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Vorwort 7

Die Geschichte des Islam 9

Der Islam in Bildern 61

Der islamische Kult 101

Der Koran 102

Hadith und Sunna 106

Scharia: Das Gesetz des Islam 108

Die Fünf Pfeiler des Islam 112

Salat, das Gebet 112

Zakat, die kanonische Steuer 113

Saum, die Fastenzeit 114

Al-hadsch, die Pilgerfahrt 116

Dschihad, der heilige Krieg 118

Geburt und Tod 120

Die Ehe 122

Die Lebensbedingungen der Frau 124


Die religiösen Feste 126

Die Schia 128

Der Sufismus 132

Der Islam in Europa 136

Glossar 140
Der Islam in der Welt 142
Der islamische Kalender 142
Biographie des Autors / Bildnachweis 143
V iele Bücher sind über den Islam geschrieben worden, und man könnte annehmen, daß Seite 2: Gebet im Innenhof
der Moschee von Jiblan.
schon alles über das Thema gesagt sei. Da jede Religion das Bewußtsein des Menschen prägt
Linke Seite: Der Palast
und gleichzeitig Spiegel seiner Natur und seiner Gedanken ist, darf man daraus schließen, Mohammeds mit den sieben
Himmeln darüber. Persische
daß sich notwendigerweise auch jede Religion entwickelt, selbst wenn sie unveränderlich Miniatur aus dem
18. Jahrhundert. Paris,
erscheint. Vor allem die Philosophie des Islam ist so umfassend, daß sie in alle Bereiche des Bibliotheque Nationale.

täglichen Lebens hineinwirkt: Untrennbar ist er mit dem jeweiligen sozialen Kontext verbunden

und von daher einem beständigen Wandlungsprozeß unterworfen.

Die Scharia, das islamische Gesetz, der «klar bezeichnete Weg, der zu Gott führt», ist eine

religiöse Grundlage, die für das Leben in der Gemeinschaft ebenso maßgeblich ist wie für das

private. Eine Religion, die so unmittelbar mit dem täglichen Leben verbunden ist, ruft

unvermeidlich - vor allem in der Begegnung mit der westlichen Welt - Diskussionen hervor.

In der Vergangenheit hat der Islam einen großen Beitrag zur Entwicklung der europäischen

Zivilisation geleistet - das gegenwärtige Bild, das durch die Kolonialisierung und die Schaffung

von unabhängigen arabischen Staaten geprägt wurde, ist von verwirrender Vielfältigkeit.

Häufig bestehen Unklarheiten darüber, was der Islam ist und was er nicht ist. Auch in ihrem

Kern hat diese universelle Religion, die in kulturell sehr unterschiedlichen Regionen verankert

ist, vielfältige, gelegentlich heftig umstrittene Interpretationen erfahren.

Es besteht also weiterhin die Notwendigkeit, objektiv und verständlich — vor allem für den

Leser, der sich von außen annähert —, die Geschichte, das Glaubensbekenntnis, den Kult und

noch allgemeiner das tägliche private Leben der Gläubigen zu erklären. Begrüßenswert ist

die Entscheidung des Verlegers, dieses Buch einem muslimischen Autor anzuvertrauen, der

innerhalb der islamischen Kultur geboren und aufgewachsen ist. Wenn dies dazu führt, daß

die «Erzählung» in den Augen des Lesers größere Glaubwürdigkeit erfährt, so bot sich dem

Autor dadurch die Gelegenheit, erneut über die eigene Religion nachzudenken.
Die Araber vor dem Islam

Der Koran hat die Situation der Araber vor dem Islam mit al-Dschahiliyya bezeichnet, was Vorhergehende Doppelseite:
Ein Mann betet in der Wüste.
soviel wie «Unwissenheit» bedeutet. Dieser Begriff bezieht sich nicht nur auf den Polytheismus,
Linke Seite: Arabische
sondern auch auf alle anderen Gewohnheiten und Bräuche, die der Islam ablehnt. Aus der Landschaft, wie sie vermutlich
bereits vor der Offenbarung
Perspektive einer solchen Definition erscheint die Periode, die der Offenbarung des Islam des Islam aussah.

vorausging, ganz offensichtlich in einem negativen Licht. Dennoch wurde sie von manchen Unten: Ein Dromedar in der
Wüste - lebensnotwendiges
Historikern als eine Zeit gewürdigt, in der ein sehr lebendiger und unverfälschter Volksgeist Transportmittel für die
Nomaden Nordarabiens.
vorherrschte: Bedeutende Kunstwerke und zivilisatorische Errungenschaften sind überliefert,

und in mehreren Teilen der arabischen Halbinsel entstanden bedeutende Städte, Kultur- und

Handelszentren.

Die Araber sind ein Volk semitischer Herkunft, mit zwei verschiedenen Abstammungen: die

der Qahtan und die der 'Adnan, die ursprünglich jeweils Süd- und Nordarabien bewohnten.

Im Verlauf von Wanderungsbewegungen verschmolzen sie zu einem einzigen Volk. Im Süden

entstanden seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. höchst komplexe staatliche Organisationen, wie

die der Minäer, Sabäer, Himyariten. Der Norden dagegen ist bis zum Beginn des Islam das Reich

der Nomaden. Hier entwickelten sich Karawanenzentren, die den angrenzenden Imperien als

«Puffer-Zonen» dienten.

Unter diesen Nomadenvölkern bildete sich die arabische Sprache heraus, die semitischen

Ursprungs ist und die später von den Quraysch, dem Stamm des Propheten, übernommen wurde.

Araber. Vorn 1. Jahr- Wort Araber nachweislich


tausend v. Chr. an wurde und unterschiedslos alle
der Begriff «Araber» von Völker, die auf der ara-
den Assyrern in ihren bischen Halbinsel lebten.
Schriften für die Nomaden
verwendet, die die Wüsten
und Steppen Nordarabiens
und Syriens bevölkerten. In
griechisch-römischer Zeit
bezeichnete man mit dem

11
Die Geschichte

Der Fluß Tigris. Der Frucht- Wanderungsbewegungen. Um die ethnische, linguistische und kulturelle Entwicklung der
bare Halbmond zwischen
Euphrat und Tigris war die arabischen Halbinsel von Grund auf zu begreifen, muß man zu den Anfängen der ständigen
Wiege der ersten großen
Zivilisationen der Geschichte. Wanderungsbewegungen zurückgehen, die die arabische Bevölkerung auf dem gesamten

Gebiet vollzog. Mehrfach fielen semitische Völker ein, die durch die allmähliche Verwüstung

der Halbinsel gezwungen waren, sich neue und günstigere Wohngebiete zu suchen. Zu den

ersten, die die Halbinsel verließen, gehörten die Kanaaniter, die sich um das 3. Jahrtausend

v. Chr. zur östlichen Küste des Mittelmeers hin bewegten. Um das 2. Jahrtausend v. Chr.,

verließen die Akkader die Halbinsel, um sich in Mesopotamien niederzulassen. Die Amorräer

folgten ihnen und ließen sich entlang des ganzen Bogens des Fruchtbaren Halbmonds nieder,

bis ihnen schließlich auch die Aramäer nachzogen. Aber dieselbe Halbinsel hat jahrtausendelang

Völker semitischer Sprache aufgenommen, die die fruchtbaren

Regionen des Nordens bewohnten. Die arabische Halbinsel

war von Karawanenrouten durchzogen, die für den

Warentransport von großer Bedeutung waren. Handelsgüter

wurden mit dem Dromedar, das bereits seit dem Ende des

3. Jahrtausends v. Chr. domestiziert war, durch die Wüste

transportiert. Die Araber erwiesen sich als Experten der

Landbestellung, des Handels und des Militärs. Schon zu

Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. kämpften arabische

Einheiten im Sattel der Dromedare vor allem in den

nördlichen Regionen gegen verschiedene Heere.

Die Sprachen: Ägyp- Die Sprachen: Die in biblische Hebräisch,


ten. Die Schrift und die Mesopotamien und Syrien Phönizisch und das davon
Sprache des Alten Ägypten verbreiteten Sprachen abgeleitete Punisch
waren im Lauf der Jahr- gehörten zur semitischen (Karthagisch). Während
tausende verschiedenen Sprachgruppe. Am ältesten des frühen Christentums
Veränderungen ausgesetzt. waren die akkadischen wurden die meisten
Die Hieroglyphen und die Sprachen, wie Assyrisch Sprachen von anderen
kursive demotische Schrift und Babylonisch. Zur derselben Sprachgruppe
wurden erst n. Chr. durch Gruppe der kanaanitischen ersetzt. Phönizisch wurde
die koptische Schrift ersetzt. Sprachen gehörten das noch in den Häfen Syriens

12
Die Araber vor dem Islam

Im Flußtal Mesopotamiens entstand eine Kultur, die

vermutlich älter als die ägyptische ist, sich aber weder in

staatlicher noch in gesellschaftlicher Hinsicht mit der gleichen

Kontinuität entwickelte und infolgedessen auch keine

gemeinsame Sprache hervorbrachte. In der Bibel wird dieses

Gebiet als Aram Naharayim bezeichnet, und seine Bewohner

sind als Sumerer, Akkader, Assyrer und Babylonier bekannt.

Während der ersten Jahrhunderte christlicher Zeit waren der

mittlere und der südliche Teil Mesopotamiens mit der

Hauptstadt Ktesiphon fest in persischer Hand. Der Norden

war zwischen Römern und Persern und lokalen Dynastien

aufgeteilt.

Mit der Konversion von Kaiser Konstantin (311-337) verbreitete

sich die christliche Religion im gesamten Römischen Reich,

was zu einer allmählichen Christianisierung des Staatswesens

führte. Ein weiteres wichtiges Ereignis fand mit der Verlagerung der Hauptstadt von Westen Herde von Kamelen (1237,
Ausschnitt), Miniatur des
nach Osten statt. In Konstantinopel, wo sich das Imperium dem Ansturm der Barbaren noch irakischen Künstlers al-Wasiti.
Paris, Biblioteque Nationale.
tausend Jahre nach dem Untergang Roms erfolgreich widersetzte, wurde die Hellenisierung des

Mittleren Orients - die Alexander der Große und seine Nachfolger in Syrien und Ägypten bereits

eingeleitet hatten - sowohl vom römischen Staat als auch durch die christliche Kirche
Ausschnitt aus einer Koran-
vorangetrieben, die beide zutiefst von der griechischen Kultur beeinflußt waren. ausgabe im Kufischen Stil,
datierbar zwischen dem
8. und 9. Jh. Mailand,
Biblioteca Ambrosiana.

und in den nordafrikani- Die arabische Sprache. wandt war. Völker ara-
schen Kolonien gespro- Zu Beginn der christlichen bischer Sprache fielen in
chen. Hebräisch wurde bei Zeit wurde sie vor allem im das Gebiet des Südirak und
Kulthandlungen, in der zentralen und im nörd- Syriens ein, ließen sich hier
Literatur und der Wissen- lichen Teil der arabischen nieder und sorgten so dafür,
schaft verwendet. Aramä- Halbinsel gesprochen. Im daß sich die arabische
isch, die Sprache des Han- südwestlichen Gebiet Sprache auf dem gesamten
dels und der Diplomatie, sprach man eine andere Gebiet durchsetzte.
war auf dem ganzen Frucht- semitische Sprache, die mit
baren Halbmond verbreitet. dem Äthiopischen ver-

13
Die Geschichte

Gräber in den Felsen von Der Mittlere Orient wurde zum Schauplatz von ständigen Kriegshandlungen der beiden
Petra, der antiken Hauptstadt
der Nabatäer in Jordanien. damaligen Großmächte, Persien und Byzanz. Bereits Ardaschir (226-240 n. Chr.), der

Begründer der Sasaniden-Dynastie, hatte mehrere militärische Kampagnen gegen Rom geführt.

Die Rivalität zwischen Persien und Byzanz bestimmte bis zur Entstehung des islamischen

Kalifats die politische Geschichte der gesamten Region.

Hintergrund dieser Konflikte waren natürlich nicht nur Gebietsansprüche, wichtiger noch

waren wirtschaftliche Aspekte, das heißt die Kontrolle der Handelsrouten zwischen Orient

und Okzident. Der direkteste Weg zwischen dem Mittelmeerraum und dem Fernen Orient

verlief über persisches Hoheitsgebiet. Die für Rom und später auch für Konstantinopel wichtige

Einfuhr von Waren wie Seide aus China und Gewürzen aus

Indien und dem südöstlichen Asien war ständig durch das

persische Reich bedroht, das von dem Transitverkehr der

Handelskarawanen profitieren wollte. So befanden sich die

beiden Großmächte in einem andauernden Kriegszustand,

der schließlich dazu führte, daß beide versuchten, ihren Einfluß

auf Länder auszudehnen, die nicht Teil des eigenen Territoriums

waren.

Sie bemühten sich um eine Übereinkunft mit den Karawa-

nenstädten und um gute Kontakte zu den Staaten am Rand

der Wüste, um auf diese Weise den Handel abzusichern und

gleichzeitig eine strategisch günstige Position für den Fall

Perser und Römer. Petra. Die Römer began- Kultur aramäisch waren.
Ardashir, Gründer der sasa- nen die ersten politischen Petra erlangte als Stütz-
nidischen Dynastie, hatte Beziehungen mit den punkt für die Karawanen,
eine militärische Kampagne Wüsten Völkern bereits die zwischen Indien und
gegen Rom geführt. Seinem 65 v. Chr., als Pompejus Südarabien hin- und her-
Nachfolger Schapur I. ge- Petra, die Hauptstadt der zogen, große Bedeutung.
lang es sogar, den Kaiser Nabatäer, besuchte. Dieses Gleichzeitig war es ein
Valerian zu entführen, der Volk war vermutlich ara- «Puffer-Staat» zwischen
dann in der Gefangenschaft bischen Ursprungs, auch den römischen Provinzen
starb. wenn seine Schrift und und der Wüste.

14
Die Araber vor dem Islam

eines möglichen Konflikts auszubauen. So entstanden arabische Reiche und Grenzstädte, die Archäologische Ausgrabungen
von Palmyra, Syrien.
einen blühenden Aufschwung nahmen, und die durch Allianzen mit dem Parther-Reich im
Unten: Relief mit dem Porträt
Osten oder mit den Römern im Westen geschützt waren. Die wichtigsten waren Petra, Palmyra Zenobias, der Königin von
Palmyra. Damaskus, National-
in der syrischen Wüste und Hatra im heutigen Irak, wenige Kilometer südlich des antiken museum.

Ninive.

Ausgerechnet Ninive, das sich gegen den römischen Machtanspruch erhob, wurde von Trajan

unterworfen. Damit war der Übergang der römischen Politik von der guten Nachbarschaft

zur Annexion vollzogen, unter der auch bald die beiden Staaten Palmyra und Petra zu leiden

hatten. Die gewaltsame Ausdehnung der römischen Einflußsphäre veränderte zumindest für

kurze Zeit die bestehenden Machtverhältnisse in der Region.

Doch schon bald darauf verleibten sich die Sasaniden, die

Persien erobert hatten und eine aggressive Expansionspolitik

verfolgten, verschiedene Fürstentümer an der Grenze zum

nordöstlichen Arabien ein. Damit nicht genug, drangen sie

Mitte des 3. Jahrhunderts bis zu den Küsten Ostarabiens vor

und zerstörten das Gleichgewicht der Macht durch die

Vernichtung der von den Römern annektierten Stadt Hatra.

Zwischen dem 4. und dem 6. Jahrhundert verarmte die arabische

Halbinsel zunehmend und war fast ausschließlich von Nomaden

bevölkert. Die arabische Chronik berichtet von einer

wirtschaftlichen Krise in den städtischen Zentren und dem

Zenobia. Gegen Ende


des 3. Jh. versuchte Königin
Zenobia, die Unabhängig-
keit Palmyras wiederherzu-
stellen. Ihr Versuch wurde
jedoch durch die Truppen
Aurelians vereitelt, die
Stadt kehrte wieder in den
römischen Herrschafts-
bereich zurück.

15
Die Geschichte

Niedergang des Ackerbaus, da sich viele, die bereits seßhaft geworden waren, aus Armut wieder

für eine nomadische Lebensweise entschieden. Diese Krise stand mit den Ereignissen an den

nördlichen Grenzen in Zusammenhang. In der langen Zeit des Friedens zwischen Rom und

Persien (384-502) nahm das Interesse für die langen und kostspieligen Karawanentransporte

durch die Wüste merklich ab. Einige Städte an den Handelsstraßen verloren ihre Bedeutung

und wurden von ihren Bewohnern aufgegeben. Der Anstieg des Nomadentums führte nicht

nur zu einem Rückgang der Lebensqualität, sondern hatte auch einen Niedergang des kulturellen

Niveaus zur Folge, da der fruchtbare Austausch mit anderen Kulturen verebbte. Die islamische

Tradition hat diese dunkle Zeit al-Dschahiliyya genannt, nicht nur im Vergleich mit der folgenden

Zeit, sondern auch um sie von der vorhergehenden abzugrenzen.

Ausschnitt eines Felsreliefs Mit dem Beginn des 6. Jahrhunderts kehrte man durch den erneuten Konflikt zwischen Byzanz
aus sasanidischer Zeit in
Naqh-i-Rustam, im Gebiet von und Persien zur Situation der Vergangenheit zurück: Das Gebiet fiel wieder in eine Art
Fars (südwestlicher Iran). Die
mächtigen Reliefs verherr- permanenten Kriegszustand. Der neue Konflikt verbesserte die Situation auf der arabischen
lichen die Könige der Sasa-
niden-Dynastie (224-651). Halbinsel, die nun wieder eine wichtige Rolle spielte.

Unten: Eine Ansicht der Da die Byzantiner den Persern nicht trauten, waren sie darauf angewiesen, Handelswege zu
syrischen Wüste.
benutzen, die außerhalb der Kontrolle ihrer Rivalen lagen. So gewann die südliche Straße

nach Indien erheblich an Bedeutung. Um ihre Pläne zu realisieren, wetteiferten die beiden

Imperien um die Allianz der zahlreichen Völker, die an diesen Routen lebten, und wie schon

Jahrhunderte zuvor entstanden entlang der Grenzlinien Staaten und Fürstentümer.

In diesem politischen Kontext lösten die Byzantiner um 527 einen Konflikt zwischen Jassan

und Hira aus, mit dem Ziel, den Sasaniden direkt zu schaden. Da dies aber nicht ausreichte,

Die arabische Halb- verläuft die Gebirgskette


insel. Die arabische Halb- Hidschaz, «Grenze», durch
insel ist eine Hochebene aus die in früherer Zeit eine
Steppen und Wüsten, die Karawanenstraße verlief, die
von Gebirgen umgeben ist. vom Mittelmeer zum
Den größten Teil des Indischen Ozean führte. Das
Gebiets nimmt die Wüste Hidschaz-Gebirge trennt
des Nefud im Zentrum der den niedrigen
Halbinsel ein. Im Westen, Küstenstreifen namens
parallel zum Roten Meer, Tihama von der unend-

16
Die Araber vor dem Islam

um den persischen Einfluß im Gebiet zurückzudrängen, versuchten sie ebenfalls die neutralen Der Tempel von Hatra, Irak.
In Mesopotamien gab es in
Staaten zu eliminieren oder zu unterwerfen, um die eigene Vorherrschaft und das Handelsmonopol den ersten Jahrhunderten der
christlichen Zeit Städte mit
entlang der Küste zum Roten Meer durchzusetzen. Bewohnern arabischen
Ursprungs.
Um auch noch die Kontrolle über die äußerste Region, die noch außerhalb ihres

Herrschaftsbereiches lag, zu erlangen, benutzten die Byzantiner das christliche Äthiopien,

mit dem sie verbunden waren, um gegen die Juden im Jemen vorzugehen, die von den Persern

unterstützt wurden. Die seit kurzem konvertierten äthiopischen Truppen griffen vorn Meer

aus das arabische Festland an, zerstörten die letzten unabhängigen Staaten Südarabiens und

machten so den Weg für das Christentum frei. Sie drängten auch nach Norden vor und

bedrohten im Jahr 527 die Stadt Mekka, die für die Araber

sowohl als Handelszentrum wie auch als Kult- und

Wallfahrtsstätte bedeutsam war. Dennoch scheiterte das

Unternehmen bald völlig, denn schon nach kurzer Zeit übten

die Perser wieder die Kontrolle über den Jemen aus. Diese

unablässigen Truppenbewegungen und ständigen Grenz-

Verschiebungen zwischen den verschiedenen Völkern der

arabischen Halbinsel haben sowohl in kultureller als auch

in religiöser Hinsicht deutliche Spuren hinterlassen. Der

größte Teil der Araber in den Grenzgebieten, sowohl in dem

von Byzanz annektierten Gebiet als auch in dem unter

persischer Kontrolle, waren Christen. Auch in den südlichen

liehen Hochebene Nadschd. Jassan und Hira. An Schutz das arabische Für-
Im Süden verläuft eine hohe der nordwestlichen Grenze stentum Hira. Die Kultur
Gebirgskette vom Jemen bis zur Wüste, etwa auf dem beider Fürstentümer war
zum Golf: Die klimatischen Gebiet des heutigen Jor- aramäisch, während die
und geographischen Merk- danien, entstand unter Religion christlich war.
male des Gebiets haben den byzantinischer Protektion
Anbau von Gewürzen und das arabische Fürstentum
Duftstoffen begünstigt, die Jassan; an der nordöstlichen
im Mittelmeerraum sehr Grenze auf persischer Seite
begehrt waren. entstand unter deren

17
Die Geschichte

Miniatur von al-Wasiti aus den Gebieten gab es christliche Siedlungen wie im Nadschran oder im Jemen. Daneben gab es
Makamen von al-Hariri (1237),
Niederschrift von Erzählungen vor allem im Jemen und an zahlreichen anderen Orten im Innern der arabischen Halbinsel
der mündlichen Tradition.
Paris, Bibliotheque Nationale. jüdische Gemeinschaften. Die Mitglieder dieser Gemeinschaften stammten vorwiegend von

Flüchtlingen aus Judäa ab, andere hatten sich aus Konvertiten herangebildet.

Die Gemeinschaften der Nicht-Araber waren vollständig arabisiert. Wenige Araber dagegen

hatten aus verschiedenen Gründen die persische Religion angenommen. Daneben gab es die

sogenannten Hanifen, womit man diejenigen meinte, die den Polytheismus nicht akzeptierten

und traditionell Abrahams Vorstellung von einem einzigen Gott verbunden blieben.

Aus der mündlichen Überlieferung der Zeit vor dem 8. Jahrhundert kann man erkennen, daß

die Gesellschaft der Araber im wesentlichen durch den Zusammenschluß blutsverwandter

Gruppen organisiert war. Die Mitglieder einer Gruppe wurden als barm, «Nachfahren»,

bezeichnet, das heißt, sie waren Kinder eines Stammvaters und trugen seinen Namen. Innerhalb

des Stammes gab es eine gewisse Hierarchie, die sich auf die Reinheit der Sprache und

persönliche Qualitäten gründete, grundsätzlich herrschte jedoch das absolute Gleichheitsprinzip.

Im Rat der Ältesten, die die Entscheidungen trafen, gab es den sayyid, den «Herrn», der

aufgrund seiner Eigenschaften wie Vornehmheit, Mut, Charisma und seiner Fähigkeit, die

Diskussionen innerhalb des Rats zu leiten, frei gewählt wurde. Das Blutrecht beinhaltete, daß

das Gesetz der Vergeltung die engsten Verwandten des Beleidigers und des Beleidigten traf.

Die Lebensbedingungen in der Wüste boten dem arabischen Volk keine Möglichkeit, sich

einer Kunst zu widmen, für deren Ausübung man auf eine Vielzahl von Materialien oder

Instrumenten angewiesen war. Da sie ständig unterwegs waren und nur das Wichtigste

Die mündliche rischen Tätigkeit zu sam- verbreitet, da sich die


Überlieferung. Mit dem meln, die vor oder gleich- Reime dank des Rhythmus
Anfang des 8. Jahrhunderts zeitig mit der Offenbarung gut einprägten. Diese
begannen die islamischen entstanden war: Es han- Dichtung erscheint wie ein
Wissenschaftler, aus kultu- delte sich um Werke der «Behälter», in dem Ge-
rellen, linguistischen und Dichtkunst, die mündlich bräuche, Sitten und Be-
historischen Gründen, aus weiterverbreitet wurden, da schreibungen der Land-
der noch lebendigen münd- die Schrift zwar bekannt, schaften aufbewahrt sind.
lichen Überlieferung die aber wenig gebräuchlich Sie ist der Spiegel einer
Überreste einer litera- war. Die Dichtung war so Gesellschaft von Indivi-

18
Die Araber vor dem Islam

mitnehmen konnten, richteten sie ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Kunst des Wortes. Nomadenleben in der
syrischen Wüste: ein Zelt-
In der Sprache, die sie mit großem Einfallsreichtum kultivierten, fanden sie ein geeignetes lager der Beduinen. Das
Nomadenleben erlaubte nur
Medium, um sich künstlerisch auszudrücken, das den Mangel an anderen zwangsläufig eine einzige Form der Kunst,
die des Wortes.
vernachlässigten künstlerischen Formen vollauf ersetzen konnte. Durch Worte verliehen sie

ihren Empfindungen Gestalt, und mit Worten haben sie ihre Umwelt abgebildet.

Die Beduinen waren in jener Zeit in allem vollständig auf die Erfordernisse eingerichtet, die

ein Leben in der Wüste ihnen abverlangte. Die Erfahrung der eigenen Begrenztheit in einem

schier grenzenlosen Umfeld beeinflußte ihre Gedanken und Gefühle und prägte das kollektive

Bewußtsein. Ihr Alltagsleben veränderte sich im Rhythmus mit der äußeren Umgebung, und

das heißt ständig, denn die Wüste ändert ihre Physiognomie

mit jedem Windstoß.

dualisten, die sehr stark an ihr Unglück während den Märkte. Der berühm-
der eigenen Unabhängig- langer Nachtwachen in den teste fand in 'Ukaz bei Ta'if,
keit hingen, sich jedoch um sogenannten samar besun- im Hidschaz, statt. All die-
zu überleben mit anderen gen. Diese Gesänge wurden ses Material und die islami-
zusammenschließen muß- von Stamm zu Stamm und sche Tradition, die fast
ten. Die Traditionen, die Generation zu Generation gleichzeitig damit entstand,
Abstammung, der Ruhm weitergegeben. Ein anderer stellt die reichste Quelle
der Stämme und ihrer Ort, an dem die Dichtung dar, um die Geschichte
Anführer wurden ebenso verbreitet wurde, waren die eines Volkes und seiner
wie ihre Schwächen und von Zeit zu Zeit stattfinden- Religion kennenzulernen.

19
Mohammed, der Prophet

Die Tradition berichtet, daß der Patriarch Abraham seine Frau Hagar und seinen Sohn Ismael Linke Seite: Mohammed ge-
langt auf seinem geflügelten
in ein einsames Wüstental südlich von Kanaan führte. Hier verkündete ihr der Engel, daß Schlachtroß ins Paradies.
Darunter sind die heiligen
Ismael eine große Nation begründen würde, und Hagar sah, wie das Wasser unter dem Sand Felsen Jerusalems und die
Ka'ba zu sehen. Persische
hervorquoll. Von da an wurde das Tal zum Rastplatz der Karavanen, weil das Wasser gut war Miniatur des 16. Jh.

und reichlich floß: Der Brunnen bekam den Namen Zamzam. Unten: Der Name des Pro-
pheten. In geschriebener oder
Eines Tages besuchte Abraham seinen Sohn, und Gott zeigte ihm die genaue Stelle, in der gesprochener Form folgt ihm
immer der Satz nach: salla
Nähe des Brunnens, wo Ismael ein Heiligtum errichten sollte, das den Namen Ka'ba (Kubus) Allahu 'alaihi wa-sallam, «der
Friede und der Segen Allahs
erhielt. Seine vier Ecken sollten nach den Kardinalpunkten ausgerichtet sein, und in der sei mit ihm». Ausschnitt einer
Inschrift auf Keramik.
östlichen sollte der heiligste Gegenstand aufbewahrt werden — ein schwarzer Stein, der vom

Himmel gefallen war.

Abraham legte fest, daß in jedem Jahr mindestens eine große Pilgerfahrt zu dem Heiligtum

stattfinden sollte, kleinere jedoch jeder Zeit. In immer größerer Anzahl begannen die Pilger

aus allen Teilen Arabiens und aus anderen Ländern hierherzuströmen und brachten reiche

Gaben mit, die sie Mekka darboten.

Aber im Lauf der Jahrhunderte verlor sich die Reinheit des Kults gegenüber dem Einzigen Gott.

Auch der Brunnen Zamzam versiegte. Direkt verantwortlich waren die Mitglieder des Stammes

Dschurhum aus dem Jemen. Die Dschurhum hatten sich die Kontrolle über Mekka gesichert,

und die Nachkommen Abrahams hatten dies geduldet, weil die zweite Frau des Ismael diesem

Der Engel. In der erblickte, eilte sie zu einer aufzustehen und ihr Kind
Wüste litten Hagar und anderen Anhöhe, wieder hochzuheben. Er ver-
Ismael bald an Durst, ohne Erfolg. Von Panik kündete ihr, daß Gott
worauf die Mutter, die um ergriffen rannte Hagar durch Ismael eine großes
das Leben ihres Sohnes sieben Mal zu einer höher Volk schaffen würde. Als
bangte, auf einen Felsen zu gelegenen Stelle, bis sie Hagar die Augen wieder
Füßen einer nahen Anhöhe sich beim siebten Mal öffnete, sah sie eine Quelle,
kletterte, um zu sehen, ob erschöpft auf einem Felsen die unter dem Fuß des
ihnen jemand helfen niederließ. Ein Engel Kindes aus dem Sand
könnte. Da sie niemanden erschien ihr, der ihr befahl entsprang.

21
Die Geschichte

Volkstümlicher Druck mit der Stamm angehörte. Aber dann kam eine Zeit, in der die Dschurhum alle möglichen Frevel
Darstellung der Ka'ba. Ein
Tuch aus schwarzem Brokat begingen, bis sie schließlich aus der Stadt verjagt wurden. Vor ihrer Vertreibung schütteten sie
bedeckt das ganze Gebäude.
Die vier Engel befinden sich den Brunnen mit einem Teil des Schatzes aus dem Heiligtum auf und bedeckten ihn mit Sand.
an den Kardinalpunkten.
Nach den Dschurhum wurden die Khuza'ah die Herren von Mekka. Die Khuza'ah waren ein

arabischer Stamm, der sich von Ismael herleitete und einst in den Jemen emigriert war,

inzwischen aber wieder im Norden lebte. Sie unternahmen keinerlei Versuch, den Brunnen

wiederzufinden und begingen das Vergehen, das syrische Idol Hubal in der Ka'ba aufzustellen,

um es als Vermittler zwischen ihnen und Gott anzubeten.

Im 4- Jahrhundert etwa heiratete ein Mann namens Qusayy

aus dem arabischen Stamm der Quraysch, der von Abraham

abstammte, die Tochter eines Oberhaupts der Khuza'ah. Nach

dem Tod seines Schwiegervaters und nach einer blutigen

Schlacht entschied man, daß Qusayy Mekka regieren und

Wächter der Ka'ba werden sollte. Er rief daraufhin seinen

Stamm zusammen und hieß ihn, sich im Tal bei dem Heiligtum

anzusiedeln. Qusayy hatte vier Söhne, aber der wichtigste,

der auch zu Lebzeiten des Vaters große Ehre erfuhr, war 'Abd

Manaf, den der Vater als Nachfolger dem weniger befähigten

Erstgeborenen 'Abd ad-Dar vorzog.

Diese Rivalität führte zu einem Konflikt, der in der

nachfolgenden Generation mit einem Kompromiß beigelegt

Haschim. Der Sohn Die Pilgerfahrt. Als das Und verkündige den
von 'Abd Manaf hatte Gebäude fertiggestellt war, Menschen die Pilgerfahrt:
Geschäftssinn. Er setzte die befahl Gott Abraham, die Sie werden zu dir kommen
beiden Karawanenrouten Pilgerfahrt nach Mekka als zu Fuß und auf jedem
fest, die der Koran erwähnt: Ritual einzurichten: «Halte hageren Kamel, auf allen
die eine führte in den mein Haus rein für die- fernen Wegen.» (Sure 22,
Jemen, die andere in die jenigen, die den Umgang 26-27)
nordwestlichen Gebiete vollziehen und die stehen
Arabiens, bis nach und sich beugen und
Palästina und nach Syrien. niederfallen [im Gebet];

22
Mohammed, der Prophet

wurde: Haschim, der Sohn von 'Abd Manaf, der zweifellos

der fähigste Mann seiner Zeit war, behielt das Recht, Steuern

einzutreiben und die Pilger mit Speisen und Getränken zu

versorgen, während die Nachfahren von 'Abd ad-Dar

weiterhin den Schlüssel der Ka'ba und andere Rechte behalten

sollten.

Entlang der Karawanenstraße, etwa elf Tagesreisen mit dem

Kamel nördlich von Mekka entfernt, befindet sich die Oase

von Yathrib, die von jüdischen Stämmen bewohnt wurde,

jedoch unter der Kontrolle eines aus dem Süden stammenden

arabischen Stammes stand. Bald unterteilte sich der arabische

Stamm in zwei Clans: Aus und Khazradsch, die sich im

Konflikt miteinander befanden. Haschim hielt um die Hand

der einflußreichsten Frau der Khazradsch an und hatte einen

Sohn mit ihr, 'Abd al-Muttalib, der schon als junger Mann

große Führungsqualitäten bewies. Beim Tod seines Onkels wurde der begabte junge Mann Pilger bei der rituellen
Umgehung der Ka'ba. Gott
auserwählt, um die Verantwortung für die Speisen und Getränke der Pilger zu übernehmen. hatte Abraham befohlen, das
Ritual der Pilgerfahrt nach
'Abd al-Muttalib, der von den Quraysch wegen seines Mutes und seiner Weisheit geachtet Mekka festzusetzen, einer der
fünf Pfeiler des Glaubens.
wurde, hatte jedoch keine Söhne. Da er diesen Mangel schmerzlich empfand, bat er Gott um

die Gnade, ihm Söhne zu schenken. Mit seinem Gebet legte er das Gelübde ab, daß er von

zehn Söhnen einen in der Ka'ba opfern würde. Sein Gebet wurde erhört, und als seine Söhne

Der Brunnen Zamzam. Nähe des Gotteshauses 'Abd al-Muttalib, den


An die nordwestliche Seite schlief, eine Gestalt, die Streit, der unter den
der Ka'ba grenzt ein kleiner ihm befahl, an einer Stämmen auszubrechen
Platz namens Hidschr bestimmten Stelle nach drohte, zu schlichten. Es
Isma'il, weil sich unter dem dem Brunnen Zamzam zu wurde festgelegt, daß fortan
steinernen Boden die graben. Mit dem Brunnen der Clan des Haschim für
Gräber von Ismael und kam auch der unter dem den Brunnen Zamzam
Hagar befinden. Eines Sand begrabene Schatz verantwortlich sein sollte.
Nachts erschien 'Abd al- wieder zum Vorschein. Mit
Muttalib, der gerne in der großem Geschick gelang es

23
Die Geschichte

'Abd al-Muttalib flüstert den erwachsen waren, führte der Vater sie zum Heiligtum, um eine Schicksalsentscheidung
Namen Mohammeds ins Ohr
des Elephanten. Türkische herbeizuführen. Das Los traf den jüngsten und am meisten geliebten 'Abd Allah. Als die
Miniatur. Istanbul, Topkapi-
Museum. Frauen des Clans protestierten und 'Abd al-Muttalib bedrängten, beschloß dieser eine weise

Unten: Die Elefanten bleiben Frau seiner Geburtsstadt Yathrib um Rat zu fragen. Ein Menschenleben war damals in Mekka
wie durch ein Wunder vor der
Ka'ba stehen. Türkische soviel wie zehn Kamele wert, und die Frau riet ihm, das Los zwischen dem Jungen und zehn
Miniatur, Topkapi-Museum.
Kamelen entscheiden zu lassen. Beim zehnten Mal fiel der Pfeil endlich in Richtung der

Kamele, und anstelle des Jungen wurden hundert Kamele geopfert. Das war der Preis des

Blutes, und 'Abd Allah war gerettet.

Der Vater beschloß nun, seinem Sohn eine Frau zu suchen,

und so wurde eine Enkelin von Qusayy, die schöne Amina,

Tochter des Wahhab, auserwählt.

Die Geburt Mohammeds. Im Jahr 570, kaum ein Jahr nach

seiner Hochzeit, starb 'Abd Allah. Der Schmerz in ganz Mekka

war groß, und der einzige Trost bestand darin, daß Amina

wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes einen Sohn

gebar, der den Namen Mohammed erhielt.

Wenige Araber waren des Lesens kundig, aber es war der

Wunsch der vornehmen arabischen Familien, daß ihre Kinder

reines Arabisch sprachen. Eloquenz und Schönheit der Rede

galten als Tugend, und die Anerkennung eines Mannes

Das Jahr des errichten. Dies rief den Heer aufmarschieren, an


Elefanten. Im Jahr 570 Zorn der arabischen dessen Kopf er einen
erlangte im Jemen ein Stämme hervor, und ein Elefanten stellte. Nur durch
Abessinier namens Abraha Mann aus dem Stamm der ein göttliches Wunder
die Macht. Sein Ziel war es, Quraysch beschloß, die konnte die Ka'ba vor der
Mekka als wichtigstes Ziel Kirche zu profanisieren. Zerstörung gerettet werden:
der Pilgerfahrt auszuste- Daraufhin schwor der denn Gott hatte Vogel-
chen. Zu diesem Zweck ließ erzürnte Abraha, die Ka'ba schwärme gesandt, die das
er in Sanaa eine außer- dem Erdboden gleichzu- Heer des Abraha mit
gewöhnliche Kathedrale machen. Er ließ ein großes Steinwürfen besiegten.

24
Mohammed, der Prophet

gründete sich ganz wesentlich auf seine Fähigkeit zu dichten und auf sein Talent zur Poesie. Die Geburt Mohammeds auf
einer türkischen Miniatur des
Viele aus dem Stamm der Quraysch, der unlängst zum seßhaften Leben übergegangen war, 16. Jh. Istanbul, Topkapi-
Museum.
gaben ihre Kinder in die Obhut von Beduinen-Ammen, damit sie in der klaren Luft der

Wüste aufwachsen konnten, und so wurde auch der kleine Mohammed einer Frau namens

Halima anvertraut.

Als Mohammed sechs Jahre alt war, starb auch seine Mutter, woraufhin sich zunächst der

Großvater des Waisenkindes annahm. Nachdem auch dieser gestorben war lebte Mohammed

bei seinem Onkel Abu Talib, der ihn trotz seiner Armut fürsorglich erzog.

Im Alter von zehn Jahren begleitete Mohammed seinen Onkel auf einer Reise mit einer

Handelskarawane. In Bostra, auf der Karawanenstraße nach Mekka, trafen sie einen christlichen

Mönch namens Bahira, der die Voraussage aus alten Manuskripten kannte, die von einem

Propheten für die Araber berichteten. Sobald er den Jungen sah, erkannte er in ihm den

Propheten und teilte es dem Onkel mit, bat ihn jedoch, das Geheimnis zu wahren.

Durch seine Armut blieb Mohammed länger unverheiratet, als es in der arabischen Gesellschaft

üblich war. Unter den reichsten Händlern Mekkas befand sich auch eine Frau, Khadidscha,

aus dem mächtigen Clan der Asad, die eine entfernte Cousine von Haschims Söhnen war.

Khadidscha war zweimal verheiratet gewesen, und nach dem Tod ihres zweiten Gatten stellte

sie Männer ein, die an deren Stelle den Handel betrieben. Sie hatte bereits von Mohammed

gehört, den man in Mekka al-Amin, «den Vertrauenswürdigen» und «den Ehrlichen» nannte,

was für einen Händler sehr wichtig war. Eines Tages ließ Khadidscha ihn rufen und bat ihn,

Waren nach Syrien zu transportieren. Nachdem Mohammed diese Mission erfüllt hatte,

Reinigung. Als goldenen Gefäß voll des Kindes mit Schnee und
Mohammed drei Jahre alt Schnee. Sie nahmen das ließen es gehen. Die Erzäh-
war, ereignete sich ein sehr Kind, streckten es auf der lung des kleinen Bruders,
bezeichnender Vorfall, der Erde aus, öffneten ihm die der dem Geschehen beige-
zur Reinigung seines Gei- Brust und nahmen mit den wohnt hatte, alarmierte die
stes beitrug. Als er mit Händen das Herz heraus. Amme. Aus Angst, daß
seinem Ziehbruder hinter Sie entfernten einen klei- Mohammed etwas zustoßen
den Zelten spielte, näher- nen schwarzen Krumen und könnte, beschloß sie, ihn zu
ten sich zwei weißgeklei- warfen ihn weg. Danach seiner Familie zurück-
dete Männer mit einem wuschen sie Herz und Brust zubringen.

25
Die Geschichte

Der Schwarze Stein wird in die schickte die schöne Khadidscha eine Freundin, um die Ehe zu vermitteln. Schnell waren die
wiedererrichtete Ka'ba
getragen. Persische Miniatur. notwendigen Vereinbarungen getroffen, und so verließ Mohammed das Haus des Onkels, um
Edinburgh, Universitäts-
bibliothek. bei seiner Ehefrau zu leben. Am Tag der Heirat schenkte die Ehefrau ihrem Mann einen ihrer

Sklaven, einen fünfzehnjährigen Jungen namens Zayd, den Mohammed adoptierte. Um

seinem Onkel zu helfen, der sich aufgrund seiner zahlreichen Kinder in wirtschaftlichen

Schwierigkeiten befand, nahm Mohammed auch seinen Cousin 'Ali in seinem Haus auf.

Mohammed war 35 Jahre alt, als die Quraysch beschlossen, die Ka'ba wiederaufzubauen.

Der Rückzug. Mohammed liebte die Einsamkeit und Meditation

und zog sich dazu in eine Höhle auf dem Berg Hira, in der

Nähe von Mekka, zurück. Eines Nachts, in seinem 40. Jahr,

vor dem Beginn des traditionellen Fastenmonats Ramadan,

erschien in der Höhle ein Engel in menschlicher Gestalt.

Dieser befahl Mohammed, eine Schriftrolle zu lesen, die er

bei sich trug. Erschreckt floh Mohammed aus der Höhle nach

Hause und berichtete seiner Frau, was ihm widerfahren war.

Als Khadidscha dies hörte, lief sie eilends zu ihrem Cousin

Waraqa, der in Hanif als Kenner der alten Schriften galt.

Dieser verkündete Khadidscha, daß ihr Mann der Prophet

seines Volkes sei. Die Behauptung des Waraqa wurde gleich

darauf durch weitere Zeichen, die der Himmel sandte, bestätigt.

Der junge Mohammed. und oval geschnitten, mit Die Kinder. Die Ehe
Mit 25 Jahren war Moham- sehr langen Wimpern, in war glücklich, und Kha-
med von mittlerer Größe, anderen waren sie braun. didscha gebar sechs Kinder:
schlank, mit breiten Der erste Sohn namens
Schultern. Haare und Bart Qasim starb vor seinem
waren dicht, schwarz und zweiten Geburtstag. Da-
leicht gewellt. Seine Haut nach wurden die Töchter
war hell, seine Stirn breit. geboren: Zaynab, Ruqayya,
In einigen Beschreibungen Umm Kulthum und Fatima.
waren seine Augen groß
Mohammed, der Prophet

Davon ermutigt und von seiner Frau bedrängt, erzählte Mohammed all denjenigen, die ihm Eine Stadt wird dem Pro-
pheten dargeboten. Miniatur
am nächsten standen und die er am meisten liebte, von dem Engel und von den Offenbarungen. aus Täbriz, 14. Jh. Istanbul,
Topkapi-Museum.
Die ersten, die die Regeln der neuen Religion akzeptierten, waren nach Khadidscha sein

Cousin 'Ali, sein Adoptivsohn Zayd und der treue Freund des Propheten, Abu Bakr, ein

geschätzter und geehrter Mann mit großem Wissen, der freundlich und angenehm war. Durch

ihn bekannten sich viele zur neuen Religion, und wie Khadidscha zögerte auch er nicht,

seinen gesamten Reichtum der Sache des Islam zu vermachen. So wurde die Gruppe der

Gläubigen, Männer und Frauen, ständig größer, auch wenn niemand öffentlich aufgefordert

worden war, der neuen Religion beizutreten.

In der Anfangszeit des Islam beteten die Gefährten des

Propheten immer in Gruppen und ohne Zeugen in einem

kleinen Tal bei Mekka. Mitten im Gebet versunken, wurden

sie einmal von Ungläubigen brutal gestört und beleidigt.

Aber die Muslime wollten keine Gewalt anwenden, weil

Gott es anders beschlossen hatte.

Als Mohammed die neue Religion öffentlich verkündete,

schienen die Quraysch zunächst geneigt, sie zu tolerieren.

Als sie jedoch verstanden, daß sich diese Lehre direkt gegen

ihre Götter, ihre Traditionen und Prinzipien richtete,

fürchteten sie um ihren Handel und versuchten Mohammed

mit allen Mitteln von seiner Missionsarbeit abzubringen. Da

Die Wiedererrichtung für sich die Ehre bean- forderte er jeden Clan auf,
der Ka'ba. Bis Mohammed spruchte, den Schwarzen einen Zipfel des Mantels zu
die Ka'ba wiederrichtete, Stein zu heben und an fassen. Als der Mantel
hatte sie kein Dach, und seinen neuen Platz zu hochgehoben war, ergriff
ihre Mauern waren nur tragen. Der Streit wurde der Prophet den Stein mit
mannshoch. Während des durch Mohammed ge- seinen Händen und legte
Wiederaufbaus entstand schlichtet: Er bat um einen ihn an seinen Platz. Da-
eine heftige Auseinander- Mantel, breitete ihn auf der nach wurde der Bau zur
setzung zwischen den Schwelle aus und legte den Zufriedenheit aller fertig-
Quraysch, weil jeder Clan Stein in die Mitte. Danach gestellt.

27
Die Geschichte

Fest bei arabischen Händlern. sich der Prophet jedoch weder durch Drohungen noch durch verlockende Angebote
Miniatur aus der Handschrift
von Avicenna. Mailand, beeindrucken ließ und auch weiterhin fortfuhr, andere zu bekehren, gingen die Quraysch
Biblioteca Ambrosiana.
dazu über, die Gläubigen, die über keinerlei Schutz verfügten, zu drangsalieren.

Die Anfänge der Glaubensgemeinschaft. Die Anzahl der Gläubigen wuchs beständig an, obwohl

die Bewohner Mekkas ihnen gegenüber eine immer feindseligere Haltung einnahmen. Eines

Tages wurde auch der Prophet selbst angegriffen und von Abu 1-Hakam, einem Feind des

Islam, den die Muslime Abu Dschahl, «Vater des Unwissens», nennen, öffentlich beleidigt.

Der Prophet setzte sich jedoch nicht zur Wehr, sondern erhob sich lediglich, um ins Haus

zurückzukehren. Hamza, ein Onkel des Propheten, begab sich nach dem Vorfall sofort zur

Moschee, wo Abu Dschiahl mit mehreren Quraysch saß, und zielte mit dem Bogen auf dessen

Schulter. Abu Dschiahl, der es mit der Angst zu tun bekam, reagierte nicht, denn Hamza,

der seine Bekehrung zum Islam mit dieser Geste öffentlich machte, genoß als Krieger großes

Ansehen. Dieser neue Sieg Mohammeds alarmierte die

Quraysch: Für sie wurde es Zeit, einer Entwicklung Einhalt

zu gebieten, die ihr Prestige unter den Arabern zerstörte und

ihre Interessen bedrohte.

Einer von ihnen begab sich zum Propheten, der in der Nähe

der Ka'ba saß, um ihm ein Angebot zu unterbreiten. Aber

Mohammed erwies sich als unbestechlich und beharrte auf

seiner Position, und so wuchsen der Gemeinschaft neben

vielen jungen Quraysch, die so den Zorn ihrer Eltern auf sich

Die Offenbarung. Als Menschen aus einem Die ersten Gläubigen.


der Engel Mohammed Klumpen Blut./Lies! denn Die ersten die sich zur
erschien, war sein erstes dein Herr ist der Allgütige,/ neuen Religion bekannten,
Wort: «Lies!» Auf die der [den Menschen] lehrte waren die Neffen Dscha'far
Antwort «Ich kann nicht durch die Feder,/ den und Zubayr. Eine Offen-
lesen», wurde die Auf- Menschen lehrte, was er barung befahl dem Pro-
forderung noch zweimal nicht wußte.» (Sure 96, pheten, den eigenen Clan
wiederholt: «Lies im 1-5) zu bekehren. Er folgte dem
Namen deines Herrn, Der Befehl, hatte jedoch nur
erschuf, / Er schuf den geringen Erfolg.

28
Mohammed, der Prophet

zogen, auch noch andere einflußreiche Gläubige zu, wie zum Beispiel 'Uthman, der zum Hamza, ein großer Krieger,
der sich zum Islam bekehrt
umayyadischen Clan der reichen und angesehenen 'Abd Schams gehörte. hatte, trifft Abu Dschiahl,
nachdem dieser den Pro-
Mit wachsender Sorge beobachtete Mohammed jedoch, daß er zwar selbst von den Verfolgun- pheten beleidigt hat. Persi-
sche Miniatur (1030). Paris,
gen ausgenommen war, diesen jedoch viele seiner Anhänger zum Opfer fielen. Um sie in Bibliotheque Nationale.

Sicherheit zu bringen, befahl er ihnen, nach Abessinien überzusiedeln. «Es ist ein Land

religiöser Ehrlichkeit», sagte er, «mit einem König, unter dessen Schutz niemand

Ungerechtigkeiten erleiden muß.» Tatsächlich wurden die Emigranten dort sehr wohlwollend

aufgenommen und man ließ sie ihren Kult frei ausüben. Eine Gruppe von 80 Menschen, die

Kinder nicht mitgerechnet, waren die ersten Emigranten des

Islam.

Nachdem es den Quraysch nicht gelungen war, die Flucht

der Gläubigen nach Abessinien zu vereitlen, gerieten die in

Mekka zurückgebliebenen Muslime unter noch größeren

Druck. Unterstützung erhielten sie jedoch von unerwarteter

Seite: Der sechsundzwanzigj ährige 'Umar, Sohn des Khattab

und Neffe von Abu Dschahl, der die gläubigen Muslime auf

Anweisung seines Onkels ursprünglich besonders erbittert

verfolgt hatte, bekehrte sich zum Islam. Mit großem Mut

betete er öffentlich vor der Ka'ba und ermutigte die Muslime,

es ihm gleichzutun.

Zwei Jahre später erlitt der Prophet einen großen Verlust. Im

Aus und Khazradsch. Als die Araber hörten, daß die Khazradsch zu bitten;
In Yathrib versuchten sich in Mekka ein Mann lebte, sie erhielten jedoch eine
die Stämme, die immer der sich Prophet nannte, ablehnende Antwort. Der
noch im Konflikt mitein- wandten sie sich bei ihrer Prophet, der ihnen etwas
ander lebten, mit den Suche nach Verbündeten Besseres bieten wollte als
jüdischen Stämmen zu an ihn. Eine von den seine Unterstützung,
verbrüdern, die in der Oase Anführern der Aus ent- rezitierte einen Teil des
lebten. Die Beziehungen sandte Delegation begab Korans. Sie waren jedoch
blieben jedoch von gegen- sich nach Mekka, um die nicht geneigt, sich
seitigem Mißtrauen geprägt. Quraysch um Hilfe gegen bekehren zu lassen.

29
Die Geschichte

Der Prophet beginnt den Bau Jahr 619 starb mit 65 Jahren seine Frau Khadischa, und schon bald darauf starb auch Abu
der ersten Moschee des Islam
in Quba bei Medina. Türkische Talib.
Miniatur des 16. Jh. New
York, Public Library. Im folgenden Jahr trafen sich während einer Pilgerfahrt Richtung Mekka, in der Nähe von

Mina, sechs Männer aus Yathrib von dem Stamm der Khazradsch. Bei dieser Gelegenheit

akzeptierten die sechs Männer die vom Islam auferlegten Bedingungen. Im selben Jahr heiratete

der Prophet die fast 30jährige Sawda, die ebenfalls Witwe war. Ein paar Monate später wurde

die junge und schöne Tochter Abu Bakrs, 'Aischa, Mohammed

versprochen.

Hidschra, die Emigration. Nachdem der Prophet mit knapper

Not einem Attentat der Quraysch entkommen war, mußten

auch er und Abu Bakr aus Mekka fliehen. Nach vielen

Schwierigkeiten erreichten beide am 27. September 622 die

Oase von Yathrib. Bei der Ankunft in Yathrib wurde

Mohammed feierlich empfangen, und sofort befahl er, einen

Hof zu erwerben, der in eine Moschee verwandelt werden

sollte. Den Muslimen von Yathrib gab der Prophet den

Namen Ansar, «Helfer», während die Quraysch-Muslime

und die anderen emigrierten Stämme in der Oase den Namen

Muhadschirun erhielten. Der Prophet vereinbarte zwischen

seinen Anhängern und den Juden, die in der Oase lebten,

Verfolgungen. Die mit Haschim-Männern zu Bann gegen die Muslime


Bekehrung des 'Umar verehelichten oder gar blieb zwei Jahre in Kraft,
brachte seinen Onkel Abu Handel mit ihnen zu führte aber nicht zu dem
Dschahl nicht davon ab, treiben. Etwa vierzig gewünschten Erfolg.
die Muslime zu verfolgen. Anführer der Quraysch — Schließlich wurde er von
In einem Abkommen ver- einige davon unter Zwang - Anführern, die nie damit
pflichteten sich die setzten ihr Siegel unter einverstanden waren,
Quraysch, weder Frauen aus diesen Vertrag, und das offiziell zurückgenommen.
dem Clan der Haschim zu Dokument wurde in der
heiraten noch ihre Töchter Ka'ba niedergelegt. Der

30
Mohammed, der Prophet

ein Abkommen, in dem sich alle gegenseitig verpflichteten, die Religion des anderen zu

tolerieren.

In kurzer Zeit faßte der Islam in der Oase Fuß, die bald ihren Namen änderte und nun Medina,

die «aufgeklärte Stadt», hieß. Das Gemeinschaftsleben wurde durch die Vorschriften der

Offenbarung geregelt, die festsetzten, was erlaubt und was verboten war. Zu den Pflichten gehörte

vor allem das Fasten im Ramadan und die Abgabe des Almosen. Als der Bau der Moschee

beendet war, ließ der Prophet am östlichen Teil zwei kleine Wohnungen anbauen, in die er mit

seiner neuen Frau Sawda und den Töchtern aus erster Ehe zog. Schon bald darauf heiratete er

die junge und schöne Tochter des Abu Bakr, Aischa, die ihm seit langem versprochen war. l

Eine Offenbarung, die der Prophet kurz nach der Ankunft in Medina erhalten hatte, erlaubte

dem Islam nun auch zu kämpfen. So dauerte es nicht lange, bis sich der Prophet mit einem
Zaynab, eine der Töchter
bewaffneten Zug aus Helfern und Emigranten von etwa 350 Männern auf den Weg machte. Mohammeds, verläßt Mekka,
um ihren Vater in Medina zu
Er begab sich nach Badr, im Westen der Küstenstraße von Syrien nach Mekka, weil er hoffte, treffen. Türkische Miniatur,
Istanbul. Museum der
dort die Karawane von Abu Sufyan abfangen und überfallen zu können. Aber der Plan türkisch-islamischen Kunst.

scheiterte, da Abu Sufyan das Manöver früh genug durchschaute und die Karawane anwies,

einen anderen Weg zu nehmen. Die Quraysch aber nahmen den gescheiterten Überfall sofort

zum Anlaß, um in den Krieg zu ziehen. Am 17. März 623 traten sie den Muslimen mit einem

Heer von gut 1000 Mann entgegen. Bei der überaus heftigen Schlacht verloren die Quraysch

einige ihrer besten Ritter und Anführer und zogen sich verstreut und in kleinen Gruppen

nach Mekka zurück. Diese Niederlage bestärkte sie jedoch nur darin, ihre Kriegsanstrengungen

zu verstärken. Nachdem die Quraysch das muslimische Heer 625 in einer Schlacht besiegt

Das Attentat. Die sich alle gemeinsam auf Der Prophet und sein
Quraysch beschlossen Mohammed stürzen, und Cousin 'Ali bemerkten sie
gemeinsam, den Plan des jeder von ihnen sollte ihm jedoch rechtzeitig. Im
Abu Dschahl auszuführen einen tödlichen Stoß Schutz der Nacht und der
und den Propheten zu versetzen. Auf diese Weise göttlichen Vorsehung
töten: jeder Clan mußte sollte sein Blut auf alle verließ der Prophet das
einen starken und zuver- Clans fließen. Die aus- Haus, begab sich zu Abu
lässigen jungen Mann gewählten jungen Männer Bakr und floh mit ihm nach
aussuchen; zum verab- trafen sich beim Einbruch Yathrib.
redeten Moment sollten der Nacht vor seiner Tür.

31
Die Geschichte

Das mihrab der Moschee El hatten, beschlossen sie im Jahr 627 nochmals anzugreifen, um Medina endgültig zu vernichten,
Azhar, Kairo. Das mihrab, die
Nische, die die Richtung des was ihnen jedoch nicht gelang.
Gebets anzeigt, war ursprüng-
lich nach Jerusalem gewandt; Schon im folgenden Jahr begab sich der Prophet mit seinen Anhängern auf eine Pilgerfahrt
sie wurde nach einer Offen-
barung 624 in Medina, im nach Mekka. Als die Quraysch davon erfuhren, beriefen sie sofort eine Versammlung ein. Der
Monat Scha 'ban, nach Mekka
ausgerichtet. heilige Monat hatte bereits begonnen, aber sie schickten trotzdem 200 Ritter, um den Pilgern

den Weg abzuschneiden. Diese jedoch schlugen einen anderen Weg ein, um den Zusammenstoß

zu verhindern. Sie erreichten den Paß, der nach Hudaybiya führt, einer Ebene unterhalb von

Mekka, die an das heilige Gebiet angrenzt. Die Quraysch sandten nun einen ihrer Männer,

der für seine Klugkeit und sein politisches Geschick bekannt war, um mit dem Propheten zu

verhandeln. Die beiden handelten einen zehnjährigen Waffenstillstand aus. Darüber hinaus

verzichteten Mohammed und seine Gläubigen in diesem Jahr darauf, nach Mekka zu pilgern.

Sie erklärten sich bereit die Stadt nicht gegen den Willen und in Anwesenheit ihrer Bewohner

zu betreten. Dafür sollten die Ungläubigen im folgenden Jahr für drei Tage die Stadt verlassen,

um dem Propheten und seinen Gefährten die Pilgerfahrt zu ermöglichen. Der Pakt gab dem

Propheten, wenn auch nur vorübergehend, eine gewisse Sicherheit, der nun seine

Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden konnte. Mohammed schrieb Briefe an die Mächtigen

seiner Zeit — unter anderem an den byzantinischen Kaiser Herakleios — mit der Aufforderung,

sich zum Islam zu bekehren. Schließlich nahte der Aufbruch zur Pilgerreise, wie sie im Abkommen

mit den Quraysch festgelegt worden war. Fast 2000 Gläubige nahmen am Ritual der Pilgerfahrt

in der menschenleeren Stadt teil, während die Bewohner von den umliegenden Hügeln zusahen.

Doch schon kurze Zeit später, um 630, wurde der Waffenstillstand gebrochen und die Muslime

Die Kämpfe. In den vor. Der Zusammenstoß gemeinschaft jedoch nicht.


beiden Jahren nach der ereignete sich in 'Uhud, im 627 holten die Quraysch
Schlacht von Badr litten Norden Medinas und fügte mit Hilfe eines großen
die Bewohner von Mekka den Muslimen eine schwere Heeres zum entscheidenden
darunter, daß sie die Niederlage zu. Während der Schlag gegen Medina aus.
Kontrolle über die Schlacht kamen viele Ver- Während der Belagerung
Karawanenstraßen entlang wandte und Gefährten des des Festungsgrabens stellte
des Roten Meeres verloren Propheten ums Leben. sich die jüdische Gemein-
hatten. Deshalb bereiteten Dieser schwere Schlag schaft auf die Seite der
sie sich zum Gegenangriff entmutigte die Glaubens- Mekkaner und brach damit

32
Mohammed, der Prophet

bereiteten einen Feldzug gegen die Quraysch vor. Mit fast

zehntausend Männern war es das größte Heer, das jemals

Medina verließ. Als der Befehl zum Angriff gegeben wurde,

fielen die Truppen aus vier Richtungen in Mekka ein und

überwältigten seine Bewohner. Feierlich zog das siegreiche

Heer des Propheten in seine Geburtsstadt ein. Mohammed

ließ sich zuerst zur Ka'ba bringen, dann zum Brunnen Zamzam,

um dort zu trinken. Danach kehrte er zur Ka'ba zurück und

befahl, alle Bildnisse und alle Götzenbilder in der Stadt zu

zerstören.

Nach dem Sieg von Mekka kehrte der Prophet nach Medina

zurück und empfing nun viele Delegationen aus allen Teilen

Arabiens. Darunter waren auch jüdische und christliche

Delegationen aus dem Jemen und aus Nadschran. Der Prophet

erläuterte ihnen die Gesetze des Islam und ermahnte sie, die Steuereintreiber gut zu behandeln, Die Schlacht von Bad r
zwischen den Anhängern des
die die Abgaben der Muslime, Christen und Juden einsammeln sollten. Er sicherte allen den Propheten und den Ungläu-
bigen von Mekka. Türkische
Schutz Gottes und des islamischen Staates für ihre Person und ihre Besitztümer zu und gewährte Miniatur aus dem 18. Jh.
Istanbul, Topkapi-Museum.
ihnen das Recht auf freie Religionsausübung.

Im folgenden Jahr brach der Prophet von Medina aus an der Spitze von dreißigtausend Männern Unten: Krieger von Medina.
Ausschnitt einer türkischen
und Frauen zu einer Pilgerfahrt auf. Er setzte nun endgültig das Ritual gemäß der von Abraham Miniatur aus dem 18. Jh.
Istanbul, Museum der
überlieferten Regeln fest. türkisch-islamischen Kunst.

das Bündnis mit dem Pro- Das Heer von Zayd. dreitausend Männer und
pheten. Dies führte zu Drei Monate nach der vertraute sie Zayds Kom-
einem schweren Zusam- Pilgerfahrt entsandte der mando an. Das Heer unter-
menstoß zwischen Mus- Prophet fünfzehn Männer lag im Kampf gegen zahl-
limen und Juden, bei dem in friedlicher Mission zu reiche Stämme aus dem
letztere schwere Verluste einem arabischen Stamm Norden, die sich mit den
erlitten. an der Grenze zu Syrien. byzantinischen Truppen
Alle Boten außer einem zusammengeschlossen
wurden getötet. Daraufhin hatten.
rekrutierte Mohammed

33
Die Geschichte

Mohammed a/s Gast bei Der Tod des Propheten. Eines Tages, als Mohammed sich gerade in die Moschee begeben wollte,
christlichen Mönchen während
einer Reise nach Syrien. schmerzte ihn der Kopf wie nie zuvor. Am nächsten Tag, dem 8. Juni 632, ging das Fieber
Türkische Miniatur aus dem
16. Jh., Istanbul, Topkapi- zurück, und obwohl der Prophet sich noch schwach fühlte, folgte er dem Gebetsruf und begab
Museum.
sich zur Moschee. Das Gebet hatte bereits begonnen, als er eintrat; Abu Bakr, der die Betenden

anführte, wollte ihm seinen Platz überlassen, doch der Prophet gab ihm ein Zeichen: «Leite

du das Gebet!»

In die Wohnung 'Aischas zurückgekehrt, streckte er sich aus

und legte seinen Kopf auf die Brust seiner Frau. Sie hörte ihn

die letzten Worte aussprechen: «O Gott, mit höchster

Begleitung ins Paradies.» Sein Kopf wurde schwer, und 'Aischa

i \ \ bettete den Kopf des Propheten auf ein Kissen und weinte

•^^H zusammen mit den anderen Ehefrauen.

Die Muslime sahen sich nun sofort vor das Problem gestellt,

die Nachfolge festzusetzen. 'Umar überzeugte Abu Bakr, sich

mit ihm in den Saal zu begeben, wo sich die Menge der Helfer

und einige Emigranten versammelt hatten. Abu Bakr war

ein vertrauter Gefährte des Propheten und hatte das Gebet

geleitet, als der Prophet noch am Leben war. 'Umar nahm

also die Hand des Abu Bakr und schwor ihm Treue, Abu

'Ubaida und mehrere andere taten es ihm nach. Am nächsten

Tag nach dem Frühgebet machten sich die Familienmitglieder

Die Herausforderer. zu teilen. Die Antwort war,


Ein Mann namens Musay- daß die Macht allein Gottes
lima, der dem christlichen ist und die Erde nur ihm
Stamm der Yamama ange- gehört. Der Herausforderer
hörte und zum Islam über- hatte nur kurzen Erfolg und
getreten war, behauptete wurde bald von seinen eige-
ebenfalls, ein Prophet zu nen Anhängern getötet.
sein. Er schrieb einen Brief
an Mohammed, in dem er
ihm vorschlug, die Macht

34
Mohammed, der Prophet

des Propheten daran, das Begräbnis vorzubereiten. Sie begaben sich in 'Aischas Wohnung, Das Grab Mohammeds in
Medina. Türkische Keramik
wuschen und bekleideten den Körper des Toten und begruben ihn neben der Liegestatt, auf aus dem 18. Jh. Istanbul,
Museum der türkisch-
der sich der Prophet ausgestreckt hatte. Groß war der Schmerz in der ganzen Stadt Medina, islamischen Kunst.

und alle Bewohner eilten in Gruppen herbei, um Abschied zu nehmen und für ihn zu beten.

Die Ungläubigkeit Abu Bakr. Als der gelobt hatte, sagte er: «Oh
'Utnars. 'Umar hatte einen Prophet starb, befand sich ihr Menschen, wenn ihr
Vers des Koran falsch inter- Abu Bakr außerhalb der Mohammed verehren wollt,
pretiert und daraus ge- Stadt. Sofort aber kehrte er doch Mohammed ist tot;
schlossen, daß der Prophet nach Medina zurück und doch wenn ihr Gott ver-
mehrere künftige Gene- nahm die Situation ent- ehren wollt, Gott ist unter
rationen überleben würde. schlossen in die Hand. den Lebenden und stirbt
In der Moschee sagte er, Seine Rede in der Moschee nie.»
daß sich der Prophet in den bewegte die Menschen
Geist zurückgezogen habe. zutiefst. Nachdem er Gott

35
Der islamische Staat

Die Geschichte des ersten islamischen Kalifats ist ebenso wie die des Propheten nur aus den Linke Seite: Mosaik im Bad
des Umayyaden-Palastes
muslimischen Quellen bekannt und mündlich überliefert. Beim Tod Mohammeds sprach Khirbat al-Mafjar. Israel
(8. Jh.).
man auf dem Gebiet des heutigen Orients, das von unterschiedlichen Herrschern regiert
Unten: Abu Bakr, übernahm
wurde, unterschiedliche Sprachen und verkündete unterschiedliche Religionen. In kürzester das Kalifat nach dem Tod von
Mohammed. Er ist einer der
Zeit veränderte die neue Macht, vom neuen Glauben bestärkt, das ganze politische und vier sogenannten «Wohl-
geleiteten Kalifen». Ausschnitt
militärische Gleichgewicht. Der Islam wurde Staatsreligion, und Arabisch - die Sprache des einer türkischen Miniatur.
Istanbul, Topkapi-Museum.
Korans - wurde zur offiziellen Sprache erklärt.

Der vom Propheten begründete islamische Staat erlebte eine glückliche Epoche unter den

vier Kalifen Raschidun, «den Wohlgeleiteten», Stellvertretern oder Statthaltern des Propheten:

Abu Bakr, 'Umar, 'Uthman und 'Ali. Als erste schwierige Aufgabe mußte Abu Bakr die

Einheit des islamischen Staates sichern und verhindern, daß sich die Stämme von falschen

Propheten verführt untereinander aufspalteten. Abu Bakr reagierte entschlossen, und 633

wurden sezessionistische Bewegungen im Keim erstickt. Die arabischen Streitkräfte waren

bereit, die Grenze zur Wüste zu überschreiten und den höher entwickelten Kulturen

Mesopotamiens und Asiens die Prinzipien ihres Glaubens zu überbringen.

Auf Befehl des Kalifen drangen die muslimischen Truppen 633 in Palästina und in

Transjordanien ein. Gleichzeitig griffen Truppen Hira, die alte Residenzstadt der Lakhmiden

am Euphrat, an. Die mehrheitlich christliche Bevölkerung, die aramäisch sprach und vom

Jenseits der Wüste. auszugleichen. Der religiöse


Ursprünglich wurde die Enthusiasmus des Pro-
arabische Expansion von pheten überzeugte die
dem unüberwindlichen Araber Überbinger eines
Wunsch nach neuen Einheit stiftenden Glau-
Gebieten und Ressourcen bens zu sein, der ihnen die
ausgelöst, um die zuneh- Kraft verlieh, besser
mende Verarmung des ausgerüstete Heere wie das
Erdbodens auf der byzantinische und persische
arabischen Halbinsel zu besiegen.

37
Die Geschichte

Ausschnitt einer gemeißelten persischen Reich unterworfen worden war, geriet unter die Herrschaft des neuen islamischen
Miniatur mit kufischer
Inschrift. Saveh, Iran. Mit der Staats. Ebenfalls auf Befehl des Kalifen verließ der Feldherr Khalid ibn al-Walid, der noch
Geburt des islamischen
Staates entwickelt sich eine vom Propheten den Namen Sayf Allah, «Schwert Gottes», erhalten hatte, im Jahr 634 den
Architektur, die die kufischen
Schriftzeichen als Ornament Irak, um auf einem legendären Marsch die Wüste zu durchqueren und den Truppen zu Hilfe
verwendet.
zu eilen, die sich in Syrien in Schwierigkeiten befanden. Nach einer Reihe von schnellen

Erfolgen zogen die Muslime 635 in Damaskus ein. Die entscheidende Schlacht gegen die

Truppen des Herakleios fand im August 636 am Yarmuk statt, der südlich von Tiberias in den

Jordan floß. Der Sieg verschaffte den Muslimen die endgültige Herrschaft über Syrien. Im

Jahr 638 kapitulierten Jerusalem und Caesarea, die letzten Festungen der Byzantiner.

634 folgte das Kalifat von 'Umar ibn al-Khattab, dessen

zehnjährige Herrschaft entscheidend für die Bildung des

islamischen Staates war und der in der kollektiven Erinnerung

des orthodoxen Islam eine bedeutende Rolle spielt. Im selben

Jahr, als die Muslime Syrien eroberten, wurde auch Persien

unterworfen. Nach der Niederlage von Qadisiyah im südlichen

Irak im Jahr 636, wo die muslimischen Truppen nach

dreitägigen harten Kämpfen den Weg zur Hauptstadt

freikämpften, ergab sich Ktesiphon. Der letzte sasanidische

Herrscher Yazdegerd III. wurde in Dschahlula besiegt und

641 endgültig in Hamadan unterworfen. Vor den Muslimen

tat sich die persische Hochebene auf: Die Städte und

'Umar ibn al-Khattab. Verbreitung des Islam.


Dem von Abu Bakr Nachdem die Perser von
designierten Nachfolger den Arabern unterworfen
'Umar gelang es nicht nur, worden waren, übernahmen
die Einheit des Imperiums sie den Islam und trugen
zu erhalten, sondern er beachtlich zur Verbreitung
legte auch das Fundament des Glaubens unter den
für ein funktionales und Völkern Zentralasiens bei.
effizientes staatliches Ver-
waltungssystem.

38
Der islamische Staat

Festungen fielen eine nach der anderen. Nach ungefähr zehn Jahren kontrollierten die Araber Der Saal des Umayyaden-
Palastes Khirbat al-Mafjar,
das gesamte Gebiet. Israel, 8. Jh. Das zum größten
Teil zerstörte Gebäude ist ein
Ende 639 überschritten wenige tausend arabische Ritter auf Befehl des 'Umar die ägyptische wichtiges Zeugnis der
Architektur seiner Zeit.
Grenze. Die Byzantiner setzten kaum Widerstand entgegen. Alexandria ergab sich, und die Paläste und Moscheen
byzantinischer Herkunft haben
christliche Bevölkerung, die die koptische Sprache Ägyptens sprach und seit Jahrhunderten große Innenhöfe.

unter byzantinischer Herrschaft lebte, ging 645 zur islamischen über.

Der islamische Staat gewährte seinen neuen Untertanen Religionsfreiheit, ganz so, wie es

das Gesetz und das Abkommen zwischen dem Propheten und den «Menschen des Buches»

(Ahl al kitab) vorgab, das heißt mit den Anhängern der monotheistischen Religionen, die

schriftlich offenbart waren. Christen und Juden waren frei,

und ihr Glauben wurde toleriert, sie mußten jedoch eine

Kopfsteuer (dschizya) und eine Grundsteuer (kharadsch)

entrichten, während die Muslime lediglich ein gesetzlich

festgelegtes Almosen (zakat) an den Staat zu zahlen hatten.

'Umar hatte sich zur Frage seiner Nachfolge nicht geäußert,

sondern lediglich einen Rat (schura) aus den sechs ältesten

Gefährten des Propheten ausgewählt, unter denen der neue

Kalif ausgewählt werden sollte. Bei seinem Tod fiel die Wahl

des Rats auf 'Uthman, der zum Clan der Umayyaden gehörte

und als erster Aristokrat Mekkas zum Islam übergetreten war.

Darüber hinaus war er auch ein Schwiegersohn des Propheten.

Die Abgabe. Außer eroberten Ländern Steuern (amil) unterstanden, der


dem gesetzlich festgelegten einzutreiben und gleich- selbst wiederum dem
Almosen, das an den Staat zeitig den Truppen Sold zu politischen und militäri-
entrichtet wurde, mußten zahlen, begünstigte die Ent- schen Gouverneur (wali)
die Muslime keine weiteren wicklung von komplexen zur Seite gestellt war. Die
Abgaben zahlen. Die Finanz- und Verwaltungs- Einnahmen des jungen
gesamte Steuerlast wurde apparaten. Man stützte sich Staates wurden vom
den unterworfenen Völkern dabei auf Register und Kalifen selbst verwaltet.
aufgebürdet. Die Not- Listen der Kämpfer (diwan),
wendigkeit, in den die einem Funktionär

39
Die Geschichte

Die Große Moschee der In den zwölf Jahren seines Kalifats (644-656) breitete sich der Islam weiter aus. Ganz Persien
Umayyaden in Damaskus
(707-714). und Armenien wurden unterworfen, während das arabische Heer in Nordafrika bis nach

Tripolis und ins heutige Tunesien vorstieß. Doch seine Herrschaft war auch durch wachsenden

Unmut, soziale Proteste und ethisch-religiöse Konflikte gekennzeichnet, die schließlich zu

seiner Ermordung führten.

Die Bürgerkriege. Damit wurde der Weg zum Kalifat frei für

'Ali, den Cousin des Mohammed. Dieser konnte seinen

Machtanspruch jedoch nicht unmittelbar durchsetzen, weil

das islamische Volk durch den Putsch in einen langwierigen

und verlustreichen Bürgerkrieg gestürzt wurde. Zunächst

mußte 'Ali die Opposition besiegen, die von 'Aischa, der

Ehefrau des Propheten, angeführt wurde, danach mußte er

gegen Mu'awiya, den mächtigen Gouverneur Syriens kämpfen,

der die Ermordung 'Uthmans rächen und das Kalifat für sich

selbst beanspruchen wollte. 'Ali fand in den ganzen fünf

Jahren seiner unruhigen Regierungszeit keinen Frieden.

Nach seinem Tod verzichtete sein ältester Sohn Hasan auf

alle Ansprüche und erkannte Mu'awiya, der in Syrien zum

Kalifen ernannt worden war, als neues Oberhaupt an. So

entstand eine neue Dynastie, die ihren Herrschaftsanspruch

Die Umayyaden. Dem (649) und versuchte Syrien Die definitive Ausgabe
schwachen 'Uthman gelang auszurauben. 655 fand an des Koran. Zu den Ver-
es nicht, sich seinen der Küste von Lykien die diensten 'Uthmans, des
adligen Cousins zu wider- erste Seeschlacht zwischen Nachfolgers von 'Umar,
setzen, die die Schlüssel- der neuen arabischen Flotte gehört es, daß er die end-
positionen des Staates von Mu'awiya und der gültige Ausgabe des Koran
untereinander aufteilten. byzantinischen statt; der (650) förderte.
Einer von ihnen war Sieg der Muslime leitete
Mu'awiya, Sohn von Abu ihre Vormachtstellung im
Sufyan, der Zypern eroberte Mittelmeer ein.

40
Der islamische Staat

nicht mehr dadurch legitimierte, daß sie der Familie des Propheten angehörte. Die Nachfolge Die Schatzkammer im
Innenhof der Großen
des Kalifen ergab sich fortan aus der dynastischen Erbfolge. Die neue Monarchie dehnte ihre Umayyaden-Moschee in
Damaskus. Der Bau mit
Herrschaft von Indien bis nach Spanien aus. achteckigem Grundriß ist
von Säulen gestützt und mit
Mosaiken verziert.

Die Einheit des Imperiums. Von einer Nebenlinie der Umayyaden stieg 685 'Abd al-Malik ibn Unten: Die Kuppel des
Felsendoms in Jerusalem.
Marwan auf den Thron, der ein einheitliches Reich schuf. Ihm und seinem Nachfolger

Hischam gebührt das Verdienst, die staatliche Verwaltung neu organisiert zu haben. Arabisch

setzte sich als offizielle Verwaltungssprache durch und neue Goldmünzen mit arabischer

Prägung wurden in Umlauf gebracht.

Sein Sohn Walid (675-715) setzte die Eroberungspolitik fort und dehnte die Herrschaft der

Umayyaden-Dynastie über Gibraltar bis nach Spanien und im Osten bis nach Transoxanien

aus. 'Umar II. (717-720), ein Kalif tiefer Religiosität und mit großem Gerechtigkeitssinn,

war einer der letzten großen Herrscher der Umayyaden-Dynastie.

Von Osten her tauchte nun ein neuer Anwärter für das Kalifat auf, ein Abkömmling der

'Abbas, Onkel des Propheten aus dem Clan der Haschimiten, der die Umayyaden-Dynastie

fast vollständig auslöschte. Aus der Dynastie rettete sich jedoch ein junger Mann mit

außerordentlichem Mut und Entschlossenheit, dem es in einer abenteuerlichen Flucht gelang,

sich in Spanien in Sicherheit zu bringen und dort sein Reich neu zu errichten. Mit den

Abbasiden-Herrschern verlagerte sich das Zentrum der Macht nach Syrien, dem damaligen

Dreh- und Angelpunkt der kosmopolitischen Mächte im Mittleren Orient. Nachfolger von

Abu al-Abbas war sein Bruder Abu Dscha'far al-Mansur (754-775), der eigentliche Begründer

'Abd al-Malik ibn 'Abd al-Malik ibn Marwan


Marwan. Zu seiner Regie- 692 auf dem Tempelberg in
rungszeit sind monumentale Jerusalem errichten ließ.
religiöse Bauwerke ent-
standen, die zum Wahr-
zeichen der universalen
Botschaft des Islam wurden.
Dazu gehören der Felsen-
dom und die nahegelegene
Moschee von Aqsa, die

41
Die Geschichte

Der Innenhof des befestigten der Dynastie, der am westlichen Ufer des Tigris, nicht weit von Ktesiphon, die neue Hauptstadt
Palastes in Ukhaidir (Irak). Er
wurde in der irakischen seines Reiches, Bagdad, erbauen ließ.
Wüste, in der Nähe von
Bagdad, im Jahr 778 von Die Verwaltung der Randgebiete war in jeder Provinz einem amir anvertraut, der als
Isa ibn Musa, dem Neffen von
al-Mansur, erbaut. Provinzgouverneur und Kommandant des Heeres fungierte, während den Finanz-und

Steuerämtern ein 'amil vorstand. Trotz des straffen Verwaltungssystems war die Einheit des

riesigen Imperiums unter den Abbasiden ständig von zentrifugalen Kräften bedroht. Bereits

vom 8. Jahrhundert an hatten sich Spanien und der äußerste Maghreb von der Zentralmacht

gelöst, weitere Randprovinzen sowohl im Osten als auch im Westen folgten nach.

Der Prozeß der Iranisierung hatte mit al-Mansur begonnen und verstärkte sich mit seinem

Sohn al-Mahdi (755-785), die beide vehement für die

Reinheit der islamischen Lehre eintraten.

Das goldene Zeitalter des Glanzes und der Macht des

islamischen Reiches fällt in die lange Regierungszeit von

Harun al-Raschid (786-809). Bereits unter der Herrschaft

al-Mansurs breitete sich Wohlstand und sozialer Friede aus.

Diese günstige Entwicklung konnte dank der Barmakiden,

die die steuerliche, politische und wirtschaftliche

Administration des Landes in ihren Händen hatten, sogar

noch ausgebaut werden. Die Barmakiden, die über vierzig

Jahre lang das Imperium verwaltet hatten, waren in den

Augen von al-Raschid allzu mächtig geworden. Er warf ihnen

Die Abbasiden. luten Monarchie über. Die nur innerhalb der adligen
Während des Kalifats der arabische Sprache wurde als Familien, sondern ver-
Abbasiden, das mit Abu al- einzige in der Kultur und banden sich auch mit Kon-
'Abbas begann, wurden Verwaltung verwendet, kubinen und Sklaven ver-
nicht nur die Araber, son- Kunst und Wissenschaft schiedener Herkunft. Das
dern auch Perser und erlebten einen großen führte zur allmählichen
andere Ethnien am Hof Aufschwung. Der Land- Vermischung von Arabern
empfangen. Die politisch- besitz der Araber genoß und Angehörigen anderer
religiöse Macht ging von steuerliche Privilegien. Die Völker.
der patriarchalen zur abso- Abbasiden heirateten nicht

42
Der islamische Staat

Raffgier und die Verschwendung von Staatsvermögen vor.

Doch die Entmachtung der Barmakiden im Jahr 802 hatte

verheerende Folgen für die Administration den Provinzen.

Sie beschleunigte den Zerfall des Imperiums, das zunehmend

weniger in der Lage war, seinen Machtanspruch durchzusetzen.

Der Kalif al-Raschid bestimmte seinen ältesten Sohn al-

Amin, dessen Mutter eine Adlige arabischer Herkunft war,

zu seinem Nachfolger und vertraute die Regierung des

Khorasan und der östlichen Regionen al-Mamun, seinem

Sohn mit einer persischen Sklavin, an. Al-Mamun bestimmte

er zum Nachfolger des Bruders. Der neue Kalif hatte jedoch

nicht die Absicht, die Ernennung des Bruders zu seinem Nachfolger zu respektieren, was Der mit Mosaiken verzierte
Bogen des mihrab von Hakam
einen blutigen Kampf auslöste. Nach einer langen Belagerung ergab sich Bagdad im Jahr 813, II., in der Großen Moschee
von Cordoba (785-961).
der Kalif al-Mamun hielt sich jedoch noch lange in den sicheren östlichen Provinzen auf,
Unten: Ausschnitt der
bevor er in die Hauptstadt zurückkehrte. gemalten Dekoration eines
islamischen Elfenbeinschreins
Nachdem Bagdad erneut Hauptstadt des Imperiums war, führten regionale Machtbestrebungen (12.-13. Jh.). Florenz, Museo
del Barge/lo.
in Persien zur Bildung von kleinen lokalen Fürstentümern. Im Jahr 820 machte sich ein

General persischer Abstammung und Gouverneur al-Mamuns in den Regionen des Khorasan

unabhängig und begründete eine autonome Dynastie. Bald folgten andere Regionen seinem

Beispiel nach. Der Ruhm des Kalifen gründet sich vor allem auf die Schaffung des Bayt al-

Hikma, einem kulturellen Zentrum, das sich sehr um Übersetzungen aus dem Griechischen

Abu Dschia'far al- ein ständiges Heer nach


Mansur. Dem Kalifen al- persischem Modell
Mansur und seinen Nach- geschaffen, das die Abhän-
folgern stand eine persische gigkeit des Kalifen von den
Barmakiden-Familie zur arabischen Stämmen deut-
Seite, der der Titel wazir lich verringerte. Die Offi-
verliehen wurde. Der ziere gehörten zum diwan
persische Einfluß machte und erhielten monatlichen
sich im Hofleben bemerk- Sold.
bar, zum ersten Mal wurde

43
Die Geschichte

Das Gebäude des rituellen und Syrischen bemühte, und dem die philosophische, wissenschaftliche und medizinische
Brunnens, inmitten des
Innenhofes der Moschee ibn Forschung wesentliche Impulse verdankt. Sein Nachfolger wurde sein Bruder al-Mu'tasim
Tulun in Fustat (Ägypten),
erbaut 876-879. Links im (833-847), der türkische Soldaten und Offiziere aus Zentralasien im Heer einführte. Die
Bild das Minarett.
Unannehmlichkeiten, die die Soldaten den Einwohnern Bagdads bereitet hatten, zwangen

den Kalifen und seinen Hofstaat aus türkischen Prätoren,

seinen Sitz nach Samarra zu verlegen. Die neue Hauptstadt,

die auch Militärstützpunkt war, lag etwa 150 Kilometer

nördlich von Bagdad entfernt und blieb Hauptstadt bis zum

Ende des Kalifats 892, als al-Mu'tasims Nachfolger beschloß,

nach Bagdad zurückzukehren.

Der energische al-Mutawakkil (847-861) brachte die Autorität

des Kalifen wieder in Ordnung: Er begrenzte die Macht der

türkischen Wache, regelte die Glaubensfragen im Sinne einer

strengen Orthodoxie. Zwar unterstützten Bevölkerung und

Theologen den Kalifen, das reichte jedoch nicht aus. Im Jahr

861 wurde er von der türkischen Wache ermordet, worauf in

der Hauptstadt völlige Anarchie ausbrach. 870 wurde al-

Mu'tamid zum Kalifen gewählt, der wegen seiner Jugend unter

der Vormundschaft seines Bruders Talha al-Muwaffa regierte.

Letzterem gelang es in zwanzigjähriger Regierungszeit, der

Dynastie die frühere Autorität zurückzugeben.

Harun al-Raschid. Der Karl dem Großen, mit öffentliche Gebet am


Kalif war wegen seiner denen er Botschaften und Freitag in der Hauptstadt
Großzügigkeit und Gerech- Geschenke austauschte, leitete, Pilgerfahrten nach
tigkeit berühmt und wurde genoß der Kalif al-Raschid Mekka unternahm und den
zur emblematischen höchstes internationales dschihad (Krieg gegen die
Gestalt, um die sich viele Ansehen. Den sakralen Ungläubigen) vollzog.
Märchen aus 1001 Nacht Charakter seiner Autorität
drehen. Bei den mäch- als geistiger Führer der
tigsten Herrschern, vom Muslime betonte er, indem
Kaiser von China bis zu er persönlich das

44
Der islamische Staat

Die schnelle Verwandlung eines Agrar- und Militärstaates in ein Vielvölkerreich mit blühenden

Handelsaktivitäten und einer großen Konzentration von Arbeit und Kapital in den schnell

wachsenden Städten, die über das ganze Land verstreut waren, hatte Ungleichheiten, starke

Unzufriedenheit und soziale Spannungen hervorgerufen. Ebenso schnell hatte sich, unter

dem Einfluß verschiedener Kulturen, das intellektuelle Leben herangebildet, das immer wieder

ketzerische Bewegungen hervorrief.

Dem Kalifen al-Muktafi (902-908) gelang es, die qarmatischen Revolten in Syrien und im

Irak niederzuschlagen. Sein Nachfolger al-Muqtadir mußte sich mit Rebellionen

auseinandersetzen, die, angefacht vom ismailitischen Gedankengut, in Nordafrika ausbrachen.

Ihr Anführer 'Ubaidullah, der behauptete, seine Abstammung von Fatima, der Tochter des

Propheten, herleiten zu können, ernannte sich zum Kalifen und legte den Grundstein zu einer

fatimidischen Dynastie. Nordsyrien wurde nun von der Dynastie der Hamdaniten kontrolliert, Das spiralförmige Minarett
der Großen Moschee in
während in Persien die schiitische Familie der Buyiden an die Macht gelangte. Samarra (848-852) im
Norden Bagdads (Irak).
In Bagdad herrschten seinerzeit Unordnung und Chaos, der Kalif hatte jede Autorität verloren. Samarra wurde von dem
Kalifen al-Mutawakkil als
Im Jahr 945 zog der buyidische Emir Ahmed als Verteidiger des geschwächten abbasidischen Militärstadt, zur Aufnahme
seines großen Heeres,
Kalifats in Bagdad ein und erhielt vom Kalifen den Ehrentitel Muizz a-Dawla. Die Macht erbaut.

lag nun ganz in den Händen der schiitischen Dynastie. Der Einfluß des Heeres und der Unten: Der Imam in der
Moschee. Miniatur von al-
mächtigen Aristokratie der militärischen Befehlshaber verstärkte sich. Gleichzeitig verringerte Wasiti (1237). Paris,
Bibliotheque Nationale.
sich weiterhin das steuerliche Aufkommen.

Al-Mamun. Der Kalif deten eine philosophische


al-Mamun gehörte zur Schule und verliehen dem
theologischen Schule der Imam die Macht, unab-
Mutaziliten, deren Lehre er hängig vom Konsens der
zur Staatsdoktrin erheben Rechtsgelehrten eine eigen-
wollte. Die Mutaziliten ständige Entscheidung zu
vertraten die Meinung, daß treffen.
rationale Überlegungen
Vorrang vor der Tradition
haben müßten. Sie begrün-

45
Die Geschichte

Der Innenhof der Moschee al- Der fatimidische Staat. Der fatimidische Staat in Nordafrika verleibte sich Ägypten ein (969)
Hakim in Kairo; links im Bild
das oktagonale Minarett. Die und dehnte seinen Einflußbereich bis nach Syrien und auf die arabische Halbinsel aus. Im
Moschee wurde zwischen 996
und 1021 von dem fatimi- Gegensatz zu den Buyiden erkannten die Ismailiten die abbasidische Autorität nicht an und
dischen Kalifen al-Hakim
erbaut. strebten nach ihrer Abschaffung.

Wohlstand und gefestigte Macht charakterisierten das fatimidische Ägypten, während das

Kalifat von Bagdad immer schwächer wurde. Eine Reihe von äußeren Angriffen beschleunigte

den Niedergang des Imperiums. Die christlichen Mächte in Europa, von Spanien bis nach

Sizilien, organisierten ihre Kreuzzüge gegen das geschwächte Reich, während aus dem Osten

Wellen von Invasoren aus den asiatischen Steppen vordrängten. Das galt vor allem für ein

ursprünglich türkisches Volk aus den Steppen nördlich des Kaspischen Meeres, das sich im

10. Jahrhundert zum Islam bekehrt hatte und den lokalen

Anführern Soldaten und Hilfstruppen bereitstellte. Einer

ihrer Anführer, Toghril Beg aus der Dynastie der Seldschuken,

der sich zur sunnitischen Orthodoxie bekannte, ernannte

sich 1038 zum Sultan von Nischapur und begann seinen

Marsch durch Persien. 1055 zog er in Bagdad ein, wo er das

Regime der Buyiden beendete und vom Kalifen den Titel

eines Sultans und den Auftrag erhielt, die Fatimiden zu

bekämpfen. Etwa ein Jahrhundert lang beschäftigten sich die

Seldschuken mit der Gründung religiöser Institutionen, mit

der Stärkung der staatlichen Autorität und der Kultur.

Soziale Spannungen. Die Qarmaten. Der verbreitete sich schnell in


Ende des 9. Jahrhunderts gewaltsame Aufstand der verschiedenen Grenz-
verbreiteten sich in der Qarmaten im Irak war auf regionen zwischen Syrien
Hauptstadt und in den dem Land und unter den und dem Irak und griff
Provinzen zahlreiche Bett- Beduinen im Jahr 875 dann auf einige Gebiete der
ler verschiedener Herkunft, ausgebrochen. Er orien- arabischen Halbinsel über,
und die Aufstände der tierte sich zwar am Schiis- bis 1075 in Bahrein ein
Schwarzen in den Salinen mus, wurde jedoch durch unabhängiger Staat ge-
des Südirak fügten dem politische und soziale gründet wurde.
Staat großen Schaden zu. Forderungen ausgelöst. Er

46
Der islamische Staat

Aufstände und Komplotte schwächten die Seldschuken zum Vorteil des Kalifen an-Nasir Aus dem Orient kamen die
gefährlichsten Feinde des
(1180-1225), der auch durch internationale Situation begünstigt wurde, da die Ayyubiden Kalifats von Bagdad. Den zum
Islam bekehrten Türken
in Ägypten und in Syrien gegen die Kreuzfahrer beschäftigt waren, und die Khawarizm in gelang es, diese zu besiegen.
Würdenträger erweisen hier
Persien von den Mongolen bedrängt wurden. Diese wiederum brachen in die muslimische Dschingis Khan die Ehre.
Persische Miniatur aus dem
Welt ein (1243), erschütterten Persien und stießen bis zum Irak vor, wo sie die Hauptstadt 14. Jh. Paris, Bibliotheque
Nationale.
der Abbasiden zerstörten (1258). Mit dem Ende des Kalifats ging eine Epoche in der islamischen

Geschichte und Zivilisation zu Ende.

Das fatimidische Wirtschaft und Handel Indischen ins Arabische


Ägypten. Unter der fati- begünstigte die Entwick- übersetzt und trugen so zur
midischen Dynastie erlebte lung der Stadt. Kosmo- Bereicherung und Erneue-
Ägypten einen ungeheuren politische Schichten mit rung der humanistischen
kulturellen Aufschwung, zu erlesenem Geschmack Disziplinen in Arabien bei.
dem alle Ethnien und Reli- bildeten sich heran. Litera-
gionen beitrugen. Er legt rische, wissenschaftliche
beredtes Zeugnis ab von und philosophische Werke
dem universellen Geist des wurden aus dem Griechi-
Islam. Die Expansion von schen, Persischen und dem

47
Vom Niedergang des Imperiums
bis zur heutigen Realität
Nach der Eroberung von Bagdad wandte sich der mongolische Kommandant Hulagu in Richtung Linke Seite: Frauen in einer
Moschee in Isfahan (Iran).
des persischen Nordostens, wo er etwa acht Jahre lang gegen die seldschukischen Sultane in
Unten: Timur (Tamerlan) auf
Anatolien kämpfte. In dieser Zeit standen sich im Mittleren Orient drei große Mächte gegenüber: einer persischen Miniatur.

das Persien der mongolischen Khans, die von osmanischen Fürsten regierte Türkei muslimischen

Glaubens und die mamlukischen Sultane in Ägypten. Von dem großen Sieg ermutigt, begann

Hulagu 1259 erneut einen bewaffneten Vorstoß gegen Syrien und zog nach der Eroberung

Aleppos in Damaskus ein. In der Schlacht von 'Ayn Dschalut (Palästina) traf die Armee der

Mongolen 1260 mit dem mamlukischen Heer unter dem Türken Baybars zusammen und wurde

vernichtet. Der Konflikt zwischen der mongolischen Macht und Ägypten setzte sich noch

einige Jahrzehnte lang fort und war auch dadurch nicht zu beenden, daß der Khan den islamischen

Glauben annahm. Anstelle des schwachen Irak war Ägypten zum Mittelpunkt der islamischen

Macht geworden, der es gelang, die Mongolen und die Kreuzfahrer zurückzudrängen. Nach

dem Tod von Saladin (1193), dem Begründer der ayyubidischen Dynastie, zerbrach das Reich.

Sein Nachfolger al-Malik al-'Adil besiegte noch einmal die Ritter des vierten Kreuzzugs, aber

danach war Ägypten gezwungen, eine Politik der Koexistenz mit den Franken zu akzeptieren.

Tumulte und Unstimmigkeiten folgten. Nach der Ermordung des letzten Abkömmlings von

Saladin, dem Sultan Turan Scha 1250, heiratete der Mamluke 'Izz al-Din die Witwe des

Verstorbenen und begründete den Mamluken-Staat in Ägypten und Syrien. Nach dem Sieg

Timur. Im Jahr 1380 Steppenvölker, und das


machte sich in Zentralasien weite mongolische Reich
der mongolische Feudalherr zerfiel.
Timur Richtung Persien
auf, das er annektierte;
daraufhin wandte er sich
Richtung Irak und zerstörte
Syrien. Erst mit Timurs Tod
1405 endete der ver-
heerende Feldzug der

49
Die Geschichte

über die Mongolen nutzte der mamlukische General Baybars

die allgemeine Konfusion aus und ernannte sich selbst zum

Sultan von Ägypten und Syrien. Um seine Macht zu stärken,

berief er in Kairo einen geflohenen Abbasiden zum Kalifen,

der jedoch nur ein Schattendasein führte und keinerlei

Machtbefugnisse innehatte.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war in Anatolien, an der

Grenze zum byzantinischen Bitinia, ein Fürstentum

entstanden, das nach seinem Begründer den Namen Osman

erhielt. Es befand sich in einem fortwährenden Grenzkrieg

mit den Byzantinern. Gleichzeitig überquerten die

osmanischen Truppen 1354 die Dardanellen und gelangten

nach Europa, wo sie sich schnell auf dem Balkan, in

Makedonien, Bulgarien und Serbien verbreiteten. Ein

ehrgeiziger Heerführer, Bayezid I. (1389-1401), der vierte

Erbe Osmans, begnügte sich nicht mit dem weiten ererbten

Gebiet in Europa und Asien, sondern wollte auch die


Mann mit Blume. Miniatur der
Schule von Herat (1260). türkischen Emirate annektieren, um ganz Anatolien zu vereinen. Aber in der entscheidenden
Istanbul, Topkapi-Museum.
Schlacht von Ankara 1402 wurde Bayezid geschlagen. Nach jahrelangen Bürgerkriegen wurde

Mehmet L, ein Sohn des Bayezid, im Jahr 1413 zum einzigen Herrscher des osmanischen

Staates. Die territoriale Expansionspolitik wurde unter Murad II. (1421-1451) fortgesetzt.

Baybars. Der von Bay- dauerte bis 1383 an, als der Murad II. Der ener-
bars begründete sunnitische Kampf zwischen den gische Sultan verteidigte
Mamluken-Staat stützte Militärkommandanten um die osmanische Macht auf
sich auf eine sehr kom- den Thron begann. Der dem Balkan gegen die
plexe, zivile und militä- Titel wurde endgültig 1517 Ungarn, weitete seine
rische Verwaltungsstruktur, abgeschafft, als die osma- Macht bis nach Anatolien
in der die zivilen Verwalter nischen Türken Ägypten aus und konsolidierte den
den mamlukischen Offi- eroberten. Staat; er modernisierte
zieren unterstellt waren. das Heer, indem er 1422
Das erbliche Sultanat Feuerwaffen einführte.

50
Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

Mehmet II., Sohn Murads, genannt Fatih, «der Eroberer»,

bestieg 1451 den Thron. Sofort wollte er das inzwischen

islamische Anatolien und den europäischen Teil des Reiches

zusammenschließen. Mit der Eroberung Konstantinopels, das

nun Hauptstadt des Sultanats und neues geistiges Zentrum

der muslimischen Welt in Europa wurde, setzte er dem

byzantinischen Reich ein Ende.

Als Bayezid II. 1481 Sultan der Osmanen wurde, entstand

zwischen Ägypten und dem osmanischen Reich ein Konflikt

um die Kontrolle über Sizilien. Von 1485-1490 dauerte der

Krieg, der weder Sieger noch Besiegte kannte und sehr auf

dem ägyptischen Staat lastete. Die Osmanen bereiteten sich

zum letzten Angriff vor. Aber zuvor mußten sie sich mit der dritten islamischen Macht, Schah 'Abbas !. mit seiner
Frau. Malerei der Schule von
Persien, auseinandersetzen. 1501 hatte Schah Isma'il, Herrscher der Turkmenen, in Herat. Paris, Musee du
Louvre.
Aserbeidschan die neue und aggressive Dynastie der Safawiden begründet. Nach der Eroberung
Unten (auf dieser und der
Persiens und Mesopotamiens hatte er das Land unter einer theokratischen Regierung vereint, vorangehenden Seite):
Ausschnitte der Miniatur der
die sich an den Doktrinen der schiitischen Religion orientierte. Zentrum waren die Regionen Schute von Herat (1262).
Istanbul, Topkapi-Museum.
nahe des osmanischen Territoriums. Dieser Sieg veranlaßte die Osmanen, die Annexion der

Lander arabischer Sprache im Süden voranzutreiben und bis zum Ufer des Golfs vorzudringen.

1517 erhielt Selim die Schlüssel der Ka'ba, legitimierte so sein Protektorat über die heiligen

Orte des Islam und nahm den Titel «Kalif» an. Die Umstände waren günstig auch für einen

Fatih. Auf ihn gehen Safawiden und der safawidischen Dynastie


die ersten osmanischen Osmanen. Im Jahr 1511 in Persien. 1514 begann der
Handschriften zurück, begannen die Safawiden Safawide Isma'il einen
ebenso die Neuorganisation eine Revolte in Zentral- Krieg gegen die Osmanen,
der Janitscharen und die anatolien gegen die Osma- die Janitscharen und die
steuerliche Verwaltung. Er nen. Sultan Selim L, der osmanische Artillerie füg-
war es auch, der den An- Grausame, unterdrückte die ten dem persischen Heer
stoß für eine florierende Revolte blutig und ver- jedoch eine schwere Nie-
Bautätigkeit gab. schärfte so den politischen derlage zu: Selirn 1. zog in
und religiösen Konflikt mit die Hauptstadt Täbriz ein.
Die Geschichte

raschen und entscheidenden Angriff auf den wankenden

mamlukischen Staat.

Die Ära des Sultans Sulayman des Prächtigen bezeichnete

den Höhepunkt der Macht und des Glanzes des osmanischen

Reiches. Die politische und soziale Struktur des Reiches

wurden definitiv festgesetzt. Die Türkei wurde ein

maßgeblicher Machtfaktor auf der politischen Bühne Europas.

Nachdem sie l 526 die Ungarn besiegt hatten, bedrohten sie

Wien, wenn auch ohne Erfolg. Nach dem Tod Sulaymans

1566 endete die große Expansionswelle, und die Macht

gelangte in die Hände des Großwesirs, während das schlechte

Ort der Pilgerfahrt. Türkische Boden- und Verwaltungssystem zu unaufhörlichen Rebellionen führte. 1683 endete die zweite
Miniatur (16. Jh.) aus der
Handschrift Menazilname (Der Belagerung Wiens mit dem entscheidenen Sieg über die Türken. Weitere schwerwiegende
Weg), die den ersten persi-
schen Feldzug von Sulayman militärische Niederlagen, mit dem Verlust zahlreicher Provinzen, folgten. Schließlich wurde
dem Prächtigen feiert.
Istanbul, Topkapi-Museum. der schwache osmanische Staat, der «kranke Mann am Bosporus», zu einem Problem der

europäischen Staaten.

In Persien war 1588 Schah 'Abbas auf den Thron gestiegen, der die safawidische Dynastie

zu ihrer Glanzzeit führte. Er reorganisierte das Heer und erhob die Schia zur Staatsreligion.

Dank neuer politischer Verbindungen intensivierte sich auch der Handel mit Europa. Mit

dem Tod von 'Abbas 1629 ging die safawidische Dynastie schnell ihrem Niedergang entgegen.

Die Erfolge des fähigen Kommandanten Nadir konnten die Machtverhältnisse unter den

Die Krise des osma- mußten. Der Vormarsch des Unterstützung der
nischen Reiches. Die Nie- russischen Heeres und Safawiden. Die Regierungs-
derlage von Wien und der spater der Streitkräfte der zeit von Schah 'Abbas
nachteilige Friedensvertrag westeuropäischen Nationen (l588-1629) bedeutete
von Karlowitz 1699, führ- veränderten das Kräfte- einen enormen Ent-
ten dazu, daß sich die mus- verhältnis von Militär und wicklungsschuh für
limischen Streitkräfte ange- Handel in allen musli- Architektur und Malerei.
sichts der Expansion der mischen Ländern.
europaischen Mächte
immer weiter zurückziehen
Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

islamischen Staaten und ihren europäischen Antagonisten nicht verändern. Die Konflikte Isfahan, die königliche
Moschee (16. Jh.), erbaut von
mit den Russen und die folgenden Friedensverträge, die nachteilig und demütigend für die Schah 'Abbas dem Großen.

Osmanen waren, veränderten die Beziehungen zwischen dem Mittleren Orient und Europa.

Rußland stellte tatsächlich auch für Persien eine Bedrohung dar, das die Kaukasus-Regionen

Rußland entziehen und wiedererobern wollte. Die Aktion wurde von einem Oberhaupt der

turkmenischen Qadschar angeführt, Agha Mohammed, der Nordpersien eroberte und die

Hauptstadt 1785 in Teheran errichtete. 1794 zum Schah gekrönt, begründete er die Qadschar-

Dynastie. Die Nachfolger von Agha Mohammed versuchten in ihrer Regierungszeit, die

expansionistischen Interessen von Rußland im Kaukasus und von England in Afghanistan

zu bekämpfen. 1828 schloß Rußland einen für Persien wenig

ehrenvollen Friedensvertrag und erklärte einen Monat später

der Türkei den Krieg, um den Griechen zur Hilfe zu kommen.

Der Vormarsch gegen den Islam, der als Verteidigungskrieg

begonnen hatte, verwandelte sich in einen Gegenangriff

Richtung Süden, und im Westen verfolgten Spanier und

Portugiesen nach der Rückeroberung der iberischen Halbinsel

ihre Feinde bis nach Afrika.

Die Modernisierung. Der Islam leistete einen großen Beitrag

zur Entwicklung der europäischen Völker. Zum Teil stand

das Abendland in direktem Austausch mit der islamischen

Nadir. Der fähige Mili- Ibrahim Pasha schuf umfassende Verwal-


tärkommandant, Anführer (1718-1730). Der Groß- tungs- und Steuerreformen.
eines turkmenischen wesir des Sultans Ahmae
Stammes im Dienst der III. begann eine Politik der
Safawiden, führte die Perser guten Beziehungen mit dem
zum Gegenangriff und Westen. Mit der Einfüh-
wurde zum Gouverneur rung der Presse in der osma-
Ostpersiens. 1736, nach nischen Welt öffnete er das
dem Tod des Schahs, stieg Reich für kulturelle Ein-
er auf den Thron. flüsse aus dem Westen und

53
Die Geschichte

Die Gräber der Mamluken Welt, zum Teil gelangte sein kultureller Einfluß durch die Vermittlung anderer Völker des
(1564), Kairo. Die Mamluken
waren ursprünglich Sklaven, Mittelmeerraumes und Asiens bis nach Nord- und Westeuropa. Bereits seit den ersten
integrierten sich später in das
Heer und regierten Ägypten Kreuzzügen intensivierten sich die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontakte zwischen
drei Jahrhunderte lang; sie
erwiesen sich dabei als große den beiden Welten, und längst nicht alle Begegnungen waren konfliktträchtig. Mehrfach
Krieger und Verteidiger des
Islam. wurden Friedensverträge zwischen beiden Seiten geschlossen, die den Dialog zwischen den

europäischen und islamischen Mächten förderten.

Unter dem Befehl des Generals Napoleon Bonaparte landeten französische Truppen 1798 in

Ägypten. Dies war seit den Kreuzzügen der erste militärische Vorstoß in ein strategisch

wichtiges Gebiet im Mittleren Orient. Neben der militärischen Operation verfolgte diese

Expedition in eine osmanische Provinz auch eine

wissenschaftliche Zielsetzung - nämlich die Erforschung einer

traditionalistischen Welt. Die Besetzung Ägyptens war jedoch

nur von kurzer Dauer: Dank der Intervention einer anderen

westlichen Macht und dem Einschreiten des osmanischen

Korps unter Mohammed 'Ali konnten die Franzosen

vertrieben und das Land wieder muslimischer Kontrolle

unterstellt werden. Als Gouverneur von Ägypten setzte

Mohammed 'Ali verschiedene Militär-, Boden- und

Steuerreformen um. 1814 erhielt er den erblichen Titel des

Vizekönigs und wurde de facto unabhängig von der

osmanischen Herrschaft.

Mohammed 'Ali. Sein Maschinen aus Europa ein. zumal arabisch damit
Reformwerk besteht in 1821 wurde die erste wieder zur offiziellen
einer Einführung eines Druckanstalt der ägypti- Sprache wurde. Durch den
modernen Erziehungs- schen Regierung in Bulaq, Bau der Eisenbahn und die
wesens; auch die Fakultäten Kairo, eingeführt, und 1828 Öffnung des Suez-Kanals
Medizin, Ingenieurswesen erschien die erste arabische 1869 wurde Ägypten erneut
und Chemie wurden durch Zeitung. Obwohl es sich um zu einem wichtigen Stütz-
ihn eingeführt. Er begün- die offizielle Regierungs- punkt der internationalen
stigte die industrielle Ent- zeitung handelte, war dieses Wirtschaft.
wicklung und führte Ereignis äußerst relevant,

54
Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

Auf der arabischen Halbinsel war in der Zwischenzeit ein Ereignis von weitreichenden sozialen Ein Minarett im Zentrum von
Marrakesch (Marokko). Die
und politischen und sogar religiösen Konsequenzen eingetreten. Ein gewisser Mohammed Stadt wurde 1077 von den
Almorawiden begründet, die
ibn 'Abd al-Wahhab begründete 1746 die strenge sunnitische Reform der Wahhabiyya und aus dem Süden, auf den
Routen des Sudan, hierher-
begann damit, seine Doktrin (ein Rückgriff auf die Lehren der juristischen Schule der gelangt waren. Marrakesch ist
seit jeher ein bedeutendes
Hanbaliten und des Ibn Taymiyya) mit Waffengewalt zu verbreiten. Zu diesem Zweck verbündete Zentrum der theologischen
Studien des Islam.
er sich mit dem Stammesführer Mohammed ibn Sa'ud aus dem Nadsch, im Zentrum der

arabischen Halbinsel. Die Wahhabiten, die 1804 Medina und 1806 Mekka eroberten, übten

damit die Kontrolle über ein für Arabien wichtiges Gebiet aus. Auf die Bitte des osmanischen

Sultans entsandte der Gouverneur von Ägypten, Mohammed 'Ali, 1811 seine Truppen gegen

die Wahhabiten.

Mehrere Jahre nach ihrem Rückzug aus Ägypten griffen die Franzosen 1830 Nordafrika an

und annektierten Algerien, das damals von einer autonomen Dynastie beherrscht wurde,

auch wenn es nominal unter osmanischer Herrschaft stand. Der Sufi Amir 'Abd al-Qadir,

algerischer Philosoph und Dichter, führte 1832 den Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich.

Die Rebellion scheiterte 1847, und 'Abd al-Qadir mußte ins Exil gehen.

Der erste Versuch, in der arabischen Welt eine ratgebende Versammlung zu konstituieren,

fand in Tunesien statt. Aber 1881 wurde Tunesien von den Franzosen besetzt.

Weitere arabische Länder Nordafrikas wurden von den Europäern kolonialisiert, so zum

Beispiel Libyen, das 1911 von der Türkei an Italien überging und 1922 ganz erobert war. In

Marokko begann 1894 die Regierung des Sultans 'Abd al-'Aziz, aber die Franzosen ernannten

Marschall Lyautey 1912 zum Gouverneur. Eine neue Phase in der Geschichte der Türkei

Die Verfassungen. Die sichtbarste Ergebnis des Welt wurden jedoch die
erste Verfassung eines isla- westlichen Einflusses. ideologischen Grundlagen
mischen Landes wurde Dennoch gelang es nicht, für eine kulturelle Wieder-
1861 in Tunis ausgerufen. den Bankrott der islami- geburt und eine wirkliche
Sie wurde 1864 außer Kraft schen Staaten aufzuhalten, Unabhängigkeit auf der
gesetzt. Auch in Ägypten der durch den Zerfall der Basis islamischer und
berief der Gouverneur 1866 inneren Ordnung und die nationalistischer Ideen
eine ratgebende Ver- westlichen Kolonialmächte geschaffen.
sammlung ein. Die Verfas- herbeigeführt worden war.
sungsreformen waren das In der gesamten arabischen

55
Die Geschichte

Die Stadt Jenin auf einem begann, als Sultan Mahmud II. (1808-1839) ein Programm zur Reform und Neuorganisation
Gemälde von David Robert
(1839). Das 19. Jh. war ge- des Heeres und des Staates nach französischem Vorbild umsetzte. 1865 entstand die
kennzeichnet durch Kämpfe
um Unabhängigkeit und durch oppositionelle Allianz der «Jungtürken», eine Bewegung, die osmanischen Patriotismus und
die Entstehung von religiösen
Bewegungen, die zu einer islamischen Modernismus miteinander verband. Die konstitutionelle Bewegung verstärkte
Modernisierung der Kultur
führten. sich weiterhin und erlebte 1876 einen Triumph, als Sultan 'Abd al-Hamid II. die Verfassung

Unten: Kairo bei Sonnen- verkündete. Diese überlebte jedoch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht. Die Jungtürken
untergang.
eroberten in einem Aufstand die Macht, aber ihre schwache Demokratie ging 1913 durch

einen Staatsstreich zugrunde, der die Militärdiktatur etablierte. Ein Jahr später nahm die

Türkei neben den wichtigsten Mächten am Ersten Weltkrieg teil.

In Ägypten schuf ein religiöser Denker und persischer Reformer, Dschamal al-Din al-Afghani,

die Grundlage für ein neuzeitliches Denken islamischer Prägung, das die wachsende Opposition

der ägyptischen Nationalisten gegen die fremde Regierung und Kontrolle weiter anstachelte.

Auf ihn geht die Begründung der religiösen Bewegung des Panislamismus zurück. Vom

wichtigsten ägyptischen Anhänger von al-Afghani, Scheich Mohammed 'Abduh, wurde

dieser Weg wiederaufgenommen, als dieser 1899 die Funktion eines mufti (Rechtsgelehrten)

bekleidete und liberale Reformen im Geist der islamischen Neuzeit umsetzte.

Die Gefahr einer neuen orthodoxen Bewegung erstand erneut 1870 im Sudan, als Mohammed

ihn 'Abdallah behauptete, die Inkarnation des Mahdi zu sein, und eine islamische

fundamentalistische Bewegung ins Leben rief. In der Zwischenzeit führte der Aufstand von

Offizieren, die von den Konstitutionalisten und den Anhängern von al-Afghani unterstützt

wurden, 1881 zur Besetzung Ägyptens durch England. Der Mahdi riefeinen Heiligen Krieg

Salafiyya. Diese Bewe-


gung entstand auf die Ini-
tiative eines Anhängers
von Mohammed Raschid
Rida, der 1898 in Kairo die
Wochenzeitschrift «al-
Manar» begründete. Sein
Ziel war es, dem Islam seine
ursprüngliche Autorität
zurückzugeben.

56
Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

gegen das ägyptische Regime im Sudan aus und erreichte erste militärische Erfolge, wodurch Gläubige beim Gebet in Abu
Dhabi (Vereinigte Arabische
er den östlichen Sudan kontrollierte. 1898 gelang es englisch-ägyptischen Truppen unter Emirate).

Leitung von Lord Kitchener zwar das Heer des Mahdi zu besiegen, nicht aber seine Ideen,

die sich im Bewußtsein der Menschen festgesetzt hatten und zum Teil bis heute wirksam sind.

Zu den modernistischen islamischen Kräften gesellten sich die der neuen christlichen

Handelsbourgeoisie hinzu, die sich im Hafen von Beirut etabliert hatte. Protestantische

Missionare gründeten 1866 die amerikanische Universität in Beirut, die erste ihrer Art in

der Region. Intellektuelle, die aus ganz Syrien kamen, leisteten nun einen effizienten Beitrag,

um Jas arabische Denken und die arabische Kultur bekannt zu machen.

In Arabien fanden die wahhabitischen Doktrinen erneut

Unterstützung in der saudischen Dynastie, die beim Ausbruch

des Ersten Weltkriegs, mit Hilfe der Engländer und auf Kosten

der Türken, ihre Kontrolle auf große Teile Ostarabiens

ausgedehnt hatte. Gleich nach dem Ersten Weltkrieg

unterstellte das Oberhaupt der saudischen Dynastie, 'Abd

al-'Aziz ibn Sa'ud, auch die neuen Gebiete Nord- und

Südarabiens seiner Macht und gründete schließlich 1932 den

Staat Saudi-Arabien.

In der Türkei griff ein Offizier namens Mustafa Kemal Atatürk

in die Geschicke seines Landes ein, als es ihm 1919 gelang,

im Herzen Anatoliens einen nationalistisch gesinnten

Naqschabandis und bandis, sufischer Herkunft, französische Invasion be-


Wahhabiten. Bereits im war von Indien aus im 14- endet und verwandelte sich
18. Jahrhundert hatten zwei Jahrhundert in die Länder daraufhin in einen Be-
religiöse Bewegungen auf des Mittleren Orient und in freiungskampf. Die zweite
die wachsende westliche die Türkei gelangt. Der religiöse Bewegung war die
Gefahr und auf den Nieder- Versuch, von naqschaban- der Wahhabiten, die sich
gang der islamischen Ge- dischen Wissenschaftlern zwar vom sufischen Mysti-
sellschaft geantwortet: Die und Meistern in Ägypten, zismus unterschieden, je-
reformierte Glaubens- die islamische Kultur zu er- doch dasselbe Ziel an-
bruderschaft der Naqscha- neuern, wurde durch die strebten.

57
Die Geschichte

Innenraum der Moschee von Widerstand gegen die Alliierten zu organisieren. Nach der Befreiung des Landes setzte er den
Khomeini in Teheran (Iran).
Die Revolution Khomeinis Islam als Staatsreligion außer Kraft und folglich auch das Sultanat, rief die Republik aus und
(1979) hat im Westen eine
erneute Auseinandersetzung führte das lateinische Alphabet statt des arabischen ein.
mit dem Islam ausgelöst.
In Persien wurde der Schah 1906 durch eine konstitutionelle Revolution gezwungen, eine

Nationalversammlung einzuberufen und eine Verfassung zu verkünden, die jedoch zu spät

kam, um den Ausbruch des Bürgerkrieges (1908) zu verhindern. Unter der Herrschaft von

Schah Ahmad wurde 1909 die Anglo-Iranian Oil Company gegründet, die Konzessionen

erhielt, um die Ölressourcen Persiens auszubeuten. Das war der Beginn einer neuen Ära der

Beziehungen zwischen den islamischen Staaten und den europäischen Mächten. Im seihen

Jahr sicherten die Engländer Persien vertraglich zu, die Unabhängigkeit und Unversehrtheit

des persischen Territoriums anzuerkennen, obwohl russische und englische Truppen im Ersten

Weltkrieg große Teile Persiens besetzten. 1921 übernahm ein

Offizier namens Reza Khan die Macht und errichtete eine

Diktatur. 1925 entmachtete er die Dynastie der Qadscharen,

ernannte sich selbst zum Schah und gab seiner Dynastie den

Namen Pahlewi.

Die unabhängigen Staaten. Die Vormachtstellung, die sich der

Westen durch den Ersten Weltkrieg sicherte, zwang die

islamischen Mächte in die Defensive. Die Sieger teilten die

arabischen Länder unter sich auf und schufen dabei Staaten

Pahlewi. Die Politik der Die Araber in Israel. Die arabische Antwort
Modernisierung und Zen- Nach langen dramatischen darauf war Krieg. Zwar
tralisierung, ohne das Land Auseinandersetzungen scheiterte der Versuch, die
jedoch zu säkularisieren, nahm die Generalver- Entstehung des Staates
wurde von Schah Reza sammlung der UNO 1947 Israel zu verhindern, aber
eingeleitet. Dieser Versuch eine Resolution an, die die das Verhältnis zwischen den
fand jedoch durch die Aufteilung Palästinas fest- unabhängigen arabischen
islamische Revolution legte, und am H- Mai 1948 Staaten und dem Staat
Khomeinis ein abruptes wurde die Gründung des Israel war lange Zeit ge-
Ende. Staates Israel verkündet. kennzeichnet durch eine

58
Der Islam in Bildern

Der heilige Fels im Innern des Fels, der sich heute im Innern Opferung Ismaels geschehen
Felsendoms in Jerusalem, des Gebäudes befindet, wird sollte, auf den die Araber ihre
von Muslimen. Juden und Abstammung zurückführen.
Rechte Seite: Gläubige im Christen verehrt. Die Muslime
Gebet auf dem Platz vor dem glauben, daß Mohammed von Seiten 60-61: Eine Dar-
Dom. Der Bau des Gebäudes diesem Felsen aus zum stellung des Mausoleums von
wurde von dem Umayyaden- Himmel aufstieg. Die Felsen- Kerbald (Irak), einer heiligen
Kalifen 'Abd al-Malik ibn kuppel ist vermutlich auf dem Stadt der Schiiten.
Marwan 687 begonnen und Gipfel des antiken Berges
692 fertiggestellt Der heilige Moriah erbaut, wo die

62
Vom Niedergang des Imperiums bis zur heutigen Realität

mit ganz neuen Namen und Grenzen, die durch Mandate des

Völkerbundes verwaltet wurden. Mesopotamien wurde eine

Monarchie unter englischem Mandat und erhielt den alten

arabischen Namen Irak. Das südliche Gebiet Syriens wurde

den Engländern unter dem Namen Palästina anvertraut,

während das nördliche Gebiet an Frankreich übergeben

wurde. Auf Beschluß der Franzosen entstanden schließlich

die Republiken Syrien und Libanon. Weitreichende

Konsequenzen hatte die Balfour-Erklärung im November

1917, mit der die Engländer sich verpflichteten, die Schaffung

eines hebräischen Homeland innerhalb der vom Völkerbund festgesetzten Grenzen zu Jerusalem am frühen Morgen,
mit Blick auf die Kuppel der
unterstützen. Im gesamten Gebiet des Mittleren Ostens waren zwischen den beiden Weltkriegen Moschee (687-692).

nur die Türkei, der Iran und Afghanistan unabhängig und souverän. Kurz darauf kamen Saudi- Unten: Iranischer Junge.

Arabien und der Jemen dazu und etwas später auch Ägypten und der Irak, deren Unabhängigkeit

zunächst jedoch nur formal war und keiner wirklichen politischen Autonomie entsprach.

Nach dem erzwungenen Rückzug der Franzosen wurden auch Syrien und der Libanon in die

Unabhängigkeit entlassen. Gemeinsam gründeten sie im März 1945 die arabische Liga. Ein

Jahr später trat auch Jordanien bei. Im Lauf der Zeit erweiterte sich die Liste: Hinzu kamen

Libyen (1951), Sudan (1956), Tunesien und Marokko, Mauretanien (1960), Kuweit (1961),

Algerien (1962, nach einem langen und blutigen Krieg) und die Vereinigten Arabischen

Emirate (1971).

Aneinanderreihung von entstandenen Staat und noch immer ungeklärt und


ungezählten Streitigkeiten, auch gegen die westlichen stellt vielleicht das größte
kriegerischen Auseinander- Mächte, die man beschul- Hindernis für einen dauer-
setzungen, Waffenstill- digte, der arabischen Welt haften Frieden im Nahen
standsabkommen und einen «Fremdkörper» auf- Osten dar. Frieden jedoch
blutigen Terrorakten. gezwungen zu haben. Heute ist die unabdingbare Vor-
Immer wieder revoltierten wird Israel von den ara- aussetzung, um die Moder-
einzelne oder miteinander bischen Staaten anerkannt, nisierung der Länder des
verbündete arabische Län- allein die Frage der palä- Mittleren Orients zu
der gegen den gerade stinensischen Nation ist fördern.

59
Der Islam in Bildern

Das Minarett der Großen


Moschee von Ziyadat Allah in
Kairouan (Tunesien). Die
Moschee ist sowohl mit
orientalischen als auch mit
westlichen Motiven dekoriert.

Unten und seitlich: Ausschnitt


der Keramikdekoration der
Moschee.

66
Der Islam in Bildern

Die Große Moschee von Daneben: Das Minarett der während der Kalifate von al-
Samarra (Irak), von dem Moschee von Abu Dulaf in Mu'tasim (833-847) und von
Kalifen a!-Mutawakkil zwischen Samarra hat dieselbe Form al-Mutawakkil (847-861) aus
848 und 852 erbaut. Erhalten wie die malwiyya, ist jedoch 70 000 Soldaten bestand.
blieben nur die äußeren Meiner und hat schlankere
Mauern, die sich um den Proportionen. Samarra,
weitesten Raum schließen, 150 km nördlich von Bagdad,
der in der islamischen Weit entwickelte sich als Militär-
bekannt ist, und die malwiyya, stützpunkt und sollte das
das spiralförmige, 55 Meter riesige Heer aus türkischen
hohe Minarett. Sklaven beherbergen, das

68
Der Islam in Bildern

Der Säulengang der Großen


Moschee von Cordoba und
daneben das westliche Portal.
Die Moschee, die auf
Veranlassung des Umayyaden-
Kalifen 'Abd al-Rahman
gebaut wurde, wurde inner-
halb von nur einem Jahr fertig-
gestellt (786-787). In der
ursprünglichen Version hatte
das steinerne Gebäude, eines
der bedeutendsten Bauwerke
der islamischen Architektur,
einen Gebetssaal und elf
Seitenschiffe in Richtung
Mekka. Der sahn, der zentrale
Raum, war mit dem Gebets-
saal durch eine Tür verbun-
den. Im Jahr 951 erweiterte
'Abd al-Rahman III. den sahn
Richtung Süden und errichtete
ein neues Minarett. 962
wurde die letzte Erweiterung
von al-Hakam abgeschlossen.

70
Der Islam in Bildern

Die Freitagsmoschee in In späteren Jahren wurden


Isfahan (Iran). Isfahan wurde verschiedene Teile angebaut
mit Alp Arslan (1063-1072) und erneuert.
zur Hauptstadt des
Seldschuken-Reiches. Als
Stadtzentrum war ein
Quadratischer Raum am
Eingang der Großen Moschee
geplant, die im späten
9. Jahrhundert gebaut wurde.

72
Der Islam in Bildern

Der Kirchenstuhl, auf dem der


Imam beim Freitagsgebet
sitzt. In der Kultstätte hat der
Imam keine hierarchische
oder autoritäre Rolle. Er kann
Wächter der Moschee sein
und dem Gebet vorstehen. In
seiner Abwesenheit kann
jeder Gläubige diese Aufgabe
übernehmen.

75
Der Islam in Bildern

Der Patio de los Arrayanes Seiten 78-79: Die Marmor-


und, rechts, der Patio de los dekorationen im Saal de las
Leones und der Saal de los Dos Hermanas in der
Reyes in der Alhambra in Alhambra. Die Räume, die
Granada. Mohammed l., wunderbaren Dekorationen
genannt ibn al-Ahmar und das Wasser vermitteln
(1230-1272), hatte Granada, das vollkommene Bild des
das zu seiner Hauptstadt Paradieses, wie es aus den
wurde, begründet und die rote Zeilen des Korans entsteht.
Festung der Alhambra erbaut.

76
Der Islam in Bildern

Persischer Teiler aus dem Rolle zu: Im Koran ist keine


13. Jh., dekoriert mit Adligen Textpassage enthalten, die
und Rittern. Athen, Museum die figurative Darstellung
Benaki. verbieten würde, während
Rechte Seite: Teppich mit "Götzenbilder" und ihr Kult
Jagdszenen, Persien. Mailand, verboten sind. Der Mensch
Museum Poldi Pezzoli. darf die Realität darstellen,
In der islamischen Kunst darf bei der Schöpfung jedoch
kommt der figurativen nicht mit Gott konkurrieren.
Darstellung eine wichtige

80
Der Islam in Bildern

Parfümflakon aus Glas mit


Emaildekorationen. Ägypten
oder Syrien, 13. Jahrhundert.
Bologna, Museo Civico di Arte
Medievale.
Rechts: Elfenbeinschrein,
bemalt mit Löwen. Florenz,
Museo de! Bargello.
Lampe für eine Moschee aus
emalliertem Glas. Syrien,
14. Jahrhundert. Florenz,
Museo del Bargello.
Rechte Seite: Messingvase.

82
Der Islam in Bildern

Teil einer Weltkarte aus dem


Besitz des Admirals Piri Re'is
(1513), die den Atlantischen
Ozean mit den Küsten der
Iberischen Halbinsel, von
Westafrika und Südamerika
darstellt. Istanbul. Schiff-
fahrtsmuseum.
Bei seiner Weltkarte stützte
sich der türkische Admiral Piri
Re'is sowohl auf den Atlas
des Christoph Kolumbus als
auch auf portugiesische,
alexandrinische und arabische
Karten.

Linke Seite: Seite aus der


Handschrift von Abu Ma 'schat
(Kairo, um 1250), mit
Miniaturen, die sich auf die
Astrologie beziehen: Der
Mond und Juno nähern sich
im Zeichen des Steinbocks.
Paris, Bibliotheque Nationale.
Auf dem Gebiet der Astrono-
mie und Astrologie wird der
islamische Einfluß auf Europa
besonders deutlich, denn eine
Vielzahl von technischen
Fachbegriffen stammen aus
dem Arabischen.

Auf den Seiten 86-87: Pilger


auf dem Weg nach Mekka
halten in Jedda an und
bereiten sich darauf vor, das
heilige Gebiet zu betreten.

85
Der Islam in Bildern

Timimoun in der algerischen und der Spiritualität gewid- feiert jedes islamische Land
Wüste: Eine große Men- met ist. entsprechend seiner eigenen
schenmenge versammelt Traditionen. Es handelt sich
sich zur Feier der Geburt Rechte Seite: Eine große jedoch immer um ein Fest,
des Propheten. Jedes Menschenmenge versammelt das dem Gebet und der
islamische Land hat seine sich in Timimoun, in der Spiritualität gewidmet ist.
eigene Tradition, um diesen algerischen Wüste, um das
Geburtstag zu begehen. große Fest zu begehen, das
Doch für alle Gläubigen ist an die Geburt des Propheten
er ein Fest, das dem Gebet erinnert. Diesen Jahrestag

88
Gebet am Ende des Ramadan
in den Straßen Kairos, vor der
Moschee in Mohandiseen. Die
muslimische Welt feiert das
Ende des Fastenmonats
Ramadan und der Fastenzeit
als einen Sieg des Glaubens
und den Triumph über die
Versuchungen und die
Schwäche des Geistes. Die
Gläubigen wünschen einander
und der Welt Frieden.

90
Der Islam in Bildern

Darstellung von Sebil Qa'it


Bey, Kairo. Der mamlukische
Sultan Qa'it Bey erbaute
diesen Komplex, zu dem ein
Grabmal und eine Moschee-
schule gehört, zwischen 1472
und 1474.

92
Der Islam in Bildern

Betende Frau auf einem Fried-


hof in Istanbul. Die islami-
schen Friedhöfe sind nor-
malerweise sehr einfach. Die
Gläubigen begeben sich
häufig dorthin, um am Freitag
die Sure al-Fatiha («die
Eröffnende») zu rezitieren und
um Stellen aus dem Koran zu
lesen.

Rechte Seite: Ein Imam betet


in der Moschee Eyup in
Istanbul. Die Moschee ist der
geeignetste Ort für das
Gebet, für die Meditation und
um Allah anzurufen. Hier
treffen sich jedoch auch die
Gläubigen, um theologische
Vorlesungen zu hören oder um
sich dem Studium des Korans
zu widmen.

94
Der Islam in Bildern

Innenraum einer Moschee in


Miri (Malaysia).

Rechts: Gebet in der Moschee


von Kuala Lumpur (Malaysia).

Oben rechts: Schüler einer


Koranschule mit dem Meister
in Miri, und das Studium in
der Moschee (unten). In Asien
leben einige hundert Millionen
Muslime.

96
Der Islam in Bildern

97
Der Islam in Bildern

Schüler einer Koranschule in Rechte Seite: Sanaa, die


Oman. Die Koranschulen antike Stadt im Jemen, die
spielten eine große Rolle für bis heute die Merkmale
den Erhalt der arabischen arabischer Architektur
Sprache. Dadurch, daß der beibehalten hat.
Koran unterrichtet wurde,
blieben die jungen Muslime
auch in der Zeit des Nieder-
gangs mit ihrer Kultur und
Religion verbunden.

98
Der islamische Kult

und Klänge und phoneti- nannten «Überbringer des


sche Aussprachen des Ara- Koran», die ihn auswendig
bischen sind Teil der Offen- kannten. In den letzten
barung, denen in der reli- Jahren begann Mohammed
giösen Liturgie eine wesent- seinen Sekretären zu diktie-
liche Funktion zukommt. ren; die Texte jedoch - auf
Selbstverständlich wendet Häuten oder Pergament
sich der Koran nicht nur an niedergeschrieben — waren
die Araber, die wesentli- nicht nur dem Verfall aus-
chen, für die religiösen Ri- gesetzt, sondern auch der
ten unerläßlichen Verse Manipulation durch fehler-
muß jedoch jeder Gläubige hafte Interpretationen
auf arabisch beherrschen. preisgegeben, so daß im
In reicher, antiker Sprache Lauf der Zeit apokryphe
geschrieben, die auch die Texte entstanden. Der erste
tiefsten Empfindungen mit Kalif, Abu Bakr, sammelte
Kalligraphische Komposition Der Koran eingänglichen Rhythmen die Texte des Koran, nach-
eines Koran-Verses im Stil und durchdringenden Asso- dem Abtrünnige und
Thuluth Jali von Yousuf Dhano- Der Koran ist Inbegriff der nanzen in Versen wiederzu- falsche Propheten nach
on (1976). London, The Iraqi Offenbarung, er ist das geben vermag, stellt der dem Tod des Mohammed
Cultural Center. Wort Gottes, das heilige Koran auch das Hauptwerk Unruhen ausgelöst hatten.
Jeder Gläubige muß minde- Buch der Muslime. Er ent- der arabischen Literatur Auch fürchtete er, daß die
stens einige wichtige Verse in hält die Regeln, die das Le- dar, von dem das metaphy- Eroberungskriege, bei de-
der heiligen Sprache kennen. ben des gläubigen Muslim sische und religiöse Wissen nen viele Gefährten des
bestimmen. Das Buch, das ausging. Propheten gestorben waren,
Unten: Lektüre des Korans in für die Muslime die Bot- Und schließlich ist er, nach dazu führen könnten, das
einer Kairoer Moschee. schaft Gottes an den Men- dem Gesetz der Juden und heilige Buch zu verlieren.
schen enthält, wurde dem dem christlichen Evangeli- Der zweite Kalif, 'Umar,
Auf Seite 100-101: Ausschnitt Propheten während seiner um, der dritte Beweis des vervollständigte diese
einer Mosaikdekoration in der einsamen Meditationen in identischen Wort Gottes, Sammlung gemeinsam mit
Moschee des Imam in Isfahan einer Höhle auf dem Berg weshalb die Gläubigen die- Zayd, dem treuen Diener
(Iran). Hira in der Nähe von Mek- ser Religionen auch «An- des Propheten, und ließ
ka offenbart. hänger des Buches» oder mehrere Kopien anfertigen.
Auf arabisch bedeutet «der Offenbarung» genannt Schließlich ordnete der
Qur'an (Koran) «Rezitati- werden. dritte Kalif, 'Uthman an,
on», «Lektüre». Die Offen- Zu Lebzeiten des Propheten eine endgültige Fassung des
barung geschah in arabi- wurde der Koran der Erin- Korans herzustellen, die auf
scher Sprache und ist un- nerung der Gläubigen an- Zayds Ausgabe basieren
lösbar mit ihr verbunden. vertraut, die ihn bei ihren sollte. Diese Ausgabe wurde
Arabisch ist folglich die Gebeten rezitierten. Darü- zur kanonisierten Fassung
heilige Sprache des Islam, ber hinaus gab es die soge- erklärt, und alle anderen

Arabisch, die Sprache hinabgestiegen/ Auf dein Sprache aller Muslime, die
der Offenbarung. Die Herz, daß du einer der sich bis heute erhalten hat.
Bedeutung des Arabischen Warner seiest,/ In Regeln und Wortschatz
für die Offenbarung wird deutlicher arabischer wurden erforscht und kodi-
vom Koran selbst Sprache./ Und ganz gewiß fiziert. Der Koran ist das
unterstrichen: «Siehe, dies ist er in den Schriften der größte Meisterwerk der ara-
ist eine Offenbarung vom Früheren (erwähnt).» (Sure bischen Sprache, seine
Herrn der Welten./ Der 26, 192-196) Ausdruckskraft macht ihn
Geist, der die Treue hütet, Durch den Koran wurde zu einem Wunder des Islam.
ist mit ihm [dem Koran] Arabisch zur gemeinsamen Der Einfluß des Korans auf

102
Der islamische Kult

verloren ihre Gültigkeit. mit makkiyya, -Die aus und die Kosmologie bilden. Handschrift des Korans in ku-
Die einzelnen Kapitel des Mekka Stammenden», be- Ausgangspunkt und Zen- fischen Schriftzeichen auf
Korans sind - das erste aus- zeichnet und sind kürzer als trum dieser Auffassung von Pergament (7. Jh.). Istanbul,
genommen - ungefähr der die in Medina offenbarten Realität ist der Gott als Museum der türkisch-
Lange nach angeordnet, madaiyya. Die makkiyya, die Schöpfer und Herr des Uni- islamischen Kunst.
vom längsten bis zum kür- in einer bildhaft-eindringli- versums, das von seinen
zesten. Der Koran ist in 114 chen Sprache verfaßt sind, grundlegenden Eigenschaf- Unten: Verse des Korans in
Suren unterteilt, und jede befassen sich mit eher ab- ten, Ordnung und Barm- einer kalligraphischen Kom-
Sure ist in ayah oder Verse strakteren psychologischen herzigkeit, durchdrungen position im Stil Jali Diwani von
untergliedert: Die zweite Themen, während die aus ist. Der Koran unterstreicht Y. Dhanson (1981). London,
umfaßt 286 Verse, während Medina stammenden Suren die Bedeutung des Gebets, The iraqi Cultural Centre.
die letzten nur noch drei bis leichter zugänglich sind schreibt die Fastenzeit vor,
sechs Verse umfassen. Ins- und sich mit Aspekten des • befiehlt das zakat, das offizi-
gesamt sind es 6000 ayah. täglichen Lebens und der elle Almosen, und verlangt
Sowohl bei der Nieder- sozialen Ordnung auseinan- von jedem, mindestens ein-
schrift als auch bei der Lek- dersetzen. In ihnen spiegeln mal im Leben eine Pilger-
türe wird den Suren die sich die Probleme der um- fahrt nach Mekka zu unter-
Klausel Bismil-Lahir-Rah- ma, der Glaubensgemein- nehmen. Alle Gläubigen
manir-Rahim vorangestellt, schaft, wider. Die morali-
was bedeutet, «Im Namen schen und religiösen Er-
Allahs, des Gnädigen, des mahnungen des Korans bil-
Barmherzigen». Diese Wor- den nicht nur die Grundla-
te wurden zu einer Einlei- ge für das Verhalten des
tungsformel, mit der jede einzelnen, sondern auch für
muslimische Schrift und je- die Organisation des sozia-
de von den Gläubigen voll- len Gefüges im neuen
zogene Kulthandlung eröff- Staat. Die Gerechtigkeit ist
net wird. Jeder Sure geht ei- durch die Vormachtstellung
ne Überschrift voraus, die des moralischen Gesetzes
meistens einen themati- gewährleistet, das der
schen Bezug zu der Sure Mensch nicht nach seinem
herstellt. So ist die erste Su- eigenen Willen gestalten
re des Korans zum Beispiel kann, weil es in Gott be-
mit al'Fatiha, «die Einlei- gründet ist. In dem heiligen
tende», überschrieben. Sie Buch der Muslime wird die
besteht aus einem kurzen Realität als eine Reihe von
Gebet, das eine wichtige unveränderlichen morali-
Rolle beim Kult und im schen und juristischen Vor-
taglichen Leben einnimmt. schriften beschrieben, die
Die allerersten, in Mekka die Grundlage für die Ge-
offenbarten Suren werden setzgebung, die Theologie

die Entstellung der arabi-


schen Literatur ist evident:
das gilt nicht nur für die
Anfangszeit, sondern auch
heute noch. Die Einmalig-
keit des Korans ist eine
Doktrin, die von allen
Schulen geteilt wird.

103
Der islamische Kult

Stilisierte türkische Schrift, sind auch zum dschidad auf- Stellung von der rückhaltlo- chen mit der Situation in
Holztafel (14. Jh.). Istanbul, gefordert - ein Begriff, der sen Selbstaufopferung ist der vor-islamischen Gesell-
Museum der türkisch-islami- sehr komplexe Vorstellun- auch im Gebet, im salat, schaft, verbessert worden.
schen Kunst. gen umfaßt und häufig ein- enthalten, mit dem man Von Ehepaaren heißt es,
seitig als Bereitschaft zum verspricht, das Gute zu wol- daß sie einander ergänzen
Krieg gedeutet wird. Dem len und das Böse zu elimi- sollen: «Sie sind euch ein
eigentlichen Sinn wird man nieren. Die Einlösung die- Gewand, und ihr seid ihnen
eher gerecht, wenn man ses Versprechens schließt ein Gewand» (Sure 2, 187).
darunter die Bereitschaft unter gewissen Umständen Frauen werden die gleichen
versteht, das eigene Lehen - zum Beispiel um die Herr- Rechte wie Männern zuer-
und die eigenen Güter für schaft des Islam auszubreiten kannt, auch wenn diese ei-
Allah hinzugehen. Die Vor- - auch den Krieg nicht aus. ne Stufe über ihnen stehen.
Mehrfach wird die Ver- Polygamie wird vom Gesetz
dammung des maysir, des geregelt und zeigt sich als
Glücksspiels, und des Alko- solide Basis der Familie.
holkonsums, wiederholt, Die erste Generation nach
Das Fleisch bereits getöteter dem Tod des Propheten
Tiere, Blut und Fleisch von hatte keinerlei Interpretati-
Schweinen sind strengstens on des heiligen Buches er-
verboten. »Ich finde in dem, laubt. In dem ethnisch und
was mir offenbart ward, kulturell vielfältigen islami-
nichts, das einem Essenden, schen Reich entstand je-
der es essen möchte, verbo- doch sehr bald das Bedürf-
ten wäre, es sei denn von nis nach einer eindeutigen
selbst Verendetes oder ver- Auslegung. Dadurch ent-
gossenes Blut oder Schwei- stand eine enorme Anzahl
nefleisch - denn das ist un- von Kommentaren, die als
rein - oder Verbotenes, über Schiedssprüche galten und
das ein anderer Name ausge- im ilm at-tafsir, dem wissen-
rufen wird als Allahs» (Sure schaftlichen »Kommentar
6, 145). Der Koran enthält des Koran» zusammenge-
wichtige juristische Nor- faßt wurden. Großes Ge-
men, die die Sklaverei, die wicht wurde dabei auf die
Lebensbedingungen der historische Tradition gelegt:
Frau, die Ehe, die Familie Dazu zählen sowohl Perso-
und die Regelung der Nach- nen als auch der historische
folge betreffen. Kontext der Offenbarung.
Die Lebensbedingungen der Der wichtigste und umfas-
Frauen, die ebenso wie die sendste Kommentar, der
Kinder ein Anrecht auf sich auf die Überlieferung
Schutz haben, sind, vergli- der ersten Generation nach

Eine umfassende Josef und Moses, die


Erzählung. Der Koran Geschichte der Geburt und
bringt eine Botschaft. Er ist der Kindheit Jesu; er ent-
jedoch auch eine um- hält Geschichten aus der
fassende Erzählung: Er Zeit nach der Bibel-
berichtet von Völkern, abfassung und arabische
Stämmen, Kernigen, Volksweisheiten. Der
Propheten und Heiligen, außerordentliche Reichtum
den biblischen Gescheh- betrifft alle Völker, zu jeder
nissen um Noah, Abraham, Zeit und an jedem Ort.

104
Der islamische Kult

Mohammed beruft, stammt die heftigste Wirkung auf


von Tabari (gestorben 922). mich aus. Dann entfernt es
Auch esoterische Kommen- sich von mir, aber es bleibt
tare sufischer Ausrichtung die Erinnerung an das, was
entstanden. Jedesmal, wenn mir gesagt wurde. Andere
sich durch veränderte Be- Male zeigt sich mir der En-
dingungen die Notwendig- gel wie ein Mensch und
keit ergab, die Interpretati- spricht zu mir, und ich erin-
on anzupassen, wurden die- nere mich an seine Worte.»
se als ein Kommentar zum Die Kraft und die Intensität
Koran verfaßt. Der angese- der Offenbarung werden im
hene Theologe ibn al- Koran so beschrieben:
Qayyim (gestorben 1350) «Hätten Wir diesen Koran
klassifizierte die Offenba- auf einen Berg herabge-
rung nach verschiedenen sandt, du hättest gesehen,
Graden: Manchmal wird wie er sich demütigte und
der Erzengel Gabriel eins sich spaltete aus Furcht vor
mir dem Propheten und Allah.» (Sure 59, 2 1 )
übergibt die Offenbarung in
dessen Herz: «Der Geist, Gedruckter Koran in arabi-
der die Treue hütet, ist mit scher Schrift, von Paganino
ihm [dem Koran] hinabge- oder Atessandro Paganini,
stiegen/ Auf dein Herz, daß Venedig (1537-38). Venedig,
du einer der Warner seiest» Biblioteca dei Frati Minori von
(Sure 26, 193-194); in an- San Micheie ad /so/a.
deren Fällen zeigt sich Ga-
briel Mohammed in seinem Links: Sunnitische Koran-
Gewand als Engel und dik- schule in Torbat Jam (Iran).
tiert ihm die Verse. Inner-
ster Moment der Offenba- Unten: Eine moderne Ausgabe
rung ist die direkte Korn- des Koran.
munikation ohne Vermitt-
ler, wenn Gott direkt zum
Propheten spricht, der da-
durch in einen Zustand der
Ekstase gerät. Der Prophet
selbst beschreibt die Erfah-
rung der Offenbarung mit
folgenden Worten:
«Manchmal ist es wie ein
Klingen im Ohr, und das übt

Die Koranschulen. In von allgemeinbildenden


den Innenhöfen, unter den Schulen übernommen, als
Säulengängen oder in es diese noch nicht gab. Die
kreisförmigen Räumen der Kinder lernten hier lesen
Moschee wurde der Koran und schreiben und den
gelehrt und kommentiert. Koran auswendig
Sowohl in den gießen aufzusagen. In kleinen
Städten als auch in den Dörfern ersetzt die
Dörfern haben die Koranschule noch heute
Koranschulen die Funktion die Grundschule.

105
Der islamische Kult

Hadith und Sunna phet eine absolute Auto- verbale Übermittlung ge-
ritär inne. Der Koran for- nannt, die stillschweigend
Der Prophet ist nicht nur dert die Gläubigen auf, dem weiterlebt. Das Wort Sunna
der Bote Gottes und der In- Boten Gottes zu gehorchen. bedeutet «gegebene Form»,
terpret des Koran, sondern, Er fordert ebenfalls dazu «Aneinanderreihung» und
bis zum Ende seines Lehens, auf, dem moralischen und «Weg, Straße», hat jedoch
der einzige religiöse und po- kulturellen Vorbild des Pro- auch die Bedeutung «Le-
litische Führer der Musli- pheten zu folgen. Der Pro- bensweise des Propheten»
me. Die Erfahrungen seines phet selbst unterscheidet angenommen. Durch die
gesamten Lehens - seiner zwischen seinen eigenen Sunna sind die spezifischen
Schmerzen, Muhen, Behauptungen und denen Merkmale des religiösen
Schwierigkeiten und Prü- des Korans. Der Hadith ist Brauchtums bestimmt. Das
fungen - sind im hadith, der nach dem Koran die wich- Gebet und das Fasten, zum
Sammlung der Aussprüche tigste Quelle, sowohl für die Beispiel, die im Koran obli-
des Propheten, aufgenom- Scharia, das «Gesetz», als gatorisch sind, finden durch
men. Seine Handlungen, auch für den tariqa, den das Beispiel des Propheten,
seine Taten und die alltäg- «geistigen Weg». Er ist der dessen Verhalten in der
lich Praxis seines Lebens Dreh- und Angelpunkt, der Sunna genau beschrieben
sind in der sunna, dem die muslimischen Völker wird, eine verbindliche
«Weg», überliefert. Hier vereint und ihre tägliche Form. Auch die Schiiten
liegt die Antwort auf alle Existenz und ihre Verhal- erkennen die Sunna des
Fragen, die das individuelle tensweisen einander an- Propheten als grundlegende
und kollektive Leben der gleicht, Wörtlich bedeutet Norm an, fügen jedoch die
Muslime aufwirft. Zwischen Hadith Geschichte, Erzäh- der Imame hinzu. Zahlrei-
dem 7. und 8. Jahrhundert, lung, Bericht. Jedem Ha- che Gefährten des Prophe-
nach dem Tod des Prophe- dith geht ein sogenannter ten haben die Hadithe
ten und dem seiner direk- isnad, die «Kette der münd- überliefert. Nach dem Tod
ten Weggefahrten, sind die lichen Überlieferung», vor- des letzten Gefährten wur-
Ausschnitt einer türkischen ersten theologischen Sek- aus, das heißt, daß alle Na- de ihr Platz von den tabi'un,
Miniatur aus dem 18. Jh. ten entstanden. Gleichzei- men derjenigen, die den den «Nachfolgern», «Jün-
Istanbul, Museum der tür- tig mit der ersten Kompila- Ausspruch des Propheten gern» eingenommen, die
kisch-islamischen Kunst. tion der Hadithe wurden mündlieh tradiert haben, mit den Gefährten in Be-
die ersten Gesetze aufge- festgehalten sind. Es muß ziehung standen und die
Unten: Der Name Moham- stellt. Für Muslime steht die daran erinnert werden, daß Hadithe durch ihre Stimme
meds in einem heutigen Autorität des Korans höher der Hadith als verbaler vernommen haben- Einige
Druck. als die des Propheten: die- Ausdruck einer religiösen Gefährten des Propheten
ser ist nur ihr Überbringer. Tradition sich an der ent- haben sich nicht allein auf
Im Verkünden der Senten- sprechenden Sunna, also an die mündliche Überliefe-
zen und Aufstellen der mo- der praktischen religiösen rung verlassen, sondern die
ralischen und juristischen Norm, orientiert. Die Sun- Hadithe auf Blätter nieder-
Grundsätze hatte der Pro- na wurde auch die nicht geschrieben, die als sahifa.

Der Hadith von erledigte der Prophet im Gehorsam gegenüber


'Aischa. Mohammed nahm eigenen Haus?, antwortete dem Propheten. »Werdern
voll und ganz am sozialen sie: «Gott segne ihn und Gesandten gehorcht, der ge-
Leben teil, verheiratete schenke ihm ewige horcht in der Tat Allah»
sich, war Vater und Freund Gesundheit. Er half seiner (Sure 4, 80), denn «.Wahr-
seiner Kinder, Gesetzgeber Familie, und wenn er den lich, du leitest auf den ge-
und Richter und hei Bedarf Ruf horte, ging er aus zum raden Weg» (Sure 42,52).
Krieger. In einem Hadith, Gebet.» Viele Verse des Korans ent-
in dem 'Aischa gefragt halten die Aufforderung dem
wurde: Welche Arbeiten Propheten zu gehorchen.

106
Der islamische Kult

bekannt sind. Nach einem die von Kulaini (gestorben


sehr langen Prozeß hatte 941), bekannt als 'Usulal-
der Hadith gegen Mitte des kafi.
9. Jahrhunderts seine end- Neben der kanonisierten
gültige Form erhalten. Form kamen auch eine be-
Nachdem die Aussprüche trächtliche Anzahl von
des Propheten in einem apokryphen Versionen des
einheitlichen Corpus zu- Hadith in Umlauf. Falsche
sammengefaßt waren, er- Hadithe hatte es bereits zu
hielt die Sunna in Fragen Lebzeiten des Propheten
nach der richtigen Verhal- gegeben. Um dem entge-
tensnorm einen höheren genzuwirken, entwickelten
Stellenwert. Der Jurist und die islamischen Wissen-
Begründer einer der vier schaftler eine Disziplin, die
traditionellen juristischen als 'Um al-hadith oder «Wis-
Schulen des Islam, al-Scha- senschaft des Hadith» be-
fi'i (gestorben 820), be- kannt war und sich in zwei
hauptete, daß die Sunna Richtungen unterteilte: die,
des Propheten einen höhe- die auf die Prüfung der Ha-
ren normativen Wert hatte dith-Texte spezialisiert war
als seihst der Koran. Nur und 'ilm al-jarh hieß, und
fünf der gesammelten Bän- diejenige, die die Kette der
de wurden allgemein als sa- mündlichen Überlieferung
hih, als authentisch, be- kontrollierte und 'ilm al'di-
trachtet. Am wichtigsten rayah hieß. Die verifizierten
ist der Sahih von al-Bukha- Hadithe wurden nach der
ri (810-870). Wenig später Anzahl und der Bedeutung
wurden der Sahih von Mus- jedes isnad klassifiziert und
lim (gestorben 875), die von einem speziellen Lexi-
Sunan von Abu Daud (ge- kon ergänzt, das irn Lauf der
storben 889), der Sahih Studien aufgestellt worden
von al-Tirmidhi (gestorben war.
892) und die Sunan von al- Daneben gibt es noch eine
Nisai (gestorben 915) abge- dritte Kategorie von Ha- Ausschnitt eines Holztripty-
faßt. Die Schiiten fügten dithen, die qudsi, «heilige chons mit kalligraphischer
den Sentenzen des Prophe- Tradition»; Ihr Text stammt Beschreibung des Propheten
ten noch die der Imame nicht vom Propheten, son- (Türkei). Rom, Museo d' Arte
hinzu, deren Lehren die Be- dern wurde als Wort Gottes Orientale.
deutung der prophetischen Mohammed durch Inspira-
Botschaft illustrieren. Die tion anvertraut, der es un-
wichtigste Sammlung ist kommentiert weitergab.

Die Übermittlung der Staates erfüllt hatte, starb des Propheten stand und
Hadith. Abu Hurayra, der er 678 in Medina. Wichtig ungewöhnlich lange lebte
treue Diener des Propheten, war auch die Hadith- (er starb 711 in Bassora).
hatte sich ziemlich spät, im Sammlung von 'Ahdulla, Auch 'Aischa, die Lieblings-
Jahr 628, zum Islam be- dem Sohn des zweiten frau des Propheten, die nach
kehrt. Innerhalb von vier Kalifen 'Umar, der 692 in seinem Tod eine bevorzugte
Jahren sammelte er soviele Mekka starb. Eine bedeu- Stellung in der islamischen
Hadithe wie niemand sonst. tende Gestalt war auch Gesellschaft einnahm, tra-
Nachdem er wichtige Anas ibn Malik, der von dierte eine große Anzahl
Ämter des islamischen Kindesbeinen an im Dienst von Hadithen.

107
Der islamische Kult

Zwei Gelehrte. Syrische Minia- Scharia, das «islamische


tur (1229). Istanbul, Topkapi- Gesetz«, stamme von einer
Museum. Wurzel ab, die «gepflasterte
Straße» bedeutet. Die
Unten: Ausschnitt einer Elfen- Scharia beschreibt also den
beinplakette (Ägypten, «deutlichen und klaren
11.- 12. Jh.). Florenz, Museo Weg», der zu Gott führt, in-
de! Bargello. dem sie die religiösen Ge-
böte festlegt, die der
Mensch in seinem privaten
und sozialen Leben beach-
ten muß. Die vier Pfeiler
des islamischen Gesetzes
sind der Koran, die Sunna
des Propheten, die grundle-
genden Prinzipien oder
analogen Überlegungen,
qiyas, und idscHma', das for-
male Prinzip. Die Scharia
ist in zwei Teile unterteilt:
in die Kulthandlungen,
"ibadat, und in die Bezie-
hungen der Menschen un-
tereinander, muamalat. Zur
Lebenszeit des Propheten
genügte seine Autorität,
um strittige Fragen zu
klären. Unter den vier
nachfolgenden Kalifen des
Propheten (den «Wohlge-
leiteten») wurde die Sunna
befolgt. Um jedoch einen
Scharia: wußtsein von den göttli- neuen, expandierenden
Das Gesetz des Islam chen Gesetzen, die jeder Staat verwalten zu können,
Handlung eines verantwor- mußte man auf die Verwal-
Die Wissenschaft des isla- tungsbewußten Muslim zu- tungspraxis und das herr-
mischen Gesetzes, fiqh, ent- grundeliegen und sie ent- schende Recht der beiden
wickelte sich aus der An- sprechend einer Klassifizie- vorislamischen Reiche, des
wendung und Auslegung rung, die vom Verbot bis byzantinischen und des von
der Vorschriften des Ko- zum absoluten Gebot den Sasaniden regierten,
rans. Der Fiqh ist das Be- reicht, einteilen. Das Wort zurückgreifen. Die Kalifen

Regeln für die islamischer Zeit nicht ganz, möglich herausfließen. Das
Nahrung. Das islamische führte jedoch die rituelle so geschlachtete Fleisch ist
Gesetz verbietet den Genuß Schlachtung ein, die halal (erlaubt). Juristische
von Schweinefleisch, von jüdischen Ursprungs ist. Schriften führen eine Reihe
Blut und von Tieren, die Dabei wird die Formel bismi von erlaubten und nicht-
nicht nach dem isla- l'lahi (im Namen Allahs) erlaubten Nahrungsmitteln
mischen Ritual geschlach- ausgesprochen. Nachdem auf, wobei es zwischen den
tet wurden. Der Islam die Kehle des Tieres Gesetzesschulen minimale
veränderte die arabische durchgeschnitten wird, läßt Unterschiede gibt. Das
Ernährungsweise aus vor- man soviel Blut wie Fleisch von Fischen und

108
Der islamische Kult

kümmerten sich nicht dar- hindung zwischen Sunna unterscheiden würde, über Studium an der Universität
um, das göttliche Gesetz und idschma wurde durch die bereits ein Konsens be- Kairo.
anzuwenden, ihnen ging es die systematischen Überle- stand. Dadurch wurde
darum, das neue Gemein- gungen des idschtihad ge- natürlich auch die eigen-
wesen zu verwalten. So schaffen, was soviel wie «ei- ständige Entscheidungsfin-
wurde das Richteramt, qadi, genständige Entscheidungs- dung des Richters einge-
geschaffen. In den hundert findling» bedeutet. Die ein- schränkt. Die gesammelten
Jahren des Umayyaden-Rei- zig Kompetenten in dieser juristischen Ansichten
ches war es die Aufgabe des Sache waren die Rechtsge- führten allmählich zur Aus-
qadi, über die Einhaltung lehrten oder 'ulama. Nach bildung unterschiedlicher
der Scharia zu wachen. So dem 9. Jahrhundert erfuhr juristischer Schulen, den
bildete sich im Laufe der die idschma' keine weitere madhhab. Zwei Protagoni-
Zeit ein juristischer Corpus Ausarbeitung mehr, weil sten aus der Anfangsphase
heraus, der sich von den is- man davon überzeugt war, waren Abu Hanifa (gestor-
lamischen Idealen entfern- daß kein Fall mehr auftre- ben 767) in Kufa (Irak),
te. Die Abbasiden wollten ten könne, der sich grund- und Malik ibn Anas (ge-
die Scharia von fremden legend von all denjenigen storben 795) in Medina, die
Einflüssen reinigen und
drängten auf eine Kodifizie-
rung des Gesetzes im Sinn
des Korans und des Hadith,
Die Sunna, die für juristi-
sche Überlegungen grund-
legend ist, wurde durch den
ray verstärkt, den persönli-
chen, rational geprägten
Richterspruch, und der wie-
derum stürzte sich auf die
qiyas, die Analogien. Im
einzelnen ging das so vor
sich: Mir Hilfe der mensch-
lichen Vernunft wird eine
aktuelle Situation analy-
siert und mit einer anderen
verglichen, für die bereits
ein Gesetz vorhanden ist.
Um jeden interpretativen
Dissens auszuschalten, be-
zog man sich auf den id-
schma', den Konsens der
Rechtsgelehrten. Die Ver-

Seetieren ist auch dann Urne und werden zwischen Satans. So meidet sie
erlaubt, wenn das Tier dem Fasten empfohlen. allesamt, auf daß ihr Erfolg
bereits tot war. Blut ist Alle alkoholischen Ge- habt.» (Sure 5, 90) Ent-
nicht erlaubt, wahrend es tränke sind vom isla- sprechend sind auch alle
Leber und Milz durchaus mischen Gesetz verboten. vergorenen Getränke und
sind. All das, was nicht Im Koran heißt es: «O die allgemein Drogen verboten.
Allah geopfert wurde, darf ihr glaubt! Wein und Der Vers weitet das Verbot
nicht gegessen werden. Glücksspiel und Götzen- auch auf jede Form des
Datteln sind das bevorzugte bilder und Lospfeile sind Glücksspiels aus.
Nahrungsmittel der Mus- ein Greuel, ein Werk

109
Der islamische Kult

Studium der Texte in einer allein dem persönlichen


Schule sunnitischer Theologie Urteil. Er gab der islami-
in Torbat Jam (Iran). Die schen Rechtssprechung ei-
Sunna verbindet die Episoden ne definitive Form und er-
aus dem Leben des Prophe- klärte die Hadithe nicht
ten zu einer geltenden Norm. nur zu einem Anhang des
Aus der Sunna leitet sich das Korans, sondern zur wichti-
islamische Gesetz, die gen Quelle der Scharia, wo-
Scharia, ab. mit er gleichzeitig die Be-
deutung des idschma und
Unten: Der Richter in einer der qiyas bestätigte. In der
Miniatur von al-Wasiti (1237). abbasidischen Zeit führten
Paris, Bibiiotheque Nationale. die verschiedenen Ansich-
ten über die Prinzipien der
Scharia zu einem offenen
Konflikt. Der Kalif al-Ma-
mun (813-833) zwang die
angesehensten Richter, die
Doktrin über die Erschaf-
fenheit des Korans zu ak-
zeptieren. Auf der Gegen-
Gesetzesschulen auf der Ba- dithe, die in einem Corpus seite behauptete sich stand-
sis von ausführlichen und aufbewahrt werden, wurden haft der traditionalistische
genauen Koran- und Ha- mit der Sunna identifiziert, Ahmad ibn Hanbai (gestor-
dith-Studien schufen. Sie die neben dem Koran die ben 855), zugunsten einer
bezogen jedoch auch die Basis der Rechtswissen- frommen Annahme des
überlieferten Verhaltens- schaft biKiel e. von Gort geschaffenen
weisen aus der Zeit des Pro- Der große Jurist al-Schafi'i Wortes. Seine Lehren, die
pheten mit ein. Die Richter (gestorben 820), Schüler sich ausschließlich auf den
des Irak gehörten zu den er- von Malik, vollzog den ent- Koran und den Hadith be-
sten, die eine Doktrin for- scheidenden Schritt zur riefen, ohne idschma' und
mulierten, die sich auf den Ausarbeitung einer Geset' qiyas in Betracht zu ziehen,
Gelehrtenkonsens und auf zesthcorie und schuf so die hatten bis zum 14- Jahrhun-
die Auslegung der Sunna dritte Gesetzesschule. dert zahlreiche Anhänger.
berief, und die sie als Sunna Durch ihn war die Sunna Gegen Ende des 9. Jahr-
des Propheten bezeichne- keine Praxis mehr, die ent- hunderts veränderte sich
ten. Grundlage waren die sprechend dem Konsens der die politische Lage, und so
Hadithe, die in immer anerkannten Autoritäten entwickelte sich eine vierte
größerer Zahl aus den juri- idealisiert und durch eine juristische Schule, die sich
stischen Texten auftauch- enge Analogie erklärt wur- der rationalistischen Inter-
ten. Die authentischen Ha- de, sondern sie unterstand pretation der Offenbarung

Die Imame, dürfen, die das Gesetz


Interpreten des Gesetzes. betreffen. Das Gesetz wird
Für die Schiiten sind sie von ihnen im Namen des
diejenigen, die einen imam Ghar («dem ver-
höheren Grad an Bewußt- borgenen Imam», der 874
sein und Gesetzespraxis von Gott in die Verborgen-
erreichen und deshalb über heit entrückt wurde und
den idschtihad verfügen, das dessen Rückkehr die
heißt, ihre persönliche Schiiten erwarten) aus-
Meinung hei Fragen äußern gelegt.

110
Der islamische Kult

widersetzte. Neben dem schulen in der schiitischen das Empfehlenswerte; mu- Studium im Gebetssaal im
Koran sollte lediglich die Welt geht auf den sechsten bah - das Erlaubte; makruh Islamischen Zentrum, Rom.
Sunna eine maßgebliche Imam Dschafar al-Sadiq - das Mißbilligte und harara
Quelle für die Scharia und (699-765) zurück, einen — das Verbotene und vor
die Gestaltung der umma, Nachfahren 'Alis. Im Un- dem Gesetz Strafbare.
der islamischen Glaubens- terschied zu den Sunniten
gemeinschaft, sein. Trotz sind die Imame für die
ihrer unterschiedlichen Schiiten keine Ausleger des
Meinungen über die Prinzi- Gesetzes, sondern ihre Ta-
pien der Gesetze, über den ten und Aussprüche sind
Koran und die Sunna Teil der Hadith-Literatur.
stimmten die verschiede- Für die Sunniten dagegen
nen Gesetzesschulen darin hat sich die «Tür» der
überein, die Tradition zu idschtihad nach der definiti-
lichten. Vier grundlegende ven Entstehung der vier
Schulen wurden von den Gesetzesschulen im 10.
Sunniten akzeptiert. Die Jahrhundert geschlossen,
hanafitische Schule wurde wodurch die Freiheit, eine
von den Ahbasiden ange- eigenständige Entscheidung
nommen und wurde auch zu finden, unterbunden
zur offiziellen Schule des os- wurde. Mit der Schließung
manischen Reiches. Sie ist der idschtihad wurde das isla-
die liberalste Schule, die mische Rechr in den Fiqh-
von der Hälfte aller Musli- Traktaten kodifiziert. In
me auf der Welt befolgt neuen und komplizierten
wird. Die malikitische Schule Fällen bezieht man sich auf
herrscht in Nordafrika vor. die fatwa (den juristischen
Die schafi'itische Schule Rat eines fagih, eines juristi-
blühte seit jeher in Ägyp- schen Ratgehers, der wie
ten, teilweise auch in Syri- der mufti diese Aufgabe in-
en, in Bahrein und in Indo- nehat). Der mufti schafft
nesien. Die Schule mit der keine neuen Gesetze, son-
geringsten Anzahl der An- dern beschränkt sich dar-
hänger ist die hanbalitische, auf, die Vorschriften aus
deren Zentrum lange Zeit den Fiqh-Traktaten auf be-
in Ägypten und in Syrien stimmte Fälle anzuwenden.
war: Aus ihr ist die wahha- Für das Fiqh kann ein Akr
bitische Bewegung auf der vom juristischen Stadt-
arabischen Halbinsel her- punkt aus in fünf Stufen
vorgegangen. unterteilt werden: fard — das
Die Bildung der Gesetzes- Obligatorische; mustahabb -

Die sunnitische und Frauen. Für die imamitische ist und die Aufgabe hat, das
die schiitische Schule. Die Schia gibt es keine wirk- göttliche Recht zu verwal-
beiden Schulen unter- liche Regierung, solange ten. Nach dem Fall Bagdads
scheiden sich nicht sehr der Mahdi, der zwölfte durch die Mongolen wurde
voneinander, was die Imam, nicht wiederauf- das Kalifat, Symbol der
besonderen Lehren der getaucht ist. Für die Sun- politischen Einheit des
Scharia anbetrifft. Uneinig- niten dagegen ist das Kali- Islam, aufgehoben, die Ein-
keit besteht in Fragen der fat die legitime Form der heit wurde nur noch durch
Nachfolge des Propheten Regierung, da der Kalif der die Scharia aufrecht-
und über die Position der Statthalter des Propheten erhalten.

111
Der islamische Kult

Kula-Gebetsteppich aus Die fünf Pfeiler des Islam Salat, das Gebet ten gelehrten Ritual statt:
Anatolien (18. Jh.). Die Dar- Der wichtigste Ritus jedoch «Verrichtet das Gebet, wie
stellung des mihrab zeigt die Nach einem Ausspruch des ist salat, das Gebet, das ihr es mich verrichten gese-
Richtung nach Mekka an. Propheten beruht der isla- heißt die Praxis der «rituel- hen habt.» Die Pflicht zum
mische Glaube auf fünf len und täglichen Gebete». Gebet muß jeder Muslim,
Unten: Fußwaschung vor dem Pfeilern. Damit meinte er, In arabisch versteht man der die Pubertät erreicht
Eingang der Moschee. daß die religiöse Praxis dem unter Salat nicht das innere hat und in vollem Besitz
Moschee von Mohammed 'Ali, Gläubigen fünf Pflichten und freie Gebet des Her- seiner geistigen Kräfte ist,
Kairo. auferlegte, die das Verhält- zens, sondern die rituelle, erfüllen. Nachdem er sich
nis zwischen Gott und dem kanonische Anbetung. Es in Richtung der qibla, nach
Menschen maßgeblich be- gibt fünf Gebete, denen ein Mekka, gewandt hat, muß
stimmen. Die Riten und adhan, der «Ruf», und ein der Betende stehend, in ei-
Kulthandlungen, die jeder wudu', die Reinigung des ner als qiyam bezeichneten
Muslim vollziehen muß, Körpers, um vor Gott zu Haltung, die niyya ausspre-
stellen zusammen die Litur- treten, vorausgehen. Vom chen, auf die der Satz, tak-
gie und die Andacht der Gesetz als unrein betrachtet bir, folgt: Allahu akbar -
Muslime dar und sind der werden, außer den Exkre- «Allah ist der Größte». Er
wichtigste Teil der Scharia. menten von Menschen und muß mit bis zu den Schul-
Nach der Ordnung des Ha- Tieren auch Schweine, tern erhobenen, nach vor-
dith, wie sie der Prophet Hunde, berauschende Ge- ne ausgestreckten Händen
festlegte, steht die schahada, tränke, Blut und Tiere, die ausgesprochen werden. Mit
das Glaubensbekenntnis, nicht rituell geschlachtet dem Aussprechen dieser
an erster Stelle. Es handelt wurden. Das Gebet findet Formel erreicht man einen
sich nicht nur um eine in- bei Tagesanbruch, nach geweihten Zustand, jede
nere Zugehörigkeit, son- Sonnenaufgang und um Bewegung, lachen, weinen,
dern um einen formalen zwölf Uhr mittags statt; sich umdrehen, ist verbo-
Akt, bei dem der Satz aus- ebenso am Nachmittag und ten, da das Gebet sonst sei-
gesprochen wird: «Es gibt unmittelbar nach Sonnen- ne Wirkung verliert. In die-
keinen anderen Gott außer untergang. An das kanoni- ser Haltung bleibt der
Allah, und Mohammed ist sche Gebet wird im Koran Gläubige stehen und um-
sein Prophet.» Um der isla- mehrfach und auf verschie- faßt mit der rechten Hand
mischen Glaubensgemein- dene Weise erinnert, ohne das linke Handgelenk. Da-
schaft beizutreten ist es - daß es definitiv festgelegt nach wird die erste Sure des
nach einer allgemeinen ist. Zum Beispiel heißt es: Korans, die sogenannte al-
Vorbereitung, die der niyya, «Und verrichtet das Gebet Fatiha, «die Eröffnende»,
der «Absichtserklärung» und zahlet die Zakat, und gelesen, der man ein amin
folgt — ausreichend, diese beugt euch mit denen, die hinzufügt, das der Koran-
Erklärung vor Zeugen aus- sich beugen.» (Sure 2, 43) text nicht enthält; darauf
zusprechen. Salat bedeutet «Gebet» folgen weitere, mindestens
oder «Anbetung» und fin- drei kurze Verse nach freier
det nach dem vom Prophe- Wahl. Nach dem takbir

Die niyya. Sie ist die


«Absichtserklärung», die
nach dem islamischen
Gesetz vor jeder Kult-
handlung erforderlich ist.
Wenn sie nicht ausge-
sprochen wird, bleibt der
Kult bedeutungslos.

112
Der islamische Kult

beugt man sich nach vorne, tergang aus drei rak'ah. Dies
so daß die Handflächen auf wird überall und im festge-
den Knien ruhen (diese setzten Augenblick ausge-
Hakung heißt ruku) und sprochen, allein oder in der
ruft dreimal eine kurze, lob- Gruppe, auch wenn das ge-
preisende Formel aus. Wie- meinsame Ritual vorgezo-
der in aufgerichteter Hal- gen wird. Arn Freitag um
tung, nimmt man nun die zwölf Uhr muß das Gebet
Position des sudschud ein, nach der Vorschrift gemein-
bei der man sich nieder- sam in der Moschee abge-
wirft. Dahei werden die legt werden. Ihm voraus
Hände auf den Boden ge- geht die khutba, «die from-
stützt, die Stirn ist zwischen me Predigt moralischen In-
den Händen, wobei dreimal halts», die ein khatib, ein
die lobpreisende Formel «Prediger», auf einer Kanzel
ausgesprochen wird. Nun oder stehend ausspricht.
folgt die sitzende Haltung, Der Freitag wird von den
dschulus, bei der man auf Muslimen als Feiertag be-
den Fersen kauert und die trachtet, auch wenn dies
Hände auf die Schenkel nach dem klassischen isla-
legt. Es folgt ein weiteres mischen Recht keine Auf-
sudsckud mit drei Lobprei- hebung der Arbeit bedeu-
sungen. Damit endet die er- tet. Das Gesetz sieht weite- anderen Pflichten im Koran Gebet auf einer Straße von
ste rak'ah des Gebets. Der re Gebete vor, die vor allem erwähnt, jedoch vom Ha- Bagdad. Der Gläubige
Glaubige richtet sich nun während der großen Feste dith des Propheten und dem befindet sich in der Haltung
wieder auf, um mit der empfohlen werden. Gesetz erläutert: «Und ver- des sudschud (nieder-
zweiten rak'ah zu beginnen. richtet das Gebet und zahlet geworfen).
Am Ende, in der Haltung Zakat, die kanonische dieZakat.»(Sure2,43).An
des dschulus, wird das Gebet Steuer anderer Stelle werden die Unten: Seite eines Gebet-
namens tahiyyat, das «Lob Das Almosen oder die kano- Personen genannt, für die es buches. In Rot steht der
des Propheten», rezitiert, nische Steuer wird vom Is- gelten soll. Das Minimum Name des Propheten
worauf das Glaubensbe- lam als dritter Pfeiler der re- von Besitzgütern wird nisab geschrieben. Die Lektüre des
kenntnis, die schahada, ligiösen Pflichten betrachtet: genannt. Das sind die Er- Koran, die Anrufung Gottes
folgt. Um das Gehet zu be- Darunter versteht man die zeugnisse der Felder, Früchte, und das Lob des Propheten
enden, wendet man den Pflicht jedes Muslimen ge- Tiere, Gold und Silber, Han- sind Teil des täglichen Lebens
Kopf zuerst nach rechts und genüber Gott, eine Steuer delswaren und Schmuck- jedes Gläubigen.
dann nach links und spricht für die Güter zu begleichen, stücke, die man besitzt. Die-
die abschließende Grußfor- die ihm geschenkt wurden. ses Minimum oder msab ent-
mel ras (im aus. Das Morgen- Dadurch reinigt und legali- spricht dem Handelswert
gebet besteht aus einem siert man alles, was man be- von 96 Gramm Gold und
rak'ah, das nach Sonnenun- sitzt. Die Zakat wird wie die wird mit 2,3 % besteuert.

Wudu' und ghusl, die untersagt. Der Zustand der diesem Zustand wird man
Reinigung. Die Berührung Unreinheit wird durch das durch ghusl gereinigt, «die
eines unreinen Gegen- wudu eliminiert. Nach vollkommene Reinigung»,
stands oder der Haut einer sexuellen Kontakten ist der wie sie einem Bad ent-
fremden Frau schafft einen Zustand der Unreinheit spricht.
unreinen Zustand, der das noch stärker, für Frauen gilt
Aufsagen des Gebets, das das auch für die Zeit der
Betreten der heiligen Menstruation und für die
Umgehung der Ka'ba und Zeit von vierzig Tagen nach
die Berührung des Korans der Niederkunft. Von

113
Der islamische Kult

stel. Sorgfältig setzt die isla- Saum, die Fastenzeit


mische Rechtsprechung Im heiligen Monat Rama-
die Steuerabgaben für Vieh dan, ist der zweite grundle-
in einer detaillierten Tabel- gende Kultakt, der mit we-
le fest. Das gleiche gilt für nigen Ausnahmen für alle
Grundeigentum, Immobi- Muslime obligatorisch ist,
lienbesitz und die Schätze das Fasten. Das Gesetz
der Natur. Irn Koran wird nimmt vom Fasten Minder-
auch erläutert, an wen die jährige, Geisteskranke, all-
Steuerabgaben zu verteilen gemein Kranke und chro-
sind: die Armen, die Be- nisch Kranke aus, ehenso
dürftigen und die Steuer- Reisende, schwangere oder
einnehmer selbst, die über stillende Frauen und alte
bestimmte Eigenschaften Menschen, die durch das
verfügen müssen, die das Fasten in ihrer Gesundheit
Gesetz vorschreibt. Die beeinträchtigt werden
Personen, mit denen wir könnten. Jungen Frauen in
unser Herz verbrüdern oder der Pubertät oder Frauen
deren Herz besänftigt wer- während der Menstruation
den muß, sind angesehene ist das Fasten verboten.
Bürger, die dem Islam Gu- Falls die Gründe, die vom
tes tun könnten, deren Fasten abhielten, nicht
Streben nach dem Glauben mehr gelten, sind die Gläu-
jedoch noch schwach ist. bigen angehalten, die feh-
Von der Steuer befreit sind lenden Fastentage nachzu-
Sklaven, die sich freikaufen holen. Die Vorschriften für
wollen, und Schuldner, die die Fastenzeit sind im Ko-
wegen lobenswerter Ziele in ran enthalten und wurden
Schulden gerieten und im folgenden von der Scha-
diese nicht zurückzahlen ria festgelegt (Sure 2, 183-
können. Alles übrige steht 185). Das Gesetz erlaubt
dem Öffentlichen Wohl zur und empfiehlt auch eine
Verfügung und im besonde- freiwillige Fastenzeit an be-
ren der Sache Allahs, das stimmten Tagen im Jahr.
Innere Sammlung in der Für landwirtschaftliche heißt, es dient den unter- Der Koran schaffte den
Moschee von Eyup, Istanbul. Produkte beträgt die Steuer schiedlichsten Zwecken, Schaltmonat, der in vor-
ein Zehntel des Wertes, die den Kampf auf dem islamischer Zeit alle zwei
Unten: Der Vers des Korans, wenn bei dem Anbau keine Weg zu Gott vorantreiben. bis drei Jahre das Gleich-
der die zakat betrifft. Bewässerung notwendig Nicht zuletzt schließlich gewicht zwischen dem
war. Bei Bewässerung sinkt kommt es auch den Reisen- Sonnen- und dem Mond-
die Steuer auf ein Zwanzig- den zugute. kalender herstellte, ab:

Zakat und sadaqa. Das Die Pflicht zu fasten. Unterbrechung der


islamische Gesetz Der Koran legt die Pflicht Fastenzeit. Die unfrei-
unterscheidet zwischen zu fasten fest: «O die ihr willige Unterbrechung der
sadaqa, der freiwilligen glaubt! Fasten ist euch Fastenzeit bringt keinerlei
Schenkung, und zakat, der vorgeschrieben, wie es Sanktionen mit sich, so-
eigentlichen, gesetzlich denen vor euch vorge- lange man sie sofort danach
festgelegten Steuer: Man schrieben war (...) Und wieder fortsetzt. Im Fall
gibt einen Teil seines Fasten ist gut für euch, einer bewußten Unter-
Besitzes, um den eigenen wenn ihr es begreift.» brechung, muß man als
Reichtum zu reinigen. (Sure 2, 184-185) Ausgleich bedürftigen

114
Der islamische Kult

«Das Verschieben [eines weise der Führung und kurzes Gebet eingeleitet. Gebet am Ende der
Heiligen Monats] ist nur ei- [göttliche] Zeichen» (Sure Nach dem rituellen Abend- Fastenzeit. Jerusalem,
ne Mehrung des Unglau- 2, 185). Der Ramadan ist gebet ist es Brauch, ein spe- Moschee al-Aksa.
bens. Die Ungläubigen wer- ein Monat der Reinigung, zielles, langes Nachtgebet Die Fastenzeit dauert vom
den dadurch irregeführt. Sie voller Gnade; in einer der zu sprechen, das tarawih. Sonnenaufgang bis Sonnen-
erlauben es in einem Jahr letzten ungleichen Nächte, Der Sunna des Propheten untergang während des
und verbieten es in einem der «Nacht des Schicksals», zufolge besteht dieses Gebet gesamten Monats Ramadan,
ändern Jahr, damit sie in laylat al-qadr, sind die Pfor- aus mindestens acht bis ma- des neunten Monats des
der Anzahl [der Monate], ten des Himmels halb geöff- ximal zwanzig rak'ah. Der islamischen Kalenders.
die Allah heilig gemacht net. Das Fasten dauert vom Ramadan ist ein Monat der
hat, übereinstimmen und so ersten Morgenlicht bis zum Güte, während dem der
erlaubt machen, was Allah Sonnenuntergang. Allge- Gläubige seine Güter mit
verwehrt hat. Das Böse ih- mein wird ein leichtes denjenigen teilen muß, die
rer Taten wird ihnen schön Mahl vor der Morgenröte bedürftig sind. Mit dem
gemacht. Doch Allah weist eingenommen, das suhur, Neumond des Monats
dem ungläubigen Volk um den Tag angehen zu Schawwal endet der Monat
nicht den Weg.» (Sure 9, können. Wie das Gebet ist Ramadan, und es beginnt
37) Mit diesem Vers kehrte die Fastenzeit wirkungslos, das abschließende Fest 'id
man zum reinen Mondka- wenn ihr nicht die niyya al-fitr.
lender zurück. Da die vorausging. Nach dem Aus-
Mondmonate abwechselnd sprechen der niyya beginnt
29 oder 30 Tage lang sind, man etwa eine viertel Stun-
hat das Mondjahr insge- de vor dem Beginn des
samt 354 Tage und ist elf Morgengebets zu fasten.
Tage hinter dem Sonnen- Außer Essen und Trinken
jahr zurück. Laut Gesetz ist auch jeglicher sexueller
genügt für den Beginn des Kontakt verboten, ebenso
Monats Ramadan nicht nur jegliche böse Gedanken
der errechnete Tag, viel- oder Taten während des
mehr müssen glaubwürdige ganzen Tags bis zum Son-
Zeugen vor einem qadi er- nenuntergang. Man darf
klären, daß sie den Mond weder streiten noch lügen
gesehen haben. Der Monat oder fluchen. Der Sonnen-
Ramadan ist der neunte des untergang beendet das täg-
islamischen Kalenderjahrs, liche Fasten, und die Absti-
der für den Islam doppelt nenz wird unterbrochen, in-
heilig ist: «Der Monat Ra- dem man Datteln ißt und
madan ist der, in welchem Wasser trinkt, wie es die
der Koran herabgesandt Sunna des Propheten will.
ward: eine Weisung für die Die Unterbrechung, ge-
Menschheit, deutliche Be- nannt iftar, wird durch ein

Muslimen eine Mahlzeit Die spirituelle


anbieten oder einen ent- Bedeutung. Bei der Fasten-
sprechenden Geldbetrag zeit ist die spirituelle Be-
spenden; andernfalls muß deutung und der Gehorsam
das Fasten sechzig Tage lang gegenüber Gott wichtig.
fortgesetzt werden. Der Gläubige lernt, seine
physischen Bedürfnisse
unter Kontrolle zu halten
und seine menschliche
Natur zu überwinden.

115
Der islamische Kult

Teil eines Kompaßdeckels für Al-hctdsch, die Pilgerfahrt vor seinem Tod 632. Die ralform von miqat). Sobald
die genaue Ausrichtung der Die Pilgerfahrt nach Mekka Pilgerfahrt findet zwischen man ein miqat, je nach
qibla, «der Richtung zur ist der fünfte Pfeiler des Is- dem 8. und dem 13. Tag des Richtung, aus der man
Ka'ba», von verschiedenen lam und ein obligatorischer Monats Dhu al-hidscha kommt, erreicht, muß man
Orten aus (18. Jh.). Istanbul, Akt, der jedoch nur unter statt. Sie stellt einen wich- ghusl, die oberste Ablution,
Museum der türkisch- bestimmten Voraussetzun- tigen Moment im Leben vollziehen: Nägel schnei-
islamischen Kunst. gen ausgeführt werden des Gläubigen dar, da es den und die Haare in Ord-
kann. Jeder Muslim muß sich um ein Reinigungsritu- nung bringen, sich mir
sich mindestens einmal im al handelt. Bei der Reise Duftwasser einreihen und
Leben nach Mekka aufma- zum Haus Gottes bittet der das Gewand der Pilgerfahrt
chen, wenn seine Mittel es Mensch um Vergebung für anlegen. Wenn man den
erlauben. Die Zeremonie seine Sünden und wird 'umra, die kleinere Pilger-
der Pilgerfahrt ist ziemlich durch seine Reue und die fahrt vollziehen will, muß
komplex, der Koran enthält rituelle Zelebration gerei- der Gläubige die ni^a-For-
nur Andeutungen darüber, nigt. Nach der Pilgerfahrt rnel aussprechen: Sie ent-
die Einzelheiten wurden je- (trägt der Muslim den Eh- hält die «Absicht», diese
doch von der Sunna und rentitel Hadsch und soll ein kleine Pilgerfahrt zu vollzie-
der Tradition überliefert. glaubiges Leben anstreben. hen, weil sie, wie bei allen
Die Tradition bezieht sich Die Pilgerfahrt nach Mekka anderen Pflichten, ohne die
vor allem auf die letzte Pil- stellt auch ein wertvolles Formel nicht gültig ist. Da-
gerfahrt des Propheten kurz Mittel der sozialen Integra- neben gibt es eine weitere
tion dar. Alle Muslime, Formel, mit der man den
Männer, Frauen aller Ras- göttlichen Befehl, sich
sen und aus allen sozialen nach Mekka zu begeben,
Schichten, aus allen Teilen annimmt: Diese talbiya wird
der Welt, finden sich seit zusammen und mit lauter
Jahrhunderten am Ort der Stimme ausgesprochen. Sie
Einheit der islamischen muß während der ganzen
Glaubensgemeinschaft ein. Strecke, von dem miqat bis
Sobald der Pilger im Gebiet zur Heiligen Moschee aus-
von Mekka angelangt ist, gesprochen werden, die
befindet er sich in einem man durch die Friedenstür
Zustand des ihram, der Wei- betritt. Dann überschreitet
he. man die heilige Umgren-
Das heilige Gebiet haram zung der Ka'ba, in der Höhe
beginnt bereits außerhalb des Schwarzen Steins. Hier
der Stadt und wurde vom beginnt der ttavaf, die Um-
Propheten selbst festgelegt. gehung: Siebenmal geht
Als Grenze des heiligen man gegen den Uhrzeiger-
Gebiets sind fünf Orte als sinn von links um die Ka'-
mawaqit festgelegt (die Plu- ba. Ort der Pilgerfahrt ist

Die Monate des Jahres. 1-Qa'da, Dhu al-hidscha; sie


Das muslimische Jahr ist in entsprechen in der Reihen-
Mondmonate unterteilt, die folge den Sonnenmonaten
mit dem Neumond be- von Januar bis Dezember.
ginnen: Muharram, Safar,
Rabi' al-Awwal, Rabi' ath-
Th;mi, Dschumada al-LJla,
Dschumada ath-Thaniya,
Radschab, Scha'ban,
Ramadan, Schawwal, Dhu

116
Der islamische Kult

die Große Moschee von hung muß der Gläubige den


Mekka, die die Ka'ba und Kreis in Richtung der
den Brunnen Zamzam um- maqam Ibrahim verlassen. Er
faßt. Die Ka'ba ist ein kubi- spricht ein Gebet aus vier
sches Gebäude in der Mitte rak'a und nähert sich dann
des großen Innenhofs der dem Hügel von Safa. Nach-
Moschee; an ihrer östlichen dem er dreimal eine Formel
Seite befindet sich in einer der Lobpreisung ausgespro-
Nische etwa fünf Fuß über chen hat, läuft er sieben
dem Boden der Schwarze Mal zwischen den Hügeln
Stein, ein großes schwarzes von Safa und Marwa hin
Mineral, der bereits Abra- und her. Danach verlassen
ham und den Arabern in die Männer Marwa, um
vorislamischer Zeit heilig sich die Haare zu schneiden
war. Der Stein ist ein Ge- oder sie, besser noch, ganz
genstand der Verehrung, abzurasieren. Mit diesem
weil die Hände des Prophe- Akt endet die kleine Pilger-
ten ihn berührt haben, je- fahrt und auch der weihe-
doch nicht der Anbetung. volle Zustand. Hadsch, die
Vor der östlichen Ecke der größere, eigentliche Pilger-
Ka'ba befindet sich in ei- fahrt, unterscheidet sich
nem zweistöckigen Haus von der kleineren, 'umra,
der gesegnete Brunnen dadurch, daß sie in der für
Zamzam. Ganz in der Nähe die Ausführung der Riten
befindet sich maqam Ibra- festgesetzten Zeit stattfin-
him, ein kleines Gebäude, den muß. Nach seiner An-
indem Abraham Rast ge- kunft im miqat spricht der Stunden östlich von Mekka Pilger vor der Ka 'ba, Mekka
macht hatte. Richtung Gläubige die niyya aus und liegt; zum Mittagsgebet ra- (Saudi-Arabien). Im Innern des
Nordosten grenzt das mas'a begibt sich in den Zustand stet er in dem auf halber Gebäudes befindet sich der
an die Moschee an, «der des ihram. Danach nähert er Strecke gelegenen Ort Mi- Schwarze Stein.
Ort des Laufs», wo sich die sich zum Gebet des Mor- na. Dieser Tag mit der Be-
Zeremonien des sa'y, des gens der Großen Moschee zeichnung «der Tag von Unten: Der Grundriß Mekkas,
«Laufs» von den Hügeln von Mekka, wo er der be- 'Arafa» ist der Höhepunkt wie er auf dem Deckel eines
von Safa und Marwa ab- sonderen Predigt über seine der Pilgerfahrt, wie er auch Kompasses (l 7. Jh.)
spielen. Damit soll der Lauf Pflichten als Pilger bei- von der Sunna festgelegt dargestellt ist. Istanbul,
Hagars nachgeahmt wer- wohnt. Am neunten Tag, wird. Die Pilger machen in Museum der türkisch-
den, wie ihn der Prophet dem zweiten entsprechend einer Ebene Rast, in der islamischen Kunst.
befohlen hatte. Er bezeich- der der Pilgerfahrt geweih- Nähe eines Berges, wo sie
net ihn als «der Lauf der ten Zeit, bricht der Pilger am ersten Nachmittag bis
Menschen untereinander». zur Ebene von 'Arafa auf, zum Sonnenuntergang be-
Nach der siebten Umge- das zu Kamel etwa vier ten. Mit lauter Stimme

Zum Altehrwürdigen Namens Allahs gedenken um das Altehrwürdige Haus


Haus. Der Koran sagt über während der bestimmten wandeln.» (Sure 22, 27-29)
die Pilgerfahrt: «Und Tage für das, was Er ihnen
verkündige den Menschen gegeben hat an Vieh.
die Pilgerfahrt: Sie werden Darum esset davon und
zu dir kommen zu Fuß und speist den Notleidenden,
auf jedem hageren Kamel, den Bedürftigen./ Dann
auf allen fernen Wegen./ sollen sie ihrer persön-
Auf daß sie ihre Vorteile lichen Reinigung obliegen
wahrnehmen und des und ihre Eide erfüllen und

117
Der islamische Kult

wird häufig die Formel Hügeln. In den folgenden geläufigen Übersetzung ist
«Hier sind wir vor Dir, Al- drei Tagen, dem 11., 12. der «große Heilige Krieg»
lah» wiederholt. Bei Son- und 13,, halten sich die Pil- entstanden, es handelt sich
nenuntergang verlassen die ger in Mina auf, wo sie je- jedoch um einen konstan-
Gläubigen die Ebene von den Nachmittag die Steini- ten Krieg, den jeder Muslim
'Arafa und begeben sich gung Satans bei den drei gegen das Böse und die Ver-
Richtung Muzdalifa, wo sie Säulen vollziehen. Man be- suchungen in sich selbst
die Nacht vom 9. zum 10. ginnt bei der kleinsten und führen muß. Der Koran
Monat verbringen. Vor dem endet bei der größten Säu- enthält verschiedene Vor-
Morgengrauen werden hier le. Die Abreise aus Mina schriften zum Dschihad. Sie
ähnliche Rituale wie in muß vor Sonnenuntergang reichen von einer großen,
'Arafa, mit einem Lauf, geschehen. Bevor man die gewaltlosen Toleranz («Wir
ifada, wiederholt, bis man heiligen Orte verläßt, be- wissen am besten, was sie
Mina vor Sonnenaufgang gibt man sich zur Ka'ba, um sprechen: und du bist nicht
erreicht. Hier wird die sie noch einmal zu um- [berufen], sie irgend zu
"Steinigung Satans» vollzo- schreiten. Diese Pilgerfahrt zwingen. Ermahne drum
gen, hei der man sieben muß zusammen mit der durch den Koran den, der
Steine gegen einen Pfeiler 'umra vollzogen werden. In Meine Drohung fürchtet»,
wirft und die entsprechende bezug auf die große Pilger- Sure 50, 45), bis zu einem
rituelle Formel ausspricht. fahrt sagte der Prophet: reinen Verteidigungskrieg
Der zehnte Tag des Dhu al- «Für eine von Allah ange- («Erlaubnis [sich zu vertei-
hidscha ist der Tag der Op- nommene Pilgerfahrt gibt digen) ist denen gegeben,
fer, in Erinnerung an Abra- es keinen anderen Lohn als die bekämpft werden, weil
ham. Das Fleisch der Opfer- das Paradies.» ihnen Unrecht geschah -
tiere muß größtenteils an und Allah hat fürwahr die
die Bedürftigen verteilt Dschihad, der heilige Macht, ihnen zu helfen -
werden. Danach kehren die Krieg Jenen, die schuldlos aus
Pilger nacb Mina zurück, Wie alle von der Scharia ihren Häusern vertrieben
Das Heer Mohammeds wo sich die Männer die vorgeschriebenen Rituale wurden, nur weil sie spra-
marschiert gegen die Haare schneiden oder rasie- ist auch der Dschihad von chen:' <Unser Herr ist Al-
Ungläubigen. Persische ren, während sich die Frau- großer Bedeutung, der je- lah»-, Sure 22, 39-40), und
Miniatur. Paris, Bibliotheque en ihre Haare auf Finger- doch nur gelegentlich aus- schließlich einer expliziten
Nationale. länge schneiden. Die Be- geführt wird. In jedem Fall Aufforderung: «Kämpfet
schränkungen des geweih- wird der dschihad als/artlal- wider diejenigen aus dem
Unten: Pilger vor der Ka 'ba ten Zustands - bis auf sexu- kifaya («obligatorisch in der Volk der Schrift, die nicht
tragen die für die Pilgerfahrt elle Beziehungen - enden Gemeinschaft») betrachtet. an Allah und an den Jüng-
vorgeschriebenen Gewänder. hier. Danach begeben sich Seine grundlegende Bedeu- sten Tag glauben und die
die Pilger zur Umgehung tung liegt in der Anstren- nicht als unerlaubt erach-
der Ka'ba nach Mekka. gung, die auf dem Weg für ren, was Allah und Sein
Nun begibt man sich zum die Sache Allahs unter- Gesandter als unerlaubt er-
say zwischen den beiden n o m i i K - n \vn\l. Aus Ji-t klärt haben, und die nicht

'Umra und Hadsch. Es Das Gewand der wobei die rechte Schulter
gibt zwei Arten der Pilger- Pilgerfahrt. Für Männer frei bleibt, und heißt rida.
fahrt, die kleine, 'umra, und besteht es aus zwei weißen, Frauen tragen normale
die große, hadsch. 'Umra nicht genähten Stoff- Kleidung, möglichst weiß,
kann jederzeit im Jahr bahnen. Der Stoff wird um die Gesicht und Hände
durchgeführt werden, wenn die Hüfte und unter die freiläßt.
sie im Monat Ramadan Brust geschlungen und
stattfindet, hat sie die heißt izar; die zweite
gleiche religiöse Bedeutung Stoffbahn umhüllt den
wie die große Pilgerfahrt. oberen Teil des Körpers,

118
Der islamische Kult

dem wahren Bekenntnis Gesetz, daß Frauen, Kinder, Prozession in einem Dorf des
folgen, bis sie aus freien Alte, Mönche und hilflose Iran mit dem nakhale, einem
Stücken den Tribut ent- Menschen getötet werden. Wagen, der die Bilder der
richten und ihre Unterwer- Es verbietet auch, den Be- Märtyrer zeigt, die für die
fung anerkennen.» (Sure 9, sitz des Feindes und seine Sache Allahs gestorben sind.
29) In einem anderen Pas- Häuser zu zerstören. Das Die Prozession findet am
sus enthält der Koran allge- Gesetz schreibt ebenfalls Ende des Monats Muharram
meinere Vorschriften: «O vor, wie die Kriegsbeute statt, in Erinnerung an das
die ihr glaubt, soll ich euch aufgeteilt werden muß, und Martyrium des dritten Imams
einen Handel ansehen, der verbietet Terrorismus und Husain im Jahr 680.
euch vor qualvoller Strafe Unterdrückung, Mißbrauch
retten wird?/ Ihr wollt an und Gewalt. Es ist daher
Allah glauben und an Sei- nicht zulässig, den Begriff
nen Gesandten und sollt Dschihad auf terroristische
streiten für Allahs Sache Akte anzuwenden.
mit eurem Gut und eurem
Blut. Das ist besser für
euch, wenn ihr es nur wüß-
tet» (Sure 61, 10-11). Der
Prophet hat die wahre Be-
deutung des Begriffs erklärt.
Er sagt nämlich, daß der
dschihad al-akbar bedeutet,
«sich in Askese auf dem
Weg Gottes zu bemühen».
Der dschihad al-asghar ist
«die kleinere Anstrengung,
auf dem Weg Gottes zu
kämpfen». Dieser Primat
des Wortes Gottes, solange
es einem edlen und erhabe-
nen Ziel dient, schließt per
definitionem für den Islam
aus, sich gemein und nie-
derträchtig auszudrücken.
Damit er dem Zweck der
Errettung dienen kann,
muß der Dschihad entspre-
chend der Vorschriften des
Gesetzes geführt werden: In
jedem Fall verbietet das

Kafir und Ahl al- den, jedoch vor dem Islam islamischen Staates unter-
Kitab. Der Koran und dadurch von diesem werfen; sie dürfen jedoch
unterscheidet zwischen den außer Kraft gesetzt wurden. frei ihre Religion und ihren
eigentlichen «Ungläu- Dies gilt für das Judentum, Kult ausüben, wenn sie als
bigen», den kafir, und den das Christentum, den Gegenleistung eine Steuer
Ahlal-Kitab, den «Men- Sabäismus und für den errichten, die dschizya, die
schen des Buches», die vom Zoroastrismus. Diese jedoch nicht höher als die
Islam anerkannt werden, da Menschen müssen zakat der Muslime sein soll.
ihre Religionen ebenfalls bekämpft werden, bis sie
schriftlich offenbart wur- sich dem Gesetz des

119
Der islamische Kult

Mutter mit Tochter, und,


rechts, Mädchen in einer
Dorfschule im Irak.

Unten: Ein Junge in der


traditionellen Tracht für die
Beschneidung (Istanbul).

Geburt und Tod weise verwurzelt sind. Der Kind hatte ein Anrecht auf
Prophet selbst hatte nur einen schönen Namen. Da-
Die Ordnung der vorislami- Töchter (zwei Söhne star- zu .sagte der Prophet:
schen Gesellschaft war ben sehr jung). Er vertraute «Sucht bei der Wahl der
weitgehend auf den Mann sich häufig seiner Tochter Namen solche aus, die mit
und seine Eigenschaften Fatima an, über die er sagte: 'Ahd (Diener) heginnen.»
konzentriert. Frauen hatten «sie ist diejenige, die mir Auch ein toter Fötus erhält
eine sekundäre Position in- am meisten gleicht». Er gewöhnlich einen Namen.
ne. Die Geburt von Töch- sagte ebenso: »Niemandem, Bei der Geburt eines Soh-
tern wurde nicht geschätzt, der zwei Töchter hat und nes wird empfohlen, zwei
falls sie innerhalb der Fami- sie von Anfang an gut be- Schafe zu schlachten, je-
lie eine bestimmte Grenze handelt hat, wird dank ih- doch nur eines bei der Ge-
überschritt. Frauen bedeu- rer das Paradies verwehrt burt einer Tochter. Außer-
teten durch ihren Unter- werden.» Bei der Geburt ei- dem müssen Almosen an
halt und während kriegeri- nes Kindes gehört es zu den die Armen verteilt werden.
scher Auseinandersetzung guten Gewohnheiten, in Das Opfer wird gewöhnlich
eine Belastungen und wur- das rechte Ohr des Neuge- am siebten Tag nach der
den als Schande empfun- borenen das adhan, die Auf- Geburt gebräche, an diesem
den. Der Islam hat diese forderung zum Gebet zu- Tag wird dem Kind auch
Vorstellungen zwar verän- sammen mit einigen Versen der Name, tasmiya, gege-
dert, es ist jedoch nicht ein- des Korans zu sprechen. In ben. Die Beschneidung
fach, Vorurteile zu verän- das linke Ohr wird das iqa- kann am siebten Tag nach
dern, die über Jahrtausende ma, die «zweite Aufforde- der Geburt geschehen, oft
in der männlichen Denk- rung», gesprochen. Das wird sie jedoch einige Jahre

Die Beschneidung. Sie der islamischen Welt die Beschneidung von einer
wird im Koran nicht er- verbreitet. In den volks- erfahrenen Person oder
wähnt, wird jedoch bereits tümlichen Vierteln der einem Krankenpfleger zu
seit früher Zeit bei ver- großen Städte und in den Hause durchgeführt; in den
schiedenen semitischen Dörfern trägt das Kind eine Städten werden jedoch
Völkern praktiziert: eigene Tracht für die häufig auch medizinische
Ägyptern, Phöniziern, Zeremonie und wird mit Ambulanzen aufgesucht.
Abessiniern, Arabern und Tänzen, Umzügen,
Juden. Als Reinigungs- Gesängen und Festessen
praxis ist sie noch heute in gefeiert. Gewöhnlich wird

120
Der islamische Kult

später vollzogen. Von den Toten ein Glaubensbe-


Eltern lernt das Kind alles, kenntnis als «Empfehlung»
was es über die Religion mit auf den Weg gibt, damit
wissen muß. Spater über- er jenseits des Grabes auf
nimmt die gesamte Gesell' die Fragen der Engel Mun-
schaft die Verantwortung kar und Nakir antworten
für seine religiöse Erzie- kann. Zwischen dem sieb-
hung, da das religiöse Le- ten und dem viezigsten Tag
ben mit dem sozialen Leben ist ein Trauerbankett üb-
untrennbar verbunden ist. lich, jedoch nie während
der drei Tage des 'aza, der
Tod und das Jenseits «Tröstung», bei der die Fa-
Im Augenblick des Todes milienangehörigen im In-
muß ein Gläubiger für den nern der Moschee, in ei-
Sterbenden Verse des Ko- nem Zelt auf der Straße
rans aufsagen und ihn auf- oder auch im Haus des To-
fordern, leise die schahada
auszusprechen, das «Glau- Ein islamischer Friedhof in
bensbekenntnis». Das Ge- Rabat (Marokko).
setz befiehlt, daß der Tote
entkleidet und in einen Links: Muslimische
nicht genähten kafan (Lei- Beerdigung in Kerbala (Irak).
chentuch) gehüllt wird. In der Mitte, im dunklen
H l v n t ; i l K vorgeschrieben IM Anzug, ist der Vorbeter zu
das salat al~dschtmazcih, «das erkennen.
Totengebet», das in der
Gruppe auch ohne den Unten: Gebet auf einem
Imam ausgeführt werden Friedhof von Istanbul (Türkei).
kann. Frauen dürfen einzeln Der Koran beschreibt das
oder in der Gruppe daran Jenseits, das den Menschen
teilnehmen, es ist jedoch nach seinem Tod erwartet, in
verboten, öffentlich seinen allen Details.
Schmerz mit Weinen,
Schreien und Körperbewe- ten die Kondolenzbezeigun- Abgrund des Feuers,
gungen zu zeigen. gen entgegennehmen und während das Paradies ein
Im Augenblick des Begräb- der Lesung des Koran Garten ist, wo auch sexuel-
nisses wird der Körper auf zuhören. Sowohl im Koran le Vergnügungen nicht aus-
die rechte Seite gelegt und als auch in der Tradition geschlossen sind. Der Koran
zur qibla ausgerichtet. Nach gibt es eine ausführliche spricht von huri, «Mädchen
der Grablegung folgt das Beschreibung des Jenseits. großer Schönheit».
talqin, bei dem man dem Die islamische Hölle ist ein

Totengebet. Es findet dem zweiten takbir wird die


im Stehen statt. Das Gebet Lobpreisung des Propheten
: wird mit der niyya einge- ausgesprochen, auf die,
leitet, gefolgt von vier nach dem dritten takbir, ein
takbir («Allahu akbar»), die du a, «das Gebet des
Hände werden nur das erste Herzens» folgt, bei dem
Mal erhoben. Einige man die Gnade Gottes
Schulen erlauben die Lek- anruft. Nach dem vierten
türe der Sure al-Fatiha nach takbir folgt ein du a und ein
dem ersten takbir. Nach Gruß nach rechts und links.

121
Der islamische Kult

Ein tunesisches Brautpaar Die Ehe ben.» Einen Tadel für alle dein, ohne eine von ihnen
posiert für das Hochzeitsfoto. Vorwände, keine Ehe zu zum Schaden der anderen
Die Braut trägt ein traditio- Der Islam empfiehlt die schließen, enthält sein vorzuziehen. Falls diese
nelles Hochzeitskleid. Ehe, sowohl im Koran als Wort: «Wer aus Angst vor Verpflichtung nicht ge-
auch in der Sunna des Pro- der Belastung durch eine währleistet werden kann,
Unten: Eine irakische Familie pheten. Die Ehe wird vom Familie nicht heiratet, ist es verboten, mehr als ei-
(Kerbala). Koran als etwas Positives gehört nicht zu uns.» Zu ne Frau zu heiraten. Das
und Vorteilhaftes geschil- den wichtigsten Gründen Gesetz schreibt diese Klau-
dert. Gott hat gesagt: «[...] für die Ehe gehört im Islam sel vor und verbietet es so-
hindert sie nicht daran, ih- die Angst, durch Blicke gar zu heiraten, wenn je-
re Gatten zu heiraten, oder sexuelle Kontakte ver- mand nicht in der Lage ist,
wenn sie miteinander auf dorben zu werden. Zwar er- diese Verpflichtung der Ehe
geziemende Art einig ge- laubt der Koran die Polyga- zu beherzigen. Die Polyga-
worden sind.» (Sure 2, 232) mie, er verbietet den Män- mie stellt keinen Befehl,
Die Frau wird als andere nern jedoch, mehr als sondern eine Möglichkeit
Hälfte des Mannes betrach- höchstens vier Ehefrauen zu dar. Der qodi («Richter»)
tet, und die Ehe soll auch haben. Vor dem Islam war oder eine andere kompe-
aus Liebe geschlossen wer- den Arabern eine unbe- tente Persönlichkeit muß
den. «Und unter seinen grenzte Anzahl von Frauen die allgemeine und finanzi-
Zeichen ist dies, daß Er erlaubt. Mohammed hat die elle Lage desjenigen, der
Gattinnen für euch schuf Polygamie also einge- mehrfach heiraten will,
aus euch selber, auf daß ihr schränkt, aber nicht abge- überprüfen und dann seine
Frieden in ihnen fändet, schafft. Diese Einschrän- Zustimmung erteilen.
und Er hat Liebe und Zärt- kungen formuliert der Ko- Wenn der Heiratsvertrag
lichkeit zwischen euch ge- ran sehr deutlich, das Ge- aufgesetzt wird, hat die Frau
setzt.» (Sure 30, 21) setz hat sie ebenso festge- die Möglichkeit, ihrem
In der Tradition, die auf legt: «Und wenn ihr fürch- zukünftigen Ehemann die
den Propheten zurückgeht, tet, ihr würdet nicht ge- Bedingung aufzuerlegen,
wird das Thema der Ehe recht gegen die Waisen daß er keine andere Frau
ausführlich und sorgfältig handeln, dann heiratet mehr heiratet. Wenn das
behandelt. Mohammed sag- Frauen, die euch genehm der Fall ist, kann der Mann
te: «Die Ehe ist Teil meiner dünken, zwei oder drei oder nur unter ganz bestimmten
Sunna; wer die Sunna nicht vier; und wenn ihr fürchtet, Voraussetzungen nochmals
befolgt, folgt mir nicht.» ihr könnt nicht billig han- heiraten: wenn die Frau
Um die Muslime zur Ehe deln, dann [heiratet nur] ei- schwer krank oder un-
anzuregen, sprach er: «Hei- ne oder was eure Rechte fruchtbar ist, oder wenn sie
ratet und vermehrt euch, besitzt. Also könnt ihr das selbst nicht in der Lage ist,
und am Tag des Jüngsten Unrecht eher vermeiden» die Verpflichtung der Ehe
Gerichts werde ich euch (Sure 4, 4). zu respektieren. Im Islam
und eure Kinder über alle Der Mann muß alle seine wird die Ehe nicht als Sa-
anderen Nationen erhe- Ehefrauen gleich behan- krament betrachtet, son-

Die Polygamie. Im ging die Zahl der Männer Im größten Teil der isla-
historischen Kontext der zurück, während die der mischen Welt ist sie
Entstehung des Islam gibt Frauen stieg. Die Polygamie weitgehend verschwunden,
es zahlreiche Gründe für ist heute offiziell nur in außer in ländlichen Gebie-
diesen Brauch. Er war Tunesien verboten. In ten, in der Stammesgesell-
zunächst auch mit dem Marokko gibt es Versuche, schaft und bei höheren
Wunsch nach Bevölke- sie abzuschaffen, während Klassen.
rungszuwachs verbunden, sie in Ägypten und Syrien
da der Islam Geburten über gesetzliche Maß-
begrüßt. In Kriegszeiten nahmen verhindert wird.

122
Der islamische Kult

dem als einfacher juristi- leute, die Sorge und Unter-


scher Akt, der zwischen halt für die Braut sowie die
dem Bräutigam und dem Gleichheit unter mehreren
gesetzlichen Vertreter der Frauen gehörten.
Braut vollzogen wird. Das Die Ehe ist bei enger Ver-
islamische Recht sieht die wandschaft verboten, wozu
Zustimmung der Frau vor, auch die sogenannten
auch wenn es dem Vater - «Ziehverwandten» gerech-
unter bestimmten Bedin- net werden, da die Amme
gungen — erlaubt ist, seine als Mutter betrachtet wird.
Tochter gegen ihren Willen Das Gesetz erlaubt die Ehe
zu verheiraten. Er kann sie zwischen einem Muslim
jedoch nicht zwingen, ledig und Frauen der AM al-kitab,
zu bleiben. In der Praxis den «Menschen des Bu-
wird der Vertrag jedoch vor ches»; wegen der Autorität
einem Qadi oder einem sei- des Mannes über die Frau
ner Delegierten geschlos- und die Zugehörigkeit der
sen, der auch der Imam sein Kinder zum Vater kann dies
kann. Die Ehe kann auch jedoch nicht umgekehrt ge- darf; oder durch faskh, eine
zu Hause geschlossen wer- schehen. Ungültigkeitserklärung der
den. Anwesend müssen Eine Frau kann mit einer Ehe durch den Richter, die
zwei von der Gemeinschaft einfachen Geste verstoßen unter bestimmten Bedin-
geachtete Zeugen sein. Der werden, falls dies keinen gungen möglich ist. Falls
Bräutigam verpflichtet sich ungerechten Schaden zur die Frau das für die Ablö-
mündlich oder schriftlich, Folge hat. Das Verstoßen sung nötige Geld nicht be-
der Braut ein mähr, die der Ehefrau gehört jedoch sitzt, kann sie sich an den
«Mitgift», zu überbringen, zu den Verhaltensweisen, Richter wenden, der sie
wie sie vom Gesetz vorgese- die Gott am meisten verab- von der Bindung befreien
hen ist. Der Prophet sagte: scheut. Der Prophet sagte kann, wenn das Recht auf
«Die besten Frauen sind in einem Hadith: «Am ihrer Seite ist. Diese Art
diejenigen mit liebreizen- meisten verhaßt in den Au- der Auflösung ist jedoch
dem Gesicht, und ihre Mit- gen Gottes ist die Schei- nicht immer einfach zu er- Muslimische Brautleute in
gift ist höher.» Er verbot je- dung.» Neben dem Tod ei- reichen. Sie ist zum Beispiel Curepie (Mauritius). Es ist
doch, die Höhe der Mitgift nes der beiden Eheleute möglich, wenn der Ehe- häufig Brauch, daß die
zu übertreiben. Der Islam gibt es drei Möglichkeiten, mann für lange Zeit in Haft Brautleute auf westliche Art
befiehlt dem Mann, das eine Ehe aufzulösen: durch ist oder aus Arbeitsgründen gekleidet sind; in den großen
richtige Maß zu beachten talaq, die «Verstoßung»; abwesend ist. Der Koran Hotels werden prunkvolle
und die Bräuche zu respek- durch khul', eine finanzielle sagt dazu: «[...] so soll für Empfänge gegeben. Diese
tieren, wozu auch das «Ablösung» der Frau von sie beide keine Sünde lie- Bräuche sind sehr weit von
Hochzeitsbankett, die ihrem Mann, die nicht gen in dem, was sie als Lö- der Praxis entfernt, die der
Übereinstimmung der Ehe- höher als die Mitgift sein segeld gibt.» ( Sure 2, 229) Islam lehrt.

Verstößen. Ein muhallil, und wurde auch Arme nach seinem Ver-
Merkmal der islamischen von diesem verstoßen. Das mögen.» (Sure 2, 236) Das
Scheidung besteht darin, Gesetz befiehlt, daß der gilt auch, wenn die Ehe
daß der Mann nicht mehr Mann die Frau beim Akt geschlossen wurde, ohne
dieselbe Frau heiraten des Verstoßens nicht eine Mitgift festzusetzen.
kann, wenn er sie dreimal schlecht oder verächtlich
verstoßen hat, es sei denn, behandeln darf. Im Koran
sie war in der Zwischenzeit heißt es: «Doch versorget
mit einem anderen Mann sie - der Reiche nach
verheiratet, genannt seinem Vermögen und der

123
Der islamische Kult

Eine Studentin an der Die Lebensbedingungen die nichts mit dem religiö- miert. Es hat die Freiheit
Universität Istanbul (Türkei). der Frauen sen Gesetz zu tun haben, ist und Unabhängigkeit der
Der Islam hat Frauen nicht die Lage der Frauen in den Frau festgelegt, als alle an-
verboten, berufstätig zu sein. Die Lage der Frauen im Is- islamischen Ländern häufig deren Nationen Frauen
lam ist im folgenden Vers schlechter, als sie der Koran noch jegliches Recht ab-
des Korans enthalten: «Die und das Gesetz vorschrei- sprachen. Es hat. ihr diesel-
Frauen haben dasselbe zu ben. Ein Beispiel dafür ist ben Rechte wie dem Mann
Beanspruchen, wozu sie ih- der «Schleier», der keines- zuerkannt und hat festge-
rerseits den Männern ge- wegs vom Koran vorge- setzt, daß die Rechtsfähig-
Unten: Irakisches Mädchen. genüber verpflichtet sind; schrieben ist und sogar im keit der Frau der des Man-
doch haben die Männer ei- späteren Gesetzeskodex als nes in nichts nachsteht
nen gewissen Vorrang vor Brauch beschrieben wird, [...].» In den folgenden
ihnen/; [...], wobei in der von außerhalb kam. Die Jahren anstand eine femini-
rechtlicher Weise zu ver- Lage der Frauen in der isla- stische Bewegung, die zu
fahreb ist.» (Sure 2, 228) mischen Gesellschaft, die Beginn von zwei Ägypte-
Als Folge einer unüber- rechtlich vom Koran und rinnen angeführt wurde:
windlichen Tradition und der Sunna geregelt wird, Malak Hifni Nasif und Ho-
aufgrund von Vorurteilen, blieb im Prinzip seit drei- da Sharawi. Letztere zerriß
zehn Jahrhunderten unver- 1933 in einer spektakulären
ändert. Erst gegen Ende des Aktion ihren Schleier auf
19. Jahrhunderts haben dem Bürgersteig vor dem
muslimische Intellektuelle Bahnhof von Kairo- Auch
(aus Ägypten, der Türkei, wenn heute viele muslimi-
Nordafrika und dem Kauka- sche Frauen höchste Amter
sus) die Lebensbedingun- in der Verwaltung überneh-
gen von Frauen hinterfragt. men, blieb der Status der
Der Ägypter Qasim Amin Frau unverändert. Nach
(1863-1908) setzte sich wie vor untersteht sie der
nach einem langen Aufent- Autorität des Vaters, der
halt in Europa in seinem Brüder und des Ehemannes.
Buch Die Befreiung der Frau Von den Gläubigen wird sie
(1899) mit der überaus als Versuchung des Teufels
schwierigen Problematik angesehen und während ih-
der Polygamie, dem Recht rer Menstruation betrachtet
zur Verstoßung und dem man sie als unrein. Heraus-
Schleier auseinander. Darin ragende Sprecherinnen der
heißt es: «Das islamische Frauenbewegung sind heute
Gesetz hat früher als alle die Ägypterin Nawal Sa'da-
anderen Rechtssprechun- wi und die Marokkanerin
gen die Gleichheit von Fatima Mernissi, wobei die
Frau und Mann prokla- letztgenannte versucht, die

Erbrecht. Über das hinterlassen, ob es wenig Verantwortung des Mannes


Erbrecht von Frauen heißt sei oder viel - ein zu suchen.
es im Koran: «Den bestimmter Anteil.» (Sure
Männern gebührt ein 4, 7). «Allah verordnet
Anteil von dem, was Eltern euch in bezug auf eure
und nahe Anverwandte Kinder: Ein Knabe hat so
hinterlassen; und den viel als Anteil wie zwei
Frauen gebührt ein Anteil Mädchen.» (Sure 4, 11)
von dem, was Eltern und Der Grund hierfür ist in der
nahe Anverwandte größeren sozialen

124
Der islamische Kult

Rechtmäßigkeit ihres Auf- ist die Verwendung des vilegien, die nur durch den Frau mit hidschab in einer
begehrens durch den Koran Schleiers. Der Koran (Sure historischen Kontext, in- Stadt im Iran.
und die Sunna zu legitimie- 33, 59) sagt dazu: «O Pro- nerhalb dessen sich der Is-
ren. «Weib und Mann, die phet! sprich zu deinen Frau- lam entwickelte, verständ- Unten: Eine verschleierte Frau
des Ehebruchs schuldig en und deinen Töchtern lich werden. Die Revision in Marrakesch (Marokko).
sind, geißelt beide mit ein- und zu den Frauen der mancher Aspekte, in Übe-
hundert Streichen. Und Gläubigen, sie sollen ihre reinstimmung mit der
laßt nicht Mitleid mit den Tücher tief über sich zie- Scharia und im Sinne des
beiden euch überwältigen hen. Das ist besser, damit Islam, ist untrennbar mit
vor dem Gesetze Allahs, so sie erkannt und nicht belä- dem notwendigen sozialen
ihr an Allah und an den stigt werden. Und Allah ist Fortschritt verbunden.
Jüngsten Tag glaubt. Und allverzeihend, barmherzig.»
eine Anzahl der Gläubigen Vom Standpunkt des Islam
soll ihrer Strafe beiwoh- aus gesehen entspricht die
nen./ Ein Ehebrecher Rolle der Frau und ihre Po-
wohnt nur einer Ehebre- sition in der Gesellschaft
cherin oder einer Götzen- ihrer weiblichen Natur.
dienerin bei, und einer Frauen und Männer sind
Ehebrecherin wohnt nur unterschiedlicher Natur
ein Ehebrecher oder Göt- und sollen ergänzen. Das
zendiener bei; den Gläubi- gilt auch für die Verteilung
gen ist das verwehrt./ Und der Aufgaben und Pflich-
diejenigen, die züchtige ten. Es ist die Pflicht des
Frauen verleumden, jedoch Mannes, für den Unterhalt
nicht vier Zeugen beibrin- seiner Familie zu sorgen,
gen - geißelt sie mit achtzig selbst wenn seine Frau reich
Streichen und lasset ihre ist. So verhielt sich auch
Aussage niemals gelten, der Prophet, nachdem er
denn sie sind es, die ruch- die reiche und adlige Kha-
lose Frevler sind.» (Sure 24, didscha geheiratet hatte,
2-4) und wenn er nicht arbeite-
Wegen Unzucht, zina, ge- te, half er, wie 'Aischa be-
lyncht wurde nur, wenn richtet, der Familie im
vier Zeugen gleichzeitig Haus. Verglichen mit der
und mit eigenen Augen den vor-islamischen Gesell-
Ehebruch gesehen hatten, schaft hat der Islam da-
wodurch diese Strafe mehr durch, daß er der Frau ei-
zu einer Ermahnung als zu nen festen Platz innerhalb
einer realen Bedrohung der Gesellschaft zuwies, die
wurde. Einer der Kernpunk- Situation der Frau verbes-
te der Frauenfrage im Islam sert. Der Mann genießt Pri-

Mahram. So werden Stieftochter und andere Hidschiab. Der


die Frauen genannt, die Verwandte in direkter schwarze Umhang ist eine
man wegen zu enger Ver- Abstammung). Kinder, die Antwort auf die sexuelle
wandschaftsbeziehungen aus dem Konkubinat Aggression: er soll die Frau
nicht heiraten kann, und zwischen Sklavin und Herr von allen begehrlichen
die der Mann daher ohne geboren werden, sind vom Blicken schützen
Schleier sehen kann Gesetz her frei.
(Mutter, Schwester,
Ehefrau, Schwiegermutter,
Schwiegertochter,

125
Der islamische Kult

Eine Straße Kairos, die zum Die religiösen Feste seinen Sohn Ismael zu op- jedoch nicht nur Anlaß zur
Jahrestag der Geburt Moham- fern. Die Freude der Pilger, Freude sein, sondern sie ha-
meds festlich erleuchtet ist. Im muslimischen Jahr gibt die die Pflicht des Hadsch ben auch eine wichtige ri-
es zwei wichtige Feste. Das erfüllt haben, verbindet tuelle Funktion. Bei jedem
Unten: Gebet im Islamischen erste ist das sogenannte al- sich bei dieser Gelegenheit der beiden Feste wird ein
Zentrum in Rom. Für jedes 'id al-saghir, «das kleine mit der aller Muslime auf bestimmtes Gebet rezitiert,
Fest gibt es ein bestimmtes Fest», das auf das Ende des der ganzen Welt. Während das dem kanonischen Frei-
Gebet, und nur nach den Monats Ramadan fällt und des «großen Festes» emp- tagsgebet ähnelt und das sa-
Kulthandlungen darf man an mit dem ersten Tag des Mo- fiehlt man den Muslimen, latal-'id, «Gebet des Fest-
Vergnügungen denken. nats Schawwal beginnt. Es ein Tier zu opfern. Ein Teil es» genannt wird. Daneben
ist das beliebteste Fest der des Fleisches wird an die werden in der islamischen
Muslime, weil mit ihm die Armen verteilt. Die Tradi- Welt noch andere nicht ka-
harte Prüfung des Fasten- tion führt den Ursprung nonische Feste gefeiert, die
monats zu Ende geht. Des- beider Feste auf den Pro- die Gelegenheit bieten,
halb wird es auch 'id al-fitr, pheten zurück. Nach seiner sich für den Gang zum Ge-
«Fest des Fastenendes», ge- Ankunft in Medina ersetzte bet in schöne Gewänder zu
nannt. Die Freude rührt der Prophet die beiden kleiden und zu parfümieren.
aber nicht nur daher, daß Feste, die man dort feierte, Auch der erste Tag des isla-
die Verpflichtung zum Fa- durch die genannten und mischen Jahres, der erste
sten aufgehoben ist, son- sprach: «Gott hat euch zwei Tag des Monats Muharram,
dern auch daher, daß man [Feste] gesandt, die besser wird als Fest gefeiert, je-
sie erfolgreich eingehalten als diese sind.» Sie sollen doch in zurückhaltenderer
hat, wozu man sich gegen-
seitig beglückwünscht. Das
'id al-fitr gilt auch als Fest
der Brüderlichkeit, weil je-
der zum Ende der Fastenzeit
eine sadaqa, «eine Steuer»
entrichten muß. Das zweit-
wichtigste Fest ist das al-'id
al-kabir, «das große Fest»,
das am zehnten Tag des
Monats Dhu al-hidscha be-
gangen wird; es fällt mit
den Opferungen zusammen,
die anläßlich der Pilgerfahrt
nach Mekka entrichtet
wurden, und heißt deshalb
auch 'idal'adha, «Opfer-
fest». Es erinnert zudem an
Abraham, der bereit war,

Das Festtagsgebet. Die Imam liest die al-Fatiha,


Gebete anläßlich der bei- danach andere Verse aus
den wichtigsten Feste des dem Koran und setzt dann
Jahres bestehen aus zwei das normale Gebet fort. Vor
rak'ah und werden von der zweiten rak'ah spricht er
einem Imam geleitet. Man fünf takbir und fährt normal
beginnt mit einem takbir; fort, während ihn die
daraufhin folgt die Eröff- Gläubigen nachahmen.
nung des Gebets und
weitere sieben takbir; der

126
Der islamische Kult

Form verglichen mit dem


christlichen Silvester. Der
zehnte Tag desselben Mo-
nats ist dem Gedenken an
die Ermordung Husains,
dem Sohn des 'Ali, gewid-
met. Der Historiker Ihn Ka-
thir (1300-1372) berichtet
in seiner Chronik al-Bidaya
wa al-nihaya («Anfang und
Ende»), daß im Jahr 963 in
Bagdad die Anweisung er-
teilt wurde, in den ersten
Tagen des Monats Muhar-
mm Pavillons für die Toten-
feier Husains zu errichten
und die Märkte zu
schließen. Das Volk sollte
zur Ehre des «Prinzen der
Märtyrer» schwarz geklei-
det sein. Außerdem wurden
Elegien und Totengesänge
im Stil der antiken arabi-
schen Zeremonien für tote ler, Literaten, Dichter und werden. Die Menschen tau- Gläubige Schiiten geißeln sich
Helden rezitiert, die nun Prediger aus allen Teilen schen Glückwünsche aus am Jahrestag des Todes von
mit einem neuen religiösen des Reiches zusammen. Bis und nehmen Süßigkeiten Husain. Moschee von Husain,
Gehalt versehen waren. heute wird dieses Fest in und Getränke zu sich. Kerbala (Iran). Dieser Jahres-
Zahlreiche Prosawerke und verschiedenen Variationen Schließlich wird am 27. des tag wird als Trauer feier
Verse gedenken dem Opfer in der gesamten islami- Monats Radschab auch die begangen.
des Martyriums und anläß- schen Welt gefeiert. Nacht der Himmelfahrt des
lich der Totenfeier werden Manchmal werden dabei Propheten (mi'radsch) gefei- Unten: Das Pferd Husain in
dramatische Darstellungen, die Lobpreisungen des Pro- ert. Aus diesem Anlaß be- einem neuen volkstümlichen
ta'ziya, aufgeführt. Am 12. pheten mit rhythmischen faßt man sich die ganze Druck.
Rabi' l, dem Tag des mawlid Bewegungen rezitiert, oder Nacht lang mit der Lektüre
al'inabi, feiert man die «Ge- seine Biographie wird öf- des Korans. Ein Vers des
burt des Propheten». Zum fentlich verlesen. Eigene Korans spricht von laylat al-
ersten Mal wurde dieser Pavillons werden zur Rezi- qadr, der «Nacht des
Jahrestag von Fürst Muzaf- tation von Gedichten und Schicksals», ein anderer
far ad-Din al-Arbili; (ge- Prosaerzählungen einge- Vers sagt: «Die Nacht Al-
storben 1233) mit großer richtet, in denen Litaneien Qadr ist besser als tausend
Feierlichkeit zelebriert. Da- und Elogen über die Geburt Monde.» (Sure 97, 3)
mals kamen Wissenschaft- des Propheten vorgetragen

Erinnerung an Husain. Hadiqat al-Schuhada, «Der Jahr, am 10. des Monats


Die Festlichkeiten zum Garten der Märtyrer». Muharram, auf offenem Feld
Todestag des Husain Maqtal al-Husain, «Die wiederholt. Eine Gruppe
variieren je nach Land, was Ermordung des Husain», ist imitiert das Heer Husains,
auch für die erzählte eine andere Version von al- während eine zweite die
Überlieferung gilt. Die 'Amili. Mit ausführlichen Aktionen der Umayyaden
berühmteste Erzählung Beschreibungen versteht es nachstellt. Diese Dar-
stammt von dem Perser H. der Erzähler, das Publikum stellung wird heute im Iran
Va'ir Kaschifi (gestorben zu rühren. Die historische auf sehr spektakuläre Weise
1505) und trägt den Titel Schlacht wird einmal im begangen.

127
Der islamische Kult

gen Unstimmigkeiten dar- hatten sich inzwischen in


über, wer die Rolle des poli- einer Partei, der sogenann-
tisch-religiösen Oberhaup- ten «Schia 'Ali», zusam-
tes innerhalb der Gemein- mengeschlossen.
schaft übernehmen sollte. Der Schiedsspruch rief je-
Eine Gruppe behauptete, doch auch den Protest von
daß das Amt innerhalb der anderen Stämmen hervor,
Familie bleiben müsse. Sie die 'Ali vorwarfen, daß er
votierten deshalb für 'Ali, das Urteil akzeptiert hatte,
der ein Cousin des Prophe- obwohl er im Recht sei. Sie
ten und sein Schwieger- erkannten nur Gott als
sohn war. Die Mehrheit je- Richter an. Diese fanari-
doch wählte Abu Bakr als schen Idealisten, die man
Nachfolger. Diejenigen, die Kharidschiten nennt, das
ihm folgten, bezeichneten heißt, «diejenigen, die hin-
sich selbst als ahl al-Sunna ausgegangen sind«, ent-
wa-al-Dschamaa, «Men- schlossen sich zum Kampf
schen der Tradition und des sowohl gegen 'Ali und die
Konsenses». Partei der Schia als auch
Auf Abu Bakr folgten noch gegen die Dynastie von
Eine Darstellung der Die Schia zwei weitere Kalifen, die Mu'awiya.
Kodiamin-Moschee in Bagdad nicht aus der Familie des Die Politik des Terrors, zu
(Irak). Die Schia ist eine Schule Propheten stammten, bevor der ihr radikaler Puritanis-
beziehungsweise eine be- 'Ali das Kalifat (656) über- mus führte, veranlaßte die
Unten: Die Hand von Fatima stimmte juristische und nahm. Seine Herrschaft religiösen Anführer der
auf einem volkstümlichen theologische Sichtweise. war jedoch nicht unange- Sunna den Weg des Kon-
irakischen Druck. Die Gestalt Für die Schiiten stellt sie - fochten, und er mußte sich formismus einzuschlagen.
Fatimas erhält in der Schia nicht anders als die Sunna gegen Mu'awiya, den Gou- Im 9. Jahrhundert erklärte
große Bedeutung, da sie die für die Sunniten - die or- verneur Syriens und Ober- die Mehrheit der sunniti-
Frau 'Alis, des ersten Imams, thodoxe Interpretation der haupt der Umayyaden, zur schen Gesetzesgelehrten
ist. islamischen Offenbarung Wehr setzen, der das Recht ('ulama) den Prozeß der
dar und begründet den Is- des Kalifats für sich selbst Gesetzesauslegung und
lam als eine universale Re- einforderte. Schließlich Normenfindung für abge-
ligion. Der Streit, der zur wurde 'Ali durch einen schlossen. Diese Entschei-
Aufspaltung in die zwei Schiedsspruch gezwungen, dung führte zu einer dok-
Schulen führte, entzündete zurückzutreten - eine Ent- trinären Erstarrung.
sich an der Frage, wer die scheidung, die die äußerst Eine Gruppe der Schia 'Ali
legitime Nachfolge des Pro- treuen Anhänger von 'Ali erarbeitete daraufhin die
pheten antreten könne. sehr enttäuschte, zumal ei- Doktrin des göttlichen
Schon unmittelbar nach nige von ihnen 'Ali fast wie Rechts, das im Gegensatz
seinem Tod. kam es zu hefti- einen Gott verehrten. Sie zum Geist dieses sunniti-

Mukhtar. In der Schia Propheten, abstammte), Die Schule der zwölf


von Kufa (Irak) taucht ein gelang es, sich gegen die Imame. Sie wird auch
weiterer Anwärter mit Macht der Umayyaden Dscha'fariya genannt, nach
Namen Mukhtar auf. Ihm, aufzulehnen. Mukhtar dem Namen des sechsten
einem Sohn 'Alis, der ergriff von Kufa Besitz, sein Imam, Dscha'far al-Sadiq,
Muhammed Sohn der Aufstand scheiterte jedoch dem berühmten Gründer
Hanafiyya, genannt wurde 687, nachdem Mohammed der schiitischen Gesetzes-
(also nicht von Fatima, auf das Bündnis verzichtet schule. Die Schia der zwölf
sondern von einer späteren hatte. ähnelt der sunnitischen
Heirat, nach dem Tod des Scharia, auch wenn sich die

128
Der islamische Kult

sehen Gelehrtenkonsenses Ein schiitischer Imam, Kerbala


(idschma) stand. Die Schi' (Irak).
iten, die das Prophetentum
Mohammeds keineswegs in Unten: Gebetsstein. Im Kult
Frage stellten, weigerten der Schiiten legt der Gläubige
sich jedoch den Konsens während des Gebets einen
der sunnitischen Rechtsge- runden Stein vor sich, auf den
lehrten anzuerkennen. er, während er sich nieder-
Statt dessen unterwarfen sie wirft, die Stirn legt. Der Stein
sich der persönlichen Auto- ist ein Symbol für die Erde,
rität eines lehrenden Imam, auf der das Blut des Mär-
dem sie, als Abkömmling tyrers Husain vergossen
des Propheten, die Macht wurde.
übertrugen, Recht zu spre-
chen.
Gleich nach der Ermordung
von 'Ali in Kufa forderte die-
se Gruppe, daß das Kalifat in
der Familie des Kalifen blei-
ben solle. Daraufhin wurde
der jüngere Sohn 'Alis, Hu- Der Begriff des Imam ent- teres Merkmal des Schiis-
sain, im Jahr 680 im iraki- wickelte sich durch Ideen mus ist, daß er im Gegen-
schen Kerbala während der weiter, die der Islam im sat2 zu den Sunniten den
Regierungszeit von Mu'a- Austausch mit anderen idschtihad, daß heißt, die ei-
wiyas Nachfolger Yazid von Völkern und durch den genständige Entscheidungs-
den überlegenen Umayya- Kontakt zu anderen Kultu- findung bei der Interpreta-
den-Truppen besiegt. Sein ren und Religionen über- tion des Dogmas und des
gewaltsamer Tod führte eine nommen hatte: durch Chri- Gesetzes, erlaubt.
heldenhafte Komponente stentum, Manichäismus, Die verschiedenen schiiti-
von Leid und Martyrium in Buddhismus und griechi- schen Sekten vertreten un-
den Schiismus ein. Im Ver- sche Philosophie. Im Sinne terschiedliche Auffassun-
lauf von Jahrhunderten ver- der Sunna ist der Imam gen bezüglich der Anzahl
wandelte sich der Schiismus dem Kalif gleichgestellt und der Imame, die 'Ali und sei-
von einer polirischen und damit das Oberhaupt der nen Söhnen gefolgt sind.
sozialen Bewegung zu einer muslimischen Gemein- Aufgrund der Zahl der
wahren Gesetzesschule mit schaft, während er für die Gläubigen und der Position
eigener Theologie. Die Schia Schiiten auch die Rolle des innerhalb der religiösen
vereinte sich schließlich um wasi, «desjenigen, der be- Tradition ist die Schule der
die Imame, die direkt von vollmächtigt ist, die religö- Zwölferschia oder Imamitiya
Husain, dem Sohn 'Alis ab- sen Gesetze auszulegen» die bedeutendste. Daneben
stammten. übernehmen muß. Ein wei- gibt es die der sieben Ima-

Rolle des Imams unter- gegen die Muslime geführt


scheidet. Als Steuer, zakat, werden, die sich der
wird zum Beispiel ein Autorität des Imams nicht
Fünftel auf die Kriegsbeute, unterwerfen wollen.
auf Minen und sonstige Daneben gibt es eine Ehe
Schätze entrichtet. Auch auf Zeit, bei der im Vertrag
der dschidad oder «heilige die Dauer der Ehe fest-
Krieg», wird als einer der gesetzt ist.
Pfeiler des Glaubens
betrachtet; er kann auch

129
Der islamische Kult

Kerbala, Innenhof des Mauso- me, die als Ismailiya be- die Bezeichnung sahib al'za- de der Imam Mahdi, der
leums von Husain. Sohn von kannt ist, und die der fünf man, «der Herr der Zeit», «Erwartete», zurückkehren,
'Ali und Fatima, der Lieblings- Imame, genannt Zaidiya. für ihn geläufig. Nach sei- um die Herrschaft Gottes
tochter des Propheten, wurde Der zwölfte und letzte ner Entrückung wurde die und ein Reich der Gerech-
Husain in einer Schlacht Imam, Muhammad al-Mah- Gemeinschaft von einem tigkeit wiederherzustellen.
gegen das umayyadische Heer di, «der Wohlgeleitete», wakil, einem «Statthalter» In der Zwischenzeit ist es
getötet, die 680 in Kerbala wurde 874 von Gott in die geführt, der den Kontakt Aufgabe der Rechtsexper-
stattfand. Verborgenheit entrückt. mit dem verborgenen Imam ten, die Gesetze auf der
Seither warten die Schiiten aufrechterhielt. Beim Tod Grundlage des Koran und
auf seine Rückkehr. Der des vierten und letzten wa entsprechend der Tradition
Imam Gharib, der «Verbor- kil im Jahr 940 gingen die des 'Ali und seiner Nach-
gene», auch al-muntazar, Theologen der Schia davon folger festzusetzen. Die ima-
«der Erwartete», genannt aus, daß die Verbindung mitische Schia verbreitete
ist demnach nicht nur gei- mit dem Imam zu Ende sei. sich in Persien; größte Be-
stig gegenwärtig, sondern Damit endete die ghayba al- deutung erlangte sie, als die
lebt an einem geheimen sughra, die «kleine Verbor- Safawiden sie 1502 zur offi-
Ort und tut von dort aus genheit», und es begann die ziellen Staatsdoktrin erklär-
seinen Willen kund. Da er «große Verborgenheit», die ten. Heute zählt sie über 50
am Ende der Zeiten wieder ghayba al-kubra. Danach, Millionen Anhänger und
erscheinen wird, ist auch am Ende aller Zeiten, wür- ist auch im Irak, in Paki-
stan, in Indien und im Li-
banon verbreitet. Die erste
große Aufspaltung inner-
halb der Schia entstand, als
ein Nachfolger für den
sechsten Imam Dscha'far
al-Sadiq gefunden werden
mußte, der 765 in Mediria
starb. Da sein legitimer
Nachfolger und erstgebore-
ner Sohn Ismai'il vor ihm
gestorben war, entschied
sich die Mehrheit für den
jüngeren Sohn Musa.
Eine kleinere Gruppe ergriff
jedoch für Mohammed, den
Sohn des Isma'il, Partei, der
der siebte und letzte «ver-
borgene» Imam werden
sollte. Seine Anhänger
nannten sich Ismailiten.

Drusen und Nusairier. leben in Syrien, im eine terroristische Bewe-


Die Drusen bildeten sich Libanon und in Israel. Die gung. Als Haschschaschun,
um den fatimidischen Kali- Nusairier dagegen gehen (wörtl. Haschischesser),
fen al-Hakim (996-1021). auf Nizar, den Sohn des waren sie in Persien und
Diese Abzweigungen des Kalifen al-Mustansir zurück später auch in Syrien
Ismailiyya erwartet die und wurden nizariyya bekannt. Verschiedene
Rückkehr des Imams in der genannt. Sie begründeten Gruppen der nizariyya gibt
Gestalt der Mahdi am Ende zusammen mit ihrem es noch heute.
aller Zeiten. Wenige persischen Missionar Hasan
hunderttausend Drusen ibn al-Sabbah (1090-1124)

130
Der islamische Kult

Gegen Ende des 19. Jahr- sir im Jahr 1094 erlebte die
hunderts behaupteten sich Macht der Fatimiden einen
die Ismailiten in der gesam- raschen Niedergang.
ten muslimischen Welt. Im 11. Jahrhundert wurde
Ihre Verbreitung war auch das theosophische System
eine Folge auf die Revolte des Isamialiya von Intellek-
im irakischen Kufa, zu der tuellen im Irak und in Per-
ein gewisser Qarmat aufge- sien analysiert und kodifi-
rufen hat. Der Aufstand ge- ziert. Ihre Theosophie be-
gen das Kalifat brachte die ruht auf einer allegorischen
ohnehin geschwächte Herr- Interpretation des Korans
schaft der Abbasiden in in neuplatonischen Begrif-
ernsthafte Schwierigkeiten, fen, vor allem was die
und breitete sich auf der Theorie der Emanation an-
arabischen Halbinsel und betrifft. Zwischen dem 10.
unter den Berber-Stämmen und dem 11. Jahrhundert
Nordafrikas aus. Im Jahr spalteten sich zwei Strö-
909 vertrieb ein ismailiti- mungen des Ismailismus ab,
scher Anwärter namens die der Nusairier und die
'Ubaydallah die Dynastie der Drusen. Die Nusairier
der Aghlabiden, die den verbreiteten sich vor allem
Abbasiden verbunden wa- in Persien, wo der Schah
ren, aus dem tunesischen Fath dem Imam 1834 den
Qayrawan und schuf ein fa- Titel Agha Khan, «Fürst
timidisches Kalifat; er be- und Meister» verlieh. Nach
hauptete, ein direkter ihrer Emigration nach Indi-
Nachfahre Fatimas, der en ließen sie sich 1842 in
Tochter des Propheten zu Bombay nieder. Heute
sein. Im Jahr 969 eroberte zählen sie wenige tausend
der vierte fatimidische Ka- Anhänger, die außer in
lif, al-Mu'izz, Ägypten und Syrien im östlichen Iran
begründete Kairo, das von und in Europa verbreitet und der Nachkommen des Schiitische Frau im Gebet im
da an Hauptstadt des Lan- sind. Was den Kult und die Propheten gefeiert. Die Mausoleum von Kerbala. Im
des war. Die Macht der Fa- religiösen Riten anbetrifft, Zeremonie spielt sich wäh- schiitischen Kult ist es
timiten breitete sich bis unterscheiden sich die rend der ersten zehn Tage Brauch, sich in die Mausoleen
nach Syrien und Palästina Schiiten nicht sehr von den des Muharram, dem ersten zu begeben, wo die Imame
aus; ein ganzes Jahrhundert Sunniten. Außer den Fest- Monat des islamischen Ka- beerdigt sind, um um Gnade
lang waren sie die am mei- en des Islam wird von ih- lenders, in Trauergewän- und Vergebung zu bitten.
sten gefürchtete Macht in nen eine Gedächtnisfeier dern und unter Wehklagen
ganz Nordafrika. Nach dem zum Gedenken an das Mar- ab.
Tod des Kalifen al-Mustan- tyrium des Imam Husain

Die Schule der Mohammed von Schiraz begründete den Bahaismus


Scheichiyya. Im 18. Jahr- (geboren 1821), erklärte außerhalb des Islams und
hundert entstand aus der sich 1844 zu bab, der «Tür predigte pazifistische und
Begegnung zwischen der des Imams» und zum universalistische Ideale.
ismailitischen Philosophie Spiegel der universalen Derzeit leben zahlreiche
und den spekulativen Weisheit. Nach seinem Tod Anhänger dieser Strömung
Gedanken einiger sufischer spaltete sich die Bewegung in Amerika und einigen
Glaubensbrüderschaften die zwischen den beiden Teilen Europas.
Schule der Scheichiyya. Brüdern auf. Einer von
Einer ihrer Schüler, 'Ali ihnen, Bahaullah,

131
Der islamische Kult

Meister und Schüler. Der Sufismus sich darauf vorzubereiten, lamischen Doktrin außer
Persische Miniatur (1560). die Wahrheit (hoqiqoh) zu acht, glaubt nicht an das
Teheran, Musem Reza Abbasi. Der Sufismus ist eine aske- erfahren. Der Sufismus ist den Gläubigen versproche-
Im Sufismus führt der Meister tische Bewegung mystischer die innere Dimension der ne Paradies, sondern zielt
seinen Schüler auf den Frömmigkeit, die schon islamischen Offenbarung, auf ein einziges, absolutes
spirituellen Weg. sehr früh innerhalb des Is- das geeignete Mittel, um Ziel: die umfassende Ein-
lam enstand. Ihr Ziel war tawhid, die «Einheit mit heit mit Gott. Die Sufis be-
es, eine persönliche und di- Gott» herzustellen. Nur der trachten ihr Verhalten und
rekte Beziehung zwischen Sufi kann die Geheimnisse ihre Worte als Ausdruck
Gott und dem Menschen des tawhid ergründen, denn Gottes. Im Stadium der Ek-
herzustellen. Dabei be- nur er sieht Gott überall. stase können sie sie selbst
schränkte sich der Sufi Angesichts dieser Definiti- zu seinem Sprachrohr wer-
nicht auf die Ausübung der on ist es nicht verwunder- den. Die sufische Initiation
strengen religiösen Praxis, lich, daß die Sufis mit den besteht darin, die baraka,
wie sie die Scharia vor- fuqaha, den «Gelehrten des die «geistige Strömung» zu
schrieb, sondern versuchte islamischen Gesetzes», in übertragen, was durch ei-
alles zu überwinden, was Konflikt gerieten. Die offi- nen Vertreter des Kreises
ihn von Gott trennt. Für zielle Theologie und die geschehen muß, der auf
die Sufis sind religiöse Gesetzesstrenge der Scharia Mohammed zurückgeht.
Praktiken keine formalen sind kaum mit der individu- Normalerweise wird diese
Riten, sondern ein Mittel, ellen Suche nach Wahrheit Übertragung durch einen
um die Seele zu läutern und zu vereinbaren. Auf ara- Meister, murschid, vollzo-
bisch bedeutet tasawwuf gen, der dem Jünger, murid,
oder «Sufismus» soviel wie auch die Methode erklärt,
«sich mit Wolle beklei- die zur geistigen Konzentra-
den», denn die ersten Sufis tion führt. Die verschiede-
trugen angeblich wollene nen Zweige entsprechen
Gewänder. Tatsächlich den turuq, «Wegen». Jeder
handelt es sich bei dieser große Meister ruft eine be-
Bewegung um den esoteri- sondere Kette ins Leben.
schen Aspekt batin («inner- Die ersten Sufi-Phänomene
lich») des Islam, der sich entstanden bereits zur Zeit
von dem exoterischen zahir des Propheten, während die
(«äußerlich») unterschei- Ausarbeitung des sufischen
det, da es sich um eine di- Ideals und der dazu not-
rekte Betrachtung der spiri- wendigen Techniken durch
tuellen Welt handelt. Die einzelne Sufis und einen
Lehre der Sufis läßt die engen Kreis von Jüngern
Verbindung von materiali- geschah. Zu Beginn des 8.
stischen und kanonischen Jahrhunderts trafen sich die
Gedanken innerhalb der is- Gläubigen privat, um mit

Hai, der Zustand der Tariqa. In der tariqa,


Ekstase. In diesem Zustand, dem «spirituellen Weg» des
der von jedem Menschen Sufismus, befreit sich der
erreicht werden kann, Mensch von allen irdischen
tauchen die Sufis in das Bindungen, von Selbst-
göttliche Licht und er- sucht und von allem
langen die ersehnte Einheit anderen, was ihn von Gott
mit dem Göttlichen, wenn entfernt, denn nur so kann
auch nur für einen Augen- er seine Errettung
blick. anstreben.

132
lauter Stimme den Koran zu wurde dieser Aspekt durch den Naqhbandyya beruft Ein sufischer Tanz in Matmata
rezitieren. Diese Form des Abu Zaid ibn Abi al-Khair sich auf den ersten Kalifen (Tunesien). Die Suffs glauben
dhikr, des «Gedenkens» an (967-1049) noch verstärkt, Abu Bakr, der Orden Suhra- nicht daran, daß sie für die
Gott, wurde durch den Su- der in symbolischer Aus- wardi geht angeblich auf Achtung der herrschenden
fismus in den folgenden drucksweise die ersten sufi- den zweiten Kalifen 'Umar Normen mit dem Paradies
Jahrhunderten zu einem schen Gedichte schrieb. zurück. Mittelpunkt einer belohnt werden.
komplexen kollektiven Ri- Dschalal al-Din Rumi sufischen Brüderschaft ist
tual entwickelt. Schließlich (1207-1273), der größte der Scheich, dessen Resi-
wurde ein Initiationsritus, Dichter persischer Sprache, denz oder Schule, zawiya,
bay'a, entwickelt, dessen der wegen seiner Mathnawi das Zentrum der geistigen
Herkunft nicht bekannt ist, (Distychen) berühmt ist, Aktivität der ganzen Glau-
und der im Sinne des Islam übte enormen Einfluß auch bensgemeinschaft bildet.
umgeformt wurde. Gegen auf die türkische Sprache Der Islam konnte seine
Ende des 9. Jahrhunderts aus. Herrschaft in Nordost- und
wurde der Sufismus zum er- All das hat einzelne Initia- Zentralafrika auch dank der
sten Mal gelehrt und ver- tiven verstärkt: Bei einigen Verbreitung des Sufismus
breitete sich in Bagdad und hat es zu Kreativität ge- ausdehnen. Der Dynastie
andernorts. Einer der be- führt, bei anderen war es der Almoraviden, die im
rühmtesten Vertreter der ein Vorwand, um Glau- 11. Jahrhundert eine ortho-
sufisch-islamischen Schule bensbrüderschaften ins Le- doxe dschihad-Bewegung der
war in Bagdad al-Dschun- ben zu rufen, die jedoch Islamisierung angeführt
nayd (gestorben 910). Als den Zielen des wahren Su- hatten, war im 12. Jahrhun-
scharfsinniger Intellektuel- fismus ganz fremd sind. Die
ler mit eigenen Ideen schuf sufischen Orden entstanden
er ein kohärentes theoso- in ihrer heute bekannten
phisches Denksystem, das Form im 12. und 13. Jahr-
bis heute unübertroffen hundert. Die Genealogie
blieb. Der Kontakt mit der geistigen Autorität, ge-
fremden Elementen, die vor nannt silsila, wurde vermut-
allem aus dem Christentum lich durch die Institution
und aus Persien stammten, des isnad angeregt, die den
hat den Horizont einiger Traditionalisten dazu dien-
Anhänger des Sufismus der- te, die Authentizität der
art erweitert, daß sie die Hadithe zu beweisen. Der
Scharia nicht nur hinter Sufi al-Khuldi (gestorben
sich ließen, sondern einige 959) zum Beispiel, führt sei-
Aspekte sogar ablehnten. ne Doktrin auf Hasan al-
Der persische Sufi al-Hal- Basri zurück, und von die-
ladsch (gestorben 922) war sem, über den Gefährten
der erste, der dies zum Aus- Anas ibn Malik auf den
druck brachte. In Persien Propheten selbst. Der Or-

Hasan al-Basri. Zu den wirst beide gewinnen und Rabi'a al-Adawiyya. Zu


ersten bedeutenden Schrift- weder das eine noch das den Gestalten der ersten
stellern gehört Hasan al- andere verlieren.» Seine Blütezeit des islamischen
Basri, der 642 in Medina leidenschaftlichen Lehren Mystizismus gehört diese
geboren wurde und 728 in lassen große Tiefe Dichterin (gestorben 801),
Bassora starb. Sein be- erkennen. die als erste die Doktrin der
rühmter Ausspruch lautet: reinen Liebe aussprach: nur
«O Mensch, gib dein der- eine selbstlose Liebe ist
zeitiges Leben für dein Gottes würdig.
zukünftiges her, und du

133
Der islamische Kult

Eine Seite aus der «Sprache dert die Dynastie der Al- er jede ungewöhnliche schöpfe stellt seinen eige-
der Vögel», einem spirituellen mohaden gefolgt, deren Form des dhikr, Tanz und nen Willen dar, sie ist Ursa-
Werk in Versen von Farid a/- Oberhaupt, der Mahdi ibn Musik, verbietet. Den Sufis che der Gnade, die damit
D/n 'Attar. Persien, 15-16Jh. Tumart, mit dem Sufismus gelang es bald, sich von den verbunden ist. Das Wort
Parma, Biblioteca Palatina. die asch'aritische Orthodo- traditionellen Begriffen wie Liebe taucht im Koran
xie festsetzte. Erst im 12. khauf, «Furcht», und rad- mehrfach auf, um sowohl
Unten: Meditierender Weiser. Jahrhundert mit dem Sufi scha, «Hoffnung», zu lösen, die göttliche Liebe zu kenn-
Schule Mughal (17. Jh.). Abu Madyan wurde Nord- denen sie jedoch eine neue zeichnen, die zu ihrem Die-
London, British Museum. afrika das Zentrum für die esoterische Bedeutung ga- ner herabsteigt, als auch die
Verbreitung des Sufismus. ben. Beide Elemente stellen zu ihm aufsteigende, die
Sein Schüler war der für die Sufis grundlegende sich von seinem Diener zu
berühmte pantheistische Prinzipien für die wahre Gott wendet. Sie steht also
Theosoph Scheich al-Ak- Kenntnis Gottes dar, an de- auch für den «Austausch»
bar ibn 'Arabi aus Murcia ren Ende der mystische Zu- zwischen Gott und seinem
(gestorben 1240). Ein wei- stand der fana, des Nichts Diener: «Sprich: Liebt ihr
terer Schüler von Abu Ma- oder der «Entwerdung» Allah, so folget mir; [dann]
dyan war Abu al-Hasan al- steht, der den Weg zum wird Allah euch lieben und
Schadhili (gestorben 1258), höchsten Ziel ebnet - baqa euch eure Fehler verzeihen;
Begründer eines wichtigen oder «die Verwirklichung denn Allah ist allverzei-
Ordens, al-Schadhiliyya. Ei- im Bewußtsein Gottes». hend, barmherzig.» (Sure 3,
ner seiner Schüler, ibn 'Ata Der Weg zu Allah ist das 31). Der Ägypter Dhu n-
Allah aus Alexandria (ge- Ziel eines jeden Sufis. Er Nun al-Misri (gestorben
storben 1309) gab eine kann diesen Weg jedoch 856) fügte dieser neuen Di-
Sammlung seiner Senten- nur gehen, wenn er zuvor mension der göttlichen Lie-
zen namens al-hikam heraus seine Seele von jeder Nei- be den Aspekt des 'uns,
und schuf so das wichtigste gung reinigt, die nicht zu «der vertrauten Nähe» hin-
Buch des Ordens. Einer der Gott führt. Diese Art der zu. Diese Vertrautheit mit
derzeit bedeutendsten und spirituellen Exerzitien wird Gott besteht darin, ihm auf
in Zentralasien, in der Tür- als mudschahada bezeichnet uneigennützige Weise und
kei und im muslimischen und wird ihrerseits in ver- mit all der Freude zu die-
Orient wie auch in Europa schiedene Zustände der nen, die das Herz dem Ge-
verbreiteten Orden ist die maqamat unterteilt. liebten darbietet, sogar al-
Naqhbandiyya, eine im 14. Der Meilenstein der sufi- lein über die Betrachtung
Jahrhundert in Buchara schen Vision ist al-hubb seiner Geschöpfe.
von Baha al-Din Naqhban- alilahi, «die Liebe zum Gött- Die Sufis strebten einen
di (gestorben 1389) begrün- lichen», auf sie stützt sich Bewußtseinszustand (schata-
dete Bruderschaft. Es han- die Theorie des Bewußt- hat) an, in dem losgelöst
delt sich um einen orthodo- seins ebenso wie die der ge- von Selbstsucht und von
xen Orden, der im allge- samten Existenz. Die Liebe allem, was sie von Gott
meinen Anklang bei der ist der Wille; auch die Lie- trennt, die reine Kontem-
gebildeten Schicht fand, da be Gottes für seine Ge- plation vorherrscht. Jede

Qadiriya. Der am Ermahnung, über den Suhrawardiyya. Ent-


weitesten verbreitete irdischen Dingen die Güte standen aus der mystischen
sufische Orden. Er bezieht und den Sinn des Doktrin von 'Umar al-
seinen Namen auf 'Abd al- menschlichen Lebens nicht Suhrawardi, der 1236 in
Qadir al-Gilani, der im zu vergessen. Von Bagdad Persien starb. Von dieser
Distrikt Gilan, im Süden aus verbreitete sich der Doktrin leitete der
des Kaspischen Meeres, Orden in Nordafrika und in Begründer des Ordens
geboren wurde und 1166 in Schwarzafrika, im Orient Sanusiyya im 19. Jahrhun-
Bagdad starb. Grundlage bis nach Indochina und im dert seine Lichttheorie ab.
seiner Lehre ist die Norden bis in die Türkei.

134
Der islamische Kult

Art von Vermittlung be- Zustand der Auflösung, der Einheit mit Gott führt. Der Tanzender Derwisch. Für
deutete, daß das Ziel noch so weit geht, daß er sogar Verzicht auf die materielle diesen sufischen Orden
nicht erreicht war. Dadurch sich selbst vergißt. In die- Welt dokumentiert die Be- (Mawlawiyya) ist der Tanz ein
gerieten sie in einen Ge- sem Zustand ist ein Sufi reitschaft, sich dem göttli- Mittel, um den Zustand der
gensatz zur Scharia, die als auch für andere nicht mehr chen Willen hinzugeben Ekstase zu erreichen.
die erste Form der Vermitt- erreichbar und seine Erfah- und sich seiner Gunst anzu-
lung angesehen wurde und rung nicht mehr vermittel- vertrauen.
deshalb überwunden wer- bar. Sufis versuchen nicht,
den mußte. Die Sufis inter- ihre Visionen zu offenba-
pretierten die Scharia auf ren, aber manchmal, wenn
eine Art und Weise, die sie im Zustand der Ekstase
man als «innerlich» be- sind und sich nicht mehr
zeichnen kann und die kontrollieren können, ver-
haqiqa, « die Wahrheit» ge- raten sie sich. Ihre spirituel-
nannt wird. Diese esoteri- le Askese und ihre schatahat
sche Interpretation wurde werden weiterhin von den
auch auf andere religiöse Traditionalisten angegrif-
Kulte angewandt, die da- fen, auch wenn die Sufis
durch symbolischen Cha- selbst sie leidenschaftlich
rakter erhielten. Diese Ten- verteidigen. Ziel des Sufis
denz, die islamische Geset- ist die ma'rifa, das «Be-
zesreligion «innerlich» zu wußtsein» der völligen Los-
interpretieren, die sich be- lösung von sich selbst und
reits mit den ersten Sufis, von der Welt. In diesem
wie Rabi'a, Ma'ruf al-Karki Zustand ist er eins mit Gott
und anderen deutlich ab- und hat alles Trennende
zeichnete, rief heftige Reak- überwunden. In der Me-
tionen von selten der Tradi- ditation oder der inneren
tionalisten hervor. Der Kult Beobachtung folgt er einem
an sich ist für die Sufis inneren Ruf, der sein Herz
nicht von Interesse: er ist mit Freude erfüllt.
nur ein Mittel, um den Ge- Was die allgemeine Doktrin
liebten zu erkennen, jedoch anbetrifft, so gilt der Ver-
nicht, um ins Paradies zu zicht auf irdische Güter und
gelangen oder um der Hölle die Einhaltung einer asketi-
zu entgehen. Al'Schuhud, schen Lebensweise als er-
die «Kontemplation», ist ster notwendiger Schritt auf
der zweite Grad der fana. dem Weg einer stufenwei-
Der Diener Gottes befindet sen «Selbst-Entwerdung»
sich in der Kontemplation und «Welt-Entschleie-
des Göttlichen in einem rung», der schließlich zur

Rifa'iyya. Ein weiterer Badawiyya. Ahmad al- Mawlawiyya. Der


wichtiger Orden wurde in Badawi (gestorben 1276) größte und exklusivste der
Bassora (Irak) von Ahmad wurde jahrhundertelang in populären türkischen
al-Rifa'i (gestorben 1182) Ägypten als großer Heiliger Orden ist die Bruderschaft
begründet, der sich verehrt; er begründete den der Mawlawiyya, der von
Rifa'iyya nannte. Er Orden Badawiyya, der dem Dichter Jalal al-Din
verbreitete sich in Ägypten, einige Elemente aus dem Rumi begründet wurde.
der Türkei und in Asien. vorislamischen Ägypten Seine Mitglieder sind im
aufgenommen hat. Westen als «Tanzende
Derwische» sehr bekannt.

135
Der islamische Kult

zwar eine Überraschung für terworfenen Völker zum Is-


die christliche Welt, für die lam zu bekehren. Die ahl al-
Muslime setzte sich damit kitab, die «Menschen des
jedoch nur eine Entwick- Buches», wurden anders be-
lung fort, die zu Lebzeiten handelt, weil sie Monothei-
des Propheten bereits be- sten waren. Gegen Entrich-
gonnen hatte. Am Beginn tung der dschizya, einer
standen die Gewohnheiten Steuer als Gegenleistung
der arabischen Nomaden, für die Protektion, gewähr-
die an kriegerische Konflik- te der Islam ihnen eine ge-
te und die ständige Wande- wisse Autonomie und das
rung gewohnt waren. Der Recht auf religiöse Selbst-
Islam, der von den Gläubi- bestimmung.
gen den dschihad, die Be- Die Zerschlagung des Um-
reitschaft, für Allah zu ayyaden Kalifats durch die
kämpfen, forderte, verstärk- Abbasiden-Dynastie hatte
te die im arabischen Volk weitreichende Folgen für
bereits angelegte Tendenz das Verhältnis zwischen der
zur Expansion. Die arabi- islamischen und der westli-
schen Stämme, die ihre En- chen Welt, die schon bald
ergien zuvor in Kämpfen darauf in Andalusien sicht-
untereinander erschöpft bar wurden. Dem Massaker
hatten, richteten sich nun der neuen Kalifen waren
nach außen, um die Islami- 'Abd al-Rahman ibn Mu'a-
sierung voranzutreiben. Die wiya und einer seiner Brü-
ersten Angriffe galten dem der entkommen. 'Abd al-
Irak und Syrien, dann Per- Rahman war zunächst nach
sien, und bald darauf Ägyp- Afrika geflohen. Von dort
ten; durch Siege und aus sondierte er die Lage in
Kriegsbeute entstand eine Andalusien, und im Jahr
euphorische Stimmung. Zu 756 gelang es ihm, den an-
Beginn galt der dschihad nur dalusischen Gouverneur
den polytheistischen Stäm- vor den Toren Cordobas zu
men und den Juden, die die schlagen. Der sechsund-
Saal des Kalidariums im Der Islam in Europa Abmachung mit dem Pro- zwanzigjährige Sieger zog in
Palast von Comares. pheten nicht respektiert die Stadt ein und machte
Alhambra, Granada (Spanien). Zum ersten Kontakt zwi- hatten. Die islamischen Er- sie zur Hauptstadt seines
schen der islamischen Welt oberungszüge hingegen Emirats. Nachdem der Frie-
Unten: Sternförmige Keramik- und Europa kam es im Mit- wurden nicht mit dem de wiederhergestellt war,
fliese (Ende des 18. Jh.). telmeerraum. Die arabische dschihad begründet, weil sie machte sich 'Abd al-Rah-
Rom, Museo d'Arte Orientale. Eroberung Spaniens war nicht darauf zielten, die un- man, genannt al-Dakhil,

Die Araber und der und eine Kunst ins Land, Jahrhundert fielen die
italienische Süden. In die auf der Insel prächtige Araber im ganzen
Sizilien hatte die lange An- Spuren zurückgelassen italienischen Süden (Kala-
wesenheit der Araber zu haben. Nach dem Nieder- brien, Apulien, Kampanien
wirtschaftlicher und sozialer gang blieben nur noch und die Basilikata) mit
Blütezeit geführt. Fort- rebellierende Banden ihren Streifzügen ein; nur
schrittliche landwirt- zurück, die Friedrich II. in zwei Fällen konnten
schaftliche Techniken nach Lucera, auf das apu- sich, jedoch nur für kurze
wurden importiert, ebenso lische Festland, deportierte. Zeit, in Bari und Tarent
kamen eine erlesene Kultur Vor allem im 9. und 10. Emirate behaupten.

136
Der islamische Kult

der «Eingewanderte», dar- zugt mit Musikern, Dich- die Gesandte aus Konstan- Patium der Löwen, Alhambra,
an, den Staat neu zu organi- tern, Philosophen und tinopel mitgebracht hatten; Granada (Spanien). In
sieren, der nun unabhängig Astrologen: Darunter sei ebenso eine Kopie vom Spanien ereignete sich der
vom übrigen islamischen vor allem an 'Abbas ibn Werk des lateinisch-spani- erste wichtige Austausch mit
Reich war. Mit Hischam, Firnas (gestorben 888), schen Historikers Paulus der europäischen Kultur, der
dem Sohn und Nachfolger Yahya al-Ghazal (774-864) Orosius. Die Bücher wur- zu wichtigen Beziehungen
von 'Abd al-Rahman, wur- und Ziryab (gestorben 845) den dem Mönch Nicolas zwischen den beiden Welten
de das Emirat beachtlich erinnert. Ersterer warf sich und dem Juden Khasdari führte. 1492 wurden die
gestärkt. Die sunnitische eines Tages in einem Ge- ibn Schaprut anvertraut, Muslime von der iberischen
Gesetzesschule des Mali- wand aus Seide und Federn die sie 951 in arabischer Halbinsel verbannt, wo sie
kiyya behauptete sich nun von einem Hügel herab und Sprache herausgaben. jahrhundertelang gelebt
in Andalusien, ebenso wie erreichte nach einem lan- Unter al-Hakam II. (914- hatten.
im übrigen islamischen We- gen Gleitflug die Erde ohne 976), dem Sohn von 'Abd
sten. Vermittelt über die Schaden. Der zweite - auf- al-Rahman III., nahmen Unten: Ausschnitt einer
Gesetzesschule lieferte Spa- grund seines legendären Kunst und Wissenschaft ei- Dekoration, in Marmor
nien dem Islam nun eine Körperbaus al-Ghazal, «Ga- nen nie dagewesenen Auf- gehauen. Alhambra, Granada
ganze Reihe hervorragender zelle», genannt - war ein schwung, auch dank der (Spanien).
Wissenschaftler und Juri- Dichter und Autor von persönlichen Neigung des
sten, die zu einer der sicher- beißender Satire, der auch Kalifen. Parallel dazu ent-
sten Stützen des neuen der Emir selbst nicht ent- wickelte sich ein wirt-
Umayyaden-Regimes wur- ging. Eine ungewöhnliche schaftlicher Wohlstand, der
den. Mit 'Abd al-Rahman Persönlichkeit ist auch der
II. (792-852) wurde der Iraker Ziryab, der Moden
Staastapparat nun nach schöpfte und der gesamten
dem abbasidischen Modell spanischen muslimischen
organisiert, das seinerseits Gesellschaft im Sommer
dem byzantinischen Hof weiße Gewänder und im
verpflichtet war. Mit Kon- Frühling zarte Farben aufer-
stantinopel unterhielt Cor- legte. Als Musiker mit erle-
doba vielfältige politische senem Geschmack und er-
Beziehungen. So entwickel- fahrenen Gastronom geht
te sich allmählich ein kos- auf ihn eine Zeremonie für
mopolitisches Klima, das Bankette zurück. Bedeuten-
von 'Abd al-Rahman II. ge- der in kultureller Hinsicht
fördert wurde. Er selbst in- ist das Kalifat von 'Abd al-
teressierte sich für okkulte Rahman III., genannt al-
Wissenschaften und war be- Nasir (890-961). In der Zeit
sonders versiert in der seiner Herrschaft gelangte
Rechtsprechung der maliki- eine griechische Kopie von
tischen Schule. An seinem Discorides Buch über die
Hof umgab er sich bevor- Medizin nach Andalusien,

Andalusien. Anda- deutlich, ebenso durch die Europa, vor allem den
lusien nahm einen Platz Eröffnung von Werkstätten, slawischen Ländern,
ersten Ranges innerhalb der wo wertvolle Stoffe mit unterhielten.
muslimischen Kultur ein. dem Namen des Emirs
Das neue Prestige des gewebt wurden. Staatliche
Staates Cordoba wird durch Monopole wurden ins
Initiativen wie die Prägung Leben gerufen, die
von Münzen in der Dar as- Handelsbeziehungen mit
Sikka, im Innern des dem Orient, mit dem
Palastes von Alcazar, nahen Nordafrika und mit

137
Der islamische Kult

Holzdecke der Cappella zu einem Anstieg der Be- ten, als Berber Cordoba ge- aller muslimischen Unter-
Palatina in Palermo ( um völkerung führte. Das große plündert, den Kalifen tanen aus seinem Reich.
1143). Das Werk einer Cordoba hatte eine halbe Hischam III. (1029-1031)
fatimidischen Schule war Million Einwohner. getötet und die wertvolle Arabische Dichtung und
stark von der islamischen Nominal endete das Um- Bibliothek al-Hakams II. westliche Dichtung
Kunst beeinflußt. ayyaden-Kalifat am 30. No- verkauft oder zerstört hat- Den Begriff muwaschschahat
vember 1031, als sich Bür- ten. kann man übersetzen als
Unten: Miniatur von al-Wasiti, gertum gegen die Machen- In der folgenden Zeit fehlte «doppelreihige Perlenkette
die das Innere einer Biblio- schaften von habgierigen in Andalusien ein stabile in verschiedenen Farben»;
thek darstellt (1237). Paris, und regierungsunfähigen politische Führung. In kür- er bezeichnet jedoch auch
Bibliotheque Nationale. Politikern zur Wehr setzte zester Zeit lösten sich Re- eine besondere poetische
und eine Republik mit ei- publiken, Fürstentümer und Form aus fünf, sechs oder
nem Rat von Adligen for- Reiche gegenseitig ab. Da mehr Strophen mit ver-
derte. In gewisser Weise niemand aus der Aristokra- schiedenen Reimformen.
war das Ende bereits am 9. tie über die Fähigkeit oder Muqaddam al-Qabri (840-
November 1013 eingetre- über ernsthafte Ambitio- 912), ein blinder andalusi-
nen verfügte, das Land wie- scher Künstler, hat diese
der zu vereinen, zerfiel es in Form erfunden. Als sie auf-
lokale Herrschaftsbereiche, tauchte, wurden die mu-
die von Arabern oder Ber- waschschahat in klassischer
bern regiert wurden. Sie arabischer Sprache von vie-
hatten sich nach dem Ende len Autoren verwendet, so
der Amiriden-Diktatur un- zum Beispiel von den größ-
abhängig erklärt und die ten andalusischen Dichtern
verschiedenen Teile der Ahmad ibn 'Abd al-Rabbi-
iberischen Halbinsel in per- hi (860-940), Ibn 'Abbadah
sönliche Regierungsbezirke al-Qazzaz (gestorben 1095),
aufgespalten. Lisan ad-Din ibn al-Harib
Im Jahr 1236 eroberte (1313-1374). Darauf wurde
Ferdinand III. von Kasti- ein wiederkehrender Reim
lien (der Heilige) Cordoba. eingeführt, der aus einem
Am 6. Januar 1492 zogen Vers oder einem Distychon
die katholischen Könige in gesprochener Sprache,
in Granada ein. Am sowohl arabisch als auch
29. Juni desselben Jahres spanisch, bestand, dem har-
mußten die zahlreichen ga. Als Folge entstand eine
jüdischen Gemeinschaf- strophische Dichtung im
ten der Stadt per Dekret arabischen Teil Andalusi-
Granada verlassen. Im Jahr ens, die man als authen-
1609 unterzeichnete tischsten Ausdruck des an-
Philipp III. die Verbannung dalusischen Geistes be-

.1 Die Bibliothek von al- Cordoba dar. Die Anzahl


Hakam. In einem Land, das von 400 000 Manuskripten
bereits wegen des hohen wurde später nur noch von
Bildungsniveaus und der der Anzahl der Bände in
Liebe zu Büchern der Bibliothek von Ibn
renommiert war, stellte die 'Abbas, dem reichen Wesir
persönliche Bibliothek von des Fürsten von Almeria,
al-Hakam II. mehr als alles erreicht.
andere das goldene
Zeitalter des Kalifats von

138
Der islamische Kult

trachten kann. Von ihrem sten Troubadoure hatten


größten und berühmtesten diesen Stil bereits verwen-
Vertreter wurde die ara- det, der daraufhin in der
bisch-andalusische Dich- volkstümlichen siziliani-
tung zur wahren Literatur: schen, italienischen und
IbnQazman(1108-1160). europäischen Dichtung auf-
Dieser reiste zeit seines Le- taucht. Man findet ihn aber
bens zwischen den spani- auch in der religiösen Dich-
schen Städten hin und her tung der Franziskaner im
und pries die verschiedenen 13. und 14. Jahrhundert
Gouverneure der Staaten, und in den Karnevalslie-
die sich unter der Herr- dern und Gesängen im Flo-
schaft der Almoraviden zu- renz des 15. Jahrhunderts.
sammengeschlosen hatten. In Spanien wird az-Zadschal
Häufige Themen seiner von Dichtern wie Alfonso
Dichtung, die von dem X. dem Weisen im 13. Jahr-
sinnlichen Temperament hundert, von Villasandino
des Autors inspiriert sind, und von Juan del Encina im
sind der Wein und die Lie- 15. und 16. Jahrhundert
be. verwendet. Der Einfluß der
Die muwaschschahat ist der arabisch-andalusischen
Ursprung einer weiteren Dichtung ist nicht auf for-
Dichtform in vulgärer Spra- male Kriterien beschränkt,
che, der sogenannten az~ sondern erstreckt sich auch
Zadschal. Unter den Vertre- auf den Inhalt: Dies gilt
tern dieser Art sei an Abu zum Beispiel für die Ver- 'Udra vorkam, der zur Zeit Ausschnitt eines Gedichts von
Yusufal-Ramadi(926- breitung des Themas der der Umayyaden in Syrien ibn Zamrak im Saal de las
1013) erinnert, an Sa'id ibn höfischen Liebe, die als gelebt hatte. Im folgenden dos Hermanas, Alhambra,
'Abd Rabbihi (gestorben Vorstellung bereits in der behandelte auch der an- Granada (Spanien). Die
954) und an ibn Ma-s-Sa- andalusischen Dichtung dalusische Schriftsteller arabisch-andalusische
ma' (gestorben in Malaga und im Zadschal von ibn und Philosoph Ibn Hazm Dichtung hat die Entstehung
1031). Nach Ansicht von Qazman auftauchte. (994-1064) dieses Thema zahlreicher Formen der
Julian Ribera, Erforscher Die höfische Liebe ist wich- in seinem Werk Tauq al-ha- Dichtkunst im Westen
der Troubadoure und Min- tigstes Thema des Gedichts mama (Das Band der Tau- begünstigt.
nesänger, stellt der Einfluß al-Zahrah (Die Rose) von be). Dieser Einfluß taucht
der arabischen Dichtung in Abu Bakr az-Zahiri (gestor- auch im neuen poetischen Unten: Liebende, Ausschnitt
Europa, vor allem in Spani- ben in Bagdad 910), das Stil Dantes und Petrarcas einer persischen Malerei aus
en und Sizilien, einen den Begriff der platoni- auf, vor allem im Sonett, dem 15. Jh. Florenz,
wichtigen Anreiz für die schen Liebe erklärt, wie sie das seinem Aufbau nach Privatsammlung.
Entstehung der europäi- bereits in der Poesie des dem muwaschschahat sehr
schen Dichtung dar. Die er- arabischen Stammes Banu verwandt ist.

Gemeinsamkeiten. Zu Bote zwischen den beiden sind die Liebe, die auf den
den Gemeinsamkeiten Liebenden fehlt nicht, der ersten Blick entsteht, die
zwischen der Dichtung der häufig einen Ring als abweisende Geliebte, die
Troubadoure und den ara- Erkennungszeichen trägt. ehrliche Liebe, die leiden
bischen muwaschschahat Der Name des Geliebten muß, Melancholie, Schlaf-
und az-Zadschal gehören die wird nie aufgedeckt. Für losigkeit und manchmal
Gestalten des «Betrach- ihn werden Bezeichnungen auch der Tod, sowie der
ters», des «Geschwätzigen», wie «Mein Herr» oder Abschiedsschmerz wegen
des «Eifersüchtigen» und «Guter Nachbar» ver- des Geliebten, der in den
des «Nachbarn». Auch der wendet. Häufige Themen Krieg zieht.

139
Glossar

Adhan: Gebetsruf der «Tradition». Der Hadith ist Imamiya: Bezeichnet den
Muslime. eine Sammlung von Wor- Zweig der Schiiten, die die
ten und Aussprüchen des Rückkehr des zwölften
Ahl al-Kitab: «Menschen Propheten, die mündlich Imam, Muhammad al-
des Buches», damit sind die überliefert wurden. Mahdi erwarten, der 874
Gläubigen der anderen von Gott in die Verborgen-
schriftlich offenbarten Hadsch: Die große Pilger- heit entrückt wurde.
Religionen gemeint, das fahrt nach Mekka, die jeder
heißt Juden, Christen und Muslim einmal im Leben Dschihad: «Anstrengung»;
die Anhänger des Zoro- ausführen muß. die Pflicht der Muslime, auf
astrismus. «dem Weg zu Gott» auch
Hanif: Diejenigen, die zwar Waffen zu ergreifen. Wird
Arkan: Pfeiler des Islam. den Polytheismus nicht als Pflicht der Gemein-
Die fünf wichtigsten akzeptierten, aber trotzdem schaft betrachtet, gehört
Begriffe: das nicht zum Islam aber nicht zu den fünf
Glaubensbekenntnis, das übergetreten waren. Pfeilern.
Gebet, das Almosen, das Allgemein ist damit jeder
Fasten und die Pilgerfahrt. gemeint, der an einen Dschizya: War die für
einzigen Gott glaubt. Nicht-Muslime festgesetzte
Aschura: Der zehnte Tag Steuer, die im islamischen
im Monat Muharram. Er ist 'Ibadat: Ist in der Scharia Staat lebten.
dem Gedenken an Husain, die Gesamtheit der
den Sohn des 'Ali, geweiht. physischen Kultakte, über Ka'ba: Das heilige Gebäude
die der Mensch in eine kubischer Form im Zentrum
Bismi 1-Lahi r-Rahmani Beziehung mit Gott tritt. Mekkas. In der islamischen
r-Rahim: «Im Namen Tradition geht sein Bau auf
Allahs, des Gnädigen, des Idschma: Im islamischen Abraham zurück.
Barmherzigen»: Mit diesem Recht der «Konsens», die
Ausspruch werden alle Zustimmung der Gelehrten Madhahab: «Methode»
Suren des Koran eröffnet. zu den einzelnen Punkten oder «Ritus»: bezeichnet
Die Formel geht auch der der Scharia. Die dritte Kraft die Schulen des islamischen
Lektüre von Dokumenten, des islamischen Rechts. Rechts.
Reden und dem Vollzug
jeder Aktion voraus. Fatiha Idschtihad: «Anstrengung» Mihrab: Ist die Gebets-
ist die «eröffnende» Sure bezeichnet die Verwendung nische in der Moschee, in
des Koran und der am der Vernunft beim Studium Richtung Mekka.
häufigsten verwendete des Koran und der Sunnal,
Passus des heiligen Buches. die zu einer eigenständigen Mu'amalat: Bezeichnet in
Entscheidung führt. der Scharia die Beziehun-
Fiqh: Die Wissenschaft gen der Muslime unter-
vom islamischen Recht — Imam: «Propst», einander.
eine juristische Klassifizie- «Anführer», «Leiter».
rung aller Handlungsweisen Häufig einfach nur die Mufti: Ist die oberste
zwischen Gebot und Ver- Bezeichnung für den- juristische Autorität in
bot. jenigen, der das gemein- Angelegenheiten der
same Gebet in der Moschee islamischen Recht-
Ghusl: Totale Reinigung leitet. sprechung.
des Körpers; notwendig, um
den Zustand der Reinheit Ismaeliten: Ist die Niyya: Die «Formulierung
herzustellen, der für rituelle schiitische muslimische der Absicht», die vor jeder
Akte jedes Gläubigen, der Gemeinchaft; der Name Kulthandlung notwendig
sich im unreinen Zustand stammt von Isma'il ab, den ist.
befindet, unerläßlich ist. die Schiiten als letzten
legitimen Imam Qadi: Der Richter im
Hadith: Bedeutet anerkennen. rechtlichen System der
«Spruch», «Erzählung», muslimischen Länder.

140
Glossar

Qibla: Die Richtung, in die fundamental betrachten: Wahhabiyya: Strenge


sich die Gläubigen während das Gesetz, das jede private sunnitische Bewegung, die
des Gebets wenden müssen. und öffentliche Tätigkeit in Zentralarabien Mitte des
regelt. 18. Jahrhunderts von
Qiya: «Analogie», die Muhammad ibn 'Abd al-
vierte Quelle des Schia: «Partei» des 'Ali, Wahhab begründet wurde.
muslimischen Rechts. Cousin und Schwiegersohn
des Propheten; die Schiiten Wudu': Die kleinere
Qur'an: Koran; für die sind die Muslime, die der Reinigung, die notwendig
Gläubigen das höchste, Schia nachfolgen. ist, um die rituellen
unnachahmliche Wunder, Kulthandlungen in einem
das ewige Wort Gottes, Sufi: Begriff, der den Zustand der Reinheit zu
ebenso ewig wie Gott und islamischen Mystizismus vollziehen.
von ihm geschaffen. bezeichnet.
Offenbart durch Zakat: Das gesetzliche
Mohammed, der der Sunna: «Verhalten», eine Almosen, der dritte Pfeiler
physische Vermittler der der vier Quellen, die für die des Islam.
göttlichen Offenbarung ist. Entstehung der islamischen
Theologie und des islami-
Ramadan: Der neunte schen Rechts wesentlich
Monat im muslimischen sind.
Mondkalender, während
dem der Koran dem Takbir: Die Formel Allahu
Propheten offenbart wurde. akber, «Allah ist der
höchste», die die Gläubigen
Sadaqa: Das freiwillige vor den rituellen Akten
Almosen, das anders als das aussprechen.
Zakat durch keine genaue
Regel festgelegt ist. Tariqa: «Spiritueller Weg»,
bezeichnet die mystischen
Salat: Der zweite Pfeiler des islamischen Glaubens-
kanonischen Gebets, das bruderschaften.
fünfmal am Tag zur vor-
geschriebenen Zeit durch- Tawaf: Umgehung, die die
geführt werden muß. Gläubigen sieben Mal
gegen den Uhrzeigersinn
Saum: Vierter Pfeiler des um die Ka'ba während der
Islam, das für jeden Hadsch vollziehen.
erwachsenen und gesunden
Muslimen vorgeschriebene 'Ulama: Plural von 'Alim,
Fasten während des Monats bedeutet «wissend» und
Ramadan. meint die Gelehrten in der
Religionswissenschaft.
Sa'y: Ist der Lauf, den die
Gläubigen sieben Mal 'Umma: «Gemeinschaft»
zwischen den Hügeln Safa oder «Nation», bezieht sich
und Marwa während der auf die Gesamtheit der
Hadsch vollziehen. muslimischen Völker, ohne
ethnische oder kulturelle
Schahada: Ist das Glau- Unterscheidung.
bensbekenntnis, der erste
Pfeiler des Islam. 'Umara ist die kleine
Pilgerfahrt nach Mekka, die
Scharia: Ist der Teil der zu jedem Zeitpunkt des
islamischen Doktrin, den Jahres unternommen
die Muslime seit jeher als werden kann.

141
Bibliographie

Der Islam in der Welt Der islamische Kalender

Die Verbreitung des Islam Der islamische Kalender


blieb nicht auf die Länder basiert auf dem Mondjahr
der islamischen Welt be- und besteht im Durch-
schränkt. Insgesamt ist der schnitt aus 354 Tagen
Islam die zweitgrößte (gegenüber den 365 Tagen
Religion nach dem Chri- des Sonnenjahres); er ist in
stentum. Mit 840.000.000 zwölf Monate unterteilt
Gläubigen stellen die Mus- (von denen jeder einem
lime 17% der Weltbevölke- Monat des Sonnenjahres
rung dar. entspricht).
Verteilung: Mittlerer und Muharram (Januar), Safar
Ferner Orient: 550.000.000; (Februar), Rabi' al-Auwwal
Afrika: 230.000.000; Asia- (März), Rabi' ath-Thani •
tische Republiken der ehe- (April), Dschumada al-Ula
maligen Sowjetunion: (Mai), Dschumada ath-
45.000.000; Europa: Thaniya (Juni), Radschah
9.000.000; Kontinental- (Juli), Scha'ban (August),
amerika: 2.000.000. Ramadan (September),
Größtes islamisches Land ist Schauwwal (Oktober), Dhu
Indonesien mit 147.000.000 1-Qa'da (November) und
Gläubigen (82% der Dhu 1-Hidscha (Dezember).
Bewohner), gefolgt von Der Beginn jedes Monats
Pakistan (80.000.000, 97%), wird vom Neumond
Indien (80.000.000; 12%), bestimmt und dauert
Bangladesch (75.000.000, unterschiedlich lang, je
87%), der Türkei nachdem wie lange der
(56.000.000, 99%) und Neumond sichtbar ist. Am
Ägypten (43.000.000, 29. Tag jedes Monats
90%). In China sind es erwarten die Muslime den
55.000.000. Im Mittleren Neumond: Sobald man ihn
Orient und in Nordafrika sieht, beginnt am nächsten
machen die Muslime 80% Tag der neue Monat;
der Bevölkerung aus. andernfalls gilt der Tag als
Etwa 700.000.000 Sunniten der 30. des Monats.
und 90.000.000 Schiiten Das Zählen der Jahre
leben auf der Welt. Die beginnt mit dem
Schiiten stellen die Mehr- konventionellen Datum der
heit im Iran (über 90%) dar, Hedschra, am 16. Juli 622.
im Irak (über 55%), im Die Errechnung verläuft
Libanon, Aserbeidschan, folgendermaßen: das
Oman und dem Jemen. In muslimische Jahr entspricht
allen anderen islamischen dem Jahr des
Ländern ist die Mehrheit Sonnenkalenders, wobei
sunnitisch. folgende Formel angewandt
In Europa gibt es einen star- wird:
ken Anteil auf dem Balkan: muslimisches Jahr
in Bosnien-Herzegowina
sind es etwa 44% der Be- (christliches Jahr -622)
wohner und in Albanien +
70%. In Mitteleuropa leben (christliches Jahr -622)
die meisten Muslime in 32
Frankreich (5% der
Bewohner) und in
Deutschland (3%).

142
Biographie

Bildnachweis: (A. Ramella), 125o (Vloo), Biographie des Autors:


125u (M. Cristofori),
Marka: 6 (Foroteca Storica 126 (M. Perelli), Younis Tawfik wurde 1957
Nazionale di Ando Gilardi), 130 (A. Ramella). in Mosul (Ninive), Irak
8-9 (T. Martino), 10, 11 geboren. Zur Zeit ist er als
(C. Cascio), 12 (G. Mere- Angela Prati: 72, 73, 74, Journalist tätig, organisiert
ghetti), 15 (M. Monti), 16u 75,88,89,94,95, 105m, Symposien und unterrichtet
(C. Cascio), 17 (G. Mere- HOo, l Ho, 119, 120u, islamische Kultur an der
ghetti), 19 (S. Navarrini), 121u, 122o, 123, 124o, 131. «Universitä populäre» in
20 (Fototeca Storica Turin sowie an der «Scuola
Nazionale di Ando Gilardi), Alberto Ramella: 96o, 96u, europea di tradizione
21 (F. Pizzocchero), 97o, 97u, 113o, 120or, letteraria». Er widmet sich
23 (Lehtikuva), 26 122u, 127o, 129o, 135. vor allem der Verbreitung
(G. Tomsich), 27 (Fototeca der arabischen Literatur
Storica Nazionale di Ando RCS Libri: 24o, 30, 31,34, und hat zahlreiche Bücher
Gilardi), 33o (Fototeca 35, 41o, 45o, 47, 103o, 104, übersetzt. Er hat einen Kurs
Storica Nazionale di Ando 106o, 116, 117u. «Modernes Arabisch»
Gilardi), 40 (S. Stocchi), 42 (Ananke, Turin 1996)
(G. Mereghetti), 43o, 44 Annalisa Ramagnoni: 55. veröffentlicht sowie eine
(Bavaria), 48 (ACE), 52 Studie zu «Metaphern und
(Fototeca Storica Nazionale Scala Institute Fotografico Sprache in der sufischen
di Ando Gilardi), 53, 56u Editoriale: 14, 28, 32, 36, Dichtung» (Lafarfalla e la
(Zefa), 57 (A. Korda), 59u 39, 41 u, 43u, 46, 50o, 50u, fiamma, Ananke, Turin
(A. Ramella), 62 (M. 51 o, 51 u, 54, 68, 70, 71,76, 1996) und gibt die Reihe
Monti), 63 (R. Nowitz), 69 77, 78-79, 80, 81,821, 82or, «Abadir: Kulturen Afrikas
(G. Mereghetti), 84 82u, 83, 92, 107, 108u, und des Mittleren Orients»
(Fototeca Storica Nazionale 128o, 136o, 136u, 137o, heraus. Demnächst
di Ando Gilardi), 85 137u, 138o, 139o, 139u. erscheinen zwei Bände über
(Fototeca Storica Nazionale das Theater und das Kino
di Ando Gilardi), 86-87 Scala/Lange: 2, 22, 38, 58, in den arabischen Ländern.
(A. Chilea), 90-91 (Impacr. 59o, 60-61,64-65,66o, Zu Fragen des Islams und
Visual), 105u (M. Perelli), 66u, 67, 93, 98, 99, der Beziehungen zwischen
109 (A. Korda), 111 (M. 100-101, 106u, 127u, 128u, dem Islam und der
Perelli), 112u (M. Monti), 129u, 133. westlichen Welt arbeitet er
115 (R. Nowitz), 117o mit der Tageszeitung La
(Photri), 118o (Fototeca Repubblica und Specchio
Storica Nazionale di Ando della Stampa zusammen.
Gilardi), 118u (Lehtikuva),
120ol(F. Giaccone), 121o
(H.Kanus), 121m
(A. Ramella), 124u

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