutungen, und unge­ fragte Fragen, und vielleicht allerdringlichste, sind auch unbe­ antwortete Fragen. Vielleicht ist das Anlegen der transzendentalen Scheuklappen

20 zeitweise nützlich, ja notwendiges Hilfsmittel, um in objektiver Blickrichtung das große Erzeugnis der wissenschaftlichen Theo­ rie, der objektiv wissenschaftlichen, zustandezubringen. Wächst aber gleichsam diese geistige Scheuklappe fest an, wird das Ig­ norieren des Transzendentalen zur gewohnheitsmäßigen Blind-

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heit, dann ist der Vorteil fehlender Mißdeutungen sehr teuer erkauft ; denn nun entfällt jedwede, und auch diejenige Deutung, die vollzogen sein muß, damit wir wissen, woran wir eigentlich und letztlich mit der Welt sind und welche Art praktisch-ethi­ sche Stellungnahmen sie von uns letztlich fordert.

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In der Tat ist es keineswegs so, daß die Rückbeziehung der in naiver Erfahrungssetzung für uns schlechthin daseienden Welt auf die erkennende Subjektivität (zumal wenn diese cartesianisch als die reine erschaut ist) für das wahre Sein selbst und ihren ab­ soluten Sinn nichts zu sagen hätte. Leibniz meinte in seinem